
        
                              Friedrich Spielhagen
                             Problematische Naturen
                               Zweite Abteilung
                                        
                            (Durch Nacht zum Licht.)
                                  Erstes Capitel
Der rote Sonnenball hing tief am Horizonte. In den Schluchten des Gebirges
dämmerten bereits blaue Schatten, während die waldbekrönten Hänge im warmen
Abendschein erglühten. Das Laubholz prangte in dem bunten Schmuck des Herbstes;
aber es kam seltener vor in diesem Teil der Berge, wo Schluchten ab, Schluchten
auf, über die wellenförmigen Rücken der Hügel weg tiefdunkle Tannenwaldungen
sich breiteten.
    Auf der Landstrasse, die rechts und links mit zwerghaften Obstbäumen besetzt,
in vielfachen Windungen dem Kamm des Höhenzuges zustrebte, fuhr langsam einer
jener altmodischen, breitsitzigen, mit Hemmschuh wohlversehenen und mit zwei
starkknochigen, steifbeinigen Gäulen bespannten Wagen, wie man sie hier in den
Städten mietet, wenn man eine mehrtägige Tour in das Gebirge machen will. Die
Pferde lagen mit vornübergebogenen Köpfen fest im Geschirr und arbeiteten sich
mühsam Schritt vor Schritt hinauf, denn der Weg war steil und der Wagen schwer,
obgleich der Kutscher mit einem gelegentlichen: Hot, Brauner! Hü, Fuchs! den
sinkenden Mut der Tiere anfeuernd, nebenher ging und die beiden Herren, welche
das Fuhrwerk seit einigen Tagen in Gebrauch gehabt hatten, schon am Fuss des
Berges ausgestiegen waren und gemächlich ein paar hundert Schritt
hinterdreinschlenderten.
    Es waren ein paar junge Männer, die nach ihrer Haltung und ihren Mienen
offenbar der besten Klasse der Gesellschaft angehörten. Sie waren beide
hochgewachsen und, wie es diesem Alter ziemt, schlank und elastisch; der Eine,
etwas Kleinere, um dessen Mund und Wangen sich ein dichter, glänzend schwarzer
Bart zog, wäre mit seinem feinen, geistreichen Gesicht dem ruhig prüfenden Auge
von Männern wohl als der Bedeutendere erschienen, obgleich er nicht ganz so gross
und bei weitem nicht so schön war, wie sein Gefährte, der in den Städtchen und
Dörfern, durch die sie kamen, die Blicke der schmucken Weiber und Mädchen
ausschliesslich auf sich zog.
    Die beiden jungen Männer waren eine Zeit lang durch die Breite des Weges,
der hier, zur Verzweiflung der Pferde und Fussgänger, mit kleinen Steinchen
beschüttet war, getrennt, schweigend neben einander hergegangen; jetzt, nachdem
sie die böse Stelle passirt, näherten sie sich wieder und der mit dem dunklen
Bart, die Hand zutraulich auf seines Begleiters Schulter legend, sagte in
freundschaftlichem Ton: Eh bien, Oswald! weshalb so still?
    Ich gebe die Frage zurück, antwortete der Andere, die schönen ernsten Augen
auf den Gefährten wendend.
    
    Ich geniesse mit vollen Zügen die Herrlichkeit dieser abendlichen Landschaft,
sagte Doctor Braun, und der Genuss, wissen Sie, ist wortkarg, weil er vor lauter
Geniessen keine Zeit zum Sprechen hat. Aber sagen Sie selbst, ist es nicht
wundervoll, dieses Türingen? ist es nicht wert, das Herz Deutschlands, also
das Herz des Herzens dieses unseres Weltteils, und somit der bewohnten Erde zu
sein? Bleiben Sie einen Augenblick stehen; wir haben gerade hier einen Blick,
der einzig sein würde, wenn er in diesen lieblichen Bergen nicht tausend und
aber tausend seines Gleichen hätte. Da ist das Tal, aus dem wir heraufgestiegen
sind; Sie können jetzt deutlich den mäandrischen Lauf des weidenbesetzten Baches
durch die Wiesen unterscheiden. Da liegt das Dorf, ein schmutziges Nest aus der
Nähe betrachtet und jetzt, wie schön! eingehüllt in seinen bunten Blättermantel
und mit den blauen Rauchsäulen, die so gerade aus den Schornsteinen steigen und
allmälig an der Wand des Berges zu einem blauen durchsichtigen Gewölk
auseinanderwehen! Und nun diese prachtvollen, mit Tannen bestandenen Hügel! Wie
sie sich in tiefen satten Farben hintereinander abheben! und nun dieser
Durchblick links auf die blauen Berge, über die wir heute Morgen gekommen sind!
Und über dem Allen dieser einzig schöne Himmel, klar und tief und unergründlich
wie eines geliebten Weibes Auge! O, es ist etwas Göttliches in diesen Linien und
Lichtern! Sie sind wahrlich mehr als eine blosse Augenweide, als eine Studie für
den Maler; sie entalten einen Trost für uns und eine Mahnung. Ein Blick in das
zauberische Antlitz der Mutter Natur lullt unser wildes Herz zur Ruhe, lässt uns
die abenteuerlichen Fratzen unserer sogenannten Cultur vergessen, stimmt uns
zurück auf den tiefen Grundton unseres Wesens und erweckt oder wiederbelebt in
uns den Glauben, dass alles Wahre, Hohe und Schöne unendlich einfach ist und dass
der Quell der Befriedigung für Jeden fliesst, der nur mit reinen Sinnen darnach
sucht.
    Oswald hatte, während Doctor Braun diese Worte lebhaft und eindringlich, wie
es seine Weise war, sprach, die Arme übereinandergeschlagen, mit trüben Blicken
in die Ferne gesehen. Jetzt, als sein Begleiter aufgehört hatte zu sprechen,
sagte er, und es schwebte ein ironisches Lächeln um seinen Mund:
    Sind Sie dessen so gewiss? Und gesetzt, es wäre so, wie Sie sagen: was kann
der Unglückliche dafür, dass seine Sinne nicht rein sind, dass er mit Blindheit
geschlagen ist und den Quell der Befriedigung nimmer findet? Noch heute Abend
werden wir einem solchen Unglücklichen gegenüberstehen. Oeffnen Sie ihm die
blinden Augen, reinigen Sie seine verstörten Sinne, und ich will Sie wie einen
Gott verehren!
    Doctor Braun schien über diese Worte, die zuletzt in einem
leidenschaftlichen und bittern Ton gesprochen wurden, betroffen. Er schwieg
einige Augenblicke, während sie den Berg weiter hinauf schritten, dann sagte er:
    Ich glaubte, unsere lange Reise würde Sie ruhiger und heiterer gestimmt
haben, Oswald. Ich beginne an meiner ärztlichen Kunst zu verzweifeln, jetzt, da
ich sehe, dass die alten bösen Träume noch so mächtig in Ihnen sind, wie zuvor.
Sie schienen fast geheilt von der verderblichen Sucht, sich, wie der Heine'sche
Jüngling, an den Strand des Meeres zu setzen und die rauschenden Wogen nach den
uralten qualvollen Rätseln des Lebens zu fragen, und nun?
    Nun langweile ich Sie wieder mit den alten Jeremiaden? Nein, Franz, ich will
Ihrer Seelenheilkunst keine Schande machen und mir Mühe geben, die Welt so schön
und vernünftig zu finden, wie Sie. Es war das nur eine Reminiscenz aus der
Vergangenheit. Dass sie mir gerade jetzt kommt, jetzt, wo wir dem Ziele unserer
Wallfahrt uns nähern, wo ich dem edlen unglücklichen Manne, den ich so unendlich
verehre und liebe, dem ich so viel verdanke, nach einer so langen Zeit, wo sich
für ihn und mich so viel, so viel verändert hat, wieder unter die Augen treten
soll - ist das nicht so natürlich, so begreiflich! Ich bin treulich Ihrem Rat
gefolgt, so weit ich es vermochte. Ich habe das Vergangene vergangen sein
lassen; ich habe die Kunst des Vergessens fleissig geübt, ich habe der Lebenden
nicht gedacht und selbst die Schemen geliebter Todten, wenn sie sich an mich
drängten, in den Hades zurückgewiesen; aber hier erscheint die Gestalt eines
Lebendigen, der gestorben ist, eines Gestorbenen, der noch lebt, und ich finde
in meinem Hirn und Herzen keinen Zauberspruch, diese ehrfurchtgebietende,
tränenwerte Gestalt zu meistern, wie die anderen.
    So lassen Sie uns umkehren, sagte Dr. Braun mit grosser Lebhaftigkeit. Wenn
Sie in sich nicht die Kraft fühlen, den Standpunkt, den Sie eingenommen haben,
zu behaupten gegen jeden Einwurf, gegen jede Autorität, so wäre es Wahnsinn,
sich in diese Gefahr zu stürzen. Lassen Sie uns umkehren; noch ist es Zeit.
    Nein, sagte Oswald, das wäre feig und töricht zugleich. Wir besiegen die
Gefahr nicht, vor der wir fliehen. Ich muss Berger sehen und sprechen. Diese
Zusammenkunft wird die Probe zu dem Exempel sein, an dem wir jetzt nun schon
vier Wochen rechnen. Entweder ich erhole mich an dem Anblick des Wahnsinnigen
vollends von meinem eigenen Wahnsinn, oder -
    Hier gibt es kein Oder, rief Franz. Wahrlich, Oswald, wenn ich Sie so reden
höre, ich könnte Sie hungern lassen, dursten lassen, bis Sie wieder zur Vernunft
kommen, oder der Vernunft die Ehre geben. Sie sind ein rätselhafter Mensch,
eine durch und durch problematische Natur. Es sind in Ihrem Charakter
Widersprüche, zu denen ich selbst nach unserem intimen Verkehr noch immer nicht
die Erklärung gefunden habe. Die Factoren, aus deren Multiplication der fertige
Mensch als Product hervorgeht: Naturanlage und Erziehung müssen bei Ihnen in
einer ganz sonderbaren, seltenen Weise gemischt gewesen sein. Ich habe es bisher
immer vermieden, von Ihrer Jugendzeit zu sprechen, aus einer durch die
Zurückhaltung, der Sie sich auch im intimen Umgange befleissigen, sehr
erklärlichen Scheu. Aber meine Freundschaft zu Ihnen ist grösser, als diese
Bedenken, die ja doch im Grunde sehr kleinlich sind. Wie wäre es, Oswald, wenn
Sie mir, während die Sonne dort glorreich hinter den Bergen untergeht und unsere
armen Pferde sich mühsam den Berg hinaufquälen, etwas aus Ihrem früheren Leben
erzählten - so wenig oder so viel, wie es Ihnen passend erscheint. Wollen Sie?
    Gern! sagte Oswald; ich selbst habe in diesen Tagen oft an meine Jugend
denken müssen. Wenn man, wie ich es jetzt tue, versucht, sich auf irgend einem
gegebenen Punkte seines Lebens zurechtzufinden, ist man genötigt, die Bahn bis
zum Anfang zurückzumessen. Freilich sind Sie der erste und vielleicht der
einzige Mensch, dem ich einen Blick in diese dunkeln Regionen meines Daseins
gewähre und gewähren möchte.
    Um desto aufmerksamer werde ich sein, antwortete Doctor Braun.
 
                                Zweites Capitel
Um mit dem Anfang anzufangen, sagte Oswald nach einer Pause, in welcher er seine
Erinnerung zusammenzurufen schien, so bin ich in der Residenz geboren. Mein
Vater war ein Sprachlehrer, meine Mutter eines Handwerkers Tochter. Sie sehen
also, dass ich auf das Prädikat hochgeboren jedenfalls keinen Anspruch machen
kann, und dass mein Hass gegen den Adel der ganz natürliche gesunde Hass des
Plebejers gegen die Aristokratie, des Parias gegen die Brahminenkaste ist.
    Weshalb mein Vater kurze Zeit nach meiner Geburt - ich war und blieb das
einzige Kind meiner Eltern - aus der Residenz nach dem kleinen pommerschen
Hafenort übersiedelte, habe ich nie erfahren können; wie ich denn überhaupt von
der Geschichte meiner Eltern, von Allem, was da vor meiner Geburt geschehen ist,
möglichst wenig erkundet habe. Ich weiss nicht, ob ich überhaupt Verwandte
väterlicher oder mütterlicher Seite besitze. Sollte es der Fall sein, so sind
sie mir jedenfalls gänzlich unbekannt.
    Auch meiner Mutter erinnere ich mich nicht deutlicher, als wie man sich an
Wesen erinnert, die einem im Traume erschienen sind. Noch jetzt träume ich
manchmal von einer jungen schönen Frau mit grossen, blauen, süssen Augen. Sie
spricht in sanften Tönen Worte, die ich nicht verstehe, die mir aber wie Musik
des Himmels vorkommen und mich jedesmal selbst im Schlaf zu Tränen rühren. Ich
weiss, dass dieses liebliche Traumbild, das stets ganz unverändert erscheint,
meine Mutter ist. Sie starb, als ich das vierte Jahr noch nicht zurückgelegt
hatte.
    Wenn es einem Manne je gelingen könnte, bei einem der Mutter beraubten Kinde
der Mutter Stelle zu ersetzen, so hätte mein Vater diese Aufgabe gelöst. Er hat
mich, als ich ein kleines Kind war, in den Schlaf gesungen und gesprochen; er
hat, wenn ich krank war, an meinem Bettchen Tag und Nacht gewacht; er hat mit
mir in der Bodenluke gesessen und aus einer kleinen Tonpfeife abwechselnd mit
mir bunte Seifenblasen in die Luft hinausgesandt; er hat mich das A B C gelehrt
und wie man aus Baumrinde Schiffe macht; er hat mir die ersten lateinischen
Vocabeln beigebracht, so gut wie Schwimmen und Schlittschuhlaufen; er hat mir
die ersten Lectionen im Griechischen und zugleich im Pistolenschiessen und
Fechten gegeben. Ich habe, bis ich zur Universität ging, keinen anderen Freund
gehabt, als ihn.
    Es war ein unergründlich wunderlicher Mann, schon in seiner äussern
Erscheinung. Denken Sie sich eine fast zwerghafte, aber sehr wohl
proportionirte, ausserordentlich gewandte und bewegliche, Sommer und Winter, früh
und spät mit einem schwarzen abgeschabten Frack, schwarzen Kniebeinkleidern,
schwarzen Strümpfen und Schnallenschuhen bekleidete Gestalt, die, es mochte die
Sonne scheinen oder regnen, stets mit dem Hut in der Hand über die Strassen ging.
Denken Sie sich auf dieser kleinen Gestalt einen, vielleicht im Verhältnis etwas
zu grossen Kopf, mit einer festen, an den Schläfen kahlen Stirn, unter der ein
paar stechende Augen hervorbljetzten, und mit einem Gesicht, das, scharf und fein
und streng, das Lachen entweder nie gekannt hatte oder es seit vielen, vielen
Jahren verlernt zu haben schien - so haben Sie das Bild meines Vaters, des
»alten Candidaten«, wie ihn in der Stadt Jedermann und selbst die Gassenjungen
nannten, mit denen ich, wenn sie sich über seine Erscheinung lustig zu machen
wagten, manchen blutigen Strauss ehrlich ausgefochten habe.
    Uebrigens passte, ausser etwa dem Beiwort alt, jener Spitzname gar nicht auf
meinen Vater. Er hat sich, so viel ich weiss, in seinem Leben um kein Amt, weder
geistliches noch weltliches, beworben; und er wäre auch trotz seiner eminenten
Gelehrsamkeit, zu keinem tauglich gewesen, denn er hätte sich bei seiner
wunderlichen Gemütsart und seinen Sonderlingslaunen in keines zu fügen
verstanden.
    Welche bitteren Erfahrungen, welch' trauriges Geschick meinen Vater zu dem
wunderlichen Heiligen, der er war, gemacht hatten, - ich habe in späteren Jahren
oft und vergebens darüber gerätselt. Es war ein menschenscheuer Hypochonder,
der, so weit es ihm möglich war, jede Berührung mit der Gesellschaft auf's
sorgfältigste mied, und der in Folge dessen auch von Jedermann auf's
sorgfältigste gemieden wurde. Die, welche auf Bildung und Religiosität Anspruch
machten, erklärten ihn für einen Cyniker, weil er sich von allen
gesellschaftlichen Formen emancipirt hatte, und für einen Ateisten, weil er
sich niemals in einer Kirche sehen liess; der Pöbel bekreuzigte sich vor ihm, wie
vor einem, der offenbar mit dem Gottseibeiuns in näherem Verhältnis stand, als
einem ehrlichen Christenmenschen lieb ist. Hätte er zweihundert Jahre früher
gelebt, würde man ihn ohne Zweifel als Hexenmeister und Zauberer verbrannt
haben.
    Allerdings muss ich gestehen, dass der gebildete und ungebildete Pöbel nicht
so ganz Unrecht hatte, wenn er meinem Vater Ideen und Ansichten zutraute, die in
das Hirn eines gewöhnlichen Menschen nicht passen. Er hatte die unsäglichste
Verachtung vor allem Autoritätsglauben, da er sich durch denselben in der
Freiheit seines Denkens beeinträchtigt sah, und einen glühenden Hass gegen alle
weltliche Tyrannei, weil sie die Freiheit seines Handelns aufhob. Er erklärte
die Republik für die einzige Staatsform, unter der sich ein Mann, der den
richtigen point d'honneur habe, glücklich fühlen könne. Jede Bevorzugung der
Einzelnen oder der Wenigen vor den Vielen sei eine Ungerechtigkeit, die nur
durch die Frechheit jener und durch die lammherzige Feigheit dieser erklärlich
werde. Zwischen einer Schafheerde, die sich von einem stumpfsinnigen Knecht und
einem bissigen Köter zur Schlachtbank treiben, und einem Volk, das sich von
einer, im Verhältnis unendlich geringen Anzahl Menschen gängeln und hudeln lasse
- sei der Unterschied am Ende so gar gross nicht, nur dass die Menschen ihrer
Schande ein hübsches Mäntelchen umhängten, wozu die Schafe allerdings nicht im
Stande seien.
    Vor allem grimmig war der Hass, mit dem mein Vater den Adel hasste. Er
verfügte über ein ganzes Lexikon von schmähenden Beiwörtern, sobald er auf
diesen Stand zu sprechen kam. Nie setzte er einen Fuss in das Haus eines
Adeligen, und Schüler von Adel, die sich bei ihm meldeten, wurden ohne alle
Umstände zurückgewiesen. Einmal, als wir mit der Pistole nach der Scheibe
schossen - eine Fertigkeit, in der er excellirte - sagte er mir, dass er in
jüngeren Jahren gehofft habe, sich durch eine Kugel an einem Adeligen zu rächen,
der ihn tödtlich beleidigt hatte. Unglücklicherweise sei der Mann vor der Zeit
gestorben. Das ist die einzige Andeutung, die ich je von meinem Vater über sein
früheres Leben gehört.
    Und in dem fast ausschliesslichen Umgange mit diesem Mann bin ich
aufgewachsen. Wunderlich, wie er selbst, war auch das Verhältnis, das zwischen
uns stattfand. Obgleich mein Vater mehr für mich tat, als sonst die Eltern
zusammen für ihr Kind tun, obgleich er eigentlich nur für mich lebte und darbte
- so glaube ich doch nicht, dass er mich wahrhaft liebte. Er war ein rein
spiritualistischer Mensch. Entweder war sein Herz einmal in seinem Leben tödlich
getroffen von einem Schlage, den es nie wieder überwand, oder er hatte auf der
Retorte seines Skepticismus alle Gefühle zu Gedanken verflüchtigt. Er tat, was
er tat, aus Pflicht, aus Ueberzeugung des Rechten; denn, wie er selbst sagte:
die Gerechtigkeit steht über der Liebe; sie leistet Alles, was die Liebe leisten
kann und doch noch ein gut Teil mehr.
    Mehr und auch nicht so viel, warf Franz ein; was wir für geliebte Menschen
aus Neigung tun, sollen wir für die Andern aus Gefühl des Rechts tun, das
heisst aus der Ueberzeugung, dass die Interessen aller Menschen solidarisch sind.
Liebe und Gerechtigkeit verhalten sich wie Individuum und Gattung. Die eine darf
ohne die andere nicht sein, denn wir brauchen sie beide. All die tausend kleinen
Zärtlichkeiten, mit denen wir geliebte Menschen überschütten, kann die
Gerechtigkeit uns nicht lehren, ebenso wie uns die individuelle Liebe überall da
im Stich lässt, wo es sich um die Andern, das heisst um die Genossenschaft, die
Nation, die Menschheit handelt.
    Sie mögen recht haben, erwiederte Oswald; und das erleichtert mir auch ein
Geständnis, welches ich so eben tun wollte. Ich ehrte meinen Vater hoch, aber
ich liebte ihn nicht; ja, ich empfand oft - worüber ich mir freilich erst viel
später klar geworden bin - eine an Abneigung grenzende Scheu und Furcht vor dem
sonderbaren Mann. Ich wundere mich jetzt freilich kaum noch darüber, seitdem ich
eingesehen habe, dass zwei grundverschiedenere Wesen, wie meinen Vater und mich,
die Natur nicht leicht schaffen kann. Wir waren uns körperlich so unähnlich, wie
wir es an Gemütsart und Neigungen waren. Ich liebte schon als Knabe
leidenschaftlich Glanz und Pracht und Alles, was schön ist in Natur und
Menschenwelt. Ich begeisterte mich für diejenigen unter meinen Schulkameraden,
die sich des Jugendschmuckes blonder Locken, roter Wangen und leuchtender Augen
erfreuten; ich verkehrte gern in den Häusern, wo es, nach meinen damaligen
Begriffen, fein und vornehm herging. Ich hielt sehr viel auf meinen Anzug und
hörte es gar nicht ungern, dass die Frauen mich einen hübschen Jungen nannten.
    Sie können sich denken, wie wenig im Grunde ein Bursche mit diesen Neigungen
und Bedürfnissen zu der Gesellschaft eines einsamen menschenscheuen Hypochonders
passte, dessen Lebensweise er natürlich halb und halb zu teilen gezwungen war.
Denn obgleich mein Vater mir eine Freiheit liess, die mit seinen sonstigen
strengen Ansichten nicht recht in Einklang zu bringen war, obgleich er meinen
aristokratischen Neigungen für schöne Kleider und den Comfort des Lebens in
einer Weise nachgab, die mir noch bis auf diese Stunde unbegreiflich ist, so
wusste ich doch, dass ich ihn durch diese meine Sympatien für eine Welt, die er
verabscheute, auf's innigste kränkte, und gab mir deshalb Mühe, an dem Leben
möglichst wenig Geschmack zu finden. Das gelang mir um so eher, als ich sehr
bald in der Einsamkeit, zu der ich mich im Anfang nur mit Widerstreben
verurteilte, eine Quelle entdeckte, durch welche die ödeste Wüste in das
blühendste Paradies umgeschaffen wird - ich meine die kastalische Quelle der
Poesie.
    Wir bewohnten ein kleines Haus, dessen hintere Mauer ein Teil der
Stadtmauer war. In meinem Stübchen war das einzige niedrige Fenster durch die
ellendicke Mauer durchgebrochen, so dass das Ganze einem Gefängnisse ähnlicher
sah, als irgend etwas Anderm. Und doch, welche seligen Stunden habe ich in
diesem Stübchen verlebt! Aus meinem Fenster hatte ich einen unbegrenzten Blick
über Wall und Graben der Stadt weg, auf glatte, mit schönen Baumgruppen garnirte
Teiche, über saftige, hier und da mit Weiden bewachsene Wiesen bis zu dem Meere,
von dem ein dunkelblauer Streifen durch die grünen Bäume herüberbljetzte.
    Hier an diesem Fenster sass ich des Sommerabends, wenn die Sonne, wie dort,
strahlend und herrlich unterging, das Herz bis zum Ueberfliessen voll von
chaotischen Gefühlen, und in dem Hirn Gedanken spinnend, so bunt und schön und
ach! auch so vergänglich wie Seifenblasen. Ich erinnere mich noch an ein paar
Verse aus einem Gedicht, das ich als Student an einem trüben Herbstabend in der
Residenz machte, während ich, in dumpfes Brüten verloren, über meinen Büchern
sass und der Tage dachte, die aus dem Becher der Zeit so hell und funkelnd
hinabgetropft waren in das Meer der Ewigkeit:
Und wenn des Abends dann der Sonne letzte Strahlen
Mich grüssten durch mein Fensterchen hinein,
Wie konnt' ich mir so schön die Zukunft malen,
Sie musste golden wie der Himmel sein!
Und dann ergriff mich ein unendlich Sehnen,
Ich wünschte heiss mich in die Ferne weit; -
Jetzt bin ich fern - es fliessen meine Tränen -
O kämst du wieder, holde Jugendzeit!
Doch, was soll ich länger bei der Schilderung eines Verhältnisses verweilen, das
mir selbst um so rätselhafter wird, je deutlicher ich es Ihnen zu schildern
versuche. Wenn ich je in meinen Kinderjahren eine herzliche Zuneigung zu meinem
Vater empfunden hatte, so nahm sie in demselben Masse ab, als ich älter und
selbständiger wurde. All' die Gefühle, all' die Zärtlichkeit, die man in
natürlichen Verhältnissen an Mutter und Brüder und Schwestern und Freunde
ausgibt - ich musste sie in meinem Herzen verschliessen, denn ich hatte kein
Vertrauen zu dem, welcher mir, wie die Sache nun einmal lag, jene Alle hätte
ersetzen müssen. Durch den beständigen Umgang mit einem so düstern, so
skeptischen Geiste, nahm mein Gemüt eine Farbe an, die zu meinem sanguinischen,
leidenschaftlichen Temperament sehr wenig stimmte. Ich war ein Epicuräer in der
Schule eines Stoikers, ein Sybarit in dem Umgange eines cynischen Philosophen.
Meine üppige Phantasie träumte die herrlichsten Welten, die mein trockner
Verstand mitleidslos wieder zerstörte; ich verzehrte mich in spitzfindigen
Grübeleien, während mein heisses Blut mir das Herz zum Zerspringen füllte; ich
sass in meiner Klause und studirte in alten staubigen Scharteken, während sich
mein abenteuerlustiger Sinn nach den Wundern des Orients und nach grossen Taten
sehnte.
    Das ging so fort, bis ich in meinem neunzehnten Jahre die Universität bezog.
Von meinem Vater trennte ich mich ohne Schmerz. Wie er diese Trennung empfand -
ich weiss es nicht. Er sprach zu mir beim Abschied wie ein Philosoph, der seinen
Jünger entlässt, indem er mir noch einmal alle die Hauptlehren seiner herben
Weltweisheit in's Gedächtnis rief; und in demselben Ton waren auch die Briefe,
die er mir in regelmässigen Zwischenräumen schrieb. Es wurden ihrer nicht viele,
denn ungefähr ein halbes Jahr später erhielt ich ein Schreiben von dem Magistrat
meines Heimatsortes, in welchem mir in kurzen, dürren Worten der Tod meines
Vaters gemeldet wurde. Er hatte ein kleines Vermögen hinterlassen, das er nach
und nach aus seinen Ersparnissen für mich gesammelt hatte und das bei mässigen
Ansprüchen für meine Studienzeit und vielleicht auch noch etwas länger
ausreichen mochte. Ein Testament fand ich nicht, eben so wenig wie
Familienpapiere, Briefe, Tagebücher oder dergleichen, woraus ich möglicherweise
einige Aufklärung über die Geschichte meiner Eltern hätte gewinnen können.
    So stand ich denn ganz allein da in der Welt, ein Jüngling an Jahren mit der
Lebensmüdigkeit eines Greises; viel zu alt für meine Commilitonen, die mir wie
spielende Kinder erschienen, und doch auch viel zu jung und viel zu unerfahren,
als dass ich den Lockungen einer genusssüchtigen Stadt hätte Widerstand leisten,
als dass ich in diesem Babel, ohne mich vielfach zu verirren, hätte umherwandern
können. Wie wäre das auch einem Jüngling möglich gewesen, bei dem der Strom des
vollen, jugendlichen Lebens so lange künstlich zurückgestaut war! Ich wurde der
Held mehr als einer Intrigue, der ich mich im Grunde schämte und auch zu schämen
grosse Ursache hatte; ich wurde von den Frauen verhätschelt und das
unschuldig-schuldige Opfer herzloser Koketten. Ich machte viele Erfahrungen,
ohne weise zu werden - das Schlimmste, was einem Menschen begegnen kann. Und
dabei war das Merkwürdige, dass ich die Genüsse, denen ich fröhnte, durchaus
verabscheute, dass mein Herz, während ich es an unedle Weiber wegwarf, nach einer
edlen Liebe verschmachtete; dass ich mich mit den ungeheuerlichsten Plänen trug,
während ich meine Kräfte in lauter sinnlosen Zerstreuungen vergeudete.
    Ein Freund, der damals einigen Einfluss auf mich ausübte, riss mich aus diesem
Strudel, in welchem ich über kurz oder lang untersinken musste. Er riet mir,
nach Grünwald zu gehen. Ich folgte seinem Rat.
    Von diesem Augenblick an kennen Sie die Geschichte meines Lebens, zum
wenigsten in den Umrissen. Sie wissen, dass ich in Grünwald den unglücklichen
Mann kennen lernte, zu dem wir jetzt wallfahren. Sie werden sich nun auch
erklären können, wir jetzt wallfahren. Sie werden sich nun auch erklären können,
wie unmöglich es gerade für mich sein musste, dem Zauber von Berger's dämonischer
Persönlichkeit zu widerstehen; wie ich in seinem Umgang nur noch tiefer in die
Dornen der Widersprüche geriet, an denen mein Herz verblutete.
    Berger wollte, dass ich nach Grenwitz ging, in einer adeligen Familie eine
Stelle zu übernehmen, für die ich, wie der Erfolg gelehrt hat, genau so gut
passte, wie der Habicht in den Taubenschlag. Sie sind den einzelnen Phasen meines
dortigen Lebens als aufmerksamer Zuschauer mit den Augen des Philosophen und des
Freundes zugleich gefolgt. Wie viel Sie davon gesehen, wie viel Sie davon
begriffen, wie vieles Ihnen unklar geblieben ist - ich weiss es nicht und will es
nicht wissen. Ueber einen Teil dieser Ereignisse mag ich nicht reden; über
einen andern darf ich es nicht. Als die Katastrophe, die Sie vorausgeahnt
hatten, hereinbrach und die frivole Welt, in der ich mich dort bewegte, mir über
dem Kopfe zusammenstürzte - da standen Sie treulich zu mir; Sie rissen mich aus
diesem Wirrsal und luden sich damit eine Last auf die Schultern, über die Sie im
Stillen wohl schon mehr als einmal geseufzt haben werden. Aber nein! das ist
nicht möglich! Sie sind so klug, wie Sie weise, und so weise, wie Sie gut sind.
Sagen Sie, Franz, welcher Odysseus hat Sie erzeugt, welche Penelope geboren, dass
Sie Pallas Atene, die Göttin der Weisheit, immerdar so sichtbarlich in ihren
gnädigen Schutz genommen hat?
    Ich glaube, es ist in meinem Leben Alles auf ganz gewöhnliche Weise
zugegangen, sagte Franz lachend, und denken Sie nur ja nicht, dass ich von der
Scylla nicht gefährdet und von der Charybdis nicht geschädigt worden bin! Ich
habe, wie Sie, auf dem Punkte gestanden, an mir selbst zu verzweifeln. Was mich
gerettet hat, ist eine Ueberzeugung, die zuerst in dämmernder Ahnung, dann immer
klarer und deutlicher und zuletzt mit siegreicher Gewissheit in meiner Seele
aufging, die Ueberzeugung nämlich, dass diese Welt ein Kosmos ist, in welchem
Jeder von uns, er sei auch wer er sei, mit Notwendigkeit seine bescheidene
Stelle auszufüllen hat. Dieser Gedanke hat mein Herz mit der freudigen Ruhe
erfüllt, ohne welche zuletzt das Leben unerträglich werden muss. Ich sagte mir:
diese Welt, von der Du im Grunde so wenig weisst, ist ein so alter, solider,
wohlgegründeter Bau, dass Du an dem Plan nicht verzweifeln darfst, auch wenn Du
ihn nicht ganz begreifen solltest. Dieses Menschengeschlecht, dessen Geschichte
vielleicht auf eben so viel Millionen Jahre berechnet ist, als wir jetzt davon
Jahrtausende kennen, ist ein so unergründlich wunderbares Phänomen der
schaffenden Kraft, dass Du in Deinem Leben, und wenn es noch so lange währte, nur
zu lernen und immer wieder zu lernen hast. Die Kunst, sagt Goete, hat nie ein
einzelner Mensch besessen; aber, setze ich hinzu, die Philosophie eben so wenig.
    Von dieser Ueberzeugung ausgehend, fasste ich den Entschluss, in dem Leben
Sinn und Verstand finden zu wollen, und ich kann nicht anders sagen, als dass ich
meine Bemühungen von einigem Erfolg gekrönt gesehen habe. Schon auf der Schule
misstrauisch gegen die Resultate des rein speculativen Denkens, widmete ich mich
einer Wissenschaft, in welcher uns die psychischen Vorgänge gleichsam ad oculos
demonstrirt werden - der Medicin, zumal ihre praktische Ausübung noch den
Vorteil hat, uns in fortwährende, intimste Berührung mit den übrigen Menschen
zu bringen, von denen wir uns - sage man, was man will, von der Poesie der
Einsamkeit - stets nur zu unserm eigenen Nachteil entfernt halten. Wer die
Solidarität aller menschlichen Interessen - das oberste Princip aller
politischen und moralischen Weisheit - begriffen hat, weiss auch, dass seine
individuelle Existenz nur ein Tropfen in dem ungeheuren Strome ist und dass diese
Tropfen-Existenz weder das Recht noch die Möglichkeit der absoluten
Selbständigkeit hat. Wenn die Menschen wie reife Früchte vom Baume fielen,
möchte es schon eher gehen. So aber, wo wir von einer Mutter mit Schmerzen
geboren werden, um Jahre lang die hülflosesten aller Geschöpfe und der treuen
Pflege der Eltern ganz und gar überlassen zu sein, wo wir, wenn uns das
Schicksal hold ist, unter Brüdern und Schwestern aufwachsen, um alle Freuden des
Lebens mit ihnen nicht nur zu teilen, sondern erst von ihnen zu erhalten; wo
wir noch später jeden wahren Genuss, jedes Fest der Seele nur mit Anderen
geniessen und feiern können - da dürfen wir uns denn auch nicht länger sträuben,
zu sein, was wir wirklich sind: Menschensöhne, Kinder dieser Erde, mit dem Recht
und der Pflicht, uns hier auf diesem unseren Erbe auszuleben nach allen Kräften,
mit den anderen Menschensöhnen, unseren Brüdern, die mit uns gleiche Rechte und
freilich auch gleiche Pflichten haben.
    Sehen Sie, Oswald, so wird die Welt ein Kosmos und wir hören auf, Atome zu
sein, die, wer weiss woher? und wohin? ohne ein vernünftiges Gesetz in dem
unendlichen Raum umherwirbeln. Der Fehler Ihres Lebens, in welchen Sie freilich
bei einer so wunderlich verlebten Jugend fast mit Notwendigkeit fallen mussten,
ist: dass Sie stets nur für sich, nie wahrhaft für die Andern gelebt haben. So
sind Sie in eine ganz schiefe Stellung zur Welt geraten, in der Sie der Welt
und die Welt Ihnen nichts nützen konnte. Das wird jetzt anders werden. Sie haben
der Freundschaft zu mir das Opfer gebracht, einen Schritt zu tun, der, ich
fühle es wohl - und jetzt besser, als zuvor - Ihrem ganzen Naturell äusserst
peinlich sein musste. Aber ich bin überzeugt, Sie werden später diesen Schritt
segnen. Das Probejahr, welches Sie auf dem Grünwalder Gymnasium absolviren
wollen, wird auch in anderer Hinsicht für Sie ein Probejahr werden. Es wird sich
zeigen, ob Sie den schwersten aller Siege, den Sieg über sich selber, über die
eigene souveräne Willkür erkämpfen können. Ich wollte, Sie wären wie ich mit
einem guten und klugen Mädchen verlobt, und müssten arbeiten und müssten kämpfen,
wenn nicht zu eigenem Nutz und Frommen, so doch für sie, die Ihnen tausendmal
teurer ist, als das eigene Leben, und Sie sollten sehen, wie leicht, wie
spielend leicht Ihnen dieser Kampf und dieser Sieg sein würde!
    Oswald antwortete nicht. Er fühlte sich von der Wahrheit der Worte seines
Gefährten überzeugt, aber auch zugleich in einer peinlichen Weise beschämt. Denn
das Antlitz der Wahrheit ist streng und flösst dem, welcher ihr nicht mit
Hintansetzung aller individuellen Neigungen, mit ganzer Seele anhängt, ein
Grauen ein.
    So gingen sie schweigend neben einander her, bis sie den Gipfel des Berges
und zugleich den Wagen erreichten, der dort oben ihrer harrte. Sie stiegen
wieder ein, und bergab ging es jetzt in raschem Trabe dem Städtchen zu, das in
dem Busen eines von waldumkränzten Bergen ringsum eingeschlossenen Tales, schon
in duftiges Abendgrau gehüllt, zu ihren Füssen lag. Es war das Ziel ihrer
heutigen Fahrt, und wenigstens für Oswald, der ganzen Reise - der Badeort
Fichtenau, weit und breit berühmt durch seine reizende Lage, durch seine
stärkenden Fichtennadelbäder und in neuester Zeit durch die grosse und trefflich
geleitete Anstalt für Geisteskranke, welche der intelligente und in der
Psychiatrie viel erfahrene Doctor Birkenhain vor einigen Jahren dort gegründet
hatte.
    Es waren wunderliche Empfindungen, die Oswald's Herz erfüllten, während er,
in seine Ecke gelehnt, Bäume und Felsen an sich vorbeitanzen und sich mit jedem
Hufschlag der Pferde auf dem steinigen Boden dem Orte näher geführt sah, mit dem
sich in den letzten Monaten seine Gedanken so viel und so peinlich beschäftigt
hatten. Wie gleichgültig war der Name desselben an sein Ohr geklungen, da er ihn
zuerst in Grenwitz, als des Aufentaltsortes von Melitta von Berkow's krankem
Gemahl, erwähnen hörte! Kannte er doch da Melitta noch nicht, wusste er doch
nicht, dass er wenige Tage später in den Fesseln der Liebe dieses liebenswürdigen
Weibes schmachten würde! Dann hatte er, obgleich selten und immer nur mit
Widerstreben ausgesprochen, den Namen von ihren Lippen vernommen und der Ort
hatte für ihn in seiner damaligen seligen Stimmung die unheimliche Bedeutung
gewonnen, welche für den Besitzer eines herrlichen, prachtvollen Hauses ein
dunkles Zimmer hat, das er nicht gern öffnet und wovon er nur ungern spricht,
weil sich vor Jahren einmal eine ihm nahestehende Person darin entleibte. - Dann
war die Zeit gekommen, wo Melitta, Doctor Birkenhain's Einladung folgend, ihren
sterbenden Gemahl zu besuchen ging - dann die peinlichen, schlimmen Tage, wo er
sie in Fichtenau wusste an der Seite des todtkranken Gatten; wo er von Fichtenau
aus ihre Briefe erhielt, in welchen jedes Wort ein sehnsuchtsvoller Kuss war. Da
war ihm Fichtenau abwechselnd wie das Grab und die Wiege seines Glückes
erschienen, je nachdem er durch Herrn von Berkow's Tod die Hindernisse einer
Verbindung mit Melitta aus dem Wege geräumt, oder sich von ihr gerade durch
dieses Ereignis für immer getrennt sah. - Dann kam der unselige Tag, wo er
erfuhr, dass der Mann, in welchem er von vornherein instinctiv seinen
gefährlichsten Nebenbuhler erkannt hatte, sich bei Melitta befand; als böse
Zungen ihm die gehässigsten Auslegungen dieses auffallenden Schrittes in's Ohr
zischelten, und er, der Unglückliche, diesen anstössigen Verleumdungen mit nur zu
willigem Ohr lauschte, weil er selbst schon an seiner Liebe zum Verräter
geworden war, weil er, wie ein Schiffbrüchiger, der, sich und seinen Raub zu
retten, den besten Freund mitleidslos von dem schaukelnden Brette in die Tiefe
stösst, Melitta opferte, um seine neue Leidenschaft für die schöne Helene vor
sich selbst zu rechtfertigen. - Und endlich, um das Mass voll zu machen, dem
Verstörten, von tausend qualvollen Gefühlen Zerrissenen, gleichsam den Beweis zu
liefern, dass die ganze Welt aus den Fugen sei und es auf eine Verirrung mehr
oder weniger nicht ankomme, musste dieser Ort, wo, wie er wähnte, das vor kurzem
noch so heissgeliebte Weib sich in den Armen eines geistreichen Roué's für die
Augenblicke, die sie an dem Sterbebette ihres Gemahls zubrachte, entschädigte,
derselbe Ort sein, wohin man den von ihm so hochverehrten Freund und Lehrer
brachte, als sein Genius die strahlende Fackel in der öden Nacht des Wahnsinns
ausgelöscht hatte. Da - und besonders, als nun kurze Zeit darauf der Tod ihm den
Knaben raubte, den er mit brüderlichster Liebe umfing und sein Verhältnis mit
der hochadeligen Familie auf eine so eigentümliche Weise gelöst wurde - als er
den Nebenbuhler, von seiner Kugel auf den Tod verwundet, zu seinen Füssen liegen
und er sich von dem geliebten Mädchen, und wäre es nicht aus tausend anderen
Gründen, schon durch diese Tat für immer getrennt sah - da war ihm zu Sinnen,
als ob es für ihn auf Erden keine passendere Zufluchtsstätte gebe, als eine
Zelle neben der seines Freundes und Lehrers in Doctor Birkenhain's berühmter
Heilanstalt für Geisteskranke zu Fichtenau.
    So hatte er denn auch, als er mit Doctor Braun zu der Reise, die dieser
Letztere ursprünglich zur Verfolgung wissenschaftlicher Zwecke projectirt hatte,
aufbrach, sogleich nach Fichtenau gewollt; aber Braun hatte den Besuch dieses
Ortes unter diesem und jenem Vorwande immer hinauszuschieben gewusst; und zwar
aus guten Gründen. Er hatte - ohne Oswald's Wissen - direct an Doctor Birkenhain
geschrieben und denselben um eine detaillirte Schilderung von Berger's Zustand
gebeten. Doctor Birkenhain antwortete, dass bei Berger von Wahnsinn nur in so
weit die Rede sein könne, als er an der fixen Idee der absoluten Nichtigkeit
aller Existenz leide, im Uebrigen aber im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte
sei, ja dass er denselben jetzt schon aus seiner Anstalt entlassen haben würde,
wenn der Kranke nicht ausdrücklich eine Verlängerung seines Aufentalts
gewünscht hätte. Doctor Braun sagte sich nun, dass unter diesen Umständen ein
Besuch in Fichtenau für Oswald's excentrisches und jetzt mehr als je aufgeregtes
Gemüt mit der grössten Gefahr verknüpft sei. Der Anblick eines Wahnsinnigen
würde ihn zur Besinnung gebracht haben, der Verkehr mit einem selbst noch in
seinen Verirrungen genialen Hypochonder konnte ihn möglicherweise in seinen
ausschweifenden Ideen noch bestärken.
    In dieser Besorgnis hatte Franz den Besuch von Fichtenau an das Ende, und
nicht, wie Oswald wollte, an den Anfang der Reise gebracht, indem er hoffte, der
vielfache Verkehr mit fremden Menschen, die wohltätigen Eindrücke einer Fahrt
durch die schönsten, im festlichsten Schmucke des Herbstes prangenden Gegenden
würden Oswald zu einer ruhigeren, vernünftigeren Ansicht des Lebens bringen und
ihn so befähigen, Berger mit Ueberlegenheit, wenigstens ohne Gefahr für sich
selbst, gegenüberzutreten.
    Jetzt sah sich Franz in dieser Hoffnung betrogen. Oswald's aufgeregtes Wesen
gefiel ihm keineswegs, und er wäre am liebsten umgekehrt, wenn dazu jetzt noch
eine Möglichkeit gewesen wäre. So nahm er sich wenigstens vor, während er von
Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick auf Oswald warf, der, in seine Ecke gedrückt,
mit starren Augen auf das Städtchen herab sah, den Besuch so viel als möglich
abzukürzen und den Freund während der Dauer desselben so wenig als möglich mit
Berger allein zu lassen.
 
                                Drittes Capitel
Die Sonne war bereits seit einer halben Stunde hinter dem breiten Rücken des
tannenbewaldeten Hügels, der Fichtenau von der Westseite einschliesst,
untergegangen, als der Wagen mit den beiden Freunden aus den Bergen heraus in
die Talebene gelangte, in welcher das Städtchen liegt. Die müden Pferde,
erfreut über den glatten Boden und das leichtere Rollen des Wagens, griffen
wacker aus in der sichern Hoffnung auf baldigen Abendhafer, und angefeuert durch
die schrillen Töne einer Clarinette, die nebst obligaten dumpfen Trommelschlägen
aus einem dichten Kreis von Menschen herüberschallten, welcher sich auf der
Gemeindewiese unmittelbar vor dem Eingang in das Städtchen um eine
Seiltänzerbande versammelt hatte. Der Weg führte an diesem Orte vorüber, und da
die gaffende Menge die etwas höher liegende Landstrasse dicht besetzt hatte, war
der Kutscher genötigt, langsamer zu fahren und zuletzt, da die Leute trotz
seines Scheltens und Fluchens sich in der Luft des Schauens nicht stören liessen
und wie angenagelt auf ihren Plätzen standen, still zu halten.
    Allerdings konnte man den guten Leuten ihre Unhöflichkeit nicht so hoch
anrechnen, denn in diesem Augenblicke gaben die wandernden Künstler ihr
vorzüglichstes Stück, welches sie immer bis zum Schluss der Vorstellung
aufsparten, um ihre Zuschauer mit einem möglichst günstigen Eindruck zu
entlassen.
    Aus dem kleinen Circus war bis zu dem Gipfel einer mässig hohen, aber
breitastigen Eiche, welche den Gemeindeanger schmückte, ein Seil gespannt, von
dem dünnere Stricke rechts und links nach dem Boden liefen, wo sie von stämmigen
Burschen, die sich im Interesse der Kunst freiwillig zu diesem Dienst erboten
hatten, festgehalten wurden. Die schriller kreischende Clarinette und die immer
lauter donnernde Pauke verkündeten, dass der grosse Augenblick gekommen sei, in
welchem, wie die Zettel an den Strassenecken verkündet hatten, »der berühmte
Acrobat, Herr John Cotterby aus Aegypten, genannt »die fliegende Taube,« eine an
der Spitze eines vierhundert Fuss hohen Turmes befestigte Fahne auf einem
ausgespannten Seile herabzuholen und dieselbe auf demselben Wege rückwärts
schreitend zurückzubringen, vor einem hohen Adel und kunstliebenden Publikum
Fichtenau's mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung auszuführen die Ehre haben
werde.«
    Nun war freilich aus dem vierhundert Fuss hohen Turm eine vierzig Fuss hohe
Eiche geworden; und die Feinde und Neider behaupteten, dass durch diese
Abänderung des Programms das Wagstück an Gefährlichkeit ebenso verliere, wie an
Interesse. Aber war es Herrn John Cotterby's aus Aegypten Schuld, dass die
Kaiserlichen im dreissigjährigen Kriege den Turm der kleinen Kirche am Markt bei
einer Belagerung Fichtenau's, das von den Schweden besetzt gehalten wurde,
herunterkanonirten? dass die Väter der Stadt schon seit zwei Säculis alljährlich
beschlossen, diesen Turm wieder aufzubauen, sobald einmal bessere Zeiten für
Fichtenau kämen? und schliesslich, dass diese Zeiten noch immer nicht gekommen
waren?
    Und jetzt erschien unter dem Quinquiliren der Clarinette und dem Tam-tam der
Pauke, zu denen sich in diesem feierlichen Augenblicke noch das Geklingel eines
Triangels und das Kreischen einer verstimmten Fiedel gesellte, auf dem kleinen,
mit schmutzigen Laken behangenen Schaffot, dem irdischen Ausgangspunkt seiner
himmlischen Reise, ein hübscher, prächtig gewachsener Bursche mit dunklem, von
einem schmalen Messingreif zusammengehaltenen Lockenhaar, in weissen,
enganliegenden Tricots und einem blauseidenen Wammse, auf dessen Schulterstücke
zwei Flügel genäht waren.
    Ein ermutigender Beifallsruf, in welchem das Zischen der Gegner ungehört
verhallte, begrüsste den Künstler, der sich nach allen Seiten mit jener Grazie
verbeugte, die ein ausschliessliches Geheimnis von Kunstreitern, Seiltänzern und
sonstigen Angehörigen der luftigen Gilde ist. Aber der Beifallsruf verstummte,
als jetzt gegen Aller Erwarten eine unförmlich dicke Gestalt, welche sich durch
eine weisse Zipfelmütze, grosse blaue Schürze, und vor allem durch eine
unförmliche purpurrote Nase als Bierwirt oder dergleichen darstellte, hinter
dem sich verbeugenden Künstler auf das Schaffot geklettert kam, ihm derb
zwischen die Ikarusflügel auf den Nacken schlug und ihm einen ellenlangen
Streifen Papier präsentirte, der unter diesen Umständen kaum etwas Anderes als
eine unbezahlte Rechnung sein konnte.
    Der Künstler schien durch dieses unerwartete Hereinbrechen der derben
Realität in die heitern Gefilde der Kunst in die bitterste Verlegenheit gesetzt
zu werden. Eine pantomimische Scene folgte, in welcher er durch häufiges
Achselzucken und vergebliches Zupfen an den Stellen seiner Tricots, wo bei
Beinkleidern, die in grösseren Dimensionen angelegt sind, die Taschen zu sitzen
pflegen, seine Zahlungsunfähigkeit beteuerte und durch Händeringen und
flehentliche Geberden den plumpen Wirt zu christlicher Nachsicht ermahnte,
während dieser durch schreckliche Grimassen und wiederholtes Schlagen mit der
Faust in die Fläche der Hand seine unerbittliche Harterzigkeit genugsam an den
Tag legte.
    Das Publikum von Fichtenau und Umgegend, von dem ein nicht kleiner Teil die
Sache für baaren Ernst nehmen mochte, sperrte Mund und Nase bei diesem seltsamen
Schauspiel auf. Aber die Spannung wurde noch erhöht, als jetzt auf einen Wink
des rotnasigen Wirtes zwei schnurrbärtige Gesellen in blauen Fracks und
schwarzen dreieckigen Hüten, in welchen Niemand den strafenden Arm der irdischen
Gerechtigkeit verkennen konnte, auf die Bühne geklettert kamen, unter
fürchterlichem Gesichterschneiden und Gesticulationen den unglücklichen Künstler
ergriffen und ihm die zahlungsunfähigen Hände auf den geflügelten Rücken banden.
    Und jetzt trat aus den Zweigen der Eiche, da wo das Seil um den mächtigen
Ast geschlungen war, die Gestalt eines lieblichen Genius hervor, mit einem Kranz
im Haar und in der Hand eine bunte Fahne.
    Bei dem Erscheinen des himmlischen Boten befiel die Diener der irdischen
Gerechtigkeit und den harterzigen Wirt ein jäher Schrecken. Sie liessen ihr
Opfer los und stürzten unter allen Zeichen tiefster Zerknirschung in die Kniee,
während die »fliegende Taube« die Bande von den Händen streifte und mit einer
Geschicklichkeit und Geschwindigkeit, die seinem Namen und Ruf alle Ehre machte,
den schwanken Pfad, der zum Himmel führte, hinan zu laufen begann. - In der
Mitte angekommen, liess er sich vor der himmlischen Erscheinung, die ihm ohne
Aufhören mit der bunten Fahne Ermutigung zuwinkte, auf ein Knie nieder,
richtete sich sodann wieder auf, drehte sich um und machte, der Erde und aller
Erdenfurcht entrückt, den zerknirschten Verfolgern eine Geste, welche unter der
Bezeichnung »Jemandem einen Esel bohren«, bekannt ist. Beifallsruf und Gelächter
begleiteten den humoristischen Künstler bis hinauf in den Himmel, wo er aus den
Händen des Genius, der dann in den Zweigen verschwand, den Kranz auf das Haupt
gesetzt und die Fahne in die Hand gedrückt erhielt, und wieder hinab zu dem
Schaffot, wo ihn die bekehrten Häscher mit vielen Bücklingen empfingen, während
der reuige Wirt in einer edlen Wallung die lange Rechnung von einem Ende bis
zum andern durchriss und so den Zuschauern die tröstliche Gewissheit gab, dass die
Freiheit der »fliegenden Taube« für heute wenigstens nicht weiter gefährdet sei.
    Die Vorstellung war zu Ende. Die Ansprache des Wirtes und zugleich
Directors der Gesellschaft, welcher jetzt als Epilogus allein auf dem Schaffot
geblieben war und dem hohen Adel und kunstsinnigen Publikum von Fichtenau und
Umgegend für morgen eine noch viel glänzendere Vorstellung versprach, wurde mit
lautem Jubel aufgenommen und die Zuschauer entfernten sich langsam, während seit
einigen Minuten ein gelegentliches Klappern von Geldstücken auf Tellern an eine
Pflicht erinnerte, der nachzukommen einigen Undankbaren unnötig schien, und
anderen Dankbaren, zu ihrem grössten Bedauern, unmöglich war.
    Indessen waren bei weitem die meisten der Zahlungsfähigen ehrlich genug, den
klappernden Teller an sich herankommen zu lassen, und wen die Ehrlichkeit nicht
hielt, den bannte die Neugier, wie wohl der Genius aus der Eiche, den man bis
jetzt nur aus der Ferne erblickt hatte, in der Nähe aussehen möchte. Denn
Niemand Geringeres als der Bote Apollos sammelte für die Bedürfnisse seiner
Söhne auf Erden.
    Und der schlaue Director hätte keine bessere Wahl treffen können. Der Genius
(man wusste kaum, war es ein Mädchen oder ein Knabe) blickte aus so einzig
schönen braunen Augen so bescheiden bittend in die Gesichter, dass sich die
Börsen mit den Herzen öffneten. Freundliche Worte begleiteten das Kind überall
hin, und einer und der andere behäbige Spiessbürger glaubte sich für seinen
Groschen auch das Recht erworben zu haben, es in die braunen Wangen zu kneifen -
eine Liebkosung, die indessen jedesmal sehr ungnädig von dem Genius aufgenommen
wurde.
    Der Kutscher hatte, sobald sich das Gedränge hinreichend verlaufen, weiter
fahren wollen, aber Franz und Oswald, welche dem Schauspiel von Künstlers
Erdenwallen und Apoteose mit grossem Interesse und hier und da herzlichem Lachen
gefolgt waren, befahlen ihm, halten zu bleiben, bis der behend durch die Menge
schlüpfende Genius auch zu ihnen gekommen wäre. Der Genius liess nicht lange auf
sich warten - ein Reisewagen, mit zwei Herren darin, wog mindestens ein Dutzend
Fichtenauer Spiessbürger auf.
    Franz suchte in seiner Börse nach kleiner Münze, als er durch einen lauten
Ausruf Oswalds erschreckt wurde.
    Was gibt's? fragte er, verwundert zu Oswald aufblickend, der im Wagen in
die Höhe gesprungen war.
    Oswald antwortete nicht, sondern war mit einem Satze aus dem Wagen auf dem
Boden und eilte auf den Genius zu, der, sobald er den jungen Mann erblickte, den
Teller sammt den Silber- und Kupfermünzen fallen liess und sich ihm in die Arme
stürzte.
    Czika, bist Du es denn wirklich?
    Ja, Mann mit den blauen Augen! antwortete das Kind, noch an seinem Halse,
zärtlich und innig; dann aber, sich plötzlich gewaltsam losreissend und ängstlich
nach dem Wagen blickend:
    Kommst Du mit dem Andern?
    Nein, Czika! sagte Oswald, wohl wissend, dass Oldenburg mit dem Andern
gemeint sei. - Bist Du denn allein?
    Nein; Mutter ist bei mir; Mutter verlässt die Czika nicht. Komm, Herr, hilf
mir das Geld sammeln; und das Kind bückte sich nieder und suchte nach den im
Sande zerstreuten Münzen.
    Oldenburgs Kind in einer Seiltänzerbande! murmelte Oswald, in der
Verwirrung, die sich seiner Seele bemächtigt hatte, mechanisch Czika's Bitte
Folge leistend und neben ihr auf den Knieen das umhergestreute Geld
zusammenraffend.
    Das kunstliebende Publikum von Fichtenau fand diese Begrüssung und Umarmung
eines scheinbar vornehmen fremden Herrn und eines Seiltänzerkindes merkwürdiger
als Alles, was es an diesem Abend gesehen hatte. Jung und Alt drängte sich in
dichtem und immer dichter werdendem Kreise heran und schien entschlossen, nicht
vom Platz zu weichen, als bis es eine Aufklärung dieser rätselhaften
Begebenheit erhalten hätte.
    Franz, der vom Wagen aus die Scene mit angesehen hatte, war kaum weniger
verwundert gewesen, als die Andern. Im nächsten Augenblick indessen fielen ihm
die mysteriösen Gerüchte ein, die über ein Zigeunerkind, welches der Baron
Oldenburg mehrere Wochen lang auf seiner Solitüde beherbergt habe, bis es ihm
eines Tages wieder entlaufen sei, in der Gegend circulirt hatten; und mit jener
Schnelligkeit der Combination, welche guten Köpfen eigentümlich ist, schloss er,
dass Oswald, der jedenfalls bei seiner Intimität mit dem Baron um das Geheimnis
wusste, in dem schönen Genius das Zigeunerkind erkannt habe. Sein nächster
Gedanke war, in Oswalds eigenem Interesse die wunderliche Scene abzukürzen und
die Sensation, welche dieselbe schon erregt hatte, möglichst zu vertuschen. Er
sprang also aus dem Wagen, eilte auf Oswald zu und sagte:
    Um Himmelswillen, Oswald, lassen Sie uns fort. Es ist ja ein Leichtes, zu
erfahren, wo die Leute wohnen; Sie können sie ja zu jeder andern Zeit aufsuchen.
    Oswald, welcher jetzt, nachdem sich das erste überwältigende Erstaunen, die
Czika unter solchen Verhältnissen wieder zu finden, bei ihm gelegt hatte, die
Wunderlichkeit der Situation wohl erkannte, fand Franz' Rat zu vernünftig, als
dass er demselben nicht hätte folgen sollen.
    Die Czika hatte ruhig, als wäre nichts vorgefallen, ihr Sammelgeschäft
wieder begonnen; ja, sie warf nicht einmal einen Blick auf Oswald, der jetzt,
von Franz beinahe gezogen, nach dem Wagen zurückschritt.
    Der Wagen rollte davon. Die Menge verlief sich um so schleuniger, als die
Kühle des bereits stark dunkelnden Abends sie an die warme Suppe in der warmen
Stube zu Hause mahnte.
 
                                Viertes Capitel
Es war etwa eine Stunde später. Der Abend war vollends herabgesunken. Die Berge
von Fichtenau hatten sich in den doppelt dichten Schleier der Nacht und des
Nebels gehüllt; vom dunkeln Himmel blinkten zwischen treibenden Wolken hier und
da einzelne Sterne hervor. In den Strassen des Städtchens war es still geworden;
aus den Fenstern der niedrigen Häuser schimmerten Lichter. Die Leute sassen nach
dem frugalen Abendessen um das Ofenfeuer und erzählten einander von den Wundern
der Stärke, Geschicklichkeit und Gewandteit, deren Zeuge sie draussen auf der
Finkenwiese gewesen waren, und von dem verrückten Herrn, der das hübsche
Zigeunerkind, während es mit dem Teller umherging, vor allen Leuten umarmt
hatte. - Die alte halbtaube Grossmutter, die neben dem Ofen in ihrem Lehnstuhl
nickte und die Geschichte nur halb gehört hatte, meinte: Ja, ja, Zigeuner sind
Kinder des Satans, das weiss alle Welt. Mein Ur-Grossvater selig hat noch ihrer
fünf mit verbrennen helfen auf der Finkenwiese.
    In der »Grünen Mütze«, einer Fuhrmannskneipe am Eingange in das Städtchen,
nahe an der Finkenwiese, ging es heute Abend sehr lebhaft zu. Die »grüne Mütze«
war das Hauptquartier der wandernden Seiltänzerbande und mitin in diesen Tagen
für das Fichtenauer Publikum ein anziehender Punkt.
    Der lange Tisch in der tabaksraucherfüllten Trinkstube konnte heute die Zahl
der Gäste nicht fassen, obgleich sie sich eng genug auf den Bänken
zusammendrängten; besonders nach dem obersten Ende zu, wo die Künstler im vollen
Gefühl ihrer Bedeutung und im Hochgenuss einer freien Zeche sassen und tranken.
Der Director, Herr Caspar Schmenckel, präsidirte, wie sich's gebührte. Er hatte
die Zipfelmütze abgesetzt und die grosse blaue Schürze sammt den hineingestopften
Kissen bei Seite getan, und erschien nun in der ebenso bequemen, wie eleganten
Tracht eines Herrn, der Rock und Weste ausgezogen hat und sich über die
mangelhafte Reinlichkeit seiner Wäsche im Bewusstsein seines Künstlerruhmes und
seiner breiten gestickten Beinkleiderträger hinwegsetzt. - Eine grössere
Veränderung hatte Herr John Cotterby aus Aegypten, der seinem Herrn und Meister
zur Rechten sass, mit seiner Toilette vornehmen müssen. Er trug jetzt einen
grauen kurzen Rock mit grünen Aufschlägen und sah, Alles in Allem, einem
hübschen Tyroler-Burschen, der er in Wirklichkeit war, ähnlicher als einem Sohne
des geheimnisvollen Landes, welches der Nil durchströmt, wenn nicht der schmale
Messingreif, der noch immer seine dunkeln Locken zusammenhielt, und das
entsetzliche Deutsch, welches er höchst kunstreich radebrechte, seine mystische
Abstammung hinreichend documentirt hätten. - Von den beiden andern Künstlern,
die weiter unten am Tisch sassen, war der Eine ein bescheidener, stiller, langer
Mensch, der es mit seiner Kunst ernst nahm und stets darüber grübelte, wie er in
seiner berühmten Production »das tanzende Riesenfass« noch einen neuen Zug
anbringen könnte, der andere, der Clown der Gesellschaft, eine kugelrunde,
possirliche Person, die jedesmal, wenn sie mit einem der Gäste anstiess, eine
neue Fratze schnitt.
    Der Vorfall heute Abend auf der Finkenwiese zwischen dem Reisenden und der
Czika, über welchen sehr eifrig debattirt wurde, war zu merkwürdig, als dass ihn
Herr Schmenckel nicht in seiner Weise hätte ausbeuten sollen. Nun war freilich
die Zigeunerin erst vor einigen Tagen, als er mit seiner Truppe durch die Berge
von Braunburg nach Fichtenau zog, ganz zufällig mit ihrem Kinde zu ihm gestossen,
und Herr Schmenckel wusste von ihrer Vergangenheit so wenig wie irgend einer der
Anwesenden; aber um so freieres Spiel hatte seine Phantasie bei der Erfindung
eines Märchens, das sich den neugierigen Gästen aufheften liess.
    Ja, Ihr Herren, sagte Director Schmenckel, das ist eine geheimnisvolle
Geschichte, und ich möchte sie wohl erzählen, wenn selbige nicht gar so sehr
unglaublich wäre.
    Erzählen Sie, erzählen Sie, Herr Director, schrie ein halbes Dutzend
Stimmen.
    Ein neues Seidel für den Herrn Director, ein anderes halbes Dutzend.
    Darf ich erzählen, Cotterby? fragte Herr Schmenckel.
    Fiderunkankinsavalilaloramei, antwortete der Aegypter, der keine Ahnung
hatte, wozu sein Herr und Meister die erbetene Erlaubnis haben wollte.
    Danke, Cotterby, sagte Herr Schmenckel; meine Herren! Ihr Wohl! - also wie
ich die Bekanntschaft von Madame Xenobi, oder Kussuk Arnem, wie sie eigentlich
heisst, gemacht habe. Aber die Geschichte ist fast unglaublich und spielt in
gewisse Regionen hinein, die mich zwingen, nur in allgemeinen Andeutungen -
    O, das tut nichts! - Erzählen Sie nur! riefen die Zuhörer, noch näher
zusammenrückend.
    Na, so hören Sie denn! - Kurze Zeit, nachdem ich Herrn Cotterby in Aegypten
für meine Gesellschaft gewonnen, gab ich einige Vorstellungen in Konstantinopel
auf dem Platze vor dem Palast des Sultans, der sich ganz ungemein für unsere
Kunst interessirte und uns die Erlaubnis gegeben hatte, das Seil an der obersten
Zinne des Palastes, auf dem flachen Dache selbst, zu befestigen. Nun müssen Sie
wissen, dass in dem obersten Stockwerk dieses Palastes die Frauen des Sultans
wohnen, weshalb man denselben auch Harem nennt. Ich hatte immer gewaltiges
Verlangen danach gehabt, einmal in einen solchen Harem, der sonst für Alle
streng verschlossen ist, zu gelangen; und nun erst recht, nachdem mir Cotterby
gesagt hatte, dass, wenn er an dem obersten Stock vorbeikäme, ihn immer die
schönsten schwarzen Augen durch die Ritzen der Bretter, mit denen die Fenster
des Harems vernagelt sind, anbljetzten. - Was tue ich also? Ich sage zu
Cotterby: Cotterby, sage ich, Sie können ja Alles, was Sie wollen. Wie wär's,
wenn Sie mich morgen in die Karre nähmen und oben auf dem Dache absetzten? Ich
muss einmal sehen, wie's da oben aussieht. Sie können mich morgen ja wieder auf
demselben Wege zurückbringen. Wollen Sie? - Warum nicht? sagt Cotterby, wenn ich
Ihnen damit einen Gefallen tun kann. - Am nächsten Tage stecke ich mich in die
Karre; Cotterby karrt mich auf das Dach, stülpt die Karre um, und, da bin ich
denn oben auf dem Dach, ganz allein, denn Cotterby war, um kein Aufsehen zu
erregen, sogleich wieder umgekehrt. - Nun mögen Sie mir glauben oder nicht,
meine Herren; aber ich versichere Sie, dass mir in dieser Situation doch etwas
wunderlich zu Mute war. Wie leicht konnte aus den Dachluken der schwarze Kopf
eines Wächters auftauchen - und dann wäre es um mein Leben geschehen gewesen.
Indessen ich sass nun einmal in der Falle. Als ich noch so überlege, was ich nun
beginnen soll, höre ich mit einem Male Säbelrasseln und Sporenklirren auf der
Treppe, die zu dem Dache führt. Es war der Sultan selbst, der Herrn Cotterby von
oben herab bewundern wollte. Ich, in meiner Herzensangst, laufe nach dem
nächsten Schornstein, der aus dem Dach herausragt, krieche hinein und plumps! -
zum Besinnen war keine Zeit - so eine zwanzig Fuss heruntergerutscht und wohin
glauben die Herren? direct in den Kamin von der Schlafstube der Favoritin des
Sultans. - Hier muss ich indessen die geehrten Herren um Verzeihung bitten, wenn
ich, um die Ehre einer Dame nicht zu compromittiren, nur andeutungsweise so viel
sage, dass die nächsten vierundzwanzig Stunden zu den schönsten gehören, die ich
in meinem Leben gehabt habe, dass ich am folgenden Tage von Herrn Cotterby, der
etwas der Art geahnt haben musste und eine noch grössere Karre wie gewöhnlich
mitgebracht hatte, auf die angegebene Weise abgeholt wurde, - dass wir noch in
derselben Nacht Konstantinopel verliessen und seit dieser Nacht meine
Gesellschaft um eine vorzügliche Künstlerin reicher und der Palast des Sultans
um seine schönste Blume ärmer war.
    Herr Schmenckel sah sich triumphirend um. Er konnte mit dem Eindrucke, den
seine Geschichte auf die in atemloser Spannung Horchenden hervorbrachte,
zufrieden sein. - In diesem Augenblick kam die Dame, welche an der Kasse zu
sitzen pflegte und überhaupt die inneren Angelegenheiten der Gesellschaft
verwaltete, eilig in die Trinkstube gerannt und flüsterte Herrn Director
Schmenckel etwas in's Ohr, wovon die Gesellschaft nur die Worte: braunes Weib -
fortgelaufen - verstehen konnte. Des Directors Gesicht verfinsterte sich
zusehendes. Er murmelte etwas von Teufel und Dreinschlagen und verliess den
Tisch, ohne auch nur sein Seidel auszutrinken.
    Die Nachricht aber, welche dem Director eben geworden, bestand in nichts
Geringerem, als darin, dass die Zigeunerin sammt ihrem Kinde in ihrer Kammer, im
ganzen Hause nicht zu finden sei. Mamsell Adele hatte diese Entdeckung gemacht,
als sie die Beiden aus ihrer Kammer zum gemeinschaftlichen Mahle der Frauen der
Gesellschaft, welches in einer anderen Kammer servirt war, holen wollte. Für
Herrn Schmenckel war diese Nachricht ein Blitz aus heiterm Himmel. Die Flucht
der Zigeunerin und ihres Kindes war ihm, was einem Menageriebesitzer der Tod
seiner besten Löwin sammt ihren Jungen ist. Er verlor in den Beiden ein Kapital,
das er für so gut wie nichts erworben und welches doch die reichsten Zinsen zu
bringen versprach - den Schmuck, die Zierde, den Glanz, die Poesie seiner
Gesellschaft. Selbst Herr John Cotterby aus Aegypten wäre leichter zu ersetzen
gewesen als ein Genius mit so schönen Augen, mit so freundlich-ernstem Lächeln,
das den filzigsten Spiessbürger in einen leichtsinnigen Verschwender umwandelte.
Herr Schmenckel geriet in einen ganz unglaublichen Zorn, dessen erster Ausbruch
sich natürlich gegen die Ueberbringerin der Hiobspost wendete, um so mehr, als
Herr Schmenckel das eifersüchtige Temperament dieser Dame aus langjährigem,
vertrautem Umgang hinreichend kannte. Er beschuldigte sie in beleidigenden
Ausdrücken, die Zigeunerin durch ihre Intriguen zur Flucht gezwungen zu haben. -
Mamsell Adele antwortete in einem Tone, der ihre innere Erregung nur zu deutlich
verriet. Herr Schmenckel konnte, wenn er getrunken hatte, Widerspruch nur
schwer vertragen, und Mamsell Adele fühlte kaum die schwere Hand des Meisters
auf ihrer Wange, als sie so laut und schrill zu zetern begann, dass die Trinker
drinnen von ihren Biergläsern in die Höhe fuhren und nach der Tür eilten, in
der Meinung, es sei auf dem Flur ein Unglück geschehen.
    Der Anblick so vieler ungebetener und unerwünschter Zeugen brachte den um
die Ehre seiner Gesellschaft besorgten Director einigermassen wieder zu sich und
die Dame, welche ihre Ehre vor so vielen Männern compromittirt sah, vollends
ausser sich. Vorher hatte sie gedroht, den Director ihre Nägel fühlen zu lassen,
jetzt fügte sie der Drohung die Tat hinzu.
    Das Staunen des kunstsinnigen Publikums von Fichtenau, den gefeierten
Künstler, den Helden so vieler Abenteuer in solcher Not und Bedrängnis zu
sehen, war ausserordentlich. Einige wollten Frieden stiften, Andere lachten und
hetzten, wieder Andere (Männer in blauen Blousen und Gamaschen, die regelmässig
mit Ross und Wagen in der »Grünen Mütze« einkehrten und die
Seiltänzerwirtschaft, die sie in ihrem gewöhnlichen Comfort störte, mit
missgünstigem Auge betrachteten) sprachen laut von Lumpenpack und Hinauswerfen,
was denn wieder von den Kunstentusiasten äusserst missliebig aufgenommen wurde.
Zornige Gesichter, drohend erhobene Arme; schimpfende Stimmen hinüber und
herüber; endlich ein Gewirr, in welchem selbst der Wirt der »Grünen Mütze«,
der, die kurze Pfeife im Munde, in der Küchentür lehnte, nichts Einzelnes mehr
zu unterscheiden vermochte.
 
                                Fünftes Capitel
Oswald hatte, nachdem er mit Franz in dem eleganten »Curhause« von Fichtenau
gastliche Aufnahme gefunden, dem Verlangen, die kleine Czika noch heute Abend
aufzusuchen, nicht widerstehen können. Er hoffte von der braunen Gräfin zu
erfahren, wie sie in diese wunderliche Gesellschaft geraten sei, und zugleich
sie zu bereden, entweder zu Oldenburg zurückzukehren, oder ihm doch wenigstens
das Kind zu überlassen. Er glaubte durch odysseische Klugheit bewirken zu
können, was der achilleischen Heftigkeit des Barons unmöglich gewesen war, um so
mehr, als die braune Gräfin ihm wohlzuwollen schien und die kleine Czika
offenbar zu ihm grösseres Vertrauen hatte, als zu dem »Andern«, der ihr Vater
war. Ueberdies fühlte er eine persönliche Zuneigung zu dem schönen Kinde und der
Zigeunerin, die ihm an jenem verhängnisvollen Nachmittage, als er sich auf dem
Wege zu Melitta im Walde verirrte, zuerst begegnet waren und so gleichsam sein
Verhältnis zu Melitta vermittelt hatten. Hernach waren sie wieder auf so
seltsame Weise in seine Bekanntschaft mit Oldenburg verflochten worden. Und dann
war es noch ein anderes Gefühl, das Oswald zu raschem Handeln trieb. Die
Dankbarkeit, zu welcher ihn Oldenburg's ritterliche Hülfe bei Bruno's Tod und in
dem Duell mit Felix verpflichtet hatte, drückte ihn. Er mochte einem Manne nicht
verpflichtet sein, gegen den er von vornherein eine fast instinctive Abneigung
empfunden, den er hernach während seiner Liebe zu Melitta als seinen Nebenbuhler
gefürchtet hatte; einem Manne, dessen kühne Kraft seinem schwankenden Geiste, so
sehr er sich dagegen sträubte, gewaltig imponirte, und den er dennoch - der
Himmel weiss, mit welchem Recht! - der Charakterlosigkeit und Zweideutigkeit des
Betragens zieh; ja, von dem er, wenn Oldenburg und Melitta's Verhältnis dem
Bilde entsprach, welches die Barnewitz und andere Geberdenspäher und
Geschichtenträger davon entwarfen - während der ganzen Zeit auf die
demütigendste Weise düpirt worden war. Gelang es ihm jetzt, diesem befreundeten
Feinde einen grossen Dienst zu leisten, ihm sein Kind, welches er schon verloren
gegeben hatte, wieder zuzuführen - so war die drückende Schuld der Dankbarkeit
abgetragen, so war die Rechnung quitt, und Oswald Stein brauchte vor dem Baron
Oldenburg nicht die Augen beschämt niederzuschlagen!
    Diese Gedanken und Empfindungen erfüllten Oswald's Seele, während er in
Begleitung des Hausknechtes aus dem Curhause durch die stillen Strassen des
Städtchens nach der Grünen Mütze schritt, die ihm von Franz als das
Hauptquartier der Seiltänzer bezeichnet worden war. Franz selbst war im Curhause
zurückgeblieben, da er zu discret war, sich in ein Geheimnis zu drängen, welches
man vor ihm verbergen zu wollen schien. Oswald hatte nämlich, als er ihm lachend
erzählte, wie er es angefangen habe, den Leuten die wunderliche Scene mit dem
Seiltänzerkinde zu erklären, ein Schweigen beobachtet, das Franz kaum anders
auslegen konnte, als: sein Gefährte wolle oder dürfe über diese Angelegenheit
sich nicht weiter auslassen. Er hatte deshalb, als Oswald bemerkte, es sei heute
Abend wohl schon zu spät geworden, um Berger noch aufzusuchen, bloss: ich glaube
auch! geantwortet und Oswald seine Begleitung nicht angeboten, als dieser,
nachdem er eine Viertelstunde lang schweigend in dem Zimmer auf- und abgegangen
war, erklärte, noch eine Promenade in der Abendkühle machen zu wollen. Franz
fügte sich in die Launen seines launenhaften Gefährten um so leichter, als er in
diesem Augenblicke mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt war. Er hatte
gehofft, in Fichtenau einen Brief seiner Braut vorzufinden, sich aber in seiner
Erwartung getäuscht gesehen. Das Ausbleiben des Briefes erfüllte ihn mit einiger
Sorge, um so mehr, als Sophie sonst sehr pünktlich zu schreiben pflegte und
ihren Ankunft in Fichtenau sich überdies schon um einige Tage verspätet hatte.
Er tröstete sich mit der Hoffnung, dass die letzte Post, welche, wie man ihm
sagte, jeden Augenblick eintreffen müsse, den sehnlichst erwarteten Brief
bringen würde.
    Unterdessen erreichte Oswald das gastliche Dach der Grünen Mütze gerade in
dem Augenblicke, als es einen Teil des krausen Inhaltes, welchen es heute Abend
beherbergte, durch die offene Haustür auf die Strasse entsandte, wo der
Massenkampf, der bis dahin auf dem Flur gewütet, sich in einzelne Gruppen
aufzulösen begann, die, den Trümmern eines umhergestreuten Scheiterhaufens
gleich, noch für einen Moment um so heller aufflackerten, um im nächsten aus
Mangel an Nahrung zu verlöschen. Der Frieden wurde um so leichter hergestellt,
als eigentlich Niemand so recht wusste, weshalb man sich überhaupt mit solcher
Wut befehdet, und es für nichts und wieder nichts gerade genug blaue Augen und
rote Striemen gegeben hatte. Freilich war die Aufregung noch immer gross und der
Lärm noch immer laut genug, aber es war das nur die Brandung des Meeres nach dem
Sturm - hohe Wellen, deren beste Kraft schon gebrochen ist. Man fluchte und
schimpfte, man drohte und prahlte - aber man setzte sich wieder und ertränkte
den Rest der Feindseligkeiten in Bier.
    Die Sorge um Czika hatte bei Oswald den Widerwillen, den ihm unter anderen
Umständen diese wüsten Scenen eingeflösst hätten, kaum aufkommen lassen;
glücklicherweise sah er weder sie noch Xenobi in diesem Wirrwarr, aber schon der
Gedanke, dass die Beiden in ein solches Pandämonium geschleudert seien, war ihm
entsetzlich und befestigte in ihm den Entschluss, sie, es koste, was es wolle,
daraus zu erlösen. Er drängte sich durch die Streitenden und Scheltenden, die
seiner gar nicht achteten, hindurch, sich bei Diesem, bei Jenem nach der Ursache
des Streites und nach der Zigeunerin und ihrem Kinde erkundigend. Niemand hatte
Zeit oder Lust, ihm Rede zu stehen, bis er sich endlich zufällig an einen jungen
Menschen wandte, der etwas weniger wüst als die übrige Gesellschaft aussah, und
der ihm erzählte: es seien ein Paar von der Seiltänzerbande davongelaufen - eine
Zigeunerin mit ihrem Kinde - und darüber sei die Schlägerei entstanden.
Uebrigens sei der Mann dort, der sich eben das Blut aus dem Gesicht wische und
so lebhaft gesticulire, der Director der Truppe und an den möge sich der Herr
nur wenden, wenn er noch mehr wissen wolle.
    Oswald atmete bei diesen Worten des jungen Menschen hoch auf. Xenobi und
Czika waren fort, gleichviel wohin, wenn sie nur aus dieser Hölle erlöst waren.
Er überlegte einen Augenblick, ob es nicht geratener sei, umzukehren, ohne sich
mit den Seiltänzern weiter einzulassen; aber das Verlangen, mehr zu erfahren -
vielleicht den Ort, wohin sich Xenobi möglicherweise gewendet haben könnte,
überwand diese Bedenken und er trat auf die Person zu, welche ihm als der Chef
der Gesellschaft bezeichnet war.
    Herr Director Schmenckel besass, sobald sich nur der erste Sturm der
Leidenschaft gelegt hatte, in einem hohen Grade jene philosophische Resignation,
welche sich in das Unvermeidliche mit Würde schickt und zu einem schlechten
Spiel möglichst gute Miene macht. Da die Zigeunerin einmal weg war, so konnte er
sich durch Lamentiren darüber nur noch lächerrlich machen, und einem edlen
Charakter ziemt es, zu vergessen und zu vergeben. Er tat deshalb, als ob nichts
geschehen sei, was er nicht schon längst erwartet hätte. Undankbarkeit ist der
Welt Lohn. - Wie gewonnen, so zerronnen. - Heute mir, morgen dir! - Lassen's uns
wieder niedersitzen, Ihr Herren - Director Schmenckel lässt sich durch so etwas
nicht aus der Fassung bringen - wir haben noch andere Mittel, ein
hochgeschätztes Publikum zu unterhalten, und Sie sollen sehen, dass die
Vorstellung, die ich morgen mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung - was beliebt
dem Herrn? wünschen mich zu sprechen? steh' zu Diensten - ein Director muss immer
auf dem Platze sein - und Herr Schmenckel folgte Oswald, der ihn um eine
Unterredung gebeten hatte, um so lieber, als die Erscheinung eines elegant
gekleideten Herrn, welcher es nicht verschmähte, Herrn Schmenckel in der Grünen
Mütze aufzusuchen, ein Umstand war, der nicht verfehlen konnte, einiges Aufsehen
zu erregen.
    Was befehlen Euer Gnaden, fragte Herr Schmenckel, als sie draussen waren.
    Ich wollte Sie bitten, mir womöglich über die Zigeunerin, die, wie ich höre,
sich erst heute Abend von Ihrer Gesellschaft entfernt hat, einige Auskunft zu
geben, erwiderte Oswald.
    Herr Schmenckel stutzte; die Frage kam ihm verdächtig vor; er warf bei dem
trüben Licht der Laterne vor dem Hause einen prüfenden Blick in Oswalds Gesicht
und erkannte den Herrn, der die Czika umarmt hatte. Herr Schmenckel wusste nicht
recht, was er von dem Interesse, welches der fremde junge Herr an dem hübschen
Zigeunerkinde nahm, denken sollte.
    Hm, sagte er, um Zeit zur Ueberlegung zu gewinnen, weshalb wollen Euer
Gnaden das wissen?
    Das kann Ihnen gleich sein, antwortete Oswald; genug, wenn ich die Auskunft,
die ich wünsche, nicht umsonst haben will; und er drückte Herrn Schmenckel einen
Taler in die Hand.
    Danke, Euer Gnaden, erwiderte Herr Schmenckel, Geld ist unter allen
Umständen eine angenehme Sache, indessen möcht' ich doch gern -
    Aber ich begreife nicht, wesshalb Sie Anstand nehmen, mir das Wenige, was Sie
von der Frau wissen, mitzuteilen.
    Hm, sagte Herr Schmenckel; vielleicht ist das, was ich weiss, so wenig nicht.
Wenn man Jemand dreizehn Jahre lang in seiner Gesellschaft gehabt hat -
    Aber ich habe ja die Zigeunerin erst in diesem Sommer auf - gleich viel!
aber weit von hier, und allein getroffen.
    Wohl möglich, sagte der schlaue Director; es ist heute Abend nicht das erste
Mal, dass mir die Xenobi weggelaufen ist, aber sie ist noch jedesmal
wiedergekommen.
    Seit dreizehn Jahren! sagte Oswald, dem dieses Mährchen durchaus glaublich
schien; wie alt war denn das Kind, als sie zu Ihnen kam?
    Wie alt? fragte Herr Schmenckel; ei! Euer Gnaden, als sie zu mir kam, hatte
sie kein Kind - das muss ich am besten wissen.
    Sie? sagte Oswald und ein Schauder überlief ihn, Sie?
    Nun wesshalb ich nicht, Euer Gnaden? Schau ich Euer Gnaden aus, als ob sich
ein hübsches junges Ding nicht in mich verlieben könnte, das noch dazu bei mir
in Lohn und Brot stand? Ich sage Euer Gnaden, ich hab' noch ganz andere
Eroberungen in meinem Leben gemacht. Sind Euer Gnaden je in Petersburg gewesen.
Da ist die Fürstin - aber freilich, ich darf über diese Dame nicht so sprechen,
wie -
    Mit einem Worte, sagte Oswald, sich gewaltsam zusammenraffend: so ist die
Czika Ihr Kind?
    Beschwören will ich's nicht, sagte Herr Schmenckel lächelnd; aber dass es
mein's sein könnte und ich es immer als mein's angesehen habe, das kann ich
beschwören, Euer Gnaden.
    Und Sie glauben, dass die Zigeunerin sich wieder einstellen wird?
    O, darauf können sich Euer Gnaden verlassen; sie hat es nirgends so gut wie
bei mir.
    Aber warum entfernt sie sich denn so oft von Ihnen?
    Ja schaun's Ihr Gnaden! Die Weiber sind ein wunderliches Volk; sagte Herr
Schmenckel; und je besser man es mit ihnen meint, desto sicherer kann man sein,
dass sie uns ein X für ein U machen. Treu und Glauben ist bei ihnen nicht zu
finden und besonders die Zigeunerinnen -
    Es ist gut, sagte Oswald, den der Ekel überwältigte; ich spreche mit Ihnen
ein ander Mal weiter darüber.
    Und er entfernte sich eilig.
    Herr Director Schmenckel sah ihm einige Augenblicke nach und kam zu der
Ueberzeugung, dass es mit dem feinen jungen Herrn offenbar nicht ganz richtig
sei. Er schüttelte den Kopf, steckte den Taler, den er noch in der Hand hielt,
in die Tasche, und verfügte sich in die Trinkstube zurück, wo mittlerweile der
Friede wieder so vollständig hergestellt war, dass sich sämmtliche Anwesenden zur
gemeinschaftlichen unisonen Absingung des beliebten Volksliedes: »Blau blüht ein
Blümelein« vereinigen konnten.
    Während Oswald diese so bedenklichen Mitteilungen über die arme Czika
entgegennahm, erwartete Franz seine Rückkehr mit der grössten Ungeduld. Die Post
hatte wirklich den sehnlichst herbeigewünschten Brief seiner Braut gebracht und
dieser Brief die unbestimmte Furcht, mit der er sich in diesen letzten Tagen
getragen, nur zu sehr bestätigt. Sophie schrieb mit einer Hand, welche die Angst
beinahe unleserlich gemacht hatte, dass ihr Vater von einem Schlaganfall
betroffen worden sei, der die Aerzte das Schlimmste befürchten lasse. Der Vater
sei noch in diesem Augenblick (mehrere Stunden nach dem in der Nacht
eingetretenen Anfall) sprachlos und unfähig sich zu bewegen. Wenn noch Rettung
für ihren Vater sei, so könne die Hülfe nur von dem kommen, zu dem ihr Vertrauen
eben so gross sei, wie ihre Liebe.
    Franz' Entschluss war sofort gefasst; er bestellte, da der Kutscher, mit dem
er gekommen war, nicht weiter fahren zu können erklärte, Extrapost, um die
nächste Station der Eisenbahn womöglich noch in derselben Nacht zu erreichen.
Seine holde süsse Braut in so bittrer Not und Bedrängnis - wachend und weinend
an dem Krankenbette, vielleicht an dem Sarge ihres Vaters - und er, ihr Trost
und ihre Hoffnung, über achtzig Meilen entfernt - es war ein Gedanke, der auch
ein so festes Herz, wie das seine, um die gewöhnliche Ruhe bringen konnte. Der
Boden brannte ihm unter den Füssen. Die paar Minuten, bis der Wagen aus der Post
herbeigeschaft wurde, erschienen ihm eine Ewigkeit.
    Da kam der Wagen und mit ihm Oswald. Franz teilte ihm die so eben erhaltene
Nachricht mit, sowie seinen Entschluss, sofort abzureisen. Er bat den Freund mit
fliegenden Worten, nicht länger in Fichtenau zu verweilen, als es unumgänglich
notwendig sei, und vor allem den Termin, zu welchem man ihn in Grünwald am
Gymnasium erwartete, inne zu halten. Oswald war durch die mancherlei
wunderlichen Abenteuer der letzten Stunden so gleichsam auf alles
Ausserordentliche vorbereitet, dass er die Mitteilung mit einer Art von
Gleichgültigkeit entgegennahm. Er versprach indessen, was Franz von ihm
verlangte, während er ihn zum Wagen begleitete.
    Wissen Sie was, Oswald, sagte Franz, schon im Wagen; kommen Sie mit mir! Sie
werden diese Zumutung sonderbar finden, aber das Sonderbarste ist oft das
Vernünftigste.
    Es geht nicht, Franz, sagte Oswald; ich kann nicht wieder abreisen, ohne
Berger auch nur gesehen zu haben, und überdies -
    Ich weiss Alles, was Sie mir sagen können, erwiderte Franz, und offen
gestanden, habe ich eigentliche Gründe für meine Zumutung gar nicht; nur ein
Gefühl, als ob ich Sie nicht allein hier lassen dürfe, als ob die Luft hier
herum für Sie mit Unheil angefüllt sei. Kommen Sie mit mir, Oswald!
    Ich will Ihnen sobald als möglich folgen.
    Dann leben Sie wohl! Fort, Schwager!
    Franz drückte noch einmal Oswald's Hand. Der Wagen rollte eilends über das
holprige Pflaster des Städtchens davon.
    Schade, dass der Herr so bald wieder fort musste, sagte Louis, der Oberkellner
des »Curhauses«, der mit der Serviette unter dem Arm und der Feder hinter dem
Ohr neben Oswald stand. Ein charmanter Herr! - Wollen der Herr Doctor jetzt
soupiren? Der Herr Doctor finden noch charmante Gesellschaft im Speisesaale.
    Oswald ging in das Haus zurück. Hätte Franz in diesem Augenblick noch einmal
seine Aufforderung wiederholt, Oswald würde sich nicht länger geweigert haben,
ihm zu folgen. Seitdem ihn Franz verlassen, war es ihm, als ob sein guter Engel
von ihm gewichen und die Luft in Fichtenau für ihn mit Unglück angefüllt sei.
 
                                Sechstes Capitel
Am nächsten Tage erwachte Oswald spät aus einem durch wunderliche unheimliche
Träume vielfach gestörten, unerquicklichen Schlaf. Der Vormittag verging, ohne
dass er sich hätte entschliessen können, den schweren Gang zu Doctor Birkenhains
Anstalt anzutreten; er verschob den Besuch bis auf den Nachmittag und redete
sich ein, er werde dann in besserer Stimmung und besser vorbereitet sein, Berger
unter die Augen zu treten. -
    Er ging am Mittag zur Table d'hôte hinab, die trotz der vorgerückten
Jahreszeit noch zahlreich von Vergnügungsreisenden und Curgästen besucht war,
und musste, während er still hinter seiner Falsche sass, dem Gespräche einiger
junger Handlungsbeflissenen zuhören, das sich über tausend Gegenstände erging,
unter anderm auch über die Flucht der Zigeunerin mit ihrem Kinde und über den
Skandal, welcher in Folge dessen den Frieden der Grünen Mütze und die nächtliche
Ruhe eines nicht unbeträchtlichen Teils des Städtchens gestört hätte. Einige
der jungen Herren, die gestern der Vorstellung auf der Finkenwiese beigewohnt
hatten, rühmten gegen die heute erst angekommenen Collegen die Schönheit der
Zigeunerin und bedauerten lebhaft das plötzliche Verschwinden einer so famosen
Person. Auch die Kleine sei ein famoses Ding gewesen, mit ganz famosen Augen.
Ein verrückter Engländer, der des Weges gekommen, habe sich sofort in sie
verliebt und es sei die allergrösste Wahrscheinlichkeit, dass besagter Engländer,
von dem man hernach weder etwas gehört noch gesehen, die Zigeunerin entführt
habe.
    Ueber das Schicksal Xenobi's und der Czika nicht eben beruhigt, verliess
Oswald den Tisch, um sich wieder auf sein Zimmer zu begeben. Er war natürlich
jetzt noch weniger als vorher in der Stimmung, Berger aufzusuchen, und es
kostete ihn nicht geringe Ueberwindung, endlich dem Kellner zu klingeln und den
sofort erscheinenden über den Weg nach Doctor Birkenhains Anstalt zu befragen.
    Doctor Birkenhains Anstalt, mein Herr? ganz in der Nähe, mein Herr! der
bequemste Weg führt durch unsern Garten auf die Höhe, dann immer links auf der
Höhe am Fluss entlang fort, bis Sie an ein grosses Haus kommen. Das ist Doctor
Birkenhains Anstalt, mein Herr! Haben vielleicht einen Verwandten oben? Kommen
oft Herrschaften zu uns, Verwandte bei Doctor Birkenhain zu besuchen. Erst in
diesem Sommer war eine Dame mehre Monate bei uns, auch aus Ihrer Gegend. Sehr
schöne Dame, kennen der Herr vielleicht - eine Frau von Berkow mit ihrem Bruder,
einem Baron von Oldenburg - sehr langer Herr mit einem schwarzen Bart -
    Ist Baron Oldenburg ein Bruder der Dame? fragte Oswald nicht ohne einiges
Widerstreben.
    Ei ja wohl, mein Herr! Die Herrschaften waren ja fast zwei Wochen lang
zusammen hier. Aber der Herr Bruder mussten fort, bevor der Herr von Berkow starb
- hartes Schicksal für eine schöne junge Frau. Werden der Herr zum Souper zurück
sein? Nein? aber doch die Nacht bei uns verweilen? dachte mir gleich! Sonst
nichts zu befehlen? - wie lange Sie gehen? o, höchstens zehn Minuten, werde den
Herrn selbst bis auf den Weg bringen.
    Oswald wanderte, nachdem der geschwätzige Kellner ihn verlassen, auf dem
Pfade, der an der Abdachung des langgestreckten Hügels allmälig höher führte,
dahin. Links unter ihm plätscherte, von hohen Bäumen überwölbt, die Fichte, ein
klares, forellenreiches Bergwasser, von dem das Städtchen seinen Namen hat. Hier
und da blickte es freundlich zwischen den Bäumen hervor, um alsbald wieder zu
verschwinden, wie ein neckisches spielendes Kind. An einer Stelle hatte man den
Flüchtling angehalten und ihn gezwungen, die Räder einer Mühle zu treiben. Das
mochte dem Wildfang schlecht gefallen. Er stürzte sich wie im Zorn durch die
enge hölzerne Rinne, rüttelte und schüttelte aus Leibeskräften an den Schaufeln,
und stürzte dann zischend und kochend in ärgerlichem Ungestüm davon.
    Oswald setzte sich der Mühle gegenüber auf das niedrige Geländer des Weges
und schaute lange in das Wasser hinab, wie es broddelte und schäumte, Wirbel in
Wirbel drehend, Welle durch Welle verdrängend. Er dachte an Melitta, wie oft sie
wohl diesen Weg am Arm »ihres Bruders« zurückgelegt und an dieser Stelle, deren
malerische Schönheit ihrem Blick gewiss nicht entgangen war, verweilt haben
mochte.
    Er fühlte sich zum Sterben traurig. Seine Gefühle kochten durcheinander wie
die Wasser zu seinen Füssen, seine Gedanken wirbelten und kreisten, wie die
Schaumblasen auf den Wellen. War denn der Hass nicht so blind, wie die Liebe? gab
es denn ein Recht und ein Unrecht? Die Welt sollte ein Kosmos sein? ja, für den,
dessen Blick nur immer auf der glatten Oberfläche des Flusses weilt, da wo er
zwischen schattigen Bäumen über ebenen Boden lustig dahinströmt; aber auch für
den, der in seine Tiefe dringt, wo alles chaotisch durcheinander braust und
rauscht? Auf, auf! zu ihm, dem Mann der Schmerzen! er hat in des Lebens Tiefe
geblickt; er soll mir sagen, was er da erschaute, welche Larven und Gespenster,
dass er voll Schauder und Grausen das edle Antlitz verhüllte!
    Oswald sprang wieder auf und ging den Weg, der jetzt immer steiler wurde,
hinauf, bis er an ein grosses Gebäude kam, das, etwas von der Strasse entfernt,
auf einer mässigen Anhöhe zwischen Gärten und Nebengebäuden gelegen und von einer
hohen Mauer auf allen Seiten umgeben, für die Wohnung eines Privatmannes zu
schlossartig und für ein Schloss zu gefängnissmässig aussah. Es war Doctor
Birkenhains Anstalt.
    Nicht ohne Herzklopfen klingelte Oswald an der verschlossenen eisernen
Gittertür. In dem Pförtnerhäuschen öffnete sich ein Fenster; der Pförtner
schaute heraus und fragte nach seinem Begehr.
    Oswald wünschte Doctor Birkenhain zu sprechen.
    Sind Sie schon gemeldet?
    Ja.
    Ihr Name?
    Oswald nannte seinen Namen.
    Der Mann blickte auf eine Tafel, welche die Namen der Angemeldeten entalten
mochte; dann steckte er den Kopf wieder zum Fensterchen heraus:
    Nur gerade über den Hof nach der Haupttür; dort noch einmal zu klingeln.
    Die Tür tat sich auf und schloss sich wieder hinter dem Eingetretenen.
Oswald ging über den geräumigen, mit Kies bestreuten, hier und da mit Büschen
und Bäumen bepflanzten Vorhof dem Hause zu. Auf einer Bank unter einem dieser
Bäume sass in einer Gruppe von mehreren Personen ein junger, sehr wohlgekleideter
Mann. Als Oswald an ihm vorüberschritt, erhob sich der junge Mann, trat auf ihn
zu und sagte, indem er mit einer höflichen Verbeugung den Hut zog:
    Ich habe gewiss die Ehre, mit dem Kaiser von Fez und Marokko zu sprechen?
    Als Oswald diese wunderliche Frage verneinte, schüttelte der junge Mann
traurig den Kopf und sagte, indem er Oswald mit einem leeren Blick ansah:
    Es ist merkwürdig; der Kaiser hatte es mir doch so fest versprochen, mich
noch in diesem Sommer abzuholen, und der Sommer geht zu Ende und der Kaiser
kommt nicht; ich werde wohl bis nächsten Sommer warten müssen. Dann aber kommt
er ganz gewiss. Meinen Sie nicht auch?
    Ich zweifle keinen Augenblick daran, erwiderte Oswald.
    Ein schwacher Strahl von Freude zuckte über das blasse Gesicht des
Unglücklichen. Er verbeugte sich abermals, setzte seinen Hut wieder auf und
schritt zu seinem Platze auf der Bank zurück.
    Oswald gelangte zu der Haupttür, klingelte und wurde von einem Diener,
welcher öffnete und nach seinem Namen fragte, in ein Zimmer geführt, mit der
Anweisung, ein wenig warten zu wollen, Doctor Birkenhain würde alsbald
erscheinen.
    Es war ein hohes, schönes Gemach; ausgezeichnete Oelgemälde schmückten die
Wände; zwischendurch antike Köpfe und Büsten auf Consolen: der Apoll von
Belvedere, der Zeus von Otricoli, die Ludovisische Juno; auf Tischen mitten in
dem Zimmer Bücher und Kupferwerke - Alles atmete den heitern Genuss des Daseins;
nichts erinnerte daran, dass man sich in einem Hause der Krankheit und des Todes
befinde.
    Nach einigen Minuten trat Doctor Birkenhain herein.
    Oswald hatte sich natürlich von diesem Manne, der in der letzten Zeit von
einer so verhängnisvollen Bedeutung für ihn geworden war, ein Bild entworfen und
war jetzt nicht wenig erstaunt, als er fand, dass von diesem Bilde auch nicht ein
Zug passte. Er hatte sich Doctor Birkenhain als einen Ehrfurcht gebietenden Greis
vorgestellt, voll Gravität und Würde, und sah sich jetzt einem Manne gegenüber,
der nicht viel älter sein konnte, als er selbst, zum wenigsten das dreissigste
Lebensjahr schwerlich überschritten hatte - lang und dürr, mit schlichtem
hellbraunen, nicht allzu dichtem Hauptaar und spärlichem Schnurr- und Kinnbart
- ein mageres Gesicht von einer kränklich gelben Farbe, - eine hohe Stirn, grosse
hellblaue Augen, denen man es auf den ersten Blick ansah, dass sie gewohnt waren,
in der Seele des Menschen zu lesen und deren durchdringende Schärfe auf die
Dauer fast unerträglich wurde.
    Nach der ersten Begrüssung und nachdem Doctor Birkenhain bedauert hatte, dass
es ihm nicht vergönnt gewesen sei, die Bekanntschaft seines Collegen Braun zu
machen, der sich durch seine Abhandlung über den Typhus mit einem Schlage einen
Platz unter den ersten Patologen Deutschlands erworben habe, sagte er:
    Ich habe Ihrem Besuch mit grosser Spannung entgegengesehen, weil ich mir von
Ihrem Wiedersehen mit Berger für den Letzteren sehr viel verspreche. Ich weiss
durch Herrn Bemperlein, und auch aus Bergers eigenem Munde, dass Sie der
vertrauteste Freund und so zu sagen der Liebling des unglücklichen Mannes sind -
es wenigstens vor dem Ausbruch seiner Krankheit waren. Wenn Etwas im Stande ist,
das bei Berger fast bis auf den letzten Funken erloschene Interesse am Leben
wieder zu entfachen, so ist es die Liebe - nicht die allgemeine Menschenliebe,
die nur ein anderer Ausdruck für Egoismus ist, sondern die ganz specielle Liebe
für ein bestimmtes Individuum, an dessen Freuden und Leiden er einen
sympatetischen Anteil nimmt. Die Liebe ist das realste aller Gefühle, ist das,
welches sich am kräftigsten gegen die Vernichtung wehrt und alle anderen
überdauert. Der grösste Psycholog, der vielleicht je gelebt hat und dem wir
Irrenärzte sehr viel verdanken, Shakespeare, lässt seinen Lear noch kurz vor dem
Ausbruche des Wahnsinns zum Narren sagen: Mir blieb ein Stückchen vom Herzen
noch und das bedauert Dich. Dies Stückchen vom Herzen ist der gesunde Punkt, von
dem die Heilung ausgehen muss, auch bei Berger. Ich bitte Sie deshalb, Berger auf
alle Weise für Ihr individuelles Schicksal zu interessiren. Erzählen Sie ihm von
Ihren Plänen und Entwürfen, von Ihren Hoffnungen und Wünschen; von Ihren Freuden
und Leiden. Besonders von den letzteren, wenn Sie davon zu berichten haben und -
verzeihen Sie dem Arzt die Indiscretion! - ich glaube, dass Ihre Mitteilungen
besonders nach dieser Seite hin ziemlich ausgiebig sein werden. Sie lächeln?
nun, vielleicht irre ich mich, und ein gewisses Etwas in Ihrem Gesicht ist der
Ausdruck eines physischen und nicht psychischen Vorganges - aber, wie dem auch
sein mag, verhüllen Sie vor Berger nicht die Schatten- und Nachtseiten Ihrer
Existenz. Im Gegenteil: klagen Sie, und je eindringlicher, je schmerzlicher,
desto besser; aber klagen Sie wie ein Kranker, der nach Gesundheit schmachtet,
wie ein eingefangener Vogel, der sich nach Freiheit sehnt. Das Unglück geliebter
Menschen rührt uns tausendmal mehr, als unser eigenes, und die Last, die Berger
bei sich selbst kaum noch beachtet, wird ihm unerträglich dünken, sobald er sie
auf den Schultern eines Andern sieht, den er liebt. Denn, ich wiederhole es, nur
so ist diesem Manne beizukommen. Gegen Vernunftgründe ist er, der scharfsinnige
Denker, der alle Philosophen in- und auswendig kennt, in einen
undurchdringlichen Harnisch gehüllt. Gegen einen Beweis von der Würde und
Realität des Lebens bringt er Ihnen zehn andere, die das Gegenteil dartun; und
wo Sie ein Haar spalten, spaltet er das gespaltene noch einmal. Uebrigens
brauchen Sie nicht zu fürchten, dass er Sie, wie sonst wohl, in philosophische
Dispüte verwickeln wird. Die Wissenschaft, aus der er sonst in so vollen Zügen
trank, ist ihm ein Gräuel; er mag nichts davon hören und sehen. Und nun noch
eins: wie lange gedenken Sie in Fichtenau zu verweilen?
    Vier bis fünf Tage höchstens.
    Sehr gut; ich wollte Sie eben bitten, Ihren Besuch nicht länger auszudehnen.
Es handelt sich darum, auf Berger einen bedeutenden Eindruck zu machen, und zu
der Freude, Sie wiederzusehen, muss der Schmerz kommen, Sie so bald wieder zu
verlieren. Vielleicht, dass wir ihn so in die Welt zurück locken, von der er sich
jetzt voll Ekel abwendet.
    Ist Berger von meiner Ankunft unterrichtet?
    Nein; ich wollte auch die Ueberraschung zu Hülfe nehmen. Damit wir den
Eindruck ganz rein haben, werde ich Sie nicht zu ihm begleiten. Sie werden mir
dann ja erzählen, wie er Sie empfangen hat. Er pflegt um diese Zeit seinen
Spaziergang in die Berge zu machen, den er manchmal bis in den Abend ausdehnt.
Ich lasse ihn ganz frei gewähren, da jede Restriction schädlich sein würde, wie
es denn überhaupt jetzt nur noch sein freier Wille ist, der ihn hier hält.
Begleiten Sie ihn auf diesem Spaziergange, die Herzen erschliessen sich unter dem
Himmelsdome leichter, als unter einer Zimmerdecke.
    Noch eins; fuhr Doctor Birkenhain fort, während sie sich von ihren Plätzen
erhoben; Sie werden Berger auch in seinem Äußern verändert finden; suchen Sie
auch da, mit aller Schonung natürlich, einzuwirken. Solche scheinbare
Kleinigkeiten sind von der grössten Bedeutung; ein fehlender Handschuhknopf kann
einen Dandy um seine gute Laune bringen und wir haben eine andere Stimmung im
Schlafrock und eine andere im Frack. - Nun wollen wir gehen, wenn es Ihnen recht
ist; ich will Sie selbst bis an Bergers Tür bringen.
    Die beiden Herren gingen aus dem Empfangszimmer auf den mit Steinfliesen
ausgelegten Flur, die breiten steinernen Treppen hinauf, durch hohe, helle,
luftige Corridore.
    Es begegneten ihnen mehrere Personen, die Oswald nicht für Kranke gehalten
haben würde, wenn Doctor Birkenhain es ihm nicht gesagt hätte; so vernünftige
Antworten gaben sie auf die hingeworfenen Fragen des Arztes.
    In diesem Flügel ist die Station für die leichtesten Kranken, sagte Doctor
Birkenhain; bei dem schönen Wetter sind die meisten im Garten, oder auf dem
Hofplatz. - - Wie geht's, Herr Commerzienrat?
    Danke, Herr Doctor! erwiderte der Angeredete, ein ausserordentlich wohlhäbig
aussehender Mann, der mit einer Giesskanne in der Hand vorüberging; danke; es
würde ganz gut gehen, wenn -
    Der Commerzienrat trat mit einem Blick auf Oswald dem Doctor näher und
flüsterte ihm etwas in's Ohr, wovon Oswald nur die Worte: Bündel Heu - in der
Seite - verstehen konnte. O, das ist das Wenigste, erwiderte Birkenhain in einem
Ton, dessen Zuversichtlichkeit für den grössten Hypochonder überzeugend sein
musste, das wollen wir schon weg kriegen. - Der Kranke drückte seinem Arzt
dankbar die Hand und entfernte sich, augenscheinlich über den glücklichen
Ausgang seines vermeintlichen Leidens beruhigt und getröstet.
    Ich wollte, Bergers Fall wäre so leicht wie dieser, sagte Doctor Birkenhain,
während sie in dem Corridor weiter schritten; aber mit Pillen und Latwergen ist
seiner Krankheit nicht beizukommen. So, nun gehen Sie den Corridor zu Ende, die
letzte Tür links ist Bergers. Ich bin äusserst begierig, was Sie mir zu erzählen
haben werden. Wollen Sie morgen bei mir speisen? Ich werde mir ein Vergnügen
daraus machen, Sie meiner Frau vorzustellen. Um drei Uhr. Ist's Ihnen recht?
also à revoir!
    Doctor Birkenhain reichte Oswald die Hand und trat in eine der Türen, an
denen sie eben vorbeigekommen waren. Oswald ging den Corridor allein zu Ende,
voll von dem bedeutenden Eindruck, den der Mann, welcher ihn so eben verlassen,
auf ihn gemacht hatte, und zugleich voll Unruhe über die Rolle, die ihm
zugeteilt war. Er sollte in Berger die Freude an einem Leben wiedererwecken
helfen, das für ihn selbst beinahe alles Interesse verloren hatte! War er unter
Allen nicht der am wenigsten zu einer solchen Mission Geeignete? Und doch hatte
er sie übernommen! Er musste sie ausführen!
    Oswald kam an die bezeichnete Tür. Auf der braunen Täfelung stand mit
Kreide und offenbar von Bergers Hand geschrieben:
    Lasciate ogni speranza, voi ch' entrate!
    Ein Schauer durchrieselte Oswald. Er blieb unschlüssig vor der Tür stehen,
bevor er es über sich gewinnen konnte, zu klopfen. Er lauschte, ob sich nichts
drinnen rege; er hörte nichts. Endlich fasste er sich ein Herz und klopfte mit
fester Hand. Da er keine Antwort erhielt, so klopfte er lauter; abermals keine
Antwort. Eine bange Furcht ergriff ihn; er öffnete hastig die Tür und trat in
das Zimmer.
 
                               Siebentes Capitel
Oswalds Furcht war unnötig gewesen. Mitten in dem grossen, durch die
heruntergelassenen Vorhänge halbdunklen Gemache sass Berger an einem mit Büchern
bedeckten Tische. Er hatte den gesenkten Kopf in beide Hände gestützt und schien
zu schlafen, denn er regte sich, obgleich er mit dem Gesicht nach der Tür zu
sass, selbst dann noch nicht, als Oswald bis an den Tisch getreten war. Oswald
wagte nicht, ihn zu wecken. Er blieb an dem Tisch stehen und schaute mit Augen,
die sich, ihm kaum bewusst, mit Tränen füllten, auf den Dulder. Welche
Verwüstungen hatten diese wenigen Monate in dem einst so stolzen energischen
Gesicht angerichtet! das dunkle lockige Haar war ergraut; die massive, wie aus
Granit gehauene Stirn schien, da die Schläfen kahl geworden waren, noch
gewaltiger und imponirender. Ein voller Bart, den Berger sonst nicht trug, floss
silbergrau von Wangen, Lippen und Kinn herab, dass die Spitzen fast die
Tischplatte berührten. Die Hände, die einst so sorgsam gepflegten rundlichen
Hände waren so mager, so durchsichtig mager geworden! Und dieser Anzug! eine
blaue Blouse anstatt des schwarzen Rockes, an dem kein Federchen geduldet wurde;
ein grobes, zerknittertes Hemd an ihm, der früher Luxus mit feinster,
blendendweisser Wäsche trieb! Auf dem Tisch ein abgetragener runder Filz und ein
Stock, der offenbar noch vor kurzer Zeit der integrirende Teil einer
Dornenhecke gewesen war, anstatt des sorgsam gebürsteten Pariser Hutes und des
Bambusrohres mit dem goldenen Knopf! - wenn solche Veränderungen mit dem äussern
Menschen vorgehen konnten, welche Revolutionen mussten in der Seele Tiefen
stattgefunden haben!
    Berger regte sich. Er hob die Stirn, schlug die Augen auf und blickte auf
Oswald. Die Augen waren tief und klar, und schienen grösser als sonst: kein
Zucken verriet Erstaunen, Verwunderung oder Schrecken über den unerwarteten
Anblick.
    Ich hatte so eben nur von Dir geträumt, Oswald! sagte er, sich erhebend, mit
einer leisen Stimme, von der alle frühere Schärfe und Kraft gewichen schien.
    Oswald konnte sich nicht länger beherrschen. Er schluchzte laut auf und warf
sich stürmisch in Bergers Arme. All das Leid, das er erlitten - erst jetzt, an
der Brust dieses Mannes glaubte er es wahrhaft zu fühlen; alle Tränen, die sein
Herz geblutet und sein Auge nicht geweint hatte, erst jetzt, in den Armen dieses
Mannes, der so viel erduldet, glaubte er sich ihrer nicht schämen zu dürfen.
    Berger hielt ihn mit den Armen umfangen, wie ein Vater den Sohn, der aus der
Ferne heimkehrt, in welcher er sich von Träbern nährte.
    Weine nur! sagte er, weine! In Tränen erleichtert sich das allzuvolle junge
Herz. Als ich jung war, wie Du, da habe ich geweint, wie Du - jetzt hat mein
Auge das Weinen verlernt.
    Berger, lieber, lieber Berger!
    Ich wusste, dass ich Dich so wiedersehen würde; ich habe Dich längst erwartet.
Ich dachte nicht, dass Du es in der öden Wüste auch nur so lange aushalten
würdest. Weine nur! die Tränen sind der Preis, um den wir unsere Seele
zurückkaufen aus dem kläglichen Handel, den wir eingingen, noch ehe wir wussten,
was wir taten. Bevor wir dem Dasein entsagen, müssen wir erkennen, dass es
besser ist, nicht da zu sein. Der Eine kommt früher zu dieser Einsicht, der
Andere später. Freue Dich, dass Du zu denen gehörst, die in der bitteren Qual der
Sansara schon einen Vorschmack des süssen Nirwana haben.
    Er liess Oswald aus seinen Armen und griff nach dem Hut und dem Stock auf dem
Tische.
    Komm! sagte er.
    Oswald war von dieser Scene so erschüttert, dass er nur an Bergers
wunderlichen Anzug dachte, um zu fühlen, dass es schlechterdings unmöglich sei,
diesem Manne von solchen Dingen zu sprechen. Er hätte eben so gern eine Mutter,
die über der Leiche ihres Kindes weint, an eine Nachlässigkeit der Toilette, an
eine Schleife, die sich verschoben, an ein Band, das aufgegangen ist, erinnert.
    Sie gingen durch die langen Corridore, die breite steinerne Treppe hinab zum
Hause hinaus. Als sie über den Hof schritten, kam der junge Mann, der auf der
Bank sass, und wiederholte die Frage, die er vorhin an Oswald gerichtet hatte:
    Ich habe gewiss die Ehre, mit dem Kaiser von Fez und Marokko zu sprechen.
    Nein, antwortete Berger; der Kaiser kommt nicht, verlassen Sie sich darauf!
    Kommt nicht? sagte der junge Mann, und sein bleiches Gesicht wurde noch
bleicher und seine Augen irrten unruhig umher: kommt nicht? woher wissen Sie
das?
    Weil, wenn er käme, es Dir nicht zum Glück, wie Du wähnst, sondern nur zu
Deinem gänzlichen Verderben gereichen würde. Warum willst Du, dass er kommt?
Damit er Dir Gold bringt, das Du verspielst, und Juwelen, die Du an Deine
Maitressen verschenkst; damit es Dir die Mittel zu einem Leben gewährt, dem
entronnen zu sein, Du Deinem Gott, wenn Du an einen Gott glaubst, auf den Knieen
danken müsstest. Was Du für einen Stern der Verheissung hältst, ist nur ein
Irrlicht auf dem Sumpfe. Trau seinem Schimmer nicht, er lockt Dich hierhin und
dortin und immer tiefer in den Morast. Kehr ihm entschlossen den Rücken zu!
Noch einmal sage ich Dir: der Kaiser kommt nicht, und es ist ein Glück für Dich,
dass er nicht kommt.
    Kennen Sie denn Se. Majestät so genau? stotterte der junge Mann.
    Sehr genau, sagte Berger, und ein eigentümliches Lächeln spielte auf seinem
Gesicht; sehr genau, nur zu genau. Auch mich hat Se. Majestät lange genasführt.
Ihnen verspricht er Geld und Gut, mir versprach er - es bleibt sich gleich, was;
und so verspricht er Jedem etwas Anderes, um Jeden zu narren und zu äffen. Die
Einsicht, dass es mit Sr. Majestät Versprechungen eitel Wind ist, das ist der
Weisheit Anfang - wie es denn auch ihr letzter Schluss ist.
    Diese Worte sprach Berger mit plötzlich abfallender Stimme, wie zu sich
selbst. Er achtete des jungen Mannes nicht weiter, der mit einem unbeschreiblich
traurigen Gesicht, den Hut in der Hand, dastand; auch Oswalds nicht, der
schweigend und durch die eben erlebte Scene auf's peinlichste berührt, neben ihm
her weiter schritt.
    Berger musste ahnen, was in der Seele seines Begleiters vorging, denn als sie
durch die Pforte, die ihnen ohne Weiteres geöffnet wurde, getreten waren und nun
auf der Landstrasse, die erst an dem Fluss entlang, dann über eine Brücke auf das
jenseitige Ufer und von dort höher und immer höher in die Berge führte,
dahinschritten, unterbrach er plötzlich das Schweigen und sagte:
    Du wunderst Dich, dass ich mit dem armen Schelm nicht glimpflicher verfuhr,
dass ich ihm seine wahnwitzigen Illusionen so grausam zerstörte. Diese scheinbare
Grausamkeit ist im Grunde Wohltat.
    Wer ist der Unglückliche?
    Ein Graf Maltan aus unserer Gegend. Er hat binnen wenigen Jahren ein
Vermögen von einer halben Million in sinnlosen Ausschweifungen durchgebracht.
Jetzt hofft und harrt er auf den fabelhaften Kaiser, der ihm wiederbringen soll,
was er verlor.
    Aber wenn der junge Mann dadurch, dass Sie ihm diesen einzigen letzten Trost
rauben, den schwachen Rest seines Verstandes vollends verliert -
    Du sprichst, wie Doctor Birkenhain. Ich muss lachen, wenn ich sehe, wie
dieser Mann in seinem blinden Optimismus sich gegen die Kraft, die den Menschen
unaufhaltsam zur Vernichtung treibt, stemmt, dem Kinde gleich, das einen Strom
mit seinen Händchen aufzuhalten versucht. Mein Studium hier besteht in der
Beobachtung dieses eigentümlichen Kampfes, der erhaben sein würde, wenn er
nicht lächerrlich wäre. Diese Aerzte tappen im Dunkeln, wie bei einem
Blindekuhspiel, und glauben die Krankheit zu curiren, wenn sie die Symptome
fortschaffen. Sie wissen nicht, sie ahnen nicht, dass eben das Leben selbst der
Schuh ist, der uns drückt, das Nessuskleid, das uns bei lebendigem Leibe
verbrennt; und dass diesen Schuh auszuziehen, dieses Kleid von sich zu streifen,
nicht nur das beste, sondern auch das einzige Mittel ist, der öden Qual des
Daseins zu entrinnen.
    Sie waren, von der Landstrasse abbiegend, auf eine Lichtung im Wald gelangt,
die mit Moos und Haidekraut dicht übersponnen war. Vor ihnen sah man über die
Wipfel der Tannen weg in die Ebene, aus der sie emporgestiegen waren und weit in
das Hügelland hinein; hinter ihnen zog sich der Wald bergauf höher und höher. -
Es war still, lautlos still um sie her. Lange weisse Fäden wehten durch die dünne
klare Luft. Die Blumen waren verschwunden; die Vögel hatten ihre Lieder, die
Cicaden ihr Schwirren verlernt; der Sommer war todt und die Natur sass in stummen
Schmerz an seiner Leiche. Selbst der herbstliche Sonnenschein war wehmütig, wie
einer Wittwe Lächeln; das Blau des Himmels matt und krankhaft, wie einer
Trauernden verweintes Auge.
    Berger hatte sich auf einen niedrigen Baumstumpf gesetzt, Oswald sich neben
ihn in das dichte Haidekraut gelagert. In dieser Waldesstille, die ihn so
lebhaft an die Forsten von Grenwitz und Berkow und an die schmerzlich süssen
Tage, die er dort verlebt, erinnerte, überkam ihn jener Drang, sich
mitzuteilen, der uns in manchen Momenten mit unwiderstehlicher Heftigkeit
befällt. Wie es den katolischen Christen treibt, die tiefverborgenen
Geheimnisse seiner Brust dem Priester, seinem personificirten Gewissen, in's Ohr
zu murmeln, so trieb es Oswald, dem unglücklichen Mann an seiner Seite, in
welchem er von Anfang an sein zweites Ich erkannt hatte, Alles zu beichten, was
er erlebt, erstrebt, gefehlt und gesündigt hatte in dieser letzten, für ihn so
ereignissreichen, verhängnisvollen Zeit. Er dachte nicht an Doctor Birkenhains
Weisung, Berger auf jede Art für sein Schicksal zu interessiren und dem Kranken
gegenüber die Rolle eines Arztes zu spielen. War er doch selbst so krank! Aber,
wie es auch in seinem Herzen wühlte, - der Mann an seiner Seite hatte
Schlimmeres erduldet; was er sich selbst kaum zu gestehen wagte - ihm, dem
Manne, der gesenkten Hauptes in dem dunklen Labyrint der Seele umherwanderte
und keinen Weg zum Licht des Tages zu finden wusste - ihm durfte er Alles, Alles
sagen. Und, stockend im Anfang, und dann immer lebhafter, leidenschaftlicher
erzählte er ihm, was er zu erzählen hatte: seine Liebe zu Melitta, seine Liebe
zu Helenen, seine Freundschaft für Bruno; und wie ihm die Eifersucht und der
Wankelmut des Herzens jene, und die Verkettung der Umstände diese und der Tod
den herrlichen Knaben geraubt hatten.
    Berger hatte, das Kinn in die Hand stützend und mit grossen Augen unablässig
in die Ferne blickend, ohne Oswald auch nur einmal zu unterbrechen, schweigend
zugehört. Endlich, als der junge Mann mit der schmerzlichen Klage: Warum haben
Sie mich in dieses Wirrsal geschickt? warum haben Sie mich so lange in der Irre
gelassen? schloss, erhob er das Haupt, wandte die Augen auf ihn und sagte langsam
und bedächtig:
    Weil Du auch dies erfahren musstest, weil Du, als Du in Grünwald bei mir
warst, noch immer an die grosse Lüge, die wir Leben nennen, glaubtest, weil der
Trotz, mit dem Du diese Lüge bejahtest, gebrochen werden musste. Ich habe Dich
den kürzesten und sichersten Weg zur Erkenntnis geführt. Ich wusste, dass Du Dich
blenden lassen würdest von der trügerischen Spiegelung, dass Du mit pochendem
Herzen, mit lechzender Zunge durch den öden, heissen Sand eilen würdest, weiter,
unaufhaltsam weiter, nach dem blauen See mit dem waldbekränzten Ufer, der sich
vor Dir zurückzog in demselben Masse, in welchem Du Dich ihm zu nähern glaubtest,
bis Du endlich, in Deiner Qual Dir und Deinem Dasein fluchend, zusammenbrechen
würdest. Freue Dich! Du hast es überstanden, und in eben so viel Wochen, als ich
dazu Jahre brauchte, den ersten, den schwersten Cursus durchgemacht: Du hast die
Augen aufgeschlagen und angesehen, was da war, und siehe! es war nicht gut! Dir
ist der Wert des Lebens, der Zweck des Lebens problematisch geworden: Du hast
angefangen zu begreifen, dass es mit jener Behauptung schaler Optimisten: das
Leben sei des Lebens Zweck, wohl schwerlich seine Richtigkeit haben dürfte, -
man müsste denn seine Beruhigung in dem Erstreben eines Zieles finden, das sich
nie erreichen lässt, oder das, wenn es in jedem Augenblick erreicht wird, in
keinem Augenblick erreicht zu werden verdient. Du hast gesehen, dass Lug und Trug
und Dummheit und Gemeinheit sich in Wahrheit, Ehrlichkeit, Weisheit und Hoheit
unauflöslich verweben. Diese Erkenntnis, die nur den stumpfsinnigen Sklaven kalt
lässt, der die Peitschenhiebe seines Treibers grinsend entgegennimmt, edle Seelen
aber zum Tode betrübt, ist der Anfang der Weisheit, ist die Vorhalle zum grossen
Geheimnis.
    Und das grosse Geheimnis?
    Berger antwortete nicht; er schaute wieder mit jenem trüben starren Blick in
die Ferne. Oswald wagte nicht, seine Frage zu wiederholen.
    Tiefe Stille rings umher! Still flossen die feinen Sommerfäden durch die
helle Luft; still wob der Abendsonnenschein sein goldenes Netz über das
Haidekraut des Bodens und die dunkelgrünen Wipfel der Tannen.
    So sassen sie stumm nebeneinander - stumm und traurig, wie zwei im Walde
verirrte Kinder. Aber während der Mann, der mit dem Leben abgeschlossen, dem es
fürchterlicher Ernst war mit seiner Weltverachtung, sich widerstandslos tiefer
und tiefer in den Abgrund seiner Schmerzen sinken liess, kämpfte die junge
ungebrochene Lebenskraft in dem Andern gewaltsam hinauf zur Luft und zum Licht.
    Was ist es, das sich in mir in diesem Augenblicke, wo ich es am wenigsten
erwartete, gegen Ihre herbe Weisheit auflehnt? fragte er, zu Berger aufschauend.
Mein Verstand sagt mir, dass Sie recht haben; aber - mein Auge trinkt den Zauber
dieser abendlichen Landschaft, trinkt ihn bis in's Herz hinein und in meinem
Herzen flüstert eine Stimme: Die Welt ist so schön, so schön! und wenn auch das
Leben Dir Bitternisse ohne Zahl zu kosten gibt, doch ist es süss - sagen Sie,
Berger, haben Sie je geliebt mit aller Kraft der Seele? und kann die Liebe
sterben, wie der Sommer und die Blumen und der warme Sonnenschein?
    Berger lächelte - es war ein sonderbares, unheimliches Lächeln.
    Ob ich geliebt habe?
    Er senkte den Blick und hob mit seinem Stabe von der Moosdecke zu seinen
Füssen ein Stück ab.
    Was frommt es, sagte er, den Schleier heben, den so viele Jahre über die
Vergangenheit breiteten? Du siehst, was drunter ist, ist Moder und Verwesung.
    Und doch, sagte er nach einer Pause, es ist gut, wenn Du auch das erfährst.
Höre!
    Es sind jetzt dreissig Jahre her - ich stand damals in Deinem Alter, aber
ohne Deine Erfahrungen gemacht zu haben, in frischer ungebrochener Kraft mich an
das Leben klammernd, das mir süss und köstlich schien, wie eine liebe Braut. Wenn
je ein Mensch geschwärmt hat für Freiheit und Schönheit, für all die bunten
Phantasmagorien, mit welchen der blinde Drang, der uns in's Dasein rief, sich
selbst zu beschönigen und die jämmerliche Hohlheit des Daseins zu verdecken
sucht - wenn je ein Mensch für die blutlosen Schemen, die man Ideale nennt -
begeistert war - so bin ich es gewesen. Ich glaubte, Tor, der ich war, dass die
ewige Seligkeit schon hier auf Erden erreicht sei, überall, wo im freien Lande
freie Menschen wohnten. Ich glaubte an ein Vaterland und habe auf den
Schlachtfeldern von Leipzig und Waterloo mit meinem Blute meinen Glauben
besiegelt. Ich kam zurück, voll des heissen Dranges, das angefangene Werk zu
vollenden. Aber ehe ich daran gehen konnte, die Wunden, die der Krieg dem
Vaterlande geschlagen, zu heilen, musste ich an die Heilung meiner eigenen Wunden
denken. Man schickte den Reconvalescenten nach Fichtenau.
    Damals sah es noch anders aus in Fichtenau. Es existirte noch kein Curhaus
und keine Heilanstalt für Geisteskranke - nichts desto weniger wurde der Ort
nicht leer von Fremden, denn der poetische Nimbus, den die grossen Männer von
Weimar über diese Täler ausbreiteten, lockte die Menge. Ich hielt mich fern von
ihr, und lebte einzig meiner Gesundheit meinen Studien.
    Ich wohnte in dem Hause eines alten Rectors, mit dem ich bekannt geworden
war und dessen Freundschaft ich cultivirte, weil er eine verhältnissmässig grosse
Bibliotek besass und Bücher dazumal, und besonders in diesem Winkel nicht so
leicht zu haben waren wie jetzt. Aber der alte Rector besass ausser seiner
Bibliotek noch einen andern Schatz - eine wunderschöne Tochter. Die Tochter
wurde mir bald interessanter, als die Bibliotek. Du hast mich gefragt, ob ich
je geliebt mit aller Kraft der Seele. Wenn Du Eleonoren gekannt hättest und
wüsstest, wie voll und mächtig damals mein Herz schlug - Du würdest nicht haben
zu fragen brauchen.
    Es war ein Sommertag - ein paradiesisch schöner Sommertag. Wir waren nach
Tische in den Wald gezogen - eine bunte Gesellschaft - jung und alt. Wir
lagerten uns in dem Schatten der Tannen auf das schwellende Moos. Wir scherzten
und lachten - ich auch, obgleich es mir gar nicht nach Scherz und Lachen zu
Mute war. Wie mein Auge an ihrer reizenden Gestalt hing, während sie in der
Gesellschaft mit schalkhafter Anmut die Honneurs machte; wie mein Ohr den Ton
ihrer silberklaren süssen Stimme trank! Es war das alte Sirenenlied, das schon
vor tausend und tausend Jahren erklungen ist, und nach tausend und tausend
Jahren noch immer erklingen wird - bis die Zeit erfüllet ist.
    Nach dem Kaffee schweiften wir durch den Wald; gruppenweis, paarweis, wie
der Zufall und die Laune es wollten. Ich war Eleonoren gefolgt, die sich einen
Strauss von Waldblumen pflückte - ich half ihr, obgleich ich nicht viel von
dergleichen verstand und wegen meiner Wahl von dem neckischen Mädchen ausgelacht
wurde. Aber sie wurde stiller und stiller, je tiefer wir in den Wald gerieten
und je weiter wir uns von den Andern entfernten. Je stiller und ängstlicher sie
wurde, desto lebhafter und kühner wurde ich. Ihre Schweigsamkeit und ihre Röte
auf den Wangen verrieten mir, was ich im Stillen gewünscht, vom Himmel in
heissen Gebeten erfleht und doch nicht zu hoffen gewagt hatte.
    Da traten wir heraus auf diese Lichtung. Dieselben Berge, die dort vor uns
liegen, blauten herüber, und dieselbe Sonne, die dort vom Himmel blickt, goss ihr
blendendes Licht verschwenderisch auf uns hernieder. Und das goldene Licht
glänzte auf ihrem dunklen lockigen Haar und leuchtete auf ihren weissen runden
Schultern - und hier auf dieser selben Stelle sind wir uns in die Arme gesunken
und haben uns unter heissen Tränen ewige Liebe und Treue geschworen.
    Der Stumpf, auf dem ich hier sitze, war damals eine junge schlanke, kräftige
Tanne, und ich war jung und schlank und voll übermütiger Kraft. Der Baum ist
umgehauen und in's Feuer geworfen; ich - ich bin geworden, was ich bin.
    Berger schwieg und wühlte mit seinem Stabe in dem Moose zu seinen Füssen.
Oswald schaute voll Ehrfurcht auf den unglücklichen Mann; aber er wagte nicht,
zu sprechen, ja nicht einmal Bergers herabhängende Hand zu ergreifen. Auf
Bergers Gesicht lag eine hehre Ruhe; keine Miene verriet, was in diesem
Augenblick in seinem Herzen vorging; aber er sah nicht aus wie Einer, der
Mitleid heischt und Mitleid erwartet.
    Nicht auf einmal, fuhr er plötzlich fort; die Kraft in mir war gross und
konnte nur allmälig gebrochen werden. - Ich sprach, als wir nach Hause gekommen
waren, mit dem Alten; er hatte mich lieb und freute sich von Herzen unsrer
Liebe. Wenige Tage darauf ging ich auf die Universität zurück, um meine Studien,
die der Krieg unterbrochen hatte, wieder aufzunehmen. Ich studirte mit einem
eisernen Fleiss, denn mein Wissensdurst war nicht minder gross, als mein Wunsch,
sobald als möglich in den Stand gesetzt zu werden, Eleonoren als meine Gattin
heimführen zu können. Ich kam deshalb nur selten und nur auf kurze Zeit nach
Fichtenau, um mich in Eleonorens Liebe zu sonnen und mit neuem Mut und neuen
Kräften zu meinen Arbeiten zurückzukehren. Aber ich hatte noch eine andere
Geliebte, die ich mit nicht geringer Schwärmerei anbetete - die Freiheit. Ich
teilte diese Leidenschaft mit vielen andern edlen Jünglingen. Wir wollten unser
Blut auf so viel Schlachtfeldern nicht umsonst vergossen haben; wir wollten
nicht, nachdem wir den einen Löwen glücklich gebändigt, so vielen Schakalen und
Wölfen zur Beute fallen. Aber die Schakale waren auf ihrer Hut und die Wölfe
brachen in unsre Hürde.
    Ich bekleidete seit einem Jahr ein kleines Schulamt in der Provinz; ich
hatte Alles zu meiner Hochzeit vorbereitet - der Termin war festgesetzt; ich
zählte die Tage und die Stunden, - da werde ich eines Nachts von Bewaffneten aus
dem Bette geholt. Meine Papiere wurden versiegelt - und die nächste Nacht
schlief ich in der Casematte einer Festung.
    Oder vielmehr: ich schlief nicht; ich tobte, ich ras'the, ich rang mir die
Hände an den Gittern meines Käfigs blutig. Nach und nach tröstete ich mich mit
der Hoffnung, dass diese Gefangenschaft nicht lange dauern könne, und Eleonore -
nun! sie würde dies bittre Loos ertragen wie eine Heldin. Ein zweiter Egmont sah
ich die Freiheit und die Geliebte nur in einem Bilde. Durch Nacht zum Licht!
Durch Kampf zum Sieg! Das war der Zauberspruch, mit dem ich das schlangenhaarige
Scheusal Verzweiflung, wenn es sich an mich drängen und seine Tatzen in mein
Herz schlagen wollte, zurückzuscheuchen suchte. Der Zauberspruch sollte Zeit
haben, seine Kraft zu erproben - ich blieb fünf Jahre lang ein Gefangener.
    Wohl war während dieser Zeit, die ich nach dem Schlag des Herzens und dem
Fall der Tropfen mass, die von der feuchten Decke des Kerkers sickerten, mein
Glaube an die vermeintliche Göttlichkeit der Weltordnung arg erschüttert worden
- aber, ich sagte Dir, meine Lebenskraft war gross und mein Wille zum Leben
übermächtig. Ich hatte in den stillen öden Nächten, wo ich mich ruhelos auf
meinem harten Lager wälzte, wohl das grosse Wort, das uns erlöst, vernommen, aber
ich hatte es nur halb und nicht einmal halb verstanden. Ich hatte es in der
langen Lehrzeit eben erst zu buchstabiren begonnen; das Leben sollte mich noch
in seine harte Schule nehmen, bevor ich es fliessend lesen lernte.
    Ich war kaum aus meiner Haft entlassen, als ich - Du kannst Dir denken, mit
welchen Gefühlen - hierher nach Fichtenau eilte. Ich hatte im Anfange meiner
Gefangenschaft einen und den andern Brief von Leonore erhalten, in welchem sie
mich zur Standhaftigkeit, zum Ausharren beschwor, bei demselben Gott, zu dem sie
allstündlich ihre Gebete um meine Freiheit sende. Diese Briefe waren seltener
geworden, bis sie nach zwei Jahren ungefähr ganz ausblieben. Das war mir das
Schmerzlichste; aber ich glaubte stets, dass nur die Grausamkeit meiner
Kerkermeister mir diese Labetropfen versage, und biss die Zähne zusammen und
fluchte meinen Peinigern.
    Ich hatte den Leuten Unrecht getan.
    Tief in der Nacht kam ich nach Fichtenau. Ich fuhr direct nach dem
wohlbekannten Hause, ich sprang aus dem Wagen, ich riss an der Klingel. Da
öffnete sich oben ein Fenster, ein altes Weib schaute heraus und fragte nach
meinem Begehr. Ich fragte nach dem Rector. Der ist seit drei Jahren todt, war
die mürrische Antwort. Und wo ist seine Tochter? Da müssen Sie den vornehmen
Herrn fragen, der mit ihr vor drei Jahren davongelaufen ist; sagte das Weib und
warf das Fenster zu.
    Ich stand wie vom Donner gerührt. Dann lachte ich laut auf, aber ich
verstummte plötzlich vor einem stechenden Schmerz in meinem Herzen, denn, Oswald
- ich hatte Eleonore geliebt.
    Wie ich in den Gastof gekommen bin, weiss ich nicht. In der Nacht schreckte
ich die guten Leute durch wildes Gelächter und wahnsinniges Toben aus dem Schlaf
- sie brachen in meine verschlossene Stube - ich lag im Delirium. Die Kerkerluft
hatte an meinen Nerven gezehrt und der fürchterliche Schlag, der mich so
unvorbereitet getroffen, das morsche Gebäude ganz erschüttert. Ich rang vier
Wochen lang mit dem Tode, aber ich klammerte mich zu fest an das Leben und der
Tod liess seine Beute fahren. Wohl mir! der Tod wäre nicht der rechte Tod
gewesen; er hätte mich dem Leben wieder ausgeliefert. Wenn ich jetzt sterbe, so
sterbe ich für immer.
    Ein Schauer durchrieselte Oswald. Was bedeuteten diese mystischen Worte: für
immer sterben? entielten sie das grosse Geheimnis, von dem ihn jetzt noch ein
dichter Vorhang trennte?
    Meine Reconvalescenz, fuhr Berger fort, dauerte lange, denn meine Kräfte
waren bis auf's äusserste erschöpft worden. Ich schlich an einem Stabe durch die
Gassen des Städtchens, und freute mich, wenn ich jeden Tag ein paar Fuss höher
bergan steigen konnte, bis ich es endlich so weit gebracht hatte, dass ich diesen
Platz hier erreichte - den Zeugen eines Schwures, der, wie ich erwähnte, für die
Ewigkeit geschworen war, und der verweht war, wie der Hauch des Mundes. Hierher
kam ich jeden Tag, um über mein verlornes Glück zu weinen und mit dem Himmel zu
hadern, der seine Sonne scheinen lässt über die Ungerechten, und auf Gerechte
seine Blitze schleudert. Denn ich war, wie Lear, ein Mann, an dem mehr gesündigt
war, als er sündigte. Ich hatte es treu und gut gemeint mit Allem, was ich
erstrebt und gewollt im Leben. Ich hatte mein Vaterland geliebt, wie ein Kind
die Eltern liebt, mit gläubiger Seele - und zum Dank dafür hatte es mich fünf
Jahre im Kerker schmachten lassen; ich hatte Eleonore angebetet mit jedem
Blutstropfen meines Herzens - und zum Lohn dafür hatte sie mich verraten. Ich
hatte bis zu diesem Augenblicke so gelebt, dass ich hintreten konnte vor alle
Welt und sprechen: wer kann mich einer Sünde zeihen - und doch! und doch! Ich
marterte mein Hirn mit dem Versuch der Lösung dieser Widersprüche ab. Ich hatte
noch immer nicht begriffen, dass das Leben selbst die grosse Sünde ist, aus der
alle andern mit derselben Notwendigkeit fliessen, mit welcher der Stein, der
einmal in Bewegung gesetzt ist, unaufhaltsam in den Abgrund rollt. Aber so viel
wurde mir doch klar, dass es kein Gott der Liebe sein kann, der eine Welt erschuf
und schafft, in welcher die Sünden der Väter an den Kindern und Kindeskindern
heimgesucht werden, eine Welt, die überall nach dem jesuitischen Grundsatz
regiert wird, dass der Zweck die scheusslichsten Mittel heiligt. Ich hatte bis
jetzt an den Dingen und Menschen nur überall die gute Seite aufgesucht, jetzt
hatte das Leid, das mich selbst betroffen, mein Auge aufgetan für die Leiden
aller Kreaturen. Ich dachte jetzt daran, dass auf jedem Blatte der Geschichte
eine Schaudertat verzeichnet steht, vor der sich unser Haar sträubt und unser
Blut gerinnt; ich dachte daran, dass in jedem Menschenherzen eine dunkle Stelle
ist, an der er verhüllten Angesichts vorüberschreitet; dass noch kein Mensch das
Licht erblickte, für den nicht eine Stunde kam, in welcher er wünschte, er wäre
nicht geboren; ich dachte daran, dass das Leben unzähliger Menschen nichts weiter
als ein verzweifelter Kampf mit der grimmen Not ist; dass Krankheit und Sünde
und Reue und Sorge - die trefflichen Minirer - unser Leben aushöhlen, wie die
Maden die Frucht; dass unsre beste Freude ein Tanz über Gräbern ist und dass, wenn
das Leben wirklich köstlich war, der unerbittliche Tod ein Spott und ein Hohn
ist für dies köstliche Leben. - Und ich sah mich um in der Natur, aus der die
Poeten eine Idylle machen, und sah, dass sie entweder todt und fühllos ist, oder,
wo sie lebt und fühlt, das blutige Drama des menschlichen Daseins nur in
roherer, nackterer Form wiederholt. Ich sah, dass die einzelnen Geschlechter der
Tiere in grimmiger, unversöhnlicher, von keinem Gottesfrieden unterbrochener
Fehde begriffen sind und dass ihre Kriege mit einer brutalen Grausamkeit geführt
werden, neben der sich manchmal die raffinirtesten Martern der Inquisition noch
sehr unschuldig ausnehmen.
    Und während ich so Stück für Stück die bunten Lappen, mit denen die Feigheit
und der Aberwitz die Wunden und Pestbeulen des Lebens zu verhüllen sucht, abriss,
erwachte in mir ein Gefühl, das meinem Herzen bis dahin fremd gewesen war, der
Hass. Es war nur die Liebe in anderer Form, trotzdem ich mir einredete, ich hätte
die Treulose vergessen; es war nur ein anderer Ausdruck der Bejahung des Lebens,
von dem ich noch immer nicht lassen konnte, trotzdem ich mir einbildete, ich
hätte mit dem Leben abgeschlossen. Wenn man das Leben wirklich verneint, so weiss
man nichts mehr von Hass und Liebe.
    Damals aber hasste ich, heiss, wie ich geliebt hatte. Mein ganzes Sinnen und
Trachten concentrirte sich bald in dem einen glühenden Wunsch der Rache. Rache!
Rache! an ihm, an ihr! so schrie eine Stimme in mir, die nicht zum Schweigen zu
bringen war.
    In Fichtenau kannte man mein Schicksal und interessirte sich dafür mit jener
wohlfeilen Sympatie, die sich von der Skandalsucht und der Schadenfreude
freihalten lässt. Man erzählte mir, ohne dass ich darum fragte, Alles, was man von
Eleonorens Flucht wusste.
    Um dieselbe Zeit, als ihre Briefe ausblieben, war ein junger polnischer Graf
nach Fichtenau gekommen und hatte bei dem alten Rector die Wohnung bezogen, die
ich früher gehabt hatte. Das ganze Städtchen war bald voll gewesen von seiner
Schönheit und seinem Reichtum. Man hatte Eleonoren mit einem so gefährlichen
Hausgenossen geneckt; sie hatte dergleichen Scherze ihrer Freundinnen mit grosser
Indignation zurückgewiesen. Bald aber sagte man ihr nicht mehr in's Gesicht, was
man von ihrem Verhältnis mit dem jungen Grafen dachte, sondern tuschelte sich
nur in die Ohren, dass man sie da und da des Abends spät mit ihm gesehen habe;
dass die goldene Kette, die sie auf einmal trage, auch wohl nicht aus dem Nachlass
ihrer Mutter sei. Und dann kam ein Tag, wo man sich nicht mehr in's Ohr
tuschelte, sondern laut auf der Strasse erzählte: des Rectors Eleonore sei über
Nacht mit dem schönen Grafen davongegangen und der alte Mann, ihr Vater, der so
schon lange gekränkelt, sei über diese Nachricht so erschrocken, dass er auf den
Tod liege. Wirklich war der Alte ein paar Tage später gestorben. Von Eleonoren
hatte man seitdem nichts gehört.
    Glücklicherweise wusste man auch den Namen des Grafen, und mehr bedurfte ich
nicht, um den Racheplan, den ich entworfen, auszuführen. Ich nahm den kleinen
Rest meines Vermögens und machte mich auf die Reise. Zuerst nach Warschau. Dort
kannte man den Grafen recht gut; es war ein junger Wüstling, der aus der
Verführung von Frauen und Mädchen ein Gewerbe machte. Ein bekannter wollte ihn
vor zwei Jahren mit einem schönen Mädchen, das nach der Beschreibung Eleonore
sein musste, in Venedig gesehen haben.
    Ich reiste nach Venedig. Dort erinnerte man sich seiner wohl; er hatte zwei
Monate daselbst gelebt und war dann nach Mailand gegangen. Von Mailand schickte
man mich nach Rom. Dort traf ich einen Jugendfreund, einen Maler. Er hatte den
Grafen und Eleonore oft gesehen und das unglückliche Mädchen bedauert, noch ehe
er wusste, in welchem Verhältnis ich zu ihr stand. Er erzählte mir, dass der Graf
sie sehr schlecht behandelt habe, dass er sie Jedem lachend angeboten habe, mit
dem Bemerken, man könne ihm keinen grössern Freundschaftsdienst bezeigen, als
wenn man ihn von dieser Last befreie. - Hier stockte der Maler und wollte nicht
weiter berichten. Ich beschwor ihn, mir Alles zu sagen; ich sei auf das
Schlimmste gefasst. Endlich teilte er mir denn mit, dass sich zuletzt wirklich
ein Nachfolger des Grafen in der Person eines französischen Marquis, zum
mindesten eines soi-disant Marquis, gefunden habe, der mit Eleonoren nach Paris
gegangen sei. Das sei vor ungefähr einem Jahre geschehen. Der Graf halte sich
jetzt, so viel er wisse, in Neapel auf.
    Ich ging nach Neapel, mit meinem Freund, dem Maler. Ich hatte ihm
mitgeteilt, dass ich an dem Grafen Rache nehmen wolle. Er meinte, das werde mir
sehr schwer fallen, denn der Graf sie ebenso mutig und verschlagen, als er
wollüstig und grausam sei. Da ich aber auf meinem Vorsatz bestand, so erbot er
sich, mich zu begleiten. Ich nahm diesen Freundschaftsdienst an, denn der Maler
hatte viele Verbindungen mit dem Adel und konnte mich in die Kreise einführen,
in denen sich mein Feind bewegte und die mir sonst verschlossen oder doch schwer
zugänglich gewesen wären.
    Wir kamen nach Neapel. Der Graf war noch da, der verhätschelte Liebling der
Frauen und der Schrecken der Väter und Ehemänner. Dem Maler gelang es ohne Mühe,
mich einzuführen. Ich besuchte jede Gesellschaft, um mit dem Grafen
zusammentreffen, was bisher der Zufall noch immer verhindert hatte. Endlich traf
ich ihn in einer grossen Soirée bei dem russischen Gesandten. Ich sah ihn in dem
ganzen Glanze seiner wirklich herrlichen Schönheit und mit dem Zauber seiner
chevaleresken Anmut in einer Gruppe von Herren und Damen. Ich trat an der Hand
des Malers mitten in diese Gruppe hinein.
    Herr Graf, sagte der Maler. Der Doctor Berger aus Fichtenau wünscht Ihre
Bekanntschaft zu machen; erlauben Sie, dass ich Ihnen denselben vorstelle.
    Bei dem Worte Fichtenau wurde der Graf bleich und verlor die Fassung so, dass
es allen Herumstehenden auffiel.
    Ich will Sie nicht lange aufhalten, Herr Graf, sagte ich vortretend. Ich
wünsche nur von Ihnen den augenblicklichen Aufentaltsort der jungen Dame zu
wissen, die Sie vor drei Jahren aus ihrem väterlichen Hause entführten und
zuletzt in Rom an einen französischen Schwindler verkuppelten.
    Ich sprach diese Worte ruhig, langsam, jede Silbe abwägend. Meine Stimme
beherrschte den ganzen Salon, denn es war nach meinen ersten Worten so still
geworden, dass man eine Nadel hätte fallen hören.
    Der Graf war noch bleicher geworden, aber er fasste sich alsbald wieder und
sagte:
    Und was gibt Ihnen das Recht zu dieser Frage, für die Sie in der Tat die
Zeit und den Ort äusserst schicklich gewählt haben?
    Ich hatte das Unglück, der Verlobte der jungen Dame zu sein.
    Und wenn ich Ihnen die erwünschte Auskunft verweigere?
    So erkläre ich Sie vor diesen Damen und Herren für das, was Sie vom Wirbel
bis zur Sohle sind: ein gemeiner Schurke.
    Bei diesen Worten schleuderte ich ihm meinen Handschuh in's Gesicht und
verliess, nachdem ich mich in kurzen Worten bei den Versammelten für die von mir
provocirte Scene entschuldigt, vom Maler begleitet, die Gesellschaft.
    Eine Beleidigung der Art konnte nach der Anschauung der Welt, in welcher der
Graf lebte, nur mit Blut gesühnt werden, um so mehr als ich, um dem Aristokraten
jede Ausflucht zu versperren, in meiner Officiers-Uniform in der Gesellschaft
erschienen war und der sehr geachtete Name des Malers mich vor dem Verdacht, ein
blosser Abenteurer zu sein, schützte. Ueberdies hatte sich der Graf durch die
Gunst, in welcher er bei der Damenwelt stand, in der Männerwelt so verhasst
gemacht, dass ihm Jeder die von mir widerfahrene schmachvolle Behandlung gönnte
und er durch die Weigerung, sich mit mir zu schlagen, um den letzten Rest seines
Ansehens gekommen sein würde. Er hatte unter dem Achselzucken seiner wenigen
Freunde und dem offenen Hohnlächeln seiner zahlreichen Feinde gleich nach mir
die Gesellschaft verlassen, und schon eine Stunde darauf erhielt ich von ihm
eine Herausforderung auf den Morgen des folgenden Tages. Das war Alles, was ich
gewollt hatte; ich vernahm die Nachricht mit einer Art von Jubel; die wenigen
Stunden bis zu dem Augenblicke, wo ich den Räuber Eleonorens, den Mörder meines
Erdenglücks vor der Mündung meiner Pistole haben würde, erschienen mir eine
Ewigkeit. Ich konnte es in dem engen Zimmer unseres Hotels nicht aushalten; ich
musste das Rachefieber, das in mir brannte, in der balsamischen Nachtluft kühlen.
Mein Freund bat mich, von diesem Vorsatze abzustehen, da ich mich, wie er mit
ironischem Lächeln sagte, unter diesen Umständen bei einer nächtlichen Promenade
leicht auf den Tod erkälten könnte. Als ich heftig und aufgeregt, wie ich war,
auf meinem Wunsche bestand, begleitete er mich zwar, aber nicht, ohne sich und
mich vorher mit Dolchen bewaffnet zu haben.
    Ich sollte bald erfahren, wie viel gründlicher der Maler den Charakter
meines Feindes und die Art des Volkes, in welchem wir uns befanden, studirt
hatte; denn wir waren kaum ein paar hundert Schritte von unserm Hotel entfernt
und wollten eben durch eine Seitengasse auf die Toledostrasse biegen, als wir uns
von vier Männern, die plötzlich aus dem Schatten der Häuser heraustraten, mit
einer unglaublichen Wut angegriffen sahen. Glücklicherweise war der Maler ein
riesenstarker Mann und auch mir fehlte es weder an Kraft noch an
Geistesgegenwart. Die Mörder schienen auf einen so energischen Widerstand nicht
vorbereitet. Nach wenigen Augenblicken ergriffen sie die Flucht. Ich wollte
ihnen nachsetzen. Lass sie laufen, sagte der Maler, indem er seinen blutigen
Dolch abwischte; ich fürchte, ich habe den Einen von ihnen etwas zu tief
geritzt. Aber der Kerl liess es sich auch gar zu angelegen sein, die paar
Zechinen des Grafen redlich zu verdienen.
    Mir war die Lust, noch weiter zu promeniren, vergangen. Wir kehrten auf dem
nächsten Wege in unser Hotel zurück und erwarteten voll Ungeduld die bezeichnete
Stunde.
    Der Maler suchte mir zu beweisen, dass ich mich mit einem Menschen, der zum
Meuchelmord seine Zuflucht nehme, nicht schlagen könne, sondern ihn
niederschiessen müsse, wie einen tollen Hund; ich erwiderte ihm, dass ich durchaus
die letztere Absicht habe und das Duell für mich nichts weiter sei als eine
leere Form. Wir erzürnten uns beinahe bei diesem Disput.
    Ganz unnötiger Weise. Der Morgen kam, wir waren noch vor der Zeit auf dem
Platze; aber kein Gegner liess sich sehen. Endlich, nach einer Stunde, erschien
der Secundant des Grafen, ein junger italienischer Edelmann - bleich und
verstört. Er sagte uns, dass es ihm ausserordentlich leid tue, uns so lange haben
warten zu lassen, aber es sei nicht seine Schuld. Der Graf sei gestern Abend
spät, nachdem er - der Sprecher - ihn verlassen, noch einmal ausgegangen mit der
Weisung an seinen Kammerdiener, nicht bis zu seiner Rückkunft aufzubleiben.
Seitdem sei er spurlos verschwunden. Es sei die höchste Wahrscheinlichkeit, dass
ihn ein Unfall betroffen habe, denn dass ein Mann von der hohen
gesellschaftlichen Stellung des Grafen sich einem Duell durch die Flucht
entziehen sollte, sei eine Annahme, deren Lächerlichkeit auf der Hand liege.
    Der Maler erwiderte, dass wir Zeit zum Warten hätten, und dass aufgeschoben ja
darum noch nicht aufgehoben sei. Der Edelmann versprach uns sofort zu
benachrichtigen, sobald er etwas über das Verbleiben des Grafen in Erfahrung
gebracht haben würde.
    Aber der Graf blieb verschwunden, und ich musste zuletzt einem Verdachte
beipflichten, den der Maler schon am Abend des Zusammentreffens mit den
Meuchelmördern ausgesprochen hatte, nämlich, dass der Graf selbst bei dem
Attentat beteiligt und wahrscheinlich der von den Vieren gewesen sei, welcher
sich durch die Heftigkeit seines Angriffs vor den Andern so auszeichnete und in
Folge dessen von der starken Hand des Malers so empfindlich bestraft wurde.
Entweder war er in Folge der in dem Handgemenge erhaltenen Wunde gestorben,
oder, was grössere Wahrscheinlichkeit hatte, er war nur verwundet und hielt sich
verborgen, um den Erklärungen, wie er in diesen Zustand gekommen sei, zu
entgehen; den Nachforschungen der Polizei, die sich - wahrscheinlich auf Antrieb
der Feinde des Grafen - bei dieser Gelegenheit ausnahmsweise sehr tätig zeigte,
auszuweichen und endlich einem Gegner zu entrinnen, der gewisse Dinge, für die
man in seinen Kreisen nur ein frivoles Lächeln hatte, so plebejisch ernst nahm.
    Wie dem nun sein mochte: mein Gegner liess sich nicht wieder blicken und ich
musste, nachdem meine Angelegenheit vier Wochen lang das Tema aller Salons
gewesen war - denn die Sache hatte ungeheures Aufsehen gemacht - unverrichteter
Sache wieder von Neapel abreisen.
    Ich ging über Rom - wo ich von meinem Freunde Abschied nahm - nach Paris.
Hatte ich doch meine Aufgabe erst halb und kaum halb erfüllt! blieb mir doch
noch das Schwerste zu überstehen. Ich fürchtete mich, Eleonore wiederzusehen;
eben so sehr, als ich es wünschte. Du wirst mich fragen, wie ich noch dies
Interesse an einem Wesen nehmen konnte, das mit meinem Glück ein so frevelhaftes
Spiel getrieben und durch ihr Davonlaufen mit dem Franzosen den Rest der
Achtung, den ihr die Flucht mit dem Polen aus dem väterlichen Hause etwa noch
gelassen, vollends verscherzt hatte. Aber, ich sagte Dir: ich hatte Eleonoren
geliebt, mit einer glühenden, dämonischen Liebe, deren Feuer noch immer nicht
ausgebrannt war und ach! noch lange, lange, nachdem ihr Gegenstand schon
verzehrt, brennen sollte; und dann: ich wusste, dass Eleonore, mochte sie auch
noch so leichtsinnig gehandelt haben, im Grunde nicht unedel dachte, dass nur die
schrecklichste Not sie in Rom zum Verlassen des Mannes, welchem sie
ursprünglich hierher aus Liebe folgte, gezwungen haben konnte und vor Allem, dass
sie jetzt, im Falle sie ja noch lebte, sicherlich grenzenlos unglücklich war.
    Ich kam in Paris an. Ich kannte die Stadt sehr gut, denn ich hatte ihr schon
zweimal in Begleitung vieler Tausende bewaffneter Reisegefährten einen Besuch
abgestattet. Ueberdies war ich mit Empfehlungsbriefen des Malers und vornehmer
Franzosen und Italiener, deren Bekanntschaft ich in Neapel gemacht hatte, wohl
versehen. Eine kurze Nachforschung bestätigte den gleich zu Anfang von dem Maler
gehegten Verdacht, dass der Marquis, der Eleonoren aus Rom entführte, ein
Charlatan gewesen sei. Ein Marquis solches Namens existirte nicht, hatte nie
existirt, jedenfalls nicht im Faubourg St. Germain. Ich musste meine
Nachforschungen anderen weniger aristokratischen Quartieren zuwenden.
    Auf meinen Kreuz- und Querzügen war ein Franzose, ein junger Gelehrter,
dessen Bekanntschaft ich schon früher gemacht hatte, mein beständiger treuer
Begleiter. Es war ein liebenswürdiger Mensch, der mir sehr zugetan war und sein
Leben hindurch mein treuer Freund geblieben ist. Ich hatte ihm, wie ich wohl
nicht anders konnte, meine traurige Geschichte erzählt; und er, der mir an
Welterfahrung, besonders Erfahrung der kleinen Welt Paris weit überlegen war,
hatte mich zuerst auf den Gedanken gebracht, Eleonoren im Quartier Latin und in
anderen noch geringeren Quartieren zu suchen. Paris, sagte der Franzose, ist ein
Ort, wo Menschen und Dinge selten lange denselben Wert behalten; sie steigen
oder fallen im Preise mit ungeheurer Geschwindigkeit. Während des einen Jahres
können sehr traurige Metamorphosen mit dem armen Mädchen vorgegangen sein. Hat
sie sich nicht das Leben genommen - und dieser Fall ist nicht wahrscheinlich,
weil sie sich schon in Rom getödtet haben würde, wenn sie zum Sterben Mut hätte
- so ist sie jedenfalls tief gesunken. Ich sage Ihnen: machen Sie sich auf das
Schlimmste gefasst.
    Du kannst Dir denken, wie mein Herz bei solchen Worten, deren Richtigkeit
ich nur zu gut erkannte, bluten musste. Mir war zu Mute, wie einem Manne, der
auf einem See nach der Leiche seines ertrunkenen Kindes fischt.
    Eines Abends, als wir ziellos durch eine der belebtesten Vorstädte irrten,
überraschte mich mein Begleiter durch die Frage: Hatte Eleonore Talent zum
Tanzen? Auf meine Erwiderung, dass sie stets eine Meisterin in dieser Kunst
gewesen sei, sagte er: Wir hätten eher daran denken sollen. Sonderbar, dass es
mir nicht eingefallen ist, danach zu fragen. Er war von dem Gedanken, der ihm
plötzlich durch den Kopf geschossen war, so erfüllt, dass er mich nicht einmal
einer Antwort würdigte, als ich zu wissen verlangte, was denn die Tanzkunst mit
unserer Angelegenheit zu tun habe? Er rief einen Fiaker an. Wir fuhren wieder
in die Stadt zurück. Wir stiegen aus. Es war eines jener Tanzlocale, die in
Paris damals nicht so glänzend wie heute, aber nicht weniger häufig und nicht
weniger besucht waren. Sehen Sie sich um, ob Sie Eleonore entdecken können. Wir
durchsuchten den Saal, Eleonore war nicht da. So lassen Sie uns weiter. Wir
fuhren nach einem zweiten Local; und als unsere Nachforschungen auch dort
fruchtlos waren, nach einem dritten und vierten. Ebenso vergebens. Ich war von
den wüsten Scenen, die ich gesehen, von dem Staub und der Hitze, die in diesen
überfüllten Sälen herrschte, von der Anstrengung, aus so vielen Personen, die
fortwährend den Ort verändern, eine bestimmte herauszufinden, durch die
Aufregung des Suchens und die Angst, zu finden, was ich suchte, so angegriffen,
dass ich meinen Begleiter bat, für heute wenigstens die nutzlose Jagd aufzugeben.
Nur noch ein einziges Local, erwiderte er; ich habe es mit Willen bis zuletzt
aufgespart, weil die Wahrscheinlichkeit, sie dort zu finden, freilich sehr gross,
aber auch sehr schrecklich ist. Wie meinen Sie das? Die Locale, die Sie bis
jetzt gesehen haben, erwiderte der Franzose, erfreuen sich, obgleich es schon
schlimm genug darin hergeht, noch einer gewissen Ehrbarkeit. Das Publicum ist
über die Massen leichtsinnig, übermütig, frivol, aber mit wenigen Ausnahmen
nicht eigentlich verderbt. Es sind Etudiants mit ihren »Frauen«, Commis mit
ihren Grisetten, der bessere Ouvrier, der sich mit seinem Mädchen einen guten
Tag machen will. Die Gesellschaft, in die ich Sie jetzt führen werde, ist
eleganter, aber bei weitem nicht so harmlos. Es ist ein Haus, das besonders von
jungen vornehmen Wüstlingen aus den aristokratischen Quartieren, die sich für
die in den Salons ausgestandene Langweile entschädigen wollen, von Ausländern,
welche nach Paris kommen, um ihre Gesundheit zu ruiniren und ihr Vermögen
durchzubringen, frequentirt wird, und das weibliche Publikum ist diesem Zwecke
entsprechend. Es besteht aus den schönsten, aber auch verderbtesten Mädchen,
gewandten Menschenfischerinnen, die heute mit vier Pferden fahren, um morgen im
Hospitale zu sterben, besonders Ausländerinnen: Creolinnen, Mädchen aus England,
Italien, Deutschland, die alle hier ihre Landsleute finden. Bereiten Sie sich
darauf vor, einen - hoffentlich vergeblichen - Blick in ein Pandämonium zu
werfen.
    Wir kamen an. Wir stiegen eine breite Marmortreppe hinauf. Mein Herz klopfte
furchtbar; ich konnte mich kaum auf den Füssen halten; eine Ahnung sagte mir, dass
ich an dem Ziele meiner Irrfahrten angekommen sei, dass der entstellte Kopf der
Leiche im nächsten Augenblick aus den schwarzen Wassern auftauchen werde.
    Wir traten in den glänzend erleuchteten Saal. Von dem Orchester rauschte
eine bacchantische Musik und im bacchantischen Taumel ras'ten die Tanzenden
durcheinander. Der Glanz der Lichter, die schmetternden Trompeten, das Gedränge,
die Hitze, der narkotische Duft von üppigen Parfums, mit denen der Saal erfüllt
war, und die fürchterliche Aufregung, in der ich mich befand, versetzten mir den
Atem. Ich musste mich für einen Moment an eine Säule lehnen und die Augen
schliessen, um wieder zu mir selbst zu kommen. Als ich so in einer halben
Ohnmacht dastand, schlug eine Stimme an mein Ohr, bei deren erstem Laut ich, wie
von einer Natter gestochen, emporschnellte. Das Ohr ist ein treuer Mahner; es
vergisst eine Stimme, deren Töne einst dem Herzen hold und lieb waren, im Leben
nicht wieder; es hatte mich nicht betrogen.
    Dicht vor mir so dass ich sie beinahe mit der Hand hätte erreichen können,
stand in lebhafter Unterhaltung mit einem jungen, schönen Cavalier ein Mädchen,
schlank und hoch, mit grossen, braunen Augen, die im fieberhaften Glanze
leuchteten, mit einem Gesicht, das vielleicht für ein so junges Geschöpf zu
scharf, zu sehr vom Leben mitgenommen, aber noch immer schön war - und dieses
Mädchen - war Eleonore.
    Sonderbar! bei dem Ton ihrer Stimme hatte mein Herz zusammengezuckt wie
damals, als ich in Fichtenau in der Nacht vor dem Hause des Rectors stand und
das alte Weib mir aus dem Fenster herunterrief, Eleonore sei davon gelaufen.
Aber nach diesem Krampfe wurde es still, ganz still. Die zu straff gespannte
Saite war gesprungen; sie gab keinen Ton, weder des Jammers noch der Freude
mehr. Ich sah so kalt auf Eleonore herab, als sei sie ein Bild an der Wand. Ich
hörte die Worte, die sie zu ihrem Tänzer sprach, wie man Worte in dem Stadium
der Ohnmacht unmittelbar vor der Bewusstlosigkeit hört - als würden sie am andern
Ende des Saales gesprochen. Ich musterte ihre ganze Erscheinung, selbst ihren
Anzug mit der kühlen Ruhe eines Künstlers. Ich bemerkte, dass sie geschminkt war
und dass sie ihre dunklen Wimpern und Augenbrauen noch dunkler gefärbt hatte. Ich
bemerkte, dass sie das Haar ganz in derselben Weise trug, wie ich es ihr selbst
einmal nach einem antiken Kopfe arrangirt, und wie sie es seitdem, so lange ich
sie sah, immer getragen. Ich hörte Alles, sah Alles und hörte und sah doch
nichts; denn ich hatte kein Verständnis mehr für das, was ich sah und hörte.
    Mein Begleiter, der sich während der Zeit im Saal umgesehen hatte, trat in
diesem Augenblicke an mich heran. Ich habe Keine, die Ihrer Beschreibung
gleicht, entdecken können, sagte er. Gott sei Dank! ich atme ordentlich leicht,
ich möchte die, welche wir suchen, um Alles in der Welt nicht hier gefunden
haben. Aber mon Dieu, was ist Ihnen? Sie sehen ja aus wie eine Leiche.
    Ich habe sie gefunden.
    Wo?
    Da.
    Er nahm sein Glas und blickte mit gespanntestem Interesse einige Secunden
auf Eleonore, die noch immer, ohne zu ahnen, wer zwei Schritte von ihr entfernt
war, dastand und mit ihrem Tänzer conversirte und kokettirte.
    Dann liess er mit einem mitleidigen Achselzucken das Glas fallen. Sein
Gesicht war sehr ernst geworden.
    Pauvre homme, murmelte er.
    Da schmetterte die Musik noch lauter vom Orchester herab; eine neue Tour in
der Française begann; die Reihe kam an Eleonore. - Sie hatte sich, seitdem ich
sie zum letzten Male auf einem Balle der Bürgerressource von Fichtenau hatte
tanzen sehen, sehr in ihrer Kunst vervollkommnet; ja - ich kann sagen, dass ich
weder vorher noch nachher, etwas Vollendeteres gesehen habe. Es war die
entzückende Anmut eines sich hinüber- und herüberwiegenden Wasserstrahls und
dabei eine Leidenschaftlichkeit, wie sie vielleicht sonst nur noch bei den
Zingarella's von Spanien und den Ghawazie's von Aegypten getroffen wird. In
diesem Moment war es das sanfte Werben schmachtenden Liebessehnens, im nächsten
die wahre Seele der Leidenschaft, die in jedem Nerv zuckt und jeder Muskel
zittert, aber in dem einen, wie in dem andern der herrlichste Rhytmus
wundervoll durcheinander verschlungener, und doch unendlich harmonischer
Bewegungen. Dieser Tanz war Gesang - ein Gesang der Liebe - aber nicht der
träumerischen, lindenduftatmenden, mondscheinbestrahlten deutschen, sondern der
sinnlichen, sonnedurchglühten, narkotischen, orientalischen Liebe. Und dabei war
ihr Gesicht ruhig, kaum eine Muskel regte sich, keine Spur von dem widerwärtigen
stereotypen Lächeln so vieler berühmter Tänzerinnen. Nur ihre Augen brannten in
einem unheimlichen und mit jedem ihrer Schritte, jeder ihrer Bewegungen
intensiver werdenden Feuer. Es war, als ob die Ruhe ihres Tänzers, der alle Pas
mit sehr viel Grazie, aber mit vornehmer Nachlässigkeit, als komme er sich bei
der ganzen Sache einigermassen lächerrlich vor, mehr ging, als tanzte, das
leidenschaftliche Weib zur Verzweiflung bringe und sie ihn durch alle Künste, in
denen sie Meisterin war, aus seiner blasirten Apatie reissen wollte. Vielleicht
war es wirklich so, vielleicht schien es auch nur - aber immerhin gewann der
Tanz dadurch ein reiches dramatisches Leben und gewährte den Herumstehenden das
anziehendste Schauspiel.
    Ah, la belle Allemande! rief ein Entusiast an meiner Seite.
    Grands Dieux, comme elle est jolie! ein anderer! bravo, bravo! und er
klatschte wütend in die Hände, und die anderen Zuschauer folgten seinem
Beispiele: Bravo, bravo! Vive la reine Eleonore! vive la belle Allemande!
    Mein Freund fasste mich am Arme und zog mich tiefer in die Colonnade, unter
der wir standen, zurück. Kommen Sie, sagte er. Wohin? Fort von hier. Nimmermehr!
Sie können sich doch unmöglich für ein Geschöpf wie dieses noch interessiren!
Was wollen Sie von ihr? Ich sage Ihnen! sie ist verloren, rettungslos verloren!
Das wollen wir sehen! murmelte ich. Der Franzose zuckte die Achseln: Ihr
Deutschen seid eine seltsame Nation. Aber dann folgen Sie wenigstens meinem
Rate: Geben Sie hier nicht zu einer Scene Veranlassung, die Ihnen ein halb
Dutzend Duelle auf den Hals ziehen könnte. Besuchen Sie das Mädchen morgen oder
wann Sie wollen. Was zu wissen nötig ist, will ich wenigen Minuten zusammen
haben.
    Ich sah ein, dass sein Rat vernünftig war. Ich warf mich, während er durch
die Menge davon schlüpfte, auf einen Sessel und stützte meinen Kopf in meine
Hände. Es waren ein paar grässliche Augenblicke. Meine Schläfen hämmerten, meine
Glieder flogen - und doch war es still in mir, todtenstill und kalt. Und,
Oswald, in diesen Augenblicken, wo ich, das Gesicht in die Hände gedrückt, in
stummem fürchterlichem Schmerz, einsam unter der lärmenden Menge sass, während
mein Abgott, die Geliebte meiner Jugend, das Weib, zu dem ich in meiner
Kerkernacht gebetet hatte, wie zu einer glorreichen Heiligen, wenige Schritte
von mir entfernt nach den Klängen einer wollüstigen Musik den wollüstigen Tanz
der Herodias tanzte - da, Oswald, nahm ich für immer Abschied von dem Glück, vom
Leben - da riss der Vorhang, der mir bis dahin das grosse Geheimnis verborgen
hatte, mitten auseinander, und ich stand schaudernd an der Schwelle, die ich
doch nicht zu überschreiten wagte und erst viele, viele Jahre später
überschritten habe, denn noch hatte ich den Kelch nicht bis zur Hälfte geleert.
    Der Tanz hatte aufgehört. Um mich her wurde es lebhafter; Lachen und
Scherzen, das Rauschen von Gewändern dicht an meinem Ohr. Man nahm an den
kleinen Tischen Platz, mit Eis und Champagner die Glut zu kühlen - auch an
meinen Tisch kam ein Paar, das keinen anderen Platz finden oder den Schlafenden
für keinen gefährlichen Lauscher halten mochte.
    Sie lieben mich wirklich, Eleonore? sagte eine weiche Männerstimme.
    Ja, Charles!
    Von ganzem Herzen?
    Von ganzem Herzen.
    Ich dachte, welchen Eindruck es wohl auf Eleonore machen würde, wenn ich
plötzlich mein bleiches Gesicht von der Tischplatte erhöbe und zu ihr spräche:
Das hast Du ja auch zu mir gesagt vor einigen Jahren auf der Wiese im Walde von
Fichtenau; aber ich bezwang mich und lauschte dem Gespräch, das noch eine Weile
in derselben Weise fortging. Zuletzt sagte der Cavalier:
    Und wann werde ich Sie wiedersehen?
    Wann Sie wollen -
    Das heisst?
    Dass ich für meine Freunde immer zu Hause bin.
    Und wo ist zu Hause?
    Boulevard des Capucins numéro dix sept, fragen Sie nur nach Mademoiselle
Eleonore -
    Adieu ma reine!
    Sie wollen schon fort?
    Leider muss ich.
    Weshalb?
    Meine Braut erwartet mich im Salon ihrer vortrefflichen Frau Mutter; und
wird au désespoir sein, dass ihr getreuer Seladon sie so lange schmachten lässt.
    Sie haben eine Braut? O, Sie Unglücklicher!
    Ich hoffe, Sie werden mir mein Unglück tragen helfen.
    Nous verrons.
    Und das Paar entfernte sich lachend; Eleonorens seidenes Gewand streifte
mich, als sie an mir vorüberschritt.
    Mein Begleiter trat wieder zu mir und legte die Hand auf meine Schulter.
    Ich weiss Alles, sagte er.
    Ich auch, antwortete ich, den Kopf emporhebend.
    Woher?
    Sie hat es mir selbst gesagt.
    Der Freund glaubte, ich rede irre. Kommen Sie, sagte er, die Hitze greift
Sie sehr an.
    Du kannst Dir denken, dass ich in dieser Nacht nicht viel schlief. Ich
entwarf und verwarf tausend Pläne, wie ich Eleonore aus dieser Hölle retten
könne, denn dass ich sie retten müsse - daran hatte ich keinen Augenblick
gezweifelt.
    Ich stand am Morgen auf, ohne zu einem bestimmten Entschlusse gekommen zu
sein. Ich fürchtete nicht für mich. Denn mein Herz konnte nicht tiefer
zerfleischt werden, als es gestern Abend geschehen war; ich fürchtete für
Eleonoren, dass ein plötzliches Wiedersehen sie zu entsetzlich demütigen,
vielleicht vernichten würde. Und doch wusste ich nach mehreren Tagen der
Unentschlossenheit keinen bessern Rat, als gerade zu ihr zu gehen. Mein Freund
schüttelte zu Allem den Kopf. Aber, mon cher, rief er einmal über das andere.
Sie lieben das Mädchen ja noch immer! Hatte er Recht? Ich weiss es nicht.
Jedenfalls war diese Liebe anderer Art, als die gewöhnliche, denn sie wusste
nichts von verletztem Stolz, gedemütigter Eitelkeit - - ja, nicht einmal von
der Furcht, sich möglicherweise durch den Versuch der Rettung eines Wesens, das
gar nicht gerettet sein wollte, lächerrlich zu machen.
    Ich ging, nachdem ich mit mir einig geworden, des Vormittags nach dem Hause
an dem Boulevard. Der Portier lächelte, als er auf meine Frage, ob hier
Mademoiselle Eleonore wohne, sein: Oui Monsieur, au troisième, antwortete:
Mademoiselle wird schwerlich schon zu sprechen sein, fügte er hinzu: sie ist
erst gegen Morgen nach Hause gekommen.
    Ich stieg die mit Teppichen belegten Treppen hinauf; in der dritten Etage
stand auf einem Porzellanschilde neben einem Klingelzug: »Mademoiselle Eléonore
de Saint - Georges«. Der wievielte Name mochte dies sein, den die Unglückliche
führte, seitdem sie den ehrlichen Namen ihres Vaters abgelegt hatte?
    Ich schellte. Eine hässliche Person, die halb Magd und halb Kammerfrau zu
sein schien und die durch die Reinlichkeit ihres Anzuges und die affectirte
Ehrbarkeit wo möglich nur noch hässlicher wurde, öffnete und fragte nach meinem
Begehr. Ich wünschte Mademoiselle Eleonore zu sprechen. Mademoiselle ist unwohl
und nimmt heut keine Besuche an. - Ich muss sie sprechen. - Unmöglich, sagte das
Weib; ich habe so eben nach einem Arzt geschickt; und sie wollte die Tür wieder
schliessen. - Aber, Madame, der Arzt bin ich. - Ah, c'est autre chose; entrez
Monsieur, entrez!
    Sie führte mich durch ein kleineres Vorzimmer in ein hohes, stattliches, mit
beinahe fürstlicher Pracht ausgestattetes Gemach und bat mich, einige
Augenblicke zu verweilen, bis ihre Gebieterin erscheinen würde.
    Ist Mademoiselle schon aufgestanden?
    Ja, ich komme sogleich zurück.
    Sie verschwand durch einen dichten Vorhang.
    Ich blieb mitten in dem Gemache stehen und blickte auf alle die Pracht, die
mich umgab, auf all' die herrlichen Spiegel, die üppigen Gemälde von Watteau und
Boucher in ihren breiten Goldrahmen, die chinesischen Pagoden auf dem marmornen
Kaminsims, die Vasen und Schalen von dem feinsten Porzellan, auf die
schwellenden Sophas und Divans mit derselben Andacht, mit welcher ein Arzt auf
die kostbare Manchette einer Hand blickt, die er amputiren soll. War ich doch
als Arzt hierher gekommen! hatte ich doch nur als Arzt das Recht, hier zu sein!
    Die Kammerfrau erschien wieder und bat mich, ihr zu folgen. Sie schlug den
Vorhang zurück, um mich durchzulassen. Ich trat in einen halbdunklen, mit
weichen Teppichen, wie alle die Zimmer belegten, und dunkelroten Seiden-Tapeten
ausgeschlagenen Raum, das Schlafgemach der Gebieterin, und dann wieder durch
einen Vorhang in ein anderes schönes helles Gemach. Von der Ausstattung dieses
Gemachs sah ich nichts mehr; ich sah nur die schlanke weisse Gestalt, die sich
bei meinem Eintreten von dem Divan, auf dem sie gekauert hatte, erhob, und mir
einige Schritte entgegentrat. Und diese schlanke weisse Gestalt mit dem bleichen,
verfallenen, schönen Gesicht, aus dem die grossen dunklen Augen mit fast
gespenstischer Klarheit leuchteten - dieses schöne, geistig und physisch
gebrochene, verlorene Wesen war meine angebetete, einst wie eine Rose in
Unschuld und Jugend prangende Eleonore.
    Ich habe Sie rufen lassen, Doctor -, sagte sie mit leiser Stimme.
    Da sah sie mir genauer in's Gesicht. Ihr Mund verstummte; sie starrte mich
an mit Augen, die sich fast aus den Höhlen drängten - dann brach sie mit einem
gellenden Schrei zusammen, noch ehe ich, oder die daneben stehende Kammerfrau
sie in den Armen auffangen konnten.
    Wir trugen sie auf den Divan zurück. Sie war todtenbleich und kalt; ich
glaubte einen Augenblick, der jähe Schreck habe den dünnen Faden, an dem ihr
Leben hing, zerrissen. Ich hätte den Tod als die Erlösung aus einer Hölle, als
eine Gnade des Himmels begrüsst. Bald aber überzeugte ich mich, dass das Leben sie
noch nicht aus seinen Banden lassen würde. Ich verstand genug von der Medicin,
um zu wissen, was ich in diesem Falle zu tun hatte. Während ich um die
Ohnmächtige beschäftigt war, fragte ich die Kammerfrau, ob Eleonore dergleichen
Zufälle öfter habe? wie es überhaupt mit ihrer Gesundheit stehe? Das Weib
glaubte einem Arzte gegenüber die ehrbare Maske fallen lassen zu müssen. Sie sei
erst seit einem halben Jahre bei Mademoiselle in Dienst; seitdem sei es mit
Mademoiselle reissend bergab gegangen. Aber Mademoiselle lebe auch gar zu wild.
Alle Nächte bis drei, vier Uhr Morgens getanzt oder beim Champagner hingebracht
- das könne ja Niemand aushalten, zumal ein von Natur so zartes Geschöpf. Sie
flehe Mademoiselle täglich an, dies Leben aufzugeben; aber sie erhalte jedesmal
zur Antwort: je schneller es vorbei ist, desto besser. Und vorbei wird es denn
wohl auch bald sein, heulte das Weib, und ich werde meine arme junge Gebieterin
verlieren, die ich, obgleich sie nicht lebt, wie sie sollte, lieb habe, wie mein
eigenes Kind.
    Da begann die Ohnmächtige sich zu regen. Ich schickte die Kammerfrau, mit
dem Auftrage, mir Riechsalz aus der Apoteke zu verschaffen, fort, weil ich,
wenn Eleonore vollends erwachte, ohne Zeugen mit ihr sein wollte. Die alte
Heuchlerin hatte sich kaum entfernt, als Eleonore die Augen wieder aufschlug und
mich mit wirren ungläubigen Blicken ansah. Ich bemerkte, dass in dem Masse, als
ihr das Bewusstsein zurückkam, das Entsetzen über meinen Anblick von neuem zunahm
und eine zweite Ohnmacht hereindrohte. Dies bleiche Zurückschrecken vor Einem,
dem sie sonst mit offenen Armen entgegenflog, war mir schmerzlicher als Alles
und rührte mich bis zu Tränen. Ich empfand in meinem Herzen keine Spur von Hass,
Zorn, nicht einmal von Verachtung - nein, nur Mitleid, grenzenloses unsägliches
Mitleid. Ich weiss nicht, was ich sprach - aber es mussten wohl gute, wilde Worte
der Liebe und Vergebung sein; denn die starren Züge fingen allmälig an, milder
zu werden; die schreckensgrossen Augen wurden feucht, und zuletzt brach sie in
leidenschaftliches Weinen aus, ihren Kopf an meiner Brust, der ich noch immer an
ihrer Seite kniete, verbergend. Es war ein entsetzliches Weinen; es war, als ob
alle Tränen dieser letzten Jahre, die sie unter Lachen und Scherzen verborgen,
aus ihren tiefsten Quellen hervorbrächen und sich nimmer erschöpfen würden -
dazwischen ein Schluchzen, als ob ihr das Herz brechen wollte, ein Schreien, als
ob ihr Inneres von zweischneidigen Schwertern durchwühlt würde. - Ich habe nie,
weder vorher noch nachher etwas Aehnliches, einen solchen fühlbaren Ausbruch der
Reue einer mit Sünden befleckten, aber von Natur nicht unedlen Seele gesehen.
    Unsere Rollen schienen auf eine seltsame Weise ausgetauscht. Es war, als ob
sie die Beleidigte, ich der Beleidiger wäre; ich erschöpfte mich in Bitten, in
flehenden Worten, um linderndes Oel in einen Schmerz zu giessen, der mit so
stürmischer Heftigkeit wütete. Nach und nach gelang es mir, sie einigermassen zu
beruhigen. Sie weinte, den Kopf in die eine Hand gestützt, nur noch still vor
sich hin, während ich, ihre andere Hand - wie weiss und schlank und durchsichtig
ihre Finger geworden waren! - in meinen Händen haltend, zu ihr sprach, wie ein
Bruder in einem solchen Falle zu seiner Schwester sprechen würde. Ich bat sie,
in mir ihren Bruder zu sehen, mir zu vertrauen als ihrem besten, vielleicht
ihrem einzigen Freunde. Ich beschwor sie bei Allem, was ihr heilig sei, bei der
Erinnerung an ihre Jugendzeit, bei dem Andenken an ihre Eltern, die nun beide in
der kühlen Erde ruhten - sich aus diesem Strudel, der sie über kurz oder lang
verschlingen müsste, zu reissen, mir zu folgen, gleichviel, wohin; wenn sie
wollte, in eine menschenleere Wüste, an das Ende der Welt, nur fort, fort von
hier, aus diesem glänzenden Elend. Es ist zu spät! zu spät! murmelte Eleonore;
Du bist gut, ich weiss es, unsäglich gut; aber es ist zu spät, zu spät.
    Ich weiss nicht, wie lange dieser Kampf gedauert hätte, wenn nicht ein
eigentümlicher Zwischenfall eingetreten wäre, der ihn wider all mein Erwarten
schnell zu meinen Gunsten entschied.
    Während ich noch an Eleonorens Seite kniete, hörte ich plötzlich ein:
superbe! hinter mir. Ich sprang erschrocken empor. Vor mir stand ein elegant
gekleideter junger Mann, der, das Glas im Auge, mich von oben bis unten und von
unten bis oben betrachtete: superbe, wiederholte er. Mademoiselle, ich wünsche
Ihnen Glück zu dieser neuen Eroberung.
    Der junge Mann war derjenige von Eleonorens Liebhabern, welcher sich durch
seine verschwenderische Freigebigkeit gewissermassen das Recht erworben hatte,
der einzige zu sein. Er wusste, dass Eleonore ihm nicht eine rigorose Treue
bewahrte, und kümmerte sich nicht eben darum; aber er liebte es nicht, mit
seinen Nebenbuhlern in derselben Wohnung zusammenzutreffen, die er mit
fürstlicher Pracht für seine Maitresse hatte herrichten lassen.
    Ich bitte mir eine Erklärung dieser Scene aus, Mademoiselle, sagte er, sich
von mir zu Eleonoren wendend, in einem Ton beleidigender Geringschätzung, der
mir alles Blut aus den Wangen zum Herzen trieb.
    Ich öffnete den Mund zu einer heftigen Antwort, aber Eleonore kam mir zuvor.
Sie war, sobald sie den Eingetretenen erblickte, emporgesprungen und stand
jetzt, mich ein wenig zurückdrängend, zwischen mir und ihm.
    Dieser Herr, sagte sie, auf mich deutend, hat sich ein Recht erworben, hier
zu sein.
    Wodurch?
    Durch das Unglück, mich einmal geliebt zu haben.
    Ah, Mademoiselle, erwiderte der junge Mann mit ironischem Lächeln, dies
Unglück teilt Monsieur mit vielen Anderen.
    Mein Herr! sagte ich, welche Ansprüche Sie auch an Mademoiselle haben mögen,
ich habe ältere Rechte, und ich werde es nicht dulden, dass Sie eine Dame, mit
der ich einst verlobt war, in meiner Gegenwart beschimpfen.
    Ah, sagte der junge Mann; Sie waren mit Mademoiselle verlobt? In der Tat!
da werden Sie sie auch wohl noch heiraten und ich - mit einem Blick in dem
Zimmer umher - werde die Dummheit haben, Mademoiselle auszustatten? Sehr gut
ausgedacht, in der Tat.
    Halten Sie ein, mein Herr! rief Eleonore, sich zu ihrer ganzen Höhe
emporrichtend; es ist genug. Sie denken mich halten zu können, mich beleidigen
zu können, weil ich Geschenke von Ihrer Hand entgegennahm. Hier haben Sie
zurück, was Sie mir gaben. Da! und da! und da! und sie riss mit fieberhafter Hast
die goldenen Armbänder und das andere Geschmeide, das sie trug, ab und warf es
dem jungen Mann vor die Füsse.
    Die Leidenschaft, mit der sie dies Alles tat, war zu augenscheinlich, um
verkannt zu werden, und imponirte dem Dandy sichtlich. Ich habe genug von dieser
Scene, murmelte er; wir sprechen uns wieder, Mademoiselle; hier ist meine Karte,
Monsieur! und er eilte zur Tür hinaus.
    Komm, komm! rief Eleonore; nicht einen Augenblick länger bleibe ich hier;
lieber auf dem Grund der Seine als hier.
    Ich nahm sie beim Wort. Ich bat sie, sich umzukleiden, während ich in ihrem
Namen an den Marquis de Saintonge (so hiess der Liebhaber Eleonorens) schrieb und
ihm die Wohnung, die er für Eleonoren gemietet und Alles, was er ihr sonst
geschenkt, wieder zur Verfügung stellte. Wir verliessen die Wohnung, übergaben
die Schlüssel dem Portier und den Brief einem Commissionair zur sofortigen
Bestellung, und einige Stunden später hatten wir, nachdem ich meine
Angelegenheiten geordnet und von meinem Freunde Abschied genommen, die Stadt
hinter uns.
    Unsere Reise sollte vorläufig nicht weit gehen. Schon wenige Stationen von
Paris erkrankte Eleonore so, dass wir in einem Städtchen Halt machen mussten. Der
herbeigerufene Arzt, glücklicherweise ein geschickter Mann, erklärte, dass sich
bei der Mademoiselle, meiner Schwester (dafür galt Eleonore) alle Symptome einer
Gehirnentzündung zeigten. Seine Diagnose war nur zu richtig gewesen. Schon am
folgenden Tage kam die fürchterliche Krankheit zum Ausbruch. Während die Aermste
von den heissen Orgien im Jardin aux Lilas und dem kühlen Schatten ihrer
heimischen Wälder, vom Marquis de Saitonge und anderen Pariser Bekanntschaften
und von mir, der ich ihr bald als ein rettender Engel, bald als ein Rachegott
erschien, phantasirte, hatte ich, an ihrem Lager sitzend, Zeit genug zur
Ueberlegung. Bei meiner hartnäckigen Verfolgung der Spur Eleonorens war ich viel
mehr von einem dunklen Drange als von klaren Absichten geleitet gewesen, am
wenigsten hatte ich an die Möglichkeit einer so wunderlichen Situation, als in
welcher ich mich jetzt befand, gedacht. Aber in der Ratlosigkeit war der eine
Gedanke über jeden Zweifel erhaben: dass ich Eleonoren, wenn sie die Krankheit
überstehen sollte, nimmer wieder verlassen dürfe.
    In der Tat stellten sich nach einiger Zeit Zeichen der Besserung ein, und
eines Morgens verkündete mir der Arzt, dass eine glückliche Krisis eingetreten
und Eleonore vorläufig aus aller Gefahr sei. Indessen, fügte er mit ernster
Miene hinzu, ich glaube Ihnen nicht verhehlen zu dürfen, dass nach menschlicher
Berechnung die Zeit, welche Ihrer Schwester noch zu leben bleibt, nicht mehr
sehr lang sein wird. Ich habe eine Lungenkrankheit diagnosticirt, die schon
entsetzliche Fortschritte gemacht hat. Ich kenne Ihre Verhältnisse nicht und
weiss nicht, ob dieselben Ihnen erlauben werden, meinem Rate zu folgen. Mein
Rat ist aber der: gehen Sie mit Ihrer Schwester in ein südliches Klima, nach
Italien, wo möglich Aegypten. Einem rauheren Klima würde Mademoiselle in der
kürzesten Zeit erliegen.
    Mein Entschluss war sofort gefasst. Ich hatte in Deutschland, wo mir als
Nachcur meiner fünfjährigen Kerkerhaft jede öffentliche Lehrtätigkeit untersagt
war, nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren. Mein Vermögen war im Verlauf
meiner Irrfahrten bis auf einen sehr bescheidenen Rest zusammengeschrumpft; aber
ich konnte diesen Rest eben so gut in Italien ausgeben, als anderswo; überdies
glaubte ich im Auslande meine Sprachkenntnisse noch am besten verwerten zu
können; und schliesslich - ich hatte keine Wahl. Ich würde lieber das Äusserste
erduldet, als etwas, das zu Eleonorens Wohl dienen konnte, unterlassen haben.
Einige Tage später waren wir nach Italien unterwegs.
    Ich siedelte mich zwei Meilen von Genua, unmittelbar an der Küste des
herrlichsten Meeres an. Das Glück wollte, dass ich in der Familie eines reichen
Engländers, der sich zu einem ähnlichen Zwecke, wie ich, in dem Orte aufhielt,
Unterrichtsstunden erhielt, deren Ertrag mich jeder äussern Sorge überhob. Desto
grösser war meine Sorge für Eleonore.
    Die Flucht aus Paris war so eilig gewesen, und für Eleonoren so ganz nur das
Resultat eines augenblicklichen Impulses; ihre gleich darauf eintretende
Krankheit hatte ihre Willenskraft so vollständig gelähmt, dass sie sich in einer
Art von Betäubung allen meinen Anordnungen willig gefügt hatte und eigentlich
erst jetzt zu einem Verständnis ihrer Lage kam. Ich hatte nicht bedacht und
fühlte erst jetzt an Eleonorens Benehmen mir gegenüber, dass in dieser
Abhängigkeit von dem Manne, den sie so schmachvoll verraten, in der beständigen
Nähe dessen, vor dem sie sich am liebsten in der Tiefe der Erde verborgen hätte,
zu leben, die härteste Strafe für ein Wesen sein musste, bei dem der letzte
Funken von Ehrgefühl noch nicht erloschen war. Eleonore sprach dies geradezu
aus; aber sie fügte hinzu: diese Sühne ist hart, aber sie ist gerecht; nur so
konnte ich zu einer Erkenntnis dessen kommen, was ich an Dir gefrevelt habe. -
Wenn Eleonore so in der Zerknirschung der Reue eine Milderung ihrer
Gewissensqualen fand, so hatte ich für mein namenloses Leid nur den für eine
bescheidene Seele sehr dürftigen Trost: an Eleonoren zu handeln, wie es mir das
Gewissen vorschrieb. Ich konnte ungestört den Schmerzenskelch bis auf den
letzten bittersten Tropfen leeren. Das war also die Erfüllung des köstlichen
Glücks, von dem ich in den goldenen Tagen von Fichtenau und selbst noch in der
Nacht der Festungs-Casematten geträumt hatte! Diese bleiche kraftlose Gestalt,
die gesenkten Hauptes an meinem Arme auf der Höhe des Felsenufers im
Abendsonnenschein dahinschritt, an deren Schmerzenslager ich wachte, wenn sie
die Krankheit Tage lang in das Zimmer bannte, in deren gebrochenes Herz ich, der
ich selbst des Trostes ermangelte, lindernden Balsam zu träufeln hatte - war das
Mädchen, das ich mir zum Weibe erkoren, in dem ich die künftige Mutter meiner
Kinder ahnungsvoll angebetet hatte!
    Und doch ist es gut, dass ich auch das erlebte.
    Es war eines Abends. Ich hatte die Kranke, die heute besonders aufgeregt war
und ängstlich nach Luft und Licht verlangte, auf meinem Arm aus dem
Fischerhäuschen, in welchem wir wohnten, bis auf den Rand der schwarzen
Basaltfelsen, die hier das Meer umsäumen, getragen und ihr dort von Kissen ein
Lager bereitet. Die Sonne ging in strahlender Herrlichkeit im Meere unter. Kaum
ein Lüftchen kräuselte die glatte Fläche der See, von der, wie von einem
Spiegel, die smaragdnen und goldnen Lichter, die an dem Himmel prangten,
reflectirt wurden. Auch auf das bleiche Gesicht der Kranken fiel ihr
zauberischer Schimmer - die rosige Lüge - mit der die Sonne und das Leben die
Nacht und den Tod verhöhnen. Und in dieser Stunde nahm Eleonore Abschied von der
Sonne und dem Leben. Sie sagte mir, dass sie mich stets geliebt habe, selbst in
dem Augenblicke, als Eitelkeit und Sinnlichkeit sie verblendeten; dass ihr ganzes
Leben seit diesem Augenblick nur der stete qualvolle Versuch, sich zu betäuben,
gewesen sei. Sie möchte nicht genesen, auch selbst nicht dann, wenn es möglich
wäre, dass ich ihr wieder meine Liebe schenkte. Sie sei nicht wert, meine
Sklavin, geschweige denn mein Weib zu sein. Sie schaudere vor diesem Gedanken
zurück. - O, nimmer, nimmermehr, fuhr sie fort, und aus ihren grossen dunklen
Augen leuchtete ein himmlisches Feuer; nimmer hier auf dieser Erde, wo ich an
Dir so furchtbar gefrevelt habe. Aber, wenn dieser entweihte Leib zerfallen und
die Seele von der Fessel, die sie in den Staub zog, befreit ist, dann werde ich
Dich umschweben, dann werde ich Deiner harren, und wenn Du kommst, wird Deine
Seele meine Seele küssen, und ich werde in diesem Kusse erkennen, dass Alles
gesühnt und Alles vergessen und vergeben ist.
    Ich sagte ihr, dass ich ihr Alles längst vergeben habe, dass ich sie liebe mit
einer reineren, heiligeren Liebe, als in den Tagen unseres Glücks.
    Ich küsste weinend ihre weissen Hände und ihren bleichen Mund.
    Das ist unser Hochzeitstag! flüsterte sie, armer, armer Mann! Sie sank in
die Kissen zurück.
    Ich trug die ganz Erschöpfte nach der Hütte und auf ihr Lager.
    Es war das letzte Mal.
    In dieser Nacht starb Eleonore.
    Berger war aufgestanden, Oswald war seinem Beispiele gefolgt. Jener war mit
den Erinnerungen, die so eben, von seiner mächtigen Phantasie mit aller Schärfe
und Klarheit der Wirklichkeit ausgestattet, an seines Geistes Auge
vorübergezogen waren, dieser mit dem eben Gehörten so vollauf beschäftigt, dass
sie kaum des Weges achteten, der sie durch dunkle Tannenwaldungen höher und
höher führte.
    Da traten sie heraus aus den Bäumen auf den kahlen Gipfel des Berges, der
von den Bewohnern die Gockeleia genannt wird und der bei weitem höchste ist
ringsum unter seinen Brüdern und Schwestern.
    Die Sonne war bereits untergesunken, aber der westliche Himmel prangte noch
in der Glut des Abendrots, von dem ein schwächerer Abglanz selbst den
östlichen Horizont rosa färbte. Hier und da blickte eine der höheren Bergkuppen,
in Purpurlicht getaucht, dem scheidenden Gestirn des Tages nach; aber in den
weiteren Tälern lagerten schon graue Abendschatten und weissliche Nebel zogen in
den engeren Schluchten. Die Tannen, die zu den Füssen der Wanderer ihre grünen
Häupter emporhoben, standen starr und still wie eine vor Erwartung atemlose
Menge.
    Berger blickte, auf seinen Stab gestützt, in die Abendsonnenglut hinein,
von der in jedem Moment eine Farbe verschwand und eine andere verblasste.
    Oswalds Auge hing an seinen Mienen, die sich - war es die Wirkung des
geisterhaften Lichts, war es nur der Ausdruck eines inneren Vorganges - mit
jedem Augenblick mehr zu vergeistigen schienen. Plötzlich liess Berger seinen
Stab fallen, breitete die erhobenen Hände wie zum Gebet aus und sprach: Mutter
Nacht, urewige, urgewaltige, aus deren Schoss sich die Kreatur in ihrem wilden
Lebensdrange losreisst, um nach langer Irrfahrt reuig und demütig für immer an
Deinen treuen mütterlichen Busen zurückzusinken, sei mir gegrüsst auch in Deinem
schwachen irdischen Abbild! Du abgrundtiefer Born der Vergessenheit, Du süsse
Wiege ungestörter Ruhe, wie sehne ich mich doch so nach Dir von ganzem Herzen! O
nimm sie von mir, diese öde Qual des Lebens; erspare mir den täglichen Kummer,
diese müden Augen zu einem Lichte aufzuschlagen, das ihnen so verhasst ist; nimm
diesen Erdenrest, der befleckend auf mir haftet und der in demselben Masse, dass
er sich verringert, nur um so peinlicher wird! Lass ihn, o lass ihn bald verzehrt
sein! Ich weiss es wohl, ich könnte zu Dir kommen, wenn ich noch einen Schritt
täte auf diesem Felsenrande, aber ob auch mein Gebein im Sturz zerschmetterte,
doch würde die Seele keine Ruhe finden, denn sie hatte in dem Kelch des Lebens
noch einige Tropfen, vielleicht, wer weiss es? die bittersten von allen gelassen.
Nein, nein! weiche von mir, Teufel, der Du mich in den Abgrund lockst. Der
Abgrund ist nicht der Tod, sondern das Leben mit aller seiner Herrlichkeit. Ich
kenne das alte Stück; du hast es auch ihm gespielt, dem Sohne des Zimmermanns
von Nazaret! Aber er wies Deine Lockungen von sich - Ehre, Macht und
Weibergunst, um zu dürsten, zu hungern und nicht zu haben, wohin er sein Haupt
lege, um in der Nacht auf dem Oelberge mit kalten Schweisstropfen den letzten
Erdenrest von sich abzuwaschen und, im Leben schon verklärt und heilig, zu
Golgata am Kreuz den Tod des Schächers zu sterben! O, dass ich hinausziehen
könnte in die Lande und predigen das Wort, das heilige Wort, das uns erlös't für
nun und immerdar, das Wort, das uns wieder zurückbringt zur guten, lieben,
milden Mutter Nacht, die wir verliessen, um in der Sonnenglut des Lebens mit
lechzender Zunge und pochenden Schläfen Höllenqualen zu erdulden! das Wort, das
heilige, unaussprechliche Wort, das zu eitel Spott und Hohn geworden in dem
freveln Mummenschanz, mit welchem sie ihrem Gott zu dienen wähnen. Vergieb
ihnen, Mutter, denn sie wissen nicht, was sie tun; sie würden ja gern zu Dir
kommen, wenn sie Ohren hätten, Deine sanfte Stimme zu hören, und Augen, Deine
milde Schönheit zu sehen. Ich sehe Dein heiliges Antlitz; es lächelt mir Trost
und Hoffnung zu; ich höre Deine Stimme, sie flüstert: warte, warte nur noch eine
kurze Zeit, und Du sinkst zurück zur ewigen Ruh in meinen treuen Arm!
    Der rosige Schimmer war von dem Himmel verschwunden, graue Dämmerung
breitete sich in den Tälern; in den Wipfeln der Tannen begann der Abendwind zu
flüstern und zu raunen.
    Ein Schauer packte Oswald. Ihm war, als ob die mystische Nacht, an die
Berger sein Gebet gerichtet, ihn schon mit ihrem Grabeshauch anwehte, als ob die
Sonne versunken sei, um niemals wieder aufzugehen. Aber dieser Schauer war nicht
ohne ein seltsames Gefühl der Lust. Der narkotische Duft der Todesgedanken, den
ihm Bergers ekstatische Worte zutrugen, drang ihm, mit dem Duft der Haidekräuter
und der Tannen, bis in's Herz.
    Er dachte an Helene und Melitta, aber nicht mit der qualvollen Unruhe von
heute Morgen, sondern in stiller Wehmut, wie man an geliebte Todte denkt; er
dachte an die Verwirrungen und Irrungen des bunten Dramas seiner Grenwitzer
Tage, aber es kam ihm vor wie ein Schattenspiel an der Wand; er dachte an die
Zukunft, aber sie hatte keinen Reiz mehr für ihn, sie flösste ihm weder Furcht
noch Hoffnung ein - es war, als ob sein ganzes Wesen sich in sich selbst
zurückziehe, als ob die Andern weder so viel Liebe noch so viel Hass verdienten.
    So sass er, den Kopf in die Hand gestützt, auf einem Felsblock und schaute in
den Abend hinein, der seine dunklen Schwingen immer breiter über den Himmel
spannte.
    Eine Hand legte sich auf seine Schulter.
    Komm! sagte Berger, lass uns zu den Todten zurückkehren.
    Sie stiegen von dem Gipfel herunter und tauchten in die feuchte Waldesnacht.
Berger schien jeden Pfad und jeden Stein im Gebirge zu kennen. Er schritt, sich
von Zeit zu Zeit auf seinen Knotenstock stützend, mit einer Rüstigkeit voran die
Oswald, ein so guter Fussgänger er war, das Folgen schwer machte.
    So waren sie an eine Wiese mitten im Herzen des Waldes gekommen. Als sie am
Saume des Holzes hinschritten, blinkte plötzlich von der andern Seite ein
Lichtschein herüber. Er kam von der Flamme eines Reisighaufens, der eben
angezündet wurde. In dem hellen Kreis um die Flamme bewegten sich zwei Gestalten
- eine Frau, wie es schien, und ein Kind.
    Oswalds scharfes Auge bestätigte eine Ahnung, die ihm sofort die Seele
durchzuckt hatte.
    Es waren Xenobi und die Czika.
    Er eilte, so schnell ihn seine Füsse tragen konnten, quer über die Wiese fort
nach der Flamme zu. - Aber er hatte kaum die Hälfte der Entfernung zurückgelegt,
als er bis an die Knöchel im feuchten Grunde versank. Er sah, dass er nicht
weiter kommen könne. Er rief hinüber, so laut er konnte: Xenobi, Czika! ich
bin's, Oswald!
    Aber sein Ruf hatte kaum den stillen Wald aus seiner Ruhe geschreckt, als
das Feuer erlosch und mit dem Feuer die Gestalten der Zigeunerinnen
verschwanden.
    Alles war still - todtenstill. Oswald hätte glauben können, seine Phantasie
habe ihm einen tückischen Streich gespielt.
    Was hattest Du? fragte Berger, als Oswald zu ihm zurückkam.
    Sahen Sie das Feuer nicht?
    Es war ein Irrlicht auf dem Sumpfe, erwiderte Berger. Lass uns weiter gehen!
 
                                 Achtes Capitel
Als die beiden Wanderer aus den Bergen heraus an die ersten Häuser des
Städtchens gelangten, war es vollkommen Nacht. Oswald hatte sich ganz der
Führung Bergers anvertrauen müssen und war der Meinung gewesen, dass derselbe auf
dem nächsten Wege zu Doctor Birkenhains Anstalt zurückkehren werde. Er war daher
einigermassen erstaunt, als er jetzt bemerkte, dass sie sich dem Städtchen vom
entgegengesetzten Ende genähert hatten. Da standen die hochbeladenen
Fuhrmannswagen, da sah man durch das offene Hoftor auf den geräumigen Hof, da
brannte in der Laterne von grünem Glase über der Haustür ein trübseliges Licht
und beleuchtete melancholisch die eine Hälfte der grossen Mütze von Blech, welche
einst in den Tagen des Glanzes in grüner Oelfarbe geprangt, seitdem aber manchen
Sturm erlebt und von Wind und Wetter und Regen um seine Jugendfrische gebracht
war; da erschallte aus den spärlich erhellten vier niedrigen Fenstern rechts von
der Haustür das Geklirr von Gläsern, welche von durstigen Trinkgästen energisch
auf den Tisch gestossen wurden, und der concentrirte Lärm einiger zwanzig nicht
allzu zarter Männerstimmen, die sich alle auf einmal vernehmen liessen.
    Es hätte so vieler unverkennbarer Zeichen nicht bedurft, um Oswald daran zu
erinnern, dass er sich in dem gastlichen Schatten der Grünen Mütze befand.
    Das ganz unverhoffte Wiedersehen der Zigeunerin im Walde hatte ihn auf das
lebhafteste an diese ganze Angelegenheit, die er über der Begegnung mit Berger
beinahe vergessen hatte, erinnert.
    Er hätte Berger, dessen Scharfsinn in der Enträtselung verworrener
Situationen und problematischer Naturen er früher oft zu bewundern Gelegenheit
gehabt, gern in dieser Sache um Rat gefragt, aber er scheute sich, einen Geist,
der fortwährend in den geheimnisvollen Tiefen der Mystik grübelnd umherwandelte,
mit Geschichten zu behelligen, in denen der Director Schmenckel eine Hauptrolle
spielte.
    Wie erstaunt war er daher, als Berger, als sie an der Tür der Grünen Mütze
angekommen waren, stehen blieb und sagte:
    Mich dürstet; lass uns hier einen Augenblick eintreten.
    Hier? sagte Oswald, der vor dem Gedanken, den schwärmerischen zartsinnigen
Mann, dem der Duft des Tabaks ein Gräuel war, in eine so wüste Gesellschaft zu
bringen, zurückschreckte. Es sind sehr rohe Gesellen, die hier verkehren.
    Was tut es? erwiderte Berger, sind es doch Menschensöhne!
    Mit diesen Worten trat er durch die offene Haustür auf den Flur, wo gestern
Abend der Kampf zwischen den Kunstentusiasten und ihren Gegnern stattgefunden
hatte, und durch die ebenfalls offene Stubentür in die Trinkstube.
    Dieselbe gewährte heute so ziemlich denselben Anblick, wie gestern vor und
nach der Rauferei, nur dass der Tisch, an welchem die Künstler sassen, heute von
den übrigen Gästen bedeutend weniger gesucht schien.
    Herr Schmenckel war ein viel zu guter Philosoph, als dass er sich durch dies
beleidigende Benehmen seiner Freunde um seine gute Laune hätte bringen lassen
sollen. Sein dickes Gesicht strahlte heute so rötlich wie je, seine
verschwollnen Aeuglein zwinkerten heute noch so listig wie je aus dem rohten
Gesicht; seine Wäsche war heute noch vielleicht um eine Schattirung weniger
sauber, aber die Beinkleiderträger waren um keine Linie schmäler und um keine
der gestickten Rosen ärmer geworden.
    Wie findet Ihr das Bier, Cotterby? sagte er, die breite Faust auf die
Schulter der fliegenden Taube legend.
    Sauer! war die lakonische Antwort des Angeredeten, der heute, wo der Genius
in der Eiche seinen Flug nicht geweiht hatte, viel weniger applaudirt war.
    Pah, sagte Herr Schmenckel. Ihr seid verwöhnt, Cotterby. Freilich so gut,
wie wir es in Aegypten tranken, ist es nicht; aber es ist doch gut, sehr gut.
Ihr Wohl, meine Herren!
    In diesem Augenblicke traten Berger und Oswald in die Trinkstube und
näherten sich dem Tische, an welchem die Künstler sassen, als dem am wenigsten
besetzten. Herrn Schmenckels scharfes Auge hatte die neuen Ankömmlinge kaum
bemerkt, als er sich von seinem Platze erhob, auf Oswald zuschritt, sich tief
vor ihm verbeugte und mit einer Stimme, die darauf berechnet war, Alle zu
übertönen, sagte:
    Ah, Euer Gnaden, Herr Graf, das ist einmal schön, dass Sie einen armen
Künstler in seiner niedrigen Herberge zu besuchen kommen! Ihr Wohl, Herr Graf,
und auch Ihres, alter Herr! Ach! Das war der erste Schluck, der mir heute Abend
geschmeckt hat. Merkwürdig! schlechte Gesellschaft verdirbt gutes Bier, gute
Gesellschaft macht schlechtes gut. Bin ein Freund von Geselligkeit, Herr Graf.
Sehe, dass Sie es auch sind; wollen Sie die Güte haben, mich mit dem alten Herrn
bekannt zu machen. Director Schmenckel weiss gern, mit wem er zu tun hat.
    Oswald warf einen Blick auf Berger, um zu sehen, welchen Eindruck diese
Umgebung und Gesellschaft auf ihn mache, und darnach sein Verhalten Herrn
Schmenckel gegenüber zu bestimmen. Zu seiner Verwunderung schien Berger mit
einem gewissen Interesse dem Geschwätz des Seiltänzer-Directors zuzuhören. Er
hatte seinen Hut auf die Lehne des Stuhles gehängt, seinen Dornenstock neben
sich gestellt und lehnte sich jetzt mit beiden Armen auf den Tisch, ganz wie
Einer, der so schnell nicht wieder fortzugehen gedenkt.
    Ich heisse Berger; sagte er auf die Frage des Directors.
    Professor Berger, fügte Oswald hinzu, in der guten Absicht, Herrn Schmenckel
durch den Titel zu imponiren und die Zudringlichkeit des Mannes in Schranken zu
halten.
    Professor? wiederholte Herr Schmenckel, mit einem Blick auf Bergers blaue
Blouse und verwirrten Bart. Sehr gut! Darf ich Sie mit meinem Freunde Cotterby
bekannt machen? Herr John Cotterby aus Aegypten, genannt die Fliegende Taube,
Herr Berger, genannt Professor.
    Wollen wir wieder aufbrechen? fragte Oswald, den das Benehmen Herrn
Schmenckels in nicht geringe Verlegenheit setzte.
    Ich denke, wir bleiben noch ein wenig, erwiderte Berger.
    Ihre Faust, alter Knabe, sagte Herr Schmenckel, Bergers magere, schmale Hand
ergreifend und kräftig schüttelnd. Sie gefallen mir ganz ausnehmend. Wenn Ihr
Filz einmal vollends aus dem Leim geht und Ihre Blouse weder Stich noch Fetzen
hält - dann kommen Sie zu mir. Director Schmenckel wird sich ein Vergnügen
daraus machen, einen Mann wie Sie als ein Mitglied seiner Gesellschaft zu
begrüssen. Ihr Bart allein ist eine Zierde für die Gesellschaft. Sie würden in
einer Pantomime Furore machen. - Was sagen Sie zu unserer heutigen Vorstellung,
Herr Graf?
    Ich war leider verhindert, derselben beizuwohnen; erwiderte Oswald, den ein
Lächeln auf Bergers Lippen zu einem Eingehen auf die sonderbare Unterhaltung
ermutigte.
    O, da haben Sie viel, sehr viel verloren, sagte der Director in dem Tone
aufrichtigen Bedauerns und seinen dicken Kopf hin und her wiegend. Die
Vorstellung war die glänzendste, die wir seit langer Zeit gegeben haben.
Director Schmenckel hat bewiesen, dass die momentane Abwesenheit einiger
schätzenswerten Mitglieder seiner Gesellschaft keinen Einfluss auf die
Leistungen derselben im Allgemeinen ausübt. Ich will nicht von mir sprechen,
obgleich ich glaube, dass mir mein berühmtes Schmenckel-Spiel mit den drei
achtundvierzigpfündigen Kanonenkugeln von Niemand auf der Welt nachgemacht wird
und meine Fontaine d'argent mit den zwanzig silbernen Bällen bis jetzt noch
unerreicht ist - aber, meine Herren, Sie hätten heute Herrn Cotterby an dem
Trapez sehen sollen! Ich sage Ihnen, die Ringelaffen von der Insel Sumatra sind
Schufte dagegen, ganz elendigliche Schufte! Und dann Herr Stolzenberg mit seinem
Riesenfass! ich sage Ihnen - rücken Sie heran, Stolzenberg! Ein Künstler, wie
Sie, braucht nicht so bescheiden zu sein, und dem Herrn Grafen kommt es auf ein
Seidel mehr oder weniger nicht an. Und dann, Herrn Pierrot als Disloqueur! -
kommen Sie zu uns, Pierrot, - Künstler müssen zusammenhalten - ich sage Ihnen,
Herr Graf, Ihr Taschenmesser ist ein Ladestock gegen Herrn Pierrot. Ich habe
schon oft gesagt: Pierrot, wenn wir einmal zusammen auf der Eisenbahn fahren,
bezahle ich nur für mich, Sie nehme ich franco in meiner Hutschachtel mit. Ein
guter Witz, Herr Graf, nicht wahr? aber der Professor hat ein leeres Glas, und
wahrhaftig ich auch! Ich glaube, der Kerl, der Stolzenberg, hat heimlich mein
Seidel ausgetrunken, und weiss Gott, sein's dazu. Trinken Sie auch aus, Pierrot.
Sie ersparen dem hübschen Mädchen einen Weg! Hier, mein Schatz, fünf frische
Seidel; aber frisch, mein Engel, wie die Rosen auf Ihren schönen Wangen. Lieben
Sie die hübschen Weiber auch, Herr Graf? so'n schönes Kind mit braunen Augen,
dunklem Haar und schlankem Leibchen, wie die Czika? He? Die lassen's nur noch
ein paar Jahr älter sein; da sollen Sie Ihre Freude daran erleben.
    Haben Sie noch keine Nachricht von den Beiden? fragte Oswald.
    Herr Schmenckel, der keine Ahnung davon hatte, wo die Zigeunerinnen
möglicherweise geblieben sein könnten, der es aber für unrecht hielt, die
Hoffnung des reichen Liebhabers schöner Zigeunerkinder auf ein baldiges
Wiedersehen des jüngsten Gegenstandes seiner Narretei ganz zu vernichten,
zwinkerte schlau mit den verschwollenen Aeuglein, legte den Zeigefinger
nachdenklich an die Nase und sagte: Sind nicht weit von hier - im Walde - habe
sichere Kundschaft - könnte sie haben, wenn ich wollte - will nicht - Weiber
müssen sich ausschmollen - kommen dann ganz von selbst wieder und sind auf lange
Zeit von ihren Mucken curirt. Ja, das muss man kennen! Die Weiber sind ein
schwieriges Capitel. Sie sind sich alle gleich und doch ist keine wie die
andere. Was sagt Ihr dazu, alter Knabe?
    Ich glaube, dass Sie ein grosser Philosoph sind, von dem noch Mancher Manches
lernen könnte; erwiderte Berger, Herrn Schmenckel mit einem seltsamen Lächeln in
das Gesicht blickend.
    Ja, das wollte ich meinen, sagte der Director, seine breite Brust
hervordrängend und die Fäuste in die Seite stemmend. Der Schmenckel weiss, wie
der Hase läuft, und wer ihm ein X für ein U machen will, der muss früh aufstehen.
Aber es ist auch kein Wunder, wenn ich ein bisschen in der Welt Bescheid weiss;
bin ich doch darin herumgeschüttelt worden, von oben nach unten, von unten nach
oben, wie ein Stöpsel in einer leeren Flasche.
    Eine leere Flasche! sagte Berger; der Vergleich ist sehr wahr, sehr
treffend. Wie kommen Sie darauf?
    Wie ich darauf komme? erwiderte der Director mit verwunderter Miene. Wie ich
darauf komme? Vermutlich, weil ich ein leeres Glas vor mir habe.
    Es scheint, als ob Ihnen der Trank des Lebens bis jetzt gemundet hätte,
sagte Berger, während Herr Schmenckel die Zeit, bis das frische Glas kam, dazu
benutzte, sich eine kurze Tonpfeife zu stopfen.
    Ja, und warum denn nicht? erwiderte der Director, die Pfeife an der Flamme
des auf dem Tisch stehenden Talglichtes anzündend und für einige Augenblicke den
Blicken der Anwesenden hinter blauen Wolken verschwindend. Das Leben ist ein
kreuzlustiges, pudelnärrisches Ding für den, welcher, wie Caspar Schmenckel, das
Herz auf dem rechten Flecke hat. - Danke, mein Schatz!
    Ich bin nicht Ihr Schatz, Herr Director, sagte das Mädchen schnippisch,
indem es den Arm, welchen Herr Schmenckel um ihre Taille geschlungen hatte,
unsanft zurückstiess und einen verstohlenen Blick auf Oswald warf.
    Herr Schmenckel erwiderte diese beleidigende Zurückweisung dadurch, dass er
die fünf Fingerspitzen der rechten Hand gegen seine dicken Lippen drückte und
der Enteilenden einen Kuss nachwarf, sodann das linke Auge schloss und mit dem
rechten den ihm gegenüber sitzenden Oswald listig anzwinkerte.
    Schmuckes Ding, Euer Gnaden, he? Tut, als ob es mich fressen wollte und ist
bis über die Ohren in mich verliebt.
    Sie scheinen viel Glück bei den Frauen zu haben, erwiderte Oswald, um doch
etwas zu sagen.
    Ja, wie man's nehmen will, Euer Gnaden, sagte Herr Schmenckel, wohlgefällig
lächelnd. Die Weiber sind wie das Wetter. Heute zu heiss und morgen zu kalt;
heute scheint die Sonne, morgen regnet's. Man muss sich eben halt Alles von ihnen
gefallen lassen, wie vom lieben Herrgott selber.
    Das käme doch im Grunde nur auf Sie an, sagte Berger, dessen Blick
unverwandt nur auf dem jovialen Gesellen weilte, als könnte sein Geist ein so
wunderliches Phänomen nicht fassen.
    Wie das, alter Knabe? Ihr meint, man solle sie Alle zusammen laufen lassen?
Na, alter Herr, das mag für Euch ganz gut sein, aber Caspar Schmenckel müsst Ihr
so etwas nicht zumuten. Der Tausend auch! die Weiber laufen lassen? lieber todt
und begraben sein.
    Das wäre allerdings das Beste, sagte Berger.
    Hört, alter Herr, erwiderte der Director, versündigt Euch nicht! Ich sage
noch einmal, das Leben ist ein gutes Ding, und den Teufel soll man nicht an die
Wand malen. Ei was! warum lasst Ihr Euer Bier schal werden und schneidet ein
Gesicht, wie ein Lohgerber, dem die Felle weggeschwommen sind? Hier, stosst an
mit Caspar Schmenckel! So, das ist recht. Der Schmenckel ist ein lustiges Haus
und mag gern lustige Leute in seiner Gesellschaft sehen. He, Ihr Herren, wie
wär' es mit einem hübschen Lied? Cotterby, Ihr habt eine Stimme, wie eine
Nachtigall. Kommt, stimmt mit ein! Kennen Euer Gnaden das Lied von den Schwaben?
    Nein, aber singen Sie es nur.
    Na, Stolzenberg, Pierrot, singt mit!
    Und Herr Schmenckel nahm die Pfeife aus dem Mund, lehnte sich in seinen
Stuhl zurück und begann mit einem dröhnenden Bass, während seine drei Gesellen
den Chor bildeten.
Guten Morgen, Spielmann,
Wo bleibst du so lang?
Da drunten, da droben,
Da tanzten die Schwoben
Mit der kleinen Killekeia,
Mit der grossen Kumkum.
Da kamen die Weiber
Mit Sicheln und Scheiben,
Und wollten den Schwoben
Das Tanzen vertreiben
Mit der kleinen Killekeia,
Mit der grossen Kumkum.
Gelt, Ihr Herren, das ist ein schönes Lied! rief Herr Schmenckel, nachdem er als
Finale den Tisch mit seinen beiden Fäusten bearbeitet hatte, dass die Gläser zu
tanzen begannen.
    Sehr schön, sagte Berger; wissen Sie noch mehr dergleichen?
    Hunderte, sagte Herr Schmenckel; aber der Cotterby weiss die schönsten. Singt
mal eins solo, Cotterby.
    Der Aegypter lächelte bescheiden selbstgefällig, drehte seinen kleinen
schwarzen Schnurrbart und fuhr sich mit der Hand durch sein dunkles, von Fett
glänzendes Haar, lehnte sich in seinen Stuhl zurück, drückte die Augen halb zu
und begann mit einer angenehmen Tenorstimme:
Es hatte ein Bauer ein schönes Weib,
Die blieb so gern zu Haus,
Sie bat oft ihren lieben Mann,
Er sollte doch fahren hinaus,
Er sollte doch fahren in's Heu.
Er sollte doch fahren in's
Ha, ha, ha, ha, ha, ha; Heidideldei,
Juchheisasa!
Er sollte doch fahren in's Heu.
Ho, ho, ho! lachte Director Schmenckel, das Lied ist gut, sehr gut. Das erinnert
mich an eine hübsche Geschichte, die ich den Herren doch erzählen muss. Ihr könnt
hernach weiter singen, Cotterby!
    Der Aegypter schien diese Unterbrechung etwas übel zu nehmen; aber Herr
Schmenckel bemerkte es nicht oder wollte es nicht bemerken. Er tat einen tiefen
Zug aus seinem Glase und sagte zu dem Schenkmädchen, das der Gesang oder die
Anwesenheit des jungen vornehmen Fremden wieder an den Tisch gelockt hatte:
Gehen Sie ein bisschen weiter weg, mein Schatz. Die Geschichte, die Director
Schmenckel erzählen will, ist keine Geschichte für junge Mädchen.
    Die hübsche Kleine wurde bis über die Ohren rot und entfernte sich
schleunig mit einem Blick auf Oswald. Herr Schmenckel räusperte sich, lehnte
sich vornüber auf den Tisch und begann mit einer Stimme, die in diesem
gedämpften Ton noch heiserer klang, als gewöhnlich:
    Meine Herren, Sie wissen: es gibt für den denkenden Menschen zwei Arten von
Frauenzimmern, solche, die dienen, und solche, die sich bedienen lassen. Aber
für die Liebe existirt dieser Unterschied nicht, denn die Liebe beherrscht sie
Beide. Diese Erfahrung habe ich nun zwar des Oefteren in meinem Leben gemacht,
niemals aber ist es mir so deutlich demonstrirt worden, als vor einigen - hier
sah sich Herr Schmenckel scheu um, ob auch kein unberufenes, besonders
weibliches Ohr die chronologische Notiz, die er zu geben im Begriffe war,
auffangen könnte - zwanzig Jahren in Petersburg. Ist einer von den Herren je in
Petersburg gewesen?
    Man verneinte die Frage.
    Wie kamen Sie nach Petersburg, Herr Director? sagte ein Fichtenauer
Bürgerssohn, der sich mittlerweile der Gesellschaft angeschlossen hatte.
    Beim Schmenckel, erwiderte der Director im Ton der Belehrung, darf man sich
nimmer wundern, wenn er an einem Orte gewesen ist. - Petersburg, meine Herren,
ist eine schöne Stadt, was Sie schon daraus ersehen können, dass die Paläste des
Kaisers und aller Grossen aus blitzblankem, blauem und weissem Eis erbaut sind.
    Wie ist denn das möglich? fragte der Bürgerssohn, die müssen doch im Sommer
schmelzen.
    Im Sommer? sagte Herr Schmenckel, ohne sich einschüchtern zu lassen, im
Sommer? Ja, da kommen Sie schön an! Ich sage Ihnen, Herr, es gibt in Petersburg
keinen Sommer. Schnee und Eis und Eis und Schnee das liebe lange Jahr hindurch
von Sylvester bis wieder Sylvester.
    Also: wir waren in Petersburg, und es gefiel uns da sehr gut - uns, das
heisst, der berühmten Kunstreiter-Gesellschaft meines Onkels und damaligen
Directors Franz Schmenckel, in welcher ich als Herkules engagirt zu sein die
Ehre hatte. Ich kann wohl sagen, dass wir Furore machten, besonders unsere
Pferde; denn die Russen kennen Pferde nur von Hörensagen; höchstens dass der
Kaiser vielleicht zwei oder drei zottige, wie grosse Hunde aussehende Tiere in
seinen Ställen hat. Alle übrigen fahren, wie ich schon bemerkte, nur mit
Renntieren, selbst die Cavallerie ist darauf angewiesen, und ich versichere
Sie, meine Herren, dass so ein russischer Garde-Kürassier-Lieutenant auf seinem
Renntierhengst sich gar nicht so übel ausnimmt.
    Wir hatten ganz ungeheuren Zulauf. Der Kaiser und der ganze Hof waren jeden
Abend in unserm Circus. Se. Majestät applaudirte so wütend, dass er alle fünf
Minuten ein neues Paar weisser Glacéehandschuhe anziehen musste, weil sie die
andern zerklatscht hatte. In den Zwischenacten hatte ich an der Tür der
kaiserlichen Loge zu stehen, um Se. Majestät hinter die Coulissen und in die
Pferdeställe zu führen, wo Allerhöchst- dieselbe den besten Pferden huldvoll auf
den Hals zu patschen und den hübschesten Damen der Gesellschaft in die Wangen zu
kneifen geruhte. Vor allem aber hatte ich mich der Gunst des Kaisers zu
erfreuen. Warum, weiss ich selbst nicht; aber so viel ist gewiss, dass der Kaiser
mich gleich am ersten Abend in seine Loge rufen liess und vor dem ganzen Hofe zu
mir sagte: Herr Schmenckel, sagte er, Sie sind nicht nur der stärkste, sondern
auch der schönste Mann, den ich je gesehen habe. Bitten Sie sich eine Gnade aus.
- Eure Majestät, erwiderte ich, mich anmutig verbeugend, ich bitte um Ihr
ferneres geschätztes Wohlwollen. Das sollen Sie haben, und den Adel dazu, rief
Se. Majestät im höchsten Entusiasmus, geben Sie mir Ihre starke Hand, Herr von
Schmenckel! Mit einer Compagnie solcher Männer, wie Sie, dictire ich die Gesetze
für die Welt!
    Seit diesem Augenblicke waren wir geschworene Freunde. Von Schmenckel,
kommen Sie heute Abend zu einer Tasse Caravanentee zu mir! - Wollen Sie heute
Abend nach der Vorstellung ein Glas Wutkipunsch mit mir trinken, lieber von
Schmenckel - Sie wissen, ganz unter uns, vielleicht ein paar Herren und Damen
vom Hofe? - wollen Sie? - so ging es einen Tag wie alle Tage.
    Nun, meine Herren, der Schmenckel aus Wien ist nicht stolz, aber er bewegt
sich gern in guter Gesellschaft -
    Hier machte Herr Schmenckel eine verbindliche Verbeugung gegen seine Zuhörer
-
    Und ein Kaiser ist und bleibt am Ende immer ein Kaiser und man freut sich
doch, wenn man mit ihm so zu sagen auf Du und Du steht.
    Es waren famose Abende, die ich so im Schoss der kaiserlichen Familie
zubrachte. Die Herren vom Hofe waren sehr liebenswürdig, und die Frauen -
    Herr Schmenckel drückte die Augen zu und warf eine Kusshand gegen die Decke
des Zimmers.
    Die Frauen! ich sage Ihnen, meine Herren, wer die russischen Frauen nicht
gesehen hat, hat gar keine Frauen gesehen. Diese Haare, diese Augen, dieser
Wuchs, dieses Feuer - und wenn der Schmenckel viertausend Jahre alt werden
sollte, er wird den Winter in Petersburg nicht vergessen.
    Die russischen Frauen sind schön, und Sie werden einen Anflug von Neid
empfinden, meine Herren, wenn ich Ihnen sage, dass ich unter den schönsten der
schönen die Auswahl hatte. Das klingt wie Aufschneiderei, meine Herren; aber,
ich kann Ihnen nicht helfen, es war so. Ich bekam ganze Wagenladungen voll
Locken, Blumensträusser und Billets, die alle anfingen: Göttlicher Schmenckel
oder Apollo Schmenckel, und alle endigten: ich erwarte Sie da und da zu der und
der Stunde.
    Aber, wie das so zu gehen pflegt, diejenige, um deren Gunst es mir am
meisten zu tun war, gehörte nicht zu meinen Verehrerinnen. Es war eine junge,
sehr schöne Dame, die ich Abend für Abend im Circus sah. Aber sie tat immer
entsetzlich vornehm und kalt, obgleich ich mich immer nur vor ihr verbeugte,
wenn ich beklatscht wurde.
    Wie gefallen Ihnen unsere Damen, Schmenckel? fragte mich der Kaiser eines
Abends, als wir Arm in Arm in seinem Salon auf- und abspazierten.
    So, so, la, la, Euer Majestät! erwiderte ich; denn Verschwiegenheit war
immer Caspar Schmenckels Stärke.
    Sie sind schwer zu befriedigen, sagte der Kaiser; wie finden Sie die kleine
Malikowsky?
    Wie war der Name? fragte plötzlich Berger, der, die Stirn in die Hand
gestützt, dagesessen hatte, den Kopf emporhebend.
    Malikowsky, alter Herr! wiederholte Herr Schmenckel. Noch ein Seidel, Herr
Wirt! Erlauben die Herren, dass ich mir meine Pfeife frisch stopfe.
    Oswald blickte auf Berger. Es war ihm, als ob ein seltsames Zucken in den
stillen ernsten Zügen wühlte und die Augen eine ungewöhnliche Erregung
verrieten; aber schon im nächsten Moment hatte Berger den Kopf wieder in die
Hand gestützt, und Herr Schmenckel fuhr in seiner Erzählung fort.
    Die kleine Malikowsky? fragte ich; wer ist das?
    Haben Sie denn die Dame in Schwarz nicht bemerkt, gleich links neben der
kaiserlichen Loge. Blasses Gesicht, grosses Auge, etwas langes Kinn?
    Doch, Majestät! aber die scheint mir ein scheuer Vogel.
    Possen, lieber Schmenckel! alles Possen. Im Vertrauen, die Dame stand in
etwas näherer Beziehung zu unserm Hause, als mir lieb war. Wir haben ihr einen
Mann verschafft, einen heruntergekommenen polnischen Edelmann; ihr Ruf ist nicht
gut, seiner ist schlecht; er hat nichts; sie hat eine halbe Million Seelen -
    Wie viel ist das in Preussisch Courant, Herr Director? fragte der dicke
Stammgast, ein Victualienhändler seines Zeichens.
    Fünf Millionen Taler, sechsundzwanzig Silbergroschen, vier Pfennig - so
passen sie sehr gut zusammen. Wenn sie ihn einmal los sein will, schickt sie ihn
auf ihre Güter in Polen - eben jetzt ist er wieder unterwegs. Die erobern Sie
sich und ich will sagen, der Schmenckel ist nicht nur der stärkste und schönste,
er ist auch der glücklichste Mann auf der Welt.
    Euer Majestät Wunsch ist für mich Befehl; erwiderte ich, ging nach Hause und
überlegte, wie ich das Herz der Schönen gewinnen könnte. Nur dadurch, dass Du
etwas tust, was vor Dir noch kein Mann getan hat, sagte ich zu mir, und da,
meine Herren, erfand ich das berühmte Schmenckelspiel mit den drei
vierundachtzigpfündigen Kanonenkugeln. Am ersten Abend spielte ich mit einer
Fangeball - sie lächelte; am folgenden mit zweien - sie klatschte in die
Händchen; am dritten mit allen dreien - sie warf mir einen Blumenstrauss zu.
Jetzt war ich meiner Sache gewiss. Hier aber, meine Herren, muss ich Sie um
Entschuldigung bitten, wenn ich meiner Gewohnheit gemäss, so oft eine Dame in's
Spiel kommt, von dem Verlauf der Geschichte nur andeutungsweise so viel sage,
dass noch an demselben Abend ein allerliebstes Kammerkätzchen bei mir erschien
und mich bat, sie zu ihrer Gebieterin zu begleiten, die vor Liebe zu mir sterbe;
dass der Schmenckel aus Wien ein viel zu gutes Herz hat, als dass er Jemand sollte
sterben lassen, und noch dazu aus Liebe zu ihm, wenn er's verhindern kann; und
dass die folgenden vier Wochen zu den schönsten seines Lebens gehören.
    Ihr seid ein glücklicher Mensch, Director! sagte der Fichtenauer
Bürgerssohn, der seit vier Jahren die Tochter eines Ratsherrn heimlich liebte
und schon so weit mit ihr gekommen war, dass sie ihm einmal beinahe einen Kuss
gegeben hätte.
    Wie man's nehmen will, junger Mann, erwiderte Herr Schmenckel mit
väterlichem Wohlwollen; wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten. Ich wollte
hier eigentlich meine Geschichte zu Ende sein lassen; aber zu Nutz und Frommen
solcher jungen heissblütigen Gesellen, wie Ihr, Herr Kanzleischreiber Müller, und
Ihr Cotterby, Ihr Tausendsacramenter, und Ihr Pierrot, Windbeutel, der Ihr seid,
muss ich selbige halt schon auserzählen. Na, merken Sie auf, Ihr Herren! Das
Kammerkätzchen war nicht weniger in mich verliebt, als ihre Herrin, denn, wie
ich schon vorher bemerkte, vor der Liebe sind alle Weiber gleich. Was geschieht
also? Eines schönen Abends, als ich - in allen Züchten und Ehren, Ihr Herren, so
wahr ich Caspar Schmenckel heisse - bei der Dame, wie gewöhnlich meinen Tee
trinke, klopft es plötzlich sehr heftig an die Tür, die in die Zimmer des
Grafen führte und die von innen verschlossen war. Aufgemacht! Aufgemacht! - Um
Gott, der Graf! flüsterte die Gräfin schreckenbleich; die Nadeska hat uns
verraten! - Aufgemacht, Himmelelement, aufgemacht! - Na, das ist eine schöne
Bescheerung, sage ich, was wird denn nun? - Schmenckel, retten Sie mich! - Mit
Plaisir, aber wie? - Ich eile in meine Schlafstube und schliesse hinter mir ab. -
Sehr schön, aber ich? - Sie sind hier eingebrochen, durch das Fenster - dabei
riss sie die Fensterflügel auf, nahm den Armleuchter - verschwand durch die
zweite Tür, schloss ab und fing an, aus Leibeskräften: Hülfe! Hülfe! zu
schreien. Na, meine Herren, stellen Sie sich meine Situation vor. Ehe ich mich
noch besinnen konnte, was ich tun sollte, brachen die Türflügel auseinander
und der Graf mit zwei Pistolen in der Hand stürzte herein und vier bis fünf
Kerle mit Lichtern und Knütteln hinterher.
    Wie sah der Graf aus? fragte Berger dumpf, ohne den in die Hände gestützten
Kopf zu erheben.
    Ja, alter Herr, viel Zeit, ihn mir zu besehen, hatte ich nicht. Ich weiss
nur, dass es ein schöner langer Kerl war mit vor Wut blitzenden Augen. Habe ich
Dich, Schurke? brüllte er - puff, simm! sauste mir die Kugel am linken; puff,
simm! eine andere am rechten Ohr vorbei. Na, Ihr Herren, das war doch am Ende
auch nicht die rechte Art und Weise, sich bei Caspar Schmenckel zu introduciren.
Was werde ich also tun? Ich packte meinen Herrn Grafen um den Leib und warf ihn
zum Fenster hinaus, und damit, im Fall er sich etwas zerbrochen hätte, gleich
Hülfe zur Hand wäre, einen seiner Bedienten hinterher. Die Andern ergriffen das
Hasenpanier und liefen, was sie laufen konnten; ich ihnen nach durch die Zimmer
auf den Vorsaal, die Treppe hinunter; und, meine Herren, als ich erst so weit
war - den Weg durch die Haustür auf die Strasse fand ich ganz allein. Wie findet
Ihr die Geschichte, Professor? und Herr Schmenckel legte seine breite Hand auf
Bergers Schulter.
    Berger hob den Kopf in die Höhe. Sein Gesicht war todtenbleich; seine Augen
rollten; das graue Haar hing ihm über die Stirn.
    Wenn Du die Wahrheit sprechen kannst, Mensch! sagte er mit einer hohlen,
unheimlichen Stimme; antworte mir: hast Du die Wahrheit gesprochen?
    Ich glaub', der alte Herr hat ein wenig zu viel getrunken; sagte Herr
Schmenckel.
    Ja, ich habe zu viel getrunken, rief Berger, heftig mit den Händen
gesticulirend; zu viel von dem eklen Gebräu dieses jämmerlichen, nichtsnutzigen
Lebens, und der Trank ist mir zu Kopf gestiegen.
    Es war ein fürchterliches Lachen; aber den halbberauschten Zechern kam es
sehr lustig vor.
    Ho, ho! nun kommt der Professor in Gang! schrie Herr Schmenckel, sich die
Seiten haltend. Rede halten, Rede halten! Der Professor soll 'ne Rede halten.
    Oswald war aufgesprungen und zu Berger getreten; er versuchte in seiner
Herzensangst den Exaltirten mit freundlichen Worten zu beruhigen und zum
Fortgehen zu bewegen.
    Berger achtete nicht auf ihn. Er stand da, sich mit beiden Händen auf den
Tisch lehnend, wie Oswald es ihn im Auditorium hatte tun sehen.
    Schreiben Sie, meine Herren, rief er; es ist die Quintessenz des langen
Syllogismus, dessen einzelne Teile ich Ihnen so eben analysirt habe:
Ich stieg auf einen Birnenbaum,
Rüben wollt' ich graben,
Da hab' ich all' mein Leben lang,
Keine besseren Pflaumen gegessen.
Sie werden mir antworten, dass dies keine speculative Idee, sondern ein altes
Schlemperlied ist, aber, meine Herren, in einer Welt, wo die Guten verhöhnt und
von schadenfrohen Dämonen genasführt werden; wo der Aberwitz mit der
Schellenkappe auf dem Haupt regiert und seine erhabenen Gedanken von der
Dummheit, der Gemeinheit, der Brutalität ausführen lässt - da ist eben die
Speculation ein Schlemperstückchen und die Idee - die glorreiche, hochherrliche
Idee - das sind Sie ja eben selbst, meine Herren, gemeine, rohe Gesellen, wie
Sie sind.
    Oho, nit so grob, Alter, rief Herr Schmenckel, der kaum noch lachen konnte.
    Ja, ja, Sie selbst, fuhr Berger heftiger und immer heftiger werdend fort;
Sie selbst, Herr Director Caspar Schmenckel aus Wien, Sie repräsentiren die
Gerechtigkeit des Himmels. Die Idee kann nichts ohne Sie; Sie sind die Idee, die
incarnirte Idee! Ich sagte Ihnen, das Leben sei nichtswürdig, aber nein - das
ist noch viel zu viel - es ist Ihrer würdig.
    An mein Herz, alter Knabe, rief Herr Schmenckel, Berger an seine breite
Brust drückend; Du bist ein kreuzfideles Haus; wir müssen Brüderschaft trinken.
    Er liess Berger aus den Armen und griff nach dem Glase.
    In demselben Augenblick sank Berger, die Hand auf's Herz pressend, mit einem
gellenden Schrei ohnmächtig zusammen.
    Es war ein Schrei, fürchterlich, wie der Hülferuf eines Ertrinkenden in dem
Augenblicke des Untersinkens; ein Schrei, der den wüsten Lärm in der Stube
übertönte, das Singen und Geschnatter zum Schweigen brachte und die Zecher
bestürzt von ihren Sitzen in die Höhe fahren liess. Sie drängten sich mit
verstörten Gesichtern herzu und glotzten mit den stumpfsinnigen, von Bier
stieren Augen auf den Unglücklichen, den Oswald vom Boden aufzurichten sich
bemühte. Niemand legte Hand an, dem jungen Mann zu helfen. Der Schrecken schien
die Leute paralysirt zu haben.
    Will mir denn Keiner beistehen? rief Oswald, die Last des leblosen Körpers
in den Armen haltend.
    Diese letzten Worte wurden an Herrn Schmenckel gerichtet, der bis jetzt mit
offenem Munde und starren Augen, die Tabakspfeife in der einen, das Bierglas in
der andern Hand, regungslos dagestanden hatte.
    Oswalds Aufforderung brachte ihn wieder zur Besinnung.
    Habt recht, Herr Graf; sagte er; müssen was tun für den alten Herrn.
    Er legte seine Pfeife auf den Tisch, nahm Oswald den noch immer
besinnungslosen Berger aus den Armen, hob ihn in die Höhe und trug ihn aus dem
Zimmer, wie ein Löwe eine todte Gazelle wegträgt.
    Oswald und der Wirt folgten.
    Hier, hier herein, sagte der Wirt, die Tür, des auf der andern Seite des
Flurs liegenden Zimmers öffnend, wo die vornehmeren Reisenden abzusteigen
pflegten.
    Herr Schmenckel legte den Ohnmächtigen auf das Sopha.
    Der alte Herr hat nichts Ordentliches im Magen gehabt, sagte Director
Schmenckel im Ton der Belehrung flüsternd zu Oswald, der sich um den Kranken
bemühte, Euer Gnaden hätten ihm erst vorher ein tüchtiges Stück Schinken mit
Schwarzbrod und einen Nordhäuser geben lassen sollen.
    Da begann Berger sich zu regen. Er schlug die Augen auf und blickte die um
ihn Herumstehenden verwundert an, wie Jemand, der aus einem schweren Traum
erwacht. Dann richtete er sich mit Oswalds Hülfe vollends auf und sagte mit
leiser Stimme:
    Ich danke Euch, meine Freunde. Ich habe Euch Mühe gemacht. Wir sind in
diesem Leben Einer auf den Andern angewiesen. Ich denke, Euch bald wieder zu
sehen; vielleicht, dass ich Euch noch einmal Eure Liebe vergelten kann. Komm,
Oswald, wir wollen gehen.
    Fühlen Sie sich kräftig genug? Soll ich nicht lieber einen Wagen kommen
lassen?
    Nicht doch; Ross und Wagen ist nicht für mich und meinesgleichen.
    Er schritt nach der Tür. Plötzlich blieb er wieder stehen.
    Gieb den Leuten, was wir schuldig sind, Oswald, wir dürfen nichts schuldig
bleiben auf Erden.
    Oswald bezahlte dem Wirt die Zeche, in welche, zur sichtlichen Befriedigung
Herrn Schmenckels, auch was die Seiltänzer verzehrt hatten, eingerechnet wurde.
    Einige Augenblicke später hatten er und Berger das Haus verlassen und
schritten durch die stillen Gassen von Fichtenau zurück nach Doctor Birkenhains
Anstalt.
    Berger beobachtete ein Schweigen, das Oswald nicht zu unterbrechen wagte.
Der junge Mann machte sich im Stillen heftige Vorwürfe über seine
Unbesonnenheit, Berger so lange in solcher Gesellschaft gelassen zu haben. Er
glaubte, dass es vor allen Dingen die Hitze und der ungewohnte Genuss des starken
Bieres gewesen sei, was Berger in den exaltirten Zustand gebracht habe. Er hatte
keine Ahnung, in welch' enger Beziehung die fratzenhaft abenteuerliche
Geschichte des Seiltänzerdirectors, auf die er nebenbei kaum hingehört hatte,
mit der Leidensgeschichte des unglücklichen Freundes stand. Er dachte an Doctor
Birkenhain, und wie schlecht er den Auftrag des Arztes erfüllt habe; er
überlegte bei sich, ob seine Anwesenheit nicht eher schädlich als dienlich für
Berger und ob es nicht, für den Kranken sowohl, als für ihn selbst, geratener
sei, wenn er Fichtenau sobald als möglich wieder verliesse.
    So waren sie schweigend bis auf den Weg gelangt, der an der Mühle vorbei zu
dem Torweg von Doctor Birkenhains Anstalt zuführte, als Berger plötzlich sagte:
    Du musst heute noch reisen, Oswald!
    Heute?
    Heute lieber, als morgen. Du musst noch einmal in die Wüste hinaus; ich kann
es Dir nicht ersparen. Und ich selbst, ich habe noch viel zu lernen, worin Du
mir nicht helfen kannst. So müssen wir uns trennen. Geh' Du Deine Strasse; ich
will die meine gehen; es ist dieselbe, und ob ich Dir auch ein wenig voraus bin,
Du lernst schnell und wirst mich bald einholen. Bis dahin, Oswald, lebe wohl!
    Berger schloss Oswald in seine Arme und küsste ihn.
    Oswald war tief bewegt.
    Lass mich bei Dir bleiben, sagte er mit von Tränen halb erstickter Stimme:
lass mich bei Dir bleiben, um nie wieder von Dir zu gehen. Ich hasse die Welt,
ich verachte die Welt, wie Du.
    Ich weiss es wohl, sagte Berger, aber die Welt verachten, ist nur das erste
Stadium von den dreien bis zu dem grossen Geheimnis.
    Und welches ist das zweite Stadium? Nenne es mir, dass ich es im Fluge
durchmesse!
    Sich selbst verachten.
    Und - das dritte?
    Sie standen an dem Torweg. Berger zog die Klingel, die Tür sprang auf.
    Und das dritte, letzte Stadium?
    Verachten, dass man verachtet wird.
    Und das Geheimnis selbst, das grosse Geheimnis?
    Wer die drei Stadien durchgemacht hat, weiss es und versteht es, ohne dass er
fragt. Wer darnach fragt, weiss es nicht und würde es nicht verstehen. Oswald,
lebe wohl! Auf Wiedersehen.
    Berger drückte Oswald noch einmal an sein Herz und trat durch die Pforte,
die sich sofort wieder hinter ihm schloss.
    Oswald blieb vor der Pforte stehen, einem Bettler gleich, dem der Trunk, um
den er bat, verweigert wurde. Dann ging er, gesenkten Hauptes, den Weg, den er
mit Berger gekommen war, zurück.
    Die Nacht war dunkel; kaum ein Stern an dem trüben, wolkenbedeckten Himmel;
die Pappeln am Wege raunten und zischelten und der Mühlbach unten schwatzte es
nach: Die Welt verachten - sich selbst verachten - verachten, dass man verachtet
wird!
 
                                Neuntes Capitel
Zu derselben Zeit, als Oswald mit Berger von dem Gipfel der Gockeleia die Sonne
in dem grünen Wäldermeer der Berge versinken sah, war in dem »Curhause«, ein
Gast abgestiegen, dessen Ankunft in dem Hotel eine gewisse freudige Bewegung
hervorrief. Es war eine junge, schöne, in einen dunkeln eleganten Anzug
gekleidete Dame in Begleitung eines nicht minder schönen, aber blass und
kränklich aussehenden Knaben von etwa zwölf Jahren, und eines alten Mannes, der
sich durch einen eisgrauen Schnurrbart und eine martialische Haltung
auszeichnete und halb der Freund, halb der Diener der Dame zu sein schien. Die
Dame war im Sommer desselben Jahres - damals ohne den Knaben - mehrere Wochen
lang in Fichtenau gewesen, um ihren Gemahl, der sich seit sieben Jahren in
Doctor Birkenhains Heilanstalt befand, dem Tode entgegensiechen und endlich
sterben zu sehen, und ihr trauriges Schicksal nicht minder als ihre unendliche
Güte und Milde gegen Jedermann, besonders gegen Kranke und Arme, hatten ihr die
Liebe und Verehrung der Einwohner des Städtchens in so hohem Grade erworben, dass
man noch jetzt in mehr als einer Familie das Andenken der »guten Frau« dankbar
segnete.
    Aber auch dieses Mal schien keine freudige Veranlassung die Dame nach
Fichtenau geführt zu haben, denn sie war kaum von dem Wirt selbst unter vielen
Bücklingen und Complimenten in den Salon der Bel-Etage geführt worden und hatte
sich in demselben und in den zwei links daran stossenden Zimmern - das Zimmer
rechts konnte der gnädigen Frau leider nicht sofort eingeräumt werden, da es
noch von einem Reisenden bewohnt sei, der aber jedenfalls nur bis morgen bleibe,
- mit Hülfe des alten Dieners einquartiert und den Knaben, der von der Reise
sehr angegriffen war, zu Bett gebracht, als sie sich hinsetzte und einige Zeilen
an Doctor Birkenhain schrieb, mit denen sich der alte Diener in Begleitung des
Hausknechts sogleich auf den Weg nach der Heilanstalt machte.
    Nach einer Stunde war Doctor Birkenhain, den alten Diener neben sich, in
seinem Einspänner vor dem Curhause vorgefahren, war zu der Dame in den Salon
gegangen und hatte eine lange Unterredung mit ihr gehabt, die wohl nicht sehr
erfreulichen Inhalts gewesen sein konnte, denn Jean, der Zimmerkellner, hatte,
als er den Tee in den Salon brachte, gesehen, dass die gnädige Frau geweint und
sich bei seinem Eintritt die Augen getrocknet hatte.
    Doctor Birkenhain war nach dieser Unterredung noch einmal an das Bett des
schlafenden Knaben getreten, hatte ihm die Hand auf das Herz gelegt, sich dann
über ihn gebeugt, und, das Ohr auf die entblösste Brust drückend, längere Zeit
gehorcht, dann hatte er sich wieder aufgerichtet, den Schläfer sorgsam
zugedeckt, ihm das volle lockige Haar aus der bleichen feinen Stirn gestrichen
und sich mit einem Lächeln auf den Lippen, das die strengen ernsten Züge des
Mannes eigentümlich verklärte, zu der Dame gewandt, die, das Licht in der Hand,
mit dem gespannten Ausdrucke schmerzlicher Ungewissheit in dem lieben schönen
Gesicht dagestanden hatte und den Arzt jetzt ängstlich fragend ansah.
    Beruhigen Sie sich, gnädige Frau! sagte er, ich kann mich allerdings noch
nicht mit Gewissheit aussprechen, aber was ich bis jetzt beobachtet habe, flösst
mir die beste Hoffnung ein, dass es mit unserem kleinen Patienten nicht so
schlecht steht, als meine Grünwalder Herren Collegen angenommen haben.
    Ein Freudenstrahl erhellte das Gesicht der Dame, ihre grossen dunklen Augen
füllten sich mit Tränen.
    Doctor Birkenhain nahm ihr das Licht aus der Hand und geleitete sie in den
Salon zurück.
    Ich komme morgen früh wieder, sagte er, indem er Hut und Stock nahm; lassen
Sie, wenn es Sie beruhigt, den alten Baumann bei Julius wachen. Sie selbst legen
sich zeitig zu Bett und nehmen eins von diesen Pulvern. Sie sind sehr
angegriffen und bedürfen der Ruhe.
    Bleiben Sie noch einen Augenblick, Doctor! sagte die Dame. Ich muss Sie noch
etwas fragen.
    Ihre Züge verrieten eine grosse Erregung; ihr Busen hob und senkte sich
unruhig; sie schien einen Gedanken aussprechen zu wollen, der ihr zu
fürchterlich war, als dass sie ihn hätte in Worte kleiden können.
    Doctor Birkenhain legte Hut und Stock wieder auf den Stuhl.
    Setzen Sie sich, gnädige Frau; sagte er, wieder neben ihr auf dem Sopha
Platz nehmend. Ich weiss, was Sie mich fragen wollen; ich habe diese Frage schon
den ganzen Abend in Ihren angstvollen Augen, auf Ihren zitternden Lippen
gelesen. - Sie glauben nicht an die Herzkrankheit, welche die Grünwalder Aerzte
diagnosticirt haben; wenn Sie daran glaubten, wären Sie, so hoch Sie auch von
meinen geringen Erfahrungen und Kenntnissen denken mögen, doch nicht gerade zu
mir gekommen. Sie glauben, dass das Uebel tiefer liegt, dass es - mit einem Worte
- ein erbliches Uebel, der erste Keim, der Beginn einer Krankheit ist, die schon
einmal für Sie so verhängnisvoll geworden. Habe ich recht?
    Die Antwort der Dame war ein Strom von Tränen, der wie eine lange
zurückgehaltene Flut unwiderstehlich aus ihren Augen brach. Sie drückte
schluchzend ihr Taschentuch gegen das Gesicht.
    Liebe gnädige Frau, sagte der Arzt, die Hand der Weinenden ergreifend; ich
bitte, ich beschwöre Sie, beruhigen Sie sich. Es ist, so viel ich aus dem
schriftlichen Bericht meiner Collegen, aus Ihren eigenen Worten und aus meiner
Beobachtung urteilen kann, auch nicht der mindeste Grund vorhanden, der Ihren
schrecklichen Verdacht bestätigte. Der Wahnsinn ist erblich, ja; er pflanzt sich
viele Generationen fort, bald hier, bald dort, oft nach langen Zwischenräumen
wieder auftauchend, aber in der Familie Ihres Gemahls ist erwiesenermassen der
Fall Herrn von Berkows der erste, so lange die Familie existirt, d.h. seit
Jahrhunderten. Und dieser Ausnahmefall hatte seine besonderen, sehr traurigen
Ursachen, die sich nur auf das betreffende Individuum beziehen, und sich in
ihren Wirkungen nur an diesem Individuum äussern. Herr von Berkow war von Natur
sehr gesund, ja auffallend kräftig organisirt, aber - es spricht ein Arzt zu
Ihnen, gnädige Frau - er hatte diese kräftige Organisation durch ein
ausschweifendes Leben zerrüttet. Was Anderen in seiner Lage zur Rettung wird -
die Ehe mit einem keuschen, reinen Wesen - wurde ihm zum Verderben, denn er
fühlte seine Unwürdigkeit, fühlte sie so tief, dass er an Ihrer Verzeihung, an
Ihrer Liebe verzweifelte und sich widerstandslos einer finstern Melancholie
überliess, in der er bald seinen Lebensmut vollends aufzehrte. - Die Sünden des
Vaters werden nicht heimgesucht werden an dem Kinde. Sollte sich wirklich eine
Herzkrankheit herausstellen, so ist sie jedenfalls noch sehr wenig
vorgeschritten und kann, zumal bei Julius' Jugend und übriger kräftiger
Constitution erfolgreich bekämpft werden. Darum, gnädige Frau, lassen Sie Ihre
Sorge fahren; vertrauen Sie mir und - vertrauen Sie Ihrem Stern, von dem doch
endlich einmal die Wolken verschwinden müssen, die ihn bis jetzt verschleierten.
    Meinem Stern? sagte die Dame mit einem wehmütigen Lächeln. Meinem Stern?
Ach, Doctor, ich fürchte, der ist, wenn er jemals existirt hat, für immer
untergegangen.
    Das wollen wir sehen, sagte Doctor Birkenhain, sich erhebend. Ich glaube nun
einmal an gute Sterne, und vor Allem an Ihren guten Stern. Wer so schön und so
lieb und so gut ist, wie Sie, der darf, der soll nicht unglücklich sein. Gute
Nacht!
    Doctor Birkenhain ergriff die Hand der Dame, führte sie ehrfurchtsvoll an
seine Lippen und verliess das Zimmer.
    Sie sass, nachdem der Arzt sie verlassen, lange Zeit den Kopf auf die Hand
gestützt, in tiefes Sinnen versunken.
    Wie in einem Traum zogen die Bilder ihres Lebens an ihres Geistes Aug'
vorüber.
    Sie sah sich als rotwangiges, wildes Kind in ihres Vaters Parke spielen mit
einem ernsten, ungelenken Knaben, dem sie manchmal herzlich gut war und den sie
ein anderes Mal nicht ausstehen konnte; der, bald stolz und herrisch, sich ihren
Launen widersetzte, bald, wenn sie ihm freundlich begegnete, keine Mühe und
keine Gefahr scheute, ihre kindischen Wünsche zu erfüllen. Sie sah sich einige
Jahre später in der Gesellschaft desselben Knaben und einiger anderer Knaben und
Mädchen in dem Saale ihres väterlichen Schlosses nach den Tönen einer Violine
sehr zierliche Pas machen, zum Entzücken vieler erwachsenen Männer und Frauen,
welche die kleine Kokette mit Lobsprüchen und Liebkosungen überschütteten; und
sie sah den Knaben, dessen Ungeschicklichkeit sie in ihrem Übermut verspottete
und verhöhnte, in einer Fensternische sitzen und bitterlich weinen. Sie sah
sich, wieder einige Jahre später, in dem morgenfrischen Glanze sechszehnjähriger
Schönheit und von allen Seiten umworben und gefeiert und den süssen, köstlichen
Trank aus dem rosenumkränzten Becher des Lebens mit durstigen Zügen ahnungslos
schlürfend; von Freude zu Freude gaukelnd, wie ein leichtbeschwingter
Schmetterling von Blume zu Blume, und doch in diesem seligen Geniessen in der
Tiefe des Herzens von einer wühlenden Unruhe erfüllt, der die goldige Gegenwart
grau und farblos erschien im Vergleich mit der wunderherrlichen,
farbenprangenden Zukunft, die alle Träume, alle Wünsche erfüllen würde. Sie
hatte in dieser Zeit den ernsten, ungelenken Knaben aus den Augen verloren.
Welch' traurige Rolle hätte er auch gespielt in dieser duftenden, blühenden,
nachtigallen-gesangerfüllten, kosenden, tändelnden Feenwelt! Aber die Zukunft
war Gegenwart geworden und hatte von Allem, was sie verheissen, nichts erfüllt -
ein giftiger Tau war auf die bunten Blumen gefallen und hatte ihnen Farbe und
Duft geraubt; die Nachtigallen waren verstummt und über der frühlingprangenden
Welt hing ein grauer, düsterer Schleier - ein Schleier, durch den hindurch
entsetzliche Scenen vorüberhuschten - ein Vater, der vor der Tochter auf den
Knieen liegt und sie bei seinem grauen Haupt, das er sich zerschmettern müsse,
wenn sie seinen Wünschen nicht nachkomme, beschwört, einen Mann zu heiraten,
den sie nicht liebt, vor dem ein instinctives Gefühl die Reine, Unschuldige
warnt - ein Gatte, der - - weg, weg ihr Bilder, ihr grausigen Bilder, bei deren
Erinnerung die Unglückliche nach so vielen Jahren noch jetzt schaudernd ihr
Gesicht in den Händen verbirgt! Und da tritt wieder die Gestalt des jetzt zu
einem stolzen, kalten Mann gewordenen düstern, trotzigen Knaben heran, der ihr
gegenüber den Stolz in Demut und die Kälte in unendliche Güte und Liebe
verkehrt, der ihr ratend, tröstend, helfend zur Seite steht, der, so viel er
vermag, das Leid von ihr wendet, und wo er es nicht vermag, es ihr tragen hilft,
ja, Alles womöglich auf seine Schulter nimmt. Wohl kommt ihr in dieser Zeit der
Gedanke, dass dieser Mann mehr wert sei, als alle ihre phantastischen Träume,
aber noch immer kann sie von den Idealen nicht lassen, die nun einmal ihr
jugendliches Herz erfüllt haben. Sie quält den Mann, wie sie den Knaben quälte,
sie schickt ihn auf Reisen, wie sie ihn früher aus dem Garten schickte, wenn er
sich ihren Launen nicht sklavisch fügen wollte.
    Und nun kommen die friedlichen Bilder in der grünen Oede ihres Landguts
verlebter Jahre, in welchen die Gestalten eines schönen, zarten Knaben, eines
gutmütigen, pedantischen Gelehrten und eines alten graubärtigen Dieners in den
verschiedensten und immer ähnlichen Situationen stets wiederkehren - friedliche
Bilder, über deren heiteren Farben doch ein gewisser Hauch der Wemut, der
unerfüllten Hoffnung, der unbefriedigten Sehnsucht liegt. Zwar denkt sie noch
oft an den Mann, den sie in die Verbannung gesandt hat, aber nicht mehr mit dem
freundlichen Herzen, das sich seiner Undankbarkeit im Grunde schämt. Es hat sich
ein bitteres Etwas hineingemischt in ihre Gefühle gegen den Mann, seitdem er -
es war auf einer Reise in Italien - gewagt hat, offen mit seiner Liebe
hervorzutreten, sie ihn mit jener schlechten Logik, welche Verharren in einer
capriciösen Laune für Consequenz nimmt, zurückgewiesen, und er, stolz wie er
ist, sie sofort beim Worte genommen hat und seitdem in Aegypten und Nubien
verschwunden ist. Sie bildet sich ein, dass sie angefangen hat, den Gespielen
ihrer Jugendjahre, den treuen Freund in aller Not und Gefahr, zu hassen, und
ein Psycholog hätte ihr sagen können, dass der Hass der wilde Bruder der holden
Schwester Liebe und nur die Gleichgiltigkeit ein undurchdringlicher Panzer für
ein Frauenherz ist.
    Und nun tritt in die friedliche Scenerie die Gestalt eines Mannes, dessen
Schönheit ihr kunstsinniges Auge entzückt, dessen sanfte Freundlichkeit sie
umspielt wie linder Frühlingshauch, dessen Melancholie in ihrem sich nach Glück
sehnenden Herzen ein Echo findet - eines Mannes, der Alles in Allem nur eine
Verkörperung ihrer Träume scheint. Und wie in einem Traume nimmt sie seine Liebe
entgegen, erwiedert sie mit tausendfacher Glut - sie will die Gefahr nicht
sehen, sie will nicht erwachen, sie will einmal in ihrem Leben glücklich sein.
Aber der Morgen steigt herauf; es ist nicht möglich, die Augen länger
geschlossen zu halten und den Traum zu bannen. Der wider alles Erwarten
zurückgekehrte Freund tritt warnend vor sie hin und schon im nächsten Moment
geht seine Prophezeiung in Erfüllung. Schlag auf Schlag bricht das Unglück
herein, dessen Ahnung ihn aus den Ruinen von Karnak nach seiner nordischen
Heimat trieb. Die Nachricht von dem bevorstehenden Tode des Mannes, dessen
Namen sie führt, reisst sie aus den Armen des Geliebten; sie eilt, eine Pflicht
zu erfüllen, die ihr um so heiliger ist, je wonnenvoller das Glück, in welchem
sie sich in diesen letzten Wochen gewiegt - und sie kehrt zurück, das Herz voll
freudiger Hoffnung und zugleich voll banger Ahnung, und sie hört und sieht, dass
der Mann, dem sie sich mit grenzenloser Liebe hingegeben, sie verraten hat, und
dass, wie zur Strafe für ihr kurzes, heimliches Glück, ihr einziges Kind, der
schöne, liebenswürdige Knabe, ihr Trost, ihre Wonne, ihr Stolz, darniederliegt
an einer Krankheit, in der sie den Anfang eines Leidens sieht, dessen Ausgang
und fürchterliches Ende sie eben an dem Vater des Kindes erfahren hat.
    Aber dieser zweite Schlag ist vielleicht für sie ein Segen. Er betäubt sie
so, dass sie die Wunde, die ihrem Herzen geschlagen ist, kaum fühlt. Die Liebe
des Weibes versinkt in dem Abgrund der Mutterliebe. Sie wacht an des Knaben
Bette Tag und Nacht, sie hat nur Aug' und Ohr für seine Bedürfnisse, seine
Wünsche; und als er sich etwas erholt, macht sie sich mit ihm auf die Reise zu
dem Manne, in dessen Erfahrung sie grenzenloses Vertrauen setzt, von dessen
Lippen sie die Entscheidung über Leben und Tod - nein, was schlimmer, tausendmal
schlimmer ist, als der Tod! - entgegennehmen will. Und er hat entschieden; er
hat ihr nicht alle Hoffnung geraubt, er hat ihr Mut zugesprochen - ihr Knabe
wird leben; er wird gesunden; die Sünden des Vaters sollen nicht heimgesucht
werden an dem Kinde.
    Und jetzt, wo ihre Seele von der entsetzlichen Last befreit ist, denkt sie
zum ersten Mal wieder an ihre verratene Liebe.
    War dieser Verrat nicht eine Strafe für sie, dass sie zuerst nach ihrem und
dann nach ihres Kindes Glück gefragt? für den Verrat, den sie an ihrem Kinde
geübt? war die Liebe zu einem Manne, der ihr ganzes Herz erfüllte, nicht Verrat
an ihrem Kinde?
    Hier in diesem Zimmer hatte sie in den warmen Abenden des verflossenen
Sommers so oft von einer Zukunft geträumt, deren Erfüllung diese Gegenwart war,
in welcher sie der Strom des Lebens zurückgetrieben hatte, an denselben Ort,
fast in dieselbe Situation. War es nicht, als wolle ihr das Schicksal Zeit
geben, noch einmal zu überlegen, ehe sie handelte, ehe sie ihr Glück und das
ihres Kindes in Hände legte, die viel zu schwach waren, ein solches Gut mannhaft
zu verteidigen?
    Hier in diesem Zimmer hatte sie der Freund vor jenen Händen gewarnt, die mit
knabenhafter Kühnheit nach allem Höchsten griffen, um in kindischer Laune das
Schönste und Herrlichste, als wäre es Trödelwaare, wieder fortzuwerfen. Hier in
diesem Zimmer hatte er ihr eine Prophezeihung gemacht, die Wort für Wort schon
jetzt in Erfüllung gegangen war!
    Hier in diesem Zimmer hatte er die Worte zu ihr gesprochen: Und wenn Du dann
von diesem Schlage zerschmettert am Boden liegst und zu sterben wünschest und
doch nicht sterben kannst, dann wirst Du erkennen, welche Qualen ein Herz
erduldet, wenn es seine Liebe und Treue verschmäht und verraten sieht; dann
wirst Du mir im Herzen das Unrecht abbitten, das Du mir getan!
    Wo war er jetzt, dieser treue, edle Mann, der - sie hatte es oft gefühlt,
aber nie mehr als in diesem Augenblicke - ihretalben seine stolze Kraft in
Tatlosigkeit oder sinnlosen Abenteuern vergeudete, wie ein Baum, dem das Herz
gebrochen ist, üppig in Zweige und Blätter schiesst, ohne jemals Früchte zu
bringen? Wieder irrte er, ruhelos wie Ahasver, durch die weite öde Welt. Als
sollte er nie etwas sein eigen nennen, war ihm das Kind, das er geliebt, ehe er
wusste, dass es sein Kind war, wie ein kurzer schöner Traum wieder verschwunden.
Er hatte es ziehen lassen, weil ihm sein Gerechtigkeitsgefühl sagte, dass er kein
Anrecht habe an diesem Wesen, für das er nichts getan, als ihm zum Dasein
verholfen. Sollte es denn wirklich sein Schicksal sein, Liebe zu säen und
Gleichgültigkeit zu ernten?
    Nein, nein! nicht Gleichgültigkeit! wenn auch nicht Liebe, wie er sie
fühlte, wie er sie wollte, aber auch nicht Gleichgültigkeit! Empfand sie denn
nicht herzliche Freundschaft, aufrichtige tiefe Hochachtung für ihn? Hätte sie
nicht Jahre des Lebens darum geopfert, ihm sein Kind wieder zu schaffen?
    Wo war er jetzt? Sie hatte sich so daran gewöhnt, ihn in allen trüben
Stunden ihres Lebens an ihrer Seite zu sehen, dass sie ihn nun, wo er zum ersten
Male fern blieb, schmerzlich vermisste. Und doch, welche Ansprüche hatte sie denn
an eine Liebe, die sie hundertmal zurückgewiesen, die sie durch ihre Liebe für
einen Anderen so tief, so tief beleidigt hatte?
    Die junge Frau war so in diesen Gedanken verloren, dass sie nicht hörte, wie
es leise an ihre Türe pochte. Die Tür wurde geöffnet und ein altes,
schnauzbärtiges Gesicht schaute herein. Hinter dem schnauzbärtigen Gesicht stand
die hohe Gestalt eines Mannes.
    Gnädige Frau! sagte der Schnauzbart, ein guter Freund, der eben angekommen
ist, wünscht wo möglich noch heute Abend seine Aufwartung zu machen.
    Wer ist es? fragte die Dame, sich erstaunt von ihrem Sitze emporhebend.
    Da trat die hohe Gestalt in das Zimmer.
    Oldenburg! rief die Dame. Oldenburg! Sind Sie es denn wirklich.
    Ja, Melitta! sagte der Baron, die ausgestreckte Hand der Dame ergreifend und
an seine Lippe führend. Ich bin es wirklich.
    Der alte Diener hatte während dieser Begrüssung, sich die Hände reibend und
das Paar mit einem Blick betrachtend, in welchem sich Angst und Hoffnung malten,
dagestanden. Als er den unverkennbaren Ausdruck freudiger Ueberraschung auf dem
schönen Antlitz der geliebten Herrin bemerkte und die Träne, die in ihrem Auge
erglänzte, als der Baron sich über ihre Hand beugte, traten ihm selbst die
Tränen in die Augen. Er ging mit geräuschlosen Schritten aus dem Zimmer, schloss
leise die Tür - und wer den alten Mann weiter beobachtet hätte - aber es
beobachtete ihn Keiner, würde gesehen haben, dass er vor der Tür die Hände
faltete und mit zitternden Lippen ein heisses Gebet in den grauen Bart murmelte -
ein Gebet, das Gott für diese Begegnung zwischen seiner Herrin und dem Manne,
den er von Allen allein ihrer würdig achtete, dankte und ihn anflehte, er möge
in seiner unendlichen Gnade noch jetzt in der elften Stunde - Alles, Alles zum
Besten wenden!
    Der Baron war, nachdem der alte Baumann das Zimmer verlassen, mit langen
Schritten, wie es seine Gewohnheit war, wenn er ein Gefühl, das ihn zu
überwältigen drohte, niederkämpfen wollte, schweigend auf- und abgegangen. -
Melitta hatte sich auf das Sopha gesetzt, da eine Erregung, die vielleicht nicht
minder gross war, als die Oldenburg's, ihr die Kraft zum Stehen raubte.
    Nach einigen Augenblicken kam der Baron, nahm neben ihr auf dem Sopha Platz
und sagte mit einer sanften Stimme, in der auch nicht die mindeste Spur der
rauhen Heftigkeit seines Wesens zu entdecken war:
    Und Sie fragen mich nicht, Melitta, was mich durch Nacht und Nebel hierher
in diese Berge, in dies Städtchen und in dies Zimmer geführt hat?
    Nein! erwiderte Melitta, ihm voll und klar in die Augen sehend; nein! weiss
ich es doch, ohne dass ich frage.
    Ich danke Dir, Melitta!
    Weiter antwortete er nichts; aber die ganze Seele des Mannes lag in den
wenigen Worten.
    Ja, und noch mehr, fuhr Melitta fort; ich hatte nur eben noch lebhaft an Sie
gedacht, - an den treuen Freund, der mir noch stets in jedem Unglück mit Rat
und Tat zur Seite stand, so oft ich auch seinen Rat verschmähte und die Opfer,
die er mir brachte, mit Undank belohnte.
    Opfer - Undank; sagte Oldenburg, und es schwebte ein wehmütiges Lächeln auf
seinen Lippen; das sind Worte, Melitta, die ohne Bedeutung für uns - ich will
sagen für mich sind; es wenigstens jetzt sind, wie ich auch früher darüber
gedacht haben mag. Endlich findet sich einmal jeder in sein Schicksal, und wenn
der gefangene Löwe seine Verzweiflung ausgetobt hat und seine Kraft an den
Eisenstäben seines Käfigs erlahmt ist, legt er sich in die Ecke und ist für die
Zukunft so fromm, wie ein Lamm. Doch lassen wir das! ich bin nicht hierher
gekommen, um für mich zu plaidiren und eine Sache, die durch alle Instanzen
verloren ist, noch einmal hervorzusuchen; ich bin nicht meinetalben hier,
sondern Deinetalben. - Ich erfuhr in Grünwald, wohin mich Geschäfte riefen, dass
Julius gefährlich erkrankt sei, dass Du Dich mit ihm nach Fichtenau auf den Weg
gemacht habest. Ich fürchtete sogleich das Schlimmste und bin Tag und Nacht
gereist, um Dir zu helfen, wenn ich konnte. Glücklicherweise ist unsere Angst
unnötig gewesen; ich habe unten Birkenhain gesprochen, der eben von Dir kam. Er
hat mich vollständig beruhigt und meint, dass Du, sobald Du Dich erholt, in
Gottes Namen zurückreisen kannst. Das ist Alles, was ich wissen wollte, und nun,
nachdem der Zweck meiner Reise erfüllt und ich noch, als eine Zugabe gütiger
Götter, Dich begrüsst und Deine liebe Hand in der meinen gehabt habe - Gott
befohlen, Melitta! und möge uns das Unglück - denn das Glück hat mit uns nichts
zu schaffen - sobald nicht wieder zusammenführen!
    Der Baron sprach diese letzten Worte mit lächelnder Miene, aber durch den
Ton, in welchem er sie sprach, klang ein schmerzliches Weh - das Weh eines
grossmütigen, liebreichen Herzens, für das die weite, reiche Welt keine Heimat
hat.
    Er hatte zum Abschied Melitta's Hand genommen und wollte sich erheben; aber
er vermochte es nicht, denn die liebe Hand erwiederte nicht nur warm den Druck
der seinen - er fühlte, er glaubte zu fühlen, dass Melitta ihn noch nicht von
sich lassen wolle; dass sie es gern sähe, wenn er noch bliebe.
    Es war ihm das so neu; er blickte sie verwundert fragend an, ob es denn
wirklich möglich? ob denn wirklich seine Gegenwart für sie nicht peinlich sei?
    Sie dürfen noch nicht fort, fragte Melitta mit einer gewissen Hastigkeit,
während eine fliegende Röte für einen Augenblick ihre bleichen Wangen färbte;
ich kann es nicht ertragen, dass, während alle Welt meine Freundlichkeit rühmt
und jeder Bettler zufrieden von mir geht, ich in Ihren Augen stets als eine
Bildsäule erscheine, die niemals gibt und immer nur nimmt, ohne auch nur ein
Danke! zu sprechen. Sie haben mir noch kein Wort von sich selbst gesagt; kein
Wort darüber, wie es Ihnen in aller dieser Zeit ergangen ist. Sie kommen hundert
Meilen weit her, um sich nach meinem Julius umzusehen und wollen fort, ohne dass
ich nur hätte fragen können, ob Sie von Ihrer Czika eine Kunde erhalten haben.
Ist das grossmütig? ja, ist das auch nur recht von Ihnen?
    Der Baron sah Melitta, während sie dies sprach, fast erschrocken an.
    Melitta, antwortete er mit einem Ernst, der etwas Feierliches hatte, man
darf in einem Todtkranken die Sehnsucht nach dem Leben nicht entfachen.
Verwöhnen Sie mich nicht aus purem Mitleid durch eine Freundlichkeit, die Ihnen
nicht von Herzen kommt!
    Nicht von Herzen? erwiderte Melitta mit leiser Stimme, freilich, ich habe
diesen Vorwurf verdient; ich darf mich nicht beklagen.
    Ich habe Ihnen keinen Vorwurf machen wollen, Melitta!
    Und doch trifft er mich. Ja, Oldenburg, es muss heraus; es drückt mir sonst
das Herz ab. Ich fühle mich Ihnen gegenüber tief beschämt. Die Last der
Dankbarkeit, die Sie auf mich laden, drückt mich zu Boden.
    Eine Last, Melitta? Eine Last! ich habe Sie bei Gott durch das Wenige, was
ich im Leben für Sie tun konnte, nicht belästigen wollen.
    Sie wollen mir nicht glauben! Ich kann die Worte nicht messen und wägen, wie
Sie! Wenn in Ihrem Herzen nichts für mich spricht, wenn Sie nicht mit dem Herzen
hören wollen, dann -
    Tränen erstickten ihre Stimme.
    Was ist das, sagte Oldenburg, sich mit beiden Händen an den Kopf greifend.
Träume ich denn? Ist dies mein Kopf? dies meine Hand? Bin ich Oldenburg? Sind
Sie Melitta? Sie, die Sie weinen, weil ich, Adalbert Oldenburg, Sie nicht
verstehe? oder nicht verstehen will?
    Sie sollen mich verstehen, sagte Melitta, ihre Tränen trocknend, mit einer
bei ihr ganz ungewöhnlichen Heftigkeit. Sie haben mich im Leben so oft schwach
und haltlos gesehen, dass Sie mir die Kraft zu einer Entschliessung gar nicht mehr
zutrauen. Und doch habe ich diese Kraft; und wenn ich sie habe, verdanke ich sie
Ihnen, Adalbert. Sie haben in der Krankheit meines Kindes zu mir gesprochen und
ich habe mein Herz gegen Ihre Stimme nicht verschlossen. Ich habe sie deutlich
gehört in dem langen bangen Stunden der Nächte, die ich an dem Lager meines
Kindes wachend und weinend verbrachte. Da habe ich mein Kind mit stillen heissen
Tränen um Verzeihung gebeten, wenn ich jemals vergessen konnte, dass ich Mutter
war; da habe ich mir gelobt, dass ich es nun und nimmer wieder vergessen wollte,
da habe ich -
    Sie stockte, brennende Scham übergoss ihre Wangen mit Purpurglut; aber sie
raffte sich gewaltsam empor -
    Da habe ich eine Leidenschaft abgeschworen, die mich vor mir selbst, vor
meinem Kinde - und Adalbert, vor Ihnen erniedrigt.
    Halte ein, Melitta! halte ein! rief Oldenburg aufspringend. Du bist ausser
Dir! Du bist nicht allein mit Dir! Du bist in der Gegenwart eines Dritten, eines
Mannes, der Dich liebt, Melitta! Er will nicht hören, was Du nur Dir selbst
vertrauen darfst?
    Lass mich ausreden, Adalbert! Ich vertraue Deiner Güte, wie ich Deiner Kraft
vertraue. Ich habe Dir noch nicht Alles gesagt, was ich mir zugeschworen an
meines Kindes Krankenlager. Ich habe da oft an Dein Kind gedacht und dass Du
durch ein entsetzliches Schicksal um Deines Kindes Liebe betrogen bist, wie um
das Herz des Weibes, das Du liebst. Und da habe ich mir gelobt, dass, wenn ich
Dich auch nicht beglücken kann, wie Du es verdienst; wenn auch zu viel, zu viel
geschehen ist, was Dich und mich auf immer trennt - ich doch Dir Dein Loos will
tragen helfen, so weit ich kann; ich Dich wieder mit dem Leben versöhnen und
selber für Dich leben will, so weit ich es vermag!
    Melitta hatte sich während der letzten Worte von dem Sopha erhoben. Sie
stand da mit hochgeröteten Wangen und leuchtenden Augen.
    Oldenburg hatte ihr zugehört mit atemloser Spannung, in einer Erregung, die
mit jedem ihrer Worte mächtiger wurde. Seine Augen blitzten, seine Brust wogte,
er presste die Hände gegen sein Herz, das ihm schier zerspringen wollte vor
seliger Lust.
    Als Melitta's letztes Wort verklungen war, trat er auf sie zu, kniete vor
ihr nieder und sagte mit einer Stimme, tief und stark, wie der Klang eines
ehernen Schildes:
    Und nun höre meinen Schwur, Melitta! So wahr ich Dich geliebt habe, seit ich
denken kann, so wahr mir in der Nacht meines Lebens nur ein Stern gestrahlt hat;
so wahr ich in der Wüste des Lebens nur deshalb ziel- und zweck- und ruhelos
umhergeirrt bin, weil ich verzweifelte, dass dieser Stern mir jemals freundlich
leuchten könne - so wahr will ich von diesem Augenblicke an mit aller Kraft, die
mir gegeben ist, nach dem Höchsten ringen; abtun alle kleinliche Schwäche und
Verzagteit, und die Zeit wieder einbringen, die ich in Tatlosigkeit vergeudet
habe. Und, so wahr mein Herz jetzt von einer Seligkeit erfüllt ist, die keine
Worte aussprechen können, so wahr will ich nicht ruhen und nicht rasten, bis Du
mich liebst, wie ich Dich liebe, bis Du die Meine bist - hörst Du, Melitta, mein
Weib!
    Er war aufgesprungen.
    Und nun, Melitta - rief er - und seine Worte waren wie Jubelgesang, lebe
wohl! es duldet mich nicht mehr unter diesem Dach; die ganze weite Welt ist zu
eng für mich geworden. Leb wohl! leb wohl! bis wir uns wiedersehen!
    Er schloss Melitta stürmisch in seine Arme und küsste sie auf die Stirn. Dann
eilte er zum Zimmer hinaus.
    Melitta war wie versteinert mitten in dem Gemache stehen geblieben. Sie
hatte weder die Kraft gehabt, Oldenburg zurückzuhalten, noch sein Lebewohl zu
erwiedern.
    Sie legte die Hände gegen ihren pochenden Schläfen.
    Was habe ich getan? was habe ich gesagt? fragte sie sich. Und die Stimme in
ihrem Herzen antwortete: Nichts, dessen Du Dich vor Dir selbst, vor Deinem Kinde
zu schämen brauchtest.
    Sie eilte in das anstossende Gemach. Sie lehnte sich über den schlafenden
Knaben.
    Da hörte sie das Rollen eines Wagens, der schnell von der Tür des Hotels
abfuhr.
    Er ist es! murmelte sie aufhorchend, und dann, ihr Gesicht in die Kissen
drückend, weinte sie bitterlich.
 
                                Zehntes Capitel
Oswald hatte, nachdem er Berger an der Pforte des Irrenhauses verlassen, durch
den Abschied von dem unglücklichen Manne und seine letzten grausigen Worte tief
erschüttert, in trübes Sinnen verloren, den Weg von der Heilanstalt an dem Fluss
entlang, fast wie ein Nachtwandler zurückgelegt.
    Was er seit seiner Ankunft gestern Abend in Fichtenau gehört, gesehen,
erfahren - all die Eindrücke, die auf ihn losgestürmt, all die Gedanken, die in
ihm angeregt, all die Leidenschaften, die in ihm entfesselt waren, wirbelten in
seinem Hirn und Herzen chaotisch durcheinander. Er hatte ein dunkles Gefühl
davon, dass dieser Zustand zuletzt zum Wahnsinn führen müsse, ja dass derselbe
schon eine Art Wahnsinn sei.
    Sollte er nicht umkehren und an die Pforte pochen, die sich so eben hinter
Berger geschlossen? war dieses Haus mit seinen hohen Gefängnissmauern nicht das
beste Asyl für Herzen, die der Welt so müde waren wie das seine? Oder besser
noch: sollte er sich nicht über das niedrige Geländer hinab in den Fluss stürzen,
der unter ihm, tief und still, geräuschlos wie eine Schlange, zwischen den
hohen, steilen Ufern dahinschoss? konnte er so nicht sicher sein, die heisse Stirn
für immer zu kühlen, die hämmernden Pulse in den Schläfen auf ewig zum Schweigen
zu bringen? Durfte er hoffen, aus einem Labyrint, in welchem ein so hoher edler
Geist, wie der Bergers, rettungslos verwirrt war, den Ausgang zum rosigen Licht
zu finden? war ihm nicht Berger an Kraft des Geistes wie an Adel der Seele
überlegen? - und doch und doch!
    Oswald stand vor dem Curhause. Eine Chaise, die eben angekommen, hielt noch
angespannt vor der Tür. In dem Speisesaal sah er zwei Herren in eifrigem
Gespräch an dem Ende der langen Tafel sitzen. Es war ihm, als ob Doctor
Birkenhain der Eine sei. Es verlangte ihn durchaus nicht nach einer Begegnung
mit dem Arzte, dessen Auftrag in Betreff Berger's er so kläglich ausgeführt
hatte. Er wollte ihm, ehe er abreiste, einige Zeilen schreiben, in denen er sich
mit dringenden Geschäften und Bergers speciellem Wunsch entschuldigte, wenn er,
ohne sich persönlich zu empfehlen, abgereist sei.
    Er ging auf sein Zimmer und schellte.
    Geht die Post noch heute Nacht?
    In einer halben Stunde, mein Herr.
    Ich will mit der Post fort. Besorgen Sie mir einen Platz und die Rechnung!
sagte Oswald, schon mit dem Packen seiner Sachen beschäftigt.
    Sogleich, mein Herr!
    Ja, ja! ich will fort, fort von hier, murmelte Oswald mit
Leidenschaftlichkeit, sich in dem Entschluss der letzten Minute bestärkend. Fort
von hier, ehe noch mehr Unglück über mich hereinbricht.
    Die Rechnung, mein Herr! sagte der wiedereintretende Kellner. Danke bestens,
mein Herr. Der Herr brauchen sich gar nicht so sehr zu beeilen. Sie haben noch
fünfundzwanzig Minuten Zeit; die Post ist drei Schritt von hier. Glaubten, der
Herr würde noch die Nacht bleiben. Hätten sonst dies Zimmer an eine Dame geben
können, die so eben angekommen ist und den Salon nebenan und zwei Zimmer
bestellt hat. Mussten ihr die Zimmer links geben, die freilich für eine so schöne
Dame nicht gut genug sind.
    Der Kellner sprach diese Worte in einem Flüstern, das auf eine gewisse
Undichtigkeit der Türen in dem »Curhause« schliessen liess.
    Wer ist die Dame? fragte Oswald, indem er seinen Koffer zuschnallte.
    Eine Frau von Berkow; alte Bekannte von uns. Erzählte dem Herrn schon heute
Morgen davon. Werde sogleich den Hausknecht schicken, dass er den Koffer auf die
Post trägt. Sonst nichts zu befehlen, mein Herr?
    Der Kellner verliess mit einer kühnen Schwenkung seiner Serviette das Zimmer.
Oswald richtete sich in die Höhe. Sein Gesicht war todtenbleich. Er musste sich
an dem Tisch halten; seine Glieder flogen.
    Hatte er denn recht gehört? Melitta hier? in diesem Hause? in dem nächsten
Zimmer? Wie kam sie hierher? Was wollte sie hier? wen suchte sie hier? hier an
diesem Orte, an den sich für sie so wichtige Erinnerungen knüpften? War dies ein
Zufall? war es Absicht? war es möglich, dass sie seinetalben hier war? hatte sie
das Ziel seiner Reise in Erfahrung gebracht? suchte sie ihn? hatte sie den
Brief, den er ihr von Grenwitz aus, nach Bruno's Tode und eine Stunde vor dem
Duell mit Felix nach Berkow schrieb, den Brief, in welchem er ihr mit einer
apatischen Grausamkeit, die er für Heroismus hielt, sagte, dass sein Herz ihr
nicht mehr ganz gehöre, dass er sie und sich selbst nicht täuschen wolle und
könne, dass er für immer von ihr - und vielleicht von dem Leben - Abschied nehme,
nicht erhalten? oder hatte sie ihn erhalten und mit der Ungläubigkeit eines
liebenden Herzens gelesen, das die Treulosigkeit nicht versteht, weil es selbst
nur treue Liebe kennt? War sie hier, ihm zu sagen, dass sie ihm verziehen habe?
dass sie noch immer seine Melitta sei? Würde sie, wenn er jetzt zu ihr eilte und
ihr zu Füssen sänke, den Reuigen vom Boden aufheben, ihm sagen, dass Alles
vergessen und vergeben sei? dass sie ihm nie gezürnt habe?
    Er lauschte, ob sich nebenan etwas rege. Er hörte nichts, nichts als das
Klopfen seines ungestüm pochenden Herzens.
    Sie war allein! sie harrte vielleicht seines Kommens! sollten sie wirklich
wiederkehren die seligen Tage von Berkow? sollte wirklich noch Alles, Alles gut
werden?
    Er lauschte; er hörte nebenan die Tür gehen.
    Es wird ein Kellner sein, der einen Auftrag ausgerichtet hat!
    Eine tiefe Männerstimme! die weiche Stimme einer Frau!
    Die weiche Stimme war Melitta's Stimme; aber die andere?
    Er lauschte. Die Stimmen wurden lauter, deutlicher.
    Ein convulsivisches Zucken flog über das Gesicht des Lauschers; ein
heiseres, unheimliches Lachen brach aus seiner Kehle. Der Mann, der mit Melitta
so eifrig sprach, - war Baron Oldenburg!
    Das Sopha, auf dem die Redenden sassen, stand dicht an der Tür, welche die
beiden Zimmer verband. Oswald konnte nicht Alles verstehen, was sie sprachen;
aber wozu denn auch das? Die Zusammenkunft der Beiden hier in diesem abgelegenen
Städtchen, das schon einmal der Ort ihrer verstohlenen Rendezvous gewesen war,
sprach beredt genug. So hatte er denn doch recht gehabt! so hatten die Beiden
ihn von Anfang an genasführt! Er hatte an Melitta nicht gefrevelt, was sie nicht
an ihm gesündigt hatte. Die Rechnung war quitt!
    Es klopfte an die Tür.
    Der Hausknecht erschien, den Koffer des Herrn auf die Post zu bringen.
    Es ist die höchste Zeit, mein Herr. Der Postillon hat schon zweimal
geblasen.
    Oswald folgte mechanisch dem Manne über den Corridor weg, zum Hause hinaus,
über die dunkle Strasse an den Postwagen.
    Eine Minute später rollte der Wagen über das holprige Pflaster davon. Der
Postillon blies ein lustiges Liedel in die stille Nacht hinaus und Oswald summte
zur Melodie den Text: Sich selbst verachten; die Welt verachten; verachten, dass
man verachtet wird!
 
                                 Elftes Capitel
Es war in der ersten Frühstunde eines trüben Herbsttages. In den Bergen um
Fichtenau braute der Nebel so dicht, dass, wer auf der Landstrasse, die sich
gleich hinter dem Städtchen, steil aufsteigend, in die Wälder verliert,
dahinfuhr, kaum die ersten Tannen an dem Rande unterscheiden konnte.
    An dem Wegrande, an einer Stelle, wo sich zwei Strassen kreuzten, sassen
Xenobi und die Czika. In dem Graben vor ihnen weidete ihr treuer Gefährte auf
allen Irrzügen, der kleine Esel mit dem roten Federbusch auf dem Kopf und der
roten Schabracke auf dem Rücken, das kurze, halbfaule Gras. Es schien ihm nicht
sonderlich zu munden: er schüttelte oft unwillig den dicken Kopf, als wollte er
sagen: ich bin genügsam, aber es hat Alles seine Grenzen.
    Auch der Zigeunerin und dem Kinde konnte das Wetter nicht eben behagen. Sie
sassen da, jedes in ein grobes Tuch gehüllt, stumm und regungslos, wie zwei
ägyptische Statuen. Diese Haltung, die an dem Weibe erklärlich sein mochte,
hatte etwas Unheimliches bei einem so jungen Geschöpf wie Czika.
    Und auch Xenobi selbst war nicht mehr das stahlkräftige Weib, wie es Oswald
an jenem Sommernachmittage im Walde von Berkow gesehen hatte. War es nur der
Einfluss des Wetters, oder war es Krankheit und Kummer - aber in ihren Zügen war
wenig mehr von der stolzen Energie, die sie früher so auszeichnete, zu
erblicken. Ihre Stirn war von schmalen Falten durchfurcht; ihre Augen waren
tiefer in den Kopf gesunken und leuchteten nicht mehr in dem alten Glanz, wie
sie jetzt, als ihr scharfes Ohr das Geräusch eines Wagens vernahm, der von
Fichtenau heraufkam, den Blick nach jener Gegend richtete.
    Sie sind es nicht; murmelte sie, den Kopf wieder sinken lassend.
    Nach einigen Minuten tauchte eine wohlverschlossene, von zwei Pferden
gezogene Reiseschaise aus dem Nebel auf. Vorn auf dem Bock neben dem Kutscher
sass ein alter Mann mit einem langen, eisgrauen Schnurrbart. Er wandte sich oft
halb um, einen Blick in das Innere des Wagens zu werfen und die Insassen - eine
Dame und einen Knaben - ehrerbietig freundlich anzulächeln.
    So hatte er auch die Zigeunerin nicht bemerkt, die, eine vornehme Dame im
Wagen erblickend, eine Gabe zu heischen, herantrat. Wie erstaunt war er deshalb,
als er sah, dass die Dame ihm plötzlich, mit allen Zeichen äusserster Bestürzung,
zurief, halten zu lassen, und noch ehe der Wagen hielt, auf der Landstrasse
stand.
    Isabel, sind Sie es! und die Czika! Gott, welches Glück! rief Melitta, die
Zigeunerin bei den Händen ergreifend; Nun lasse ich Euch nicht wieder fort!
Gott, welches Glück! welches Glück! und die junge Frau umarmte mit Tränen in
den Augen das Zigeunerweib.
    Die aber machte sich fast gewaltsam los und trat einen Schritt zurück, die
Arme über der Brust kreuzend und Melitta mit einem argwöhnischen, beinahe
feindlichen Blick ansehend.
    Kennst Du mich nicht mehr, Isabel? sagte Melitta; ich bin es ja! Denkst Du
nicht mehr an die Tage in Berkow vor fünf Jahren? das ist mein Julius! Und wie
gross und schön die Czika geworden ist!
    Melitta eilte auf Czika zu, schloss das Kind in ihre Arme und herzte und
küsste es.
    Julius war aus dem Wagen gesprungen, der alte Baumann vom Bock
herabgeklettert. Sie sprachen zu Xenobi, die ihrer nicht achtete, sondern mit
angstvollen Augen auf Melitta blickte, die jetzt, Czika an der Hand, wieder auf
sie zutrat.
    Isabel! sagte Melitta, Du musst, Du musst mir die Kleine geben. Ich darf, ich
kann nicht ohne sie weiter reisen.
    Warum willst Du uns nicht lassen, wie wir sind; sagte die Zigeunerin. Du
bist eine Edeldame, Du taugst für das Haus; die Zigeunerin gehört in den Wald.
Du stirbst im Wald; die Zigeunerin stirbt im Haus. Ich kann nicht mit Dir gehen.
    So gieb mir die Czika.
    Willst Du mir Deinen Knaben geben?
    Melitta wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie fühlte zu tief, dass
die Zigeunerin nicht anders handeln könne, dass sie an der Stelle der Zigeunerin
ebenso handeln würde. Und doch! die Beiden wieder ziehen lassen in die weite
Welt? Oldenburg's Töchterchen, nach dem er sich so sehnte, das er noch immer
suchte, wieder verschwinden zu sehen, nachdem ein Zufall, wie er vielleicht nie
im Leben wieder eintrat, es ihr in den Weg geführt - sie konnte den Gedanken
nicht ertragen und brach, wie ein Kind, das sich hülflos und ratlos sieht, in
Tränen aus.
    Die Zigeunerin schien gerührt. Sie nahm und küsste Melitta's Hand.
    Du bist sehr gut! sagte sie; ich weiss es. Ich würde Dir die Czika lieber
geben, als jedem Andern.
    Sie stand nachdenklich da; plötzlich ergriff sie Melitta wieder bei der Hand
und führte sie etwas an die Seite.
    Weisst Du, sprach sie, wer der Czika Vater ist?
    Ja.
    Und tust Du, was Du tust, des Vaters halber, oder des Kindes?
    Melitta's Wangen färbten sich.
    Um Beider willen, antwortete sie nach einigem Zögern.
    
    Wohin gehst Du jetzt?
    Nach Hause, nach Berkow.
    Und bleibst dort?
    Ja, diesen Winter wenigstens.
    So höre mich. Ich schwöre Dir bei dem grossen Geist, ich will Dir die Czika
bringen, sobald ich verspüre, dass ich versammelt werden soll zu meinen Vätern.
Das ist vielleicht sehr bald. Mehr kann ich nicht, mehr darf ich nicht
versprechen.
    Melitta fühlte, dass sie sich mit diesem Versprechen begnügen müsse. Sie
kannte den Charakter der braunen Gräfin zu gut, um nicht zu wissen, dass, wenn
sie einmal einen Entschluss gefasst hatte, alle Bitten, alle Vorstellungen
vergeblich seien. So stieg sie denn, nachdem sie Xenobi und das Kind noch einmal
umarmt, traurig in den Wagen, der sich dann alsbald wieder in Bewegung setzte.
    Das Rollen der Räder und der Hufschlag der Pferde waren verhallt. Wieder
sassen die Zigeuner am Rande des Weges.
    Da kam abermals ein Fuhrwerk von Fichtenau herauf. Man hörte schon von
weitem das Hot! und Hü! des Fuhrmanns und das Klirren der Ketten, mit denen die
Pferde angeschirrt waren.
    Wenige Minuten später tauchte der Wagen aus dem Nebel auf. Es war ein
riesiger Kasten - ein ganzes Haus auf vier Rädern, bis unter das Dach und noch
hoch oben über dem Dach mit Kasten und Kisten, Pauken und Trompeten, Coulissen,
Stangen und Leitern, Küchen- und Seiltänzer-Gerätschaften aller Art
vollgepfropft. Die vier Pferde, die diese Arche Noä zogen, hatten genug zu tun.
    Vor dem Wagen her gingen der Aegypter Cotterby, der Künstler mit dem
Riesenfass, Herr Stolzenberg, und der Komiker, Herr Pierrot. Sämmtliche Herren
trugen bunte Shawls um den Hals gewunden, und kurze Pfeifen im Munde. Aus dem
offenen Fenster der Arche ertönte Kindergeschrei und die keifende Stimme Mamsell
Adele's. Hinter dem Wagen gingen in eifrigem Gespräch, wie es schien, Herr
Director Schmenckel (ebenfalls mit einem bunten Shawl um den Hals und einer
kurzen Pfeife im Munde) und ein Mann in blauer Blouse mit einem Knotenstock in
der Hand und einem alten Filz auf dem Kopf, dessen Bekanntschaft Director
Schmenckel vor einigen Abenden unter höchst eigentümlichen Verhältnissen in der
Trinkstube zur »Grünen Mütze« machte, der sich seitdem öfters in dem genannten
Gastause hatte sehen lassen und sich heute Morgen, als die Seiltänzer kaum aus
dem Städtchen heraus waren, ganz unerwartet zu ihnen gesellte.
    Als der Wagen an den Kreuzweg gekommen war, hielt der Fuhrmann an, um seine
dampfenden Pferde sich verschnaufen zu lassen. -
    Die Zigeunerin mit ihrem Kinde trat heran und wurde von den Seiltänzern
freundlich begrüsst.
    Herr Director Schmenckel schüttelte ihr die Hand und patschte Czika
väterlich auf die braune Wange.
    Ist gut, Xenobi, dass Ihr wieder hier seid! sagte er; es wollte, hol' mich
der Kuckuk, ohne Euch gar nicht mehr gehen. - Adies, Professor! Danke für
freundliche Begleitung! Du musst hier umkehren; find'st sonst den Weg nicht
zurück nach Fichtenau.
    Ich gehe noch ein Streckchen mit; erwiderte der Mann in der Blouse.
    Mir soll's recht sein, sagte Herr Schmenckel, je weiter, je lieber. So ein
altes, braves Haus, wie Du, trifft man nicht alle Tage.
    Das Fuhrwerk setzte sich wieder in Bewegung. Nach einigen Augenblicken war
Alles - Wagen, Pferde und Menschen in dem dichten, grauen Nebel verschwunden.
 
                                Zwölftes Capitel
Die Stadt Grünwald spielte in vergangenen Zeiten eine bedeutendere Rolle, als
jetzt. Sie war ein angesehenes Glied der alten Hansa und rivalisirte mit
Hamburg, Lübeck und Bremen an Macht und Reichtum. Ihre Schiffe fuhren auf allen
nordischen Meeren, und auch in den Häfen von Genua und Venedig wehte nicht
selten die Grünwalder Flagge. Die Bürger waren ein breitschultriges,
hartköpfiges, in Liebe und Hass starkes und alle Wege tüchtiges Geschlecht, das
nicht ohne Grund auf seine Freiheiten und Gerechtsame stolz war, und auf die
zwischen sumpfigen Teichen und dem Meere geschützte Lage und auf die hohen
Mauern und Wälle ihrer Stadt, noch mehr aber auf die breite Wehr an ihrer Seite
und das mutige Herz in der Brust felsenfest vertraute. Noch im dreissigjährigen
Krieg bewährte Grünwald im heissen Kampfe gegen die Kaiserlichen seinen alten
Ruhm, und die Erinnerung an die glorreichen Taten der Väter ist bis auf den
heutigen Tag lebendig in den Herzen der jetzigen Bewohner.
    Freilich, es muss jetzt von dem alten Ruhme zehren, denn die neue Zeit hat
nichts zur Vermehrung desselben getan. Seitdem die Schifffahrt nicht mehr mit
den wenig tief gehenden Fahrzeugen auskommt, wie sie in den langen, vielfach
gewundenen Wasserstrassen des Sundes, an dem die Stadt liegt, einzig verwandt
werden können; seitdem der Handel sich andere Wege gesucht und andere Märkte
geschaffen hat, ist Grünwald langsam aber stetig von seiner stolzen Höhe
heruntergestiegen und zuletzt auf das Niveau einer simplen Provinzialstadt
herabgesunken, die in der grossen Welt der Politik und des Handels nicht weiter
zählt.
    Indessen, trotzdem der Hafen versandet ist, die Wälle geschleift und von der
ellendicken Stadtmauer nur noch Trümmer vorhanden sind, liegt auf der alten
Hansestadt noch immer ein melancholischer Hauch ehemaliger Grösse, der den
sinnigen Wanderer anmutet, wie den Gelehrten der Moderduft eines vergilbten
Pergaments. So sehr sich auch die jetzigen Bewohner bemüht haben, ihrer Stadt
ein möglichst triviales, nüchternes Aussehen zu geben - sie haben doch manche
poetisch winklige Gasse nicht gerade machen können, manches alte Haus mit
schmalem, hohem, reich verziertem Giebel stehen lassen müssen. Und über dem
Gewirr der Strassen, Gassen und Gässchen ragen die gewaltigen Türme herrlicher
Katedralen, die für die jetzigen Verhältnisse Grünwalds viel zu prächtig sind,
und des Abends, wenn man sich vom Meere her dem Hafen nähert, und der graue
Wassernebel über das Ganze einen ahnungsvollen Schleier breitet, besonders aber
in der Nacht, wenn sie ihren ehrwürdigen Schatten weit hin über die Stadt
werfen, die im Mondenschein zu ihren Füssen schläft, die Illusion des
Altertümlichen vollkommen machen.
    Im Uebrigen ist Grünwald für die Provinz, in der es liegt, noch immer eine
wichtige Stadt. Wenn seine Flagge auch nicht wie sonst auf allen Meeren weht, so
wimmelt es doch zu allen Zeiten in seinem Hafen von kleineren
Kauffahrteischiffen und Booten, und auf den Werften liegen stets mehrere
Fahrzeuge auf dem Stapel. Wenn seine Mauer auch von den Kaiserlichen in Trümmer
geschossen ist, und seine Wälle von den Franzosen geschleift sind, so ist es
doch noch immer eine Festung, deren Commandant nicht ruhig schlafen würde, bevor
nicht von allen Torwachen der Rapport eingelaufen ist, dass »nichts Besonderes
vorgefallen.« Wenn die Stadt auch ihre alten Privilegien verloren und die stolze
Freiheit und Selbstständigkeit eingebüsst hat, so ist sie doch wiederum als
intregrirender Teil eines grossen Ganzen um manche Vorteile reicher geworden.
Grünwald ist nicht nur die Garnisonsstadt für ein Bataillon Infanterie und ein
halbes Regiment Artillerie, sondern auch der Sitz der Regierung des Bezirks,
sowie eines höchsten Gerichtshofes, und vor Allem ist Grünwald, wie jeder weiss,
eine Universität, wenn auch das Licht, das von diesem Musensitz ausstrahlt,
nicht gerade weit in die Lande dringt.
    Ueberdies ist Grünwald die Residenz des in dieser Provinz und besonders in
diesem Teile der Provinz so mächtigen, reich begüterten Adels. Wenn die
Kornernten auf ihren weiten Feldern eingeheimst sind, wenn die Blätter von den
Bäumen ihres Parkes wehen und die Krähen aus den entlaubten Wäldern in die
Städte ziehen, dann kommen alle die Grafen und Barone und kleinen Herren drüben
von der Insel und aus der Umgegend in ihren schwerfälligen, vierspännigen
Staatscarossen zur Stadt gefahren und richten sich mit Kindern, Dienerschaft und
Hauslehrern und Gouvernanten für den Winter ein in den stattlichen Häusern, die
sie überall in der Stadt besitzen und die sich den Sommer über durch öde
Schweigsamkeit, heruntergelassene Fenstervorhänge und das Gras, das zwischen den
Steinen der Rampen in idyllischer Ruhe wuchs, vor den gewöhnlichen Häusern
auszeichneten, die von ordinären, Steuer zahlenden, unprivilegirten, Sommer und
Winter arbeitenden Menschen bewohnt sind.
 
                              Dreizehntes Capitel
Es ist Herbst. Die Türme von Grünwald ragen aus dem Nebel, der aus dem Meere
steigt, wie graue Riesen der Vorzeit, und um die grauen Riesentürme flattern
und schreien die Krähen und Dohlen, die aus den unwirtlichen Wäldern in die
warme Stadt gezogen.
    Die Sonne ist bereits seit einer Stunde im Meere untergesunken. Der letzte
blutrote Streifen der schweren, tief ziehenden Wolken ist verblichen. In den
Strassen der Stadt ist es still geworden, und der Laternenmann entzündet eine
nach der andern die Oellampen, deren spärliches Licht nur dazu dient, den Nebel
noch dichter und die Dunkelheit noch dunkler zu machen. Eben hat er vor dem
Portale eines grossen, massiven Hauses in einer der vornehmsten Strassen zwei
besonders stattliche und helle Laternen angezündet, - zum ersten Male in diesem
Jahre - ein Beweis, dass die hochadlige Familie, welcher dies Haus erb-und
eigentümlich gehört und die den Sommer stets und manchmal auch den Winter auf
ihren Gütern zu verleben pflegt, erst seit heute ihre Residenz in der Stadt
bezogen hat.
    Doch sind die nach der Strasse blickenden Fenster des Hotels dunkel. Sie
erhellen sich überhaupt selten, nur bei feierlichen Gelegenheiten, wenn die
Familie eine der steifen Abendgesellschaften gibt, zu der selbstredend nur der
Adel und von den Bürgerlichen höchstens die obersten Spitzen der Behörden
geladen werden. Für gewöhnlich aber bleiben diese Prunkgemächer verschlossen,
wie die hohen Säle und Zimmer auf dem Stammschlosse, und die Familie begnügt
sich mit den weniger pomphaften Räumen, die nach dem Hof hinaus liegen und dem
überaus bescheidenen, anspruchslosen Sinn der Herrin bei weitem mehr zusagen,
besonders auch deshalb, weil diese Räume weniger schwer zu heizen und die
Forsten des Grenwitzer Majorats nur für die lächerrlich geringe Summe von
jährlich zehntausend Talern verpachtet sind.
    In einem dieser (übrigens noch immer stattlichen) Zimmer sitzt die Baronin
Grenwitz auf dem Sopha an einem runden, teppichbedeckten Tische, auf dem zwei
Wachskerzen brennen. Sie scheint seit den letzten acht Wochen um eben so viel
Jahre gealtert. Ihre Stirn ist eckiger und schmaler geworden; ihre Augen sind
noch grösser und noch um vieles starrer und unheimlicher als sonst. Ihr gegenüber
in einem grossen, weichgepolsterten Lehnstuhl lungert in einer halb liegenden
Stellung ihr Neffe Felix. Der junge Mann trägt den rechten Arm in einer Binde
und die krankhafte Blässe seines verwüsteten Gesichts contrastirt seltsam mit
den, wie immer, sauber gescheitelten und gelockten Haaren und der, wie immer,
überaus sorgfältigen Toilette. Zwischen den Beiden auf dem Tische sind Briefe
und Papiere ausgestreut, die alle von derselben hübschen Hand geschrieben sind.
Die Baronin und Felix scheinen so eben die Lectüre dieser Schriftstücke beendet
und die Gedanken, welche durch dieselbe in ihnen erregt sind, noch nicht so weit
gesammelt zu haben, um sie aussprechen zu können. Sie brüten schweigend über dem
empfangenen Eindrucke, während der Pendel in der Rococouhr auf dem Kamine sein
monotones Tictac durch die Stille des Zimmers ertönen lässt.
    Endlich unterbrach der junge Mann das Schweigen.
    Die Sache sieht ernstafter aus, als wir Beide gedacht haben, sagte er, sich
in seinem Lehnsessel in die Höhe richtend und das zuletzt gelesene Papier
wiederum zur Hand nehmend.
    Ich glaube noch immer von all Dem kein Wort, erwiderte die Baronin.
    Das ist stark, liebe Tante! trotzdem Sie die ganze miserable Geschichte
schwarz auf weiss gelesen.
    In Timms Hand! von Timms Hand! was kann der Bube nicht Alles erfunden und
zusammengeschrieben haben!
    Sicher nichts, als was in den Originalen steht.
    Und weshalb schickt er uns nicht die Originale selbst?
    Aber, verzeihen Sie, liebe Tante, diese Frage ist beinahe naiv. Uns die
Originale ausliefern, das heisst: die Waffen, die er gegen uns in Händen hat,
wäre ein Edelmut oder ein Leichtsinn, den Sie einem so schlauen Fuchs, wie
meinem guten Freunde Timm, doch unmöglich im Ernst zumuten können. Dass er nicht
entlarvt, sondern nur von uns überlistet oder überrumpelt zu werden fürchtet,
beweist sein Anerbieten, die Originale jederzeit in Gegenwart eines
unparteiischen Dritten unserer genauesten Prüfung zu unterwerfen. Nein, nein,
liebe Tante, geben Sie sich keinen leeren Hoffnungen hin. Diese Briefe und
Papiere existiren wirklich, darauf können Sie Gift nehmen.
    Was?
    Ich meine, darauf können Sie sich verlassen. Ich meinerseits bin von der
Verwandtschaft des Monsieur Stein mit der Familie der Grenwitz überzeugt, wie
von meinem eigenen Dasein und hasse demzufolge den Menschen, wie man einen
unbequemen Verwandten zu hassen pflegt, besonders wenn derselbe ein so
naseweiser, eitler, aufgeblasener, impertinenter, verdammter Schuft ist, wie
dieser Halunke von einem nichtsnutzigen Federfuchser.
    Diese Flut von keineswegs salonfähigen Wörtern würde unter andern Umständen
unzweifelhaft dem Ex-Lieutenant eine Zurechtweisung seiner hochmoralischen Tante
zugezogen haben. In diesem Augenblick war die Dame mit wichtigeren Dingen
beschäftigt.
    Aber bewiesen ist ja doch noch gar nichts, sagte sie mit halsstarriger
Heftigkeit; so lange die Identität dieses Menschen mit dem Kinde dieser Marie
Montbert nicht durch unumstössliche Documente festgestellt ist. Die Möglichkeit,
ja die Wahrscheinlichkeit der Sache zugegeben, so werden wir doch nicht für
Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten Hunderte von Talern wegwerfen sollen.
    Hunderte? erwiderte Felix mit einer Art von verächtlichem Lächeln. Sagen Sie
dreist Tausende! So billig lässt uns Timm nicht aus seinen saubern Krallen.
    Das kann Ihr Ernst nicht sein, sagte die Baronin, ihre Augenbrauen in die
Höhe ziehend. So weit kann und wird der Mensch seine Unverschämteit nicht
treiben.
    Nous verrons; antwortete der Dandy lakonisch und liess sich in seinen
Lehnstuhl zurücksinken.
    Eine Pause in dem Gespräch der Mitschuldigen trat ein, die von Felix dazu
benutzt wurde, die Nägel seiner Finger einer eingehenden Musterung zu
unterwerfen, und von der Baronin, die auf dem Tisch zerstreuten Papiere nach den
Nummern (denn sie waren alle sorgfältig numerirt) zusammenzulegen und zu ordnen.
    Der Herr bleibt lange, sagte die Baronin.
    Er spielt den Gleichgiltigen, erwiderte Felix. Ich kenne das von früher her.
Wenn er vorgab, müde zu werden und nach Hause gehen zu wollen, konnte man sicher
sein, dass er entschlossen war, die Bank zu sprengen.
    In diesem Augenblicke meldete ein Diener: Herr Geometer Timm wünscht seine
Aufwartung zu machen.
    Lassen Sie ihn eintreten, sagte die Baronin, sich mit gewohnter Würde
emporrichtend; aber ihre Stimme war weniger fest als sonst.
    Bewahren Sie um Himmelswillen Ihre Ruhe, Tante! sagte Felix in fliegender
Eile, während der Diener Timm zu rufen ging. Sobald der Schuft merkt, dass unser
Puls schneller geht, zieht er die Daumschrauben um eine Windung fester an.
    Ich bin vollkommen ruhig, erwiderte die Baronin, während die ungewöhnliche
Röte auf ihren Wangen und der schnelle Atem gerade das Gegenteil verkündeten.
    Eine halbe Minute gespannter Erwartung von Seiten der im Zimmer
Befindlichen, und die Tür ging auf, und Herr Albert Timm trat mit leichten
Schritten in das Zimmer.
    Seine Erscheinung war, abgesehen von seiner Toilette, die ein wenig
städtischer und sorgfältiger schien, genau dieselbe, wie Anna-Marie sie noch vom
Sommer her in der Erinnerung hatte: dieselbe weisse klare Stirn, dieselben
hintenüberkämmten blonden Haare, dieselben frischen, roten Backen, dasselbe
übermütige Lächeln auf dem hübschen glatten Gesicht. Wenn die Baronin ihren
Liebling, trotzdem er sich so gar nicht verändert hatte, jetzt mit sehr anderen
Augen ansah, so lag die Schuld offenbar auf ihrer Seite, und Herr Timm konnte
dem kalten Empfang ohne Zweifel keinen Einfluss auf die Wärme seiner Begrüssung
verstatten.
    Guten Abend, gnädige Frau! guten Abend, Baron! sagte Herr Timm mit seiner
klaren, frischen Stimme, indem er Anna-Marie die ihm nur mit Widerstreben
dargebotene Rechte küsste und Felix freundschaftlich die Linke (die andere Hand
lag in der Binde) schüttelte. Freue mich ausnehmend, Sie so wohl und munter
aussehend zu finden, Frau Baronin; und was Sie angeht, Baron - na! so kann man
wenigstens sagen: den Umständen angemessen. Sie erlauben, dass ich Ihrem
Beispiele folge -
    Und Herr Timm rückte einen von den schweren Lehnstühlen, die um den Tisch
standen, heran, setzte sich hinein und schaute die Beiden mit Augen an, die,
soweit man es durch die Brillengläser sehen konnte, vor Übermut oder
Schadenfreude glitzerten.
    Höchst comfortable, fuhr er fort, die Füsse von sich streckend und mit den
flachen Händen auf die Lehnen klopfend. Und der Herr Baron ist noch auf Grenwitz
geblieben? muss jetzt verteufelt unheimlich sein in dem grossen, alten, feuchten
Kasten.
    Der Baron hatte noch einige notwendige Geschäfte abzuwickeln, sagte die
Baronin, um doch etwas zu sagen.
    Geschäfte! rief Herr Timm. Wie kann sich nur Jemand, wie der Baron, dessen
Geschäft doch offenbar darin besteht, keine Geschäfte zu haben, um Geschäfte
bekümmern. Unbegreiflich!
    Sie müssen das doch ganz gut begreifen können, Timm, sagte Felix; ich wüsste
sonst nicht, weshalb Sie sich in eine bewusste Angelegenheit gemischt hätten.
    Eine Angelegenheit ist kein Geschäft, replicirte Timm.
    Aber man macht manchmal eins daraus, sagte Felix.
    Zum Beispiel, wenn man von Juden Geld borgt und sie hernach, wenn's an das
Bezahlen geht, auf Wucher verklagt, erwiderte Timm.
    Diese Reminiscenz aus Felix' Cadettenleben war so wenig nach dem Geschmack
des Ex-Lieutenants, dass er sich ungeduldig in seinem Stuhl herumwarf und mit
hörbar gereiztem Ton sagte:
    Ich dächte, wir kämen endlich einmal zur Sache.
    Mit Vergnügen, sagte Herr Timm, seinen Stuhl um einige Zoll näher an den
Tisch rückend, mit einer Miene, die seine Worte durchaus nicht Lügen strafte.
    Sie haben die Güte gehabt, begann Felix, während die Baronin mit gefurchter
Stirn und gesenkten Augenlidern düster in ihren Schoss starrte, uns auf unseren
Wunsch Copien von den bewussten Briefen und so weiter zu senden, die Sie unter
den zurückgelassenen Acten Ihres verstorbenen Herrn Vaters gefunden haben wollen
-
    Sie meinen: gefunden haben, Baron.
    Meinetwegen: gefunden haben. Wir können das zugeben, ohne uns etwas zu ver
geben; denn wie Sie nun vermittelst dieser Papiere dem fabelhaften Sohne meines
Onkels Harald zu seinem Rechte verhelfen wollen - wie Sie in einem Ihrer Briefe
sich auszudrücken die Güte haben, - ist auf keine Weise abzusehen.
    Das kommt darauf an, welchen point de vue man überhaupt für die Frage nimmt;
erwiderte Herr Timm.
    Und darf ich bitten, mir den Ihrigen etwas genauer anzudeuten?
    Warum nicht; ich mache mir sogar ein specielles Vergnügen daraus. Meiner
Meinung nach liegt die Sache etwa so: Ich habe hier eine Reihe von Documenten
und Papieren, die nicht nur über das Verhältnis des Baron Harald mit
Mademoiselle Marie Montbert das klarste Licht verbreiten, sondern auch in der
Hand eines klugen, praktischen Mannes (wie es jeder beliebige gute Advocat ist)
einen Faden abgeben würden, um über das Verbleiben besagter Marie Montbert,
respective ihres Kindes, das heisst also: über das Verbleiben der im Testamente
des Baron Harald als Erben von Stantow und Bärwalde bezeichneten Personen eine
sichere Kunde zu gewinnen.
    Was nennen Sie sicher, Herr Timm? fragte die Baronin.
    Was sich beweisen lässt, gnädige Frau. Beweisen lässt sich aber, dass die von
mir angedeutete Person, in welcher ich durch eine glückliche Verkettung höchst
eigentümlicher, fast wunderbarer Umstände den bewussten Erben gefunden zu haben
glaube, erstens: denselben Namen führt, welchen Monsieur d'Estein (ich bitte Sie
den Brief Nr. 25 einzusehen) nach der Entführung der Marie Montbert von Grenwitz
annehmen zu wollen erklärt; zweitens, dass ein Mann, Namens Stein, in Begleitung
einer jungen Person, welche für seine Frau, und eines Kindes, welches für seinen
Sohn galt, kurze Zeit nach Baron Haralds Tod in W. einwanderte.
    Woher wissen Sie das? fragte Felix.
    Weil ich selbst in W. gewesen bin und die alte Frau gesprochen habe, in
deren Haus Herr Stein vom ersten bis zum letzten Tage seines Aufentaltes in
jener Stadt gelebt hat.
    Weiter.
    Drittens, dass dieser Herr Stein dieselbe Person ist, welche Marie Montbert
von Grenwitz entführte, d.h. Monsieur d'Estein, der, sich der jungen Dame
anzunehmen, einzig und allein das Recht und die Pflicht hatte.
    Weshalb dieselbe Person?
    Weil der Mann, welcher die Entführung bewerkstelligte, genau so aussah, wie
der Mann, welcher wenige Monate später in W. einwanderte.
    Das dürfte denn doch schwierig zu beweisen sein! rief Felix mit ungläubigem
Lächeln.
    Nicht so schwierig, als Sie vielleicht glauben. Ich habe, ganz zufällig, den
Mann aufgefunden, bei dem sich Monsieur d'Estein - schon damals unter dem Namen
Stein - vierzehn Tage lang aufgehalten hat, um die Gelegenheit in Grenwitz zu
erspähen, und der auch hernach in der Nacht der Entführung das Paar in seinem
Wagen von Grenwitz bis an die Fähre, über die Sie heute noch gekommen sind,
gebracht hat. Dieser Mann heisst Clas Wendorf, wohnt in Faschwitz und ist
Jedermann, auch dem Pastor Jäger, als ein durchaus glaubwürdiges Individuum
bekannt. Eine Confrontation dieses Mannes mit der Frau Pahnke in W. würde die
Indentität des Entführers der Marie Montbert, d.h. des Monsieur d'Estein, mit
dem französischen Sprachlehrer Stein in W. bis zur Evidenz klar machen.
    Die Baronin und Felix warfen sich während dieser Auseinandersetzung Blicke
zu, welche die Bestürzung, in die sie durch die unwiderstehliche Logik von Herrn
Timms Argumenten versetzt waren, deutlich genug verrieten.
    Sie haben die vier Wochen gut angewandt; sagte Felix.
    Es geht so, sagte Herr Timm gemütlich. Die Tage sind jetzt schon ein wenig
kurz. Ueberdies musste ich, um mein Versprechen zu halten, Niemand in die Sache
blicken zu lassen, bevor ich Ihnen vollständige Mitteilung gemacht hatte, bei
den Erkundigungen, die ich einzog, sehr vorsichtig zu Werke zu gehen. Wenn wir
hernach ohne diese Vorsichtsmassregeln operiren und alle Hilfsmittel, die uns das
Gesetz an die Hand gibt, benutzen können, so lässt sich in vier Tagen mehr tun,
als jetzt in eben so viel Wochen.
    Und Herr Timm rieb sich vergnügt die Hände.
    So denken Sie wirklich daran, diese abenteuerliche Geschichte in's Publikum
zu bringen? sagte Anna-Maria mit einem Ton, der ironisch sein sollte.
    Ich verstehe Sie nicht, gnädige Frau, erwiderte Herr Timm mit einer Miene
treuherziger Einfalt, die ihm in einem Lustspiel den Applaus der Kenner des
Parquets eingetragen haben würde.
    Ich meine: beabsichtigen Sie in der Tat gegen unsern Wunsch und Willen eine
Familienangelegenheit, die doch uns allein angeht, die nebenbei schon seit
vielen Jahren begraben und vergessen ist, der Oeffentlichkeit, das heisst dem
Gespött und dem Geklatsch plebejischer gemeiner Menschen preiszugeben?
    Der Applaus der Kenner würde sich bei weiterer Beobachtung von Herrn Timms
ausdrucksvollem Gesicht erneuert haben.
    Gegen Ihren Wunsch und Willen - eine Angelegenheit, die Sie allein angeht -
ich habe wirklich nicht das Vergnügen, zu wissen, wie ich die Worte der Frau
Baronin deuten soll. Ich kann unmöglich glauben, dass es gegen den Wunsch einer
Dame von dem bekannten strengen Rechtlichkeitsgefühl der Baronin von Grenwitz
ist, wenn der letzte Wille eines Sterbenden heilig gehalten wird; wenn der
Zufall oder die Vorsehung es so fügt, dass dieser Wille gegen alles
Menschenerwarten nach so viel Jahren doch noch zur Ausführung gelangt; ich kann
nicht glauben, dass Sie - aber was rede ich denn? Sie werden mich auslachen, dass
ich den Scherz, mit dem Sie meine vielleicht übergrosse Dienstfertigkeit
ironisirten, einen Augenblick für Ernst genommen habe. Weiss ich doch besser, als
Andere, dass ich ganz in Ihrem Sinn gehandelt habe, wenn ich die aufgefundenen
Documente, das heilige Vermächtnis Dahingeschiedener, als einen Schatz bewahrte;
wenn ich, so viel in meinen Kräften lag, getan habe, den Schatz zu heben. Weiss
ich doch, dass Ihr Zögern, Ihre Ungläubigkeit, Ihr Misstrauen nur aus der edlen
Furcht stammt, in dem Herzen eines Ihrer Mitmenschen glänzende Hoffnungen zu
erwecken, die vielleicht - denn unmöglich, wenn auch sehr unwahrscheinlich, ist
ja nicht, dass wir uns irren - der Erfolg nicht realisirt. Weiss ich doch, dass
alle Beteiligten in dieser Sache nur einer Meinung sind, nur einer Meinung sein
können, dass vor allem Ihr edler Herr Gemahl, dem Sie ohne Zweifel von dem Allem
ausführliche Mitteilung gemacht haben, sich freut, eine alte, glücklicherweise
noch nicht verjährte Schuld abzutragen.
    Die Situation einer eingefangenen Bärin, welche die immer heisser werdenden
Platten ihres Käfigs zwingen, sich auf die Hinterfüsse zu stellen und graciös zu
tanzen, während sie am liebsten durch das Gitter brechen und ihre Peiniger
zerreissen möchte, gleicht auf's Haar der, in welcher sich die Baronin von
Grenwitz befand, als Herr Timm mit so grausamer Ironie an eine Rechtlichkeit und
Billigkeit appellirte, die sie ihr Leben lang zur Schau getragen hatte und von
der sie eben nur den Schein besass. In ihrem stolzen, egoistischen Herzen kochte
es. Wut und Rache erfüllten ihre Seele. Sie hätte Timm, der mit lächelnder
Miene vor ihr sass, vergiften, erdolchen, erwürgen mögen. Und sie konnte nichts:
nichts, als ihren ohnmächtigen Grimm verschlucken und mit so viel Ruhe, als sie
aufbringen konnte, sagen:
    Wie sehen die Sache nicht ganz so an, wie Sie, Herr Geometer; und es ist
auch kein Wunder, dass Sie, der Sie draussen stehen, nur die Aussenseite derselben
zu Gesicht bekommen. Ich fühle mich leider heute Abend zu angegriffen, um Ihnen
meine Ansicht von der Sache darzulegen. Ich habe meinen Neffen Felix gebeten,
dies an meiner Statt zu tun, und bitte Sie deshalb, was er Ihnen mitteilen
wird, so anzusehen, als ob ich selbst es Ihnen gesagt hätte. Ich bin überzeugt,
dass Ihnen die Wahl zwischen der Freundschaft der Familie Grenwitz und der eines
namenlosen Abenteurers nicht schwer fallen wird. Leben Sie wohl, Herr Geometer.
    Bedaure unendlich, dass wir nicht länger das Vergnügen haben können, gnädige
Frau; sagte Herr Timm, die fortgehende Baronin bis zur Tür des nächsten Zimmer
begleitend; hoffe dass es nur eine vorübergehende Indisposition ist, welche eine
längere Ruhe beseitigen wird. Wünsche wohl zu schlafen, gnädige Frau!
    Und Herr Timm schloss die Tür hinter der Baronin, kam wieder zurück, setzte
sich Felix gegenüber in den Lehnstuhl, stemmte die Hände auf die Kniee und sagte
in einem kurzen, trocknen Ton, der seltsam mit der glatten Freundlichkeit seiner
bisherigen Redeweise contrastirte:
    Eh bien!
    Es erfolgte nicht sogleich eine Antwort. Die Beiden betrachteten ein paar
Secunden lang Einer den Andern mit scharfen, argwöhnischen Blicken, wie zwei
Kämpfer, die sich ihre Blössen gegenseitig ablauern wollen, wie zwei falsche
Spieler, von denen Jeder weiss, dass er dem Andern sehr genau auf die Finger sehen
muss und dabei doch noch immer vor einer Teufelei nicht sicher ist. Dazu kam, dass
sie von der Zeit her, wo der Portepeefähnrich Baron von Grenwitz den
Porteefähnrich Albert Timm in der Schlinge stecken liess und sich selbst salvirte
(es handelte sich um eine fatale Wechselsache) eine alte Rechnung mit einander
abzumachen hatten und Felix wusste sehr wohl, dass Albert zu denen gehörte, die
sich, wenn das Gesetz oder die Macht auf ihrer Seite ist, von ihren Schuldnern
auf Heller und Pfennig bezahlen lassen.
    Er musste deshalb seine ganze Gewandteit aufbieten, um trotz des
unbehaglichen Gefühls, das ihn, einem so gerüsteten, schonungslosen Gegner
gegenüber, befiel, mit einer gewissen gutmütigen Offenheit, die ihm sehr
seltsam stand, zu antworten:
    Ich denke, Timm, wir behandeln die ganze Affaire ohne alle Heuchelei und
Winkelzüge, wie zwei Männer, welche die Welt kennen und wissen, was sie wollen.
    Wenn Sie so genau wissen, was Sie wollen, wie ich weiss, was ich will, so
wird der ganze Handel sehr einfach sein; antwortete Albert trocken.
    Nun sagen Sie aufrichtig, was wollen Sie denn?
    Ich bin der Verkäufer, Sie der Käufer; es kommt Ihnen also zuerst zu,
deutlich auszusprechen, was Sie von mir wollen.
    Wir wollen die Originale jener Copien dort auf dem Tisch und Ihr Ehrenwort,
dass Sie niemals gegen Irgendwen, sei es, wer es sei, durch Schrift oder Rede
oder auf irgend eine Weise von der Entdeckung, die Sie gemacht haben, etwas
verlauten lassen.
    Bon! die Forderung ist klar.
    Und Ihre Gegenforderung?
    Albert beugte sich etwas vorn über und sagte mit leiser, aber sehr
deutlicher Stimme - während seine Augen fest auf dem Gegner ruhten:
    Zwanzigtausend Taler Preussisch Courant, zahlbar binnen hier und acht Tagen.
    Sie sind des Teufels; rief Felix, trotz seiner Schwäche aus dem Lehnstuhl
auffahrend, und in dem Zimmer umherrennend; zwanzigtausend Taler, das ist ja
ein ganzes Vermögen!
    Albert zuckte die Achseln:
    Die Zinsen zweier Jahre von dem Capitale, das in Stantow und Bärwalde
steckt. Sie müssen ja am besten wissen, was Ihnen das Legat wert ist.
    Aber das ist ja horribel! rief Felix, noch immer im Zimmer umherlaufend,
horribel!
    Schreien Sie nicht so, Grenwitz; oder Ihre Leute hören es in der Küche.
Setzen Sie sich gefälligst und lassen Sie uns von der Sache reden, wie zwei
Männer, welche die Welt kennen.
    Die unerschütterliche Kaltblütigkeit und der schneidende Hohn, mit welchem
Albert diese Worte sprach, wirkten wie eine Douche auf Felix leidenschaftliche
Heftigkeit. Er setzte sich wieder und sagte in ruhigerem Tone:
    Meine Tante wird niemals eine so hohe Forderung bewilligen.
    Das sollte mir der Frau Baronin und Ihretwegen leid tun, denn, wenn Sie auf
meinen Vorschlag nicht eingehen, so - haben Sie sich für die Folgen nur selbst
verantwortlich zu machen.
    Sie sprechen, als ob es einzig und allein von Ihnen abhinge, wer die beiden
Güter haben soll.
    Und von wem sonst sollte es abhängen? erwiderte Albert - und seine Lippen
schienen dünner, seine Nase spitzer, sein Gesicht schärfer zu werden, während er
sprach; ich sage Ihnen, ich habe das Netz bis auf einige Maschen, die ich
absichtlich offen liess, bis ich Ihre Entscheidung vernommen, so dicht und stark
gewebt, dass ich es Ihnen jeder Zeit über dem Kopf zusammenziehen kann und Sie
sich eher zu Tode zappeln, als es zerreissen werden. Sie wissen, Grenwitz, dass
ich mich eines guten Kopfes für dergleichen erfreue, Sie wissen auch, dass ich
Ihnen gegenüber durchaus keine Veranlassung habe, den Grossmütigen zu spielen.
    Mir gegenüber? Ich persönlich habe nicht das mindeste Interesse an der
Sache.
    Ich glaube, Sie halten mich für ein Kind, Grenwitz. Wollen Sie Fräulein
Helene nicht heiraten und sind die beiden Güter nicht die Aussteuer der jungen
Dame?
    Ich Helene heiraten? Wer sagt das? Es fällt mir nicht im Traum ein.
    Gut, so heiraten Sie sie nicht; so überlassen Sie die junge Schönheit einem
Menschen, den Sie vor allen Andern zu hassen Ursache haben, der schon jetzt als
Ihr begünstigter Nebenbuhler - so sagt wenigstens die böse Welt - aufgetreten
ist und der in den Augen Fräulein Helenens dadurch nicht gerade schlechter
werden wird, wenn er als Vetter und rechtmässiger Erbe eines bedeutenden
Vermögens zum zweiten Male kommt.
    Felix war bei diesen Worten seines unerbittlichen Peinigers abwechselnd blass
und rot geworden. Seine durch die Erwähnung des fatalen Handels mit Oswald tief
verletzte Eitelkeit krümmte sich wie ein zertretener Wurm. Er konnte nicht
umhin, sich zu gestehen, dass Albert in diesem Augenblicke der bei weitem
Stärkere, und dass er, der sich auf seine Klugheit und Gewandteit so viel
einbildete, machtlos in der Hand eines im Grunde so verachteten Gegners war.
    Ziehen Sie mildere Saiten auf, Timm, sagte er fast kleinlaut. Ich will es
zugeben, mit liegt ungeheuer viel daran, dass die Geschichte todt geschwiegen
wird, und wenn es auf mich ankäme, so würde ich mich vielleicht zur Zahlung der
Summe, die Sie fordern, verstehen. Aber Sie kennen meine Tante und wissen, dass
sie es lieber auf das Äusserste ankommen lassen, als sich so tief in's Fleisch
schneiden wird. Ich sage Ihnen, Timm: es geht nicht; es geht auf Ehre nicht! Und
was wollen Sie auch mit so vielem Gelde auf einmal? Sie können es in ein paar
Unglücksnächten beim Roulette verlieren und sind dann ärmer, als Sie vorher
waren. Kommen Sie! ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Wir zahlen Ihnen ein
Jahr lang monatlich vierhundert Taler und nach Ablauf des Jahres sechstausend
Taler auf einem Brett.
    Macht zusammen zehntausendachtundert, antwortete Albert; reicht nicht; und
überdies, welche Sicherheit habe ich, dass die Termine richtig gehalten werden?
    Die Documente, die in Ihrer Hand verbleiben und die erst bei Auszahlung der
sechstausend von Ihnen ausgeliefert werden.
    Hm! sagte Albert, es ist nicht viel; aber unter guten Freunden darf man die
Sache nicht so genau nehmen. Machen wir es schriftlich.
    Wozu? wenn wir unser Wort nicht halten wollen, brechen wir es doch, und
überdies - ein Dokument der Art könnte, wenn es in falsche Hände käme, die Ehre
der Familie Grenwitz leicht stärker compromittiren, als uns lieb sein dürfte,
und würde, Alles in Allem - nur eine Waffe mehr in Ihren Händen sein. Wollen Sie
die ersten vierhundert sofort?
    Ich dächte, es wäre das Beste.
    Felix stand auf, nahm eins der Lichter und ging an ein Schreibpult, das in
der Tiefe des Zimmers stand, öffnete einen Schrank, nahm ein paar Packete
Banknoten heraus und legte sie vor Albert auf den Tisch.
    Zählen Sie!
    Ist nicht nötig, sagte Albert, nach einem kurzen scharfen Blick auf die
Packete; Ihre Frau Tante verzählt sich nicht. - So, Grenwitz, die Angelegenheit
wäre glücklich geordnet. Und nun lassen Sie uns eine Flasche Wein darauf
trinken: das viele Sprechen hat mich ganz durstig gemacht. Erlauben Sie, dass ich
die Schelle ziehe.
    Bitte.
    Felix befahl dem eintretenden Bedienten, eine Flasche Rheinwein und zwei
Gläser zu bringen.
    Es war Felix nicht unlieb, dass Albert in eine gemütliche Stimmung geriet;
er hatte ihn noch um etwas zu fragen, worüber ihm Niemand bessere Auskunft geben
konnte.
    Sie haben gesehen, Timm, sagte er, während er die Gläser füllte, dass ich
Ihnen so weit entgegengekommen bin, als ich konnte. Eine Liebe ist der andern
wert. Wollen Sie mir einen Gefallen tun?
    Lassen Sie hören.
    So sagen Sie mir: Wie stehen Sie mit der kleinen Marguerite?
    Weshalb interessirt Sie das?
    Weil ich mich für die Kleine interessire.
    Und weshalb glauben Sie, dass es mir ebenso geht?
    Weil ich Euch Beide in Grenwitz beobachtet habe und sodann aus - nun, aus
verschiedenen anderen Gründen.
    Zum Beispiel?
    Ich will aufrichtig sein. Ich habe aus lieber langer Weile schon früher in
Grenwitz und noch mehr während meiner Krankheit angefangen, der Kleinen den Hof
zu machen, und damit aufgehört, sie wirklich ganz charmant und höchst
begehrungswürdig zu finden. Die Kleine tut aber so spröde, dass sie notwendig
ein ernstliches Attachement haben muss. Ich wüsste Niemand, der mir den Rang
abgelaufen haben könnte, als Sie.
    Sehr schmeichelhaft, sagte Albert. Ich bin in der Tat mit der jungen Dame
so gut wie verlobt.
    Aber Timm, wollen Sie denn mit offenen Augen in's Verderben rennen! Sie und
eine Frau! und noch dazu eine arme Frau! Wo haben Sie den Ihre früheren
Grundsätze gelassen. Aufrichtig, ich hätte Ihnen eine solche Torheit nicht
zugetraut.
    Ich mir auch nicht, erwiderte Albert, sein Glas leerend und wieder füllend.
    Lieben Sie das Mädchen?
    Da fragen Sie mich wirklich mehr als ich selber weiss.
    Hören Sie, Timm, ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Wir sind heute
einmal in einer speculativen Stimmung. Lassen Sie mir das Mädchen und ich
übernehme die dreihundert Taler, um die Sie die Aermste angepumpt haben.
    Wer sagt das? rief Albert auffahrend.
    Ihre augenblickliche Heftigkeit zum Beispiel; ausserdem aber auch die kleine
Louise, Helenens Kammerjungfer, und nebenbei meines Kammerdieners Schatz, die
zufällig sah, wie Marguerite Ihnen im Grenwitzer Park das Geld gegeben hat.
    Dummes Zeug! sagte Albert.
    Aergern Sie sich nicht! sagte Felix, sondern seien Sie froh, dass sich Jemand
findet, der gutmütig genug ist, Ihnen die unbequeme Last abzunehmen. Wollen
Sie?
    Wir sprechen schon noch darüber, sagte Albert aufstehend und nach seinem Hut
greifend. Leben Sie wohl, Grenwitz!
    Adieu, Timm! seien Sie vernünftig und sehen Sie sich bald einmal wieder nach
Ihrem alten Kameraden um.
    Das würdige Paar schüttelte sich die Hand, Albert entfernte sich rasch. Sein
Gesicht war finsterer, als bei seiner Ankunft. Entweder hatte ihm der zweite
Teil der Unterhandlung nicht gefallen, oder er hielt es auch nur in seinem
Interesse, den Beleidigten zu spielen. Felix, der ihn von früher her ziemlich
genau kennen musste, neigte zu der letzteren Ansicht.
 
                              Vierzehntes Capitel
Um dieselbe Zeit, als im Hotel Grenwitz diese Verhandlung stattfand, wanderte
vor einem grossen Hause in einer der Vorstädte Grünwalds ein junger Mann mit
jener Ungeduld auf und ab, welche das Herz eines rechtschaffenen Liebhabers
erfüllt, der an einem kühlen Herbstabend in dichtem Nebelgeriesel auf die Dame
seines Herzens wartet, die er »Schlag sieben Uhr - aber komm ja pünktlich!« aus
einem Kränzchen abholen sollte und um halb acht noch immer in lebhaftester
Conversation an dem hellerleuchteten Fenster hinter der weissen Gardine sitzen
sieht, oder sitzen zu sehen glaubt.
    Dass doch selbst die gescheidtesten Frauen eine so äusserst vage Vorstellung
von der Zeit haben; murmelte der junge Mann, seine Uhr hervorziehend und bei dem
spärlichen Lichte einer glimmenden Cigarre die Zeit ablesend; es ist ein
psychologisches Factum, das ich nächstens in einer eigenen Monographie behandeln
werde.
    Er warf das Cigarren-Ende fort, das ihm den Schnurrbart zu versengen drohte
und schaute zu dem erleuchteten Fenster empor.
    Gott sei Dank! man bricht auf! dunkle Schatten schweben an den Gardinen hin
und her! Jetzt nur noch den Mantel umgebunden, den Hut aufgesetzt, einen
Abschiedskuss - dann noch eine kurze Conversation von zehn Minuten über den Ort
des nächsten Kränzchens - sodann noch einen Abschiedskuss - das Fenster wird
dunkler, in dem Hausflur wird es heller - jetzt noch eine Schlussdebatte auf der
letzten Treppenstufe - enfin! -
    Kommst Du endlich, Kleine? sagte Doctor Braun, die schlanke Mädchengestalt,
welche aus dem Hause getreten und leichten Schrittes durch den kleinen Garten,
der das Haus von der Strasse trennt, geeilt war, an der eisernen Gitterpforte in
Empfang nehmend.
    Armer Franz, Du hast doch nicht schon gewartet? antwortete das Mädchen, sich
zärtlich in den Arm ihres Bräutigams schmiegend.
    O, nicht doch, kaum der Rede wert, eine halbe Stunde etwa.
    Ich wusste wirklich nicht, wie spät es war. Die Zeit ist mir so schnell
vergangen, trotzdem das Kränzchen heute nur aus zwei Personen bestand. Rate:
aus welchen?
    Aus Dir vielleicht?
    Sehr weise! und weiter?
    Helene Grenwitz?
    Richtig! Sie lässt Dich schönstens grüssen. Denke Dir, sie wird nun doch wohl
bei der Bärin bleiben, trotzdem ihre Eltern den Winter über in der Stadt wohnen
werden, und, ich glaube, heute schon angekommen sind. Das wird einmal wieder
etwas zu klatschen geben. Die arme Helene tut mir von Herzen leid.
    Weshalb?
    Wie Du fragst! Ist es nicht schon schlimm genug, dass die ganze Stadt es
merkwürdig findet, dass ein Mädchen von sechszehn - nein sechszehn und einem
halben Jahr - noch einmal in Pension geschickt wird, nachdem sie kaum vier
Wochen zu Hause gewesen ist? Und so lange Grenwitzens nicht in der Stadt
wohnten, liess es sich noch zur Not erklären, aber jetzt - ich finde es ganz
abscheulich. Die Leute müssen ja, wer weiss was, von ihr denken, und man kann es
ihnen sogar nicht übel nehmen, wenn sie Helenen mit dem Duell zwischen ihrem
Vetter und Deinem liebenswürdigen Freund Stein in Verbindung bringen.
    Und was sagt Fräulein Helene?
    Nichts; Du kennst sie ja. Sie spricht nie von Familienangelegenheiten;
höchstens, dass sie einmal ihres alten Vaters erwähnt, den sie sehr zu lieben
scheint. Sie ist still und ernst, aber nicht eigentlich traurig.
    Ich glaube, sie ist viel zu stolz, als dass sie wirklich traurig sein könnte.
    Wie das?
    Trauer ist eine passive Stimmung, die Stimmung Jemandes, der einsieht, dass
er gegen das Geschick nicht ankämpfen kann und sich wohl oder übel zum Dulden
bequemt. Es gibt aber Charaktere, die sich wehren, so lange es geht, und wenn
es nicht mehr geht, nicht die Waffen in demütiger Ergebung strecken, sondern
sie zerbrechen und dem Sieger trotzig vor die Füsse werfen.
    Sophie schmiegte sich inniger an den Geliebten und sagte nach einer Pause:
    Ich gehöre nicht zu den Charakteren, Franz. Ich bin nicht zu stolz, um
traurig zu sein; ich bin in dieser letzten Zeit oft recht traurig gewesen. Ich
war es schon, als Du mit Herrn Stein abgereist warst, trotzdem ich doch damals
eigentlich gar keine Ursache dazu hatte. Und nun gar neulich, als Vater krank
wurde und ich an seinem Bette sass und meine grösste Angst nächst der, Vater
könnte sterben, die war, dass Du meinen Brief nicht erhalten hättest, und Dich
immer weiter und weiter von mir entferntest, während mein Herz vor Sehnsucht
nach Dir fast zerbrach. Du bist doch, ehe Du mich abholtest, noch einmal da
gewesen?
    Natürlich. Es geht besser. Ich bat ihn, sich wieder niederzulegen; aber er
bestand darauf, bis zu unserer Zurückkunft aufzubleiben.
    Und ich habe so viel Zeit verplaudert! Lass uns schneller gehen!
    Es kommt nun auf ein paar Minuten mehr oder weniger nicht an; und überdies
möchte ich gern definitiv mit Dir über unsere Zukunft sprechen. Wir müssen
endlich einmal aus diesem Provisorium heraus, das weder Gott - ich meine der
Natur - noch den Menschen angenehm ist und mit jedem Tage lästiger wird. Ein
unverheirateter Mann ist ein Fisch; aber ein Bräutigam ist weder Fisch noch
Fleisch. Wenn zwei Menschen durch die Liebe Mann und Weib sind in ihrem eigenen
Herzen und Gewissen, so sollen sie es auch vor den Menschen sein, können anders
die äusseren Bedingungen der Ehe erfüllt werden. Das ist aber bei uns der Fall.
Wir haben genug zum Leben und mehr brauchen wir vorläufig nicht; das Andere
findet sich. Summa Summarum: Wollen wir unsere Hochzeit auf heute über vier
Wochen festsetzen?
    Aber Franz, ich bin noch nicht zur Hälfte mit meiner Aussteuer fertig!
    So heiraten wir mit der halben Aussteuer.
    Und was wird der Vater dazu sagen; Du weisst, wie unsäglich schwer es ihm
wird, mich von sich zu lassen; und soll ich gerade jetzt dies Opfer von ihm
fordern, wo er meiner mehr als je bedarf? Ich habe nicht den Mut, ihm den
Vorschlag zu machen.
    Aber ich habe ihn; Dein Vater weiss, dass ich nicht weniger aufrichtig, als er
selbst, Dein Bestes will; und er ist viel zu verständig, um nicht einzusehen,
dass es so bei weitem am Besten ist. Komm, mein Mädchen, lasse den Kopf nicht
hängen. Heute über vier Wochen sind wir Mann und Frau.
    Ach, Franz, ich wollte, wir wären es erst. Aber ich fürchte, ich fürchte;
Der Himmel meint es nicht so gut mit uns!
    Warum nicht? er meint es gut mit Allen, die den Mut haben, ihr Glück zu
wollen. Denn, wie sagt der Dichter: In unsrer Brust sind unsres Schicksals
Sterne.
    Die Eile, zu welcher Franz drängte, hatte in der Krankheit von Sophie's
Vater einen sehr triftigen Grund. Franz wusste als Arzt am besten, dass das Leben
des vortrefflichen Mannes nur noch an einem schwachen Faden hing. Er hatte sich
von dem Schlaganfall, der ihn vor nun ungefähr vierzehn Tagen betroffen,
allerdings sehr schnell erholt; aber mehrere böse Symptome verkündeten, dass ein
zweiter und dann, bei der nervösen, überaus fein organisirten Natur des Mannes,
vielleicht tödtlicher Anfall möglich, ja sogar wahrscheinlich sei. Starb aber
der Vater, bevor die Verbindung zwischen seiner Tochter und Franz zu Stande
gekommen war, so wäre das arme Mädchen, dessen Mutter schon lange in der Erde
ruhte und das weder Geschwister noch sonstige Verwandte hatte, in eine sehr
kritische Lage gekommen. Denn, dass unter diesen Umständen das Haus des Mannes,
den sie liebte, ihre einzige Heimat sei, würde die Welt nicht haben begreifen
können.
    Heute zum ersten Male war der Geheimrat auf ein paar Stunden wieder
aufgestanden und hatte sich in einem Lehnstuhle aus seinem Schlafzimmer vor den
Kamin des Wohnzimmers rollen lassen. Er hatte darauf bestanden, dass seine
Tochter, die seit dem Beginn seiner Krankheit sein Lager kaum verlassen hatte,
in ihr Kränzchen ging; er hatte seinen Schwiegersohn, der interimistisch seine
Praxis übernommen hatte und der gegen Abend ihn zu besuchen kam, nach wenigen
Minuten wieder weggeschickt: er wollte allein sein; er wollte die erste Stunde,
wo er den fürchterlichen Druck auf seinem Gehirn geringer fühlte, zum Nachdenken
über seine Situation benutzen. Er würde eine so schädliche Aufregung freilich
als Arzt einem Patienten streng verboten haben; aber jetzt war er Arzt und
Kranker zugleich und konnte an sich selbst erfahren, dass der Arzt gar Manches
fordern kann, was der Kranke beim besten Willen zu leisten nicht im Stande ist.
    Und wohl mochte es dem Geheimrat schwer werden, die graue Schattengestalt
der Sorge, die sich, je dunkler es im Zimmer wurde, immer dichter und dichter an
ihn herandrängte, zu verscheuchen. Wie schlimm es in physischer Hinsicht um ihn
stand, konnte ihm, der, wer weiss wie viel ähnliche Fälle beobachtet und wieder
beobachtet hatte, am wenigsten verborgen sein. Er wusste nur zu wohl, dass er von
nun an geistig und körperlich ein Krüppel sein und bleiben werde, dass er nur
noch das Gnadenbrod des Lebens esse, dass der Tod jeden Augenblick die verfallene
Schuld eincassiren könne. Und doch war dies, so sehr er auch am Leben hing, sein
geringster Kummer. Der Arzt sträubte sich nicht gegen das allgewaltige Geschick,
dem er mit aller Kunst noch Keinen hatte entreissen können; der Schüler Epicurs
wusste, dass Wonnen und Schmerzen, Freuden und Leiden in dem Gewebe unserer
Existenz untrennbar vereinigt sind. Aber, was ihm das Herz unsäglich schwer
machte, war der Gedanke, dass es ihm nun unmöglich sein würde, seine zerrütteten
Vermögensverhältnisse zu ordnen, dass er als ein Bankerotteur aus dem Leben
gehen, dass er seine Gläubiger durch seinen Tod um ihr Eigentum betrügen würde.
    Der Unglückliche seufzte, während er das tiefgebeugte Haupt in den Händen
verbarg.
    Und seine Tochter, seine geliebte Tochter! Wo war die Hoffnung geblieben,
sie einst mit einem Vermögen ausstatten zu können, das die gemeinen Sorgen des
Lebens auf immer von der Verwöhnten, Verzärtelten fern halten sollte? ihr die
Mittel gewähren sollte, immerdar eine behagliche Existenz zu führen, wie sie
sich für die feinbesaitete Natur des jungen Mädchens einzig zu ziemen schien?
Jetzt konnte er ihr nicht nur kein Vermögen - nein! nicht einmal einen
ehrlichen, fleckenlosen Namen hinterlassen!
    Sie hatte keine Ahnung von der misslichen pecuniären Lage ihres Vaters. Er
hatte nie den Mut gehabt, ihr kindliches Gemüt mit Sorgen zu verdüstern, die
er von sich selbst, so lange es ging, fern hielt. Sie nahm mit Sicherheit an,
dass ihr Vater, wenn nicht ein reicher, so doch ein vermögender Mann sei, dass sie
sich den bescheidenen Luxus, mit dem sie sich umgab, unbedenklich gestatten
könne. -
    Und war sie die Einzige, die sich in diesem Wahne befand? die er aus Scheu
vor peinlichen Auseinandersetzungen in diesem Wahne gelassen hatte? dachten
seine Freunde nicht ebenso? vor allem der jüngste und liebste seiner Freunde,
der Mann, welcher das Herz seiner Tochter gewonnen hatte und dem er selbst mit
herzlicher, freundschaftlich väterlicher Liebe zugetan war? der durch sein
biederes, edles Wesen, durch seinen Geist und seine Güte diese Liebe, diese
Freundschaft im reichsten Masse verdiente? Was würde er sagen, was würde er tun,
wenn er erführe, was er über kurz oder lang doch einmal erfahren musste; ja, was
ihm der Vater seiner Braut, wenn er nicht allen Ansprüchen auf den Namen eines
ehrlichen Mannes entsagen wollte, unter diesen Umständen ohne allen Verzug
mitzuteilen gezwungen war?
    Der Geheimrat drückte sein Gesicht fester in die zitternden Hände und
stöhnte laut, wie ein von grausamen Qualen Gefolterter.
    Und plötzlich fühlte er sich von weichen Armen sanft umschlungen und eine
Mädchenstimme rief ängstlich: Vater, liebes Väterchen, Du bist gewiss wieder
recht krank! und die freundliche, feste Stimme eines Mannes, der eine seiner
Hände ergriffen hatte, um nach dem Puls zu fühlen, sagte: Sie sind zu lange
aufgeblieben, Papa! Wir müssen machen, dass wir wieder in's Bett kommen.
    Wie ein erquickender Regen auf eine sonneversengte Pflanze, so fielen diese
Stimmen, diese Worte lind und labend in das Herz des armen, an Leib und Seele
kranken Mannes. Er legte seine Arme um den schlanken Leib des Kindes und zog es
an sein Herz in langer, stummer Umarmung. Er hätte weinen können, wenn er sich
nicht geschämt hätte. Sophie fragte wieder und wieder, ob er sich kränker fühle;
Franz, der nach Licht geklingelt hatte, bat immer dringender, er möge nicht
durch längeres Aufbleiben das mühsam Gewonnene wieder auf's Spiel setzen. Der
Geheimrat wollte nichts von Zubettgehen hören; er fühle sich in dem Lehnstuhl
ganz behaglich und durchaus nicht angegriffen. Ueberdies habe er mit Franz zu
sprechen, Sophie möge nur ruhig Abendbrot besorgen.
    Franz, dessen Scharfblick die Unruhe, die Aufregung des Patienten nicht
entgangen war, hielt es für das Beste, seinem Wunsche Folge zu leisten, und
winkte seiner Braut, sie allein zu lassen. Sophie entfernte sich mit einem
ängstlich fragenden Blick auf Franz, den dieser mit einem ermutigenden Lächeln
beantwortete.
    Die Tür hatte sich kaum hinter der schlanken Gestalt des jungen Mädchens
geschlossen, als der Geheimrat Franz' Hand ergriff und mit einer Stimme, die
vergebens nach Festigkeit rang, sagte:
    Ich habe Ihnen etwas mitzuteilen, Franz, das ich unter diesen Umständen, wo
ich jeden Augenblick auf den Tod gefasst sein muss, nicht länger verschweigen
kann, ohne ehrlos zu handeln.
    Was ist es, Papa? fragte Franz, einen Stuhl dicht an den Platz des
Geheimrats rückend und die Hände desselben freundschaftlich in seine Hände
nehmend.
    Das ist es! sagte der Geheimrat - und nun erzählte er Franz, dass er im
Laufe der Jahre, zum Teil in Folge eines Mangels an weiser Sparsamkeit, zum
Teil durch vielfältige Darlehen, die er an Arme, Bedürftige aller Art gemacht
und niemals wieder bekommen habe, tief in Schulden geraten sei; dass er gehofft
habe, sich durch verdoppelten Fleiss in den nächsten Jahren wieder
heraufzuarbeiten, eine Hoffnung, die wie er jetzt nur zu schmerzlich fühle,
nicht in Erfüllung gehen werde.
    Der Geheimrat machte hier eine Pause, sei es, weil er für den Moment zu
erschöpft war, sei es, weil er von Franz eine Antwort erwartete. Als der junge
Mann aber mit niedergeschlagenen Augen in seinem Schweigen verharrte, fuhr der
Kranke nach dieser Pause mit leiserer und erregterer Stimme fort:
    Verzeihen Sie, lieber Franz, dass ich in einem vielleicht sträflichen, aber
sehr erklärlichen Egoismus so lange mit dieser Entüllung Ihnen gegenüber
gezögert habe. Es ist eine schreckliche Aufgabe, Menschen betrüben zu müssen,
die man lieb hat; Menschen ärmer machen zu müssen, die man mit allen Gütern
dieser Erde überschütten möchte.
    Er schwieg und versuchte seine Hände aus den Händen des jungen Mannes zu
ziehen, gleichsam als habe die Entdeckung, die er so eben gemacht, die vertraute
Freundschaft gestört und aufgehoben. Aber Franz rückte nur näher an den Kranken
und sagte, ihm mit seinen klaren, treuen, klugen Augen tief in die Augen sehend:
    Ich habe Sie ruhig aussprechen lassen, Papa; nun lassen Sie mich dasselbe
tun. - Wenn Jemand einem Freunde, den er liebt, einen unermesslichen kostbaren
Schatz schenkt, einen Schatz, an dem das Herz des Freundes so hängt, dass er ohne
denselben nicht mehr leben könnte und möchte und der Geber spräche nun zum
Freunde: Lieber, während ich diesen Schatz hütete, habe ich, wie du dir denken
kannst, auf die Leitung und Regelung meiner übrigen Angelegenheit nicht die
nötige Sorgfalt verwenden können. Es sind da einige Gläubiger, die bezahlt sein
wollen und bezahlt werden müssen. Willst du nicht diese Sache übernehmen? Du
bist jünger und rüstiger, und du hast keinen Widerwillen gegen Geschäfte - wenn,
sage ich, der Geber also zu dem so reich Beschenkten spräche, und dieser wollte
antworten: den Schatz, der mich in alle Zukunft so unermesslich reich macht,
nehme ich freilich, aber was deine übrigen Angelegenheiten betrifft, so siehe
zu, wie du fertig wirst; ich will nichts damit zu schaffen haben; - würde man
ihn, der so antwortete, nicht mit Recht für ein Ungeheuer von Herzlosigkeit, für
ein Scheusal von Undankbarkeit halten? Genau so aber liegt die Sache zwischen
uns. Der grossmütige Geber sind Sie, der so überreich Beschenkte bin ich, der
unermesslich kostbare Schatz ist meine, unsere Sophie. Zwischen uns kann nicht
mehr von Mein und Dein die Rede sein; was ich besitze, gehört Ihnen, der Sie mir
in der dreifach ehrwürdigen Gestalt des Freundes, des Lehrers, des Vaters
erscheinen. Was ich aber besitze, sind zehn- bis elftausend Taler, die ich von
einer Tante, die ich nie gesehen habe, erbte, und die Ihnen jeder Zeit zur
Verfügung stehen. Ich weiss, dass diese Summe nicht genügt, Sie von den
eingegangenen Verbindlichkeiten zu befreien. Aber eine Erleichterung, eine Hülfe
wird sie Ihnen immer sein, und ich bitte, ja ich beschwöre Sie, von dieser Hülfe
den ausgedehntesten Gebrauch zu machen. - Nein, Papa, schütteln Sie nicht den
Kopf! Es hilft Ihnen nichts. Sie sind Sophie, mir und sich selbst die Erfüllung
meiner Bitte schuldig. Und dann: ich will Sie nicht um eine Gefälligkeit bitten,
ohne auf eine äquivalente Gegenleistung zu dringen. Wir haben den Termin unserer
Hochzeit immer noch nicht festgesetzt. Wir scheuten uns, mit der Sprache
herauszurücken, weil wir Ihren Widerspruch, zum mindesten Ihre mit Widerstreben
gegebene Einwilligung fürchteten. Jetzt bin ich kühn geworden und bitte nicht um
Flandern, noch Gedankenfreiheit, König Philipp, sondern um die Erlaubnis, Deine
Infantin, Donna Sophia, heute über vier Wochen als mein ehelich Gemahl
heimführen zu dürfen. Sieh! da ist sie selbst! - Kniee nieder, Mädchen, und
danke Deinem Herrn und Vater für seine Güte. Er willigt in unsere Vermählung
heute über vier Wochen.
    Sophie, die bei Franz' letzten Worten in das Zimmer getreten war, eilte auf
den Vater zu:
    Gutes, liebes Väterchen! herzallerliebstes Väterchen! rief sie, den
Geheimrat umarmend und ihn zärtlich auf Stirn und Lippen küssend. Der
Geheimrat war in einer unbeschreiblichen Erregung. Seine zitternden Lippen
versuchten umsonst ein Wort hervorzubringen; seine tränenüberströmten Augen
wandten sich bald auf die vor ihm knieende Tochter, bald auf den edlen Mann, der
über ihn gebeugt dastand und seinen Arm vertraulich um seinen Nacken geschlungen
hatte. Sein von der Krankheit angegriffenes Gehirn vermocht nicht das Chaos der
auf ihn einstürmenden Gedanken zu bewältigen, aber in seinem Herzen sagte
vernehmlich eine Stimme, dass er nun ruhig sterben könne.
    Franz, der nicht ohne Grund fürchtete, dass die heftige Gemütserschütterung
eine Verschlimmerung in dem Zustande des Kranken herbeiführen könne, beeilte
sich, dieser Scene eine Ende zu machen. Er klingelte und hiess den eintretenden
Bedienten, ihm beim Zubettbringen des Herrn zu helfen. Der Geheimrat liess Alles
ohne Widerrede mit sich geschehen. Franz und der Diener rollten den Stuhl bis an
die Tür des nächsten Gemachs, die schon von Sophie geöffnet war, hoben ihn über
die Schwelle und schlossen die Tür hinter sich, während Sophie allein in dem
Wohnzimmer zurückblieb.
    Nach einigen Minuten kam Franz zurück. Er war bewegt, wie Sophie ihn kaum
gesehen hatte; aber sie sah auch zugleich, dass diese Bewegung keine schmerzliche
war. Seine Augen blitzten, sein Schritt war elastisch wie eines Siegers Schritt,
und seine sonst etwas scharfe Stimme klang weicher und voller, als er jetzt, die
Geliebte fast stürmisch in seine Arme schliessend, sagte:
    Freue Dich, Mädchen, es geht Alles gut, vortrefflich. Ich habe dem Papa
seine Einwilligung abgeschmeichelt und abgetrotzt. Sagte ich Dir nicht, in vier
Wochen sind wir Mann und Frau? sagte ich Dir nicht: in unserer Brust sind unsers
Schicksals Sterne? O, ich fühle einen ganzen Himmel in meiner Brust! liebe,
liebe Sophie!
    Lieber, lieber Franz.
    Und die Liebenden hielten sich lange innig umschlungen.
    Dann, als die Flut herrlichster Gefühle sich zu ruhigeren Wogen sänftigte,
wanderten sie Arm in Arm in dem Gemache auf und ab, und ihre Stimmen waren
leise, wie ihre Schritte auf dem Teppich, und was sie flüsterten war süss und
traulich, wie das von einem roten Schleier gedämpfte Licht der Lampe, die auf
dem Tische vor dem Sopha brannte.
    Sie waren so in ihr bald ernstes, bald heiteres, und von einem
gelegentlichen halb unterdrückten Lachen oder verstohlenen Kuss unterbrochenes
Gespräch vertieft, dass Jemand, der um diese Stunde fast täglich in das Haus des
Geheimrats kam, erst dreimal an die Tür pochen musste, ehe sie Beide zu
gleicher Zeit mit Herein antworteten.
 
                              Fünfzehntes Capitel
Guten Abend, hochverehrliches christliches Brautpaar, sagte der darauf in's
Zimmer Tretende; störe ich Sie vielleicht in Ihrer Andacht?
    Guten Abend, Bemperchen; erwiderte Sophie, sich aus Franz' Arm losmachend
und dem kleinen Mann, der zierlichen Schritts auf sie zukam, herzlich die
dargebotene Hand drückend; Sie kommen gerade zur rechten Zeit, mich gegen diesen
Erzspötter in Schutz zu nehmen.
    Guten Abend, Bemperlein, sagte Franz; Sie kommen gerade zur rechten Zeit,
mir diese halsstarrige Sünderin überzeugen zu helfen.
    Ehe ich das Eine tun und das Andere lassen kann, erwiderte Herr Bemperlein,
seine Handschuhe ausziehend und sie sorgfältig zusammenlegend, erlaube ich mir,
mich nach dem Befinden des Herrn Geheimrats pflichtschuldigst zu erkundigen.
    Es geht viel besser, erwiderte Franz.
    Ich schloss das aus Ihrer heitern Stimmung, sagte Bemperlein. Nun, das freut
mich sehr. So können wir doch heute Abend endlich einmal zu Abend essen, ohne
dass uns, wie in den letzten vierzehn Tagen, jeder Bissen vor Wehmut und Trauer
im Munde stecken bleibt. Ad vocem Abendessen: wie steht es damit, Fräulein
Sophie? ich, der ich nicht, wie Sie, das Glück habe, mit dem Nektar der Liebe
meinen Durst und mit der Ambrosia traulichen Geschwätzes meinen Hunger stillen
zu können, empfinde eine nicht misszudeutende Regung nach irdischer Speise und
Trank.
    Ich glaube, das Abendessen steht schon seit einer halben Stunde auf dem
Tisch, sagt Sophie; ich hatte es wahrhaftig ganz vergessen.
    So lassen Sie uns keine Minute länger zögern; sagte Bemperlein, Sophie den
Arm bietend und sie den wohlbekannten Weg in das anstossende Gemach führend, in
welchem stets gespeist wurde.
    Ich fürchte, die Kartoffeln sind eiskalt, sagte Sophie, den Deckel von einer
Schale abhebend.
    So haben Sie genau die Temperatur dieses Fisches, sagte Franz, ihr die
Schüssel präsentirend.
    Oder dieser Sauce, sagte Bemperlein, ihr die Sauciere von der andern Seite
darreichend.
    Sophie zuckte die Achseln:
    Nichts wird so warm gegessen, wie es gekocht ist, meine Herren. Das muss ich
als zukünftige Hausfrau wissen.
    Wir heiraten nämlich heut über vier Wochen, Bemperlein, sagte Franz.
    Das heisst, wenn Ihr Frack, den Sie schon, seitdem Sie in Grünwald sind,
machen lassen wollen, bis dahin fertig wird, Bemperchen; sonst unter keiner
Bedingung, sagte Sophie.
    Der Frack wird fertig! der Frack wird fertig! rief Herr Bemperlein, und
sollte ich ihn selber zurechtschneiden, nähen und bügeln.
    Das würde ein schönes Kleidungsstück werden, Bemperchen.
    Vielleicht nicht so schlecht, wie Sie glauben. Es wäre wenigstens nicht der
erste Frack, den ich mir höchst eigenhändig fertigte.
    Unmöglich, Bemperlein! rief Franz voll Erstaunen.
    Was ich Ihnen sage. Es ist nun freilich schon ein wenig lange her - fünfzehn
Jahre etwa - und ich war dazumal, in meiner Robinson-Crusoe-Periode,
erfinderischer und fleissiger als jetzt; aber für unmöglich halte ich die Sache
auch noch heute nicht.
    Aber was zwang Sie denn, so wunderliche Experimente anzustellen?
    Die Erfinderin aller Künste, die Not. Sie wissen, Fräulein Sophie, dass ich
zu denjenigen Kindern Gottes gehöre, - oder vielmehr gehörte, denn jetzt bin ich
in eine andere Rangclasse versetzt - welches das Himmelreich versprochen ist,
weil sie auf Erden nichts ihr eigen nennen. In Folge dessen war ich, als ich
damals aus den elysäischen Gefilden meines Heimatsdorfes hierher kam,
gezwungen, eine Art von Cicadendasein zu führen und alle unnötigen Depensen zu
vermeiden. So verfiel ich denn unter anderm auf den sehr naheliegenden Gedanken,
ob es nicht möglich sein sollte, sich auch in unserem tinteklecksenden Säculum
die nötigen Kleidungsstücke selbst zu fertigen, wie weiland Eumäus, der
göttliche Sauhirt. Gedacht, getan. Ich hatte eine vertraute Freundschaft mit
einem Knaben geschlossen - er hiess Christian Süssmilch, der Sohn von dem alten
Schneidermeister Süssmilch in der Langenstrasse, - der durchaus Schneider werden
sollte und durchaus ein Gelehrter werden wollte. Wir machten einen Covenant, dass
ich, wenn Papa Süssmilchs Stentorstimme Feierabend verkündet hatte, den Zumpt und
den Rost mit ihm tractirte, wogegen er mich lehren sollte, wie man die Nadel und
das Bügeleisen führt. Unsere Studien wurden mit eben so viel Eifer wie
Heimlichkeit betrieben, denn ich fürchtete nicht ohne alle Ursache den Spott
meiner Mitschüler und er die sicher treffende Elle seines Vaters und Lehrherrn.
O, es waren köstliche Stunden, die wir so zusammen verlebten, Stunden, die er
und ich nie vergessen werden. Ich sehe uns noch beim traulichen Schein einer
Tranlampe auf meinem kleinen Dachstüben zusammensitzen - an einem Herbstabend
wie heute, wenn der Regen auf die Ziegel dicht über unseren Köpfen tappte und
die Rinne gurgelte und die Eulen und Dohlen auf dem Turm der nahen
Nicolaikirche krächzten und schrieen. Wir aber froren nicht, trotzdem kein Feuer
in dem kleinen Kanonenofen brannte, denn die heilige Flamme der Freundschaft
durchströmte unsere Adern mit sanfter Glut, und ich nähte, dass der Faden
rauchte, und er lernte in seiner Grammatik, dass ihm der Kopf dampfte, und wenn
ich dann die Naht nach allen Regeln der Kunst genäht hatte und er sein »tüpto,
tüpteis, tüptei« ohne Anstoss aufsagen konnte, so sanken wir uns gerührt in die
Arme und beneideten keinen König auf dem Tron um seine Herrlichkeit.
    Herr Bemperlein schwieg und blickte gerührt in sein Glas.
    Die alte Zeit soll leben, Bemperlein! sagte Franz.
    Und die neue, erwiderte Bemperlein, mit dem Brautpaare anstossend.
    Aber wie war das mit dem Frack, Bemperchen? fragte Sophie; es war doch nicht
gar Ihr Confirmationsfrack?
    Richtig geraten, schöne Dame; es war mein Confirmationsfrack. Die Zeit der
Einsegnung war vor der Tür. Ich hatte von einem Kaufmann, dessen Kinder ich im
Lesen und Schreiben unterrichtete, und bei dem ich auch wöchentlich einen
Freitisch hatte, Tuch zu einem Frack geschenkt bekommen. Der brave Mann sagte
mir sogar: ich solle ihn nur bei seinem Schneider auf seinen Kosten lassen. Ich
glaubte indessen, die Güte des Mannes zu missbrauchen, wenn ich auch dies
Geschenk noch annehme, und bat um die Erlaubnis, den Frack bei meinem eignen
Schneider machen lassen zu dürfen. Nun, wer der »eigene Schneider« war, können
Sie sich denken. Christian Süssmilch und ich wollten uns beinahe todt lachen über
den genialen Witz; und wir beschlossen sofort an's Werk zu gehen und ein
Meisterstück zu liefern, das unserm »eigenen Schneider« Ehre machen sollte.
Aber, o des Jammers! Papa Süssmilch war hinter unsere »verdammten Schliche«
gekommen, wie er in seiner banausischen Redeweise die Weihestunden der
Freundschaft und Arbeit zu nennen beliebte. Er hatte eine griechische Grammatik
entdeckt, die Christian beim Eintritt des böotischen Vaters in die Hölle unter
die Lumpen zu schleudern pflegte und eine Folge dieser entsetzlichen Entdeckung
war die, dass er zuerst einmal seine Elle auf dem Rücken des attischen Jünglings
entzweischlug und zweitens ihm bei Androhung sofortiger Enterbung und Verbannung
aus dem väterlichen Hause kategorisch befahl, in Zukunft allen Umgang mit mir
gänzlich und durchaus abzubrechen. Weinend erzählte mir der treue Freund das
Entsetzliche, als ich ihm Tags darauf an der Strassenecke begegnete, wie er eben
ein fertiges Beinkleid zu einem der Kunden seines Vaters trug. Aber ich beuge
mich nicht länger unter diese Tyrannei, rief er mit einer Armschwenkung, die
einem Demostenes Ehre gemacht haben würde; noch diesen einen Sclavendienst (und
er schlug dabei mit der geballten Faust auf die sauber zusammengefalteten
Inexpressiblen) und dann gehe ich hinaus in die weite Welt. Willst Du mit? Nur
mit Mühe konnte ich den armen Jungen beruhigen; ich wusste, dass ihm der Gedanke,
mir nun nicht bei meinem Frack helfen zu können, weher tat, als alles Andere.
Ich erinnerte ihn an das Gebot, welches uns befiehlt, Vater und Mutter zu ehren,
auf dass es uns wohl gehe und wir lange leben auf Erden; ich sagte ihm, dass sein
Vater doch endlich nachgeben werde; und was den Frack betreffe, so würde der
Schüler seinem Meister Ehre machen. - Christian schüttelte wehmütig den Kopf:
Du wirst nicht fertig, Anastasius, sagte er, Du wirst nicht fertig, auch
angenommen, dass Du mit dem Zuschneiden zu Stande kommst. - Was gilt die Wette,
Christian? rief ich, Du siehst mich heute über acht Tage bei der Einsegnung in
der Kirche in dem Frack, den ich ohne Deine Hülfe machen werde, und Du sollst
eingestehen, dass er gut gemacht ist. Gewinn' ich, schenkst Du mir Deinen
Dompfaffen, gewinnst Du, gebe ich Dir die Odysse in der Heine'schen Ausgabe.
Willst Du? - Topp! sagte Christian, trotz seines Jammers lächelnd. Ich sollte
eigentlich nicht wetten, weil Du doch verlierst; aber wenn Du willst, so sei's.
    Nun, und wer gewann die Wette? fragte Sophie eifrig.
    Am nächsten Sonntag, in der Nikolaikirche, sagte Herr Bemperlein, und seine
Stimme zitterte und seine Brillengläser wurden feucht; am nächsten Sonntag
kniete ich zwischen vielen Jünglingen an dem Altar, und die Orgeltöne fluteten
durch die hohen Hallen und der Priester murmelte den Segen Gottes über uns, aber
ich hörte von allem nichts; ich sah nur immer nach der Empore hinauf zu einem
Knaben mit langen braunen Haaren und braunen Augen, der mir Kusshände zuwarf und
dessen liebes Gesicht vor Stolz und Freude darüber, dass sein Freund, gegen all'
sein Erwarten, so stattlich aussah, erglänzte und der, als an mich die Reihe
kam, dass der Herr mich segnen und behüten möchte und sein Antlitz leuchten
lassen über mich, fromm die Hände faltete und mit gebeugtem Haupte für mich
inbrünstiglich betete.
    Bemperlein schwieg. Er hatte die Brille, die immer trüber geworden war,
abgenommen und rieb die Gläser mit dem Taschentuche wieder blank.
    Und was ist aus Christian geworden? fragte Franz.
    Er ist jetzt Professor der alten Sprachen an einem Belgischen hochberühmten
Lyceum; seine Grammatik über den dorischen Dialect ist epochemachend für die
Sprachwissenschaft. Ich hatte vorgestern einen sechszehn Seiten langen Brief von
ihm.
    Und was ist aus dem Frack geworden? fragte Sophie.
    Er hängt noch heut zu Tage wohlerhalten als teures Andenken in meinem
Schrank, erwiderte Herr Bemperlein, die Brille wieder aufsetzend und Sophie
schalkhaft anlächelnd; ja, und was noch mehr sagen will: er passt mir noch heute
so gut, als er mir damals passte, und ich kann mich in ihm jederzeit vorstellen,
falls mein gnädiges Fräulein an der Wahrheit dieser wahrhaftigen Geschichte
zweifeln sollte.
    Wollen Sie mir eine Bitte erfüllen, Bemperchen? sagte Sophie mit
ungewöhnlichem Ernst, ihm die Hand entgegenstreckend.
    Jede! sagte Bemperlein mit Entusiasmus, die Hand des Mädchens ergreifend.
    Lassen Sie sich zu meiner Hochzeit keinen neuen Frack machen, sondern kommen
Sie in dem alten, der für Sie durch so herrliche Erinnerungen geweiht.
    Ist das Ihr Ernst?
    Zweifeln Sie daran?
    Nun gut, sagte Herr Bemperlein, Sophien die Hand küssend, ich will in dem
Frack, den ich mir zu meiner Confirmation selbst gemacht habe, Ihr Brautführer
sein.
    Die kleine Gesellschaft beendigte ihr kaltes Abendbrod und begab sich in das
trauliche Wohnzimmer zurück, wo Sophie den Tee bereitete, während Franz ging,
sich nach des Geheimrats Befinden umzusehen. Er kam mit der erfreulichen Kunde
zurück, dass Papa, seit dem Beginn seiner Krankheit zum ersten Male in einem
ruhigen, erquickenden Schlafe liege, in welchen er, wie der Diener, der diese
Nacht bei ihm wachte, erzählte, alsbald gefallen sei, nachdem er noch eine Zeit
lang mit gefalteten Händen abgebrochene Worte gemurmelt hatte.
    Franz sagte, dass die Reconvalescenz von diesem Augenblick rasch
fortschreiten werde und dass er jetzt die beste Hoffnung für eine möglich
vollständige Wiederherstellung habe. Sophie umarmte und küsste ihn für diese
frohe Botschaft und Herr Bemperlein schwur, dass er von heute Abend an ausser den
vier heiligen Evangelisten noch einen höchst unheiligen, Namens Franziskus,
kenne und verehre.
    Sie hatten sich um den Kamin herumgesetzt. Der Dampf der Teemaschine und
der Rauch der Cigarren, welche sich die Herren angezündet hatten, stieg in
Wolken zu der Büste des Zeus hinauf, der nun zu einem behaglichen Jupiter Xenius
wurde. Franz war in einer eigentümlich aufgeregten Stimmung, die sich Sophie
durch die Freude über die günstige Wendung, welche die Krankheit des Vaters
genommen hatte, erklärte, die aber einen noch ganz andern Grund hatte. Es war
die nervöse Erregung, die auch den Mutigsten vor dem Beginn der Schlacht
überkommt, und Franz fühlte und wusste, dass der Kampf des Lebens heute für ihn in
Wahrheit entbrannt war. Hatte er doch die ernstesten Verpflichtungen, die von
unabsehbaren Folgen für seine, für Sophiens Zukunft sein konnten, übernommen!
Lag doch von heute an die ungeheuerste Verantwortung auf seinen Schultern! Sah
er doch plötzlich das Meer, auf welchem das Fahrzeug seines und ihres Glückes
schwamm, von den gefährlichsten Klippen angefüllt, die sicher zu durchsteuern,
es eines allzeit klaren Kopfes, eines allzeit mutigen Herzens, einer allzeit
festen Hand bedurfte! Sophie ahnte nicht, was ihr Verlobter empfand, als sie
jetzt, in Gemeinschaft mit Bemperlein, anfing, sich die Zukunft nach ihrem
Geschmack auszumalen - ein kleines, behagliches Paradies voll Ruhe, Frieden und
Sonnenschein.
    Sie müssen auch heiraten, Bemperchen, rief sie.
    Mit dem grössten Vergnügen, erwiderte Herr Bemperlein; finden Sie nur erst
die Hauptsache.
    Das wäre?
    Ein Mädchen, das mich lieben will und das ich lieben kann.
    Ich werde Ihnen eins aussuchen, Bemperchen. Ich kenne Ihren Geschmack, und
weiss ganz genau, wie die zukünftige Frau Professor Bemperlein beschaffen sein
muss.
    Da wäre ich doch neugierig, sagte Herr Bemperlein, sich behaglich in seinem
Lehnstuhl zurechtrückend.
    Zuerst, sagte Sophie, was das Äussere betrifft - denn Sie legen doch auch
etwas Gewicht auf das Äussere, Bemperchen, oder nicht?
    Doch, doch! sagte Bemperlein eifrig.
    Nun wohl! so darf Ihre Zukünftige nicht eben gross sein.
    Weshalb nicht?
    Weil Sie selbst kein Riese sind, Bemperchen, und Sie wissen: nur Gleich und
Gleich gesellt sich gern. Ich schlage deshalb vor, dass sie zierlich und
manierlich ist, ein hübsches kleines Figürchen mit dunkelm Haar und dito
Augenpaar, gewandt, anstellig, munter und beweglich. Sind Sie's zufrieden?
    Hm! sagte Herr Bemperlein; nicht übel; gar nicht übel! Weiter!
    Sodann, was die Vermögensumstände angeht, so darf sie nicht reich sein. Sie
wissen, weshalb?
    Weil ich mit dem Gelde doch nichts anzufangen wüsste?
    Das meine ich. Habe ich recht?
    Vollkommen. Aber nun erklären Sie mir noch nachträglich, weshalb die in
Frage stehende Dame gerade braunes Haar und braune Augen haben soll?
    Ich habe, soviel ich weiss, nur von dunkelm Haar und dunkeln Augen
gesprochen; aber wenn Sie die braune Farbe vorziehen, Bemperchen -
    Ich vorziehen! sagte Herr Bemperlein eifrig, ich vorziehen! Warum nicht gar!
    Bemperchen, Sie sind rot dabei geworden! die Sache ist verdächtig! Meinst
Du nicht auch, Franz?
    Höchst verdächtig, bestätigte Franz; ich trage darauf an, dass der Inculpat
auf das allerschärfste inquiriret und auf jede Weise zu einem offenen und
umfassenden Geständnis persuadiret werde.
    Ja, er soll gestehen; er soll gestehen! rief das übermütige Mädchen in die
Hände klatschend; er soll sich über diese verräterische Röte seiner Wangen
verantworten. Angeklagter, ich frage Sie auf Ihr Gewissen: kennen Sie eine Dame
mit braunem Haar und Augenpaar?
    Aber, wie Sie auch fragen, Fräulein Sophie? erwiderte Herr Bemperlein, noch
röter werdend, als vorhin.
    Eure Rede, Angeklagter, sei ja, ja! oder nein, nein! Was darüber ist, ist
vom Uebel.
    Nun denn: ja! sagte Herr Bemperlein lachend.
    Haben Sie, als Sie von dem braunen Haar und Augenpaar sprachen, an diese
Dame gedacht?
    Ja, antwortete Herr Bemperlein nach einigem Zögern.
    Da haben wir's! Er hat an sie gedacht! Er hat an sie gedacht! rief Fräulein
Sophie und schnippte vor Vergnügen mit den Fingern.
    Aber wer ist sie? warf Franz ein.
    Wir werden es gleich erfahren. - Angeklagter, wohnt sie in dieser Stadt?
    Ja.
    Franz, nimm zu Protokoll: sie wohnt in dieser Stadt. Angeklagter: sehen Sie
sie oft?
    Nein.
    Hm! haben Sie sie heute gesehen?
    Aber, Fräulein So -
    Keine Ausflüchte! Haben Sie sie heute gesehen?
    Nun, ich merke schon, ich komme besser weg, wenn ich nur gleich Alles offen
gestehe, sagte Herr Bemperlein, der trotz seiner Bemühung, unbefangen
auszusehen, immer befangener geworden war. So hören Sie denn, gestrenger Herr
Untersuchungsrichter und Sie, diabolisch lächelnder Herr Beisitzer, die
sonderbare Geschichte, die mir heute passirt ist und die eigens darauf angelegt
scheint, mich aus einer Verlegenheit in die andere zu bringen.
    Erzählen Sie, Bemperchen! erzählen Sie, rief Sophie; die Sache wird
romantisch.
    Nun denn, Sie wissen, Fräulein Sophie, dass Grenwitzens heute Morgen in die
Stadt gekommen sind.
    Wir sind davon unterrichtet. Weiter, Angeklagter!
    Sie wissen aber noch nicht, dass die Baronin gleich nach ihrer Ankunft an
mich geschrieben und mich gebeten hat, sie noch im Laufe des Tages zu besuchen.
Sie habe über eine Sache von der äussersten Wichtigkeit mit mir zu sprechen.
    Die Sachen der Baronin sind immer von der äussersten Wichtigkeit, meinte
Franz.
    Das wusste auch ich und beeilte mich deshalb nicht eben mit meiner Visite.
Gegen Abend indessen, kurz vorher, ehe ich hierher kam, war ich dort.
    Nun, um welche Bagatelle handelte es sich?
    Ich habe es nicht erfahren, denn ich hatte nicht das Glück, vorgelassen zu
werden. In der Haustür begegnete ich Herrn Timm, der in solcher Eile war, dass
er mich fast über den Haufen lief und eben nur noch Zeit hatte, zu sagen: Wie
zum Teufel kommen denn Sie hierher, Bemperlein? Im Vorzimmer, in welches mich
der Bediente gewiesen hatte, traf ich Mademoiselle Marguerite.
    Hat sie braune Augen, Bemperchen?
    Sie hat braune Augen, Fräulein Sophie, sehr schöne braune Augen, die in
diesem Augenblicke um so glänzender erschienen, als sie voll heller Tränen
standen.
    O! sagte Fräulein Sophie, weshalb denn?
    Weiss ich es? Ich war, weil ich Niemand im Zimmer vermutete, ohne
anzuklopfen eingetreten. Bei meinem Erscheinen fuhr die junge Dame, welche mit
dem Kopf auf dem Tisch schluchzend dasass, empor und suchte, so gut es gehen
wollte, ihre Tränen zu verbergen. Sie erwiederte auf meine Frage, ob die
Baronin zu sprechen sei: sie wolle gehen und nachsehen. Sie ging aber nicht,
wenigstens nur bis an die nächste Tür, wo sie stehen blieb, um abermals in
Tränen auszubrechen. Sie können sich meine Verlegenheit denken. Ich kann
Niemand weinen sehen, geschweige denn ein so junges, armes, hülfloses Geschöpf,
wie Mademoiselle Marguerite. Ich trat also auf sie zu, fasste sie bei der Hand -
ich konnte bei Gott nicht anders - und sagte - was sollte ich sonst sagen? -
weshalb weinen Sie, Mademoiselle? Ihre Tränen flossen nur noch reichlicher. Ich
wiederholte meine Frage wieder und wieder. Je suis si malheureuse! war Alles,
was sie endlich herausschluchzte. dabei blieb es. Das arme Kind tat mir von
Herzen leid. Ich fragte, ob ich ihr helfen könne? Sie schüttelte weinend den
Kopf. Ich suchte sie zu trösten, und sagte Alles, was man in einer solchen
Situation zu sagen pflegt. Nach und nach wurde sie ruhiger, trocknete sich die
Augen, drückte mir die Hand und sagte: Oh vous êtes bon. Damit schlüpfte sie aus
der Tür. Ich war so klug, als ich vorher gewesen war. Nach einigen Minuten kam
nicht sie, sondern Baron Felix, um mir zu sagen, dass seine Tante unendlich
bedauere, mich heute Abend nicht mehr sehen zu können. Sie sei von der Reise zu
angegriffen. Ich möchte morgen wieder kommen. Da Baron Felix es ebenfalls sehr
eilig zu haben schien, empfahl ich mich schleunigst. Als ich schon in der Tür
war, rief er mir nach: Apropos, Herr Bemperlein, wissen sie nicht, wann der
Doctor Stein zurückkommen wird? Ich glaube, in diesen Tagen, erwiderte ich und
ging. Da haben Sie meine romantische Geschichte.
    Die Manches zu denken gibt, sagte Franz. Ich möchte nebenbei auch wohl
wissen, wann Oswald zurückkommen wird. Er sollte eigentlich schon hier sein.
    In diesem Augenblick kam das Mädchen herein, um Franz eine Karte zu bringen.
    Ist der Herr noch draussen? rief Franz aufspringend.
    Nein, Herr Doctor. Er fragte ob Sie allein wären. Ich sagte, Herr Bemperlein
sei noch im Zimmer. Da sagte er, er wolle ein ander Mal wieder kommen, und ging
fort.
    Wer ist es? fragte Sophie.
    Oswald! erwiderte Franz. Fatal; ich hätte ihn gern gesprochen.
 
                              Sechszehntes Capitel
Oswald war vor einigen Stunden in Grünwald angekommen. Der frühe Herbstabend
brach bereits herein, als er sich auf der Chaussee der alten Stadt näherte. Die
hohen Türme dämmerten wie Ossianische Riesenleiber durch den wogenden grauen
Nebel; Nebel zog auf den tiefen Wiesen zwischen der Chaussee und dem Meere;
Nebel wallte auf der weiten Wasserfläche zwischen dem Festlande und der Insel.
    Oswald hüllte sich fröstelnd dichter in seinen Mantel und drückte sich in
die Ecke des Cabriolets. Was wollte er in Grünwald? Er wusste es selber nicht.
Auch die kleinen von den Nordoststürmen kahlgefegten Bäume an der Westseite, die
an seinem dumpfen Blick in öder Monotonie vorüberhuschten, wussten es nicht; auch
die starkknochigen Postgäule, die von der Nässe triefend, vornübergebeugten
Kopfes mechanisch dahintrotteten, wussten es nicht; auch der alte, schnauzbärtige
Conducteur, der vor lieber langer Weile eine Passagierliste zum hundertstenmale
aus der Seitentasche herausholte und durchblätterte, wusste es nicht. Es wusste es
eben Keiner, es hätte denn die Krähe sein müssen, die sich im Walde verspätet
hatte und jetzt einsam und melancholisch über den Postwagen weg zur Stadt zog
und im Nebel verschwand.
    
    Einsam und melancholisch! und doch durfte sie sicher sein, in den Türmen
der altersgrauen Kirchen, auf den langen Dächern der hohen Giebelhäuser eine
Schaar von Brüdern und Schwestern zu finden, die sie mit heiserem Gekrächz
willkommen heissen würden; und irgendwo ein Mauerloch, in welchem sie über Nacht,
während der kalte Nachtwind durch die Schalllöcher und um die Schornsteine
pfiff, von dem sommerlichen Leben im grünen Tannenwalde behaglich träumen
konnte. Wer aber harrte seiner in der ganzen öden Stadt? wo sollte er einen
Ruheort finden?
    Und die Bäume tanzen immer gespenstiger an dem Wagen vorüber; und die Gäule
schütteln immer ungeduldiger die schweren Kummete, und der Nebel ballt sich
immer dichter und finsterer zusammen, und durch den dichten, finstern Nebel
schauen trübäugig einzelne Lichter, und jetzt schlägt der Huf der müden Pferde
auf das Pflaster, und jetzt rollt der Wagen über die Zugbrücke, durch das enge
Tor in die engen, winkligen, schlechtgepflasterten Strassen der Stadt und hält
vor dem Postgebäude still. Die plötzliche Ruhe nach dem viele Stunden lange
Klappern, Schütteln und Stossen ist unendlich süss für den, welcher das Ziel
seiner Reise erreichte, und unbeschreiblich unheimlich für den, dessen Reise
kein Ziel hatte, oder dem das erreichte Ziel kein erwünschtes ist. Er möchte,
das Klappern, Schütteln und Stossen begönne von Neuem, und es klapperte,
schüttelte und stiesse ihn weiter und weiter, von allen Menschen weit in die
ewige Nacht.
    Ein ödes, unwohnliches Gemach; zwei eben angezündete Kerzen auf dem Tisch
vor dem Sopha; ein Koffer auf dem Gestell, eine Hutschachtel auf dem Stuhl
daneben; rings umher Stille, nachdem der Tritt des Kellners auf dem langen,
schmalen Corridor verhallte - Oswald fand diese Situation wenig dazu angetan,
einen Melancholischen heiter zu stimmen. Er beeilte sich, aus dem Gemache und
aus dem Hause zu kommen.
    Es war ursprünglich seine Absicht gewesen, Franz aufzusuchen, den einzigen
in Grünwald, von dem er eines herzlichen Empfanges, eines freudigen Willkommens
versichert sein durfte; aber er gab diese Absicht bald wieder auf und wanderte
ziellos und zwecklos durch die Strassen. Er hatte sich niemals eben sehr heimisch
gefühlt in Grünwald; aber so wildfremd, wie heute, war ihm die Stadt selbst in
den allerersten Tagen seines ersten Aufentalts nicht erschienen. War es nur die
Folge seiner düsteren Stimmung, war es der dunkle, neblige Abend - er erkannte
die Strassen, die Plätze, durch die er doch schon so oft gewandert war, gar nicht
wieder, und wenn er sich wirklich an Dies oder Jenes zu erinnern glaubte, so war
es nur, wie man in einem Traum Unbekanntes und Weites, Nahes und Fernes
chaotisch durcheinander mischt. Endlich geriet er in eine der Strassen, die nach
dem Hafen führen. Hier war er mehr zu Hause, denn der Hafen mit seinem Gewimmel
von Booten und Schiffen, seinem Meerdunst und Teergeruch, seinen monoton
klingenden Matrosenliedern und rastlos klopfenden Hämmern und Beilen und
knirschenden Sägen war ihm der liebste Punkt der Stadt und das beinahe tägliche
Ziel seiner Spaziergänge gewesen.
    Aber auch an dieser sonst belebtesten Stelle der alten Hansestadt war es
heute Abend öde und todt. Hier und da schimmerte durch ein Kajütenfenster ein
Licht; dann und wann erscholl von dem Verdeck eines Schiffes das Bellen eines
Hundes oder der heisere Ruf eines Matrosen - sonst Nacht und Schweigen überall.
    Er wanderte auf dem weit in's Meer hineingebauten Damme, an welchem nach der
Seeseite zu Fahrzeug neben Fahrzeug ankerte, bis zu der äussersten Spitze. Hier
stand er, in dumpfes Brüten und Sinnen versunken, lange Zeit und schaute mit
untergeschlagenen Armen in die dichte Finsternis hinaus, die auf dem Meere
lagerte, und horchte auf das leise, gleichförmige Plätschern des Wassers, das
unter ihm unaufhörlich an den Quadern des Dammes leckte und züngelte. War, was
da vor ihm lag, sein vielgeliebtes Meer, auf dem sich seine Träume, seine
Hoffnungen so oft dem Fluge der Möven gewiegt hatten? war es der dunkle Abgrund,
in den seine Hoffnungen und Träume wie die Schätze eines gescheiterten Schiffes
auf immer unwiederbringlich gesunken waren?
    Drüben, jenseits der schwarzen Wasserwüste, lag die Insel, so nah und doch
so fern, wie die Zeit, die er dort verlebte, die kurze Spanne Zeit, die Alles
umschloss, was er von Glück und Frieden je im Leben gekannt hatte. Ein Fährboot,
das von der Insel herüberkam, fuhr dicht an der äussersten Spitze des Dammes, auf
der er stand, vorüber. Er hörte das taktmässige Eintauchen der schweren Ruder
in's Wasser und das eigentümliche dumpfe Kreischen derselben gegen die Pflöcke;
er hörte die verworrenen Stimmen der nächtigen Passagiere.
    Er ging in die Stadt zurück, und kam über den Marktplatz. Er blieb vor dem
Hause stehen, in welchem Berger gewohnt hatte. Es war kein Licht in den
Fenstern. Er konnte bei dem Schein einer Laterne sehen, dass die grünen Jalousien
geschlossen waren, wie in einem Hause, in welchem der Besitzer gestorben ist.
Von dem Turm der Nicolaikirche tönten die feierlichen Accorde eines Chorals,
mit dem man, alter Sitte gemäss, in Grünwald allabendlich um neun Uhr dem
dahingeschwundenen Tag Lebewohl sagt.
    Oswald hörte zu, bis der letzte Ton verklungen war. Er dachte an den Tod und
an das grosse Geheimnis, welches das Grab nicht erschliesst, sondern nur noch
dunkler macht, und wie glücklich doch die Menschen sein müssten, die in dem
Glauben an den Heiland und Erlöser ihre Zuversicht finden.
    Das langgezogene Heraus! des Postens vor der Hauptwache riss ihn aus seinen
Träumereien. Eine quäkende Stimme kommandirte: Gewehr auf! Gewehr ab! Helme ab
zum Gebet! Frömmigkeit auf Commando - Herzensergiessung nach dem Paragraphen des
Wachtdienstes! In einem wohlgeordneten Staate muss Alles geregelt sein.
    Warum bist du, sprach Oswald weiter bei sich, während er nach dem Tore
schritt, nicht ein Pedant unter Pedanten, da dir das Schicksal nun einmal
missgönnt, unter Römern ein Römer zu sein? Weshalb sträubst du dich gegen den
Kamm, über den sich alle diese guten Schafe geduldig scheeren lassen? Du
könntest es ja doch auch bequemer haben, wie Andere! Es mag sich Alles in Allem,
gar nicht so schlecht in dem Grossvaterstuhl eines Amtes, wie Berger es
ausdrückt, sitzen; die Schlafmütze einer Würde mag vor manchem Rheumatismus, der
einen sonst aus der windigen Welt anweht, schützen, und wer ein tugendsam Weib
hat, der lebt noch einmal so lange, und wenn er dann nun doch endlich gestorben,
so blasen sie hoch vom Turm, dass die ganze Stadt es vernimmt und für das Heil
seiner Seele betet.
    Ueber ihm rauschten die Bäume, mit denen die Vorstadtsstrasse, in welcher die
Pensionsanstalt des Fräulein Bär lag, besetzt war. Der Nachtwind hatte die
Nebeldecke zerrissen und die Sichel des zunehmenden Mondes schwankte durch die
gespenstisch flatternden Wolken. Ein Reiter jagte nach der Stadt zu an ihm
vorüber. Das Tier schnaufte und die Funken sprühten. Im nächsten Moment hallte
der Hufschlag auf dem Pflaster schon dumpf und fern, wieder lauter und wieder
dumpfer und verhallte endlich ganz. »Gewiss Jemand, der nach dem Arzt reitet -
ein Gatte vielleicht, dessen Frau in Kindesnöten, ein Vater vielleicht, dessen
einziger Sohn im Sterben liegt.« - Oswald dachte an die Nacht, in welcher Bruno
starb, und an den grausigen Ritt über die Haide von Grenwitz nach Faschwitz.
Wenn Bruno am Leben geblieben wäre! Es war Oswald, als würde dann Alles anders
gekommen sein; als wäre er erst durch den Tod des vielgeliebten Knaben so
grenzenlos arm geworden; als hätte er mit ihm gegen eine Welt in Waffen
ankämpfen können. Mit ihm und für ihn! Für Bruno wäre ihm kein Opfer zu schwer
gewesen, selbst nicht das Opfer seiner Liebe zu Helene. Bruno, aber auch nur
ihm, hätte er das schöne Mädchen gern und willig gegeben. Gegeben? was hatte er
denn zu vergeben? er, der Bettler?
    Da stand er vor dem Hause, welches er suchte, und lehnte sich an das eiserne
Gitter des Gartens. In dem Hause war kein Fenster mehr erleuchtet. Die
Bewohnerinnen mussten schon zur Ruhe gegangen sein. Er dachte an die
Sommernächte, wenn er im Park von Grenwitz stundenlang nach dem offenen Fenster
mit den heruntergelassenen Vorhängen emporschaute, aus dem die Töne des Claviers
durch die stille, weiche Luft zu ihm herüberwehten; und dann noch stundenlang,
wenn das Licht hinter den roten Vorhängen erloschen und die Musik verstummt
war, zwischen den Beeten und unter den Buchen des Walles auf und nieder
wandelte, manchmal bis der erste Purpurstreifen des Frührots den östlichen
Horizont säumte und die Vögel in dem dichten Gezweig über ihm schlaftrunken zu
zwitschern begannen.
    Ein Windstoss sauste durch die beiden hohen Pappeln rechts und links von der
Pforte und zischelte unheimlich in den dürren Blättern. In dem Hause klappte ein
Fensterladen - ein Hund in einem Nachbarhause begann zu heulen.
    Oswald schauderte, wie im Fieber. Die momentane Aufregung nach einer langen
Fahrt im Postwagen war vorüber; er fühlte sich matt und krank. Er knöpfte seinen
Ueberrock fester zu und wandte sich, in die Stadt zurückzukehren. Ein Wagen kam
ihm im schnellsten Rollen entgegen. Ein Reiter mit einer Laterne in der Hand
sprengte vorauf - derselbe wohl, der vorhin, wie toll, durch die schwarze Nacht
in die Stadt gejagt war.
    Sollte es wohl Doctor Braun sein, der da fährt? - der Gedanke, den Freund
möglicherweise nicht zu Haus zu treffen, erweckte in Oswald den Wunsch, ihn zu
sehen und zu sprechen. In wenigen Minuten - denn die Entfernungen in Grünwald
sind nicht eben bedeutend - stand er vor dem Hause, welches ihm vom Kellner als
Franz' Wohnung bezeichnet war. Das Mädchen, welches die Haustür öffnete, sagte,
der Herr Doctor sei nebenan beim Geheimrat; er sei des Abends stets beim
Geheimrat. Oswald erfuhr, dass Herr Bemperlein im Salon sei - Bemperlein, der
Einzige, mit Ausnahme des alten Baumann, der von seinem Verhältnisse zu Melitta
wusste, der Einzige, vor dessen Begegnung er zurückbebte, dessen vorwurfsvoller
Blick - im Fall er von den letzten Ereignissen noch nicht unterrichtet war - ihm
gleicherweise peinlich sein musste.
    Auf der Strasse besann er sich erst, dass sein Fortgehen, nachdem er einmal
dagewesen war, geradezu unerklärlich und lächerrlich sei. Das verstimmte ihn
womöglich noch mehr, als er es schon war. Er hätte sich am liebsten in den
Tiefen der Erde verbergen, im Schlaf das Elend des Lebens vergessen mögen? Im
Schlaf? weshalb nicht im Wein, wenn der Schlaf nicht zur Hand ist? »Te best of
life is but intoxication,« sagt Lord Byron und dort, wo die einsame Laterne in
der düstern Halle zwischen den Steinpilastern hervordämmert, ist der Eingang zum
alten Ratskeller. Hinab die lange breite Treppe mit den niedrigen Stufen, hinab
in den Bauch der Erde, wo man nichts fragt nach Gefühlen, die das Herz schwer,
und nach Gedanken, die den Kopf wirbeln machen.
 
                             Siebenzehntes Capitel
Oswald kannte von seinem ersten Aufentalte her das Local wohl. Er war
gelegentlich mit Berger in dem Keller gewesen, ohne sich um die übrige
Gesellschaft, die er noch etwa vorfand, zu kümmern. So hauchte ihn denn die
feuchtkühle, mit dem Modergeruch der jahrhundertjährigen Mauern und der frischen
Blume heurigen Weines angefüllte Atmosphäre, die ihn empfing, befreundet an, und
er fand, ohne viel zu suchen, den Weg zu der niedrigen Tür, die links in die
Trinkstube führte.
    Es war in diesem Augenblicke ausser dem Aufwärter Niemand in dem langen,
gewölbten, spärlich erhellten Raum, als ein einzelner Gast, der mit dem Rücken
nach der Tür sass und sich durch Oswalds Eintreten keineswegs in seiner
Beschäftigung stören liess. Oswald, der, etwas von ihm entfernt, an einem kleinen
runden Tische Platz genommen hatte, bemerkte nicht ohne einige Verwunderung den
Berg von Schalen, der sich vor dem unermüdlichen Esser bereits aufgetürmt hatte
und noch lange nicht seine höchste Höhe erreicht zu haben schien. Zum mindesten
lehnte sich der Mann nur von Zeit zu Zeit in seinen Stuhl zurück, um mit
augenscheinlichem Behagen ein Glas Wein zu schlürfen, und ging dann stets wieder
mit einem Eifer an's Werk, der für die Güte der Austern nicht minder, als für
die Vortrefflichkeit des Magens ihres Consumenten sprach.
    Die letzte Schale klappte auf den Berg herunter und die letzten Tropfen
flossen aus der Flasche in's Glas.
    »Sic transit gloria mundi,« sagte der Mann. - Indessen, diese Gloria ist
leicht wieder aufzufrischen. Carole, bringen Sie mir noch ein Dutzend dieser
wackern Meeresbewohner und eine halbe Flasche dieses höchst schätzenswerten
Josephhöfers.
    Oswald horchte auf. Die Stimme war ihm sehr bekannt, sie erinnerte ihn an
vergangene glücklichere Tage. Diese klare, frische Stimme hatte ihn schon
manchmal erquickt und ermutigt, wie den Gefangenen der Wind, der durch das
offene Fenster seines Kerkers streicht; sie verfehlte auch heute nicht die
gewohnte Wirkung auf sein verdüstertes Gemüt. Unter Allen war dieser Mann
gerade derjenige, dessen Gesellschaft ihm heute Abend willkommen war.
    So stand er denn auf, trat auf ihn zu und begrüsste ihn mit Lebhaftigkeit.
    Ah! dottore, dottore! rief der Austernesser, in die Höhe fahrend und die
dargebotene Hand ergreifend. Sie hier? Nun das ist doch mal ein gescheidter
Einfall des sonst so dummen Zufalls! Carole, eine ganze Flasche statt einer
halben und einige Dutzend statt eines!
    Bin ich Ihnen in diesem Augenblicke wirklich eine persona grata, Timm? sagte
Oswald, neben Albert Platz nehmend.
    Persona grata? In diesem Augenblick! rief Albert Timm; Don Oswaldo, Don
Oswaldo! Ich habe Sie, bei Gott, seitdem wir in Grenwitz von einander Abschied
nahmen, schmerzlich vermisst, und freue mich, freue mich sehr, dass Sie endlich
wieder hier sind. Wo zum Kuckuck haben Sie denn nur so lange gesteckt? Ich habe
mich bei aller Welt nach Ihnen erkundigt. Seit wann sind Sie zurück?
    Seit drei Stunden etwa.
    Und sind natürlich so nüchtern, wie Sie aus dem Postwagen gestiegen sind,
Sie sehen wenigstens gerade so aus; Carole, Carole! wo der Schlingel bleibt!
Endlich! Hier, Dottore, ist Speise für einen gesunden Magen und ein Labetrunk
für ein krankes Herz! Stossen Sie an! Willkommen in Grünwald!
    Eine Liebe ist der andern wert, Timm! sagte Oswald, während Albert die
Gläser wieder füllte. Ich kann Ihnen sagen, dass ich mich von ganzem Herzen
freue, gerade Ihnen an dem ersten Abend, den ich wieder in dieser Stadt verlebe,
zuerst begegnet zu sein. Lassen Sie uns noch einmal anstossen: auf gute
Kameradschaft!
    Ein Wort, ein Mann! rief Timm, kräftig in Oswalds dargebotene Hand
einschlagend. Wir wollen redlich zusammenhalten. Weiss es Gott, es ist in diesem
Krähwinkel kein Überfluss an Leuten, mit denen man zusammenhalten könnte und
möchte. Aber dieser Bund zweier edlen Seelen muss auch in einem edleren Stoff
gefeiert werden. Carole! eine Flasche Sect - Röderer und frappé - sonst bei den
Gebeinen meines Roller, schlägt der Blitz meines Zorn in Deinen kahlen Schädel!
Und nun kommen Sie, Dottore mio, und erzählen Sie mir von Ihren Irrfahrten. Oder
erzählen Sie mir das auch ein ander Mal und sagen Sie mir zuvörderst, denn das
interessirt mich vor allem, ob die Fama nicht gelogen hat, die von den letzten
Scenen des Trauer- Schau- und Lustspiels Ihres Grenwitzer Lebens so
pudelnärrische Dinge in die Welt ausposaunt hat?
    Ehe ich diese Frage beantworten kann, sagte Oswald, den die Austern, der
Wein, Timm's Gesellschaft und die ganze Atmosphäre nach und nach in eine
behaglichere Stimmung versetzten, muss ich vor Allem wissen, was denn die Fama
berichtet hat?
    Wollen Sie es wirklich wissen?
    Ohne Zweifel.
    Nun denn, mein wackerer Junker aus der Mancha, - es hört's kein profanes Ohr
in diesen der Freundschaft und Liebe geweihten Hallen - stossen Sie an und
trinken Sie aus! aus, bis auf den letzten perlenden Schaum: ihr Wohl! ihr -
kleingeschrieben! das Wohl der Einzigen, Holden, Süssen, des Mädchens mit dem
bläulich schwarzen Rabenhaar und den dunklen, meerestiefen Augen! Aus! sage ich,
bei den Gebeinen der zehntausend Jungfrauen von Köln, aus! Wie, edler Don,
schämt Ihr Euch nicht, die Dame Eures liebeüberfliessenden Herzens zu verleugnen?
und wem gegenüber zu verleugnen? mir, dem weisen Merlin, der ich das Gras kann
wachsen und die Augen kann seufzen hören! Habe ich das Seufzen Eurer schönen
Augen nicht gehört in den sonnigen Tagen, die nicht mehr sind, als Ihr und sie,
zwei Kinder seltener Art, unter den Rosenbüschen der Unschuld spieltet, und
glaubtet, es beobachte Euch keiner, selbst nicht der Schöpfer Himmels und der
Erden, der Euch den warmen Odem einblies, mit dem Ihr kosend von süsser Minne
flüstertet? Und habe ich es nicht gehört, wie Euch die Schlangenzungen
umzischelten? habe ich es nicht gesehen, mit welchem ingrimmigen Hass Euch die
Basiliskenblicke anstierten? O, ich habe dies Alles und noch mehr gesehen und
gehört, und ich wusste im voraus, dass es so kommen würde, aber ich schwieg, denn
Reden ist wohl Silber, aber Schweigen ist Gold, und wer sich in
Herzensangelegenheiten mischt, dem wäre besser, er ginge hin und setzte sich in
die Nesseln.
    Sagen Sie, Timm, haben Sie - haben Sie sie gesehen, seitdem sie in Grünwald
ist?
    Ich habe sie gesehen, hoher Herr! nicht einmal, sondern viele Male, an der
Seite anderer junger Huldinnen, unter denen sie erschien, wie die glühende Rose
von Saron zwischen bescheidenen Gänseblümchen, dahinschreitend über Grünwalds
Pflaster, durch Grünwalds Gassen - und die Pflastersteine auf den Strassen und
die Mauersteine in den Häusern, sie bekamen Sprache und redeten und sangen:
Gepriesen seist du, Gebenedeite unter den Weibern; Hallelujah!
    Sie ist bei Fräulein Bär, nicht? fragte Oswald, der es für töricht hielt,
einem so scharfsinnigen Beobachter, wie Albert, gegenüber, seine Liebe für
Helene ganz und gar in Abrede zu stellen.
    Ja, sie ist bei der Bärin, dieser Perle aller weiblichen Argusse. Dort weilt
sie und sitzt am Fenster und sieht die Wolken ziehen über die Wipfel der Pappeln
hin - und wenn Sie des Mittags zwischen zwölf und eins dort vorübergehen wollen,
so können Sie selbst sie dort sitzen sehen, wie ich sie sah, so oft ich zu
dieser Stunde dort vorüberkam. Und immer hob sie ihre dunklen Augen, und immer
blickte sie mich fragend an: Kannst Du von ihm mir keine Kunde sagen; von ihm,
dem einzig heissgeliebten Mann? Ha, Oswald, ich, ein prosaischer Klotz, spreche
in Versen, wenn ich des holden Kindes denke, und Sie, der Sie ein Dichter sind,
wollen leugnen, dass Sie sie lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von
ganzem Gemüte? Schämen Sie sich, Sie sind nicht wert, dass ich mich so viel um
Sie kümmere, wie ich es tue; dass ich in diesen Wochen vielleicht jeden Tag
öfter an Sie gedacht habe, als Sie während der ganzen Zeit an mich. Aber Undank
ist der Welt Lohn und - he, Carole, wo bleibt der Sect? - ich werde mir in
Zukunft über Sie und Ihr Schicksal nicht weiter den Kopf zerbrechen.
    Timm stützte den Kopf in die Hand, wie es Oswald schon während der letzten
zehn Minuten getan hatte. Eine Pause trat ein, während der kahlköpfige Carl
eine Flasche Champagner in einem Kübel mit Eis brachte, sie ein paar Mal in dem
Eise umdrehte und sich darauf geräuschlos, wie er gekommen war, wieder
entfernte.
    Ich bin nicht undankbar, Timm, sagte Oswald herzlich, indem er sein und
Alberts Glas aus der Flasche füllte; ich bin es wirklich nicht, bin's auch in
diesem Falle nicht. Und wenn ich an Ihre Freundschaft bis jetzt nicht so recht
glaubte, so kam es daher, weil ich mir bewusst war, sie so wenig verdient zu
haben. Stossen Sie mit mir an! Sie wissen, mit einem Melancholicus, wie ich einer
bin, darf man es nicht so genau nehmen!
    Ja, das soll Gott wissen! rief Timm mit dem alten lustigen Gelächter, das
blonde Haar, das ihm über die Stirn gefallen war, nach hinten schlagend und sein
Glas mit einem Zuge leerend. Und ich habe oft schon darüber gerätselt, wie doch
ein Kerl, der alle Anwartschaft auf den intensivesten Genuss des Lebens hat, zu
einer Weltanschauung kommt, die sich einzig für kranke Kanarienvögel und andere
Invaliden zu ziemen scheint. Wenn Sie aus blöder Scheu niemals angefangen
hätten, zu geniessen, oder Ihre Kraft im Genuss verbraucht hätten, wollte ich
nichts sagen; aber da offenbar das Eine so wenig der Fall ist, wie das Andere,
so wüsste ich wirklich nur Eines, was Ihnen fehlen könnte.
    Und das wäre?
    Herr Timm stützte die Ellenbogen auf den Tisch und das glatte Gesicht in die
weissen Hände und lächelte Oswald schlau an.
    Und das wäre, Timm?
    Zehntausend Taler jährlich Rente.
    Oswald lachte.
    Ein höchst prosaisches Mittel gegen den Weltschmerz.
    Aber ein radicales, und das gerade bei Ihnen unfehlbar anschlagen würde.
    Wesshalb gerade bei mir?
    Timm schenkte die Gläser wieder voll, zündete sich eine frische Cigarre an
und sagte:
    Heine teilt, wie Sie wissen, die Menschen in zwei Classen: in fette
Griechen und magere Nazarener. Ich habe diese Unterscheidung stets eben so
praktisch wie tiefsinnig gefunden. Jene glaubten an die heilige Frau von Melos,
diese beten zur schmerzensreichen Mutter. Der heitere, fröhliche Genuss der guten
Dinge dieser Welt ist für die Einen: mürrische Entsagung und grübelnde Ascese
für die Anderen. Damit nun Beide zu ihrem Rechte kommen, die Griechen sich
ausleben und die Nazarener sich ausbeten können, müssen die Ersteren notwendig
Geld und zwar viel Geld haben, und die Letzteren arm und zwar sehr arm sein.
    Ehe Sie in Ihrer Auseinandersetzung weiter gehen, Timm, sagen Sie mir
zuvörderst: in welche Classe gehören denn Sie?
    Zu beiden, oder in keine von beiden, wie Sie wollen. Ich habe den guten
Magen, die gesunden Zähne, die feinen Sinne, mit einem Worte, die Genusssucht und
die Genussfähigkeit des Griechen; aber auch die den Nazarenern zur Ausübung ihrer
specifischen Tugenden nötige Zähigkeit und Genügsamkeit. Ich habe das
unschätzbare Talent des Kameels, lange dursten zu können, ohne dabei den Mut
und die Kraft zu verlieren - im Gegenteil, bei mir dient die Entbehrung nur
dazu, den Appetit zu schärfen und den nächsten Trunk köstlicher zu würzen. Wenn
ich die wüste Strecke durchlaufen habe, und - wie jetzt zum Beispiel - die
Zweige der Mimose und die Fächer der Palme über mir wehen und der eiskalte Quell
- wie jetzt zum Beispiel - aus dem Felsen - wollte sagen aus der Flasche schäumt
und perlt - dann beuge ich meinen langen Kameelhals und trinke, trinke, trinke
und segne die dürre, braune Wüste, die mir zu diesem göttlichen Durst verhalf.
    Und Herr Timm stürzte ein volles Glas Champagner hinunter mit der hastigen
Gier eines Wanderers, dessen Zunge am Gaumen klebt.
    Oswald betrachtete, den Kopf in die Hand gestützt, den übermütigen Gesellen
ihm gegenüber, mit einem eigentümlichen neidischen Wohlgefallen. Wie scharf und
keck, und, bei aller Schärfe und Keckheit, fein und geistreich war dies fast
knabenhafte glatte hübsche Gesicht! Wie gut stand ihm der übermütige Hohn, der
um die beweglichen Nasenflügel zuckte und die scharfgeränderten roten Lippen
krümmte! Wie flogen von diesen Lippen die Worte, so schnell wie gefiederte
Pfeile, von denen jeder in's Schwarze trifft. Welche souveräne Verachtung jeder
Phrase, aller Ziererei, aller Lappen, mit denen Heuchler und Toren die nackte
Blösse bemäntelt, sprach aus des Mannes ganzer Haltung, aus der Art, wie er den
Kopf in den Nacken warf, oder den Dampf der Cigarre von sich blies, oder die
Flasche aus dem Kühler nahm, umschüttelte und sich das alle Augenblicke leere
Glas wieder voll schenkte! Wie leicht trug dieser Mann die schwere Bürde des
Lebens! leicht wie ein Löwe mit der geraubten Gazelle über Hecken und Gräben
springt.
    Oswald war, sich Vergessenheit zu trinken, hierher gekommen. Er hatte, was
er gewollt. Seine Stirn glühte, während er, dem Beispiele seines Gefährten
folgend, ein Glas nach dem andern hinuntergoss. Er hatte sich seit langer, langer
Zeit nicht so frei und glücklich gefühlt, wie in diesem Augenblick.
    Was nun Sie anbetrifft, edler Ritter, fuhr Timm fort; so sind Sie ein
Grieche, ohne Mittel zu haben, es stets sein zu können, und ohne Kameelgabe, die
Zeit, wo Sie es nicht sein können, der nächsten vergnüglichen Zukunft einfach
auf die Rechnung zu setzen. Statt dessen spielen Sie den Nazarener und befinden
sich dabei genau so wohl, wie ein Adler, dem man die Flügel und die Fänge
beschnitten und einen Ring um das Bein gelegt hat. So schlägt nun die nicht
verausgabte überflüssige Kraft nach innen und hemmt den normalen Gang Ihrer
durchaus auf heiteres Geniessen angewiesenen Natur. Es ist nicht das erste Mal,
dass ich Sie auf diesen Widerspruch Ihres Wesens aufmerksam mache. Erinnern Sie
sich, was ich Ihnen schon in Grenwitz sagte? Sie hassen den Adel, Sie hassen die
Reichen, Sie hassen die Mächtigen, weil es Ihnen in allen zehn Fingern juckt,
adlig und reich und mächtig zu sein. Gehen Sie mir doch mit Ihrem moralischen
Firlefanz von dem Adel der Gesinnung, dem Reichtum des reinen Herzens, der
Macht der Wahrheit! Es ist ja Alles Trödelwaare für den, welcher weiss, wie es
auf dem Markt des Lebens zugeht. Pah! was hat ein Mann von Ihrer Jugend, Ihrer
Liebenswürdigkeit, Ihrer hübschen Fratze - denn, weiss es Gott, Oswald, Sie sind
ein verdammt hübscher Kerl, ein Mann, dem die Weiber ungebeten um den Hals
fallen, mit Keuchheit; was hat ein Mann, wie Sie, von durchweg aristokratischen
Neigungen und Tendenzen, mit Armut zu schaffen? Es ist ja geradezu lächerrlich!
Sie müssten nicht ein armer Schullehrer, sondern ein steinreicher Baron sein, wie
diese Grenwitzen's, mit denen Sie nebenbei eine mit jedem Tage frappanter
werdende Aehnlichkeit haben, da könnten Sie Ihr Leben geniessen und sich hernach
mit einigem Grund eine Kugel durch den Kopf jagen: dann könnten Sie die schöne
Helene heiraten, könnten mit einem Worte tun und lassen, was Sie wollten.
Desshalb wiederhole ich: Ihnen fehlen zehntausend Taler jährlicher Rente. Ich
wollte, ich könnte sie Ihnen verschaffen. Ich tät's, und sollte ich sie sonst
woher nehmen.
    Ich glaube, Sie wären dazu im Stande, Timm.
    Wesshalb nicht? und wäre es auch nur aus Neugierde, zu sehen, wie Sie sich in
diesem Falle gegen Ihren alten Freund benehmen würden.
    Ich würde es, davon seien Sie versichert, mit dem Mammon, wie ich es als
Junge mit den Kirschen machte, die ich geschenkt bekam -
    Was machten Sie damit?
    Ich teilte sie redlich mit meinen Freunden.
    Albert sah Oswald starr in die Augen. Plötzlich sagte er, wie aus einem
Traum erwachend:
    Ich bin ein schnurriger Kerl, Oswald, so ungläubig wie ein Heide und doch an
allerlei Vorbedeutungen hangend, wie ein altes Weib. Als ich hier vorhin so
einsam sass und meine Austern ass, da dachte ich: du hast zufällig ein paar Taler
in der Tasche und möchtest sie gern mit einem guten Freund verkneipen. Und dabei
kam ich, wie Wallenstein in dem bekannten Monologe, auf die Frage: wer es wohl
von allen denen, mit welchen ich hier Abend für Abend verkehre, mit mir am
besten und ehrlichsten meint, und dass es der sein sollte, der zuerst zur Tür
herein käme. Aber seltsam: es ist, ganz gegen die Gewohnheit, Keiner von Allen
gekommen! Statt dessen kamen Sie, an den ich nicht im entferntesten gedacht
hatte, Oswald, ich weiss nicht, wie Sie über dergleichen denken, und es ist
möglich, dass ich Sie mit meiner Bitte beleidige; ich bin es gewohnt, meine
Freunde Du zu nennen. Wollen wir uns Du nennen?
    Von Herzen gern, rief Oswald. Hier ist noch für Jeden ein Glas in der
Flasche.
    Und aus dem Glase, aus dem ich mit Dir Smollis getrunken, soll kein Anderer
wieder trinken, rief Albert und schleuderte sein Glas an die Erde.
    Oswald tat desgleichen; aber der Klang der zerspringenden Gläser gellte
schrill und hässlich durch sein Ohr, wie das Lachen schadenfroher Dämonen.
    Der kahle Carl, welcher an dem andern Ende der Halle hinter seinem Bureau
gesessen und genickt hatte, fuhr bei dem Lärm in die Höhe und kam schlaftrunken
herangeschlürft, in der Meinung, man habe ihn gerufen.
    Wie ist's, Oswald? sagte Timm; ich denke, wir trinken noch eine. Wir kommen
so jung nicht wieder zusammen.
    Nein! sagte Oswald; lass es genug sein. Mir brennt der Kopf. Und ich muss
morgen bei Hinz und Kunz Visiten machen. Was haben wir zu bezahlen?
    Halt! rief Herr Timm, Oswald in den Arm fallend. Mein ist der Helm, und mir
gehört er zu! Carole, wenn Du von diesem Herrn einen roten Heller nimmst, so
zerschmettre ich diese leere Flasche auf Deinem kahlen Schädel. Hier! mach Dich
bezahlt von diesem Wische für heute Abend und für die letzten Male, und von dem,
was übrig bleibt, kaufe Dir meinetwegen eine Perrücke, Carole!
    Bei diesen Worten hatte Herr Timm aus einem ansehnlichen Packet Banknoten,
das er aus der Rocktasche nahm, einen grösseren Schein gezogen und ihn dem
Kellner eingehändigt, der über den plötzlichen Reichtum in den Händen eines
seiner am schlechtesten zahlenden Gäste einigermassen verwundert schien. Zum
mindesten grinste er höchst eigentümlich, als er den Schein entgegennahm,
während Herr Timm das Packet mit der Miene äusserster Sorglosigkeit wieder in die
Tasche schob und den Hut schief auf den Kopf drückend sang:
Im Walde haust der böse Wolf,
Im Stalle blöken die Schafe;
Derweil ich trinke im Keller tief,
Schlafe, süss' Liebchen, schlafe!
Sie standen oben auf der Strasse. Der Nebel hatte sich gänzlich verzogen und der
Mond schien klar vom dunklen Himmel. Die Laternen waren ausgelöscht und tiefe
Schatten wechselten mit hellen Streifen in den engen Gassen zwischen den hohen
Giebelhäusern. Ein Nachtwächter, der mit langem Spiess und urvorweltlichem Horn
an der Strassenecke stand, rief die zwölfte Stunde ab. Sonst war Alles
todtenstill auf den leeren Strassen, durch die Oswald und Albert jetzt Arm in
Arm, wie es guten Freunden und Duzbrüdern zukommt, dahinschritten; Oswald,
ungewöhnlich erhitzt und aufgeregt, Albert so munter und frisch, als ob er im
Ratskeller von Grünwald nur Wasser getrunken hätte. Sie sprachen über die
Herren vom Rat und vom Gymnasium, bei denen Oswald morgen Visite machen wollte,
über Oswald's Gymnasialcarrière überhaupt, die Albert für einen so
abenteuerlichen Plan erklärte, wie er eben nur einem edlen Manchaner in den Sinn
kommen könne, bis sie vor der Tür des Hotels anlangten. Hier wünschten sie sich
gute Nacht. Oswald trat in's Haus; Albert schlenderte, die Hände in den Taschen,
weiter die Hauptstrasse entlang. Plötzlich aber blieb er stehen und schien sich
einen Augenblick zu besinnen. Dann bog er in eine Nebenstrasse und verschwand
endlich in einem Gässchen kleiner und schlechtgebauter Häuser, deren Äußeres
nicht besser war, als der Ruf, in welchem die Bewohner und Bewohnerinnen bei dem
soliden Teile der Bevölkerung Grünwalds standen.
 
                              Achtzehntes Capitel
Die Dienstwohnung des Gymnasialdirectors Doctor Moritz Clemens prangt heute
Abend in ungewöhnlichem Glanz. Nicht nur sind in der »guten Stube« und in der
Wohnstube die Ueberzüge von sämmtlichen Sophas, Sophakissen und Stühlen entfernt
und über die entüllte Pracht herrlichster Stickereien das verschwenderische
Licht zweier Lampen und eines halben Dutzend Stearinkerzen ausgegossen; auch das
Studirzimmer des Directors auf der einen und das Wohn- und Schlafgemach der
beiden Töchter auf der anderen Seite sind durch Wegräumung des Arbeitstisches
hier und der Betten dort in Salons umgeschaffen und ebenfalls mit je einer Lampe
und drei Kerzen erleuchtet worden. Durch sämmtliche Räume wallt der aromatische
Duft des Räucherpulvers.
    Ich dächte, unsere lieben Gäste liessen etwas lange auf sich warten, sagt
Director Clemens, zum zwölften Male seit den letzten zwölf Minuten nach seiner
Uhr sehend, während er in nervöser Erregung im Zimmer auf und ab wandelt.
    Ich begreife auch nicht, wo die Leutchen bleiben, sagt Frau Director
Clemens, sich für einen Augenblick auf dem Sopha niederlassend und sich die
erhitzte Stirn mit dem Taschentuche trocknend, ich hatte Doctor Stein noch
ausdrücklich gebeten, ja vor sieben hier zu sein, weil ich seine Rolle noch mit
ihm durchgehen wollte.
    Wird er denn den Hauptmann lesen können? meint Fräulein Tusnelde Clemens,
vor dem Spiegel ihren Kopfputz in Ordnung bringend.
    Du denkst, Dein Wimmer kann ganz allein gut lesen, ruft Fräulein Fredegunde
Clemens aus dem Nebenzimmer her, wo sie ebenfalls vor dem Spiegel noch mit Ihrer
Toilette beschäftigt ist.
    Mindestens lies't er so gut, wie Breitfuss, erwidert Fräulein Tusnelde in
gereiztem Ton.
    Aber Kinder, Ihr werdet Euch doch nicht noch gar zanken, sagt die Mutter
beschwichtigend.
    Fredegunde kann das Necken nicht lassen, sagt Tusnelde.
    Und Du willst immer oben hinaus! ruft Fredegunde, in der Tür erscheinend.
    Um Gotteswillen, Kinder, ich bitte Euch, seid still, flüstert Doctor Clemens
mit ängstlicher Stimme, die Hände wie flehend erhebend: ich höre Jemand auf dem
Vorsaal.
    In der Tat wird in diesem Augenblick von dem Dienstmädchen die Tür
geöffnet, und herein schreiten: Herr Professor Snellius, Frau Snellius und
Fräulein Ida Snellius.
    Der gestörte Familienfriede der Familie Clemens ist sofort wieder
hergestellt. Man begrüsst die Eintretenden so herzlich wie möglich.
    Die lange Begrüssung zwischen den Familien Clemens und Snellius ist noch
nicht zu Ende, als sich abermals die Tür öffnet, um den Doctor Kübel nebst Frau
und Tochter einzulassen. Ihnen folgen die Herren Doctoren Wimmer und Breitfuss.
    Da wäre ja unser Kränzchen nun wohl beisammen, sagt Director Clemens, sich
sanft die Hände reibend und die Stimme mässig erhebend, und nur unsere lieben
Gäste fehlen noch.
    Unsere Gäste, liebster Collega? sagt Professor Snellius, ich denke, es
handelt sich nur um den Singularis von hospes.
    Minime! ruft der Director, ich habe Ihnen, meine Damen und Herren, heute
Abend einen Dualis, ja sogar einen Pluralis von Ueberraschungen zugedacht. Es
werden ausser unserem neuen Collegen Stein noch zwei Gäste kommen, von denen ich
mir für unseren geselligen Kreis sehr viel verspreche. Raten Sie, wer?
    Aber, Moritz, es sollte ja eine Ueberraschung sein, sagt Frau Clemens in
vorwurfsvollem Ton.
    Ich glaubte, Liebe, es ist besser, wir bereiten das Kränzchen darauf vor.
Ist es doch unser Wunsch, die Betreffenden nicht bloss für einen Abend als Gäste
zu haben, sondern sie dauernd für unser Kränzchen zu gewinnen, und müssen wir
doch zu diesem Zweck nach den Statuten, die Du selbst entworfen hast, die
Einwilligung sämmtlicher Beteiligten haben.
    Wer ist es, Herr Director? fragt Doctor Wimmer. Sie spannen uns auf die
Folter.
    Ein Herr, dessen Name in der Gelehrtenrepublik einen guten Klang hat, und
eine Dame, die für Sie, als lyrischer Dichter, von ganz besonderem Interesse
sein wird, College Wimmer.
    Eine Dame? ruft Herr Wimmer, indem er sich mit der Hand durch sein sorgsam
gepflegtes reiches Haar fährt, für welche unzeitige Regung der Eitelkeit er
durch einen strafenden Blick der Dame, deren Locke er auf dem Herzen trägt,
gestraft wird.
    Ja, eine Dame, College, ein hochbegabtes, lyrisches Talent.
    Ohne Zweifel Primula; ich meine Frau Professor Jäger; ruft Herr Wimmer.
    Richtig geraten, die Dichterin der Kornblumen und der Interpret der
Fragmente des Chrysophilos, werden heute Abend eine Gastvorstellung geben, die
hoffentlich zu einem dauernden Engagement führen wird, sagt Herr Director
Clemens mit seinem sanftesten Lächeln.
    Ein erstauntes, langgezogenes Ah! bezeugt das Interesse, welches die
Gesellschaft an dieser Nachricht nimmt.
    Ich hatte auch noch einen andern Grund, Jägers gerade heute zu bitten, fährt
der Director fort, es war, wenn Sie wollen, eine Rücksicht der Humanität gegen
unsern neuen Collegen Stein. Er ist ganz fremd in unserm Kreis und scheint
überdies scheu, befangen und wenig gewohnt, sich in grösseren Cirkeln zu bewegen.
Nun aber sind, wie er mir selbst heute Morgen sagte, Jägers specielle Bekannte
von ihm aus früherer Zeit - aus der Zeit seines Hauslehrerlebens - und er wird
sich ohne Zweifel freuen, an diesem Abend unter so viel halb oder ganz fremden
Gesichtern auch einigen Bekannten zu begegnen.
    Diese zarte Rücksicht ehrt Sie, Collega, sagt Professor Snellius, dem
Director die Hand drückend, wobei der elegische Zug um seine Nasenflügel
deutlich hervortritt.
    Aber ich denke, Frau Director, die Rollen sind alle verteilt, sagt Doctor
Wimmer, der den »Max« hat und jeder Veränderung umsomehr entgegen ist, als seine
geliebte Tusnelde, die »Tekla« lies't und er auf die Einstudirung seiner Rolle
vier Wochen angestrengtesten Studiums verwandt hat.
    Ich habe Doctor Stein den Hauptmann gegeben, der noch nicht besetzt war,
sagt Frau Director Clemens in dem Tone Jemandes, der keinen Widerspruch gewohnt
ist und keinen Widerspruch duldet. Das ist eine hübsche kleine Rolle und er kann
darin zeigen, ob er zu lesen versteht oder nicht. Ich hätte sie freilich gern
einmal vorher mit ihm durchgelesen, aber er mag nun sehen, wie er fertig wird.
Was Jägers betrifft, so habe ich ihnen den Deveroux und Macdonald, die ebenfalls
noch unbesetzt waren, zuerteilt.
    Aber, verehrte Frau Director, meint Doctor Kübel, sollten diese Rollen für
unsere Debütanten wohl ganz geeignet sein?
    Weshalb nicht, lieber Doctor? fragt die Frau Director mit einem ungeduldigen
Stirnrunzeln.
    Ich meine nur, weil es ihnen gerade nicht besonders lieb sein dürfte, sich
bei uns gleich das erste Mal als Mörder zu introduciren? ruft Doctor Kübel.
    Frau Director, deren Stirn sich bei diesen Worten des scherzhaften Collegen
in noch tiefere Falten gelegt hat, will etwas erwidern, vermag es aber nicht, da
sich in diesem Augenblick die Tür öffnet, um Herrn und Frau Professor Jäger
in's Zimmer zu lassen.
    Ah, mein würdiger Freund! ruft Professor Jäger, nachdem er Clemens und
Snellius begrüsst, dem Doctor Kübel, bei dem er selbst noch Unterricht gehabt
hat, mit Wärme die fetten, weissen Hände drückend; wie freue ich mich doch, mein
hochverehrter Lehrer, Sie in so herrlichem Wohlsein anzutreffen! Wahrhaftig, man
möchte von Ihnen, wie Wallenstein von sich selbst sagen; dass über Ihrem braunen
Scheitelhaar die schnellen Jahre machtlos hingezogen. Ja, ja: mens sana in
corpore sano - das habe ich in jener Zeit von Ihnen gelernt; aber Sie haben
selbst geübt, was Sie lehrten. - Herr Doctor Wimmer, ich freue mich ausnehmend,
Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen; Sie sind mir und meiner Frau durch
ihre reizenden »Maiglöckchen« schon lange lieb und wert. Erlauben Sie, dass ich
Sie meiner Gustava vorstelle; ich möchte die Kornblumen und die Maiglöckchen
gern zu einem Strauss vereinigt sehen! Herr Doctor Breitfuss, ich bin glücklich,
einem jungen Gelehrten von Ihren Verdiensten zu begegnen. Ihre herrlichen
Monographien über Origines und Eusebius haben mir bei Abfassung meiner
»Fragmente« die wesentlichsten Dienste geleistet. Ich bin entzückt, meinen Dank
jetzt endlich persönlich abtragen zu können.
    Während so Professor Jäger im Kreise der Herren sich schlangengleich von
einem zum andern windet, durchflattert Primula sylphenhaft den Cirkel der Damen.
Sie sagt den älteren Damen ein verbindliches Wort; sie beneidet Tusnelde und
Fredegunde Clemens um ihre »reizenden, tiefpoetischen« Namen; sie gratulirt Ida
Snellius zu ihren Fortschritten im Portugiesischen und klopft Marie Kübel auf
die errötenden Wangen und nennt sie ein liebes, gutes Kind.
    Aber der College bleibt auch wirklich ein wenig gar zu lange, sagt Director
Clemens, nach der Uhr sehend; ich dächte, Auguste, Du liessest den Tee serviren.
    
    Wen erwarten Sie noch, Wertgeschätzter? fragt Pastor Jäger den Director.
    Wessen Fuss trat noch über diese Schwelle nicht? fragt Primula die
Directorin.
    In demselben Moment, wo die beiden Angeredeten den Mund zu einer Antwort
öffnen, öffnet sich auch die Türe und Oswalds hohe Gestalt erscheint in dem
Rahmen derselben.
 
                              Neunzehntes Capitel
Das Eintreten des Nachzüglers erregte eine gewisse Sensation, um so mehr, als
man seiner Ankunft mit einiger Spannung entgegengesehen hatte. Oswald war in
diesem Kreise vollkommen fremd. Er hatte bis jetzt nur mit dem Director, und
auch mit diesem nur geschäftlich, verkehrt. Die anderen Herren und Damen vom
Gymnasium hatte er zum Teil bei Gelegenheit seines früheren Aufentalts in
Grünwald hier und da in Gesellschaften gesehen, ohne ihrer besonders zu achten,
oder von ihnen besonders beachtet zu werden. Heute Mittag, als er seine Visiten
machte, hatte er, mit Ausnahme der Familie Kübel, Niemand zu Hause getroffen.
Die Herren waren begierig, den neuen Collegen, die älteren Damen, einen jungen
Mann, der möglicherweise noch einmal ihr Schwiegersohn werden konnte, die jungen
Damen die neue Acquisition für ihre geselligen Zusammenkünfte zu sehen, zu
mustern, zu kritisiren. In Folge dessen entstand eine Pause in dem munter
schwirrenden Gespräch und Aller Augen richteten sich unverwandt auf ihn.
    Oswald schritt, uneingeschüchtert durch dieses Kreuzfeuer von Blicken, auf
die Frau Director zu, küsste ihr die Hand, entschuldigte sich mit wenigen Worten
wegen seines späten Kommens und bat sie, ihn den übrigen Damen, die zu kennen er
noch nicht das Glück habe, vorzustellen. Nachdem diese Ceremonie in aller Form
ausgeführt, wandte er sich zum Director mit der Bitte, ihn mit den Herren
bekannt zu machen; darauf wieder zu den Damen, um noch einmal der Frau Director
einige verbindliche Worte zu sagen und sodann mit Primula ein Gespräch
anzuknüpfen, auf welches die Dichterin mit ganz besonderem, auffälligem Eifer
einging. Primula hatte Oswald wegen seiner »schönen, ritterlichen, echt
romantischen Erscheinung,« wie sie zu sagen beliebte, vom ersten Augenblicke in
ihr poetisches Herz geschlossen, und all die Abmahnungen ihres vorsichtigen
Gatten waren nicht im Stande gewesen, den Strom ihrer sympatetischen Empfindung
dauernd zu hemmen. Sie hatte zwar auf dem Lande den Verhältnissen Rechnung
tragen und schliesslich die gefallene Grösse auch ihrerseits fallen lassen müssen;
aber sie hatte sich vorgenommen, »sobald ihre gebundene Psyche jemals freier die
Schwingen regen könnte, dem Zuge ihres Herzens frei zu folgen.« Dieser
Augenblick war jetzt gekommen; sie begrüsste Oswald, der ihr durch die »überaus
romantische Katastrophe auf Schloss Grenwitz« noch viel interessanter geworden
war, mit der doppelten Wärme der Freundschaft und der Bewunderung. Indessen liess
sich Oswald, der entschlossen war, die Damen sich womöglichst sämmtlich geneigt
zu machen, nicht lange von der Dichterin aufhalten; er sprach ernst mit den
älteren; er scherzte mit den jüngeren, und hatte nach Verlauf von zehn Minuten
offenbar das gewünschte Ziel erreicht.
    Während dessen war er von den Herren, die sich um Professor Jäger versammelt
hatten, eifrig beobachtet worden. Der Interpret der Fragmente des Chrysophilos
hasste Oswald mit einem ganz gesunden langatmigen Hass. Oswald war dem eitlen
Mann niemals mit der Aufmerksamkeit, die er beanspruchte, entgegengekommen,
hatte ihn im Gegenteil, besonders in der letzten Zeit in Grenwitz, mit ganz
unverhohlener Geringschätzung behandelt. Der Professor Jäger hatte die dem
Pastor Jäger angetane Beleidigung nicht vergessen und wartete nur auf eine
passende Gelegenheit, die so lange aufgesammelte Summe des Hasses abzutragen.
Indessen war er viel zu klug und zu feige, offen mit der Sprache herauszugehen,
als ihn jetzt die Herren vom Gymnasium über Oswald, den »er ganz genau zu
kennen« behauptete, befragten. Er begnügte sich mit mysteriösen Andeutungen,
wie: Ein junger Mann, über den sich viel sagen liesse; - Sie werden ihn ja selbst
kennen lernen, meine Herren; - ich will wünschen, dass er sich mittlerweile die
Hörner etwas abgelaufen hat; hm, hm! Er ist, wie Sie wissen, der Schüler
Berger's. Nun, Berger war ein bedeutender Mann, ein glänzender Geist; aber er
sitzt jetzt in der Heilanstalt zu Fichtenau, und es zeigt sich wieder einmal,
dass nicht alles Gold ist, was glänzt; hm, hm! -
    Wenn wir das gewusst hätten, Collega, sagte Director Clemens heimlich zu
Professor Snellius.
    Professor Snellius zuckte die Achseln und erwiderte: Ich hoffe viel von dem
Vorteil, den er aus unserm Umgang schöpfen wird. Der Verkehr mit wahrhaft
gebildeten, gelehrten -
    Wahrhaft humanen - schaltete der Director ein.
    Wahrhaft humanen Menschen, fuhr der Professor fort, ist das beste Mittel der
Erziehung zur wahren Bildung und Gelehrsamkeit -
    Und Humanität, ergänzte der Director.
    Was halten Sie von dem neuen Collegen, Wimmer? fragte Doctor Breitfuss, der
mit grossem Missfallen bemerkt hatte, wie lustig Fredegunde Clemens, die sich
sonst durch einen gewissen, mürrischen Ernst auszeichnete, mit Oswald scherzte
und lachte.
    Ich glaube, dass der Herr ein grosser Geck ist, erwiderte Herr Wimmer, sich
durch die Haare fahrend; er hat eine Manier, sich über sitzende Damen zu beugen,
die geradezu unerhört ist. Ich fürchte, ich werde niemals sehr intim mit ihm
werden.
    Aber das wird zu arg! rief Herr Breitfuss und schritt mit der Absicht, die
Converstaion Fredegunden's und Oswald's zu stören, auf das Paar zu, verlor aber
unterwegs den Mut und nahm, den verfehlten Angriff zu maskiren, dem ihm
begegnenden Dienstmädchen eine Tasse vom Präsentirbrette, mit welcher Hand er -
ein Bild hilfloser Verlegenheit - mitten im Zimmer stehen blieb.
    Aus dieser Situation befreite ihn die Frage der Directorin an die
Gesellschaft, ob man jetzt mit der Lectüre des Wallenstein - dem eigentlichen
Zweck des Zusammenseins - beginnen wolle?
    Alles erhob sich; die Herren griffen nach den Büchern, die sie bei ihrem
Eintritt in die Fensterbretter und auf die Schränke gelegt hatten. Die Damen
holten ihre Exemplare aus ihren Nähbeuteln; Frau Professor Jäger brauchte nach
dem von ihr mitgebrachten nicht lange zu suchen; sie trug es seit ihrem
Eintreten in der Hand. Eine sanfte Röte fieberhaft gespannter Erwartung ergoss
sich über ihre welken Züge; ihre wasserblauen Augen schmachteten Oswald mit
sanfter Begeisterung an, als er jetzt auf sie zutrat und ihr den Arm bot, um sie
in's nächste Zimmer zu führen.
    Mit welcher Rolle werden denn Sie uns erfreuen, Frau Professor? fragte
Oswald; doch was will ich denn? es gibt im Wallenstein nur eine Rolle für Sie,
wie es in dieser Gesellschaft nur Eine für diese Rolle gibt.
    Sie Spötter, sagte die Dichterin, ihn mit dem Buche sanft auf den Arm
schlagend: was hätte denn ich vor Anderen voraus?
    Aber, Frau Professor, es kann doch nur eine Meinung darüber sein, dass der
poetische Charakter in dem Stück auch durch den poetischen Charakter in der
Gesellschaft repäsentirt werden muss; und wiederum doch auch nur darüber eine
Ansicht, wer jener und dieser ist.
    Und wer - ich will einmal die kindliche Schüchternheit überwinden - wer wäre
dieser und jener! fragte Primula mit schmelzender Stimme, die verklärten Augen
zu Oswald erhebend.
    Erlauben Sie mir für einen Moment das Exemplar, das Sie da in der Hand
tragen. Danke! Ich bemerke, es liegt ein Zeichen darin. Lassen Sie uns sehen, wo
es liegt. Dritter Aufzug. Erste Scene. Gräfin Terzky, Tekla, Fräulein von
Neubrunn. Tekla unterstrichen. Ich danke Ihnen, Tekla!
    Das ist ein Zufall! rief die errötende Dichterin, das Buch, welches ihr
Oswald mit einer ironischen Verbeugung wieder überreicht hatte, an ihren Busen
drückend. Ich schwöre es Ihnen bei allen neun Musen, dass dies ein Zufall ist.
    Und ich schwöre Ihnen beim Vater Apollo selber und bei sämmtlichen übrigen
Olympiern dazu, dass ich an keinen Zufall glaube, höchstens an den glücklichen,
der mich heute Abend wider alles Erwarten mit einer Freundin - ich darf Sie ja
wohl so nennen? - zusammengeführt hat.
    Ob Sie mich so nennen dürfen? rief die Dichterin, Oswald's Arm zärtlich an
sich pressend; ob Sie es dürfen? O, glauben Sie mir, Stein, ich bin seit dem
Augenblicke, da Sie den Fuss über unsere niedrige Schwelle setzten, Ihre Freundin
gewesen; ich habe Sie stets in Schutz genommen, wenn prosaische Gemüter, die
keine Ehrfurcht vor dem Grossen und Schönen haben -
    Primula musste dem überströmenden Quell der Zärtlichkeit, welchen Oswald so
glücklich erschlossen hatte, Einhalt tun, denn sie langte in diesem Augenblicke
in dem Nebenzimmer an, wo ein Teil der Gesellschaft um einen langen Tisch, der
mit einem weissen Tuch bedeckt und mit zwei Lampen und zwei Lichtern erleuchtet
war, bereits Platz genommen hatte. An dem oberen Ende stand Frau Director
Clemens, die Gründerin und Leiterin des »dramatischen Kränzchens«, überschaute
ihre Gesellschaft wie ein Hirt die Heerde und wies den noch umherirrenden
Gliedern ihre Plätze an, wobei sie heftig mit ihren starken Armen gesticulirte
und ihre tiefe Stimme lauter erschallen liess, als vielleicht unumgänglich nötig
war.
    Setzen Sie sich zu Fredegunde, Doctor Breitfuss! Wollen Sie neben meiner
Tochter Tusnelde Platz nehmen, Doctor Stein! Frau Professor Jäger, Sie placiren
sich gefälligst bei Professor Snellius; Professor Jäger, Sie bei Frau Doctor
Kübel. So, nun sässen wir ja endlich!
    Frau Director ergriff nun eine grosse Schelle, die vor ihr auf dem Tische
stand, und begann damit eine halbe Minute lang mit der Energie eines
Parlamentspräsidenten zu läuten, der die zornigen Stimmen einiger hundert
durcheinander schreiender Volksvertreter übertönen will. Da die absolute Stille,
welche in der Gesellschaft herrschte, endlich durchaus keinen Vorwand für die
Entfaltung einer so energischen Kraftanstrengung mehr bot, so setzte Frau
Director die Schelle wieder auf den Tisch und ergriff statt derselben einen
halben Bogen Papier, auf welchem, wie auf einem Teaterzettel die Rollen des
Stücks nebst den betreffenden Personen der Gesellschaft, denen sie zugeteilt
waren, verzeichnet standen.
    Meine Damen und Herren! sprach sie darauf, die Mienen der zu ihr
aufschauenden Gemeinde wohlgefällig musternd; Sie wissen, dass wir in der
viertletzten Sitzung Wallenstein's Tod von Schiller für die diesmalige
Zusammenkunft ausgewählt haben. Da in dem herrlichen Stück leider mehr Rollen
sind, als wir besetzen können, so sah ich mich genötigt, unterschiedliche, die
mir weniger wichtig schienen, zu streichen. Indessen blieben doch auch so noch
einige unbesetzt und würden unbesetzt geblieben sein, wenn uns nicht einige
liebe Gäste heute Abend mit ihrer Gegenwart erfreut und mir es durch ihre gütig
zugesagte Unterstützung möglich gemacht hätten, den Rollenzettel ganz nach
meinem Wunsch anzufertigen. Obgleich nun die Meisten von Ihnen schon wissen,
welches ihre Rolle ist, so will ich der Ordnung wegen und vor allem unserer
lieben Gäste halber den Zettel von Anfang an noch einmal vorlesen.
    Frau Director räusperte sich und las unter dem ehrfurchtsvollen Schweigen
der Gesellschaft:
Wallenstein Director Clemens.
Octavio Piccolomini Professor Snellius.
Max Piccolomini Doctor Wimmer.
Terzky Fredegunde Clemens.
Illo Doctor Kübel.
Buttler Doctor Breitfuss.
Gordon Frau Doctor Kübel.
Seni Fräulein Ida Snellius.
Herzogin Frau Professor Snellius.
Gräfin Terzky Meine Wenigkeit.
Tekla Tusnelde Clemens.
Fräulein Neubrunn Marie Kübel.
Schwedischer Hauptmann Doctor Stein.
Deveroux, Macdonald Herr und Frau
(Hauptleute in der Professor Jäger.
Wallenstein'schen Armee)
Oswald, dem diese originelle Besetzung nicht wenig Vergnügen gemacht hatte,
musste sich auf die Lippen beissen, um nicht laut herauszulachen über die albernen
Gesichter, welche die beiden Letztgenannten machten, als sie ihre Namen in so
inniger Verbindung mit den Namen der Mörder des Helden nennen hörten. Der
Professor Jäger zog die Mundwinkel so tief herunter, wie Oswald es noch nie
beobachtet hatte, und Primula, die so weiss wie der Spitzenkragen auf ihrem
gelbseidenen Kleid geworden war, schien die grösste Luft zu haben, in Tränen
auszubrechen.
    Das also war der Triumph, den er, den sie sich für den heutigen Abend
versprochen hatten! War dies das gastfreundliche Haus von Menschen, die sich so
viel auf ihre vollendete Humanität zu gute taten? war es die bluttriefende
Höhle vertierter Troglodyten? War er der Interpret der Fragmente des
Chrysophilos, oder war er es nicht? War sie die gefeierte Dichterin der
Kornblumen, oder war sie es nicht? Brach nicht ein Schrei der Entrüstung aus den
Kehlen Aller, die mit eigenen Ohren die Entweihung in Wissenschaft und Kunst so
berühmter Namen vernommen hatten?
    Der Professor und die Professorin sahen sich über den Tisch mit Augen an, in
welchen ein aufmerksamer Beobachter diese und noch mehr Fragen der Art hätte
lesen müssen; liessen sodann ihre Blicke über die Tafelrunde schweifen, den
Eindruck zu erkunden, den eine solche Blasphemie auf die Anwesenden notwendig
hervorgebracht haben musste. Aber Niemand schien etwas Besonderes in diesem
schmählichen Hohn auf alle gelehrte und dichterische Berühmteit zu finden,
Niemand, mit Ausnahme vielleicht des alten dicken Doctor Kübel, der einen
erstaunt fragenden Blick des Professors mit einem freundlichen Grinsen
erwiderte, und Oswald, welcher Primula, die auf der linken Seite neben ihm sass
(auf der rechen hatte er Tusnelda Clemens), zum Zeichen seines Beileids unter
dem Tische die Hand drückte. Im Uebrigen achtete Niemand auf die verhöhnten
Dulder; Jeder war in Gedanken mit seiner Rolle und mit dem Eindruck, den er auf
die Uebrigen hervorbringen würde, beschäftigt und erwartete nur das Signal zum
Anfang, das jetzt von der Directorin durch ein minutenlanges Läuten mit der
Glocke gegeben wurde.
    Der Director Clemens stellte nun in seiner sanftesten Redeweise an Fräulein
Ida Snellius die Aufforderung, herabzukommen, da der Tag anbreche und Mars die
Stunde regiere; worauf ihn die angeredete junge Dame mit einer Stimme, die
entweder durch die zu grosse Entfernung des Astronomen, oder durch die
Befangenheit der Vortragenden bis zur Unhörbarkeit undeutlich war, bat, »sie
noch die Venus betrachten zu lassen, die eben aufgehe und wie eine Sonne im
Osten glänze.«
    Diesem interessanten Aufgang entsprach das Uebrige vollkommen; Director
Clemens machte aus dem Wallenstein das sanfte Mitglied einer friedlichen
Brüdergemeinde, Professor Snellius aus dem klugen, verstellungsreichen Octavio
einen überaus hölzernen Pedanten; Doctor Wimmer winselte und heulte den edlen
Sohn des unedlen Vaters so, dass unnennbarer Jammer jedes fühlende Herz befallen
musste; Doctor Kübel schien den wilden Illo für die Waschfrau Chamisso's und
Doctor Breitfuss den verschlossenen Buttler für einen marktschreierischen
Zahnbrecher zu halten; Gräfin Terzky wurde in Frau Director Clemens Munde zu
einem Pappenheimischen Kürassier und Tekla in dem ihrer Tochter Tusnelde zu
einem verliebten Nähmädchen.
    Und dabei dieser heilige Eifer, der offenbar Alle beseelte, und sie trieb,
schon lange bevor sie wieder an die Reihe kamen, in ihrem Buche nach ihrer Rolle
zu blättern, wodurch ein fortwährendes geheimnisvolles Rauschen und Rascheln
hervorgebracht wurde; diese ungeschminkte Begeisterung, mit welcher man
besonders hervorragende Leistungen, wie die des Collegen Wimmer, aufnahm; diese
selbstlose Bescheidenheit, mit welcher sich weniger begabte Talente, wie
Fräulein Marie Kübel, eine Zurechtweisung von Seiten der Directorin Clemens
gefallen liessen, welcher nach den Statuten des Kränzchens das Recht zustand, den
Leser zu unterbrechen und ihn auf diesen oder jenen Fehler im Vortrage
aufmerksam zu machen!
    Unterdessen sass Professor Jäger in seinem Stuhle zusammengekauert
unbeweglich da, die Winkel des Mundes so energisch nach unten gezogen, dass die
Linie desselben die Gestalt eines Hufeisens beschrieb, während er mit den
kleinen grünen Augen über den Rand seiner grossen runden Brillengläser seine
Gattin, die Gefährtin seiner Leiden, die Teilhaberin seiner Schmach,
anblinzelte. Die Dichterin warf sich bald mit untereinander geschlagenen Armen
in den Stuhl zurück und liess die Blicke an der Decke haften, bald lehnte sie
sich vornüber und stützte das kornblumengeschmückte Haupt in die Hände. Jetzt
lächelte sie das Lächeln unsäglichster Verachtung; jetzt gähnte sie, wie von der
entsetzlichsten langen Weile gequält. Oswald war äusserst begierig, zu sehen, was
sie tun würde, wenn an sie die Reihe käme; denn sie hatte ihm schon gleich zu
Anfang in fieberhafter Aufregung zugeflüstert: Ich lese nicht; verlassen Sie
sich darauf: ich lese nicht.
    Aber seine Neugier sollte nicht so schnell befriedigt werden, denn nachdem
sich Herr Wimmer am Schluss des dritten Actes mit Aufbieten all seiner
Stimmmittel »zum Sterben bereit« erklärt hatte, begann Frau Director Clemens
wiederum mit aller Macht zu läuten und gab damit das Signal zu der grossen Pause,
welche (nach §. 25 der Statuten) bei fünfactigen Stücken jedesmal nach dem
dritten und bei vieractigen nach dem zweiten Act eintrat, und in welcher (nach
§. 26.) Wein und Backwerk zur Erfrischung gereicht werden musste.
    Um den Bestimmungen dieses Paragraphen nachzukommen, verliess man den Tisch
und begab sich nach dem Salon in der lebhaft angeregten Stimmung einer
Gesellschaft, die eben von einem hohen Kunstgenuss kommt. Man sass und stand mit
den Gläsern in der Hand im Zimmer umher und sprach von dem Stücke und von der
Declamation. Man war darüber einig, dass College Wimmer diesmal, wie stets, den
Preis davongetragen habe, und dass Fräulein Marie Kübel noch immer nicht laut
genug spreche, obgleich ihre Fortschritte im Allgemeinen zu loben seien. Die
Herren stellten sich untereinander Censuren aus und gaben sich natürlich
gegenseitig die Nummer Eins. Die Damen sprachen von dem herrlichen Dichter, von
dem keuschen Adel seiner Verse. Fräulein Ida Snellius behauptete, dass Schiller
sie vielfach an Euripides erinnere, und nun wirbelten die Namen Sophokles,
Goete, Shakespeare, Schiller, Aristophanes, Calderon, Aeschylus, Plautus und
Terenz wie Schneeflocken durcheinander.
    Oswald spähte nach der Dichterin der Kornblumen, die er seit dem Anfang der
Pause aus den Augen verloren hatte. Er fand sie in einer Fensternische des
zweiten Salons (sonst jungfräuliches Schlafgemach der beiden Fräulein Clemens)
mit ihrem Gemahl eifrig flüstern. Er wollte sich bescheidentlich zurückziehen;
aber Primula sprang, sobald sie ihn erblickte, auf ihn zu, ergriff seine Hand
und zog ihn mit in die Fensternische.
    Reden Sie leise, sprach Primula mit hohler Geisterstimme.
    Was gibt es? fragte Oswald in demselben Ton.
    Sie sollen mir sagen, ob ich lesen darf? hauchte Primula. Jäger hat kein
Gefühl für diese Schmach.
    Doch, Gustchen, doch! flüsterte der Professor; aber ich möchte eine Scene
vermeiden; ich bitte Dich, Gustchen, was werden die Leute sagen, wenn - o, ich
darf gar nicht daran denken.
    Ich möchte mich der Meinung des Herrn Professor anschliessen, sagte Oswald,
ich sehe nicht, wie Sie gerettet werden können, nachdem Sie einmal in die
Löwengrube gefallen sind.
    Ich, die Dichterin der Kornblumen ein Mörder, ein feiler Meuchelmörder,
wimmerte Primula, nimmermehr, nimmermehr!
    Es ist schändlich, bestätigte Oswald, aber der Interpret des Chrysophilos
ist in derselben Lage, und Sie sehen: er erträgt mit Würde sein hartes Loos.
    Ein Händedruck des eitlen Professors belohnte Oswald für diese Schmeichelei.
    O, Ihr Männer habt kein Gefühl für Beleidigungen, schluchzte Primula, nun
gut, ich will es versuchen, aber wenn -
    Das Sturmläuten der Präsidentinglocke aus dem Nebenzimmer, liess Primula
ihren Satz nicht beendigen. Sie schritt den beiden Herren voran mit der Miene
Jemands, der, geschehe, was da will, seinen Entschluss gefasst hat.
    Jetzt kommt bald an Sie die Reihe, College, sagte Herr Wimmer zu Oswald;
während man (unter fortwährendem Sturmläuten) wieder Platz nahm; ängstigen Sie
sich nur nicht, und lesen Sie frisch drauf los. Wenn's auch das erste Mal ein
wenig hapert; das nächste Mal geht es schon besser und die Uebung macht den
Meister.
    Den ich in Ihnen verehre und bewundere; erwiderte Oswald, sich verbeugend.
    Nun, nun! sagte Herr Wimmer, sich lächelnd durch die Haare fahrend; es
könnte noch besser sein. Freilich, als ich vor einiger Zeit Holtei hörte,
gestehe ich, dass mir das alte Wort: »Anch io son' pittore« unwillkürlich auf die
Lippen kam.
    Ich glaub' es gern; versicherte Oswald.
    Die Glocke schwieg und College Breitfuss erhob (als Oberst Buttler) seine
Stimme und schrie, dass die Fenster klirrten:
»Er ist herein. Ihn führte das Verhängnis.«
Die Mordnacht in dem Schloss zu Eger entwickelte sich nun rasch von Scene zu
Scene. Oswald war so gespannt darauf, wie Primula sich benehmen würde, deren
Aufregung, je mehr man sich dem verhängnisvollen Augenblick näherte, sichtbar
zunahm, dass er die Nachricht des Fräulein Neubrunn, »der schwedische Herr« sei
da; ohne alles Herzklopfen vernehmen und vier Zeilen später ganz kalblütig die
Prinzessin Tekla - Tusnelde wegen seines »unbesonnenen, raschen Wortes« um
Verzeihung bitten, ja sogar die auffallende Wärme des Tons, mit welchem Fräulein
Clemens die Worte sprach:
»Ein unglücksvoller Zufall machte Sie
Aus einem Fremdling schnell mir zum Vertrauten«
gänzlich überhören konnte, obgleich dieser Ton Herrn Wimmer alles Blut zum
Herzen trieb und Fredegunde ob desselben ihrem Doctor Breitfuss einen sehr
bezeichnenden Blick zuwarf. Er achtete nicht des beifälligen Gemurmels, das ihm
seine Erzählung von dem Tod des Reiterobersten einbrachte; auch die folgenden
Auftritte gingen spurlos an ihm vorüber, bis denn endlich das verhängnisvolle
Netz sich ganz über dem Haupte des Friedländers zusammenzieht und der finstere
Buttler in der Heimlichkeit seines Zimmers die Mörderrollen verteilt. Schon ist
Major Geraldin mit seinem blutigen Auftrage davongeeilt und - jetzt ist der
Augenblick gekommen, wo auf der Bühne der Vorhang sich auseinandertut und die
grimmen Hauptleute Deveroux und Macdonald in Koller und Kanonen, die langen
Schwerter an der Seite, vor ihrem Regimentschef erscheinen.
    Was wird sie tun? dachte Oswald, der sah, dass das Gesicht der Dulderin bald
blass und bald rot wurde, sie wird nicht lesen.
    Aber Primula überwand den edlen Unwillen, der ihr Herz schwellen machte,
räusperte sich und sagte mit der sanften Stimme einer Heiligen, die sich in die
Hände der Henkersknechte gibt:
»Da sind wir, General.«
Die Directorin, welcher, da es doch zwei waren, der Accent auf mir liegen zu
müssen schien, verbesserte, kraft des ihr nach §. 73 der Statuten zustehenden
Rechtes:
»Da sind wir, General.«
Das war zu viel. Die zu straff gespannte Bogensehne riss; die beleidigte
Dichterin erhob sich, klappte ihr Buch zu und sagte mit bleichen Lippen:
    Es tut mir leid, wenn ich die Gesellschaft durch meine Erklärung, nicht
weiter lesen zu können, stören sollte. Aber, da ich eine Rolle, zu der ich mich
- mit Gewalt - zwingen muss, nicht einmal lesen - kann - ohne -
    Sie konnte nicht weiter sprechen und brach, in ihren Stuhl zurücksinkend, in
ein convulsivisches Weinen aus.
    Die Bestürzung, welche durch dieses Benehmen Primula's in der harmlosen
Gesellschaft hervorgebracht wurde, konnte nicht grösser sein. Man sprang von den
Stühlen empor; man drängte sich um die schluchzende Dichterin; man fragte
einander, was der Professorin fehle? und den Professor, ob seine Gemahlin oft
dergleichen Anfälle habe? Niemand ahnte die eigentliche Ursache von diesem
Zustande, dem die Herren durch Zureden, die Damen durch Eau de Cologne
beizukommen suchten. Aber Primula wollte von beidem nichts wissen. Sie sprang
nach wenigen Secunden vom Stuhle auf; erklärte mit Entschiedenheit, nach Hause
gehen zu müssen, und verschwand an dem Arme ihres Gatten, der zu dieser ganzen
Scene ein sehr albernes Gesicht gemacht hatte, ohne irgend Jemand gute Nacht zu
sagen.
    In dem Augenblicke, als die, durch das Verschwinden der Gastfreunde äusserst
bestürzte Gesellschaft im Salon noch durcheinanderstand und sprach, wurde Oswald
ein Brief übergeben, den, wie das junge Mädchen sagte, ein junger Mann, welcher
auf Antwort warte, so eben überbracht habe.
    Oswald erbrach das Billet, in welchem weiter nichts stand, als:
    Mach', dass Du fort kommst. Ich warte auf der Strasse. Dein Timm.
    Oswald liess sich einen so vortrefflichen Vorwand, aus einer Gesellschaft zu
entkommen, die ihm mit jedem Augenblicke unerträglicher wurde, nicht entgehen.
Er habe eine Nachricht erhalten, die ihn nötige, sofort nach Hause zu eilen. In
der nächsten Minute stand er auf der Strasse.
    Gott sei Dank! Dass ich fort bin; rief er, Timm, der ihn lachend in Empfang
nahm, beim Arm ergreifend und mit sich fortziehend.
    Konnt's mir denken, rief Herr Timm, dass Du Höllenpein ausstandst; dachte,
dem armen Schelm muss geholfen werden. Komm, wir wollen den gelehrten Staub, so
Du verschluckt hast, mit edlem Wein hinunterspülen.
 
                              Zwanzigstes Capitel
Ich glaube, Helene Grenwitz ist trotz ihrer schwarzen Haare und ihrer dunklen
strahlenden Augen eine heimliche Wasserfrau, sagte Sophie Robran zu ihrem Vater.
    Der Geheimrat lachte.
    Du möchtest nicht so ganz unrecht haben, sagte er, denn wenn in zwei
verschiedenen physischen Medien, wie Luft und Wasser, auch physisch
verschiedenartige Kreaturen existiren, die keine wahre Gemeinschaft mit einander
haben können, so ist nichts logischer, als dass verschiedene moralische
Atmosphären, wie die, in welcher der Adel lebt, und die, in welcher wir leben,
auch moralisch verschieden geartete Wesen hervorbringen müssen, die niemals so
recht von Grund der Seele aus Freunde werden können. Hast Du während der Zeit,
dass Du bei Fräulein Bär warst, eine Freundschaft geschlossen, die über die
Pension hinaus gedauert hätte?
    Doch, Papa, mit Fräulein Bär selber, erwiderte schalkhaft Sophie.
    Da siehst Du's nun! sagte der Geheimrat mit seinem satirischen Lächeln, man
kann selbst mit Bärinnen innige Freundschaft machen, aber nimmermehr mit -
Wasserfrauen.
    Sophie konnte das Misstrauen des Vaters, welcher ein langes Leben und eine
reiche Erfahrung für sich hatte, in diesem Falle nicht teilen. Sie erklärte
sich Helenens Zurückhaltung durch eine angeborene oder anerzogene Scheu, aus
sich herauszutreten, und verzieh ihr diese Zurückhaltung um so lieber, als sie
sich selbst keineswegs frei davon fühlte. Galt sie doch selbst im allgemeinen
für schroff und kalt, sagte man ihr doch manchmal offen, dass sie, gar nicht sei
wie andere junge Mädchen. Sie kann nun einmal nichts dafür, dachte sie bei sich,
man soll nicht Feigen pflücken wollen von dem Dornstrauch. Helene würde gegen
Dich nicht anders sein, und wenn die Robrans schon zu Zeiten Karl's des Grossen
Barone gewesen wären.
    Wenn Sophie an dem Nachmittage des dritten Tages nach Oswald's Ankunft in
Grünwald, wo Helene in ihrem Zimmer sass und an ihre Freundin Miss Mary Burton
schrieb, einen Blick über die Schulter der Schreiberin weg auf das Papier
geworfen hätte, würde sie sich vielleicht zu ihres Vaters Ansicht, dass
Wasserfrauen wenigstens mit Wasserfrauen vertraulich umgehen können, bekehrt
haben.
    Helene schrieb:
    Es ist das erste Mal seit langer, langer Zeit, teuerste Mary, dass ich den
Mut in mir fühle, Dir auf Deine Briefe - denn es liegt jetzt ein ganzes Packet
da - zu antworten. Aber ich konnte es nicht über das Herz bringen, Dir, die Du
jetzt in die grosse Welt, in die Du gehörst, eingetreten und neulich gar bei Hofe
vorgestellt bist, - Dir, der Braut und in kurzer Zeit der Gemahlin eines
englischen Peers, zu schreiben, dass ich, Helene von Grenwitz, der Du eine so
glorreiche Zukunft prophezeitest, - vorläufig wieder erst einmal in die Pension
zurückgeschickt bin; in Pension geschickt wie ein ungezogenes Kind, in Pension
geschickt wie ein Gänschen vom Lande! - Du staunst, Du lächelst ungläubig; Du
lispelst ein: 't is impossible! und wenn Du nun endlich meinen wiederholten
Versicherungen Glauben schenken musst, so fassest Du mich bei beiden Händen und
rufft: aber was heisst dies? warum dies? und zwingst mich, die traurige
Geschichte von Anfang an zu erzählen. Nun; ich sehe keine Möglichkeit, dieser
Pein zu entrinnen, aber dass ich sie abkürze, so viel ich vermag, wirst Du
begreiflich finden.
    Also kurz, wenn auch nicht gut.
    Das Verhältnis zu meiner Mutter, über das ich Dir im Anfang so befriedigend
schrieb, wurde in Folge meiner entschiedenen Weigerung, die Gattin meines
Vetters Felix zu werden, von Tag zu Tag schlimmer, bis der offene Bruch, den ich
schon lange vorausgesehen, zuletzt unvermeidlich war. Ich habe mich bei der
ganzen Affaire benommen, wie ich es mir und Dir schuldig zu sein glaubte. Es war
ein heisser Kampf, das kann ich Dich versichern. Meiner Mutter entgegen zu
treten, erfordert Mut, und mein Vater unterstützte mich, schwach wie er ist,
nur schwach. Nun wohl! der Kampf ist vorüber, - die Todten sind begraben und die
Wunden fangen an zu heilen. Ja, Mary, die Todten! Mein Bruno, mein Stolz, mein
Ritter ohne Furcht und Tadel, mein vielgeliebter Bruno ist nicht mehr! Er ist
gestorben im Kampfe für mich und hat seine junge Heldenseele in einem Kusse auf
meine Lippen ausgehaucht. Der wilde Schmerz über seinen Verlust - denn als ich
ihn nicht mehr hatte, wusste ich erst, was ich an ihm besessen - machte mich
stumpf und gleichgiltig gegen Alles und gegen Alle um mich her. Wie dieser Knabe
mich geliebt hat, so kann und wird Niemand auf Erden mich wieder lieben. Ich war
ihm Sonne und Luft und Licht, ich war ihm Essen und Trinken; ich war ihm
Schlafen und Wachen, ich war ihm das Leben. Wie oft, wenn er es mich mit
glühenden Wangen und leuchtenden Augen und zitternden Lippen versicherte, habe
ich ihn wegen seiner Ueberschwenglichkeiten ausgelacht und gesagt: Bruno, Du
bist ein Närrchen! jetzt gäbe ich viele Jahre meines Lebens darum, könnt' ich es
aus seinem stolzen Munde nur noch einmal hören! Eine Ahnung, die ich nicht los
werden kann, sagt mir, dass ich in Bruno, mit Bruno alles, was die Erde von
Seligkeit mir gewähren kann, gefunden haben würde, und dass ich mit ihm jede
Aussicht auf ein irdisches Glück unwiederbringlich verloren habe. Du lächelst,
Du meinst: ein Knabe! aber ich sage Dir: Du hast Bruno nicht gekannt.
    Verlange nicht, dass ich Dir über dies Alles ausführlich berichte. Ich kann
es nicht. Mein Herz ist zu voll. Die Erinnerung an meinen todten Liebling
verlässt mich keinen Augenblick, und ich möchte am liebsten die Feder aus der
Hand legen und mich satt weinen. Sag', Mary, soll es denn wirklich unser
Schicksal sein, wie wir so oft in melancholischen Stunden behaupteten,
unbefriedigt, ohne Freude, ohne Glück durch das Leben zu gehen, und ohne
Hoffnung, dass die Zukunft die Wünsche der Gegenwart erfüllen wird? Soll das
Glück nur immer aufleuchten wie eine Fata Morgana - zauberisch schön und ebenso
vergänglich; oder uns stets in einer Gestalt erscheinen, die, mag ihr innerer
Wert noch so gross sein, doch unseren verwöhnten Sinn, unsere Vorurteile, wenn
Du willst, verletzt? Freilich, Dein Loos scheint ein anderes werden zu wollen.
In der Sphäre, in die Du durch Geburt und Erziehung gehörst, findest Du den
Mann, der Deinem Herzen teuer gewesen sein würde, selbst dann, wenn Dein
Verstand die Wahl Deines Herzens nicht gebilligt hätte. Ein Held, ein Mann, ein
Lord! Glückliche, dreimal Glückliche, die Du Jemand gefunden hast, zu dem Du,
stolz, wie Du bist, hinaufschauen musst! Lächle Dein feines, aristokratisches
Lächeln über - Deine Freundin in der Pension!
    Freilich, ich habe es sehr gut in dieser Pension. Man geht mit mir um, nicht
wie mit einer Schülerin, sondern wie mit einem Gast, und ich bin der
Vorsteherin, einem Fräulein Bär, aufrichtig dankbar für die Güte, die zarte
Rücksicht, mit der sie mich behandelt, als wüsste sie Alles. Vielleicht weiss sie
Alles. Dergleichen Ereignisse in Familien, wie die unsere, pflegen nicht
verschwiegen zu bleiben. Habe ich selbst doch Vieles, was im genauesten
Zusammenhang mit meiner Verlobungsangelegenheit steht, erst mehrere Wochen
später erfahren, nicht durch meinen Vater, mit dem ich während dieser ganzen
Zeit correspondirte, der mich auch ein paar Mal von Grenwitz aus besuchte (mit
meiner Mutter, die seit einigen Tagen, wie ich höre, in Grünwald ist, bin ich
ausser aller Verbindung), sondern durch eine junge Dame, ein Fräulein Sophie
Robran, eine frühere Pensionärin der Anstalt, deren Bekanntschaft ich hier
machte und mit der ich eine Art von Freundschaft geschlossen habe. Sie ist die
Braut unseres Grenwitzer Arztes, der nach Grünwald übergesiedelt ist, und somit
sind ihre Nachrichten aus guter Quelle. Sie hat mir erzählt, was erst nach
meiner Abreise von Grenwitz stattgefunden und der Vater mir sorgsam verschwiegen
hat, dass der junge Mann, von dem ich Dir schon im Sommer schrieb, unser
Hauslehrer, der Doctor Stein, mein Ritter und mein Rächer geworden ist, insofern
wenigstens, als er sich mit Felix geschlagen und meinem Herrn Vetter, eine
Lection erteilt hat, die dieser, wie ich aus derselben Quelle erfahren habe, so
leicht nicht wieder vergessen wird. Ich kann Dir nicht sagen, wie wunderlich
mich diese Nachricht berührte. Zuerst - Dir darf ich es ja gestehen - verletzte
es meinen Stolz, dass mein Name nun mit dem Namen eines Mannes, wie Herr Stein,
zusammen durch die Welt getragen werden sollte; dass ein Fremder, ein Mietling,
sich in meine Angelegenheiten keck gemischt hatte, als wäre er ein Verwandter
und ein Ebenbürtiger. Aber dann dachte ich an das alte Wort, dass, wenn die
Menschen schweigen, die Steine reden würden; dachte daran, dass kein Bruder sich
brüderlich, kein Ritter sich ritterlich gegen mich hätte benehmen können, als es
dieser Mann vom ersten Augenblick an getan hat: dachte vor allem daran, dass
dieser Mann meines Bruno's teuerster Freund war - und ich vergass meinen Stolz
und fühlte nicht ohne einige Verwunderung, dass ich diesem Manne für seine viele
Liebe und Güte dankbar sein konnte - ohne dass mich dieser Dank, wie es doch
sonst stets bei mir ist, gedrückt hätte. Ja, noch mehr, ich fühlte ein
Bedürfnis, ihn, der, wie ich hörte, auf Reisen war, wieder zu sehen, ihm
persönlich meinen Dank abzustatten; und als ich ihn heute ganz unerwartet an dem
Fenster, an welchem ich sass, vorübergehen sah, da - Du wirst mich auslachen,
Mary! da fühlte ich, dass, als ich seinen Gruss erwiderte, mir alles Blut in die
Wangen schoss, und, als er vorüber war, habe ich ihm noch lange nachgesehen, und
dann habe ich mich in das Fenster zurückgelehnt und dem Andenken Bruno's, das
durch Stein's Anblick so plötzlich und so mächtig bei mir wach gerufen wurde,
heisse Tränen geweint. Ich möchte, ich könnte ihn einmal ungestört sprechen.
    Doch hier muss ich abbrechen. Ich höre Fräulein Robran, die mit mir zu
musiciren kommt, mit Fräulein Bär im Nebenzimmer.
    Helene erhob sich, den beiden Damen, die auf ihr entrez! in's Zimmer traten,
entgegenzugehen. Sophie Robran eilte Fräulein Bär voraus und umarmte Helenen mit
einer liebenswürdigen Lebhaftigkeit, die mit der salonmässig vornehm ruhigen
Haltung der jungen Aristokratin einigermassen contrastierte. -
    Ich habe eine ordentliche Sehnsucht nach Ihnen gehabt. Helene! Warum haben
Sie mich seit neulich Abend nicht besucht, wie Sie versprachen? Fräulein Malchen
hat Sie doch nicht gar etwa daran verhindert?
    Point du tout! erwiderte Fräulein Bär, die Brille auf die Stirn schiebend,
um wohlgefällig ihrem Liebling in die grossen, freundlichen, blauen Augen zu
schauen; Du weisst, Sophiechen, dass Helene ganz frei über ihre Zeit disponiren
kann. - Aber wesshalb ich eigentlich komme, liebe Helene! Hier ist ein Brief für
Sie, den einer Ihrer Diener überbrachte; ich glaube von Ihrem Herrn Vater.
    Helene nahm den Brief mit einer Verbeugung entgegen, warf einen Blick auf
die Adresse und sagte; in der Tat von meinem Vater! und legte ihn auf eine
Briefmappe, die sie beim Eintritt der Damen zugeklappt hatte.
    Ich will nicht länger stören, sagte Fräulein Bär; Sophiechen kommt, Sie zum
Musiciren abzuholen. Soll ich Ihnen das Mädchen nachschicken? und wann?
    Sie kommen doch mit, Helene? sagte Sophie, die sich auf einen Stuhl an das
Instrument gesetzt hatte und einen Clavierauszug durchblätterte. Ich habe sehr
schöne neue Lieder bekommen. Ein ganz herrliches von Schumann, das müssen wir
zusammen durchgehen.
    Recht gern, erwiderte Helene; indessen, ich möchte nicht lange bleiben, da
ich heute Abend notwendig einen Brief nach England zu beendigen habe, der
morgen früh fort muss. Ich danke deshalb für das Mädchen, Fräulein Bär. Ich werde
noch vor Dunkelwerden wieder zu Hause sein.
    Ganz wie Sie wollen, liebe Helene, sagte Fräulein Malchen, erst Helene
flüchtig und dann Sophie Robran herzlich auf die Stirn küssend. Adieu, mes
enfants!
    Und Fräulein Bär liess die Brille wieder auf die Nase gleiten, legte ihre
Stirn in die geschäftsmässigen Falten und rauschte davon.
    Wie geht es Ihrem Herrn Vater? fragte Helene.
    Danke, erwiderte Sophie; es geht ihm viel besser; er ist heute schon wieder
ein paar Stunden länger aufgeblieben. Aber, nun lesen Sie auch Ihren Brief,
Helene; und dann machen Sie, dass Sie fertig werden.
    Sogleich, sagte Helene, den Brief erbrechend; während Sophie weiter in den
Noten las. Nach einigen Minuten blickte sie auf und sah Helenen den Brief in der
herabhängenden Hand haltend, den Kopf in die andere gestützt, offenbar in tiefes
Nachdenken versunken dasitzen. Die langen Wimpern verhüllten die strahlenden
Augen und die dunklen Brauen waren, wie in Unwillen, zusammengezogen.
    Was ist Ihnen? rief Sophie, das Notenbuch zuklappend und auf's Clavier
legend, haben Sie schlimme Nachrichten erhalten?
    Nicht doch! erwiderte Helene, die bei dem ersten Ton von Sophiens Stimme
sich wieder zusammenraffte und zu lächeln versuchte. Nicht doch! Mein Vater wird
morgen kommen, das ist Alles.
    Um hier zu bleiben?
    Ja.
    Und - Sie, Helene?
    Ich dachte eben darüber nach. Mein Vater stellt es mir frei; indessen -
    Das junge Mädchen schwieg, und derselbe halb nachdenkliche, halb trotzige
Gesichtsausdruck von vorhin war wieder da. Sie schien die Anwesenheit Sophiens
vergessen zu haben. Plötzlich fragte sie, die Blicke noch immer zu Boden
senkend: Würden Sie, wenn Sie beleidigt wären, jemals zuerst die Hand zur
Versöhnung bieten?
    Sophie wurde durch diese Frage, deren Sinn ihr nicht verborgen war,
einigermassen in Verlegenheit gesetzt. Helene hatte zu ihr niemals über ihre
Angelegenheiten gesprochen, nicht einmal in Andeutungen. Sie wusste also - durfte
also von alle dem nichts wissen, und doch vertrug es sich schlecht mit Sophiens
geradem Sinn und ihrer Freundschaft zu Helene, eine Unwissenheit und
Teilnahmlosigkeit zu affektiren, die ihr fremd waren.
    Es kommt darauf an, antwortete sie nach einer kleinen Pause: wie die
Beleidigung war, und vor allem, wer der Beleidiger war.
    Wie so?
    Es gibt Beleidigungen, mein' ich, die es nur dadurch werden, dass wir ihnen
diese Bedeutung unterlegen, und Beleidiger, die es niemals werden können -
niemals werden sollten - ich meine, die uns so nahe stehen, mit denen wir durch
die Natur so eng verbunden sind, dass es unnatürlich sein würde, wenn -
    Sie uns hassten, unterbrach Helene schnell Sophie. Wenn nun aber doch dieser
Fall einmal einträte; wenn nun aber doch sich hasste, was sich lieben sollte;
sich verfolgte, befeindete, bekämpfte, was sich unterstützen, gegenseitig helfen
und tragen sollte - wie dann?
    Helene war aufgestanden; ihr Gesicht glühte; ihre Augen funkelten; ihre
Hände ballten sich - das Bild eines Wesens, das des Kampfes froh ist und nur den
Sieg oder Tod, aber nimmer Ergebung kennt.
    Ich weiss es nicht, erwiderte Sophie, sich zu einer Ruhe zwingend, die sie
nicht besass; das weiss ich aber, dass ich für meine Person niemals in die Lage
kommen könnte. Ich würde Bruder oder Schwester, und nun gar Vater oder Mutter,
die mir das Leben gaben, niemals hassen, möchte geschehen, was da wollte. Sind
sie doch - ich selbst. Wie kann man sich selber hassen?
    Wissen Sie das wirklich so gewiss? erwiderte Helene. Woher wissen Sie es? Sie
haben niemals weder Bruder noch Schwester gehabt, Ihre Mutter ist Ihnen so früh
gestorben; Ihr Vater hat Sie, wie Sie mir selbst sagten, von jeher mit
grenzenloser Liebe überschüttet; alle Welt hat Sie geliebt und geehrt - wie Sie
es gewiss verdienen; diese alte strenge Dame selbst sieht in Ihnen, dem jungen
Mädchen, das noch vor wenig Jahren ihre Schülerin war, heute schon eine
ebenbürtige Freundin - aber ich - ich habe andere - doch wir verplaudern die
Zeit und noch dazu über recht sonderbare Dinge. Eilen wir, dass wir an Ihren
Flügel kommen.
    Es war nicht das erste Mal, dass Helene einem Gespräch, das vertraulich zu
werden drohte, plötzlich eine gleichgiltige Wendung gegeben hatte. Sophie musste
sich darein fügen, obgleich ihr dieser Mangel an Vertrauen weh tat, um so mehr,
als sie fühlte, wie einsam Helene dastand, wie ganz nur auf sich angewiesen, und
welche Wohltat es für sie gewesen sein würde, hätte sie ihr übervolles Herz in
das teilnehmende Herz einer wahren Freundin ausschütten können. Sie fühlte sich
deshalb auch diesmal nicht durch Helenens stolze Schweigsamkeit beleidigt; im
Gegenteil! sie war mehr als je entschlossen, sich in Helenens Vertrauen lieber
hineinzustehlen und hineinzuschmeicheln, als Stolz mit Stolz, und Schweigsamkeit
mit Schweigsamkeit zu erwidern.
    Die jungen Damen, nachdem sie bei Sophie angelangt waren, hatten fast ohne
Unterbrechung musicirt, bis es in dem zu ebener Erde gelegen tiefen Zimmer zu
dunkeln begann. Sie hörten auf, weil sie nicht mehr gut sehen konnten, und
gingen nun Arm in Arm im Gemache auf und ab, während die Musik noch in ihren
Seelen nachzitterte und selbst Helenens stolzes Herz milder und weicher fühlte.
Es war vor allem ein neues, von einem jüngeren Meister componirtes Lied gewesen,
das sie in schmerzlich süsser Weise an ihren todten Liebling erinnert hatte. Noch
klangen ihr die traurig klagenden Worte mit der traurig klagenden Melodie im
Ohr:
Und soll ich sterben so frisch und jung,
Ade dann, du goldener Sonnenschein,
Und Mondenschimmer und Sternenlicht,
Und ade, schwarzäugiges Mägdelein.
Ich hab' euch alle ja so geliebt,
Und soll nun sterben so jung!
Sie dachte an die Nacht, als Baron Oldenburg sie mitten aus der Reihe Tanzenden
heraus an Bruno's Sterbebett holte: sie sah bei ihrem Eintritt das Auge des
Knaben dunkel aufflammen in dem todtenblassen Gesicht.
Und soll nun sterben so jung!
murmelte sie, wie wenn sie mit sich selbst spräche.
    Es scheint dies Lied auf Sie einen eben so grossen Eindruck zu machen, wie
auf den Doctor Stein, sagte Sophie.
    Auf wen? rief Helene, jäh aus ihrer Träumerei erwachend.
    Auf den Doctor Stein, wiederholte Sophie so ruhig, als hätte sie sich nie
über das Verhältnis, das möglicherweise zwischen Oswald und Helene stattfand,
Gedanken gemacht.
    Wann haben Sie ihn gesehen? fragte Helene wieder in ihrer ruhig vornehmen
Weise.
    Gestern Abend, hier, zum ersten Mal. Er war schon zwei Tage in der Stadt,
ohne Franz gesprochen zu haben. Gestern traf Franz ihn zufällig auf der Strasse
und brachte ihn mit. Sonst hätten wir wohl noch länger auf seine Visite warten
können.
    Wesshalb das?
    Nun, er sah gerade nicht so aus, als ob ihm der Besuch besonderes Vergnügen
mache. Indessen kann ich darüber weniger urteilen, da ich ihn gestern zum
ersten Male in meinem Leben sah. Mir schien es, offen gestanden, als ob ihm
überhaupt nichts auf Erden Vergnügen machen könnte. Franz sagt, das sei durchaus
nicht der Fall, fand aber selbst, dass Herr Stein sich in der kurzen Zeit, wo sie
sich nicht gesehen, merkwürdig verändert habe. Wie war er denn, so lange Sie ihn
kannten?
    Sophie glaubte zu fühlen, dass Helenens Herz, als sie diese Frage möglichst
unbefangen tat, höher schlug. Doch war von dieser Erregung nichts in dem Ton zu
merken, mit dem sie antwortete:
    Ich habe Herrn Stein selten oder nie anders als in Gesellschaft gesehen, und
Sie wissen, da hat man wenig Gelegenheit, die Menschen zu sehen, wie sie
wirklich sind. Er schien meistens ernst, fast traurig, sehr reservirt und
verschlossen, besonders in den letzten Wochen. Doch mochten dazu auch die in
meiner Familie herrschenden Verhältnisse nicht wenig beitragen. Wie war er denn
gestern?
    Es ist das schwer zu beschreiben für Jemand, der, wie ich, kein grosser
Psycholog ist, antwortete Sophie, entschlossen, auf jeden Fall, auch wenn sie
Helene verletzen sollte, die Wahrheit zu sagen. Er schien mir lustig, ja
ausgelassen, aber nicht heiter; gesprächig, aber nicht mitteilsam; witzig, aber
nicht unterhaltend; mit einem Wort, eine lebendige Vereinigung von lauter
Gegensätzen, welche auf mich, die ich das leicht Verständliche, Klare, Einfache
liebe, offen gestanden, einen peinlichen Eindruck gemacht hat. Besonders missfiel
es mir wie er über seinen Beruf und über seine hiesigen Verhältnisse sprach. Er
schien Alles nur wie ein leeres Spiel zu betrachten. Er schilderte eine
Gesellschaft, die er bei Director Clemens mitgemacht, und schüttete eine wahre
Flut von Hohn und Sarkasmus über die armen Menschen aus. Er beschrieb seine
feierliche Einführung in die Schule, die gerade an demselben Morgen
stattgefunden hatte, und stellte das Ganze wie eine Scene auf einem
Puppenteater dar. Franz hatte mir gesagt, dass er etwas Faustisches in seinem
Wesen habe; mir ist er wie ein rechter Mephisto vorgekommen. Auch fand ich ihn
nicht so schön, wie Franz ihn mir geschildert hatte. Er sah bleich und verfallen
aus, als wäre er krank oder hätte mehrere Nächte nicht geschlafen. Die grossen
Augen hatten etwas Unheimliches, Gespenstisches. Ich musste wahrlich an das: Es
steht ihm an der Stirn geschrieben, dass er nicht mag eine Seele lieben, oder wie
es heisst, denken.
    Da muss es sich allerdings sehr verändert haben, sagte Helene.
    Der Ton, in welchem das junge Mädchen diese Worte sprach, war so traurig. Es
tat Sophie leid, dass sie sich von der geheimen Antipatie, die sie gegen Oswald
empfand, noch mehr vielleicht aber von dem Wunsch, Helene durch lebhaften
Widerspruch zu reizen und sie so gleichsam für ihre Verschlossenheit zu
bestrafen, hatte hinreissen lassen.
    Doch soll dies, sagte sie einlenkend, nicht etwa mein endgiltiges Urteil
über Oswald Stein sein; es ist nur eben ein erster Eindruck. Wenn ich ihn öfter
sehe, werde ich wohl anders über ihn denken. Ich glaube sogar, dass bei mir ein
wenig Eifersucht mit unterläuft. Franz machte so gar viel aus ihm, und Sie
wissen, wie Bräute sind in dieser Beziehung ein wenig engherzig. - Da fällt mir
übrigens ein, dass er jeden Augenblick kommen kann, rief sie, sich selbst
unterbrechend.
    Wer? fragte Helene; Oswald?
    Ich hatte es wahrhaftig ganz vergessen. Ich, gedankenloses Mädchen!
    Was ist es denn?
    Stein und Franz hatten sich verabredet, heute zusammen eine Vorlesung bei
Professor Benzeler zu besuchen. Und Franz ist gleich nach Tisch für meinen Vater
auf's Land gefahren. Ich sollte es Stein absagen lassen! Ob's wohl noch Zeit
ist?
    Es ist halb sechs, sagte Helene, an's Fenster tretend, und nach der Uhr
sehend. Es ist beinahe dunkel geworden; ich muss machen, dass ich nach Hause
komme.
    In diesem Augenblick wurde an die Tür gepocht.
    Er ist es, riefen die beiden jungen Damen, zusammenschreckend wie ein paar
Rehe, wenn im Walde ein Schuss fällt.
    Das Pochen wiederholte sich.
    Was sollen wir tun? flüsterte Helene, die ihre ganze Selbstbeherrschung
verloren zu haben schien.
    Offenbar Herein sagen! was sonst; erwiderte Sophie, unwillkürlich lachend.
Herein!
    In dem Halbdunkel, das in dem Gemach herrschte, mochte es dem Eintretenden
nicht möglich sein, die darin Befindlichen zu erkennen. Er blieb wie zaudernd an
der Tür stehen.
    Nur näher, Herr Doctor, sagte Sophie, Helenens Hand festaltend. Ich bitte
um Entschuldigung, dass ich Sie im Dunkeln empfange, aber es soll gleich hell
werden.
    Oswald war bei diesen Worten herangetreten und hatte sich vor den Damen
verbeugt. Offenbar hatte er Helene, die dem Fenster abgewandt stand, noch nicht
erkannt.
    Ich habe um Entschuldigung zu bitten, sagte er; denn ich habe die Damen ohne
Zweifel gestört. Aber da ich Niemand auf dem Vorsaale fand -
    Er schwieg plötzlich; das Blut schoss ihm zum Herzen. Ein Schauder
überrieselte ihn. War die stumme Gestalt neben Fräulein Robran nicht Helene?
Dieser Kopf, dessen schöne Umrisse er so oft andächtig bewundert hatte, - sie
musste es sein. Er hörte kaum noch, dass Sophie sagte: Sie erkennen wohl Fräulein
von Grenwitz gar nicht? Ich will nur selbst gehen, uns Licht zu besorgen; er
hörte nur die Tür sich hinter Fräulein Robran schliessen; er wusste nur, dass er
mit ihr allein war. Er kniete vor ihr nieder und ergriff ihre Hand, um sie mit
heissen Küssen zu bedecken.
    Die Ueberraschung und die Dunkelheit begünstigten Oswalds Kühnheit. Helene
zitterte so heftig, dass sie Alles geschehen lassen musste und nur noch eben die
Kraft hatte, zu sagen:
    Um Gottes willen, Oswald, - stehen Sie auf! Ich bitte Sie, stehen Sie auf!
    Es war die höchste Zeit; denn schon kam Sophie zurück, gefolgt von dem
Diener, der eine Lampe trug.
    Oswald gelang es, seiner Bewegung Herr zu werden; Helene dagegen wandte sich
unter dem Vorwande, dass sie der plötzliche Lichtschein blende, nach dem Fenster
und blickte, während Sophie Franz' Abwesenheit erklärte, auf die Strasse.
    Dann will ich die Damen keinen Augenblick länger durch meine Gegenwart um
den Genuss einer traulichen Unterhaltung bringen, sagte Oswald, sich zum Abschied
verbeugend.
    Ei, Herr Doctor, erwiderte Sophie munter, sind Sie ein solcher Feind von
traulichen Unterhaltungen, dass Sie durch Ihre Gegenwart dergleichen unmöglich
machen? Setzen Sie sich lieber, und strafen Sie meinen Franz nicht Lügen, der
Sie den unterhaltendsten Gesellschafter nennt. Kommen Sie, Helene, nehmen Sie
hier am Kamine Platz. Fräulein Bär wird sich die Augen nicht ausweinen, wenn Sie
auch etwas länger ausbleiben.
    Oswald war im Begriff gewesen, den ihm angebotenen Platz anzunehmen; als er
indessen hörte, dass Helene möglicherweise nicht bleiben würde, begnügte er sich,
Sophiens Aufforderung vorläufig mit einer stummen Verbeugung zu erwidern.
    Ich danke, liebe Sophie, sagte Helene, sich aus dem Fenster umwendend, aber
ich muss in der Tat fort - ein ander Mal.
    Sie hatte scheinbar ihre gewöhnliche Ruhe wiedergewonnen; nur ein scharfer
Beobachter hätte vielleicht in dem etwas intensiveren Rot der schönen Wangen
die letzte Spur einer vorangegangenen Erregung und in den gesenkten Augenlidern
die Absicht bemerkt, dieselbe vor den Blicken der Anderen zu verbergen.
    Oswald, der nach einem Mittel ausspähte, Helene noch ein paar Augenblicke zu
halten, sah den Flügel geöffnet und Notenblätter aufgeschlagen.
    O, bitte, bitte, mein gnädiges Fräulein, sagte er, wenn Sie noch eine Minute
Zeit haben, singen Sie dies Lied! Es verdient, von Ihnen gesungen zu werden.
    Wir sind es schon vorhin durchgegangen, sagte Sophie, es ist in der Tat
schön, und Fräulein von Grenwitz singt es vortrefflich. Wollen Sie, liebe
Helene?
    Sie hatte schon, Helenens Einwilligung für selbstverständlich haltend, sich
an den Flügel gesetzt und blickte jetzt, ein paar präludirende Accorde greifend,
erwartend auf Helene.
    So sah sich diese genötigt, ihren Hut, den sie schon in der Hand hatte,
wieder hinzulegen und an den Flügel zu treten.
    Oswald stand in der Entfernung von wenigen Schritten an das Gesims des
Kamins gelehnt, die Blicke unverwandt auf die beiden schlanken Mädchengestalten
gerichtet, in diesem Augenblick zweifelnd, welche von den beiden Erscheinungen -
nicht die schönere, denn das war unbestritten Helene - aber die interessantere
war.
    Helene kam ihm beinahe fremd vor; er musste sich ordentlich erst in ihre
Schönheit wieder hineinleben, und doch machte sie nicht mehr den überwältigenden
Eindruck von ehemals. Er glaubte, es sei die ungewohnte Umgebung, die fesselnde
Erscheinung Sophiens, die ihn in seiner Andacht störe - er wusste nicht, dass seit
der Zeit, wo er Helene zuletzt gesehen hatte, der Spiegel seines Geistes trüber
geworden und nicht mehr im Stande war, ein reines Bild auch rein zurückzuwerfen.
- Vergebens suchte er einen Blick Helenens zu erhaschen. Wenn Sophie, in ihre
vielgeliebte Musik vertieft, seine Anwesenheit wirklich vergessen hatte, so
schien es zum mindesten mit Helene nicht anders zu sein. Sie hob die Augen nicht
einmal von den Notenblättern auf. Oswald freute sich dessen. Er schloss daraus,
dass seine stürmische Begrüssung von vorhin, wenn auch vergeben, so doch nicht
vergessen war.
    Man war von einem Lied in's zweite und vom zweiten in's dritte und vierte
gekommen. Plötzlich aber erklärte Helene, nun nach Hause gehen zu müssen.
Oswald, der nicht anders glaubte, als dass eine Dienerin aus der Pension draussen
warte, sann eben darüber nach, wie er seine Bitte, sie begleiten zu dürfen, am
schicklichsten einkleiden könne, als ihn Sophiens Frage: aber werden Sie denn
noch allein gehen können? dieser Mühe erhob. Was war natürlicher, als dass er mit
einer höflichen Verbeugung Fräulein von Grenwitz seine Begleitung anbot und
Fräulein von Grenwitz mit einer kaum merklichen Neigung des stolzen Hauptes
dieselbe annahm.
    Sophie nestelte eben der jungen Dame den Sammetmantel zu und band ihr noch
ein weisses Tüchelchen um den Hals, auf dass Ihrer Stimme kein Schaden geschieht,
liebe Helene! Oswald stand mit dem Hut in der Hand daneben, als die Tür, ohne
dass man ein Klopfen gehört hätte, sich öffnete und Herr Bemperlein rasch in's
Zimmer trat.
    Oswald, der mit dem Rücken nach der Tür zu stand, wurde Bemperleins erst
gewahr, als er sich auf Sophiens Gruss: Guten Tag, Bemperchen! nach dem Kommenden
umwandte. In demselben Moment erkannte auch Herr Bemperlein Oswald.
    Sie hatten sich seit jener Nacht, wo Bemperlein Melitta nach Fichtenau
abzuholen kam und die Liebenden im Park überraschte, nicht wieder gesehen. Sie
waren damals in herzlicher Freundschaft geschieden; und heute, als sie sich nach
Monaten wiedersahen, streckte Keiner dem Andern die Hand entgegen, lächelte
Keiner dem Andern freundlich zu, begrüsste Keiner den Andern mit einem herzlichen
Wort. Ihr ganzes Willkommen bestand aus einer förmlichen Verbeugung und einigen
nichtssagenden Phrasen, so dass Sophie, welche bis jetzt geglaubt hatte, dass
Bemperlein und Oswald auf dem besten Fusse ständen, nicht wenig verwundert war
und nicht recht wusste, wie sie sich in diesem ganz unvorhergesehenen Fall
benehmen sollte. Indessen dauerte diese peinliche Situation nicht lange; denn
Sophie hatte kaum Herrn Bemperlein Fräulein von Grenwitz vorgestellt, die, wenn
sie sich wirklich des in früheren Jahren häufiger gesehenen Hauslehrers auf
Berkow erinnerte, jedenfalls nicht für gut fand, dieser Erinnerung Worte zu
leihen, als Helene und Oswald das Zimmer verliessen. Sophie begleitete sie noch
zur Tür hinaus, während Bemperlein, die Hände auf den Rücken, die Augen starr
auf den Boden geheftet, an dem Kamin stehen blieb.
    Es war beinahe Nacht, als Helene und Oswald auf die schlecht erleuchtete
Strasse traten.
    Welchen Weg nehmen wir? fragte Oswald.
    Ich denke, es gibt nur einen.
    Nicht doch; wir können auch über den Wall gehen. Der Weg ist näher und es
geht sich angenehmer dort, als auf dem schlechten Steinpflaster.
    Wie Sie wollen.
    Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?
    Es war das erste Mal, dass Oswald Gelegenheit hatte, Helenen zu führen. Er
beeilte sich nicht, das Vergnügen, Arm in Arm mit dem geliebten Mädchen durch
die Nacht zu wandern, abzukürzen. Der Weg, den er vorgeschlagen, war nicht nur
der bei weitem längere, sondern auch der bei weitem dunklere. Er führte zwischen
der Stadtmauer und dem Festungswalle hin - eine angenehme Promenade im Sommer
und bei Tage; aber jetzt an einem finstern Herbstabend wenig empfehlenswert.
    Es ist doch dunkler, als ich gedacht, sagte Oswald, als sie aus dem
dumpfigen Stadtmauertor, wo die letzte Laterne brannte, auf den Wall gekommen
waren; sollen wir lieber wieder umkehren?
    Meinetalben nicht; ich gehe ganz gern so.
    Hüllen Sie sich wenigstens recht fest in Ihren Mantel; der Wind weht scharf
vom Meere herüber und die Luft ist feucht und kalt.
    Sie gingen einige Minuten schweigend. Das trockene Laub der Bäume, mit denen
die Promenade besetzt war, raschelte unter ihren Füssen; klagende Töne strichen
durch die Luft.
    Wie mag es jetzt im Grenwitzer Park aussehen? fragte Oswald.
    Das dachte ich eben auch, erwiderte Helene.
    Ich möchte, ich könnte in diesem Augenblicke dort sein.
    Was wollten Sie da?
    Ich wollte in den wohlbekannten Gängen, zwischen den Taxushecken unten im
Garten, unter den Buchen oben auf dem Wall umherschweifen und mich mit der
Mondessichel, die durch die Wolken schwankt, und mit dem Nachtwind, der durch
die Bäume und um das Schloss rauscht, unterhalten von seligen Stunden, die nicht
mehr sind und nimmer wiederkehren können.
    So denken Sie gern an Grenwitz zurück?
    Sollte ich es nicht? Habe ich doch die glücklichsten Tage meines freudelosen
Daseins dort verlebt! Was kümmern mich jetzt die Bitternisse, die in diesen
Kelch berauschender Süssigkeit gemischt waren? Ich weiss von ihnen nichts mehr.
Mir ist, als hätte ich damals zum ersten und zum letzten Male in meinem Leben
wahrhaft gelebt, und als sei ich gestorben mit den Blumen auf den Beeten und mit
dem Sonnenschein, der des Morgens durch die taufrischen Zweige spielte und
bunte Schatten auf den Weg streute. Wohl ihm, dessen Leben wirklich mit jenem
köstlichen Sommer zu Ende war!
    Wohl ihm! flüsterte Helene.
    Ja, wohl ihm! er hat eine Stunde lang in dem Anschauen dessen, was ihm das
Schönste, das Herrlichste war, geschwelgt und ist dann dahingeschwunden, wie ein
rosiger Morgenduft vor den Strahlen der vielgeliebten Sonne. Er hat sie nicht zu
kosten gebraucht die schwüle Hitze und den erdrückenden Staub des Mittags. Er
hat sich nicht vor dem scharfen Wind des Abends schaudernd zu verhüllen
brauchen, er hat die schöne bunte Welt nicht in öde Nacht versinken sehen. -
Verzeihen Sie mir, mein gnädiges Fräulein; es ist heute Abend schon das zweite
Mal, dass ich mich von der Erinnerung an meinen todten Liebling fortreissen lasse.
Aber ich kann Ihnen nicht sagen, wie wunderbar Ihr Anblick und Ihre Nähe sein
Andenken in mir wachrufen. Die vernarbten Wunden fangen wieder an zu bluten; die
trockenen Augen wieder an zu tropfen.
    Geht es mir denn anders? sagte Helene, und ihre Stimme zitterte.
    So haben Sie ihn auch geliebt? Aber nein, das wollte ich nicht fragen. Wie
hätten Sie ihn nicht lieben sollen, der so schön, so tapfer, so gut war, so
hinreissend liebenswürdig, und der Sie so liebte! so unsäglich liebte! O,
Fräulein von Grenwitz, wissen Sie denn wohl, wie sehr er Sie geliebt hat? wissen
Sie, dass er Sie bis in den Tod, dass er Sie mehr als sein Leben geliebt hat?
    Ich weiss es! sagte Helene leise.
    Mehr als sein Leben, fuhr Oswald leidenschaftlich fort, über den Tod hinaus.
Es war an dem letzten Tage, wenige Stunden vor seinem Tode, als er mir ein
Medaillon mit einer Locke von Ihrem Haar, das er auf der Brust trug, zeigte und
mich bat, es ihm in's Grab zu geben. Ich habe ihm seinen Wunsch nicht erfüllen
können. Sie erinnern sich, dass ich am nächsten Morgen schon das Schloss verliess,
ohne zu wissen, ob - ich jemals wieder den Fuss über die Schwelle würde setzen,
ob ich den teuren Todten bis zum letzten Augenblicke würde bewachen dürfen. Der
Gedanke war mir entsetzlich, dass jenes Kleinod in profane Hände kommen könnte,
ich nahm es daher mit der Absicht, es Ihnen, die Sie den einzig rechtmässigen
Anspruch darauf haben, zurückzustellen. Ich habe es stets - ich habe es noch in
meinem Gewahrsam. Wann, befehlen Sie, dass ich es Ihnen zusende?
    Sie hatten das Festungstor passirt und gingen in der Vorstadtstrasse unter
den hohen, sausenden Pappeln. Bei dem ungewissen Licht des Mondes, der eben aus
den treibenden Wolken hervorlugte, suchte Oswald in Helenens Gesicht zu lesen.
Es schien ihm bleich und heftig erregt. Ihr Arm lehnte sich fester auf seinen
Arm, als sie nach einer Pause antwortete:
    Ist Ihnen das Medaillon sehr lieb?
    Das können Sie fragen?
    Nein, nein! verkennen Sie mich nicht - ich bin nicht undankbar, bin gegen
Liebe und Freundschaft nicht unempfindlich. Behalten Sie das Medaillon! behalten
Sie's zur Erinnerung an Ihren, an unsern Liebling.
    Nur zur Erinnerung an ihn? Es ist Ihr Haar, Fräulein Helene! - nur zur
Erinnerung an ihn?
    Und - an mich!
    Oswald nahm die Hand, die auf seinem Arm ruhte und führte sie an die Lippen.
    Ich habe nichts getan, wodurch ich so grosse Huld und Gnade verdient hätte;
aber freilich, wäre Gnade denn noch Gnade, wenn man sie verdienen könnte?
    Sie wollen mich durch Ihre Bescheidenheit erdrücken. Sie wollen, dass ich
Ihnen danken soll für alle Ihre Güte, wie ich Ihnen danken müsste und doch nicht
danken kann. Sie sind immer sehr gut gegen mich gewesen; Sie haben zu mir
gestanden, als ich selbst von meinen nächsten Verwandten angefeindet wurde, und
noch zuletzt -
    Habe ich nichts getan, was ich nicht jeden Augenblick mit Gefahr meines
Lebens wieder tun würde. - Doch hier sind wir an Fräulein Bärs Haus. Ist die
Gittertür verschlossen?
    Nein.
    Sie gingen durch den kleinen Garten bis zur Haustür. Oswald schellte.
    Werde ich Sie wiedersehen?
    Ich komme öfter zu Robrans.
    Die Tür wurde von innen aufgeriegelt.
    Gute Nacht.
    Gute Nacht.
    Die Tür wurde aufgeschlossen.
    Auf Wiedersehen! flüsterte Oswald, noch einen Kuss auf Helenens Hand
drückend.
    Auf Wiedersehen! flüsterte Helene.
    Im nächsten Augenblick war sie im Hause verschwunden.
    Ohne recht zu wissen wie, war Oswald in die Stadt zurückgekommen. Wo die
Marktstrasse auf den Markt mündet, in dem grossen Eckhause, waren die Fenster hell
erleuchtet; Wagen auf Wagen rollte vor die Tür; geputzte Damen und Herren
stiegen aus und verschwanden im Portale. Als Oswald, dicht an den Häusern
hinschreitend, in unmittelbarste Nähe der Tür gekommen war, fuhr eben wieder
ein Wagen vor. Der Kutscher parirte die feurigen Tiere zu gewaltsam, und der
Bediente, der eben in Begriff stand, vom Bock zu springen, wurde unsanft auf die
Erde geschleudert. Er raffte sich sogleich wieder auf, aber der Schmerz musste
gar gross sein; er blieb wie betäubt stehen. Oswald, der eine einzelne Dame im
Coupé bemerkt hatte, die schon, des Oeffnens der Tür harrend, aufgestanden war,
griff nach dem Drücker, öffnete die Tür, und die Dame, ihre kleine
weissbehandschuhte Hand ahnungslos auf seinen Arm legend, schwebte in einer Wolke
von Mousselin und Spitzen herab.
    In diesem Augenblick, wo das Licht aus dem Portale hell auf Beide fiel,
stiess die Dame einen leisen Schrei aus, Oswald mit grossen Augen anstarrend.
    Eine glühende Röte ergoss sich über ihr Gesicht. Ihre Augen flammten auf -
es mochte unentschieden bleiben, ob in Liebe oder Hass. Ihre Lippen zuckten, -
augenscheinlich hatte die plötzliche Ueberraschung sie gänzlich überwältigt.
    Der Bediente, der mit dem Hut in der Hand herangehinkt kam, lös'the den
Zauber.
    Verzeihen Sie, gnädige Frau - begann der Mann.
    Ueber Oswalds Gesicht zuckte ein spöttisches Lächeln.
    Ich gratuliere, gnädige Frau, sagte er leise, ihr die Hand bietend, sie die
Stufen hinaufzuführen.
    Oswald fühlte, dass die schlanken Finger sich sehr fest in die seinen legten.
    Sie haben es ja gewollt, flüsterte sie; und jetzt war es entschieden, dass
die grossen, grauen Augen nicht Hass, sondern Liebe blickten. Besten Dank! Lassen
Sie sich doch einmal bei mir sehen. Ich garantire, dass Cloten Sie freundlich
empfangen wird.
    Sie waren auf der letzten Treppenstufe angelangt.
    Oswald verbeugte sich.
    Also auf Wiedersehen, Herr Doctor?
    Auf Wiedersehen!
    Die junge Dame rauschte in das Portal. Oswald stieg die Stufen hinab, an dem
lahmen Bedienten vorüber, der, sich noch immer die Kniee reibend, seinen
improvisirten Collegen verwundert anblickte.
    Emilie von Breesen, murmelte Oswald, indem er weiter schritt; die reizende
Emilie - Frau von Cloten? Und bloss, weil ich es gewollt? Und wenn ich es nun
nicht will, nicht länger will? Was dann?
 
                           Einundzwanzigstes Capitel
In den nächsten acht Tagen waren die letzten Krähen aus den Wäldern in die Stadt
gekommen und hatten ihre Winterquartie in den Kirchtürmen bezogen; auch
behauptete man in gut unterrichteten Kreisen, dass von den adeligen Familien, die
den Winter in Grünwald zu residiren pflegten, keine von einiger Bedeutung mehr
draussen sei.
    Das regere Leben, das auf einmal in der sonst so stillen Stadt sich
bemerklich machte, bewies das zur Genüge. In dem Teater waren jetzt die
Prosceniumslogen, die ausschliesslich für den Adel reservirt waren, stets
gefüllt. Des Nachts wurden die guten Bürger von Grünwald durch das Rollen
schnell fahrender Carossen aus ihrem ersten Schlaf aufgeschreckt, und zwölf
Stunden später donnerten dieselben Carossen abermals durch die Strassen, da die
nächtlichen Ruhestörer um diese Zeit ausgeschlafen hatten und das Bedürfnis
fühlten, einander nach so langer Zeit wieder zu sehen und ihre Ansichten über
die interessanten Ereignisse der letzten Ballnacht, - wie oft der junge Graf
Grieben mit dem jüngsten Fräulein von Nadelitz getanzt, und welch' sonderbaren
Kopfputz die alte Baroness Renzien aufgehabt habe - gegenseitig auszutauschen.
    Gestern war bei Griebens grosser Ball gewesen; auf morgen hatten Grenwitzens
zu einer Soirée - der ersten, die sie in dieser Saison gaben - invitirt. Da die
Etiquette erforderte, dass man sich nach einer Gesellschaft und ebenso vor einer
Gesellschaft nach dem Befinden der betreffenden Gastgeber erkundigte, so mussten
heute bei Griebens und bei Grenwitzens Visiten gemacht werden. Das Rollen der
Carossen wollte deshalb heute Mittag kein Ende nehmen.
    Wenn Visiten in grösserer Zahl zu erwarten standen, waren im Hôtel Grenwitz
die sonst verschlossenen Empfangszimmer nach vorn heraus geöffnet. So auch
heute. Ein Dutzend Visiten waren schon abgefertigt, ein anderes Dutzend wurde
noch erwartet. Es befand sich augenblicklich Niemand im Salon, als die Baronin
und der Baron. Sie hatten eben die Frau von Nadelitz mit ihren drei Töchtern
unter Lächeln und Scherzen zum Salon hinauscomplimentirt; aber die Tür hatte
sich kaum hinter jenen Damen geschlossen, als der alte Herr sich mit der Miene
äusserster Verdrossenheit in einen Lehnstuhl fallen liess und Anna-Marie sich ihm
gegenüber auf das Sopha setzte mit einem Gesicht, von dem jede leiseste Spur von
Lächeln hinter Wolken tiefsten Unmuts verschwunden war. Augenscheinlich hatte,
ehe der Besuch kam, zwischen ihnen eine unerquickliche Scene stattgefunden, und
es handelte sich jetzt darum, wer von Beiden zuerst den unterbrochenen Dialog
wieder aufnehmen würde.
    Diesmal war es gegen die Gewohnheit, dass der alte Herr, der mit nervöser
Erregung aus seiner goldenen Tabaksdose eine Prise nahm, den Deckel zuklappte
und sodann, als ob ihm Anna-Maria eben jetzt und nicht bereits vor einer halben
Stunde das Stichwort gebracht hätte, sagte:
    Bleiben? es muss doch Alles einmal ein Ende nehmen - wir können doch Helene
nicht für ewig bei Fräulein Bär lassen.
    Ich bin es nicht gewohnt, erwiderte Anna-Maria, ihre Stickerei zur Hand
nehmend, heute so zu sprechen und morgen so. Andere Leute mögen anders darüber
denken. Wir würden uns vor aller Welt lächerrlich machen, wenn wir Helene nach
vier Wochen wieder in's Haus nähmen.
    Es sind beinahe sechs Wochen, brummte der Baron.
    Vier oder sechs, das bleibt sich gleich.
    Für mich nicht; ich bin ein alter Mann, ich kann morgen sterben.
    Das sagst Du schon seit zehn Jahren.
    Wenn ich es seit zehn Jahren sage, erwiderte der Baron mit vor Aufregung
zitternder Stimme, so ist es, weil ich mich seit zehn Jahren noch keinen Tag
gesund gefühlt habe. Und einmal wird doch der Morgen kommen, wo ich nicht mehr
bin, und deshalb möchte ich meine Tochter so bald als möglich wieder um mich
haben.
    Nach Deinem Sohn fragst Du nichts; ob Malte krank oder gesund ist, das
kümmert Dich nicht. Und doch ist es Malte, auf dem alle unsere Hoffnungen ruhen.
Du solltest Gott danken, dass Du einen Sohn hast, auf den das Majorat forterben
kann; statt dessen ist es Helene und immer wieder Helene, um die sich bei Dir
Alles dreht.
    Ich danke Gott, dass ich einen Sohn habe, und danke Dir, dass Du mir einen
Sohn geboren hast, nicht aber deshalb, weil er mein Erbe, sondern weil er mein
Fleisch und Blut ist, das ich lieben kann, wie meine Tochter auch. Was das
Majorat anbetrifft, so kennst Du meine Ansicht darüber seit langer Zeit. Ich
verabscheue ein Institut, das nur dazu dient, Zwietracht in der Familie zu säen.
    Der Baron nahm abermals eine Prise, augenscheinlich in der Absicht, sich zu
beruhigen. Doch schien das Mittel diesmal die entgegengesetzte Wirkung zu haben,
denn er fuhr nach dieser Unterbrechung mit noch grösserer Heftigkeit fort:
    Weshalb hast Du Deine Tochter durchaus an Felix verheiraten wollen? weil
Felix möglicherweise einmal Majoratsherr wird! Weshalb protegirst Du Felix? weil
er möglicherweise einmal Majoratsherr wird! Weshalb muss ich Felix um mich sehen,
den ich nicht leiden kann, und meine Tochter entbehren, die ich liebe? weil
Felix möglicherweise Majoratsherr wird.
    Wiederhole Dich nicht so oft, lieber Grenwitz, sagte Anna-Maria mit einer
Ruhe, die mit den roten Flecken auf ihren Wangen und dem stechenden Blick ihrer
grossen, grauen Augen nicht recht harmonirte; und ereifere Dich überhaupt nicht
ganz unnötigerweise so sehr; Du wirst Deinen Husten wieder bekommen. Du kannst,
Gott sei Dank, nichts daran ändern. Was aber mich anbetrifft, so erlaube, dass
ich anders darüber denke und dass ich nach dieser Seite hin tue, was ich für
meine Pflicht halte. Wenn Du gegen Deine Kinder keine Pflichten hast, ich habe
welche. Wenn Du Deine Tochter wo möglich dem ersten besten Abenteurer gäbst, der
sie haben will, oder den sie haben will - Du brauchst nicht ungeduldig mit
Deinem kranken Fuss zu stampfen und Du wirst Deinen Tabak auf den Teppich
schütten, wenn Du so heftig mit der Dose auf die Lehne klopfst - ich sage, wenn
Dir es gleichgiltig ist, wen Helene heiratet, mir ist es nicht gleich. Ich habe
die Heirat mit Felix befürwortet, nicht aus Eigensinn, den ich andern
überlasse, sondern weil ich die Heirat für eine gute Partie hielt, für die
beste, die ein Mädchen ohne Vermögen machen kann. Wie wenig eigensinnig ich bin,
kannst Du schon daraus sehen, dass ich seit Felix' Unfall und seit der Doctor ihn
für schwindsüchtig hält, durchaus nicht mehr so sehr für die Heirat bin. Im
Gegenteil, sobald es sich als sicher herausgestellt haben sollte, dass Felix nur
noch kurze Zeit zu leben hat, so werde ich die Erste sein, die ihn fallen lässt,
um so mehr, als von ihm nur Schulden zu erben sind.
    Der alte Herr schien durch diesen kaltblütigen Egoismus nichts weniger als
angenehm berührt. Er hatte, wie schon oft in der letzten Zeit, ein dunkles
Gefühl davon, dass seine Gattin eigentlich ein sehr schlechtes Herz habe, und er
seufzte tief.
    Sei wenigstens gut gegen sie, wenn sie heute Morgen uns zu besuchen kommt,
sagte er plötzlich, nachdem er einige Minuten in dumpfem Brüten dagesessen
hatte.
    Ich habe noch stets gewusst, was ich zu tun habe, antwortete die Baronin,
von ihrer Arbeit aufblickend und die Augenbrauen in die Höhe ziehend; ich werde
es auch in diesem Falle wissen.
    Der Baron war durch diese Versicherung innerlich keineswegs beruhigt. Aber
bevor er für seine Bedenken die rechten Worte gefunden hatte, öffnete der
Bediente die Tür und meldete:
    Herr und Frau von Barnewitz.
    Haben wir endlich das Vergnügen? sagte Anna-Maria, mit dem huldvollen
Lächeln, das sie für solche Gelegenheiten, stets bereit hatte, den Eintretenden
ein paar Schritte entgegengehend.
    Ganz auf unserer Seite, gnäd'ge Frau! rief der Fuchsjäger, der Baronin die
magere Hand küssend; ganz auf unserer Seite. Konnten, bei Gott, nicht früher.
Gestern Mittag angekommen; gestern Abend bei Grieben's. Schade, dass Sie nicht da
waren; famos, sage ich Ihnen, beinahe so gut amüsirt, wie auf der letzten
Treibjagd. Meine Frau hat sich ennuyirt; hatte keinen rechten Anlauf. Leute
ennuyiren sich immer, wenn sie keinen Anlauf haben.
    Sie müssen Karl's Ausdrucksweise entschuldigen, sagte Hortense, bei der
Baronin auf dem Sopha Platz nehmend; er hat in den letzten sechs Wochen fast
ausschliesslich mit seinen Reitknechten und Förstern verkehrt.
    Und mit Dir, mein Schatz, nicht zu vergessen! rief Herr von Barnewitz
überlaut lachend. Na, Hortense, brauchst nicht so bös zu werden. Ein Scherz muss
unter Eheleuten erlaubt sein.
    Wie sieht es denn bei uns aus? fragte Anna-Maria, der Unterhaltung eine
andre Wendung zu geben.
    O, es geht; sagte Herr von Barnewitz. Das Winterkorn steht im Allgemeinen
gut; stellenweise haben die Mäuse Schaden getan. Der Sommer war gar zu heiss.
Ich denke, dass die Nässe sie jetzt ein bisschen mürbe machen wird. A propos
Nässe, Grenwitz! Wir müssen die Grabenangelegenheit endlich einmal reguliren.
Wir ersaufen sonst, bei Gott, gelegentlich noch alle miteinander. Ich habe vor
einigen Tagen auch mit Oldenburg gesprochen. Er gehört durch sein Vorwerk Cona
mit zu unserer Feldmark. Er war auch der Meinung, dass die Sache wo möglich noch
in diesem Herbst in Angriff genommen werden müsste.
    Ei, seit wann bekümmert sich denn der Baron um die Landwirtschaft? Das ist
ja ganz was Neues, sagte Anna-Maria.
    Ganz was Neues, gnäd'ge Frau, bestätigte Herr von Barnewitz, das
Allerneueste, seitdem er von seiner letzten Reise zurück ist; also ungefähr seit
vierzehn Tagen. Ich glaube, er schnappt nächstens über.
    Oder heiratet Ihre Cousine Melitta, sagte die Baronin lächelnd.
    Sollte das nicht auf dasselbe herauskommen? warf Hortense dazwischen.
    Aber, liebe Hortense, wer wird so satyrisch sein! sagte die Baronin, der
spottsüchtigen Blondine schalkhaft mit dem Zeigefinger drohend.
    Bist eifersüchtig, Schatz; bist eifersüchtig! rief Herr von Barnewitz; hast
ihr stets ihre Pousseurs beneidet, weil sie immer an jedem Finger einen hatte!
    Es ist eine rechte Kunst, von den Herren gefeiert zu werden, wenn man kein
Mittel der Koketterie unbenutzt lässt, sagte Hortense, ihre Mantille so weit
fallend lassend, dass ihre weissen Schultern zum Vorschein kamen.
    Na, so schlimm ist sie nun auch nicht, meinte der Gatte.
    Hortense zuckte die weissen Schultern.
    Schlimm ist ein relativer Begriff. Melitta hat in ihrem Leben so viel Anlass
zum Skandal gegeben, dass man es bei ihr allerdings nicht so genau nimmt.
    Dasselbe dürfte aber auch bei Baron Oldenburg der Fall sein, meinte
Anna-Maria.
    Möglich, sagte Hortense; ich kenne Oldenburg nicht näher -
    Hier musste der Fuchsjäger notwendig sein Taschentuch ziehen und sich mit
grossem Geräusch schnäuzen.
    Nicht näher, wiederholte Hortense, die irgend eine mysteriöse Verbindung
zwischen ihren Worten und dem Schnäuzen ihres Gemahls entdecken musste, mit
Nachdruck: aber wenn er sich über Melitta's letzte Affaire wegsetzen kann, so
muss er allerdings - viel vertragen können.
    Letzte Affaire? sagte Anna-Maria, ihre Augenbrauen in die Höhe ziehend; ei,
ei! das ist ja das Erste, was ich höre. -
    Geschwätz, gnäd'ge Frau, Geschwätz; sagte Barnewitz, der sich erinnerte, dass
Melitta seine leibliche Cousine sei, und dass er als Junge von siebzehn Jahren
das schöne zwölfjährige Mädchen angebetet hatte; nichts als Geschwätz von
einigen alten Katenweibern.
    
    Alte Katenweiber haben oft noch recht unbequem scharfe Augen, bemerkte
Hortense mit einem aufmerksamen Blick nach den Stuck-Ornamenten der Zimmerdecke.
    Sie machen mich in der Tat neugierig, sagte Anna-Maria, sich in ihrer
Sophaecke zurechtrückend.
    Es ist dummes Zeug, gnäd'ge Frau, ich versichere Sie, sagte Barnewitz
ärgerlich. Ein paar alte Weiber aus unserm Dorfe, die Nachts im Berkower Forst
Holz stahlen - ich wüsste sonst nicht, was sie um die Zeit da zu tun hätten -
erzählen, dass Melitta in ihrem Waldhäuschen heimliche Zusammenkünfte mit Gott
weiss wem? gehabt hat.
    Das ist ja eine sehr pikante Geschichte, sagte Anna-Maria.
    Ja, und sie wird noch dadurch pikanter, sagte Hortense, die unverwandt die
Augen nach der Decke gerichtet hielt, dass der glückliche Gott weiss wer? stets
auf dem Wege von Grenwitz gekommen ist und sich auf demselben Wege wieder
entfernt hat.
    Anna-Maria's Augen wurden bei dieser Nachricht so gross, wie sie überhaupt
werden konnten.
    Wann soll dies geschehen sein? fragte sie streng. Ich will nicht hoffen -
    O, beunruhigen Sie sich nicht! unterbrach sie Hortense; Felix ist erst sehr
viel später gekommen. Es war um die Zeit, als wir den Ball gaben und Oldenburg,
der mit Karl die Tischzettel verteilte, meine Cousine von Ihrem Doctor Stein zu
Tisch führen liess und ihn hernach in seinem Wagen nach Hause brachte; - eine
rührende Aufmerksamkeit, die in diesem Fall etwas unwiderstehlich Komisches hat;
ebenso wie die Wärme, mit der sich Oldenburg hernach Herrn Stein's annahm, als
ihr Neffe Felix die fatale Geschichte mit ihm hatte! O, es ist wirklich zu
lustig! Aber das muss man meiner Cousine lassen, sie versteht's unter ihren -
Freunden Freundschaft zu stiften.
    Der alte Baron hatte während dieser Unterhaltung schweigend und, wie es
schien, vollkommen teilnahmlos dagesessen. Um so mehr überraschte die
Heftigkeit, mit der jetzt, den grauen Kopf unwillig schüttelnd, sagte:
    Frau von Berkow ist eine liebe Dame, die ich schätze; Baron Oldenburg ist
ein Ehrenmann; ich habe ihn stets und kürzlich, als ich in wichtigen Geschäften
mit ihm zu tun hatte, als solchen kennen gelernt. Es tut mir weh, meine
Herrschaften, dass ich Sie in dieser harten und lieblosen Weise sprechen höre -
sehr weh! sehr weh!
    Und der alte Mann zitterte vor innerer Erregung so, dass er die Prise, die er
zwischen den Fingern hatte, kaum zur Nase führen konnte.
    Von Barnewitz nickte mit dem Kopfe, als ob er sagen wollte: der Alte hat so
Unrecht nicht; aber Hortense war nicht in der Laune, die verdiente
Zurechtweisung geduldig hinzunehmen.
    Lassen Sie sich das nicht so unlieb sein, Herr Baron, erwiderte sie
höhnisch; Sie wissen, dass der Name dieses Herrn Stein auch noch sonst eine
gewisse Berühmteit in der Chronik dieses Sommers erlangt hat. Je öfter man
denselben also mit meiner Cousine zusammennennt, desto seltener kann man ihn mit
den Namen anderer Damen in Verbindung bringen.
    Es war ein Glück für den alten Herrn, dass er diese auf Helene gemünzte
Anspielung nicht verstand, da es ihm nie auch nur im entferntesten in den Sinn
gekommen war, seine Tochter habe zu dem Streit zwischen Oswald und Felix die
Veranlassung gegeben.
    Indessen mochte Hortense doch fühlen, dass sie zu weit gegangen sei. Sie
beeilte sich deshalb zu bemerken, es sei schon sehr spät, und wollte sich eben
zum Fortgehen erheben, als ein neuer Besuch gemeldet wurde, der zum Bleiben
zwang. Es sollte Niemand als Hortense von Barnewitz sagen, dass sie einer
Nebenbuhlerin das Feld geräumt habe. Und das war in mehr als einer Hinsicht
Emilie von Cloten, die so eben ihrem Gatten voran in den Salon rauschte.
    Emilie war seit vierzehn Tagen verheiratet. Sie hatte es vorgezogen, keine
längere Hochzeitsreise zu machen, als von dem Gute ihrer Eltern, wo die
Vermählung stattgefunden hatte, nach Grünwald. Sie wollte den Anfang der Saison
nicht versäumen. Sie durstete, auf dem Schauplatz ihrer nächsten Triumphe zu
erscheinen, um von vornherein jede Concurrenz unmöglich zu machen. Emilie von
Breesen wollte nicht umsonst Frau von Cloten geworden sein, nicht umsonst die
Frau eines Mannes, mit dem sie sich in einer eifersüchtigen Laune verlobt, den
sie aus purer Caprice geheiratet hatte.
    Der Erfolg den sie auf den ersten Bällen dieser Saison gehabt, entsprach
ihren kühnsten Hoffnungen. Sie sah die Männerwelt zu ihren Füssen, und das
Bewusstsein der Macht ihrer Reize war ein vortreffliches Relief ihrer koketten
Schönheit. Siegesgewissheit strahlte aus ihren mandelförmigen, grauen Augen,
Siegesgewissheit lächelte schalkhaft aus den Grübchen ihrer rosigen Wangen;
Siegesgewissheit verkündete selbst das Rauschen ihres langen, seidenen Kleides
und das Winken und Nicken der weissen Straussenfeder auf dem reizenden Hütchen von
schwarzem Sammet, unter dem das hellbraune glänzende Haar in üppigen Flechten
hervorquoll.
    Herr von Cloten seinerseits schien schon angefangen zu haben, das hohe
Glück, der Gemahl einer so glänzenden Dame zu sein, einigermassen problematisch
zu finden. Er hatte um die Augen herum ein ganz klein wenig von dem Ausdruck
einer Trutenne, die sich Wochenlang über der Hoffnung des Glücks, dermaleinst
junge, anständige Trutühner auf dem Hofe spazieren führen zu können, halb
blödsinnig gesessen und geträumt hat, und nun plötzlich ihre Brut als wilde,
übermütige Entlein auf den Teich hinausschwimmen sieht. Wer ihn früher gekannt
hatte, musste die Bemerkung machen, dass er seinen blonden Schnurrbart weniger
häufig drehte und seine Stimme nicht mehr ganz so selbstgefällig schnarrte.
Vielleicht trug zu dieser sichtlichen Verstimmung auch die unerwartete und
jedenfalls unerwünschte Begegnung mit seiner treulos und etwas feig verlassenen
Geliebten bei, wie umgekehrt dieser selbe Umstand die gute Laune der jungen Frau
noch wesentlich zu erhöhen schien. Hatte sie doch das angenehme Bewusstsein,
Hortense gestern Abend vollständig verdunkelt zu haben; weshalb sollte sie jetzt
bei dem Anblick ihrer Nebenbuhlerin etwas Anderes als innige Freude empfinden?
sie mit allen Zeichen herzlichster Freundschaft bewillkommnen und teilnehmend
fragen, ob sie ihre Kopfschmerzen von gestern Abend verschlafen habe?
    Wie schade, liebe Barnewitz, dass Ihre Migräne Sie zwang, vor dem Cotillon
wegzugehen. Ich versichere Sie, es war der reizendste Cotillon, den ich je
mitgebracht habe. Fürst Waldernberg - Sie wissen, dass ich mit dem Fürsten den
Cotillon aufführte - Max Grieben hatte uns dringend darum gebeten - kannte eine
Menge der reizendsten Touren, wie sie auf den Hofbällen in Berlin getanzt
werden. Ich sage Ihnen, ein solcher Cotillon ist in Grünwald noch nicht getanzt.
Nicht wahr, Artur, es war zu allerliebst!
    O gewiss, gewiss! schnarrte der gehorsame Gatte, der mit der verwachsenen
Comtesse Stilow hatte tanzen müssen; ich versichere Sie, meine Herrschaften, es
war gottvoll, auf Ehre, gottvoll!
    Mir schien die Gesellschaft, offen gestanden, ein wenig gemischt, sagte
Hortense, die seit Emiliens Eintreten noch um einige Grade blasirter aussah; ich
habe nicht weniger als vier, sage vier, bürgerliche Artillerie-Offiziere
gezählt.
    Gott, das ist wohl möglich, sagte Emilie; obgleich ich allerdings keine Zeit
gehabt habe, sie zu zählen. Ich habe sogar mit einem getanzt - Schulz oder
Müller, oder wie er hiess, der nebenbei so ausgezeichnet walzte, wie man es sich
nur wünschen kann.
    Aber, liebe Emilie, konnten Sie denn das nicht vermeiden? fragte Hortense,
ihre Mantille in die Höhe ziehend.
    Ganz dieselbe Frage, die Fürst Waldernberg an mich stellte. Durchlaucht,
antwortete ich, ich schwärme gerade auch nicht für die Artillerie; aber ich
tanze doch noch lieber mit einem Bürgerlichen, als dass ich sitzen bleibe.
    Die Erwähnung eines Unglücks, welches Hortense gestern Abend zweimal
begegnet war, versetzte die genannte Dame in eine Aufregung, welche die zarte
Rosaschminke auf ihren Wangen vollständig überflüssig machte. Sie wollte eben
die Torheit begehen, durch eine heftige Antwort zu verraten, wie sicher sie
der von Emilien geschleuderte vergiftete Pfeil getroffen hatte, als der Bediente
»Herr und Frau Professor Jäger« meldete.
    Der Mann war so wohl geschult, dass er diesmal nicht, wie sonst, die
Gemeldeten sogleich in's Zimmer liess, sondern die Tür hinter sich schloss und,
der weiteren Befehle seiner Herrschaft gewärtig, kerzengrade an derselben stehen
blieb.
    Sie erlauben, meine Herrschaften, sagte Anna-Maria in entschuldigendem Tone,
zu der übrigen Gesellschaft gewandt, dass ich Herrn und Frau Professor Jäger
empfange? Die Leute haben sich stets treugesinnt und ihrer Stellung bewusst
gezeigt. Ich halte es für unsere Pflicht, dergleichen Menschen zu protegiren.
    Auf einen Wink der Gebieterin entfernte sich der Bediente, und alsobald
erschienen der Fragmentist und die Dichterin, unter tiefen Verbeugungen, die von
der adligen Gesellschaft mit kaum merklichem Kopfnicken erwidert wurden. Nur der
alte Baron erhob sich, schüttelte Beiden die Hand und hiess sie in seiner
ungeschminkten, herzlichen Weise willkommen.
    Primula blickte etwas verschüchtert aus den blauen Kornblumen, mit denen ihr
Hut garnirt war, hervor, während der Herausgeber des Chrysophilos mit gekrümmtem
Rücken heran trat, der Baronin die huldvoll dargebotene Hand küsste, sich dann
tief vor den beiden anderen Damen, nicht ganz so tief vor den Herren verbeugte,
und sich nach einigem Zögern auf den Rand eines Stuhls, der etwas ausserhalb des
Kreises stand, setzte, den Kopf auf die rechte Seite geneigt, harrend, ob Jemand
sich gemüssigt fühlen würde, ihn mit einer Frage zu beehren.
    Das Gespräch der Herrschaften drehte sich eben um ein höchst interessantes
Tema, um die Person Sr. Durchlaucht, des Premierlieutenants Fürsten
Waldernberg, der vor einigen Wochen von seinem Garderegiment in der Residenz
nach dem in Grünwald garnisonirenden Linienbataillon abcommandirt, und von dem
ersten Augenblick seines Auftretens der Löwe des in der Stadt versammelten
Landadels geworden war.
    Ich möchte nur wissen, weshalb er eigentlich abcommandirt ist, sagte von
Cloten. Felix, mit dem ich gestern über ihn sprach - à propos, gnäd'ge Frau, es
ist sehr gut, dass Felix das Zimmer hütet, er sieht wirklich recht schlecht aus;
- Felix meint, der Fürst werde wohl wieder einen Ehrenhandel gehabt haben; er
soll der leidenschaftliche Mensch sein, der sich denken lässt.
    Gott, Artur, sagte Emilie, Du sprichst, als ob Leidenschaft ein Verbrechen
wäre; ich wollte, es hätte Mancher mehr davon.
    Sind die Waldernbergs nicht slavischer Abkunft? fragte Hortense; mir däucht,
der Fürst sieht wie ein Mongole aus.
    O, Sie haben ihn nicht wie ich in der Nähe betrachtet, liebe Barnewitz,
sagte Emilie; er ist einer der schönsten Männer, die ich je gesehen habe, und er
tanzt wie ein Gott.
    Ich glaube, dass die Waldernbergs eine ursprünglich polnische Familie sind,
meinte Anna-Maria.
    Bewahre, gnäd'ge Frau! rief von Cloten, rein germanisch, auf Ehre, rein
germanisch.
    Ich bin überzeugt, dass uns Professor Jäger darüber etwas Genaueres
mitteilen kann, sagte die Baronin, sich mit huldvollem Lächeln zu dem Gelehrten
wendend.
    Allerdings, meine Gnädigste; rief dieser, froh, eine Gelegenheit zum
Auskramen seines Wissens gefunden zu haben; allerdings, es hat mir stets bei
meinen historischen Studien ein ganz besonderes Vergnügen gewährt, den
Genealogien der adligen Geschlechter nachzuforschen, und so habe ich denn auch
der Geschichte der Familie Waldernberg, die in vieler Hinsicht eine sehr
interessante ist, eine besondere Aufmerksamkeit zugewandt. Die Waldernbergs
sind, wenn meine Gnädigste mir diese Berichtigung verstatten will, in der Tat
rein germanischer Abkunft. Sie stammen ursprünglich aus Franken und sind erst
mit dem deutschen Orden nach Preussen gekommen. In späterer Zeit haben sie sich
allerdings mit polnischen adligen Familien vielfach verschwägert, wie sie denn
ausser in der Lausitz, wo die Stammherrschaft Waldernberg liegt, in russisch
Polen reich begütert sind. Auch der jetzige Fürst hat Beides, sarmatisches und
germanisches Blut in seinen Adern. Seine Mutter, die Frau Fürstin Stephanie
Letbus aus dem Hause Waldernberg vermählte sich im Jahre
achtzehnhundertzweiundzwanzig in Petersburg, wo sie seit ihrer frühesten Jugend
residirt hatte - ich erwähnte schon vorhin, dass ein Teil der Besitzungen in
Russland liegt - mit dem Grafen Constantin Malikowsky, dem letzten Sprossen einer
ehemals sehr reichen und mächtigen, später aber verarmten polnischen Familie.
Der Kaiser Alexander, der, wie man sagt, nach beiden Seiten hin Verpflichtungen
hatte, (hier lächelte der Professor ein schüchternes Lächeln) sowohl gegen die
junge Fürstin, die Hofdame bei der Kaiserin war, und sehr schön gewesen sein
soll, als auch gegen den Grafen, dessen Familie hauptsächlich durch russische
Güterconfiscationen ruinirt war, soll die Heirat zu Stande gebracht haben,
obgleich der Ruf des Grafen - die gnädigen Herrschaften verzeihen die
Wahrhaftigkeit des historischen Forschers - einigermassen, wie soll ich gleich
sagen? anrüchig war. Cavaliere müssen sich austoben - das versteht sich; aber
Graf Malikowsky hat es vermutlich ein wenig zu arg getrieben. Wie dem auch sei
- aus der Ehe des Grafen Constantin Malikowsky mit der Fürstin Stephanie Letbus
stammt der Fürst, der bis vor wenigen Jahren in russischen Diensten stand, dann,
als mit dem letzten Fürsten Waldernberg der Mannesstamm der Familie ausstarb und
die Herrschaft Waldernberg als erledigtes Lehen an die Krone fiel, durch die
Gnade seiner Majestät successionsfähig erklärt wurde und als gefürsteter Graf
von Malikowsky-Waldernberg - sein ganzer Name ist, wie den gnädigen Herrschaften
vielleicht noch nicht bekannt ist: Raimund, Gregorius, Stephan, gefürsteter Graf
von Malikowsky-Waldernberg, Erbherr von Letbus - in unsere Dienste trat.
    Die Gesellschaft war mit der tiefsten Aufmerksamkeit dem genealogischen
Vortrag des gelehrten Professors gefolgt, mit derselben Aufmerksamkeit ungefähr,
mit welcher eine Gesellschaft gewöhnlicher Krähen dem Bericht einer Eule über
die Abstammung eines Kolkraben, der von einem Flügelende bis zum andern fünf
Schuh misst, zuhören würde. In das andächtige Schweigen ertönte urplötzlich die
Stimme des Bedienten, der die Tür aufriss und in das Zimmer schrie:
    Sr. Durchlaucht, der Fürst von Waldernberg.
    Die Meldung des Bedienten elektrisirte die im Salon versammelte
Gesellschaft. Im nächsten Augenblick standen Alle ohne Ausnahme kerzengrade vor
ihren Stühlen, die erwartungsvollen Blicke starr nach der Tür gerichtet, durch
deren weit ausgesperrte Flügel der Fürst so rasch hereintrat, dass Anna-Maria ihm
nicht ganz die drei Schritte, welche die Etiquette erheischte, sondern nur einen
und einen halben vom Sopha aus entgegen gehen konnte.
    Sie haben die Güte gehabt, Madame, sagte der Fürst im reinsten Französisch,
indem er der Baronin leicht die Hand küsste, mir mit einer Einladung
zuvorgekommen, bevor ich Gelegenheit hatte, mich dieser Aufmerksamkeit würdig zu
machen. Verstatten Sie mir, dass ich versuche, das Versäumte nachzuholen.
    Ein Versuch, mein Fürst, antwortete Anna-Maria mit ihrem huldvollsten
Lächeln, ebenfalls auf französisch, der bei einem Cavalier, wie Sie, des
Erfolges sicher ist. Erlauben Sie, dass ich Ihnen die Gesellschaft vorstelle. -
Der Baron, mein Gemahl - Herr und Frau von Barnewitz - Herr und Frau von Cloten
-
    Ich habe bereits die Ehre - sagte der Fürst lächelnd.
    
    Professor Jäger - ein vortrefflicher Gelehrter und treuer Freund unseres
Hauses; Frau Professor Jäger, eine Dame, deren poetisches Talent Aufmunterung
verdient.
    Der Fürst verbeugte sich gegen jede der ihm vorgestellten Personen mit Würde
und Höflichkeit, und gab, indem er neben Anna-Maria auf einem Lehnsessel Platz
nahm, das Signal zum Niedersitzen.
    Der Fürst und die Baronin nahmen die Kosten der Unterhaltung im Anfang fast
ausschliesslich auf sich, bis es Hortense gelang, sich durch eine dazwischen
geworfene Bemerkung des Wortes zu bemächtigen und es eine Zeit lang zu
behaupten, zum grössten Aerger Emiliens, die ihrer Gegnerin diesen Triumph
unbestritten lassen musste, da sie sehr mangelhaft französisch sprach und der
rapiden Rede der Nebenbuhlerin kaum zu folgen vermochte. Hortense, welche
Emiliens Schwäche kannte, trieb die Bosheit sogar so weit, sich alle Augenblicke
mit einem qu'en dites vous, chère amie? n'est ce pas, Emilie! an sie zu wenden
und sie so zu Antworten zu zwingen, die mindestens in der Form sehr viel zu
wünschen liessen. Der ältern der beiden Damen gewährte dieser Triumph über ihre
jüngere Rivalin ein Vergnügen, das sich zum Entzücken steigerte, als der Fürst
Emilie zuletzt kaum noch beachtete und sich ganz dem Reiz von Hortense's
pikanter Unterhaltung hingab.
    Indessen war Emilie zu keck und leichtsinnig, um sich durch eine momentane
Niederlage um ihren guten Humor bringen zu lassen. Der Fürst war, obgleich sie
ihn vorhin, ihre Nebenbuhlerin zu ärgern, so gerühmt hatte, gar nicht nach ihrem
Geschmack, und wenn er nicht, wie er es gestern den ganzen Abend getan, deutsch
mit ihr sprechen wollte, so mochte er es bleiben lassen. Sie hatte schon während
der ganzen Visite eine Gelegenheit erspäht, mit Frau Professor Jäger in's
Gespräch zu kommen, von der sie vermutete, dass sie ihr Nachricht von Oswald,
den sie seit dem letzten Zusammentreffen neulich Abend nicht wieder gesehen
hatte, geben könne. So benutzte sie denn jetzt den günstigsten Augenblick, wo
der Fürst sich mit Hortense und der Baronin, der Baron mit dem Professor, und
von Barnewitz mit ihrem Gemahl unterhielt, um sich bei Primula nach dem jungen
Manne, der im Sommer bei Grenwitzens Hauslehrer war, Fels glaube ich, oder Berg,
oder wie er sonst hiess, zu erkundigen, da eine ihr bekannte Familie einen
Erzieher suche. Emilie hatte sich nicht geirrt; Primula konnte über Herrn Stein
- nicht Fels, obgleich er ein Felsenherz hat, nicht Berg, obgleich er berghoch
über anderen Männern steht, - ganz genaue Auskunft geben. Er komme fast alle
Tage zu ihr (Oswald war einmal dagewesen); er sei wie ein Kind im Hause und ihr
in treuer Freundschaft ebenso verbunden, wie im gleichen Streben nach dem
Höchsten. Sie glaube freilich nicht, dass Oswald jetzt eine Stelle annehmen
werde, da er in den »dumpfen Banden der Schule schmachte,« indessen sie wolle
ihm das Anerbieten mitteilen.
    Tun Sie das lieber nicht, beste Frau Professor, sagte Emilie nach kurzem
Bedenken; Sie wissen, dass Herr Stein - wie konnt' ich doch den Namen vergessen!
- nicht ganz friedlich aus unserem Kreise geschieden ist. Er möchte das
Anerbieten, wenn es ihm so gebracht wird, ohne weiteres zurückweisen. Können Sie
nicht - wie machen wir das nur? - ja! so geht's! Können Sie es nicht so
einrichten, liebe Frau Professor, dass ich, wie zufällig, einmal mit Herrn Stein
bei Ihnen zusammentreffe! Ich habe so schon lange den Wunsch gehabt, einmal den
Arbeitstisch der Dichterin der »Kornblumen« zu sehen!
    Sie entzücken mich durch Ihre Güte, rief Primula, ich kann nur, wenn Sie
wirklich in meine einfache Hütte treten wollen, mit dem Zeus der geteilten Erde
sprechen: so oft Du kommst, sie soll Dir offen sein.
    Emilie war so in dies interessante Gespräch vertieft, dass sie ihr Gemahl
daran erinnern musste, die Gesellschaft sei im Begriff aufzubrechen. Der Fürst
hatte sich erhoben; die Andern waren seinem Beispiel gefolgt.
    Madame, sagte der Prinz, j'ai l'honneur - das Wort erstarb ihm auf den
Lippen, denn ihm gegenüber in einem hohen Wandspiegel erschien plötzlich die
Gestalt eines wunderschönen Mädchens, das eben, ohne vom Bedienten angemeldet zu
werden, in den Salon getreten war. Er wandte sich fast erschrocken und nun trat
mit einer tiefen Verbeugung bei Seite, der jungen Dame Platz zu geben, damit sie
zur Baronin gelangen könnte.
    Die Allen, mit Ausnahme des Barons und der Baronin unerwartete Erscheinung
Helenens überraschte und interessirte Jeden in seiner Weise. Nur der Fürst, der
sie heut zum ersten Male sah, wusste nichts von dem Zwist, in der Familie; für
die Andern war die Grenwitzer Katastrophe schon seit Wochen ein mit Eifer,
Gründlichkeit und Scharfsinn nach allen Seiten hin ventilirtes Tema der
Unterhaltung gewesen; und in Folge dessen diese erste Begegnung der Tochter und
der Eltern das fesselndste Schauspiel. Indessen, wenn man etwas
Ausserordentliches erwartet hatte, so sah man sich getäuscht. Der Baron, der
Helene entgegen gegangen war und sie auf die Stirn geküsst hatte, verriet
allerdings einige Erregung; aber Mutter und Tochter begrüssten sich mit einer
höflichen Kälte, die der Neugier und Skandalsucht der versammelten
Geberdenspäher und Geschichtenträger sehr wenig Stoff bot.
    Ah, guten Tag, liebes Kind, sagte die Baronin auf französisch, Helenen
ebenfalls, aber sehr flüchtig auf die Stirn küssend, Du kommst ja zu recht
gelegener Zeit. Erlauben Sie, mein Fürst, dass ich Ihnen meine Tochter Helene
präsentire. - Seine Durchlaucht, der Fürst von Waldernberg, liebe Tochter.
    Helene erwiderte ruhig die tiefe Verbeugung des Fürsten, und wandte sich
dann zu Emilie von Cloten, von der sie mit grosser Herzlichkeit bewillkommnet
wurde. Emiliens schnellem Blick war der Eindruck nicht entgangen, welche die
hinreissende Schönheit Helenens auf den Fürsten gemacht hatte. Mochte doch der
Fürst bewundern, wen er wollte, wenn nur Hortense um ihren Triumph kam.
    O, wie reizend, rief sie, Helene umarmend, dass Du Dich einmal sehen lässt.
Ich wollte schon alle Tage zu Dir kommen; wir haben uns ja eine Welt zu
erzählen! Und sie fasste die Freundin bei beiden Händen und zog sie ein paar
Schritte fort, um mit leiserer Stimme zu sagen: Du, der Fürst ist weg,
totalement weg! er verwendet keins seiner schwarzen Augen von Dir. Wenn Du ihn
haben willst, ich will ihn Dir lassen. Er tanzt sehr schön, aber er ist nicht
mein Genre. Muntre ihn ein wenig auf; die Barnewitz ärgert sich so darüber!
Denke Dir, die alte Kokette will noch immer die erste Rolle spielen, trotzdem
sie sich jetzt selbst die Adern blau schminkt und gestern bei Griebens zweimal
sitzen geblieben ist. Wie geht es Dir bei der Bärin? und à propos: hast Du
nichts von Oswald Stein gehört? Gott, ich werde den Abend bei Euch nicht
vergessen! Wir kamen mit unserer Warnung zu spät, aber er hat sich gut
herausgerissen. Selbst Artur sagt, er habe sich ganz wie ein Cavalier gehalten.
Dreh' Dich nicht um, der Fürst kommt hierher. Er wird Dich auf morgen zum ersten
Walzer engagiren wollen. Er tanzt trotz seiner Hünengestalt wundervoll.
    Die schlaue Emilie hatte ganz recht gehabt. Der Fürst hatte in der Tat,
während er sich noch immer mit der Baronin unterhielt, fortwährend nach Helene
hinübergeblickt und so zerstreut geantwortet, wie Jemand, dessen Gedanken ganz
wo anders sind, zu antworten pflegt. Plötzlich unterbrach er eine glänzende
Phrase Anna-Maria's mit der Frage, ob morgen getanzt würde? und ob er in diesem
Falle die Erlaubnis habe, Fräulein von Grenwitz um einen Tanz zu bitten? Als
beide Fragen mit einem huldvollen oui, monseigneur! beantwortet wurden, trat er
mit einer Verbeugung zu den jungen Damen heran.
    Ich bitte um Verzeihung, sagte er auf Deutsch, wenn ich die Damen in Ihrer
Unterhaltung störe. Aber ich kann nicht fortgehen, ohne wenigstens den Versuch
gemacht zu haben, mich für morgen eines Tanzes zu versichern. Darf ich hoffen,
gnädige Frau? werde ich die Ehre haben, mein gnädiges Fräulein?
    Emilie und Helene verneigten sich, und der Fürst verabschiedete sich darauf
mit einer Eile, die deutlich bewies, dass ihn nur die Erledigung dieses wichtigen
Punktes noch gehalten hatte.
    Der Ausbruch Seiner Durchlaucht war für die übrige Gesellschaft, welche nur
darauf gewartet hatte, das Signal, sich ebenfalls zu verabschieden, zu grosser
Zufriedenheit der Kutscher und Bedienten unten auf der Strasse, die, ebenso wie
ihre Pferde, anfingen, nachgerade ungeduldig zu werden.
    Die Equipagen waren davongerollt. Das Empfangszimmer im Hotel war wieder
leer bis auf den Baron und die Baronin; Helenen hatten Clotens in ihrem Wagen
mitgenommen. Der unterbrochene Dialog konnte wieder aufgenommen werden. Aber es
geschah nicht. Der alte Mann fühlte sich zu angegriffen, und bei Anna-Maria war
die Frage: ob Helene in der Pension bleiben solle, oder nicht? in ein ganz neues
Stadium getreten, seitdem - und das war seit zehn Minuten ungefähr - ihrem
ehrgeizigen Kopfe der Gedanke gekommen war, ob es nicht doch, Alles in Allem,
besser sei, sich wieder mit ihrer Tochter zu versöhnen, die mindestens
ebensoviel und vielleicht mehr Aussicht habe, als eine andere junge Dame,
Fürstin von Waldernberg-Malikowsky, Gräfin von Letbus zu werden.
 
                           Zweiundzwanzigstes Capitel
Franz hatte als einer der Vertreter des Geheimrats in seiner ärztlichen Praxis
- einen andern Teil hatte ein College übernommen - während der nächsten Wochen
vollauf zu tun. Schwerer aber als seine Berufsgeschäfte lasteten auf ihm die
Ordnung der Geschäftsverhältnisse seines Schwiegervaters, die äusserst
verwickelter Natur waren. Es stellte sich nach und nach heraus, dass die Schulden
des Geheimrats keineswegs so bedeutend sein würden, wenn es möglich wäre, das
Geld, welches er überall ausstehen hatte, wieder zu bekommen. Aber darauf war in
den wenigsten Fällen zu rechnen. Die Schuldner des Geheimrats wohnten meistens
in Dachkammern und Kellerwohnungen; es waren Krüppel, und Lahme, mit Gebrechen
aller Art Behaftete, sehr häufig Waisen und Wittwen; nicht minder häufig aber
auch schlechte Subjecte, welche die wohlbekannte Liberalität des Geheimrats auf
schnöde Weise gemissbraucht hatten. Welche unerhörte und ach! so vergebliche
Anstrengungen hatte dieser Mann gemacht, das Danaidenfass des Proletariats zu
füllen! mit welchem Eifer sich zum armen Manne gemacht, um die Armut rings um
sich her zu vertilgen, dem fabelhaften Pelikane gleich, der seine Jungen mit dem
eigenen Blute ätzt! In welche Verlegenheiten hatte er sich gestürzt, um Andere
aus der Verlegenheit zu reissen! wie oft sich um den Schlaf gebracht, damit sein
Nachbar ruhig schlafen könne! um anderer Leute Schulden zu bezahlen, sich selbst
zu Wucherzinsen Geld geborgt; um anderen Leuten in ihrem Geschäft weiter zu
helfen, sich in Speculationen eingelassen, von denen er nichts verstand, die
aber, wenn man den Unternehmern glaubte, einschlagen und hundertfache Procente
bringen mussten und die natürlich nie einschlugen und dem leichtgläubigen,
gutmütigen Geheimrat neue und immer neue Verbindlichkeiten aufluden.
    In diesem Wust von mehr oder weniger unklaren Verhältnissen sich zurecht zu
finden, und in jedem Falle zu entscheiden, was für den Augenblick und in Zukunft
dabei zu tun war, hätte einem gewiegten Advokaten schwer fallen müssen,
geschweige denn Franz, der in solchen Geschäften natürlich wenig bewandert war.
Aber die Liebe verlieh ihm hundertfache Kraft und schärfte sein natürliches
Zartgefühl in dem eigentümlichen Verhältnis zu seinem Schwiegervater, wo er
fortwährend zu ermutigen, zu beschwichtigen, zu überreden hatte. Würde ich mich
doch keinen Augenblick besinnen, sagte er dann wohl, Ihnen in's Wasser
nachzuspringen, wenn ich Sie in der Gefahr des Ertrinkens sähe; und würden Sie,
und würde doch Jeder, das, Alles in Allem, natürlich finden. Jetzt, wo Sie in
einer Gefahr sind, die für Manche etwas viel Grässlicheres hat, als die
Todesgefahr - denn ihr zu entrinnen, stürzen sich viele unbedenklich in den Tod
- riskire ich für Sie, nicht etwa mein Leben, das Sie mir nicht wieder schaffen
- nein, nur ein paar tausend Taler, die Sie mir, wenn Sie gesund werden, wozu
ja jetzt die schönste Höffnung ist, jeder Zeit zurückerstatten können, und an
denen, wenn sie wirklich verloren gingen, auch weiter nichts gelegen ist.
    So suchte Franz dem Schwiegervater über manche trübe Stunde wegzuhelfen, in
welcher das Gefühl der Krankheit und das Bewusstsein seiner Lage gar zu schwer
auf seiner Seele lastete. Franz hoffte, dass die vortreffliche Natur des Mannes
das Uebrige tun würde. In der Tat hatte der Geheimrat kaum die Ueberzeugung
gewonnen, dass - Dank der umsichtigen, energischen Hülfe seines Schwiegersohnes -
auch wenn er sogleich sterben sollte, auf seinem Namen keine Unehre haften
bleiben würde, als er sich aller Sterbegedanken entschlug und an nichts dachte,
als daran, sobald als möglich wieder gesund zu werden; nicht ganz gesund, sagte
er, denn das werde ich nicht wieder, aber halb gesund oder zwei Drittel, gerade
gesund genug, um das Heu, das jetzt nass auf dem Schwaden liegt, trocken auf den
Boden bringen zu können. Ich fühl' es jetzt, ich habe noch ein paar Abendstunden
vor mir; ich will sie gut benutzen. Sie sollen mir, lieber Franz, ausser Ihrem
baaren Gelde nicht auch noch Ihre Zukunft zum Opfer bringen.
    Gerade in dieser Zeit geschah es, dass ein berühmter Universitätslehrer in
der Residenz durch eine Monographie über Typhus, die Franz in diesem Sommer
herausgegeben hatte, an einen seiner begabtesten Schüler erinnert wurde. Er
schrieb an Franz, um ihm zu diesem Werke, das von seinem durchdringenden
Scharfsinn ebenso rühmliches Zeugnis ablege, wie von seiner, bei einem so jungen
Manne staunenswürdigen Gelehrsamkeit, zu gratuliren. - Aber, fuhr der Brief
fort, indem ich Ihnen im Namen der Wissenschaft für Ihr Buch danke, erlaube ich
mir zugleich, Ihnen einen Vorschlag zu machen, den ich in eben so schleunige wie
ernste Erwägung zu ziehen bitte. Zu Ostern wird die Stelle des ersten
Assistenzarztes an dem hiesigen grossen Krankenhause frei. Ich wüsste unter
unseren jüngeren Gelehrten Keinen, dem ich dieselbe so gern anvertrauen würde,
wie Ihnen. Der Gelehrte verbreitete sich sodann weiter über die Vorteile, die
für Franz aus dieser Stellung erwachsen würden, und schloss mit den Worten: Sie
sehen, es bietet sich Ihnen hier eine Aussicht, die günstiger nicht gedacht
werden kann. Ich bin, wie sie wissen, ein sehr nüchterner Beobachter der
Menschen und Dinge; aber wie die Verhältnisse an unserer Universität sind, kann
es nicht ausbleiben, dass Sie in wenig Jahren zum ordentlichen Professor
avanciren. Ich bin überzeugt, dass mein Freund Robran, den ich bestens zu grüssen
bitte, die Sache ebenso ansehen wird. Sprechen Sie mit ihm darüber und antworten
Sie mir möglichst bald.
    Franz hatte geantwortet - aber ohne mit seinem Schwiegervater gesprochen zu
haben. Er hatte das Anerbieten, dessen Vorteile ihm natürlich nicht entgangen
waren, abgelehnt. Die Carrière, in welche man ihn hineinhaben wollte, war,
obgleich sie dem Manne der Wissenschaft die besten Chancen bot und auch
schliesslich den weltlichen Ehrgeiz glänzend zu befriedigen versprach, doch für
die ersten Jahre voraussichtlich nicht nur sehr wenig lucrativ, sondern
erheischte ein unabhängiges, wenn auch kleines Vermögen, das Franz - seit
einigen Tagen nicht mehr besass. Er hatte sich durch seine Grossmut in die Lage
gebracht, in einer Zeit, die er notwendig noch zu seiner wissenschaftlichen
Fortbildung bedurfte, auf den Gelderwerb bedacht sein zu müssen. Und zu diesem
Zwecke war Grünwald und die Situation, in welcher er sich hier als Schwiegersohn
des gesuchtesten Arztes befand, ausnehmend geeignet. Deshalb - fahr wohl du
glänzende Spiegelung von einem in der Fülle geistiger Arbeit und geistigen
Genusses mächtig dahinrauschenden Lebens!
»Weg du Traum, so hold du bist,
Hier auch Lieb' und Leben ist.«
So tröstete sich Franz, während er den geliebten Menschen seinen Ehrgeiz, seine
Hoffnungen zum Opfer brachte, und seine grösste Sorge war nun die, dass diese
geliebten Menschen, vor allem seine Braut, nicht etwas von diesem Opfern
erführen.
    Diese Sorge schien indessen unnötig. Sophie erklärte sich die Wolken, die
sich auf Franz' Stirn in Augenblicken, wo er sich unbeobachtet glaubte,
lagerten, einfach aus der Ueberlast seiner ärztlichen Geschäfte, und seine
häufigen langen Zusammenkünfte mit dem Vater aus demselben Grunde. Seitdem der
Zustand des Vaters keine directe Bersorgniss mehr einflösste, war der glückliche
leichte Sinn Sophiens wieder in seine Rechte getreten. Sie besorgte emsig ihre
Aussteuer und klagte gegen Franz in komischer Weise über den Wirrwarr, der durch
die gleichzeitige Bersorgung so vieler und so verschiedenartiger Dinge in ihrem
Kopf hervorgebracht würde. Wie sehr würde die frohe Laune, deren sie sich in
dieser Zeit erfreute, wo sie sich, wie ein singendes, zwitscherndes, flatterndes
Vögelchen, ihr Nest zusammentrug, gestört worden sein, wenn sie die
Verhandlungen zwischen dem Vater und Franz mit angehört; wenn sie erfahren
hätte, dass das Geld, mit dem sie heiteren Mutes die langen Rechnungen bezahlte,
aus Franz' Kasse floss! Ueber den Kummer, bis zu dem Termin ihrer Hochzeit, auf
dessen Innehaltung Franz mit einer bei ihm ganz ungewöhnlichen Hartnäckigkeit
bestand, nicht fertig zu werden, hatte sie sich mittlerweile getröstet; ja im
Grunde hatte sie das Unglück, mit einigen Dutzend noch nicht gesäumter oder
gezeichneter Handtücher, Tischtücher, Servietten, mehr oder weniger ihre
Wirtschaft anzufangen, niemals für ein so gar grosses gehalten.
    So war denn für Sophie in dieser Sturm- und Drangperiode nichts
empfindlicher, als dass der trauliche Cirkel, der sich allabendlich um den Kamin
des Wohnzimmers zu versammeln pflegte, so gut wie gestört war. Der Vater musste,
obgleich er jetzt jeden Tag länger aufblieb, doch sehr früh sein Lager
aufsuchen; Franz war oft bis tief in die Nacht hinein in der Stadt, oder hatte
in seiner Wohnung zu arbeiten; auch der Dritte im Bunde, der alte Student, wie
er sich selber nannte, Bemperlein liess sich seit einiger Zeit nicht mehr sehen,
so dass Sophie sich endlich selbst auf den Weg gemacht hatte, um ihn in seiner
Wohnung aufzusuchen, da sie nicht anders glaubte, als er sei krank und Franz
habe es ihr aus übertriebener Zärtlichkeit verschwiegen. Aber sie fand den alten
Studenten in seinem Laboratorium, mitten unter Phiolen, Retorten, Büchsen und
Instrumenten - anzuschauen, wenn nicht wie Faust, so doch wenigstens wie Fausts
Famulus - jedenfalls sehr fleissig und beschäftigt, aber offenbar nicht
lebensgefährlich krank. Bemperlein entschuldigte sich mit seinen Arbeiten - eine
sehr complicirte chemische Analyse, bei der er sich nicht unterbrechen dürfe -
wie Sophie wohl glauben könne, dass er etwas übel genommen habe! er, etwas übel
nehmen! und Sophien übel nehmen! - es sei wirklich nur die Analyse schuld und
zum Beweise werde er noch heute Abend zur gewöhnlichen Zeit kommen und die
gewöhnliche Zeit dableiben.
    Sophiens blaue Augen konnten, obgleich sie ein wenig kurzsichtig waren, in
der Nähe doch recht scharf sehen, und so war ihnen ein gewisser Schleier von
Verlegenheit, der über Bemperleins ehrlichem Gesichte hing, während er auf die
langweilige Analyse schimpfte, nicht entgangen. Als nun die junge Dame langsam
nach Haus schritt und darüber nachdachte, was wohl von Bemperleins Fortbleiben
der eigentliche Grund sein möchte, stiess sie, als sie um eine Strassenecke bog,
beinahe an einen Herrn, der ihr sehr raschen Schritts entgegenkam.
    Pardon! sagte der Herr, an seinen Hut greifend und weiter eilend.
    Es war Oswald Stein. Er hatte Sophie offenbar nicht erkannt. -
    Diese unerwartete Begegnung gab Sophiens Gedanken plötzlich eine andere
Richtung. Es fiel ihr ein, dass Bemperlein nicht wieder in ihrem Hause gewesen
sei, seitdem er Oswald, der eben mit Helenen fortgehen wollte, dort getroffen;
dass die Begegnung der beiden Herren sehr kalt, befremdend kalt gewesen war, und
dass Bemperlein, über sein Verhältnis mit Oswald gefragt, ausweichend geantwortet
hatte. Hatte Oswald, der seitdem einige Abende auf kürzere Zeit, einmal zusammen
mit Helene Grenwitz, dagewesen war, Bemperlein verscheucht? War Bemperlein
eifersüchtig?
    Da Sophie von Bemperleins früherem Verhältnis zu Oswald nichts wusste, so war
es erklärlich, dass sie trotz ihres Scharfsinns in ihren Vermutungen jetzt so
weit am Ziel vorbeischoss. Die Wahrheit lag in der Tat ganz wo anders.
    Wenn Anastasius Bemperlein Jemand, den er einmal hochgeschätzt und innig
geliebt hatte, nicht mehr die Hand zum Gruss reichen mochte, so konnte man
versichert sein, dass in die Milch seiner Denkungsart ein sehr starkes Gift
geträufelt war. Anastasius Bemperlein hatte Oswald Stein ganz vertraut. Er hatte
ohne Furcht das Glück und das Leben geliebter Menschen in seiner Hand gesehen.
Er hatte all' seine schweren Bedenken gegen eine Verbindung, die so rasch
geschlossen, die auf der so unsicheren Basis gänzlich verschiedener socialer
Stellungen ruhte, bekämpft. Er hatte sich gesagt: das Alles sei ja eitel Tand im
Vergleich mit dem unschätzbaren Wert wahrer Liebe. Ist doch die Liebe stärker
als Glaube und Hoffnung; wie sollte sie nicht mächtiger sein, als bornirte
Vorurteile? - Er war schliesslich dahin gelangt, in der Vereinigung Oswald's und
Melitta's einen Sieg der reinen Menschlichkeit über die Barbarei der
Civilisation, einen Triumph der Wahrheit über die Lüge zu erblicken.
    Aber auch nur auf dieser sittlichen Höhe war das Verhältnis gerechtfertigt
und möglich. Sank Einer der Beiden unter das Niveau, so waren Beide verloren.
Bemperlein kannte Frau von Berkow seit sieben Jahren; er wusste, dass ihr Herz gut
und treu war; Bemperlein kannte Oswald seit eben so viel Wochen, und er glaubte,
dass Oswald ihrer wert sei. Er glaubte es, weil - er musste, weil ihm ein Zweifel
an dem Geliebten seiner vielgeliebten Herrin ein Frevel schien.
    Und doch hatte sich dieser Zweifel an ihn herangeschlichen, langsam, leise,
wie sich im Traum ein gräuliches Ungeheuer, dem wir vergebens zu entrinnen
suchen, an uns heranwälzt. Er hatte diesen Zweifel bekämpft, bis er nicht länger
möglich war.
    Melitta war von ihrer zweiten Reise nach Fichtenau, zu welcher Bemperlein
vergeblich seine Begleitung angeboten hatte, zurückgekehrt; aber, nachdem sie
sich eine Stunde in Grünwald aufgehalten, sogleich mit Julius nach Berkow weiter
gereist, ohne nach Bemperlein geschickt zu haben. Bemperlein erfuhr, dass sie
dagewesen, erst durch den alten Baumann, der, Julius' Sachen zu ordnen und
andere Commissionen auszurichten, in der Stadt zurückgeblieben war. Bemperlein
hatte mit dem alten Mann niemals über Oswald gesprochen. Diesmal fing jener
selbst davon an. Er erzählte, dass Herr Stein zu gleicher Zeit mit ihnen in
Fichtenau gewesen, aber, trotzdem er vom Kellner der gnädigen Frau Anwesenheit
erfahren, ohne sich ihr vorzustellen, abgereist war. Hier schwieg er,
augenscheinlich um zu hören, wie Bemperlein diese Nachricht aufnehmen würde. Als
Bemperlein aber nichts weiter, als: so, so! - in der Tat! darauf erwiderte,
vermochte der Alte nicht länger an sich zu halten und schüttete sein ganzes
volles Herz und damit die volle Schale seines Zornes über Oswald aus.
    Er habe dem Musjö vom ersten Augenblicke an nicht über den Weg getraut, und
nun sei es ja sonnenklar, dass der schlechte Mensch die arme gnädige Frau
schändlich betrogen habe. Ueberdies habe er, Jakob Baumann, mit der gnädigen
Frau gesprochen, in aller Ehrerbietung, denn er sei nur ein Dienstmann und kenne
seine Stellung, aber auch mit allem Ernst, denn er habe sie als Kind auf den
Armen getragen und sie immer väterlich geliebt, und sie habe ihm gebeichtet, wie
sie's noch stets bei solchen und ähnlichen Gelegenheiten getan, nicht ganz und
nicht halb, aber für ihn, der sie so genau kenne, wie die Fläche seiner Hand,
gerade genug. Und da habe er, Jakob Baumann, grosses Verlangen gehabt, den Musjö,
der seiner gnädigen Frau so mitgespielt, niederzuschiessen, wie einen tollen
Hund, und es habe wenig daran gefehlt, so hätte er es auch getan, »einmal in
der Nacht auf der Haide zwischen Grenwitz und Faschwitz.« Aber jetzt danke er
doch Gott, der seinen Arm zurückgehalten und ihm dies Verbrechen erspart habe,
um so mehr, »als er es nicht hat geschehen lassen, dass die Geschichte der armen
gnädigen Frau das Herz brach, sondern ihr die Augen aufgetan und ihr den Weg
gezeigt hat, auf dem allein für sie auf Erden Heil zu finden ist.« Welches
dieser Weg sei, darüber hatte sich der alte Mann nicht weiter ausgelassen,
sondern war aufgestanden und, als wolle er alle weiteren Fragen unmöglich
machen, schnell zum Zimmer hinausmarschirt.
    Dies Gespräch, das seine schlimmsten Befürchtungen bestätigte, hatte
Bemperlein tief ergriffen und es hatte den peinlichsten Eindruck auf ihn
gemacht, als er noch voll von diesen Empfindungen zu Robrans kam und der Erste,
der ihm dort entgegentrat, - Oswald war.
    Ja, diese Begegnung hatte ihn so peinlich berührt, und eine mögliche
Wiederholung derselben dünkte ihn so abscheulich, dass er ganze acht Tage
brauchte, sich von diesem Schrecken zu erholen, und wer weiss, wie lange er noch
gebraucht haben würde, wenn Sophie nicht gekommen wäre und seiner
Unentschlossenheit ein Ende gemacht hätte. Und doch hatte ihn in diesen acht
Tagen so nach seiner Freundin verlangt!
    Glücklicherweise traf er Sophie dieses Mal allein, als er nach einer Stunde
im Wohnzimmer erschien. Franz war eben dagewesen und hatte versprochen, später
wieder zu kommen. Es fiel Sophie auf, dass Bemperlein mehrmals fragte: aber wir
werden doch sonst keinen Besuch haben? und sie brachte diese Frage natürlich mit
den Vermutungen, die sie über Bemperleins Wegbleiben angestellt hatte, in
Verbindung. So sagte sie denn, nachdem sie Bemperlein, der mit dem Schüreisen
unablässig in den Kohlen rührte, eine Zeitlang schweigend beobachtet hatte:
    Nicht wahr, Bemperchen, der eigentliche Grund, weshalb Sie acht Tage lang
nicht gekommen sind, ist, weil Sie Oswald Stein hier zu begegnen fürchteten?
    Wer sagte Ihnen das? fragte Bemperlein, erschrocken in seiner Beschäftigung
inne haltend.
    Eine Frage ist keine Antwort, erwiderte Sophie. Nur heraus mit der Sprache,
Bemperchen! Geheimnisskrämerei ist im Verkehr mit so klugen Leuten, wie ich, ein
schlecht rentirendes Geschäft. Ich weiss Alles.
    Was wissen Sie? rief Bemperlein in grosser Aufregung von seinem Stuhl in die
Höhe fahrend.
    Aber, Bemperchen! sagte Sophie, wie können Sie nur so wenig Rücksicht auf
meine Nerven nehmen! Es wird Einem ja ganz unheimlich, wenn man Sie mit dem
glühenden Eisen in der Hand da stehen sieht, wie den Mann bei Shakespeare.
Beruhigen Sie sich nur wieder! Ich weiss gar nichts. Aber Sie würden mir in der
Tat einen Gefallen tun, wenn - aber erst setzen Sie sich einmal wieder und
stellen den Schürer aus der Hand! so! - wenn Sie mir in aller Ruhe und
Freundschaft sagten, was Sie eigentlich haben, denn je länger ich Sie betrachte,
desto veränderter kommen Sie mir vor.
    Fräulein Sophie, erwiderte Bemperchen, Sie wissen, man kann selbst gegen
seine vertrautesten Freunde - und ich habe zu Niemand in der weiten Welt
grösseres Vertrauen, als zu Ihnen - nicht immer ganz offen sein, weil unsere
Geheimnisse in vielen Fällen nicht bloss unsere Geheimnisse, sondern auch die
Anderer sind, und insofern von uns heilig gehalten werden müssen.
    Aber, Bemperchen, sagte Sophie, Sie können doch unmöglich glauben, dass ich
mich in Ihre Geheimnisse stehlen will! Ich bin weder so unbescheiden, noch so
neugierig. Lassen wir die Sache ruhen und sprechen wir von was Anderm!
    Nein, nein, rief Herr Bemperlein eifrig, lassen Sie uns davon sprechen! Sie
glauben nicht, wie ich mich danach gesehnt habe, mit Ihnen über - über gewisse
Dinge - gewisse Personen - die -
    Herr Bemperlein hatte schon wieder das noch nicht erkaltete Schüreisen
ergriffen und störte emsiger, als je in den glühenden Kohlen. Sophie sah diesem
seltsamen Treiben kopfschüttelnd zu. Es kam ihr flüchtig der Gedanke, Bemperlein
könnte sich bei seiner chemischen Analyse übermässig angestrengt und sein Kopf in
Folge dessen etwas gelitten haben.
    Was mein Nichtkommen betrifft, fuhr Bemperlein plötzlich fort, so haben Sie
darin ganz Recht gehabt. Ich bin weggeblieben, weil ich mit Oswald Stein nicht
wieder zusammentreffen wollte.
    Aber, sagte Sophie, Franz hat mir doch gesagt, dass Sie und Stein sehr gute
Freunde gewesen wären. Wodurch seid Ihr denn auseinandergekommen?
    Wodurch? antwortete Bemperlein. Ja, Fräulein Sophie, das ist es ja eben, was
ich Ihnen so gern sagen möchte und doch nicht sagen darf. Würden Sie mit Jemand
umgehen, oder vielmehr, würden Sie nicht Jemand auf alle Weise auszuweichen
suchen, der einen Dritten, den Sie eben so sehr lieben wie verehren, tödtlich
beleidigt hat?
    Gewiss, sagte Sophie, denn dann hätte er ja mich selbst beleidigt. Aber sind
Sie auch gewiss, dass die Sache sich wirklich so verhält? Haben Sie auch beide
Teile gehört? Was mich betrifft, so bin ich eben nicht sehr entzückt von Herrn
Stein, oder offen gesagt, er missfällt mir desto mehr, je öfter ich ihn sehe;
aber Franz, der sonst so klug ist und die Menschen so durchschaut, schwärmt doch
förmlich für ihn. Wie wäre das möglich, wenn Stein ein schlechter Mensch wäre?
    Ich habe nicht gesagt, dass er schlecht ist, erwiderte Bemperlein, eine grosse
Kohle bearbeitend; schlecht ist überhaupt ein relativer Begriff; und was ich
schlecht gehandelt nenne, nennt Herr Stein vielleicht nur leichtsinnig, oder
cavalièrement gehandelt oder dergleichen. Ich nenne aber schlecht gehandelt,
wenn Einer -
    Hier unterbrach sich Bemperlein und hieb wiederum auf die grosse Kohle los.
    Wie würden Sie es zum Beispiel nennen - ich spreche hier nicht von Herrn
Stein - wenn Einer einem armen abhängigen verwaisten, hülflosen Mädchen, das
Niemand, Niemand auf der weiten Welt hat, der es schützen könnte und würde, so
lange von Liebe vorschwatzt, bis das Mädchen an diese Liebe glaubt, sie zu
heiraten verspricht mit allen heiligen Eiden; und sie dann hernach an einen
Wüstling verkauft und verrät, verkaufen, verraten will - o, es ist schändlich,
schändlich!
    Aber, um Gotteswillen, Bemperchen! hat Oswald so etwas getan!
    Ich sagte Ihnen schon, ich spreche nicht von Herrn Stein. Es gibt mehr
Cavaliere auf der Welt, von denen Einer dem Andern so ähnlich sieht, wie eine
Natter der andern Natter.
    Liebes Bemperchen, bitte, bitte, stellen Sie den Schürer hin - ich kann es
wahrhaftig nicht mehr aushalten. Nehmen Sie diese Schlummerwalze, wenn Sie
durchaus etwas in den Händen haben müssen.
    Danke! sagte Bemperlein, den Schürer fortstellend und die Walze nehmend, und
darauf, die Walze wie ein Kind im Arm haltend, in Schweigen versinkend.
    Sophie fing jetzt alles Ernstes an, sich über Bemperleins aufgeregten
Zustand zu beunruhigen. Wie erschrocken war sie aber, als Bemperlein alsbald
wieder aufsprang, das Kissen aus dem Arm auf die Erde fallen liess, mit beiden
Knieen auf dasselbe hinkniete, eine ihrer Hände mit seinen beiden Händen ergriff
und das Gesicht tief herabbeugend, in jämmerlichsten Tönen stöhnte: O, Fräulein
Sophie! Fräulein Sophie!
    Um Himmelswillen, Bemperchen, rief die junge Dame, stehen Sie auf! Wenn
Jemand Sie so sähe - uns so sähe! -
    Lassen Sie mich! murmelte Herr Bemperlein; ich muss es Ihnen sagen und kann
es Ihnen nicht sagen, wenn Sie mich mit Ihren grossen Augen dabei ansehen.
    
    Sophie wusste im ersten Augenblicke nicht, ob sie über diese unerwartete
Liebeserklärung lachen oder weinen sollte. Um Bemperleins Willen hatte Sie fast
Luft zu dem letzteren, während sie für ihre Person mehr zu dem ersteren geneigt
war.
    Bemperchen! rief sie, Bemperchen, besinnen Sie sich doch, was Sie sagen!
Bedenken Sie doch, was Sie tun?
    Ich weiss es, murmelte Bemperlein, ich hab' es mir selbst hundert- und
tausendmal gesagt: in meinem Alter -
    Davon ganz abgesehen, sagte Sophie, bei der die Neigung zum Lachen allmälig
die Oberhand gewann, wie können Sie, Franz' bester Freund, und - wofür ich Sie
wenigstens bis zu diesem Augenblicke gehalten habe - mein bester Freund -
    Ich werde Ihr Freund, ich werde Franz' Freund bleiben, rief Bemperlein mit
Lebhaftigkeit; Liebe und Freundschaft werden zusammen in meinem Herzen Raum
finden; die eine wird die andere nur noch inniger, noch tiefer, noch reiner,
noch heiliger machen.
    Aber, Bemperchen, mit solcher hohen platonischen Liebe verträgt es sich
nicht, dass sie à la Don Corlos auf den Knieen liegen. Wenn Franz in diesem
Augenblick zur Tür herein käme - Und wenn er käme, rief Bemperlein
aufspringend; il n'y a que le premier pas qui coûte; ich fühle jetzt, nachdem
ich das erste Wort gesprochen, nachdem ich mit Ihnen gesprochen, Mut, es aller
Welt zu sagen. Franz wird meine Wahl billigen, wenn er sie kennt, wie ich sie
kenne.
    Wie Sie mich kennen?
    Und auch Sie werden es tun, rief Bemperlein, ohne auf Sophiens
Unterbrechung zu achten, die Schlummerwalze wie eine Fahne schwenkend; Sie
werden dem armen Mädchen Freundin und Schwester sein; Sie werden es sein um
meinetwillen, der ich Sie so unendlich schätze und liebe; Sie werden es auch um
ihretwillen sein, denn, glauben Sie mir, Fräulein Sophie, sie verdient es.
    Aber von wem reden Sie denn eigentlich, Bemperchen?
    Ich dachte, Sie wüssten es schon längst, sagte Bemperlein, erschrocken stehen
bleibend; und dann setzte er mit leiserer Stimme hinzu: Marguerite Martin,
Grenwitzens Gouvernante.
    Glücklicherweise für Sophie war die Aufregung, in der sich Bemperlein in
diesem Augenblicke befand, zu gross, als dass er hätte im Stande sein sollen, die
Verwirrung zu bemerken, in welche sie die unerwartete Lösung des Knotens
versetzt hatte. Sie war so nahe daran gewesen, eine grosse Albernheit zu begehen,
indem sie ihrem Freunde eine so grosse Albernheit zutraute! und doch ärgerte sie
sich ein ganz klein wenig, dass sie nicht selbst der einzige Gegenstand von
Bemperlein's Anbetung war. Freilich berührte diese Regung Sophien's Seele nur
momentan, wie ein leichter Wind die spiegelklare Fläche eines tiefen Sees nur im
Vorübergehen kräuselt, und noch ehe Bemperlein sich von der Betäubung erholen
konnte, in die ihn das Aussprechen des grossen Worts versetzt hatte, war sie
wieder ganz die teilnehmende, kluge Freundin, nach der Bemperlein in seiner
Herzensnot verlangte.
    Ueber das Factum selbst, dass Bemperlein, der ruhige, jungfräuliche
Bemperlein, von einer Leidenschaft ergriffen werden könnte, wunderte sie sich im
Grunde gar nicht. Ihre Hauptsorge war, dass der bescheidene, arglose, trotz
seiner dreissig Jahre unerfahrene Freund in die Schlinge einer Kokette gefallen
sein könne, und diese Sorge war um so begründeter, als sie die braunen Augen
Marguerite's schon einige Male in einem Zusammenhange hatte erwähnen hören, der
diesen Verdacht zu bestätigen schien. Ihre erste Frage war deshalb:
    Kennen Sie denn Mademoiselle Marguerite auch, Bemperchen? Das heisst, wissen
Sie, dass sie ein gutes Mädchen ist, dass sie ein gutes Herz hat - mit einem
Worte, dass sie meines braven Bemperchens würdig ist?
    Sie meiner würdig? rief Bemperlein mit grossem Entusiasmus. Sie wollen
sagen: ob ich ihrer würdig bin?
    Ich habe genau das sagen wollen, was ich gesagt habe. Ich, als Ihre beste
Freundin - denn diese Würde lasse ich mir vorläufig noch nicht nehmen - habe das
Recht und die Pflicht, streng zu sein und zu prüfen, ehe ich Ja und Amen sage.
    O, Fräulein Sophie, ich versichere Sie, meine Marguerite ist ein Engel.
    Ihre Marguerite? ei sieh doch Einer das löwenkühne Bemperchen! seid Ihr
schon so weit? Aber, Scherz bei Seite, Bemperchen! Was wissen Sie von der
Engelhaftigkeit Ihrer Marguerite? ich meine von der Engelhaftigkeit, die auch
für andere Sterbliche erkennbar ist? Kommen Sie her! setzen Sie sich ruhig zu
mir an das Feuer und erzählen Sie mir Alles ordentlich von Anfang an. Hier haben
Sie die Schlummerwalze wieder - das Schüreisen lassen Sie auf jeden Fall stehen.
    Trotz der scherzhaften Worte klang die Stimme Sophien's so treu und gut, und
ihre grossen blauen Augen blickten so teilnehmend und freundlich, dass Bemperlein
nicht die mindeste Scheu mehr spürte, das liebe Mädchen in das Allerheiligste
seines Herzens zu führen und ihr Alles zu sagen, was er selbst kaum zu denken
wagte.
    Sie erinnern sich, Fräulein Sophie, begann er, dass ich Ihnen und Franz
neulich erzählte, wie ich zu Grenwitzen's ging, um zu erfahren, was die Baronin,
die nach mir geschickt hatte, von mir wollte. Ich habe Ihnen auch erzählt, dass
ich in dem Vorzimmer Mademoiselle Marguerite traf und welch' eigentümliche
Scene ich mit ihr erlebte. Ich habe Ihnen aber nicht erzählt, und habe es mir
auch so wenig wie möglich merken lassen, welchen Eindruck diese Scene auf mich
gemacht hatte. Wenn Jemand, wie ich, in grosser Armut aufgewachsen ist und oft
mit Not und Sorge zu kämpfen hatte, so lernt er aus dem Grunde, was es heisst,
hilflos und verlassen sein. Deshalb ist es auch ganz selbstverständlich, dass
unser Einer, wenn er Jemand leiden sieht, ganz anders fühlt und denkt, als der,
welcher nie in ähnlichen Lagen war; und so werden Sie es auch natürlich finden,
dass ich das Bild des armen, verlassenen, weinenden Mädchens nicht wieder los
werden konnte. Immer sah ich sie vor mir stehen, wie sie an der Tür gestanden
hatte, die zu den Zimmern der Baronin führt, schluchzend und die kleinen
Händchen auf die Augen drückend, während die hellen Tränen durch die schlanken
Finger rieselten. Immer tönten mir die Worte im Ohr: oh, que je suis malheureuse
! und ich quälte mich damit ab, herauszukriegen, weshalb das arme Mädchen denn
so sehr unglücklich sei? Denn dass es noch etwas mehr war, als das Gefühl ihrer
Abhängigkeit überhaupt, dass sie nicht deshalb, weil sie wieder einmal, wer weiss
zum wie vielten Male ungerechterweise Schelte bekommen, so meinte, - das hätte
ich beschwören mögen.
    Ich quälte mich so darüber, dass ich die ganze folgende Nacht nicht schlafen
und am andern Tage kaum die Zeit erwarten konnte, wo die Baronin mich empfangen
wollte. Endlich schlug es zwei Uhr. Ich begab mich in das Hotel und wurde
sogleich vorgelassen. Die Baronin war allein in ihrem Zimmer. Sie war ausnehmend
gnädig, erkundigte sich nach Frau von Berkow; fragte, wie es mir in Grünwald
gehe? ob ich sehr viel zu tun habe? und rückte endlich mit der Sprache heraus.
Sie könne sich nicht entschliessen, ihren Malte auf das Gymnasium zu schicken aus
Gründen, die sie mir auseinandersetzte, die aber zu dumm waren, als dass ich sie
wiederholen möchte; ebensowenig aber wage sie es nach den traurigen Erfahrungen,
die sie gemacht - so lauteten ihre Worte - es noch einmal mit einem Hauslehrer
zu versuchen. Sie habe den Entschluss gefasst, ihn jetzt im Hause durch
Privatlehrer unterrichten zu lassen, die natürlich erprobte und
gesinnungstüchtige Männer sein müssten, und - dies war des Pudels Kern - ob ich,
den sie ausserordentlich schätze, sie in diesem Werke unterstützen und ihrem
Sohne täglich ein bis zwei Stunden Unterricht in den alten Sprachen erteilen
wolle? - Nun können Sie sich denken, Fräulein Sophie, dass ich unter anderen
Verhältnissen die Zumutung rundweg zurückgewiesen haben würde, denn, abgesehen
von Allem, was sonst dagegen sprach, kann ich offenbar meine Zeit besser
anwenden, als dass ich sie dem albernen Jungen opfere, den ich noch dazu niemals
habe leiden können; aber ich bedachte, dass ich auf diese Weise Gelegenheit
gewinnen würde, öfter mit der armen Marguerite zusammenzukommen, und da ich
nichts eifriger wünschte, als das, so schien mir der Vorschlag der Baronin ein
Wink des Himmels und ich acceptirte ihn ohne weiteres.
    Bravo, Bemperchen! sagte Sophie; ich sehe, dass Sie für eine harmlose kleine
Intrigue doch mehr Talent haben, als ich Ihnen zutraute.
    O, es kommt noch besser, erwiderte Bemperlein lächelnd; Sie werden über
meine Genie staunen. Im weiteren Verlauf des Gesprächs kam die Baronin auch auf
den französischen Unterricht zu sprechen und äusserte, es sei sehr unbequem, dass
sie, trotzdem sie eine Französin im Hause habe, auch einen französischen Lehrer
werde nehmen müssen, da sie zu Mademoiselle's grammatikalischen Kenntnissen sehr
wenig Vertrauen habe. Ich sagte sogleich - ich weiss noch jetzt nicht, wo ich den
Mut dazu hernahm - ich sei überzeugt, Mademoiselle würde die Grammatik sehr
schnell lernen und hernach in alle Zukunft lehren können, wenn sie nur ein
einzigesmal einen grammatikalischen Cursus durchgemacht habe. Meine Zeit sei
freilich sehr beschränkt, wenn aber eine halbe Stunde täglich - die Baronin liess
mich gar nicht ausreden und nahm ohne weiteres mein Anerbieten an. Schon am
nächsten Tage sollte der Unterricht beginnen.
    Wann hatten Sie die Zusammenkunft mit der Baronin, Bemperchen?
    Gestern vor acht Tagen, an demselben Tage, als ich, noch voll von dieser
Unterredung und von einer andern, die ich, gleich als ich nach Hause gekommen
war, mit - mit - ich kann nicht sagen, Fräulein Sophie, mit wem, gehabt hatte,
zu Ihnen eilte und hier Herrn Stein traf.
    Bemperlein schwieg; sein gutmütiges Gesicht verdüsterte sich, und er griff
wieder nach dem Schüreisen.
    Sophie nahm ihm dasselbe ruhig aus der Hand, stellte es noch weiter weg und
sagte:
    Sie waren an dem Abend aufgeregt und gingen bald wieder fort. Steht denn die
andere Unterredung mit dem geheimnisvollen Unbekannten in irgend einer
Verbindung mit Ihrer Geschichte?
    Nicht in directer, erwiderte Bemperlein, sich wieder an die Schlummerwalze
haltend, nur insofern, als sie mein Interesse an den armen Marguerite noch
steigerte, der - und die Folge hat meine Vermutung auf die merkwürdigste Weise
bestätigt - vielleicht etwas Aehnliches passirt sein konnte - doch lassen wir
das! Am nächsten Tage also begann der Unterricht. Die Lection mit dem Bengel,
dem Malte, war vorbei; ich war allein in dem Zimmer zurückgeblieben und
erwartete meine Schülerin; Ihnen kann ich es sagen, Fräulein Sophie: nicht ohne
Herzklopfen. Warum? weiss ich freilich selbst nicht. Ich weiss bloss noch, dass ich
mir auf einmal wie ein recht schlechter Mensch vorkam. Ich hatte in meinem Leben
noch keine Komödie gespielt; und dieser grammatikalische Unterricht war doch
nichts weiter als eine Komödie. Ich hatte grosse Lust wegzulaufen; aber da das
doch nun einmal nicht ging, konnte ich nichts weiter tun, als meine Vatermörder
zurecht zupfen, vor dem Spiegel eine zierliche Verbeugung machen und mit meinem
besten Accent fragen: Ah, bonjour, Mademoiselle, comment vous portez-vous? Als
ich diese Frage zum drittenmale - und diesmal zu meiner vollen Befriedigung -
wiederholt hatte, trat die Erwartete mit einem Buche in der Hand in's Zimmer,
und ich geriet durch die Furcht, sie möchte meine Anstandsübungen vor dem
Spiegel gesehen haben, in eine solche Verwirrung, dass ich über und über rot
wurde und etwas stammelte, was möglicherweise französisch war, jedenfalls aber
sehr dumm gewesen sein muss, denn Mademoiselle Marguerite lächelte und sagte
etwas von bonté und enseigner, und dann weiss ich nur, dass wir einander gegenüber
an dem Tische sassen und ohne ein Wort zu sprechen, in den Büchern blätterten. -
Was soll ich Ihnen noch weiter erzählen, Fräulein Sophie? das Beste und
Notwendigste wüsste ich doch nicht zu sagen. Ich bin seit einer Woche jeden Tag
eine Stunde lang mit Marguerite ungestört zusammengewesen. Grammatik haben wir
nicht getrieben, zum wenigsten sind wir über die erste Seite nicht
hinausgekommen - aber dafür hat sie mir das Buch ihres Lebens aufgeschlagen, und
ich habe es lesen dürfen, Wort für Wort, von der ersten bis zur letzten Seite.
Ich sage Ihnen, Fräulein Sophie, es ist kein schlechtes Wort darin, und keine
Seite, deren sie sich zu schämen hätte. Sie hat sich, wie ich, durch die Welt
schlagen müssen, das arme Ding - o, viel schlimmer als ich! Ihre Eltern sind so
früh gestorben, dass sie sie nie gekannt; Geschwister, Verwandte hat sie nie
gehabt, ausser einer bösen Tante, die ihr ein Höllenleben bereitet, bis sie mit
vierzehn Jahren unter fremde Leute gekommen ist, die sie doch wenigstens nicht
geschlagen haben, wie die höllische Tante. Ach, Fräulein Sophie, wenn ich Ihnen
erzählte, was das arme junge Ding schon gelitten hat, Sie würden sagen: so etwas
ist nicht möglich: und Ihr Herz würde überfliessen vor Mitleid, wie meines
übergeflossen ist.
    Herr Bemperlein schwieg, weil er vor Bewegung nicht weiter sprechen konnte.
Sophie nahm seine Hand und sagte: Gutes Bemperchen! Bemperlein erwiderte warm
den Druck und fuhr, nachdem er sich einige Male, um seine Rührung zu bemeistern,
laut geräuspert hatte, also fort:
    Sie hat mir nichts verschwiegen; auch nicht, dass sie in der letzten Zeit mit
einem schlechten Menschen (ich wiederhole, Fräulein Sophie, dass es nicht Herr
Stein ist) ein Verhältnis gehabt hat; mit einem Menschen, der sie auf die
unwürdigste Weise genasführt und betrogen und an einen notorischen Roué hat
verkuppeln wollen. Doch diese Geschichte ist so niedrig, so gemein, dass ich sie
Ihnen nicht einmal mitteilen möchte, selbst wenn ich Marguerite nicht
versprochen hätte, Keinem, er sei, wer er sei, je die betreffenden Personen zu
nennen. - Und nun, - schloss Bemperlein, indem er Sophiens beide Hände in die
seinen nahm, was sagen Sie zu dem Allen?
    Sophie wurde durch die plötzliche Frage einigermassen in Verlegenheit
gesetzt. Sie hatte sich aus einzelnen hingeworfenen Äusserungen Helenens,
Oswalds und ihres Verlobten von Marguerite ein Bild entworfen, das keineswegs
sehr schmeichelhaft für die junge Dame war; und auch Bemperleins Erzählung war
nicht im Stande gewesen, ihr einmal gefasstes Vorurteil ganz zu beseitigen. Es
tat ihr weh, dass sie den armen Mann, dessen gutes Gesicht jetzt mit einem
aufgeregten, ängstlichen Ausdruck, als ob von ihrem Ausspruch Leben und Tod
abhinge, auf sie gerichtet war, durch einen Zweifel an der Vollkommenheit seiner
Auserkorenen kränken sollte, und doch! lügen konnte und mochte sie nicht, und
antworten musste sie nun einmal. So sagte sie denn mit einer allerliebsten
Präceptormiene, das Köpfchen nachdenklich von einer Seite auf die andere
bewegend:
    Es ist mit der Liebe ein eigenes Ding, Bemperchen. Ich habe während der
Zeit, dass ich Franz kenne und liebe, oft darüber nachgedacht. Es ist nicht Alles
Gold, was glänzt, und nicht Alles Liebe, was wie Liebe aussieht. Es gibt
Empfindungen, die als solche sehr lobenswet, aber trotz all dem nicht Liebe
sind, und die wir uns ja hüten müssen, für Liebe zu nehmen. Und je edler ein
Herz ist, desto leichter gerät es in Gefahr, einen solchen Irrtum zu begehen,
gerade wie der Vertrauensvollste sich am leichtesten falsches Geld für richtiges
in die Hände stecken lässt; ich zum Beispiel, die, wenn ein falsches
Viergroschenstück auf dem Markt war, es sicherlich, wenn ich nach Hause komme,
in meinem Portemonnaie habe. Es gibt aber keine Empfindung, die der Liebe so
ähnlich sieht, und durch die sich deshalb ein edles Herz so leicht täuschen
lässt, wie das Mitleid. Wäre es nicht doch möglich, Bemperchen - und hier legte
die junge Dame ihre Hand auf Bemperchens Hand - dass, wie Ihr Interesse für
Fräulein Marguerite zuerst aus dem Mitleid entsprang, es auch noch bis auf
diesen Augenblick nicht eigentliche Liebe, sondern eben nur Mitleid ist?
    Bemperlein's Gesicht war bei dieser gelehrten Auseinandersetzung immer
länger geworden. Er hatte sich von Sophie eine wärmere Aufnahme seiner Nachricht
versprochen. Fast kleinlaut fragte er daher:
    Aber, Fräulein Sophie, wie unterscheidet sich denn Liebe von Mitleid? Ist
nicht die Nächstenliebe, die doch die reinste Form der Liebe ist, mit dem
Mitleid identisch?
    Die Nächstenliebe wohl, erwiderte Sophie; aber nicht die Liebe, von der wir
sprechen, die Liebe, die man empfinden muss, wenn man Jemand heiraten will; die
Liebe zum Beispiel, die ich für Franz empfinde und die Franz für mich empfindet.
Das ist noch etwas ganz anderes, ganz anderes - und sie wiegte gedankenvoll das
Haupt.
    Aber was ist es denn? rief Bemperlein voll Verzweiflung, wie soll man
erfahren, ob man wirklich liebt?
    Das ist sehr schwer, erwiderte Sophie, und auch wieder sehr leicht. Haben
Sie zum Beispiel nur immer das Verlangen gehabt, Fräulein Marguerite aus ihrer
abhängigen Stellung in eine bessere versetzt zu sehen, sie zu beschützen, zu
beschirmen vor aller Not und Gefahr; oder haben Sie auch manchmal gewünscht -
    Hier stockte Sophie und wurde rot.
    Nun? fragte Bemperlein eifrig.
    Ihr einen Kuss zu geben; sagte Sophie, entschlossen, der Sache auf den Grund
zu kommen, selbst auf die Gefahr hin, indiscret zu werden.
    Wenn's weiter nichts ist, sagte Bemperlein triumphirend die Frage kann ich
mit Ja beantworten.
    Bravo, Bemperchen! Und haben Sie ihr auch schon einen Kuss gegeben?
    Nein!
    Haben Sie ihr denn schon Ihre Liebe gestanden?
    Nein!
    Wissen Sie denn, dass sie Sie wieder liebt?
    Nein!
    Die immer geringer werdende Herzhaftigkeit dieser Verneinungen war so
komisch, dass sich Sophie des Lachens kaum entalten konnte.
    Aber, Bemperchen, rief sie, wie wollen Sie denn das erfahren?
    Ich werde sie fragen, sagte Bemperlein entschlossen.
    Sehr gut! und wenn sie nun Nein antwortet?
    Das kann sie nicht, das wird sie nicht, rief Bemperlein, blass vor grosser
Aufregung. Ich habe daran noch gar nicht gedacht, aber das wäre schrecklich! Ich
- ich habe es mir so schön ausgemalt, wenn sie mein Weib würde, für das ich
arbeiten könnte, und das ich lieben könnte und das mich wieder liebte. Denn ich
muss Jemand von ganzem Herzen lieben, und ich muss fühlen, dass ich von ganzem
Herzen geliebt werde, oder ich bin der unglücklichste Mensch von der Welt. O,
Fräulein Sophie, nicht wahr, Marguerite wird nicht Nein sagen?
    Seine Stimme zitterte und seine Augen standen voll Tränen. Das gutmütige
Mädchen war kaum weniger gerührt. Die Leidenschaftlichkeit Bemperlein's hatte
eine sympatetische Saite in ihrem Herzen angeschlagen. Sie fühlte sich
plötzlich verpflichtet, die junge Liebe ihres dreissigjährigen Schülers aus allen
Kräften zu beschützen.
    Wissen Sie was, Bemperchen, sagte sie mit grosser Entschiedenheit, wir wollen
das bald erfahren. Bringen Sie die Marguerite einmal zu mir.
    Bemperlein atmete hoch auf.
    Darf ich das wirklich?
    Nun natürlich. Ich kann nicht gut zu ihr gehen, weil das auffallen würde;
aber hierher kann sie ohne Aufsehen kommen. Sagen Sie ihr nur, ich wünschte sie
kennen zu lernen. Wenn sie Sie liebt, wird sie sich nicht lange bitten lassen.
Haben wir sie erst einmal hier, so findet sich das Andre von selbst. - Ja, ja,
fuhr die junge Dame fort, und schnippte vergnügt mit den Fingern, so geht's, so
geht's. Und wenn wir gute Freundinnen werden, so habe ich noch einen andern Plan
- o, Bemperchen, einen andern Plan, wenn Sie den wüssten - ich sage Ihnen, einen
Plan, - nein, nein! - Sie kriegen es nicht zu wissen - und Franz auch nicht -
St! da kommt er! Kein Wort, Bemperchen, von unserm Geheimnis!
 
                           Dreiundzwanzigstes Capitel
Mit Felix war in dieser Zeit eine traurige Veränderung vorgegangen. Wie an einem
Hause, dessen Holz der Schwamm zerfressen hat, nur ein Strebepfeiler weggenommen
zu werden braucht, um es der Gefahr des Einsturzes nahe zu bringen, so hatte die
an sich nicht gefährliche Verwundung, welche er in dem Duell mit Oswald davon
getragen, seinen ganzen, durch ein überaus wüstes Leben zerrütteten Organismus
vollends erschüttert. Die Kugel hatte keine edleren Teile verletzt; an der
sorgfältigsten ärztlichen Behandlung hatte es nicht gefehlt, dennoch wollten die
Wunden nicht heilen. Und als es damit anfing, besser zu gehen, hatten sich
plötzlich höchst bedenkliche Symptome einer schon weit vorgeschrittenen
Lungenkrankheit gezeigt. Die herbeigerufenen Aerzte schüttelten den Kopf und
sprachen von der Notwendigkeit einer Luftveränderung, eines längeren
Aufentaltes in südlichen Klimaten.
    Aber Felix wollte von Allem, was Andere doch so deutlich sahen, nichts
sehen. Die lumpigen Schrammen? pah! ich bin schon anders gezeichnet gewesen! Das
bisschen Fieber? lächerrlich! mir ist nach einer tollen Nacht schon schlimmer zu
Mute gewesen! Meine Lunge? dummes Zeug, was versteht die alte Perrücke, der
Baltasar, von meiner Lunge; ich pfeife was auf alle gelehrten Perrücken. Felix
von Grenwitz ist so leicht nicht todt zu machen.
    Seit einigen Tagen aber stand es mit seiner Gesundheit so schlecht, dass
selbst sein Leichtsinn sich gegen die Möglichkeit einer ernsteren Gefahr nicht
länger verschliessen konnte. Die kaum geheilten Wunden brachen wieder auf; ein
schleichendes Fieber nagte Tag und Nacht an seinen Nerven, und wenn er kaum
eingeschlafen war, weckte ihn ein quälender Husten aus so schrecklichen Träumen,
dass Schlaflosigkeit im Vergleich noch eine Wohltat schien. Zu der Sorge, die
ihm seine Krankheit machte, kamen andere, die er sonst sehr leicht genommen
hatte, die aber jetzt sein ohnedies angegriffenes Gehirn noch mehr verwirrten
und seine hypochondrische Stimmung verdüsterten. In seine Krankenstube drängten
sich einzelne Leute, die sich durchaus durch die Bedienten nicht hatten abweisen
lassen - Leute mit höchst bedenklichen Physiognomien und auffallend schmutziger
Wäsche, die, wenn sie denn endlich vorgelassen waren, eine grosse Brieftasche
öffneten und dem Herrn Baron ein »kleines Wechselchen« präsentirten,
zweitausend, dreitausend Taler - »eine wahre Kleinigkeit für den Herrn Baron.«
    Vielleicht wäre es Felix leicht gewesen, diese ominösen Papiere einzulösen,
wenn er jetzt war, was er zu sein hoffte, als er sie aus der Hand gab, nämlich:
der erklärte Bräutigam Helenens, der Schwiegersohn eines der reichsten
Grundbesitzer der Provinz. Aber leider war er das doch nun nicht, hatte auch
keine Aussicht es zu werden und konnte sich in Folge dessen auch nicht weiter
wundern, wenn die Baronin in den Privataudienzen, die er jedesmal, so oft eine
jener verdächtigen Gestalten die Schwelle seines Zimmers überschritten hatte,
nachsuchte, sich bedeutend weniger geschmeidig zeigte, als vor einigen Wochen,
wo die Sonne seiner unüberwindlichen Liebenswürdigkeit noch im Zenit stand.
Felix wusste recht gut, dass seine Tante sich zu einer Freigebigkeit, die ihrer
Natur so gründlich widersprach, nur darum verstand, weil sie in ihm den
Mitwisser des grossen Familiengeheimnisses erblickte. Aber auch dieses einzige,
unersetzliche Band hielt nur noch an dem letzten Faden.
    Es unterlag nämlich keinen Zweifel, dass nur die Furcht vor der »bornirten
Ehrlichkeit des Barons,« wie die Baronin sagte, sie abhielt, es in dem mit
Albert Timm entbrannten Kampfe auf's Äusserste ankommen zu lassen, und Felix war
keineswegs ganz sicher, ob selbst diese Furcht sie bewegen könnte, den zwischen
ihm und Albert geschlossenen Contract zu sanctioniren. Er hatte deshalb bis zu
diesem Augenblick noch nicht gewagt, ihr die Höhe der Summe anzugeben, für
welche er Alberts Verschwiegenheit erkauft hatte.
    Felix Zaghaftigkeit in dieser ganzen Angelegenheit hatte einen triftigen
Grund in seiner eigenen misslichen Lage. Er musste die Tante in möglichst guter
Stimmung erhalten, um ihr die Summen abzulocken, die er für seine persönlichen
Bedürfnisse brauchte. Es war ja später noch immer Zeit, ihr in Betreff Timms
reinen Wein einzuschenken. Wie grimmig auch Felix Oswald hasste und wie
entsetzlich es ihm auch gewesen wäre, wenn es dem Verhassten mit Alberts Hülfe
gelang, sich in den Besitz des Vermögens zu setzen und am Ende doch Helene zu
gewinnen - so musste das Alles dem Augenblick und seinen gebieterischen
Forderungen untergeordnet werden.
    So standen die Sachen, als am Morgen nach der Soirée, an der Felix natürlich
nicht Teil nehmen konnte, die Baronin, nachdem sie sich vorher hatte anmelden
lassen, dem Patienten einen Besuch abstattete, Felix sass in einen weiten
Schlafrock gehüllt, fröstelnd dicht an dem heissen Ofen. Die grossen, einst so
übermütigen, jetzt so gläsern starren Augen, und die krankhafte, scharf
abgeschnittene Röte auf seinen magern Wagen zeugten von den reissenden
Fortschritten, welche die Krankheit in den letzten Tagen gemacht hatte. Er erhob
sich, über diesen Besuch ausser der gewöhnlichen Zeit einigermassen verwundert,
halb aus seinem Stuhl und streckte der Tante seine abgemagerte, fieberheisse Hand
entgegen:
    Bon jour, ma tante! soll ich sagen, so früh oder so spät noch auf? denn Ihr
habt ja beinahe bis an den hellen Morgen getanzt. Ich habe den Bass bis hier in
mein stilles Zimmer hinein hören können: brum! brum! brum! bis ich fast verrückt
über dem Gebrumm wurde; und wenn Sie mir das Fluchen nicht abgewöhnt hätten, ma
tante, ich hätte, hol' mich der Teufel, den verdammten Kerl, der das Gebrumm
fabricirte, bis in den tiefsten Pfuhl der Hölle verwünschen können.
    Ich hoffe, dass es mit Ihrer Gesundheit heute nicht schlechter geht, als mit
Ihrem Fluchen, sagte Anna-Maria lächelnd, indem sie vor dem Kranken in einem
Lehnsessel Platz nahm und eine Handarbeit in Ordnung brachte, ein Beweis, dass
sie es auf einen längeren Besuch abgesehen hatte; aber im Ernst, lieber Felix,
ich habe Sie aufrichtig bedauert, und komme, Sie wegen der nächtlichen Störung
um Entschuldigung zu bitten.
    Sie sind ja heute ausserordentlich gnädig, liebe Tante.
    Ich dächte, das wäre ich immer, erwiderte Anna-Maria, nur dass es Leute
gibt, die sich durchaus nicht davon überzeugen können.
    Ich gehöre nicht zu diesen, liebe Tante.
    Ich weiss es, Felix, und Sie werden mir das Zeugnis geben, dass ich stets für
Sie getan habe, was in meinen Kräften stand.
    Ja wohl, ja wohl, murmelte Felix, und überlegte, ob der Augenblick wohl
geeignet sei, gegen seine Tante ein kleines Geschäft zu erwähnen, in das er sich
vor nun beinahe drei Monaten eingelassen hatte und das in wenigen Tagen regulirt
werden musste.
    Die Gesellschaft - die übrigens pünktlich zwei Uhr fünfzehn Minuten
aufgebrochen ist, lieber Felix - war gestern Abend recht animirt, fuhr die
Baronin fort, und es hat mir von Herzen leid getan, dass Sie nicht daran Teil
nehmen konnten. Es wäre wirklich Zeit, dass Sie sich endlich einmal wieder gesund
meldeten.
    Das weiss Gott, seufzte der Patient, sich ungeduldig in seinem Lehnstuhl
herumwerfend; man wird hier in dieser verdammten Spelunke noch ganz zum
Hypochonder. Aber erzählen Sie ein wenig von gestern. Wer war denn Alles da?
    O, nicht eben viele; ich liebe, wie Sie wissen, die grossen Fêten nicht:
Griebens, Nadlitzens, Barnewitzens, Clotens -
    Die Zusammensetzung ist nicht schlecht, meinte Felix, haben sich denn
Hortense und Emilie nicht die Augen ausgekratzt?
    Nicht doch! sie sind die besten Freundinnen von der Welt, und überdies
hatten sie gestern um so weniger Ursache, sich gegenseitig den Vorrang streitig
zu machen, als darüber, nach dem allgemeinen Urteil der Gesellschaft
wenigstens, schon anderweitig entschieden war.
    O, in der Tat! und wer war denn der Vogel Phönix?
    Ihre Cousine, lieber Felix, sagte die Baronin, die Stiche auf ihrer Arbeit
zählend; sie sah in der Tat ausnehmend schön aus, so dass selbst ich davon
überrascht war, eben so wie von der Bewunderung, die ihr von allen Seiten
gezollt wurde.
    Felix horchte hoch auf. Das Lob Helenens aus der Mutter Munde war eine so
neue Melodie, dass er seinen Ohren nicht traute.
    Es scheint, als ob die letzten Wochen doch einen recht guten Einfluss auf sie
ausgeübt haben, fuhr die Baronin fort; sie hat ein gut Teil von ihrer
hochmütigen Arroganz verloren; die Gräfin Grieben machte mir gestern ein
Compliment über ihre sittsame, echt weibliche Haltung.
    Sie verzeihen, liebe Tante, sagte Felix mit grosser Bitterkeit, dass ich mich
über diese günstige Metamorphose nicht eben so freue. Ich wollte, sie wäre
einige Wochen früher eingetreten. Vielleicht läge ich dann nicht hier, hilflos
wie ein Pferd, dem die Flechsen durchgeschnitten sind; und er schlug heftig mit
der gesunden Hand auf die Lehne des Stuhls.
    Ich gestehe, dass Sie einigen Grund haben, sich über Helene zu beklagen,
sagte die Baronin, indessen, Hass und Rache sind sehr unchristliche Empfindungen,
zumal unter Verwandten, die von Natur darauf angewiesen sind, sich gegenseitig
zu lieben -
    O, gewiss, unterbrach sie Felix; Sie haben ganz recht, liebe Tante! auf diese
Voraussetzung war ja auch unser ganzer Plan gebaut; nur schade, dass Fräulein
Helene nicht viel von der natürlich angewiesenen christlichen Verwandtenliebe
wissen wollte.
    Sie sind bitter, Felix, und wie gesagt, ich räume ein, Sie haben sich zu
beklagen. Aber lassen Sie uns jetzt von der Sache sprechen, die mich eigentlich
veranlasst hat, Sie heute Morgen so früh zu besuchen. - Ihr Gesundheitszustand,
lieber Felix, macht mir so grosse Sorge, dass ich heute Nacht noch einmal
ernstlich darüber nachgedacht habe und jetzt zu einem Entschlusse gekommen bin.
Sie müssen - und zwar so bald als möglich - die besprochene Reise nach Palermo
antreten.
    Felix sollte heute Morgen aus einer Verwunderung in die andere fallen. Die
von den Aerzten schon seit zwei Wochen dringend angeratene Reise war von
Anna-Maria einfach aus dem Grunde beanstandet worden, weil weder Felix, »wie sie
glaube,« noch sie selbst die dazu nötigen Mittel für den Augenblick disponibel
hatten. Auf einmal waren diese Mittel vorhanden! Wer die Consequenz der Baronin
kannte, musste sich sagen, dass nur etwas ganz Absonderliches sie zu dieser
plötzlichen Willensänderung bewogen haben konnte.
    Was dieses Etwas aber war, erfuhr Felix in dem weiteren Verlauf dieser
wichtigen Unterredung nicht. Es war ihm im Grunde auch gleichgiltig. Die letzten
qualvollen Tage und Nächte hatten seine Kraft gebrochen; der leichtsinnige
Übermut, den er bis dahin prahlerisch zur Schau getragen, war einer finstern
Verstimmung gewichen, in welcher nur der eine Gedanken lebendig war, um jeden
Preis wieder gesund zu werden. Zu diesem höchsten Zweck waren ihm alle Mittel
recht. Wollte seine Tante ihm zu der Reise, die auch er jetzt für eine
Notwendigkeit erkannt hatte, das nötige Geld geben - gut! und um so besser, je
mehr sie gab! warum sie gab? jetzt gab, nachdem sie vor wenigen Tagen die
Aufbringung der Reisekosten für eine positive Unmöglichkeit erklärt hatte, - was
fragte er danach? kaum mehr als Jemand, der in Gefahr ist zu ertrinken, danach
fragt, woher der rettende Balken geschwommen kommt, an den er sich im letzten
Moment noch anzuklammern vermag.
    Als die Baronin sich nach einer Stunde erhob und ihre Arbeit zusammenpackte,
war die italienische reise eine beschlossene Sache. Schon in den nächsten Tagen,
wenn Felix' Zustand sich nicht verschlimmerte, sollte sie angetreten werden. Sie
wissen, lieber Felix, sagte Anna-Maria, ich bin dafür, dass etwas, was einmal
geschehen soll und muss, bald geschieht. Und hier ist noch dazu offenbar Gefahr
im Verzuge. Ich würde mir ewig einen Vorwurf daraus machen, hätte ich nicht, was
in meinen schwachen Kräften steht, getan, diese drohende Gefahr von Ihnen
abzuwenden.
    Felix führte die ihm gnädig dargereichte knöcherne Hand der Tante an seine
Lippen, und Anna-Maria verliess das Zimmer.
    Der alte Drache! murmelte Felix, indem er erschöpft in seinen Lehnstuhl
zurücksank; was mag ihr nur in die Krone gefahren sein, dass sie mit einem Male
so spendabel wird? Ein wahres Glück, dass ich ihr nicht gesagt habe, wie viel der
Schuft, der Timm fordert. Einmal freilich wird sie's wohl erfahren müssen; aber
nicht, bevor ich in Sicilien bin. Uff! mein Arm! Ich muss eine gründliche Cur
gebrauchen, und am Ende ist sich doch jeder selbst der Nächste.
    Der leichtsinnige Patron! dachte Anna-Maria, während sie die langen
Corridore entlang nach ihrem Zimmer zurückschritt; es ist hart, dass ich, nachdem
ich schon so viel für ihn bezahlt habe, auch noch diese horrible Ausgabe für ihn
machen soll. Aber es geht nicht anders. Aus dem Hause muss er, und dies ist die
anständigste und am wenigsten auffallende Weise, auf die ich ihn los werde.
                           Vierundzwanzigstes Capitel
Es war spät am Abend desselben Tages. In der Pensionsanstalt des Fräulein Bär
waren die Fenster schon seit zwei Stunden dunkel, bis auf eins, das ich nach dem
Garten hinter dem Hause sah. Das Licht kam aus einer Lampe, welche ganz in der
Nähe auf einem Bureau stand, und an diesem Bureau sass Helene von Grenwitz und
schrieb:
    Du Kluge, Stille, mit Deinen klugen, stillen blauen Augen! Ach, wer wie Du,
so stets sich selber gleich, durch das Leben gehen könnte! Wer doch, wie Du, in
sich selbst den Frieden hätte, in dem sich, wie in einem tiefen stillen See,
Alles in klaren Farben und scharfen Umrissen spiegelt! Was Dir heute gut
erscheint, erscheint Dir auch morgen so; was Du heute für recht hältst, erklärst
Du auch morgen nicht für unrecht. Das Mass, mit dem Du die Menschen missest, ist
das unwandelbar gleiche, strenge; wer es nicht erreicht, den erkennst Du nicht
für Deines Gleichen und behandelst ihn danach heute wie morgen und alle Tage mit
der milden Freundlichkeit, die im Grunde eine kühle Gleichgiltigkeit ist, und um
die ich Dich so oft beneidet habe. - Wie ist das Alles bei mir so anders, so
ganz anders! Mein Herz ist ein wildbewegtes Meer und die Bilder des Lebens
verzittern darin, schwankend und wechselnd und mich ängstigend wie ebensoviele
Gespenster. Zwar auf der Oberfläche! - nun ja! da ist's scheinbar ruhig genug -
wenigstens sagen es die Leute und ich fühle es selbst; aber in der Tiefe? da
kocht es und wühlt es - da keimen Wünsche, die ich mir kaum selbst zu gestehen
wage; da spriessen Gedanken, vor denen ich selbst erschrecke; da blüht die
Sehnsucht nach einem unsäglich hohen, unsäglich köstlichen Glück, die Sehnsucht,
die ich Dir oft - und ach! niemals so, wie ich sie wirklich fühle - geklagt habe
und die Du lächelnd in das Reich der Träume verwiesest. Solltest Du Recht haben?
Sollte die Stimme, die oft in stiller Nacht - wie jetzt - aus meiner Seele ruft,
klagend, sehnsuchtsvoll, verzweifelnd - nie ein Echo finden? Mir glüht die Stirn
- meine Augen brennen - mein Herz pocht in ungeduldigen Schlägen. Was willst Du,
ungestümes, wildes Herz? Liebe? ja! Macht und Ehre und Glanz und Herrlichkeit?
ja! - Wie aber, wenn Du beides nicht auf einmal haben kannst; wenn Du das Eine
oder das Andere opfern müsstest? wie dann? was willst Du opfern? die Liebe -
nein! die Herrlichkeit? nein, o nein! - Nun denn! so poche rastlos unbefriedigt
weiter und quäle mich ohn' Erbarmen, bis diese Hand und dieses Haupt es müde
werden, deine fiebernden Schläge zu zählen.
    Ich sehe Deine weichen blauen Augen erwartungsvoll auf mich gerichtet; ich
sehe auf Deinen Lippen die Frage zittern: was hast du, dearest? O, Liebste,
Teuerste, Du sollst es mir sagen. Seit einiger Zeit verstehe ich mich selbst
nicht mehr.
    Ich schrieb Dir, dass ich Herrn St. zufällig vom Fenster aus wiedergesehen
habe, und dass ich sehr wünschte, ihn einmal allein zu sprechen. Dieser Wunsch
sollte noch an demselben Tage in Erfüllung gehen. Ich traf ihn bei Fräulein R.
und er begleitete mich, da die Dienerin nicht kam, nach Hause. Wir hatten
unterwegs ein Gespräch, das mich sehr erregte, da es von Bruno handelte, und ich
hatte endlich Gelegenheit, Herrn St. den Dank abzustatten, den ich ihm von
meiner Verlobungsaffaire her schuldete. Ich war tief bewegt, als er vor der Tür
Abschied von mir nahm. Der Zauber, den dieser Mann stets auf mich ausgeübt hat
und den ich nur von mir abzuschütteln vermag, wenn ich von ihm nichts sehe und
höre, war in seiner Nähe wieder mächtig geworden. - Ich fühlte das und gerade
deshalb - Du kennst mich - vermied ich es nicht, ihn wieder zu sehen, obgleich
ich es leicht gekonnt hätte.
    Zwei Abende darauf traf ich ihn abermals, ebenfalls bei Fräulein R. Diesmal
war, als wir nach Hause gingen, die Dienerin zugegen, aber da wir französisch
sprachen, - das Herr St. entzückend schön spricht; er sagte mir, er sei durch
Abstammung ein halber Franzose - - war unsere Unterhaltung doch ungenirt. Was
die zwei Tage gut gemacht hatten, verdarben diese zwei Stunden Zusammensein
wieder, und ich erkannte zu meiner grössten Beschämung - und mit Röte der Scham
auf den Wangen schreibe ich es nieder, - dass das Gefühl, welches mich in seiner
Nähe überkommt, stärker ist, als mein Stolz. Nicht, als ob er mir durch
Geisteshoheit, durch Manneskraft eben imponirte! durchaus nicht. Er gleicht
streng genommen, gar nicht dem Ideal, das ich von dem Helden, den ich lieben
könnte, im Herzen trage: aber es ist in dem Ton seiner Stimme, in dem Blick
seiner grossen blauen Augen, in seinem ganzen Wesen ein Etwas, das mich unsäglich
rührt. Und dann - ich will Dir ja Alles sagen, - ich weiss, dass er mich liebt,
und wie es wohl unter diesen Verhältnissen nicht anders sein kann, hoffnungslos
liebt, und das macht mir ihn wert, wie den Dolch mit der blanken
Damascenerklinge und dem goldenen Griffe, den ich als Mädchen von zwölf Jahren
einmal in der Rüstkammer in Grenwitz fand, wie einen herrlichen Schatz mit mir
auf mein Zimmer nahm und von dem ich mich seitdem nicht wieder getrennt habe.
Ich weiss es - Oswald und der Dolch - sie beide gehören mir, nur mir. Es ist so
unendlich süss, etwas sein eigen zu nennen, von dem Niemand weiss, Niemand ahnt
und das doch zu uns stehen wird, uns helfen wird in der letzten Gefahr, wenn
alle Andern uns verlassen haben. Wenn ich Oswalds Blick auf mich gerichtet sehe,
so ist mir zu Sinnen, wie wenn ich den Dolch halb aus seiner sammetnen Scheide
zücke und in der Sonne funkeln lasse.
    Aber es liegt Gefahr in diesem Funkeln. Wie oft hab' ich die Waffe dann ganz
herausgezogen, die haarscharfe Spitze mir auf's Herz gesetzt und zu mir gesagt:
ein Druck - und du atmest nicht mehr. Und es liegt Gefahr in der Nähe dieses
Mannes; ein Wort von ihm, und er hat aufgehört für mich zu leben, und wenn ich
schwach genug wäre, es zu erwidern - - ich darf nicht daran denken; nicht daran
denken, wie nah ich schon an dem Abgrund gestanden habe!
    Ich hatte mir vorgenommen nicht wieder zu Fräulein R. zu gehen und diesen
Entschluss auch durchgeführt. Vorgestern gegen Abend, als ich allein im Garten
war - die Andern waren, Fräulein Bär an der Spitze, auf ihrem gewöhnlichen
Spaziergange - hörte ich das Brausen des nahen Meeres so deutlich, dass mich eine
unwiderstehliche Sehnsucht befiel, mein Lieblingselement einmal wieder von
Angesicht zu Angesicht zu sehen. Unser Garten stösst an eine Parkanlage, die sich
unmittelbar bis an's Ufer erstreckt. Sie gehört der Stadt und ist, wie ich höre,
im Sommer eine gesuchte Promenade. Im Herbst aber, noch dazu in dieser kühlen,
feuchten Abendstunde, hatte ich in den breiten Alleen unter den hohen Bäumen nie
Jemand bemerkt. So öffnete ich denn die nicht einmal verschlossene Pforte und
trat hinaus. Es war dunkler im Park, als es im Garten gewesen war; lauter
rauschte der Abendwind durch die kahlen Aeste der mächtigen Buchen; deutlicher
hörte ich das Brausen der See. Unter meinen Füssen raschelte das Laub; über mir
krächzten ein paar Krähen, die auf den schwankenden Zweigen keine Ruhe finden
mochten. Ich hüllte mich fester in meinen Shawl und schritt weiter. Das mit
jedem Augenblick tiefer hereinsinkende Dunkel und der kühle feuchte Atem des
Waldes und des Meeres übten den alten Zauber auf mich aus, den ich so oft als
kleines Mädchen empfunden hatte. Ich verspürte nicht die mindeste Furcht; die
Seligkeit, einmal mit mir und meinen Gedanken allein zu sein, allein in einer
Umgebung, die so ganz zu meinen Gedanken stimmte, liess ein solches Gefühl gar
nicht aufkommen. Ich eilte weiter und immer weiter, wie in einem Traum, bis ich
an das Ende der grossen Allee kam. Dort öffnet sich ein kleiner von hohen Bäumen
fast überwölbter Platz, dessen eine Seite vom Meere selbst begrenzt wird, das
bis unmittelbar an das mässig hohe, aber steile Ufer brandet. Ein eisernes
Geländer fasst den Rand ein. Bänke stehen hier und da für Spaziergänger, welche
sich, von der Wanderung ermüdet, an der Kühle des Platzes und der Aussicht auf
das Meer erquicken wollen. Ich lehnte mich auf das Geländer und blickte hinein
in die dunkelnde und im Dunkeln leuchtende Wasserwüste und sah Welle auf Welle
rastlos heranrollen und auf den glatten Kieseln des schmalen Vorstandes
zerschäumen. Ihr Donnern, das jedes andere Geräusch übertäubte, war Wiegengesang
für mein wildes Herz und lullte mich in wunderliche Träume von einem Glück, das
tief und grenzenlos war, wie das tiefe, grenzenlose Meer, an dessen in Dunkel
verzitterndem Horizont mein Blick hing; und - hätte das Glück sonst einen Reiz
für mich! - ebenso voll schauerlicher Geheimnisse und unberechenbarer Gefahren.
    Da schlug in unmittelbarster Nähe eine Menschenstimme an mein Ohr. Ich fuhr
aus meiner gebückten Stellung in die Höhe, und vor mir stand Herr St.
    Ich bitte um Verzeihung, sagte er, wenn ich Sie in Ihren Phantasien störe;
aber der Zufall, Sie zu dieser Stunde an diesem Platze zu treffen, ist zu
seltsam, als dass ich darin nicht etwas mehr als einen blossen Zufall erblicken
sollte.
    Ich war über diese plötzliche Begegnung so erschrocken, und das Unpassende
meines Schritts wurde mir mit einem Male so klar, dass ich kalt und scharf
erwiderte:
    Wie meinen Sie das, mein Herr? Ich will hoffen, dass es in der Tat ein
Zufall ist, was mir in diesem Augenblick das Vergnügen Ihrer Gegenwart
verschafft.
    
    Er trat einen Schritt zurück.
    Verzeihen Sie, mein gnädiges Fräulein, sagte er; ich wusste nicht, dass meine
Gegenwart Ihnen so lästig war.
    Er verbeugte sich und ging.
    Der Ton, in dem er gesprochen hatte, schnitt mir in's Herz. Als er ein paar
Schritte fort war, konnte ich's nicht länger ertragen. Ich nannte seinen Namen.
Im nächsten Augenblick war er wieder an meiner Seite.
    Herr St., sagte ich, verzeihen Sie mir. Ich war erschrocken; ich wusste
nicht, was ich sagte.
    Nein, nein, sagte er, Sie hatten ganz recht. Es ist kein Zufall, der uns
hier zusammenführt; von meiner Seite wenigstens nicht. Ich sah Sie in den Park
treten; ich bin Ihnen gefolgt; ich hatte Sie keinen Augenblick aus den Augen
verloren.
    Und kommen Sie häufiger hierher? fragte ich, indem wir anfingen, die lange
Allee wieder hinaufzugehen.
    Ja, erwiderte er; für einen Unglücklichen sind das Dunkel und die Einsamkeit
die passendsten Gefährten.
    Ich hatte nicht den Mut zu fragen, weshalb er unglücklich sei; wir gingen
schweigend nebeneinander weiter. Ich beschleunigte den Schritt, denn der alte
Zauber kam wieder über mich und ich wollte ihm entfliehen. Nach wenigen Minuten
näherten wir und der eisernen Gittertür, die aus dem Park in den Garten führt.
Zwischen den dichten Büschen, unter den hohen Bäumen war es sehr dunkel. Mein
Herz schlug zum Zerspringen. Ich war fest entschlossen, kostete es mich auch das
Leben, seine Liebe, sollte er jetzt von Liebe sprechen, zurückweisen und dennoch
- dennoch wünschte ich, dass er spräche, zürnte ich ihm, dass er nicht sprach. Es
waren vielleicht nur wenige Secunden, aber sie dünkten mich eine Ewigkeit - eine
Ewigkeit von Furcht und Hoffnung. Da standen wir an der Tür. Oswald öffnete
sie. Ich dankte ihm und wünschte ihm gute Nacht. Er antwortete nur mit einer
schweigenden Verbeugung. Als die Tür hinter mir in das Schloss fiel, zuckte ich
zusammen, wie ein Gefangener, der das Kerkertor, das ihn für immer vom Leben
trennt, hinter sich zuschlagen hört. Ich wollte im ersten Augenblick die Hand
durch das Gitter strecken und ihm sagen - ich weiss nicht was - aber ich bezwang
mich und ging, ohne mich umzusehen, raschen Schrittes nach dem Hause. Und als
ich auf meinem Zimmer angekommen war, habe ich mich auf das Sopha geworfen und
bitterlich, bitterlich geweint, wie ich nie in meinem Leben geweint habe, nie
geglaubt hatte, dass Helene von Grenwitz weinen könne.
    Dann aber raffte ich mich empor und schwor mir zu, diese Schwäche, die mich
so tief demütigte, koste es was es wolle, zu überwinden. Ist doch mein Stolz
mein einzig Gut, die blanke Waffe, mit der in der Hand ich mich jedem Gegner
gewachsen fühle; selbst meiner Mutter! - Ich dachte mit Schaudern an den Moment,
wo ich mich in dem Bewusstsein, mich vor mir selbst erniedrigt zu haben, auch vor
ihr erniedrigen müsste; wo ich ihr nicht mehr mutig in die grossen, kalten,
strengen Augen schauen könnte! Ich wusste, wusste es mit unumstösslicher Gewissheit,
dass dieser Moment mein letzter sein würde.
    Und so begab ich mich hernach zu Bett; aber es wollte kein Schlaf in meine
Augen kommen. Ich lag da, die Hände über der Brust gekreuzt, und wiederholte mir
unablässig, was ich mir zugeschworen und wenn das Herz vor einem unsäglich
jammerreichen Gefühl, das mir die Tränen in die Augen trieb, so schwer, ach so
schwer wurde - so setzte ich die Spitze des Dolches auf das ungehorsame,
rebellische Herz und dann wurde es wieder ruhiger, demütiger; es mochte fühlen,
dass es in dem Kampfe zwischen Stolz und Liebe doch keine Aussicht auf den Sieg
habe. Zuletzt schlief ich ein und träumte, ich sei mit meiner Mutter versöhnt.
Sie bedeckte mich mit Küssen und Juwelen; aber die Küsse waren eisig und die
Juwelen erkälteten mich bis in's innerste Mark. Doch liess ich es geschehen und
sie nahm mich bei der Hand und führte mich durch dunkle Gänge in das
hellerleuchtete Schiff einer Kirche, das voll Menschen war. Die Augen aller
dieser Menschen waren starr auf mich gerichtet. Dann war es plötzlich nicht mehr
meine Mutter, die mich an der Hand hielt, sondern ein grosser fremder Mann in
einer Uniform, die von Gold und Diamanten blitzte. Das Gesicht konnte ich nicht
sehen, er hielt es beständig nach der andern Seite gewandt. So traten wir an den
Altar, auf dessen Stufen der Priester stand. Die Orgel brauste und Gesang
flutete durch die hohen Hallen. Ueber dem Priester hing ein grosses hölzernes
Cruzifix, so wie in der Capelle von Grenwitz eins hängt, das ich oft als Kind
voll Grausen betrachtet habe. Auch jetzt kam dieses Grausen wieder über mich,
denn das Bild schüttelte, während er sprach, immer mit dem Kopfe, und als ich
genauer hinsah, trug es die Züge von Oswald, aber verzerrt und todtenbleich und
in der Seite des Bildes stak mein Dolch bis an den goldenen Griff und schwarze
Blutstropfen fielen lang und langsam herunter. Da öffnete es den Mund und schrie
laut auf, laut und gellend und vor dem Schrei zerstob die Menge, die Gewölbe
krachten zusammen und der Mann an meiner Seite wurde zum Gerippe. Vergebens, dass
ich mich seinem Griff zu entziehen suchte. Es umschlang mich mit seinen
Knochenarmen und fuhr mit mir hinab in finstere Tiefen - schneller, immer
schneller, bis ich vor allem Entsetzen erwachte. Der trübe Herbstmorgen blickte
in mein Zimmer, aber noch immer glaubte ich, die Posaunen zu hören und es
dauerte geraume Zeit, bis ich mich überzeugen konnte, dass es die Hörnertöne
eines Trauermarsches waren von einem militairischen Leichenzug, der an dem Hause
vorüber nach dem nahen Friedhofe ging.
    Ich versuchte zu lächeln über den wunderlichen Traum und es gelang mir, -
weil ich es wollte, weil ich den leeren Schreckenbildern einer aufgeregten
Phantasie keinen Einfluss auf meine Entschlüsse zugestehen wollte. Ueberdies
konnte ich mir bei ruhiger Ueberlegung wohl erklären, wie ich zu diesem Traum
gekommen war. Am Abend vorher hatte ich Oswald im Schmerz von mir Abschied
nehmen sehen; an diesem Tage sollte ich meiner Mutter nach langer, langer Zeit
zum ersten Male gegenübertreten. Mein Vater hatte diese Zusammenkunft
vermittelt; er wünschte, mich auf einer Gesellschaft zu haben, die man zu geben
beabsichtigte - ich mochte dem guten Vater diese Bitte nicht abschlagen.
    Ich ging am Morgen zur Visitenzeit hin. Das Wiedersehen war weniger
peinlich, als ich erwartet hatte. Es war glücklicherweise viel Besuch da -
Clotens, Barnewitzens etc., auch ein Officier - ein Fürst Waldernberg - ein
ausserordentlich stattlicher, stolzer, wenn auch nicht schöner Mann. Er liess sich
mir natürlich vorstellen und bat mich um den ersten Walzer. Bald darauf brach
der Besuch auf, ich mit. Emilie von Cloten - ich habe Dir schon von ihr
geschrieben - gratulirte mir, während sie mich in ihrer Equipage nach der
Pension zurückfuhr, zu meiner »Eroberung.« Ich erwiderte ihr, dass ich für
Eroberungen, die so leicht zu machen wären, danke. Das ist Geschmacksache,
antwortete Emilie lachend. Ich für mein Teil finde, dass, was man nicht im Fluge
erobert, nicht des Eroberns wert ist. Bei mir heisst es immer: l'amour ou la
vie. Freilich ich bin eine Schwalbe und lebe von Mücken. Königsadler, wie Du,
müssen, eine stolze Beute haben, die sich auch nötigenfalls zur Wehr setzen
kann. Mir ist diese fürstliche Beute, offen gestanden, zu stolz. Aber für Dich -
c'est autre chose. Gleich und gleich gesellt sich gern.
    Die leichtfertigen Worte der Schwätzerin hatten meine Neugier rege gemacht;
ich nahm mir vor, während der Gesellschaft den Fürsten etwas genauer zu
beobachten. In der Stimmung, in der ich war, kam es mir gelegen, meinen Stolz an
dem Stolz eines Andern zu messen. Hatte ich mir doch zugeschworen, nie wieder
einem weicheren Gefühl Eingang in mein Herz zu verstatten; und da war es mir
eine Art von Beruhigung, dass es noch andere Menschen gäbe, die ebenso dächten,
wie ich.
    Meine Mutter empfing mich am Abend des folgenden Tages mit einer Güte - die
ich zum mindesten nicht um sie verdient hatte. Es war offenbar ihre Absicht, mir
zu zeigen, dass sie es auf eine wirkliche Versöhnung abgesehen habe. Sie küsste
mich auf die Stirn, nahm mich bei der Hand und führte mich zu den Damen, die
mich ebenfalls mit Zuvorkommenheiten überhäuften. Es schien, als ob das ganze
Fest nur meinetalben gefeiert würde; als ob sich Alles nur um mich drehte. Wo
ich sass und stand, hatte ich einen Kreis von Herren und Damen um mich, wie eine
Königin.
    Es war das erste Mal, seit ich von Grenwitz fort bin, dass ich mich wiederum
unter Meinesgleichen in stattlich schönen Zimmern bewegen konnte. Ich fühlte,
deutlicher, als ich es je gefühlt, dass dies die Umgebung sei, in der ich einzig
frei auftreten, dass dies die Luft, in der ich einzig frei atmen könne, dass ich,
mit einem Worte, zum Herrschen und nicht zum Dienen geboren sei. Es erschien mir
auf einmal als eine keineswegs schwere Aufgabe, den Schwur zu halten, den ich in
der Nacht mit glühenden Tränen in meine Seele gebrannt hatte; ich lächelte über
- die Phantasien des Mädchens in der Pension! und lächelnd nahm ich die
Huldigungen entgegen, die man mir verschwenderisch zu Füssen legte.
    Unter diesen Huldigenden befand sich auch Fürst Waldernberg. Ich brauchte
mich nicht näher nach seinen Verhältnissen zu erkundigen. Alle Welt beeilte
sich, mir darüber Auskunft zu geben. Es ist ein geborener Russe und unermesslich
reich. Die Güter seiner Mutter, einer Fürstin Letbus, liegen in allen Teilen
Russlands; Fürst von Waldernberg ist er ebenfalls durch seine Mutter, die aus
diesem Hause stammt. Seit er zur Succession kam, ist er aus russischem in unsere
Dienste getreten. Sein Vater ist ein Graf Malikowsky. Die Eltern leben noch
beide, er ist das einzige Kind. Du siehst, liebe Mary, hier tritt zum ersten
Male in meinen Briefen ein wirklicher Grande auf, der Euren stolzen Herzögen und
Marquis ebenbürtig ist; und ich dachte an Dich, während die schwarzen Augen des
Fürsten, mochte er noch so fern von mir stehen, beständig zu mir
herüberbljetzten, ob ich in Deinen Augen, wärest Du zugegen, wohl ein
aufmunterndes Lächeln sehen und darin lesen würde: Er ist Deiner wert! Ich
hoffte es, denn das Aussehen und die Haltung des Fürsten ist so vornehm, wie
sein Rang. Ich bemerkte mit einiger Beschämung, wie traurig sich unsere jungen
Herren neben ihm ausnahmen und wie sie sich alle vergeblich bemühten, seine Art
zu gehen und sich zu tragen, nachzuäffen. Er unterhielt sich mehremals
angelegentlich mit mir. Eine seiner Äusserungen ist mir im Gedächtnis geblieben,
weil sie mir aus der Seele gesprochen war. Ich fragte ihn, weshalb er, der
Tausende und aber Tausende von Leibeigenen habe, in der Armee diene, wie unsere
jungen Adeligen, die nichts auf der Welt besässen, als ihren Degen? Weil,
antwortete er, ich zu stolz bin, da herrschen zu wollen, wo ich es nicht im
strengsten Sinne des Wortes kann. - Wie das, Durchlaucht? - Ich bin nicht
Souverain. Meine Ahnen waren es; ich muss jetzt büssen für die Schwäche meiner
Ahnen. - Würden Sie nicht die Oberhoheit aufgegeben haben? - Nimmermehr!
erwiderte er - und es war dies das einzige Mal, wo ich eine Art von Bewegung in
seinem kalten, stolzen Gesicht sah - nimmermehr! tausendmal lieber mein Leben!
Aber, fügte er nach einer kleinen Pause hinzu, ich kenne Jemand, der auch lieber
sterben, als sich demütigen würde. - Und wer wäre das? - Sie selbst, mein
gnädiges Fräulein.
    Die Gesellschaft endete tief in der Nacht. Papa liess mich in unserer
Equipage nach Hause fahren. Mama versprach, am nächsten Tage - das war heute -
meinen Besuch zu erwidern. Wirklich war sie am Vormittag bei mir. Sie war
wiederum sehr gütig, sagte mir viel Schmeichelhaftes über mein Benehmen gestern
Abend und dass sie (ebenso wie der Vater) dringend wünsche, mich wieder bei sich
zu Hause zu haben. Indessen solle es ganz bei mir stehen, ob ich überhaupt, und
wann ich zurückkommen wollte. Du hast nicht ganz Deinen freien Willen gehabt,
als Du gingst, sagte sie; so will ich wenigstens die Beruhigung haben, dass Dein
Kommen ganz freiwillig ist.
    Und Vetter Felix? - Er reist in einigen Tagen nach Italien. Es versteht sich
von selbst, dass ich Dir nicht zumute, mit ihm zusammen in unserm Hause zu sein.
    In der Tat, wenn meine Mutter es nicht redlich mit mir meint, so hat sie
zum mindesten den rechten Weg zu meinem Herzen getroffen. Ich bin halb und halb
entschlossen, zu tun, wie sie und der Vater wünschen. -
    Das junge Mädchen sass, die Arme über dem Busen gekreuzt, in den Stuhl
zurückgelehnt und starrte, in Träumen versunken, vor sich hin. Mechanisch
horchte sie auf das Sausen des Nachtwindes in den Pappeln vor dem Fenster, in
das sich von Zeit zu Zeit der dumpfe Donner des am Ufer aufrauschenden Meeres
mischte. Diese Musik rief mit den Erinnerungen frühester Kindheit ganz andere
Empfindungen wach, als die, in welche sie sich zuletzt hineingeschrieben. Da
plötzlich fuhr sie zusammen und lauschte atemlos nach dem Fenster. Durch die
klagenden Laute des Windes ertönte der Gesang einer weichen, tiefen Stimme.
    Dann rauschte der Wind wieder laut auf, und die Stimme verwehte; dann klang
es wieder deutlich herauf.
    Helene bebte an allen Gliedern. Sie wusste, dass der Sänger nicht bis in das
hochgelegene Zimmer sehen konnte; aber ihr war, als ob seine Augen - die blauen
träumerischen Augen - auf ihr ruhten. Sie wagte nicht, sich zu rühren, sie wagte
kaum zu atmen. Noch einmal, aber schon ferner, kaum noch vernehmlich, sang es:
Und muss nun sterben so jung!
Helene dachte des Bildes im Traum, des blassen Gekreuzigten, der so wehmutvoll
sein Haupt schüttelte, als der Priester über sie den Segen sprach; und sie
dachte an den Dolch, der bis zum goldenen Griff ihm in die Seite gestossen war,
und an die Blutstropfen, die lang und langsam herunterfielen, und sie drückte
schaudernd ihr Antlitz in beide Hände.
 
                           Fünfundzwanzigstes Capitel
Oswald war in dieser Zeit haltloser und unglücklicher, als er es je gewesen.
Bergers Lehre von der dreimaligen Verachtung war ein böser Same, der bei ihm auf
einen nur zu fruchtbaren Boden gefallen. Und seit er sich von Melitta verraten
glaubte, um mit grösserer Leichtigkeit an ihr zum Verräter werden zu können,
hatte er den besten Teil seiner Selbstachtung unwiderbringlich eingebüsst. Es
half ihm nicht, dass er bei dem Bruch seines Verhältnisses zu Melitta alle Schuld
auf sie wälzte, dass er sie eine herzlose Kokette nannte, die ihn auf die
schmählichste Weise betrogen habe und jetzt in den Armen ihres Buhlen über das
arme Opfer lache. Immer wieder raunte ihm eine Stimme, die nicht zum Schweigen
zu bringen war, zu: Du lügst, Du lügst! ein Weib, das so tiefe, liebevolle Augen
hat, ist nicht herzlos; ein Weib, das solcher Liebe fähig ist, ist keine
Kokette; ein Weib, das so edel fühlt und denkt, verrät den Mann nicht, von dem
sie weiss, dass sie sein Glück und seine Seligkeit ausmacht.
    Und selbst seine Liebe zu Helene war nur noch ein schwacher Abglanz jener
himmlisch reinen Flamme, die während seiner Liebe zu Melitta sein Herz, wie der
Mond die Nacht, erhellt hatte. Es war in dieser Liebe viel von dem düster
lodernden Feuer einer gierigen, verzehrenden Leidenschaft, einer Leidenschaft,
die keine heilige Scheu vor ihrem Gegenstande kennt.
    Zu dem Allem kam, dass er sich in seiner Stellung grenzenlos unbehaglich
fühlte. Seine Tätigkeit am Gymnasium widerte ihn an, nachdem er kaum damit
begonnen hatte. Schon die dumpfe Luft einer Schulstube und der Lärm einer
ausgelassenen Knabenschaar waren eine Qual für seine überreizten Nerven. Und nun
die Herren Collegen: dieser von verwaschener Humanität überfliessende Director
Clemens; dieser stocksteife, hölzerne Professor Snellius; dieser bei so wenig
Witz so äusserst behagliche Doctor Kübel; diese gelehrten Löwen Wimmer und
Breitfuss? Gulliver, als er den Jahoo's begegnete, konnte gegen sie keinen
grösseren Widerwillen empfinden, als Oswald gegen diese Schaar, mit der in
tagtägliche genaue Berührung zu kommen, seine Stellung ihn zwang. Und diese
Jahoo's waren noch dazu äusserst zuvorkommend und zutunlich; schienen gar keine
Ahnung ihrer Hässlichkeit zu haben; überhäuften den Ankömmling mit allen
möglichen Liebenswürdigkeiten; luden ihn unablässig zu Kegelabenden,
Whistpartien, ästetischen Tee's und dramatischen Lesekränzchen ein! schienen
sich an seine reservirte Haltung, an seine zurückweisende Kälte gar nicht zu
kehren - im Gegenteil, das Alles nur für die Unbehülflichkeit eines jungen
Mannes zu halten, der sich noch nicht eben viel in guter Gesellschaft bewegt hat
und notwendig aufgemuntert werden muss. Auch die Damen mussten von dieser Idee
ganz erfüllt sein, besonders Frau Director Clemens, die offen erklärte, sie
wolle den scheuen jungen Menschen, der so allein in der Welt stehe, ein wenig
unter ihre mütterlichen Flügel nehmen, und bereits angefangen hatte, diese
Drohung in Ausführung zu bringen. Ich mag Sie gern, lieber Stein, sagte die
energische Dame; Sie haben sich durch Ihren »Hauptmann« einen Platz in unserm
Lesekränzchen und in meinem Herzen erobert. Ich halte es für meine Pflicht,
unsere jüngeren Collegen heranzubilden. Die wahre Humanität lernt sich nur im
Umgange mit gebildeten Frauen. Sehen Sie unsern Collegen Wimmer! Was war das für
ein schüchterner, unbeholfener Mensch, als er vor zwei Jahren von Halle hierher
kam, und was für einen charmanten jungen Mann hab' ich seitdem aus ihm gemacht!
Nun, mit Gottes Hülfe wird's mir mit Ihnen nicht schlechter gelingen.
    Oswald übersah die wirkliche Guterzigkeit, die diesen und ähnlichen
Ergüssen zu Grunde lag und hielt sich nur an die lächerliche Form, die er mit
Albert, welchen er jetzt regelmässig des Abends aufsuchte, schonungslos
verspottete.
    Aber es gab in Grünwald, ausser der Directrice des dramatischen Kränzchens,
eine andere Dame, welche älter und bessere Rechte auf die Humanisirung des
jungen Wildfangs zu haben glaubte und ihrer Rivalin die Rolle, welche dieselbe
sich angemasst hatte, um so weniger gönnte, als sie von ihr noch anderweitig in
ihren heiligsten Gefühlen auf das tödtlichste beleidigt war.
    Primula zitterte noch immer, so oft sie an den schrecklichen Abend dachte,
wo man sie hatte zwingen wollen, der Mörder eines grossen Feldherrn und Helden zu
werden, und ihr einziger Trost war, dass sie die ihr zugemutete schmähliche
Rolle kaum angefangen, geschweige denn zu Ende gelesen. Aber wie dem auch war,
ihr Hass und ihre Verachtung gegen die Menschen, welche sie so unwürdig behandelt
hatten, blieben sich gleich. Sie erklärte, dass der plötzliche unvermutete
Anblick der Director Clemens für sie von den allergefährlichsten Folgen sein
könne. Ja, sie trieb in den ersten Tagen nach dem Ereignis die Vorsicht so weit,
so oft sie ausging, ihren Gatten oder den Diener Lebrecht zwanzig Schritt vor
sich hergehen zu lassen, um rechtzeitig von der etwaigen Annäherung des
»Gorgonenhauptes« benachrichtigt zu werden; und obgleich sich allerdings nach
kurzer Zeit diese krankhafte Reizbarkeit einigermassen legte, so versetzte doch
noch immer das blosse Aussprechenhören von dem Namen der Uebeltäterin sie in
eine nervöse Stimmung.
    Indessen ein so gleichsam passiver Widerstand gegen eine Nebenbuhlerin
genügte dem unternehmenden Geiste Primula's nicht. Die Feindin, und nicht bloss
sie, sondern ihre ganze Sippe und ihr ganzer Anhang, durften nicht bloss
stillschweigend verachtet, sondern mussten positiv gedemütigt werden. In's Herz
musste man sie treffen, oder, wie die Dichterin sich ausdrückte: Der flammende
Brand musste ihnen auf den eigenen Herd geschleudert werden. Das konnte aber nur
auf eine Weise geschehen, nur dadurch, dass man das dramatische Kränzchen in die
Luft sprengte, indem man ein anderes Kränzchen neben jenem errichtete, welches,
unter Primula's Vorsitz, die ganze Intelligenz von Grünwald in sich vereinigte
und das der Schulleute so verdunkelte, wie der Mond einen Fixstern letzter
Grösse. Einem solchen Kränzchen in Grünwald vorzustehen, war Primula's seligster
Traum gewesen, als sie noch im sanften Schein der Abendröte an der Seite des
Fragmentisten durch die Felder von Faschwitz wandelte und sich, in holder Ahnung
der Triumpfe, die sie dereinst feiern würde, von blauen Cyanen einen Kranz für
ihr blondes Haar wand. Diesen Traum glaubte sie der Erfüllung nahe, als sie, den
Wallenstein in der Hand und die Rolle der Tekla Wort für Wort im Kopf, über die
Schwelle des Empfangszimmers bei Director Clemens schritt. Musste doch dieser
Abend zu einem Triumphe für sie werden! stand es doch zu erwarten, dass, sobald
sie die ersten Verse gelesen, ein ungeheurer Beifallsturm ausbrechen, Alle sich
erheben und Männer und Frauen wie aus einem Munde rufen würden:
Heil, dreimal Heil dem stolzen Licht,
Das jetzt in unser Dunkel bricht!
O, Sängerin mit hohem Sinn
Sei Du nun unsre Königin!
O, sag' zu unsren Bitten: ja,
Liederreiche Primula!
Nun freilich war es sonnenklar, dass sie den falschen Weg zum Ziele
eingeschlagen. Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen. Was sollte sie, die
sinnige Kornblumenkränzewinderin bei dem Kampfe tragischer Leidenschaften, die
Dichterin hochberühmter Oden in einem dramatischen Kränzchen? Ein lyrisches
Kränzchen musste es sein, und ein solches lyrisches Kränzchen im offenen
ausdrücklichen Gegensatz zu dem dramatischen Kränzchen der Director Clemens zu
gründen, war der grosse Gedanke, der »wie ein mächtiger Frühlingssturm, lind und
doch unwiderstehlich, tausend Keime weckend und doch alles Andre vor sich
niederwerfend, durch ihrer Seele tiefste Schluchten brauste.« - Wer mochte
solchem Anhauch der Begeisterung widerstehen? gewiss nicht der Fragmentist, der
von einem gleichen Ehrgeize erfüllt und durch das Benehmen der Schulmänner in
seiner Eitelkeit auf das empfindlichste beleidigt war. Er wurde der erste
Schüler der Prophetin.
    Aber eine Prophetin und ihr Schüler, meinte Primula, machen noch keine
Gemeinde aus, und Mann und Frau, sie mögen so geistreich sein, wie sie wollen,
sind, wenn sie des Abends an ihrem Teetisch sitzen, noch kein Kränzchen. Die
erste Bedingung für das Zustandekommen eines solchen war daher, dass sich die
Prophetin und ihr Schüler Teilnehmer für ihr Kränzchen zu gewinnen suchten. Die
Sache war nicht so leicht. Der Professor Jäger war in der Grünwalder Societät,
die er als armer Student nur aus der Ferne gesehen hatte, verhältnissmässig wenig
orientirt. Seine Gemahlin dagegen kannte als siebente Tochter des weiland
Grünwalder Superintendenten Doctor Dunkelmann freilich die Gesellschaft, aber
die Gesellschaft, für die sie lange, lange Jahre durch ihre Ueberspannteiten
ein Gegenstand des Schreckens und des Spottes zugleich gewesen war, kannte sie
auch; und obgleich die blonde Fischerin schon seit mehreren Tagen vom Morgen bis
zum Abend am Ufer sass und das Netz auswarf, hatten sich doch erst sehr wenige
Fische fangen lassen. Das würde nun für die ehrgeizige Dichterin höchst
schmerzlich gewesen sein, wenn unter den wenigen Gefangenen nicht auch ihr
erklärter Liebling Oswald gewesen wäre.
    Sein Benehmen an jenem Abend hatte ihm das Herz Primula's, von dem er schon
ein grosses Stück besass, ganz gewonnen und auch bis zu einem gewissen Punkte das
Herz des Fragmentisten. Beide hatten ihn dringend gebeten, die »Gastfreunde von
Argos in den Ebenen des Skamander« nicht zu vergessen und Oswald war in einer
Anwandlung von boshafter Neugier der Einladung gefolgt, hatte sich während des
Besuches mit dem Professor und der Professorin in Sarkasmen gegen die
Schulmänner und ihre Damen überboten und war zuletzt, als Primula ihren
Kränzchenplan auf's Tapet brachte, mit dem grössten Entusiasmus darauf
eingegangen. Er hatte versprochen, Herrn Geometer Albert Timm, der als
geistreicher Kopf Jedermann in Grünwald bekannt war, für die Sache zu
interessiren und die Dichterin hatte ihn für diesen glücklichen Gedanken vor den
Augen ihres Gemahls umarmt.
    Seit diesem Besuch war kein Tag verflossen, an welchem nicht ein poetisches
Epistelchen von Primula an Oswald eingelaufen wäre, in welchem sie sich nach dem
Fortgang seiner Bemühungen erkundigte - Epistelchen, die Oswald sorgfältig
aufhob, um sie am Abend im Ratskeller einer geschlossenen Gesellschaft
vorzulesen, welche sich das »Rattennest« nannte und in welche er seit einigen
Tagen von Albert Timm eingeführt war.
    Es war etwa eine Woche nach dem Ball bei Grenwitzen's, als ihm abermals eine
dieser auf rosa Papier geschriebenen Anfragen durch des Professors Diener
Lebrecht überbracht wurde. Es musste diesmal etwas Besonderes sein, denn
Leberecht, ein junger, blasser, verhungert aussehender Mensch von fünfzehn
Jahren, der bis noch vor wenig Monaten Waisenknabe gewesen war, blieb an der
Tür stehen und sagte mit seiner hohlen Waisenhausstimme: Um Antwort wird
gebeten. Der Brief war abermals ein poetischer und lautete:
                An einen jungen Aar, der durch die Wolken flog.
Der junge stolze Aar,
Warum doch weilt er fern
In grauer Krähenschaar,
Er, meines Lebens Stern?
Hab' ich es doch so gern
Das braune Adlerhaar
Des hochgebornen Herrn
Mit blauem Augenpaar!
Weiss nicht, wie mir geschah!
O köstlicher Gewinn!
Seit ich in's Aug' ihm sah,
Ist meine Ruhe hin.
Doch sternhoch ist sein Sinn,
Er schätzt nicht, was ihm nah,
Dass ich ihm gar nichts bin,
Ich weiss es, - Primula.
Oswald las die Verse zwei, dreimal durch, ohne zu begreifen, wie man auf solchen
Unsinn eine Antwort verlangen oder geben könne, bis er ganz unten in der Ecke
ein mikroskopisches tournez s'il vous plaît entdeckte. Er wandte das Blatt um;
auf der andern Seite stand: Lieber O., ich muss mich ausnahmsweise einmal zur
Prosa zwingen. Ich war neulich in einer hochadeligen Gesellschaft, aus der ich
Ihnen allerlei erzählen kann, wenn Sie es hören wollen. Heute Abend besucht mich
eine Dame (aus eben der Gesellschaft), die sehr deutlich den Wunsch hat blicken
lassen, mit Ihnen bei mir zusammenzutreffen, und die Ihnen etwas mitzuteilen
hat, was vielleicht für Ihre Zukunft entscheidend wird. Allerdings sollte es
mich innig schmerzen, wenn ich Sie verlöre; aber meine Freundschaft für den
jungen Adler (s.p. 1) ist so rein, wie das Element, das er mit seinen mächtigen
Flügeln peitscht. Wollen Sie um sieben Uhr sein bei Ihrer Dienerin
                                                                        Primula.
Ein freudiger Schrecken überfiel Oswald. Wer anders konnte die junge Dame sein
als Helene? Freilich der Schritt war kühn; aber was wagt die Liebe nicht? - Er
warf mit fliegender Feder ein paar Zeilen auf's Papier und gab sie Lebrecht mit
der ernsten Mahnung, das Briefchen ja nicht zu verlieren - eine Mahnung, die
durch das äusserst stupide Aussehen des gewesenen Waisenknaben einigermassen
gerechtfertigt schien.
    Die Stunden, die er noch bis zum Abend hinzubringen hatte, schienen ihm zu
schleichen. Dazu wollte das Unglück, dass er gerade an diesem Nachmittag zwei
Lectionen geben musste in einer höheren Klasse, deren Schüler er durch sein
ungleichmässiges Benehmen gegen sich aufgebracht hatte. Sie liessen es heute, wo
ihr junger Lehrer launischer schien als je, nicht an Neckereien und
Widerspenstigkeiten aller Art fehlen, und Oswald liess sich dadurch zu einer
leidenschaftlichen Heftigkeit hinreissen, die zwar die Ruhe in der Klasse sofort
wieder herstellte, über die er sich aber mehr ärgerte, als über alles Andere.
    Missmut und Zorn im Herzen verliess er das Gymnasium. Nicht weit davon
begegnete ihm Franz. Keine Begegnung konnte ihm in diesem Augenblick ungelegener
sein. Er hatte die Freundschaft dieses trefflichen Menschen sehr wenig gepflegt,
kaum dass er ein oder das andere Mal ( und meistens nicht in der Absicht, Franz
zu treffen) bei Robrans gewesen war. Er wusste, dass er sich durch dies Benehmen
gegen einen Mann, dem er so viel verdankte, einer hässlichen Undankbarkeit
schuldig machte; aber lieber das, als das peinliche Gefühl der Demütigung,
welches er jedesmal empfand, so oft der prüfende Blick des Freundes auf ihm
ruhte.
    Wie geht's, Oswald? sagte Franz, von der andern Seite der Strasse
herüberkommend und ihm herzlich die Hand schüttelnd. Sie müssen verteufelt viel
zu tun haben, dass Sie sich gar so selten sehen lassen.
    Nicht eben viel; erwiderte Oswald; aber das Wenige, was ich zu tun habe,
ist desto unangenehmer.
    Wie so?
    Diese Schule! eine einzige Stunde in der schnöden Tretmühle verdirbt mir die
Laune für die übrigen dreiundzwanzig des Tages. Lieber Strassenkehrer, als
Schulmeister.
    Ich wusste es zum voraus, dass Ihnen das Ding anfänglich nicht behagen würde,
sagte Franz mit seinem freundlichen warmen Lächeln; aber, Oswald, Sie wissen ja:
es nimmt ein Kind der Mutter Brust - und so weiter; und dann, bedenken Sie doch:
Entsagung, Opferfreudigkeit erfordert jeder Beruf und wäre es der - eines
Strassenkehrers. Adieu, Oswald; ich muss in dies Haus hinein. Kommen Sie recht
bald einmal zu uns; ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen.
    Damit ging Franz in das von ihm bezeichnete Haus; Oswald setzte seinen Weg
fort.
    Entsagung, Opferfreudigkeit, murmelte er; das klingt sehr schön von den
Lippen Jemandes, der sich in seinem Beruf behaglich fühlt. Es ist doch nichts
widerwärtiger, als ewig mit solchen allgemeinen Phrasen geschulmeistert zu
werden, die auf die Situation, in der wir uns befinden, passen, wie die Faust
auf's Auge. Timm hat wirklich recht: Franz ist ein langweiliger Pedant.
    Er lenkte seine Schritte nach der Wohnung seines Pylades. Albert wohnte im
Schatten der Brigittenkirche, in dem Hause des Küsters Tobias Guterz, eines
Mannes, der in dem Geruch ganz besonderer Heiligkeit stand, so dass Niemand recht
begreifen konnte, weshalb der höchst unheilige Mieter gerade diesen Mietsherrn
gewählt hatte, und noch weniger, wie sich Beide schon seit langen Jahren so gut
vertragen konnten.
    Albert war zu Hause. Er lag auf seinem Sopha und las. Der Duft einer feinen
Havannah erfüllte das Gemach, welches in seiner grenzenlosen Unordnung ein
ausnehmend passender Rahmen für den jungen Wüstling war.
    Ah, sieh' da, Pompei, meorum prime sodalium, sagte er, bei Oswald's
Eintreten das Buch auf die Erde schleudernd und sich aufrichtend; ich dachte so
eben an Dich, ob Dir wohl der Horaz, wenn Du ihn Deinen Buben vom Kateder herab
interpretirst, ein so vergnügtes Gesicht macht, wie mir, wenn ich ihn hier bei
einer echten Havannah auf dem Sopha lese. Ist das ein famoser Bengel! ich denke
mir ihn immer als einen kleinen Kerl mit etwas kahlem Kopf, einer Andeutung von
einem Bäuchelchen, lebhaften schwarzen Augen und üppigen kussgewohnten Lippen,
der, die Hände auf dem Rücken, durch die Strassen Roms schlendert, nach links
einer hübschen Dirne zuwinkt, nach rechts eine malitiöse Bemerkung über einen
Spiessbürger macht und dessen ganze Moral sich in die Worte zusammenfasst: Vivat
Falerner und schöne Mädchen, ohne sie leben, lohnt nicht der Müh'. Habe ich
recht?
    Ich glaube wohl.
    O Himmel, diese Grabesstimme! Was ist denn nun wieder los? Hast Du einen
Wechsel zu bezahlen?
    Diese verdammte Schule!
    Ist's weiter nichts? Schick' sie zum Teufel, der sie erfunden hat.
    Mais il faut vivre, wie der Schneider zu Herrn von Talleirand sagte.
    Je n'en vois pas la nécessité, wie Herr von Talleirand antwortete, zum
wenigsten nicht die nécessité, so zu leben.
    Wie den anders? ich habe noch etwa dreihundert Taler; wenn ich damit zu
Ende bin, und das dürfte bald sein, muss ich arbeiten, oder mir eine Kugel durch
den Kopf jagen.
    Dass Du ein Narr wärst! Ein Kerl, wie Du, der tausend Mittel und Wege hat,
fortune zu machen!
    Zum Exempel?
    Zum Exempel, wenn er die kleine Grenwitz heiratet, die, meiner Meinung
nach, nichts eifriger wünscht.
    Das ist leichter gesagt, als getan.
    Vielleicht doch nicht, wenn man den rechten Weg einschlägt.
    Und der wäre?
    Mache, dass man Dir das Mädchen geben muss, man mag wollen oder nicht.
    Ws ist mit diesem Rätselwort gemeint?
    Du bist heute merkwürdig schwer von Begriffen.
    Albert legte sich in die Sophaecke zurück und blies blaue Ringe in die Luft;
Oswald brütete düster vor sich hin. Er überlegte, ob er Timm wohl das Geheimnis
des Rendez-vous, zu dem er heute Abend eingeladen war, mitteilen könnte.
Endlich kam, fast gegen seinen Willen heraus:
    Ich habe heute einen curiosen Brief von Primula empfangen; ich möchte wohl
wissen, ob Du besser daraus klug werden kannst, als ich.
    Lass hören, erwiderte Albert, in die Bewunderung eines prachtvollen Ringes,
den er so eben zu Stande gebracht hatte, verloren.
    Oswald las die Ode an den jungen Aar und das mysteriöse Postscript. Albert
sprang vom Sopha in die Höhe.
    Kerl, Du bist der wahre Hans im Glück! rief er; die Sache ist ja sonnenklar.
Die junge Dame kann Niemand anders sein, als die kleine Grenwitz. Das Mädchen
ist wahrhaftig zehnmal gescheiter und mutiger, als ihr jüngferlicher Galan, der
die edle Kunst, die Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen, so wenig versteht. Im
Ernst, Oswald, die Karten liegen jetzt so gut, wie Du sie Dir nicht besser
wünschen kannst. Freilich mit der Eroberung der Festung wird's nicht so schnell
gehen. Die Jägerin hat offenbar mehr geschwatzt, als sie sollte; aber
gleichviel: in den Laufgräben bist Du, und wenn Du nicht weiter kommst, so ist
es Deine Schuld. Wann sollst Du bei Primula sein?
    Um sieben.
    Jetzt ist es fünf; wir haben noch zwei Stunden Zeit. Komm! wir müssen den
Operationsplan reiflich bei einem Glase guten Stoffs überlegen. Karl der Kahle
hat einen herrlichen Markobrunner, und aus diesem Brunnen sollst Du zuvor
trinken, dass Deine Unternehmung Mark und Nachdruck hat und keine Spur von des
Gedankens kränklicher Blässe. Komm!
 
                          Sechsundzwanzigstes Capitel
Primula sass in ihrem Studirzimmer an einem mit neuen Büchern, Journalen und
Papieren bedeckten Tische. Nach dem Empfangszimmer, das gleichfalls erleuchtet
war, stand die Tür offen. Sie hatte soeben ein längeres Gedicht beendigt, das
noch heute Abend an die Redaction eines belletristischen Journals geschickt
werden musste, in dessen Briefkasten schon dreimal, unter der Chiffre »P.V. in
Gr.« die Notiz gestanden hatte: Hochverehrte Frau! wir harren sehnlichst auf das
versprochene Manuscript. - Da lag es nun, das versprochene Manuscript! Eben war
das letzte Pünktchen über das letzte i gemacht und schon sollte es hinaus in die
weite, liebeleere Welt, bevor noch er, der sie zu all' diesen glühenden Strophen
begeisterte, eine Zeile davon gehört hatte. - Wenn er nur so früh käme, dass sie
ihm wenigstens doch ein paar Verse vorlesen könnte, ehe die junge Frau von
Cloten anlangte, in deren Beisein es natürlich nicht möglich war!
    Da, horch! war das nicht die Klingel an der Haustür? Die Haustür wird
geöffnet - eine weiche Männerstimme - er ist's! er ist's! Dank, ihr gütigen
Götter!
    Primula warf einen schnellen Blick in den Spiegel, der über ihrem
Arbeitstische hing und strich sich die blonden Locken aus dem blassen Gesicht,
ergriff eine Feder und fing an (ohne Tinte darin zu haben) mit nervöser
Heftigkeit auf einem weissen Blatt Papier zu kritzeln.
    Störe ich, verehrte Frau? fragte bald darauf die weiche Stimme neben ihr.
    Ah, mein Gott! rief die Dichterin, die Feder aus der Hand werfend; Sie
sind's, Oswald! Hatte ich Sie doch gar nicht kommen hören!
    Sie waren so freundlich, verehrte Frau, mich in dem reizendsten Briefchen,
dass ich je gelesen -
    Sie Schmeichler! Wenn Sie die einfachen Verse von heute Morgen so loben, was
werden Sie dann zu diesen sagen, die ich heute Abend, das Herz voll von Ihnen,
mit glühender Stirn und pochendem Herzen geschrieben habe. Ich muss Ihnen
wenigstens den Anfang vorlesen. Sie kommt vielleicht sobald noch nicht,
vielleicht gar nicht. Bitte, bitte, nehmen Sie Platz. In einer halben Stunde muss
es auf die Post. Hören Sie! Was sagen Sie zu diesen originellen Versen, die mich
eines Freiligrat nicht unwürdig dünken. Die Ueberschrift lautet: Der Löwe am
Cap. Muss ich Ihnen sagen, wer der Löwe ist?
Wenn die glühe Sonnenscheibe sank dem Hottentottenkrale,
Wenn die Nacht herniedertauet, die gespenstisch blasse, fahle,
Wenn am Horizontessaume sich erhebt des Mondes Schale,
Dann an der Lagune Rande brüllt es laut mit einem Male.
Der einmal entfesselte kastalische Quell war nicht mehr zu hemmen. Oswald musste
sich in sein hartes Schicksal ergeben. Plötzlich ertönte die Hausglocke. Der Ton
schien für die Dichterin nur ein Signal zu sein, mit doppelter und dreifacher
Geschwindigkeit zu lesen, wobei sie ihrem Hörer, gleichsam um ihn am Entfliehen
zu hindern, die Hand auf den Arm legte. Noch fehlten vielleicht nur noch dreissig
Strophen, da rauschte in dem Nebenzimmer ein seidenes Gewand, und in der offenen
Tür, die nach dem Empfangszimmer führte, stand plötzlich die graciöse Gestalt
Emiliens von Cloten.
    Ich störe doch nicht, liebe Frau Professor? fragte die junge Dame, mit einem
halb scheuen, halb kecken Blick auf Oswald; sonst gehe ich sogleich wieder.
    O nein, nein, erwiderte Primula in einem wehmütigen Ton, das Manuscript auf
den Tisch legend und sich erhebend; durchaus nicht! Ich las nur eben meinem
jungen Freunde Stein ein paar Verse aus einem Gedicht - o Gott, es ist bereits
halb acht, das Packet muss vor acht auf der Post sein. Liebe Frau von Cloten,
bester Stein, entschuldigen Sie mich für den hundertsten Teil eines
Augenblicks. Verweilen Sie so lange in dem Salon; sobald ich das Packet expedirt
habe, bin ich bei Ihnen.
    Damit schob die aufgeregte Dichterin ihre Gäste ohne viele Umstände in das
Nebenzimmer, indem sie dabei Oswald zuflüsterte: Jammer, nur von einer
Dichterseele zu fassen! Die letzten Verse sind gerade die schönsten!
    Sie liess die Portiere fallen, sei es, um ungestört zu sein, sei es, um nicht
zu stören; und Oswald und Emilie standen einander gegenüber, Oswald sprachlos
vor Erstaunen über die so seltsame und unerwartete Auflösung des Rätsels, und
Emilie ebenfalls trotz ihrer Gewandteit und Keckheit für einen Moment ratlos;
aber schon im nächsten hob sie die gesenkten Wimpern, lachte Oswald schelmisch
aus ihren grossen grauen Augen an und sagte rasch und im Flüsterton:
    Sie glaubten doch nicht, dass es ein Zufall ist, der uns hier zusammenführt?
    Ich weiss nicht, was ich glauben soll, antwortete Oswald, unwillkürlich
denselben raschen und heimlichen Ton anschlagend.
    So hat Ihnen die Professorin noch nichts mitgeteilt?
    Was?
    Ich habe ihr weis gemacht: ich hätte den Auftrag, Sie zu fragen, ob Sie in
einer mir befreundeten Familie eine Stelle annehmen wollten. Natürlich ist kein
Wort davon wahr. Mich führt nichts hierher, als -
    Ein Blick der glänzenden Augen und ein Zucken des reizenden Mundes füllten
die Pause, welche die junge Dame in ihrer Rede machte, sehr beredt aus. Oswald
vermochte noch immer nicht, sich in die eigentümliche Situation zu finden. Er
hatte Helenen erwartet, er fand Emilie, - Emilie, deren lieblich kokette
Erscheinung ihn so wunderbar an einige der reizendsten und zugleich peinlichsten
Scenen in dem wirren Drama seines Lebens mahnte, Emilie, der gegenüber er sich
von vornherein zu einer entsagungsvollen Rolle verurteilt hatte, aus welcher
der Uebergang in die eines Liebhabers nicht eben leicht war. Von den
verschiedensten Empfindungen auf einmal bestürmt, suchte er vergeblich nach
Worten.
    Weshalb sind Sie nicht zu uns gekommen, wie Sie neulich versprochen? fuhr
Emilie, durch Oswalds Schweigen einigermassen entmutigt, in dem Tone eines
verzogenen Kindes fort, dem ein hübsches Spielzeug vorentalten wird und das
deshalb grosse Lust hat, in Tränen auszubrechen; ist es recht, die Bitte - die
unschuldige Bitte einer Dame nicht zu erfüllen und sie dadurch zu einem Schritt
zu zwingen, den sie kaum vor sich selbst, geschweige denn vor dem Urteil der
Welt verantworten kann?
    Oswald trat unwillkürlich einen Schritt zurück und erwiderte in halb
ernstem, halb spöttischem Ton: Es scheint, gnädige Frau, dass es mein Schicksal
ist, Ihnen stets durch meinen plebejischen Mangel an ritterlicher Galanterie
beschwerlich zu fallen.
    Emiliens liebreizendes Gesicht, das bis dahin im rosigsten Lächeln gestrahlt
hatte, wurde leichenblass. Ihre grossen Augen wurden noch grösser und starr, wie
die Augen Jemandes, der einen heftigen physischen oder psychischen Schmerz zu
erdulden hat; um ihre bleichen Lippen zuckte es krampfhaft, als ob sie etwas
sagen wolle und doch nicht die Kraft dazu finden könne. Ihre Glieder zitterten,
sie griff nach der Lehne eines Stuhls, der in ihrer Nähe stand.
    So tief hatte der Pfeil nicht verwunden sollen. Oswald schämte sich seiner
Grausamkeit, um so mehr, als es ihm mit der catonischen Strenge, die er
herausgekehrt hatte, so gar ernst nicht wahr. Er trat lebhaft auf Emilien zu; er
ergriff ihre Hand, die er fest hielt, obgleich sie schwache Anstrengungen
machte, ihm dieselbe wieder zu entziehen; er beschwor sie in leidenschaftlichen
Worten, ihm zu verzeihen: er bereue, was er gesagt habe; - sein Herz sei krank,
sein Kopf verwirrt, sein Mund spreche oft, wovon sein Kopf und sein Herz nichts
wüssten. - Sie solle ihm Gelegenheit geben, zu sich selbst zu kommen, sich vor
sich selbst und vor ihr zu rechtfertigen.
    Emiliens Schmerz schien durch diese Worte und vielleicht mehr noch durch den
innigen Ton, in welchem sie gesprochen wurden, einigermassen gelindert zu werden.
Sie hatte sich auf den Stuhl gesetzt, auf dessen Lehne ihre kleine Hand vorher
gezittert hatte; ihre Tränen begannen reichlich zu fliessen, sie duldete es, dass
Oswald, der sich über sie beugte, die Hand mit Küssen bedeckte, während er nur
noch in leisen Worten, die mit jedem Augenblick leidenschaftlicher und
zärtlicher wurden, ihre Verzeihung für seinen Wahnsinn - wie er es nannte -
erflehte. Ihr Weinen wurde sanfter, wie eines kleinen Kindes Weinen, dem die
Puppe, die ihm verweigert wurde, nun endlich doch unter Küssen und Liebkosungen
in die Arme gelegt wird. Beide, Oswald sowohl wie Emilie, schienen ganz
vergessen zu haben, dass sie sich in einem fremden Hause befanden, wo jeder
nächste Augenblick ihnen eine beschämende Verlegenheit bereiten konnte, und sie
durften von Glück sagen, dass ein ebenso unerwarteter wie lächerlicher Zufall
ihnen die Besinnung wieder gab, die sie in der berauschenden Süssigkeit des
ersten Neigens von Herzen zu Herzen verloren hatten.
    Plötzlich ertönte nämlich aus dem inneren Gemach ein so gellender Schrei,
dass die Beiden entsetzt in die Höhe fuhren und von dem einen Gedanken, die
Dichterin stehe von oben bis unten in hellen Flammen, getrieben, in ihr Zimmer
stürzten. Der erste Blick, als sie die Portiere auseinanderschlugen, belehrte
sie nun freilich, dass Primula nicht in Lebensgefahr sei, und als sie näher
eilten, sahen sie denn auch, was geschehen war. Primula hatte, verloren in
Bewunderung einer ganz besonders gelungenen Strophe, der sie noch im letzten
Augenblick durch eine glückliche Verbesserung einen unbeschreiblich patetischen
Charakter gegeben, statt der Sandbüchse das Tintenfass ergriffen und den
reichlichen Inhalt desselben bis auf den letzten Tropfen über ihr Manuscript und
von dort in einem schwarzen Sturzbach auf den Schoss ihres gelbseidenen Kleides
geschüttet. Und da stand sie nun, die vom grausamsten Zufall verhöhnte Dulderin,
- stumm, nachdem der erste wilde Schrecken ihr den gellenden Schrei ausgepresst
hatte, die mit Tinte arg besudelten Hände und die wasserblauen tränenden Augen
zur Zimmerdecke erhoben, als wollte sie den Vater Apollo selbst zum Zeugen
anrufen des grauenhaften Schicksals, welches eines seiner begabtesten Kinder
getroffen. Oswald und Emilie hatten Mühe, ihr Lachen über diesen Anblick
zurückzuhalten; aber alle Anstrengung, ernst zu bleiben, war vergeblich, als
jetzt die Dichterin in tragischem Schmerz ihr Antlitz in beide Hände drückte und
einen Augenblick nachher, wie der wildsten Zone wildster Krieger, mit
schauerlichen Flecken betupft, vor ihnen stand.
    Lacht nicht, meine Freunde, sagte die beleidigte Dame mit sanfter Stimme, es
ziemt den Freunden des verfolgten Genius nicht, zu jener argen Welt zu gehören,
die es liebt, das Strahlende zu schwärzen -
    Die zum Weinen wie zur ausgelassensten Lustigkeit alle Zeit gleich bereite
Emilie konnte hier nicht länger widerstehen. Sie warf sich in einen Lehnstuhl
und lachte, dass ihr die Tränen in die Augen kamen.
    Frau von Cloten, sagte Primula mit Würde, ich muss Ihnen sagen, dass Ihr
Benehmen für ein zartbesaitetes Gemüt, wie das meinige, etwas tief Verletzendes
hat; dann sich zu Oswald wendend, mit dem Tone des sterbenden Cäsar: Oswald, das
habe ich nicht um Sie verdient! und sie wandte sich zu gehen.
    Liebste, beste Frau Professorin! rief Emilie aufspringend und ihr in den Weg
tretend, ich bitte tausend, tausendmal um Verzeihung, aber sehen Sie selbst, ob
es menschenmöglich ist, dabei ernst zu bleiben.
    Und sie drängte Primula mit sanfter Gewalt an den Trümeau, vor welchem sich
sonst die Dichterin an ihrem eigenen musenhaften Anblick zu begeistern pflegte.
Jetzt aber war Hineinschauen, einen Schrei ausstossen, wie wenn sie das Haupt der
Gorgo erblickt hätte, und dann ohne weitere Vorbereitung Oswald, der
glücklicherweise dicht hinter ihr stand, ohnmächtig in die Arme fallen, das Werk
eines Augenblicks.
    Bitte, klingeln Sie nach dem Mädchen, sagte Oswald, indem er die Ohnmächtige
nach dem Sopha trug.
    Auf Emiliens Sturmläuten erschien denn auch alsbald Primula's Zofe; aber
schon hatte die Dichterin sich soweit erholt, dass sie die Augen halb
aufgeschlagen und mit matter Stimme zu Oswald und Emilie sagen konnte: Ich danke
Euch, meine Freunde! Ich hattet ein Recht zu lachen: du sublime au ridicule il
n'y a qu'un pas. Aber jetzt verlasst mich, verlasst eine Unglückliche, die das
Leid, was sie betroffen, still in sich verwinden muss! Kein Wort, o kein Wort!
verlasst mich!
    Einem so bestimmt ausgesprochenen Wunsch musste Folge geleistet werden. Fünf
Minuten später standen Emilie und Oswald, denen der schläfrige Lebrecht die
Treppe hinuntergeleuchtet hatte, auf der Strasse.
    Mais, mon Dieu! sagte Emilie, ich habe gar nicht daran gedacht, dass ich
meinen Wagen erst eine halbe Stunde später bestellt habe.
    So wird Ihnen wohl nichts übrig bleiben, als meine Begleitung anzunehmen und
zu Fuss zurückzukehren.
    Emilie legte ihren Arm in den Oswalds, und so gingen sie ein paar
Augenblicke schweigend nebeneinander.
    
    Es war ein sehr dunkler, stiller Abend. Die Herbststürme hatten die Bäume
kahl gefegt und ruhten jetzt von ihrer wochenlangen Arbeit. Der Winter stand vor
der Tür, aber zögerte noch ein Weilchen, ehe er mit seiner starren Faust daran
klopfte. Auf den Strassen war es äusserst finster. Emilie schmiegte sich eng an
ihren Begleiter, der des Weges durchaus kundig schien.
    Wissen Sie unsere Wohnung? fragte sie.
    In der Süder-Vorstadt, meine ich? - Es war dies dieselbe, in welcher auch
die Pensionsanstalt des Fräulein Bär lag.
    Ja. Es ist ein weiter Weg.
    Desto besser.
    Ein sanfter Druck des runden Armes belohnte Oswald für diese Galanterie.
    Sie waren, ohne weiter zu sprechen, in ziemlich raschem Gange bis an's Tor
gekommen. Sobald sie ausserhalb der Stadt waren, fingen sie, wie auf Verabredung,
an, langsamer zu gehen. Oswald fühlte, dass das junge Weib hier an seinem Arme in
seiner Gewalt sei, dass es in seiner Macht stehe, sie - nach ihrem Sinne
wenigstens - glücklich zu machen. Die tugendhafte Wallung von vorhin, bei
welcher der Stolz, der sich nicht wegwerfen will, bedeutend mitgespielt hatte,
war längst verflogen. Die koketten Reize Emiliens, deren Macht er in der
Fensternische von Barnewitz schon hinreichend empfunden, hatten ihre
unausbleibliche Wirkung nicht verfehlt; und wenn er in diesem Augenblicke auch
an die glänzendere Schönheit Helenens und an das dachte, was er seine wahre
Liebe nannte, so diente dies nur dazu, ihm die Süssigkeit einer verstohlenen und
gewissermassen verbotenen Leidenschaft desto berauschender zu machen.
    Zürnen Sie - zürnst Du mir noch, Emilie? sagte er mit dem
einschmeichelndsten Ton seiner weichen tiefen Stimme.
    Ich Dir zürnen! erwiderte Emilie, und sie schmiegte sich noch enger und
inniger an ihren Begleiter; kann man da zürnen, wo man nichts möchte, als nur
immer lieben, unsäglich lieben und -
    Und was, Du Holde -
    Vielleicht auch ein wenig wieder geliebt werden.
    Das klang so kindlich, treu und gut, dass Oswald nicht begreifen konnte, wie
er jemals die Liebe dieses liebenswürdigen Geschöpfes habe von sich weisen
können.
    Und doch, sagte er, hast Du mir einst gezürnt und hattest, weiss es der
Himmel, der mit seinen goldenen Sternen auf uns herniederblickte, auch Ursache
dazu. Wie soll ich Dir vergelten, Du Grossmütige, was ich - o, ich darf gar
nicht an jenen Abend auf dem Balle in Grenwitz denken!
    Wirklich? erwiderte Emilie heiter, o, dann ist Alles wieder gut, dann will
ich nichts beklagen von Allem, was seitdem geschehen ist.
    Von Allem, was geschehen ist? Was ist geschehen?
    Wie Du fragst! Bin ich nicht Frau von Cloten? Und weshalb bin ich es? Doch
nur, weil Du meine Liebe verschmähtest. O, Oswald, ich kann Dir nicht sagen, wie
es in mir tobte, als ich Dich an jenem Abend verlassen hatte. Mein Herz wollte
brechen; ich hätte laut aufschreien können, ich hätte mich an die Erde werfen
und mich todt weinen können. Und doch schickte ich Cloten zu meiner Tante; um
bei ihr um mich anzuhalten. Wie ich das konnte? Du kennst uns Frauen nicht, wenn
Du danach fragst. Cloten, oder ein Anderer, es war mir Alles gleich in diesem
Augenblick. Ich hatte nur den einzigen Gedanken, mich an Dir zu rächen, indem
ich mich so tief unglücklich machte, als nur möglich; damit Du mein Unglück auf
dem Gewissen hättest, damit ich einst zu Dir sagen könnte: Du hast es ja nicht
anders gewollt.
    Dies Einst ist früher gekommen, als Du wohl selbst gedacht hast; ich wollte
freudig Jahre meines Lebens geben, ja auf der Stelle wollte ich sterben, könnte
ich Dich dadurch wieder so frei machen, wie Du warst, als wir uns zum ersten Mal
in Barnewitz sahen.
    Was hätte ich von meiner Freiheit, wenn ich Dich verlieren müsste? erwiderte
Emilie zärtlich und neckisch. Nein, nein, Oswald, zehntausendmal lieber so, wie
es jetzt ist. Wenn Du mich ein wenig lieb haben willst -
    Kannst Du daran zweifeln?
    Vielleicht; aber gleichviel, ein wenig nur und ich bin zufrieden; mag ich
dann immerhin Frau von Cloten heissen; magst Du dann immerhin eine Andere lieben
-
    Eine Andere?
    Ja, mein Herr, eine Andere, die allerdings sehr schön, aber auch ebenso
stolz wie schön ist, und die, das können Sie versichert sein, ihrem Stolz
unbedenklich ihre Liebe opfern würde, wenn sie, woran ich übrigens zweifle,
wirklich lieben kann. O, Oswald, ich wollte, Du hättest sie gestern Abend
gesehen! Ich weiss, die Leute schelten mich kokett, und ich mag's auch wohl sein,
wenn's darauf ankommt, einen Narren am Seil zu führen; aber dann tu' ich's
lustig und nicht mit keuschem Augenniederschlagen, wie Helene. Ich kann Dir
sagen, dass ich mich gestern für Dich geschämt habe. Ich dachte, der arme Mensch
verschmachtet vor Liebe, während die Dame seines Herzens sich hier nach
Herzenslust die Cour machen lässt, und von wem? von dem Ausbund aller
dünkelhaften Aufgeblasenheit, die je in einem bunten Rock steckte; von dem König
aller Ballhelden in Lackstiefeln und tadellosen Glacés; von dem Musterbild
unsrer jungen Laffen, die ihm vergebens seine Kopfhaltung nachzuäffen und sein
Non, Ma'am, oui, Ma'moiselle! nachzuschnarren suchen.
    Und wer ist dieser Held? fragte Oswald mit einem Lachen, das nicht ganz
natürlich klang.
    Ein russisch-preussischer Fürst Waldernberg - Waldernberg-Malikowsky-Letbus -
    Ist es nicht ein schwarzer Mann, so lang, wie sein Name, mit einem Gesicht,
wie ein melancholischer Bulldog?
    Ganz derselbe. Schön ist er nicht; witzig ebensowenig, wahrscheinlich auch
nicht einmal gut - aber, was tut's? Bei der Aussicht, Fürstin von
Waldernberg-Malikowsky-Letbus zu werden und über einige hunderttausend Seelen zu
commandiren, kann man über die Seelenlosigkeit seines Gemahls schon gnädiglichst
den Schleier der dunklen seidenweichen Wimpern fallen lassen.
    Während Emilie so den Dämon der Eifersucht zu ihrer Hülfe rief, waren sie in
die unmittelbare Nähe von Fräulein Bärs Haus, an dem ihr Weg vorüberführte,
gekommen. Emilie schwieg und zuckte zusammen, denn aus dem Schatten der Pappeln
vor der Gartenpforte löste sich plötzlich eine riesige, in einen langen Mantel
gehüllte Gestalt, die dort gestanden haben musste, ab und kam langsam an ihren
vorüber.
    Quand on parle du loup - flüsterte Emilie, als sie einige Schritte weiter
gegangen waren; wenn es weniger dunkel wäre, so würde das ein interessantes
Rencontre gewesen sein.
    Die Begegnung des Fürsten zu dieser Stunde, an diesem Orte war eine
Bestätigung von Emiliens Worten, die nicht stärker sein konnte. Der Tropfen
Eifersucht, der eben in sein Herz getröpfelt war, setzte sein Blut in Flammen
und brachte ihn mit jäher Schnelligkeit in jene verzweifelte Stimmung, in
welcher Emilie an jenem Abend in Grenwitz war, als sie, von Oswald
zurückgewiesen, Zorn gegen ihn und Eifersucht gegen Helene im Herzen, hinging
und Clotens Braut wurde. Nur war der Unterschied, dass Emilie den Mann, in dessen
Arme sie sich stürzte, nie geliebt, und auf Oswalds Herz die reizende Frau, die
jetzt so verführerisch fest an seinem Arme hing, vom ersten Augenblick an einen
tiefen Eindruck gemacht hatte.
    Wir sind an Ort und Stelle, sagte Emilie, als sie bald darauf an einer auf
derselben Seite der Strasse gelegenen Villa anlangten. Zwischen der Villa und dem
Nachbarhause führte ein Weg, den Oswald kannte, direct in den Park. Er lenkte in
diesen Weg ein; Emilie zauderte für einen Moment.
    Fürchtest Du Dich? flüsterte er.
    Mit Dir! erwiderte sie noch leiser.
    Aber ihr Mut konnte doch so gross nicht sein, denn während sie die Strecke
zwischen den beiden Häusern und dann den abschüssigen Pfad, der zuletzt über
eine kurze gewölbte Holzbrücke in den Park führte, hinabgingen, schlug ihr das
Herz zum Zerspringen, und als sie nun unter die hohen Bäume traten, durch deren
entblätterte Zweige der Nachtwind in dumpfen Tönen rauschte, blieb sie stehen
und sagte:
    Es ist recht dunkel hier.
    So fürchtest Du Dich doch, Du Liebe? erwiderte Oswald, sein Gesicht so tief
herabbeugend, dass sie seinen Atem auf ihrer Wange fühlte.
    An Deiner Seite nicht, und ginge es in den Tod.
    Sie hing an seinem Hals; die Lippen, die sich heute nicht zum ersten Male
berührten, vermählten sich in einem langen, glühenden Kuss.
    Sie wandelten in der Allee auf und ab. Was galt es ihnen, dass sie kaum die
Stämme der Bäume wenige Fuss von ihnen erkennen konnten, dass der kalte Hauch des
Meeres sie anwehte, - je dunkler es war, desto weiter war ihnen die Welt
entrückt, die von ihrer Liebe nichts wissen durfte; je kälter es war, desto
öfter konnte er ihr den seidenen Shawl dichter um den schlanken Leib hüllen,
desto inniger konnte sie sich an seine Brust, in seine Arme schmiegen. Die ganze
Glut der Leidenschaft, die in ihrem heissen Herzen brannte, loderte auf in
wilden Feuergarben. Sie küsste des Geliebten Hände, sie küsste seinen Mund, sie
lachte, sie weinte, sie war ausser sich: O, nimm mich mit Dir, Oswald! wohin Du
willst, an's Ende der Welt, wo uns Niemand kennt, uns Niemand unsere Liebe
neidet. Ich frage nicht nach Rang und Reichtum. Ich habe nicht zu arbeiten
gelernt; aber für Dich wird mir nichts zu schwer sein. - Du lachst, Du glaubst
mir nicht. O, stelle mich auf die Probe! nimm mich zu Deinem Weib, mach' mich zu
Deiner Sklavin, mir gilt es gleich, wenn ich nur bei Dir sein kann! - Und,
Oswald, wenn Du mich nicht mehr liebst, dann sag' es mir gerade heraus; oder
nein, sag' es mir lieber nicht! nimm, ohne ein Wort zu sprechen, einen Dolch und
stosse ihn mir in's Herz, und dann, wenn's ja doch vorbei ist, lass mir aus
Barmherzigkeit die Wollust, meine Seele in einem Kuss auf Deinen Lippen
auszuhauchen.
    So sprach unter Küssen und Kosen das leidenschaftliche Weib, bald klagend,
bald jubelnd, bald in abgebrochenen, stammelnden Lauten, bald in stürmischen
fliegenden Worten - einem jungen Vögelchen gleich, das Alles, was seine
klopfende Brust erfüllt, auf einmal herausschmettern und flöten möchte und es
doch nur bis zum Zwitschern und hie und da zu einem hellen Ton bringt.
    Sie konnte es nicht begreifen, dass Oswald sich weigerte, ihr morgen vor
aller Welt einen Besuch zu machen und fortan die Gesellschaften, die sich in
ihrem Hause versammelten, zu besuchen. Sie malte sich ein solches Verhältnis mit
den reizendsten Farben aus. Cloten ist oft halbe Tage lang ausser dem Hause. Wenn
Du erst einmal bei uns eingeführt bist, so können wir die herrlichsten Stunden
ungestört mit einander verleben.
    Nimmermehr.
    Wie, nimmermehr? möchtest Du das nicht?
    Wohl möchte ich es; aber die Frage ist, ob ich es kann? Wie kann ich aber in
Deine Gesellschaft zurückkehren, aus der ich so, wie ich es getan, geschieden
bin? Es ist von je mein Grundsatz gewesen, nie wieder den Fuss über die Schwelle
eines Hauses zu setzten, in welchem man mich einmal, gleichviel, ob wissentlich
oder unwissentlich, beleidigte. Denn was einmal geschah, kann und wird öfter
geschehen, und wenn es nicht geschieht - das Vertrauen und die Harmlosigkeit des
Verkehrs sind doch fort, und die kommen, wie die Unschuld, nimmer wieder.
    Aber was gehen Dich denn die andern Menschen an? Wen ich nicht sehen und
beachten will, den sehe und beachte ich eben nicht.
    Das kannst Du; aber siehst Du denn nicht, dass das in meinem Falle ganz
unmöglich ist? Oder glaubst Du, dass Herr von Barnewitz, der junge Grieben, und
wer noch zu der Sippe gehört, mich unbeachtet lassen würden?
    Sie sollen nicht zu uns kommen, kein Einziger soll zu uns kommen. Ich will
Niemand empfangen und wen ich empfange, so empfangen, dass ihm die Lust
wiederzukommen vergeht.
    Aber Emilie, Kind, das Alles sind ja bunte Seifenblasen, die vor dem ersten
Hauch der Wirklichkeit zerplatzen. Und wenn Du Dich wirklich mir zu Liebe mit
Deiner Gesellschaft in einen Kampf einlassen wolltest, in welchem Du nebenbei
immer den Kürzeren ziehen müsstest, wird Dein Mann mir, den er gewiss nicht liebt,
zu lieben auch gar keine Ursache hat, dasselbe Opfer bringen?
    Artur tut, was ich will; ich kann von Artur Alles verlangen.
    Und wäre er ein solcher Tor, sagte Oswald heftig; ich will in diesem
Blindekuhspiel nicht mitspielen. Wenn Dein Mann Dich wirklich liebt, um so
schlimmer für Dich und mich und für ihn. Ich weiss, dass Ihr Frauen in solchen
Fällen die beneidenswerte Kunst besitzt, Eure rechte Hand nicht wissen zu
lassen, was die linke tut; aber wir Männer sind anders organisirt; ich zum
wenigsten. Ich rede hier nicht von moralischen Bedenken, über die man sich zur
Not noch wegsetzen kann, wenn man den, dessen Vertrauen man täuscht, aus dem
Grunde verachtet; aber ich würde Höllenqualen, die alle Wonne unsrer Liebe nicht
beschwichtigen könnte, erdulden, wenn ich mit meinen leiblichen Augen, den Mann,
den ich verachte, seinen Arm in plumper Vertraulichkeit um Deinen Leib schlingen
sähe; wenn ich des Abends von Euch ginge, und wüsste, dass Du - o, ich mag es
nicht aussprechen, was ich nicht einmal auszudenken wage.
    Emilie warf sich schluchzend in Oswalds Arme: O, lass mich immer bei Dir
bleiben: lass mich nicht wieder in mein Haus zurückkehren! Ich will ihn nicht
wieder sehen! er soll nie wieder meine Hand berühren! ich habe ihn ja nie
geliebt! O, Oswald, hab' Erbarmen mit mir! lass mich nicht so schwer büssen für
Etwas, das ich ja doch nur aus rasender Liebe zu Dir getan habe.
    Armes, unglückliches Kind, murmelte Oswald, sie zärtlich an sich drückend,
armes unglückliches Kind; und unglücklich durch mich! das ist das bitterste
Leid! Emilie, Holde, Süsse, weine nicht so! Dein Schluchzen zerreisst mein Herz!
Lass ab von dem Manne, der Dich schon so unglücklich gemacht hat, und nichts
weiter kann, als Dich nur noch unglücklicher machen! Vergiss, dass Du mich je
gesehen hast! Kehre zurück zu Deinem Gatten. Du wirst mit ihm nicht glücklich
werden, aber wer ist denn glücklich auf dieser Welt! Du wirst Dich an ihn
gewöhnen, wie sich der Mensch zuletzt an Alles gewöhnt. Und so wird Dir der
Strom des Lebens verfliessen, im Anfang vielleicht noch unwillige Wellen
schlagend, dann allmälig ruhiger und träger, bis er zuletzt in das todte Meer
dumpfer Resignation gleichgiltig mündet. O, mein Gott, mein Gott! - Komm,
Emilie! es hilft uns nichts, dass wir einander unser Leid klagen. Die Nacht ist
kalt, Deine Haare, Deine Kleider sind nass von dem Nebelgeriesel, wie Deine Augen
von Tränen. Du musst nach Haus.
    Er schlang seinen Arm um ihren Leib und führte sie den Weg, den sie gekommen
waren, zurück. Emilie liess es geschehen. Ihr leises Schluchzen hörte allmälig
auf; sie schien die Hilflosigkeit ihrer Lage zu begreifen. Plötzlich aber, als
sie auf der Brücke waren, die aus dem Park herausleitet, blieb sie stehen, fasste
Oswalds beide Hände und sagte mit leiser, fester Stimme: Ich hab' es mir
überlegt, und anders ist es nicht. Ich will ohne Dich nicht mehr leben, seitdem
ich weiss, wie köstlich das Leben mit Dir ist. Wenn Du mich nicht lieben kannst,
so beschwöre ich Dich bei Allem, was Dir heilig ist, sage es mir. Ich will kein
Wort erwidern, kein Wort. Ich will nicht weinen, nicht klagen. Du sollst von mir
nicht belästigt werden. Was ich dann tue, dass weiss ich.
    Emilie -
    Nein, lass mich ausreden. Ich sage Dir, ich will nicht ohne Dich leben. Wenn
Du mich nicht liebst, kann es Dir ja gleichgiltig sein, was aus mir wird. Wenn
Du mich aber liebst, so wirst, so musst Du fühlen, dass wir uns auch, so oder so
angehören müssen. Wie das geschehen kann, - ich weiss es jetzt noch nicht; aber
ich werde darüber nachdenken, und Du wirst darüber nachdenken, und wir werden
einen Ausweg finden. Jetzt, sage mir: liebst Du mich, oder nicht?
    Ich liebe Dich! sagte Oswald, und er glaubte in diesem Augenblick, was er
sagte.
    Emilie warf sich in seine Arme: Und ich liebe Dich, Oswald, wie Dich nie ein
Weib geliebt hat, wie Dich nie ein Weib auf Erden lieben wird. Und nun, fuhr sie
in ruhigem Tone fort, während sie langsam weiter schritten, lass uns unsre Lage
überdenken. Vorläufig, das sehe ich wohl, muss es so bleiben, wie es ist; aber
auch so muss ich Dich von Zeit zu Zeit sehen, wenn ich nicht wahnsinnig werden
soll. Hier in der Stadt, wo tausend Augen uns bewachen, ist es schwer; aber ich
habe einen andern Plan. Drüben in Fährdorf wohnt meine alte Amme, die mir
unbedingt ergeben ist. Sie ist Wittwe und hat einen einzigen Sohn in meinem
Alter, der für mich durch Wasser und Feuer geht. Sie ist kränklich; ich schicke
ihr alle Tage etwas, habe sie auch schon besucht, und es wird nicht auffallen,
wenn ich sie wieder besuche. Ihr Sohn ist Steuermann auf einem Fährboote, das
ihr gehört, und er wird uns sicher und verstohlen hinüber und herüber bringen.
Wenn in einigen Wochen, vielleicht schon Tagen, das Eis hält, ist die Sache noch
viel einfacher, - - willst Du Oswald?
    Der Plan ist gut, sagte Oswald, besonders deshalb, weil ich keinen besseren
wüsste. Wann wollen wir ihn in Ausführung bringen?
    Morgen, wenn Du willst.
    Wann?
    Um fünf Uhr Nachmittags. Das heisst, wir dürfen nicht zusammen hingehen. Ich
will schon früher fahren. Du kommst nach, wenn es dunkel ist. Die Rückfahrt
findet sich. Die Wohnung der Wittwe Lemberg - vergiss den Namen nicht - ist das
letzte Haus links am Strand. O, Oswald, Oswald, denke die Seligkeit mit Dir
stundenlang ungestört beisammen zu sein! Doch jetzt, mein Oswald, geh! man darf
Dich nicht sehen; ich muss allein nach Hause gekommen sein. Leb' wohl, - leb'
wohl - auf Wiedersehen.
    Die schlanke Gestalt Emiliens war heimlich durch das Dunkel bis an die Tür
der Villa geschlüpft. Oswald hörte die Glocke ziehen. Die Tür wurde geöffnet
und schloss sich wieder. Oswald war allein.
    Er war allein; allein mit einem Herzen, in dem es finster war, wie die
finstre Nacht, die wie ein schwarzes Leichentuch über der kalten, starren Erde
lag. Kein Hoffnungsschimmer am Himmel und in seiner Seele; dunkel, Alles dunkel
vom Aufgang bis zum Niedergang.
    Er konnte es zu keinem bestimmten Gedanken bringen, nur zu dem einen, dass er
sterben möchte, dass es ein Glück für ihn sein würde, wenn er seinem Leben ein
Ende machte. Für ihn und für Andere! Heftet sich nicht das Unglück an seine
Fersen? war es nicht sein Schicksal, Verwirrung und Leid zu bringen, wohin er
kam? Und dieser neueste Bund, den er geschlossen, unwiderruflich, wenn er nicht
treulos sein wollte, wie - wie er es noch stets gewesen! Melitta - Helene -
Emilie! Was hatte Emilie vor den Andern voraus, als dass sie zufällig die letzte
war?
    So irrte er, von den Furien des eigenen Gewissens gejagt, in dem Park umher
bis an den Strand und wieder zurück und wieder an den Strand und wieder zurück.
Die feuchtkalte Luft durchnässte seine Kleider, er achtete es nicht; er stiess
sich an den triefenden Stämmen, er ritzte seine Hände an dem Hagedorn - er
fühlte es nicht. Verwünschungen gegen die Vorsehung, gegen die Menschen, gegen
sich selbst murmelnd, trank er in vollen Zügen aus dem Kelch der Leiden, die
sich der Mensch in seines Sinnes Torheit gegen der Götter Willen und des
Schicksals Schluss bereitet.
    Zuletzt fand er sich, - er wusste nicht, wie er dahin gekommen war - vor der
Pforte des Gartens von Fräulein Bärs Pensionsanstalt. Aus einem der Fenster -
Helenens Zimmer - schimmerte Licht. Es war das erste Licht, das er jetzt seit
Stunden gesehen, und es war ihm, als ob in die Nacht seiner Seele ein Stern
hernieder leuchte. Zwar Trost und Hoffnung konnte ihm der Stern nicht bringen,
aber er löste seine Verzweiflung in Wehmut auf, als er jetzt, sich aufraffend
und den Weg nach der Stadt einschlagend, die Stimme erhob und sang:
Und muss ich sterben so frisch und jung,
Ade dann, du goldener Sonnenschein,
Und Mondenschimmer und Sternenlicht,
Und ade, schwarzäugiges Mägdelein,
Ich hab' euch alle ja so geliebt,
Und muss nun sterben so jung!
 
                          Siebenundzwanzigstes Capitel
Einige Tage später war beim Geheimrat Robran in dem Wohnzimmer eine kleine
Gesellschaft versammelt, bestehend aus dem Geheimrat selbst, seiner Tochter,
Franz und einer jungen Dame, die von Bemperlein bei Robrans eingeführt war:
Mademoiselle Marguerite Martin. Man hatte zu Abend gegessen, nachdem man
vergeblich eine Stunde lang auf Herrn Bemperlein gewartet. Jetzt sass man um den
Kamin; auf einem Tische in der Nähe Sophiens stand statt der Teesachen heute
eine kleine Bowle, aus der die junge Dame aber nur selten ein oder das andere
Glas füllte. Die Conversation war nicht eben belebt; es schien ein Schleier von
Wehmut über den Gesichtern Aller zu hangen. Kein Fremder hätte glauben sollen,
dass diese stille melancholische Gesellschaft nichts mehr oder nichts weniger
feierte, als was man im gewöhnlichen Leben einen »Polterabend« zu nennen pflegt.
    Und doch war dies der Fall. Morgen in den ersten Vormittagsstunden sollte in
der Universitätskirche das junge Paar von Professor Doctor Schwarz eingesegnet
werden, um dann eine Stunde später nach der Residenz abzureisen, wohin Franz
dringende Geschäfte riefen.
    In den Plänen, die Franz für die Zukunft entworfen hatte, war nämlich noch
in der elften Stunde vor seiner Verheiratung eine grosse Veränderung
eingetreten. Das Opfer, welches er in aller Stille und Heimlichkeit der Ruhe und
dem Glück der Seinigen bringen wollte, war nicht angenommen worden. Als er an
Professor Kurzenbach schrieb, dass er die ihm zugedachte Ehre der Stelle eines
ersten Assistenzarztes an dem Universitäts-Krankenhause ablehnen müsse, glaubte
er die Sache ein für allemal abgetan. Aber Kurzenbach war nicht der Mann, einen
ihm lieb gewordenen Gedanken so leicht aufzugeben. Er schrieb abermals an Franz,
und - das hatte Franz nicht erwartet - zugleich an dessen Schwiegervater. So
erfuhr der Geheimrat, was ihm, nach Franz' Absicht, wenigstens bis Alles
entschieden war, unbekannt bleiben sollte. Als Franz eine halbe Stunde später
ihn zu besuchen kam, empfing er ihn mit dem Brief Kurzenbachs in der Hand. In
dieser Stunde der Entscheidung fand Robran seine ganze alte Geisteskraft und
Beredsamkeit wieder.
    Sehen Sie denn nicht, teuerster Franz, sagte er, dass dies ungeheure Opfer,
welches Sie mir so leichten Mutes und - Sie müssten sonst kein vom Weibe
Geborener sein, - schweren Herzens bringen, mich durch seine Grösse niederdrückt
und so zu sagen moralisch vernichtet? Sie haben Ihr Vermögen für mich
dahingegeben. Ich unterschätze das wahrhaftig nicht; indessen das hat schon
mancher Vater freudig für seinen Sohn getan, weshalb sollte es nicht auch
umgekehrt einmal ein Sohn für einen Vater tun? Aber, indem Sie diese Stelle
ausschlagen, opfern Sie mir etwas, das sich nicht mehr zählen und berechnen
lässt. - Sie opfern mir Ihre Zukunft. Sie opfern mir den Ehrgeiz, der jedes edle,
männliche Herz erfüllt, es in dem Berufe, dem man angehört, zur höchstmöglichen
Vollkommenheit zu bringen; ja, was am schwersten in die Wagschale fällt: Sie
opfern mir auch, worüber Sie gar nicht frei verfügen können: die Pflicht, die
Sie gegen Ihre Mitmenschen haben. Wem, wie Ihnen, viel gegeben ist, von dem kann
und muss auch viel gefordert werden. Sie finden in der Residenz einen
Wirkungskreis, um den Sie selbst ein Cäsar beneiden würde, wenn ein Cäsar
überhaupt jemals begreifen könnte, worin das wahre Herrschertum des Menschen
besteht. Sie werden in Wirklichkeit sein, wie die römischen Schmeichler ihre
Neronen und Heliogabale nannten: decus und deliciolae generis humani: eine
Zierde und Wonne des Menschengeschlechts, denn Sie werden, wie einst der
göttliche Nazarener, Blinde sehend und Lahme gehend und die unter der dumpfen
Grabesdecke ihrer Leiden Gebetteten vom Tode auferstehen machen. Und von Ihren
Worten und Werken begeisterte Schüler werden ausziehen in alle Lande, und so
wird der Kreis Ihrer Wirksamkeit, wie der jedes wahrhaft grossen und guten
Menschen, eine unendliche Peripherie gewinnen. Was Sie in Grünwald leisten
können, das können Andere auch. Was Sie dort leisten können, das können Wenige,
und es ist recht und billig, dass jeder Soldat in der grossen Fortschrittsarmee da
marschirt, wo seine Stelle ist in Reih' und Glied.
    Und nun abgesehen von diesen innern und moralischen Gründen, die Sie
gebieterisch zwingen, auf den Ruf des grossen Geistes, der durch Kurzenbachs Mund
Ihnen geworden ist, mit Hier! zu antworten, so sprechen auch selbst die äusseren
Verhältnisse mehr für als gegen die Sache. Ich weiss sehr wohl, welche Motive Sie
zu Ihrer Weigerung bestimmten; aber - verzeihen Sie, Franz, wenn ich ganz
aufrichtig spreche - sollten Sie dabei, wenn auch nicht Ihre Kraft überschätzt,
so doch die meinige zu gering angeschlagen haben? Ich weiss es: der Tod hat mich
nur vorläufig gezeichnet, um mich bei nächster Gelegenheit desto sicherer zu
treffen; indessen sobald tritt diese Gelegenheit denn doch vielleicht nicht ein;
ich schätze, wenn Sie nicht etwas Besonderes dagegen haben, mein Leben immer
noch auf zwei, drei Jahre, vielleicht noch länger. So lange werde ich meine
Collegien lesen und meine Kranken besuchen, nach wie vor, und wenn ich nicht
allein fertig werden sollte, so werde ich mir Jemand wählen, der mir nicht eine
so gefährliche Concurrenz machen kann, wie mein vortrefflicher Schwiegersohn,
den man mir jetzt schon hier und da vorzuziehen anfängt. Im Ernst, Franz, wir
stehen uns vorläufig hier nur im Wege. Und wenn's doch einmal darauf ankommt,
Geld zu machen, so ist es besser: Sie gehen nach Osten, und scheren Ihre Schafe,
und ich schere hier im Westen die meinen.
    Franz war durch diese Argumente nicht ganz überzeugt; aber er fühlte, dass
der Geheimrat als Mann von Ehre nicht anders handeln könne. So ging er denn zu
seiner Braut und sagte ihr: dass er einen Ruf nach der Residenz erhalten habe.
Was sie dazu sage?
    Ob Du dem Ruf folgen musst, erwiderte Sophie nach kurzer Ueberlegung, das zu
unterscheiden, muss ich natürlich Dir und dem Vater überlassen, denn ich verstehe
nichts davon. Wenn's aber sein muss, werde ich gewiss nicht Nein sagen. Wann
sollen wir fort?
    Ich muss gegen Weihnachten spätestens da sein; aber auch jetzt schon muss ich
gleich nach unserer Hochzeit auf ein paar Tage hinüber, um das Terrain zu
recognosciren.
    So reise ich mit Dir. Du sollst sehen, dass ich gar nicht so unpraktisch bin,
wie Du glaubst.
    Wenn Sophie so ruhig, beinahe kühl über einen Plan sprach, der für ihre und
Franzens Zukunft entscheidend war, dessen Ausführung sie von Vaterstadt und von
Vaterhaus, von ihren Freundinnen und Bekanntinnen, von tausend und aber tausend
Gewohnheiten vielleicht für immer trennte, so war ihr doch der Gedanke, von dem
Vater, den sie so liebte, von dem sie so sehr geliebt wurde, scheiden zu sollen,
unsäglich schmerzlich; aber sie wusste, dass er in der Stunde der Entscheidung an
den Grundsätzen, die er der Tochter eingeprägt, festalten und von ihr dieselbe
Festigkeit erwarten würde.
    Von diesem Momente an war Sophiens ganzes Sinnen und Trachten darauf
gerichtet, Alles im Hause zu ordnen, dass der Vater nach ihrer Entfernung
wenigstens den Comfort des Lebens, an den er sich nun einmal gewöhnt hatte,
nicht vermisste. Vor Allem handelte es sich darum, ein weibliches Wesen zu
finden, das ihre Stelle an der Tafel und beim Teetisch ausfüllen und überhaupt
die Leitung der häuslichen Angelegenheiten übernehmen könnte. Ihre Wahl war bald
getroffen. Bemperlein hatte, auf Sophiens ausdrücklichen Wunsch, ihr
Mademoiselle Marguerite schon am nächsten Tage nach der denkwürdigen Unterredung
vor dem Kaminfeuer zugeführt. Sophie hatte an der hübschen schwarzäugigen
Französin grosses Gefallen gehabt und Bemperlein aufrichtig zu seiner Wahl
gratulirt. Schon damals war Sophie der Gedanke gekommen, ob Marguerite nicht
später, wenn sie selbst verheiratet war, dem Vater die Wirtschaft führen
könnte. Jetzt beeilte sie sich, diesen Gedanken zur Ausführung zu bringen. Der
Vater, auf den »die kleine Lacerte,« wie er das zierliche Figürchen nannte,
einen sehr günstigen Eindruck gemacht hatte, fand den Plan seiner Sophie »so
übel nicht;« Franz »billigte« ihn, und was Bemperchen anbetrifft, so verstand es
sich von selbst, dass er mit Entusiasmus darauf einging. Er, als die geeignetste
Person, erhielt demzufolge den Auftrag, Marguerite's Sinn in dieser Hinsicht zu
erforschen und bei einem so feinen Diplomaten wie Anastasius Bemperlein, meinte
Sophie, sei es selbstverständlich, dass der entschiedenste Erfolg seine delicate
Mission kröne. Marguerite erklärte, dass sie die ihr zugedachte Ehre annehmen
werde, sobald sie sich von ihren jetzigen Verhältnissen losgemacht habe. Jetzt
fehlte also weiter nichts, als die Entlassung der Demoiselle Marguerite Martin
aus ihrem bisherigen Verhältnisse zu bewirken. Dies ging zu Aller Erstaunen
leichter, als man erwartet hatte. Der Baronin waren die klugen Augen ihrer
Gouvernante schon lange unbequem gewesen, besonders, seitdem in ihrem Hause so
Mancherlei vor sich ging, was eine scharfe Kritik nicht wohl vertragen konnte.
Ueberdies hatte sie stets den Grundsatz gehabt, mit ihrem Dienstpersonal in
bestimmten Intervallen zu wechseln, da sie die Erfahrung gemacht haben wollte,
dass »nur neue Besen gut fegten;« und Marguerite war schon weit über die
gewöhnliche Zeit in ihrem Hause gewesen. So gab sie derselben denn ohne weiteres
den geforderten Abschied und erlaubte sogar, dass sie schon an einem der nächsten
Tage in das Haus des Geheimrats übersiedelte. Dass Marguerite dabei, in
Anbetracht der bedeutenden Unbequemlichkeiten, ja offenbaren pecuniären
Einbussen, welche der Baronin aus ihrem plötzlichen Fortgehen erwüchsen, auf das
Gehalt des laufenden Quartals verzichten musste, verstand sich um so mehr von
selbst, als »die junge Person,« wenn sie der Baronin fünf Jahre lang mit
unermüdlichem Eifer gedient, doch am Ende nichts weiter getan hatte, als »ihre
Pflicht und Schuldigkeit.«
    So war Marguerite ein Mitglied der Familie des Geheimrats geworden, und es
war daher natürlich, dass sie heute Abend bei diesem, im engsten Kreise der
Familie gefeierten Feste nicht fehlen durfte.
    Auch war sie die Einzige, welche die Kosten der Unterhaltung ohne Mühe
bestreiten konnte. Zwar gab sie sich ersichtlich Mühe, dem Ernst des Augenblicks
gerecht zu werden und die Gefühle der Andern nicht durch unzeitige Lustigkeit zu
beleidigen, aber bei ihrer angeborenen Lebhaftigkeit wurde es ihr nicht leicht,
lange schweigsam zu sein, wie ein vergnügter Kanarienvogel, dem man das Bauer
zugedeckt hat, sobald der erste Schreck vorüber ist, wieder lustig anfängt zu
schmettern.
    Aber ich möchte doch um Alles in der Welt wissen, wo Bemperlein bleibt,
sagte Sophie, nach der Uhr sehend; er hatte versprochen, um acht Uhr hier zu
sein; jetzt ist es bereits halb zehn.
    Vielleicht kann uns Fräulein Marguerite Auskunft geben, sagte der
Geheimrat.
    Moi? pas du tout! erwiderte Marguerite, froh eine Gelegenheit zum Sprechen
zu finden. Ich nicht habe ihn gesehen seit gestern Abend. Ich glaube beinahe,
dass er ist krank, denn er sah diese Tage aus sehr aufgeregt.
    Ich war heute bei ihm, sagte Franz.
    Nun! sagte Sophie.
    Ja, denkt Euch: ich habe den seltsamen Menschen gar nicht zu Gesicht
bekommen. Er rief durch die verschlossene Tür: er könne mich nicht sehen; er
habe eine wichtige chemische Untersuchung, von der er keinen Augenblick fort
dürfe.
    Es wird doch nichts passirt sein? fragte Sophie, willst Du nicht lieber noch
einmal zu ihm gehen, Franz?
    Recht gern, sagte Franz, sein Glas leerend und aufstehend.
    In demselben Augenblick erschallte aber vom Hausflur her das unterdrückte
Gelächter der Mädchen und des Bedienten. Alsbald ging auch die Tür auf, und
herein trat eine wunderlich herausgeputzte Gestalt, die sich durch zwei
mächtige, an den Schultern angeheftete Gänseflügel, durch einen Bogen in der
Hand, nebst obligatem Köcher mit Pfeilen auf dem Rücken, durch einen Kranz auf
dem Kopf unzweifelhaft als Amor präsentirte, wenn auch die Brille nicht ganz zu
der diesem Gott charakteristischen Blindheit und der schwarze Anzug zu der
classischen Nackteit, in welcher sich der Sohn der Liebesgöttin fast
ausschliesslich gefällt, stimmen mochten.
    Diese seltsame Gestalt näherte sich zierlichen Schrittes der Gesellschaft am
Kamin, blieb in angemessener Entfernung stehen, verbeugte sich und sprach:
    Hochverehrliches christliches Brautpaar, sehr würdiger christlicher
Brautvater und liebwerte Demoiselle!
Ich bin, wie Jeder leicht erkennt,
Der grosse Gott Amour.
Wenn's irgendwo im Herzen brennt,
Dann brennt durch mich es nur.
Wer meinen Köcher rasseln hört,
Der schlägt die Augen nieder;
Der Pfeil, der von dem Bogen fährt,
Durchbohret West' und Mieder.
Und wen so traf in's Herz der Schuss,
Um den ist es gescheh'n;
Von meiner Kunst, o Publicus,
Sollst Du ein Pröbchen seh'n.
Hier nahm Amor mit grosser Ostentation einen Pfeil aus dem Köcher und sagte:
Haben Sie keine Angst, meine Herrschaften, die Sehne ist sehr schlaff und die
Pfeile haben, wie Sie gefälligst bemerken werden, faustgrosse Gummibälle statt
der Spitzen. Darauf legte er den harmlosen Pfeil auf den harmlosen Bogen und
schnellte ihn auf Sophie ab, die ihn geschickt mit der Hand auffing und mit
komischem Patos an's Herz drückte. Diese Procedur wiederholte sich bei Franz
mit der Ausnahme, dass dieser den Gummiball an den Kopf bekam. Nachdem Amor also
bewiesen, dass er nicht vergeblich drohe, fuhr er fort:
Nun ist's den Beiden angetan,
Und hin ist ihre Ruh';
Man sieht es ihnen deutlich an:
Es drückt sie wo der Schuh.
Sie ruhen und sie rasten nicht,
Mag's brechen oder biegen,
Bis dass der Pfaffe Amen spricht,
Und sie sich endlich kriegen.
Dann heisst's: Ade, du Elternhaus,
Ich muss nun in die Welt hinaus!
Ade, ade, lieb' Väterlein,
Ade, es muss geschieden sein!
Ade, du traute Freundesschaar,
Für die ich Licht und Leben war!
Ade, ihr lieben Leute!
Ihr habt mich nur noch heute;
Wann morgen blinkt der Abendstern,
Dann bin ich viele Meilen fern.
Diese letzten Verse sprach Amor mit sehr bewegter Stimme. Die Gesichter der
Gesellschaft um den Kamin, die im Anfang von Heiterkeit geglänzt hatten, waren
nach und nach ernster geworden; von der halboffenen Tür, in welcher sich die
Dienstleute drängten, vernahm man unterdrücktes Schluchzen.
    Trinken Sie ein Glas Bowle, Bemperchen, sagte Sophie, Amor ein Glas
präsentirend.
    Auf Ihr Wohl, Fräulein Sophiechen, erwiderte Amor, das Glas auf einen Zug
leerend. Nun setzen Sie sich aber wieder, ich bin noch nicht fertig.
    Amor trat jetzt einen Schritt zurück, klapperte mit seinem Köcher, wie, um
sich zu überzeugen, dass er sich noch nicht verschossen habe, und sprach darauf
also:
So schrecklich, wie dies Beispiel zeigt,
Ist Amor's grause Macht;
Doch wird's nicht immer ihm so leicht,
Manch' Herz ist streng bewacht;
Es schwärmt der gute Jüngeling, -
Bei diesen Worten blickte Amor anbetungsvoll auf Mademoiselle Marguerite -
Sie aber ist ein schnippisch Ding.
Wenn er von seiner Liebe spricht,
So sagt sie: ick versteh' Sie nicht.
Bei dieser für die Eingeweihten sehr verständlichen Anspielung konnte sich
Niemand eines Lächelns erwehren, aus dem aber ein lautes Gelächter wurde, als
Mademoiselle Marguerite, die von Allem, was Amor sagte, kaum ein Wort verstand,
aus dem Lachen der Anderen aber merkte, dass irgend etwas ganz besonders Witziges
gesagt sein müsse, sich zu Sophie wandte und ganz laut fragte: Qu'est-ce qu'il
dit?
    Amor hatte Humor genug, in das Gelächter der Anderen mit einzustimmen; aber
alsobald fuhr er mit noch grösserem Ernst als vorhin fort:
Da kommt in allergrösster Eil'
Der Jüngling denn zu mir,
Und fleht: Mit deinem schärfsten Pfeil
Triff's böse Mädchen hier -
Bei diesen Worten legte Amor die Hand auf's Herz.
Damit sie wisse, wie es tut,
Wenn Einer liebt treu und gut.
Und ich sodann: Mein feiner Knab',
Dein Flehen rühret mich,
Den schärfsten Pfeil, den ich nur hab',
Ich schiess' ihn ab für dich.
Wen dieser traf in's junge Herz,
Der fühlt gar bald den Liebesschmerz.
Amor präsentirte einen Pfeil, den er bei den letzten Worten aus dem Köcher
genommen hatte. An der Gummikugel war ein Zettel befestigt, auf dem etwas
geschrieben stand, was man aus der Entfernung nicht lesen konnte. Er zielte auf
Mademoiselle Marguerite und rief mit erhobener Stimme:
Wenn das nicht gut für Liebe ist,
Sagt's mir, wenn Ihr was Bess'res wisst.
Der Pfeil flog vom Bogen, Mademoiselle Marguerite in den Schoss. Amor aber
wartete den Erfolg seiner Heldentat nicht ab, sondern wandte den mit
Gänseflügeln geschmückten Rücken und eilte, von dem Gelächter der Gesellschaft
gefolgt, zur Tür hinaus.
    Was steht auf dem Zettel, Marguerite?
    Den Zettel müssen Sie zeigen, Mademoiselle!
    Das versteht sich!
    So riefen Sophie, Franz und der Geheimrat durcheinander. Aber Marguerite
hatte kaum einen Blick auf den Zettel geworfen, als ihr ausdrucksvolles Gesicht
von dunkler Röte übergossen wurde. Sie riss in aller Eile das Papier ab und warf
es in den Kamin; Sophie aber, die dies erwartet hatte, war sofort mit dem
Schüreisen bei der Hand und schnellte den Zettel, ehe ihn die Flamme ergreifen
konnte, geschickt heraus. Marguerite wollte ihr das Document entreissen, Sophie
lief damit fort, Marguerite hinterher, während Franz und der Geheimrat sich
über die Anstrengungen der kleinen Lacerte, an der schlanken Sophie, der sie
kaum bis an die Schultern reichte, hinaufzuspringen, höchlichst ergötzten. Bei
ihrer Jagd kamen die jungen Damen in die Nähe der Tür, und da Bemperlein, der
sich unterdessen seiner himmlischen Attribute erledigt hatte, gerade hereintrat,
so stürzte ihm Marguerite, die ihren Lauf nicht so schnell hemmen konnte, direct
in die Arme.
    Seht Amor's heilige Macht! rief Sophie bei diesem Anblick jubelnd. Hier
Marguerite, haben Sie Ihren Zettel wieder. Nachdem ich diesen Erfolg gesehen,
will ich gar nicht mehr wissen, was auf dem Recept gestanden hat.
    Bei diesen Worten überreichte sie mit einem tiefen Knix Marguerite den
Zettel, die ihn eiligst im Busen verbarg.
    Sie haben Ihre Sache brav gemacht, Bemperchen, sagte die übermütige junge
Dame sodann; ich muss Sie notwendig auch umarmen.
    Damit nahm sie den hocherrötenden Bemperlein ohne weiteres bei den
Schultern und gab ihm einen herzlichen Kuss.
    Ich rufe Sie zum Zeugen, Herr Geheimrat, rief Bemperlein, dass die Damen
sich um mich reissen, ohne dass ich ihnen die geringsten Avancen mache, und dass,
wenn Franz mich fordert, ich ihm keine Satisfaction zu geben brauche.
    Durch Bemperlein war ein anderer Geist in die Gesellschaft gekommen und
Scherz und Lachen die Ordnung des Abends geworden. Die gute Laune des kleinen
Kreises stieg in demselben Masse, als das Niveau in der Bowle sank. Nur
Marguerite war stiller als vorher, indessen man hatte den Scherz weit genug
getrieben und liess die kleine Lacerte in Ruh; achtete auch nicht weiter darauf,
wenn sie den Platz am Kamin verliess und in dem grossen Zimmer auf und ab gehend,
ihren Gedanken nachhing; ja Franz, Sophie und der Geheimrat, die in ein
wichtiges Familiengespräch geraten waren, bemerkten nicht, dass Bemperlein
geräuschlos aufgestanden war, sich Marguerite zugesellt und mit ihr ein leises
Gespräch angeknüpft hatte, welches bald so interessant wurde, dass sie notwendig
das tiefe Erkerfenster aufsuchen mussten, wo sie vor den Blicken der Gesellschaft
am Kamin durch die breiten Falten des schweren Vorhangs gänzlich verborgen
waren. Indessen war das Gewebe dieses Vorhangs nicht dicht genug, auch die
Schallwellen vollständig zu brechen, und so geschah es denn, dass nach Ablauf von
ungefähr fünf Minuten die am Kamine durch ein Geräusch erschreckt wurden, das
aus dem Erker kam und unmöglich durch etwas Anderes hervorgebracht sein konnte,
als dadurch, dass die Lippen zweier Menschen längere Zeit auf einander geruht und
sich plötzlich wieder getrennt hatten.
    Mit der Entstehung dieses höchst eigentümlichen Geräusches hing es aber so
zusammen:
    Als das promenirende Paar - ganz zufällig - in den dunklen Erker geraten
war, hatte Mademoiselle Marguerite sogleich wieder umkehren wollen, der
löwenkühne Bemperlein aber hatte ihre Hand ergriffen und im eindringlichen Tone
gesagt:
    Haben Sie gelesen, was auf dem Zettel stand?
    Nun hatte Marguerite es allerdings gelesen, aber sie wäre keine kleine
Lacerte gewesen, wenn sie auf eine so directe Frage nicht mit: Non, Monsieur!
hätte antworten sollen.
    Erlauben Sie denn, dass ich es Ihnen sage?
    Die kleine Lacerte fing hierauf ein ganz klein wenig an zu zittern, ohne
weder Ja noch Nein zu sagen; Herr Anastasius Bemperlein aber, der mit grossem
Scharfsinn das Zittern und das Schweigen zu seinen Gunsten auslegte, schlang
seinen Arm um die feine Taille der kleinen Lacerte und flüsterte ihr in's Ohr:
Mademoiselle Marguerite Martin! je vous aime de tout mon coeur.
    Da das Zittern in Folge dieser loyalen Erklärung nur noch zunahm, ohne dass
von Seiten der Dame irgend ein Versuch gemacht wurde, sich den Armen des Ritters
zu entziehen, so sagte dieser noch leiser und dringender:
    Marguerite, antworten Sie mir: lieben Sie mich? Ja, oder nein?
    Da Marguerite auf diese kurze Frage mit einem kaum hörbaren: Oui!
geantwortet hatte, so blieb einem in Liebesaffairen so ausnehmend bewanderten
Manne, wie Herrn Anastasius Bemperlein, offenbar nichts anderes übrig, als die
Dame noch fester in seine Arme zu schliessen und ihr einen schallenden Kuss auf
die nicht widerstrebenden Lippen zu drücken.
    Oh, mon Dieu! rief die kleine Lacerte, erschrocken aus des Ritters Armen
schlüpfend.
    Sei nur ruhig, erwiderte der Ritter; Sie müssen es ja doch erfahren.
    Sprach's, fasste die kleine Dame bei der Hand, schlug den Vorhang zurück,
trat, wie der Edelknappe im Taucher, »sanft und keck« auf die Freunde zu und
sagte:
    Meine Freunde, ich habe das unaussprechliche Vergnügen, Ihnen Fräulein
Marguerite Martin als meine liebe Braut vorzustellen.
    Da Bemperlein unter dem Siegel der Verschwiegenheit Sophie in sein Geheimnis
eingeweiht, und diese es unter demselben Siegel an Franz und den Vater
weitergegeben hatte, so konnte, besonders nach der Amorscene und nun gar nach
dem Kuss im Erker, durch diese Nachricht eigentlich Niemand so recht gründlich
überrascht werden. Indessen waren die Glückwünsche von Seiten der Freunde darum
nicht weniger warm. Die Männer schüttelten sich herzlich die Hände. Sophie küsste
Marguerite mit einer bei ihr sehr ungewöhnlichen Rührung, und es dauerte eine
geraume Zeit, bis die hochgehenden Gefühlswogen sich wieder zu einem klaren
Spiegel ebneten.
    Wir müssen ein solches Ereignis auch äusserlich durch eine entsprechende
Feierlichkeit documentiren, sagte der Geheimrat, griff nach der Klingel und
hiess den eintretenden Diener, die letzte von den zwölf Flaschen Johannisberger
Cabinet bringen, die er alljährlich von einem Fürsten, den er durch seine Kunst
vom Tode errettet hatte, zum Geschenk erhielt. Und als der edle Wein in den
Gläsern funkelte, sprach der Geheimrat:
    
    Meine Lieben! In froher Stunde spricht sich's gut von vergangenem Leid, und
so lasst denn auch mich das heiter schöne Bild des Augenblicks in einen dunklen
Rahmen fassen, aus dem seine glänzenden Farben noch um so viel heller strahlen
werden. - Ich habe in diesen letzten Leidenstagen, wo ich, dessen Pflicht und
Amt es ist, zu helfen, wo ich kann, selbst so ganz hülflos auf dem Krankenbette
lag, oft an ein Wort denken müssen, ein klagendes, tränenreiches Wort, das die
von Kriegsdiensten überbürdeten römischen Plebejer einst ihren stolzen irdischen
Göttern, den Patriciern, zuriefen: Sine missione nascimur! zu deutsch, Ihr
Mädchen: »Ohne Urlaub werden wir geboren.« Ob unsere Kräfte in der endlosen
Reihe der Kriege, die Ihr im Namen des Vaterlandes zu Euerm Nutz und Frommen
führt, aufgerieben werden, ob unsere Aecker brach liegen und unsere Weiber und
Kinder sterben und verderben - Euch kümmert's nicht. Zu den Waffen, zu den
Waffen! tönt Euer Ruf Jahr aus, Jahr ein; und wir, wir müssen frohnden Jahr aus,
Jahr ein: Sine missione nascimur.
    Der Geheimrat tat einen tiefen Zug aus seinem Glase und fuhr mit bewegter
Stimme fort:
    Auch wir, so dachte ich weiter, auch wir Kinder des neunzehnten Jahrhunderts
werden ohne Urlaub geboren. Die ungeheuren Aufgaben, die uns gestellt sind in
der Wissenschaft, in der Politik, auf jedem Gebiete menschlicher Tätigkeit,
nehmen von frühester Jugend auf unsere Kräfte in eine erdrückende Frohnde. Zu
den Waffen, zu den Waffen! - so ergeht auch an uns der ewige Ruf, ob unsere
Waffen nun Feder oder Pinsel, Pflug oder Hammer, Zirkel oder Lanzette sind. Und
die Arbeit, die unerbittliche, gebieterische Arbeit, was fragt sie nach dem
Arbeiter? ob seine Schläfen im Fieber pochen, ob sein Hirn bis zum Wahnsinn
überreizt ist, ob seine Glieder vor Ermattung zittern - sie kümmert es nicht.
Sie lohnt ihm mit Armut, Krankheit und Not und verlangt von ihm, dem
Gemisshandelten, dem Geächteten die Taten eines Hercules. Ja meine Freunde, auch
wir sind Proletarier im Frohndienst der Arbeit, wie jene römischen Proletarier
im Frohndienst des Krieges und können mit ihnen klagen und sagen: Sine missione
nascimur!
    Und dennoch, fragte ich mich: wie ist es möglich, dass wir, Schwächlinge und
Epigonen, wie wir sind, Taten vollbringen, neben denen sich die des Hercules
und anderer Heroen wie die Spielereien von Pygmäen ausnehmen? dass unsere wegen
ihrer Schlaffheit und Tatlosigkeit vielgescholtene Zeit trotz all dem und all
dem ein kreisender Berg ist, der nicht lächerliche Mäuse, sondern schnaubende
Dampfrosse, Riesenwerke der Industrie, Triumphe der Erfindsamkeit aller Art ohne
Unterlass gebiert? Nur dadurch, meine Freunde, dass sich das Verhältnis eines
Zeitalters, wo der Kampf und die Arbeit der Menschheit von einzelnen Heroen
getan wurde, während die grosse Masse als ein stumpfsinniges, tatenloses
Gesindel schreiend hinterherzog, gerade umgekehrt hat. Heut zu Tage gilt der
Einzelne, und wäre er noch so bedeutend, wenig; die ganze Kraft liegt in der
Masse, die in dicht geschlossener Colonne, langsam aber unaufhaltsam auf der
Bahn des Fortschritts weiter drängt. Das ist noch nicht Vielen klar geworden; ja
Herrscher, Fürsten und Fürstenknechte, die eine dunkle Ahnung von der Sache
haben, möchten in ihrem brutalen Egoismus und ihrer frivolen Eitelkeit die alte
Zeit wieder heraufführen, wo der Einzelne Alles und die Menge nichts war; aber
es hilft ihnen wenig. Mit dem todesmutigen Instinct der Wanderratte
ausgerüstet, marschirt die Fortschrittsarmee in langer, unabsehbarer Linie
heran, Schulter an Schulter, der Hintermann in den Fussstapfen des Vordermanns,
und wenn hier oder da eine Lücke entsteht, so schliesst sie sich auch in
demselben Momente wieder.
    Und dieser Gedanke, meine Freunde, den ich mir so recht klar zu machen
suchte, hatte etwas wunderbar Tröstendes für mich. Ich dachte: was ist daran
gelegen, ob du heute oder morgen zusammenbrichst; hinter dir marschirt ein
jüngerer, stärkerer Krieger, der sofort über dich weg an deine Stelle treten und
mit denselben Waffen, die deiner ermattenden Hand entfielen, Grösseres
vollbringen wird, denn du.
    Bei diesen Worten drückte der Geheimrat innig die Hand seines
Schwiegersohns; Sophie aber, die schon lange mit den Tränen gekämpft hatte,
warf sich schluchzend in ihres Vaters Arme.
    Nein, nein, mein Kind, sagte dieser, ihr das weiche Haar liebevoll
streichelnd: Du musst nicht weinen; ich wollte Dir und Euch Allen ja eben
beweisen, wie wir nicht weinen und klagen, sondern uns freuen müssen, dass wir in
den Andern und mit den Andern unüberwindlich und unsterblich sind. Ja, es ist
ein schönes und wahres Wort, das ich noch heute in Freiligrat's
Glaubensbekenntnis las: »Am Baum der Menschheit drängt sich Blüt' an Blüte.«
Ich sehe hier um mich herum Alles knospen und blühen, einen ganzen
Menschenfrühling im Kleinen. Wie lang' wird es dauern, und diese Knospen und
Blüten werden zu herrlichen Blumen und Früchten reifen. Ob ich's erlebe? ich
wünsche es, ich hoffe es; aber selbst, wenn es nicht sein sollte, wenn es mir
nicht vergönnt wäre, Eure Kinder um meine Kniee spielen zu sehen - nun denn, Ihr
Lieben: Leid will Freud' und Freud' will Leid haben. Wo Blüte sich an Blüte
drängen soll, da muss das dürre Holz herausgehauen und in den Ofen geworfen
werden, und wenn's geschieden sein muss, sei's, wenn auch nicht fröhlich, doch
mutig geschieden.
    Während der Geheimrat sprach, hatte man vor den Fenstern auf der Strasse ein
dumpfes Geräusch von Tritten und das verworrene Gemurmel gedämpfter Stimmen
gehört; dann war es wieder lautlos still geworden, und als der Geheimrat das
letzte Wort sprach, da erschallte in den prachtvollen Tönen eines gewaltigen
Männerchors, leise wie Frühlingswehen, und doch mächtig wie Donnersturm:
Es ist bestimmt in Gottes Rat,
Dass man vom Liebsten, was man hat,
Muss scheiden;
Wiewohl doch nichts auf dieser Welt
Dem Herzen ach! so sauer fällt,
Als Scheiden.
Die im Zimmer ergriff es, wie wenn eine überirdische Stimme zu ihnen spräche.
Sophie lehnte schluchzend ihr Haupt an ihres Vaters Brust; in den Augen der
Männer standen die hellen Tränen; Marguerite, obgleich sie kein Wort verstand,
war so ergriffen, dass sie ihr Taschentuch vor das Gesicht drückte und laut
weinte.
    Dann erhoben sich Alle und traten in den dunklen Erker. Unter dem Fenster
auf der sehr breiten Strasse in einem weiten, von hellen Laternen bezeichneten
Halbkreis standen die Sänger - Männer des Handwerkervereins, den der Geheimrat
vor Jahren gestiftet hatte und dessen Präsident Franz in den letzten Wochen
gewesen war; weiterhin eine dunkle Menschenmenge, Kopf an Kopf, Männer und
Frauen, Bürger, Studenten, Arbeiter - lautlos, regungslos, wie in einer Kirche.
    Und mächtiger fluteten die Toneswellen:
Nur musst Du mich auch recht versteh'n:
Wenn Menschen auseinandergeh'n,
So sagen sie: Auf Wiedersehn!
Auf Wiedersehn!
Die Töne waren verhallt; die Laternen wurden ausgelöscht; still, wie sie
gekommen war, entfernte sich die Menge. Wieder war es dunkel auf der Strasse,
aber in den Herzen der Menschen, die da oben im Erker standen und sich innig
umfangen hielten, war es hell wie an einem wonnigen Maienmorgen.
 
                           Achtundzwanzigstes Capitel
Die weiten Wälder von Berkow standen entlaubt. Wo sonst durch grüne Dämmerung
Vögel singend schlüpften und Käfer und Mücken summend schwärmten, pfiff jetzt
der kalte Herbstwind durch kahle Aeste und Zweige, und wo an den knorrigen
Eichen das dürre Laub noch haftete, da flüsterte es nicht mehr lieblich, wie in
der schönen Sommerzeit, sondern raschelte unheimlich und unwirsch. Nur die
Tannen taten, als ob die Jahreszeit nichts mit ihnen zu schaffen hätte; aber
auch ihr Nadelhaar hatte sich dunkel gefärbt, und sie sahen, da Alles um sie her
kahl war, schwärzer und schauriger aus.
    Auch in dem Garten hinter dem Schloss war der rauhe Herbst durch die dichte
Taxushecke, mit der derselbe von allen Seiten umgeben war, hereingeschnaubt,
hatte die Blumen von den Beeten gefegt und die langen Gänge voll dürrer, nasser
Blätter geweht. Auf der Terrasse unter dem breitastigen Tannenbaum, dem
Lieblingsplätzchen der Herrin, stand nur noch das runde Tischchen mit der
Marmorplatte, weil sein Fuss fest in der Erde wurzelte; aber die grünen Bänke und
Stühle waren in's Gartenhaus getragen.
    Auf dem Platz vor dem Hause sah es melancholisch aus. Die nach dieser Seite
fast immer geschlossenen Läden wurden eben von innen durch eine alte runzlige
Hand geöffnet, worauf ein altes runzliges Gesicht mit einem eisgrauen langen
Schnurrbart auf ein paar Minuten herausschaute, um zu beobachten, wie ein hoch
mit Holz beladener Wagen von vier kräftigen Gäulen mit Mühe durch den tiefen
Schlamm geschleppt wurde, der den Seiteneingang des Hofes zwischen den beiden
Scheunen selbst im Sommer zu einer bedenklichen Passage machte. Der alte Mann
zog unwillig die buschigen Augenbraunen zusammen, wie der Knecht mit Hot! und
Hü! und manchen Peitschenhieben die Kraft der Tiere auf's äusserste antrieb. Er
murmelte etwas von: infamer Schlingel! in den grauen Bart; erhob aber seine
Stimme nicht zu einigen kräftigen Flüchen, wie's sonst wohl seine Gewohnheit;
denn schliesslich war doch nicht der Knecht schuld, sondern der Pächter, der seit
fünf Jahren nicht dahin zu bringen gewesen war, die böse Stelle ausbessern zu
lassen. Der alte Mann versenkte sich in dies unerquikliche Tema, die alten
scharfen Augen dabei auf die bleichenden Gebeine eines Habichts heftend, den er
vor vielen Jahren schoss, und zur Warnung aller Missetäter in den Lüften und auf
der Erde an die Scheunentür nagelte, bis die Stimme eines Knaben, der eben aus
dem Garten getreten war und sich auf dem Hofraum umgesehen hatte, zu ihm
heraufschallte.
    Holla! Baumann!
    Beim Ton dieser Stimme hellte sich das Gesicht des alten Mannes auf, wie
wenn ein Sonnenschein über eine rauhe Gebirgslandschaft gleitet. Es war dieselbe
Stimme, zum mindesten derselbe Ton in der Stimme, der dem alten Mann nun schon
seit dreissig Jahren und darüber das Herz erwärmt hatte. Er legte sich mit den
beiden Ellbogen in das Fenster und schaute herab in das schöne, zu ihm empor
gewandte Gesicht des Knaben mit den hellbraunen freundlichen Augen.
    Was gibt's Junker?
    Will Er nicht ein bisschen mit mir ausreiten, Baumann?
    Der alte Mann warf einen prüfenden Blick hinauf nach dem Himmel, an welchem
trübe, schwere Wolken zogen, schaute dann wieder hinab und sagte:
    Es sieht bedenklich aus, Junker. Ich vermeine, wir haben in einer halben
Stunde einen tüchtigen Regen, oder auch Schnee, was noch vraisemblabler ist.
    Ach, Baumann, Er hat auch immer was einzuwenden, antwortete der hübsche
Junge schmollend; der Pony steht sich die Beine steif, und ich habe so grosse
Lust zu reiten.
    Na, na! brummte der alte Mann, wir sind ja erst gestern bis nach Cona
gewesen.
    Das ist was Rechtes! die halbe Meile! Und der Doctor sagt: ich soll alle
Tage ausreiten.
    Ja, wenn es der Doctor sagt, so hilft es wohl nicht, erwiderte Baumann, der
nur nach einem triftigen Grund gesucht hatte, um mit Ehren nachgeben zu können.
Ich will nur noch hier die Fenster in dem Saal öffnen, dann komme ich hinab.
Gehen Sie nur derweilen zur Frau Mama und sagen Sie ihr Adieu!
    Ja, aber mach' Er nur schnell.
    Na, na! sagte der alte Mann, und sein grauer Kopf verschwand vom Fenster.
    Der Knabe eilte in das Haus zurück, aber seine Mutter war in dem
»Gartensaal« nicht zu finden, auch nicht in der »roten Stube« nebenan. So
stürmte der Knabe aus dem Gartensaal in den Garten, den langen Gang zwischen den
Taxuspyramiden hinab nach der Terrasse. Da er die Mutter hier nicht fand,
überlegte er, ob er sich nicht mit diesem Versuch begnügen könne. Er stand einen
Augenblick nachdenklich da, und schon wollte er den Rücken wenden, als ihm
einfiel, dass Baumann ihn ganz gewiss unterwegs fragen würde: Junker, haben Sie
der Frau Mama Adieu gesagt? und dass er sich dann schämen würde, wenn er, wie er
doch nicht anders könnte, mit Nein antworten müsste; und er sprang mit einem Satz
die Stufen, die zur Terrasse führten, hinab und lief tiefer in den Garten, dabei
von Zeit zu Zeit Mama rufend.
    Hier! antwortete plötzlich eine Frauenstimme ganz in der Nähe, und rasch um
ein dichtes Gebüsch biegend, das, im Schutz alter dickstämmiger Linden, noch
einen guten Teil seiner Blätter behalten hatte, stürzte er beinahe seiner Mama
in die Arme.
    Was gibt's, mein Wildfang? sagte Melitta, ihre Hände auf des Knaben
Schultern legend.
    Wir wollen ausreiten, sagte der Knabe, der vor lauter Eile kaum Zeit zum
Sprechen hatte.
    Aber der Himmel sieht sehr trübe aus.
    O, Baumann sagt - nein, das sagt Baumann auch. Aber ich habe so grosse Lust
zum reiten. Bitte, bitte liebe Mama!
    Wenn es nicht schon so spät wäre, sagte Melitta, nach ihrer Uhr sehend,
möchte ich wohl mit.
    Ach, bitte, liebe Mama, tu's ein ander Mal. Du musst Dich erst umziehen, und
dann fängt es vielleicht vorher noch an zu schneien; und es wird gar nichts
daraus.
    Da könntest Du Recht haben, antwortete Melitta lächelnd. Dann mach', dass Du
fortkommst. Zieh Dir aber den Ueberrock an.
    Sie küsste den Knaben auf den roten Mund und der Knabe sprang lustig davon,
um nach fünf Minuten mit dem alten Baumann, der unterdessen Julius' Pony selbst
gesattelt hatte - er überliess das Satteln des Ponys ebenso wie das von Melitta's
Pferden nie dem Stallknecht - aus dem Haupttore in die kahlen Felder
hineinzugaloppiren.
    Melitta wandelte, nachdem der Knabe davon geeilt war, wieder in den Gängen,
zwischen den langen künstlich verschnittenen Buchenhecken und den Taxuspyramiden
auf und ab. Es waren dies dieselben Gänge, in denen sie an einem schönen
Sommernachmittage, als die Sonne rote Strahlen durch das grüne Laubdach auf die
in üppigster Blumenfülle prangenden Beete schoss, Arm in Arm mit Oswald gewandelt
war. Wie hatte sich seitdem die Scene verändert! Wo war der rote Sonnenschein
hingeschwunden? wohin das grüne Laub? und die bunten Blumen? War dies dieselbe
Erde, deren weicher, balsamischer Odem war, wie ein Kuss des Geliebten? dieselbe
Erde, deren Gewand so hochzeitlich prangte? die beim funkelnden Licht unzähliger
Sterne so bräutlich den hohen Himmel umarmte?
    Auf dieser Bank hatte sie an Oswalds Seite an jenem Sommernachmittag
gesessen, der für sie und ihn so verhängnisvoll werden sollte; und sie hatten
zwei weissen Schmetterlingen zugeschaut, die sich auf den weichen Flügeln über
den Blumenwäldern der Beete wiegten und sich haschten und verfolgten und dann
emporstiegen in die blaue Luft, einen Augenblick sich umarmend, dann sich
trennend, um hierhin und dortin in die grüne Wildnis hineinzuflattern. Ob diese
Schmetterlinge sich wohl wiedersehen im Leben? hatte sie gefragt, und Oswald
hatte geantwortet: Wohl möglich; aber ob, wenn sie sich wiedersehen, es mit
derselben Lust geschieht, das ist eine andere Frage. Sie hatte Oswald seit der
Nacht, wo sie das erste Mal nach Fichtenau reiste, nicht wieder gesehen. Wenn
sie ihn jetzt wiedersähe? sie bebte bei dem Gedanken zusammen; denn sie fühlte
in diesem Augenblick, dass sie es wünschte. Hatte sie ihn doch so unendlich
geliebt, war sie doch mit ihm so unsäglich glücklich gewesen! Aber nein!
Vernunft und Stolz geboten ihr, den Treulosen zu vergessen, der nur erobern,
aber nicht das Eroberte erhalten konnte.
    Sie kreuzte die Arme noch fester unter dem Busen und ihr Gesicht blickte
beinahe finster, als sie weiterschritt; aber bald erhellte es sich wieder; und
jetzt lachte sie sogar leise in sich hinein. Sie musste wieder an den Ausdruck
von Oldenburgs Gesicht denken, als sie neulich Abends, wo das Wetter so
furchtbar war und er dennoch zur gewöhnlichen Zeit aufstand, um nach Haus zu
reiten, zu ihm sagte: Willst Du nicht lieber zur Nacht hier bleiben, Adalbert?
und er sie nun einen Moment scharf ansah und dann mit einer gewissen Hast und
Verlegenheit die Einladung kurz zurückwies und sich empfahl. Oldenburg, dessen
Moralität man stets so arg verketzerte, der in dem Ruf stand, in seinem Leben
unzählige liaisons dangereuses gehabt zu haben, so jungfräulich schüchtern, so
zärtlich besorgt für den guten Ruf einer Frau! - Warum behandelte er sie so
anders, als die Schaar der andern Weiber, an deren Lippen er sich so bald satt
geküsst? - Wird er heut' wohl kommen? Die Stunde, in welcher der Huf seines
Almansor auf dem Pflaster des Hofes aufzuschlagen pflegt, ist schon vorüber. Die
junge Frau blickte bedenklich zu den grauen Wolken hinauf, die immer tiefer und
tiefer sich senkten und aus denen jetzt einzelne Schneeflocken, die ersten in
diesem Jahr, lautlos herabschwebten, um auf der schwarzen Erde nach wenigen
Augenblicken wieder zu zerfliessen. Wenn Julius nur nicht zu weit reitet! aber er
ist ja in des alten Baumanns Hut. Vielleicht sind sie nach Cona geritten und
kommen mit Oldenburg, der sich zwischen seinen Büchern verspätet hat, zurück. -
Sie werden tüchtig durchgefroren sein, wenn sie kommen: und da ist es wohl gut,
wenn der Tee schon fertig auf dem Tisch steht.
    Melitta ging in das Haus zurück und bestellte das Abendbrod und die Lampen,
denn es war beinahe dunkel geworden und sie wollte gern noch etwas in Oldenburgs
Tagebuch blättern. Er hatte ihr vor einiger Zeit daraus vorgelesen und als er an
dem Abend mit der Lectüre nicht fertig wurde, das Buch dagelassen und sie
gebeten, für sich selbst weiter zu blättern, und als sie ihn lächelnd an die
Gefahr erinnerte, sein Tagebuch in den Händen einer Dame zu lassen, erwidert: es
stehe in dem Buche, so wenig wie in seinem Herzen etwas, das sie nicht erfahren
dürfe. Im Gegenteil! er wünsche, dass sie Alles lese, er wolle nicht besser und
auch nicht anders scheinen, als er sei.
    Sie öffnete das Buch und wie sie darin blätterte, stiess sie auf eine Stelle,
die ihr bis dahin entgangen war:
    Man sagt, die Liebe sei für die Männer bloss ein Luxus, für die Frau aber ein
Bedürfnis; ein passer le temps für jene, eine Lebensaufgabe für diese. Aber wie
oft ist gerade das Umgekehrte der Fall! Wie oft ist für die tatenlose, müssige
Frau (ich spreche hier von den wohlhabenden Klassen) die Liebe ein Luxusartikel
neben vielen anderen, für den tatkräftigen, fleissigen Mann aber das reine
erquickende Element, aus dem er sich immerfort neue Kraft und neuen Mut saugen
muss! Für den Arbeiter (und das ist am Ende jeder Mann, er mag Ministerpräsident
oder des Ministerpräsidenten Schuster sein) ist, wie Virgil es so schön
ausdrückt: die Nacht der Preis des Tages. Und dazu kommt noch dies. Der Mann ist
für Zärtlichkeit viel dankbarer als die Frau. Eine Frau, besonders wenn sie
schön ist, wird von Jugend auf mit Aufmerksamkeit überhäuft; wohin sie kommt,
sind hundert Hände bereit, ihr zu dienen; stets hat sie einen Hof von
Schmeichlern und Bewunderern um sich her. Ist es nicht natürlich, dass ihr, wie
den übrigen Grossen der Erde, der Kopf verdreht wird? dass ihr die Huldigung des
Einzelnen nicht mehr so viel sein kann? dass die Liebe in Folge des zu
reichlichen Angebots bei ihr sinkt? - Und nun der Mann! Wenn er nicht
ausnahmsweise ein Prinz ist, wird im Leben stets so kurzer Prozess mit ihm
gemacht! Auf der Schule, auf der Universität hat er wohl, wenn das Glück ihm
günstig ist, sogenannte Freunde, die ihm das Dasein einigermassen verschönern;
aber kaum ist er in das praktische Leben eingetreten, ist auch die
Freundesschaar plötzlich, und zwar für immer, zerstoben und er steht allein, muss
allein allen Schmerz, alle Not und - was beinahe eben so schlimm ist, - alle
Freude tragen. Die Gesellschaft erschliesst sich ihm; aber wann? nachdem er
Erfolge gehabt hat; und bis dahin? bis dahin ist ein langer, staubiger,
schattenloser, entsetzlicher Weg, der ihm den besten Teil seiner Lebenskraft
und Lebensfreude unwiederbringlich raubt. Hat er aber Erfolg gehabt, so wird er,
wenn er vorher mit Geisseln gepeitscht war, jetzt mit Skorpionen gezüchtigt.
Selbst sein Freunde werden jetzt seine Nebenbuhler; und er sieht sich, einzig
auf sich, auf seine Kraft, auf seinen Mut angewiesen, gegenüber einer Welt in
Waffen, einer mitleidslosen, neidischen, schadenfrohen, im besten Falle
gleichgiltigen Welt. Und o! der Seligkeit, wenn nun hier, in diesem wüsten
Gedränge, eine warme, weiche Hand seine Hand treulich fasst und eine liebe Stimme
zu ihm spricht: Sei stark! harre aus! wenn Alles Dich verlässt, ich will Dich
nicht verlassen; wenn Andere Dir Deine Triumphe neiden, mich werden sie selig
machen, und wenn Dir Dein Werk misslingt und sie Dich verspotten und verhöhnen,
oder es Dir wohl gelungen ist, sie aber gleichgiltig und kalt daran vorübergehen
- dann sollst Du Dein müdes Haupt an diese Brust lehnen, dann will ich Dir die
fiebernden Schläfen mit meinen Küssen kühlen, dann will ich Dir den köstlichen
Balsam guter, teilnehmender, tröstender Worte träufeln in Dein armes,
zerrissenes Herz! - O, dreimal glückseliger Mann! jetzt lass die Welt ihr
Aergstes tun, Du zitterst nicht, Du zagst nicht! In Deines Weibes Liebe hast Du
den Punkt des Archimedes, auf den Dich stützend, Du die Welt aus den Angeln
hebst.
    Und so habe ich denn in meinem Leben mehr als einen Mann kennen gelernt, der
mit einer Liebe, die schlechterdings grenzenlos war, die mit dem stetigen Glanz
des Nordsterns unerlöschlich, unwandelbar durch die Nacht seines Lebens brannte,
an dem Weibe seiner Wahl hing; und ganz gewiss, wo wir in der Geschichte einen
Arnold Winkelried finden, der todesmutig der Freiheit eine Gasse brach, der
tat es um der Freiheit willen? ja! um des Vaterlandes willen? ja! aber vor
allem tat er es für Weib und Kind, die ihm der Auszug und die Quintessenz von
Welt und Leben waren.
    Melitta liess das Buch in den Schoss sinken, und schaute sinnend vor sich
nieder; dann legte sie es nieder auf den Tisch, und trat an das Fenster.
    Es war beinahe dunkel geworden, und statt der einzelnen Flocken von vorhin
fiel der Schnee jetzt ziemlich dicht herab, zerschmolz auch nicht mehr an der
Erde, sondern hatte bereits eine dünne weisse Decke über den Rasenplatz
gebreitet. -Melitta fing an, sich über das lange Ausbleiben ihres Julius
ernstlich zu bekümmern. Sie machte sich Vorwürfe, dass sie den Knaben noch so
spät hatte fortreiten lassen. Und auch Oldenburg kam nicht. Wenn er hier wäre,
würde sie ihn bitten, den Beiden entgegenzureiten. Wie gern würde er's tun.
    Sie ging voll Sorge in das Speisezimmer, rechts neben dem Gartensaal, von
dessen Fenstern man eine kurze Strecke weit auf den Weg, der in den Wald über
Grenwitz nach Cona führt, sehen konnte. Der Schnee fiel jetzt so dicht, dass man
kaum noch den Waldrand hoher düsterer Tannen erblickte, obgleich er nur einige
hundert Schritte entfernt war. Sie öffnete das Fenster und lehnte sich, der
Flocken nicht achtend, die auf ihr dunkles Haar wehten und auf ihrer Stirn
zerflossen, weit hinaus. - War das nicht Hufschlag? - Da kommen sie aus dem
Walde, ein, zwei, drei dunkle Gestalten: Oldenburg, der Alte und zwischen ihnen
Julius; Almansor und Brownlock im Trabe, der Pony in der Mitte, um nur mitkommen
zu können, im vollen Lauf. Melitta weht mit dem Taschentuch und ruft, und Julius
antwortet mit seinem lustigen Halloh! und schlägt den Pony mit der Gerte über
den Hals, worauf der Pony unwillig den krausen Kopf schüttelt und in eine so
wütende Carriere fällt, dass er seine langbeinigen Nebenbuhler schliesslich doch
noch um die Länge seiner eigenen stumpfen Nase schlägt.
    Die Reiter springen aus den Sätteln. Julius läuft auf das Fenster zu und
ruft: Ich war doch der Erste, Mama!
    Ja, erwiderte Melitta, mach' nur, dass Du herein kommst, und sag' Onkel
Oldenburg, er solle sich nicht so lange bei Almansors Sattel aufhalten.
 
                           Neunundzwanzigstes Capitel
Es war nach dem Tee. Julius war bereits zu Bett gegangen. Der alte Baumann
hatte die Sachen abgeräumt und sich dann mit einem wohlwollenden Blick auf seine
Herrin und ihren Besuch entfernt. Melitta und Oldenburg waren allein in der
»roten Stube«
    Weshalb bist Du heute so verstimmt? sagte Melitta, die auf dem Sopha sass,
während der Baron seiner Gewohnheit gemäss langsam im Zimmer auf und abschritt.
    Ich bin nicht verstimmt.
    Nun denn, nachdenklich?
    Das eher. Ich habe heute Nachmittag einen Brief von Birkenhain gehabt.
Hattest Du in den letzten Tagen einen Brief von ihm?
    Nein; weshalb?
    Hm!
    Ist das eine Antwort?
    Gewiss und zwar eine sehr vieldeutige. Hm! bedeutet sehr viel -
    In diesem Falle zum Beispiel?
    Weisst Du, dass wir aller Wahrscheinlichkeit nach, ohne eine Ahnung davon
gehabt zu haben, mit Czika und Xenobi und mit Oswald zu gleicher Zeit in
Fichtenau gewesen sind?
    Melitta wurde sehr rot und wusste nicht sogleich, was sie erwidern sollte.
Oldenburg liess ihr aber auch keine Zeit zu einer Erwiderung, sondern nahm
Birkenhains Brief aus der Tasche, setzte sich an den Tisch, Melitta gegenüber
und sagte:
    Birkenhain schreibt nämlich, nachdem er mir auf meine Anfrage wegen Julius
Auskunft erteilt - Julius soll mindestens bis Neujahr mit allem Unterricht
verschont werden - Folgendes:
    Sie haben sich, Herr Baron, in Ihren Briefen so oft und so teilnehmend nach
dem Professor Berger erkundigt, dessen Bekanntschaft Sie bei mir im Sommer
gemacht hatten, dass es Sie interessiren wird, von diesem in der Tat
ausserordentlichen Manne wieder einmal zu hören. Sie erinnern sich aus den
Gesprächen, die Sie mit ihm geführt haben, dass sein Wahnsinn zu der Kategorie
der philosophischen gehörte, und dass er seinen Fundamentalsatz, oder vielmehr
seine fixe Idee von der absoluten Nichtigkeit alles Seins - dem grossen Urnichts,
wie er es nannte - mit der ganzen Gelehrsamkeit und dem ganzen Scharfsinn, die
ihm in so reichem Masse zu Gebote standen, verteidigte. Meine Hoffnung, den
ausgezeichneten Mann in kurzer Zeit herstellen zu können, erwies sich leider als
vergeblich, und ich gestehe, dass die Metode, welche ich bei ihm einschlug,
vielleicht nicht die richtige war. Ich wollte durch Claustration, Entziehung von
Büchern u.s.w. ihm die Empfindung des Verlassenseins, der Langweile wecken und
damit zugleich die Complementsempfindungen der Sehnsucht nach Gesellschaft, nach
Unterhaltung, mit anderen Worten: die Lust am Leben. Aber ich hatte den Fonds
von innerm Leben, welcher dem Kranken zu Gebote stand, bei weitem zu gering
angeschlagen. Er hätte Jahre lang von den Schätzen seines Geistes zehren können,
und die einzige Folge meiner Bemühungen war, dass er sich ungestört tiefer in
sein bodenloses Urnichts versenkte. Indessen hoffte ich doch noch immer auf eine
günstige Reaction, die meiner Meinung nach bei einem so kräftigen Geiste, wie
Berger trotz alldem war, nicht ausbleiben konnte. In dieser Zeit - es war genau
an demselben Tage, als Sie mit Frau von Berkow hier waren, und ich vergass damals
nur bei der Eile, welche Sie hatten, mit Ihnen von diesen Dingen, die mich
höchlichst interessirten, zu sprechen, kam mir ein Besuch, welcher sich bei mir
für Berger angekündigt hatte, gerade recht. Es war dies ein junger Mann, Namens
Doctor Stein, - Oldenburg blickte nicht auf, als er an diese Stelle gekommen war
- von dem mir ein jüngerer Grünwalder College, in dessen Gesellschaft er reiste,
geschrieben hatte, dass er der Liebling und vertrauteste Freund Bergers gewesen
sei. Ich versprach mir von diesem Besuche die günstigsten Resultate, eine
Hoffnung, die allerdings einigermassen abgeschwächt wurde, als ich die
persönliche Bekanntschaft des Herrn Stein machte, eines auffallend schönen,
vornehm aussehenden Mannes, der aber, bei offenbar bedeutenden Gaben und
tüchtiger Bildung, mit sich und der Welt so zerfallen schien, wie wir das leider
in unserer tat- und haltlosen Zeit, die weder weiss, was sie will, noch, was sie
soll, nur zu häufig in höherem oder geringerem Grade bei den begabtesten
Individuen finden. Freilich hätte ich bei reiflicher Ueberlegung mir voraus
sagen können, dass Jemand, an den sich Berger in der allerletzten Zeit vor dem
Ausbruche seines Wahnsinns so innig attachirte, wohl ebenfalls ein Hypochonder
sein musste. Aber, er war nun einmal da und die Sache nicht mehr rückgängig zu
machen; überdies hatte ich Herrn Stein, ehe ich ihn zu Berger liess, sehr
bestimmte Instruction seines Verhaltens gegeben und erwartete nun mit grosser
Spannung das Resultat dieser Zusammenkunft, bei der ich geflissentlich nicht
zugegen war. Dieses Resultat war eigentümlich genug.
    Als ich von der Unterredung mit Ihnen und Frau von Berkow nach Hause kam,
begab ich mich sogleich zu dem Kranken, der unterdess mit seinem Besuch auf
meinen Wunsch einen Spaziergang in den Wald gemacht hatte.
    Mein erster Blick überzeugte mich, dass etwas Besonderes mit ihm vorgegangen
sein musste. Er ging in heftiger Erregung auf und ab. So wie er mich sah, blieb
er vor mir stehen und sagte: Was halten Sie von einer Teorie, Doctor, die sich
praktisch noch nicht erprobt hat? - Nicht viel! erwiderte ich, wie kommen Sie
aber darauf? - O, es ist mir heute Abend ein Gedanke gekommen, der so nahe
liegt, so nahe, dass ich nicht begreife, wie ich nicht schon früher darauf
gekommen bin. - Ich bat ihn, sich näher zu erklären. Ich kann es jetzt nicht,
antwortete er, aber sobald ich dazu im Stande bin, soll es gewiss geschehen. -
Ich musste mich mit diesem Versprechen begnügen, denn es war vergebens, dass ich
weiter in ihn drang. Ich hoffte von Herrn Stein mehr zu erfahren. Er war noch in
derselben Nacht abgereist, »dringender Geschäfte halber,« wie er mir in einem
Briefchen, das von einer der nächsten Stationen datirt war, am folgenden Tage
schrieb. Was zwischen ihm und Berger verhandelt war, blieb für mich ein
Geheimnis; ich hörte nur von Andern, dass sie am Abend in einer Fuhrmannskneipe
gesehen worden waren, wo sie mit Seiltänzern an einem Tisch gesessen und
getrunken hatten, die sich zufällig im Orte aufhielten und durch eine schöne
Zigeunerin mit einem noch schöneren Kinde, - Oldenburgs Stimme zitterte etwas,
als er diese Worte las - die zur Gesellschaft gehörten, eben so viel Furore
machten, als durch ihre Kunststücke. Berger war an den folgenden Tagen sehr
still und in sich gekehrt; ich liess ihn ruhig gewähren, denn ich wollte in die
Krise, die in seinem Zustande offenbar eingetreten war, nicht störend
eingreifen. Er hatte von Anfang an Freiheit gehabt, zu gehen und zu kommen, wann
er wollte. Es fiel deshalb auch weder den Wärtern, noch dem Pförtner auf, dass er
am Morgen des siebenten Tages - es war der Tag, an welchem Frau von B. abreiste
- gegen acht Uhr Morgens die Anstalt verliess. Aber diesmal stellte er sich im
Laufe des Tages nicht wieder ein, wie sonst stets, auch nicht zur Nacht, auch
nicht am folgenden Tage. Er war und blieb verschwunden.
    Meine Stimmung in Folge dieses Ereignisses können Sie sich leicht denken.
Indessen war ich, trotzdem die Recherchen, die sofort mit aller Energie und
Umsicht angestellt worden, kein Resultat hatten, fest überzeugt, dass Berger
nicht gewaltsame Hand an sich gelegt haben könne. Er hatte sich zu oft und mit
zu grossem Nachdruck gegen dieses Mittel, »den gordischen Knoten nur noch fester
zu schlingen,« wie er es nannte, ausgesprochen. Ein Brief von seiner Hand, den
ich kurze Zeit darauf mit dem Poststempel einer kleinen norddeutschen Stadt
erhielt, bewies mir zu meiner nicht geringen Freude, dass ich mich nicht geirrt
hatte. In diesem Briefe bat mich der seltsame Mann um Verzeihung, wenn er mir
durch seine heimliche Entfernung von Fichtenau unruhige Tage bereitet haben
sollte; aber er habe nicht gewusst, wie er den Gedanken, von dem er mir
Rechenschaft zu geben versprochen, anders hätte ausführen können. Die
Expedition, auf der er sich in diesem Augenblick in Gesellschaft sehr guter
Leute und schlechter Musikanten befinde, sei eben die Ausführung dieses
Gedankens, der Gedanke selbst aber sei der, dass er die Ascese, die praktische
Seite seiner Teorie von der Nichtigkeit des Seins, nicht zwischen den vier
Wänden seines Zimmers, überhaupt nicht in der Einsamkeit, sondern nur in der
Menschenwelt und zwar vorzugsweise in den tiefsten Schichten dieser Welt, in die
er jetzt hinabgestiegen sei, zur Geltung bringen könne. Ich solle ihn, wenn ich
irgend ein Interesse an ihm nähme, dabei nicht stören, und gewärtig sein, dass er
mir seiner Zeit die Resultate seiner Expedition, die sehr günstig zu werden
versprächen, mitteilen würde.
    Oldenburg faltete Birkenhains Brief, nachdem er ihn so weit gelesen, wieder
zusammen und blickte zu Melitta hinüber.
    Wie ist es Melitta, sagte er, Du bist doch mehrere Tage in Fichtenau
gewesen; hast Du von dieser schönen Zigeunerin und ihrem Kinde, von denen mir
eine Ahnung sagt, dass es Xenobia und Czika gewesen sind, auch etwas gehört?
    Noch mehr, erwiderte Melitta; es waren Xenobi und Czika und ich habe sie
gesehen und gesprochen.
    Oldenburg stützte den Kopf in die Hand. Also doch! murmelte er, und Du -
warum hast Du mir nichts gesagt?
    Weil ich Deinen Kummer um die Verlorne zu erneuern fürchtete, weil ich -
höre mich an, Adalbert, ich will Dir sagen; ich hätte es Dir längst schon
gesagt, wenn ich dazu den Mut gehabt hätte. - Und sie erzählte Oldenburg ihr
Zusammentreffen mit der braunen Gräfin im Walde von Fichtenau, wie sie sich
bemüht, die Zigeunerin zu bereden, mit ihr zu kommen, welchen Schmerz es ihr
bereitet, als all ihr Bitten, all ihr Zureden nichts fruchteten; und
schliesslich, wie sie Xenobia das Versprechen abgenommen habe, ihr das Kind zu
bringen, wenn sie einmal anderen Sinnes werden sollte, und dass sie der festen
Ueberzeugung lebe, es werde dies früher oder später geschehen.
    Während die junge Frau so sprach, liefen ihr die Tränen über die Wange, und
ihre Stimme zitterte vor innerlichster Erregung.
    Oldenburg stand auf und küsste ihr schweigend die Hand; dann ging er mit
starken Schritten in dem Gemach auf und ab, während Melitta weiter erzählte, wie
sie, kurz vorher, ehe sie die Zigeunerin getroffen, den Wagen der Seiltänzer
überholt habe, und dass sie sich auch erinnere, einen Mann in blauer Blouse, den
sie für einen Landmann gehalten, unter den Seiltänzern gesehen zu haben. Es ist
kein Zweifel, fuhr sie fort, dass die guten Leute und schlechten Musikanten, von
denen Berger in seinem Briefe an Birkenhain spricht, Niemand anders sind, als
eben diese Seiltänzer, denen er sich angeschlossen und mit denen er, wie aus dem
Briefe hervorgeht, nach Norddeutschland, vielleicht sogar in unsere Nähe
gewandert ist. Wenn Birkenhain den Ort genannt hätte, möchte ich Dir raten,
sofort dahin zu reisen und Alles zu versuchen, Xenobi mit Dir zurückzubringen;
so aber würdest Du Dich nur wieder auf eine Irrfahrt begeben, von der Du um eine
schöne Hoffnung ärmer, verstimmt und krank heimkehrtest. Ich rate Dir deshalb:
schreibe an Birkenhain und warte, ehe Du etwas unternimmst, seine Antwort ab.
Freilich kann und will ich Dir nicht verhehlen, dass ich es, Alles in Allem für
besser halte, Du überlässest die Entwickelung dieses wunderbaren Verhältnisses
vertrauensvoll der Zukunft. Xenobi hat tausend Mittel und Wege, Dir zu
entschlüpfen, wenn sie will; ihr Entschluss, zu uns zurückzukehren, oder uns
Czika zu überlassen, muss das Werk ihres freien Willens sein.
    Wenn Du meinst, dass Abwarten in diesem Falle das Beste ist, weshalb rätst
Du mir denn, das Gegenteil zu tun?
    Weil ich fürchte, dass es Dir unmöglich sein wird, ruhig still zu sitzen,
nachdem Du die Spur der Verlornen wieder aufgefunden hast; weil ich weiss, dass Du
Dich schmerzlich nach Deinem Kinde sehnst, weil ich fühle, dass die Resignation,
zu der Du Dich jetzt verurteilt hast, unnatürlich ist, und endlich -
    Endlich?
    Weil, wenn ich Dir zurede, nichts zu tun, um Czika wieder zu gewinnen, es
den Anschein haben möchte, als wünschte ich Dir ein solches Glück nicht, und ich
möchte um Alles nicht, dass auch nur der leiseste Verdacht einer solchen
Lieblosigkeit auf mir haftete.
    Das Menschenherz ist ein wunderlich Ding, sagte Oldenburg, nachdem er seine
Zimmerpromenade eine Zeitlang schweigend fortgesetzt hatte; kannst Du es
glauben, Melitta, dass ich jetzt beinahe möchte, Du zeigtest Dich weniger bereit,
mir mein Kind und das Weib, das es geboren, wiederzugeben?
    Unmöglich, Adalbert!
    Und doch ist es so. Ich habe mir vorgenommen, stets gegen Dich so
rückhaltslos wahr zu sein, wie ich es gegen mich selbst bin, mich wenigstens zu
sein bemühe, und da kann ich Dir auch dies nicht verschweigen. Früher, als Du
mir unerreichbar fern schienst, wie die himmlischen Sterne, sehnte ich mich wohl
nach anderen warmen Menschenherzen, an ihnen zu erwarmen, an ihrem Schlage zu
fühlen, dass es um mich her nicht todt sei, wie in mir; oder ich stürzte mich in
tolle Excesse und halsbrechende Abenteuer, um doch wenigstens so zu irgend einem
Gefühl des Daseins zu kommen. Jetzt ist das mit einem Schlage anders geworden.
Seitdem mir der leiseste Hoffnungsschimmer, Du könntest doch noch dereinst mein
Weib werden, aufgegangen ist, steht die Welt in ewiger Jugendschöne wieder vor
mir da; aber nun möchte ich auch die Quelle, aus der ich mir diese Verjüngung
getrunken habe, von aller Beimischung rein und ungetrübt erhalten. Wie Du mir
Alles bist, so möchte ich, dass ich Dir Alles wäre; dass Du kein anderes Verlangen
hättest, als geliebt und immer mehr geliebt zu werden, wie ich kein anderes
Verlangen habe, als Dich zu lieben und immer mehr zu lieben. Was kümmert uns die
andere Welt? sie ist für mich versunken und vergessen!
    Melitta hatte gesenkten Hauptes diesen Sturm von Leidenschaft über sich
hinrauschen lassen. Als Oldenburg schwieg, griff sie nach dem Tagebuche, das
aufgeschlagen vor ihr auf dem Tische lag, wandte ein paar Blätter um und las:
    Der Mann strebt seiner Natur nach in's Allgemeine und Grenzenlose; bei der
Frau, wie sie denn überhaupt der Natur näher steht, ist der charakteristische
Zug aller Kreatur, die Eigenliebe, viel schärfer ausgeprägt. Der Mann
repräsentirt die Centrifugal-, die Frau die Centripetalkraft der moralischen
Welt. Ginge es bloss nach jenen, so würde die Welt bald ein einziges grosses
Wolkenkukucksheim sein, ginge es nur nach diesen, so erhöben wir uns niemals
über die Spitzen der Halme, welche über dem Lerchennest in der Ackerfurche
nicken. Das Mittel, die beiden entgegengesetzten Pole zu binden, ist die Liebe.
In der Liebe zu einem reizenden Weibe lernt der Mann, dass er nicht bloss Bürger
im Reiche der Geister ist; in der Liebe zu einem edlen Manne lernt die Frau, dass
es noch höhere Interessen gibt, als die des häuslichen Heerdes. Sie müssen sich
also gegenseitig ergänzen; sie muss ihn daran erinnern, dass die Menschheit aus
Menschen besteht; er sie die grossen Worte der Neuzeit: Freiheit, Brüderlichkeit,
an denen unsere begabtesten Frauen erst buchstabiren, fliessend lesen lehren.
    Melitta klappte das Buch zu und blickte zu Oldenburg hinauf, der, die Arme
über die Brust gekreuzt, in einiger Entfernung vor ihr stand.
    Du hattest Recht, sagte er, mich nicht zum Apostaten meiner eigenen
Ueberzeugungen werden zu lassen: und nur das Eine möchte ich wissen, ob Dein
Bekehrungseifer ganz lauter ist, ob die Priesterin nicht bloss deshalb den Sünder
so eifrig an die Gotteit weis't, weil ihr die verlangenden Blicke, die er auf
sie selbst richtet, lästig werden.
    Oldenburg!
    Ja, Melitta, es muss heraus, es drückt mir sonst das Herz ab. Du weisst, wie
unsäglich, wie grenzenlos ich Dich liebe. Der Wunsch, Dich zu besitzen, ist
allmächtig in mir; ich habe ihn so lange genährt, dass mein ganzes Wesen ihm
zugeströmt ist, sich in ihm concentrirt hat. Ohne Dich bin ich nichts: mit Dir
wage ich es gegen eine Welt in Waffen. Ich weiss es wohl, dass man das Gute um des
Guten willen tun muss, und dass, wer einen Lohn begehrt, seinen Lohn dahin hat;
aber ich bin kein Heiliger, ich bin ein Mensch mit menschlichen Schwächen und
Leidenschaften, die ihm, wie ein wildes Meer, über dem Kopf zusammenschlagen,
wenn nicht die liebe, geliebte Hand rettend seine ausgestreckte Hand ergreift.
Melitta, sag', dass Du die Meine sein willst, und meine Taten sollen nicht
geringer sein, als meine Worte.
    Oldenburg war auf demselben Platze, in derselben Stellung stehen geblieben.
Wie in seiner Haltung, so lag in dem Ton seiner Stimme mehr Trotz als Bitte.
    Melitta fühlte das wohl; aber sein Stolz beleidigte sie diesmal nicht, wie
es doch schon so oft der Fall gewesen war. Sie antwortete in einem beinahe
demütigen Tone:
    Lass uns nicht übereilt handeln, Adalbert! Wie lieb Du mir bist, das weisst Du
und das muss Dir vorläufig genug sein. Sieh', Adalbert, dieser Brief kommt gerade
recht, uns an unsere Pflichten zu erinnern. Du musst Dein Kind wieder haben; ich
würde keine Stunde meines Lebens wieder froh werden, müsste ich wirklich
fürchten: die Liebe zu mir hätte in Deinem edlen Herzen das heiligste Gefühl
erstickt. Und Adalbert, bedenke auch dies! Ich glaube es gern: Du liebst das
arme Weib nicht mehr, das einst die Leidenschaft des Jünglings entflammt hat;
aber sie ist die Mutter Deines Kindes! Was willst Du zu Deiner Czika sagen, wenn
sie Dich dereinst fragt, warum denn eine Andere, als das arme Weib, welches sie
Mutter nennt, die Gattin ihres Vaters ist?
    Wo hast Du Oswald Stein, seitdem Du ihn in Fichtenau gesprochen, zum letzten
Mal getroffen?
    Oldenburg sprach diese wenigen Worte langsam und mit schneidender Schärfe.
    Melitta wurde dunkelrot.
    Wer sagt Dir, dass ich ihn überhaupt in Fichtenau gesehen habe?
    Ich dachte es mir nur. Vielleicht, dass Du mir diese Begegnung verschwiegen
hast, wie jene andere.
    Und wenn ich ihn nun in Fichtenau gesehen hätte?
    So wäre das gerade, was ich erwartet habe.
    Und wenn ich ihn nun seitdem wieder gesehen hätte?
    So beweise mir das, dass mein Hierherkommen für mich ebenso unschicklich, wie
für Dich unbequem ist.
    Oldenburg ging quer durch das Zimmer und nahm von dem Tischchen vor dem
Spiegel Reitpeitsche und Handschuhe. Als er wieder vor Melitta vorüberkam, blieb
er stehen und sagte: Gute Nacht, Melitta. - Gute Nacht, erwiderte die junge
Frau, ohne die Augen aufzuschlagen. Er wartete einen Augenblick und noch einen,
ob sie ihn ansehen, ob sie nicht noch ein Wort sagen werde, aber er wartete
vergeblich. Kein Wort, kein Seufzer entrang sich seiner gepressten Brust; er ging
nach der Tür, öffnete sie leise und schloss sie eben so geräuschlos wieder.
    Melitta fuhr in die Höhe. Sie eilte nach der Tür; aber, anstatt dieselbe zu
öffnen, lehnte sie sich nur mit hocherhobenen Armen daran und brach in
leidenschaftliches Weinen aus. Ich wusste es ja, dass es so kommen würde, murmelte
sie. Armer, armer Adalbert!
    Plötzlich ertönte Hufschlag dicht vor dem Fenster. Sie eilte von der Tür
nach dem Fenster und riss es auf, lehnte sich weit hinaus und rief: Adalbert,
Adalbert! aber der Sturm, der ihr die eisigen Schneeflocken in's Gesicht schlug,
verwehte ihre Stimme und der schwarze Schatten von Ross und Reiter, der noch eben
über die weisse Fläche durch die graue Nacht lautlos dahinglitt, war im nächsten
Augenblick schon verschwunden.
 
                              Dreissigstes Capitel
Der Winter war während der Nacht über die Insel gebraust, und noch immer
wirbelte der Schneestaub, den er bei seiner eiligen Fahrt vom Nordland her
aufstöberte, dicht herab auf Dächer und Bäume, auf Wiesen und Felder.
    Oldenburg schien sich heute an diesem melancholischen Schauspiel nicht satt
sehen zu können. Er stand am Fenster seiner Arbeitsstube auf der Solitüde und
schaute unverwandt in die schneeerfüllte Luft. Er hatte den Tag über viele
Stunden so gestanden und kaum einmal seinen Hermann beachtet, der mit
sorgenvoller Miene ab- und zuging, und mehrere grosse Koffer, die in dem Zimmer
offen standen, voll Kleider, Wäsche und Bücher packte. Auch des treuen Dieners
treue Gattin Tusnelde, die behäbige dicke Haushälterin, hatte sich wiederholt
in dem Zimmer zu schaffen gemacht und einmal sogar gewagt, dem Herrn zu sagen,
dass das Essen fertig sei, darauf aber keine Antwort erhalten, als: es ist gut,
Alte!
    Seitdem waren schon wieder mehrere Stunden verflossen. Der Baron hatte
gleich nach Tische wegfahren wollen; aber er hatte noch immer nicht Befehl zum
Anspannen gegeben. Dass sich das Wetter aufklären würde, hoffte er wohl
schwerlich, denn die Vorratshäuser des Schnee's schienen unerschöpflich und
überdies wäre es das erste Mal gewesen, dass er sich von der Ausführung eines
Entschlusses durch schlechtes Wetter hätte abhalten lassen; auch war, wenn er
noch vor Abend die Fähre erreichen wollte, Mittag die späteste Zeit der Abreise
gewesen. Er hatte im Laufe des Tages wiederholt gefragt: Ist Niemand dagewesen?
und dann jedesmal, wenn der alte Hermann, wie er wohl nicht anders konnte: Nein,
Herr Baron! geantwortet hatte, sich wieder zum Fenster gewandt und mit den
Fingern weiter auf den Scheiben getrommelt.
    Jetzt war es auch nicht eben mehr wahrscheinlich, dass noch Jemand kommen
würde. Der schmutzig rote Streifen tief am westlichen Horizont verkündete, dass
die Sonne, die den ganzen Tag unsichtbar gewesen war, im Meere versank. Der
Sturmwind, der gegen die Fenster rasselte und klagend und heulend um das Haus
und durch die hohen Wipfel der Tannen fuhr, zerriss die Schneeluft, und die
unendliche graue Wasserwüste mit ihren schaumgekrönten Wellen breitete sich vor
den Blicken des einsamen Mannes am Fenster aus in schauerlicher Erhabenheit. Er
öffnete die Tür und trat auf den Balkon; er lehnte sich auf das Geländer, durch
dessen eiserne Stäbe der Wind in schrillen Tönen pfiff. Er warf keinen Blick auf
die hohen Kreide-Ufer, die sich rechts und links weit und weiter erstreckten in
einem ungeheuren Halbkreise, und die jetzt mit den starren Wäldern, die sie auf
ihren schroffen Stirnen trugen, von der untergehenden Sonne für einen Augenblick
blutrot angestrahlt waren. Er schaute nur immer hinab, wo hundert Fuss unter ihm
das wilde Meer zwischen den Felsblöcken des Ufers donnernd brandete. Der weisse
Gischt wirbelte in den scharfen Ecken der steilen Wände, von dem wilden Winde
emporgetrieben, manchmal bis hinauf zu ihm und netzte ihm mit eiskalten Tropfen
Stirn und Haar und Bart. Aber er achtete es nicht. In seiner Seele sah es wilder
und stürmischer aus als da draussen in der Natur. Es war ihm, als wäre er ganz
allein in der verödeten Welt, als bräche eben für diese verödete Welt die ewige
Nacht herein und als wäre er verdammt, weiter zu leben in dieser ewigen Nacht.
    Es ist ganz recht, murmelte er, warum warst Du der Hans Narr, der sich
wieder ruhig an dem Seile führen liess, von dem er doch nun mittlerweile wissen
musste, wohin es ihn führte! Und doch! sie war so lieb, so gut in dieser Zeit,
wie sie es nie gewesen! Konnte ich mein Ohr dem Sirenengesange verstopfen, der
mir nie so nah und so süss getönt hatte! Sirenengesang - das ist es eben! Was
weiss ein Weib von der treuen Liebe, deren ein Männerherz fähig ist! Caprice
Alles, Alles eitel Tand und Spielerei! ein Paar blaue Augen, eine glatte Zunge
und höfliche Manieren dazu - so muss das Püppchen ausstaffirt sein, wenn es den
guten Kindern gefallen soll. Ob das Püppchen ein Herz in der Brust, Hirn im
Schädel hat, das kümmert sie nicht. Im Gegenteil: das ist so unbequem, so
langweilig, das passt so gar nicht in die Puppenstube.
    Und so sei es denn abgetan, das Narrenkleid für nun und immer! wie das
Abendrot dort an den Felsen verbleicht, so will ich von meiner Seele wegwischen
diese rosige Lüge, und rauh werden, wie das winterliche Meer, und wie mich
Niemand liebt, so will ich Niemand lieben. Ich will durch das Leben ziehen,
einsam, wie jener Schneevogel sich dort durch die pfadlose Luft schwingt,
unbekümmert, wie er, ob irgendwo am Ufer unter überhangenden Felsen das
schützende Nest bereitet ist.
    Das werden Sie nicht; denn Sie sind ein Mensch, und der Mensch ist viel
mehr, als die Vögel unter dem Himmel.
    Oldenburg wandte sich verwundert um nach dem, der in einem tiefen, festen
Tone diese Worte gesprochen. Dicht hinter ihm stand Baumann.
    Ich komme, fuhr der alte Mann, Oldenburgs ängstlich fragenden Blick
beantwortend, fort, im Auftrage der Frau von Berkow.
    Was ist's? sagte Oldenburg, dem alles Blut aus den Wangen zum Herzen
getreten war; sprechen Sie es aus! Frau von Berkow ist sehr krank - nicht wahr?
    Nicht Frau von Berkow! erwiderte Baumann, eine andere Frau, die vor einer
Stunde sammt ihrem Kinde zu uns auf den Hof gekommen ist, und die Sie, Herr
Baron, vor ihrem Ende, das vielleicht nahe bevorsteht, noch einmal zu sehen
wünscht.
    Eine Frau - mit einem Kinde! wie ein Schleier fiel es dem Baron von den
Augen.
    Kommen Sie! sagte er. -
    Vor der Tür der Solitüde stand Melitta's, mit zwei kräftigen Braunen
bespannter Schlitten. Die Männer stiegen ein, Oldenburg liess sich von dem
Kutscher hinten auf der Pritsche Zügel und Peitsche geben, und fort ging es im
Galopp durch die düstern Tannen; aus den Tannen hinaus in das ebene, sich nach
Faschwitz zu allmälig senkende Land, das jetzt eine weite, von dem grauen
Horizont begrenzte Schneefläche war, von der die spärlichen, mit Schnee
bedeckten Bäume und Hütten sich kaum abhoben. Auch der Weg war verschüttet und
selbst die Gleise, die der Schlitten vorhin gemacht hatte, schon schon wieder
zugeweht. Man musste mit der Gegend sehr vertraut und überdies ein so kundiger
Rosselenker sein, wie es Oldenburg war, um in dieser Wildnis hügelauf, hügelab,
zwischen bodenlos tiefen Mooren hindurch in vollem Rosseslauf dahinjagen zu
können. Kaum ein Wort wurde unterwegs gesprochen, nach einer halben Stunde hielt
der Schlitten mit den dampfenden Pferden vor dem Herrenhause von Berkow.
    Sie gingen in das Haus.
    Wollen der Herr Baron nur gefälligst in den Gartensaal treten, sagte der
alte Baumann.
    Er ging voran in den Gartensaal, wo auf dem Tisch eine Lampe, und in dem
Kamin ein verlöschendes Feuer brannte. Der Alte schob die Lampe höher, fachte
das Feuer wieder an, und verschwand dann durch die Tür, welche in die rote
Stube führte.
    Oldenburg hatte sich an den Kamin gestellt, seine kalten Hände zu wärmen.
Tausend Gedanken auf einmal wirbelten durch sein Hirn, er schritt ein paarmal
durch das Gemach, dann stellte er sich wieder an den Kamin.
    Melitta hatte Recht, murmelte er. Ehe dies Unrecht nicht gesühnt ist, kann
von Glück für mich nicht die Rede sein. Und wie soll es gesühnt werden? Ist es
doch der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend Böses muss gebären. Es war der
Schatten von heute, der gestern schon auf unsere Seele fiel. Wie stumpfsinnig
war ich, wie verblendet von Leidenschaft, dass ich die Mahnung nicht verstand!
Aber es ist entsetzlich, dass die Erinnyen uns bis in den Tempel verfolgen, wo
wir uns reinigen wollten von aller Schuld, bis in das Heiligtum, das unser
ganzes Glück umschliesst.
    Das Rauschen eines Gewandes hinter ihm schreckte ihn empor. Er wandte sich
um, und vor ihm stand Melitta, blass und ernst, die schönen, lieben Augen
glänzend von der Spur frisch geweinter Tränen.
    Melitta, sagte Oldenburg, die Hände nach ihr ausstreckend, kannst Du mir
verzeihen?
    Ich habe Dir nichts zu verzeihen, Adalbert, erwiderte sie, ihre Hände in die
seinen legend, lass uns geduldig tragen, was wir doch tragen müssen.
    Sie sahen sich ein paar Momente schweigend in die Augen.
    Es liegt noch Manches zwischen uns, sagte Oldenburg traurig, ich kann Dir
nicht bis auf den Grund der Seele schauen.
    Wir müssen eben geduldig sein, sagte Melitta.
    Oldenburg liess ihre Hände los.
    Wie geht es ihr?
    Sie ist sehr schwach; in einem Zustand zwischen Schlafen und Wachen; aber
sie erkennt mich wohl und hat schon mehrmals nach Dir gefragt.
    Ist Czika bei ihr?
    Ja.
    Darf ich sie sehen?
    Lass mich erst einmal allein hingehen. Ich komme alsbald zurück.
    Nach einigen Minuten, während deren Oldenburg mit untergeschlagenen Armen,
die Augen nicht vom Boden hebend, in dem Saale auf- und abgegangen war, erschien
Melitta wieder in der Tür:
    Komm!
    Oldenburg folgte ihr durch die rote Stube, in ein halbdunkles Gemach,
Melitta's Schlafgemach. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass er es betrat,
und während sie hindurch gingen, fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, welch'
verhängnissvoller Augenblick ihm dem Zutritt in dieses Heiligtum verschafte. An
der Tür auf der entgegengesetzten Seite blieb Melitta stehen und flüsterte:
hier ist sie.
    Sie traten ein. Es war ein grosser, äusserst stattlicher, in der Rococomanier
überladen decorirter und möblirter Raum, der zu den Fremdenzimmern in der Fronte
des Hauses gehörte. Schwere gelbseidene Vorhänge verhüllten die Fenster; die
Stühle und Sophas waren mit demselben Stoff überzogen, der getäfelte Fussboden
blinkte in dem Schein des Feuers, das in dem Kamin brannte. Auf dem von
Amoretten getragenen Sims des Kamins stand eine vergoldete Stutzuhr, die den von
Genien und Schmetterlingen umflatterten Eingang einer Grotte darstellte, aus
deren Öffnung, so oft die Stunde schlug, ein Sensenmann hervortrat. Gemälde im
Geschmack jener Zeit, mit gezierten Schäfern und wohlfrisirten Schäferinnen in
breiten, verschnörkelten Goldrahmen schmückten die Wände. Von der Stuckdecke
hing ein mächtiger Kronleuchter von Glaskrystallen, die bei dem wechselnden
Licht, das in dem Gemache herrschte, in allen Farben des Regenbogens spielten.
Und inmitten dieser Pracht, in einem grossen Himmelbette, dessen seidene Vorhänge
halb zurückgeschlagen waren, ruhte auf schneeigen Kissen, ein armes, todtkrankes
Weib, das im fernen Ungarlande hinter einer Hecke das Licht der Sterne erblickt
und Zeit ihres Lebens nur in Scheunen und Ställen und öfter noch auf der öden
Haide unter freiem Himmel, oder im wilden Walde unter hohen Buchenhallen die
Nächte zugebracht hatte. Ihre grossen, im Fieber erglänzenden Augen wanderten
unruhig über all' die Herrlichkeiten, die sie umgaben, hin und blieben dann
immer wieder auf ihrem Kinde haften, als sei dies der einzige Punkt, wo ihr
geängstigter Geist sich wieder auf sich selbst besinnen könnte. Czika stand vor
dem Bett, gekleidet in die phantastisch bunte Tracht, die sie zu tragen pflegte.
Ihr schönes Gesichtchen war noch ernster und sorgenvoller als sonst. Sie
verwandte keinen Blick von der Mutter. Man sah ihr an, dass sie ein volles
Verständnis der Lage hatte; dass sie sehr wohl wusste, dass es der Tod sei, der
ihrer Mutter braune Wangen so gelb und die roten Lippen so bleich machte, und
mit so grossen kalten Schweisstropfen die schmerzlich gefurchte Stirn betaute.
    An einem Tischchen in der Nähe des Bettes stand der alte Baumann. Er war
eifrig beschäftigt, einen kühlenden Trank zu bereiten, und er blickte von seiner
Beschäftigung kaum auf, als jetzt Melitta und Oldenburg geräuschlos in das
Zimmer traten.
    Aber das scharfe Ohr der Kranken hatte sie wohl gehört. Ein schwaches
Lächeln der Befriedigung flog über ihr verwüstetes Gesicht. Sie winkte die
Beiden mit den Augen zu sich heran.
    Czika war, wie sie an das Bett traten, zwischen sie zu stehen gekommen.
Xenobia schien das mit Befriedigung zu sehen. Das Lächeln wurde heller, dann
verschwand es wieder, und in ihrem gebrochenen Deutsch sagte sie:
    Legt Eure Hände auf Czika's Kopf!
    Oldenburg und Melitta taten es. Oldenburgs Hand zitterte, als er die
weichen Locken des schönen jungen Hauptes berührte.
    Und gebt mir die beiden andern Hände!
    Xenobi nahm die Hände und als sie die Kette so geschlossen sah, murmelte sie
etwas, das Jene nicht verstanden und das ein Fluch oder Segen, oder Beides sein
mochte, denn der Ausdruck ihres Gesichts wechselte bei jedem Wort.
    Dann sagte sie:
    Schwört, dass Ihr die Czika nicht verlassen wollt.
    Wir schwören es, antwortete Oldenburg, während Melitta, unfähig, ein Wort
hervorzubringen, nur die Lippen bewegte.
    Xenobi liess ihre Hände los, um ihre eigenen Hände über die Brust zu kreuzen.
    Nun lasst Xenobi allein, sagte sie mit sehr leiser Stimme, nur Czika soll
hier bleiben und der alte Mann.
    Oldenburg und Melitta blickten sich und dann den Alten an, der jetzt mit dem
Trank in der Hand an das Bett trat. Er nickte mit dem ehrwürdigen grauen Haupte,
als wollte er sagen: Tut, was sie verlangt!
    Oldenburg wagte nicht zu widersprechen. Er nahm Melitta's Arm und führte sie
aus dem Zimmer. Die Uhr auf dem Kamin hackte zum Schlagen aus. Der Sensenmann
drinnen machte sich bereit, aus seiner Höhle hervorzutreten.
    Sie gingen in den Gartensaal zurück. Keines sprach ein Wort. Oldenburg warf
sich am Kamin in einen Lehnsessel und starrte düster in die verglimmten Kohlen;
Melitta's Hand legte sich auf seine Schulter:
    Adalbert!
    Er schaute fragend zu ihr empor.
    Nicht wahr, Du reisest nicht fort?
    Wenn Du es nicht wünschest - nein!
    Und Du willst geduldig warten, bis - bis Du mir auf den Grund der Seele
schauen kannst?
    Ja.
    Gieb mir die Hand darauf.
    Oldenburg drückte ihre Hand gegen sein Gesicht; sie fühlte seine Tränen
fliessen. Dann setzte sie sich ihm gegenüber und versank, wie er, in stilles
Brüten.
    Das Klingeln eines Schlittens unterbrach das Schweigen. Es war Doctor
Baltasar. Oldenburg sagte dem alten Herrn, während er sich die Hände am
Kaminfeuer wärmte, um was es sich handle.
    Hm! Hm! sagte Doctor Baltasar; weiss schon, war schon damals herzkrank -
rheumatisches Fieber - Reise bei dem Hundewetter - kommt nicht wieder auf - hm,
hm - wo ist sie denn? - wollen mal nachsehen.
    Als die Drei sich zu gehen wandten, tat sich die Tür des Saales auf und
der alte Baumann trat, Czika an der Hand, herein.
    Sie kommen zu spät! sagte er zu Doctor Baltasar.
    Melitta zog Czika unter lautem Weinen an ihr Herz.
    Hm, hm! sagte Doctor Baltasar; alte Geschichte - immer gerufen, wenn nichts
mehr zu tun ist - hm, hm - wollen mal nachsehen.
 
                           Einunddreissigstes Capitel
Zwei Männer aus dem Dorfe hatten unter Aufsicht des alten Baumann in dem Park
von Berkow auf einer Stelle an dem Rande des Buchenwaldes den tiefen Schnee
weggeschaufelt und in der schwarzen Erde ein tiefes Grab gehackt und gewühlt,
und in dem tiefen Grabe schlief nun die Zigeunerin nach ihrer ruhelosen
Wanderung durch das bunte ruhelose Leben, das ihr so wenig Glück gebracht, den
tiefen, ewigen Schlaf.
    Als nach einigen Tagen das Wetter sich aufgeklärt hatte und es möglich
gemacht worden war, die Gänge im Garten und durch den Park bis zu der Stelle am
Waldesrande frei zu machen, wanderte Melitta mit ihrem Juluis und der kleinen
Czika den Weg nach dem Grabe, das jetzt mit einem Granitblocke bedeckt war, auf
dessen einer glattpolirten Seite der Name Xenobi stand. Melitta führte das
braune Kind an der Hand und sprach mit ihm viel öfter, als mit ihrem Sohne, der
aber auch seinerseits mit einer Art von ritterlicher Zärtlichkeit um das Kind
bemüht war. Wenn die Bahn erst ein bisschen besser ist, dann will ich Dich im
Schlitten fahren, Czika. O, ich habe einen wunderschönen Schlitten; ich will ihn
Dir zeigen, wenn wir wieder nach Hause kommen. Und wir wollen beide ganz allein
fahren; der Pony kennt mich besser, als irgend Einen; ich brauche bloss mit der
Zunge zu schnalzen, so geht er davon wie der Wind, und wenn ich sage: Brrr,
Pony! so steht er still wie ein Lamm. Nicht wahr, Mama, ich darf mit Czika ganz
allein spazieren fahren?
    Wenn Czika mit Dir fahren will, warum nicht.
    Czika's dunkles Gesichtchen hatte sich bei Juluis' kühnen Worten ein wenig
aufgehellt; aber alsbald zog wieder eine Wolke über ihre Stirn.
    Czika wollte, sie hätte Hamet wieder, sagte sie, mit den braunen
Gazellenaugen in die Ferne starrend.
    Wer ist Hamet, Czika? fragte Julius.
    Hamet? Hamet ist Czika's Esel.
    Pah, ein Esel! rief der Knabe, die Oberlippe verächtlich krümmend; aber ein
Blick der Mutter genügte, ihm eine fliegende Schamesröte über das ganze Gesicht
zu jagen.
    Wo ist Dein Esel, Czika? fragte er mit freundlicher Teilnahme.
    Hamet ist todt. Mutter und ich haben ihn im Walde eingescharrt.
    Ach, das ist ja schade. Lass es gut sein, Czika; ich will Dir einen andern
kaufen. Weisst Du, Mama, der Förster Griebenow in Faschwitz hat einen grossen
Esel, mit so langen Ohren, Czika! der Pony scheut immer, wenn wir ihm begegnen.
Aber das schadet nichts. Er muss sich d'ran gewöhnen, sonst gibt's was - bei
diesen Worten schwang Juluis seine Gerte - ich will's ihm schon austreiben.
Nicht wahr, Mama, ich darf mit Baumann hinüberreiten und Czika den Esel kaufen?
Griebenow hat ihn mir schon ein paarmal angeboten. Nicht wahr, Mama?
    Gewiss, sagte Melitta; er soll auch Hamet heissen.
    O, das wird schön, rief Julius; und dann reiten wir alle Drei spazieren. Du
auf der Bella, ich auf dem Pony und Czika auf dem Hamet, und dann - aber, ich
fürchte, Hamet wird nicht mitkommen können, unterbrach er sich selbst und machte
dabei ein sehr bedenkliches Gesicht.
    So reiten wir langsam.
    Ja, das ist auch wahr. Wir wollen ganz langsam reiten, Czika; ich möchte um
Alles nicht, dass Du herunterfielst.
    So plauderte der Knabe und Melitta sah mit innigster Freude, dass sein
Geplauder und munteres Wesen auf Czika nicht ohne Wirkung blieben. Sie dachte
der Zeit, wo die Braune Gräfin zum ersten Mal nach Berkow kam und wie sie schon
damals, ehe sie noch eine Ahnung davon hatte, dass dies Kind Oldenburgs Kind sei,
den Wunsch gehabt, es bei sich zu behalten und mit ihrem Julius zusammen zu
erziehen, und wie wunderbar ihr Wunsch nun doch endlich in Erfüllung gegangen.
Und dann schweiften ihre Gedanken in die Zukunft hinaus, ob wohl eine Zeit
kommen werde, wo sie von diesen Kindern als von »unsern Kindern« sprechen
dürfte; und als sie jetzt an dem Granitblock angelangt waren und sie einen Kranz
von Immortellen darauf gelegt hatte, da schloss sie die Beiden in ihre Arme,
herzte und küsste sie und sagte: meine Kinder, meine lieben, lieben Kinder.
    Melitta beschäftigte sich so viel mit Czika, dass Julius, wenn er das hübsche
kleine Mädchen nicht selbst so lieb gehabt hätte, deswegen hätte leicht
eifersüchtig werden können. Czika schlief auch bei der Mama und die Mama brachte
sie alle Abend selbst zu Bett - oder vielmehr auf ihr Lager, denn Czika's Bett
bestand vorläufig noch aus wollenen, auf der Diele ausgebreiteten Decken, da sie
mit ihrem gewöhnlichen, melancholischen Ernst erklärt hatte, Czika stirbt, wenn
Ihr sie in ein Bett legt. Die Kleine suchte ihr Lager sehr früh auf, meistens
sobald es draussen dunkel geworden war, so dass Oldenburg, der erst immer um diese
Zeit von Cona herüberkam, sie nicht mehr im Zimmer fand. Einigemal war er dann
mit Melitta an das Lager getreten, aber er tat es jetzt nicht mehr, da das Kind
einen so leisen Schlaf hatte, dass das leichteste Geräusch es erweckte. Er
begnügte sich deshalb, von Melitta zu hören, dass es »ihrer Tochter« wohl gehe,
dass sie mit »ihren Kindern« spazieren gewesen, oder ausgefahren, dass »ihre«
Czika sie heute zum ersten Male »Mutter« genannt habe.
    Ich fürchte, sie wird mich niemals Vater nennen mögen, sagte Oldenburg
traurig.
    Wir müssen Geduld haben, Adalbert, erwiderte Melitta.
    Hermann hatte die Koffer seines Herrn mit grösserem Vergnügen wieder
ausgepackt, als er sie an jenem melancholischen Tage vollgepackt hatte.
Oldenburg dachte nicht mehr daran, zu reisen, seitdem Melitta ihn zu bleiben
genötigt hatte, und das Haus von Berkow jetzt Alles umschloss, woran sein Herz
hing. Jeden Tag gegen Dunkelwerden klingelte sein Schlitten auf dem Hof von
Berkow, und die junge Frau begrüsste oft noch auf der Hausschwelle ihren
täglichen Gast. Seit dem Abend, der ihm sein Kind wiedergeschenkt hatte, war
Oldenburg ruhiger und heiterer, als er es je gewesen. Er schien sich Melitta's
Wort, dass sie am besten geduldig trügen, was sie doch einmal tragen müssten, zu
Herzen genommen zu haben. Er wusste recht gut, was die Geliebte damit hatte sagen
wollen; recht gut, warum sie ihm noch immer nicht mit ihren lieben, schönen
Augen klar in die Augen sehen konnte. Er beklagte es, dass es so war, aber er,
der den Adel von Melitta's Seele besser kannte, als irgend Jemand, hätte sich am
meisten gewundert, wenn es anders gewesen wäre. Melitta liebte den Mann nicht
mehr, der ihr Herz in einer unbewachten Stunde im Sturm der Leidenschaft
eroberte, aber die Wunde, die dieser Liebe Lust und Leid ihrem Herzen
geschlagen, blutete noch und auch hier musste die Zeit bewirken, was dem
Raisonnement nicht möglich war.
    Die eigentümliche Situation, in welcher Oldenburg sich Melitta gegenüber
befand, war nicht ohne Einfluss auf seine ganze augenblickliche Denk- und
Empfindungsweise. Die Geduld, die Klugheit, die Vorsicht, deren er bedurfte, um
das Fahrzeug seines Glücks endlich in den Hafen zu steuern, liessen ihn auch die
Weltverbesserungspläne, mit denen er sich früher trug, als unausführbar, bei
Seite legen. Dafür widmete er sich mit allem Eifer der Verwaltung seiner Güter
und verfolgte die Politik des Tages mit nimmer müdem Interesse. Er bedauerte,
dass er, als im Sommer der Landtag zusammentrat, die Zeit, welche er dem
Vaterlande schuldete, an den Ufern des Nil verträumt hatte. Neue Quellen des
Volkswohls zu öffnen, schien ihm jetzt wichtiger, als die des Nil zu entdecken.
Er spürte in seiner stillen Solitüde den Sturm der Revolution, der aus
Frankreich heraufdrohte und der mit seinem ersten Stoss das Gewitter, das dumpf
über dem eignen Vaterlande brütete, entfesseln konnte.
    Melitta nahm Teil an seinen Hoffnungen, Befürchtungen, an seinen Wünschen,
seinen Plänen, selbst an seiner Ungeduld, dass die Stunde, von der er fühlte, dass
sie kommen müsse, bald kommen möge. Sie begriff es vollkommen, dass er nach Paris
zu gehen wünschte, um mit den alten Freunden, die er dort hatte, die neu
gewonnenen Ansichten auszutauschen. Er wusste, dass sie nur an ihn dachte, und
gerade deshalb entschloss er sich zur Reise.
    Kurz vorher erfuhren sie von der jetzt mitteilsameren Czika einen
wunderlichen Umstand. Das Kind fing plötzlich, nachdem in ihrer Gegenwart Paris
mehreremal genannt war, an, von einem alten Manne zu sprechen, der schon längere
Zeit bei ihnen gewesen sei, und zuletzt die Mutter und sie hierher geleitet
habe. Nicht weit von dem Hoftore von Berkow sei er erst umgekehrt. Der Mann
habe auch nach Paris gewollt. Sie drangen weiter in das Kind und konnten nicht
zweifeln, dass der alte Mann, von dem es sprach, Berger gewesen war. Warum er die
so treu Begleiteten an der Schwelle des Hauses fast verlassen hatte? was er in
Paris wollte? Vielleicht, meinte Oldenburg, will er sich überzeugen, dass der
kreisende Berg der Revolution abermals ein Nichts gebären wird.
    Dennoch berührte ihn die Nachricht seltsam. Er hatte Berger in Fichtenau
kennen gelernt, als er während des Sommers Melitta dort besuchte, und damals mit
dem scharfsinnigen, entusiastischen Manne manches philosophische und politische
Gespräch geführt, in welchem das Wort Revolution häufig genug vorkam.
    Der Moderdunst der Festungscasematten und die Stickluft des Polizeistaates,
welche ich mein Leben lang habe einatmen müssen - das hat mich gemacht, was die
Leute verrückt nennen - hatte der Professor einmal gesagt; mir ist manchmal, als
ob nur ein Atemzug freier Luft im Vaterlande mir die Last wegheben würde, die
hier ruht; und dabei hatte er auf die Brust gedeutet.
    Ein Atemzug freier Luft im Vaterlande! Oldenburg wiederholte sich das Wort,
während er seinen Koffer packte; ja wohl! das wird uns Allen, Allen, die Brust
leichter machen.
 
                           Zweiunddreissigstes Capitel
Felix von Grenwitz hatte die von den Aerzten verordnete Reise nach Nizza
angetreten. Er war gern in die Verbannung gegangen. In Grünwald hatte er nichts
mehr zu gewinnen und höchstens den letzten Hoffnungsschimmer auf Genesung zu
verlieren. Seine Existenz in Italien war ihm von seiner grossmütigen Tante, die
recht gut wusste, dass er kaum noch ein paar Monate zu leben habe, auf mehrere
Jahre hinaus zugesichert worden. Er hatte alle seine Angelegenheiten geordnet,
über Alles mit seiner Tante gesprochen, und nur über die eine fatale Geschichte
mit dem Menschen, dem Timm, nicht. Er liess Anna-Maria in dem guten Glauben, dass
der freche junge Mann von ihm vollständig eingeschüchtert und mit ein paar
Hundert Talern abgefunden sei, da er selbst durchaus keine Lust hatte, seiner
Tante durch Anrühren dieses wunden Punktes die so notwendige gute Laune zu
verderben. Brieflich, dachte Felix, arrangirt sich so etwas am besten und wenn
sie sieht, dass das Ding nicht zu ändern ist, wird sie sich schon darein finden.
So reiste er denn ab, begleitet von den aufrichtigen Glückwünschen seines Oheims
und den Ermahnungen seiner Tante.
    Gott sei Dank, dass er weg ist, dachte die Baronin, während sie, das
Taschentuch vor die Augen drückend, durch die Schaar der Dienstboten nach ihrem
Zimmer zurückschritt; jetzt unverzüglich Helene wieder her - das Andere findet
sich.
    Noch an demselben Tage machte sie einen Besuch in der Pension und hatte
zuvörderst eine lange Unterredung mit Fräulein Bär. Die Baronin war heute sehr
weich. Sie hatte so eben einem lieben Verwandten, dessen Schicksal ihr unendlich
am Herzen lag, voraussichtlich auf lange Zeit, vielleicht für immer Lebewohl
gesagt. Ihr Herz war in Folge dessen tief betrübt. Ach glauben Sie mir, mein
liebes Fräulein, sagte sie, es ist hart, sich von einem Jüngling, den man wie
seinen eigenen Sohn geliebt hat, in dieser Weise trennen zu müssen; sehen zu
müssen, wie eine fröhliche, junge Kraft so grausam gebrochen ist und mit ihr all
die Hoffnungen geknickt sind, die man für die Zukunft auf sie gesetzt hatte. Und
auch die arme Helene wird den Schlag schmerzlich empfinden. War doch, wenn mich
nicht Alles trügt, eine reine Neigung zwischen den beiden jungen Verwandten, die
vom Himmel selbst so sichtbar für einander bestimmt waren, emporgeblüht, eine
Neigung, die sich, wie das ja so häufig ist, anfänglich hinter einer scheinbaren
Aversion keusch verbarg, dass ich selbst eine Zeitlang getäuscht wurde, und -
ganz entre nous, liebes Fräulein - dem armen Kinde deshalb recht böse war. Jetzt
weiss ich es besser. Aber um so grösser ist mein Verlangen, das liebe Kind wieder
bei mir zu haben. Würden Sie mir es sehr übel nehmen, liebes Fräulein, wenn ich
das Ihren gütigen, klugen Händen anvertraute teure Kleinod so bald wieder
entführte?
    Fräulein Bär's klarem Verstande entgingen die Widersprüche zwischen dem
früheren und dem jetzigen Benehmen der Baronin keineswegs. Sie nahm also das
Vertrauen der gnädigen Frau mit Zurückhaltung entgegen und fragte bloss, ob
Helene gleich jetzt, oder erst später in das elterliche Haus zurückkehren solle?
    Ich denke, wir überlassen das dem lieben Kinde selbst, erwiderte Anna-Maria,
die noch immer eine mögliche Weigerung Helenens fürchtete, ich weiss, sie ist
sehr gern bei Ihnen und überdies möchte ich sie durchaus nicht in ihren Studien,
Liebhabereien und Plänen derangiren. Helene ist bereits von meinen Wünschen
unterrichtet. Im Augenblick wollte ich weiter nichts, als Sie, liebes Fräulein,
bitten, Ihren Einfluss auf das Kind zu meinen Gunsten, zu Gunsten einer armen,
durch einen schweren Verlust betrübten Frau geltend zu machen.
    Anna-Maria hatte kaum die Pension verlassen, als Fräulein Bär sich zu Helene
begab, ihr die eben stattgehabte Unterredung mitzuteilen. Sie hatte zu diesem
Zweck ihre goldene Brille abgenommen und die officiellen Falten von der Stirn
gewischt.
    Lassen Sie uns offen gegen einander sein, liebe Helene, sagt sie, die
schlanke, weisse Hand der jungen Dame vertraulich in ihre knöchernen Finger
nehmend; meine liebe Sophie hat mir gleich im Anfang unserer Bekanntschaft
Andeutungen gemacht, welche das sonst unbegreifliche Benehmen Ihrer Frau Mutter
einigermassen erklären. Sie brauchen nicht rot zu werden, liebes Kind. Es ist
dabei kein Wort gesprochen worden, das Ihnen irgendwie zur Unehre gereichte; im
Gegenteil, wir Beide, Sophie und ich, haben Sie, die Sie in so frühen Jahren so
Vieles zu erdulden hatten, nur innig bedauert. Wir sahen in Ihrer Entfernung aus
dem elterlichen Hause nur eine Art von Verbannung, zu gleicher Zeit aber meinten
wir, dass mein Haus unter diesen Umständen Ihnen ein wünschenswertes Asyl
gewähren könnte. Sollte dies wirklich der Fall gewesen sein, sollten Sie
vielleicht selbst jetzt noch dieses Asyl bedürfen, so sagen Sie es mir. Es ist
nicht meine Art, Zwietracht zu säen, noch dazu zwischen Mutter und Tochter, aber
wie die Sachen einmal liegen, halte ich es für kein Unrecht, Partei zu
ergreifen.
    Das alte Fräulein schwieg, Helene war bewegter, als es wohl sonst ihre Art
war, aber ihre Selbstbeherrschung verliess sie doch auch jetzt nicht. Mit einem
beinahe heiteren Tone sagte sie:
    Sie sind sehr gütig gegen mich, Fräulein Bär, gütiger als ich es verdiene;
aber Ihre fürsorgliche Güte hat Ihnen, glaube ich, mein Verhältnis zur Mutter in
einem allzu ungünstigen Lichte gezeigt; wir haben uns eine Zeit lang etwas
schroffer gegenüber gestanden, doch das ist Alles von meiner Mutter hoffentlich
so vergessen, wie es von mir vergessen ist. Sie wissen, wie gern ich in Ihrem
Hause bin, wie wohl ich mich hier fühle; sollte aber meine Mutter, wie es den
Anschein hat, wünschen, dass ich zu ihr zurückkomme, so halte ich es für meine
Pflicht, diesem Wunsch zu gehorchen, ohne danach zu fragen, ob es mit meinen
persönlichen Neigungen übereinstimmt oder nicht.
    Fräulein Bär war durch diese Antwort keineswegs angenehm überrascht. Sie war
dem jungen Mädchen mit offenem Herzen entgegengekommen; sie hatte sich
gewissermassen, um Helene Vertrauen einzuflössen, blossgestellt, und nun anstatt
des Vertrauens, anstatt der Offenheit Zurückhaltung und diplomatische Kälte! Die
gute alte Dame fühlte sich tief verletzt und verliess in dieser Stimmung das
Zimmer, nachdem sie mit vielem Geschick das Gespräch auf gleichgültigere Dinge
hinübergespielt hatte.
    Dass die Baronin das Herz ihrer Tochter, zum wenigsten nach einer Seite hin,
kannte, hatte sie heute durch ihr Benehmen bewiesen. Es schmeichelte Helenens
Stolz, dass die Mutter sich mit ihrem Wunsche nicht einmal direct an sie zu
wenden wagte, sondern sich dabei hinter Fräulein Bär steckte. Ihr Entschluss, in
das Haus ihrer Eltern zurückzukehren, war bereits an dem Abend gefasst, als sie
den letzten Brief an Mary Burton schrieb.
    Die junge Engländerin hatte, aus ihrer Hamburger Pension kaum in ihr
Vaterland zurückgekehrt, eine der glänzendsten Partien gemacht, die zu jener
Zeit in England gemacht werden konnten. Helene erinnerte sich noch recht gut,
wie der Roman, der so unerwartet schnell und glücklich zu Ende gespielt worden
war, angefangen hatte. Sie und Mary hatten als Mädchen von vierzehn Jahren in
Gesellschaft der Pensionsvorsteherin und eines halben Dutzend anderer jungen
Mädchen von Hamburg aus einen Ausflug nach Helgoland gemacht und bei dieser
Gelegenheit ein englisches Kriegsschiff, das dort vor Anker lag, besichtigt. Die
Officiere hatten die reizende Gesellschaft mit grösster Zuvorkommenheit empfangen
und bewirtet; ja zuletzt noch auf dem Quarterdeck einen Ball arrangirt, der
überaus heiter gewesen war. Besonders hatte der Capitän der Fregatte, ein noch
junger, schöner, von der südlichen Sonne gebräunter Mann, den jungen Damen
gefallen und würde ihnen noch mehr gefallen haben, wenn er seine Landsmännin
Mary Burton nicht so sehr vor den übrigen Schönheiten ausgezeichnet hätte. Miss
Mary Burton musste sich in Folge dessen hinterher gar viel mit ihrem
Fregattencapitän necken lassen, bis man die Fahrt nach Helgoland und Alles, was
damit zusammenhing, über neueren und wichtigeren Ereignissen allmälig vergass.
Aber zwei hatten die Sache nicht vergessen und das waren eben der
Fregattencapitän und Miss Mary Burton. Als die junge Dame drei Jahre später nach
England zurückkehrte, war eine der ersten Personen, denen sie in dem Salon einer
vornehmen Verwandtin begegnete, Capitän Crawlei, oder vielmehr, da sein Vater
und ein älterer Bruder inzwischen gestorben und er so ganz unerwartet die Titel
und die Reichtümer der Familie geerbt hatte: Lord Crawlei de Crawlei. Acht Tage
später wurde die vornehme Welt durch die Verlobung Seiner Herrlichkeit mit Miss
Mary Burton (einer Dame, die schlechterdings Niemand kannte) auf das höchste
überrascht. Niemand aber konnte durch diese Nachricht eigentümlicher berührt
werden, als Helene von Grenwitz. Sie war die intimste Freundin Mary's gewesen;
man hatte sie stets mit Mary zusammen gesehen, zusammen genannt, aber man hatte
sie auch immer für die bei weitem Schönere und Bedeutendere gehalten, und
Niemand hatte diesem Urteil freudiger beigestimmt, als die bescheidene Mary
selbst. Mary betete ihre glänzende Freundin an; Helene Grenwitz war in ihren
Augen ein unerreichbares Ideal; sie ordnete sich ihr bei jeder Gelegenheit
unter, und wenn die jungen Mädchen für die Zukunft sich ihre Pläne und
Hoffnungen mitteilten, so baute Mary für Helene die prachtvollsten Schlösser,
während sie sich mit einer strohbedeckten Hütte am Rande eines murmelnden Baches
begnügte. Helene hatte diese Huldigungen entgegengenommen, wie eine Prinzessin
die Aufmerksamkeiten ihrer Hofdame. Mary hatte ihr so oft gesagt, dass sie viel
schöner, reizender sei, als sie selbst.
    Und nun musste diese demütige Freundin die glänzendste Heirat machen, durch
die sie mit einem Male in die höchsten Sphären der Gesellschaft erhoben, ja mit
einigen regierenden Häusern verschwägert wurde. Helene durfte gar nicht daran
denken. Aber jetzt, wo ihr eine Gelegenheit geboten wurde, mit Ehren aus dieser
sie demütigenden Lage zu kommen; jetzt, wo ihre stolze Mutter sich zu Bitten,
die sie nicht einmal selbst vorzubringen wagte, verstand; jetzt konnte über den
Weg, den sie einzuschlagen hatte, kein Zweifel sein; und wenn Fräulein Bär in
ihrer Gutmütigkeit ihr die Pension als ein Asyl anbot, so wusste sie eben nicht,
um was es sich in diesem Augenblick handelte.
    Helene ging, nachdem Fräulein Bär sie verlassen, mit verschränkten Armen in
ihrem Zimmer auf und ab. Endlich trat sie an das Fenster und starrte in den
herbstlichen Abend hinein. An dem Himmel zogen langsam schwere, dunkle Wolken,
unter welchen leichte graue Wölkchen pfeilschnell dahinschwebten. Die beinahe
kahlen Zweige der schlanken Pappeln wiegten sich in dem scharfen Winde sausend
und zischend hinüber und herüber; eine Krähe, die des Weges kam, setzte sich auf
ein paar Augenblicke auf den obersten Wipfel eines der Bäume, liess sich mit
herüber und hinüber wiegen, krächzte, als ob sie sich über die ungastliche
Behandlung ärgere und flog dann wieder davon. - Helene öffnete das Fenster. Der
kühle, feuchte, mit dem herben Dufte der modernden Blätter vermischte Hauch des
Abends wehte sie an. Lauter rauschten die Pappeln in dem Garten und den hohen
Buchen des Parkes und zwischendurch tönte in monotonen Cadenzen der dumpfe
Donner der Meereswogen am Gestade.
    Sie lehnte sich hinaus; sie achtete nicht der Feuchtigkeit der Luft, die im
Nu ihre schwarzen Haare mit einem tauigen Schleier überzog. Sie starrte nur
immer hinein in den mit jedem Augenblick dunkler werdenden Abend. Seltsame
Visionen zogen durch ihr Hirn. Stolze Paläste erhoben sich am Rande blauer
Seeen, in denen sich dunkle Wälder spiegelten; und aus dem Palast ritt ein
lustiger Jagdzug mit Hallo und Trara, und an der Spitze des Zuges eine junge
Dame auf einem Zelter neben einem Manne, der seinen schäumenden Rappen lässig
lenkte und sein dunkles Gesicht fortwährend auf die junge Dame neben ihm wandte;
und Alles, soweit das Auge reichte, - Schloss und See und Wald und Felder, die
sich weit und weiter am Ufer hinbreiteten, unabsehbar in's Land hinein - gehörte
der jungen Dame auf dem Zelter und ihrem Gemahl, dem Ritter auf dem feurigen
Rappen. Und dann versanken Schloss und Wälder und Felder in dem See, und der See
erweiterte sich zu einem Meer, das an dem hohen, mit Buchenwäldern, gekrönten
Kreidefelsenufern aufrauschte; und oben auf den hohen Ufern in der
Abendsonnenglut stand dieselbe junge Dame, die vorhin auf dem Zelter ritt,
neben einem Mann - der nicht der Ritter auf dem Rappen war - und sie schauten
zusammen hinaus auf das wunderherrliche Schauspiel der in dem wogenden
Wellengebiete versinkenden Sonne, und wie sie so standen und schauten, fügten
sie, wie betende Kinder, ihre Hände in einander und sahen sich an mit
liebevollen, tränenüberströmten Augen.
    Da rauschte der Wind lauter in den schlanken Pappeln und das junge Mädchen
fuhr empor aus ihren Träumereien. - Sie warf einen Blick in die graue Dämmerung
des Parkes. Zwei Gestalten, ein Mann und eine Frau - wandelten Arm in Arm an der
Öffnung zwischen den Bosquets vorüber - nur einen Augenblick lang, aber das
scharfe Auge des jungen Mädchens hatte Beide erkannt, glaubte mindestens Beide
erkannt zu haben. Ein Gefühl, wie sie es noch nie gehabt hatte, überkam sie. Sie
musste sich überzeugen, ob sie recht gesehen hatte, ob wirklich Oswald Stein mit
Emilie Cloten zu dieser Stunde an diesem Orte sich treffen konnten. Im nächsten
Augenblick war sie die Treppe, die nach dem Garten führte, hinab, durch den
Garten geeilt und stand jetzt an der Pforte, die aus dem Garten in den Park
führte. - Mit einem Male war ihr Mut verschwunden - sie schämte sich einer
Regung, die sie zu einem so unweiblichen, so hässlichen Schritte verleiten
konnte. Eben wollte sie wieder in das Haus zurückkehren, als die beiden
Gestalten den Gang, der an der Gartenpforte vorüberführte, wieder heraufkamen.
Sie drückte sich hinter den Pfeiler des Tors, um nicht gesehen zu werden; das
Herz schlug ihr zum Zerspringen, und jetzt - sie waren es, waren es, die hier,
in heimlichem, eifrigem Gespräch vorübergingen! Also genarrt! und genarrt! von
wem? von einem Menschen, den eine Emilie Cloten gewinnen konnte!
    Sie schritt, in tiefstes Sinnen verloren, nach ihrem Zimmer zurück. Einmal
blieb sie stehen und sagte, tief aufatmend: Gott sei Dank, dass ich schon vorher
entschlossen war, zu meinen Eltern zurückzukehren!
 
                           Dreiunddreissigstes Capitel
Das Gerücht - man wusste nicht, wer es zuerst aufgebracht hatte, - Fürst
Waldernberg bete die schöne Helene von Grenwitz an, ja die Verlobung werde nicht
lange auf sich warten lassen, erhielt sich und wurde durch eine Menge
Einzelheiten, deren Auffindung dem Spürsinn der betreffenden Geschichtenträger
und Geberdenspäher alle Ehre machte, bekräftigt. Die Gräfin Grieben wusste auf
das bestimmteste, dass der Fürst beinahe alle Abend zu Grenwitzens komme; Frau
von Nadelitz, dass er jeden Mittag nach der Parade auf seinem prachtvollen
tscherkessichen Hengst an der Pension des Fräulein Bär vorüberreite; Frau von
Sylow, dass er, in seinen Mantel gehüllt, mehrere Nächte stundenlang vor dem
Hause auf- und abpatrouillirt sei; Hortense Barnewitz flüsterte der Comtesse
Stilow in's Ohr: Jetzt weiss ich, weshalb der arme Felix Hals über Kopf nach
Italien geschickt wurde, und Comtesse Stilow meinte darauf: Sie sollen sehen,
liebe Hortense, es dauert nicht acht Tage, so ist Helene, die für immer verbannt
schien, wieder bei ihren Eltern.
    Ein Lächeln des Triumphes erhellte aber Aller Gesichter, als die
Prophezeiung der zahnlosen Comtesse Stilow nun wirklich in Erfüllung ging und
Helene Grenwitz aus ihrem bescheidenen Stübchen in der Pension des Fräulein Bär
in die stattlichen Räume des Hôtel Grenwitz übersiedelte.
    Merkwürdigerweise schien der alte Baron, der diesen Schritt früher so
dringend gewünscht hatte, jetzt am wenigsten darüber erfreut. Der alte Herr war
in der letzten Zeit ausnehmend launisch, widerspruchsvoll und heftig gewesen,
dass man den sonst so gutmütigen, freundlichen Mann kaum wieder erkannte, und
Jedermann die arme Anna-Maria, die dieses Kreuz mit so christlicher Geduld und
Sanftmut trug, bedauerte und bewunderte.
    Ach, glaube mir, liebe Helene, sagte die Baronin zu ihrer Tochter, als sie
Beide am ersten Abend auf dem Sopha im Salon sassen, nachdem der Baron das Gemach
verlassen hatte, um zu Bett zu gehen; es ist jetzt recht schwer mit Deinem Vater
auszukommen, und ich bedarf Deiner freundlichen Stütze mehr als je. Malte ist
noch zu jung, und ich fürchte zu herzlos, als dass ich zu ihm Vertrauen haben
könnte. Ich bin so lange gewohnt, Alles allein zu tragen, dass ich mich in das
Glück, eine Freundin und Vertraute zu haben, kaum zu finden weiss; und die
Baronin vergoss Tränen, während sie ihre Nähsachen zusammenpackte, um dem Gemahl
in das eheliche Schlafgemach zu folgen.
    In der Tat schien das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter sich für die
Zukunft viel günstiger als früher gestalten zu wollen. Sie handelten sich wie
zwei Gegner, die ihre Stärke gegenseitig erprobt und gefunden haben, dass sie
doch besser tun, Hand in Hand zu gehen.
    Fürst Waldernberg war, seitdem Helene wieder im Elternhause weilte, fast
allabendlicher Gast. Anna-Maria sorgte dafür, dass der Fürst und Helene stets
möglichst ungestört blieben; und da in diesen Kreisen die älteren Herrschaften
ihre Zeit schlechterdings nur mit Kartenspielen hinzubringen vermochten, und
jüngere Leute selten eingeladen wurden, so gelang ihr das meistens ganz
vortrefflich. Der Fürst und Helene waren in dem kleinen einfenstrigen Boudoir,
neben dem grossen dreifenstrigen Salon, wo die Kartentische standen, oft
stundenlang allein, bis man zur Tafel ging, wo sie dann, während die Andern die
Glücksfälle des Spiels eifrig durchsprachen, wiederum so ziemlich auf sich
selbst angewiesen waren.
    Es sprach für die conversationellen Talente des Fürsten, dass die junge
anspruchsvolle Dame seiner Unterhaltung nicht müde wurde. Und doch konnte sie,
was er vorbrachte, für gewöhnlich nicht eigentlich interessant nennen,
jedenfalls nicht die Art, wie er es vorbrachte. Niemals hörte sie ihn in
lebhafterem Ton und schnellerem Tempo sprechen; es war immer derselbe monotone
Silbenfall, wie wenn die einzelnen Worte Soldaten und die Sätze Sectionen wären,
die in gleichmässigem Schritt und Tritt vorbeimarschirten. Helene fand es deshalb
auch bezeichnend, dass der Fürst sich am liebsten der französischen Sprache
bediente, obgleich er auch das Deutsche correct und fliessend sprach. Manchmal
meinte sie, der Umstand, dass die Unterhaltung fast ausschliesslich in dem fremden
Idiom geführt wurde, trüge wesentlich dazu bei, ihr die Fremdartigkeit dieses
Geistes weniger fühlbar zu machen. Dazu kam, dass der Fürst, wie in seinem
Äußern, so in seiner Denk- und Empfindungsweise, Russe und nicht Deutscher war.
Die Erinnerungen seiner Kindheit, seiner Knaben- und Jünglingsjahre, bis auf die
kurze Zeit, die er in Paris und jetzt nun in Deutschland verlebt hatte, waren
russisch. Er war Page an dem Hofe des Kaisers Nikolaus gewesen, und der tägliche
Anblick dieses prächtigen Monarchen, mit dem er sogar, wie man behauptete,
besonders in Gestalt und Haltung, eine gewisse Aehnlichkeit hatte, nicht ohne
Einfluss auf seinen Charakter geblieben, wie er selbst sagte. Seine militärische
Erziehung hatte er in der Cadettenanstalt des Michailow'schen Palastes erhalten,
desselben Palastes, durch dessen gewaltige Räume in jener schauerlichen Nacht
der Kaisermord dröhnend schritt, als die Gemahlin Pauls I., erschreckt durch das
dumpfe Getöse verworrener Männerstimmen und des Waffengeklirres, die jüngsten
Grossfürsten Nikolaus und Michael aus den Betten riss, um mit ihnen durch die
langen Zimmerreichen zu der Wohnung des Kaisers zu eilen; ihr der finstere Graf
Pahlen entgegentrat, sie halb mit Gewalt nach ihren Zimmern zurücknötigte, und
bedächtig die Tür schloss: Restez tranquille, Madame; il n'y a pas de danger
pour vous.
    Aehnliche Geschichten wusste der Fürst gar manche zu erzählen und sie
verfehlten ihre Wirkung nicht auf das Gemüt des phantastischen Mädchens. Es war
damit wie mit den Abenteuern, mit denen der kriegerische Mohr die Seele des
venetianischen Patricierkindes berauschte. Desdemona mochte vor dem Blut, das in
jenen Erzählungen in Strömen floss, schaudern; aber der Held erschien ihr nur um
desto bewundernswerter, und wenn es Helenen aus diesen Palasterinnerungen des
russischen Pagen auch oft eisig kalt anwehte, so bestrickte sie doch das
Geheimnisvolle und Schauerliche derselben mit einem unwiderstehlichen Zauber.
Sie träumte sich in ein Leben hinein, im Vergleich mit welchem das Leben, das
sie jetzt führte, gar kleinlich und kläglich erschien. Sie sah sich als
Ehrendame an einem Hofe, wo Schönheit und Geist noch so viel vermögen; sie
dachte sich als die Seele grossartiger Unternehmungen, als die Vertraute von
Generalen und Staatsleuten; und dann blickte sie aus ihren Träumereien auf zu
dem finsteren ruhigen Antlitz des riesengewaltigen Mannes, der sie mit seinen
sonderbaren Geschichten in diese sonderbaren Phantasien gewiegt hatte, und
fragte sich, ob sie es wohl wagen würde, an dieser Hand die hohen Regionen zu
betreten, wohin sie die heissesten Wünsche ihres stolzen, ehrgeizigen Herzens
trugen.
    Dem schönen jungen Mädchen gegenüber legte der Fürst die kühle Zurückhaltung
ab, die er gegen alle Andern beobachtete. Er sprach selbst über seine
Familienverhältnisse mit grosser Offenheit. Er sagte, dass er von seinen Eltern
eigentlich nur seine Mutter kenne, dass er seinen Vater nur sehr selten zu sehen
bekomme. Seine Mutter lebe in Petersburg, wo ihr Einfluss bei Hofe noch immer
sehr gross sei, obgleich eine unheilbare Krankheit die einst bildschöne
lebenslustige Frau in wenigen Jahren verwüstet und zur trübsinnigen Schwärmerin
gemacht habe. Sein Vater, Graf Malikowsky, bringe den grössten Teil des Jahres
auf Reisen zu, besonders in Bädern, da er, trotz seiner Jahre und Kränklichkeit,
den heiteren Genuss des Lebens noch immer leidenschaftlich liebe und stets das
Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden suche. Er stehe zu seinem Vater
eigentlich in gar keinem Verhältnis. Alle Jahr schrieben sie sich einmal oder
zweimal bei besonderen Gelegenheiten kurze Briefe; jetzt habe er den Grafen, als
er im Sommer in der Residenz dem Könige den Eid leistete, zum letzten Mal
gesehen und er sei über sein verfallenes Aussehen, das der alte Herr vergebens
durch die raffinirtesten Toilettenkünste zu verstecken sich bemühe, erschrocken
gewesen. Der Graf und die Gräfin harmonirten, wie das bei so verschiedenen
Naturen erklärlich sei, sehr wenig mit einander. Der Graf komme alle Jahr einmal
nach Petersburg, stelle sich bei Hofe vor, zeige sich ein oder das andere Mal im
Palais Letbus und verschwinde dann wieder, um von Zeit zu Zeit aus Hamburg,
Baden-Baden, Wiesbaden »freundliche Grüsse« an seine Gemahlin zu senden.
    Auch dass dem Fürsten daran gelegen war, sie mit seinen Ansichten bekannt zu
machen, entging Helene nicht.
    Ich halte den Kriegerstand, sagte er einmal, nicht nur für den edelsten,
sondern auch für den nützlichsten; für den edelsten, weil er allein jede Kraft
des Mannes wach ruft und erprobt, für den nützlichsten, weil er die
Grundbedingung für alle übrigen Stände ist, die ohne ihn gar nicht existiren
könnten. Dass der Bauer in Frieden seinen Kohl bauen, der Handwerker ruhig in
seiner Werkstatt sitzen, der Künstler ungestört in seinem Atelier, der Gelehrte
in seinem Studirzimmer arbeiten kann, das haben sie dem Krieger zu verdanken,
der für sie am Tore schildert, des Nachts für sie die Strassen patrouillirt,
lärmende Pöbelschaaren zu Paaren treibt und gegen den Feind, der das Land
bedroht, in den Kampf zieht. Mit diesem Stande verglichen sind alle andern
niedrig und gemein, und dass er der unbestritten höchste und edelste ist, zeigen
auch die Herrscher, indem sie sich für gewöhnlich und nun gar bei feierlichen
Gelegenheiten in die Tracht desselben kleiden. Deshalb sollte aber auch nur ein
Adeliger Offizier werden dürfen. Dass man neuerdings auch angefangen hat, den
Bürgerlichen Zutritt zu unsern Reihen zu verstatten, halte ich für einen
beklagenswerten Fehler, der sich früher oder später empfindlich an uns rächen
wird.
    Aber glauben Sie denn, dass der Bürgerliche unbedingt zu dem Berufe
untauglich ist? fragte Helene.
    Ohne Zweifel, erwiderte der Fürst mit Nachdruck. Jagd und Krieg müssten
durchaus dem Adel reservirt bleiben, nicht, weil Bürgerliche überhaupt nicht
auch eine Büchse abschiessen oder einen Säbel schwingen, sondern weil sie es
nicht in dem rechten Geist, mit dem rechten Geiste können. Der bürgerliche Geist
ist nun einmal ein specifisch anderer, als der adlige; es find das Unterschiede,
die sich nicht mehr in Worte fassen lassen, die aber nichtsdestoweniger
vorhanden und für jeden - für mich zum wenigstens - sehr fühlbar sind. Nehmen
Sie zum Beispiel den Begriff der Standesehre. Ein Bürgerlicher, der keine Ahnen
hat, die denselben Degen führten, den er jetzt an der Seite trägt, - was kann es
ihm sein, ob er diesen Degen vor jedem Flecken rein bewahrt oder nicht? Ich habe
noch keinen bürgerlichen Officier gekannt, bei dem es mir nicht mindestens
zweifelhaft gewesen wäre, ob er bei einer tätlichen oder groben wörtlichen
Beleidigung den Beleidiger sofort niederstossen würde. Nun aber frage ich Sie,
wie kann bei solch einem Mangel an dem richtigen point d'honneur überhaupt von
kriegerischem Sinn und Geist die Rede sein? Aber die Frage hat auch eine
practische Seite. Der Geist der Neuerung, des frechen Ungehorsams gegen die von
Gott eingesetzte Ordnung regt sich überall. Dieser Geist kann nicht, wie man in
unserem Staate leider angefangen hat, durch Güte und Concessionen, sondern nur
durch eiserne Strenge und Gewalt niedergehalten werden. Des gemeinen Soldaten,
der drei Jahre lang in unserer Zucht und Aufsicht gewesen ist, sind wir sicher,
nicht ebenso des bürgerlichen Officiers. Schicken Sie einen Zug unter Anführung
eines Lieutenant Schulze oder Müller gegen einen rebellischen Pöbelhaufen, und
es ist zehn gegen eins zu wetten, er wird in demselben irgend einen Bruder oder
Vetter Schulze oder Müller entdecken und in Folge dessen Anstand nehmen, im
rechten Augenblick Feuer! zu commandiren. Nehmen Sie dagegen die Officiere aus
dem Adel und nur aus dem Adel, so kann dergleichen gar nicht vorkommen, und Sie
können mit einem Bataillon den Aufruhr einer ganzen Stadt wie Grünwald zu Boden
schmettern.
    Gegen die Zugeständnisse, welche der König in dem Frühling desselben Jahres
durch die Zusammenberufung des versammelten Ständetages der liberalen Partei und
dem Zeitgeist überhaupt gemacht hatte, sprach sich der Fürst wiederholt mit
grosser Entschiedenheit aus.
    Ich sehe nicht ab, sagte er, wohin dies Treiben führen soll. Wenn der König,
wie ich gern glaube, nicht will, dass sich ein Blatt Papier zwischen ihn und sein
Volk stelle, nach dessen Paragraphen er regieren muss, so dürfte er auch nicht
einmal den Schatten des Constitutionalismus heraufbeschwören. Dem Schatten folgt
der Körper. Ich gestehe, dass ich über die Langmut des Königs, diesen frechen
Schreiern gegenüber, empört bin und dass ich lange Zeit Anstand genommen habe, ob
ich einem Monarchen, der so die ersten Pflichten eines gottbegnadeten Amtes
verkannte, mit Ehren dienen könne.
    Wenn so der Fürst seine russisch absolutistischen Ideen zum Massstab der
Dinge machte, so geschah es wohl, dass sich in Helenens Herzen etwas wie ein
Grauen gemischter Widerwillen gegen den, der in kaltem Ton so Unmenschliches
behauptete, zu regen begann. Aber wenn sie auch zu einer andern Zeit vor den
furchtbaren Consequenzen der Grundsätze des Fürsten zurückgeschaudert sein
würde, so hatte jetzt die Wunde, die ihrem stolzen Herzen Oswalds Verrat
geschlagen, sie schwer gereizt und in das andere Extrem gestürzt. Helene hasste
Oswald; sie meinte Tränen des Zorns und der Scham, wenn sie dachte, wie teuer
ihr dieser Mann und wie nah sie der Gefahr gewesen war, ihm zu zeigen, wie lieb
sie ihn hatte. An dem Verrat selbst zweifelte sie jetzt durchaus nicht mehr.
Das Benehmen Emiliens war seit einiger Zeit so verändert, dass es auch den
Unbefangensten auffiel. Die junge Frau floh jetzt die Gesellschaft ebenso, als
sie dieselbe früher gesucht hatte, und wenn sie es nicht vermeiden konnte, in
ihren alten Cirkeln zu erscheinen, hatte sie nur Spott und Hohn für Alles, wofür
sie vormals schwärmte. Sie fand die Offiziere albern; erklärte Tanzen für ein
kindisches Vergnügen und einen Bal masqué für den Gipfel aller Lächerlichkeit.
Sie behandelte die Damen mit unverhüllter Ironie und die Herren mit offener
Verachtung, besonders ihren Gemahl, der bei dem Allem gar nicht wusste, wie ihm
geschah. Die Meisten lachten und sagten: es ist eine Laune von der kleinen Frau;
sie wird schon wieder zur Vernunft kommen; Andere, die weniger harmlos waren,
meinten: dahinter steckt mehr. Wenn eine junge Frau die ganze Welt, ihren Gemahl
nicht ausgeschlossen, in dieser Weise behandelt, so tut sie es sicher einem
Mann zu Liebe, der für sie die ganze Welt ist. - Wer dieser Glückliche sein
mochte, darüber zerbrach man sich vergebens die Köpfe. Die Einen rieten auf den
jungen Grafen Grieben, der ihr früher den Hof gemacht hatte, die Andern auf
Herrn von Sylow, wieder Andere sogar auf den Fürsten Waldernberg - und nur
Helene Grenwitz wusste, dass Alle sich irrten und dass der Gegenstand von Emiliens
Liebe nicht in den aristokratischen Kreisen Grünwalds zu finden war.
    Hätte Anna-Marie geahnt, welch trefflichen Bundesgenossen sie in diesem
Augenblick für die Ausführung ihres grossen Planes an Oswald Stein hatte, sie
würde diesem »so überaus abscheulichen und gefährlichen jungen Mann« weniger
gram gewesen sein. Jedenfalls schien sich das Verhältnis zwischen dem Fürsten
und Helene ganz nach ihrem Wunsche gestalten zu wollen. Sie hielt es wenigstens
für ein gutes Zeichen, dass Helene nicht darauf drang, die Unterhaltungen in dem
kleinen Salon neben dem Spielzimmer durch Hinzubitten anderer junger Leute zu
beleben, und als sie kürzlich die Bemerkung wagte: das wäre ein Schwiegersohn
nach meinem Sinn, nicht die schönen Brauen verächtlich zusammenzog sondern die
dunklen Wimpern auf die errötenden Wangen senkte.
 
                           Vierunddreissigstes Capitel
In das wilde Allegro von Oswalds jetzigem Leben tönte wie Aeolsharfenklänge die
Erinnerung an Alles, »was sein einst war;« an seine schwärmerische Jugendzeit,
wo rosige Wölkchen den Horizont umsäumten, hinter dem die geheimniss- und
wundervolle Zukunft lag; an die seligen Tage von Grenwitz, wo sich für ihn die
alte Sage vom Paradiese wiederholen zu wollen schien; an seine Freundschaften
mit grossen, zum mindesten guten Menschen: mit Berger, Oldenburg, Franz,
Bemperlein - wohin, wohin dies Alles? Die Jugend versunken für immer und mit ihr
all' die holden rosigen Träume der Jugend; aus dem Paradiese nichts geblieben,
als der bittere Geschmack der Frucht von dem Baume der Erkenntnis, dass
Wankelmut der Seele und treue Liebe nimmer Hand in Hand gehen können. Und seine
Freunde? - Von Berger hatte er am Tor des Irrenhauses wohl auf ewig Abschied
genommen; in Oldenburg hasste er jetzt seinen Nebenbuhler und den reichen
Aristokraten, den Sohn des Glücks, der sich leicht hinwegschwingt über die
Hindernisse, an denen Andere ihre Kraft ausgeben; - gegen Franz, der sich seiner
in einer der verwickeltesten Lagen seines Lebens so brüderlich angenommen, hatte
er sich der gröbsten Undankbarkeit schuldig gemacht, die er vergebens durch die
Unmöglichkeit, mit dem in sich gefesteten, sich streng begrenzenden,
leidenschaftlosen Mann bei seiner entgegengesetzten Natur auf die Dauer
Freundschaft zu halten, zu rechtfertigen suchte; - und von Bemperlein, dem
guten, harmlosen, ehrlichen Menschen, der ihm eine so entusiastische
Freundschaft entgegen getragen hatte, trennte ihn das quälende Bewusstsein, ihn
in seiner geliebten Herrin tödlich beleidigt zu haben, so dass, wenn er ihm auf
der Strasse begegnete, er in peinlicher Verlegenheit nach der andern Seite
blickte.
    Und was hatte er für so viel verlorenes Glück eingetauscht?
    Die allerdings seltenen Augenblicke, in denen Oswald nicht umhin konnte,
über seine Situation ernstlich nachzudenken, waren unerfreulich genug. Seine
Stellung an der Schule war jetzt nach kaum drei Monaten so gut wie unhaltbar.
Director Clemens' vielgerühmte Humanität reichte nicht mehr hin, alle die grossen
und kleinen Sünden, welcher sich Oswald in seinen dienstlichen Beziehungen
schuldig machte, mit dem Mantel der Liebe zuzudecken, und Frau Director Clemens
erklärte vor dem versammelten dramatischen Kränzchen, dass sie eine Schlange an
ihrem Busen genährt.
    Aber Oswald hatte noch mehr zu verantworten, als diese Treulosigkeit. Sein
Verhältnis mit der jungen Frau von Cloten, in das er sich aus Laune halb und
halb aus wirklicher Neigung so Hals über Kopf gestürzt hatte, fing an, auf
seiner Seele mit bleiernem Gewicht zu lasten, um so mehr, als die
leidenschaftlich unbesonnene Natur der Dame jeden Augenblick das Geheimnis zu
verraten drohte. - Dich zu lieben, von Dir geliebt zu werden, ist mein einziger
Wunsch und Wille - alles Andere ist mir gleichgiltig; sagte sie. Sollte sie
jetzt, wo ihr Herz zum ersten Male wusste, was es wollte, ihre ausschweifenden
Wünsche zügeln? Vergebens, dass Oswald sie an die Pflichten seiner Stellung, an
die äussere Beschränkteit seiner ganzen Lage erinnerte. - Ich begreife nicht,
wie Du zwischen der Langweile, Deine Buben zu unterrichten, und dem Vergnügen,
das wir Eines in des Andern Gesellschaft haben, noch wählen kannst; lass doch die
alte dumme Schule und lebe für mich. - Aber, liebes Kind, ich lebe jetzt schon
beinahe nur für Dich, und wenn das noch eine Zeit so fortgeht, wird mein
Director nicht nur nichts dagegen haben, sondern selbst den Wunsch aussprechen,
dass ich ausschliesslich für Dich lebe. - O, das wäre zu herrlich, rief Emilie, in
die Hände klatschend; dann gehen wir nach Paris, oder nach irgend einem andern
Ort, wo uns nicht so viele alberne Menschen aus Tritt und Schritt belauern.
Oswald zuckte die Achseln. Und wovon leben in Paris? Emilie machte ein langes
Gesicht; im nächsten Moment aber lachte sie schon wieder und rief: das findet
sich, wenn wir nur erst fort wären.
    Das Verlangen, aus Grünwald, wo in der Tat ihr Verhältnis jeden Augenblick
der Gefahr einer für Beide gefährlichen Entdeckung ausgesetzt war, wegzukommen,
war in der letzten Zeit bei Emilie so gross geworden, dass sie bei jeder
Gelegenheit darauf zurückkam. Sie wollte Oswalds Liebe in vollen Zügen ungestört
geniessen und sich nicht jede halbe Stunde verstohlenen Zusammenseins durch
tagelange Sorge und Angst gewinnen. Bis jetzt hatten sie ihre Rendezvous
entweder in Primula's Boudoir, aber drüben in Fährdorf bei Emiliens alter Amme,
der Frau Lemberg, gehabt, wohin jetzt, da die Meerenge zwischen der Insel und
dem Festlande mit dickem Eis bedeckt war, die Ueberfahrt keine Schwierigkeit
machte. Primula war in das Verhältnis eingeweiht, nachdem Emiliens Unbedachteit
eine lächerliche Entdeckungsscene herbeigeführt, und sie hatte, nachdem ihre
erste eifersüchtige Regung glücklich vorüber war, diesen »Liebesbund« ausnehmend
romantisch, die Liebenden in ihrer Hülflosigkeit, gegenüber einen »kalten,
lieblosen Welt,« höchst bejammernswert und sich selbst als Beschützerin so
»heroischer Leidenschaft« vollkommen bewunderungswürdig gefunden. In diese Rolle
redete sie sich nun immer tiefer hinein, und die Abonnenten der »Zeitlosen«, in
deren »Album« Primula Veris jetzt ihre Gedichte schrieb, bekamen von nichts
weiter als von »lichtscheu krummen Liebespfaden«, »geheimer Liebe still
verschwiegenem Tun«; und vor allem von »des treuen Bundes keuscher Wächterin«
zu lesen, unter welcher letzteren Bezeichnung man, wie es in einem der folgenden
Strophen ausdrücklich hiess, nicht etwa an »den Mond, den kalten Gesellen« zu
denken hatte.
    Für Emiliens Plan schwärmte sie. Flieht, meine Freunde, sagte sie, flieht
unter einen milderen Himmel als diesen rauhen kimmerischen, der nur über wilden
Cyklopen und seelenlosen Ichtyophagen graut. In Schnee und Eis will selbst der
Freundschaft blaue Cyane kaum gedeihen, geschweige denn der wilden Liebe rote
Rose.
    Oswald war nicht so blind, dass er das Wahnsinnige dieses Projectes nicht
hätte einsehen sollen, aber einerseits sagte ihm auch wieder das Abenteuerliche
desselben zu, anderseits lockte ihn der Gedanke, sich aus all diesem Wirrsal mit
einem kühnen Schritt befreien zu können, gleichviel, wohin der Schritt führte;
und schliesslich war bei ihm aus der frivolen Koketterie mit der reizenden Emilie
eine Leidenschaft geworden, die, wenn sie nicht sein Herz erwärmte, zum
mindesten seine Phantasie entflammte, und gegen die er sich um so weniger
wehrte, als er in ihr eine Art von Entschuldigung für seinen sonstigen
Wankelmut fand. Er fing an, den Fluchtplan in ernstliche Ueberlegung zu ziehen,
um so mehr, als der Rest seines kleinen Vermögens, wie es bei der Lebensweise,
die er jetzt führte, wohl nicht anders sein konnte, sehr rasch zusammenschmolz,
und mitin, was einmal geschehen sollte, bald geschehen musste.
    Oswald hätte in dieser Bedrängnis gern Alberts Rat vernommen; aber er wagte
jetzt nicht mehr über Emilie mit ihm zu sprechen. Im Anfang freilich hatte er
von seinem neuesten Roman dann und wann ein Wort fallen lassen, und der kluge
Albert hatte, ohne Oswald durch neugierige Fragen lästig zu fallen, in Kurzem so
ziemlich Alles, was er zu wissen wünschte, herausgebracht. Er wusste, dass Oswald
bei der Professor Jäger und drüben in Fährdorf heimliche Zusammenkünfte mit der
jungen leichtsinnigen Frau hatte, und er liess sich auch dadurch nicht irre
machen, dass Oswald über Emilie plötzlich zu sprechen aufhörte, sondern schloss
nur daraus, dass das Verhältnis in ein Stadium getreten sei, wo Schweigen Pflicht
war.
    So weit hatte es nun freilich nach Timms Wunsch nicht kommen sollen. Timm
hatte nichts dagegen, dass Oswald seinen Geschmack am aristokratischen Leben
durch eine Liebelei mit der vornehmen Dame auffrischte und sich so noch mehr von
der Notwendigkeit, ein Vermögen zu besitzen, überzeugte; aber es passte ihm gar
nicht, dass aus dieser Liebelei eine Liebschaft in bester Form wurde, von der
sich gar nicht berechnen liess, was noch Alles daraus entstehen mochte, und die
vor Allem Oswalds romantischer Liebe zu Helenen verderblich zu werden drohte.
Und doch hatte auf diese Liebe Timm eigentlich seinen ganzen Plan gebaut. Wenn
Oswald nichts bewegen könnte, sich in den Erbschaftsstreit mit der Familie
Grenwitz einzulassen, so sollte die Hoffnung, auf diese Weise Helenen zu
erobern, den Ausschlag geben. So durfte denn Oswald nicht für Helenen, aber auch
umgekehrt, Helene nicht für Oswald verloren gehen. Und auch dieser letztere Fall
war neuerdings möglich geworden. Albert, der die Augen überall hatte, war es
nicht entgangen, dass Fürst Waldernberg tagtäglich zu Grenwitzens kam; und auch
sonst hatte er mehrere verdächtige Zeichen eines im besten Fortgang begriffenen
Verhältnisses zwischen dem Fürsten und Helene entdeckt; so bei einem Gärtner
verschiedene herrliche Bouquets, die vom Fürsten bestellt waren und »heute Abend
ins Hôtel Grenwitz geschickt werden sollten.« Ausserdem hatte er, seitdem der
Schnee lag und die adelige Jugend Grünwalds glänzende Schlittenpartien nach
allen Richtungen arrangirte, Helene wiederholt an der Seite des Fürsten in einem
prachtvollen Schlitten gesehen, dessen kostbare Decken und in russischer Weise
nebeneinander angeschirrte drei Pferde ihn als Eigentum Sr. Durchlaucht
bezeichneten. Er hatte Oswald wiederholt auf einen so gefährlichen Nebenbuhler
aufmerksam gemacht, aber immer nur ausweichende Antworten erhalten. Diese Lage
der Dinge missfiel Albert durchaus.
    Im Hôtel Grenwitz hatte er sich seit längere Zeit nicht sehen lassen. Seine
vierhundert Taler für Monat November hatte ihm Felix, der die Summe von seinem
Reisegelde nahm, bei seiner Abreise zugeschickt: mit dem Ersuchen, sich für die
Zukunft »in allen geschäftlichen Angelegenheiten« direct an seine Tante, die
Frau Baronin, wenden zu wollen. Albert hatte von dieser Erlaubnis bis jetzt noch
keinen Gebrauch gemacht, da es selbst für ihn schwer hielt, in dem bescheidenen
Grünwald vierhundert Taler in einem Monat durchzubringen und er überdies gerade
in der letzten Zeit Glück im Pharao gehabt hatte. Indessen nahm er sich vor,
diesen Besuch baldmöglichst zu machen und bei der Gelegenheit die Situation
genauer zu studieren.
    Gerade in diesen Tagen geschah es, dass Albert eines Abends, als er eben
ausgehen wollte, durch die Stadtpost einen Brief erhielt, dessen Lectüre ihn so
verstimmte, dass er seine ursprüngliche Absicht, in den Ratskeller zu gehen,
vorläufig aufgab und statt dessen einen Besuch bei seinem Hauswirt, dem Küster
Tobias Guterz machte, jenem Mann, der mit dem Geruch seines heiligen
Lebenswandels das ganze alte Quartier enger winkliger Strassen um die alte
Brigittenkirche erfüllte.
    Albert Timm trat mit dem Hut auf dem Kopfe in das Stübchen hinter dem
Sprechzimmer und fand Guterz im Begriff, sich ein Glas seines Lieblingsgetränks
zu bereiten.
    Kannst mir auch eins zurecht machen; sagte Albert, seinen Hut auf einen
Stuhl schleudernd und sich selbst in die Ecke des vortrefflich gepolsterten
Sophas werfend.
    Wie gewöhnlich, Albertchen? sagte Tobias, ein zweites Glas nebst Teelöffel
aus dem Wandschrank nehmend und neben dem dampfenden Wasserkessel auf den Tisch
stellend.
    Eher ein bisschen mehr als weniger.
    Während Herr Tobias nach diesem Recept den heissen Trank zurechtbraute,
starrte Albert schweigend vor sich hin.
    Du bist heute nicht in guter Laune, Albertchen! sagte Tobias, von seiner
Beschäftigung ausblickend.
    Müsste lügen, wenn ich das Gegenteil behaupten wollte.
    Was gibt's? Hat die kleine Louise Dir's angetun?
    Der Teufel soll die kleine Louise holen.
    Oder ist Dir ein Wechselchen präsentirt, an das Du nicht mehr gedacht
hattest?
    So etwas der Art.
    Na, was ist's denn? fragte Tobias, den für Albert bereiteten Grog umrührend
und das Glas vor ihn auf den Tisch setzend. Hier nimm einen Schluck, und dann
heraus mit der Sprache!
    Albert nahm das Glas, kostete und als er sich überzeugt, dass in allen
Punkten das rechte Mass getroffen, leerte er es auf einen Zug bis über die
Hälfte.
    Nun? sagte Tobias.
    Du erinnerst Dich, dass ich in Grenwitz während des Sommers ein Verhältnis
mit der kleinen schwarzäugigen Hexe von Französin anfing, sagte Timm.
    Weiss schon, sagte Tobias mit schlauem Lächeln, um was es sich handelt.
    Nichts weisst Du; das Ding war in einer Hinsicht so scheu, wie eine wilde
Ente. In anderer Hinsicht war sie freilich auch wieder dumm genug, wie Du schon
daraus sehen kannst, dass sie mir die Dreihundert borgte, die sie in der
Sparkasse hatte.
    Das war edel von ihr.
    Ja, aber jetzt will sie sie wieder haben.
    Hast Du ihr einen Wechsel gegeben?
    Nein.
    So sag', Du hast nichts bekommen, abgemacht Sela!
    Das geht nicht so leicht. Sie hat Freunde, mit denen ich es nicht gern
verderben möchte.
    Wie so?
    Ich sagte Dir doch, dass Marguerite seit einiger Zeit nicht mehr bei
Grenwitzens ist?
    Nein, kein Wort. Wo denn?
    Beim Geheimrat Robran.
    Wie kommt sie dahin?
    Ich glaube, durch den Candidaten Bemperlein, den Duckmäuser, der, wie ich
höre, jetzt des Geheimrats rechte Hand, und wie Andere sagen, mit meiner
Poussage verlobt ist.
    Wohl bekomm's; aber wer hat Dich denn nur eigentlich gemahnt?
    Der alte Geheimrat selbst. Hier -, bei diesen Worten zog Albert den Brief,
den er vor einer halben Stunde erhalten hatte, aus der Tasche; schreibt der alte
Sünder: Geehrter Herr! Wie mir Fräulein Marguerite Martin, die mir jetzt die
Ehre erweist und so weiter. Da die Beziehungen, welche früher zwischen Ihnen und
der jungen Dame bestanden, gänzlich und für immer - Sie wissen am besten weshalb
- abgebrochen sind, so werden Sie es selbstverständlich finden, dass Sie, als
Mann von Ehre, ein Capital, welches Ihnen unter so ganz anderen Voraussetzungen
zur Disposition gestellt wurde, keinen Augenblick länger behalten können.
Schliesslich nach eine Bemerkung. Die junge Dame selbst würde aus einer leicht
erklärlichen Scheu die ganze Sache wahrscheinlich auf sich haben beruhen lassen,
wenn ich nicht, zufällig von der Baronin Grenwitz hörend, dass Fräulein Martin
während der Zeit ihres Aufentalts in jener Familie ein kleines Capital sich
erspart habe, in die junge Dame gedrungen wäre und so den Sachverhalt erfahren
hätte; und so weiter. Nun, was meinst Du dazu? fragte Albert, den zerknitterten
Brief wieder in die Tasche steckend.
    Die Sache liegt allerdings schlimm, erwiderte Ehren Tobias, sich den
ergrauenden Kopf kratzend. Der Geheimrat gilt so viel in der Stadt, besonders
jetzt, wo er, der Teufel mag wissen wie? seine Schulden bezahlt hat, dass Du
nicht gegen ihn aufkommst; ich fürchte, Du wirst blechen müssen.
    Ich fürchte es auch, sagte Albert. Die verdammte Plaudertasche, die Baronin:
Es ist blosse Rache von ihr; aber sie soll's mir büssen. Ich will die
Daumschrauben anziehen, dass -
    Albert schwieg und goss den Rest aus seinem Glase hinunter.
    Höre Albertchen, sagte Tobias; in welchem Verhältnis stehst Du eigentlich
zur Baronin? Ich hoffe, Albertchen, mein Junge, dass Du zu dem vielen Gelde,
welches Du in letzter Zeit - ich kann wohl sagen, sehr gegen Deine Gewohnheit -
hast blicken lassen, auf anständige Weise gekommen bist?
    Erst sage mir, was es für eine Bewandtnis hat mit dem Verhältnis zwischen
Dir und den Grenwitzens, auf das Du schon ein paarmal geheimnisvoll hingedeutet
hast.
    Willst Du mir dann sagen, wie Du zu dem Gelde kommst?
    Ja.
    Gut! so wollen wir uns erst Jeder noch ein Glas zurecht machen und dann an's
Erzählen gehen; aber reinen Mund gehalten, Albertchen, reinen Mund gehalten!
    Eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus.
    Herr Tobias nickte schmunzelnd, mischte mit kunstgerechter Hand den Grog,
knöpfte seine schwarze Weste auf, lehnte sich in der Stuhl zurück und sprach:
    Ich war nicht immer in Grünwald und nicht immer Küster in St. Brigitten.
    Weiss! die Residenz hat die unbestrittene Ehre, Dich den ihren zu nennen, und
wessen Küster Du gewesen bist, ehe Du Küster an St. Brigitten wurdest, wird der
Teufel wohl am Besten wissen.
    Tobias lächelte vergnügt in sich hinein und schlürfte behaglich seinen Grog.
    Nicht so grob, Albertchen, sagte er, sonst erzähle ich nicht weiter. Mein
Vater war Bedienter, und ich wurde von der zartesten Jugend auf zu demselben
Berufe bestimmt. Wie gross mein Talent in dieser Beziehung war, magst Du daraus
entnehmen, dass ich, als ich kaum zwanzig Sommer zählte, mindestens schon ein
Dutzend Herren gehabt hatte. Um diese Zeit kam mir der Gedanke, endlich einmal
mein eigener Herr zu sein, und da ich mir während meiner Dienstzeit ein nicht
unerkleckliches Sümmchen gespart hatte - hier lächelte Ehren Tobias mit dem
linken Auge und dem linken Winkel seines Mundes - besass ich Capital genug, um
eine kleine Wirtschaft anzufangen.
    Mag auch 'ne schöne Wirtschaft gewesen sein, meinte Albert.
    Allerdings! sagte Tobias, indem er noch ein Stück Zucker in seinen Grog
tat; zum mindesten war in meiner Wirtschaft das schöne Geschlecht sehr stark
vertreten. Da ich das Princip hatte, nur weibliche Bedienung in meinem Loco! zu
haben und das »Café Guterz« immer stark frequentirt wurde, so hatte ich fast
immer sechs bis acht junge Damen, welche die Honneurs machten, bei mir.
    Albert Timm lehnte sich in seine Ecke zurück und brach in ein schallendes
Gelächter aus, während Ehren Tobias nur lächelte - diesmal mit dem rechten Auge
und dem rechten Mundwinkel.
    St! st! Albertchen, sagte er, die Leute hören es auf der Strasse. Wie kann
ein kluger Jüngling so unvorsichtig laut lachen; ich habe mein ganzes Leben lang
nur gelächelt und habe mich dabei sehr gut gestanden. Doch das bei Seite. - Die
jungen Mädchen waren natürlich immer hübsch, ja ich kann wohl sagen, dass ich von
allen meinen Collegen stets die hübschesten hatte. Dies verdankte ich aber,
ehrlich gestanden, weniger mir selbst, als dem Scharfblick und dem Geschmack
einer Dame, mit welcher ich früher, als ich mal mit ihr bei einer Herrschaft
zusammen diente, ein Zärtliches Verhältnis gehabt hatte und jetzt noch immer in
freundschaftlichem und geschäftlichem Verkehr stand. Frau Rosa Pape war eine
vortreffliche Frau, deren Gesellschaft von den anständigsten Damen nicht bloss
gesucht, sondern auch obendrein mit schwerem Gelde bezahlt wurde und deren
Nachtklingel die ganze, sehr stark bevölkerte Strasse, in welcher sie wohnte,
kannte. Aber Rosa Pape interessirte sich nicht bloss für junge Frauen, sondern
auch ganz konsequenterweise für diejenigen, welche es noch einmal werden
konnten, und so hatte sie denn unter den hübschen Stubenmädchen und Räterinnen
eine nicht minder ausgebreitete Kundschaft, als unter den Regierungs- und
Commerzienrätinnen.
    In Folge dessen war Niemand besser als sie im Stande, die Bekanntschaft
solcher jungen Personen mit jungen Cavalieren, die sich nach einer temporären
Lebensgefährtin sehnten, zu vermitteln, und da sie sich immer sehr anständig für
ihre Hilfsleistungen bezahlen liess, so wahr ihr Publicum das nobelste, das sich
denken lässt: lauter Herren von, Barone, Grafen, ja selbst Prinzen von Geblüt
wandten sich vorkommenden Falls an die verwittwete Frau Rosa Pape.
    Eines schönen Tages kam nun Frau Rosa zu mir und teilte mir mit, dass ein
steinreicher Baron ihrer Bekanntschaft sich sterblich in ein hübsches Kind
verliebt und sie beauftragt habe, ihm das Mädchen, koste es was es wolle, zu
schaffen. Sie habe auch schon mit dem Baron einen herrlichen Plan entworfen, zu
dessen Ausführung aber noch ein »Kammerdiener« nötig sei. Es sei Geld, viel
Geld bei der Affaire zu verdienen; ob ich Luft habe, mit von der Partie zu sein.
    Nun hatte ich gerade in der letzten Zeit einige unangenehme
Auseinandersetzungen mit der Polizei gehabt, die leicht zu noch unangenehmeren
Folgen führen konnten; und ich ergriff daher mit Freuden die Gelegenheit, mich
in so anständiger Gesellschaft eine Zeit lang aus der Residenz zu entfernen.
Vierundzwanzig Stunden später war ich mit der jungen Dame, um die es sich
handelte, in dem Wagen meines neuen Herrn auf dem Wege nach - nun rate einmal,
Albertchen?
    Das mag der Kukuk wissen! aber Du wolltest mir nicht Deine ganze
interessante Lebensgeschichte erzählen, sondern sagen, wie Du nach Grenwitz
gekommen bist, sagte Albert, der, mit seinen Angelegenheiten beschäftigt, der
Erzählung Ehren Tobias' nicht die gewöhnliche Aufmerksamkeit gewidmet hatte.
    Da hört ja, dass ich schon auf dem Wege dahin bin, sagte dieser, Albert über
den Rand seines Glases mit dem linken Auge anzwinkernd; denn mein neuer Herr war
der Baron von Grenwitz und das Ziel unserer Reise Schloss Grenwitz, wo Du in
diesem Sommer gewesen bist.
    Ein Indianer, der in dem Grase der Prairie die Spur des Feindes entdeckt,
den er tagelang vergeblich verfolgt, kann nicht alle Sinne schärfer anspannen,
als er Albert tat, sobald er diese letzten Worte vernommen, die ihn in Ehren
Tobias eben jenen Kammerdiener erkennen liessen, welcher in der Erzählung der
Mutter Clausen eine so zweideutige Rolle gespielt hatte. Aber er verriet mit
keiner Miene, keinem Worte, wie wichtig ihm die eben gemachte Entdeckung war,
sondern fragte mit vortrefflich gespielter Unbefangenheit:
    Der alte Baron? Der Tausend! wer hätte dem alten Knaben dergleichen
zugetraut.
    Nicht der jetzige, sondern sein Vetter aus der älteren Linie, Baron Harald,
oder der wilde Harald, wie er noch immer bei denen, die ihn gekannt haben,
heisst. Ich sage Dir, Albertchen, es war ein fideles Leben, das wir anno
achtzehnhundert zweiundzwanzig auf Schloss Grenwitz führten. Wein und Weiber die
Hülle und die Fülle; und dabei Komödie gespielt, zum Todtschiessen lächerrlich.
Denke Dir: meine gute Freundin Rosa -
    War denn die auch da?
    Allerdings! habe ich Dir denn nicht gesagt, dass der Baron sie als Grosstante
engagirt hatte?
    Als was?
    Tobias lächelte - diesmal mit beiden Augen und Mundwinkeln:
    Sie spielte mit Perrücke und Krückstock die alte Grosstante des Barons, da
das alberne Ding, die Marie, - Marie Montbert hiess der Aff' und war ein
schmuckes Mädel, dass einem die Augen übergingen, wenn man sie ansah, - was
wollte ich doch sagen? Ja! die Marie hatte eine Anstandsdame aus der Familie des
Barons als conditio sine qua non, wie wir Lateiner sagen, gemacht. Na, nun hatte
sie ihre Anstandsdame, eine famose Anstandsdame, he, Albertchen he! und Ehren
Tobias kicherte und stiess Albert freundlich in die Seite.
    Und wie ging die Sache zu Ende? fragte Albert, der Eile hatte, über das, was
er schon wusste, wegzukommen.
    Ja, ich habe sie nicht zu Ende kommen sehen, denn wir, das heisst: Rosa und
ich, brannten schon vorher durch. Offen gestanden fürchteten wir: die Geschichte
möchte schief ablaufen, denn Marie hatte in der Residenz manche Freunde, die
Lärm machen und uns alle zusammen, zum wenigsten mich und Rosa, in des Teufels
Küche bringen konnten. So empfahlen wir uns denn eines schönen Tages, oder
vielmehr in einer schönen Nacht, ohne Abschied zu nehmen, nachdem wir noch Eines
oder das Andere, was uns gerade in die Hände kam, als Andenken an Grenwitz
mitgenommen. Hier in Grünwald trennten wir uns, oder wurden getrennt. Ich wurde
nämlich so krank, vermutlich von dem guten Leben, das ich in Grenwitz geführt,
dass ich nicht weiter konnte und in's Spital gebracht werden musste. Was ich
damals für ein Unglück hielt, schlug mir hinterher zum grössten Glück aus. Denn
der verstorbene Superintendent Dunkelmann, der Vater von der Frau Professor
Jäger, der damals Spitalgeistlicher war, verliebte sich so in mein bescheidenes
Lächeln, dass er mich, als ich wieder gesund war, notwendig zum Bedienten haben
musste - na! und von dem Bedienten eines Geistlichen bis zum Küster ist nur ein
Schritt; und Herr Tobias schlürfte behaglich den Rest aus seinem Glase.
    Und hast Du von Deiner Freundin Rosa je wieder etwas gehört?
    Sie lebt in der Residenz und treibt ihr Geschäft mit der doppelten
Buchführung schwunghafter als je. Wenn Du 'mal nach der Residenz kommst,
Albertchen, vergiss ja nicht, sie zu besuchen. Sie wohnt Gertruden- und
Pferdestrassenecke, zwei Treppen hoch.
    Wir wollen uns das doch gleich notiren, sagte Albert, die Adresse in seine
Brieftasche schreibend; aber was ist denn aus der Marie, aber wie das dumme Ding
hiess, geworden?
    Ja, das ist eine curiose Geschichte. Kurze Zeit nachdem wir fort waren, ist
wirklich einer ihrer Freunde, ein Herr von Estein, gekommen und hat sie dem
Baron wegstibjetzt, der sich darüber so schwer geärgert hat, dass er bald darauf
gestorben ist. Aber nun kommt das Curioseste von Allem. Denke Dir, Rosa ist kaum
wieder in ihrem Geschäft, als sie Nachts herausgeklingelt wird, von wem? von
eben dem Herrn von Estein, und zu wem? zu eben derselben Marie, die in
Kindesnöten liegt.
    Nicht möglich! rief Albert, einen Augenblick die angenommene
Gleichgiltigkeit vergessend.
    Was ich Dir sage. Rosa hat es mir damals gleich geschrieben und ich habe
mich halb todt gelacht über den Spass. Erst ein Mädchen verkuppeln und dann -
Tobias lachte diesmal gegen seine Grundsätze gerade heraus.
    Albert stimmte ein. Sehr gut, wirklich sehr gut! Vielleicht weiss Frau Rosa
auch, was aus dem Kinde geworden ist?
    Möglich, sagte Tobias, aber ich glaube, sie will nichts davon wissen. Sonst
hätte sie wohl, als Baron Harald damals in allen Blättern dem, welcher ihm über
das Verbleiben der Marie Auskunft geben könnte, eine grosse Belohnung bot, sich
gemeldet. Ich glaube, sie hat die Folgen der Geschichte gefürchtet und hat's
gemacht wie ich und reinen Mund gehalten, bis zwanzig und einige Jahre lang Gras
darüber gewachsen ist. Na, aber nun, Albertchen, ist die Reihe an Dir, mir zu
erzählen, wie Du in letzter Zeit zu Deinem Gelde kommst.
    Tausend! da fällt mir ein, dass ich noch in den Keller muss, rief Albert
aufspringend. Adieu, Tobias, ein ander Mal - ich kann wahrhaftig nicht bleiben.
    Und Albert setzte seinen Hut auf und entfernte sich eiligst, ohne sich an
das Schmollen seines Wirtes und Gastfreundes zu kehren.
 
                           Fünfunddreissigstes Capitel
Seit einigen Tagen war Helene von Grenwitz die Braut Sr. Durchlaucht, des
Fürsten Raimund von Waldernberg, Grafen von Malikowsky, Erbherrn zu Letbus.
    Vorläufig allerdings im Stillen, da es noch geraume Zeit brauchte, bis die
Präliminarien des Bundes, welcher die durchlauchtige Familie Waldernberg mit der
hochgeborenen Familie Grenwitz auf immer vereinigte, abgeschlossen waren, und
überdies die öffentliche Feier der Verlobung in der Residenz stattfinden sollte,
wohin der Fürst gleich nach Neujahr zu seinem Regiment zurückkehrte und auch die
Eltern des Fürsten - die Mutter aus Petersburg, der Vater aus Paris - zu kommen
versprochen hatten.
    So hatte die Baronin also ihr grosses Ziel glücklich erreicht, und die
triumphirende Freude darüber war ihr eine reichliche Entschädigung für alle
Demütigungen und Enttäuschungen, für alle die in Sorge und Angst durchwachten
Nächte der letzten Monate. Sie trug ihr Haupt so stolz, wie nie zuvor. Verdankte
sie doch alle Erfolge, die sie im Leben gehabt hatte, und so auch diesen letzten
grössten nur sich allein; verdankte sie doch nur ihrer Klugheit, Mässigung,
Umsicht und Schlauheit, dass sie aus einem simplen adligen Fräulein, das keinen
Pfennig im Vermögen hatte, Baronin von Grenwitz und Schwiegermutter des Fürsten
Waldernberg geworden war! Hatte sie doch ihr Leben lang nicht bloss mit den
Verhältnissen, sondern mit den ihr zunächst stehenden Personen kämpfen müssen:
mit ihrem schwachen, energielosen, für grosse Pläne unzugänglichen Gemahl, mit
ihrer stolzen, eigenwilligen Tochter! Hatte sie doch für Alle denken und sorgen,
ihnen gleichsam das Glück aufnötigen müssen!
    Die Mienen der Beglückten freilich verrieten wenig oder nichts von innerer
Freude und Erhebung; im Gegenteil, seitdem das entscheidende Wort gesprochen
war ein Schleier von Verlegenheit, ja von Unmut über ihre Mienen gefallen. Des
Fürsten dunkles Gesicht war noch um eine Schattirung dunkler geworden, und seine
schwarzen Augen hingen oft mit einem eigentümlichen unerklärlichen Ausdruck an
den schönen, stolzen Zügen seiner Verlobten, die auffallend blass und still
einherschritt und einer kalten Marmorstatue viel ähnlicher sah, als einer
glücklichen Braut. Indessen diese melancholische Stimmung schien gerechtfertigt
durch die Sorge für den Vater, der schon lange gekränkelt hatte und nun mit
einem Male sehr ernstlich krank wurde.
    In der Nacht, die dem Verlobungstage folgte, hatte der alte Herr wieder
einen Gicht - Anfall bekommen, und die herbeigerufenen Aerzte erklärten sofort,
dass sie diesmal für den Ausgang nicht stehen könnten. Seit dem Augenblick war
Helene an das Schmerzenslager des Vaters gebannt, um so mehr, als derselbe nur
sie um sich sehen, nur aus ihren Händen die Medicin nehmen, nur von ihr sein
Kissen geglättet haben wollte.
    Der frühe Winterabend begann hereinzubrechen. Auf der Strasse, die mit hohem
Schnee bedeckt war, herrschte tiefe Stille, die nur von Zeit zu Zeit durch die
Klingel eines Schlittens unterbrochen wurde. Niemand war bei dem Kranken als
Helene. Sie sass dicht an seinem Bett, hielt seine welke, in Fieber zuckende Hand
in ihren warmen, weichen Händen, und suchte, so gut es ging, seine immer grösser
werdende Unruhe zu beschwichtigen.
    Unterdessen wandelte die Baronin in dem halbdunkeln Salon des Erdgeschosses
auf und nieder. Die Krankheit ihres Gemahls gab ihr viel zu denken. Wenn der
alte Mann sterben sollte - und die Aerzte machten so sehr ernste Gesichter - so
musste sich ihre Lage sehr wesentlich verändern, aber sie war im Ganzen mit
dieser Veränderung keineswegs unzufrieden. Freilich die Ersparnisse aus den
Einkünften vom Majorat, die bis jetzt ihr und Helenen zu gute gekommen waren und
nach dem Tode des Barons bis zu Malte Einkünften vom Majorat, die bis jetzt ihr
und Helenen zu gute gekommen waren und nach dem Tode des Barons bis zu Malte's
mündigem Alter zum Capital geschlagen wurden, gingen dann verloren; aber die
Gesammtsumme dieser Ersparnisse belief sich jetzt schon auf mehrere
hunderttausend Taler, alle in guten Papieren angelegt - eine kleine Summe, wenn
man sie mit dem Majoratsvermögen verglich; aber immerhin genug, wenn man Stantow
und Bärwalde, die beiden Güter aus dem Nachlasse Harald' s dazu rechnete.
    In diesem Augenblicke wurde der Baronin ein Brief gebracht. Von Felix,
murmelte sie, einen Blick auf das Couvert werfend, und sie trat an das Fenster.
    Der Brief, offenbar von der zitternden Hand eines Kranken mühsam
geschrieben, lautete:
    Liebe Tante! Seit einigen Tagen geht es mit meinem Befinden so
spottschlecht, dass, wenn dieser Brief in Ihre Hände gelangt, ich möglicherweise
nicht mehr am Leben bin, kann man dies von Schmerz geplagte, gottverdammte
Vegetiren überhaupt noch Leben nennen. Wie 's aber auch kommt, es ist die
höchste Zeit, dass ich Ihnen über die Timm'sche Angelegenheit reinen Wein
einschenke. Timm ist nicht, wie ich Ihnen gesagt habe, bereits abgefunden; er
hat, bis das Legat Onkel Harald's verjährt ist, monatlich 400 Tlr., und dann,
wenn er bis dahin reinen Mund hält, weitere 6000 Tlr. zu fordern, die Sie ihm
geben werden, wenn Sie nicht durch den Hallunken in des Teufels Küche gebracht
sein wollen. Pro Monat November habe ich ihm bereits 400 vor meiner Abreise von
Grünwald geschickt. Ich kann nicht weiter. Ihr treuer Felix.
    Die Baronin trat vom Fenster zurück, ging an den Kamin, legte den Brief auf
die glühenden Kohlen und wartete bis die Flamme ihn erfasst und verzehrt hatte.
Dann schritt sie langsam in dem Zimmer, in welchem es bereits zu dunkeln begann,
auf und ab. Sie murmelte Verwünschungen gegen Felix, gegen Albert, gegen Oswald
leise durch die Zähne. Nicht einen Pfennig soll der Schuft haben, nicht einen
roten Pfennig! Ich werde ihn zu mir kommen lassen und es ihm in's Gesicht
sagen, und dass er sich hüten soll, noch ein einziges Wort - Was gibt's?
unterbrach sie sich, als der Bediente abermals in's Gemach trat.
    Herr Geometer Timm wünscht in Geschäftsangelegenheiten seine Aufwartung zu
machen.
    Anna-Maria schrak zusammen. Dieses ungerufene Kommen des gefährlichen jungen
Menschen sah wie eine Drohung aus. Sie hatte auf einmal alle Luft verloren,
Herrn Timm in's Gesicht zu sagen, dass er nicht einen roten Pfennig von ihr zu
erwarten habe.
    Melden Sie Herrn Timm: ich liesse sehr bedauern, ihn nicht empfangen zu
können; der Herr Baron sei gefährlich erkrankt!
    Das habe ich ihm schon gesagt, Frau Baronin; aber er meint: er müsse Sie in
wichtigen Angelegenheiten sprechen und wolle Sie nur zwei Minuten aufhalten.
    So lassen Sie ihn kommen, aber - Sie können Licht bringen, Johann, und dann
im Vorzimmer bleiben, im Fall ich etwas auszurichten hätte.
    Zu Befehl, Frau Baronin.
    Gleich darauf trat, von dem Bedienten, der die Tür wieder hinter ihm
schloss, hereingeführt, Albert Timm in das Zimmer.
    Guten Tag, oder vielmehr guten Abend, sagte der junge Mann, indem er sich
der Baronin mit scheinbar vollkommener Unbefangenheit näherte; ich bitte
tausendmal um Entschuldigung, wenn ich zu einer ungelegenen Zeit komme. Der alte
Herr ist krank, höre ich? hoffe, es wird nicht viel zu sagen haben; wäre wieder
fortgegangen; aber ich habe Ihnen in der bewussten Angelegenheit eine neue
wichtige Entdeckung mitzuteilen die keinen Aufschub verstattet. Wollen wir uns
indessen nicht setzen? Sie erlauben?
    Und Herr Albert Timm schob mit einem Ruck der Baronin einen Lehnsessel hin
und hatte sich in dem nächsten Augenblick in einen andern gesetzt.
    Anna-Maria war noch immer nicht mit sich einig, welches Benehmen sie gegen
diesen Menschen annehmen sollte. Aber sie fühlte wohl, dass man so leicht mit
Herrn Albert Timm nicht fertig werde. So nahm sie denn auf dem dargebotenen
Sessel Platz und sagte in ihrem feierlichsten Ton:
    Sie werden entschuldigen, wenn ich Sie unter den Ihnen schon vom Bedienten
mitgeteilten traurigen Umständen ersuche, sich möglichst kurz zu fassen, Herr
Geometer.
    Bitte, bitte, sagte Albert; ganz mein Fall; bin im Handumdrehen fertig. Die
Sache ist die: Ganz zufällig, wie denn überhaupt der Zufall eine merkwürdige
Rolle in dieser Angelegenheit spielt, habe ich in Erfahrung gebracht, dass zwei
Personen, die zu der Zeit, als Fräulein Marie Monbert in Grenwitz lebte, im
Dienste des Baron Harald standen und von dem Herrn Baron mit seinem ganz
besonderen Vertrauen beehrt wurden, besonders auch in die ganze
Entführungsgeschichte vollkommen eingeweiht waren, noch existiren, und wie ich
nicht zweifle, bereit sein würden, in einem etwaigen Erbschaftsprocesse vor dem
Gericht als Zeugen aufzutreten. Die Aussagen dieser Personen würden um so
schwerer in's Gewicht fallen, als sie Beide sich nicht nur des besten Leumundes
erfreuen, sondern schon durch ihre Lebensstellung besonderes Vertrauen erwecken.
Die eine dieser Personen ist Küster in hiesiger Stadt, ein allgemein geachteter
Mann; die andere - eine Frau - lebt in der Residenz und ist trotz ihres hohen
Alters noch immer in ihrem Berufe - der nebenbei ein halb ärztlicher ist -
tätig. Wenn ich überhaupt je gezweifelt hätte, dass der bewusste junge Mann
wirklich, ich meine, vor Gericht erweislich, der Sohn des seligen Baron Harald
von Grenwitz sei, so würde dieser Zweifel nach diesen neuesten Entdeckungen
vollkommen bei mir geschwunden sein, und ich glaube, Frau Baronin, dass Sie mir
darin beistimmen werden.
    Darf ich Sie ersuchen, Herr Geometer, mir zu sagen, zu welchem Zwecke Sie
mich mit diesen Mitteilungen beehren? erwiderte die Baronin mit der Ruhe,
welche sie sich in Geschäftsverhandlungen zur unumstösslichen Pflicht gemacht
hatte.
    Recht gern, Frau Baronin; ich komme eigentlich nur deshalb. Sie wissen, dass
man für einen Vogel in der Hand mehr fordern kann, als für einen, der vorläufig
noch auf dem Dache sitzt, und dass, wer ein Ding billiger verkauft, als er wert
ist, gerechten Anspruch auf den Titel eines Narren hat. Nun kennen Sie die
Bedingungen, unter denen ich Baron Felix versprochen habe, in der bewussten
Erbschaftsangelegenheit reinen Mund zu halten -
    Verzeihen Sie, dass ich Sie unterbreche, Herr Geometer. Ich weiss nichts von
solchen Bedingungen; ich habe meinem Neffen Auftrag gegeben, Sie, einzig und
allein zu dem Zweck, uns vor Ihnen Ruhe zu verschaffen, durch irgend eine
beliebige Summe abzufinden, und mein Neffe hat mir noch vor seiner Abreise die
Versicherung gegeben, dass diese Angelegenheit definitiv erledigt ist. Ich muss
Sie also ein für allemal bitten, nicht wieder auf abgetane Sachen
zurückzukommen und mich zu entschuldigen, wenn ich Sie heute nicht länger mehr
bei mir sehen kann.
    Die Baronin wollte sich erheben, als Albert mit einem so scharfen,
schneidenden Tone sagte: Bitte, behalten Sie noch einen Moment Platz, Frau
Baronin! dass sie diesem Befehl halb aus Verwunderung und halb aus Furcht Folge
leistete.
    Ich habe es satt, länger mit mir spielen zu lassen; fuhr Albert in demselben
Tone fort. Wenn Baron Felix Ihnen nicht gesagt hat, was wir untereinander
abgemacht haben, so ist er einfach zu feig dazu gewesen. Uebrigens kommt auch
gar nichts darauf an, ob Sie die alte Verabredung kennen oder nicht: denn ich
komme gerade deshalb, um Ihnen zu sagen, dass ich nach den neuesten Entdeckungen
nicht länger gesonnen bin, Sie so leichten Kaufes los zu lassen. Ich fordere
jetzt rund und klar vierzigtausend Taler, zahlbar binnen hier und vierzehn
Tagen: und ersuche Sie, mir eben so rund und klar zu antworten, ob Sie zahlen
wollen oder nicht.
    Diese Unverschämteit geht zu weit, sagte Anna-Maria, sich von ihrem Sitz
erhebend und nach der Schelle, die neben ihr auf dem Tische stand, greifend.
    Lassen Sie das Ding stehen, sagte Albert; das Klingling könnte Ihnen teuer
zu stehen kommen. Bedenken Sie wohl, was Sie tun! Wenn wir aufhören, gute
Freunde zu sein, so gibt's einen Kampf auf Tod und Leben; und seien Sie
versichert: Albert Timm gibt keinen Pardon. Noch einmal: wollen Sie zahlen,
oder nicht?
    In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet. Der Bediente trat mit zwei
brennenden Armleuchtern herein, dicht hinter ihm kam der Fürst. Der Bediente
stellte die Leuchter auf den Tisch und entfernte sich; der Fürst bemerkte erst,
als er das halbe Zimmer schon durchschritten hatte, dass ausser der Baronin noch
Jemand da war.
    Ah pardon, Madame, sagte er, ich glaubte von dem Bedienten zu vernehmen, dass
Sie allein seien. Befehlen Sie, dass ich mich wieder entferne?
    Nicht doch, mein Fürst, erwiderte Anna-Maria, ich habe mit dem jungen
Menschen nichts mehr zu reden, und sie machte gegen Albert eine Handbewegung,
die ausdrücken sollte, dass er entlassen sei.
    Herr Albert Timm wedelte mit dem Hut, den er in den auf den Rücken gelegten
Händen hielt und sagte, den einen Fuss ein wenig vorstreckend:
    Es scheint mir, gnädige Frau, Sie wollen, dass ich meine letzte Frage in
Gegenwart dieses Herrn wiederhole?
    Wer ist der junge Mensch? fragte der Fürst, einigermassen verwundert über
Alberts Benehmen und das aufgeregte Wesen der Baronin.
    Ein Mensch, antwortete diese, der uns seit einiger Zeit unter dem Vorwande,
im Besitz von Gott weiss welchen Familiengeheimnissen zu sein, mit unverschämten
Forderungen verfolgt, so dass ich mich wohl genötigt sehen werde, die Polizei
gegen ihn in Anspruch zu nehmen.
    Der Fürst blickte Albert aus seiner stattlichen Höhe herab von oben bis
unten an, ging dann langsam nach dem Tisch, nahm das silberne Glöckchen und
schellte.
    Der Bediente trat sofort herein.
    Führen Sie diesen Menschen hinaus! sagte der Fürst.
    Der Bediente war über diesen Befehl so erstaunt, dass er nicht wusste, ob er
recht gehört hatte, oder nicht. Er blickte mit einem verlegenen Gesicht von dem
Fürsten auf Herrn Albert Timm, der noch immer, mit dem Hute wedelnd, ruhig
dastand; von Herrn Albert Timm auf den Fürsten.
    Haben Sie nicht gehört, sagte dieser Letztere, die schwarzen Brauen drohend
zusammenziehend.
    Der Mann trat einen Schritt auf Timm zu.
    Ich will Ihnen die unangenehme Alternative, von mir die Nase eingeschlagen
zu bekommen oder aus dem Dienst gejagt zu werden, ersparen, guter Freund, sagte
Albert; und deshalb selber gehen. Was Sie anbetrifft Frau Baronin, so sprechen
wir uns in kurzer Zeit wieder, aber aus einem andern Ton; und was Sie angeht,
junger Mensch, so möchte ich Ihnen den guten Rat geben, sich künftig nicht in
Angelegenheiten zu mischen, die Sie trotz der pompösen Airs, die Sie sich geben,
durchaus nichts angehen.
    Der Fürst machte eine Bewegung nach seiner linken Seite hin.
Glücklicherweise hatte er den Degen im Vorzimmer abgelegt. Albert aber wartete
weitere Entschliessungen des Schwergereizten nicht ab, sondern verliess mit einer
spöttischen Verbeugung das Gemach.
    Der Fürst sah ganz verblüfft drein, die Baronin blickte verlegen zu Boden.
    So etwas könnte bei uns in Russland nicht vorkommen, sagte der Fürst.
    Ich bedaure, dass Sie der Zufall zum Zeugen einer so unangenehmen Scene
gemacht hat, sagte die Baronin.
    In diesem Augenblick kam der Bediente schreckensbleich wieder in's Zimmer
gestürzt und rief atemlos:
    Gnädige Frau, kommen Sie geschwind, der gnädige Herr liegt im Sterben!
    Oh mon Dieu! rief die Baronin. Wo ist meine Tochter?
    Fassung, Madame, Fassung! sagte der Fürst. Ertragen Sie, was ertragen werden
muss! Wollen Sie sich auf meinen Arm stützen? Sie da, leuchten Sie uns!
 
                          Sechsunddreissigstes Capitel
Um dieselbe Zeit waren in der Conditorei neben der Hauptwache am Markt - der
Versammlungsorte der Grünwalder jeunesse dorée - zwei Herren eifrig am
Billardtische. Die beiden Herren waren von Barnewitz und von Cloten. Von Cloten,
welcher in allen Künsten sich auszeichnete, die keinen guten Kopf, sondern nur
ein scharfes Auge und eine sichere Hand erfordern, hatte seinem Gegner alle
Partien abgenommen und war in einer ebenso vortrefflichen Stimmung, als der
Andere ärgerlich drein schaute.
    Noch eine, Barnewitz? sagte Cloten triumphirend, als er eben die zwölfte
Partie mit einem glänzenden Ball beendigt hatte.
    Danke! sagte Barnewitz, seine Queue auf das Billard werfend; bin heute nicht
in der rechten Stimmung; kann überhaupt bei dem verdammten Zwielicht nicht gut
spielen.
    Wollen uns die Lampen anstecken lassen.
    Nein, danke! ein andermal! Kannst mir morgen Vormittag Revanche geben.
    Cloten legte jetzt seine Queue ebenfalls hin, trat vor den Spiegel und
drehte sich den blonden Schnurrbart, während Barnewitz sich auf ein Sopha warf
und gähnte.
    'S ist verdammt langweilig, sagte er; man weis doch bei Gott nicht, wie man
den Nachmittag hinbringen soll.
    Wollen spazieren gehen.
    Bei der Hundekälte?
    Partie Piquet?
    Ist auch langweilig.
    'ne Flasche Rotspon?
    Geht schon eher.
    Ernst! eine Flasche Pichon und Licht! der Kellner brachte das Verlangte.
Cloten warf sich Barnewitz gegenüber in einen Lehnstuhl und streckte die Beine
von sich.
    Nun?
    Nun?
    Weisst du nichts?
    Nein; Du?
    Nein.
    Eine lange Pause trat ein, während derer die Herren schweigend ihrer Wein
schlürften und ihre Cigarren rauchten.
    Wie geht's deiner Frau, Cloten? fragte von Barnewitz plötzlich.
    Danke gut; weshalb? erwiderte Cloten, über diese brüske Frage nicht wenig
verwundert.
    Nun, man wird doch nach Deiner Frau fragen dürfen; aber ist auch das nicht
einmal erlaubt?
    Allerdings, aber wie kommst Du darauf?
    Weil sie in den letzten Tagen so ausserordentlich liebenswürdig war.
    Ist das etwas so Merkwürdiges? fragte Cloten, nicht ohne einige Verlegenheit
seinen Schnurrbart drehend.
    Gewiss; denn sie hatte die Zeit vorher Alle, Dich nicht ausgenommen, so
schauderhaft tractirt, dass man über diesen plötzlichen Wechsel einigermassen
erstaunt sein durfte. Uebrigens ist's nicht mir allein aufgefallen, alle Welt
spricht darüber.
    Die Wellt sollte sich doch nur an ihre eigene Nase fassen, sagte Cloten, mir
vor Aerger zitternder Hand sein Glas füllend.
    Gewiss; aber sie tut's nun einmal nicht.
    Der Teufel soll sie holen.
    Meinetwegen; aber wenn Du lieber von etwas Anderem sprechen willst, wir
ist's recht. Ich dachte nur, dass ich, als Dein ältester Freund, die Pflicht
hätte, Dich auf gewisse Dinge aufmerksam zu machen.
    Nun, so komm endlich einmal heraus mit der Sprache, was soll's was gibt's?
    Ich werde mich wohl hüten, wenn Du bei dem ersten Worte schon in eine so
verteufelte Aufregung gerätst.
    Ich bin nicht aufgeregt, rief Cloten und stiess sein Glas auf den Tisch, dass
der Fuss abbrach und der Wein auf die Platte strömte.
    Du bist ein wunderlicher Mensch, sagte Barnewitz. Warte doch, bis Du Ursache
hast, Dich zu ereisern. Was ist's denn bis jetzt? Man erzählt sich, dass Ihr
nicht gerade Seide mit einander spinnt, dass Deine Frau ihre eigenen Wege geht,
dass Ihr Euch manchmal zankt, und so weiter!
    Wer erzählt sich das?
    Alle Welt.
    Und was glaubst Du davon?
    Barnewitz zuckte die Achseln.
    Ich möchte Dir nicht gern weh tun, Artur; aber leugnen kann ich's nicht,
dass mir das Betragen Deiner Frau höchst verdächtig vorkommt. Es scheint mir, wie
so ziemlich unserem ganzen Kreise unzweifelhaft, dass sie irgend ein Verhältnis
hat, und ich glaube auch, dass ich in Beziehung auf die Person die richtige
Fährte habe.
    Ich beschwöre Dich, dass Du mir Alles sagst, was Du weisst, sagte Cloten mit
patetischer Geberde.
    Erinnerst Du Dich der Gesellschaft, die ich im Sommer gab? Aber, was
solltest Du nicht; wir wollten uns ja damals gegenseitig die Köpfe einschlagen!
Nun, schon auf dieser Gesellschaft hat Deine Frau mit dem verdammten Bengel, dem
Doctor Stein auf eine Weise coquettirt, dass es Allen auffiel, auch mir. Ich
hatte die Sache indessen vollkommen vergessen, bis ich gestern wieder daran
erinnert wurde. Ich war gestern, wie Du Dich erinnerst, früher von Stilow's
weggegangen, weil mir, offen gestanden, der Wein zu schlecht war und ich grossen
Durst hatte. So geriet ich denn in den Ratskeller, wo die Gesellschaft
freilich gemein genug, der Wein aber vortrefflich ist. Es sassen so ein Dutzend
Menschen: Literaten, Schauspieler und sonstiges Gesindel um einen Tisch, unter
ihnen unser alter Bekannter, der Feldmesser Timm, der das grosse Wort führte. Ich
setzte mich in einiger Entfernung, liess mir ein paar Dutzend Austern und eine
Flasche Champagner geben und hörte zu, weil ich wohl zuhören musste. Sie sprachen
Gott weiss was für verrücktes Zeug, von dem ich kein Wort verstand, und wollte
eben einnicken, als plötzlich Dein Name genannt wurde, oder vielmehr nicht dein
Name, sondern der Deiner Frau. Natürlich war ich sofort wieder hell wach. - Wer
ist das? fragte Einer. Eine ganz famose Person, sagte Timm. - Nun, und die
poussirt Freund Stein? - So ist es. - Ein verteufelter Kerl, dieser Stein. - Wie
ist er denn an die gekommen? Das ist eine lange Geschichte, sagte Timm, und nun
steckten sie die Köpfe zusammen und sprachen so leise, dass ich das Uebrige nicht
verstehen konnte. Jedenfalls lachten sie dabei wie toll, und ich hatte grosse
Luft, ihnen meine Flasche an die Köpfe zu werfen.
    Weshalb hast Du's nicht getan? fragte Cloten.
    Ich fange in einem fremden Lokal nicht gerne Skandal an; es ist mir zu oft
schlecht bekommen, erwiderte Barnewitz, sich den Rest in sein Glas giessend.
    Eine Pause entstand, die Cloten mit den in heftigem Ton ausgestossenen Worten
unterbrach: Ich glaube kein Wort von alldem!
    Barnewitz zuckte die Achseln.
    Es ist auch das Beste, was Du tun kannst.
    Ich verbitte mir dergleichen! rief Cloten auffahrend.
    Ich sage nichts, als was die Welt sagt; erwiederte Barnewitz, sein Glas
behaglich schlürfend.
    Du meinst wohl: über Dich sagt die Welt nichts? fragte Cloten höhnisch.
    Was sagt die Welt von mir? rief Barnewitz, jetzt ebenfalls aufspringend. Der
Teufel soll den holen, der es wagt - und ich dächte, Du hättest vor Allen Grund,
Deinen Mund zu halten.
    Grund oder nicht. Ich sehe nicht ein, weshalb ich nicht eben so gut sprechen
darf, wie Du.
    Du! sagte Barnewitz, die Hände in die Taschen steckend, mit höhnischem
Grinsen; Du denkst wohl Wunder, welches Glück Du bei den Damen machst.
    Die Herren waren gezwungen, ihren Wortwechsel abzubrechen, denn gerade jetzt
wurde die Tür zum Billardzimmer geöffnet und der Professor Jäger, nachdem er
durch seine runden Brillengläser eine vorsichtigen Blick hineingeworfen, schlich
in das Gemuch.
    Auf des Professors blassem Gesicht trat heute das stereotype Lächeln mit den
heruntergezogenen Mundwinkeln um so mehr hervor, als er sich offenbar Mühe gab,
die Stirn in die ernstesten Falten zu legen und durch die runden Brillengläser
möglichst melancholisch drein zu schauen.
    So näherte er sich den beiden Edelleuten, machte ihnen eine sehr
verbindliche Verbeugung und sagte:
    Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, wenn ich die Herren störe, indessen
-
    Kommen Sie her, Professor, sagte Barnewitz, der sehr froh über diese Störung
war, trinken Sie ein Glas Pichon mit; Kellner, noch eine -
    Bitte, bitte, danke ergebenst, bedaure nochmals unendlich, dass ich die
Herren in diesem gemütlichen Plauderstündchen unterbreche; indessen ich hörte
in Ihrem Hause, Herr von Cloten, dass ich Sie hier finden würde, und eine Sache
von Wichtigkeit, die ich Ihnen mitzuteilen habe -
    Geniren sich die Herren nicht, sagte Barnewitz, ich gehe so lange in's
Lesezimmer.
    Bitte, bitte - ich habe nur drei Worte -
    Na, immerzu, ruft mich nur, wenn Ihr fertig seid.
    Mit diesen Worten ging Barnewitz in das Nebengemach, wo er, die Ellenbogen
auf den Tisch und das Haupt in die Hände gestemmt, sich in die Lectüre des
Grünwalder Amtsblattes vertiefte.
    Er war kaum fort, als Professor Jäger sich zu Cloten wandte und in
geheimnisvollem Flüsterton sagte:
    Herr von Cloten, ich habe Ihnen eine Nachricht mitzuteilen, die Sie
erschrecken wird.
    Cloten wurde blass und trat einen Schritt zurück. Sein erster Gedanke war,
dass sein Pferdestall in Brand geraten und Arabella und Macdonald, seine beiden
Vollblutpferde, ein Raub der Flammen geworden. Aber der Professor liess ihn nicht
lange in dieser schrecklichen Ungewissheit, sondern sagte mit hohler Stimme, die
Mundwinkel so tief herunterziehend, dass sie unter dem Kinn wieder
zusammenzustossen schienen:
    Ihre Frau Gemahlin -
    Ha! rief Cloten, was soll's, was gibt's?
    Ich weiss es nicht, erwiderte Jäger, aber ich fürchte Schlimmes. Sehen Sie
dieses Blatt; ich hab' es so eben auf dem Schreibtisch meiner Frau gefunden, -
doch bevor ich Ihnen, was auf dem Blatte steht, vorlese, schwören Sie mir, dass
Sie nie sagen wollen, von wem diese Nachricht ursprünglich stammt.
    Ich schwöre, was Sie wollen, sagte Cloten, was hat's mit dem Blatt auf sich?
    Gleich, gleich, lassen Sie mich nur erst sagen, dass seit einigen Monaten
eine Freundschaft zwischen Ihrer Frau Gemahlin und meiner Frau entstanden war,
deren Intimität mich einigermassen in Verwunderung setzte, besonders nachdem ich
bemerkt hatte, dass sich zu diesen Zusammenkünften, die rein poetische Zwecke
verfolgen sollten - Sie wissen, Herr von Cloten, dass meine Frau Directrice des
lyrischen Kränzchens ist - stets, oder doch wenigstens sehr oft, eine dritte
Persönlichkeit gesellte, gegen die ich, offen gestanden, von früher schon eine
unüberwindliche Antipatie hatte. Diese Persönlichkeit ist -
    Der Doctor Stein, weiss schon, weiter, sagte Cloten mit atemloser Hast.
    Sie wissen schon - in der Tat, sagte der Professor mit einem Lächeln, das
unheimlich hinter den Brillengläsern hervorglitzerte; o, so ist mir ja der
schwerste Teil meiner Mitteilungen erspart. Nun, Herr von Cloten, wenn Sie es
bereits wissen, will ich nicht weiter erwähnen, wie in meine ahnungslose Seele
der erste Feuerfunke des Verdachtes fiel, wie dieser Funke durch mancherlei
höchst eigentümliche Beobachtung zur Flamme angeschürt wurde, die mein Herz,
das für das Glück meiner Brüder schlägt - hier legte der Professor die
schwarzbehandschuhte Hand auf die linke Brust - zu verzehren drohte. Meiner Frau
den Umgang mit der betreffenden Persönlichkeit zu verbieten, wagte ich nicht.
Sie wissen, Herr von Cloten, Dichtergemüter sind exaltirt, und der ästetische
Standpunkt, -
    Aber ich bitte Sie, Herr Professor, kommen Sie zur Sache, rief Cloten, was
steht denn auf dem Blatte?
    Gehen Sie! sagte Jäger, das Papier auseinanderfaltend, es ist das Concept
eines Gedichtes, das ich, noch nass, auf dem Schreibtisch meiner Frau, die, wie
mir das Mädchen sagte, einen Besuch zu machen, ausgegangen war, so eben fand.
Darf ich es Ihnen lesen?
    Ja, in des Teufels Namen, rief Cloten; obgleich ich nicht begreife -
    Sie werden es sofort; erwiederte der Professor Jäger, rückte sich seine
Brille zurecht, schob das Licht etwas näher und las mit halblauter, schnarrender
Stimme, während ihm der junge Edelmann über die Achsel auf das Papier sah:
Grünwald, den zehnten December 1847 - Sie sehen, das Datum stimmt genau.
                          In's Album einer Fliehenden.
Du fliehst! - es leuchten die funkelnden Sterne
Bei der sausenden Jagd durch kimmerische Nacht;
Du fliehst! und ach, es folgte Dir gerne,
Die so treu deine heimliche Liebe bewacht!
Doch die eh'lichen Ketten, die harten, die kalten,
Mich fest auf dem Lager, dem freudlosen, halten -
Du fliehst - ich bleib in kimmerischer Nacht.
Sie sehen diese poetischen Uebertreibungen einer sonst so keuschen, liebevollen
Seele, sagte der Professor, der die letzten Verse mit etwas unsicherer Stimme
gelesen hatte.
    Weiter, weiter, rief Cloten.
    Der Professor fuhr fort:
Du fliehst! es blitzen die schnee'gen Gefilde,
Es donnert der Huf auf der Fläche von Eis,
Es schreckt Dich die Nacht nicht, die schaurige, wilde,
Es lockt Dich der Liebe unendlicher Preis.
Du fliehst! und mit Recht, was soll denn die Stolze,
Die Schöne beim Gatten, der Puppe aus Holze
Und Leder? was soll ihr ein Lager von Eis?
Das geht auf mich! sagte Cloten vor Wut mit den Zähnen knirschend.
    Ohne Zweifel, ohne Zweifel, erwiederte der Professor, aber hören Sie weiter!
Du fliehst! und drüben am felsigen Strande,
Im Häuschen der Amme, so traut und so klein,
Da fallen die schweren, die fesselnden Bande,
Da nennst Du ihn Dein, da nennt er Dich sein.
Da stürzen die feurigen Bäche zusammen,
Da lohen zum Himmel die sprühenden Flamen,
In der Kammer der Alten, so nieder und klein.
Du fliehst! doch ach! nicht dort ist der Hafen;
Zu nah ist der Späher; sein Auge, es wacht;
Wollt Ihr selig den Schlaf der Vergessenheit schlafen,
Flieht, bis ein milderer Himmel Euch lacht!
Flieht bis zur »Seine« geweihetem Strome,
Wo »Notre-Dame« vom heiligen Dome
Mit Mutteraug' über Liebende wacht.
Der Professor faltete das Blatt zusammen, schob es wieder in die Tasche und
sagte:
    Dieses Gedicht machte mich, der ich die Dichtweise meiner Gattin kenne und
weiss, dass sie ihre Stoffe gern aus dem Leben nimmt, sehr bestürzt. Wie erschrak
ich aber, als ich, von dem Vorrechte des Gatten Gebrauch machend und weiter
zwischen den umhergestreuten Papieren kramend, dies Zettelchen fand - hier fasste
der Professor in die Westentasche - kennen Sie diese Handschrift, Herr von
Cloten?
    Es ist die Hand meiner Frau! rief der junge Edelmann, einen Blick auf das
Papier werfend: Es bleibt bei der Verabredung, liebe Primula! Alles ist bereit.
Rendezvous drüben bei der Lemberg. Morgen um diese Zeit liegt eine Welt zwischen
uns. Werde ich Sie noch einmal umarmen? Ich bin bis drei Uhr zu Haus. Gern, sehr
gern sähe ich Sie - aber dürfen Sie es wagen, ohne Verdacht auf sich zu lenken?
Ich überlasse es Ihnen. Adieu, adieu, Teuerste! Noch heute frei! O, ich kann
den Gedanken nicht fassen. Adieu! tausendmal adieu! - Himmelhöllenelement! rief
Cloten, das Papier in der Hand zerknitternd und in die Tasche steckend. Jetzt
wird mir Alles klar! wusste ich doch gar nicht, was dies ewige Besuchen der alten
Person in Fährdorf zu bedeuten hatte! Aber ich will ihnen das Spiel verderben;
ich will -
    Da Herr von Cloten in diesem Augenblick so recht eigentlich noch nicht
wusste, was er wollte, schwieg er und lief wie ein von heftigen Zahnschmerzen
Geplagter im Zimmer auf und ab.
    Professor Jäger betrachtete ihn, den Kopf auf die rechte Schulter geneigt
und die Hände ineinanderlegend, durch seine runden Brillengläser, wie eine Eule
das Flattern eines Gimpels, der sich auf einer Leimrute gefangen hat.
    Sie können nicht glauben, teuerster Herr von Cloten, sagte er, wie tief
meine Seele über dies Alles betrübt ist, und glauben Sie, ich hätte gewiss
geschwiegen, wenn es nicht eines guten Schäfers Pflicht wäre, das Lamm aus dem
Rachen des Wolfes zu reissen. Denn ein Wolf ist dieser Mensch. Ich habe ihn vom
ersten Augenblick als solchen erkannt; aber man wollte ja nicht auf mich hören.
Jetzt kommt es an den Tag. Noch diesen Morgen war der Canonicus Schwarz, einer
der Scholarchen des Gymnasiums, bei mir und erzählte mir, dass auf Antrag des
Director Clemens bereits eine Disciplinaruntersuchung gegen den entsetzlichen
Menschen eingeleitet sei, deren Resultat ohne allen Zweifel die Entlassung, die
schimpfliche Entlassung desselben zur Folge haben werde; und während ich noch
überlege, wie man am besten, am schlagendsten documentiren könne, dass man den
Wolf in Schafskleidern wohl erkannt habe, muss mir eben jetzt den Zufall diese
Papiere in die Hände spielen, die den klarsten Beweis liefern, dass alles
Schlimmste, was man diesem Menschen nachsagte, noch immer nicht schlimm genug
war. Ich wusste vom ersten Augenblick an, was die Pflicht mir gebot. Sicher, dass
meine Gattin nie erfahren werde, wie ich sie so zu sagen in dieser Sache
blossgestellt habe; der Discretion eines Edelmanns gewiss, eilte ich -
    Ich muss Barnewitz mit in's Vertrauen ziehen, rief plötzlich Cloten; und er
machte eine Bewegung nach dem Zimmer, in welches sich Barnewitz zurückgezogen
hatte.
    Um Gott, Herr von Cloten, rief der erschrockene Professor, wollen Sie mich
unglücklich machen? Bedenken Sie, Sie haben geschworen, mich und meine Frau
nicht zu verraten -
    Dummes Zeug, sagte Cloten, Sie wollen doch nicht, dass ich allein mich auf
eine solche verdammte Geschichte - Barnewitz!
    Was gibt's? sagte der Gerufene, von seinem Amtsblatt aufschauend.
    Komm einmal her! Ich habe Dir etwas Wichtiges mitzuteilen.
    Barnewitz kam, und Cloten erzählte ihm mit fliegenden Worten, um was es sich
handle, während der Professor, sich verlegen die Hände reibend, daneben stand.
    Es ist kein Zweifel schloss Cloten, ich will's nur gestehen, ich habe auch
schon einen ähnlichen Verdacht gehabt; freilich auf den Halunken, den Stein,
wäre ich nicht gefallen. Aber es trifft Alles ein. Ich weiss, das sie heute
wieder nach Fährdorf hinüber wollte, und jetzt fällt mir ein, dass sie ganz gegen
ihre Gewohnheit ausdrücklich sagte, sie würde vor Abend nicht zurückkommen und
da Du nun gestern Abend auch - o, es ist kein Zweifel, kein Zweifel! was soll
ich tun? was soll ich tun? - und der junge Mann schlug sich mit der geballten
Faust vor die Stirn.
    Was Du tun sollst? sagte Barnewitz; sie laufen lassen, wohin sie will.
    Verzeihen Sie, sagte der Professor, das würde einen ungeheuren Skandal
geben, dem jetzt meiner Meinung nach durch energisches Handeln noch vorgebeugt
werden kann.
    Der Professor hat Recht, sagte Cloten; wir dürfen sie nicht weg lassen; aber
ich allein - willst Du mir helfen, Barnewitz?
    Avec plaisir, antwortete Barnewitz, ich habe so stets eine Pique auf den
Bengel gehabt.
    Aber periculum in mora, meine Herren. Sie müssen sich sofort auf den Weg
machen; sagte der Professor.
    Das wollen wir, sagte Cloten; komm Barnewitz, ich kann Dir unterwegs
mitteilen, was ich für einen Plan entworfen habe. Der Professor begleitet uns
noch ein Streckchen.
    Recht gern, recht gern, erwiderte der Professor: meine Zeit ist freilich
beschränkt, sehr beschränkt. Ah, - zu dieser Tür hinaus; bitte, bitte, gehen
Sie voran!
    Und die drei Herren verliessen eiligst das Local.
 
                          Siebenunddreissigstes Capitel
Die breite Eisfläche zwischen dem Festlande und der Insel war seit Wochen schon
eine ungeheure Brücke. Man hatte beinahe vergessen, dass der Fuss auf gefrornes
Wasser trat und der Huf des Pferdes so laut an die Tür über dem Abgrunde
pochte. Was sollte man auch fürchten, wenn man die dicken Blöcke sah, welche die
Fischer zur Warnung um die für die Fische ausgehauenen grossen Löcher stellen,
vorausgesetzt, dass man nicht unvorsichtigerweise hineinlief, oder fuhr, was doch
am Tage kaum möglich war. Und so lange nun die schrägen Wintersonnenstrahlen auf
dem blanken Eise glitzern, das rechts und links von der Stadt meilenweit den
Sund bedeckt, wimmelt es auf »der Bahn« von Fussgängern und Schlitten, die
meistens mit einem, oft aber auch mit zweien und gar nicht selten mit vier
Pferden bespannt sind.
    Wenn aber die Sonne untergegangen ist, wenn dann die Nebel anfangen, dichter
zu wallen, wird der schwarze bewegliche Faden, der sich den Tag über von der
Stadt nach dem Fährdorfe zog, dünner und dünner. Die Fischer, die meilenweit
draussen in den Waken gefischt haben, kommen auf ihren niedrigen Schlitten
herein. Aufrecht auf diesen Schlitten stehend, die sie mit einer langen, unten
mit einer eisernen Spitze versehenen Stange forttreiben, huschen sie mit
wunderbarer Geschwindigkeit, einer hinter dem andern, durch den grauen Nebel,
anzuschauen wie Gespenster der Oede, wie Geister des Nordlands. Und jetzt
leuchten hüben und drüben lichter auf, vereinzelt vor der Insel her, auf der
Stadtseite häufiger und weiterhin sichtbar; und jetzt beginnen auch die Sterne,
die vorher nur hier und da aus dem Abendhimmel herabschauten, in Masse zu
glänzen und zu funkeln und zu schimmern, dass sich das Auge nicht satt sehen kann
an dieser Pracht. Aber es achtet Niemand darauf. Der schwarze bewegliche Faden
ist verschwunden, nur hier und da noch ein verspäteter Wanderer, der seine
Schritte beschleunigt, obgleich er weiss, dass ihm kein Unglück passiren kann,
wenn er sich auf der Bahn hält; oder ein einspänniger Schlitten, wie sie zur
Vermittelung des Verkehrs von Fischern und Fährleuten in grosser Anzahl während
des Winters ausgerüstet und vom Publicum eifrigst benutzt werden.
    Ein solcher Schlitten fuhr jetzt eben in schnellem Trabe durch den Abend
dahin, der mit jedem Augenblicke dunkler und nebliger auf die Eisfelder
herabsank. In dem Schlitten sass ausser dem Fuhrmann nur noch ein Passagier, der
eine Pelzmütze tief in das Gesicht gedrückt und den Mantelkragen hoch
herausgeschlagen hatte.
    So lange sie in der Nähe des Hafens noch heimkehrenden Schlitten und
Fussgängern begegneten, wurde zwischen dem Fuhrmann und seinem Passagier kein
Wort gewechselt; als sie aber draussen hinauskamen auf die weite Eiswüste, die
Lichter der Stadt hinter ihnen im Nebel verdämmerten und der Hufschlag des
krausmähnigen Kleppers dumpfer ertönte, richtete sich der Herr aus seiner Ecke
auf und sagte:
    Alles in Ordnung, Claus?
    Alles, Herr! erwiderte der Bursche, sich halb auf seinem Sitze umwendend.
    Hast Du von deinem Vetter Nachricht?
    Ich bin gestern selbst noch einmal da gewesen; er wird Schlag fünf bei Barow
am Strande halten. Er nimmt seine beiden besten Pferde. Sie können damit in
einem Trabe bis morgen um diese Zeit fahren.
    So viel braucht's gar nicht. Du kennst doch die Bahn bis Barow?
    Ob ich sie kenne! ich bin alle Tage herüber gewesen. Aber ich möchte einem
der keinen Bescheid weiss, nicht raten, nach der Seite zu fahren.
    Weshalb?
    Die Barower haben Wake bei Wake in's Eis gehauen, und wo sie aufhören,
sangen unsere Fähr'schen an. Man hat rechts und links immer blankes Wasser neben
sich. Hü, Foss!
    Der Klepper beschleunigte sein Tempo, und die beiden Männer versanken in
Schweigen. Beide spähten und horchten in die Nacht hinein, aber mit sehr
verschiedenen Empfindungen. Für Claus Lemberg war das Ganze ein vergnügliches
Abenteuer, das ihm ungemein zusagte, da es seine starken Nerven auf wohltuende
Weise anregte und diejenigen Eigenschaften seines Charakters, auf welche er am
meisten Gewicht legte: Mut und Verschlagenheit zur Geltung brachte. Der Andre
war sich bewusst, einen Schritt zu tun, der über sein Schicksal und über das
Schicksal eines anderen Wesens entscheiden musste, einer Frau, die sich durch
ihre hingebende, aufopfernde liebe Anspruch auf seiner Liebe erworben hatte, die
Rang und Reichtum - jeden Vorzug ihrer Geburt und ihres Standes vor sich
geworfen hatte, um ihm, nur ihm zu gehören, und die dort drüben von wo jetzt die
Lichter herüberzuschimmern begannen, voll Angst und Sorge seiner harrte. Und so
war denn auch sein Herz voll schwerer Sorge. Er hatte die Brücke hinter sich
abgebrochen; er eilte in eine Zukunft hinein, die so schwarz war, wie die Nacht,
die ihn umgab, aber bei weitem nicht so voll heller, funkelnder Sterne. Doch
gleichviel - der Würfel ist geworfen; zurück geht's nicht mehr, so denn
vorwärts, vorwärts. - Was ist das! ist das nicht ein Schlitten, der hinter uns
her kommt?
    Oswald richtete sich halb in die Höhe und lauschte, aber Claus' scharfes Ohr
hatte schon die Richtung erfasst, aus welcher der Schall kam.
    Es ist ein zweispänniger Schlitten von drüben, sagte er, etwas rechts aus
der Bahn biegend; die Pferde greifen gut aus; gleich werden wir d'ran sein.
    Fast unmittelbar darauf sahen sie auch schon den Schlitten; - eine dunkle
Masse, die durch die Nacht blitzschnell dahinglitt. Als sie einander vorüber
kamen, fragte eine Stimme:
    Wir sind doch auf der Bahn?
    Nur immerzu! war Claus' Antwort.
    Und das Eis hält für zwei Pferde?
    Auch für vier.
    Danke!
    Keine Ursach!
    Und die Schlitten setzten sich wieder in rasche Bewegung.
    Sonderbar, murmelte Oswald; mir war, als ob ich Oldenburgs Stimme gehört
hätte. Welch wunderliche Streiche einem die Phantasie doch spielt.
    Die noch übrige Strecke bis Fährdorf wurde wieder schweigend zurückgelegt.
In wenigen Minuten langten sie an. Aus den Häuserchen oben auf dem Uferrande
schimmerten Lichter. Unten an der Fährbrücke, wo das Gastaus steht, ging es
noch lebhaft zu. Die Fenster waren erleuchtet; Musik ertönte; Schlitten standen
vor der Tür.
    Claus hielt; Oswald stieg aus.
    Ich fahre am Strande hin, bis zu unserem Hause, sagte Claus, und warte, bis
Sie kommen. Aber eilen Sie sich. In einer halben Stunde geht der Mond auf.
    Hab' keine Sorge. Wir wollen Dich nicht warten lassen.
    Oswald ging an dem Gastause vorüber die steile Dorfstrasse hinauf, bog dann
links ab und eilte an den kleinen Häusern, die hart am Rande des Ufers erbaut
sind, dahin, bis er an das letzte derselben kam. Durch eine Ritze des Ladens,
mit dem das niedere Fenster verschlossen war, dämmerte ein schwaches Licht.
Oswald pochte dreimal in bestimmten Zwischenräumen an den Laden. Gleich darauf
wurde die Tür, vorsichtig geöffnet. Oswald schlüpfte hinein. Auf dem Flur stand
eine alte, hochgewachsene, starkknochige Frau, mit einem Licht in der Hand;
neben ihr eine junge schlanke Gestalt, die sich Oswald, sobald er eingetreten
war, in die Arme stürzte:
    Kommst Du endlich?
    Ich komme auf die Minute.
    Gleichviel; ich bin fast gestorben von Ungeduld.
    Ist Alles bereit?
    Ja.
    Hat Dich Jemand gesehen, als Du fortfuhrst?
    Niemand, ausser der Jägerin. Sie wollte mich durchaus herüber begleiten; ich
konnte es ihr nicht ausreden. Sie ist drinnen im Zimmer.
    Die tolle Person.
    Schilt sie nicht, wir sind ihr viel Dank schuldig; sei freundlich zu ihr.
    Sie wird die Verfolger auf unsere Spur bringen.
    Ich fürchte nichts. Cloten ist ganz sicher. Ich habe ihm gesagt, dass ich vor
Abend nicht wieder zurückkäme.
    Emilie zog Oswald in das niedere Stübchen, wo Primula an dem Tisch stand und
Tee machte. Sobald sie Oswald erblickte, eilte sie in seine Arme.
    Oswald, rief sie, dies ist der letzte Augenblick! noch eine Tasse Tee mit
Rum, dann sei's geschieden, kühn und ohne Wanken!
    Die Augenblicke sind kostbar, sagte Oswald, sich aus der Umarmung Primula's
losmachend. Wir müssen fort, Emilie.
    Nicht, ohne vorher diesen Trank geschlürft zu haben, sagte Primula, den Tee
in die Tasse giessend. Sie wissen, Oswald, draussen ist's kalt, und bei dieser
Nachtluft frieren auch wir, wir ewigen Götter.
    Primula's Versuch, scherzhaft zu sein, missglückte, Tränen erstickten ihre
Stimme; sie setzte sich auf einen Schemel, drückte die Hände vor das Gesicht und
schluchzte. Aber schon im nächsten Augenblicke sprang sie wieder empor.
    Keine weibliche Schwäche, Primula! rief sie; hier heisst es, stark sein.
Trinkt, meine Freunde! trinkt, und dann hinaus in die dunkle Nacht und das
sterneglänzende Leben!
    Komm, Oswald, sagte Emilie, die schon reisefertig dastand; die Jägerin hat
Recht; eine Tasse Tee kann uns nicht schaden; auf ein paar Minuten kommt es
nicht an.
    Ich wollte, wir wären fort, sagte Oswald, ihr die Tasse, die sie ihm bot,
aus der Hand nehmend.
    Er hatte kaum diese Worte gesprochen, als sehr stark an die Fensterladen
gepocht wurde.
    Alle sahen sich erschrocken an.
    Halloh! rief eine Stimme.
    Um Gotteswillen, es ist Artur, sagte Emilie. Wir sind verloren.
    Lebt wohl, meine Freunde! rief Primula und sprang in die Kammer nebenan,
nachdem sie vorher vergeblich versucht hatte, die Tür des grossen
Kleiderschranks aufzureissen.
    Still! sagte die alte Frau, so leicht fängt man uns Fähr'sche nicht.
Sprechen Sie kein Wort! Sie trat an das Fenster und rief!
    Wer ist da?
    Ist vielleicht Frau von Cloten hier? ich habe ihr eine wichtige Nachricht zu
bringen.
    Die Alte wandte sich um und flüsterte:
    Machen Sie, dass Sie fortkommen; ich will sehen, dass ich ihn hier aufhalte -
Was wollen Sie?
    Oswald und Emilie hörten die Antwort nicht mehr. Verstohlenen Schrittes,
sich an den Händen haltend, schlichen sie aus dem Gemache, über den Flur nach
der Tür, die hinten zum Hause hinaus auf den Rand des Ufers ging. Von dort
führte eine Treppe hinab an den Strand. Unten hielt der Schlitten. Einmal im
Schlitten, waren sie gerettet.
    Bleib' hinter mir, sagte Oswald, als sie an die Tür kamen.
    Die Tür war durch eine eiserne Krampe verschlossen. Oswald öffnete
vorsichtig. Alles war still. Der Winterhimmel mit seinen Sternen schaute herein.
    Es ist Niemand hier, flüsterte Oswald, komm!
    Sie waren kaum herausgetreten, als die Tür mit grosser Gewalt zugeschlagen
wurde, von Jemand, der hinter derselben gestanden hatte, um sich jetzt, wie um
den Fliehenden den Rückzug abzuschneiden, mit seinen breiten Schultern gegen
dieselbe lehnte. Oswald erkannte bei dem Licht der Sterne und des Schnees in der
breitschultrigen Gestalt den Herrn von Barnewitz.
    Wir sind verraten murmelte er, aber sie sollen es büssen. Fort, Emilie, in
den Schlitten; ich komme nach.
    Aber nicht sogleich! sagte von Barnewitz, auf Oswald zuspringend und ihn mit
beiden Händen an den Schultern fassend.
    Oswald riss sich los und ein paar Schritte zurückspringend, um Spielraum zu
haben, ergriff er eine jener mit Eisen beschlagenen Piken, welcher sich die
Fischer bei ihren Schlitten bedienen und von denen einige dicht neben ihm an der
Wand lehnten, und führte damit einen so gewaltigen Streich nach seinem Gegner,
das dieser trotz seiner ungeheuern Körperkraft und riesigen Figur ohne einen
Laut von sich zu geben, zu Boden stürzte.
    In einem Nu hatte Oswald Emilie eingeholt und seinen Arm um ihren Leib
schlingend, trug er sie beinahe die steile Treppe hinab.
    Unten an der Treppe auf dem Schnee des schmalen Strandes hielt der
Schlitten.
    Er hob Emilie hinein und stieg selbst nach.
    Wir sind verraten, Claus, sagte er; fahr zu, es geht um Tod und Leben.
    Claus schnalzte mit der Zunge; der Klepper schüttelte die krause Mähne und
trabte davon.
    Dacht's mir, sagte Claus, sich halb umdrehend; seit einer Minute hält ein
Schlitten nicht hundert Schritte von hier am Strande. Ich sah, dass zwei Männer
ausstiegen und das Ufer hinaufkletterten; ich wollte eben nach und Sie warnen,
da kamen Sie schon die Treppe hinab. Nun hat's nichts mehr zu sagen. Ich wollte
die Pferde sehen, die Claus Lemberg seinen Fuchs einholen.
    Da kommen sie schon, sagte Oswald, der während dessen nach hinten geschaut
hatte. Wo steht das Kästchen, Claus, das ich Dir gab?
    Dicht hinter Ihnen im Stroh.
    Oswald öffnete das Kästchen, nahm eine der beiden Pistolen, die es entielt,
heraus und spannte den Hahn.
    Um Gottes willen, Oswald, was willst Du tun? sagte Emilie, die, so lange
sie im Schlitten waren, noch kein Wort gesprochen hatte.
    Den Ersten, der Hand an mich zu legen wagt, über den Haufen schiessen.
    O, mein Gott, mein Gott!
    Für wenn fürchtest Du? für mich oder für ihn? Noch ist es Zeit. Es wird Dir
sicher verzeihen, wenn Du jetzt umkehrst; Dir höchstens in Barnewitz' Gegenwart
eine kleine Strafpredigt halten.
    Wie Du nur so sprechen magst! Ich umkehren! lieber todt auf dem Grunde des
Meeres.
    Auch dazu kann Rat werden, murmelte Oswald.
    Es schien Oswald klar, dass der Klepper, so schnell er auch die
scharfbeschlagenen Hufe auf das Eis hieb, mit den zwei Racepferden, welche den
Schlitten der Verfolger zogen, nicht auf die Dauer und die Wette laufen konnte.
Der Vorsprung vor einigen tausend Schritten, den er hatte, konnte nicht gross in
Rechnung kommen, da die Entfernung von Fährdorf bis nach dem Dorfe Barow auf dem
Festlande, wo sie Claus' Vetter - der Verwalter eines Breesen'schen Gutes, der
sich für die junge Herrin Alles zu tun und zu leiden bereit erklärt hatte - mit
dem Schlitten erwartete, über eine Meile betrug.
    Noch einmal, Emilie: Was wünschest Du, das ich tue, wenn sie uns einholen?
fragte Oswald, sich zu Emilie herabbeugend, die, in ihren Pelz gehüllt,
schweigend dasass.
    Dass Du Dich verteidigst wie ein Mann.
    Und wenn ich unterliege?
    So springe ich in die erste Wake, der wir begegnen. Besser auf dem Grunde
des Meeres, als zurück zu ihm.
    Ist das Dein wohl erwogener Entschluss?
    So war ich lebe und Dich liebe.
    Oswald beugte sich herab und küsste das schöne blasse, kalte Antlitz.
    Nun ist es gut, sagte er, nun komme, was will.
    Es waren entsetzliche Minuten, und die schauerliche Umgebung erhöhte noch
das Schauerliche der Situation. Lautlose Stille rings umher, nur unterbrochen
von dem rastlosen Hufschlag des flüchtigen Kleppers und von dem eigentümlich
sausenden ächzenden Ton, den ein Gegenstand hervorbringt, der mit grosser
Schnelligkeit über eine Eisfläche dahingleitet - und so weit das Auge reichte,
die fürchterliche Oede einer mit dünnem Schnee überdeckten Ebene, über welcher
der Horizont nach allen Seiten wie eine bleierne Glocke lag. Denn selbst die
Sterne waren jetzt in dem seinen Nebel verschwunden, und dennoch wurde es mit
jedem Augenblick heller und heller. Um grauen Himmel verkündete ein rötlicher
Streifen den aufgehenden Mond. Mann konnte den Schlitten der Verfolger
deutlicher sehen: ein grosser, schwarzer Flecken, der immer grösser und schwärzer
wurde, in dem Masse als die Helligkeit am Himmel zunahm.
    Seit sie Fährdorf verlassen hatten, waren wenige Minuten verflossen, doch
dünkten sie Oswald eine Ewigkeit. Er spähte vorwärts aus nach dem Ufer, aber es
war noch nicht zu entdecken; er sah hinterwärts nach den Verfolgen; wieder war
der grosse, schwarze Flecken grösser und schwärzer geworden.
    Und heller und heller wurde es am Himmel; schon blinkte das geisterhafte
Licht auf dem schwarzen Wasser in den Waken und auf den weissen Eisblöcken, die
wie Prellsteine am Rande lagen, und immer grösser und schwärzer wurde der grosse
schwarze Flecken hinter ihnen.
    Wir holen es nicht, Claus, sagte Oswald.
    Was gilt die Wette, Herr? erwiderte Claus; ich will den Fuchs lebendig
fressen, wenn er nicht gewinnt. Herr, so ein Pferd gibt's nicht weiter. Wir
sind unser zwanzig Fähr'sche und dreissig Grünwald'sche, und jeder hat einen
guten Gaul vor dem Schlitten, aber der Fuchs schlägt sie alle, alle. Hü, Fuchs!
    Und als ob der Fuchs sich durch das Lob seines Herrn zu noch grösserer
Schnelligkeit angespornt fühlte, schüttelte er seine krause Mähne und hieb mit
noch rascherem Tempo seine scharfen Hufe auf das Eis.
    Aber die Pferde dort sind keine gewöhnlichen.
    Claus lachte.
    Und deshalb gerade habe ich keine Sorge. Sie halten's nicht aus. Und
überdies fürchten sie sich vor den Waken. Noch ein paar Minuten und sie bleiben
zurück, oder ich will den Fuchs lebendig fressen.
    Sei es, das die Pferde Clotens in der Tat bei dieser ungewohnten Jagd über
das glatte Eis weg zu ermüden begannen, oder die schwarzen Wasser der Waken den
Verfolgern den Mut raubten - aber Claus' Prophezeihung fing an in Erfüllung zu
gehen, nachdem er sie kaum ausgesprochen hatte. Trotzdem es heller und heller am
Himmel heraufdämmerte, wurde der schwarze Punkt hinter ihnen merkbar kleiner und
undeutlicher; und als jetzt der Vollmond über den Rand des Horizonts aufstieg
und sein bleiches Licht über die weiten Flächen ausgoss, war der schwarze Flecken
auf dem Schneegefielde verschwunden.
    Nun, habe ich's nicht gesagt? fragte Claus, sich umwendend und seine weissen
Zähne zeigend, dass er keine Pferde gibt, die den Fuchs auf dem Eise einholen?
Hü, Fuchs!
    Claus hatte sich wieder zu seinem Pferde gewandt. Ueber dumpfdonnernde
Tiefen weg, vorbei an unheimlich im Mondschein glitzernden Wassern ging die
pfeilschnelle Fahrt hinein in die öde Nacht. Um ihre Ohren pfiff der eiskalte
Nachtwind, der klagend und heulend über die Schneefelder strich. Oswald und
Emilie waren sich in die Arme gesunken. Froh der entronnenen Gefahr, in der
Seligkeit einer Liebe, deren holde Blumen sie am Rande des Abgrundes pflückten,
vergassen sie gern auf Augenblicke, wie tief und schreckenvoll dieser Abgrund
war.
 
                           Achtunddreissigstes Capitel
Es war im März. In Frankreich war wenige Wochen vorher die Republik proklamirt
worden. Das ungeheure Ereignis verbreitete in concentrischen Kreisen seine
Wirkung über die ganze civilisirte Erde. Auch die Residenz war seit einigen
Tagen davon erfasst, und eine fieberhafte Aufregung hatte sich der Geister
bemächtigt - eine Verwirrung, ein nervöses Zittern, wie sie den Menschen
ergreifen, der aus tiefem Schlaf urplötzlich zum hellen Licht des Tages
aufgeschreckt ist und noch nicht recht weiss, wo ihm der Kopf steht. Und dabei
ein heimliches Grauen von dem Dunkel der Nacht, in welcher man so lange in den
dumpfen Banden eines unnatürlich tiefen Schlafes zugebracht, ein verworrenes
Gefühl, dass es doch etwas sehr Herrliches um das Goldene Taglicht sei; ein
hoffnungsfrisches Recken, ein tatendurstiges Dehnen in allen Gliedern, so dass
den Wächtern, die den riesengewaltigen Schläfer im Schlaf beobachtet und bewacht
hatten, schier unheimlich wurde und sie unter einander sprachen: wir werden ihn
in eiserne Banden schnüren müssen, sonst steht er am Ende noch gar auf, und dann
wäre es um uns geschehen.
    An einem schönen hellen Abend ging es »Unter den Buden« dem
Hauptvergnügungsorte des soliden Bürgers, sehr lebhaft zu. Wer indessen dem
Treiben der letzten Tage in der grossen Stadt fremd geblieben war, hätte für den
ersten Augenblick zweifeln können, ob dies eine politische Versammlung oder ein
Volksfest sei. Vielleicht war es Beides. Hatte man doch die Arbeit, die strenge
Zuchtmeisterin, um einen Nachmittag, vielleicht nur um eine Stunde betrogen;
erweckte doch schon der Umstand, dass man in Masse da war, dass kein Polizist so
leicht wagen würde, hineinzureden oder gar einzugreifen, ein Gefühl des
Uebermutes und der Ueberkraft, eine nicht alltägliche, gehobenere, freudigere
Stimmung, zumal da der Frühlingshimmel so herrlich blauete, die schlanken,
blätterlosen Zweiglein und Aestlein der Baumwipfel des Parks sich so klar und
scharf von dem blauen Himmel abhoben, und die Abendsonne so warm und
hoffnungsreich herabschien auf die Tausende von Menschen, die unten auf dem
weiten Platze zwischen den Kaffeehäusern und dem Fluss auf der einen und dem
Parke auf der andern Seite durcheinanderwogten und drängten besonders nach der
hölzernen Tribüne am Rande des Parkes, die sonst für die Musici bestimmt war,
von der aber heute eine Musik gar eigener Art erschallte, eine Musik, dem Volke
so ganz ungewohnt, und vielleicht deshalb ihm kostbarer, als die herrlichsten
Walzer von Strauss und Lanner. Weiter zu nach den Kaffeehäusern aber, wo man die
Redner nicht mehr wohl verstehen konnte, ging es lustiger zu. Da konnten die
Kellner kaum so viel Gläser voll Bieres herbeischaffen, wie von den durstigen
Kehlen geleert wurden; da boten Semmel- und Wurstverkäufer ihre Waare an, da
quäkten die Cigarrenjungen mit den schrillen, unreifen Stimmen, da trieben
selbst Gaukler und Taschenspieler ihr lustiges Handwerk.
    Durch die wogende Menge schlenderten Oldenburg und Berger. Der Professor
liess seine Augen unruhig über die Menge schweifen und teilte seinem Begleiter
die Bemerkungen, die er machte, mit leidenschaftlicher Energie mit, worauf dann
Jener lächelnd mit dem Kopfe nickte, oder ein kurzes Wort erwiderte.
    Aber glauben Sie denn, dass sich dies Volk jemals zu einer Revolution wird
aufrichten können? fragte Berger nach einer längern Pause.
    Weshalb nicht?
    Sehen Sie diese stupiden Gesichter, hören Sie diese frivolen Scherze, mit
denen sie sich über den Ernst der Situation und zugleich über das dumpfe Gefühl
ihrer eigenen Nichtigkeit wegzuhelfen suchen; bemerken Sie dort, wie das Volk zu
derselben Stunde, wo zuerst von Freiheit und Recht öffentlich zu ihm gesprochen
wird, auch noch Zeit und Lust hat, an panem und circenses zu denken - und Sie
haben genug beisammen, um den letzten Funken der Hoffnung, dass diese Menschen je
für ihre Freiheit nicht bloss reden, sondern auch kämpfen werden, zu ersticken.
    Der alte Pessimismus, Berger! und das jetzt, wo nach so vielen dunklen
Leidensjahren die goldene Sonne endlich wieder scheint!
    Gerade dieses Sonnenstrahl ist es, der mein Herz mit solcher Ungeduld
erfüllt. In den grauen Wintertagen finden wir es natürlich, dass die Bäume die
kahlen Aeste zum Himmel strecken; wenn aber die ersten Frühlingslüfte wehen und
der Himmel blaut, sehnen wir uns unendlich nach dem grünen, im Winde säuselnden
und rauschenden Blättermeer. Und nun gar, wenn der Winter so lang und so hart
war, dass er uns unsere Kraft unwiederbringlich geraubt hat und wir nicht hoffen
dürfen, bis in den Sommer hinein zu leben!
    Die Todten reiten schnell! Sie haben es in Paris gesehen!
    In diesem Augenblicke trat ein Mann, der die beiden Herren schon seit
einiger Zeit beobachtet hatte, wie Jemand, der nicht recht weiss, ob er seinen
Augen trauen soll oder nicht, an sie heran und sagte zu Berger:
    Seid Ihr es denn wirklich, Professor?
    Ei sieh da, Herr Director, erwiderte Berger, sich von Oldenburgs Arm
losmachen und dem, welcher ihn angeredet hatte, die Hand reichend; wie kommen
Sie denn hierher?
    Ach Gott, sagte der Mann, das ist 'ne traurige Geschichte; wollt Ihr ein
paar Schritte mit mir kommen, ich möcht' Euch gern allein sprechen.
    Oldenburg betrachtete die Gestalt nicht ohne Bewunderung. Es war ein
mächtiger Leib, mit breiter, hochgewölbter Brust und langen Armen, auf dem ein
nicht minder mächtiger Kopf sass. In den plumpen, aufgedunsenen Geschichtszügen
sprach sich neben viel Gutmütigkeit und jovialer Laune eine Art von Schlauheit
und Verschmitzheit aus, die aber durchaus harmloser Natur war. Es konnte dem
Manne, seiner äusseren Erscheinung nach, nicht eben besonders gehen. Sein grauer
Filzhut hatte offenbar manchen Sturm erlebt, bevor er in diesen zerknitterten
Zustand kam. Der schwarze, äusserst schäbige, mit altersgrauen Schnüren besetzte
Sammetrock hatte einstmals bessere Tage gesehen, ebenso wie die weiten leinenen
Beinkleider, deren Farbe jetzt nicht mehr wohl zu bestimmen war, oder die
Stiefel, die auf bedenkliche Weise aus den Näten zu platzen begannen. Ein
rotseidenes, mit einer gewissen Absichtlichkeit nachlässig um den
sonnverbrannten, muskulösen Hals geschlungenes Tuch vollendete den Charakter
heruntergekommener Künstlerschaft, der dieser Erscheinung aufgeprägt war.
    Berger sprach einige Minuten lang angelegentlich mit dem Manne, darauf
enfernten sie sich noch mehr, und Oldenburg sah, wie der Professor seine Börse
zog und dem Andern mehrere Geldstücke in die Hand gleiten liess. Gleich darauf
trennten sie sich; der Mann verschwand in der Menge, Berger kam wieder zurück.
    Wer war diese sonderbare Figur?
    Ein Mann, von dem ich Ihnen schon viel erzählt habe: Herr Director Caspar
Schmenckel aus Wien.
    O, rief Oldenburg; weshalb haben Sie mir das nicht gesagt? Ich hätte Czika's
einstigen Brodherrn doch gern kennen gelernt.
    Er wird uns in den nächsten Tagen aufsuchen; der arme Mann ist in
Verzweiflung, seitdem ihn Xenobi und Czika verlassen, hat ihn Unglück über
Unglück getroffen. Sein Clown ist ihm gestorben, sein erster Künstler
weggelaufen, und die andern hat er, weil er sie nicht bezahlen konnte, entlassen
müssen. Jetzt treibt er sich hier in den Kneipen der Residenz umher und gibt
Vorstellungen auf eigene Hand.
    Wir müssen für ihn sorgen, sagte Oldenburg; er hat Czika gut behandelt und
sich meinen Dank verdient. Ueberdies scheint er ein braver Kerl. Doch lassen Sie
uns nach Hause gehen. Die Sache verläuft sich, wie sich voraussehen liess, für
heute im Sande.
    Als die Beiden gingen, stand gerade ein junger Mann auf der Rednerbühne, der
Allen unbekannt war und dessen eigentümliche Erscheinung die Aufmerksamkeit der
Leute in ungewöhnlich hohem Grade fesselte.
    Meine Herren, rief er mit lauter heller Stimme, während ein spöttisches
Lächeln um seine feinen Lippen flog, was würden Sie von einem Manne sagen, der
den schärfsten Pfeil im Köcher, und auch den stärksten Bogen hat, diesen Pfeil
abzuschiessen, und der es denn nur doch aus übergrosser Gutmütigkeit vorzieht,
den Pfeil, anstatt vermittelst des Bogens, mit der schwachen Hand abzuschnellen?
Nun, meine Herren, wir gleichen durchaus diesem törichten Manne. Der Pfeil im
Köcher ist die Adresse mit den neun Wünschen, wie wir die gerechten Forderungen
des Volkes bescheidentlich nennen; die Deputation aus unserer Mitte, durch
welche die Adresse Sr. Majestät morgen zugestellt werden soll, ist die schwache
Hand. Wie weit wird sie den Pfeil tragen? bis zur Schwelle des Königsschlosses -
nicht weiter! Ich sage Ihnen, meine Herren, die schwache Hand der Deputation
wird vergeblich an die Pforte pochen; Seine Majestät wird unsere Wünsche nicht
entgegen zu nehmen geruhen, und die Deputation wird unverrichteter Sache
zurückkehren.
    Bei diesen Worte des Redners ging ein Brausen durch die Versammlung, wie
wenn über das Meer ein heftiger Windstoss fährt. Einzelne riefen Bravo, so
besonders der starke Herr im abgetragenen Sammetrock, der sich bis dicht an die
Tribüne durchgedrängt hatte und dem Redner mit grossem Beifall, welchen er durch
Kopfnicken, Grunzen und Bravorufen kund gab, zuhörte. Aber der bei weitem grösste
Teil war offenbar gegen alle extremen Schritte; auf jeden Bravorufer kamen
hundert Kopfschüttler und Zischer.
    Der junge Mann lies sich durch diese Zeichen der Unzufriedenheit nicht
einschüchtern, sondern wiederholte mit grossem Nachdruck:
    Die Deputation wird unverrichteter Sache zurückkehren! und uns geschieht
damit ganz recht. Weshalb brauchen wir die Hand zum Pfeileschleudern, wenn der
Bogen unbenutzt daneben im Grase liegt? Wollen Sie wissen, wo der Bogen ist? der
Bogen sind wir, das heisst: die ganze Versammlung. Wenn wir acht-bis zehntausend,
wie wir hier sind, in geschlossenem Zuge die Adresse von dem Sprecher
voraufgetragen, hinrücken vor das Schloss - ich wollte die Türen sehen, die sich
nicht vor uns öffneten, die Schranzen, die uns den Eingang zu verweigern wagten,
den Höfling, der sich erfrechte, und zu sagen: Meine Herren, Se. Majestät sitzt
beim Tee und kann Sie nicht empfangen.
    Bravo, bravo, schrie der starke Herr in dem Sammetrock und klatschte wütend
in die Hände. Aber der Menge missfiel diese humoristische Behandlung einer so
ernsten Sache durchaus. Zischen, Pfeifen, Schreien ertönte von allen Seiten; nur
mit Mühe gelang es dem Präsidenten, einem Herrn in breitkrämpigen Hut und mit
langem Bart, durch energisches Klopfen mit seinem Rohr auf den Tisch die Ruhe so
weit wieder herzustellen, dass der Redner fortfahren konnte. Der seinerseits nahm
jetzt die ganze Kraft seiner hellen Stimme zukommen und schmetterte in die
Versammlung hinein:
    Ich habe den Antrag, in corpore auf's Schloss zu ziehen, nicht gestellt, weil
ich glaubte, dass er durchgehen werde, sondern nur, um Ihnen zu zeigen, wess
Geistes Kinder Sie sind. Pioniere der Freiheit hat Sie ein Vorredner genannt! Ja
wohl! Die Freiheit wird es weit mit Ihnen bringen, wenn sie nicht einmal jetzt
im Stande sind, aus dem Vertrauensdusel sich aufzuraffen, in welchem Sie schier
dreissig Jahre geschlafen.
    Was der junge Mann etwa noch weiter sprach, konnte man nicht verstehen, denn
bei den letzten Worten war der Sturm, der schon lange gegrollt hatte,
losgebrochen und der kecke Redner wäre schwerlich ungestraft davongekommen, wenn
nicht der starke Herr in dem Sammetrock ihn, sobald er von der Tribüne herabkam,
entusiastisch umarmt und damit zu seinem Freund und betreffenden Falls zu
seinem Schützling erklärt hätte. Mit einem Mann aber von so herkulischem Bau
anzubinden, machte Niemand Luft haben. Zum wenigsten erlaubte man den Beiden,
unangefochten die Versammlung zu verlassen.
    Die neuen Freunde bogen in eine der Alleen, die in der Nähe der Tribüne vor
dem Platz der Volksversammlung in den Park führte. Sobald sie allein waren,
schüttelte der Herr im Sammetrock noch einmal dem jungen Mann mit den blonden
Haaren die Hand und sagte mit grosser Herzlichkeit:
    Ich freue mich ganz ausnehmend, die Bekanntschaft einer so kreuzbraven Haut
gemacht zu haben.
    Gleichfalls, gleichfalls, erwiderte der junge Mann, seinen Bewunderer mit
dem scharfen, schnellen Blick seiner blauen Augen musternd und zu diesem Zweck
seine Brille mit dem Zeigefinger höher auf die Nase schiebend: mit wem habe ich
die Ehre?
    Der Herr im Sammetrock trat einen Schritt zurück, warf sich in die Brust,
lüftete seinen vielgeprüften Filz und sagte:
    Ich bin der Director Caspar Schmenckel aus Wien.
    Ah! erwiderte der Andere leichtin; freue mich, Ihre Bekanntschaft zu
machen. Mein Name ist Timm, Albert Timm.
    Sie sind nicht von der Kunst? fragte Herr Schmenckel zutraulich.
    Wie meinen Sie? fragte Albert ausweichend.
    Herr Director Schmenckel machte die Geberde Jemandes, der einer sehr
schweren Gegenstand mit beiden Händen schnur, gerade in die Luft wirft, um
denselben mit dem Nacken wieder aufzufangen.
    Aha! sagte Albert; verzeihen Sie, dass mir ein Mann von Ihrer Bedeutung
persönlich noch nicht bekannt war; aber ich bin erst seit wenigen Tagen hier.
    Konnt's mir denken, erwiderte Herr Schmenckel, als sie jetzt Arm in Arm
weiter schritten; sind ein ganz andrer Kerl, wie die Lumpen hier zu Lande;
sprechen frei von der Leber weg, wie's Ihnen um's Herz ist. Caspar Schmenckel
liebt solche Leute, und wenn er Ihnen mit irgend Etwas dienen kann, sagen's nur
gerade heraus!
    Sehr verbunden, Herr Director, Die Ehre Ihrer Bekanntschaft ist schon
erfreulich genug. Ich vermute, dass Sie mit Ihrer Truppe jetzt hier in der
Residenz Vorstellungen geben?
    Vorstellungen geben? fragte der Director Schmenckel und räusperte sich;
offen gestanden, finden Sie Caspar Schmenckel augenblicklich nicht in floribus.
Ich habe mich aus manchen Gründen genötigt gesehen, meine alte Truppe
aufzulösen, und bin jetzt mit der Organisation einer neuen beschäftigt - eine
Aufgabe, die indessen, wie Sie sich wohl denken können, ihre Schwierigkeit hat.
Unterdessen -
    Privatisiren Sie?
    Gewissermassen ja; das heisst, ich gebe noch immer von Zeit zu Zeit in
Freundeskreisen Vorstellungen, aber nur, um nicht aus der Uebung zu kommen,
wissen Sie.
    Natürlich.
    So bin ich heute Abend in einem sehr noblen Local, das von der besten
Gesellschaft besucht wird, gewissermassen engagirt und wenn Sie mir die Ehre
erzeigen wollen -
    Sehr gütig.
    Sie werden dort lauter brave Leute finden, vor denen man sich nicht zu
geniren braucht - alles Demokraten vom reinsten Wasser, obgleich sie verzweifelt
wenig Wasser trinken, sollt' ich meinen. Ich gehe schon den ganzen Winter in dem
»Dustern Keller« aus und ein, aber niemals so gern und so oft, als seit den
letzten acht Tagen, wo wir eine neue Wirtin haben.
    In der Tat?
    Ich werde stolz darauf sein, Sie mit ihr bekannt zu machen. Frau Rosa Pape
ist ein Muster ihres Geschlechts.
    Wie sagten Sie! fragte plötzlich Herr Timm mit grosser Lebhaftigkeit.
    Ich sagte, Frau Rosa Pape sei ein capitales Frauenzimmer.
    Sagten Sie nicht, die Dame sei erst seit kurzem Inhaberin des Geschäfts?
    Allerdings, sie war bis dahin in einer - andern Branche beschäftigt; die
französische Revolution hat sie zur Kellerwirtin gemacht.
    Das ist originell.
    Nicht wahr? aber Frau Rosa ist auch ein Original. Sie hat einen wunderbaren
Blick für's Geschäft, und als in Paris der Spectakel losging, sagte sie: jetzt
kommt eine goldene Zeit für Kellerwirtinnen mit weiblicher Bedienung! - Einen
Tag darauf hatte sie den Dustern Keller gepachtet.
    Ich bin äusserst begierig, die Bekanntschaft einer so vortrefflichen Dame zu
machen.
    Unter diesen Gesprächen waren die beiden Freunde auf wenig betretenen
Parkpfaden in die Nähe des herrlichen Tores gekommen, das von dieser Seite
unmittelbar aus dem Park in die Stadt führt. Die Versammlung vor den Buden war,
gleich nachdem sie dieselbe verlassen hatten, auseinandergegangen; schon
berührte die Spitze des unabsehbaren Zuges, der sich von jener Seite
heranwälzte, das Tor. Hier stiessen die Massen der Hereinkommenden auf die
Schaaren derer, welche noch immer aus der Stadt nach dem Park zogen. Es konnte
nicht ausbleiben, dass sich die Menge stopfte, zumal vor der Wache in
unmittelbarer Nähe des Tors, wo eine Compagnie, Gewehr bei Fuss, aufmarschirt
war. Die Leute blieben stehen, sich über diese ausserordentliche Massregel ihre
Bemerkungen mitzuteilen; Andere traten heran, zu sehen, was da zu sehen sei; in
einem Nu war die Wache mit einem aus vielen Hunderten von Menschen, bestehenden
Halbkreis umringt, der mit jedem Augenblick enger wurde. Der die Compagnie
commandirende Hauptmann, ein langer Offizier mit einem verbissenen Ausdruck in
dem scharfmarkirten Gesicht, schoss wütende Blicke auf die ihn umgebende Menge,
ohne sie indessen eines Wortes zu würdigen. Man sah, wie es in ihm kochte.
Plötzlich commandirte er mit ärgerlich quäkendem Tone: Still gestanden, richt'
Euch! Gewehr auf! Bataillon soll chargiren, geladen!
    Die Ladestöcke rasselten, in einem Nu war das Commando ausgeführt.
    Es hatte vorläufig nur eine Drohung für die Menge sein sollen; aber man
bewirkte gerade das Gegenteil von dem, was man gewollt hatte. Den
Zunächststehenden wurden durch die von hinten heran Drängenden das Zurückweichen
unmöglich, und diese hatte das Rasseln der Ladestöcke nur noch neugieriger
gemacht. Ein verderblicher Zusammenstoss des Militärs mit dem Publikum schien
unvermeidlich.
    Da drängte sich durch die Gaffer ein langer Herr und trat gerade auf den
Hauptmann zu:
    Erlauben Sie auf ein Wort.
    Was wollen Sie?
    Mein Name ist Oldenburg; ich habe die Ehre, mit Herrn Grafen Grieben zu
sprechen?
    Der Offizier fasste salutirend an seinen Helm: Freue mich, Sie nach langen
Jahren wiederzusehen, Herr Baron. Kommen wie gerufen; werde mich genötigt
sehen, auf die Canaille de Feuer geben zu müssen.
    Gerade um das zu verhindern, erlaubte ich mir, mich Ihnen vorzustellen. Sie
haben ein einfaches, aber unfehlbares Mittel, alle diese Leute zum Weitergehen
zu bringen und so unsägliches Unglück zu verhüten?
    Das wäre?
    Lassen Sie Ihre Mannschaft in die Wache treten!
    Wo denken Sie hin? dem Pöbel eine solche Concession machen! Ueberdies ist es
gegen die Instruction.
    So fordern Sie die Leute wenigstens auf, nach Hause zu gehen!
    Ich habe keine Luft, mich mit der Crapule in eine Unterhaltung einzulassen.
    Wollen Sie es mir den gestatten?
    Wie's Ihnen beliebt, erwiderte der Officier, sich mit kalter Höflichkeit von
Oldenburg abwendend.
    Oldenburg trat ein paar Schritte auf den dichten Kreis zu und sagte, seine
Stimme so laut wie möglich erhebend:
    Meine Herren, Ihr Stehenbleiben hier an dieser Stelle ist für Sie nicht ohne
Gefahr. Viele von Ihnen sind ja selbst Soldat gewesen und wissen, dass der Soldat
nach den Paragraphen seines Wachtbuchs handeln muss. Zwingen Sie deshalb Ihre
Brüder, die hier in Waffen stehen, nicht, diese Waffen gegen Sie zu wenden.
Lassen Sie uns von unserem Rechte der freien Bewegung Gebrauch machen und weiter
gehen. Es wird ja auch nachgerade langweilig, hier immer auf demselben Fleck zu
stehen.
    Er hat Recht! rief ein vierschrötiger Bürger mitten aus dem Gedränge; ich
fange schon an, auseinanderzugehen!
    Die Leute lachten, und als die schrille Stimme eines Cigarrenbuben anfing zu
fingen: immer langsam voran, immer langsam voran! setzte sich der dichte Haufen
in Bewegung, zumal in diesem Augenblick Geschrei und Lärmen, das von einer
andern Seite ertönte, die Neugierigen lockte.
    Eine Strecke die herrliche Hauptstrasse weiter hinauf war es zwischen dem
Publikum und einer der vielen Patrouillen, welche von dem Schloss nach dem Tor,
von dem Tor nach dem Schloss seit einigen Stunden hin und her marschirten, zu
dem Zusammenstoss gekommen, der an der Wache durch Oldenburgs kluges und mutiges
Dazwischentreten noch glücklich vermieden war. Der Führer der Patrouille - eine
zweite marschirte, sich möglichst in gleicher Höhe mit dieser haltend, auf der
andern Seite der Strasse - war ein Offizier von riesigem Wuchs, dessen finster
drohende Miene den festen Entschluss verkündigte, die geringste Widersetzlichkeit
sofort zu ahnden. Auch war ihm, wie er an der Spitze seiner Mannschaft
einherschritt, bis jetzt Alles so scheu ausgewichen, dass er zu dem
verachtungsvollen Lächeln, welches von Zeit zu Zeit über sein dunkles Gesicht
zuckte, einigermassen recht zu haben schien. Da kam er an eine Stelle, wo sich
von der Strasse ein enger, aber für gewöhnlich sehr stark frequentirter Durchgang
abzweigte. Diese Passage war mit Menschen, die sehen wollten, was auf der
Hauptstrasse vorging, vollgestopft. Von dort drängten Andere dagegen. So sammelte
sich hier ein gewaltiger Menschenknäuel, in welchem die Verwirrung den höchsten
Grad erreichte, als jetzt durch die heranmarschirende Patrouille eine zweite
Stockung in die sich so schon mit Mühe fortbewegende Masse kam.
    Platz da! Herrschte der Officier, rücksichtslos in den Haufen
hineinschreitend.
    Die zunächst Stehenden wichen rechts und links auf die Seite; aber die
Andern drängten wieder zu. Ein buntes Durcheinander entstand, in welchem der
Officier mit nur wenigen seiner Leute von der Truppe getrennt wurde.
    Platz da! wiederholte der Officier in noch barscherem Tone.
    Machen Sie nur selber Platz; rief ein junger Mann aus dem Haufen.
    Er hatte es kaum gerufen, als der Officier auf ihn zusprang, ihn am Kragen
ergriff und mit einem Ruck seines starken Armes seinen Leuten zuschleuderte:
    Nehmt der Schreihals fest; rief er.
    Die Soldaten ergriffen den jungen Mann, der vergeblich sich loszureissen
versuchte.
    Stosst den Hund nieder, wenn er sich widersetzt! herrschte der Officier.
    Ohne Zweifel würden die Soldaten diesen Befehl ausgeführt haben, wenn in
diesem Moment nicht Herr Schmenckel sich vor den Officier hingestellt und ihm
zugeschrieen hätte:
    Geben Sie den Mann los, Eure Gnaden! oder das Wetter soll dreinschlagen!
    Der Gardeofficier und der Mann aus dem Volke standen sich einen Augenblick
lang gegenüber, zwei riesengewaltige Männer, überraschend ähnlich an hohem
Wuchs, gewölbter Brust, breiten Schultern und langen, muskelkräftigen Armen; ja,
wie sie sich so mit zornigen Blicken anstarrten, ähnlich im Ausdruck der
massiven plumpen Züge.
    Doch nur einen Augenblick standen sie so: im nächsten hatte der Officier
seinen Gegner mit aller Macht vor die Brust gestossen, um ihn aus seiner
unmittelbaren Nähe zu bringen und Raum für seinen Degen zu gewinnen. Indessen,
er hätte ebenso gut einen Felsen von der Stelle rücken können, als den Mann im
Sammetrock. Der aber reckte seine mächtigen Arme aus, ergriff den Officier um
den Leib, hob ihn vom Boden auf und schleuderte ihn mit solcher Gewalt gegen die
Soldaten, welche genug zu tun hatten, ihren Arrestanten zu halten, dass
Officier, Soldaten und Arrestant in einem Haufen über- und untereinander
rollten.
    Hurrah! schrie die entzückte Menge; hurrah! hurrah! drauf! nieder mit der
Soldateska!
    Herr Schmenckel musste sich von der Hülfe und dem Mut der Menge nicht viel
versprechen. Er zog mit einem Ruck den Arrestanten aus dem Haufen heraus und war
mit ihm, ehe sich noch der Officier nieder aufraffen konnte, in dem Gedränge,
das ihm bereitwillig Platz machte, verschwunden.
    Es war die höchste Zeit, denn jetzt war es den von ihrem Führer getrennten
Sectionen gelungen, die Menschenmauer zu durchbrechen.
    Der Officier sprang auf die Füsse und commandirte mit einer vor Wut
kreischenden Stimme: links aufmarschirt! marsch! marsch! zur Attaque Gewehr
rechts! fällt das Gewehr!
    Hurrah, hurrah! riefen die Soldaten, indem sie im Geschwindschritt auf die
wehrlose Menge eindrangen, die heulend und schreiend auseinanderstob.
 
                           Neununddreissigstes Capitel
Während in dem Brennpunkte der Stadt solche Scenen stattfanden und die Bewohner
dieser und der nächstgelegenen Strassen in fieberhafte Aufregung versetzten; hier
die Menge von einer anrückenden Militairtruppe davonlief, um sich an einem für
den Augenblick nicht bedrohten Punkte abermals zu sammeln, Verhaltungen in Masse
vorgenommen wurden, Verwundungen nicht ausblieben und so die Erbitterung von
beiden Seiten in beängstigender Weise wuchs - lebten die Bewohner der
abgelegenen Quartiere ohne die geringste Kunde dieser Vorgänge in einem tiefen
Frieden, der in einem gemeindeangerumgebenen idyllischen Landstädtchen nicht
grösser sein konnte.
    In einem kleinen einstöckigen Hause einer dieser stillen Strassen an einem
Fenster, das auf ein hübsches Vorgärtchen ging und durch eine Glaskugel mit
Goldfischen, einen Messingbauer mit einem grüngelben Canarienvogel, durch Blumen
in Töpfen und Vasen als das Lieblingsplätzchen einer Dame bezeichnet war, sassen
kurz vor Sonnenuntergang Sophie und Bemperlein in eifriger Unterhaltung.
    Und Franz ist mit seinen hiesigen Verhältnissen ganz zufrieden?
    Ganz! wie würde sich der gute Vater gefreut haben, wenn er -
    Die junge Frau vollendete den Satz nicht, sondern wandte sich nach dem
Fenster und machte sich etwas mit ihren Blumen zu schaffen. Bemperlein
betrachtete sie ein Weilchen liebevoll durch seine Brillengläser, dann legte er
leicht seine Hand auf ihren Arm und sagte:
    Sie müssen sich nicht bloss stark zeigen, liebe Freundin; Sie müssen es auch
sein - Sie, die Tochter eines solchen Vaters!
    Sie haben Recht, Bemperchen; ich will versuchen, so stark und vernünftig zu
sein, wie ich aussehe. Aber jetzt lassen Sie uns von was Anderem sprechen. Was
sagt denn Marguerite zu dem neuen Plane?
    Sie ist entzückt oder charmeé, wie sie sagt. Ich glaube aber alles Ernstes
weniger über die Verbesserung unserer Lage - obgleich, ganz entre nous, liebe
Freundin, ein verheirateter Student ein höchst eigentümliches Amphibium ist -
als darüber, dass sie jetzt wieder in Ihrer Nähe leben kann. Sie glauben gar
nicht, welchen Eindruck Sie auf ma petite femme gemacht haben!
    Das gute Herz! Und ich habe so wenig für sie getan, für sie tun können!
habe sie eigentlich immer nur geneckt, und noch am letzten Abend - wissen Sie
noch Bemperchen, wie Sie als Amor erschienen, Ihr Euch in dem Fenster den
verhängnisvollen Kuss gabt und Papa hernach beim Hochheimer die köstliche Rede
hielt, die letzte, die ich aus seinem Munde gehört habe? Jetzt weiss ich erst,
was zu der Stunde sein edles Herz bewegte! Er nahm nicht bloss für damals, er
nahm für immer von uns Abschied.
    Sophie kämpfte die Rührung, die sie zu überwältigen drohte, gewaltsam nieder
und fuhr fort:
    Ich habe so wenig für Marguerite getan und sie im Gegenteil so viel für
mich! Wissen Sie, Bemperchen, dass ich schwach genug war, ordentlich eifersüchtig
auf die Kleine zu werden, als ich aus Papa's Briefen sah, in wie hoher Gunst sie
bei ihm stand und wie er sich gegen Eure Verheiratung fast nicht weniger
hartnäckig wehrte, als gegen die unsere?
    Und doch ist diese Verheiratung nur durch seine Bemühungen so bald zu
Stande gekommen; zum mindesten hat Marguerite es nur ihm zu danken, wenn unsere
Einrichtung so glänzend ausfiel, wie ich sie mit meinen schwachen Kräften
allerdings nicht hätte herstellen können. Sie wissen doch, was ich meine?
    Die Timm'sche Angelegenheit? Marguerite hat mir davon geschrieben. Was mich
dabei am meisten gewundert, ist, dass Timm so prompt das Geld zurückbezahlt hat.
    Wir Alle sind erstaunt gewesen, Niemand mehr als ich, der ich wusste, dass er
bis über die Ohren in Schulden steckte und schon aus diesem Grunde dem Papa
riet, von seinem Versuch, als von einem ganz vergeblichen, abzustehen. Mir hat
die ganze Affaire viel Kopfzerbrechen verursacht, und so wenig Ursache gerade
ich habe, Herrn Timm hold zu sein, so hat's mir doch leid getan, als er gleich
darauf, einer Wechselschuld wegen, die er vielleicht, nur um uns zu bezahlen,
contrahirt hatte, in den Turm wandern musste, in dem er, so viel ich weiss, noch
heute sitzt.
    Oh sagte Sophie, hat's mein alter Anbeter also endlich doch durchgesetzt?
    Ihr alter Anbeter?
    Ja, wissen Sie das nicht? Ich habe noch mit Timm zusammen Tanzstunde gehabt,
und ich kann sagen, dass ich mit Niemand lieber getanzt und mich unterhalten
habe, als mit ihm. Er ist ein höchst geistreicher und, wenn er will, sehr
liebenswürdiger Mensch, um den es wahrhaftig Jammer und Schade ist, dass er mit
seinen herrlichen Gaben so unverantwortlich wirtschaftet. Er hat in dieser
Beziehung die grösste Aehnlichkeit mit -
    Mit Oswald Stein, wollen Sie sagen, nur zu! Ich habe das bittere Gefühl, das
mich, als wir noch in Grünwald zusammen waren, jedesmal bei Nennung dieses
Namens überkam, glücklich besiegt; er existirt für mich nicht mehr, besonders
nach seinen letzten Abenteuern.
    Das ist nicht recht, Bemperchen. Sie wissen, ich habe Stein nie besonders
gemocht, aber seitdem Ihr Alle gegen ihn seid und selbst Franz, der ihn noch
immer in Schutz nahm, anfängt, mit in den Chor einzustimmen, habe ich grosse
Lust, mich auf seine Seite zu schlagen.
    Natürlich, sagte Bemperlein, mit einem leisen Anflug von Bitterkeit, ist es
doch eine alte Erfahrung, dass die Frauen viel, ich möchte sagen Alles einem
Manne verzeihen, der, was er tut, für Euch tut oder doch zu tun scheint.
Musste ich doch neulich selbst von meiner Marguerite, die ihn sonst nicht
ausstehen konnte, ein in den sanftesten Tönen hingehauchtes pauvre homme! hören.
Pauvre homme! Nun frage ich einen vernünftigen Menschen! Also, wenn Jemand wie
ein ungezogenes Kind durch das Leben ras't, statt nach Grundsätzen, stets nur
nach seinen souveränen Launen handelt; wenn er, wie ein Kind, Alles haben muss,
was ihm gefällt, um es, wenn's ihm nicht mehr gefällt, in törichtem Zorn und
Übermut wieder zu zerbrechen - wenn er, statt seinen Nächsten zu lieben, mit
seines Nächsten Frau bei Nacht und Nebel durchgeht, so sagt man von ihm,
womöglich mit einer Träne des Mitleids im schönen Auge: Pauvre homme!
    Bravo, Bemperchen, rief Sophie beinahe mit der alten Lustigkeit, bravo! Sie
könnten nicht schöner predigen, wenn Sie selbst der betreffende unglückliche
Nächste wären! Aber, sagen Sie, hat man denn von den losen Vögeln noch immer
keine Nachricht?
    So viel ich weiss, nein! es ist, als hätte die Erde sie eingeschluckt?
    Aber wie erträgt denn der verratene Gatte sein grenzenloses Leid?
    Ach, man sollte sich eigentlich dieser Menschen wegen gar nicht weiter
ereifern, erwiderte Bemperlein unmutig, sie sind es nicht besser wert und
wollen es nicht anders haben. Denken Sie sich, Fräulein Sophie, wollte sagen:
Frau Sophie - dieser Mensch, dieser Cloten, der, als Stein mit seiner keuschen
Penelope durchgegangen war, tat, als ob die Sonne niemals wieder für ihn
scheinen könne, hat sich nicht nur in überraschend kurzer Zeit getröstet,
sondern dasselbe Unglück, das jener in sein Haus getragen hat, in seines
Nachbars Hause ebenfalls angerichtet. Herr von Barnewitz, der Vetter der Frau
von Berkow - der mit dem breiten roten Bart, wissen Sie, und den breiten
Schultern - o, Sie müssen ihn ja gesehen haben - nein? na, es kommt auch nichts
darauf an - eh bien, Herr von Barnewitz kommt neulich zu ungelegener Zeit nach
Hause, findet - so erzählen sich die Leute - die Tür zum Zimmer seiner Frau
verschlossen, wittert Unrat, zerschlägt ein Fenster, reisst den ganzen
Fensterflügel heraus, steigt in's Zimmer, erwischt Herrn von Cloten, der eben
von der Dame zu einer Hintertür hinausgeschoben wird, und hat eine
Auseinandersetzung mit dem edlen Paar, in Folge deren Hortense nach Italien und
Herr von Cloten, nachdem er acht Tage lang das Bett gehütet, auf seine Güter
gereist ist, ohne von Jemand Abschied zu nehmen.
    Da haben ja die Grünwalder Klatschschwestern wieder etwas zu reden gehabt!
    Das können Sie glauben, fast so viel, als damals bei der Verlobung von
Helene Grenwitz mit dem Fürsten Waldernberg.
    Wie steht es denn damit?
    So viel ich weiss, soll die Verlobung, ich meine die eigentliche, officielle,
in diesen Tagen hier in der Residenz stattfinden. Anna-Maria sagte mir neulich,
dass sie mit Helene Anfang März hier eintreffen werde.
    So sind Sie also mit der Familie noch immer in Verbindung geblieben.
    Ich hatte keinen rechten Grund, meine Stunden aufzugeben. Anna-Maria beehrte
mich fortwährend mit ihrer besondern Gnade, und überdies habe ich mich in der
letzten Zeit mehr mit ihrem Wesen ausgesöhnt. Ich glaube, wir haben ihr vielfach
Unrecht getan. Sie hat gewiss ihre bedenklichen Seiten, aber man muss auch so
gerecht sein, anzuerkennen, dass die Verhältnisse, in denen sie lebt,
eigentümlich genug sind. Wenn sie Helene einen reichen Mann verschafft, so tut
sie nicht mehr und nicht weniger, als was alle Frauen in ihrer Lage auch tun
würden. Und ihre Lage ist keineswegs so glänzend, wie wir glaubten. Seit dem
Tode des Barons hat sie von dem ganzen grossen Vermögen ausser dem, was sie bei
jetzt gespart hat, und das kann - für die Ansprüche solcher Leute wenigstens -
nicht allzuviel sein, eine verhältnissmässig geringe Wittwenpension; und auch die
fällt weg, im Falle Malte dem Beispiele seines Cousins Felix nachfolgen und auch
an der Auszehrung sterben sollte, was nebenbei im höchsten Grade wahrscheinlich
ist. Der Junge besteht jetzt schon nur aus Haut und Knochen.
    Da wäre ja allerdings Helenens glänzende Heirat eine Art von Notwendigkeit
im Sinn dieser Leute, obgleich ich überzeugt bin, dass er für Helene eine
traurige Notwendigkeit ist.
    Weshalb?
    Im Vertrauen! ich glaube, ihr Herz hatte sich bereits nach einer andern
Seite entschieden, als sie dem Fürsten das Jawort gab. Wollte Gott, sie wäre von
Anfang an weniger zurückhaltend gegen mich gewesen; vielleicht wäre alles anders
gekommen.
    Glauben Sie das nicht, in diesem Mädchen steckt ein hartnäckiger Stolz, den
kein einzelner Mensch, den, glaube ich, nur das Schicksal beugen kann. Sie wird
Niemand einen unbedingten Einfluss auf ihre Entschliessungen gestatten.
    Sagen Sie, Bemperchen, was ist denn eigentlich an dem Gerücht, das Ihre Frau
von Berkow und den Baron mit einander in einem - sehr intimen Verhältnisse leben
lässt? fragte Sophie nach einer kleinen Pause.
    Nichts, reinweg gar nichts, sagt Bemperlein mit grossem Eifer, ich möchte nur
wissen, was die Leute eigentlich wollen! Es besteht eine Freundschaft zwischen
ihnen, die sich von ihren gemeinsam verlebten Jugendjahren her datirt. Das ist
Alles. Wenn sie Nachbarn sind und sich in Folge dessen häufig sehen, so ist doch
das wahrhaftig ganz unverfänglich. Sie könnten sich ja heiraten, wenn sie sonst
nur wollten. Anstatt dessen reis't der Baron nach Paris und lässt sie in Schnee
und Eis auf dem einsamen Berkow. Das beweist doch sonnenklar, dass von Liebe
zwischen ihnen die Rede nicht ist, oder es müsste denn eine curiose Sorte Liebe
sein.
    In diesem Augenblick schrak Sophie freudig zusammen. In dem Fensterspiegel
hatte sie die Gestalt eines schlanken, eleganten, schwarzbärtigen Mannes
erblickt, der die nicht eben belebte Strasse eiligen Schrittes heraufkam.
    Franz kommt! rief die junge Frau, während ihre grossen blauen Augen
aufleuchteten und ein tieferes Rot ihre Wangen färbte; verstecken Sie sich,
Bemperchen!
    
    Aber, wohin? rief Herr Bemperlein, von dem Fenstertritt herabspringend.
    Nur dort hinter die Portière! Halten Sie in der Mitte fest, dass sie nicht
auseinanderfällt - so!
    Die Klingel an der Haustür ertönte, unmittelbar darauf wurde die Stubentür
geöffnet und Franz trat schnell heran.
    Ist Bemperlein nicht gekommen?
    Siehst Du ihn etwa hier?
    Nun sah Franz Herrn Anastasius Bemperlein freilich nicht, wohl aber auf
einem Stuhl einen Herrenhut und überdies die Falten der Portière in einer Weise
arrangirt, die nur dadurch möglich war, dass eine Hand hineingegriffen hatte und
jetzt die beiden Teile fest zusammenhielt.
    Er fragte:
    Dieser Bemperlein ist doch ein ganz unzuverlässiger, leichtfertiger,
gewissenloser Springinsfeld; ein Mensch ohne Treu und Glauben, ohne Grundsätze;
ein Charlatan, von dem es mir schon hundertmal leid getan hat, dass ich ihn
Herrn Plante als Director seiner chemischen Fabrik so lange empfohlen habe, bis
derselbe ihn mit tausend Talern jährlich und fünf Procent der Nettoeinnahme
engagirt hat; ein Don Juan von einem Bemperlein, der mit den Frauen seiner
Freunde heimliche Zusammenkünfte hat, beim Nachhausekommen des Ehemanns sich
hinter der Portière versteckt und dabei so dumm ist, seinen Hut im Zimmer stehen
zu lassen; ein Harlequin von einem Bemperlein -
    Halt, sagte Bemperlein, den Vorhang auseinanderschlagend, ich bin erkannt.
    Die beiden Freunde eilten auf einander zu und umarmten sich mit grosser
Herzlichkeit.
    Misst Ihr, wen ich so eben gesehen habe? sagte Franz, nachdem man das
Notwendigste durchgesprochen.
    Nun? riefen Bemperlein und Sophie.
    Den Baron Oldenburg und Frau von Berkow.
    Unmöglich! rief Bemperlein, einen verlegenen Blick auf Sophie werfend,
welchen diese mit einem schalkhaften Lächeln beantwortete.
    Was ich Euch sage. Ich begegnete ihnen in der Nähe des Schlosses Arm in Arm.
Frau von Berkow hat mir ihre Adresse gegeben und mich gebeten, sie zu besuchen.
Da! Sie hat die Kinder mit, und ich vermute, dass sie längere Zeit hier bleiben
wird. Ich sagte ihr, dass wir Bemperchen heute erwarteten, und sie war über diese
Nachricht sehr erfreut. Auch Baron Oldenburg lässt grüssen und Ihnen sagen, dass er
seit gestern mit Professor Berger von Paris zurück sei. Ihr wisst doch, das sich
die Beiden in Paris getroffen und die ganze Revolution mitgemacht haben? Sie
logiren Hotel de Russie Unter den Akazien. Ich habe Frau von Berkow geraten,
wenn sie nicht ganz besonders dringende Geschäfte hier halten, die Stadt zu
verlassen, da wir voraussichtlich sehr unruhige Tage haben werden. In der
Albrechtsstadt schwirrt und wirrt es wie in einem Ameisenhaufen. Adjutanten und
Ordonnanzen jagen ventre à terre durch die Strassen. Und der Albrechts- und
Bärenstrassen-Ecke sah ich sogar schon Kanonen aufgefahren. Unter den Akazien
soll es zu einem blutigen Zusammenstoss gekommen und ein Gardeoffizier von dem
Volke arg misshandelt sein. Einige nannten den Fürsten Waldernberg. Der Lärm ist
so gross gewesen, dass das Publikum das Opernhaus, trotzdem ein neues Ballet
gegeben wird, gleich nach Beginn der Vorstellung wieder verlassen hat. In der
Fischerstrasse hat ein Volkshaufe einen Angriff auf einen Waffenladen gemacht,
und ein Bekannter will in der Gelbstrasse die Anfänge einer Barricade gesehen
hoben. Mit einem Worte: die Stadt ist in einer fieberhaften Aufregung, und
deshalb, liebes Weibchen, wär' es recht gut, Du verschaftest uns Tee mit Rum,
anstatt hier zu stehen und mit offenem Munde den Schreckensnachrichten zu
lauschen.
    Sophie fiel ihrem Gatten um den Hals, drückte ihm einen Russ auf die Lippen
und eilte zur Tür hinaus, um das Abendbrod zu besorgen. Die beide Freunde
setzten sich unterdessen auf das Sopha und besprachen mit Ernst und
Gründlichkeit ihre eigenen und die öffentlichen Angelegenheiten.
 
                              Vierzigstes Capitel
Es war heute Abend kaum noch ein Platz zu haben in den vier oder fünf grossen
Räumen, aus welchem der »Dustre Keller« bestand. Elise, Berta und Pauline, die
Schenkmädchen, hatten zu tun, wenn sie jedem durstigen Gast das gefüllte Seidel
bringen und bei jedem sich wenigstens doch so lange aufhalten wollten, bis er
Zeit gehabt, ihnen in die Wangen zu kneipen oder mindestens ein verbindliches
Wort zu sagen.
    Die Wirtin des Kellers hatte eben ihren Platz hinter dem Buffet verlassen,
um die Runde durch den Keller zu machen, hier einem Bekannten vertraulich auf
die Schulter zu klopfen, dort einen Fremden willkommen zu heissen, hier ein
entusiastisches Lob über die Trefflichkeit des Biers huldvoll entgegen zu
nehmen, dort einen etwaigen Tadel dadurch zu entkräften, dass sie das Glas des
Klägers an dem Mund führte und daraus einen Schluck tat, der für einen
durstigen Waidmann eben recht gewesen wäre.
    So war sie denn jetzt auch an ein paar Männer herangetreten, die in einer
Ecke allein an einem kleinen Tische sassen und, die Köpfe zusammensteckend, sich
im Flüsterton mit einem Eifer unterhielten, der deutlich genug bewies, dass der
Gegenstand ihres Gespräches für sie von ungewöhnlichem Interesse war.
    Nun, Schmenckelchen, wie geht's? sagte Frau Rosalie, die fette Hand auf die
breite Schulter des starken Herrn im Sammetrock legend; mir däucht, Ihr seht ein
wenig echauffirt aus. Trinkt nur nicht zu viel, damit Ihr hernach Eure
Kunststücke ordentlich macht. Ihr habt heute ein grosses Publicum.
    Ich fürcht' ich werd' heute Abend nicht Gescheidtes mehr zusammenbringen;
sagte der Director, dessen aufgedunsenes Gesicht sehr stark gerötet war, mit
lallender Zunge.
    Aber, Schmenckel, Ihr habt es ja versprochen! erwiderte Frau Rosalie, und
ihre Augen blickten nichts weniger als freundlich; eine Liebe, wisst Ihr, ist der
andern wert.
    Mein Freund Schmenckel besinnt sich noch, verehrte Frau! sagte der Begleiter
des Directors; er ist für den Augenblick nur etwas angegriffen von einem
Rencontre, das wir von einer Stunde Unter den Akazien gehabt haben. Uebringens
freue ich mich ganz ausnehmend, verehrte Frau, dass ich durch Herrn Schmenckel
Ihre neue Adresse erfahren habe; ich habe Sie nach Ihrer alten seit zwei Tagen
in der ganzen Stadt vergeblich gesucht.
    Frau Rosalie Pape warf einen prüfenden Blick auf den Sprecher. Es lag in
seiner ganzen Erscheinung und in seiner Art zu sprechen ein Etwas, durch welches
sie sich angenehm berührt fühlte.
    Mit wem habe ich das Vergnügen? fragte sie.
    Ganz auf meiner Seite! Wollen Sie uns nicht für einen Augenblick die Ehre
ihrer Gesellschaft gönnen? sagte der junge Mann, Frau Rosalien den noch
unbesetzten dritten Stuhl am Tische präsentirend; mein Name ist Albert Timm -
aus Grünwald - ich habe einen Empfehlungsbrief an Sie von einem alten Freunde,
der Sie bestens grüssen lässt. Darf ich mir erlauben, dieses Document in Ihre
schönen Hände zu legen? Und Herr Timm überreichte der Frau einen unversiegelten
Brief, den er aus einer sehr schäbigen Brieftasche genommen hatte.
    Frau Rosalie schien über diese Mitteilung ein wenig betreten. Sie warf
abermals einen noch schärfer prüfenden Blick auf den Fremden, entfaltete den
Brief, wandte sich so, dass das Licht der Gasflamme darauf fiel und las:
    Liebe Rosalie, Ueberbringer dieses ist ein sehr guter Freund von mir, dem du
unbedingt vertrauen kannst. Er wird dir in Beziehung auf die * witzer Geschichte
eine Mitteilung machen, dass Dir die Augen übergehen werden. Wenn du und
Jeremias ihm beistehen wollt, zweifle ich nicht, dass wir einem gewissen Erben zu
seiner Erbschaft und uns zu einem Profit verhelfen können, der sich gewaschen
hat. Adies! Es mag dir immerhin wohl gehen, aber auch Deinem, Dich noch immer
zärtlich liebenden T.G.
    Sie kennen die Hand? fragte Herr Timm, als die Frau, nachdem sie den Brief
zweimal sorgfältig gelesen, und dann nicht minder sorgfältig zusammengefaltet
und in die Tasche gesteckt hatte, jetzt mit einem misstrauischen Blick zu ihm
ausschaute.
    Die Hand kommt mir allerdings bekannt vor, erwiderte sie.
    Vorläufig die Hauptsache. Das Uebrige will ich Ihnen zur gelegenen Zeit
schon sagen. Ich hoffe, dass Sie mir noch heute Abend das Vergnügen und die Ehre
einer Vertraulichen Unterhaltung gewähren. Ich bin überzeugt, dass wir vor morgen
früh die besten Freunde sind.
    Die Zuversicht und Bestimmteit in dem Auftreten des jungen Mannes imponirte
Frau Rosalie entschieden. Sie erwiderte den vertraulichen Druck von Alberts Hand
und erhob sich, da gerade in diesem Augenblick eines der Mädchen des "Dustern
Kellers" herantrat, zu melden, dass man am Buffet nach der Gebieterin verlange.
    Albert wandte sich zu Schmenckel, welche in seine Gedanken so vertieft war,
dass er der Unterredung zwischen seinem Freunde und Frau Rosalie wenig oder gar
keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte, und sagte, die Abgebrochene Unterhaltung
wieder aufnehmend:
    Ich begreife nicht, wie Sie auch nur einen Augenblick zweifeln können. Ich
sage Ihnen, wie Ihr Euch so einander gegenüber standet, fiel mir die
Aehnlichkeit auf, obgleich ich in dem Augenblicke wahrhaftig nicht viel Zeit
hatte, lange Beobachtungen zu machen. Ich gebe zu, der Zufall ist ganz
wunderbar, der Euch nach so vielen Jahren zum ersten Male, ohne das Ihr von
Eurer gegenseitigen hochverehrlichen Existenz auch nur eine Ahnung habt, an
diesem Orte und zu dieser Stunde zusammenbringt; aber was ist's denn weiter? ich
habe allen Respekt vor dem Zufall, denn er hat mir schon oft im Leben aus der
Patsche geholfen, wenn's mit allem Verstand der Verständigen Mattäi am letzten
war. Und dieser Zufall ist zu famos, als dass er nicht etwas mehr als blosser
Zufall sein sollte. Und was ist's denn schliesslich so Wunderbares? Sie sind vor
zweiundzwanzig Jahren der Galan eines wollüstigen Weibes. Der Gemahl ist während
der ganzen Zeit verreist und kommt nur nach Hause, um nachzusehen, wie gross die
Hörner sind, die feine treue Gattin für ihn in Bereitschaft hat, und sich
nebenbei von dem Galan zum Fenster hinauswerfen zu lassen. Die Dame hat in ihrer
Ehe nur ein Kind gehabt und dieses einzigen Kindes Alter stimmt auf ein Haar.
Sie sind, sagen Sie, im Herbst Achtzehnhundertfünfundzwanzig in Petersburg
gewesen, und der Fürst ist im Juni sechsundzwanzig geboren. -
    Woher wissen Sie denn das aber? fragte Herr Schmenckel und kraute sich
ungläubig den dicken Kopf.
    Ich sage Ihnen, Mann, dass ich es weiss. Das kann Ihnen doch genug sein. Und
gesetzten Falls, der Bursche wäre Ihr Sohn nicht, so -
    Aber warum sollt' er denn nicht mein Sohn sein? rief Herr Schmenckel und
schlug mit seiner schweren Faust auf den Tisch; seh' ich aus, als ob ich dazu
nicht im Stande wäre?
    Albert nahm die Brille ab, wischte die Gläser rein, setzte sie sich wieder
auf, schaute lachend in des Seiltänzers hochgerötetes Gesicht und sagte
gemütlich:
    Hört mal, Alter, Ihr seid der närrischste Kauz, der mir in meinem Leben
begegnet ist. Erst spreche ich mich vergeblich heiser, um Euch zu beweisen, das
Ihr der Vater von diesem hoffnungsvollen Jüngling seid, und bei der blossen
Annahme, Ihr wäret es nicht, werdet Ihr grob und prügelt mich am Ende noch
durch. Ich wollte aber nur dies sagen: gesetzten Falls, der Bursche ist nicht
Euer Sohn, so kommt darauf auch nicht so viel an. Wir wollen vorläufig einmal
auf den Busch klopfen, vorläufig einmal anfragen, ob sich die gnädige Frau
Fürstin noch eines gewissen Herbstes in Petersburg erinnert und so weiter, und
so weiter - ich setze meinen Kopf gegen einen hohlen Kürbis: wir jagen sie in's
Bockshorn, das ihnen die Rubel nur so aus den Aermeln fallen.
    Aber werden Sie uns nicht die Polizei auf den Hals schicken? meinte Herr
Schmenckel, den Kopf schüttelnd.
    Pah! sie werden froh sein, wenn sich kein Dritter hineinmischt! Es gibt für
Leute wie wir keinen besseren Bundesgenossen, als so ein schlechtes Gewissen -
ich sage Ihnen, ich habe Erfahrung in diesem Fach.
    Herr Schmenckel dachte über den verzwickten Fall so tief nach, das ihm der
Kopf glühte. Plötzlich kam ihm ein Gedanke, der, wenn auch nicht Licht in die
rätselhafte Angelegenheit, so doch in den Charakter seines neuen Freundes
werfen konnte.
    Aber, sagte er, was habt den nur Ihr eigentlich für ein Interesse an der
ganzen Geschichte?
    Pfui, Herr Director, antwortete Albert mit grosser Indignation; eine solche
Frage hätte ich Ihnen nicht zugetraut! Haben Sie mich nicht aus den Klauen der
Soldaten gerettet? Wäscht eine Hand nicht die andere? gibt's auf der Welt nicht
ein solches Ding, wie Dankbarkeit? Wenn Sie partout ein armer Teufel bleiben und
auf den Jahrmärkten herumziehen wollen, während Sie eine anständige Pension von
einigen Tausend Rubeln jährlich in Ihrem eigenen Hause verzehren und in Ihrer
eigenen Equipage fahren können - mir ist es recht! Verzeihen Sie, dass ich Sie
mit diesen Dingen behelligt habe, und lassen Sie uns von etwas Anderem sprechen.
    Aber so nehmen Sie doch Vernunft an, rief Schmenckel ängstlich; es fällt mir
ja gar nicht ein, es Ihnen irgendwie übel zu nehmen, dass Sie mich partout zu dem
Vater von einem Fürsten machen wollen. Aber das ich einen so vornehmen Sohn hab'
und gleich das erste Mal, dass ich ihn erschau', sollt' durchgewammst haben, das
ist doch dann so erstaunlich, wenn Caspar Schmenckeln das Andere erzählen
täten, er glaubt's nimmer.
    Ich sehe nicht ein, sagte Albert, weshalb das erstaunlicher ist, als dass ich
von den Tausenden in der Volksversammlung ganz zufälligerweise Euere
Bekanntschaft mache, dass wir unter tausend Officieren gerade dem Fürsten in den
Weg laufen, ich ihn ganz zufälligerweise von früher her kenne, seinen Namen
weis, Ihnen den Namen nenne und Sie an den Namen eine Reminiscenz aus ihrem
Wanderleben knüpfen, die uns zu einer so unbezahlbaren Entdeckung verhilft. Ich
kann Sie versichern, dass ich im Anfang fast eben so erstaunt gewesen bin, wie
Sie, aber dergleichen dauert bei mir, Gott sei Dank, nicht lange.
    Albert warf sich in seinen Stuhl zurück und stocherte sich die Zähne.
Schmenckel betrachtete mit unendlicher Verwunderung, in die sich eine Art von
Grauen mischte, den Mann, der sich selbst durch eine so ausserordentliche
Begebenheit nicht aus der Fassung bringen liess.
    Es war mehrere Stunden später. In dem "Dustern Keller", in welchem es heute
nacht sehr lebhaft zugegangen, waren nur noch wenige Gäste hier und da
zerstreut, kleine Gruppen von drei und vier Personen - Leute von zum Teil
wunderlichem Aussehen, Männer in schäbiger, manchmal phantastischer Kleidung mit
verwüsteten, interessanten Gesichtern, aus denen die Augen bald in Leidenschaft
aufblitzen, bald stumpfsinnig in's Leere starrten - seltsame Gestalten, die,
ohne dass sie den Mund öffneten, dem kundigen Auge lange Geschichten erzählten
von stolzen Plänen und kindischen Taten, von grossen Talenten und noch grösserer
Lüderlichkeit, hohem Stolz und tiefer Schande, sinnloser Schwelgerei und
nagendem Hunger, von unerhörten Anstrengungen eines Fleisses, der zu dem
Schicksal des Sisyphus, und eines Ehrgeizes, der zu den Qualen des Tantalus
verurteilt ist, bis Fleiss und Ehrgeiz und jede Tugend, ja, jede Regung in dem
Sumpfe apatischer Gleichgültigkeit versinkt.
    Doch auch diese Gruppen lösten sich allmählig auf; eine Flamme nach der
andern wurde von den armen Mädchen ausgelöscht, die schon seit einer Stunde hier
und da in der Ecken, mit den hübschen Köpfen auf den runden Armen, geschlafen
hatten, und zuletzt war Niemand mehr da, als Herr Schmenckel, der auf einem der
Sophas schnarchte, und zwei andere Herren, welche mit der Wirtin des Locals an
einem runden Tischchen bei einer Flasche Champagner sassen. Der eine dieser
Herren war Albert Timm, der andere ein Mann in mittleren Jahren, der erst vor
einer Stunde etwa gekommen und von Frau Rosalie Herrn Timm als der Bruder seines
Grünwalder Wirtes, Herr Jeremias Guterz, vorgestellt worden war, und den
Albert seiner Kleidung und seinem ganzen Aussehen nach für einen kleinen Bürger
in nicht unebnen Verhältnissen gehalten haben würde, für eine Gewürzkrämer
vielleicht, oder Tabakshändler, wenn nicht in den schmalen, von dichten Brauen
überschatteten Augen ein Etwas gelegen hätte, das anzudeuten schien: die
Beschäftigung des Herrn sie keine ganz so harmlose, zum mindesten nicht immer
eine so harmlose gewesen.
    Die drei Personen hatten eine sehr eifrige Unterredung geführt deren
Resultat Albert jetzt zusammenfasste.
    Es handelt sich also um zweierlei, sagte er; einmal, uns einen Einblick in
die Taufregister der St. Marienkirche, oder noch besser, eine vidimirte
Abschrift des Taufzeugnisses zu verschaffen, zweitens um die Auffindung der
Hauptperson in dieser Komödie, ich meine des Herrn Oswald Stein.
    Woraus wissen Sie denn aber, dass er sich hierher wenden wird? fragte der
Mann mit den seltsamen Augen.
    Ich vermute es nur. Er schrieb mir vor acht Tagen aus Paris: er könne sich
dort nicht mehr halten und müsse suchen, der Heimat näher zu kommen, so lange
er die Reise noch bezahlen könne. Mir scheint es unzweifelhaft, dass er sich
hierher gewandt hat, oder wenden wird, wo er, wie ich von ihm selbst weiss, schon
als Student literarische Verbindungen der verschiedensten Art angeknüpft hatte
und deshalb noch am leichtesten hoffen darf, für sich und seine Holde
Subsistenzmittel herbeizuschaffen. Nur glaube ich nicht, dass er unter seinem
wahren Namen auftreten wird, um sich nicht etwaigen unangenehmen Begegnungen mit
den Verwandten der Frau von Cloten, die ihm, wie ich weiss, überall nachspüren
und ihn hier sicher sehr bald entdecken würden, auszusetzen.
    Die Erledigung dieses Punktes überlassen Sie meinem Freunde hier; sagte Frau
Rosalie, dem Herrn mit den sonderbaren Augen die Hand vertraulich auf den Kopf
legend; und nun, Ihr Herren, glaube ich, ist es Zeit, dass wir uns trennen.
Morgen ist auch wieder ein Tag. - Ja, aber was fangen wir denn mit dem dicken
Kerl da auf dem Sopha an, der heute für zwölf getrunken hat?
    Wir werden ihn nach Hause bringen müssen, wenn Sie, schöne Frau, nicht ein
Plätzchen für ihn in Bereitschaft haben; erwiderte Albert mit einem
bezeichnenden Blick.
    Sie Schäker! sagte die Dame, Albert in die Wangen kneipend; ich werde Ihnen
das lose Maul stopfen.
    Aber hoffentlich doch nur mit einem Kusse!
    Sie loser Vogel! rief die Frau und schien nicht übel Lust zu haben, das
Mittel in Anwendung zu bringen.
    Albert wandte sich plötzlich zu Herrn Schmenckel und fing an, ihn erst
schwächer, dann stärker und zuletzt aus allen Leibeskräften zu schütteln.
    Uff, lallte der Riese im Schlaf; lasst mich los, ich will schon mit dem Bub'
fertig werden.
    Was will er? sagte der Herr mit den sonderbaren Augen.
    O, er schwatzt im Schlaf, sagte Albert; geben Sie mir einmal ein Glas
Wasser, Elischen, ich glaube, das wird ihn am ersten zu sich bringen.
    Endlich stand der Koloss aufrecht da, und man gelangte, wenn auch nicht ohne
einige Mühe, die Kellertreppe hinauf, auf die Strasse.
    Die Nacht war sehr finster, kein Stern am Himmel sichtbar. Der Wind wehte in
klagenden Stössen durch die öden Gassen und drohte die flackernden Gaslichter
ebenfalls auszulöschen. Herr Schmenckel kam in der frischen Luft wenigstens so
weit zu sich, dass er seine Begleiter zärtlich umarmte, ihnen ewige Freundschaft
schwur und jeder hunderttausend Silberrubel versprach, sobald es sich aus sicher
herausgestellt, dass der Fürst Waldernberg, den er heut' Unter den Akazien
durchgeprügelt, wirklich sein Sohn sei. So kamen sie an das Haus und schliesslich
auch in das Stübchen des Hintergebäudes, in welchem Herr Schmenckel seine
Wohnung aufgeschlagen. Der Riese taumelte auf sein dürftiges Lager; und seine
beiden Begleiter entfernten sich, nachdem Herr Jeremias mit einer Blendlaterne
die er zu Timms nicht geringer Verwunderung aus der Tasche zog, in alle Winkel
des Zimmers geleuchtet, wo sonderbare Gerätschäften: eiserne Kugeln, Reifen von
Messing, Stangen und Stäbe von allen Sorten, Trommeln und Trompeten und
Flitterkram jeder Art in wüster Unordnung aufeinander geschichtet waren.
    Nun müssen Sie das Mass Ihrer Güte voll machen, sagte Timm, als sie wieder
auf der Strasse standen, und mir sagen, wie ich nach Hause komme. Ich wohne -
    Weisses Ross in der Falkenstrasse Nr. 43, nach hinten; Unterbrach ihn Herr
Jeremias Guterz, indem er seine Laterne verschloss und in die Tasche steckte.
    Sind sie des Teufels, rief Herr Timm, unwillkürlich einen Schritt
zurücktretend. Wie können sie meine Wohnung wissen, die ich hier noch Niemand
gesagt habe?
    Glauben Sie, das ein so bedeutender Redner der Volksversammlung unter den
Buden uns lange unbekannt bleiben kann? sagte der Mann mit der Blendlaterne.
    Uns? wer ist uns? fragte Timm.
    Das kann Ihnen gleich sein. Jedenfalls möchte ich Ihnen den Rat geben, Ihre
Redeübungen lieber innerhalb Ihrer vier Pfähle zu halten, schon unserer
Angelegenheit wegen, die arg in's Stocken geraten möchte, wenn Sie eingesteckt
würden.
    Pah, sagte Timm, glauben Sie denn, dass mir etwas an der Ruhm eines
politischen Märtyrers liegt? Ich habe den Leuten eine Rede gehalten, weil ich
überhaupt gern rede, und zweitens, weil ich mich über die Spatzenköpfe ärgerte.
    Desto besser; sagte der Andere trocken.
    Timm warf, indem sie eben jetzt unter einer Gaslaterne hinschritten, einen
Blick auf seinen Begleiter, und der rätselhafte Ausdruck der Augen des Mannes
und die Blendlaterne und das "Uns" wurde ihm plötzlich klar.
    Entschuldigen Sie, Herr Gutertz, sagte er: ich glaube von ihrem Herrn
Bruder gehört zu haben, dass Sie ein sehr geschätztes Mitglied der geheimen
Polizei sind.
    Der Mann mit den sonderbaren Augen lächelte:
    Ihr seid ein schlauer Fuchs! sagte er, und habt eine seine Nase. Mein Bruder
hat's Euch nun freilich nicht gesagt, denn der weiss nichts davon, und Rosalie
auch nicht, denn die weiss es freilich, hat aber ihre Gründe, reinen Mund zu
halten; also -
    Wird's wir wohl der Teufel gesagt haben, unterbrach ihn Timm, dem diese
gelungene Probe seines Scharfsinns die alte Sicherheit wiedergegeben hatte. Ich
glaube, ich hätte es in Eurem Fache weit bringen können.
    Das käme vielleicht nur auf Sie an.
    Wie so?
    Der Mann mit den seltsamen Augen antwortete auf diese Frage nicht, sondern
sagte, als sie jetzt an einer Ecke angekommen waren:
    Das ist Ihre Strasse. Ich komme heute Vormittag um elf Uhr zu Ihnen. Da
wollen wir den die Angelegenheit weiter besprechen.
    Die Männer trennten sich. Ihr Fusstritt verhalte in den einsamen Strassen,
während über die hohen Dächer schon das graue Morgenlicht herüberlugte.
 
                           Einundvierzigstes Capitel
In einem stattlichen Zimmer eines stattlichen Hôtels Unter den Akazien sassen am
Abend des folgenden Tages Melitta und Oldenburg auf dem Sopha. Auf dem Tische
brannte eine Lampe; angezündete Lichter standen auf den Spiegeltischen und auf
dem Sims des Kamins. Frau von Berkow erwartete heute Abend noch mehr Besuch, und
Oldenburg hatte nur das Recht des Hausfreundes, vor der bestimmten Zeit zu
kommen, in Anspruch genommen.
    Ich finde, Du bist heute Abend sehr schweigsam, Adalbert! sagte Melitta, die
Arbeit, an der sie genäht hatte, auf den Tisch legend und sich mit einem
freundlichen Lächeln zu Oldenburg wendend: ich schwatze Dir von den Kindern vor,
wie kräftig der Junge geworden ist und wie hübsch Czika in den modernen Kleidern
aussieht, und du schaust d'rein, wie - nun wie nur gleich?
    Wie der Ritter von der traurigen Gestalt, ohne Zweifel; wenigstens fühle ich
mich so von dem Scheitel bis zur Sohle, erwiderte Oldenburg aufstehend und einen
Gang durch das Zimmer machend.
    Dass ich nicht wüsste! sagte Melitta; ich dachte, Du nähmest Dich in diesem
grauen Anzug nach der neuesten Pariser Mode ganz besonders stattlich aus.
    Ohne Scherz, Melitta; ich bin in der Tat in einer traurigen
Gemütsverfassung.
    Das ist ein allerliebstes Compliment für mich, die ich nur Dir zu Liebe -
hören Sie wohl, mein Herr, nur, um Ihnen eine, wie ich hoffte, angenehme
Ueberraschung zu bereiten - aus meinem traulichen Nest die lange Reise mit den
Kindern hierher mache in diese langweilige Stadt, und mir jetzt am Ende noch
sagen lassen muss: Du hättest auch wohl zu Hause bleiben können.
    Willst Du es glauben, Melitta, dass mir dieser Gedanke wirklich gestern und
heute schon ein paar Mal gekommen ist?
    Das ist stark! erwiderte Melitta und wusste im Augenblick nicht, ob sie die
Worte Oldenburgs für Wahrheit oder für Scherz nehmen sollte.
    Der Baron lies sie nicht lange in dieser Ungewissheit; er setzte sich wieder
zu ihr, ergriff ihre Hand und sagte:
    Liebe Melitta, meine Worte klingen sehr hart, aber frage Dich selbst, ob ich
als Mann nicht so fühlen und denken muss. Dass ich Dir für Deine Güte in tiefster
Seele dankbar bin, das weisst Du, solltest Du wenigstens wissen. Auch dass Du für
mich Deinen guten Ruf auf's Spiel setzest, schlage ich so hoch eben nicht an,
denn es ist ein jämmerlich Ding um das Urteil der Welt; ich hab's mein
Lebenlang verachtet. Es ist etwas ganz Anderes, was mich hindert, rechte Freude
an diesem Wiedersehen zu haben; und ich will Dir offen sagen, was dieses Etwas
ist. Sieh, Melitta, es ist dem Manne angeboren, dass er für das, was er liebt,
auch sorgen und schaffen will, ja noch mehr, dass er die Geliebte in einer
gewissen Abhängigkeit von sich sehen will, ich meine: abhängig von seiner Kraft,
seinem Mut, seiner Einsicht. An der Unmöglichkeit, das Verhältnis so zu
gestalten, ist manche starke liebe schon gestorben, verzehrt sich manche starke
Liebe. So auch meine Liebe zu Dir. Ich kann, wie die Sache jetzt liegt, nur, so
zu sagen, im Vorbeigehen für Dich leben, sorgen und schaffen, nicht zu jeder
Stunde, jeder Minute, wie ich es wünsche, wie ich es muss, wenn ich glücklich
sein will. Auf dem Lande, wo wir, die Nachbarn ungestört und unbelauscht oft
halbe Tage lang beisammen sein konnten, ging es noch: und dennoch war das Gefühl
der Halbheit so peinlich für mich, dass ich den politischen Verhältnissen dankbar
war und gern nach Paris ging, um mir einbilden zu können, es läge zwischen Dir
und mir nur die Entfernung und weiter nichts. Hier nun aber, in der grossen
Stadt, überkommt mich das leidige Gefühl mit doppelter Gewalt; ja, es ist, als
ob der Moment, in welchem wir uns hier getroffen haben, ausgesucht wäre, mir das
Verkehrte, das Geschraubte, das Unnatürliche unseres Verhältnisses so recht zu
Gemüte zu führen. Wir stehen hier auf einem Vulkan, der jeden Augenblick zum
Ausbruch kommen kann. Schon schwankt der Boden unter unsern Füssen, und ehe noch
viele Tage vergehen, werden wir unerhörte Dinge erleben. Ich zittere nicht vor
der Entscheidung; im Gegenteil, ich sehne sie herbei, denn sie ist notwendig
und wird für uns zum Heile ausschlagen. Aber um in den Tagen der Not und
Gefahr, die über unser Volk hereinbrechen, fest zu stehen, um ein ganzer Mann
nach aussen sein zu können, muss ich erst in mir selbst zur Ruhe kommen, und das
kann ich unter diesen Verhältnissen nicht, das kann ich nur, wenn ich weiss, dass
ich für Weib und Kinder rede, handle, kämpfe und, wenn es sein muss, falle.
    Des Barons Stimme zitterte, obgleich er sich augenscheinlich Mühe gab, so
ruhig und überzeugend wie möglich zu sprechen. Er hatte sich noch näher zu
Melitta gebeugt, die ihr schönes Haupt tief gesenkt hatte. Als er schwieg,
blickte sie auf und zeigte Oldenburg ein bleiches, tränenüberströmtes Gesicht.
Sie sagte mit leiser Stimme:
    Wollte Gott, Adalbert, ich könnte Dir, um Deinet-, um meint -, um unser
Aller willen, das Weib sein, dessen Du entbehrst. Weshalb kannst Du es nicht?
    Du weisst es.
    Aber, Melitta, soll denn die Erinnerung an diesen Mann, den Du unmöglich
noch Lieben kannst, von dem Du selbst sagst, dass Du ihn nicht mehr liebst, uns
ewig trennen! Hast Du dein Unrecht, wenn es unrecht war, dem Zuge eines Herzens,
das sich frei wusste, zu folgen, - nicht durch tausend Tränen gesühnt? Willst du
mir nicht noch, was Du mir immer warst? Und, wenn doch einmal zwischen uns
abgerechnet werden soll, hast Du mir, wenn Du mir würdigst, Deine Gatte zu sein,
nicht mehr zu vergessen und zu verzeihen, als ich Dir? Ist es vernünftig, die
Frau zu dem Opfer eines rigorosen Sittengesetzes zu machen, über das sich der
Mann mit Leichtigkeit hingesetzt? Wer hat dies unvernünftige Gesetz geschaffen?
Nicht ich, noch Du - was sollen denn Du und ich sich ihm beugen? Ich sage Dir,
der Tag der Freiheit, der heraufdämmert, wird diese und noch manche Satzung, die
ein finsterer Mönchsinn ausgrübelte, die Natur zu knebeln und zu quälen,
aufheben und die Blätter, auf denen sie verzeichnet stehen, in alle vier Winde
wehen.
    Wenn dieser Tag kommt - und wenn er mir kommt, erwiderte Melitta: ich will
ihn mit freudigem Herzen begrüssen. Ist es wirklich ein Wahn, was mich hindert,
in Deine Arme zu fliegen, und zu sprechen: nimm mich, ich will Dein sein nun und
immerdar! - habe Mitleid mit mir! ich leide ja eben so viel darunter, wie Du;
aber Adalbert: ich bin ein Weib; und das Weib kann wohl auf den Tag der Erlösung
hoffen und harren, aber für diesen Tag kämpfen, wie Ihr, kann es nicht. Und bis
dieser Tag kommt, bis ich mich so frei fühle, wie ich mich fühlen muss, wenn ich
mit Ehren die Deine sein will, muss es bleiben, wie es ist.
    Melitta hatte dies mit einer leisen, traurigen Stimme gesagt, und Oldenburg
fühlte, das es Grausamkeit sei, weiter in sie zu dringen. Er nahm ihre Hand,
küsste sie und sagte:
    Lass es gut sein, Melitta! Ich bin geduldig. Und dann: der Tag der Erlösung,
den Du erharrst, muss ja doch einmal kommen.
    In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet, und der alte Baumann meldete
den erwarteten Besuch an. Melitta fuhr sich mit dem Taschentuche über die Augen,
während Oldenburg Sophie entgegenging, die von ihren Gatten und Bemperlein
begleitet, so eben zur Tür hereintrat.
    Melitta und Sophie sahen sich heute Abend zum ersten Male, aber man bemerkte
nichts von der Förmlichkeit einer ersten Begegnung. Die beiden Damen hatten von
einander (besonders Sophie von Melitta) so oft und so viel gehört, dass sie sich
selbst bis auf die Einzelheiten der äussern Erscheinung bekannt waren. Dennoch
betrachteten sie sich, während sie sich die Hände reichten und die ersten Worte
wechselten, mit nicht geringer Aufmerksamkeit, wobei denn Sophie die Bemerkung
machte, dass Melitta viel weicher und milder erschien, als sie sich die vornehme
Dame gedacht hatte, und Melitta umgekehrt, dass Sophie lange nicht so ernst und
atenenhaft drein schaute, wie nach Bemperleins Beschreibung die kluge,
geistreiche Tochter des Geheimrats drein schauen musste. Auch den Baron
Oldenburg sah Sophie heute zum ersten Male, ebenso wie er sie, und sie warf vom
Sopha aus manchen prüfenden Blick nach dem langen, grau gekleideten Mann, der in
der Mitte des Zimmers mit der beiden Herren plauderte, während er ebenso von
seinem Standpunkte aus die beiden Damen beobachtete und fand, dass sie in der
üppigen Fülle des gleicherweise weichlockigen Haares und in dem Schnitt und
Ausdruck der grossen Augen eine gewisse Aehnlichkeit hatten, wie zwei Rosen, von
denen die dunklere, vollere den schönen Kelch vollkommen erschlossen hat,
während die andere hellere, die zart gefärbten Blätter eben erst zum Licht des
Tages entfaltet.
    An Stoff zur Unterhaltung fehlte es dem Kreise nicht in diesen Aufgeregten
Tagen, wo eine fieberhafte Unruhe in den Geistern Aller wühlte, weil auf alle
der Schatten, welchen die kommenden grossen Ereignisse vor sich herwarfen,
gleicherweise drückte. - Ich bin im Herzen Republikaner, sagte Franz, aber ich
trage kein Verlangen danach, die Republik proclamirt zu sehen, weil ich nicht
glaube, dass uns das eben wesentlich weiter bringen wird, so lange wird das Uebel
nicht bei der Wurzel erfassen. Des Uebels Wurzel sehe ich aber in dem dumpfen
Pfaffenglauben, welcher die Natur der Dinge auf den Kopf stellt und die Menschen
statt zu freien Bürgern dieser Erde zu Heloten eines transcendenten Dogmas
erzieht, und anstatt die Solidarität der Interessen aller Menschen zu
proclamiren, - eine Tese, welche die Vernunft begreifen und die Tatkraft üben
kann, - dunkel von einer allgemeinen Bruderliebe lallt, gegen die sich, in dem
Sinne wenigstens, wie man sie geist- und sinnlos von tausend Kanzeln und
Katedern predigt, jedes gesunde Gefühl sträubt.
    Ich weiss nicht, Herr Doctor, erwiderte Oldenburg, ob Sie dabei die Wirkung,
welche ein nach den Principien der Vernunft geordnetes öffentliches Wesen - res
publica, meine Damen, nannten es die Römer, und weil diese Bezeichnung die Sache
am besten deckt, kommen die modernen Völker, welche aus dem geheimen Wesen, oder
vielmehr der offenbaren Verwesung des Polizeistaates ein freies und fröhliches
Leben machen wollen, immer wieder auf dieselbe zurück - ich weiss nicht, sage
ich, ob Sie der Unterschied zwischen einer vernunftgemässen und einer
unvernünftigen Staatsform doch nicht zu gering anschlagen. Abgesehen davon, dass
die persönliche und, so zu sagen, materielle Freiheit die freie Bewegung auf den
geistigen Gebieten notwendig in Gefolge hat, so wird auch ganz gewiss die
verderbliche Wirkung vernunftwidriger Religionslehren in der Republik viel
geringer sein, als in einem absoluten Staate, gerade so wie schädliche Dünste,
die in einem geschlossenen Raume vielleicht tödlich sind, in der freien Luft
ohne Gefahr eingeatmet werden können. Und dazu kommt noch dies: in einem
Staate, der despotisch regiert wird, ist es nur zu gewiss, dass die weltliche
Tyrannei mit der geistlichen ein Schutz- und Trutzbündniss eingeht, was in einem
freien Staate, wo die Gewalt in Aller Händen ruht, nicht wohl möglich ist. Das
Muckertum in England zum Beispiel - obgleich ich England keineswegs als einen
freien Staat im höchsten Sinne des Wortes ansehe - flüchtet sich in einsame
Fabrikdistricte, oder bildet in den Städten obscure Conventikel, um die sich
schliesslich Niemand kümmert; bei uns ist eine Macht, deren furchtbare Wirkung
wir Alle gefühlt haben, ein Gift, das sich in allen Andern des Staatskörpers
verbreitet und jede gesunde Kraft paralysirt. Um es mit einem Worte zu sagen: in
einem freien Staate kann der Einzelne noch so krank sein, aber das gemeine Wesen
ist und bleibt deshalb doch ein Geheimniswohl; in dem Polizeistaate gibt es
wohl gesunde Private, aber das gemeine Wesen ist nur eine grosse allgemeine
Krankheit. Ich möchte, Sie hätten die Verhandlung mit angehört, die ich in Paris
mit Berger über die schwere Not einer Zeit geführt habe, die beinahe nur noch
problematische Naturen hervorbringt.
    Wo ist der Professor? Fragte Bemperlein; ich hatte der Frau Doctor Hoffnung
gemacht, den alten Freund ihres Vaters heute Abend hier zu sehen.
    Ich weiss es nicht, erwiderte Melitta; wissen Sie es nicht, Oldenburg?
    Nein; ich habe ihn in der Volksversammlung von meinem Arme verloren. Ich
glaube indessen sicher, dass er noch kommt.
    Problematische Naturen, sagte Franz, der, dem angeregten Gedanken
nachhängend, den letzten Teil des Gespräches überhört hatte; wissen Sie, Herr
Baron, dass ich diesen Goete'schen Ausdruck schon in Verbindung mit Ihrem Namen
hörte und zwar aus dem Munde eines Mannes, der mit sehr teuer gewesen ist und
an dem auch Sie, so viel ich weiss, grossen Anteil genommen haben? - Sie brauchen
nicht ungeduldig auf den Tisch zu trommeln, Bemperlein; ich weiss, dass Sie sich,
ganz gegen ihre sonstige fromme Denkungsart, in einen höchst unfrommen Hass gegen
Oswald Stein hineingeredet haben, und ich erwähne unseres gewesenen Freundes
hier auch nur, weil er mir, ebenso wie sein Lehrer Berger, immer als ein Typus
der problematischen Naturen erschienen ist.
    Da Franz von dem Verhältnis Oswald's zu Melitta auch nicht die mindeste
Ahnung hatte, so entging ihm natürlich die Röte, welche so plötzlich in den
Wangen der Dame aufflammte, dass sie sich, dieselbe zu verbergen, tief auf ihre
Arbeit beugte; und die Heftigkeit, mit welcher Bemperlein sagte: Ich dächte,
Franz, dieser Mensch wäre einer Erwähnung gar nicht mehr wert; reizte ihn nur
zum Widerspruch.
    Denken Sie das auch, Herr Baron? sagte er, sich zu Oldenburg wendend;
sollten Sie auch einen Menschen schonungslos verdammen, dessen grösstes Unglück
es vielleicht ist, in dieser Zeit geboren zu sein?
    Nein, sagte Oldenburg ruhig und ernst; ich habe das alte Wort, dass wir nicht
richten sollen, um nicht selbst gerichtet zu werden, nicht vergessen. Ich habe
stets die herrlichen Gaben, mit welchen die Natur jenen Mann verschwenderisch
ausgestattet hat, aufrichtig bewundert, und es stets lebhaft bedauert, wie ich
es denn noch bis zu diesem Augenblick tue, dass ein so reicher Geist, wie ein
allzu üppig emporgeschossener Baum, nur taube Blüten tragen sollte, von denen
keine sich zur Frucht entwickelt.
    Während Oldenburg so sprach, hatten seine Augen fest auf Melitta geruht, die
jetzt ihr Antlitz wieder erhoben hatte und ihn ihrerseits so prüfend anblickte,
als wollte sie ihm bis auf den Grund der Seele schauen. Franz interessirte sich
für Oswald noch immer zu sehr, als dass ihn Oldenburg's Worte nicht innig hätten
erfreuen sollen. Er erwiderte deshalb in lebhaftem und herzlichem Ton:
    Ich war überzeugt, dass Sie so über Herrn Stein urteilen würden. Weiss ich
doch aus Stein's eigenem Munde manche Äusserungen von Ihnen, die mir bewiesen,
ein wie tiefes Verständnis Sie für seinen Seelenzustand hatten, und zeigte mir
doch Ihre Intimität mit Berger, dass Sie ein Arzt sind für die Kranken, nicht
aber für die Gesunden, - lieber Bemperlein, die bekanntlich keines Arztes
bedürfen. Berger und Stein sind zwei Naturen, die sich in Anlagen, Temperament
und Charakter in überraschender Weise gleichen. Wie hätten sie, die sich an
Jahren so verschieden sind, auch sonst so schnell innige Freundschaft schliessen
können - eine Freundschaft, die, fürchte ich, mehr als Alles dazu beigetragen
hat, in Stein die ausschweifenden Ideen zu nähern und zu befestigen, die ihn
über kurz oder lang zum Wahnsinn oder Selbstmord führen müssen.
    Aber sie sehen doch, Franz, sagte Bemperlein dass Berger den Alp seiner
Krankheit, die jedenfalls mehr physische als physische Ursachen hatte, glücklich
von sich abgeschüttelt und dadurch allein bewiesen hat, dass in ihm eine ganz
andere Kraft steckt, als in Stein.
    Den Tag nicht preise, bevor der Abend kommt! erwiderte Franz, ich wünsche
natürlich so lebhaft, wie Jeder von Ihnen, dass der Professor vollständig genesen
sei, aber ich als Arzt nicht anders sagen, als dass ich einen Rückfall keineswegs
für unmöglich halte, und wenn ich nicht sehr irre, Bemperlein, so erwähnten Sie
noch gestern Abend, dass mein verstorbener Schwiegervater sich genau so über
seinen Zustand ausgesprochen habe.
    Aber das wäre ja entsetzlich! sagte Melitta.
    Ich behaupte nicht, gnädige Frau, dass es so kommen wird, ich sage nur, dass
es so kommen kann.
    Haben Sie an Berger in der letzten Zeit etwas besonderes bemerkt? fragte
Melitta, zu Oldenburg gewandt.
    Ja, sagte dieser nach einigem Bedenken, ich kann es nicht leugnen, dass mir
in der letzten Tagen sein Wesen viel aufgeregter vorgekommen ist. Seit der
Februar - Revolution, an der wir, wie Ihnen bekannt sein wird, tätigen Anteil
genommen haben, scheint eine fieberhafte Ungeduld in ihm zu wühlen, die mich oft
an die Unruhe eines Löwen erinnert hat, der grollend hinter seinem Käfiggitter
rastlos auf- und abgeht. Die Minuten werden ihm zu Stunden, die Tage zu Wochen.
Vergeblich, dass ich ihn daran erinnere, die Geschichte der Ideen zähle nach
Jahrtausenden. - Ich habe keine Zeit, ist seine stete Antwort; wenn Sie, wie
ich, vierzig Jahre durch die Wüste gewandert wären, würden Sie die Sehnsucht des
müden Pilgers, nur einmal die Luft des gelobten Landes der Freiheit zu atmen,
begreifen. Dieses Zaudern und Zagen, dieses Schwanken und Wanken werden mich nur
zur Verzweiflung bringen. - Aber meine Herren, was ist das?
    Alle lauschten. Von ferne her kam, das Rasseln der Wagen übertönend, ein
gleichförmig zitternder dumpfer und doch starker Ton.
    Es ist der Generalmarsch, sagte Oldenburg, und seine Wangen röteten sich;
ich kenne den Klang.
    Oldenburg hatte diese Worte kaum gesprochen, und die Gesellschaft erhob sich
eben, um an die Fenster zu treten, als die Tür aufgerissen wurde und ein Mann
in das Zimmer stürzte, in welchem man Berger kaum noch wieder erkennen konnte.
Sein langes graues Haar hing in wahnsinnigen Streifen um sein Haupt; Gesicht und
Bart waren mit Blut besudelt, das aus einer Wunde auf der Stirn zu kommen
schien; sein Rock war hier und da zerfetzt, als wenn scharfe Instrumente
hineingeschnitten oder gestochen hätten. Seine Augen glühten, sein Atem
keuchte, als er jetzt, dicht an den Tisch herantretend und die Gesellschaft
anstarrend mit heisern Tönen rief:
    Auf! auf! Ihr sitzt und schwatzt, während draussen Eure Brüder und Schwestern
geworden werden! Auf! auf! mit diesen unsern blossen Händen wollen wir ihre
Bajonette zerbrechen und die Henkersknechte erwürgen.
    Er wird ohnmächtig, rief Franz, indem er Berger, der schon, während er
sprach, wie ein Trunkener geschwankt hatte und jetzt zusammenbrach, in den Armen
auffing.
    Die Männer sprangen hinzu und trugen den Ohnmächtigen auf das Sopha.
    Etwas Eau de Cologne, gnädige Frau, sagte Franz; danke, ängstigen Sie sich
nicht, es hat diesmal noch nichts zu sagen, aber ich fürchte für die Zukunft.
    Die Gesellschaft umstand den Kranken, dessen Atemzüge ruhiger wurden,
während draussen der Generalmarsch in der Ferne verhallte.
 
                           Zweiundvierzigstes Capitel
In einem Zimmer der dritten Etage desselben Hotels sass zu eben der Stunde eine
junge Dame, die mit ihrem Gatten - dafür nahm man wenigstens den Herrn, der sie
begleitete - unlängst in dem Hause angekommen war. Da auf den Reiseeffekten
"Paris" stand und der Herr mit der Dame französisch gesprochen hatte, so nahm
man im Hause an, dass es Franzosen seien, um so mehr, als das Hotel gerade von
Franzosen sehr stark frequentirt wurde. Frau Hauptmann Schwartz, die Besitzerin
des Hotels, hatte selbst die Fremden auf ihr Zimmer geführt, und, da die junge
Dame angegriffen und leidend aussah, teilnehmend gefragt, ob sie etwas für
Madame tun könne? Der Herr hatte gebeten, Tee zu besorgen, und im Uebrigen
alle Dienstleistungen abgelehnt: bald darauf war er ausgegangen.
    Er war kaum fünf Minuten fort, als eine Droschke, die seit dem Augenblick,
wo die fremden gekommen waren, ein paar Schritte die Strasse weiter hinauf
gehalten hatte, vor dem Hause vorfuhr. Ein junger Mann stieg aus und fragte den
Portier, ob ein Herr oder eine Dame, die vor einer Viertelstunde etwa aus Paris
gekommen wären, zu Hause seien? Als der Portier antwortete, dass der Herr so eben
mit dem Bemerken, er werde in einer Stunde etwa wieder kommen, das Haus
verlassen habe, Madame aber, so viel er wisse, sich auf ihrem Zimmer befinde,
bat der junge Mann, ihn unverzüglich zu ihr zu führen. Der Portier - ein
vielerfahrener Mann - sah, dass der junge Mann, der übrigens offenbar den höheren
Ständen angehörte, sehr aufgeregt war, und da ihm neun Uhr Abends nicht die ganz
geeignete Zeit schien, eine Dame, die allein auf ihrem Zimmer war, in einem
ehrbaren Hotel aufzusuchen, sagte er, er glaube nicht, dass die Dame noch zu
sprechen sei; ob der Herr nicht lieber morgen früh wiederkommen wolle?
    Ich habe es sehr eilig, sagte der junge Mann: ich - ich muss die junge Dame
in - Familienangelegenheiten sprechen. Wollen Sie nicht einmal nachfragen
lassen, ob sie nicht noch Besuch empfängt, und ihr - er besann sich einen
Augenblick - und ihr diese Karte bringen.
    Die Hand des jungen Mannes zitterte so sehr, als er die Karte hinreichte,
und sein Gesicht war so blass und verstört, dass der Portier mehr wie überzeugt
war, die Sache sei nicht richtig und die Zusammenkunft des jungen Herrn mit der
französischen Dame könne nur auf Kosten des ausgegangenen Herrn stattfinden.
    Was will ich denn, sagte er, da hängt ja der Schlüssel; sie sind alle Beide
ausgegangen.
    Der junge Mann hielt das Etui noch in der Hand.
    Ich bin überzeugt, sagte er, indem er ein Goldstück aus dem Etui nahm und es
dem Portier in die Hand drückte, dass die Dame zu Hause ist und dass sie mich
empfangen wird, wenn man ihr die Karte bringt.
    Der Portier war ein ehrlicher Mann, aber er hatte eine zahlreiche Familie
und musste morgen das Schulgeld für die beiden ältesten Kinder bezahlen.
    Drei Treppen, die zweite Tür auf dem Corridor links, sagte er mürrisch.
    Der junge Mann sprang, immer drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe
hinauf und klopfte an die bezeichnete Tür.
    Entrez! antwortete eine leise Stimme.
    Die junge Dame war, nachdem ihr Begleiter sie verlassen - er hatte nach der
langen Fahrt das Bedürfnis gefühlt, noch ein Stündchen in den Strassen
umherzuwandern - unbeweglich in der Sophaecke sitzen geblieben, den Kopf in die
eine Hand gestützt, während die andere schlaff an ihrer Seite herabhing. Der
Schein der Lichter auf dem Tische vor ihr fiel hell in ihr Gesicht. Es mochte
ein gar reizendes Gesicht sein, wenn es, wie es wohl konnte, von Übermut und
Lebenslust strahlte; aber jetzt war es blass und die Züge vom Weinen wie
verzerrt. Die grossen grauen Augen starrten auf den Fussboden; die schönen Brauen
waren düster zusammengezogen und die Lippen aufeinandergepresst. Mechanisch hatte
sie entrez! gesagt, als der Kellner klopfte, um den Tee zu bringen; sie hatte
nicht einmal empor geblickt, während er die Sachen auf dem Tisch ordnete, und er
musste seine Frage: ob Madame noch etwas zu befehlen habe? zweimal wiederholen,
bevor sie mit einem kurzen Nein! antwortete; ja sie hatte, sobald er die Tür
hinter sich geschlossen, vergessen, dass er da gewesen, und sagte, als es
unmittelbar darauf wiederum klopfte, ebenso mechanisch, wie das erste Mal:
entrez!
    Emilie!
    Die junge Dame fuhr mit einem Schrei in die Höhe und starrte den jungen
Mann, der vor ihr stand, mit weitgeöffneten Augen an, als ob sie jäh aus tiefem
Schlaf erwache und nicht wisse, ob das, was sie da vor sich sah, ein Traumbild
sei oder Wirklichkeit.
    Emilie! wiederholte der junge Mann und breitete seine Arme aus. Adolf! rief
sie, sich an seine Brust werfend, Adolf!
    Die Geschwister hielten sich umschlungen, wie sie sich in den Tagen ihrer
Kindheit umschlungen hatten, wenn der Bruder aus den Ferien nach Hause kam und
die Schwester ihm schon bis an die Grenze des Parks entgegengegangen war; aber
heute riss Emilie sich alsbald aus seinen Armen, und rief, die Hände, wie um ihn
abzuwehren, vor sich streckend:
    Wo kommst Du her? was willst Du hier?
    Kannst Du das fragen, Emilie? erwiderte er traurig; was ich hier will? Dich!
woher ich komme? von Paris, wo ich nach monatelangem Suchen Deine Spur fand, in
dem Augenblicke, als Du abreistest, und von wo ich Dir von Stadt zu Stadt, von
Gastof zu Gastof gefolgt bin, ohne dass es mir einmal gelungen wäre, Dich
allein zu finden. - Nicht, als ob ich mich vor ihm fürchtete! sagte der junge
Mann, indem er sich unwillkürlich stolz zu seiner vollen stattlichen Höhe
aufrichtete, aber ich wollte freundlich und gut mit Dir sprechen, und ich wusste,
dass mir das in seiner Gegenwart nicht möglich sein würde.
    Adolf von Breesen näherte sich seiner Schwester und wollte ihre Hand
ergreifen; sie wich vor ihm zurück.
    Was willst Du von mir? murmelte sie.
    Emilie, sagte er traurig, ist das die alte Liebe? Emilie! Kind! besinne
Dich! was soll ich anders wollen, als Dich aus diesem unwürdigen Verhältnis
befreien, das Dir schon längst zur Qual geworden ist. O, sage nicht nein! ich
sehe es ja an Deinen Augen, an Deinem blassen Gesicht, dass Du tief unglücklich
bist! Emilie, Schwester, liebe, liebe Schwester, folge mir! Bei unserm alten
Vater, der aus Gram um Dich vergeht, bei dem Andenken an unsere selige Mutter,
bei Allem, was Dir heilig ist, beschwöre ich Dich, folge mir!
    Emilie hatte sich schluchzend und ihr Gesicht in den Händen verbergend in
die Sophaecke geworfen. Adolf kniete vor ihr nieder. Er nahm ihre Hände in die
seinen, er küsste ihr die Stirn und Haar und Augen; er sprach zu ihr in beredten
Worten, wie sie auch einfache Menschen finden, wenn ihr Herz von treuer Liebe
voll ist. Er sagte ihr, dass er nicht daran denke, sie zu ihrem Gatten
zurückzuführen, den er selbst niemals habe leiden können, den sie gegen seinen
Willen geheiratet habe; dass sie niemals in ihre Heimat zurückkehren solle,
wenn sie es nicht wünsche, dass er mit ihr in ein fernes Land gehen, dass er sie
nie verlassen wolle. Er berührte alle Saiten ihrer Seele, von denen er wusste,
von denen er hoffte, dass sie ihm antworten würden. Aber es war lange Zeit
vergeblich.
    Ich kann ihn nicht verlassen, war Alles, was sie unter Schluchzen und
Tränen immer wiederholte.
    Aber um Gotteswillen, Emilie, rief der junge Mann; ist es denn möglich, dass
eine Torheit so lange währt? ist es denn möglich, dass Du diesen Menschen noch
immer liebst?
    Ja, ja, ich liebe ihn; liebe ihn mehr, als ich ihn je geliebt habe;
schluchzte sie.
    Adolf sprang empor und ging ein paar Mal mit heftigen Schritten im Zimmer
auf und ab. Dann trat er wieder an Emilie heran und sagte:
    Ich will es glauben, weil Du es sagst; aber Emilie, bei Deiner Ehre - denn
Deine Ehre ist es, die auf dem Spiel steht - beantworte mir diese Frage: bist Du
ebenso auch noch von seiner Liebe überzeugt?
    Ein heftiges Weinen war Emilien's Antwort, und in dem Weinen schüttelte sie
mit dem Kopfe.
    O, mein Gott, sagte Adolf bitter, bist Du so tief gesunken, dass Du einem
Manne folgst, der Dich nicht liebt? dem Du zur Last bist? der viel darum gäbe,
wenn er Dich nur wieder los wäre? ist das meine stolze Schwester? so will ich
denn unser altes Wappen zerbrechen und vor jedem Lump auf der Strasse die Augen
niederschlagen, und wenn mich Jemand einen Buben schimpft, tun, als hätte ich
es nicht gehört.
    Der junge Mann schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn, und
Tränen des Zornes und der Scham drangen aus seinen Augen.
    Emilie sprang von dem Sopha auf.
    Komm! sagte sie hastig, komm! Du hast recht! ich bin ihm zur Last! er wird
froh sein, wenn er mich los ist, komm!
    Gott sei gelobt! rief Adolf.
    Sogleich wollen wir fort! sagte Emilie, in dem Gemache hin und her irrend
und leidenschaftlich die Hände ringend; ich will ihn nicht wiedersehen. Ich will
ihm schreiben -
    Ja, ja! sagte Adolf; hier ist ein Blatt aus meinem Portefeuille, Tinte und
Feder ist hier; - schreib ihm, aber nur wenige Worte!
    Emilie setzte sich an den Tisch, aber sie hatte kaum ein paar Buchstaben
geschrieben, als sie von neuem in Tränen ausbrach.
    O Gott, o Gott! sagte sie, die Feder sinken lassend, ich kann es nicht.
    Gieb mir! sagte Adolf, ihr die Feder aus der Hand nehmend; ich will es tun.
Binde unterdessen Deinen Mantel um; ich bin gleich fertig.
    Während Emilie sich den Mantel umband, schrieb Adolf mit fliegender Feder
ein paar Zeilen. Er war nicht eben gewandt in solchen Dingen, aber in diesem
Augenblick kamen ihm die Ausdrücke wie von selbst.
    Bist Du bereit?
    Ja!
    Sie gingen die Treppe hinunter. Es begegnete ihnen Niemand.
    Adolf gab dem Portier den Schlüssel zum Zimmer.
    Sagen Sie dem Herrn, wenn er nach Hause kommt, Madame sei ausgegangen und
würde wohl so bald nicht wieder kommen.
    Adolf hatte Emilie in die Droschke gehoben.
    Die Droschke fuhr in ungewöhnlicher Eile davon.
    Hm! murmelte der Portier, indem er den Schlüssel zu den andern hing; ich
dacht's mir gleich, dass es so kommen würde. Nun, ich kann die Leute nicht
halten, wenn sie partout davon wollen.
 
                           Dreiundvierzigstes Capitel
In der Williamsstrasse, der vornehmsten Strasse der Residenz, war kurz vor Neujahr
durch den Hausmeister des Fürsten Waldernberg ein grosses schönes Hotel, dessen
Besitzer vor einiger Zeit gestorben war, gekauft worden. Der Fürst selbst, der
bald darauf von Grünwald eintraf, hatte die innere Einrichtung überwacht und
trotz der verschwenderischen Pracht, mit welcher sie ausgeführt wurde, so
gefördert, dass er schon Ende Januar mit seiner zahlreichen Dienerschaft und
seinem Marstall aus dem Hotel in der Bärenstrasse, wo er bis dahin residirt
hatte, in die Wohnung übersiedeln konnte. Er bezog den einen Flügel des
Erdgeschosses. Der andere Teil blieb vorläufig leer, da der Fürst in der
Einrichtung desselben dem Geschmack und den Wünschen seiner Braut, die nebst
ihrer Mutter Anfang Februar von Grünwald erwartet wurde, nicht vorgreifen
wollte. Mit desto grösserem Eifer liess er an der Ausstattung der Beletage
arbeiten, deren prachtvolle Räume für die Fürstin Mutter, die den übrigen Teil
des Winters in der Residenz zuzubringen gedachte, so wie zur Aufnahme der
erwarteten Gäste bestimmt waren.
    Der Fürst hatte die Freude, auch diese Arbeit vollendet zu sehen, als er am
1. März die Residenz verliess, um seine Mutter von Stettin abzuholen, wo das
Dampfschiff, welches sie von Petersburg nach Deutschland brachte, am nächsten
Tage ankommen musste. Zu gleicher Zeit waren durch seinen Hausmeister für seinen
Vater, den Grafen Malikowsky, der von München aus seine bevorstehende Ankunft
angekündigt hatte, in dem Hotel de Russie Unter den Akazien eine Reihe von
Zimmern gemietet worden.
    In einem der prachtvollen Salons des Hotels Waldernberg, in einem
weichgepolsterten Lehnstuhl, der nahe an den Kamin gerückt war, in welchem ein
lustiges Feuer brannte, sass die Fürstin Letbus. Dicht neben ihr, die hohe
Gestalt zu ihr herabgebeugt, wie um der Mutter selbst die Anstrengung des
lauteren Sprechens zu ersparen, stand der Fürst.
    Adieu, liebe Mama, sagte der Fürst, indem er sich noch tiefer herabbeugte
und die feine, welke Hand der Mutter an seine Lippen führte, es ist Zeit, dass
ich gehe, wenn ich die Ankunft des Zuges nicht versäumen will.
    Adieu, mein lieber Sohn, erwiderte die Fürstin; heisse Deine Braut in meinem
Namen willkommen. Sage ihr, dass ihr meine Mutterarme geöffnet sind. Hat der Graf
zugesagt, sich an dem Empfange der Damen zu beteiligen?
    Ja, liebe Mama?
    Nun denn, mein lieber Sohn, gehe mit Gott, der Deinen Ausgang und Deinen
Eingang segnen möge!
    Sie hauchte einen Kuss auf die Stirn des Fürsten, der sich erhob und über die
dicken Teppiche des Fussbodens geräuschlos zur Tür hinausschritt.
    Die Fürstin blieb, nachdem der Sohn sie verlassen hatte, in dem Lehnstuhl
zusammengekauert sitzen. Es waren keine tröstlichen Gedanken, die in diesem
Augenblicke durch ihr Hirn zogen, denn der Ausdruck ihres bleichen Gesichtes
wurde immer düsterer und düsterer, und immer starrer blickten die schwarzen
Augen in die Flamme des Kamins, so dass sie in dem Widerschein des Feuers
unheimlich funkelten und blitzten. Zuletzt schauderte sie aus dieser Starrheit
auf und drückte auf die Feder der silbernen Glocke, die dicht neben ihr auf
einem Tischchen stand.
    Unmittelbar darauf trat ihre erste Kammerfrau Nadeska herein.
    Was befiehlt meine Fürstin? sagte Nadeska, mit einer Stimme, durch deren
leisen unterwürfigen Ton eine gewisse Vertraulichkeit hindurchklang.
    Lass die Lichter in den Zimmern anzünden, Nadeska, und hörst Du, Nadeska, dass
die ganze Dienerschaft sich zum Empfang der Damen in dem Hausflur aufstellt. Wen
hast Du zu ihrer speciellen Bedienung bestimmt?
    Ich dächte: Katinka, Mademoiselle Virginie und von den deutschen Mädchen
Marie und Louise.
    Es ist gut. Du selbst empfängst die Damen an der Tür und begleitest sie auf
ihr Zimmer.
    Hat meine Fürstin sonst nichts zu befehlen?
    Nein, Nadeska.
    Die Kammerfrau verneigte sich und ging nach der Tür. Als sie dieselbe
beinahe erreicht hatte, rief die Fürstin sie zurück. Sie trat wieder an den
Stuhl.
    Hast Du den Grafen heute Vormittag beobachtet, Nadeska?
    Ja, meine Fürstin.
    Hast Du nichts Besonderes bemerkt?
    Er schien noch stutzerhafter und geschminkter als früher.
    Sonst nichts?
    Nein.
    Nadeska, ich habe eine unbeschreibliche Angst, dass er etwas gegen uns im
Schilde führt.
    Sie haben diese Angst stets gehabt, meine Fürstin, so oft der Graf einen
Besuch machte, und haben sie jetzt mehr als sonst, weil Sie ganz bestimmt
erwarteten, dass er der Einladung des Fürsten nicht folgen würde.
    Ja, sieht es nicht wie Hohn aus, dass er kommt? Was will er hier? Aber es ist
nicht das allein. Er hat gestern wiederum eine enorme Summe von mir verlangt.
    Die Sie ihm hoffentlich gegeben haben.
    Nein, Nadeska. Meine Geduld ist erschöpft, wie meine Casse. Michail sagte
mir, dass er das Geld nicht schaffen könne.
    Er muss es schaffen. Bedenken Sie, was auf dem Spiele steht!
    Aber diese Tyrannei ist unerträglich! rief die Fürstin, und die grossen
schwarzen Augen leuchteten im Wiederschein des Feuers wie glühende Kohlen.
    Nadeska zuckte die Achseln.
    Was wollen Sie dagegen tun! Sie wissen, der Graf hasst Sie eben so sehr wie
den Fürsten. Wenn er seinem Hasse nicht nachgibt und das Wort ausspricht, das
Mutter und Sohn auf immer trennen würde, so ist es nicht Furcht vor der Schande
- wann hätte sich der Graf jemals etwas aus der Schande gemacht! - sondern nur
Furcht vor der Armut, die er noch mehr hasst, als Mutter und Sohn
zusammengenommen. Lassen Sie ihn heute erfahren, dass ihm sein Schweigen nichts
mehr einbringt, und er wird es morgen brechen.
    Die Gräfin ächzte wie eine Gefolterte, indem sie ihre mageren Hände
zusammenpresste.
    O, Nadeska, Nadeska, wimmerte sie; warum musste der Graf in jenem
unglückseligen Augenblick kommen! warum musstest Du Deinen Posten verlassen in
dieser einen Stunde, die Alles entschied! Nur fünf Minuten vorher gewarnt, und
der Graf hätte mich allein gefunden, und wie gross auch sein Verdacht sein
mochte, er hätte auch diesmal keine Beweise gehabt.
    Nadeska stand seitwärts und etwas hinter der Gebieterin. Sie konnte also
ungestraft eine höhnische Fratze ziehen, bevor sie in noch demütigerem Tone
antwortete:
    Verzeihen Sie, Fürstin! dieses Mal war doch auch ohne das ein sehr
sprechender Beweis da. Freilich, ein böser Zufall war es immer, dass die Geburt
des Fürsten neun Monate nach der Nacht erfolgte, in welcher er von einem fremden
Manne, den er im Zimmer seiner Gemahlin fand, zwanzig Fuss hoch durch das Fenster
auf den Schnee geworfen wurde.
    Die Erinnerung an diesen Vorfall verscheuchte für diesen Augenblick die
Melancholie der Fürstin. Die lächerlichen, abscheulichen Scenen jener tollen
Nacht zogen mit Klarheit an ihrem inneren Auge vorüber, und das Bild des Helden
derselben, des Mannes aus dem Volke, den die hochgeborene Dame mit ihrer Gunst
beehrt hatte, erschien ihr wieder, wie es ihr damals erschienen war: ein Ideal
übermütiger Jugend und Manneskraft.
    Ob er wohl noch lebt? fragte sie, ganz in diese Erinnerung verloren.
    Wer, meine Fürstin? fragte Nadeska, die recht gut wusste, an wen die
Gebieterin jetzt dachte.
    Die Fürstin antwortete nicht, und Nadeska begann geräuschlos die Lichter in
dem Salon anzuzünden. Eine wollüstige Dämmerung verbreitete sich in dem Gemache,
die heller und heller wurde, ohne den sanften Charakter zu verlieren, denn
sämmtliche Lichter brannten in Kelchen von rosigem Glase. Es war dies das
einzige Licht, welches die reizbaren Nerven der Fürstin ertragen konnten; auch
am Tage, der für sie erst spät am Nachmittage anfing, waren die Fenster stets
mit rosenroten Vorhängen geschlossen; Spötter behaupteten, die Fürstin scheue
das freche Licht des Tages nur, weil es für ihren durch eine ausschweifende
Jugend und ein frühes Alter verwüsteten Teint allzu ungünstig sei.
    Nadeska hatte eben die letzte Kerze angezündet, als die dienstabende
Kammerzofe in das Gemach schlüpfte und ihr etwas in's Ohr flüsterte.
    Was gibt's, Nadeska? fragte die Fürstin.
    Der Graf lässt sich melden, erwiderte die Vertraute.
    Die Fürstin schrak zusammen.
    Was kann er wollen? sagte sie; er sollte jetzt auf dem Bahnhofe sein!
    Er wird sich in der Zeit geirrt haben.
    Möglich. Lass ihn kommen, aber bleib' im Zimmer.
    Auf einen Wink Nadeska's entfernte sich die Kammerzofe, die in demütiger
Haltung an der Tür gewartet hatte. Gleich darauf trat raschen Schrittes der
Graf Malikowsky herein, kam auf die Fürstin zu, küsste ihr verbindlich die Hand
und sagte, indem er sich in einen der Lehnstühle, die um den Kamin herum
standen, sinken liess:
    Sie wundern sich, Alexandrine, dass ich nicht mit den Andern zugleich
erscheine -
    In der Tat.
    Glauben Sie nicht, dass es Mangel an Aufmerksamkeit für die Braut meines
Sohnes ist - der Fürst sprach dies letztere Wort mit ganz besonderer Betonung
und zeigte dabei seine falschen weissen Zähne - im Gegenteil! gerade die zarte
Sorge, die ich dem Wohl des jungen Paares widme, treibt mich, ich kann sagen,
atemlos hierher. Eine Entdeckung, die ich heute - aber, darf ich bitten,
Alexandrine, dass sich Ihre Kammerfrau entfernt; meine Mitteilung erfordert
unbedingtes Geheimnis - flüsterte der Graf, sich zu seiner Gemahlin
hinüberbeugend.
    Lass und allein, Nadeska, aber bleib' im Nebenzimmer, sagte die Fürstin.
    Alexandrine, sagte der Graf, als sich die Kammerfrau entfernt hatte, um in
dem Nebenzimmer ihr Ohr an das Schlüsselloch zu legen; Sie hatten gestern nicht
die Güte, meiner, durch hartnäckige Verluste im Spiel erschöpften Casse mit der
geringen Summe, um die ich Sie bat, auszuhelfen. Nun hätte ich das übel nehmen
können in Anbetracht des eigentümlichen Verhältnisses, in welchem wir zu
einander stehen; indessen: ich für meine Person weiss mich einzuschränken und
möchte um Alles in der Welt nicht Ihnen, oder meinem Sohne beschwerlich fallen.
Um so mehr tut es mir leid, dass ich schon wieder Ihre Casse in Anspruch nehmen
muss, diesmal freilich nicht für mich, sondern für Jemand, der allerdings grössere
Ansprüche machen kann, als ich.
    Ich bin nicht so glücklich, den Sinn Ihrer Worte auch nur zu ahnen,
erwiderte die Fürstin, sich mit halb geschlossenen Augen in die Kissen ihres
Stuhles zurücklehnend.
    Vielleicht, sagte der Fürst, indem er in die Tasche seines Fracks fasste und
einen Brief herausnahm, den er mit den in gelbe Glacéhandschuh gepressten
zitternden Händen auf seinem Knie entfaltete, wird dieser Brief, der mir vor
einer halben Stunde durch einen jungen Menschen überbracht wurde, die gewünschte
Aufklärung geben. Erlauben Sie, dass ich Sie mit der Lectüre desselben behellige.
    Der Graf wartete keine Antwort ab, sondern klemmte seine goldene Lorgnette
auf die Nase und las, indem er dabei von Zeit zu Zeit über die Gläser weg auf
die Fürstin hinüberblickte:
    Hochgeborner Herr Graf! In dem Augenblicke, wo Se. Durchlaucht der Fürst
Waldernberg seine junge Braut, Baroness Helene von Grenwitz, in die Arme der
Fürstin Mutter führt, ist es gewiss wünschenswert, dass unter allen Mitgliedern
der Familie die Harmonie walte, ohne welche auch weniger wichtige Feste leicht
einen unerfreulichen Charakter annehmen. Sie selbst, hochgeborener Herr Graf,
haben, indem Sie über gewisse Vorgänge, welche in der Nacht vom 21. bis 22.
September 1824 im Hotel Letbus in St. Petersburg stattfanden, den Schleier
christlicher Liebe und weiser Vergessenheit fallen liessen, ein Beispiel gegeben,
dem ich gern folgen würde, wenn die Umstände es mir erlaubten. So aber bleibt
mir nur die Alternative, meine Angelegenheit bei Sr. Durchlaucht selbst zu
befürworten, oder Denjenigen, welche Ursache haben, gewisse Dinge vor Sr.
Durchlaucht zu verheimlichen, mit derselben beschwerlich zu fallen. Ich erlaube
mir deshalb, mich an Se. Excellenz den Grafen Malikowsky, als die zur
Vermittelung des Geschäfts geeignetste Person zu wenden, mit dem Ersuchen, mir
unverzüglich 50,000 (schreibe fünfzigtausend) Silber-Rubel bei einem der
hiesigen Banquiers anzuweisen, widrigenfalls ich mich eben genötigt sehen
würde, Sr. Durchlaucht selbst in Person meine Aufwartung zu machen.
    In der Zwischenzeit (die ich auf acht Tage de dato bestimmen möchte)
verharre ich u.s.w.
                                            Director Caspar Schmenckel aus Wien.
    P.S. Sollten Sie vorziehen, persönlich mit mir zu verhandeln, so bin ich
jeden Abend von 7 Uhr an im »Dustern Keller«, Gertrudenstrasse Nr. 15. zu finden.
                                                                            D.O.
    Nun, was sagen Sie, Alexandrine? fragte der Graf, indem er seine Lorgnette
fallen liess und den Brief wieder in die Tasche steckte.
    Dass das Ganze ein schlecht erfundenes Märchen von Ihnen ist.
    Comment? rief der Graf in einem Erstaunen, das diesmal nicht affectirt war.
    Glauben Sie wirklich, mein Herr, sagte die Fürstin, zitternd vor Wut und
einer heimlichen Furcht, es könne doch etwas Wahres an der Sache sein, dass ich
in eine so plumpe Falle gehen werde? dass ich nicht sehe, wo das Alles hinaus
soll? dass Sie auf diese schamlose Erfindung nur deshalb gefallen sind, weil ich
Ihrer tollen Verschwendung nicht auch noch den Rest meines Vermögens opfern
will?
    Wahrhaftig, Alexandrine, wer Sie so hörte, sollte glauben, dass Ihr Gewissen
so rein wäre, wie meine Handschuhe. Der Zorn macht Sie ja blind, Teuerste!
Bemerken Sie doch gütigst, dass in dem Briefe Dinge vorkommen, von denen ich gar
keine Ahnung habe, noch haben kann, zum Beispiel: der so überaus aristokratische
Name des betreffenden Ehrenmannes. Bekanntlich hatte ich bis jetzt noch nicht
die Ehre, zu wissen, wessen Blut in den Adern meines Sohnes fliesst. Und übrigens
haben Sie ja ein unfehlbares Mittel, die Echteit dieses Briefes zu ermitteln.
Lassen Sie sich den Verfasser - ich meine den des Briefes - kommen! er wird sich
doch in den fünfundzwanzig Jahren so sehr nicht verändert haben, dass Sie ihn
nicht wieder erkennen sollten.
    Sie denken, ich werde das nicht tun? Sie irren sich. Ich bestehe darauf,
dass Sie mir diesen Popanz, mit dem Sie mich einzuschüchtern versuchen,
vorführen. Geben Sie mir den Brief!
    Warum nicht? erwiderte der Fürst; hier! Aber, Alexandrine, ich hoffe, dass
diese Zusammenkunft in meinem Beisein geschieht, sonst würde ich mich vor
Eifersucht nicht zu lassen wissen.
    Teufel!
    O, mein Engel, nennen Sie so den Mann, dem Sie so viel Dank schuldig sind?
    Dank schuldig? Ihnen? Ich, der ich Sie aus dem Elend aufgelesen habe!
    Wofür ich Ihnen einen ehrlichen Namen gab.
    Einen ehrlichen Namen, der durch jedes schnödeste Laster und jede
schändlichste Sünde geschleift -
    Und doch immer noch gut genug war für die Freundin -
    Hüten Sie sich!
    Weshalb? der Himmel ist hoch und der Czar ist weit. Uebrigens haben Sie
recht, zu verlangen, dass auf dieses eine Verhältnis kein übermässiger Wert
gelegt werde. Weiss doch Jedermann, dass Ihnen in einer gewissen Beziehung jeder
Rang und Stand gleich war.
    Das geht zu weit, ich -
    Beruhigen Sie sich, ma chère! Ich höre so eben einen Wagen vorfahren.
Jedenfalls sind es die lieben Unsrigen. Wir müssen Ihnen ein Beispiel ehelicher
Liebe und Freundschaft geben.
    Es war ungefähr zwei Stunden später. Helene von Grenwitz wanderte, nachdem
sie die Kammerfrau verlassen hatte, unruhig in ihrem Zimmer auf und ab. Die
Baronin, welche von der Reise sehr angegriffen war, hatte sich bereits in ihr
Schlafgemach begeben. Helene konnte nicht schlafen. Ihre Seele war von einer
unbestimmten und deshalb um so fürchterlicheren Angst bedrückt. Sie kam sich
inmitten der Herrlichkeit, die sie umgab, vor, wie ein Kind in einem
verzauberten Schloss, wo aus jedem Winkel, in welchen der Schein der Lichter
weniger hell fällt, hinter jeder seidenen Gardine, die der Luftzug leise bewegt,
ein unsägliches Grauen hervortreten kann. War das die Erfüllung ihrer stolzen
Hoffnungen! Sie vermochte den Eindruck, den der Empfang im Salon der Fürstin auf
sie gemacht hatte, nicht wieder los zu werden. Noch immer fühlte sie die eisig
kalten Lippen der Fürstin auf ihrer Stirn; noch immer sah sie das widrig freche
Lächeln des Grafen und die finstere Miene des Fürsten. Es war ein unheimlicher
Geist, der durch dieses Haus ging. Und diesem Geist hatte sie sich ergeben,
hatte sie ihre Freiheit, ihre Mädchenträume, ihre Zukunft geopfert! Um was dafür
zu gewinnen? hohe Stellung, Reichtum! - Wie wenig begehrenswert ihr das Alles
in diesem Augenblicke vorkam! wie gern sie das Alles hingegeben hätte, ein
Ahnung des seligen Glücks zurückzurufen, das in dem Sommer des vergangenen
Jahres ihr Herz erfüllt hatte, wenn sie aus ihrem kühlen Gemach in den goldigen
Morgensonnenschein des Parkes hinaustrat und, langsam zwischen den Blumenbeeten
auf - und abwandelnd, bei jeder Wendung um ein dichteres Bosquet Oswald zu
begegnen hoffte. Wie weit, wie unerreichbar weit lag jetzt dies Alles hinter
ihr! weit, wie das Paradies der Kinderjahre, das kein Sehnen und kein Frühling
zurückbringt!
    Wieder und immer wieder schweiften ihre Gedanken nach Grenwitz; tausend
kleine Scenen, die sie vergessen zu haben glaubte, erwachten in ihrer
Erinnerung, - ein Spaziergang mit Bruno und Oswald durch die Felder, als die
Abendsonne tief am Horizont wie ein ungeheurer Feuerball in dem goldstrahlenden
Aeter hing und über dem reifenden Korn glänzende Lichter wogten, während hoch
über ihnen, verloren im tiefen Blau des Himmels, die Lerchen jubelten; ein
anderes Mal, als sie am heissen Nachmittage, ermüdet von dem monotonen Summen und
Schwirren der Insekten, auf einer Bank in einem kühlen Baumgang des Gartens
eingeschlummert war und sie in dem Augenblick erwachte, als ihr Jemand - es war
Bruno - einen Kranz von dunkelroten Rosen auf's Haupt setzte, während wenige
Schritte davon entfernt ein Anderer - Oswald war's - hinter einem Baum versteckt
lauschte. Und immer waren es Bruno und Oswald, welche die friedlichen Bilder
belebten - elysische Gestalten in elysischen Gefilden! Waren doch Beide todt; -
Helene hatte, als Oswalds Flucht mit Emilie das unerschöpfliche Tema des
Gesprächs in Grünwald war, unbeschreiblich gelitten, denn erst jetzt, als sich
eine Welt zwischen ihn und sie gelegt, fühlte sie, wie teuer ihr dieser Mann
gewesen war. Zwar bemühte sie sich ernstlich, diese Leidenschaft zu bemeistern
und sich mit dem Schicksal, das sie sich doch schliesslich selbst bereitet,
auszusöhnen; aber nur zu oft ertappte sie sich darauf, dass sie die
Persönlichkeit ihres Verlobten mit der Oswalds verglich, um immer wieder zu dem
Resultat zu kommen, dass Jenem Alles fehlte, was diesen in ihren Augen so
liebenswürdig gemacht hatte: die anmutig elegante Gestalt und Haltung, die
geistvollen und doch so zärtlichen Augen, die tiefe und doch so weiche Stimme,
der immer wechselnde und immer interessante Ausdruck des edlen Gesichts. - - Nie
hatte sie lebhafter als an diesem Abend gefühlt, wie stumm ihr Herz ihrem
Verlobten gegenüber war. Sie dachte mit Entsetzen daran, dass, als der
Generalmarsch auf der Strasse geschlagen wurde, von fern her das Brausen und
Toben der Volksmenge ertönte und der Fürst aufsprang, um an seinen Posten zu
eilen, sie weiter nichts empfunden hatte, als dass dies eine vortreffliche
Gelegenheit sei, sich in ihre Gemächer zurückzuziehen.
    Und immer schwerer wurde dem jungen Mädchen das Herz, und immer trüber wurde
es vor ihren Augen. Sie kam sich grenzenlos unglücklich vor; sie hatte Mitleid
mit sich selbst, dass sie so allein sei, dass Niemand ihren Kummer teile. Aber
hatte sie sich denn diese isolirte Stellung nicht selbst bereitet? hatte sie die
guten Menschen, die ihr mit offenem Herzen entgegengekommen waren, nicht mit
kühler Höflichkeit zurückgewiesen? Wie sehnte sie sich jetzt nach dem braven
alten Fräulein Bär, nach der klugen, herzigen Sophie Robran! Aber war nicht
Sophie in der Residenz? konnte sie die Freundin, die sie in der letzten Zeit in
Grünwald so vernachlässigt hatte, hier nicht wieder aufsuchen? Helene klammerte
sich an diesen Gedanken wie an einen Rettungsanker, und fragte sich seufzend,
während sie ihr schönes Haupt in den seidenen Kissen verbarg, ob sie denn
wirklich die stolze Helene sei, die gemeint hatte, einsam ihre Bahn, wie ein
Stern über den Himmel, ziehen zu können, unbekümmert um das Treiben der
Menschlein da unten in den niederen Menschenhütten!
 
                           Vierundvierzigstes Capitel
Die Aufregung in der Stadt nahm mit jedem Tage zu. Vergebens, dass man Truppen
über Truppen ansammelte und Tag und Nacht in den Casernen zum Gefecht bereit
hielt; dass man jeden Volkshaufen mit bewaffneter Hand auseinander trieb und die
Schreier auf alle Weise einzuschüchtern suchte. Jeder Tag brachte neue und immer
verhängnissvollere Unruhen; die Ansammlungen des Volks, besonders auf den weiten
Plätzen in der Nähe des Schlosses, wurden immer bedrohlicher: immer öfter
ertönte die aus gellendem Pfeifen und Hurrahrufen eigentümlich componirte
Volksfanfare, und immer seltener konnte das durch wochenlangen überstrengen
Dienst gegen das Volk erbitterte Militär diesem prickelnden Reizmittel
widerstehen. Immer häufiger wurde auf jener Seite von den Pflastersteinen, die
man schon hier und da aufzureissen begann, auf dieser von der blanken Waffe
Gebrauch gemacht. Bereits war die Zahl der mehr oder weniger schwer Verwundeten,
welche in die öffentlichen Hospitäler abgeliefert waren, sehr bedeutend.
Besonders verhängnisvoll war der letzte Abend gewesen. Eine Abteilung
Gardekürassiere hatte, mit verhängten Zügeln und gezogener Waffe dahersprengend,
einen Volkshaufen in eine der dem Schloss benachbarten Strassen hineingetrieben,
deren Ausgang von der andern Seite durch ein Piket Dragoner besetzt war, welche
Niemand durchliessen. Eine Scene grauenhafter Verwirrung entstand in dieser von
beiden Seiten zusammengequetschten Menge, in welche die Reiter, links und rechts
Säbelhiebe austeilend, erbarmungslos ihre Pferde hineinzwangen. In das
Angstgeheul der Weiber und Kinder, in das Rachegeschrei der Männer mischten sich
die Flüche der Soldaten, aber auch Drohungen und Verwünschungen, die ihnen aus
den Fenstern der Häuser von friedlichen Menschen zugerufen wurden, welche erst
der Lärm in der Strasse von ihrer Arbeit aufgeschreckt hatte. - So verbreitete
sich die Bewegung in immer weiteren Kreisen, und selbst in den entferntesten
Stadtteilen bildeten sich Gruppen auf den Strassen, als man erfuhr, dass auch die
wegen ihres Leichtsinns verrufene Kaiserstadt an der Donau eine vollständige
Revolution gemacht, dass auch dort das alte System gestürzt und der Vater der
völkerberückenden Cabinetspolitik, der Altmeister, durch dessen erbärmliche
Künste ein ganzes Menschenalter sich hatte gängeln lassen, aus seiner
Herrscherstellung vertrieben sei. Man jauchzte diesen ungeheuren Taten, die
noch einen Monat vorher die Sanguinischsten für unmöglich erklärt haben würden,
tausendstimmigen Beifall zu, und Einer fragte den Andern: ob man die
schändlichen Misshandlungen einer Kaste dulden solle, wenn es nur eines mutigen
Entschlusses bedürfe, um Freiheit und Gleichheit im Staate wieder herzustellen?
    Während so nach und nach selbst die Gleichgiltigsten in den Strudel der
Revolution hineingezogen wurden, sass Einer auf seinem Zimmer, unbekümmert um
Alles, was rings um ihn her vorging, in apatischer Regungslosigkeit.
    Als Oswald gestern Abend von seinem ziellosen Umherirren in den
menschenüberfüllten Strassen nach Hause kam, das Zimmer leer und den Brief von
Emiliens Bruder auf dem Tische fand, hatte er so laut aufgelacht, dass eine alte
Dame, welche die Zimmer nebenan bewohnte, aus ihrem ersten Schlaf aufgeweckt
wurde. Dann hatte er sich auf das Sopha geworfen; er war zu abgespannt und müde,
um zu Bett gehen zu können. Aber nach einiger Zeit fuhr er mit einem Schrei in
die Höhe. Er war mit Emilien Arm in Arm am Rande eines Abgrunds, liebkosend und
Liebe flüsternd, einherspaziert; plötzlich war sie von seiner Seite in die Tiefe
gestürzt, von Fels zu Fels, in schauderhafte Schlünde, aus denen ihr Jammern und
Hülferufen bis zu ihm empordrang. Oswald suchte lange vergeblich das
entsetzliche Bild loszuwerden, es hatte sich allzutief in sein überreiztes
Gehirn geprägt. Er hätte gern im Schlaf Ruhe und Vergessenheit gesucht, aber
obgleich er sich noch matter wie vorher fühlte, war doch die Müdigkeit ganz von
ihm gewichen. Tausend Gedanken und Bilder jagten sich in regelloser Folge durch
seinen Kopf, ohne dass er im Stande gewesen wäre, diesen tollen Spuk zu bannen.
Er konnte nichts, als untätig dem Treiben der Fiebergeister zusehen. Die Scenen
der letzten Tage vermischten sich unaufhörlich mit Bildern aus der frühesten
Jugend; und der grosse Herr, mit dem sie auf der letzten Station in einem Coupé
gefahren, verwandelte sich urplötzlich in den alten Ausrufer seiner Vaterstadt,
dessen Klingel für die Buben so anziehend gewesen war, wie die Flöte des
Rattenfängers von Hameln.
    Gewaltsam raffte er sich aus diesem Zustand auf. Er zog die Glocke und bat,
das Feuer, das ausgegangen war, wieder anzumachen. Dann setzte er sich an das
Feuer und dachte an die ersten Abende in Paris, wo er in seiner bescheidenen
Wohnung in dem fünften Stock eines Hauses im Quartier Latin mit Emilie am Kamin
sass und sie sich gegenseitig gratulirten, endlich einmal »bei sich zu Hause« zu
sein. Sie hatten sich über das Bedenkliche ihrer Lage mit Scherzen und Küssen
hinwegzuhelfen gesucht und herrliche Pläne für die Zukunft geschmiedet. Aber aus
der goldigen hoffnungsreichen Zukunft war eine graue trostlose Gegenwart
geworden; die Scherze waren verstummt, und die Küsse waren kälter und kälter
geworden. Und dann kamen Abende, wo Oswald, verstimmt und missmutig über
vergebliche Wege zu Verlegern, die von seinen Manuscripten »keinen Gebrauch
machen konnten«, nach Hause kam und Emilie in Tränen fand - in Tränen, von
denen er sich sagen musste, dass er und nur er allein sie verschuldet hatte. Dann
kamen unseligste Scenen, wo die Reue über die eigene Torheit sich hinter
Anklagen des Wankelmutes und der Lieblosigkeit des Anderen verbarg und in dem
Hinüber und Herüber unfreundlicher Worte der Liebe zartes Blümlein mitleidslos
zertreten ward. Und doch war es hier immer Emilie gewesen, die die Hand zur
Versöhnung geboten hatte. Ich mache Dir keine Vorwürfe, hatte sie dann oft
gesagt, ich wäre ganz glücklich, wenn ich nur sähe, dass Du es bist. Aber dass Du
es nicht bist, durch meine Schuld nicht bist, das presst mir Tränen aus. Oswald
hatte damals gezweifelt, dass sie die Wahrheit gesprochen; - heute sagte ihm eine
Stimme, dass es doch so war und dass sie ihn nie verlassen haben würde, wenn er
nicht selbst sie von sich getrieben hätte. Er nahm den Brief, den er auf dem
Tische gefunden, und starrte auf das: »Lieber, lieber Oswald« - das von Emiliens
zitternder Hand geschrieben und hernach von der andern Hand durchgestrichen war
und auf die beiden Flecken auf dem Papier - die Spur der Tränen, die ihr die
Trennung von ihm ausgepresst hatte. Er liess den Brief in die Flamme fallen und
seufzte tief, als er sah, wie sie gierig das Blatt erfasste und verzehrte und der
Zugwind die schwarze Asche davonführte. So war auch das vorbei, vorbei!
    Und wie er, den Kopf in die Hand gestützt, in die verglimmenden Kohlen
starrte, fingen die Fiebergeister wieder an, ihre tollen Tänze zu tanzen.
Bildschöne Gesichter sahen ihn an mit grossen, liebevollen Augen und schnitten
dann plötzlich eine hässliche Mohrenfratze; Director Clemens und Professor
Snellius kamen gravitätisch einhergeschritten im wichtigen Gespräch, das sie auf
einmal abbrachen, um eine übermütige Polka zu tanzen; Melitta, Helene und
Emilie schwebten rosenbekränzt in einer goldenen Wolke hernieder, die zu einem
Regen wurde, in welchem die drei Hexen aus dem Macbet ihre Schlangenhaare
schüttelten. - So verging die lange, bange Nacht. Als die Dämmerung in die
Fenster hereingraute, wurden die Fiebergeister blasser und immer blasser. Er
öffnete das Fenster und liess den kalten Morgenwind seine heissen Schläfe kühlen.
Das erquickte ihn etwas; aber als es auf der Strasse anfing, lebhafter zu werden,
schloss er das Fenster wieder und liess die Vorhänge herunter; er mochte von dem
Leben, das er so hasste, nichts sehen und nichts hören.
    In dem Hotel war Emiliens Flucht nicht eben aufgefallen. Der Einzige,
welcher etwas Genaueres von der Sache wusste, der Portier, fühlte, im heimlichen
Bewusstsein seiner Mitschuld, keine Neigung, sich weiter darüber auszusprechen.
Man glaubte also, wenn man überhaupt in diesen vielbewegten Tagen Zeit hatte,
sich um solche Nebensachen zu bekümmern, dass die Dame nicht, wie man anfänglich
gemeint, die Gemahlin, sondern die Schwester des Herrn, und der zweite Herr, der
sie abgeholt, der Gemahl der Dame gewesen sei.
    So nahm auch die Wirtin des Hotels, Frau Hauptmann Schwarz an, als sie am
Mittag des folgenden Tages sich bei Oswald, melden liess. Frau Hauptmann hatte
die Gewohnheit, sich, wenn ihre Gäste drei Nächte unter ihrem Dache geschlafen,
am vierten Tage persönlich nach ihrem Befinden und etwaigen Wünschen zu
erkundigen, und auf diese Weise eine Art von persönlichem Verhältnis anzubahnen,
wie es ihrem Herzen Bedürfnis war. Nun war Oswald freilich erst gestern Abend
gekommen, aber der junge Mann hatte in dem Blick seiner Augen und dem Ton seiner
Sprache ein Etwas gehabt, das sie wunderbar an vergangene Zeiten und an ein
Wesen mahnte, das sie sehr geliebt und dessen Verlust sie noch immer nicht
verschmerzt hatte. Sodann kam er aus Frankreich, dem Lande, aus welchem jene
schöne, junge unglückliche Freundin gestammt und wohin sie sich wahrscheinlich
später gewandt hatte. Freilich, sie hatte nie wieder Nachricht von sich gegeben,
das arme Mädchen, und so war es nicht eben wahrscheinlich, dass sie noch am Leben
war; aber das hinderte die Frau Hauptmann nicht, sich jedesmal über die Ankunft
eines Franzosen in ihrem Hause ganz besonders zu freuen, weil ihr damit
wenigstens die Möglichkeit gegeben schien, etwas über die Verlorene in Erfahrung
zu bringen.
    Wie erstaunt und betrübt war deshalb die gute Frau, als sie Oswald heute
Morgen so bleich und verfallen fand - ein Schatten nur noch des stattlichen
jungen Mannes von gestern Abend. Er hatte eine schlechte Nacht gehabt? Freilich,
das musste eine recht böse, schlechte Nacht gewesen sein, die einen jungen Mann
so herunterbringen konnte. Ob sie nach dem Doctor schicken solle? Nein? aber
eine Tasse Bouillon mit einem Ei abgerührt? Die gute alte Dame trippelte davon,
um den Bouillon selber zu besorgen, den Niemand so gut, wie sie, zu bereiten
verstand. Und während sie in der Küche damit beschäftigt war, schüttelte sie
einmal über das andere ihr graues Haupt, weil der Monsieur Oswald - so hatte
sich der Fremde genannt - so sehr gut deutsch sprach und so recht krank und
unglücklich schien und trotzdem der Verlorenen nur um so ähnlicher sah. Ihr
kamen dabei die Tränen in die Augen, und sie nahm sich vor, selbst auf die
Gefahr hin, indiscret zu werden, nach der Ursache seines Kummers zu fragen.
    Mit diesem Vorsatze betrat sie abermals Oswalds Zimmer und fand den jungen
Mann in derselben Stellung, wie sie ihn verlassen hatte, auf dem Sopha sitzend,
die Arme über die Brust gekreuzt, die matten, schmerzlich starren Augen auf den
alten französischen Kupferstich an der Wand gegenüber geheftet, der die an den
Felsen gekettete und von dem Drachen bewachte Andromeda darstellt, zu deren
Rettung Perseus mit dem Gorgohaupt durch die Lüfte herbeieilt. Er hatte das Bild
heute Morgen in der Dämmerung zuerst bemerkt, und bei dem mangelhaften Lichte
lange gerätselt, was es wohl darstellen möchte, bis er es endlich, als es heller
wurde, herausgebracht hatte. Das Bild war manierirt, wie alle Producte der Zeit,
in welcher es entstand. Die Andromeda war ein wenig zu klein geraten, ein Kind
fast in dem Verhältnis zu dem sehr langen und sehr schlanken Heros, der, eben
den Fuss auf den Felsen setzend, zum Schlage gegen das Ungeheuer ausholt, das ihn
mit weit geöffnetem Rachen anschnaubt und mit giftigen Basiliskenaugen anstiert.
Dennoch war es nicht ohne Geist in der Conception und nicht ohne Feinheit in der
Ausführung. Besonders war das Aufleuchten der Hoffnung in den kindlich schönen
Zügen des Mädchens und der heroische Zorn in dem Antlitz des Jünglings
vortrefflich wiedergegeben; und die Scenerie - ein einsamer Fels in dem
grenzenlosen Meere - über dessen Horizont die Morgensonne aufsteigt, deren
Strahlen über die Wellen fort bis an den Felsen zittern - hatte etwas von Claude
Lorraine's heiterer Kraft und Grossheit. Oswald hatte mit einem Gefühl
schmerzlicher Wehmut das Bild wieder und wieder betrachtet. Der schöne Sinn der
alten Myte, dass kühner Mut den, der ihn besitzt, mit Götterflügeln über Länder
und Meere trägt, dass der Held mit dem Blick seiner Augen schon die Gefahr
bändigt und schliesslich nur ihm die holde Blume der Liebe und Schönheit auf
rauhem Felsen in dem öden, unwirtlichen Meer des Lebens blüht - hatte ihn, den
Mutlosen, den Träumer schmerzlich an Alles erinnert, was er Liebes und Schönes
im Leben schon besessen hatte, nur, um es nach so kurzer Zeit auf immer wieder
zu verlieren.
    Auch jetzt, während die Frau Hauptmann sich auf seine Bitte zu ihm gesetzt
hatte, und ihm von der Aufregung, die in der Stadt herrsche, von den blutigen
Scenen, die gestern Abend gar nicht weit von ihnen, in der Schwesterstrasse,
vorgefallen wären, von den Volksversammlungen unter den Buden erzählte und über
die schlimme Zeit klagte, wo Alles drunter und drüber gehe und man zuletzt nicht
mehr wisse, wer Koch und wer Kellner sei, richteten sich seine Augen wiederholt
auf das Bild an der Wand. Die Frau Hauptmann bemerkte es und sagte:
    Ja! so sah es vor fünfundzwanzig Jahren auch aus. Es gehörte einem Landsmann
von Ihnen, einem lieben, braven Herrn, der viele Jahre bei mir gewohnt hat und
den ich wie eine Schwester lieb hatte - das Bild ist noch hier, aber er -
    Hier seufzte sie so tief, dass Oswald, den das eigene Leid nicht für das Leid
Anderer abgestumpft hatte, mitleidig fragte:
    Er ist todt, der Herr, nicht wahr?
    Ich weiss es nicht, erwiderte die alte Dame; er ist in die Welt
hineingezogen, um ein Mädchen, das ich als mein Kind erzogen hatte - ein süsses,
herziges Geschöpf, vom Verderben zu retten; aber er ist nicht wieder gekommen,
und sie ist nicht wieder gekommen, und ich beweine ihren Verlust, obgleich jetzt
beinahe fünfundzwanzig Jahre darüber verflossen sind. Haben Sie, Monsieur - ach!
es ist eigentlich töricht, dass ich darnach frage, aber möglich ist ja am Ende
Alles auf der Welt - haben Sie je etwas von einer Mademoiselle Marie Montbert
und einem Monsieur d'Estein gehört?
    Die alte Dame hatte diese Frage so oft getan und so oft nur ein kurzes non,
Madame zur Antwort erhalten, dass sie kaum Oswalds bedauerndes Achselzucken
beachtete und mit Lebhaftigkeit fortfuhr:
    Ach, ich dachte es wohl; Niemand weiss mir etwas von ihnen zu sagen. Die Welt
ist so gross und der Menschen sind so viele: und in dieser grossen Welt und in dem
Menschengetreibe, wie leicht sind da zwei Unglückliche vergessen und
verschollen!
    Das Benehmen der alten Frau war bei aller Herzlichkeit so fein und würdig,
die tiefliegenden, aber noch immer lebhaften Augen blickten so freundlich und
sanft, und ihre Stimme klang so treu und so gut, dass Oswald sich wunderbar von
ihr angemutet fühlte und sie mit einer Wärme, die ihm von Herzen kam, bat, ihm
etwas Näheres von jenen beiden Personen, deren unglückliches Schicksal sie nach
so langer Zeit noch so schmerzlich beklagte, mitzuteilen.
    Die Frau Hauptmann strich die schwarzseidene Schürze glatt und erzählte in
schlichten Worten ihre Geschichte.
    Ihr Gemahl, eine tapfere, aber überaus wüste und unbändige Natur, hatte sie
durch seine Verschwendung schon Jahre vorher, ehe er bei Waterloo durch einen
heldenmütigen Tod die Sünden seines Lebens quitt machte, gezwungen, für ihren
Unterhalt selbst zu sorgen. Sie hatte in einem Hintergebäude des Hauses, dessen
Herrin sie jetzt war, eine geräumige Wohnung inne gehabt, von der sie den
grösseren Teil an einzelne Herren wieder vermietete. Immer hatte sie gesucht,
mit ihren Abmietern auf einem freundschaftlichen, zum wenigsten guten Fuss zu
stehen. Mit keinem war ihr das so gut gelungen, als mit einem Herrn, Namens
d'Estein, dem Abkömmling einer Familie französischer Réfugiés, der sich sein
mühseliges Brod durch Unterrichtgeben in der unvergessenen Sprache seiner
Heimat verdiente. Monsieur d'Estein war ein herzensguter, voller Schrullen
steckender Hagestolz, der mit der ganzen Welt zerfallen war und mit Jedem, der
ihn darum bat, seinen letzten Bissen Brod teilte. Er hatte über Alles seine
ganz besonderen Ideen und trug sich fortwährend mit weltumstürzenden Plänen,
während er dabei so harmlos wie eine Grille lebte.
    Monsieur d'Estein hatte bereits mehrere Jahre bei ihr gewohnt und war ihr in
dieser Zeit ein lieber treuer Freund geworden, dem sie ohne Bedenken ihre
mancherlei Sorgen und Nöte klagen konnte, als eines Tages Monsieur Montbert,
ein französischer Obrist, Monsieur d'Estein, seinen Verwandten, zu besuchen kam.
Der Obrist war auf dem Wege nach Russland - es war im Jahre 1812 - und er hatte
ein Töchterchen von acht Jahren bei sich, ein liebliches Geschöpf, das der
Obrist vielleicht um so zärtlicher liebte, als es sich nicht des Vorzuges einer
legitimen Geburt erfreute und Niemand auf der Welt hatte, der es liebte und
beschützte, als den Vater, den die Kriegsstürme stets von einem Ende Europas
nach dem andern fegten. Bis jetzt hatte er sie auf allen seinen Zügen bei sich
gehabt: aber der sonst so tapfere Mann schauderte vor dem Gedanken, sein Kleinod
den Gefahren einer Wintercampagne, deren Ausgang er ahnen mochte, preiszugeben,
und die eigentliche Veranlassung seines diesmaligen Besuches - schon 1807 war er
auf einige Monate in der Residenz gewesen - war, Monsieur d'Estein zu bitten, so
lange der Feldzug dauere, die Sorge für die kleine Marie zu übernehmen, und wenn
er nicht wiederkehren sollte - da waren die Familienpapiere, da war baar und in
Wechseln das Vermögen, das er besass und - die Freunde sahen sich in die Augen
und drückten sich die Hände. Der Obrist küsste sein Töchterchen, versprach ihr,
in einem Schlitten mit zwei Renntieren aus Russland zurückzukommen, küsste sie
noch einmal, rief! Adieu, mon cher! adieu, ma petite! schwang sich auf sein
Pferd und ritt davon.
    Der Oberst Montbert machte sein Versprechen mit dem Renntierschlitten nicht
wahr; sein Töchterchen wartete und wartete auf den Schlitten und auf den Vater,
bis sie ein grosses Mädchen war, aber Schlitten und Vater kamen nicht.
    Marie war ein grosses schönes Mädchen geworden, so schön, dass sie in der
ganzen Nachbarschaft nur die schöne Marie hiess. Sie war auch ein gutes Mädchen,
mit einem Herzen, dass sich mit den Fröhlichen freuen und mit den Leidenden
weinen konnte. Ihr einziger Fehler war eine allzu lebhafte Phantasie, ein Hang
für das Ausserordentliche, Wunderbare - das Erbteil ihres Vaters, des
französischen Reiterobristen, dessen abenteuerlustiger, phantastischer Sinn, wie
Monsieur d'Estein behauptete, nah an Wahnsinn gestreift hatte.
    Der Frau Hauptmann und Monsieur verursachte die Charaktereigentümlichkeit
ihres Pfleglings viel schwere Sorge, besonders Monsieur, dem bei seiner herben,
nüchternen Sinnesart alles Phantastische ein Gräuel war. Das Mädchen darf keine
Zeit zum Träumen haben, pflegte er zu sagen; sie muss denken und handeln lernen.
Sie muss in der schweren Prosa des Lebens ein Gegengewicht gegen ihre bunte
Traumwelt haben. In spanischen Schlössern kann kein Mensch wohnen. Nach diesen
Maximen entwarf er einen Erziehungsplan für die kleine Marie, dessen
Zweckmässigkeit Frau Hauptmann trotz der unbegrenzten Achtung, die sie vor
Monsieur's Verstand und Charakter hatte, niemals recht einleuchten wollte. Marie
sollte in den einfachsten Kleidern gehen, wie die Kinder kleiner Handwerker; sie
sollte jede häusliche Arbeit verrichten lernen, und als sie erwachsen war, trieb
Monsieur die Consequenz gar so weit, dass er sie zu einer achtbaren Putzmacherin
in die Lehre gab - man konnte ja nicht wissen, ob ihr das in ihrem späteren
Leben nicht noch recht nützlich würde. Frau Hauptmann schüttelte zu dem Allen
den Kopf; aber sie söhnte sich auch wieder mit Monsieur's Handlungsweise aus,
wenn sie bedachte, wie gut er's doch meinte, und besonders, wenn sie sah, wie
trefflich das Mädchen dabei gedieh, wie es mit jedem Tage klüger und schöner
wurde und in seinem bescheidenen Kattunkleidchen und dem einfachen Strohhütchen
feiner und vornehmer aussah wie eine Geheimeratstochter.
    Frau Hauptmann war stolz auf das Mädchen; sie selbst hatte nie Kinder
gehabt, aber sie meinte, dass sie ein eigen Kind nicht mehr geliebt haben würde.
Und war sie denn nicht des Kindes Mutter? hatte sie es nicht in gesunden Tagen
gehegt und in kranken gepflegt? und hing es dafür nicht an ihr mit so zärtlicher
Liebe, wie nur eine Tochter an ihrer Mutter hangen kann? Frau Hauptmann war
ordentlich eifersüchtig auf diese Liebe; sie hatte so wenig Liebe in ihrem Leben
erfahren! und sah es gar nicht so ungern, dass Marie zu ihr offenbar mehr
Zutrauen und Liebe hatte, als zu ihrem Pflegevater. Aber dieser war seinerseits
nicht weniger eifersüchtig; ja, es kam Frau Hauptmann manchmal vor, als ob
Monsieur noch andere als väterliche Empfindungen gegen die schöne Nichte hege
und als ob seine Erziehungsmetode, die Marie ganz in den kleinen Kreis der
Häuslichkeit bannte, nicht bloss durch pädagogische Rücksichten bestimmt sei.
Monsieur war um diese Zeit erst vierzig Jahre alt. Es war dies kaum mehr als der
Schatten eines Verdachtes, dem aber die folgenden Ereignisse Körper gaben.
    Eines Abends - es war an einem Sonntag - kam Monsieur von dem Spaziergang,
den er mit Marie in den Park gemacht hatte, sehr verstimmt nach Hause. Auch
Marie schien aufgeregt und hatte die Spur von Tränen in ihren schönen Augen.
Sie ging gleich nach dem Abendessen zu Bett, und Frau Hauptmann bat Monsieur nun
so lange, zu erzählen, was sich ereignet, bis er ihr endlich willfahrte.
    Marie und er waren in traulichen Gesprächen in den schattigen Gängen des
Parks auf- und abgewandelt, und endlich in eine der Gartenrestaurationen
getreten, weil Monsieur dem durstigen Kinde ein Glas Limonade reichen lassen und
bei der Gelegenheit selbst ein Gläschen Liqueur trinken wollte. Sie hatten kaum
Platz genommen, als zwei Herren, die vorher weiter weg gesessen hatten, sich an
dem Tischchen dicht neben ihnen niederliessen. Monsieur, der den Herren den
Rücken zukehrte, beachtete sie nicht weiter und wurde erst auf sie aufmerksam,
als er sah, dass Marie, während er mit ihr sprach, einen halb verlegenen, halb
neugierigen Blick neben ihm vorbei nach jener Richtung warf. Er wandte sich um,
zu sehen, was es gäbe. Es war ein auffallend schöner Mann - Monsieur konnte das
trotz all seines Aergers nicht leugnen - eine hohe, ritterliche Gestalt, ein
herrlicher Kopf, ein edles, wenn auch etwas verwüstetes Gesicht, grosse,
dunkelblaue Augen, die vornehm und freundlich zugleich blickten, als der Herr
jetzt den Hut ziehend, in sehr gutem Französisch - Monsieur und Marie hatten,
wie gewöhnlich, französisch gesprochen - fragte: ob es ihm und seinem Begleiter
vergönnt sei, sich der Gesellschaft von Monsieur und Mademoiselle anzuschliessen?
Nun war Monsieur der höflichste Mensch von der Welt; aber, behauptete er, es
habe in dem Wesen des vornehmen Herrn ein Etwas gelegen, das ihn sofort mit
tiefem Widerwillen gegen denselben erfüllte, und er habe deshalb kurz und
trocken geantwortet, dass er und Mademoiselle vorzögen, allein zu bleiben. Es
hatte darauf einen kurzen Wortwechsel zwischen ihm und dem Fremden gegeben, der
damit endete, dass er selbst aufstand und, um der Sache ein Ende zu machen, Marie
aus dem Garten führte.
    Von diesem Abend an datirte sich eine merkliche Veränderung in Mariens
Benehmen. Sie, die sonst so Heitere, Gleichmütige, liess das Köpfchen hangen,
war bald blass und bald rot, bald ausgelassen lustig, bald zum Sterben traurig -
weder Monsieur noch Frau Hauptmann wussten, was sie daraus machen sollten. Zu
allem Unglück wurde Monsieur in der Zeit so krank, dass er das Zimmer hüten musste
und in Folge dessen die Pflege der Frau Hauptmann mehr wie gewöhnlich in
Anspruch nahm, so dass Marie sich vielfach selbst überlassen blieb. Sonst hatte
sie Monsieur regelmässig des Abends aus dem Atelier, in welchem sie arbeitete,
abgeholt, jetzt musste sie den Weg allein machen. Was nun während dieser Zeit
geschehen, in welche Schlingen das arme unglückliche Mädchen gefallen ist - Frau
Hauptmann hatte es nie erfahren. Aber eines Morgens, als sie die Kleine wecken
wollte, fand sie das Zimmer leer und auf dem Tisch ein Briefchen, in welchem die
Unglückliche schrieb, dass Gründe, über die sie sich nicht näher erklären dürfe,
sie zwängen, die Stadt zu verlassen; dass sie ihre Wohltäter mit tausend Tränen
um Verzeihung bitte, wenn sie ihnen jetzt für all ihre Liebe nur mit scheinbarer
Undankbarkeit lohne; dass sie aber zu Gott hoffe, es werde bald ein Tag kommen,
wo all dieses Leid sich in Freude verwandele.
    Dieser Tag war nie gekommen, dafür hatte sich für die arme Frau Leid auf
Leid gehäuft. Monsieur war über die Nachricht von Mariens Flucht beinahe
wahnsinnig geworden und hatte mit furchtbarem Eid geschworen, dass er von dieser
Stunde an nicht ruhen und nicht rasten wollte, bis er Marien aus den Händen des
schändlichen Verführers befreit und sich persönlich an ihm gerächt habe.
Monsieur d'Estein war der Mann, sein Wort zu halten. In dem kleinen,
schwächlichen Körper lebte ein energischer Geist. Das zeigte sich jetzt, wo eine
freche Hand das Glück seines Lebens grausam zerstört hatte. Denn die Frau
Hauptmann konnte nicht länger zweifeln, dass der sonderbare Mann die Verlorene
mit all der Leidenschaft, die so verschlossenen, wunderlichen Naturen
eigentümlich ist, geliebt habe. Er betrieb die Nachforschungen mit einer
rastlosen Tätigkeit, die von Erfolg gekrönt war. Er hatte die rechte Spur
gefunden. Wohin sie führte? - - er sprach sich darüber nicht aus, wie er denn
überhaupt die ganze Angelegenheit selbst vor seiner alten Freundin in tiefes
Geheimnis hüllte. Er packte in seinen Koffer, was er zu einer längeren Reise
brauchte, riss sich von der Weinenden los, mit dem Versprechen, in acht Tagen
spätestens Nachricht von sich zu geben - aber seitdem waren nun beinahe
fünfundzwanzig Jahre vergangen, und Frau Hauptmann wartete noch immer, dass
Monsieur sein Versprechen erfüllte.
    Die alte Dame hatte, in ihre Erinnerungen verloren, ganz vergessen, dass es
nicht sowohl ihre Absicht gewesen, das eigene Leid zu klagen, als das des jungen
Fremden in Erfahrung zu bringen; und sie wurde erst durch die Blässe von Oswalds
Gesicht, die, während ihrer Erzählung nur immer zugenommen hatte, daran
erinnert.
    Aber Sie sind wirklich kränker, als Sie glauben, lieber junger Herr,
unterbrach sie sich; Ihre Hand ist glühend heiss und - verzeihen Sie einer alten
Frau! - Ihre Stirn brennt. Erlauben Sie mir, dass ich nach unserm Arzt schicke!
    Bitte, lassen Sie das! sagte Oswald, sich gewaltsam emporraffend; ich will
Ihnen gestehen: ich bin die ganze Nacht schlaflos gewesen, wahrscheinlich aus
übergrosser Abspannung in Folge der langen Reise.
    So legen Sie sich wenigstens jetzt noch einige Stunden hin! bat die alte
Dame. Ich weiss es wohl: die Jugend kann des Schlafes nicht entbehren, wie wir
alten Leute.
    Das will ich, sagte Oswald, während sich Frau Hauptmann erhob. Sie sollen
sehen: der Schlaf macht Alles wieder gut.
    Das gebe Gott, erwiderte die alte Dame, Oswald noch einmal freundlich die
Hand drückend; bitte, bitte, keinen Schritt weiter! Ich werde nach einigen
Stunden wieder anfragen.
    Die Tür hatte sich kaum hinter der Frau Hauptmann geschlossen, als Oswald
wie vernichtet in den Sopha zurücksank.
    Was hatte er eben gehört! Dass dies die Fortsetzung der Geschichte sei, die
ihm im vorigen Sommer die alte Mutter Clausen in Grenwitz erzählt hatte - an
jenem Abend, als er mit Timm in ihrer Hütte Schutz vor dem Regen suchte - daran
hatte er schon nach den ersten Worten der Frau Hauptmann nicht mehr gezweifelt.
Stimmten doch alle Umstände! - So, genau so, wie die alte Dame den fremden
Cavalier geschildert hatte, blickte noch heute das Porträt des Barons Harald von
Grenwitz aus seinem breiten Goldrahmen; und hatte nicht das arme schöne Mädchen,
die unglückliche Verführte, Marie geheissen, wie die Pflegetochter des Monsieur
d'Estein!
    Aber das war es nicht, was ihm jetzt das Blut erstarren machte und alle
seine Glieder wie im Fieber schüttelte. Es war eine andere, furchtbare Ahnung,
die aus den Tiefen seiner Seele mit dämonischer Gewalt heraufstieg. Oder waren
es auch nur die Fiebergeister, die am lichten Tage ihren schauerlichen Spuck von
neuem begannen? war es Wahnsinn, dass in seiner erhitzen Phantasie aus dem
Monsieur d'Estein, dem grillenhaften französischen Sprachmeister, sein Vater,
der alte wunderliche Mann wurde? und aus der schönen Tochter des französischen
Obristen die schöne junge Frau mit den holdseligen Augen, um deren Kniee er als
Kind an hellen Sommermorgen in dem lauschigen Garten hinter der Stadtmauer
gespielt hatte, während die weissen Schmetterlinge sich über dem blauen
Rittersporn wiegten?
    Und in immer wilderer Hast jagten sich die tollen Gedanken. Alte, längst
vergessene Eindrücke erwachten und gaben deutliche Antwort über die Kluft der
Jahre hinweg; seltsame Zweifel, mit denen sich der Knabe, der Jüngling getragen
hatte, kamen wieder und sagten: Du hast ja nun die Lösung! So vieles
Unerklärliche in seinem Leben zeigte auf einmal den tief verborgenen Sinn. Nicht
greisenhafte Schwäche war es also gewesen, was die alte Mutter Clausen trieb, in
seinem Gesicht fortwährend nach den Zügen des Barons Oskar zu suchen, »der mit
dem Wodan stürzte,« und nicht eine phantastische Laune, dass Albert Timm
erklärte: Sie haben das leibhaftige Gottseibeiunsgesicht der Grenwitzer Barone!
    Oswald sprang vom Sopha auf nach dem Spiegel. Ein todtenbleiches Gesicht mit
unheimlich leuchtenden Augen stierte ihn an: Sieh da! ist der böse Geist noch
immer nicht zur Ruhe? sind ihm noch nicht genug Opfer gefallen? erzeugt er sich
in seinen Opfern immer wieder? kann der Vampyr nicht an seinen eigenen Blicken
sterben? Eine Kugel? was? so gerade über den pochenden Schläfen in's fiebernde
Hirn - sollte die dem Spuk nicht ein Ende machen? Doch, das ist der rechte Tod
nicht, sagt Berger; ist nur Tausch. Was bringt denn den rechten Tod, aus dem die
Seele nimmer wieder zu diesem gottverfluchten Dasein erwacht?
    Oswald fuhr mit einem Schrei zusammen - eine Hand erfasste seinen Arm, und
über die Schulter des Spiegelbildes weg schaute eine höhnisch lachende Fratze
ihn an.
    Hoho! sagte Albert Timm; willst Du unter die Komödianten, Dottore, dass Du
vor dem Spiegel stehst und Monologe declamirst, die einem ehrlichen Menschen
eine Gänsehaut verursachen könnten? Gottverfluchtes Dasein? lass Dich doch mal
bei Licht besehen, Schatz! In der Tat! Du siehst bedenklich aus! die kleine
Emilie, he? Sei froh, dass sie fort ist, bevor sie Dich zum Schatten Deines
Schattens machte! Du siehst, ich weiss Alles, und weiss noch ein gut Teil mehr,
was, wenn Du's hörst, Dir wieder Lust zum Leben beibringen soll, Du
melancholischer Dänenprinz, Du! Aber, bevor ich mein Wissen auskrame - lass eine
Flasche Portwein kommen oder dergleichen; ich bin heute Morgen noch so trocken,
wie ein Stockfisch.
    Albert Timm wartete Oswalds Antwort nicht ab, sondern klingelte selbst und
bestellte Portwein und Caviar. Haben keinen? Sehen Sie in den Dustern Keller,
gleich um die Ecke, Mann, nicht drei Schritt von hier. Machen Sie eine
Empfehlung von Albert Timm an Frau Rosalie Pape und kommen Sie im Fluge zurück,
Sie blondgelockter Jüngling!
    Herrn Timms Behauptung, dass er heute Morgen noch nichts getrunken habe, war
offenbar erlogen. Er verbreitete einen sehr merklichen Duft von Spirituosen um
sich her, sein Gesicht war stark gerötet und seine Augen weniger hell als
sonst. Seine Wäsche war noch unsauberer als gewöhnlich, und der braune Ueberrock
hatte mit verschiedenen weissen Wänden und schmutzigen Tischen allzunahe
Bekanntschaft gemacht. Herrn Timms Umstände hatten sich, seit ihn Oswald zum
letzten Mal sah, augenscheinlich bedeutend verschlechtert.
    Er stellte das auch gar nicht in Abrede, im Gegenteil, er hob
unaufgefordert den Schleier von dem reizlosen Bilde seiner letzten Monate.
    Das Pech hat mich auf Schritt und Tritt verfolgt, rief er, sich auf den
Sopha werfend und die Beine von sich streckend. In dem Augenblick, als ich die
Entdeckung gemacht hatte, die ich Dir mitteilen werde, sobald der Wein gekommen
sein wird, verschwandest Du spurlos aus Grünwald. Am nächsten Tage hob die
Polizei unseren Club auf, als wir beim Pharao sassen, und confiscirte - ich hielt
gerade Bank - meine ganze Barschaft von einigen hundert Talern, die ich um so
nötiger brauchte, als am nächsten Morgen ein Wechsel von ebenfalls einigen
hundert Talern fällig war, den ich natürlich nun nicht bezahlen konnte. Der
verdammte Manichäer liess mich in's Loch sperren, wo ich denn bis vor acht Tagen
etwa gesessen habe. Wie ich losgekommen bin? Mein Wirt, - lassen wir das! ich
stehe wieder auf freien Füssen, und da kommen der Wein und der Caviar. Hier,
Oswald! tu mir Bescheid! Es lebe, wer sich tapfer hält! Kerl, ich sage Dir, ich
bin ausser mir vor Freude, dass ich Dich sobald aufgetrieben habe. Ich hatte mich
schon auf eine lange Jagd gefasst gemacht. Und nun will ich Dir eine Geschichte
erzählen, dass Du vor Verwunderung die Hände über den Kopf zusammenschlagen und
vor Staunen aus der Haut fahren sollst. Ja wohl, aus der Haut! denn Du musst den
ganzen miserabeln Menschen, als welchen ich Dich hier vor mir sehe, aus-und den
andern anziehen, so ich für Dich ohne alle Dein Verdienst und Würdigkeit bloss
aus purer Freundschaft mit saurer Mühe bereitet habe. Und nun noch einen Schluck
und dann an's Werk!
    Herr Timm schob den Teller, den er unterdessen geleert hatte, von sich,
stürzte ein volles Glas hinunter, schenkte sich wieder ein, holte aus der Tasche
ein Bündel Papiere, die er vor sich auf den Tisch legte, stemmte die beiden Arme
auf, lachte Oswald an und sagte:
    Was giebst Du mir, mon cher, wenn ich Dich nun so nolens volens aus einem
armen Schlucker zu dem Sohne eines Barons mit nebenbei einem Erbe von circa
fünfzehn- bis zwanzigtausend jährlicher Rente mache? Aber ich sehe, Du bist
wirklich etwas stark angegriffen. Ich will Dich nicht länger auf die Folter
spannen. Höre!
    Dass Timm ihm die Bestätigung seiner Ahnung brachte, ihm gleichsam schwarz
auf weiss bewies, dass er nicht geträumt habe, jede ausschweifendste Phantasie
durch ein schriftliches Document zu einem Factum machte, welches sich vor
Gericht beweisen liess - Oswald bis zum Wahnwitz überreiztes Gehirn sah in dem
Allen nichts Ausserordentliches. Da waren die Familienpapiere Marie Montberts.
Ihr eigentlicher Name war der ihrer deutschen Mutter, Marie Herzog, die, nach
Paris verschlagen, dort die Geliebte des Obristen Montbert geworden war. Und
Herzog, das wusste Oswald, war der Familienname seiner Mutter. Hier war - durch
Timms unermüdliche Tätigkeit und geheimnisvolle Connexionen herbeigeschaft -
eine Abschrift aus dem Kirchenbuche über die am 1. December 1823 in der St.
Marienkirche stattgehabte Trauung des Herrn d'Estein, genannt Stein, und der
Marie Elisabet Herzog. Und dann hier die Abschrift eines Taufzeugnisses: Am 22.
December 1823 wurde dem Herrn Amadeus Stein und seiner Ehefrau Marie, geborene
Herzog, ein Sohn geboren, welcher in der heiligen Taufe, den 23. Januar 1824,
den Namen Oswald empfing. Hier waren die Briefe, die Baron Harald während seines
verhängnisvollen Aufentalts im Frühling 1823 in der Residenz an Marie
geschrieben, hier die Briefe, die Marie an den Baron gerichtet; hier ein Brief
Herrn d'Estein's an Marie aus dem Sommer desselben Jahres, worin er ihr
schreibt, dass er endlich ihren Aufentalt in Grenwitz erfahren; sie bei ihrer
Seelen Seligkeit beschwört, ihm zu folgen; dass er Alles zur Flucht bereit habe.
    Du siehst, es stimmt Alles auf's Haar, sagte Timm, nachdem er mit vielem
Scharfsinn alle Fäden der verwickelten Angelegenheit entwirrt und zu einem
festen Gewebe vereinigt hatte; die Identität der Personen kann durch Documente
und durch Zeugen zugleich bewiesen werden, und das Zeugnis der Frau Rosalie
Pape, die Deine Mutter verkuppelt hat und hernach bei Deiner Geburt und bei
Deiner Taufe zugegen gewesen ist, schnellt alle möglichen Pfiffe und Kniffe der
Gegenpartei in die Luft. Zwar wird das Weib ein Zeugnis, das es in der Tat
einigermassen compromittirt, nicht gern hergeben, aber für Geld kann man den
Teufel tanzen sehen. Also deshalb habe ich keine Sorge. Meine einzige Sorge ist,
dass Du die Sache nicht mit der nötigen Energie betreiben wirst. Ich will Dir
nur gestehen: Ich fürchtete das bei den einigermassen verrückten Ansichten, die
Du über manche Dinge hast, so dass ich im Anfang ganz und gar zweifelte, ob es
sich überhaupt der Mühe verlohne, Dir von meiner Enteckung Mitteilung zu
machen, und ich in Folge dessen gegen die Baronin einige Winke fallen liess, die
aber nicht sehr gnädig aufgenommen wurden.
    Mit einem Worte, sagte Oswald, und er wurde noch blasser, als er es schon
war, Du hast die Entdeckung an die Baronin verkaufen wollen und sie hat Dir
nicht den Preis bezahlt, den Du fordertest.
    Sieh! sieh! sagte Albert mit aufrichtiger Bewunderung, Du entwickelst da
einen Sinn für Geschäfte, den ich Dir gar nicht zugetraut hätte. Nun, nimm an,
die Sache sei so, wie Du sagst. Das kann und wird Dich nicht hindern, von Deinem
guten Rechte Gebrauch zu machen. Aber, Freundchen, periculum in mora! Wenn Du
nicht bloss der Neffe, sondern der Schwiegersohn Anna-Maria's werden willst, musst
Du Dich beeilen. Es ist so gekommen, wie ich Dir schon im Winter sagte, dass es
kommen würde. Helene hat sich mit dem Fürsten Waldernberg versprochen; die
öffentliche Verlobung soll in diesen Tagen stattfinden und zwar hier. Anna-Maria
ist gestern Abend angekommen und im Hotel Waldernberg bei der alten Fürstin
Letbus, der Mutter seiner Durchlaucht, abgestiegen. Nun habe ich, um in dem
feindlichen Lager die nötige Verwirrung zu bereiten, die unsern Angriff
unterstützen soll, bereits eine herrliche Mine gegraben, die noch heute platzen
muss. Ich bin wie von meinem Leben überzeugt, dass Helene den Fürsten nicht liebt
und dass sie noch im letzten Augenblick nein sagen würde, wenn sie wüsste, dass Du
ihr Vetter bist und sie das Vermögen, welches sie durch ihre Vetterschaft
verliert, aus den Händen des Gemahls zurückerhalten kann. Dass sich die Sache
aber so verhält, wird sie nur einem Menschen auf Erden glauben, und dieser
Mensch bist Du selbst. Oswald, bedenke, was auf dem Spiel steht. Ein einziger
mutiger Schritt - und das Mädchen, das Du - leugne es nicht! - zum Rasendwerden
liebst, ist Dein! Ein Vermögen, dass Deine kühnsten Wünsche übersteigt, ist Dein!
Du hast mit einem Schlage Alles, wonach Andre Jahre lang vergeblich rennen,
wofür sie, wenn sie die Chance hätten, ohne sich lange zu besinnen, ihr Leben
einsetzen würden! Die Ueberraschung bewirkt Wunder. Fahre nach dem Hotel
Waldernberg in der Williamsstrasse; lass Dich bei der jungen Baroness melden! sag'
ihr, wenn es sein muss, in Gegenwart der Mutter, nicht, dass Du sie heiraten
willst, - denn das versteht sich hernach von selbst, - sondern, dass Du jetzt
unter den und den Umständen die Entdeckung gemacht hast, und ich will meinen
eigenen Kopf fressen, wenn Dir das Mädel nicht um den Hals fällt und ihren
Fürsten zum Teufel schickt.
    Albert hatte sich darauf gefasst gemacht, diesen abenteuerlichen Plan von dem
zaghafteren Oswald zuerst auf das Entschiedenste verworfen und im besten Falle
erst nach langer Debatte angenommen zu sehen. Wie freudig war er deshalb
überrascht, als jener, der während der ganzen Verhandlung, den Kopf in die Hand
gestützt, schweigend dagesessen hatte, jetzt sich erhob und sagte:
    Du hast Recht. Es gibt nur das eine Mittel. Ich muss selber hingehen und
zwar sogleich.
    Bruderherz! rief Timm aufspringend und Oswald mit Heftigkeit umarmend; das
ist das vernünftigste Wort, das Du in Deinem Leben gesprochen hast.
    Oswald machte sich mit einem Schauder, der dem aufgeregten Timm entging, aus
dieser Umarmung los.
    Lass mich jetzt allein, sagte er, ich bin, wie Du Dir denken kannst, von
dieser Unterredung angegriffen. Ich muss mich zu der Scene, die mir bevorsteht,
sammeln.
    Um Himmelswillen, nur keine neuen Bedenken! rief Timm; frische Fische, gute
Fische! Ich fürchte, sobald ich Dir den Rücken kehre, fallen Dir tausend Aber
ein.
    Ich gebe Dir mein Wort, dass ich noch in dieser Stunde hingehen werde. Die
Papiere lässt Du mir doch hier? Ich könnte sie der Baronin gegenüber gebrauchen.
    Albert warf einen misstrauischen Blick auf Oswald. Er gab die Papiere ungern
aus der Hand. Wenn Oswald falsch spielte, wenn - aber es war keine Zeit sich
lange zu bedenken. Und in Oswalds Wesen lag ein Etwas, das jeden Widerspruch
gewagt erscheinen liess - eine Entschiedenheit in dem festgeschlossenen blassen
Munde, ein düsteres Feuer in den grossen Augen - Timm hatte ihn so noch nie
gesehen. Es war nicht mehr der alte wankelmütige Oswald Stein, es war der Sohn
Haralds von Grenwitz, der da vor ihm stand.
    Meinetwegen, sagte er, mache, was Du willst. Ich sehe wohl, dass Du zum
Äussersten entschlossen bist. Aber, Oswald, wenn der grosse Wurf gelingt, und
jetzt zweifle ich nicht mehr, dass er gelingt - vergiss nicht den, der Dir die
Würfel in die Hand gedrückt hat.
    Sei überzeugt, sagte Oswald mit einem unheimlichen Lächeln, dass Du in dieser
Angelegenheit, was den materiellen Vorteil betrifft, nicht schlechter fahren
sollst, als ich selbst.
    Albert Timm wollte Oswald noch einmal umarmen. Der indessen machte eine
ungeduldig abwehrende Bewegung.
    Na, ich sehe, sagte Albert ohne alle Empfindlichkeit, Du bist schon mitten
in Deiner Rolle. Ich will Dich nicht länger aufhalten. Adieu, Oswald! mache
Deine Sache gut! es ist jetzt drei Uhr. Ich komme um vier wieder und frage, wie
es abgelaufen ist. Adieu so lange!
    Oswald ging, als Albert fort war, mit langsamen Schritten im Zimmer auf und
ab. Dann trat er vor den Kupferstich und betrachtete ihn lange mit starren
Augen. Es ist zu spät, murmelte er; ich kann ihr Retter nicht werden, kann sie
nicht mehr befreien von dem Felsen, an den das Schicksal sie geschmiedet. Aber
sehen will ich sie noch einmal und mein Andenken von der Schmach reinigen, die
dieser Schurke auf mich gehäuft hat. Sie soll nicht glauben, dass ich mich je
unwürdiger Mittel bedienen konnte.
    Er trat an den Tisch und legte die Papiere zusammen. Dann fing er an, sich
zu dem Gange, den er vorhatte, anzukleiden. Er kam nicht schnell damit zu
Stande. Seine Glieder waren wie abgestorben; er musste sich mehrmals hinsetzen,
um einen Anfall von Schwindel vorübergehen zu lassen. Endlich war er fertig. Er
steckte die Papiere in die Tasche und verliess das Zimmer.
 
                           Fünfundvierzigstes Capitel
Durch die wenig belebte Strasse, in welcher Doctor Braun wohnte, fuhr ein Wagen,
dessen rasches Rollen manches neugierige Gesicht an's Fenster lockte. Es war
eine herrschaftliche, mit zwei wundervollen Pferden bespannte Kutsche, an deren
Schlage ein grosses Wappen prangte. Auf dem Bock neben dem Kutscher sass ein Jäger
in glänzender Livrée. Die Kutsche hielt vor dem Hause des Doctor Braun, der
Jäger sprang vom Bock, riss den Schlag auf; eine junge, sehr elegant gekleidete
Dame stieg aus und trat rasch durch den kleinen Garten vor der Tür in's Haus.
    Ist Frau Doctor Braun zu sprechen?
    Ich weiss nicht, antwortete das Mädchen, und warf dabei einen scheuen Blick
auf den schwarzen Sammetmantel und das reizende weisse Hütchen der Dame: ich will
nachsehen.
    Ist nicht nötig, sagte Sophie, die plötzlich im Schmuck einer sehr langen
Schürze in der Tür der Küche erschien, hier bin ich schon.
    Liebe Sophie!
    Liebe Helene!
    Sophie zog die Freundin in die Stube, nestelte ihr mit vor Freude zitternden
Händen den Mantel los, nahm ihr den Hut ab, fasste sie an beiden Händen und rief:
    Nun, lass Dich doch einmal beim Lichte besehen, Du Liebe - schön, wie immer,
wunderschön! aber so blass und so ernst und angegriffen, wie mir scheint. Kann
ich etwas zu Deiner Erquickung tun? Du siehst, ich habe die Küchenschürze noch
um.
    Helene lächelte. Es war ein schwermutsvolles Lächeln, das ihre dunklen
Augen nur noch dunkler machte.
    Ich danke Dir, Sophie! ich wollte mich nur an Deinem Augenblick erquicken.
Ach, Du weisst nicht, wie ich mich nach Dir gesehnt habe.
    Die beiden jungen Damen hatten sich bis zu Sophiens Abreise von Grünwald Sie
genannt. Die Freude des Wiedersehens hatte das schwesterliche Du geboren. Sophie
dachte daran, als sie das erste Du aus Helenens stolzem Munde hörte. Es rührte
sie, und noch mehr der traurige Ton, in welchem Helene sagte, dass sie sich nach
ihr so gesehnt habe. Ein solches Geständnis, dass die Pensionärin von Fräulein
Bär sicher nicht gemacht hätte, kleidete die Braut des Fürsten Waldernberg gar
seltsam.
    Das Alles fuhr Sophie durch den Kopf, während sie, Helenens beide Hände noch
immer festaltend, ihr tief und tiefer in die dunklen Augen sah.
    Arme Helene! sagte sie; sie wusste kaum, dass sie es sagte.
    Aber in Helenens Herzen erweckten die leisen mitleidsvollen Worte alle die
Schmerzensgeister, welche die letzte bange Nacht mit ihr gewacht und kaum gegen
Morgen eine Stunde lang mit ihr in unruhigem Schlaf gelegen hatten. Mitleid mit
sich selbst, wie sie es nie gekannt hatte, ergriff sie, die Tränen kamen ihr in
die Augen, und sie warf sich in Sophiens Arme, das schöne blasse Antlitz an der
Freundin Busen verbergend.
    Um Himmelswillen, liebe Helene, was hast Du; sagte Sophie, jetzt ernstlich
bestürzt; ich habe Dich ja nie so gesehen, nie geahnt, dass ich Dich so sehen
würde und am wenigsten jetzt, wo ich glaubte, es sei in Deinem Leben Alles
Herrlichkeit und Freude.
    Hast Du das wirklich geglaubt? fragte Helene, sich aufrichtend und Sophie
mit den grossen, schmerzlich starren Augen forschend anblickend.
    Sophie senkte vor diesem Blick die Wimpern. Sie mochte nicht Nein sagen, und
Ja zu sagen, erlaubte ihr ihre Ehrlichkeit nicht. Aber dieses Schwanken dauerte
bei ihr nicht lange. Jetzt oder nie war der Moment, Helenen Alles mitzuteilen,
was sie so lange schon auf dem Herzen gehabt hatte.
    Helene, sagte sie, klar und ruhig mit ihren tiefen blauen Augen aufblickend;
ich kann nicht lügen und mag nicht lügen, keinem Menschen gegenüber und zumal
Dir gegenüber nicht, die ich so herzlich lieb habe. Komm, süsse Seele, setze Dich
zu mir hier auf's Sopha und lass uns sprechen, wie's Schwestern geziemt, die wir,
wenn nie wieder, doch wenigstens in dieser Stunde sein wollen. Wenn Du nicht
Aufrichtigkeit von mir wünschest, weshalb wärst Du denn, da Du so viel
glänzendere Freundinnen haben könntest, gerade zu mir gekommen? Habe ich recht?
    Sprich weiter! sagte Helene, als sei nur die Stimme der Freundin zu hören,
für sie schon ein Trost und eine Erquickung.
    Du hast mich gefragt, fuhr Sophie immer mutiger werdend, fort, ob ich
wirklich glaube, dass Du jetzt glücklich bist? Ich glaube es nicht. Du siehst
nicht aus wie eine Glückliche. Dein schönes blasses Gesicht sagt nein, wenn
Deine Zunge auch ja sagen sollte. Ich habe oft und oft in Deinem Gesicht
gelesen, lange, lange Geschichten, von denen Du Stolze, Schweigsame mir kein
Wort gesagt, und ich will Dir erzählen, was ich gelesen. Darf ich?
    Sprich weiter, Sophie! sprich weiter!
    Ich habe hier auf Deiner Stirn gelesen, dass Deinem Geiste nur das Grosse, das
Ausserordentliche genügt, und selbst das kaum - und hier in Deinen zauberisch
schönen Augen, dass Dein Herz sich, wie nur ein Menschenherz es kann, nach Liebe
sehnt. So ist von jeher ein Zwiespalt gewesen zwischen Deinem Kopf und Deinem
Herzen. Du willst herrschen und willst lieben zu gleicher Zeit, und, liebe
Helene, das geht nicht an. Die Liebe, die echte Liebe - und es gibt ja nur die
eine - ist demütig; sie duldet Alles und glaubt Alles; sie will nichts, als
Eins sein mit dem Geliebten, in Freud und Leid. Sieh, süsse Seele, mir ist das
Glück solcher Liebe zu Teil geworden, und ich weiss deshalb, was ich sage. Franz
und ich haben nur einen Willen. Er will das Gute, ich will's mit ihm, und
sollten unsere Ansichten wirklich einmal auseinandergehen - die Herzen bleiben
doch verbunden; da findet sich denn das Andere ganz von selbst. Alle Freude ist
doppelt gross, und alles Leid trägt sich doppelt leicht. Ich hab's erfahren, als
mein guter Vater starb. Was hätte aus mir werden sollen, wenn ich Franz nicht
gehabt hätte.
    Ich hatte, als mein Vater starb, Niemand, sagte Helene tonlos.
    Ich weiss es, liebes Herz, und ich habe mich oft, wenn ich daran dachte, wie
einsam Du warst und wie Du so keine Menschenseele hattest, der Du Dein Leid
klagen konntest, an die Brust meines Franz geworfen, der dann manchmal gar nicht
wusste, was mich so plötzlich und gewaltig zu ihm trieb. Du stehst allein, selbst
jetzt noch, wo Du im Begriff bist, Dich zu vermählen, und, was tausendmal
schlimmer ist, Du bist in Deinem Herzen überzeugt, dass es so bleiben, dass Dein
Gatte nie Dein Freund, Dein Bruder, Dein Geliebter sein wird, vor dem Deine
Seele so klar und offen liegt, wie ein krystallheller Bergsee, in den die liebe
Sonne bis auf den tiefsten Grund hinabblickt.
    Nie, nie! murmelte Helene.
    Ich wusste es ja, sagte Sophie traurig, aber Helene, wenn es schon schlimm
genug ist, dass Du den Fürsten heiraten willst, ohne ihn zu lieben, so ist es
noch viel, viel schlimmer, dass Du sein Weib wirst, während Du in Deinem Herzen
das Bild eines anderen Mannes trägst.
    Eine dunkle Röte ergoss sich über Helenens Gesicht, als Sophie mit fester
Stimme diese letzten Worte sprach und sie dabei mit den grossen blauen Augen so
ernst und vorwurfsvoll anblickte.
    Nein, süsses Mädchen, schäme Dich nicht, dass Du ihn geliebt hast. Deshalb
tadle ich Dich nicht, denn er ist ein ungewöhnlicher Mensch, ausgestattet mit
Allem, was wohl ein Mädchenherz fesseln kann. Ich tadle Dich auch nicht, dass Du
ihn noch liebst, - wer kann die Liebe so leicht aus seinem Herzen reissen! -
aber, Helene, da dem so ist, heirate den Fürsten nicht! Du darfst es nicht, aus
Achtung vor Dir selbst, aus Achtung vor ihm, wenn er achtungswürdig ist.
    Es ist zu spät; sagte Helene, ihr Gesicht in den Händen verbergend.
    Nun und nimmermehr! rief Sophie leidenschaftlich; nie ist es zu spät, einen
Irrtum zu bekennen, der Dich und ihn grenzenlos unglücklich machen muss.
Versteh' mich wohl, Helene! Ich spreche nicht für jenen unglücklichen Mann, der
Deine Liebe, wenn er derselben je würdig war, woran ich zweifle, jetzt durchaus
verscherzt hat. Ich bin niemals seine Freundin gewesen; die sogenannten
glänzenden Eigenschaften lassen mich ziemlich kalt, wenn sie die Güte des
Herzens nicht zur Folie haben. Aber weil er Deiner nicht würdig, musst Du deshalb
einen Mann heiraten, für den, mag er sonst noch so vortrefflich sein, nun
einmal Dein Herz stumm ist? O, Helene, ich wollte, ich könnte mit Engelszungen
reden, um Dein stolzes Herz zu rühren, dass Du Dich demütigtest vor der
Wahrheit, dass Du alle Herrlichkeit der Welt gering achtetest vor der Seligkeit,
mit Dir selbst übereinzustimmen.
    Helene bebte zusammen, als ob wirklich der Himmlischen Einer zu ihr spräche.
    O, Du bist gut, rief sie; wäre ich doch, wie Du!
    Du kannst es sein, wenn Du nur willst!
    Aber wie entrinnen aus diesem Wirrsal? ich habe mein Wort gegeben; wie kann
ich es zurücknehmen?
    Sprich ganz offen mit dem Fürsten, sagte Sophie, der dieser Ausgang das
Einfachste und Natürlichste schien.
    Lieber todt! murmelte Helene.
    In diesem Augenblick wurde an die Tür gepocht; der Jäger trat herein mit
einem Billet in der Hand.
    Er blieb kerzengerade an der Tür stehen.
    Gnädigen Baronesse gehorsamst zu vermelden, dass dies Billet so eben aus dem
Palais hierher gesandt ist.
    Helene griff hastig nach dem Billet.
    Von meiner Mutter.
    Sie warf einen Blick hinein und zuckte heftig zusammen.
    Was ist's, Helene?
    Meine Mutter hat so eben Nachricht aus Grünwald erhalten, dass mein Bruder
sehr schwer erkrankt ist. Sie muss augenblicklich zurück.
    Armes Mädchen! rief Sophie; wie blass und erschrocken Du bist! Soll ich mit
Dir fahren?
    Nein, nein! sagte Helene; bleib! Ich muss allein hin. Leb' wohl, liebe
Sophie! leb' wohl!
    Sie riss sich aus Sophie's Armen.
    Sophie geleitete sie bis zum Wagen. Sie hielt die Hand der Freundin fest in
der ihren und sagte: Lass von Dir hören, Helene! was Du auch tust, folge der
Stimme Deines warmen Herzens, es rät Dir besser als der kalte Verstand.
    Ich will es, erwiderte Helene, schon im Wagen; verlass Dich d'rauf; ich will
es. Leb' wohl!
    Der Jäger schloss die Tür. Der Wagen donnerte davon. Sophie sah ihm nach,
bis er um die nächste Ecke gebogen war. Dann schritt sie langsam, das liebe
Gesichtchen sinnend zur Erde geneigt, in das Haus zurück.
 
                          Sechsundvierzigstes Capitel
In einem Zimmer der Beletage des Hotel de Russie Unter den Akazien befanden sich
an diesem Nachmittag Berger und Director Schmenckel. Sie hatten eine lange
Unterredung mit einander gehabt, und Herr Schmenckel erhob sich, um zu gehen.
Berger stand ebenfalls auf.
    Sie wissen doch genau, was Sie sagen sollen?
    Ich sollt' halt meinen, erwiderte Herr Schmenckel und räusperte sich.
    Wollen wir's lieber doch noch einmal durchsprechen?
    'S könnte vielleicht nicht schaden; erwiderte Herr Schmenckel.
    Sagen Sie also: es täte Ihnen leid, dass Sie der Fürstin solche
Ungelegenheit bereitet. Sie selbst würden nie auf diesen Plan gekommen sein,
wenn der Mensch,- wie nannten Sie ihn doch?
    Timm!
    - Sie nicht darauf gebracht hätte. Jetzt wären Sie zur Einsicht gekommen,
dass Ihre Handlungsweise sich für einen ehrlichen Mann nicht zieme, und Sie gäben
der Fürstin Ihr Wort, dass nimmer wieder ein Laut von dieser Angelegenheit über
Ihre Lippen kommen solle.
    Kommen solle! wiederholte Herr Schmenckel.
    Was den Menschen, den Timm beträfe, so solle sich Ihre Durchlaucht nur nicht
ängstigen, und ihn, wenn er etwa die Frechheit hätte, zu kommen und ihr Geld
abzufordern, durch ihre Bedienten zur Tür hinauswerfen lassen. Da Sie ihn in
keiner Weise unterstützen würden, so hätte der Skandal, den er möglicherweise
erregen könnte, nichts zu bedeuten. Haben Sie es jetzt ordentlich im Kopf?
    Ich denk', es wird nun gehen, sagte Herr Schmenckel nachdenklich.
    Und was die Hauptsache ist, Sie nehmen kein Geld von der Fürstin an, weder
viel, noch wenig. Vergessen Sie das ja nicht!
    Will's schon machen! sagte der Director, mit einem plötzlichen Entschluss den
Hut auf den Kopf drückend; adies, Herr Professor.
    Adieu! sagte Berger, ihm die Hand reichend; gehen Sie, und werden Sie wieder
der ehrliche Mann, der Sie bis dahin gewesen sind.
    Und nun, murmelte Berger, als die Tür sich hinter Herrn Schmenckel
geschlossen hatte, ist der Augenblick gekommen, die alte Schuld quitt zu machen.
Er trat an das Bureau und nahm aus einer Schublade ein Kästchen von Ebenholz und
ein Medaillon. Dann verliess er sein Zimmer und ging den Corridor entlang, bis er
an eine Tür gelangte, an der er einen Augenblick lauschend stehen blieb. Der
Schlüssel steckte im Schloss. Berger zog ihn geräuschlos ab und klopfte:
    Entrez! rief eine krähende Stimme.
    Berger trat ein.
    Der, den er suchte, stand mit dem Rücken nach der Tür vor dem Spiegel,
eifrig beschäftigt, die glänzend braunen Löckchen seiner Perücke über der Stirn
zu ordnen. Er wandte sich in der Meinung, dass es der Kellner sei, nicht nach dem
Eintretenden um. Dieser liess einen schnellen Blick durch das Zimmer gleiten,
schloss die Tür und schritt dann bis mitten in das Gemach, wo er regungslos
stehen blieb.
    Was wollen Sie? sagte der Graf Malikowsky, der jetzt mit seiner Cravatte
beschäftigt war.
    Mit Ihnen eine alte Rechnung quitt machen, erwiderte Berger.
    Der Graf wandte sich erschrocken um und starrte in Bergers bleiches, ernstes
Gesicht, das durch das schwarze Pflaster auf der Stirn noch bleicher und ernster
erschien.
    Wer sind Sie? Was wollen Sie? rief der Graf.
    Mein Name ist Berger. Was ich will, habe ich Ihnen bereits gesagt.
    Wenn Sie eine Forderung an mich haben, wenden Sie sich an meinen
Kammerdiener. Ich befasse mich mit dergleichen nicht.
    Ich weiss es wohl, sagte Berger, ohne eine Miene zu verändern, das der Graf
Malikowsky Forderungen, die man an ihn persönlich gerichtet hat, gern durch
andere Leute beantworten lässt, und wären diese Andern selbst Meuchelmörder;
diesmal aber, hoffe ich, werden Sie eine Ausnahme von der Regel machen.
    Bei diesen Worten trat er an den runden Tisch, der in der Mitte des Zimmers
stand, setzte das Ebenholzkästchen darauf und nahm die beiden Pistolen, die es
entielt, heraus.
    Der Graf hatte diesem Beginnen mit einem Erstaunen, das ihn sprachlos und
bewegungslos machte, zugesehen. Der Anblick der Pistolen brachte ihn indessen
wieder zu sich, er eilte nach der Tür.
    Berger vertrat ihm, die Pistolen in der Hand, den Weg.
    Ein Versuch noch, mir zu entwischen, sagte er, ein Hülferuf, und ich schiesse
Sie nieder. Treten Sie an jene Seite des Tisches, mir gegenüber; so!
    Der Mensch ist verrückt, murmelte der Graf, indem er, an allen Gliedern
zitternd, Bergers Befehl Folge leistete.
    Wohl möglich, sagte Berger mit einem unheimlichen Lächeln; wenn ich's aber
bin, so bin ich es zum nicht geringsten Teil durch Sie, mein Herr Graf. Sie
kennen mich nicht mehr.
    Nein! in der Tat, nein!
    Kann sein; ich habe mich, seitdem ich zum letzten Male die zweifelhafte Ehre
hatte, Ihnen gegenüber zu stehen, einigermassen verändert; ich will Ihrem
Gedächtnisse zu Hülfe kommen. Kennen Sie auch diese nicht mehr?
    Er drückte das Medaillon auf und hielt es dem Grafen über den Tisch hinüber
entgegen. Der Graf setzte seine goldene Lorgnette auf und blickte auf das Bild
in der Kapsel. Es war das auf Email zierlich gemalte Portrait eines
wunderschönen braunäugigen Mädchens, in der Tracht des Anfangs der zwanziger
Jahre.
    Eleonore! rief der Graf, einen Schritt zurückprallend.
    Ja, Eleonore; wiederholte Berger, das Medaillon wieder schliessend und zu
sich steckend; und nun werden Sie ja wohl auch hoffentlich wissen, wer ich bin
und was das für eine Rechnung ist, die wir miteinander abzumachen haben.
    Der Graf war selbst durch seine Schminke hindurch todtenbleich geworden;
seine falschen Zähne klapperten, er musste sich in einen Stuhl, der an dem Tische
stand, sinken lassen, da er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte.
    Berger schien sich an diesem kläglichen Anblick zu weiden.
    Wie die Memme zittert, sagte er; wie ihm das faule Herz in der öden Brust an
die Rippen pocht um das bisschen nichtsnutzige Leben! Elender Feigling, der nur
den Mut hat, unschuldige Mädchen zu verführen, und in die Kniee sinkt, sobald
ihm ein Mann entgegentritt! Hier, nimm die Pistole, und mach' einem Leben voll
Schande durch einen halbwegs ehrlichen Tod ein Ende.
    Ich kann nicht! keuchte der Graf, haben Sie Mitleid mit mir! Sie sehen, ich
bin ein vor der Zeit alter Mann; meine Hände zittern vor Gicht; ich kann keine
Feder, geschweige denn eine Pistole fest halten.
    Freilich, sagte Berger; der Mensch ist weiter nichts als ein übertünchtes
Grab! da wäre es wohl eine noch härtere Strafe, wenn man ihn leben liesse?
    Er senkte die Stirn und sann einen Augenblick nach.
    Sei's denn, murmelte er. Er legte die Pistolen wieder in das Kästchen. Der
Graf atmete auf.
    Ich habe mich nach dieser Stunde gesehnt dreissig Jahre lang; ich dachte
wunder, wie süss der Trank der Rache sein würde, aber das Gefäss, in welchem er
mir geboten wird, ekelt mich an; ich mag ihn nicht.
    Berger hatte das gesagt, als ob er mit sich selber spräche. Jetzt hob er den
Kopf, heftete seine durchdringenden Augen auf den Grafen, der noch immer
zusammengekauert in seinem Stuhl zitterte, und sagte:
    Ich bin mit Ihnen fertig. Ich will Ihnen Ihr jämmerliches Leben lassen, aber
unter einer Bedingung. Noch in dieser Stunde reisen Sie von hier ab und lassen
sich nie wieder in Deutschland sehen. Ich will nicht, dass ein Bube, wie Sie,
deutsche Luft atmet.
    Wie Sie wollen, was Sie wollen, sagte der Graf; ich will froh sein, wenn ich
aus dem verdammten Lande weg bin.
    Berger steckte das Pistolenkästchen in die Tasche. Da tönte von der Strasse
herauf wilder Lärm. Berger war mit einem Satze am Fenster, das er in wilder Hast
aufriss. Volksschaaren, Männer, Weiber und Kinder wälzten sich die Akazien hinab.
Wir sind verraten! Man schiesst auf uns! Zu den Waffen, zu den Waffen!
    Zu den Waffen, zu den Waffen! schrie Berger, die Arme in die Luft
schleudernd; endlich, endlich! Habe Dank, Du grosser Geist!
    Er wandte sich vom Fenster, packte den Grafen, den die Neugier von seinem
Stuhle emporgetrieben hatte und der ihm jetzt in den Weg kam, an der Brust,
schüttelte ihn mit Riesenkraft und schrie:
    Hörst Du, Memme, zu den Waffen! Ein ganzes Volk ruft es. Weiber und Kinder!
Jetzt sollen all die alten Sünden quitt gemacht werden, die Du und
Deinesgleichen seit dreissig Jahren auf Euch geladen habt.
    Er stiess den Halbentseelten verächtlich von sich, schloss die Tür auf und
stürzte hinaus.
    Er rannte an einen Officier, der eilig zum Zimmer hinein wollte.
    Es war der Fürst Waldernberg.
    Entschuldigen Sie, mein Vater, wenn ich meinem Versprechen, Sie zur Fürstin
zu begleiten, nicht nachkommen kann, sagte der Fürst atemlos. Sie hören, dass
die Emeute wieder im besten Gange ist, ich erwarte jeden Augenblick, dass
Generalmarsch geschlagen wird.
    Der Graf war von der Scene mit Berger noch ganz ausser sich. Er stierte den
Fürsten mit einem bleichen, verstörten Gesicht an.
    Was haben Sie, mein Vater? fragte der Fürst, der jetzt erst diese
Veränderung bemerkte.
    Scheeren Sie sich zum Teufel, Herr, mit Ihrem Vater! rief der Graf, ich bin
Ihr Vater nicht, will nicht Ihr Vater sein. Wenn Sie Ihren Vater sehen wollen,
gehen Sie zu Ihrer Frau Mama, Sie werden ihn eben jetzt da finden.
    Was heisst das, mein Vater, sagte der Fürst, der zu fürchten begann, der Graf
sei wahnsinnig geworden.
    Mein Vater! höhnte der Graf, köstlich, herrlich! Aber ich habe das
Possenspiel satt. Meinetwegen geht Alle zum Teufel!
    Er riss an dem Glockenzuge.
    Den Wagen vorfahren lassen, hören Sie! schrie er den Kellner an. Und dann
zum Fürsten gewandt: Wollen Sie jetzt gehen, Herr, oder nicht?
    Der Fürst sah aus, wie Jemand, der nicht weiss, ob er seinen Augen und Ohren
trauen soll. Plötzlich schien er einen Entschluss gefasst zu haben. Er warf noch
einen Blick auf den Grafen, der jetzt wie toll umherrannte, und verliess eilig
das Gemach.
 
                          Siebenundvierzigstes Capitel
Herr Schmenckel wanderte langsam die Akazien hinab nach der Williamsstrasse. Er
hatte die Arme auf den Rücken gelegt und den Hut tief in die Stirn gedrückt; die
Leute gingen ihm aus dem Wege, denn er stierte unverwandt auf das
Strassenpflaster und murmelte fortwährend Unverständliches durch die Zähne. Aber
Herr Schmenckel war keineswegs betrunken oder verrückt; er war nur etwas
aufgeregt und repetirte die Lection, die ihm Berger eingeprägt hatte. Es war ein
saurer Gang; aber Herr Schmenckel fühlte, dass er nur seine Pflicht tue, wenn er
das Complot, in das der schlaue Timm ihn verwickelt, wieder zerstöre. Ein wahres
Glück, dass er sich in seiner Herzensangst dem Professor entdeckt hatte! wie der
zu reden wusste! dass es einem ordentlich angst und bange wurde. Der Schmenckel
hat's ja immer gesagt, dass hinter dem Professor etwas ganz Besonderes stecke.
Und dass die Czika nun schliesslich doch ein Baronenkind war, das verwunderte den
Caspar Schmenckel aus Wien gar nicht. Es hatte so kreuznärrische Augen gehabt,
das Mädel, und er hatt's auch immer ganz besonders gut behandelt; da war's am
Ende gar nicht so wunderbar von dem Baron Oldenburg, dass er dem alten ehrlichen
Casperle eine Hausmeisterstelle auf seinen Gütern angeboten hatte, wo er fortan
ohne Sorgen leben konnte. Nein, Caspar Schmenckel aus Wien brauchte von
Niemandem Geld zu erschwindeln, Caspar Schmenckel konnte wieder frei den Kopf
erheben.
    Zum Tausend, Alter, kommt Ihr erst jetzt? rief plötzlich eine scharfe
Stimme; Ihr solltet ja schon mit Eurer Visite fertig sein.
    Albert war in der Williamsstrasse in der Nähe des Hotel Waldernberg auf und
ab patrouillirt, um den Erfolg von Oswalds Unterredung mit der Baronin Grenwitz
zu erfahren. Herrn Schmenckel glaubte er um diese Zeit schon auf dem Wege nach
dem Dustern Keller, wo sie sich ein Rendez-vous gegeben hatten für den Fall, dass
sie sich auf der Strasse verfehlen sollten. Albert hatte nicht umsonst Schmenckel
eine Stunde früher als Oswald nach dem Palais geschickt. Damit Oswalds
Zusammenkunft mit der Baronin die rechten Früchte tragen konnte, musste die
Baronin zuvor einen gewissen Brief gelesen, und damit die Wirkung des Briefes
nicht paralysirt würde, musste Herr Schmenckel mit der Fürstin conferirt haben.
Er war deshalb über Herrn Schmenckels Zuspätkommen auf's höchste entrüstet.
    Es ist rein um närrisch zu werden, fuhr er in noch ärgerlicherem Tone fort;
nicht einen Augenblick kann man Euch allein lassen, so gibt's eine Dummheit.
    Oho! nicht so grob, Freundchen, entgegnete Herr Schmenckel, der sich im
Bewusstsein seiner tugendhaften Vorsätze dem schlangenklugen Mitschuldigen
gewachsen fühlte; sonst komm' ich Dir auf den Buckel!
    Nun, nun, sagte Albert einlenkend, zwischen Freunden muss ein offenes Wort
erlaubt sein. Macht nur jetzt, dass Ihr hineinkommt, so kann noch Alles nach
Wunsch ablaufen. Ihr seid doch heute Morgen beim Grafen gewesen?
    Nein, brummte Herr Schmenckel.
    Aber zum Teufel, weshalb denn nicht! rief Timm, dessen Aerger sich von neuem
regte.
    Weil ich nicht wollte, sagte Schmenckel trotzig; weil ich mit Euch überhaupt
nichts mehr zu tun haben will.
    Aha! sagte Timm, Ihr möchtet die Fettfedern allein ziehen? ich habe mir die
Finger verbrannt, um Euch die Kastanien aus dem Feuer zu holen? Nein, teuerster
Freund, so dumm sind wir nicht; für Nichts ist Nichts.
    Ich will nicht einen Kreuzer von dem Sündengeld, rief Schmenckel; ich will
der Fürstin sagen, dass ich ein ehrlicher Kerl bin und dass sie sich nicht weiter
ängstigen soll.
    Schaust Du aus dem Loch? sagte Timm; also bloss ein klein wenig verraten
wollt Ihr mich? Nehmt Euch in Acht, der Spass könnte Euch teuer zu stehen
kommen!
    Ich werde tun, was mir gefällt; sagte Schmenckel, eine sehr entschlossene
Miene annehmend und mit langen Schritten weiter gehend.
    Ihr kommt nicht in das Haus; rief Albert und packte Schmenckel fest am Arm.
    Schmenckels Antwort auf diese Herausforderung war ein Stoss, der seinen
Gegner sehr unsanft über das Trottoir weg gegen die Wand schleuderte. Im
nächsten Augenblick hatte sich die Tür des Palais hinter Schmenckel
geschlossen.
    Durch den Wortwechsel mit Albert war er in eine Art von heroischer Stimmung
geraten, die sich ausnehmend zu der Unterredung, welcher er entgegenging,
eignete. So geschah es denn, dass er sich weder durch die glänzende Livrée des
Portiers, noch durch die Pracht der Zimmer, welche er durchschreiten musste,
imponiren liess. Aber der Mut sank ihm plötzlich wieder, und das Herz schlug ihm
hoch, als der Bediente jetzt vor einer Tür stehen blieb und leise sagte: Hier
befinden sich Ihre Durchlaucht, treten Sie nur ohne anzuklopfen ein; Sie werden
erwartet. Herr Schmenckel fuhr sich mit der Hand durch sein dichtes Haar,
räusperte sich, klemmte den abgeschabten Hut fest unter den linken Arm, öffnete
mit der Rechten entschlossen, wenn auch vorsichtig, die Tür und trat ein.
    Eine rosige Dämmerung umgab ihn, und in der rosigen Dämmerung bemerkte er
zwei Frauen, von denen die eine in einem Lehnstuhl am Kamin sass, in welchem
trotz des warmen Wetters ein helles Feuer brannte, die andere etwas seitwärts
hinter dem Lehnstuhle stand. Beide Frauen richteten, als er sich ihnen näherte,
die Augen mit durchdringenden Blicken auf ihn. Dieser Empfang veranlasste ihn,
kleinere und immer kleinere Schritte zu machen, und dann, nachdem er den Raum
zwischen Tür und Kamin kaum halb zurückgelegt hatte, plötzlich stehen zu
bleiben.
    Treten Sie näher, lieber Freund, sagte die Dame, die hinter dem Stuhle
stand.
    Herr Schmenckel trat noch zwei sehr kleine Schritte heran und blieb abermals
stehen, fest entschlossen, den auf ihn gerichteten funkelnden Augen, komme, was
da wollte, nicht eine Linie näher zu treten.
    Sie sind der Mann, der an den Grafen Malikowsky vorgestern geschrieben hat?
sagte die Dame hinter dem Stuhl.
    Ja, Ihr' Gnaden. Herr Schmenckel war es, als ob diese Worte, die er doch
ohne Zweifel selbst hervorgebracht hatte, am anderen Ende des Saals von einem
Andern gesprochen wären. Er wurde sehr rot und räusperte sich, um sich zu
überzeugen, dass wirklich er es sei, der mit den Damen sich unterhalte.
    Sie heissen Schmenckel? fragte die Dame hinter dem Stuhl.
    Ja, Ihr' Gnaden.
    Und waren vor vierundzwanzig Jahren in Petersburg?
    Ja, Ihr' Gnaden.
    Und kamen zu der Zeit manchmal in's Hotel Letbus?
    Ja, Ihr' Gnaden.
    Kennen Sie mich noch?
    Herr Schmenckel richtete seine Augen, die überall im Zimmer, nur nicht auf
den beiden Frauen geweilt hatten, auf die Sprecherin und sagte nach einigem
Bedenken:
    Ich sollt's halt meinen, obgleich ich's just nicht beschwören möcht'! Wenn's
nicht gar so lang her wär', wollt' ich sagen, Sie sind die Nadeska, das
Kammermädel von der gnäd'gen Frau, die mir im Anfang immer die schönen Briefchen
und die Rosenbouquets von der gnäd'gen Frau in den Schwarzen Bären brachte.
    Nadeska beugte sich über die Gebieterin und flüsterte ihr einige Worte in's
Ohr, worauf diese in demselben Ton etwas erwiederte. Darauf entfernte sich
Nadeska.
    Wollen Sie sich nicht setzen, Herr Schmenckel? sagte die Fürstin, sobald sie
allein waren.
    Herr Schmenckel nahm ihr gegenüber auf dem Rande eines Lehnstuhls Platz.
    Kennen Sie denn auch mich? fragte die Dame.
    Herr Schmenckel verbeugte sich, indem er dabei die Hand auf's Herz legte.
    Warum haben Sie sich nicht direct an mich gewandt? fuhr die Fürstin im Tone
sanften Vorwurfs fort; weshalb mussten Sie den Grafen in's Vertrauen ziehen? Bin
ich jemals ungrossmütig gegen Sie gewesen? war es meine Schuld, wenn unsre
letzte Zusammenkunft so endete?
    Herr Schmenckel wollte etwas erwiedern, aber die Fürstin liess ihn nicht zu
Worte kommen.
    Wenn ich gewusst hätte, dass Sie noch lebten und wo Sie lebten, ich würde
reichlich für Sie gesorgt haben; ja, ich bin noch diesen Augenblick gern dazu
bereit. Aber unter einer Bedingung: brechen Sie jede Verbindung mit dem Grafen
ab, lassen Sie sich nie wieder bei ihm sehen, und vor allen Dingen, wagen Sie
nie, sich dem Fürsten zu nähren! So lange Sie diese Bedingungen halten, fordern
Sie, was Sie wollen, und wenn Alexandrine Letbus es erfüllen kann - es soll
geschehen.
    Die Fürstin streckte flehend ihre durchsichtigen Hände aus; ihre schwarzen
Augen schimmerten wie von Tränen; die rosige Dämmerung verklärte ihre bleichen,
noch immer schönen Züge. Herr Schmenckel fuhr sich mit der Hand über die Augen.
    Lassen Sie mich auch einmal sprechen, gnädige Frau; sagte er; ich bin der
Schandbub' nicht, den Sie aus mir machen. Es wär' mir ja nimmer eingefallen,
Ihro Gnaden, dem Herrn Grafen, je so ein' Brief zu schreiben, wenn ich nicht von
einem kreuzschlechten Menschen - Timm ist sein Name - dazu beredet worden wär'.
Ich wusst' ja gar nicht, dass der Caspar Schmenckel aus Wien einen so gar
vornehmen Herrn Sohn hätt'! Aber der Timm sagt' zu mir: auf den Busch klopfen,
sagt' er, kann man immer, das schadet nicht. Da hat er mir den Brief geschrieben
und selbst zum Grafen getragen. Der ist noch an demselben Abend zu mir in den
Dustern Keller gekommen und hat gesagt, dass es ihm recht sei, wenn ich Euer
Gnaden, der Frau Fürstin, 's Leben bissel sauer machte; aber an den Fürsten
selbst sollt' ich mich nicht wenden, dann wär' der Spass mit einem Male vorbei.
Und dann wär's auch zu viel, was ich gefordet hätt', ein Viertel so viel wär'
auch genug; er wollt' selbst deswegen mit Euer Gnaden, der Frau Fürstin,
sprechen, und heut' Vormittag sollt' ich zu ihm kommen und da sollt' ich's Geld
in Empfang nehmen. - Nun mögen Euer Gnaden, die Frau Fürstin, es glauben oder
nicht, aber der Schmenckel aus Wien ist 'ne ehrliche Haut, die Niemand nichts zu
Leid tun kann, geschweige denn einer schönen Dame, die sehr gut gegen den armen
Caspar gewesen ist. Und als nun Euer Gnaden zu mir schickten und mir sagen
liessen: ich sollt' halt nur selber vorsprechen, da sagt' ich zu mir: Caspar,
sagt' ich, geh' zur gnäd'gen Frau und sag' ihr so und so, und sie sollt' nur
ruhig sein, der Schmenckel würd' sich nimmer wieder bei ihr sehen lassen, und
was das Geld anbetrifft, ich sag' Euer Gnaden, nicht ein' Kreuzer davon könnt'
ich anfassen, wenn auch gleich ein Gulden d'raus würd'. Und so Euer Gnaden, Frau
Fürstin, Gott befohlen! und wenn wir uns nicht wiedersehen sollten, bleiben's
hübsch gesund und haben's nur kein' Angst vor dem Caspar Schmenckel; der tut
Ihnen nimmer was. Ich küss' die Hand, Euer Gnaden.
    Mit diesen Worten erhob er sich und machte seine schönste Verbeugung.
    Guter Mann, sagte die Fürstin mit zitternder Stimme.
    Ihre Augen weilten mit Wohlgefallen an der herkulischen Gestalt des Mannes,
der der Vater ihres Sohnes war. Die ausserordentliche Aehnlichkeit Beider sowohl
in Figur, als Gesichtsbildung, erfüllte sie mit einer wehmütigen Freude. Sie
dachte der Tage, wo dieser Mann, ein Löwe an Kraft und Gewandteit, wenn nicht
ihr Herz, so doch ihre Phantasie beherrscht; aber in demselben Augenblicke
überkam sie auch die Furcht, der Sohn könne den Vater bei ihr finden, - ihr
Sohn, der stolze, jähzornige Mann, könnte jemals erfahren, dass der Possenreisser,
der Seiltänzer sein Vater, der Vater des Fürsten zu Waldernberg sei.
    Du musst fort, sagte sie hastig; hier - sie streifte von ihrem Finger einen
prachtvollen Ring, dessen Brillanten im Schein des Feuers in allen Farben des
Regenbogens blitzten, - keinen Widerspruch! nimm! ich habe ihn lange getragen,
schon damals, als Dich Nadeska zum ersten Male zu mir führte; nimm ihn zum
Andenken an Alexandrine Letbus! Doch jetzt fort, fort!
    Sie berührte die Feder der silbernen Glocke, die neben ihr auf dem Tische
stand. Nadeska trat herein.
    Führe ihn hinaus. Sorge, dass Euch Niemand sieht.
    Nadeska ergriff Herrn Schmenckel, der gern noch etwas erwidert hätte, aber
zu verlegen und zu verwirrt war, um ein Wort hervorzubringen zu können, bei der
Hand und zog ihn durch eine Tapetentür, die links neben dem Kamine auf einen
schmalen Corridor ging, von welchem man auf eine Nebentreppe in den Hof
gelangte.
    Die Fürstin sank erschöpft in die Kissen ihres Lehnstuhls zurück und
bedeckte Stirn und Augen mit der Hand. Sie bemerkte nicht, dass eine Portière,
rechts neben dem Kamin, deren Falten sich schon einige Male während ihrer
Unterredung mit Herrn Schmenckel leise bewegt hatten, auseinandergeschlagen
wurde und der Fürst hereintrat. Sie hörte ihn erst, als er dicht vor ihr stand.
Sie schlug die Augen auf, und in demselben Momente stiess sie einen Schrei des
Entsetzen aus, - sein unerwartetes Erscheinen und ein Blick in das todesbleiche,
wildverstörte Antlitz sagten ihr, dass er Alles gehört habe.
    Gnade, Raimund, Gnade! schrie sie, die krampfhaft gefalteten Hände zu ihm
emporstreckend.
    Raimunds breite Brust hob und senkte sich, als wehre sie sich gegen eine
fürchterliche, erdrückende Last, und seine Stimme klang wie ein heiseres
Röcheln, als er jetzt nach der Tür, durch die Schmenckel sich entfernt hatte,
deutend, sagte:
    War dieser Mann, der so eben von Dir ging, mein Vater?
    Gnade, Raimund, Gnade! willst Du Deine Mutter tödten?
    Besser, Du hättest mich nie geboren, als von einem solchen Vater!
    Der gewaltige Mann zitterte, als ob ein heftiges Fieber ihn schüttelte - ein
Stöhnen, das schauerlich durch das prächtige Gemach hallte, brach aus seiner
Brust.
    Um aller Heiligen willen, Raimund, höre mich an; ich will Dir Alles sagen.
    Ich brauche nichts mehr zu hören. Ich weiss nur schon zu viel. Der Graf hat
mich Bastard gescholten; ich glaubte, er sei wahnsinnig; er hat mir nur den
rechten Namen gegeben.
    Er griff mit den Händen nach der Seite, - er hatte den Degen im Vorzimmer
abgelegt. Seine Augen blickten wild umher, als suche er eine Waffe. Seine Mutter
verstand den Blick:
    Raimund, Raimund, was willst Du tun?
    Der Sache so schnell als möglich ein Ende machen.
    Kein Mensch wird es je erfahren -
    Wird es erfahren? Wer weiss es denn noch nicht! Nadeska, der Graf, dieser
Mann, - soll meine Ehre, mein Rang, mein Vermögen von der Lagune einer
Kammerfrau, von der Discretion eines herzlosen Roué, von der Schweigsamkeit
eines Strassenhelden abhangen? soll ich warten, bis es die Leute auf der Gasse
mir nachrufen?
    Ich will die Menschen tödten, welche es wissen; sie sollen sterben - Alle
sollen sie sterben, wenn nur Du mir bleibst.
    Und wenn sie stürben, und wenn Niemand es wüsste, als Du und ich; ja Mutter,
wenn Du gestorben wärst und das Geheimnis wäre in meiner Brust begraben, ich
würde es selbst da nicht sicher glauben: ich würde mich und meine Schmach in dem
tiefsten Grund der Erde verbergen.
    Die Fürstin bedeckte das blasse Gesicht mit den mageren Händen. Aber hier
war keine Zeit, sich müssigem Jammer hinzugeben. Sie kannte den Charakter ihres
Sohnes zu wohl, um nicht zu wissen, dass es sich um Tod und Leben handele.
    Raimund, rief sie, wieder emporschnellend, Du tödtest nicht bloss Dich, Du
tödtest auch mich. Bist Du doch mein Alles, meine Sonne und mein Licht! Ich habe
nie ein Kind gehabt, ausser Dir. Du weisst nicht, was es heisst, ein Kind haben und
lieben, noch dazu, wenn man, wie ich, so unglücklich im Leben war! Ich habe den
Grafen nie geliebt. Wie konnte ich auch einen Menschen lieben, der seine Kraft
wie sein Vermögen in den abscheulichsten Ausschweifungen vergeudet hatte. Ich
wurde seine Gemahlin, weil - weil der Czar es wollte. Und ich war damals noch so
jung, und so leichtsinnig, aufgewachsen in dem Glanz und der Ueppigkeit des
glänzendsten und üppigsten Hofes. Ich war dem Grafen nicht treu - so wenig wie
er mir, ihm war es im Grunde gleich; aber er wollte eine Gewalt über mich
erlangen, die mich zwang, seiner sinnlosen Verschwendung machtlos zuzusehen. Er
hatte mir sicher schon lange aufgelauert, bis es ihm endlich, ich weiss noch
heute nicht, durch welchen unglücklichen Zufall oder durch welchen schändlichen
Verrat gelang, mir das Geheimnis zu entreissen. Seit dem Augenblick ist mein
Leben ein Leben unter des Henkers Beil gewesen, das mich vor der Zeit zu einer
alten Frau gemacht hat. Ich habe nichts gehabt, als Dich und Deine Liebe - die
einzige warme Stelle in einer eisig kalten Welt. Raubst Du mir die, so muss ich
unterliegen. Raimund, ist dies der Dank für alle meine Liebe?
    Der Sohn hatte, während die Mutter so Wahrheit und Dichtung künstlich und
klüglich mischte, mit einer Miene zugehört, die so finster war, wie eine
schwarze Gewitterwand.
    Gieb mir die Möglichkeit, zu leben, sagte er, und ich will leben. So kann
ich es nicht. Ich kann nicht leben mit dem Bewusstsein, dass mein Blut nicht edler
ist, als das, welches in den Adern meines Stallknechts fliesst.
    Bin ich nicht Deine Mutter?
    Ist jener Clown nicht mein Vater?
    Ja, Raimund, er ist es; und ihm verdankst Du die stolze Kraft, ihm verdankst
Du, dass alle andern Männer neben Dir Schwächlinge sind. Wolltest Du lieber des
Grafen Sohn sein, der Erbe seiner marklosen Schwäche, seines vergifteten Blutes?
Und wähnst Du denn, dass in den Adern unseres Adels nur adeliges Blut rollt? dass
Dein Fall der einzige ist, wo ein entartetes Geschlecht durch gesundes
Proletarierblut sich wieder regenerirt hat? Soll ich Dir aus unseren Kreisen
einige Geschichten erzählen? Dir sagen, von wem Deine Freundin Ludmilla ihre
dunkle Farbe und ihre bezaubernden schwarzen Augen, und Dein Jugendfreund,
Michael Oronzoff, sein lockiges, blondes Haar hat? Und glaubst Du, dass es in
anderen und höheren Regionen anders und besser ist?
    Die Fürstin hob sich halb aus ihrem Stuhl empor und flüsterte einige Worte
so leise, dass sie nur eben das Ohr des Sohnes erreichen konnten. Er aber
schüttelte finster den Kopf.
    Steht es so mit uns? sagte er, so mögen wir nur unsere Degen zerbrechen,
unsere Wappenschilder in den Kot werfen. Ich habe meine Ehre blank bewahrt; ich
habe keine Schuld, aber ich will die Schuld der Anderen sühnen, ehe sie noch
grösser wird, ehe ich, ohne es zu wissen und zu wollen, tiefer in diese Sümpfe
gerate. Weisst Du, dass der Mann, mit dem ich vor drei Tagen auf der Strasse in
ein Handgemenge geriet, jener Mann war? - der Fürst deutete nach der Tür,
durch die sich Herr Schmenckel entfernt hatte - weisst Du, dass ich um ein Haar
meinen Degen mit dem Blute dessen gefärbt hätte, der mich erzeugt hat? Nein,
nein! das Mass ist übervoll.
    Und Deine Braut?
    Der Fürst zuckte zusammen.
    Die Fürstin sah, wie tief dieser Pfeil ihm in's Herz gedrungen war. Ein
Schimmer von Hoffnung, sie könne in diesem Kampfe doch noch Siegerin bleiben,
ging ihr auf.
    Willst Du Dein höchstes Glück vernichten? diesen Engel von Dir weisen?
willst Du Dich vor ihr erniedrigen, vor ihr, der Stolzen, der Schönen? Unmöglich
kannst Du das! Du bist gefesselt an das Leben mit Ketten von Stahl und mit
Ketten von Rosen. Die einen kannst Du, die anderen darfst Du nicht zerreissen.
    Es ist vergeblich, sagte der Fürst; Du kannst mir diese fürchterliche Last
hier - er legte die Hand auf die Brust - nicht wegreden. Lebe wohl!
    Er wandte sich zu gehen.
    Raimund! kreischte die Fürstin, von ihrem Stuhl emporfahrend und den Sohn
umklammernd, was hast Du vor?
    Nichts Schimpfliches, davon sei überzeugt, sagte er, indem er sich mit
sanfter Gewalt aus ihren Armen loszumachen suchte. Lebe wohl!
    So gehe hin, Barbar, und tödte - sie konnte nicht ausreden; die ungeheure
Aufregung dieser beiden letzten Scenen war zu viel für ihre zerrütteten Nerven,
sie sank ohnmächtig in ihren Stuhl.
    In diesem Augenblick kam Nadeska zurück. Ein Blick auf die Scene im Salon
sagte ihr, was geschehen war.
    Sie werden die Aermste tödten, rief sie, indem sie der Ohnmächtigen zu Hülfe
eilte. Und weshalb das Alles? Es wird nie verraten werden.
    Der Fürst lachte. Es war ein schauerliches Lachen.
    Meinst Du, Nadeska? sagte er; wenn Du nun aber im Schlafe sprächest? oder
hast Du auch Deine Träume an die Fürstin verkauft?
 
                           Achtundvierzigstes Capitel
Als der Fürst, wie ein von den Furien gejagter Orest, durch die Vorzimmer eilte,
begegnete er der Baronin Grenwitz, die von der Fürstin Abschied zu nehmen kam.
Er glaubte vor Scham in die Erde sinken zu müssen, als sie ihm mit ihren grossen
Augen starr und prüfend in's Gesicht sah. Sie sagte etwas zu ihm, aber er hörte
nicht, was es war. Es sauste ihm in den Ohren. Er stiess ein paar unarticulirte
Töne aus, die eine Entschuldigung vorstellen sollten. Dann stürzte er fort.
    Die Baronin sah ihm mit düsteren, misstrauischen Blicken nach.
    Anna-Maria hatte, seitdem sie das Palais betreten, keine frohe Minute
gehabt. Der Empfang gestern Abend hatte sie auf die peinlichste Weise berührt.
Die erzwungene Haltung des Fürsten, die vergeblichen Bemühungen der Fürstin,
einen freundlicheren Ton in der Gesellschaft hervorzurufen, der kaum
verschleierte Hohn, mit welchem der Graf jedes wärmere Wort lächerrlich zu machen
suchte - das Alles hatte sie mit banger Sorge für Helenens Zukunft erfüllt. Sie
hatte die ganze Nacht schlaflos dagelegen und darüber gerätselt, und sie war -
sie wusste selbst nicht warum - immer wieder zu dem Resultat gekommen, die
Fürstin habe sich einmal in ihrem Leben eine Untreue zu Schulden kommen lassen
und müsse dafür noch heute die brutale Tyrannei des Grafen dulden. Vielleicht,
dass zu diesem Resultat die allerdings auffallende Unähnlichkeit des Vaters und
des Sohnes mitgewirkt hatte.
    So war sie in der übelsten Laune und mit heftigstem nervösen Kopfschmerz
dazu, sehr spät aufgestanden und hatte es gar nicht ungern gesehen, dass Helene
am Nachmittag ihre Freundin Sophie zu besuchen fuhr. Kaum war Helene aus dem
Hause, als ihr zwei Briefe überbracht wurden, der eine aus Grünwald, der andere
aus der Stadt. Sie erbrach den Grünwalder Brief zuerst. Die Nachricht von
Malte's Krankheit erfüllte sie mit namenloser Angst. Sie hatte von seiner Geburt
an für sein Leben gefürchtet; so sollte ihre Furcht also doch in Erfüllung
gehen! Und wenn Malte starb - was Gott in seiner grossen Gnade noch gnädig
verhüten wolle! - so fiel, da jetzt auch Felix nicht mehr war, das Majorat an
einen Hauptmann von Grenwitz, den Sohn von ihres verstorbenen Gemahls Vetter,
einen armen schwedischen Edelmann, den sie nie gesehen hatte, den sie niemals
hatte sehen wollen. Der sollte fortan Herr sein auf Grenwitz? Wahrhaftig, da
wäre es ihr noch lieber gewesen, wenn es sich herausgestellt hätte, dass Oswald
Stein Haralds rechtmässiger Sohn war.
    Mechanisch erbrach sie den zweiten Brief. Er war von Albert Timm und
lautete:
    Gnädige Frau! Nach unserer letzten Begegnung werden Sie es
selbstverständlich finden, dass ich die Waffen, die ich bis dahin für Sie
gebraucht hatte, gegen Sie wandte. Herr Stein ist von Allem unterrichtet. Ehe
ein Jahr vergeht, ist er - verlassen Sie sich darauf! - Herr von Stantow und
Bärwalde, und Sie werden überdies die Zinsen von vierundzwanzig Jahren zu zahlen
haben, d.h. Sie werden ruinirt sein. Ich könnte mir nun schadenfroh die Hände
reiben; aber Albert Timm ist eine gutmütige Seele und will Ihnen zum Dank für
Ihren Undank einen guten Rat geben. Machen Sie Frieden mit Herrn Stein, bevor
es zu spät ist! Besser ein magerer Vergleich, als ein fetter Prozess, den man
noch dazu verliert. Ich schicke Ihnen den Gegner noch heute zu, empfangen Sie
ihn freundlich, und wenn sie ganz klug sein wollen, geben Sie ihm Ihre Tochter,
die er bis zur Raserei liebt. Mit der fürstlichen Heirat ist es so wie so
nichts, sintemalen der Fürst nicht eines Grafen, sondern eines Seiltänzers Sohn
ist, und die Sache so steht, dass die Welt nächstens mit einem grossartigen
Scandal erfreut werden dürfte. Doch widerstehe ich dem Wunsch, Ihnen über diese
interessante Sache nähere Aufklärung zu geben, die Sie wahrscheinlich eben so
unbeachtet lassen würden, als gewisse andere Entüllungen. Vielleicht, dass Sie
nach der Unterredung mit Herrn Stein anderen Sinnes werden und sich vor allem
auch überzeugen von der aufrichtigen Freundschaft, mit der ich verbleibe der
gnädigen Baronin untertänigster Diener.
    Zu jeder anderen Zeit würde die Baronin in diesem Brief nur einen Versuch
von Seiten des Herrn Timm, die verloren gegangene Position wiederzugewinnen,
gesehen haben; aber heute Morgen war ihr Gemüt so verdüstert, dass ihr Alles und
so auch dieser Brief in einem anderen Lichte erschien. Was war denn am Ende in
dieser Welt des Lugs und Trugs nicht möglich? Dass dieser Timm mehr wusste als
andere Leute, lag auf der Hand, und jedenfalls war doch die Consequenz
merkwürdig, mit welcher er die Wahrheit seiner Behauptung aufrecht erhielt; ja,
hatte nicht Felix noch durch seine letzten Briefe bewiesen, dass er an dem Factum
selbst in keiner Weise zweifle?
    Die sonst so energische Frau fühlte sich ganz erdrückt unter der Wucht all
dieser Sorgen. Und nun kam Helene, nach der sie geschickt hatte, gar nicht
wieder! und in einer Stunde ging der Zug, den sie benutzen musste, wenn sie noch
morgen früh in Grünwald sein wollte! und noch waren die Sachen nicht gepackt,
noch nicht entschieden, ob Helene bleiben oder mitkommen wollte, noch nicht von
der Fürstin und dem Fürsten Abschied genommen! Doch das Letztere konnte ja auch
in Helenens Abwesenheit geschehen. Der Drang des Augenblicks entband von den
strengen Vorschriften der Etiquette, und hatte sie doch die Fürstin gestern
Abend gebeten, zu jeder Zeit unangemeldet zu ihr zu kommen!
    So verliess denn Anna-Maria ihr Gemach und schritt eilig über die Corridore
und durch die Vorzimmer, als plötzlich die Tür, die zu dem Cabinet der Fürstin
führte, aufgerissen wurde, der Fürst, offenbar in der fürchterlichsten
Aufregung, herausstürzte und, ohne ein Wort mit ihr zu sprechen, weiter eilte.
    Das ist doch seltsam; sagte die Baronin. Da wurde die Tür wieder
aufgerissen, Nadeska kam eilends mit verstörtem Gesicht heraus.
    Wo ist die Fürstin? fragte die Baronin.
    Drinnen. Sie ist krank; es kommt Niemand auf mein Klingeln. Ich wollte eben
die Leute holen.
    Tun Sie das, sagte die Baronin, ich will unterdessen bei Ihrer Durchlaucht
bleiben.
    Nadeska schien dies Arrangement keineswegs zu gefallen, aber sie fand keinen
Vorwand, der Baronin den Zutritt zu verweigern. Sie eilte fort, während
Anna-Maria in die rosenrote Dämmerung von der Fürstin Gemach trat.
    Die Fürstin lag in ihrem Lehnstuhl am Kamin. Die halbgeschlossenen Augen und
die krampfhaft zuckenden Finger zeigten, dass der umnachtete Geist noch immer
vergebens nach Bewusstsein rang.
    Schaff mir meinen Sohn zurück, Nadeska, murmelte sie; er soll nicht mit ihm
ringen: der Vater ist stärker, als der Sohn. Siehst Du, siehst Du, wie er ihn um
den Leib packt und in die Höhe hebt, jetzt wird er ihn zu Boden schleudern, hier
gerade zu meinen Füssen, da, da -
    Die Unglückliche verfiel in Weinkrämpfe, in die sich grässliches Lachen
mischte. Zwischendurch phantasirte sie:
    Lasst es nur den Grafen nicht wissen; der Graf sagt's der Baronin, die
Baronin sagt's der schönen Tochter, und hernach will die schöne Tochter den
Seiltänzersohn nicht. Da kommt er schon mit dem zerschmetterten Kopfe -
    Ein fürchterlicher Schrei brach aus der Brust der Gemarterten. Sie fuhr in
die Höhe und starrte die Baronin mit verstörten Blicken an. Gleich darauf sank
sie auf's Neue bewusstlos in den Stuhl zurück. Nadeska kam mit ein paar
russischen Mägden. Der Kammerfrau schien sehr viel daran gelegen, die Baronin zu
entfernen.
    Die Fürstin hat oft diese Anfälle, sagte sie in ihrer glatten, demütigen
Weise, während die Dienerinnen die Ohnmächtige aufhoben und in ihr Schlafgemach
trugen. Sie muss dann ganz allein sein; die Nähe jeder fremden Person
verschlimmert ihren Zustand.
    Ich werde nicht stören, meine Liebe, sagte die Baronin kalt, um so weniger,
als ich noch in dieser Stunde abreisen muss. Ich werde mich schriftlich bei Ihrer
Durchlaucht entschuldigen.
    Was soll das bedeuten? fragte sich Nadeska; weiss die auch schon mehr, als
sie wissen dürfte?
    Die Baronin begab sich in einer unbeschreiblichen Aufregung in ihre Gemächer
zurück. Was hatte sie gesehen! was gehört! der Anblick des halb wahnsinnigen
Fürsten, das verdächtige Benehmen der Kammerfrau, die offenbar in diesem
Familiendrama hinter den Coulissen nur zu gut Bescheid wusste - was sollte sie
denken? was sagen? was tun? Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass die kluge
und energische Frau vollständig ratlos war. Aber sank nicht der Boden unter
ihren Füssen? brach nicht wie morsches Rohr zusammen, was sie für stolze
unzerstörbare Pfeiler ihres Glücks gehalten? Der Fürst ein Bastard! ein
jahrelang mühsam verborgen gehaltenes Familiengeheimniss der schimpflichsten
Entdeckung nahe! und in ihrem eigenen Hause, stand es denn da besser? ihr Sohn,
der rechtmässige Erbe des Vermögens, zum Tode erkrankt - der illegitime Spross des
Vorgängers in der Herrschaft aus der Verschollenheit auftauchend, in der Rechten
ein Testament, das ihn zum Herrn des Vermögens machte, welches die Baronin seit
ihrer Verheiratung als das ihrige angesehen hatte! Wo ein Ausweg aus diesem
Labyrint? Und was würde Helene zu dem Allen sagen? wie würde ihr Stolz sich
winden, wenn sie erfuhr, dass der Diamantenschmuck des fürstlichen Ranges nichts
war, als schnödes schlechtes Glas, mit dem zu schmücken, eine Courtisane sich
wohl bedacht hätte?
    Ein Wagen rollte schnell in den Hof des Palais. Helene kam zurück. Der
Baronin schlug das Herz, als ob jetzt erst die Entscheidung eintrete. Ein paar
bange Augenblicke, und die schöne Tochter eilte, bleich und verstört, in das
Zimmer und warf sich der Mutter mit einer Leidenschaftlichkeit in die Arme, die
gegen ihre sonstige gemessene, fast kalte Haltung eigentümlich abstach.
    Gott sei Dank, dass Du kommst! sagte Anna-Maria; ich muss fort; ich wollte
Dich fragen, ob Du mich begleiten willst?
    Kannst Du das fragen? rief Helene; ich hier bleiben und ohne Dich? hier, wo
mich die Mauern erdrücken! -
    So bist Du nicht gern hier, Helene?
    Nein, nein! ich liebe den Fürsten nicht; ich habe ihn nie geliebt!
    Und Helene verbarg ihr Gesicht an dem Busen der Mutter.
    Die Baronin war auf's höchste überrascht. Was Helene da sagte und noch mehr,
der Ton, in welchem sie es sagte, dazu ihr seltsam von Leidenschaft durchglühtes
Wesen gaben ihr einen nie geahnten Einblick in das Herz des jungen Mädchens. Sie
hatte ein dunkles Gefühl davon, dass ihr grosse weite Regionen des Lebens bisher
gänzlich verborgen geblieben waren, und dass sie, trotz all' der Klugheit, auf
die sie sich so viel zu Gute tat, bisher im Dunkeln getappt hatte.
    Warum hast Du ihm denn Dein Wort gegeben? fragte sie.
    Ich weiss es nicht; ich war - ich wusste nicht, was ich tat. Aber jetzt weiss
ich es; ich kann den Fürsten nicht heiraten; ich muss mein Wort zurück haben;
wenn Du darauf bestehst, dass ich es halte, so muss ich sterben.
    Und wenn ich nun nicht darauf bestehe?
    Helene sah die Baronin mit starren, verwunderten Augen an.
    Höre mich an, mein Kind. Ich habe heute Morgen Entdeckungen gemacht, die
mich, milde gesprochen, äusserst beunruhigt und mir die Ueberzeugung eingeflösst
haben, dass wir in der ganzen Angelegenheit mit einem Mangel an Vorsicht zu Werke
gegangen sind, der sich möglicherweise sehr schwer hätte rächen können.
    Ich verstehe Dich nicht, Mutter, sagte Helene.
    Ach, es ist auch kaum zu begreifen, klagte Anna-Maria, ich weiss gar nicht
mehr, wo mir der Kopf steht. Ich bin eine unglückliche Frau!
    Und die Baronin warf sich wie gebrochen in einen Stuhl und fing an,
bitterlich zu weinen.
    Helene hatte die Mutter noch nie weinen sehen. Der ungewohnte Anblick rührte
sie tief. Sie kniete neben ihr nieder und suchte sie mit schmeichelnden,
freundlichen Worten zu trösten. Aber es war vergeblich.
    Es ist nicht nur dies, obschon es schon schlimm genug ist, schluchzte
Anna-Maria, auch wir sind mit einer ähnlichen Schmach bedroht! - Und in dem
Drang des Momentes, getrieben von dem Verlangen, sich, koste es was es wolle, an
einen Andern anzuschliessen, erzählte sie in fliegenden Worten von den
Ansprüchen, die Oswald möglicherweise auf ihr Vermögen habe, und dass, wenn die
Ansprüche gerichtlich anerkannt würden, sie, die Mutter und die Tochter,
Bettlerinnen seien.
    Helene hatte dieser Erzählung in atemloser Spannung zugehört. Ihre Farbe
wechselte in jedem Augenblick; ihre Augen waren fest auf die Mutter gerichtet;
ihre Hände hielten die Hände der Mutter krampfhaft umfasst.
    Bettlerinnen, sagst Du? besser das, und ein reines Gewissen haben, als in
der Fülle dieses Glanzes vor Angst vergehen! Komm, Mutter, ich fürchte mich
nicht vor der Armut! Du hast mir oft gesagt, dass Du arm gewesen bist, ehe Du
den Vater heiratetest. Warum soll ich etwas vor Dir voraushaben? ich sehe
nicht, dass Dich der Reichtum glücklich gemacht hat, auch den Vater nicht; er
hat es mir in seinen letzten Augenblicken gestanden. Ich habe es noch eben mit
meinen eigenen Augen gesehen, wie viel glücklicher als wir die Menschen sind,
die nichts haben, als ihre Liebe; auf nichts vertrauen, als auf ihre eigene
Kraft. Ich habe Kraft; ich kann und will für Dich arbeiten, wenn es nötig sein
sollte. Aber jetzt lass uns fort von hier. Du bist krank und angegriffen, Deine
Hände sind eiskalt, und Deine Stirn brennt - bleib hier sitzen. Ich will Deine
Sachen packen. Du brauchst Dich um nichts zu bekümmern, ich bin in fünf Minuten
fertig.
    Nein, sagte die Baronin, lass das mich mit Hülfe unserer Marie besorgen. Du
kannst ein anderes Geschäft übernehmen. Wir können nicht fort, ohne wenigstens
schriftlich von der Fürstin Abschied zu nehmen, da ihr Unwohlsein und unsere
Eile nichts Anderes zulässt. Schreib ihr in wenigen Worten: freundlich und
höflich, nicht mehr und nicht weniger, als das unumgänglich Notwendige.
    Ich will es tun, sagte Helene, indem sie sich an das Bureau setzte, während
die Mutter sich in die Schlafgemächer begab.
    Helene hatte kaum die Feder in der Hand, als ein Geräusch hinter ihr sie von
dem Papier aufblicken machte. Mitten im Zimmer stand Oswald, bleich wie der Tod,
die grossen, im Fieber leuchtenden Augen auf sie gerichtet. Helene war so
erschrocken, dass ihr die Stimme versagte und dass sie keine Bewegung zu machen im
Stande war. Sie glaubte im ersten Moment, eine Erscheinung zu sehen.
    Ich bin es wirklich, sagte Oswald; verzeihen Sie mein plötzliches
Erscheinen. Ich fragte nach der Baronin; man hat mich hieher gewiesen.
    Ich will die Mutter rufen, sagte Helene tief aufatmend, indem sie sich
erhob.
    Bleiben Sie, sagte Oswald; ich bitte Sie darum; ich habe nur zwei Worte zu
sagen; ich sage sie Ihnen lieber und leichter, als der Baronin.
    In Oswalds Erscheinen und Wesen lag etwas so Feierliches, dass Helene nicht
den Mut fand, seine Bitte abzuschlagen.
    Wollen Sie sich nicht setzen, sagte sie tonlos, indem sie sich wieder in
ihren Stuhl sinken liess und auf einen anderen in ihrer Nähe deutete.
    Oswald regte sich nicht.
    Ich weiss nicht, gnädiges Fräulein, sagte er, ob Ihnen Ihre Frau Mutter von
gewissen Intriguen erzählt hat, mit denen sie seit einiger Zeit belästigt wird
und deren Seele Herr Timm ist?
    Ich habe heute Morgen das erste Wort davon gehört.
    Ebenso wie ich. Und das ist es gerade, was mich hierher getrieben hat. Ich
kann den Gedanken nicht ertragen, ja ich könnte nicht ruhig sterben, wenn ich
denken müsste, dass Sie, Fräulein von Grenwitz, glauben könnten, ich hätte mich je
so unwürdiger Mittel und eines so niedrigen Werkzeugs gegen Sie bedienen können.
Wollen Sie das auch Ihrer Frau Mutter sagen?
    Ich will es.
    Und sagen Sie ihr auch, und glauben vor Allem Sie selbst es mir, dass ich
nichts so schmerzlich beklage, als dass man Sie je mit dieser Sache behelligt
hat.
    So ist Alles doch nur eine Erfindung des Herrn Timm?
    Nein, mein Fräulein, erwiderte Oswald mit traurigem Lächeln, eine Erfindung
jenes Menschen ist es nun wohl nicht. Ich fürchte nur zu sehr, dass es die
lautere Wahrheit ist, und das ist der zweite Grund, weshalb Sie mich hier sehen.
    Sie glauben doch nicht, dass wir uns jemals sträuben würden, gerechte
Ansprüche anzuerkennen?
    Sie werden gar nicht in diesen Fall kommen; ich fühle keinen Wunsch in mir,
diese Ansprüche zu erheben. Ich würde das nie und unter keinen Umständen getan
haben, und jetzt am allerwenigsten.
    Er warf einen Blick im Zimmer umher. Die Pracht der Ausstattung erinnerte
ihn schmerzlich daran, wo er war.
    Jetzt am allerwenigsten, wiederholte er; hier sind die Papiere, die in
dieser unglücklichsten aller Geschichten beweisend sind. Ich wünsche, dass Ihre
Frau Mutter sie in Gewahrsam nimmt, um auf alle Fälle gegen die Machinationen
jenes Menschen gesichert zu sein.
    Er legte das Packet Papiere, welche ihm Timm vor einigen Stunden überbracht
hatte, vor Helene auf das Bureau und verbeugte sich zum Abschied.
    Einen Augenblick noch, mein Herr, sagte Helene, indem sie sich ebenfalls
erhob; glauben Sie, dass meine Mutter, dass ich ein solches Geschenk annehmen
werde? Was hat Ihnen das Recht gegeben, so klein von uns zu denken?
    Ich glaube, mein gnädiges Fräulein, dass Ihr Stolz diesmal irrt. Es handelt
sich selbstverständlich nur um mich, der ich den sehr verzeihlichen Wunsch habe,
mich von einem hässlichen Verdachte zu reinigen. Es war unnötig, mich daran zu
erinnern, dass es der Mutter des Majoratsherrn von Grenwitz, dass es der Braut
des Fürsten zu Waldernberg ziemlich gleichgiltig sein kann, ob sie ein paar
hunderttausend Taler mehr oder weniger im Vermögen haben.
    Die Verhältnisse haben keinen Einfluss auf unsere Pflichten, erwiderte das
junge Mädchen, sich aufrichtend und die schöne Lippe verächtlich krümmend: und
glauben Sie nur nicht, dass es der Stolz des Rheichtums und des hohen Ranges
ist, der mich so gleichgiltig gegen Ihr Anerbieten macht. Diesen Augenblick sind
wir im Begriff, nach Grünwald abzureisen, wo mein Bruder auf den Tod erkrankt
ist, und dort auf dem Pult liegt der Anfang eines Briefes, worin ich der Fürstin
zu schreiben gedacht, dass ich nun und nimmermehr die Gattin ihres Sohnes werden
könne.
    Die dunklen Augen Helenes leuchteten, das heisse Blut färbte das Incarnat der
lieblichen Wangen tiefer, sie war Oswald so schön, so einzig schön nie
erschienen. Und das in diesem Moment, wo er bereits im Herzen Abschied genommen
von einem Leben, das keinen Reiz mehr für ihn hatte! gerade jetzt musste ihm das
Ideal seiner glänzendsten Träume, nicht in unerreichbarer Ferne - nein, in
unmittelbarer Nähe erscheinen, dem kühnen Wunsch, dem festen Willen vielleicht
erreichbar! Weshalb sagte sie ihm, dass sie den Fürsten nicht heiraten werde,
und sagte es in diesem herausfordernden Ton, wenn sie ihn - den Schwankenden,
Treulosen, Wankelmütigen - nicht demütigen wollte durch die Kraft des
Entschlusses, mit welchem sie der Herrlichkeit entsagte, nur um sich selbst treu
zu bleiben?
    Diese Gedanken jagten in wilder Flucht durch Oswalds Gehirn, das, überreizt
durch Schlaflosigkeit und Fieberträume, mit einer wunderbaren Schnelligkeit
arbeitete und die Resultate complicirtester Gedankenreihen in schwindelndem
Fluge erfasste. Er wusste, dass sie ihm dies nimmermehr gesagt haben würde, wenn
sie ihn nicht zu irgend einer Zeit geliebt hätte, vielleicht noch liebte, und
dabei wusste er auch mit unumstösslicher Gewissheit, dass er und sie durch Alles,
was geschehen war, auf immer unwiederbringlich von einander geschieden seien. Es
war deshalb keine Bitterkeit, sondern nur tiefste Trauer in dem Ton, in welchem
er jetzt, die Augen unverwandt auf das himmlisch schöne Antlitz des Mädchens
gerichtet, sagte:
    Lassen Sie uns einander nicht mit heftigen, lieblosen Worten betrüben. Wer
weiss, ob wir im Leben noch viele Worte mit einander zu wechseln haben werden!
Mir ist zu Mute, wie einem Sterbenden, und was ich spreche, spreche ich nicht
für mich, der ich keine Wünsche mehr hege, sondern aus innerstem Drang nach der
Wahrheit, von deren heiligem Antlitz ich mich nur zu oft im Leben abgewandt
habe. Helene, ich habe Sie geliebt von dem Augenblick, als ich Sie zum ersten
Male an jenem unvergesslichen Sommerabend im Park von Grenwitz sah; und ich weiss
es auch: wenn ich mir selber treu geblieben wäre, Sie würden mich wieder geliebt
haben, Sie würden einst die Meine geworden sein. Aber, weil ich mich selbst
verlassen, haben auch Sie sich von mir gewandt, und jetzt liegt zwischen uns
eine Kluft, die niemals ausgefüllt werden kann. Und was uns einander auf immer
nahe zu bringen schien, - die Entdeckung, die ich heute Morgen machte - hat uns
erst recht auf ewig getrennt. Ich fühle es wohl: Sie werden nun und nimmermehr
ein Geschenk, wie Sie es nennen, von mir annehmen wollen; und ich wollte eher
meine Hand auf glühende Kohlen legen, als sie nach dem Erbe des Mannes
ausstrecken, der meine Mutter zur unglücklichsten aller Frauen gemacht hat.
Dazwischen gibt es keinen Vergleich, wäre auch alles Andere, wie es sein
sollte. Und nun, Helene, ehe wir - wohl auf immer - scheiden, habe ich eine
Bitte: reichen Sie mir über die Kluft weg, die uns trennt, die Hand, zum Beweis,
dass Sie mir verziehen haben.
    Helene legte ihre Hand in die ausgestreckte Hand Oswalds.
    So standen sie und sahen sich einander tief in die Augen, und wie sie so
schauten, sahen sie alle die goldigen Sommermorgenstunden, die sie im Park von
Grenwitz unter säuselnden Bäumen verlebt, und alle die purpurnen Abende, an
denen sie durch den grünen Buchenwald bis zum Meeresstrande wanderten - und dann
sahen sie nichts mehr, denn ein grauer Tränenschleier hatte sich über die
lieblichen Bilder gedeckt.
    Leb' wohl, Helene!
    Leb' wohl, Oswald!
    Für immer!
    Für immer!
    Oswald presste die Geliebte nicht in die Arme. Eine heilige Scheu hielt ihn
gefesselt. Er ahnte es: die Zeit der Sühne, die ihm noch blieb, war kurz, und,
einen neuen Schwur zu besiegeln, den zu halten er keine Kraft in sich fühlte,
war kein Entgelt für so viele gebrochene Schwüre.
    Er liess die Hand, die er noch immer in der seinigen hielt, los und - im
nächsten Augenblick war Helene allein.
    Sie stand noch, die Augen starr auf die Tür, durch die Oswald verschwunden
war, gerichtet, als die Baronin wieder in das Zimmer trat.
    Es ist die höchste Zeit, Helene, sagte sie; der Wagen hält unten. Bist Du
bereit?
    Ja.
    Was sind das für Papiere dort auf dem Tische?
    Hat er sie nicht wieder mitgenommen?
    Wer?
    Oswald.
    War er hier? was wollte er?
    Nimm die Papiere zu Dir, Mutter. Er brachte sie Dir.
    Helene, Du bist bleich und hast geweint; was bedeutet dies? Liebst Du diesen
Mann? soll ich auch mein letztes Kind verlieren?
    Sei ruhig Mutter; ich werde Dich im Unglück nicht verlassen. Doch da liegt
ja noch der Brief an die Fürstin. Einen Augenblick, Mutter!
    Sie setzte sich an das Bureau und schrieb mit fliegender Feder einige
Zeilen.
    So, jetzt ist auch das geschehen, und ich bin wieder frei! Komm, Mutter, ich
will Dir zeigen, dass ich noch Kraft und Mut genug zum Leben habe. Komm!
    Und sie zog die Baronin, die sich willig der höheren Energie ihrer Tochter
fügte, mit sich fort aus dem Gemach.
    Eine Minute darauf hatten die beiden Damen das Palais Waldernberg und eine
halbe Stunde darauf die Residenz verlassen.
 
                           Neunundvierzigstes Capitel
Als Oswald, ohne kaum zu wissen, wohin er sich wandte, die Strasse hinabeilte,
fühlte er sich plötzlich von Jemand am Arm ergriffen.
    Es war Albert.
    Albert hatte nach dem Zusammentreffen mit Herrn Schmenckel seinen
Beobachtungsposten in der Nähe des Palais auf einige Zeit aufgeben müssen, um
sich in dem Hofe eines der nächsten Häuser das Blut abzuwaschen, das nach der
Berührung von Herrn Schmenckels schwerer Faust seiner Nase und seinem Munde
reichlich entströmt war. Er war so zornig, wie er es kaum je im Leben gewesen.
Es war die Wut des Jägers, dem das Wild die kunstreich gewebten, schlau
gestellten Netze plump zerrissen hat. Dieser Tölpel von einem Schmenckel mit
seiner dummen Ehrlichkeit! wie hatte er den Menschen bearbeitet, wie hatte er
ihm die Zukunft golden ausgemalt, und nun? Es war zum Rasendwerden! Der schöne,
leichte, sichere Gewinn dahin! und weshalb? um nichts und wieder nichts, um
einer ehrlichen Laune willen. Und wenn nun Oswald eine ähnliche Dummheit begeht!
man kann die Spatzenköpfe ja keinen Augenblick allein lassen. Und dabei will das
verdammte Blut gar nicht stehen.
    So hatte er weder Herrn Schmenckel noch den Fürsten wieder aus dem Palais
kommen, noch hatte er Oswald hineingehen sehen, und er kam jetzt noch eben zur
rechten Zeit, um diesen, der die Strasse hinabeilte, einzuholen.
    Holla, Herr!
    Was gibt's?
    Ja, das frage ich.
    Bist Du's?
    Wer sonst? Wie ist es abgelaufen? hat die Alte klein beigegeben? und er
wollte vertraulich seinen Arm in Oswalds Arm legen. Oswald trat einen Schritt
zurück:
    Rühre mich nicht an! sagte er; oder ich zerschmettere Dir den Kopf an der
Wand.
    Hoho! sagte Albert, jetzt seinerseits zurückweichend; ist der auch verrückt
geworden?
    Elender Bube! knirschte Oswald; Mensch, der aus dem Laster eine Speculation
und aus der Gemeinheit ein Gewerbe macht; lasse Dich nie wieder auf meinem Wege
sehen, oder Du wirst es bereuen!
    Er wandte sich von Timm, der in dem ersten Augenblick blass geworden war und
dann in ein tolles Gelächter ausbrach, und eilte weiter. Es war ihm einerlei,
wohin ihn seine Füsse trugen! Er ging wie im Traum, und wie Traumbilder erschien
ihm auch, was er sah und hörte: die neugierigen, erschrockenen Gesichter von
Kindern und Frauen in den Fenstern und Türen; die dichten Haufen von Männern,
die sich unter wilden Gesticulationen und lauten Ausrufungen Unerhörtes
mitzuteilen schienen und dann auseinanderstoben, wenn eine Patrouille
anmarschirt kam; das Rennen und Laufen, das Schreien und Pfeifen von
Strassenbuben; und dazwischen das Wimmern der Sturmglocken von den Türmen. Dann,
je weiter sich Oswald von dem vornehmen Quartier, aus dem er kam, entfernte,
wurde ein anderer Ton deutlicher: ein eigentümliches Knattern und Prasseln und
ein dumpfer Donner, vor dem die Häuser selbst erzitterten.
    Aber das Alles vermochte nicht, ihn aus seinem wachen Traume aufzurütteln;
der Schmerz um das eigene zerstörte Lebensglück hatte ihn taub und blind gemacht
gegen den Schmerz eines ganzen gemisshandelten Volkes. Da schreckte ihn jäh ein
fürchterlicher Anblick empor. Aus einer Seitenstrasse kam eilenden Laufs ein
junger Mensch, rufend: Verrat, Verrat! sie schiessen auf uns! Des jungen
Menschen Blouse war zerrissen und mit Blut befleckt; sein Antlitz war bleich,
sein Haar verwirrt; er taumelte, wie ein Trunkener, und plötzlich stürzte er,
unmittelbar vor Oswald, zusammen. Oswald hob ihn auf; im Nu hatte sich ein Haufe
von Männern und Frauen um sie gesammelt. Er stirbt! riefen die Männer; Fluch
über unsere Henker! Die Weiber heulten; eines rief: Nehmt ihn doch dem Herrn ab!
seht Ihr nicht, dass der sich selbst kaum auf den Beinen halten kann? Ein Mann
nahm den Sterbenden aus Oswalds Armen. Da fühlte Oswald sich von Jemand aus dem
Gedränge gezogen. Als er sich umwandte, erblickte er Berger. Oswalds Seele war
in den letzten Stunden von so viel Ausserordentlichem bestürmt worden, dass selbst
das Seltsamste, Unerwartetste ihn vorbereitet traf. Und wenn es einen Menschen
gab, den er in diesem Augenblick zu sehen wünschte, so war es sein Freund und
Lehrer, sein Schicksalsgenosse. Oswald fragte nicht: wie? und woher? er stürzte
sich dem Wiedergefundenen in die Arme.
    Gut, dass Du da bist, sagte Berger hastig; komm, lasse die Todten ihre Todten
begraben. Wir wollen schaffen und arbeiten, so lange es Tag ist.
    Sie eilten zusammen weiter.
    Mit jedem Schritte, den sie machten, kamen sie dem Krater der Revolution,
die seit ein paar Stunden zum Ausbruch gekommen war, näher. In diesem Stadtteil
erhoben sich schon, von tausend tapfern und geschickten Händen aufgetürmt,
Barricaden, die von todesmutigen Männern und Knaben, meistens aus den niederen
Volksklassen, besetzt wurden. Man konnte von der Widerstandsfähigkeit dieser
improvisirten Festungen keine allzu grossen Hoffnungen haben, wenn man sah, dass
sie meistens aus einem, wenn es hoch kam, aus mehreren umgestürzten Wagen,
abgerissenen Planken und anderen in der Eile zusammengerafften Gegenständen
erbaut waren, und dass die Waffen ihrer Verteidiger zumeist in alten rostigen
Säbeln, Lanzen, Flinten ohne Schloss und ähnlichen Instrumenten bestanden.
    Berger blieb hier stehen, Rat erteilend, anfeuernd, mit seiner tiefen
tönenden Stimme: zu den Waffen! zu den Barricaden! rufend; aber so oft Oswald
sich an dem Bau einer derselben beteiligen wollte, hielt er ihn davon zurück:
    Nicht hier! sagte er; dies sind nur unsere Vorposten, die doch wieder
eingezogen werden müssen. In diesen geraden breiten Strassen lassen sich keine
Barricaden mit Erfolg verteidigen. Das Gros der Revolution steht weiter zurück.
    So kamen sie in die Lange Strasse, die von dem Schlossplatz in ein
dichtbevölkertes Quartier des Kleinhandels und des Kleingewerbes führte. Aus der
Langen Strasse gelangte man durch eine schmale Gasse, in welcher der Dustre
Keller lag, in die Schwesterstrasse. Ueberall hier schwirrte und wirrte es wild
durcheinander. Vom Schlossplatz her krachten die Gewehrsalven und schmetterten
die Kanonenschläge; aber noch nirgends sah man den Anfang von Barricaden.
    Sind diese Menschen wahnsinnig! rief Berger; wenn sie sich hier nicht
verschanzen wollen, wo soll es denn geschehen?
    Auf den Stufen eines Eckhauses, umdrängt von Volkshaufen, stand ein Herr mit
weisser Halsbinde und sprach eifrig auf die Leute ein: Se. Majestät hat die
Deputation huldvollst zu empfangen gerut - Was da Majestät! schrie eine zornige
Stimme; - Se. Majestät geruht jetzt eben huldvollst, seine getreuen Untertanen
niederzukartätschen! rief eine andere. Meine Herren, schrie der Redner, geben
Sie nicht Gefühlen des Hasses und der Rache Raum! Se. Majestät willigt in die
Zurückziehung des Militairs, sobald Sie die Waffen aus der Hand gelegt - Und
Ihre Kehlen dem Messer des Mörders dargeboten haben, rief mit gewaltiger Stimme
Berger, der plötzlich neben dem Redner in der weissen Halsbinde auf der Treppe
erschien.
    Sein graues Haar hing ihm wild um das unbedeckte Haupt; seine Augen glühten,
es war, als ob die Revolution selbst Gestalt und Stimme angenommen hätte. Nun,
rief er weiter, Ihr zaudert und verhandelt noch immer, während Eure Brüder
wenige Strassen von Euch ermordet werden? Musst Du ewig glauben, Du gläubiges, so
oft und so schmählich belogenes Volk, nun, so glaube: Dir wird keine Concession
gemacht, die Du nicht erkämpft, und keine Freiheit gewährt, die Du nicht mit
Deinem Blute bezahlt hast. So feilscht und marktet denn nicht länger, gebt ihn
her, den teuren Preis um das teure Gut! Um der Freiheit willen, greift zu den
Waffen!
    Zu den Waffen! zu den Waffen! donnerte es von allen Seiten. Wir wollen
siegen oder sterben! zu den Waffen!
    Die waffenlosen Arme streckten sich wie zum Schwur in die Luft.
    Berger war von der Treppe hinabgesprungen. Man umringte ihn; man drückte ihm
die Hände. Einige forderten ihn auf, die Sache in die Hand zu nehmen, da es doch
ohne Führer nun einmal nicht gehe.
    Berger sah sich um. Plötzlich eilte er auf einen langen Herrn los, der sich
rasch durch die Menge drängte.
    Das ist der Mann, schrie er, den langen Herrn bei der Hand fassend. Er muss
unser Führer sein! Treten Sie auf die Treppe, Oldenburg, und sprechen Sie!
    Oldenburg war mit einem Satze auf der Treppe.
    Meine Herren! rief er, seinen Hut lüftend, huldigen wir der Mode des Tages
und bauen wir eine Barricade. Ich habe vor zwei Wochen eine kurze Lehrzeit im
Barricadenbau auf den Strassen von Paris durchgemacht. Wenn Sie in Ermangelung
eines Bessern sich meiner Künste bedienen wollen - ich bin herzlich gern bereit,
mit Ihnen zu bauen, mit Ihnen zu kämpfen, mit Ihnen zu siegen, wenn's sein kann,
mit Ihnen zu sterben, wenn's sein muss.
    In dem stählernen Klang von Oldenburgs Stimme, in seiner leichten und doch
so eindringlichen Art zu sprechen, lag ein Zauber, dem der Volkshaufe nicht
widerstehen konnte. Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es Aller Herzen.
    Sie sollen unser Führer sein, rief es von allen Seiten; der Schwarzbart soll
unser Führer sein.
    Nun denn! rief Oldenburg mit erhobener Stimme: Alle Mann hoch an die
Barricade!
    Ein wunderbares Treiben folgte diesem Zauberwort. In die wild durcheinander
wogende Menge kam plötzlich Ordnung. In all den Köpfen lebte nur der eine
Gedanke, sich ein Bollwerk zu schaffen, und alle Hände arbeiteten nur nach dem
einen Ziel.
    Wir müssen in zehn Minuten fertig sein, meine Herren, rief Oldenburg, oder
wir täten besser, gar nicht anzufangen.
    Oldenburg machte durch unerschütterliche Kaltblütigkeit und geniale
Schnelligkeit des Blicks und des Entschlusses seinem Anführerposten Ehre. Er
schien auf allen Punkten zugleich zu sein, und seine klare tönende Stimme
glaubte man an allen Punkten zugleich zu hören. Hier wurde auf seine Anordnung
das Pflaster aufgerissen, dort wurden die Fliesen des Trottoirs ausgehoben und
mit denselben die umgeworfenen Wagen, die als Basis der Barricade dienen mussten,
nach der Aussenseite bepanzert. Türflügel, Rinnsteinbrücken, mit Sand gefüllte
Säcke vervollständigten die Festigkeit des Baues, der mit einer Schnelligkeit
heranwuchs, die mit dem Fieber der Leidenschaft, das in allen Pulsen pochte,
Schritt hielt. Jede Sehne, jede Muskel war bis zum Äussersten gespannt; Knaben
trugen Lasten, die in ruhigen Augenblicken kaum ein Mann hätte bewältigen
können; Männer, die sonst vielleicht nur die Feder zu führen gewohnt waren,
schienen plötzlich Muskeln von Stahl bekommen zu haben. Vor Allen aber zeichnete
sich ein Mann in einem abgeschabten Sammetrocke aus, in Vergleich mit dessen
Taten die Leistungen der Anderen nur Pygmäenwerk waren. Wo es etwas zu heben
oder zu schleppen gab, rief man lachend nach dem Hercules, wie den Mann im
Sammetrock der Volkswitz nach den ersten fünf Minuten getauft hatte, - und der
Hercules sprang hinzu, reckte seine mächtigen Arme aus, oder stemmte seine
breiten Schultern dagegen, und die Centnerlast schien plötzlich federleicht zu
werden.
    Bravo, Herr Schmenckel! rief Oldenburg, dem Hercules auf die Schultern
klopfend, aber schonen Sie Ihre Kraft; wir werden sie noch nötig haben.
    Pah, Euer Gnaden, Herr Baron, erwiederte Herr Schmenckel, indem er sich mit
dem Aermel über sein von Schweiss triefendes Gesicht fuhr, das will noch nicht
viel sagen.
    Hercules, hierher! erschallte es von einem anderen Punkte.
    Komm' schon! schrie Herr Schmenckel und sprang dahin, wo man seiner
bedurfte.
    Jetzt fehlt es am Besten noch, murmelte Oldenburg, indem er das mit jeder
Secunde wachsende Werk überschaute und einen prüfenden Blick auf die Dächer der
die Barricade flankirenden Häuser warf, die man auf seinen Rat abzudecken
begann; wenn Berger keine Waffen bringt, ist Mühe und Arbeit umsonst.
    Da kam Berger in Begleitung von zehn oder zwölf Männern. Jeder von ihnen
trug eine Büchse. Ein paar Andere schleppten Säcke, in welchen sich Munition
befand.
    Berger, der schon Tage lang vorher die Gelegenheit zur Revolution, die er
vorausgeahnt, studirt hatte, kannte alle Waffenläden in der Runde und hatte sich
jetzt der Vorräte eines derselben bemächtigt. Ein Jubelruf erschallte, als die
kleine Schaar bei der Barricade anlangte. Gleich darauf wurde noch eine alte
lange einläufige Vogelflinte und ein verrosteter Carabiner mit Pfannenschloss aus
irgend einer Rumpelkammer herbeigeschaft, und zuletzt noch zwei Paar Pistolen
aus den Wohnungen einiger Officiere, die man mit Hülfe des Adresskalenders in der
unmittelbarsten Nähe ausgekundschaftet hatte. Die Waffen wurden verteilt, und
jedem Schützen sein Posten auf der Barricade angewiesen; jeder Schütze hatte
einen Mann als Lader bei sich; in der Küche des Erdgeschosses eines der nächsten
Häuser wurden unter Aufsicht eines alten einäugigen Mannes, der schon die
Befreiungskriege mitgemacht und sich zu diesem Posten erboten hatte, Kugeln
gegossen; Strassenjungen, die lustigen Sturmvögel des Barricadenkampfes, sollten
die Kugeln den Kämpfern zutragen.
    Die Viertelstunde, die Oldenburg als die längste Zeit, in welcher man fertig
werden müsse, bestimmt hatte, war verlaufen; und schon der nächste Moment
bewies, wie richtig er gerechnet. Die Büchsen waren kaum geladen und die Männer
eben an ihre Posten getreten, als ein Bataillon Infanterie die Strasse
heranmarschirt kam. An seiner Spitze ritt ein Major. Er liess in einiger
Entfernung von der Barricade seine Truppe Halt machen und ritt bis auf wenige
Schritte heran. Es war ein alter grauhaariger Mann mit einem gutmütigen
Gesicht, dem offenbar bei Erfüllung seiner blutigen Pflicht nicht sonderlich
wohl war. Seine Stimme klang hohl und zitterte ein wenig, als er jetzt, so laut
er vermochte, rief:
    Ihr da! ich muss hier mit meinen Leuten durch, und wenn Ihr das Ding, das Ihr
da gebaut habt, nicht gutwillig wegräumt, so muss ich von der Schusswaffe Gebrauch
machen. Das sollte mir Euretalben leid tun!
    Oldenburg trat auf die Barricade.
    Im Namen der Männer hier, sagte er, seinen Hut höflich gegen den Major
lüftend; erkläre ich Ihnen, dass wir entschlossen sind, Einer für Alle und Alle
für Einen zu stehen und die Barricade zu halten, so lange es uns möglich ist.
    Oldenburgs Erscheinung und seine Rede imponirten dem alten Krieger
sichtlich.
    Sie sind der Anführer von den Leuten?
    Ich habe die Ehre.
    Sie scheinen ein verständiger Mann. Da müssen Sie doch einsehen, dass das
Ding da nicht lange halten kann und dass Ihr mit Euren paar Schüssen nicht weit
kommen werdet. Reisst das Ding herunter und die Sache ist gut.
    Es tut mir leid, Ihnen diesen Gefallen nicht tun zu können und meine erste
Entscheidung wiederholen zu müssen.
    Nun denn, rief der alte Mann mehr verdriesslich als zornig, so soll Euch Alle
der Teufel holen!
    Mit diesen Worten warf er sein Pferd herum und galoppirte zu seiner Truppe
zurück.
    Oldenburg war froh, dass die Unterredung zu Ende war. Sein schneller Blick
hatte ihm gezeigt, dass das gütige Zureden des Majors seinen Einfluss auf die
Menge nicht verfehlt hatte und dass mehr als Einer unentschlossen und zaghaft
dreinschaute. Er wandte sich um und rief:
    Ist Einer unter Ihnen, der es süsser findet, für das Vaterland und die
Freiheit leben zu bleiben, als zu sterben, der möge es jetzt sagen! Noch ist es
Zeit.
    Die Männer standen regungslos und lautlos. Wohl mochte manches Herz stärker
gegen die Rippen pochen; aber Jeder fühlte, dass der Würfel geworfen und dass
jetzt umzukehren, schimpflicher Verrat sei.
    Da schlugen drüben die Trommeln den Sturmmarsch und ihr eherner Klang
schmetterte die letzten Bedenken weg.
    Jeder Mann an seinen Posten! rief Oldenburg mit einer Stimme, die hell wie
Trompetenton das Rasseln der Trommeln übertönte; kein Schuss fällt, kein Stein
wird geschleudert, bevor ich das Zeichen gebe.
    Oldenburg blieb auf der Barricade stehen und sah die Colonne im Sturmschritt
heranrücken. In der Mitte die Tambours und der Major, der mit seiner Grabstimme
commandirte:
    Bataillon halt! Legt an! Feuer!
    Die Salve krachte, die Kugeln hagelten in die Barricade und gegen die Wände
der Häuser.
    Gewehr rechts, Marsch, Marsch!
    Hurrah! schrieen die Soldaten, indem sie sich mit gefälltem Bajonnet gegen
die Barricade stürzten.
    Hurrah! schrie Oldenburg, indem er noch immer auf der Barricade stehend, den
Hut schwenkte.
    Und die Büchsen der Barricadenverteidiger krachten und die Steine
prasselten von den Dächern auf die Köpfe der unglücklichen Soldaten hinab, und
als der Rauch und Staub sich verzog, sah man die Compagnie, die in kriegerischer
Ordnung heranmarschirt gekommen war, in wilder Verwirrung sich zurückziehen,
vorauf ein reiterloses Pferd und zwischendurch kleine Truppen von drei, vier
Mann, welche Todte oder Verwundete eiligst aus dem Bereiche der Barricade
trugen.
    Von den Männern des Volkes war nur einer, und selbst der durch keine
feindliche Kugel verwundet. Der alte Carabiner war bei dem ersten Schusse
gesprungen, und ein Stück davon hatte den Nebenmann des Schützen leicht am Kopf
gestreift. Dieser Unfall trug indessen nur zur Erhöhung der guten Laune bei. Man
schrie Hurrah, man gratulirte einander, man lachte, man scherzte, man war in der
besten Stimmung.
    Oldenburg teilte die Siegesfreude nicht. Von der Notwendigkeit des Kampfes
war er ebenso überzeugt, wie ihm ein glücklicher Ausgang desselben problematisch
war. Er hatte die Februartage in Paris mit durchlebt und durchfochten, und der
Unterschied der beiden Revolutionen konnte ihm nicht entgehen. Dort hatte er ein
Volk gesehen, das mit dem vollen Bewusstsein der Unhaltbarkeit der Regierung,
gegen welche es sich auflehnte und mit dem vollen Verständnis der Situation in
den Kampf zog - hier fand er die grösste Unklarheit über die endlichen Ziele, und
zum Teil die naiveste Unkenntnis in Betreff der gegenwärtigen Lage. Aber, sagte
er sich, ist es doch nicht immer die freie, geistgeborene Tat, deren der Genius
der Menschheit zu seinen Zwecken bedarf. Wirkt er doch auch in dem dunklen
Triebe, der aus geheimnisvollen Tiefen unaufhaltsam zum Lichte drängt. Wenn
diese harmlosen und im Grunde wenig politischen Menschen, welche die geringsten
Zugeständnisse zur rechten Zeit befriedigt haben würden, nicht für den freien
Staat der Zukunft, sondern nur gegen die brutale Herrschaft einer einzelnen
Kaste fechten - die grossen Folgen können nicht ausbleiben, und wer ein krankes
Glied abschneidet, rettet dadurch vielleicht den ganzen Körper.
    So suchte sich Oldenburg die schweren Bedenken, die ihm die Physiognomie
dieser Revolution einflösste, weg zu philosophiren. Er war auf dem Platze vor dem
Schloss gewesen, als die verhängnisvollen zwei Schüsse, die das Signal zum
Ausbruch wurden, fielen und das Militair seine ersten Attaquen auf das wehrlose
Volk machte. Er und andere wackere Männer hatten vergeblich dem Blutvergiessen
Einhalt zu tun gesucht, indem sie sich mit Gefahr des Lebens durch die Soldaten
drängten und den commandirenden Officieren den Wahnsinn dieser Metzeleien klar
zu machen sich bemühten. Offener Hohn und im besten Falle mürrisch grobe
Abweisung war Alles, was man ihren Gründen entgegenzusetzten hatte. Als
Oldenburg sah, dass er so nichts mehr nützen könne, und dass es bis zum Äussersten
gekommen sei, hatte er Melitta's Wohnung unter den Akazien zu erreichen gesucht,
um sie und die Kinder vor dem hereingebrochenen Sturm in Sicherheit zu bringen.
Aber er hatte einen weiten Umweg machen müssen, denn schon hielt das Militair
alle Zugänge von der Schlossseite her besetzt, und nur mit Mühe entging er
mehrmals der Gefahr, verhaftet zu werden. So kam es, dass er erst in dem
Augenblick im Hotel anlangte, als bereits die Sturmglocken ertönten, von der
Schlossseite her die Gewehrsalven krachten und einzelne Kanonenschläge die
Fenster klirren machten. Er liess sich eben nur so viel Zeit, im Hotel nach
Melitta zu fragen, wo er denn zu seiner Freude vernahm, dass sie schon seit einer
Stunde mit den Kindern zu Frau Doctor Braun (in eine Vorstadt, bis zu welcher
der Aufstand schwerlich dringen konnte) gefahren sei, und dann hatte er sich,
von seiner einzigen Sorge befreit, mit ausgebreiteten Armen in den Strom der
Revolution geworfen.
    Und jetzt stand er, nachdem der erste Sturm glücklich zurückgeschlagen war,
mit über der Brust gekreuzten Armen auf der Barricade an einer sichern Stelle,
von wo er zugleich die Bewegungen des Feindes und den Raum hinter der
Verschanzung überschauen konnte, und erwartete voll Ungeduld die Rückkehr
Berges, der sich mit einer Patrouille aufgemacht hatte, um wo möglich noch mehr
Waffen aufzutreiben und sodann die Verbindung mit den nächsten Barricaden
herzustellen. Denn bis jetzt fehlte es noch gänzlich an einer Organisation des
Aufstandes. Kein gemeinsamer Plan machte ein gemeinsames Handeln möglich; an
jeder Barricade wurde eine isolirte Schlacht geschlagen. Dazu kam, dass es
bereits stark zu dunkeln begann, und die Nacht, wenn sie auch dazu beitragen
mochte, das Militair über die Stärke seines Feindes im Unklaren zu lassen, doch
auch schon die nur allzu grosse Verwirrung auf Seiten des Volks noch steigern
musste. Berger, der in diesem Augenblicke kam, brachte noch einige Gewehre, aber
sonst wenig tröstliche Kunde. Die nächsten Strassen waren zwar ebenfalls
verbarricadirt, aber die Barricaden meistens sehr schwach construirt und noch
schwächer besetzt, zumal die in der unmittelbar benachbarten Schwesterstrasse.
    Ich glaube, sie werden sich dort nicht allzulange mehr halten, sagte Berger,
und dann sind wir verloren, weil uns das Militair durch diese enge Gasse hier -
er deutete auf die Gertrudenstrasse, welche in einer flachen Curve aus der
Langenstrasse in die Schwesterstrasse führte - in den Rücken kommen kann. Wir
müssen notwendig auch diese Gasse sperren und besetzten, was mit leichter Mühe
geschehen wird; ich habe Oswald und Schmenckel den Auftrag gegeben, diese Arbeit
auszuführen.
    Wem? sagte Oldenburg, der keine Ahnung hatte, wie Oswald hierher kommen
sollte, und sich deshalb verhört zu haben glaubte.
    Aber er hatte keine Zeit, Bergers Antwort abzuwarten, denn schon ertönte
wiederum der Sturmmarsch, und die zweite Compagnie rückte heran. Diesmal ritt
der Major nicht auf seinem Schimmel mit. Der alte Mann, den bei dem ersten Sturm
eine Kugel am Kopf verwundet hatte, war bereits auf dem Wege in's Lazaret.
    Der zweite Sturm war hartnäckiger, wenn auch nicht erfolgreicher als der
erste. Der commandirende Hauptmann liess in rascher Folge drei Salven hinter
einander geben, und dann warfen sich die Soldaten mit grossem Ungestüm auf die
Barricade. Aber da Oldenburg mit vollem Bedacht sein Feuer bis zu diesem Moment
aufgespart, so war der Anprall höchst verderblich für die Stürmenden, die in
allernächster Nähe von den Kugeln und Dachziegeln so arg mitgenommen wurden, dass
sie abermals, ihre Todten und Verwundeten mit sich schleppend, eilend den
Rückzug antraten.
    Aber diesmal hatten auch die Verteidiger ihre Verluste. Ein junger Mann,
der sich unbesonnen ausgesetzt hatte, wurde durch die Brust geschossen und war
auf der Stelle todt, einem Andern hatte eine von der Mauer zurückprallende Kugel
den Arm zerschmettert.
    So hatten die Barricadenmänner die Bluttaufe bekommen, und jetzt erst
fühlten sie sich mit der Sache der Revolution unauflöslich verbunden. Männer,
die sich heute zum ersten Male sahen, schüttelten einander die Hände und
gelobten sich, zusammen auszuharren und bis in den Tod gegen die Tyrannei zu
kämpfen. Frauen gingen zwischen den Kämpfern umher und reichten ihnen Wein und
Brod. Unter diesen Samariterinnen zeichneten sich mehrere durch ihre stattliche
Erscheinung oder sorgfältige, ja elegante Toilette aus. Es waren Damen aus der
guten Gesellschaft, die sonst jedem Volkshaufen sorgsam auszuweichen pflegten
und die heute Abend die Leidenschaft der Nächstenliebe, die sie sonst nur im
stillen Kreise ihrer Familie geübt, auf dem hallenden Markt des Lebens im
grösseren und heiligeren Sinne betätigen durften.
    Und nun wurden auf Oldenburgs Rat, der die Vorteile dieser Massregel von
Paris her kannte, in den Fenstern aller Häuser, die von der Barricade beherrscht
wurden, Lichter entzündet und so eine feierliche Illumination improvisirt, zu
welcher der volle Mond, der klar und mild aus dem blauen Frühlingshimmel
herabschaute, reichlich beisteuerte. Es war ein seltsamer Gegensatz: die hehre
Ruhe dort oben in den himmlischen Gefilden und hier unten die in dem Fieber der
Revolution zuckende Stadt, in welcher sich das Geheul der Sturmglocken mit dem
Krachen der Kanonen, dem Geprassel des Kleingewehrfeuers und dem Hurrahrufen und
Wutgeschrei der Kämpfer vermischte. Und um das grausige Bild noch grausiger zu
machen, wälzten sich jetzt über die Dächer fort lange glühende Rauchwolken. Es
war an mehreren Stellen zugleich Feuer ausgebrochen, welche die Stadt
einzuäschern drohten; - wer hatte heute Nacht Zeit, zu löschen und zu retten!
    Oldenburg suchte mit den Augen Berger, der aber nirgends zu entdecken war.
Er wollte ihn fragen, was es mit Oswald zu bedeuten habe, denn es fiel ihm jetzt
ein, dass er vorhin eine Gestalt gesehen, die ihn flüchtig an Oswald Stein
erinnerte. Da ertönte lautes Geschrei aus der Gertrudengasse her, und einige
Schüsse krachten. Oldenburg, der nicht anders glaubte, als dass das Militair die
Barricade der Schwesterstrasse genommen habe und jetzt durch die Gertrudengasse
herandringe, raffte eilig einen Teil seiner Leute zusammen und stürzte mit
ihnen die Gasse hinein.
    In der Tat war hier ein Ueberfall im Werke gewesen und die Gefahr nur durch
Schmenckels Riesenkraft und Oswalds und Bergers todesmutige Tapferkeit
abgewendet worden.
    Oswald hatte sich den Barricadenbauern in der Gertrudengasse angeschlossen,
um Oldenburg, den er zu seiner nicht geringen Verwunderung mitten in dem
Volksgewühl auf der Treppe des Eckhauses als Redner und hernach als Anführer der
Barricade erblickt hatte, aus den Augen zu kommen. Es war ihm unmöglich, dem
Manne, den er bald wie ein höheres Wesen verehrt, und bald als seinen
schlimmsten Feind gehasst hatte, jetzt gegenüberzutreten und so den alten Streit
in seinem Busen von neuem anzufachen. Er war so müde, so sterbensmüde! Der Sturm
um ihn her war wie Wiegengesang für sein müdes, krankes Herz, und während er bei
dem ersten Sturm auf die Barricade, den er noch mit abschlagen half, die Kugeln
um sich pfeifen hörte, dachte er nichts, als: möchte doch eine davon für dich
bestimmt sein!
    Er sprach dieses Gefühl gegen Berger aus, als sie, auf der fertigen
Barricade der Gertrudengasse sitzend, sich einen Augenblick von ihren ungeheuren
Anstrengungen ausruhten.
    Nein, erwiederte Berger, so ist es nicht recht. Der Tod als solcher bezahlt
die Zeche nicht; er zerreisst die unbezahlten Rechnungen nur und wirft sie den
Gläubigern vor die Füsse. Aber der Tod für die Freiheit, ja - der bezahlt sie.
    Er ergriff Oswalds Hand, sich scheu umsehend, wie um sich zu vergewissern,
dass ihn Niemand höre:
    Ich fürchte mich vor dem Leben, Oswald. Eine schauerliche Zufluchtsstätte
ist der Tod, aus dem man wieder erwachen kann. Der Tod des Selbstmörders ist
nach meiner Philosophie solch ein Tod; wäre er das nicht, so hätte ich mir schon
längst das Leben genommen. Denn sterben, um vor sich selbst zu fliehen, ist
leichter, als für Andere zu leben. Ich habe es jetzt erfahren. Ich habe aus dem
Kelch des Menschensohnes, der sich zu den Zöllnern und Sündern setzt, getrunken;
aber der Trank ist grauenhaft bitter, Oswald! Im Anfang hatte ich noch Mut und
Kraft; aber jetzt, nachdem ich dies Leben kaum ein halbes Jahr geführt, ist mein
Mut geschwunden und meine Kraft gebrochen. Meine Nerven ertragen es nicht mehr.
Darum habe ich diesen Tag, an dem das Volk sich endlich emporgerafft hat aus
seiner schmachvollen Apatie, mit namenlosem Jubel begrüsst. Wenn ich für mein
Volk sterben kann heute, wo ich es zum ersten Male seit einem Menschenalter
nicht verächtlich finde - so ist dies ein Glück, wie ich es so gross und schön
nimmermehr gehofft habe. Und dann, fuhr er nach einer Pause fort, ist mir heute
auch noch viel anderes Glück beschieden. Ich habe meinen ältesten und am meisten
gehassten Feind und meinen jüngsten und am meisten geliebten Freund
wiedergefunden.
    Er drückte Oswalds Hand, der lächelnd sprach:
    Den ältesten Feind wiedergefunden? das nennen Sie ein Glück?
    Berger erzählte Oswald mit wenigen Worten seine Begegnung mit dem Grafen
Malikowsky heute Morgen, und dass Schmenckel, der mit ihnen gewaltig an der
Barricade gearbeitet, der Vater des Fürsten Waldernberg sei. Der Proletarier
eines Fürsten Vater, der Fürst eines Proletariers Sohn - das gäbe einen hübschen
Stoff zu einem modernen Romane, sagte er mit düsterem Lächeln.
    Vielleicht kann ich Ihnen ein Pendant zu Ihrer Geschichte geben, erwiederte
Oswald; und er teilte Berger die Entdeckungen mit, die er vor wenigen Stunden
in Betreff seiner Geburt gemacht hatte.
    Das ist wunderbar, sagte Berger: sehr wunderbar. Und sagtest Du mir nicht,
dass Du Helene geliebt hast?
    Mehr als mein Leben.
    Und hast die Welt und ihre Herrlichkeit doch von Dir gewiesen, um treu zu
bleiben Deiner alten Fahne?
    Oswald schüttelte den Kopf.
    Nein, Berger, sagte er; ich bin nicht so gut und so gross, wie Sie in Ihrer
Güte und Grösse glauben. Sie konnte nie die meine werden. Es war zu viel
geschehen, das sich nie vergibt und noch weniger vergisst. Ich hatte ihr eine
Andere vorgezogen und sie mir einen Andern. Eben jener Fürst Waldernberg war ihr
Verlobter.
    Ist er es denn nicht mehr?
    Nein. Ich fand sie im Begriff, die Stadt zu verlassen. Sie hat sich noch in
der zwölften Stunde darauf besonnen, dass sie ein Herz im Busen trägt, dessen
Sehnen aller Reichtum der Welt nicht stillen könnte.
    Wunderbar, wunderbar! murmelte Berger, Ihr Beide, der Baronensohn, der sich
zu den Proletariern hält, der Proletariersohn, der unter den Fürsten sitzt,
Nebenbuhler um die Gunst derselben Dame! und sie Dich verschmähend, weil sie von
Deiner noblen Abkunft keine Ahnung hat, und den Fürsten wählend, weil sie
glaubt, dass in seinen Adern dasselbe Blut rollt, auf das er so stolz ist.
Schade, schade, dass dies die Welt nicht weiss und wissen darf. Sie würden dann
vielleicht dahinter kommen, was es mit dem Unterschiede von adeligem und
bürgerlichem Blut auf sich hat!
    Sie scheinen es mit diesem Unterschied jetzt allerdings nicht mehr so genau
wie früher zu nehmen; ich erinnere mich einer Zeit, wo Sie es für eine
moralische Unmöglichkeit erklärten, der Freund eines Adligen zu sein.
    Du spielst auf meine Freundschaft zu Oldenburg an, sagte Berger ruhig. Ich
sage Dir, Oswald, wenn es je einen Menschen gibt, der es verdiente, dass man ihn
liebt und ehrt, so ist es Oldenburg. Wenn ich mich je vor einem Menschen
demütigen und meinen Herrn und Meister in ihm erkennen könnte, so wäre es
wiederum Oldenburg. Ich weiss, dass Du ihm grollst, weil die Frau, die Du
verlassen hast, in ihm schliesslich ihre Welt fand. Das ist nicht recht, Oswald!
Oldenburg hat stets mit Freundschaft von Dir gesprochen. Es wäre mir sehr lieb,
Oswald, wenn ich Euch versöhnt wüsste, bevor ich von Euch auf immer scheide.
    Erst kommt die Reihe an mich, sagte Oswald; wissen Sie, Berger, was Sie in
Grünwald sagten? Du wirst vor mir sterben, sagten Sie, die grosse Schlange hat
ein zähes Leben, und Du bist weich, viel zu weich für diese harte Welt.
    Das war damals. Dies letzte Jahr hat die grosse Schlange alt und stumpf
gemacht. Doch, was ist das?
    Ein Lärm, der aus einer Kellerkneipe, deren Treppe nicht weit von ihnen
mündete, herauftönte, machte die beiden Männer von ihren Sitzen auffahren. Sie
ergriffen ihre Waffen und eilten, gefolgt von anderen Männern, die mit ihnen die
Barricade besetzt hielten, dem Keller zu, wo jetzt rasch hinter einander mehrere
Schüsse fielen. Es waren dies dieselben Schüsse, die auch Oldenburg aus seiner
momentanen Ruhe auf der Barricade in der Langen Strasse emporgeschreckt hatten.
 
                              Fünfzigstes Capitel
Albert Timm war nach dem heftigen Wortwechsel mit Oswald stehen geblieben und
hatte dem Enteilenden mit einem so grellen Lachen, dass die Vorübergehenden ihn
verwundert anschauten, nachgeblickt; dann war er in einer andern Richtung
davongeeilt, heftige Worte vor sich hinmurmelnd, mit den Zähnen knirschend und
die Fäuste ballend. Albert Timm war wütend, und er hatte Ursache dazu. Seine
Lage war eine verzweifelte. Die Schulden, die er in Grünwald und anderswo
hinterlassen hatte, drückten ihn nicht besonders; aber auch mit der geringen
Barschaft, die er mit nach der Residenz genommen, war er schon seit mehreren
Tagen zu Ende, und wenn selbst das nicht so viel sagen wollte, so waren doch all
die herrlichen Aussichten auf eine glänzende Zukunft, wie sie ihm seine lebhafte
Phantasie vorgegaukelt hatte, zerstoben wie bunte Seifenblasen.
    So hatte er, sich und die ganze Welt verfluchend, schon mehrere Strassen
zurückgelegt und kam jetzt in Quartiere, wo die Revolution schon ihre Fahne
erhoben hatte. Er freute sich dessen, nicht weil er irgendwelche Sympatien für
die Sache des Volks und der Freiheit gehabt hätte, sondern aus dem instinctiven
Bewusstsein, dass er, der Abenteurer, der Heimatlose, in einer Zeit der Verwirrung
und des Umsturzes zwar nichts verlieren, möglicherweise aber viel gewinnen
könnte. Das gab ihm seine ganze Elasticität wieder; er schrie lustig Hurrah mit
der Menge, stimmte aus voller Kehle in den Ruf: Zu den Waffen! auf die
Barricaden! ein und hatte ordentlich seine Freude daran, als der Lärmen und
Tumult, je weiter er nach dem Dustern Keller - dem Ziel seines Weges - kam, in
rascher Progression wuchs. So gelangte er in die Lange Strasse, gerade in dem
Augenblicke, als auch Oswald und Berger von einer andern Seite dort eintrafen.
Er bemerkte die Beiden wohl, auch Herrn Schmenckel, der, halb Berger suchend,
halb sich von dem Strome der Revolution treiben lassend, ebenfalls bis hierher
gekommen war. Durchaus nicht gewillt, sich vor seinen beiden Feinden sehen zu
lassen, drückte er sich auf die Seite und wollte eben in die Gertrudengasse
hineinbiegen, als er sich von Jemand am Rockschoss festgehalten fühlte. Als er
sich umsah, erblickte er seinen Freund und Gönner, Ehren Jeremias Guterz.
    Nun, wie ist's abgelaufen? fragte der geheime Polizist, der mittlerweile
Timms Freundschaft sich erworben und in die Intriguen desselben vollkommen
eingeweit war.
    Alles vergebens! erwiederte Timm ärgerlich, Mühe und Arbeit umsonst, ganz
umsonst! Ich könnte die beiden Schufte - er deutete auf Oswald und Schmenckel -
- in der Hölle braten lassen.
    So, so! sagte der Mann; das müsst Ihr mir in Ruhe erzählen. Kommt mit zu
Rosalien; aber erst wollen wir doch noch hören, was der verrückte Professor dort
zu sagen hat.
    Kennt Ihr den? fragte Timm.
    Still! wir kennen ihn! - belogenes Volk - sehr gut! - zu den Waffen -
ausgezeichnet! warte! Dich wollen wir kriegen! Und da kommt ja auch noch der
lange pommersche Baron, der in den Volksversammlungen so aufrührerische Reden
führt - da haben wir ja das ganze Nest zusammen! - Barricaden bauen - bravo!
Hurrah! alle Mann an die Barricade, hurrah! schrie der Polizist und schwenkte
seinen Hut in vortrefflich gespielter Begeisterung. Dann griff er Timm beim Arm
und sagte: Nun wollen wir machen, dass wir wegkommen, sonst bauen uns die Kerle
noch mit in die Barricade hinein.
    Die beiden Spiessgesellen drückten sich in die Gertrudengasse und
verschwanden im Dustern Keller.
    Frau Rosalie Pape empfing sie mit ungewöhnlicher Herzlichkeit:
    Nun, Ihr Schäfchen, kommt Ihr mit vollem Beutel? hat's gefleckt, he?
    Ein ander Mal! sagte der Geheime, jetzt schaff' uns Bier, wir müssen bald
weiter.
    Ohne mir gesagt zu haben, wie's steht mit -; sagte die Frau entrüstet und
machte mit Daumen und Zeigefinger die Bewegung des Geldzählens.
    Herr Timm zuckte statt der Antwort mit den Achseln und zog die beiden leeren
Taschen seines Beinkleides heraus.
    Frau Pape war eine cholerische Natur, und das Fehlschlagen so grosser
Hoffnungen erfüllte sie mit einer Entrüstung, die sich in einer Flut von
Schimpfwörtern Luft machte.
    In diesem Augenblick ertönten die Salven von dem Sturm auf die Barricade in
der Langen Strasse. Und fast unmittelbar darauf erschallte grosser Lärm vor den
Kellerfenstern. Man begann die Barricade zu bauen, welche die Gertrudengasse
sperren sollte. Der geheime Polizist und Timm, die durch eines der Fenster
verstohlen herausschauten, sahen Oswald, Berger, Schmenckel und andere Männer
bei der Arbeit. Sie retirirten, gefolgt von der Wirtin, tiefer in den Keller
hinein.
    Das sieht reizend aus! sagte der Polizist, wir sind von allen Seiten
eingeschlossen, und wenn sie uns hier finden, schlagen uns die Schufte wo
möglich todt.
    So schlimm steht es noch nicht, sagte das Weib, ich will Euch glücklich
hinausbringen. Kommt nur mit!
    Sie führte die Beiden aus dem letzten Zimmer durch eine Tür ein paar Stufen
hinab in einen noch tieferen Keller, der als Vorratsraum diente. An der Mauer
brannte ein Gasflämmchen. Das Weib drehte die Glasflamme höher.
    So! sagte sie, nun geht durch die Tür! - sie deutete auf eine eiserne Tür
der Wand gegenüber; Ihr kommt dann auf einen langen schmalen Hof; auf dem haltet
Euch links; so kommt Ihr durch das Haus von meinem Bauer auf die
Schwesternstrasse. Adieu!
    Ist sie immer offen? fragte Timm, als er fand, dass die eiserne Tür nicht
verschlossen war.
    Nur heute, erwiederte Röschen, wir müssen noch mehr Bier herein haben. Die
Kerle sind ja wie die Schwämme.
    Als die Beiden durch die eiserne Tür auf den Hof des Nachbarhauses, von
diesem in das Haus und so schliesslich oberhalb der Barricade auf die
Schwesternstrasse, die an diesem Teil schon von Militair besetzt war, gelangt
waren, blieben sie stehen und blickten sich an. Ein und derselbe Gedanke schoss
Beiden durch den Kopf.
    Das wäre eine famose Mausefalle, sagte Albert.
    Wenn Ihr dabei helfen wollt, erwiederte der Geheime, so habt Ihr bei dem
Präsidenten gewonnen Spiel. Wir brauchen solche Leute wie Ihr. Ich habe schon
auf alle Fälle über Euch mit dem Alten gesprochen.
    Und Rache an den verdammten Schuften hätten wir obenein.
    Die Sache ist freilich nicht ohne Gefahr, meinte der Andere.
    Wer nicht wagt, nicht gewinnt, sagte Timm; der Gedanke, meine Freunde auf
eine so angenehme Weise zu überraschen ist zu spasshaft. Wenn Ihr nicht von der
Partie sein wollt, tu' ich es allein.
    Nun denn, kommt, sagte der Polizist, wollen sehen, ob die Herren vom
Militair darauf eingehen.
    Und die Beiden schritten geradenwegs auf den Oberst zu, der wütend über den
hartnäckigen Widerstand der Barricaden in der Langen- und Schwesternstrasse, die
er zu nehmen commandirt war, umgeben von seinen Officieren, in einiger
Entfernung hielt.
    Als Frau Rosalie, nachdem sie ihren Freunden fortgeholfen, in das
Schenklokal zurückgelangte, fand sie Herrn Schmenckel mit zehn oder zwölf andern
Barricadenmännern, die sich hier nach den Strapazen gütlich tun wollten. Es
waren meistens alte Kunden des Dustern Kellers, dieselben haarbuschigen
Gesellen, die schon so manche Nacht vorher hier die Köpfe zusammengesteckt und
auf die »verrotteten Zustände, die schändliche Polizeiwirtschaft, die
vertierte Soldateska« geschimpft hatten. Herr Schmenckel hatte immer in hohem
Ansehen bei diesen Leuten gestanden; jetzt, wo man gesehen, dass er nicht bloss
freimütig reden, sondern auch mutig handeln konnte, war er der gefeierte Held
des Tages.
    Unter diesen Umständen hielt Rosalie es für geratener, die Ausführung ihrer
Rache lieber noch etwas aufzuschieben und die Bedienung der Barricadenmänner dem
hübschen Elischen zu überlassen, während sie selbst sich an das Comptoir setzte.
    Das hübsche Elischen wollte Herrn Schmenckel ganz besonders wohl. Sie hatte
vorhin einen Teil des Gesprächs zwischen der Wirtin, Timm und Guterz mit
angehört, und es war ihr sehr verdächtig vorgekommen, dass sich die Beiden durch
die Hintertür entfernt. Elischen glaubte ihrem Liebling von dem Geschehenen
Mitteilung machen zu müssen, und wäre es auch nur gewesen, um Herrn Schmenckel
zu beweisen - was sie schon hundertmal behauptet - dass Frau Rosalie eine falsche
Katze sei. Schmenckel verkannte keinen Augenblick die Wichtigkeit von Elischen
Mitteilungen. Wenn es im Keller eine Hintertür gab, durch die man in die
Schwesternstrasse gelangen konnte, und Timm und Guterz, dem Schmenckel gar nicht
traute, diese Tür kannten, so war es jedenfalls sehr rätlich, nachzusehen - ob
diese Tür auch wohl verschlossen sei.
    Schmenckel liess Elischen von seinem Schoss auf den Boden gleiten und
erzählte den Männern am Tisch, was er so eben gehört. Alle waren seiner Meinung,
dass unverzüglich eine Recognoscirung nach dieser Seite vorgenommen werden müsste.
In dem Augenblick, als die Männer ihre Waffen ergriffen und sich nach der Tür
wandten, die in den von dem Mädchen bezeichneten Lagerkeller führte, wurde
dieselbe von der andern Seite aufgestossen und ein Haufe Soldaten stürzte herein,
zwischen ihnen Albert Timm und der Geheime.
    Das so plötzliche Erscheinen der blanken Helme und Gewehre und die Schüsse,
welche die Soldaten, glücklicherweise ohne zu treffen, abfeuerten, erfüllten
Einige der Barricadenmänner mit einem so panischen Schrecken, dass sie Hals über
Kopf die Kellertreppe hinauf auf die Strasse stürzten. Hier begegneten ihnen
Berger und Oswald, die durch die Schüsse herbeigerufen waren, und nun Schmenckel
zu Hülfe eilten, der bis jetzt ganz allein gegen die Uebermacht kämpfte.
    Schmenckel hatte einem der Soldaten das Gewehr, das jener so eben erfolglos
auf ihn abgefeuert hatte, entrissen, und mit dem Kolben, und, als dieser
abgesprungen war, mit dem eisernen Lauf so mächtig auf die Eingedrungenen
losgeschlagen, dass bereits zwei oder drei kampfunfähig am Boden lagen und die
Andern in vollem Entsetzen zur Tür wieder hinausretirirten. Dort aber trafen
sie auf ihre nachfolgenden Kameraden, und so entstand eine fürchterliche
Verwirrung, die grauenhaft wurde, als Oswald, Berger, Schmenckel und die andern
Männer, die sich von ihrer Ueberraschung erholt hatten, in den Lagerkeller
drangen, der nun der Schauplatz eines überaus grimmigen Kampfes wurde.
    Die Angreifer waren in diesem Augenblick vielleicht um die Hälfte stärker
als ihre Gegner, und dazu waren sie viel besser bewaffnet; aber diese Vorteile
wurden durch die ungestüme Tapferkeit Bergers und Oswalds und vor allem durch
Schmenckels Riesenkraft reichlich aufgewogen. Der gewaltige Mann schwang
unermüdlich seine fürchterliche Waffe, und kein Streich fiel vergeblich auf die
Köpfe der unglücklichen Soldaten. So mähte er sich bis zu der Tür durch, die
auf den Hof führte, und zu der jetzt einige der im Keller befindlichen, von
Entsetzen erfassten Soldaten hinauswollten, während immer neue von jener Seite
nachdrangen. Und nun hatte er dies Ziel erreicht. Mit den unwiderstehlichen
Händen ein paar der zwischen Tür und Angel Eingekeilten am Genick packend und
sie in den Keller hinreissend, schlug er die schwere eiserne Tür zu, schob den
gewaltigen Riegel davor, lehnte sich mit seinem breiten Rücken dagegen, und
rief, während er seinen Flintenlauf im Wirbel schwang:
    Nun haben wir sie beisammen, Professor! Hinaus und herein kommt keiner mehr.
Dafür lassen's nur den Caspar sorgen.
    Das Grausige dieser entsetzlichen Scene, wo in einem engen, dumpfigen, kaum
erhellten, unterirdischen Raume Menschen wie wilde Tiere gegen einander
wüteten, hatte jetzt seinen höchsten Grad erreicht. Die Angreifer wehrten sich
wie Verzweifelte; aber da ihnen die donnernden Kolbenstösse ihrer Kameraden gegen
die eiserne Tür keine Hülfe gewährten, so war der endliche Ausgang des Kampfes
nicht zweifelhaft. Doch hätte das Gemetzel noch lange dauern können, wenn jetzt
nicht Oldenburg mit einem Teil seiner Mannschaft von der Barricade in dem
Keller erschienen wäre und gedroht hätte, jeden Soldaten, der nicht sofort die
Waffen strecken würde, augenblicklich über die Klinge springen zu lassen. Die
Soldaten, welche keine Aussicht auf Rettung mehr hatten, ergaben sich, und
stiegen einer nach dem andern aus dem tieferen Keller in das Lokal, wo sie
sofort entwaffnet wurden. Die armen Menschen gewährten einen jämmerlichen
Anblick. Es war kaum Einer unter ihnen, der nicht mehrere Wunden davon getragen
hätte. Ihre schmucken Uniformen zerfetzt, atemlos, bleich vor Schrecken und
Ermattung, mit Staub und Schmutz und Blut besudelt - so standen sie da - umringt
von den Barricadenmännern, unter denen ebenfalls keiner war, der nicht ähnliche
Spuren des Kampfes an sich getragen hätte. Aber noch barg der Keller
Fürchterlicheres. Als man mehr Licht herbeigeschaft hatte, entdeckte man, dass
zwei Körper regungslos in ihrem Blute lagen, ein Soldat und ein Civilist. Der
Soldat hatte sich auf seiner wilden Flucht das Bajonnett seines eigenen Gewehrs
durch die Brust gerannt und war wohl augenblicklich todt gewesen; dem Civilisten
hatte ein fürchterlicher Hieb den Schädel zerschmettert; er röchelte noch, als
man ihn die Treppe hinauftrug, verschied aber nach wenigen Augenblicken. Man
glaubte anfangs, es sei einer der Barricadenmänner, aber es kannte ihn Niemand.
Auch Oswald trat an den Tisch, auf dem der Todte lag, und als er einen
Augenblick prüfend in das entstellte Antlitz geschaut hatte, sah er zu seinem
Entsetzen, dass die starre blutende Masse Niemand anders war, als der König aller
lustigen Gesellen, der unerschöpfliche Spassvogel und Lustigmacher - sein buon
compagno so mancher durchschwärmten Nacht, derselbe Mann, von dem er sich vor
wenigen Stunden in Hader und Streit getrennt hatte - Albert Timm.
 
                           Einundfünfzigstes Capitel
Eine Stunde später war in dem Kampf an der Barricade der Langen Strasse eine
Pause eingetreten. Das Linienregiment, welches nun schon fünfmal vergeblich
gestürmt, war durch einige Bataillone Garde verstärkt worden, die bis jetzt in
der Fürstenstrasse gekämpft und schon mehrere Barricaden genommen hatten. Die
Taktik dieser Truppen bestand darin, dass sie nicht in ganzen Colonnen, sondern
in aufgelösten Schützenzügen rechts und links an den Häusern der Strasse so
gedeckt wie möglich vorgingen, um sich dicht vor der Barricade zu einer
Sturmcolonne zu vereinigen. Aber wenn so ihre Verluste weniger bedeutend waren,
konnten sie sich doch auch keiner bessern Erfolge rühmen. Die Belagerten sparten
ihr Feuer so systematisch und gaben in dem rechten Augenblicke ihre Salven, die
noch dazu seit der letzten Stunde viel kräftiger geworden waren, so kaltblütig
ab, dass ihre Position geradezu uneinnehmbar schien. Wirklich hatte seit einigen
Minuten das Feuern von Seiten des Militairs aufgehört, und die Barricadenmänner
konnten sich ein wenig von ihrer blutigen Arbeit verschnaufen.
    Es tat ihnen wahrlich Not. Zum grösseren Teil auf das Äusserste erschöpft,
pulvergeschwärzt, fast Alle leichter oder schwerer verwundet, sassen und lagen
sie einzeln und in Gruppen umher, wunderlich beleuchtet von dem roten Lichte
der Wachtfeuer, welche man mitten auf der Strasse entzündet hatte, dem weissen
Schein der Kerzen in den Fenstern und den milden Strahlen des Vollmondes, der
noch immer gross und still oben in den blauen Aeter schwamm. Zwischen den
Gruppen der Kämpfer sah man Frauen und Mädchen, die ihnen aus den Küchen der
Nachbarhäuser Lebensmittel zutrugen. Auch an Wein und Bier fehlte es nicht, und
hier und da hatten die Leute des Guten zu viel getan. Aus einer oder der andern
Gruppe erschallte von Zeit zu Zeit rohes Jauchzen, Johlen und Schreien, das aber
meistens bald einer Stille Platz machte, die nach solchem Ausbruch doppelt
unheimlich war.
    Auf einer der Barricade eingefügten Tonne sass Oldenburg. Er liess die langen
Beine herabhangen und blies mächtige Dampfwolken aus seiner Cigarre. Er
zweifelte keinen Augenblick daran, dass, wenn die Barricade übergehen sollte, er
an der Spitze der Männer, die er in den Kampf geführt, fallen würde; aber daran
dachte er am wenigsten. Der Tod für die Sache der Freiheit war ihm nicht
fürchterlich, ja er glaubte etwas wie eine leise Todessehnsucht in seinem Herzen
zu verspüren. Schien doch die süsse, fest gehegte Hoffnung, Melitta bald die
Seine nennen zu dürfen, seit den letzten Tagen weiter als je hinausgerückt. Er
konnte sie nicht tadeln, dass die Erinnerung ihres Verhältnisses mit Oswald wie
ein Alp auf ihrer Seele lastete, und es ihr unmöglich machte, die Augen mutig
zu dem besseren und treueren Manne aufzuschlagen; aber gerade weil er das
Gefühl, das sie trennte, ehren musste, stand er ratlos und hoffnungslos da. Er
hatte sich oft das Wort wiederholt, das Melitta, wenn sie ihn traurig sah, so
rührend zu sprechen wusste, das Wort Geduld! - aber vergebens er verzehrte sich
in der Ungeduld, für sein Glück nichts tun zu können, als müssig die Hände in
den Schoss zu legen und auf ein unbestimmtes Etwas mit gläubiger Seele zu
harren.
    Da brach die Revolution aus, und Oldenburg atmete auf, wie Tausende mit
ihm. Hatte doch Jeder eine unerträgliche Last getragen, die er jetzt loszuwerden
hoffte! Es war Oldenburg lieb, dass Melitta nicht zugegen war. Er hatte ihr
gleich beim Beginn des Barricadenbaues durch den alten Baumann Kunde sagen
lassen, und dass er sie dringend bitte, an dem sichern Orte, wo sie sei, zu
bleiben. Er dachte bei sich, als er den alten Mann entsandte: wir sehen uns
entweder nie oder glücklicher als vorher wieder; jetzt müsste nur noch Oswald da
sein und an meiner Seite für die Freiheit und Melitta kämpfen. Der Ausgang
sollte mir ein Gottesurteil sein und Melitta dem Ueberlebenden den Kranz des
Siegers reichen.
    Und sein Wunsch ging in Erfüllung. Seit einer Stunde kämpfte Oswald an
seiner Seite, kämpfte, wie Jemand, dem der Tod lieber ist, als das Leben. Wo es
eine unter den feindlichen Kugeln schadhaft gewordene Stelle der Barricade
auszubessern, oder sonst etwas Gefährliches zu tun gab, da war Oswald sicher zu
finden, und da Oldenburg gerade die bedenklichsten Posten für sich selbst in
Anspruch nahm, so kamen sie sehr oft dicht nebeneinander zu stehen. Aber sobald
die Gefahr vorüber, zog sich Oswald sofort zurück, und Oldenburg folgte ihm
nicht, da die Absicht, ihm auszuweichen, zu augenscheinlich war. Und doch
drängte es den edlen Mann, in dieser Stunde, die vielleicht für Beide die letzte
werden konnte, dem ehemaligen Freunde zu sagen, dass sie, was auch geschehen war,
vergessen und sich die Hände reichen wollten, die so tapfer für eine grosse und
gute Sache zu streiten wussten.
    Seine Blicke hafteten jetzt auf Oswald, der in einiger Entfernung von ihm,
die Büchse in der Hand, mit Berger neben einem der Wachtfeuer stand. In der
wechselnden Beleuchtung traten die Gestalten bald in ein helles Licht, bald flog
ein schwarzer Schatten über sie hin. Das gab ihnen etwas Seltsames,
Ueberirdisches. Oldenburg musste an die Schemen denken, die an den Ufern des
Acheron dem Fährmann winken.
    Er erhob sich und trat auf die Beiden zu.
    Nun, Ihr Herren, sagte er, werden wir uns dieser Ruhe lange erfreuen?
    Ich glaube nicht, erwiederte Oswald; sie haben sich entweder nur momentan
verschossen, oder sie ziehen noch Verstärkungen heran.
    Das Letztere ist wohl das Wahrscheinlichere. Was meinen Sie, Berger?
    Berger hatte, die Arme über der Brust gekreuzt und mit den grossen Augen
unverwandt in die Flamme sehend, dagestanden. Plötzlich streckte er die Hände
vor sich hin und sagte in einem hohlen geisterhaften Ton:
    Horch! sie kommen! Die Erde zittert unter ihnen. Wie sie die Gäule
peitschen, die es müde sind, immer neue Gewaltsmittel gegen das arme Volk
herbeizuschleppen! Da springen sie herab. Und nun stopft nur die ehernen
Schlünde voll bis zum Bersten, wir wollen -
    Berger! sagte Oldenburg, ihm die Hand auf den Arm legend.
    Berger zuckte zusammen, wie Jemand, der jäh aus einem tiefen Traume geweckt
wird. Er blickte verstört umher.
    Was gibt's? fragte er, Oldenburg anstarrend.
    Sie sind durch die übermässigen Anstrengungen erschöpft, Berger, legen Sie
sich eine Stunde hin. Ich will Sie rufen lassen, wenn es Not tut.
    Erschöpft, sagte Berger, indem er wieder in seinen träumerischen Zustand
zurückfiel; ja wohl erschöpft, bis zum Tode erschöpft; aber deshalb genügt auch
eine Stunde nicht. Wenn ich schlafen soll, so sei es wenigstens den ewigen
Schlaf!
    In diesem Augenblick trat Schmenckel, der die Wache auf der Barricade gehabt
hatte, an die Gruppe heran und sagte:
    Es ist halt etwas Besonderes im Werk; ich glaube es geht jetzt mit Kanonen
los.
    Berger fuhr in die Höhe.
    Sagte ich es nicht? rief er, die Stunde der Entscheidung naht. Auf, auf, Ihr
wackern Männer, allesammt! Noch einen lustigen Tanz mit den schlangenhaarigen
Furien des Lebens und dann zur ewigen Ruh' in die kühle Todesnacht. Auf! auf!
    Bei diesem Ruf sprangen Einige der Kämpfer empor von ihren Lagerstellen am
Feuer, griffen zu den Waffen und eilten Berger nach an ihre Posten. Andere
blieben liegen und lachten über den tollen Alten und den blinden Lärm. Aber auch
sie waren rasch genug auf den Beinen, als jetzt ein Schlag, der die Häuser in
ihren Grundvesten erbeben machte, losschmetterte und Kartätschenkugeln in die
Barricade gegen die Häuserwände prasselten.
    Jetzt wird es Ernst, sagte Oldenburg, sich zu Oswald wendend. Aber der
Platz, wo Oswald gestanden hatte, war leer.
    Er weicht mir aus, sprach Oldenburg traurig; und doch, mein Gewissen ist
rein; ich habe mir nichts gegen ihn vorzuwerfen.
    Er eilte nach der Barricade, wo jetzt die Anwesenheit des Hauptmanns
nötiger war als je.
    Zu der einen Kanone, die den Reigen eröffnete, hatten sich noch drei andere
gesellt, und beinahe ununterbrochen krachte der Donner und rasselte der eiserne
Hagel gegen die Barricade. Es war kein Zweifel: man wollte Bresche legen und
dann den Sturm mit voraussichtlich besserem Erfolge wiederholen. Oldenburg, der
das Leben der Leute nicht unnütz auf's Spiel setzen wollte, hatte Befehl
gegeben, so gedeckt wie nur möglich sich aufzustellen und das Feuer der
Belagerer nicht zu erwidern, sondern jeden Schuss bis zu dem Augenblick des
Sturmes aufzusparen. Ausserdem hatte er die Steinschleuderer auf den Dächern um
das Doppelte verstärkt. Zuletzt wählte er die Männer, die sich bisher am
mutigsten gezeigt hatten, zu einem Elitecorps aus, das sich dem stürmenden
Feinde blindlings entgegenwerfen und kämpfen sollte, bis die Anderen Zeit gehabt
hätten, sich hinter die Barricaden der Nebenstrasse zu retten.
    Oldenburg hatte kaum diese Anordnungen getroffen, als die Batterie mit noch
fürchterlicherer Gewalt zu arbeiten begann und dann plötzlich verstummte.
    Einen Augenblick tiefe Stille,
    Tiefe Stille, und dann der eherne Klang von zwanzig Trommeln, die den
Sturmmarsch schlagen. Und mit jedem Schlage rückt die Colonne näher heran - eine
lebendige Mauer, scheinbar unaufhaltsam in ihrem Andrang.
    Kein Laut erschallt auf der Barricade. Oben auf den Dächern stehen die
Männer und Knaben, die schweren Steine in den Händen; in den Fenstern der
Häuser, an den Schiessscharten der Barricade selbst lauern die Schützen, die
Büchse halb zur Wange schon erhoben.
    Und mit dem Tacte der Trommeln rückt die lebendige Mauer heran. Deutlich
schon sieht man die schmucken Gardeuniformen; man sieht die bartlosen Gesichter
der Leute und das schwarze, finstere, bärtige Antlitz des riesigen Officiers,
der voranschreitet. Und jetzt ruft der Officier ein Commando, das die Trommeln
verschlingen, und wie er mit dem blitzenden Degen winkt, rufen die Soldaten:
Hurrah! hurrah! hurrah! und stürzen eilenden Laufs heran. Aber ehe sie die
Barricade erreichen, krachen zwanzig Feuerschlünde, schmettern Hunderte von
Steinen in die lebendige Mauer und sie schwankt und wankt wie eine Meereswoge,
die mit vorüberhängendem Kamm gegen den Felsenstrand heranschäumt.
    Doch rollt sie weiter und jetzt prallt sie gegen die Barricade. Der Officier
reisst mit seinen Händen grosse Stücke heraus. Nichts scheint seiner Riesenstärke
widerstehen zu können. Da springt ihm ein Mann im Sammtrock, der als Waffe den
Lauf eines Gewehrs schwingt, von dem der Kolben abgebrochen ist, entgegen. Als
der Officier den Mann erblickt, taumelt er wie vom Blitz getroffen zurück. Das
bringt seine Leute in Verwirrung und hemmt für einen Moment ihr Anstürmen.
    Die Barricadenmänner benutzen diese Pause und geben eine volle Salve. Der
Officier fällt mit dem Gesicht vornüber todt zur Erde; mit ihm stürzt ein halbes
Dutzend seiner Leute mehr oder weniger schwer verwundet. Ein fürchterlicher
Schrecken bemächtigt sich der Soldaten. Vergebens suchen die Officiere sie in
den Kampf zu treiben.
    Die Barricade ist abermals gerettet; man schreit einmal über das andere
Hurrah, man umarmt sich mit Tränen der Freude in den Augen. Aber der Sieg ist
teuer erkauft. Während ein Teil der Besatzung die halb zerstörte Barricade
wieder aufbaut, ist der andere Teil mit den Verwundeten und Todten beschäftigt.
Der im Sammtrock trägt den Leichnam eines Mannes herbei, welcher in der ersten
Reihe wie ein Held gefochten hat, und von den feindlichen Bajonneten durchbohrt,
an ihrer Seite gefallen ist.
    Oldenburg eilte herbei, ihnen zu helfen.
    Ist er todt?
    Ja.
    Sie legen ihn neben einem der Feuer hin auf die Erde. Das bleiche Antlitz
ist so still, so voll Frieden, und um die blassen Lippen schwebt ein sanftes,
seliges Lächeln.
    Oldenburg schaut zu Oswald herüber, der an der andern Seite neben der Leiche
kniet. Er erschrickt. Das Antlitz des jungen Mannes ist eben so bleich, wie des
Todten Antlitz, und seine Augen stieren wie im Wahnsinn.
    Mein Gott, Oswald, Sie sind verwundet?
    Ich fürchte, ja, erwiedert Oswald und sinkt neben Bergers Leiche zusammen.
 
                           Zweiundfünfzigstes Capitel
Seit der Nacht der Barricaden ist die Sonne zweimal aufgegangen. Ein
wunderlieblicher Frühlingstag blaut über der ungeheuren Stadt. Von dem lichten
Himmel heben sich scharf die prächtigen Paläste ab, deren gewaltige Säulen und
reichgeschmückte Friese in der goldenen Morgensonne gebadet sind. Und in der
goldenen Morgensonne baden sich auch Tausende und aber Tausende glücklicher
Menschen, die in unabsehbaren festlichen Schaaren die Stadt durchwallen.
    Armes Volk! sprach Oldenburg bei sich, während er hinabschaute auf die
wogenden Menschen; armes, wundersüchtiges Volk! Als ob alle Heiligen des
Kalenders die helfen könnten, wenn du dir nicht selbst hilfst! Als ob die Sünden
eines Menschenalters in einer Nacht gesühnt, als ob ein todtkranker Staat an
einem Tage gesunden könnte! Du willst schon vergeben und vergessen, Denen, die
dir noch niemals, niemals etwas vergeben und was du, nach ihrem Sinn, an ihnen
gesündigt, niemals vergessen haben; niemals vergessen werden; noch tragen deine
Häuser die Spuren des brudermörderischen Kampfes, noch sind die Dächer, deren
Steine du in deiner Verzweiflung auf die Köpfe deiner Feinde hinabschleudertest,
abgedeckt; noch ist das Pflaster nicht wieder eingefügt, das du aufrissest, dir
einen Wall zu schaffen gegen frechen Übermut; noch sind die Todten nicht
begraben, die ihr Blut für dich vergossen, - noch harren auf ihrem
Schmerzenslager zum Tode Verwundete der Stunde der Erlösung!
    Das Hotel beherbergte zwei dieser Opfer.
    Unten, ein paar Fuss von der Strasse, auf welcher die fröhlichen Menschen
vorüber wimmelten über die Stelle, wo vorgestern Nacht die Barricade ragte, lag
in einem Sarge ein bleicher Mann, von dessen Wangen ein grauer Bart weit auf die
breite Brust herabfloss über eine tiefe Wunde, der vorgestern Nacht das Blut des
edelsten Herzens entströmt war.
    Und hier in diesem selben Zimmer lag auf seinem Leidenslager hingestreckt
ein junger Mann, der an der Seite des grauen Schwärmers tödtlich verwundet
wurde, und dessen üppige Jugendkraft bis zu dieser Stunde unter unsäglichen
Qualen mit dem unbarmherzigen Tode gekämpft hatte.
    Nach dem Sturm, bei welchem Berger fiel und Oswald die Todeswunde empfing,
hatte das Militair keinen neuen Angriff gemacht. Sei es, dass man die Position
wirklich für uneinnehmbar hielt, sei es, dass die schwankenden Gemüter, bei
denen die Entscheidung war, hemmend in die Operationen eingriffen, sei es, dass
der Tod des Fürsten Waldernberg, der mit einer an Raserei grenzenden Kühnheit
den letzten Angriff geleitet hatte und bei dem Sturm gefallen war, eine
Bestürzung in den Reihen der Soldaten verbreitete, die ihre Führer die
Erfolglosigkeit eines abermaligen Versuchs voraussehen liess - man hatte sich
begnügt, von Zeit zu Zeit durch eine Kartätschenladung die Barricadenmänner
aufzuschrecken; endlich war gegen fünf Uhr Morgens der letzte Schuss gefallen.
    Oldenburg hatte auf seinem Posten ausgehalten, bis er sich überzeugte, dass
in der Tat kein abermaliger Angriff zu befürchten stehe und das Militair Befehl
zum Rückzug erhalten habe. Dann erst hatte er Schmenckel, der als sein treuer
Knappe kaum von seiner Seite gewichen war, zu sich gerufen und sie hatten
zusammen die schon halb abgeräumte Barricade, als die letzten Aller, verlassen.
    Schmenckel hatte noch in der Nacht Oldenburg mit Tränen in den Wimpern
erzählt, dass der Officier, der vor ihren Augen gefallen, sein Sohn gewesen sei.
Oldenburg hatte den sehr verworrenen Bericht von des ehrlichen Caspars sehr
verworrenem Leben mit nicht geringem Erstaunen angehört, besonders die
Geschichte der letzten Tage - die Intriguen des unseligen Albert Timm, dessen
Leichnam in das Hospital getragen war, des schlauen Jeremias Guterz, der den
Ueberfall in dem »Dusteren Keller« geleitet und der der Erste gewesen war, der
sich aus dem Staube machte; die Conferenzen mit dem Grafen Malikowsky und der
Fürstin Letbus; und dass Timm ihm auch gesagt habe, auf welche Weise er aus
Oswald Stein alle Tage, die er wolle, einen Baron Grenwitz machen könne.
    Oldenburg kannte die Welt und besonders die vornehmen Regionen, in welche
Schmenckels Geschichten hineinspielten, zu genau, als dass er an der Möglichkeit,
ja Wahrscheinlichkeit solcher Vorkommnisse hätte zweifeln sollen.
    Wusste Oswald von seiner Abstammung? - doch das war ja am Ende so
gleichgiltig! Es war nicht anzunehmen, dass der Tod zwischen dem Sohne des Barons
Harald oder des Sprachlehrers Stein einen besonderen Unterschied machen würde,
und Oswald gehörte dem Tode.
    Eine Stunde nach seiner Verwundung war es entschieden. Um diese Zeit kam die
erste ärztliche Hülfe, deren sich die Barricade zu erfreuen hatte, in der Person
des Doctor Braun, der in Begleitung Melitta's anlangte. Melitta war noch bei
Sophie gewesen, als der alte Baumann die Nachricht vom Ausbruch des Kampfes
brachte, und dass Oldenburg in der Langen Strasse die Barricade commandire.
Melitta war sogleich entschlossen gewesen, zu Oldenburg zu eilen, und Sophie sah
nur zu wohl, dass es Franz in einer Stunde, wo Tausende ihr Leben auf's Spiel
setzten, nicht zu Hause litt, und trug es deshalb still, als er erklärte,
Melitta begleiten zu wollen. Der alte Baumann und Bemperlein, der ebenfalls
anwesend war, sollten bei Sophie bleiben und sich ihrer und der Kinder annehmen.
    Melitta und Franz hatten einen mühseligen Weg, bis sie endlich nach
mehrstündiger Wanderung auf den grössten Umwegen und oft mit Gefahr des Lebens
ihr Ziel erreichten.
    Das Wiedersehen mit der Geliebten entschädigte Oldenburg tausendmal für
Alles, was er ihretalben gelitten hatte. Melitta umarmte und küsste ihn unter
Tränen in Brauns Gegenwart, sie hing sich an seinen Arm, sie konnte sich nicht
trennen von dem, dem sie nicht mehr am Leben zu finden gefürchtet hatte, und den
sie jetzt, von Pulver geschwärzt, in der ganzen Glorie seiner stolzen Mannheit
wiedersah, bis er ihr in's Ohr flüsterte, dass im Akazien-Hotel Oswald auf den
Tod verwundet liege. Da hatte Melitta ihren Arm aus seinem Arm gezogen und hatte
- ernst und bleich, aber nicht bestürzt - gesagt, dass sie den Kranken pflegen
wolle, wie es ihre Pflicht sei.
    Seitdem war ein Tag und eine Nacht vergangen - eine Ewigkeit für Die, welche
am Lager des von Höllenqualen Gefolterten wachten, der sich jetzt in seiner
Raserei im Bette aufbäumte, so dass es Schmenckels ganzer Kraft bedurfte, ihn zu
halten, und ein anderes Mal in sich überstürzender Hast die Bilder schilderte,
die sich in wahnsinniger Fülle durch sein überreiztes Gehirn drängten. So hatte
er, der sonst so Verschwiegene, das Geheimnis seiner Geburt entüllt und damit
Niemand so sehr überrascht, als die gute Frau Hauptmann, die sich lange nach
ihrer Marie gesehnt und nun den Sohn Mariens endlich gefunden hatte, nur, um ihn
sterben zu sehen. Die alte Dame schwebte wie ein guter Geist lautlos durch das
Zimmer, und wenn sie gerade im Augenblicke nicht beschäftigt war, sah man, wie
sie die Hände faltete und betete, dass ihr der Sohn der geliebten Tochter
erhalten bleiben möge.
    Aber dazu war schon seit dem ersten Augenblick keine Hoffnung mehr gewesen.
Franz hatte sofort erklärt, dass Oswald sterben müsse, dass er einen, höchstens
zwei Tage noch leben könne. Es sei nicht wahrscheinlich, dass er vor dem Tode
noch einmal zum Bewusstsein erwache.
    Melitta sah diesem Augenblick, wenn er ja eintreten sollte, mit Wehmut
entgegen. Sie wusste jetzt, dass sie Oswald nur noch als einen unglücklichen
Bruder liebe. Oswald hatte in seinen Phantasien ihren Namen nicht einmal über
die Lippen gebracht; er hatte immer nur von einer lieben, schönen Frau
gesprochen, gegen die er arg gesündigt habe, und die ihm, was er an ihr
gefrevelt, nicht verzeihen könne. Die Erinnerung daran hatte dem Unglücklichen
Tränen ausgepresst; und Melitta hatte ihm die Tränen von den Wagen gewischt und
nur immer gewünscht, sie könnte ihm sagen, dass sie ihm längst verziehen habe.
    Da seufzte der Verwundete so tief, dass Oldenburg sich schnell im Fenster
umwandte und an das Bett trat, an welchem Melitta sass. Aber das Seufzen war kein
Schmerzenslaut gewesen, nur der letzte tiefe Atemzug einer Brust, von der die
Last des Lebens für immer genommen ist.
 
                           Dreiundfünfzigstes Capitel
Und wieder ist die leuchtende Frühlingssonne zweimal aufgegangen, wieder trägt
die ungeheure Stadt ein festliches Kleid; aber die Farbe des Kleides ist die der
Trauer, denn das Fest, das sie feiern, ist ein Todtenfest.
    Schwarze Fahnen wehen von den Türmen und den Zinnen des Schlosses,
Trauerflore sieht man überall aus den Fenstern hangen, mit Trauerfloren sind die
Hüte der Frauen, sind die Hüte der Männer, sind die Arme der Unzähligen alle
umwunden, die nach dem herrlichen Platz in dem Herzen der Stadt wallen, wo
zwischen den im Mittagssonnenschein gebadeten Tempeln auf einer Estrade die
Särge Derer stehen, die in der Schreckensnacht fielen -
einhundertsiebenundachtzig Todte - darunter Frauen und Kinder - unschuldige
Blumen, die dem grausen Schnitter, als er die Garben mähte, aus denen die Saat
der Freiheit geerntet werden sollte, unter die erbarmungslose Sense kamen. Und
selbst damit ist die blutige Ernte noch nicht vollendet. Noch liegen in den
Hospitälern, in den Häusern überall in der Stadt Schwerverwundete, von denen
noch Mancher den goldenen Tag der Freiheit nimmer schauen wird.
    Und nun beginnen von allen Türmen in feierlichen Klängen die Glocken zu
läuten, - dieselben Glocken, die in der Barricadennacht den Schlachtruf heulten.
    Die kirchliche Handlung ist vollendet. Der Zug setzt sich in Bewegung.
    Ein Zug wie ihn die Stadt nimmer sah, wie er vielleicht einzig ist in der
Welt Geschichten.
    Da schweben die gelben, von reichen Kränzen umwundenen Särge in unabsehbarer
Reihe auf den Schultern der Bürger hin durch die blaue Frühlingsluft und
zwanzigtausend Menschen jeden Alters und Standes geben ihnen das Geleit. An
jedem Sarge ist ein Zettel mit dem Namen des Todten. Namenlose Namen! Wer war
Oswald Stein? wer war Eberhard Wolfgang Berger?
    Was tut der Name? Was tut es, was sie im Leben waren? was sie im Leben
taten und litten, fehlten und sündigten, strebten und irrten? Der Tod für die
Freiheit krönt alles Streben, sühnt alle Schuld. Das fühlen, das sagen die
Hunderttausende, die, rechts und links in gedrängten Reihen am Wege stehend, den
Zug an sich vorüberziehen lassen, und vor jedem Sarge die Häupter ehrfurchtsvoll
entblössen.
    Und so geht der unabsehbare Zug lang und langsam in lautloser feierlicher
Stille zum Tore hinaus nach seinem Ziel, dem Hügel vor der Stadt, wo von den
Barricadenkämpfern an den Tagen vorher ein grosses Viereck ausgeschaufelt ist.
Der Zug geht in die Grube hinein. Die Träger setzen ihre Särge stille nieder und
schreiten weiter, und so die Anderen, bis der Zug hindurch ist.
    Und die Tausende stellen sich in andächtigem Schweigen rings umher.
Gewehrsalven krachen, und an den Gräbern seiner Märtyrer betet ein ganzes Volk.
    Und Einer aus dem Volke - ein langer, schwarzbärtiger Mann - erhebt seine
Stimme und spricht:
    Für wen beten wir, lieben Brüder?
    Für die Todten?
    Sie bedürfen der frommen Wünsche nicht in ihrer kühlen Grabesruhe, in ihrem
ewigen Schlaf.
    Aber wir, die Lebenden!
    Uns ist nicht das schlechtere, doch das schwerere Loos gefallen. Wir sollen
schaffen und wirken in dem heissen Staub der Alltäglichkeit, rastlos, ruhelos,
denn nimmer schläft die Tyrannei. Wir sollen arbeiten und schaffen, dass die
Nacht nicht wieder hereinbreche, in welcher es dem Braven unheimlich und nur dem
Schlechten heimlich war; die Nacht, durch deren dunkle Schatten so viel
romantische Larven und phantastische Gespenster huschten; die Nacht, die so arm
war an gesunden Menschen und so reich an problematischen Naturen - die lange
schmachvolle Nacht, aus welcher nur der Donnersturm der Revolution durch blutige
Morgenröte hinüberführt zur Freiheit und zum Licht.
                                     Ende.
 
    