
        
                                 Wilhelm Raabe
           Die Leute aus dem Walde, ihre Sterne, Wege und Schicksale
                                   Ein Roman
  Ein Messer wetzet das andere
 und ein Mann den andern.
                                                              Sprüche Salomonis,
                                                                 27. Kap. 17. V.
 
                                 Erstes Kapitel
                    Die hohe Polizei nimmt ein Protokoll auf
Auch der unschuldigste, solideste Staatsbürger, der Mann des feuerfestesten
Geldschrankes, der Mann des besten Gewissens, der zugeknöpfteste, strammste,
schnauzbärtigste alte Herr vermag nicht, sich eines leisen Schauders zu
erwehren, wenn er an dem Zentralpolizeihause vorüberwandelt. Man kann nicht
wissen - es geht wunderlich zu im Leben - das Schicksal spielt oft eigen mit dem
Menschen! - wer kann für die nächste Stunde und ihre Tücken gutstehen? - Man hat
im Vorbeischreiten ein Gefühl, als sei es höchst angebracht, wenn man den
Rockkragen in die Höhe klappe; man zieht unwillkürlich den Kopf zwischen die
Schultern: das liegt einmal im deutschen Blut, der Herr erlöse uns von dem Übel.
    Und der Novemberregen kam herunter, als habe der Himmel den Schnupfen und
lasse alles laufen. Es kamen auch sehr viele Leute herunter, und zwar sehr hart;
denn der Regen verwandelte sich, sowie er den Erdboden berührte, in Glatteis,
und weder Mann noch Weib war vor dem Fall sicher. Sehr viel guter Humor löste
sich in mürrisches Hinbrüten und ärgerliches Gebrumm auf. Die Unliebenswürdigen
waren an diesem ungesegneten Tage noch einmal so unliebenswürdig als gewöhnlich.
Das Wetter war wie ein Probierstein, auf welchem jede Anlage zur
Liebenswürdigkeit geprüft und abgezogen wurde. Haustyrannen schlugen ihre Frauen
körperlich und moralisch, Haustyranninnen explodierten bei der geringsten
Reibung wie Orsinische Bomben und konnten ein ganzes Hauswesen mit Verwirrung
und Verwüstung erfüllen. Auch die lieben Kleinen, das hoffnungsvolle Geschlecht
einer edleren Zukunft, waren heute unartiger als sonst; sie bekamen mehr Püffe
und Ohrfeigen und öfter die Rute als an andern, helleren, freundlicheren Tagen.
Wehe der dienenden Jungfrau, die heut den irdenen Topf, den tönernen Napf zur
Erde fallen liess! Wehe, dreimal Wehe über alle die Unglücklichen, die bei
solcher Witterung, wie auch ihr Stand und ihre Stellung sein mochten, von andern
abhängig waren! Jedermann war in der Stimmung, seinen Nebenmenschen und
Mitkreuzträgern das Leben und das zu tragende Kreuz so schwer und scharfkantig
wie möglich zu machen, ohne meistenteils im Grunde eine andere stichhaltende
Entschuldigung für seine Kratzbürstigkeit zu haben als »dieses grenzenlos
niederträchtige Wetter«.
    Wir wollen bei so bewandten Umständen den tellurischen und kosmischen
Erscheinungen des Tages, aller dieser meteorologischen Bosheit gar nicht die
Ehre antun, sie näher zu beschreiben. Selbst das Zentralpolizeihaus ist jetzt
ein anmutigerer Aufentaltsort als Strasse und Markt. Flüchten wir uns mit
aufgespanntem Regenschirm hinein; in Nummer Sicher sind wir hier jedenfalls.
    Lange trostlose Gänge, Türen, die in dunkle Zimmer voll geheimnisvoller
Akten und dumpfen unheimlichen Gesumms führen; kahle Höfe, auf welchen sich
Polizeibeamte umhertreiben und auf welchen niemals ein Kind im Sande gespielt,
Festungen gebaut und Pasteten gebacken hat! In den Gängen Beamte mit bunten
Rockkragen und Aktenbündeln; hinter den schwarzen Türen Beamte, die mit
knarrender Stahlfeder und giftiggrüner Alizarindinte die Sündenregister der
Menschheit ausfüllen und, wenn sie sich harmlos beschäftigen, Pässe und
Wanderbücher revidieren und unglückliche Handwerksburschen in ihrem Selbstgefühl
durch überwältigende Grobheit kränken! Exekutoren mit Verhaftsbefehlen für
säumige Schuldner; grimmige Gläubiger mit Pfändungsgesuchen - einmal in einem
der langen Gänge Kettengeklirr und ein übelgekleidetes, übelduftendes Subjekt,
welches zwischen zwei Bewaffneten einherschwankt - über allem ein
unbeschreibliches beängstigendes Etwas, ein Hauch aus Niflheim, dem Reich der
Toten, der Verlorenen: das ist das Zentralpolizeihaus!
    Im Büro Nummer dreizehn unterhielten sich drei Personen damit, die
Lebensgeschichte eines Vierten anzuhören. Die Zuhörer waren der Polizeirat
Tröster, der Polizeischreiber Fiebiger und der Hauptmann a.D. Konrad von Faber,
ein stattlicher Mann mit gebräuntem Gesicht, welcher es sich auf der
Armensünderbank an der Tür bequem machte und die Füsse weit in das Gemach
hineinstreckte. Der arme Sünder selbst aber stand in der Mitte des Zimmers und
erzählte. Sein Bericht füllte grade die dämmerige Stunde aus, welche dem
Lichtanzünden voraufgeht.
    Inkulpat Robert Wolf war angeschuldigt worden, in der Wohnung einer Dame
grossen Unfug angerichtet zu haben durch Zertrümmerung von Gerätschaften und
Ausstossung wilder Reden und Drohungen. Beim ersten Verhör hatte er alle Auskunft
über sich verweigert; man hatte ihn eingesperrt und jetzt nach einigen Tagen
enger Haft wieder hervorgeholt in der Hoffnung, den jungen Missetäter und
Hausfriedensbrecher in einer zerknirschteren, weicheren Stimmung zu finden. Man
täuschte sich darin auch nicht. Dunkelheit und Langeweile hatten in der
gewünschten Weise auf das Gemüt des Angeschuldigten eingewirkt; ohne alles
Zögern gab er alle mögliche Auskunft über seine Verhältnisse.
    Der Protokollführer Fiebiger hinter seinem hohen Pult hatte bereits
niedergeschrieben, dass Rubrikat Robert Wilhelm Wolf heisse, dass er achtzehn Jahre
alt und auf der Forstütte Eulenbruch, Dorfbezirk Poppenhagen, im Winzelwalde,
Provinz**, geboren sei.
    Wir lassen das weitere Verhör folgen.
    »Also der Sohn des weiland Forstaufsehers Wolf auf dem Eulenbruch!« sagte
der Polizeirat, recht wohlwollend auf seine Dose klopfend.
    »Ja!« antwortete der junge Mensch mit mürrischer, halb gleichgültiger Stimme
und ganz kurz.
    »Auf dem Eulenbruch, im Winzelwalde - soso - hm, hm - ei, ei - schöne Gegend
- hm - das einzige Kind?«
    Inquisit verstand die Frage nicht im mindesten; starr und grollend blickte
er den Rat an.
    »Ich frage, ob Ihr noch Geschwister habt, Wolf?«
    »Nein. Fritz ist ausgerissen, vielleicht nach Amerika. 's war unser
Ältester. Die andern vier sind tot.«
    »Hm, hm - sechs. Vier tot. Schon lange?«
    »Ja. Wir waren unser sechse; drei Jungen und drei Mädchen: Fritz und ich,
Franz, Riekchen, Lieschen und Linchen. Wir schliefen alle in einer grossen
Bettstatt voll Eichenlaub, trocken und warm. Die Mädchen hatten auch noch eine
Bettdecke, wir Jungen hatten aber nichts weiter als des Vaters Soldatenmantel.
Die Mutter war tot, der Vater meistens im Wald, um auf die Wilddiebe zu passen.
Deren hatte er einen erschossen, und so hatte er ein bös Leben mit den andern;
sie schossen oft genug wieder auf ihn, haben ihn aber nicht getroffen. Fritz war
der Älteste von uns; wir mussten ganz allein für uns sorgen; wir hatten die
Hunde, einen zahmen Fuchs, einen Kolkraben und noch manche andere Tiere. Linchen
war die Kleinste und die Klügste von uns; die war eigentlich unsere Mutter,
obgleich sie noch ganz winzig war. Wir waren wie die jungen Füchse, hatten alle
auch rote Haare, die kamen von meiner Mutter; meine sind jetzt dunkler geworden.
Linchen hatt ich am liebsten von meinen Brüdern und Schwestern; es hatte Augen
so klar und tief wie das grundlose Wasser, das unter dem Eulenkopf steht.
Einmal, zur Jagdzeit, sass es ganz still und hielt den ganzen Tag über den Kopf
mit den Händen, und als es in der Nacht unter seiner alten Decke an meiner Seite
lag, da fühlte ich, dass seine Hände ganz heiss waren, und doch zitterte es am
ganzen Körper vor Frost und wühlte sich immer tiefer in das Laub. Am andern Tage
sprach es ganz tolle Worte und schrie, der Berggeist wolle es holen und in die
Erde hinabziehen. Dann packte die Krankheit den Fritz und so eins nach dem
andern, zuletzt mich. Die Hunde, die sonst wohl, der Wärme wegen, zu uns in
unsere Hürde krochen, wollten nun nicht mehr mit uns darin bleiben, sie sprangen
heraus und krochen im Winkel zusammen. Anfangs hörte ich noch, wie der Vater
ärgerlich über uns war, und ich fühlte, wie er mehr Laub auf uns warf und alle
seine Röcke und den Mantel unserer toten Mutter und alle unsere Kleider. Er
hatte niemand, der ihm half in dieser grossen Not; denn er war nicht sehr beliebt
bei den Menschen in der Gegend, weil er so wild und hart gegen die Wilddiebe und
die Holzfrevler war. Sie nannten uns nur die roten Wölfe und pfiffen, wenn wir
uns zeigten im Dorfe. Manchmal kam wohl eine alte Frau, welche Reisig gelesen
hatte, und gab Rat; aber das geschah nur nach Bequemlichkeit und selten. So
waren wir jetzt im Eulenbruch so verlassen wie die jungen Füchse, denen die
Mutter weggeschossen ist. Wie das Linchen und die andern kam ich in einen
Zustand, in welchem ich nichts mehr von mir wusste; aber einmal wachte ich auf
und sah im Traum viele Herren mit Gewehren und Jagdtaschen vor mir. Sie starrten
uns ganz merkwürdig in unserm Bette an, und einer hielt ein Paar Gläser vor die
Augen. Sie flüsterten alle und schüttelten die Köpfe, und unser Vater stand auch
dabei, hielt die Mütze in den Händen und drehte sie hin und her. Die Herren
sprachen dann alle auf ihn ein; er sagte auch etwas, zuckte die Achseln und sah
sehr wild und verzweifelt aus. Einige der Herren hatte ich wohl schon gesehen.
Sie kamen öfters zur Jagd nach dem Eulenbruch. Bald wurde es aber wieder so
dunkel vor meinen Augen wie zuvor, und als ich endlich von neuem aufwachte, da
lag ich zwar noch in der Bettstatt, hatte auch ein ordentlich Kopfkissen, und
eine alte Frau sass da mit der Brille auf der Nase und strickte und gab mir einen
Löffel bitterer Medizin; aber meine Geschwister bis auf den Fritz waren nicht
mehr da. Alle, alle - das Riekchen, das Lieschen, das Linchen und Franz - alle
waren fort, waren tot. Wir hatten alle mitsammen die Röteln gehabt, und bis auf
Fritz und mich waren die andern daran gestorben und verkommen. Zu Poppenhagen
waren sie begraben, während ich bewusstlos lag - eine ganze Reihe von kleinen
Gräbern. Es war zu spät gewesen, als die Herren von der Jagd uns in unserm Laub,
im Fieber sahen, dem Vater Geld gaben und den Pastor Tanne aus Poppenhagen zu
ihm schickten, dass er ein Einsehen tue und sich unserer mit dem Doktor Rust und
der Frau Wurm aus dem Feldhüterhaus annähme. Es war ein guter Mann, der Pastor
Tanne; er hat mich, nachdem mein Bruder und ich wieder gesund geworden waren,
mit sich genommen nach Poppenhagen und hat mich, da er selbst keine Kinder
hatte, erzogen wie seinen eigenen Sohn. Er wollte auch meinen Bruder mit sich
nehmen, aber der konnte von dem wilden Leben im Forste nicht lassen. Doch in die
Schule musste er jetzt auch kommen. Jetzt ist er längst in die weite Welt
gegangen; ich habe nie wieder von ihm gehört.«
    Mit vielen Hm's und Ha's hatte der Polizeirat dieser Erzählung gehorcht. Mit
seltsamem Ausdruck leuchteten die Augen des alten Schreibers über die Haufen von
Akten und Registern auf seinem Pulte.
    Der Hauptmann Faber strich den vollen Bart und murmelte:
    »'s ist wenigstens der Bericht eines klaren Kopfes. Armer Teufel!« Er nickte
dem Inkulpaten ermunternd zu, und der Schreiber räusperte sich ebenfalls zur
Ermunterung Robert Wolfs.
    Es trat in dem Büro dreizehn eine Stille von einigen Augenblicken ein, in
welchen man deutlich das Picken der grossen Uhr draussen in der Halle vernahm.
Schon manche unbekannte Tragödie und Komödie war über den schmutziggrauen
Fussboden des Büros Nummer dreizehn weggeschritten; eine rührendere Elegie hatte
aber die langnäsige Büste eines verdienstvollen früheren Polizeipräsidenten,
welche zwischen den beiden Fenstern von einer Konsole herabblickte, selten
vernommen. Der Mann schien sich jedoch durchaus nichts daraus zu machen. Er
behielt jedenfalls die Nase oben. Dagegen hatte eine andere Büste auf einer
andern Konsole einen recht wehmütigen Ausdruck: sei es, dass der Künstler ihr
denselben gab, sei es, dass die dämmerige Beleuchtung schuld daran war. Seine
Majestät der König schien es auch in Gips in Nummer dreizehn im
Zentralpolizeihause sehr ungemütlich zu finden.
    Seiner Stellung gemäss unterbrach der Rat Tröster zuerst wieder das Schweigen
und fragte, das glattrasierte Kinn streichelnd:
    »Also der Pastor Tanne zu Poppenhagen hat Euch erzogen? Was habt Ihr
gelernt, Wolf? Was seid Ihr eigentlich?«
    Robert Wolf zuckte die Achseln und sagte:
    »Als mein Pflegevater starb, musste ich zurück in den Wald zu meinem
eigentlichen Vater; denn damals war mein Bruder schon in die weite Welt
gegangen, und mein Vater war immer krüppelhafter geworden; er hatte die Gicht in
den Knochen vom Liegen im Walde und hatte meine Hülfe nötig. Ich kann schiessen,
die Geige spielen, ein wenig lateinische Grammatik. Ich gewöhnte mich recht gut
wieder an den Wald; es kann einem schon drin gefallen, Winter und Sommer, und es
gefiel mir die letzten zwei Jahre durch; wäre auch gern Forstwart geworden, wenn
- - wenn nicht -«
    »Nun, heraus damit! Wenn nicht?«
    Robert Wolf wandte sich ab, biss die Zähne aufeinander und antwortete nicht.
    »Ich frage, weshalb Ihr nicht in Eurer Stellung geblieben seid. Ich erwarte
Antwort, junger Mann!« sagte der Polizeirat, soviel amtsmässige Rauhigkeit als
möglich in Ton und Gestus legend.
    Der Hauptmann auf der Armensünderbank stand auf, klopfte den Knaben aus dem
Walde auf die Schulter und sagte:
    »Sperren Sie sich nicht, Robert; geben Sie dem Herrn offen Nachricht von
Ihrem Leben. Es sind Freunde hier.«
    Der Schreiber Friedrich Fiebiger aus Poppenhagen nickte über sein Pult weg
höchst energisch. Es war gleich einem elektrischen Schlag durch diese
Schreiberseele gegangen, als vor einigen Tagen die Namen Poppenhagen,
Eulenbruch, Winzelwald zum erstenmal auf dem Zentralpolizeihause genannt wurden,
in dem Vorgehen gegen Robert Wolf wegen Hausfriedensbruch. Hätte der Rat Tröster
sich plötzlich auf den Kopf gestellt und seinen Untergebenen aufgefordert,
dasselbe zu tun, so würde das nicht solchen überwältigenden Eindruck auf das
Gemüt des letztern gemacht haben. Wäre auf dem langen unheimlichen Korridor
plötzlich der Klang eines Waldhorns erschollen, so hätte dem alten
Dintenmenschen das Herz sich nicht mehr darob geregt. Mit diesen Namen drang
Sonnenschein. Waldluft, Lust der Jugend und des Lebens in das Büro Nummer
dreizehn. Durch die Papiere rauschte es wie durch die Zweige der Buchen und
Tannen, der Aktenstaub verwandelte sich in das Gestäube des Waldbachs, wie er
nahe dem Dorf Poppenhagen über die moosigen Steine stürzt und eine Mühle treibt,
welche der kleine Fritz Fiebiger gebaut hat. Besagte Mühle wurde aber noch im
achtzehnten Jahrhundert errichtet; 's ist lange her, und der Polizeischreiber
muss sich zusammenraffen, um keine Böcke zu schiessen in dem Protokoll, welches
ihm über den bleichen wildblickenden Jungen. Robert Wolf aus dem Winzelwalde, in
die Feder diktiert wird. Die Feder kritzelt über das Papier, aber vor den Augen
des Schreibers flimmert's; seine Schriftzüge sind bei weitem nicht so fest und
sicher wie sonst; - sein Vorgesetzter fragt ihn, was ihm sei, ob er Kopfweh
habe. Friedrich Fiebiger schüttelt nur den grauen Kopf und murmelt etwas
Unverständliches.
    Robert Wolf wendete nun die zornigen, tränenvollen Augen dem Polizeirat zu;
aber noch immer vermochte er nicht, ein Wort hervorzubringen. Man sah, wie es in
ihm stürmte und wie er sich zwingen musste, dass kein leidenschaftlicher Ausbruch
erfolge.
    Noch einen forschenden Blick warf der Rat auf den Inkulpaten; dann wandte er
sich gegen den Schreiber.
    »Fiebiger, nehmen Sie doch einmal das Register D zur Hand und geben Sie uns
die Notizen über den Namen Dornblut - Eva Dornblut, Fräulein Eva Dornblut.
Wir müssen den Knaben überzeugen, dass die Sicherheitsbehörde offene Augen und
scharfe Ohren hat. Lesen Sie, Fiebiger!«
    Der Schreiber schlug einen umfangreichen Folianten auf, blätterte einige
Augenblicke darin und las dann mit einer Stimme, die von Natur recht scharf und
schneidend war, in diesem Moment aber etwas gemildert klang:
    »Eva Sophie Dornblut. Tochter des weiland Kantors und Opfermanns Otto
Friedrich Karl Dornblut zu Poppenhagen. Alter zwanzig Jahre. Ankunft in
hiesiger Stadt am vierzehnten Mai 184-. Rubrikatin hielt sich anfangs im Hause
der Frau Baronin Viktorine von Poppen, Kronenstrasse Nummer fünfzig, auf, trat
dann durch Verwendung des Barons Leon von Poppen am hiesigen Königlichen Teater
ein und wohnt jetzt Lilienstrasse Nummer zwölf. Bemerkungen -«
    Der Schreiber las mit leiser Stimme noch einige Noten, welche die hohe
Polizei über das Dasein Eva Dornbluts gemacht hatte, und beobachtete dabei über
den Rand des Folianten scharf den Jüngling aus dem Winzelwalde, und nicht ohne
Grund; denn ein merkwürdiges Schauspiel bot Robert Wolf dem Menschenkenner dar
während dieser Vorlesung. Mit unverkennbarem Entsetzen starrte er den Schreiber
und sein giftgefülltes Buch an, krampfhaft zitterten seine Lippen, er ballte die
Fäuste, ward totenbleich und bedeckte zuletzt das Gesicht mit beiden Händen und
brach in ein bitterliches Weinen aus.
    Der Hauptmann, welcher sich wieder auf dem Sünderbänkchen niedergelassen
hatte, trommelte mit dem Fuss einen Marsch; der Polizeirat gab seinem Schreiber
einen Wink, dass er seine Vorlesung einstelle; dann wandte er sich zu dem
Inquisiten:
    »Seht Ihr, lieber junger Freund, die Polizei weiss alles! Soll ich dir noch
mehr vortragen lassen über die Jungfer Dornblut; oder willst du uns jetzt
mitteilen, was dich in die Wohnung des Mädchens führte? Du wirst den Ruf der
Dame durch eine klare Darlegung der Tatsachen nicht verschlechtern, glaube mir
das, Robert Wolf.«
    Die hohe Polizei war fest von der Wahrheit ihrer Notizen überzeugt, und doch
stand mehr als eine Lüge in dem Folianten D über Eva Dornblut. Der arme
gepeinigte Knabe aber schluchzte noch eine Zeitlang fort und rief dann wild und
in Verzweiflung:
    »Ich habe sie liebgehabt - mehr als mein Leben hab ich sie liebgehabt, und
ich muss sterben darum!«
    »Na! na! Nicht so rasch!« brummte der Polizeirat, aber der Hauptmann sowie
der Schreiber fanden, dass der junge Mensch in diesem Augenblick von
überraschender Schönheit in seinem dummen, kindischen Schmerz und Zorn war. Mit
immer höher gesteigerter Teilnahme beobachtete vorzüglich Friedrich Fiebiger den
armen Jungen von seinem hohen Dreibein aus. Der Schreiber hatte die magern, in
schäbiges Schwarz gekleideten Beine so hoch als möglich zur Brust hinaufgezogen,
die schäbig schwarzen Frackzipfel hingen so tief als möglich zur Erde hernieder;
von überraschender Schönheit war er sicher nicht, wohl aber glich er in
überraschender Weise einem alten erfahrenen Raben, der sich auf einem Dachfirst
niedergelassen hat, einem Raben mit edlen Gefühlen, einem Raben mit Wehmut in
den humoristisch zwinkernden Augen, einem melancholisch-satirischen Mitgliede
des höchst achtbaren, vortrefflichen und deshalb auch nicht wenig verleumdeten
Geschlechts der »krähenartigen Vögel«.
    Die aufgeregten Affekte Robert Wolfs machten sich jetzt in hastig
übereinanderstürzenden Worten Luft.
    »Als ich bei dem Pastor Tanne gewesen bin - nachdem mein Bruder in die weite
Welt gegangen war -, sind Eva und ich immer zusammen gewesen. Meinem Bruder
hatte sie es auch angetan; aber mir gewisslich noch mehr. O Gott, wer hätte
gedacht, dass alles so kommen würde! Sie war so klug, viel klüger als ich. Viel
leichter als ich konnte sie das Latein begreifen - sie hat es mit mir gelernt;
sie wollte alles lernen, alles wissen. Alle Abende im Sommer sassen wir unter der
Esche an der Hecke im Kantorgarten; und im Gefängnis, in welches Sie mich haben
sperren lassen, musste ich immerdar an den Sonnenschein denken, der war, als sie
in ihrem weissen Kleide zur Einsegnung ging. O wie hat die Schlechte mit mir
gespielt - die Sonne ist auf ewig untergegangen. Ich will nach Frankreich, nach
Algier zur Fremdenlegion. Nach Amerika will ich, wie mein Bruder. O der hätte
nicht gelitten, dass sie so mit ihm spielte. Der hat wohl recht gehabt, wenn er
sagte, kein Mensch tauge was, und es schade gar nichts, wenn man ihnen soviel
Böses schüfe, als man Macht hätte.«
    »Na, na, wieder viel zu rasch!« brummte der Polizeirat. »Junger Mann, hier
jedenfalls ist nicht der Ort, solche unmoralischen Grundsätze auszusprechen.«
    Der Hauptmann Faber lächelte ein wenig; der Schreiber schnitt eine Feder und
sich in den Finger. Robert Wolf achtete nicht im geringsten auf die
Unterbrechung des Rats, sondern fuhr mit doppelter Hast fort:
    »Aber mein Bruder Fritz nahm doch Eva Dornblut aus und rechnete sie nicht
unter die Schlechten; oh, er war ein wilder Narr, hätte noch ein paar Jahr
daheim bleiben sollen, bis die vornehme Dame auf das Gut kam. Keinem Menschen
soll man Gnade geben, keinem. Der Pastor Tanne wird sich auch wohl meiner nur
angenommen haben, weil er Langeweile hatte unter den Bauern. Er starb, als ich
sechzehn Jahr alt war, und ich habe an seinem Sarge geweint, wie ich an dem
meines Vaters nicht weinen konnte. Er hinterliess nichts als seine Bücher, ein
paar Tische und Stühle und eine Kuh. Das nahm die Haushälterin; ich musste in den
Wald zurück. Da nahm ich Abschied von Eva unter der Esche. Sie sagte, wir
wollten immer wie Bruder und Schwester sein. Sie sagte, ich sollte keinen dummen
Jungen aus mir machen, ihr Los sei in alle Ewigkeit bestimmt. Was mag ich ihr in
der Stunde gesagt haben? Ich weiss es nicht. Oh, sie wird höhnisch genug im
Innersten darüber gelacht haben. Ich möchte umkommen auf der Stelle; aber sie
müsste dann auch tot hier vor meinen Füssen liegen. Meinem Vater hat's der
Branntwein angetan, der hat ihm das Leben genommen. Als es zum letzten mit ihm
ging und er in derselben Bettstatt lag, in welcher meine Brüder und Schwestern
gestorben sind, kam ein Junge, welcher Beeren las im Wald, und brachte mir
Nachricht, wenn ich Eva noch einmal sehen wolle, so möge ich eilen; sie gehe
fort mit der Frau von Poppen, welcher der Poppenhof bei Poppenhagen gehört. Da
schoss es mir ganz eiskalt durch die Seele und dann wieder wie Feuer; aber wie
konnte ich fort von meinem Vater? Der lag und zitterte im Frost und schrie, die
Wilddiebe hätten ihn zu Boden. Mit allerlei Gespenstern rang er durch Tag und
Nacht und schrie nach meinen Brüdern und Schwestern, aber vorzüglich nach dem
Fritz, der sein Herzensliebling gewesen war. Fast ein Jahr blieb er in diesem
Zustand; zuletzt schlug er sich immer herum mit grossen Scharen von kleinen
Tieren, Mäusen oder Spinnen oder Fliegen; das liess ihm gar keine Ruhe.«
    »Was man so Delirium tremens nennt!« murmelte der Hauptmann.
    »Ein ganzes, ganzes Jahr dauerte das«, fuhr Robert fort; »ein ganzes Jahr
war Eva Dornblut schon weg, und ich hörte nichts von ihr in der Verlassenheit
auf dem Eulenbruch; sie war auch, kurz vor ihrer Abreise mit der gnädigen Frau,
eine Waise geworden und mochte wohl ein hungerig Leben gehabt haben; das konnte
sie nicht ertragen. So wartete sie nicht auf mich. Nun starb mein Vater, und ich
brachte ihn in seinem Sarge nach Poppenhagen. Wie im Traum war ich; was mit mir
werden sollte, wusste ich nicht; von Eva hörte ich nichts im Dorfe, sie hatte
keine Nachricht von sich gegeben. Verstört lief ich umher oder lag im Walde, und
endlich trieb's mich, dass ich meine Kleider in meines Vaters Jagdranzen packte,
meines Vaters Büchse über die Schulter hing, die Hunde verkaufte und verschenkte
und fortging vom Eulenbruch, aus dem Winzelwalde. Zwölf Taler, welche mir der
Pastor Tanne gegeben, hatte ich ebenfalls noch, damit kam ich hierher, doch
musste ich unterwegs noch die Büchse verkaufen. Es hat mich aber der Eva
nachgetrieben; aber wie es mir unterwegs ergangen ist, davon weiss ich nichts zu
sagen. Mein Vater in seinen letzten Tagen war nicht verwirrter in Kopf, Händen
und Füssen, als wie ich es jetzt bin. Die Leute haben mir geholfen und mich
zurechtgewiesen, und so -«
    »Suchtet Ihr hier Eure Jugendfreundin auf«, fuhr der Polizeirat Tröster
dazwischen, »und fandet die Verhältnisse ganz anders, als Ihr Euch vorgestellt
hattet. Jaja, es ist so. Statt der gnädigen Mama hat der Herr Sohn die Sorge und
Vormundschaft über das junge, hübsche Ding aus dem Walddorfe übernommen. So
fandet Ihr denn, Robert Wolf, die Wohnung des Mädchens aus, sagtet dem
ungetreuen, leichtsinnigen Schatze die Wahrheit und gebärdetet Euch so sehr wie
möglich gleich einem Verrückten. Dann kam der junge Herr Leon von Poppen dazu,
und wie ein junger Wolf aus dem Walde fielet Ihr über ihn her, zerschluget ihm
die Nase und hättet ihn erdrosselt, wenn nicht die Sicherheitsbehörde, die den
Lärm von der Gasse aus vernahm, sich dreingelegt hätte. Ei, ei, ei, jugendlicher
Romantiker!«
    »Sie haben recht«, schluchzte Robert Wolf, »es war töricht und dumm von mir,
dass ich mich an den Schwächling, an das zerbrechliche Bübchen hielt; mit ihr
selbst hätte ich die Sache ausmachen sollen. Da lag das hübsche Messer, mit
welchem sie das Buch aufschnitt, in welchem sie las, als ich vor sie trat; das
Messer hätte ich ihr ins Herz stossen sollen und mir dann auch, so wär uns beiden
geholfen gewesen; - das wär am besten gewesen für uns alle beide.«
    Der Schreiber schnellte mit einem merkwürdig elastischen Ruck den Kopf in
die Höhe; Konrad von Faber liess von seiner Armensünderbank her ein
ausdrucksvolles Pfeifen vernehmen; der Polizeirat hob die Achseln, schüttelte
den Kopf, blickte etwas verlegen in die blitzenden Augen des Knaben und sagte:
    »Hm, hm, es war doch besser für Euch, Wolf, dass Ihr Euch mehr an die Ohren
und die Nase des jungen Barons hieltet. Ich muss Euch übrigens bemerken, dass
solche unverständige Reden an dieser Stelle - was ist das? Herein!«
    Ein Klopfen hatte sich an der Tür vernehmen lassen, und auf den Ruf des
Beamten trat ein Polizeidiener ein und überreichte seinem Vorgesetzten einen
Brief. Nachdem der Polizeirat diesem Schreiben ein kurzes, aber nachdenkliches
Studium gewidmet hatte, sagte er:
    »Tretet für jetzt ab, Robert Wolf! Greiffenberger, ich werde klingeln, wenn
dieser junge Mensch wieder vorgeführt werden soll.«
    Greiffenberger winkte dem Inquisiten mit dem waschlederbekleideten Daumen
auf eine Art, die nur bei der von Gott eingesetzten hohen Polizei sich
ausbildet. Geduldig und gebrochen folgte der arme Teufel aus dem Walde diesem
unnachahmlichen, charaktervollen Winke.
 
                                Zweites Kapitel
Der Polizeischreiber Fiebiger setzt seinen Chef in Erstaunen; Julius Schminkert
                     wird gebeten, sich nützlich zu machen
Als sich die Tür hinter Robert Wolf geschlossen hatte, erhob sich der Hauptmann
von seinem Sitze, der Schreiber spielte nachdenklich mit seiner Feder, der Rat
Tröster nahm eine Prise und sagte:
    »Sie sind doch ein wunderlicher Kauz, Hauptmann. Was für ein Vergnügen
finden Sie, der Sie zweimal die Welt umsegelt haben, daran, auf jener Bank zu
sitzen und das Elend, mit welchem wir es zu tun haben, durchzukosten? Unsereiner
ist froh, wenn er einmal den Kopf aus diesem Malebolge, diesem Teufelssumpf
erheben darf, Ihnen scheint es das grösste Vergnügen zu machen, darin
unterzutauchen und umherzuplätschern.«
    »Ein Vergnügen ist es nicht, sondern ein Studium, welches den Kopf und das
Herz frei macht. Jeder Mensch soll von Rechts wegen sein Steckenpferd haben.
Lasst den einen Schnupftabaksdosen sammeln, den andern verrostete Münzen,
Wurzelwörter, Flaschenstöpsel oder Kerbtiere; ich treibe Naturgeschichte der
Menschheit und jage mein Steckenpferd um die Erde und durch - diese
Polizeistube. Die weite Welt und die Polizeistube bieten ein gleich ergiebiges
Feld; der Kampf um das Dasein bleibt überall derselbe, im brasilianischen
Urwalde wie in der Wüste Gobi; im ewigen Eis von Bootia Felix wie hier unter
der gipsernen Nase Ihres weiland Vorgesetzten, Tröster.«
    »Dann, bitte, sagen Sie mir mal, was denken Sie über den gegenwärtig
vorliegenden Fall, Hauptmann?« fragte der Rat den weitgereisten Mann.
    »Hm, eine gute lange Missouribüchse und ein gutes Pferd, eine hübsche kleine
Prärie, fünfhundert Meilen in die Länge und die Breite, würden den Jungen wieder
zurechtbringen. Es ist Kern in dem Gesellen; soll mich wundern, wie lange Sie
ihn werden ins Loch stecken müssen, um einen Halunken daraus zu machen.«
    Der Rat nahm eine sehr lange Prise; dann griff er nach dem überbrachten
Schreiben: »Hier ist ein Brief, welcher den Inkulpaten angeht. Der Baron Poppen
schreibt, man möge den Robert Wolf laufen lassen; im Interesse aller Teile sei
es, wenn man ihn so bald als tunlich aus der Stadt schaffe; seinen Denkzettel
habe er ja schon durch den achttägigen Arrest erhalten. Der junge Herr schliesst
eine Banknote von zwanzig Talern ein.«
    »Und das Frauenzimmer ist vollständig einverstanden mit diesen Vorschlägen?
Wohl gar erste Urheberin derselben?«
    »Das glaube ich sicher«, meinte der Rat. »Man kennt diese Damen. Übrigens
soll das Mädchen nicht ohne Talente sein; man spricht viel in der Gesellschaft
von ihr. Trotz unserer Register sind wir hier über die Person doch noch nicht
ganz im klaren.«
    Die Polizei sprach da ein wahres Wort; sie hatte durchaus keine Ahnung, wer
und was Eva Dornblut war.
    »Alles in allem genommen«, fuhr der Rat fort, »wird es wirklich das beste
sein, was wir tun können, wenn wir den armen Teufel, diesen Robert Wolf, cito
citissime in seinen Wald zurückschicken. Hier am Orte würde er jedenfalls
untergehen, und ich möchte wetten, dass wir ihn an dieser Stelle noch öfters und
unter gravierenderen Umständen erscheinen sähen. Ich meine, ich halte dem Jungen
eine gute Rede, und wir schicken ihn fort, heute abend noch oder morgen in der
Frühe, mit dem ersten Bahnzug, der nach seiner Provinz abgelassen wird.«
    »Und er nahm Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk!« brummte der
Hauptmann; der Schreiber aber folgte seinem nachdenklich auf und ab gehenden
Vorgesetzten mit den klugen scharfen Augen aus einem Winkel des Gemaches in den
andern und bewegte dabei den Kopf auf eine Art, welche dartat, dass auch er den
Kasus reiflich überlege. Aus seinen Überlegungen fuhr er schnell empor, als der
Polizeirat vor ihm stehenblieb und fragte:
    »Was ist Ihre Meinung, Fiebiger?«
    Der Angeredete zog seine Feder hinter dem Ohr hervor, legte sie neben seinem
Protokoll nieder und sagte:
    »Herr Rat, ich habe nun schon manch liebes, langes Jahr unter Ihren Augen
diese Register« - er legte die Hand auf den vor ihm liegenden Folioband -
»geführt und habe auch con amore, aber handwerksmässig getrieben, was der Herr
Hauptmann als Dilettant treibt. Ich glaube, die Zukunft des Rubrikaten Robert
Wolf ist in diesem Augenblick auf eine so scharfe Kante gestellt, dass ein
falscher Schub nach beiden Seiten hin ihn auf gleiche Weise in den Abgrund
stürzen wird. Greift nicht eine gute Hand fest und sicher in sein Geschick, so
wird er ebensowohl in seinem Walde wie hier in der Stadt untergehen. Hier in der
grossen Stadt mag er zum Verbrecher, mag er zuchtausreif werden, dort im Walde
vielleicht auch; jedenfalls, unantastbar sicher, aber nach und nach zum
brutalen, stumpfsinnigen Trunkenbold. Ich wollte mich anheischig machen, seinen
Lebenslauf in der Wildnis Tag für Tag, Jahr für Jahr an den Fingern herzuzählen
bis zum Verdikt des Landphysikus bei der Sektion: Ausgezeichnet schöne, weisse
Säuferleber!«
    Unwillkürlich mussten die beiden andern Herren lachen, und der Polizeirat
meinte:
    »Das ist ein böses Prognostikon, und leider ist viel Wahres daran. Was
sollen wir denn aber mit dem Burschen beginnen? Was bleibt uns übrig, als ihn
seinem Schicksal zu überlassen und uns - in der Tat - die Hände zu waschen wie
der Landpfleger Pontius Pilatus?«
    Die letzte Frage begleitete ein vorwurfsvoller Blick auf den Hauptmann, und
dieser hielt es für seine Pflicht, den Rat zu beruhigen:
    »Trösten Sie sich, Tröster; auch vor dem Proprätor von Syrien hat es Leute
gegeben, welche unter bedenklichen Umständen nach dem Waschnapf und dem Handtuch
riefen.«
    »Ich hätte einen Vorschlag zu machen«, sprach der Schreiber, »möchte aber
den Herrn Rat gehorsamst bitten, dass er vorher dem Knaben das Geld des Herrn von
Poppen anböte.«
    »Kommen Sie dabei nicht zu nahe in den Bereich der Faust des jungen Wilden,
Tröster!« rief der Hauptmann von Faber, während der Chef verwundert nach seinem
Untergebenen hinüberblickte.
    »Meine Bitte hängt mit meinem Vorschlag zusammen«, sagte Fiebiger; der
Polizeirat klingelte und befahl dem eintretenden Greiffenberger, Inquisiten
wieder vorzuführen. Bevor wir jedoch den zweiten Akt des Verhörs erzählen, haben
wir von einer Bekanntschaft zu berichten, welche Robert Wolf zwischen dem ersten
und dem zweiten Akt im Vorzimmer des Büros Nummer dreizehn gemacht hatte.
    Kaum seiner mächtig, halb unfähig zu hören und zu sehen, hatte Robert dem
Winke des grimmigen lakonischen Greiffenberger Folge geleistet. Er wäre fast zu
Boden getaumelt, hätte ihn nicht die Hand im grauweissen waschledernen Handschuh,
die fast so gut zu deuten verstand wie jene an der Wand im Saal des Königs
Belsazar, auf eine niedrige Bank gedrückt, auf welcher er sitzen blieb, das
Gesicht mit den Händen verdeckend, zu gleicher Zeit schluchzend und mit den
Zähnen knirschend. Ein junger Uhu, welchem man das erste Nest zerstörte und den
man zugleich aus seiner dunkeln Verborgenheit in die helle scharfe Sonne reisst,
würde ungefähr ähnlich fühlen wie Robert Wolf in diesen Augenblicken. Das
unzurechnungsfähige Gebaren des unglücklichen Knaben erregte denn auch sogleich
aufs äusserste die Aufmerksamkeit eines Individuums, welches bis jetzt, mit dem
Rücken dem Zimmer zugewendet, an einer Fensterscheibe getrommelt hatte und
welches in Wesen und Erscheinung einen wunderlichen Gegensatz zu dem gepeinigten
Robert bildete.
    Besagtes Individuum trug zu einer Zeit, wo der Herbst schon sehr bedenklich
in den Winter überging, einen hellen Sommeranzug, der seinerzeit höchst elegant
und in den Hundstagen gewiss auch sehr angenehm gewesen war, welcher aber jetzt
durchaus nicht mehr irgendeinen Anspruch auf Neuheit, Eleganz und Zweckmässigkeit
machen konnte und den jedes wärmer bekleidete Menschenkind nur mit Schauder und
Frösteln ins Auge fassen konnte. Hellblau war seine Farbe! Gentile Schäbigkeit
umhauchte die ganze Erscheinung, und etwas Unwägbares, Unfassbares, Unfühlbares,
welches seinen Sitz ebensogut in dem lockern Halstuch wie in den hellblauen
Zeugstiefelchen haben konnte, verkündete unwiderleglich, dass der Gegenstand
unserer Schilderung mit mehr Phantasie als Verstand begabt sei und dass er nicht
zu jenen soliden Klassen und Stützpfeilern der Gesellschaft gehöre, auf welche
das Auge des Nationalökonomen mit Wohlgefallen blickt.
    Julius Schminkert war ein Künstler, ein Künstler in des Wortes verwegenster
Bedeutung, und nur deshalb kein Genie, weil er die eine Grundbedingung der
Genialität, Selbstvertrauen, in zu hohem Grade, und die andere,
Konzentrationsfähigkeit, in zu geringem Masse oder, besser gesagt, gar nicht
besass. Er konnte alles - Komödie spielen, Verse machen, einen Pudel scheren,
einen Menschen frisieren, mehrere Instrumente spielen sowie jedes beliebige
Kartenspiel; auf dem Billard war er Meister, sein Vertrauen auf die Langmut
Gottes war unerschütterlich. Übrigens log er gern und mit Geschick; wir führen
den leichtsinnigen Tropf vor, wie wir ihn auf dem Wege unserer Feder gefunden
haben. Augenblicklich befand er sich in den Hallen des Zentralpolizeihauses, um
Verwahrung einzulegen gegen eine Auspfändung, bei welcher man ihm ausser allem
andern, was sein war, aus Versehen auch seine »Rollen« mit ausgeführt hatte. Ein
juristischer Freund hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, dass dieses dem Recht
des beneficii competentiae, wonach der Gläubiger dem insolventen Schuldner das
Handwerksgerät zur Erwerbung seines Lebensunterhalts lassen müsse, schnurstracks
zuwiderlaufe.
    »'s ist ja der reine Mordversuch gegen dich, Julius!« hatte der juristische
Freund gesagt. »Reine, krasse Meuchelei ist es!« Und Julius hielt diesen Fall
für eine höchst vortreffliche Gelegenheit, den Strom der Gerechtigkeit an seiner
Quelle aufzusuchen, das Talent gegen die Materie zu verteidigen und in seiner
beleidigten Würde als Künstler und Mensch gegen die zwingende Gewalt der
gemeinen Wirklichkeit und gegen den tailleur de Paris Herrn Alphonse Stibbe, den
Anfertiger des hellblauen Sommerkostüms - o holdeste Angelika Stibbe! - zu
deklamieren, Protest zu erheben und - sich dabei gratis am Feuerherde der hohen
Polizei zu erwärmen.
    Den Stossseufzer: O Angelika! haben wir nicht ohne Grund eingeschaltet. »Ich
würde mich, um zu meinem Recht zu gelangen, inniger an Fräulein Angelika Stibbe
als an irgendein Institut menschlicher Gerechtigkeitspflege halten«, hatte der
juristische Freund seinen Ratschlägen und Anreizungen hinzugefügt, ohne jedoch
dadurch den beleidigten Rechtssinn Schminkerts in ein anderes Bett leiten zu
können; denn Julius hatte sich nur in seine wirkungsvollste Attitüde geworfen,
und die linke Hand aufs Herz legend, die rechte zum Himmel emporstreckend, hatte
er gerufen:
Soll ich die Schönheit dergestalt entwürd'gen,
Dass sie das Gold, das in den Staub mir fiel,
Im Hohn des Pöbels seufzend sucht zusammen
Und kniend das Verlorene mir bietet?
Solcher idealen Anschauung zartester Verhältnisse nachgebend, befand sich Julius
Schminkert in diesem Augenblick im Vorzimmer des Büros Nummer dreizehn. Manch
einen verschlungenen Namenszug, manch ein vom Pfeil der Liebe durchbohrtes,
manch flammenschlagendes Herz hatte er an die beschweisste Fensterscheibe
gezeichnet; jetzt unterbrach er sein Trommeln an ihr, um mit untergeschlagenen
Armen zu aufmerksamer Betrachtung sich vor Robert Wolf aufzupflanzen. Nach einem
minutenlangen Anstarren fragte er mit Grabesstimme: »Wofür drin?«
    Robert sah nicht einmal auf, regte sich nicht. Julius Schminkert legte ihm
patetisch die Hand auf die Schulter:
    »Mitbruder im Pech, nenne mir das Verbrechen oder das Unglück, das dich an
diesen Ort des Heulens und Zähneklapperns führt! Zu den Gezeichneten gehörst du,
ich sehe das Mal auf deiner Stirn. Ich sehe auch die kalte Faust, welche dich am
Rockkragen gepackt hält, dich schüttelt und dich demnächst mit Grazie in die
Ecke werfen wird, wohin sie schon so manchen deinesgleichen geworfen hat.
Unglücklicher, wehe dir!«
    Mit offenem Munde starrte Robert jetzt den Deklamator an:
    »Sind Sie verrückt?« fragte er mit stumpfem Grimm.
    »Nicht mehr als alle andern vernünftigen Menschen - nur ein wenig
aufgeregt«, meinte Julius Schminkert. »Unbekannter Mensch, Wanderer auf dem
runden Ball der Erde, der nicht der Ball des Glückes ist; in der zweiten Person
Singularis rede ich dich an, weil ich mich auf dieser Bank neben dir
niederlasse. Brüder im Leiden sind alle die, welche auf diesem vierbeinigen
harten Ungeheuer beieinander sassen, sitzen und sitzen werden. 's ist eine grosse
Verwandtschaft.«
    »Ich schlage Ihnen den Schädel ein, wenn Sie mir noch näher rücken!« rief
Robert, die Faust erhebend und zum äussersten Ende der Bank zurückweichend.
    »Ruhe dort im Winkel!« schnarrte Greiffenberger vom Ofen her. »Herr
Schminkert, seien Sie doch verständig!«
    »Verständig?« rief Julius. »Ich bitte Sie, Herr Wachtmeister, können Sie das
von einem Menschen, der bei solchem Wetter so leicht gekleidet geht, verlangen?
Verständig?! Auf dem Wege hierher begegnete mir ein Wirklicher Geheimer Rat in
einem Marderpelz; man sah nichts von ihm als die Nasenspitze, und an dieser
Nasenspitze sah ich sogar dem Mann bei dieser Kälte den Unverstand an.
Verständig?!«
    »Auch 'ne Ansicht von die Sache«, brummte Greiffenberger, und die
Unterhaltung stockte einige Zeit im Vorzimmer des Büros Nummer dreizehn. Robert
Wolf hatte den Kopf wieder in beide Hände genommen, Julius betrachtete ihn
verstohlen von der Seite, und Greiffenberger sog mit der Schattenseite seines
Ichs soviel Ofenwärme wie möglich ein und sah so gedankenlos wichtig wie möglich
dabei aus.
    Der Wind trieb den eisigen Regen in immer schärferen Stössen gegen die
Fensterscheiben, der Nebel wurde immer dichter, die Welt im allgemeinen wie im
besondern immer unbehaglicher. Schminkert gab sich den seltsamsten
Körperverrenkungen auf seinem Ende der Bank hin, bis er das Möglichste, was in
dieser Art zu leisten war, geleistet hatte und sein quecksilberartiges
Temperament eine Veränderung der Unterhaltung erforderte. Er erhob sich, dehnte
und reckte sich, gähnte entsetzlich und schritt zu dem Ofen, wo er den
Polizeiwachtmeister in ein leises Gespräch verwickelte, und bald hatte er aus
dem würdigen Mann alles heraus, was er über den armen Robert wusste.
    Dann erklang die Glocke des Polizeirats Tröster; Greiffenberger rückte den
Säbel zurecht, marschierte in ordonnanzmässiger »Properteh« in das Heiligtum des
Büros und liess das bodenlose Genie im kopfschüttelnden Nachsinnen über den
Reichtum der Welt an tollen Lebenserscheinungen zurück.
    Dann hatte Robert Wolf abermals dem charakteristischen Winke der
Sicherheitsbehörde Folge zu leisten. Wieder stand er vor dem Mann, welcher einen
so grossen Einfluss auf sein nächstes Schicksal hatte, welchen die Gewohnheit aber
auch ziemlich gleichgültig gemacht hatte gegen die Frage, was das Gewicht
bedeute, das er in die Waagschale warf, in der eine menschliche Existenz gewogen
wurde. Glücklicherweise war in dem Büro Nummer dreizehn ein anderer gegenwärtig,
der sich vorgenommen hatte, auf andere Art in das Leben Robert Wolfs
einzugreifen, als der Polizeirat Tröster es vermochte.
    »Wolf«, sagte der Polizeirat, »Eure Angelegenheit hat sich zum besten
gewandt. Wir wollen unsererseits den achttägigen Arrest als eine genügende
Strafe Eures unbesonnenen Verhaltens, Eures ungebührlichen Betragens ansehen,
andererseits ist auch auf Bitten des Herrn von Poppen die Sache
niedergeschlagen, und - Sie sind frei, Robert Wolf. Hier soll ich Ihnen eine
Banknote geben, welche von der ebenerwähnten Seite kommt. Nehmen Sie und
verwenden Sie das Geld -«
    »Von ihm, von ihr meine Freiheit? Von ihm, von ihr dieses Geld?« schrie
Robert Wolf, und es wurde wieder einmal deutlich, dass Maler und Bildhauer, um
Charakterköpfe zu studieren, sich häufiger auf dem Polizeibüro einfinden
sollten. »Herr, Herr«, rief der Knabe aus dem Walde, »o Herr, lassen Sie mich
wieder in das Loch sperren! O die Schlechte! die Schändliche!«
    Die Stimme versagte dem Jüngling, erstickt durch Grimm und Tränen; so sank
er auf die Bank, auf welcher vorhin Konrad von Faber gesessen hatte. Der
Schreiber flüsterte dem Rat etwas ins Ohr, dieser sah ihn höchst verwundert an,
nickte dann mit dem Kopfe und trat von seinem Schreibtische gegen die
Armensünderbank heran, die Banknote des Barons von Poppen in der Hand:
    »Herr Robert Wolf -«
    Mit geballter Faust sprang der Angeredete drohend wieder in die Höhe.
    »Was treibt Sie, junger Mann?« fragte der Beamte würdevoll, aber doch einen
Schritt zurückweichend. »Halten Sie sich ruhig. Es steht in Ihrem Belieben,
dieses Geld zu nehmen oder es von sich zu weisen.«
    »Auch meine Freiheit will ich nicht haben durch ihre Gunst und Gnade!« rief
Robert Wolf. »Wenn es Gerechtigkeit ist, dass ich ins Gefängnis komme für das,
was ich tat, so will ich eingesperrt sein, so wie es im Gesetzbuch steht, bis an
meinen Tod. Denen aber will ich nichts verdanken - nichts, nichts!«
    Der Hauptmann von Faber murmelte vor sich hin: »Eine Doppelbüchse, ein Ross
und die Prärie«, der Schreiber Friedrich Fiebiger aus Poppenhagen gab seinem
Vorgesetzten abermals ein Zeichen, und letzterer sagte darauf ganz kurz zu dem
Jüngling:
    »Treten Sie noch einmal ab, Wolf! Ich werde Sie sogleich wieder rufen
lassen.«
    Jetzt steigt Fiebiger von seinem hohen Dreifuss, nach der Entfernung Robert
Wolfs, herab und tritt - mehr in die Mitte dieser Geschichte, wenn auch grade
nicht ganz in den Mittelpunkt, den eine Geschichte in dieser Zeit des breiten
Lebens selten matematisch genau haben kann.
    Da stand der Schreiber Friedrich Fiebiger aus Poppenhagen im Winzelwald,
hager und, wie es schien, etwas hungerig, sehr ältlich, gelblich und blutleer,
gekleidet in abgetragenes Schwarz. Da stand er und liess die kleinen glänzenden
Augen von einem der beiden anwesenden Herren zum andern gleiten. Ich suche nach
einem Gleichnis, welches die Erscheinung des Mannes klarer vor die
Einbildungskraft führe, und nichts fällt mir ein als ein auch dem Einfall nahes,
hohes, altes, schmales Haus in der Altstadt, ein Haus, zur Seite geneigt,
geschwärzt und vernachlässigt; ein Haus, in dessen zweifenstrigem Erker, den
Wolken so nahe als möglich, ein Freund von mir wohnte, ein Narr, der seine
Gedichte nicht niederschreiben konnte, weil er niemals einen Reim finden konnte,
ein armer Teufel, der mit der Welt spielte wie Zeus, der Vater der Götter, und
am Nervenfieber starb. Wie oft bin ich in spätester Nachtstunde durch das
Schleichgässchen geschlichen, aufblickend zu diesen beiden hellen Fenstern! Alles
war dunkel und schmutzig dann. Nur die beiden Fenster leuchteten in der Nacht,
und diesen beiden Fenstern vergleiche ich den spasshaften Glanz in den Augen des
Polizeischreibers Friedrich Fiebiger, wie ich seinen übrigen Leib leider dem
wackligen Hause Nummer vierundachtzig im Schleichgässchen vergleichen kann.
    Da stand der Mann, rieb die magern Hände aneinander und sagte:
    »Ich muss um Verzeihung bitten, Herr Rat, wenn ich mich bei dem, was ich zu
sagen habe, nicht so kurz fassen kann, wie ich wohl möchte.«
    Der Polizeirat und der Hauptmann sahen in demselben Tempo beide nach der
Uhr.
    »Manches Jahr habe ich«, fuhr der Schreiber fort, »an diesem Pulte
verschrieben. Wie ich hoffe, zur Zufriedenheit meiner Vorgesetzten.«
    Der Polizeirat, welcher allmählich anfing, sich nach seinem Whisttisch zu
sehnen, nickte energisch, was ebensogut heissen konnte: Jawohl, Sie schreiben die
leserlichste Hand, die mir jemals vorgekommen ist! als auch: Ich bitte Sie
inständig, fassen Sie sich so kurz als möglich.
    »Wie der Herr Rat weiss«, sprach Fiebiger, »hat man an dieser Stelle mehr mit
der Schattenseite als mit der Lichtseite des Daseins zu tun. Man atmet aber in
einer Atmosphäre, die den Menschen alt werden lässt, weil sie ihm die Seele gerbt
- 's ist ein fortwährendes Stahlbad, höchst gesund, fast zu gesund.«
    Seufzend gab der Polizeirat seinem Protokollführer recht, und der Hauptmann
strich eifriger seinen Bart.
    »Ich kann's mir nicht mehr verbergen«, fuhr der Schreiber fort, »ich bin alt
geworden; die allzu gesunde Atmosphäre fängt an, meine Nerven anzugreifen. Ich
hätte es nimmer für möglich gehalten. Die Gespenster, welche ich in diese
Register eingeschlossen habe, fangen an, sich zu rächen; sie bekommen ein
kurioses Leben, kriechen hervor aus ihren Foliobänden, schlüpfen durch das
Schlüsselloch und kommen nächtlicherweile vor mein Bett, ihren Spass mit mir zu
treiben. Es ist ein grimmiger Spass, und ich bin ein alter einsamer Mensch. Als
ich jung war, habe ich wohl mit Händen und Füssen um mich schlagen und treten
können; da hatte das Gesindel noch Respekt. Jetzt kann ich nur die Bettdecke
über den Kopf ziehen; aber die Gespenster sind schlau, sie wissen mich doch
darunter zu finden. Sie machen Stimmen nach, Stimmen, welche ich seit vierzig
Jahren in diesem Hause gehört habe. Sie weinen und wimmern wie Kinder, sie
schluchzen und kreischen wie Weiber, sie fluchen auch wohl ein wenig. Dann kommt
dazwischen ein Lachen, und das fürchte ich am meisten, es ist das echte, das
wirkliche und wahre Sich-zu-Tode-Lachen. Zum Exempel, das junge Weib, welches
wir neulich hier vernahmen und welches am folgenden Tage im Krankenhaus starb,
lachte so. Was soll man dagegen machen?«
    »Sie hätten heiraten sollen, Herr Fiebiger«, meinte der Hauptmann, welcher
ein eingefleischter Hagestolz war. Der Polizeirat, welcher zu Haus eine
Polizeirätin hatte, seufzte:
    »Vollständig hilft das auch nicht, Faber.«
    Der Schreiber blickte seinen Vorgesetzten wehmütig an:
    »Um sich gegen das Alter zu schützen, muss man sich geistig an der Jugend
erwärmen, wie der König David in seinen spätern Jahren sich körperlich daran
wärmte. Ähnlich wie der Knabe im Vorzimmer bin auch ich vor langer Zeit aus dem
Winzelwalde in dieser Stadt angekommen. Ich könnte darüber auch meine Geschichte
erzählen, aber es würde zu nichts führen; ich will nur sagen, dass dieser Robert
Wolf und ich Landsleute, dass wir beide Hintersassen der Herren von Poppen sind
und dass mir der Junge ungemein gefällt. Er hat mir meine ganze Jugendzeit wieder
lebendig gemacht, und seit ihn der Herr Revierleutnant Kirre hierher sandte,
sind die oben besprochenen Gespenster in ihre Folianten zurückgekrochen; mit
andern Gedanken habe ich mich umhergetragen. Ich habe den Burschen studiert, wie
man ein Buch studiert, und jetzt bin ich zu einem Entschluss gekommen: Ich bitte
den Herrn Polizeirat gehorsamst, mir besagten Robert Wolf aus Poppenhagen mit
Haut und Haar zur weitern Verfügung zu überlassen.«
    »Sie wollen also wirklich?« fragte der Polizeirat Tröster.
    »Was?!« rief der Hauptmann von Faber.
    »Ich fürchte mich daheim vor diesen Bänden«, sagte der Schreiber, wieder die
Hand auf die Registerbände legend. »Ich habe ein zu gutes Gedächtnis für das,
was ich hier eintragen muss. Ich kann nicht mehr allein sitzen in meiner Stube.
Ich will die Seele dieses Knaben retten, und er soll mir das Licht der Jugend
vorantragen auf dem dunkeln Wege ins Grab.«
    »Fleck getroffen! Bravo!« rief Konrad von Faber, der Polizeirat jedoch
meinte kopfschüttelnd:
    »Haben Sie sich das wohl recht überlegt, Fiebiger? Sie bei Ihrem
jämmerlichen Einkommen wollen sich eine solche Last, eine solche
Verantwortlichkeit aufbürden?«
    »Ich habe wenig Bedürfnisse gehabt in meinem Leben und werde den Jungen
schon durchfüttern. Was die Verantwortlichkeit betrifft, so bin ich ein wenig
Psycholog und glaube meinen Weg klar vor mir zu sehen. Ein Professor der
Seelenkunde mag über sein Fach sehr gut dozieren können; aber ein alter
Polizeischreiber wird auch immer wissen, was er dem Individuum gegenüber zu tun
und zu lassen hat.«
    »Das mag alles sein, bester Fiebiger, aber -«
    »Ach, Herr Rat, wir tappen alle in der Finsternis umher und wissen selten,
was zu unserm Besten ausschlagen wird. Ich habe nun einmal mein Herz an diesen
Knaben und diesen Wunsch gehängt. Ich bitte gehorsamst, schenken Sie mir diesen
Schlingel, diesen Robert Wolf aus dem Winzelwalde. Die Welt weiss in diesem
Augenblick doch nichts damit anzufangen, sie würde ihn ausmustern und einen
Lumpen mehr daraus machen; - ich aber will versuchen zu bewirken, dass sein Name
nicht noch einmal in diesen Büchern, Folio W, erscheine.«
    »Ich werde Ihrem Plan und Vorhaben gewiss auf keine Weise entgegen sein,
Fiebiger. Nehmen Sie den Burschen und machen Sie daraus, was Sie wollen. Sie
sind mein treuer, guter Kollege und Freund. Hier haben Sie meine Hand, wir
wollen Freunde bleiben, Sie alter Humorist.«
    »Geben Sie mir auch Ihre Hand, Herr Fiebiger!« rief Konrad von Faber. »Wenn
ich Ihnen oder Ihrem Schützling einmal auf irgendeine Art nützlich sein kann,
wird mir das zu grosser Genugtuung gereichen.«
    Der Schreiber lächelte, indem er dem Hauptmann die Hand entgegenstreckte:
    »Sie kommen weit herum in der Welt, Herr Hauptmann; wer weiss, wo und wie Sie
meinem jungen Wolf noch einmal begegnen. Wenn Sie dem Glück begegnen, so
schicken Sie es mir nur zu, Musikantengasse Nummer zwölf, oder hierher,
Zentralpolizeihaus, Büro Nummer dreizehn. Ich darf also die Entlassung aus dem
Arrest für Robert Wolf ausfertigen, Herr Rat?«
    »Tun Sie das, ich will sogleich unterschreiben.«
    Beides geschah, und die Klingel erschallte wieder; zum dritten und letzten
Male trat Robert Wolf in das Büro Nummer dreizehn.
    »Herr Wolf, Sie sind frei«, sagte der Polizeirat. »Die Banknote wird auf
Ihren Wunsch dem Herrn von Poppen zurückgesandt. Ihre Freiheit erhalten Sie
nicht auf Fürbitte des Fräulein Eva Dornblut, sondern weil die
Sicherheitsbehörde nach Kenntnisnahme der Sachlage, und da keine Anklage weiter
erhoben ist, es so beschloss. Hier ist das Attest; was ferner noch hinzuzufügen
ist, ist, dass -«
    Der Redner unterbrach sich, denn er sah klar, dass der Knabe nicht fähig war,
seine Worte zu begreifen. Einen Augenblick starrte Robert wie ein Irrer das
Papier an, welches der Rat in seine Hände gelegt hatte; dann stiess er einen
rauhen Schrei aus, und ehe ihm jemand hindernd in den Weg treten konnte, stürzte
er mit einem Sprung aus der Tür und war verschwunden.
    »Ihm nach, Greiffenberger!« rief der Rat, völlig ausser Fassung gebracht.
»Schnell ihm nach, bringen Sie ihn zurück - dieser Tollkopf!«
    »Halt, halt!« rief der Schreiber ängstlich, »nicht Sie, Greiffenberger! Herr
Rat, ich bitte - der Junge stürzt sich von der ersten Brücke in den Fluss, wenn
wir ihn auf diese Art wiederbekommen wollen.«
    »Aber was soll geschehen? Wir dürfen dieses unbändige Waldtier doch nicht
aus den Augen verlieren.«
    »Wer ist noch im Vorzimmer, Greiffenberger?« fragte der Schreiber.
    »Na, Sie wissen - der Schauspieler Schminkert - Herr Julius Schminkert - von
wegen einer Auspfändung. Ich habe ihm schon erklärt, das gehöre nicht vor diese
Stelle; aber er bleibt ein Narr und will sich nicht zurechtweisen lassen.«
    »Schon gut. War der mit dem jungen Menschen zusammen draussen?«
    »Ja, die ganze Zeit über. Es hätte beinahe eine Katzbalgerei zwischen ihnen
gegeben.«
    Der Schreiber wandte sich an seinen Vorgesetzten:
    »Lassen Sie uns den Hanswurst hinter dem Flüchtling herschicken. Ich stehe
dafür, er fasst ihn. Schminkert wohnt mit mir in einem Hause; ich kenne ihn. Darf
ich mit ihm sprechen?«
    »Sie haben volle Freiheit. Ich gebe diese Sache jetzt ganz in Ihre Hand.
Rufen Sie den Herrn, Greiffenberger.«
    Der Wachtmeister ging, und Julius Schminkert erschien mit seiner
graziösesten Verbeugung:
    »Meine Herren, ich habe die Ehre -«
    »Keine Phrasen, Blumen und Verse, Julius!« rief der Schreiber. »Sie haben
den Knaben gesehen, welcher soeben aus dem Zimmer stürzte?«
    »Haben Sie ihm hier keinen Tritt auf die hinteren Weichteile versetzt?
Nicht? Das wundert mich! Was beflügelte aber auf solche Weise seine Füsse?«
    »Dummes Zeug. Eilen Sie dem jungen Menschen nach, Julius; und sollten Sie
die ganze Stadt nach ihm durchlaufen, Sie müssen ihn uns schaffen. Ich komme
Ihnen nach; aber Ihre Beine sind jünger. Zehn Taler - leihe - ich Ihnen, wenn
Sie den Jungen finden und bewerkstelligen, dass ich meine Hand auf ihn legen
kann.«
    »Aber -«
    »Kein Aber! Eilen Sie; jeder Augenblick ist kostbar. Denken Sie an die zehn
Taler.«
    »Zehn Taler? - Greis, dein Wort klingt voll und schwer, ich flieg und schaff
den holden Flüchtling her.«
    Dem Polizeischreiber eine Kusshand zuwerfend, hüpfte der blaubekleidete
Julius dem entflohenen Knaben aus dem Walde nach.
    »Da läuft auch der Narr hinter dem Tollen her«, lachte der Hauptmann. »Sie
haben eine seltsame Bekanntschaft, Fiebiger.«
    »Es macht sich so, Herr Hauptmann. Darf ich für jetzt um Urlaub bitten, Herr
Rat?«
    Der Polizeirat half seinem Untergebenen eigenhändig beim eiligen Anziehen
des Überrocks. Der Hauptmann reichte ihm den Regenschirm. Greiffenberger stand
erstarrt und erklärte im Innersten seiner Seele den alten Fiebiger für verrückt
- rein verrückt.
    Der Rat Tröster blieb allein mit dem Hauptmann.
    »Was denken Sie darüber, Faber?«
    »Ich hab's schon gesagt, by Gad, die Polizeistube hat ihre Wunder wie die
weite Welt. Ich muss ins Freie, Eccellenza. Wir treffen uns heute abend doch bei
Wienand? Ich muss meinen Amerikaner daselbst vorstellen. - Komme mir noch einer
und behaupte, das alte Europa sei so platt und glatt geworden, dass es nicht mehr
der Mühe lohne, sich daselbst zu bewegen.«
    Auch der Hauptmann ging. Die Lampen wurden angezündet in dem
Zentralpolizeihause; der Rat Tröster vertiefte sich in eine dicke Akte, ein
Intrigenstück voll tragischen Inhalts, wenn auch nicht in Jamben geschrieben.
Als er dann eine Stunde später den Kopf wieder in die Höhe richtete, sagte er,
ohne irgendwelchen Bezug auf seine Arbeit:
    »Närrische alte Schreiberseele. - Soll mich wundern, was der aus dem Jungen
machen wird!«
 
                                Drittes Kapitel
Julius Schminkert macht sich nützlich; Robert Wolf macht die Bekanntschaft eines
                        Wagenrades und einer jungen Dame
Wenn ein edles freies Tier Unglück gehabt hat und in die Hand des Menschen
gefallen ist, wenn es dann, an dem Kasten, in welchem man es den Augen der
gaffenden Menschen vorführt, eine schwache Stelle, eine lockere Eisenstange
bemerkend, aus seinem qual- und schmachvollen Gefängnis hervorbricht und in eine
unbekannte Welt von Mauern und Volksgewühl statt in die stille Wüste und Wildnis
seiner Heimat stürzt: so mag es ungefähr ein gleiches Bewusstsein seiner Lage
haben, wie Robert Wolf in dem Augenblicke, wo er aus dem Polizeihause auf die
Gasse sprang, von der seinigen hatte.
    Besinnung, Überlegung, alles war untergegangen in dem einen tierischen
Trieb, um sich zu schlagen, körperlich sich loszureissen, körperliche Hindernisse
zu Boden zu werfen. Es war die höchste Zeit, dass die so arg gepeinigte Natur des
Knaben sich nach irgendeiner Seite hin Luft machte, wie flüchtig das auch sein
mochte. In solcher Seelenstimmung fragt man nicht, was aus einem werde, wenn man
die Hand erhebt zum tödlichen Stoss und Schlag; man wirft die Begegnenden über
den Haufen, lässt sich stossen und treiben, ohne dass man es merkt, und rennt -
rennt, bis die Lungen die Brust zersprengen wollen und die Knie zusammenbrechen.
Dann kann man sich halb blödsinnig an eine Ecke lehnen oder sich zu Boden
werfen, sich anstarren lassen und sich - besinnen.
    Der Regen hatte aufgehört, der Nebel war geblieben; im Schein des Gaslichts
glänzte das übereiste Pflaster, und Robert stürmte über den gefährlichen Boden,
ohne zu ahnen, dass ihm die Wendung seines Lebens und Geschickes so nah auf den
Fersen war und atemlos hinter ihm herkeuchte in der Gestalt Julius Schminkerts,
des darstellenden Künstlers.
    Von dem verblüfften Wachtposten am Tor des Polizeihauses hatte sich Julius
die Richtung, welche der Flüchtling genommen hatte, andeuten lassen und folgte
ihr mit möglichster Schwung- und Schnellkraft. An der nächsten Ecke schon traf
er auf einen ältlichen Herrn, welcher sich ärgerlich die Schulter rieb und
Blicke und Worte des höchsten Missfallens die Gasse hinabsandte. Diesen Worten
oder Blicken konnte Julius ohne Aufentalt nachsausen, ohne fehlzulaufen. Er tat
es und stiess an der folgenden Strassenkreuzung auf eine Gruppe, die sich um einen
auf dem Pflaster liegenden Korb und einen ausser sich geratenen Menschen
weiblichen Geschlechts gesammelt hatte. Wiederum, ohne sich damit aufzuhalten,
der belfernden Furiosa die entfallenen Varia aufsammeln zu helfen, eilte
Schminkert, die Gleichgültigkeit des Verfolgten gegen die Gefühle der
begegnenden Menschheit segnend, weiter und traf noch auf mancherlei Zeichen,
welche klar die Richtung angaben, die Robert Wolf genommen hatte, welche aber
auch immer klarer bewiesen, dass derselbe die Zurechnungsfähigkeit, die man von
einem polizierten Menschen verlangen kann, noch lange nicht wiedererlangt habe.
    Durch manche Strasse, über manchen Platz setzte der Deklamator dem Jüngling,
an dessen Fersen ein Darlehen von zehn Talern hing, nach, würde aber
wahrscheinlicherweise doch weder des einen noch des andern habhaft geworden
sein, wenn nicht ein Zufall oder, besser gesagt, ein Unfall ihm beides zuletzt
in die Hände geliefert hätte. Dass dieser Unfall bei dem Seelenzustande Roberts
nicht früher eingetreten war, war fast für ein Wunder zu nehmen.
    Ein Wagen, der im vollen Rossestrab um die Ecke bog, setzte dem Lauf des
armen Knaben ein Ziel. Von den Pferden zur Seite geschleudert, von einem Rade
gestreift, verlor Robert Wolf völlig das Bewusstsein und legte sich
langhingestreckt auf das kalte, mit Eis überzogene Pflaster.
    Welche Bewegung solch ein Fall in den Gassen einer grössern Stadt hervorruft,
wird wenigen unbekannt sein. Eine Volksmenge hat sich um den Wagen und den
Verunglückten versammelt, als sei sie durch Hexenwerk aus dem Boden
aufgestiegen. Man fällt dem entsetzten Kutscher in die Zügel; Weiber schlagen
kreischend die Hände über den Köpfen zusammen; Männer fluchen und schreien nach
der Polizei; die Polizei aber hat die grösste Mühe, die schreckensbleichen
Insassen des Wagens vor tätlichen Beleidigungen zu schützen. Vor Worten und
Gesten kann sie dieselben nicht schützen.
    Julius Schminkert kam auf der Unglücksstätte gerade zur rechten Zeit an, um
dem Spektakel die Blüte abzubrechen und sich des unter den Fäusten mehrerer
gutmütiger Weiber ins Leben zurückgerufenen Robert zu bemächtigen. Den Arm des
niedergeworfenen Knaben aus dem Walde haltend, schickte sich der Mime eben an,
im höchsten Tragödenton gegen die in donnernden Karossen über die Leichen des
Plebejertums wegrasselnde Aristokratie und Plutokratie loszulegen, als ihn ein
Blick auf den Wagen bewog, den Strom der beredten Rede durch ein krampfhaftes
Niederschlucken zurückzudrängen und, grob und deutsch gesagt, doch lieber das
Maul zu halten.
    Aus dem Wagenfenster beugte sich das hübscheste Mädchengesicht, bleich vor
Schrecken und Entsetzen. Eine winzige Hand im weissen Handschuh mühte sich
vergeblich zitternd ab, den Schlag zu öffnen, und grosse angstvolle Augen baten
flehentlich die Menge um Erbarmen.
    Ein fetter Kommerzienrat, eine alte verrunzelte Gräfin hätten das
angerichtete Unheil noch so tief empfinden und bedauern können: so rührend wie
dieses junge, der Ohnmacht nahe Kind hätten sie nicht ausgesehen und also auch
nicht solchen Eindruck auf die Stimmung und die Gefühle Julius Schminkerts und
des übrigen Volkes gemacht.
    »Erlauben Sie, mein Fräulein, ängstigen Sie sich nicht!« rief der
Deklamator, höchst dienstbeflissen den Wagenschlag öffnend und der jungen Dame
die Hand zum Aussteigen bietend. »Sie würden am besten tun, wenn Sie ruhig
sitzen blieben«, fügte er hinzu, »es hat wirklich nichts zu sagen - eine kleine
Schramme - der Tölpel wird sogleich wieder auf den Füssen stehen und Ihnen die
Hand küssen.«
    »O nein, nein! Bitte, lassen Sie mich aussteigen - lassen Sie mich selbst
sehen! - oh, es tut mir so leid!«
    Schon stand sie im Schein des Laternenlichts auf dem kalten, nassen
Pflaster, stumm angestarrt von der eben noch so drohenden, so wilden Menge. Die
Lieblichkeit und Zarteit der Erscheinung und ihre schmerzvolle Angst bändigten
die rohesten Gemüter im Haufen, und der mutwilligste Schusterjunge unterbrach
sein Pfeifen und Geschrei und hatte eine Ahnung davon, dass es ein edel Ding sei
um die Schönheit.
    
    Während der bepelzte Kutscher dem auf dem Schauplatz des Unglücks
erschienenen Mann der öffentlichen Sicherheit Bericht gab über das Geschehene
und erklärte, dass dieser Wagen dem Bankier Wienand gehöre und dass die junge Dame
Fräulein Helene, die Tochter des Bankiers, sei, wagte Fräulein Helene selbst die
wenigen Schritte, welche sie von dem armen Robert Wolf trennten, und letzterer,
die Augen öffnend, sah dicht vor sich das süsse Wesen, sah in die treuen, guten,
mitleidigen Augen des Kindes; und in den Schmutz, das Getümmel der Gasse hauchte
es hinein, als habe der Wind im vergangenen Frühling den duftigen Atem einer
blühenden Waldwiese seiner Heimat aufgenommen und irgendwo aufgehoben, um ihn in
diese Stunde zu tragen. Das Geflacker der unruhigen Gaslaternen ward zu dem
ruhig leuchtenden Goldglanz, in welchem die alten Maler ihre Engel der
Verkündigung niedersteigen lassen. Es war freilich auch tiefes Mitleid und
Mitgefühl in dem Auge des alten zerlumpten Weibes, welches den Kopf des Knaben
aus dem Walde im Schosse hielt und seinen Tragkorb voll Knochen, Glasscherben und
rostigem Eisen achtlos dem öffentlichen Ehrgefühl anvertraute; aber die schwache
Menschennatur sieht nun einmal das Gute am liebsten in der Verbindung mit dem
Schönen und weiss es dann am besten zu würdigen, wenn es in anmutiger Hülle
kommt. Die Hülfeleistung der alten schmutzigen Lumpensammlerin nahm Robert Wolf
hin, ohne ihr grossen Dank dafür zu wissen; die junge elegante Dame aber erschien
ihm wie der Engel der Barmherzigkeit selbst, und als sie sich zu ihm
niederbeugte und zitternd die zitternde Hand, die er gegen sie ausstreckte,
berührte, da wünschte er, trotz Eva Dornblut, in alle Ewigkeit so auf dem
Strassenpflaster zu liegen in halber Bewusstlosigkeit und in solche glänzende,
tränenvolle Augen zu blicken.
    »Oh, wie schrecklich ist das! Oh, wie leid tut es mir! Fühlen Sie viel
Schmerzen?« rief Helene Wienand, und ihre Stimme war gleich ihrer Gestalt
liebreich und harmonisch. Wie Musik schlug sie an das Ohr Roberts; er konnte
nichts als den Kopf auf die ängstlichen Fragen schütteln und die Fragerin
anstarren. Er war in einer seltsamen Phantasmagorie befangen; die durch den
vorhergegangenen Sturm abgespannten Nerven zitterten aus in einem physischen und
psychischen Herzklopfen, während welchem das Bewusstsein von Raum und Zeit fast
vollständig verlorengegangen war. Die Gestalten von Eva Dornblut, dem Herrn von
Poppen, den verschiedenen Polizeibeamten tanzten zwar noch einen gespensterhaft
unheimlichen Reigen durch das Gehirn des Knaben; aber ihre Umrisse waren
schattenhaft und verwirrt und flossen so sehr ineinander, dass keine Gestalt sich
recht von der andern ablöste, sondern alles nur ein hässliches Gemisch und Gewirr
war. Auch das Getümmel des ihn umgebenden lärmenden Volkes trug dazu bei, diese
vor kurzem noch so inhaltvollen Figuren in der Seele Roberts in solcher Weise
aufzulösen zu farblosen Schemen. Er blickte zu dem dunkeln, sternleeren
Nachtimmel empor, in welchen das rötliche Leuchten der grossen Stadt
hinaufschlug, und aus diesem dunkeln Hintergrunde trat in diesem Moment einzig
und allein die zarte Gestalt und das Kindergesicht Helene Wienands klar und
deutlich hervor, nahm alle Gedanken des Knaben für sich in Anspruch und fing sie
in dem Schleier, welchen sie von dem Rosahütchen zurückgeschlagen hatte, und in
den Löckchen, die unter ebendiesem Hütchen so üppig hervorquollen.
    Aber der magische Augenblick, die Verzückung verging blitzschnell. Durch die
immer mehr anwachsende Menge drängte sich der Polizeischreiber Fiebiger, welchen
ein dumpfes Gerücht: in der Glockenstrasse sei ein junger Mensch von einem Wagen
total gerädert worden - richtig zur Stelle geführt hatte. Der praktische
Polizeischreiber brach den Zauber zuerst dadurch, dass er nach einem Wundarzt
rief, worauf ein wohlbeleibter behaglicher Herr in einem warmen Mantel, vom
Schreiber und mehr als einem in der Menge als »Doktor Pfingsten« begrüsst,
hervortrat und sich mit einem vertraulichen Nicken gegen Fiebiger und einem
freundlich beruhigenden Gruss gegen das Fräulein zu Robert Wolf herniederbeugte.
    Nach einer kurzen Untersuchung tat er den Ausspruch: »Subjekt möge
versuchen, sich auf den status quo, nämlich seine beiden Beine, zu stellen.«
    Unterstützt von mehreren hülfreichen Händen, erhob sich Robert von der Erde
und aus dem Schoss der alten Kehrichtdurchwühlerin und ging mit einigen
unbedeutenden Schrammen und Quetschungen, einigen sehr bedeutenden Rissen in
Rock und Hosen und ungemein strubbligem Haar aus dem Unglück hervor.
    Fräulein Helene schlug mit einem kindlich jauchzenden Freudenschrei die
Hände zusammen, der Schreiber nahm beruhigt eine Zigarre hervor; nur Julius
Schminkert schien das Wohl und Wehe des »unzivilisierten Geschöpfes«, dessen
Einfangung ihm übertragen worden war, ganz gleichgültig zu sein. Er hatte sogar
die versprochenen zehn Taler Wildfangsgeld, er hatte die Tochter eines
barbarischen Vaters, Fräulein Angelika Stibbe, vergessen. Dagegen drückte er die
Hand auf die Stelle, wo er das Herz vermutete, nämlich die Stelle, wo gewöhnlich
die Milz zu suchen ist, starrte unverwandt auf Fräulein Helene Wienand und
murmelte etwas von »Herzschlag mit Hochdruck, Sternenaugen und komprimiertester
Wehmut«, verdrehte und schloss gleich einem Automat mit mangelhafter Mechanik die
Augen und seufzte:
    »Perennierender Eindruck!«
    Nicht den vorübergehendsten Eindruck machte er jedoch durch solches Gebaren
auf die junge Dame. Sie hatte noch nicht den geringsten Begriff davon, dass ein
Mensch ihretwegen die Augen verdrehen könne - eine sehr seltene und recht
klägliche Unwissenheit bei dem schönsten Geschlecht aller Zeiten, dem schönen
Geschlecht der so äusserst gescheiten und unterrichteten Jetztzeit.
    »Guten Abend, Fiebiger - Ihr Diener, Helene. Nun, junges Fräulein, wollen
wir jetzt über die Leiber unserer Mitmenschen fahren, wie wir demnächst über
ihre Herzen fahren werden? Beruhigen Sie sich, liebstes Kind, dem Bengel ist
kein Schaden geschehen. Schnell wieder in Ihren Wagen, oder es setzt einen
Katarrh der Nasenschleimhäute oder gar eine Grippe, für welche ich dem Papa dann
verantwortlich bin. Man darf die Männer der Börse in unserm Jahrhundert nicht
ärgerlich machen; steigen Sie ein, Fräulein Wienand; ich wollte, meine
Gliedmassen wären in so gutem Zustande wie die des Jungen hier. Steigen Sie ein,
und nehmen Sie mich mit. Sie fahren doch nach Haus, he?«
    Helene bejahte die Frage des Arztes; aber sie zögerte noch, den Fuss auf den
Wagentritt zu setzen. Ihr Blick schweifte immer noch mit tiefem Bedauern zu
Robert Wolf hinüber.
    »Nun? Eh?!« fragte der Arzt, und Helene flüsterte ihm etwas in das Ohr,
indem sie ihm zugleich verstohlen ihre Börse in die Hand gleiten lassen wollte.
    »Aha«, brummte der Arzt. »Was ist da zu flüstern? Geben Sie, ich will schon
-«
    »Lassen Sie, ich bitte, Herr Sanitätsrat«, sagte aber schnell Fiebiger. »Der
junge Mann steht unter meinem Schutz und gehört mir an.«
    »Das ist etwas anderes. Bitte um Entschuldigung. Guten Abend, Fiebiger.
Steigen Sie ein. Helene; hier ist Ihre Börse zurück.«
    Jetzt trat das junge Mädchen, Schreckhaftigkeit und Schüchternheit
niederkämpfend, ganz mutig auf Robert zu:
    »Es tut mir so leid - ich - ich -«
    Der ungeduldige Arzt hob die zarte Gestalt fast mit Gewalt in den Wagen, ehe
sie ihre Rede vollenden konnte.
    Er stieg ihr auch sogleich nach und schlug den Wagenschlag zu:
    »Fort nach Haus, Johann, du unvorsichtiger Tolpatsch!«
    Polizeimann Schnaubert steckte die Brieftasche mit den dienstlichen Notizen
über den Fall in die Brusttasche, berührte mit der Hand den Mützenrand gegen den
Polizeischreiber und trat zurück unter den Chor des Volkes. Die Pferde zogen an.
Noch einmal blickte ein bleiches Gesichtchen aus dem Wagenfenster auf die
Unglücksstelle. Der Wagen rollte um die Ecke, und die Menge, welche zum grössten
Teil jetzt bedauerte, dass die Geschichte so gut abgelaufen und das Schauspiel so
schnell zu Ende sei, zerstreute sich. Der Polizeischreiber, Robert Wolf und
Julius Schminkert blieben allein zurück in einer kleinen Schar hartnäckiger
Maulaffen.
    Eine Seele ist geschieden vom Leibe, das schwere, mühselige Erdenleben liegt
hinter ihr. Durch das Weltall sucht sie ihren Weg dahin, woher sie stammt. Aber
das Weltall ist dunkel; das Licht klebt nur, wie wir wissen, an den kapriziösen
Bällen, welche durch die ewige Finsternis ihre rätselhaften Bahnen gehen. Die
arme Seele ist ratloser auf diesem Wege als auf irgendeinem andern, welchen sie
auf Erden zwischen weltlichen und geistlichen Gewalten, Ver- und Geboten jemals
wandelte. Schwankende Zustände mag sie auch auf ihren Erdenwegen gekannt haben;
aber das war alles nichts gegen die Schwierigkeiten, welche sie jetzt vor sich
findet. Sie wirbelt durch die ewige Nacht, wie ein Blatt im Winde, und erkennt
die ganze schreckliche Bedeutung des horror vacui. Sie fängt an zu bedauern, dass
die Seelen nicht auch, dem Lichte gleich, bloss an den Körpern kleben; - da -
plötzlich - - fällt ein Schein auf ihren Pfad, ein Glänzen geht blitzschnell vor
ihr vorüber, und in dem Glanz ein prachtvoller weisser Engel, ein glänzender
Schmetterling der Unsterblichkeit, ein echter Paradiesvogel. Verschwunden ist
das Leuchten, wie es kam; aber die arme irrende Seele hat wenigstens den Glauben
wiedergewonnen, dass es wirklich einen Weg zum Himmel gibt.
    Ein ähnliches Gefühl erfüllte nochmals einen kurzen Augenblick hindurch die
Seele Robert Wolfs, nachdem der Wagen, welcher Helene Wienand von dannen führte,
um die Ecke verschwunden war. Dann gewann die vorige Verworrenheit und
Dunkelheit von neuem die Oberhand, und der Polizeischreiber Friedrich Fiebiger
war für das Wohl des jungen Mannes fürs erste ein bei weitem wichtigerer Faktor
als alle Lichterscheinungen, Engel und Heilige in und über der irdischen Welt.
    Sanft nahm der Schreiber den Arm des Knaben und sagte:
    »Wir wollen nicht hier in der Gasse zum Ergötzen des unbeschäftigten
Publikums stehenbleiben, lieber Robert. Kommen Sie!«
    Verwundert blickte der Angeredete den Alten an:
    »Ich soll mit Ihnen gehen? Was wollen Sie von mir? Sie haben mich ja
freigelassen, oder nicht?! Sind Sie nicht der Mann aus der Polizeistube?«
    »Das kann ich leider nicht leugnen, wie gern ich es auch möchte«, sprach der
Schreiber lächelnd.
    »Achtenswerte Stellung, von etwas penetrantem Duft umhaucht!« brummte
Schminkert drein; aber Fiebiger fuhr fort:
    »Nehmen Sie an, ich sei Ihr Freund, Robert Wolf - der Freund Ihres Vaters.«
    »Mein Vater hatte keine Freunde, und ich habe auch keine. Der Pastor Tanne
ist tot.«
    »Über alles das wollen wir später mehr sprechen; jetzt bitte ich Sie, Robert
Wolf, mir zu folgen. Sie werden doch nicht einem alten Manne und Landsmann, der
Ihnen ein Obdach und Nachtessen anbietet, sein gutgemeintes Wort vor die Füsse
zurückwerfen?«
    »Seid kein Narr, edler Fremdling, krasses Beispiel moralischer und sozialer
Übel«, mischte sich Julius wieder ins Gespräch. »Ich kenne Leute, welche für ein
Nachtessen ihre Seele dem Teufel verkaufen würden. Werft auf die Banner,
schmettern lasst Posaunen; die Mitwelt soll, es soll die Nachwelt staunen -
nämlich über den Appetit, welchen ich an dem gastfreien Tische dieses
hochherzigen Bürokraten, der mir, beiläufig gesagt, zehn Taler schuldig ist,
entwickeln werde.«
    Der Polizeischreiber warf einen bedenklichen Blick auf den Redner, dann
wandte er sich von neuem an Robert:
    »Sie als Schüler des Pastors Tanne müssen ja wissen: levis est dolor, qui
capere consilium potest, leicht ist der Schmerz, der noch auf guten Rat hört.
Sagt nicht so der Hofphilosoph des Nero, der Kaiserliche Wirkliche Geheime
Hofrat, Prinzenerzieher und Professor Lucius Annäus Seneca? Na ja, so weit kamen
Sie aber vielleicht noch nicht unterm Pastor Tanne in Ihren klassischen Studien.
Was meinen Sie, Wolf; wie wäre es, wenn Sie versuchten, augenblicklichen guten
Rat anzunehmen? Starren Sie mich doch nicht so eulenhaft an; ich will Ihre Seele
weder kaufen noch verkaufen.«
    »Herr - ich - ich -«
    »Ich wäre ein Esel und nichts mehr, wenn ich einem alten Mann seine Bitte,
einen Abend bei ihm zuzubringen, aus grundlosem Trotz abschlagen würde. Kommen
Sie, Sie holen sich sonst bei Ihrem aufgeregten Zustand ebenfalls noch eine
Erkältung von dieser Stelle.«
    »Ich erkälte mich nicht!« sagte Robert.
    »Desto besser für Sie, junges Blut. Ich aber würde mir durch längeres
Verweilen einen tüchtigen Rheumatismus in dem Schreibearm zuziehen, und das ist
ein bedenklich Ding in dieser dintensüchtigen Zeit.«
    Das Ende dieses Hin- und Hersprechens war, dass Robert Wolf die kalte Nacht
nicht obdachlos und verlassen in den Strassen zubrachte, sondern dass er zwischen
dem Komödianten und dem Schreiber der Behausung derselben zuwanderte. So
abgespannt und zerschlagen an Geist und Körper war er geworden, dass er sich
zuletzt willenlos und gleichgültig dem überliess, was ihn schob und führte, und
dass er die Verantwortung für sein armes Leben, seine todmüde Seele ganz und gar
den Leuten anheimgab, welche sich damit befassen wollten.
    »Sie sind doch ein sonderbarer alter Kauz, Fiebiger«, meinte Julius
Schminkert. »Was wollen Sie nur mit diesem schlaftrunkenen Lümmel, der jetzt im
Gehen vollständig schläft, beginnen? Wollen Sie einen Handel mit fremden Lumpen
anfangen? Ein Taschendieb, der in Ihrer Tasche nach dem Taschentuch suchte,
würde mehr als eine Grille und Unbegreiflichkeit damit hervorziehen.«
    »Einheimische Lumpen haben wir freilich übergenug«, meinte der Alte
lächelnd. »Dass Sie aber ein grosser Mann, ein Weiser, ein Denker und eine Zierde
der Gesellschaft sind, hat noch niemand geleugnet.«
    Das Lächeln des Schreibers verstand der Denker Julius Schminkert nicht im
mindesten, obgleich es viel heller war als das Licht der Gaslaterne, welche eben
das faltenreiche Gesicht des Polizeischreibers beleuchtete. So hielt er sich
denn an das Faktum der gewonnenen zehn Taler und war glücklich im Bewusstsein des
Besitzes; denn zehn Taler in der Hand eines Toren können mehr Vergnügen gewähren
als eine Million in dem Geldschranke eines Weisen.
    In der Musikantengasse Nummer zwölf wohnten, wie gesagt, der Schreiber
Fiebiger und Julius Schminkert in ein und demselben Hause, und viel Volk wohnte
mit ihnen darin.
    Es fing wieder an zu regnen; der Nordwind machte sich von neuem auf, als
wolle er seine Rasiermesser an der Welt schärfen; Robert Wolf aber ward nach dem
wildesten Tage seines Lebens glücklich - unter Dach gebracht.
 
                                Viertes Kapitel
       Treffliche Beschreibung des Hauses in der Musikantengasse und des
                   Polizeischreibers Fiebiger im Schlafrocke
Das Haus Nummer zwölf, welches der Schreiber in der Musikantengasse bewohnte,
liess sich sehr gut mit gewissen Menschen vergleichen, die nüchtern, kalt und
abgeschliffen in ein abgeschliffenes Leben hinausblicken und deren Inneres
originell, warm und voll kurioser Ecken und Winkel ist. Diesen Charakteren hat
die Gesellschaft eine Maske aufgelegt, und eben eine solche Maske trug das Haus
Nummer zwölf.
    Es war eigentlich ein altes Gebäude voll wunderlicher Baumeisterlaunen
längst verlorengegangener Architekturwissenschaft. Aber über seine Vorderseite
hatte die Zeit, die ebenso eine Zunge hat, wie sie Zähne besitzt, weggeleckt und
alles schön modern grade gestrichen, bis an das Dach hinan. Ähnlich war es allen
andern Gebäuden der Musikantengasse ergangen; aber darum blieb die Gasse
nichtsdestoweniger alt, und die Häuser blieben auch alt, und aus den Fenstern
der Hinterseiten sah man in die tollste Welt von schwarzen Höfen, Giebeln,
Brandmauern und Schornsteinen - ein rauch- und dunstüberhängtes Durcheinander,
in welchem der höchste Punkt in der Nähe der Giebel eines halb abgebrochenen
Klostergebäudes war, dessen noch erhaltene Räume, bis auf den genannten Giebel,
zu Warenlagern und Werkstätten eingerichtet waren.
    In diesem Giebel hatte seine Wohnung und sein Observatorium Heinrich Ulex,
ein halb autodidaktischer Sterngucker, den wir bald näher kennenlernen werden.
    Wir steigen jetzt in Nummer zwölf der Musikantengasse naturgemäss von unten
nach oben. Im Erdgeschoss wurde der Fortschritt des neunzehnten Jahrhunderts
durch das Atelier des tailleur de Paris M. Alphonse Stibbe repräsentiert und
elegantes Mitschassieren mit der Zeit und der französischen Novellistik durch
die schöne Tochter des Künstlers, Fräulein Angelika Stibbe. Das erste Stockwerk
bewohnte eine ungemein vornehme, wohlbeleibte Angorakatze nebst einer magern,
jungfräulichen, ältlichen Dame, Tochter eines kurz nach den Befreiungskriegen an
Apoplexie gestorbenen Proviantkommissars, Fräulein Aurora Pogge, eine Art
weiblichen Varnhagen von Enses der Musikantengasse. Im zweiten Stock vegetierte
der Hauseigentümer, Herr Mäuseler, ein kinderloser, beschaulicher Witwer,
welcher den grössten Teil des Tages mit halbem Leibe aus dem Fenster hing, der
aber in sich selber wenig zu beschauen hatte und der mit den glücklichen Völkern
das Los teilte, dass wenig über ihn zu sagen ist. Im dritten Stockwerk hauste der
Polizeischreiber Herr Fiebiger, und neben ihm war der Jüngling mit der
beflügelten Seele, Julius Schminkert, selten - zu Hause.
    Zu diesem Hause Nummer zwölf gehörte ausserdem eine Hofwohnung, aus welcher
zwei fleissige Hämmer vom frühen Morgen bis spät in die Nacht klangen. Auch Sägen
und andere Tischlerwerkzeuge liessen sich von dorter vernehmen, und dazwischen
ertönte eine helle, frische Mädchenstimme und das Zwitschern eines
Kanarienvogels. Die Schreinerfamilie Tellering, bestehend aus Vater, Mutter,
Sohn und Tochter, war ein herzerfreuendes Zeichen, dass auch die dunkelste
Wohnung mit der Aussicht auf den engsten, schmutzigsten Hof den echten, rechten
Lebensmut nicht zu ersticken vermag; und Ludwig und Luise Tellering gehörten
unzweifelhaft zu den liebenswürdigsten Erscheinungen im Hause Nummer zwölf der
Musikantengasse.
    Unerwachsene Kinder gab es in diesem Hause leider nicht, dafür aber desto
mehr davon in den nachbarlichen Wohnungen; es war sehr gut, dass sie nicht in der
Luft tanzen konnten wie ein Mückenschwarm, sie hätten sonst den Weg durch die
Musikantengasse zu einem sehr gefährlichen Unternehmen gemacht. Ratten und Mäuse
waren im Überfluss vorhanden, und ein Eulennest wurde vor kurzem erst, nachdem es
eine geraume Zeit hindurch allnächtlich einen grossen Teil der Inquilinen in
Bangen, Schrecken und Gespenstergrausen gestürzt hatte, in einem alten
vermauerten Schornstein durch Ludwig Tellering und den Polizeischreiber Fiebiger
entdeckt und zum grossen Missmut des letztern schadenfrohen Herrn ohne Gnade
expropriiert. Wir erwähnen noch eine wechselnde Bevölkerung von Ausläuferinnen,
Schneidergesellen und unglücklichen Lehrjungen im Erdgeschoss, eine grämliche
Magd, die sich Hulda nennen liess, im ersten Stock, eine überaus milde,
durchsichtige Haushälterin, Frau Krieg, die dem Rentier Mäuseler das Leben
erträglich machte, und zum Beschluss den Geist im weiss und schwarzen
Mönchsgewande, welcher nächtliche Streifzüge von dem alten Kloster des heiligen
Nikolaus her in das Haus Nummer zwölf unternehmen sollte und von Fräulein Aurora
Pogge mit dem vergrabenen Klosterschatze, von Fräulein Angelika Stibbe aber mit
einer blutigroten Liebesgeschichte in Nummer zwölf in Verbindung gebracht wurde:
damit schliessen wir unsere Liste der Hausbewohner, behalten uns aber natürlich
vor, eine Million interessanter Einzelheiten über sie an den betreffenden
Stellen einzufügen.
    Dunkel, feucht und eng war die Hausflur, über welche Robert Wolf von dem
Polizeischreiber und Julius Schminkert geführt wurde; dunkel war der Blick,
welchen der Tailleur aus seinem gasbeleuchteten Atelier auf den
Sommerbühnenmimen warf, tief und dunkel war das Auge Angelikas, welches aus
einer andern Pforte dem leichtsinnigen Julius entgegenbljetzte. Die steile Treppe
hinauf musste Robert Wolf mehr geschleift und getragen als geführt werden, und
das dadurch entstehende Gepolter beschwor auf den Treppenabsatz wenn auch nicht
den gespenstischen Mönch, so doch eine nicht viel weniger schreckliche
Erscheinung, Fräulein Aurora Pogge mit ihrer Küchenlampe. Ahnte sie, dass ein
neuer Charakter für ihr Memoirenbuch am Horizont des Hauses Nummer zwölf
aufging? Menschenfeindlichen Blickes betrachtete sie den mit dem Schreiber an
ihr vorüberschwankenden Robert und beklagte sich nachher bitterlich bei dem
Hauseigentümer darüber, dass man solch wild, wüst und vagabundenhaft aussehende,
verdächtige Individuen bei »nachtschlafender« Zeit in Häuser einführe, wo
alleinstehende und -schlafende Damen und schutzlose Jungfrauen mit allem, was
sie um und an sich hätten, den Gelüsten jedes verwegenen Verbrechers ausgesetzt
seien, wie die Gerichtszeitung »tagtäglich« durch haarsträubende Berichte und
Beispiele grässlich der Welt vor die Augen stelle. Der beschauliche Hausherr
jedoch, als er vernahm, dass der Polizeischreiber bei der Sache beteiligt sei,
wurde in der Ruhe des sichern Bürgers nicht aufgestört durch diese Klagen. Sein
Herr Fiebiger gehörte ja der Polizei an und somit der allein infallibeln Macht
und Autorität auf dieser Erde; und dem Schutze und der bessern Einsicht dieser
Macht darf, kann und muss man alles, was man hat und ist, kindlich vertrauend
anheimstellen.
    Grollend zog sich Fräulein Aurora Pogge in ihre jungfräulichen Gemächer zu
ihrer Katze, ihrem Tagebuch und ihrer Magd zurück, während der Partikulier
Mäuseler eine frische Pfeife stopfte und sich glücklich und sicher in dem
Bewusstsein fühlte, dass andere Leute für ihn dachten und handelten; als deutscher
Mann und freier Bürger fühlte er sich in dem Bewusstsein, dass ihn zum Denken und
Handeln niemand zwinge.
    »Himmlische Augen, wunderbare Augen - schwarzes Meer - bodenlose Tiefe -
ewiger Untergang!« murmelte Julius, während der Schreiber in seinem Stockwerk
nach dem Schlüsselloch tastete. Wir wollen uns aber nicht mit der Gedankenreihe
beschäftigen, welche der Deklamator durch diese Ausrufe und Bilder zum Abschluss
brachte, nur das wollen wir sagen, dass sie sich längst nicht mehr auf Helene
Wienand bezogen.
    Der Polizeischreiber fand das Schlüsselloch, Robert trat in die Behausung
seines Führers, seine neue Heimat. Schminkert folgte, rezitierend:
O Venus Cypria, den kleinen Fuss
Soll sie mir setzen auf den stolzen Nacken,
Und höher trag das Haupt ich als ein König.
In Prosa setzte er hinzu:
    »Können Sie die Lampe nicht finden, Alterchen; oder liegt's an den
Schwefelhölzern? Ordnung, Ordnung, Mann der Ordnung! Wie oft soll ich Ihnen das
sagen? Ordnung ist die Hauptsache im menschlichen Leben, das sehen Sie deutlich
an mir. Aha - endlich! Licht wird's, und aus dem Chaos steigt die Welt.«
    »Hier sind die versprochenen zehn Taler«, sagte der Schreiber. »Nun packen
Sie sich auf der Stelle, Julius, und kommen Sie nicht eher heim, bis das Geld
den Weg Ihrer übrigen Besitztümer gewandelt ist. Hier - nehmen Sie! - nun, warum
nehmen Sie nicht?«
    Der Deklamator wies mit einer majestätischen Handbewegung die dargebotenen
Banknoten weit von sich, warf die Augen »grass in einen Winkel«, wie der Major
von Walter in »Kabale und Liebe«, blickte dann »fürchterlich zum Himmel«, wie
derselbe unzurechnungsfähige Major, und sagte mit den hohlsten Brusttönen, die
er aufbieten konnte:
    »Pieseke, wie kommen Sie mir vor?«
    »Was fällt Ihnen ein? Nehmen Sie, und fort mit Ihnen!«
    »Weder das eine noch das andere, Greis. Sie sind ein grossartiger Charakter,
Fiebiger; aber Julius Schminkert wird Ihnen an Erhabenheit nicht nachstehen. Ihr
schnödes Geld erlaube ich mir mit legitimer Verachtung zurückzuweisen; aber ein
steifes Glas Grog wollen wir uns und diesem Jüngling brauen, Alter; und ich will
Euch das neueste Couplet vom Taliateater singen; trinken wollen wir auf die
Tugend, Schönheit und Gesundheit des Engels, welcher diesen Sohn der Wildnis mit
seinem Flügelschlage auf das Pflaster warf. Trinken wollen wir und - Hölle und
Teufel, was soll -«
    Der Polizeischreiber hatte mit einer Kraft, welche man ihm nicht zugetraut
hätte, den Komödianten an den Schultern genommen und mit unwiderstehlicher
Gewalt zur Tür hinausgedreht. Eilig schob er hinter dem mundfertigen Künstler
den Riegel vor und sagte energisch:
    »So!«
    Draussen ein ärgerliches Gebrumm, untermischt mit patetischen Tiraden aus
den Werken einheimischer und fremder Dramatiker! Nun ging dieses Fluchen und
Deklamieren in ein höhnisches Pfeifen über, dieses in eine lustige Opernmelodie
und diese in ein Lied, in welchem der Dichter und Julius Schminkert die alles in
allem doch so ernste Welt aufforderten, dem Trübsinn und der Trauer ein
Schnippchen zu schlagen, die silbernen Becher anzuklingen und zu leeren auf das
Wohl einer gewissen romanischen und romantischen Dame, Tochter eines hohen
römischen geistlichen Würdenträgers, welche sich, wie es schien, in politischen
Angelegenheiten zu Venedig aufhielt, da es in dem Liede an geheimnisvollen
Anspielungen, Lagunen, Mondschein und Gondeln nicht fehlte.
    Dieser Gesang entfernte sich die Treppe hinunter, drang zu den schläfrigen
Ohren des Partikuliers Mäuseler und seiner Wirtschafterin, ärgerte das Fräulein
Pogge und fand einen sympatischen Nach- und Widerhall nur in dem zarten Busen
Angelikas, welche belesene junge Dame sich ganz dafür geeignet fühlte, ebenfalls
die Tochter eines Kardinals zu sein und auf den Lagunen im Mondenschein in einer
Gondel zu schweben. Ihr tragisches Ende fand die Arie erst an der nächsten
Strassenecke, wo der talentvolle Sänger Don Julio Schminkertino auf dem Glatteis
ausglitschte und sich mit schmerzlichem Nachdruck auf einen unnennbaren, aber
durchaus nicht transzendentalen Körperteil setzte.
    Wenn wir noch einmal über die Schulter nach ihm hinblicken, so bemerken wir,
dass er sich - nicht die Stirn reibt. Wir überlassen ihn für jetzt seinen
Gefühlen, die wir leider in des Wortes höchst materiellster Bedeutung nehmen
müssen, und sprechen von dem Polizeischreiber Fiebiger in seiner Wohnung und in
seinem Schlafrocke.
    Kalt gewordener Tabaksrauch ist noch eine der geringeren Qualen, denen das
Weib des neunzehnten Jahrhunderts ausgesetzt ist, wie zwischen den Zeilen mehr
als einer schriftstellernden Makarie zu lesen ist. Die Natur des alten
Polizeischreibers hatte viel vom Duft des kalt gewordenen Tabaksrauchs und sein
Zimmer nicht weniger. Eine über und über mit Pfeifen von allen Formen und Grössen
behängte Wand bestätigte, dass der Alte ein eifriger Feueranbeter und Verehrer
des stinkgiftigen Krautes sei. An der entgegengesetzten Wand fiel ein
Bücherbrett ins Auge; die römischen Autoren in der Ursprache, die Griechen in
Übersetzungen, deutsche, englische und französische Dichter und Philosophen in
unvollständigen Exemplaren waren hier aufgestellt. Auf den ersten Blick sah man
dieser Büchersammlung an, dass sie allmählich beim Antiquar und in
Versteigerungen zusammengekauft war und dass viele Jahre darüber hingegangen
waren, ehe sich die mehr oder weniger zerlesenen Bände an dieser Stelle
zusammengefunden hatten.
    Das zweifenstrige Gemach war bedeutend länger als breit, und eine Glastür
führte in eine fast noch längere und schmälere Kammer, aus der man die schöne
Aussicht auf die Höfe und Hintergebäude der Musikantengasse und auf den Giebel
des Sternsehers genoss. In der Stube befanden sich einige Stühle, welchen man
ebenfalls den Trödelmarkt ansah, ein zerlumptes Sofa, ein runder Tisch, ein
Schreibtisch und ein Spiegelembryo, der nur beim hellsten Wetter zu gebrauchen
war und welcher dann doch noch dem schönsten Mädchengesicht die verschrobenste
Fratze zugeschnitten hätte, wenn eins hineingelächelt haben würde. In der Kammer
stand ein schlechtes hartes Bett, ein Stuhl, ein Nachttisch und ein
Kleiderstock. Eine Tür führte in eine leere zweite Kammer.
    Wir notieren das Mobiliar der ganzen Wohnung nur deshalb gleich einem
Auktionskommissarius, weil wir die Originalität des Bewohners nicht dadurch
hervorheben wollen, dass wir ihn in eine originelle Umgebung versetzen. Kleider
machen nicht immer Leute, den Menschen erkennt man nicht immer an seinem
Umgange, nicht immer ist ein Genie nachlässig in seinem Äussern, und es kann
Sonderlinge geben, die nicht mehr einen Zopf dem zwanzigsten Jahrhundert
entgegentragen und die sich von aussen durch nichts Auffälliges von den übrigen
Menschen abheben.
    Man sagt und klagt, die Sonderlinge - diese ernstaft-spasshaften Menschen,
über die man sich so gern ergötzte - verschwänden allmählich ganz und gar, und
hält auch das für ein Zeichen, dass die Welt und Zeit immer flacher werden. Ein
grosser Teil der Leute, welcher von dem Sterngucker Ulex weiss, möchte ihn gern
unter Glas und in Spiritus setzen, samt dem alten Giebel vom Nikolaikloster, um
beides so lange als möglich zu erhalten. Sollte sich die Originalität in
jetziger Zeit vielleicht nicht mehr auf die innern Teile einzelner Bevorzugter
werfen?
    Für das Innerliche hat die Menschheit niemals ein sehr scharfes Auge gehabt,
und wir wollen ihr keinen Vorwurf daraus machen; denn die Winter sind kalt, die
Kartoffeln missraten sehr häufig, und man hat seine liebe Not mit den
Regierungen, den Weibern und Kindern. Achtung oder du erfrierst! Achtung oder du
verhungerst! Achtung oder man stellt dich unter polizeiliche Aufsicht! Achtung
oder die Frau zieht den Pantoffel vom Fuss! Achtung oder deine Tochter kriegt
keinen Mann! - Zum Teufel mit der Innerlichkeit! Beim Himmel, die arme
Menschheit hat wenig Zeit, sich mit ihrem eigensten Wesen zu beschäftigen.
    Der Polizeischreiber Fiebiger aus Poppenhagen hatte das Leben von den
verschiedensten Seiten kennengelernt. Er hatte in seiner Jugend fast soviel
Inkarnationen durchgemacht wie ein indischer Gott; nun aber betrachtete er fast
schon dreissig Jahre lang das Dasein von seinem hohen Dreibein im Departement der
öffentlichen Sicherheit aus, und seine Philosophie war die eines geistreichen
Mannes und Autodidakten, der alles benutzt hat, um zu lernen, und in Fesseln und
Ketten von mancherlei Art ein freier Mann geblieben, aber ein kaustischer
Verächter aller Prätensionen menschlichen Stolzes und menschlicher
Vollkommenheiten geworden ist. Er war wenig krank, und wenn er sich je unwohl
fühlte, so litt er an versetzter Satire, wie andere Leute an versetzten
Blähungen leiden. Dieser Natur konnte keine bessere Stellung in der Gesellschaft
als die, in welcher sie sich befand, zuteil werden. Dieser Herr Fiebiger war
ganz an seinem Platze im Büro Nummer dreizehn. Er behauptete, zwei Gewänder zur
Bedeckung seines Ichs zu haben, einen Frack und einen Schlafrock. Im Frack
sammelte der Polizeischreiber den Stoff, welchen er im Schlafrock in langen
Monologen sich selber oder in kurzen Bemerkungen andern, nach seiner Art
verarbeitet, zum besten gab, sich selber höchst vergnügt, andern zu Ärger, Lehre
und Nutzen.
    Wörtlich genommen trug der Schreiber keinen Schlafrock, sondern eine kurze
wollene Jacke, in welcher er sich in diesem Augenblicke, dicht am warmen Ofen,
mit seinem Schützlinge zu einem höchst frugalen Abendessen niedersetzte.
    Mechanisch ass und trank Robert Wolf, ohne zu wissen was. Er sah alles durch
einen gestaltenvollen Nebel und starrte seinen Wirt an wie den Beherrscher
dieses Nebels, dieser Gestalten, wie ein Rätsel, welches zu lösen er sich viel
zu schwach fühlte. Der Knabe war sehr weich geworden, und man sah es an seinen
Augen, dass sie sich, wie die eines Kindes, bei dem geringsten Anlass mit Tränen
füllen würden.
    Während des Mahles beobachtete der Wirt den Gast scharf und genau und
unterwarf ihn schweigend einer nochmaligen Prüfung, die ganz zu seiner
Zufriedenheit auszufallen schien; denn er schob seinen Teller zurück und stopfte
seine erste Abendpfeife mit dem Ausdruck eines Mannes, der ein grosses Werk zu
erwünschtem Abschluss gebracht hat und vollkommen mit sich einverstanden ist.
    Mit blauen Ringeln und Wolken füllte sich von neuem das Gemach; der Regen
schlug in Stössen gegen die Fenster, dumpf rollten die Wagen in den Gassen. Der
alte Gastfreund lehnte sich zurück in dem zerlumpten Sofa, sah noch einmal
seinem Gast in die Augen, blies eine Rauchwolke gegen ihn und begann ganz ex
abrupto:
    »Ich heisse Friedrich Wilhelm Fiebiger, bin im Jahre 1788 zu Poppenhagen im
Wirtshaus zum Drachen geboren und bin in die Welt gelaufen, nachdem mein Vater
sein Wirtshaus in seiner eigenen Gaststube vertrunken, den Drachen in anderer
Leute Hand, sich selber aber in die Grube gebracht hatte. Per varios casus bin
ich endlich hier Polizeischreiber geworden und zugleich ein alter Gesell, der
seine Stiefel selber putzt, selber seinen Kaffee kocht, grade wie Robinson
Crusoe auf der Insel Juan Fernandez. Kennen Sie die Geschichte, Robert?«
    Der Knabe nickte.
    »Gut, so wissen Sie auch, wie der in doppelter Hinsicht verschlagene
Reisende einen grünen Vogel, wenn ich nicht irre einen Papagei, fing und zu
seinem Freunde und Genossen machte. Ich versuchte dasselbe, um meine Einsamkeit
zu erheitern, brachte es aber nur zu einem Starmatz, von dem sein Verkäufer
behauptete, es sei der gebildetste Vogel, der jemals den Unterricht des Menschen
genossen habe. Misstrauisch innerhalb der Polizeistube, bin ich der
leichtgläubigste Mann ausserhalb derselben. Ich kaufte den Vogel, und mein Kummer
war nicht gering, als ich aus dem Schnabel des schwarzen Satans nichts als die
injuriösesten Schimpfnamen, Epiteta, wie sie noch niemals einem Polizeier
geboten waren, zu hören bekam. Die Katze frass die Bestie und rächte mich - nun
frage ich dich, Robert Wolf vom Eulenbruch, willst du den Versuch machen, auf
dem Fuss vollkommener Gleichberechtigung mit mir Stiefel zu putzen und Kaffee zu
kochen? Willst du meine Grillen und Launen ertragen und mir deine Seele geben,
wie du sie der schönen Eva Dornblut, unserer Landsmännin, gabst? Ich bin kein
Onkel Zauberer, der express aus Afrika nach China kommt, um sich von dem dummen
Schneiderjungen Aladin die Wunderlampe aus der Zauberhöhle holen zu lassen und
den Armen in blinder Wütenhaftigkeit darin einzusperren. Ängstige dich nicht,
Robert Wolf. Ich bin arm und kann dir keinen Glanz versprechen. Ich bin arm, und
du wirst mit mir arm sein; hart wirst du arbeiten müssen, denn der Mensch ist
zur harten Arbeit geschaffen. Viel Feiertage wird's nicht abwerfen, denn die
Feiertage sind den Menschen deiner Art nichts nütz; Licht und Luft wirst du in
dem Dasein, welches ich dir biete, nicht so unmittelbar aus der ersten Hand
haben wie in deiner - in unserer waldigen Heimat. Bedenke dich - wirst du dein
Leben in meine Hand legen, so will ich versuchen, mit guter Hülfe diesem Leben
einen Inhalt zu geben, wie es sich für ein vernünftiges Wesen schickt!«
    Zitternd rief der Jüngling:
    »Sie wollen sich so meiner annehmen? Ich soll hier bei Ihnen leben? Ich soll
hier in dieser Stadt wohnen?«
    »Wenn du willst, so wird dem nichts entgegenstehen.«
    »Ich kann mit ihr nicht in einer Stadt leben!« schrie Robert Wolf, mit der
alten Energie aufspringend. »Ich könnte ihr in den Strassen begegnen, und ich
würde sie dann töten. O lassen Sie mich meines Weges gehen, jetzt, jetzt
gleich!«
    »Ruhe, mein Junge; immer ruhig Blut«, sagte der Schreiber gemütlich, »Wir
haben nun das erste Brot und Salz der Gastfreundschaft miteinander gegessen,
jetzt wollen wir dir, so gut es angeht, ein Nachtlager bereiten. Ich leihe dir
für diesmal einen Strohsack und einen alten Mantel. Morgen im Tageslicht wird
alles ganz anders aussehen. Morgen will ich meine Fragen dir wiederholen; jetzt
hast du ein wenig das Fieber und musst ausschlafen. Komm zu Bett.«
    Robert Wolf folgte dem Alten schwankend; in der zweiten Kammer wurde der
Strohsack auf den Boden geworfen und ein erträgliches Lager hergestellt. Der
Knabe aus dem Walde hatte zu oft auf nackter Erde geschlafen, um nicht ein
solches Bett eines Königs würdig zu finden. Der Schreiber reichte ihm die Hand
und sprach:
    »Schlafe wohl, mein Kind; träume nicht allzu unruhig; du schläfst in der
Wohnung eines Freundes. Denke nicht an das hübsche Mädchen, sondern tu mir die
Liebe an und schnarch. Der Klang der Fusstritte des Glücks ist von dem Gepolter,
womit das Unglück einherschreitet, oft schwer genug zu unterscheiden. Es ist
immer aber hübsch von beiden, wenn sie nicht in unhörbaren Gummiüberschuhen
herangeschlichen kommen. Fac, ut valeas.«
    Der Alte ging mit der Lampe, und der Knabe warf sich seufzend auf das harte
Lager. In der Stube schritt der Schreiber auf und ab und horchte kopfschüttelnd
auf das bitterliche Weinen, in welchem sich das arme zusammengepresste Herz des
Knaben, jetzt wo es dunkel und still umher war, unaufhaltsam Luft machte.
    »Armes Kind«, murmelte der Alte. »Weine nur, spül rein die junge Seele! Wer
weiss, wozu du bestimmt bist? Mit harter Hand fasst das Schicksal vor allem gern
seine Günstlinge; ruhig, auf makadamisiertem Pfad - alle Viertelmeile ein
Meilenzeiger - lässt es nur die wandeln, welchen das Los der goldenen
Mittelmässigkeit aus der geheimnisvollen Urne fiel. Nicht in Goldwolken hüllt das
Schicksal seine Erkorenen; in den dunkeln Mantel des Schmerzes, der Gebrechen,
der Krankheit und jeglichen Elends hüllt es sie und reisst sie durch das Leben.
Und neidisch ist das Schicksal; wie manchen hohen Geist hat es für sich behalten
in dem dunkeln Mantel, wie selten fällt die Hülle von der Schulter eines
Auserwählten, wie selten wird ein Individuum für die übrige Menschheit
denkmalreif und ein würdiger Gegenstand für Toaste, Reime und Festessen.«
    Es war gut, dass dem Alten über diesen Gedanken die Pfeife ausging; während
er sie von neuem in Brand setzte, lächelte er über sich selbst, rieb sich die
Stirn und brummte:
    »Sieh, Fiebiger, hab ich dich wieder? Alter Knabe, wirst du die Dinge
ausserhalb der Schreibstube nie so sehen, wie sie alle übrigen verständigen Leute
erblicken? Du setzest mich in Erstaunen, Fritze Fiebiger! Hebräer, Griechen und
Lateiner sind einig, dass es vor allem übel ist, mit der Nase ein Loch in das
Firmament stossen zu wollen; man vergisst darüber die Löcher im realen Erdboden,
liegt drin und wird ausgelacht. Hier haben wir den grossen Redner und
Oberbürgermeister Marcus Tullius Cicero, welcher keine Verse machen kann, aber
sehr gern die des Ennius zitiert:
Keiner schaut, was vor dem Fuss liegt,
Himmelsräum' ausspähen sie.
Und hier hebt der semitische Weise die Hände empor und hält sich mit denselben
Worten über dieselben sternguckenden Naturen auf. Wir wollen beiden kein
Ärgernis weiter geben, Fiebiger, wie sehr wir dich auch beneiden mögen, Heinrich
Ulex. Kurz und bündig, Fiebiger, was willst du nun mit diesem Jungen, welchen du
von der Strasse aufgelesen hast, anfangen? 's ist doch in Wahrheit ein Brief mit
fremdem Siegel und fremder Aufschrift.«
    In diesem Augenblick erschien dem Polizeischreiber die Verantwortlichkeit,
welche er sich aufgeladen hatte, nicht mehr so klein wie vorhin. Bedenklich nahm
er seinen Weg durch das Gemach wieder auf; die Geister seiner grossen Register
liessen ihn vollständig in Ruhe; sie wagten sich nicht hervor aus ihren
Folianten, und somit hatte der Schreiber wenigstens etwas erreicht.
 
                                Fünftes Kapitel
Grosse Gesellschaft bei dem Bankier Wienand; Mr. Warner aus New Orleans wird dem
                  Freifräulein Juliane von Poppen vorgestellt
Der Wagen, welcher Fräulein Helene Wienand und den Doktor Pfingsten von dannen
führte, hielt in einer ruhigen, breiten Strasse vor einem grossen, stattlichen,
ganz modernen Hause, welches sich durch nichts von seinen Nachbarn, welche
ebenfalls gross, stattlich und modern waren, auszeichnete. Je weniger
charakteristisch ein Gegenstand ist, desto schwerer ist er zu beschreiben; wir
beschreiben deshalb das Haus des Bankiers Wienand auch nicht. Hoffentlich wird
ein grosser Teil der Leser selbst in ähnlichem Backstein-Mauerwerk wohnen und
deshalb eine eingehende Beschreibung gähnend überschlagen. Gott segne ihn für
den guten Geschmack!
    Im untern Teil des Hauses befanden sich die Geschäftszimmer des Bankiers,
die Räume der Dienerschaft und so weiter, im ersten Stock die
Gesellschaftszimmer und das Reich Helenes. Wir haben es nur mit dem ersten Stock
zu tun. Hinter dem Hause befand sich ein reinlich gepflasterter Hof mit dem
Wagenschuppen, Pferdestall und so weiter. Ein zierliches eisernes Gitter trennte
diesen Hof von einem kleinen Garten, mit welchem wir es im nächsten Frühling
ebenfalls zu tun haben werden. Hohe Brandmauern umgaben diesen Hof und Garten
von allen Seiten, so dass man glauben konnte, in letzterm vollkommen vor
neugierigen Augen gesichert zu sein, was aber nicht der Fall war, wie wir
ebenfalls im nächsten Frühling zu beweisen gedenken. Jetzt führen wir den Leser
in den glänzend erleuchteten Salon durch ebenso glänzend erleuchtete und
ausgestattete Nebenzimmer, in welchen Spieltische aufgestellt sind.
    Der Bankier gab eine grosse Soiree; - werfen wir einen Blick auf die
Gesellschaft, aber einen vorsichtigen, dass wir uns nicht kompromittieren.
Mehrere Stunden waren verflossen, seit Robert Wolf von dem berichteten Unfall
betroffen worden war; die Gesellschaft, welche sich bei dem Bankier Wienand
versammelte, war ziemlich vollständig gegenwärtig. Zwei Diener reichten Tee
umher; an den Spieltischen hörte man die gewöhnlichen Redensarten; es war ein
Überfluss von altern und jüngern Damen, von weissen Westen, bunten Uniformen,
schwarzen Fracks vorhanden.
    Ehe wir uns den Einzelheiten hingeben, können wir den Totaleindruck in der
Sprache der Zeit, der Börsensprache, charakterisieren. Wir finden, dass die
Stimmung der Gesellschaft im allgemeinen eine feste war und dass das Geschäft der
Unterhaltung sich auf der soliden Bahn ruhigen Fortschritts bewegte. Komplimente
und Schmeicheleien fanden mit den bestehenden Gegenkomplimenten Nehmer und
Nehmerinnen. Nach Skandal vielseitige Nachfrage; Stadtklätschereien aber leider
loco unverändert, fest - jedoch beliebt. Politik ziemlich schwankend, in Musik
und Teater lebhaftes Geschäft, günstige Stimmung für den letzten Roman;
wissenschaftliche Fragen und Wahrheit still und flau. Die ältern Damen befanden
sich in sehr fester Haltung, die jüngern Damen zur Notiz schwimmend und flott.
Die ältern Herren unverändert - Konsumgeschäft. Die jüngern Herren in matter
Haltung zur Notiz. Nach zwei Uhr sanken die Kurse der Unterhaltung; die
Notierungen aus der letzten Stunde der Gesellschaft sind uns nicht zugegangen.
    Wir können uns zu den Einzelheiten wenden.
    Mit kindlichem Schauder haben wir in unserer Jugend in Raffs Naturgeschichte
gelesen, wie in den Dschungeln, den Schilfwäldern Hinterindiens, der Elefant mit
dem Rhinozeros in einen Kampf auf Leben und Tod gerät, wie das letztere Untier
das erstere unterläuft, ihm mit seinem Horn den Bauch aufschljetzt und zuletzt,
seinen zappelnden Gegner auf der Nase tragend, mit Triumphgeheul davonrennt, zum
Ergötzen der frommen geduldigen Hindus und zum Erstaunen der langen leberkranken
Engländer und der semmelblonden, langgelockten Rulebritannierinnen. In dem Salon
des Bankiers Wienand stand der Elefant neben dem Ofen, wärmte als ein tropisches
Tier seine Posteriora und war ein wolleerzeugender Grundbesitzer vom Lande. Das
Nashorn aber trug auf der Spitze seiner Nase eine grüne Brille, welche ihm ein
höchst lächerliches Aussehen gab, und wurde es Herr Kommissionsrat tituliert.
Sobald der Elefant das Nashorn erblickte, liess er die Frackschösse vom linken Arm
fallen, setzte die Teetasse in die Fensterbank, liess ein dumpfes Schnauben hören
und kam seinem Gegner aus dem Ofenwinkel halbwegs entgegen. Das Rhinozeros
schnob gleichfalls, und es entstand ein merkwürdiger Kampf über die
Preiswürdigkeit einer Wollieferung; aber das Resultat dieses Kampfes war ein
ganz anderes, als die Naturgeschichte angibt. Der Elefant besiegte das Nashorn
ganz und gar; er vernichtete es vollständig, er trampelte es moralisch zu Boden,
und wäre dem armen Hornträger nicht sein Hausfreund, ein besonnener Mann und
Freund seiner Gattin, zu Hülfe gekommen, wer weiss, was daraus entstanden wäre.
Dieser Hausfreund trug die Uniform eines Husarenrittmeisters, er schien sich
vorzüglich und mit Glück auf die Kultur eines ungeheuern Schnurrbarts gelegt zu
haben und sprach mit Bewusstsein, über dies haarige Ungetüm weg, durch die Nase.
Sein Vetter, im Ministerium des Kultus angestellt, befand sich ebenfalls in der
Gesellschaft, kultivierte aber hinter seinem Klapphut nichts weiter als sich
selber in einem ununterbrochenen Gegähne. Ein Wirklicher Geheimer Rat von
wohltuender Fülle der Erscheinung unterhielt sich mit einem unwirklichen,
welchen man recht gut als ein Lesezeichen hätte in ein Buch legen können. Es
befanden sich überhaupt viele Juristen in dieser Gesellschaft; denn der Bankier
hatte viel mit ihnen zu tun. Vollständig beherrschten sie jedoch das Gespräch
nicht, obgleich sie es gern gemocht hätten.
    Auch ein sehr wohlgekleideter Dichter war zugegen, wurde aber, obgleich er
sich durch nichts Aussergewöhnliches auszeichnete, von dem anständigen und
gottlob grössern männlichen Teil der Gesellschaft mit mitleidiger Verachtung
vermieden - omnes hi metuunt versus, odere poetas. Dieser Dichter hatte ein
anerkannt vortreffliches Trauerspiel verfasst, aber einen von der Regierung zur
Beförderung der dramatischen Kunst ausgesetzten Preis von tausend Talern deshalb
nicht erhalten, weil Shakespeare, Goete und Schiller Besseres ihrerzeit
geleistet hatten. Der Mann hatte an diesem Abend das Vergnügen, über die
Billigkeit des Verfahrens und die Versunkenheit der Literatur mancherlei zu
hören von einem nichtssagenden Herrn, welcher gestern durch eine Spekulation in
Guano das Zwanzigfache des für das Drama ausgesetzten Preises verdient hatte.
Harmlos und gelassen lächelnd, trug der Poet sein Missgeschick und diese
Unterhaltung; höflich war er bereit, die Verbreitung der künstlichen Dungmittel
sowie des Vogelmistes als den schlagendsten Beweis der fortschreitenden
menschlichen Intelligenz anzusehen.
    Christliches Bankiertum mit jüdischer Legierung und jüdisches Bankiertum mit
feudaler Betitelung war in der Wienandschen Gesellschaft, wie sich das von
selbst verstand, am stärksten vertreten. Drei bis vier Stockbürokraten standen
ebenso weitbeinig über ihrer engen Welt wie Julius Cäsar in Shakespeares
Trauerspiel über der seinigen. Sie folgten jedoch zugleich äusserst
ehrfurchtsvoll den Spuren einer Exzellenz, die sich in der Soiree befand.
Obgleich es nur eine ausser Kurs gesetzte war, so umgab sie doch ein
achtungsvoller Kreis deutscher Männer auf Schritt und Tritt und horchte den
seltenen Worten, die ihr entfielen, mit dienstergebenster Entzückteit. Und doch
gibt es vielleicht im Volksbewusstsein keinen Titel, der unangenehmer berührte
als das abgeschmackte Wort »Exzellenz!« Es klebt ihm etwas Lächerliches und
zugleich Unheimliches an. Ich weiss nicht, ist das Teater oder etwas anderes,
»Kabale und Liebe« oder unsere vortreffliche Diplomatie schuld daran? Selbst
Wolfgang Goetes hohe Göttergestalt läuft komisch schillernd an, wenn man auf
das Piedestal: Exzellenz! schreibt.
    Die Jünglinge, welche in den Urwäldern Germaniens den Ur, das Elen und den
Römer jagten, trugen nicht einen Frack und nicht den Hut in der Hand; - auch
meldet Tacitus nicht, dass sie ein Stück Glas in die Augen kniffen und sich so
unbeschreiblich allein mit sich selber eins fühlten wie die Jünglinge im Salon
des Bankiers Wienand.
    Wir wollen uns zu den Damen wenden, und die heilige Zahl der Charitinnen
möge uns dabei zur Seite stehen.
    Ein hellglänzender Schein geht über das graue Konzeptpapier; mit Naivität
gepaarte holde Anmut erscheint neben matronenhafter Würde, Vorblüte und
Nachblüte schmiegen sich aneinander; Flittergold sucht echtes, treues, wahres
Gold zu überfunkeln, und gelingt ihm das öfters, als man für möglich halten
sollte. Alle Übergangsformationen der weiblichen Welt, vom sechzehnten bis zum
sechsundsechzigsten Jahre, kommen zur Erscheinung; der Liebhaber von
Frühlingssonnenschein und Blütenstaub wie der Antiquitätenliebhaber finden
gleichmässig nach Neigung und Geschmack den Stoff zur Begeisterung. Die ewige
Sehnsucht des Menschen nach dem Schönen wie die ironische Lust am Hässlichen
können auf gleiche Weise befriedigt werden.
    Aber sollen wir uns hier auch auf Einzelheiten einlassen?
    
    Stille! stille! Das Auge, die Religion und die Frauen lassen nicht mit sich
spassen; das interessanteste Studium ist zugleich das mühsamste und
gefährlichste, und weder leidenschaftliche Entzückung und raffaeleske
Begeisterung noch zynisches Grinsen stehen uns dazu genügend zu Gebote. Hüten
wir uns; was wir sagen, bedecken wir mit Rosen und besprengen es mit Kölnischem
Wasser; für die Bemerkungen, welche späterhin andere Herren in diesem Kapitel
machen, nehmen wir die Verantwortung nicht auf uns. Lass die Leute selbst sehen,
wie sie mit den Damen zurechtkommen!
    Nach dem Tee und Spiel wurde bei dem Bankier Wienand gegessen, worauf das
junge Volk mit den alten Empfindungen, nach hergebrachter Weise, tanzte. Wir
aber lassen die grosse Welt brausen und gleiten verstohlen in das Gemach Helenes,
wo es am stillsten und wo die Beleuchtung gedämpfter ist; denn die junge
Bewohnerin dieses Raumes hatte sich noch immer nicht recht von ihrem Schrecken
erholt, und nur die Kürze der Zeit hatte überhaupt ein Absagen der Gesellschaft
verhindert.
    Der Bankier Wienand war ein sehr reicher Mann, welcher sein einziges Kind
fast abgöttisch liebte. Keinen Wunsch konnte Helene fassen, welchem er nicht auf
halbem Wege entgegenkam; mit allem, was ihr Herz verlangte, umgab er sie, und so
war auch ihr Zimmer der Gegenstand des gerechten Neides mancher andern jungen
Dame in der Stadt. Auf die beliebte Dekorationsmalerei wollen wir uns jedoch
auch an dieser günstigen Stelle nicht einlassen; wir beschränken uns darauf,
mitzuteilen, dass Teppiche, Bilder, Gerätschaften, Vorhänge usw. in vollster
Harmonie miteinander waren und dass alles wiederum in Harmonie mit dem
lieblichen, nur ganz wenig verzogenen Wesen war, welches in diesem duftenden
Raume atmete. Die erste Regel des guten Geschmacks: nirgends zuviel, nirgends
zuwenig! kam zur vollsten Geltung, in der Zimmerausstattung wie in der
jungfräulichen Gestalt Helenes selbst.
    Zurückgelehnt in die Kissen eines Diwans in der Nähe der Tür, welche in den
Salon führte, sass Fräulein Wienand, noch recht bleich und angegriffen aussehend,
umgeben von einigen nähern Freunden. Die Gesellschaft hatte den Unfall vernommen
und besprochen; das junge Mädchen hatte dieselben Bedauerungsformeln,
Glückwünsche mit den selbstverständlichen Variationen hundertfältig anhören und
beantworten müssen; jetzt waren die Kräfte des armen Kindes vollständig zu Ende;
es stützte das schmerzende Köpflein mit der weissen Hand, und der Sanitätsrat
Pfingsten hatte auf Bitten des Bankiers mit ärgerlichem Gebrumm seine Karten -
es waren sehr gute! - einem andern Herrn gegeben und sass jetzt wieder in einem
Lehnstuhl neben der Tochter des Hausherrn. Auf der andern Seite derselben sass im
Diwan eine kleine hagere Dame, welche einmal den Fuss gebrochen und deshalb einen
Krückstock neben sich hatte, in schwarze Seide gekleidet war und auf dem grauen
Haar ein winzig kleines Mützchen trug. Sie hatte trotz ihres Alters ein sehr
weisses Gesicht, merkwürdig beweglich und ausdrucksvoll; ihre Augen waren schwarz
und voll Leben und ausdrucksvoll wie ihre Züge. Diese kleine Dame war das
Freifräulein von Poppen, eine Hausfreundin des Bankiers Wienand und eine Person,
welche eine wichtige Rolle in dieser unwichtigen Geschichte spielt. Im folgenden
Kapitel werden wir mehr über sie sagen, in dem vorliegenden lauscht sie,
höchlichst interessiert, dem Bericht, welchen der Polizeirat Tröster, der jetzt
in Frack und weisser Weste sehr nobel aussieht, über Robert Wolf und den
Polizeischreiber Fiebiger gibt. Das Freifräulein kannte den Schreiber sehr genau
- kannte mehr Menschen, als sonst die Leute ihres Standes kennen.
    Der Polizeirat, welcher ebenfalls vom Spieltisch abgerufen war, erzählte,
was die hohe Polizei wusste, so kurz als möglich und mit manchem sehnsuchtsvollen
Blicke nach der Tür. Mit einem Seufzer der Befriedigung liess er sich von dem
Freifräulein zum Whist zurückschicken.
    Juliane von Poppen schüttelte den Kopf, gleich allen andern Leuten, über die
Idee des Schreibers; aber sie schien dabei zugleich innerlich recht zu lachen.
    »Bitte, lieber Herr Doktor, erzählen Sie uns noch ein wenig von diesem
wunderlichen Schreiber!« bat Helene Wienand, und wenngleich das Freifräulein die
Achseln zuckte, so tat sie doch mündlich keinen Einspruch, sondern setzte sich
nur bequemer zurecht in den Kissen des Diwans mit einer Miene, welche deutlich
sagte:
    Was kann der davon wissen? Nun gut, ich will alles über mich ergehen lassen.
Schwatzt zu.
    Der Sanitätsrat rieb in der Ermangelung eines Stockknopfes die Nase mit dem
Knöchel des Zeigefingers und sagte:
    »Meine Damen, von allen Menschen, die mir auf meinem Lebenswege
entgegengetreten sind, beneide ich diesen am meisten!«
    »Weshalb?« fragte das Freifräulein.
    »Er kennt die Menschen so gut wie ich; aber - er ärgert sich nicht darüber
wie ich«, knurrte Pfingsten. Er horchte nach dem Salon und schüttelte die Faust
nach derselben Richtung:
    »Hören Sie, das war die Stimme des grossen Kirchennachtlichts, des
Konsistorialrats Krokisius. Sollten Sie es für möglich halten, dass dieser
treffliche Herr vorhin gegen die Baronin Silberstein behauptete, Goete habe
durch die Weinszene in Auerbachs Keller jedenfalls, unbedingt und unter allen
Umständen das Wunder der Hochzeit zu Kana verspotten wollen?!«
    »Sie wollten uns von dem alten Fiebiger erzählen, Doktor«, sagte das
Freifräulein; aber Pfingsten hielt horchend die Hand an das Ohr:
    »Das war das silberne Gelächter - mehr doch Britannia- oder
Christoffelgelächter - unserer reizenden Witwe Everilde von Strippelmann. Die
Dame ist doch der wahre Pirat und Flibustier des Ballsaals! Wie sie mit
aufgespannten Segeln einherstreicht! Wie sie Breitseiten gibt! Fräulein Helene,
wenn Sie etwas lernen wollen, so studieren Sie die kecken Handstreiche
weiblicher Koketterie an dieser - diesem reizenden Motiv.«
    »Kommen Sie auf den alten Fiebiger, Doktor!« rief das Freifräulein, merklich
bedeutungsvoll nach ihrem Handstock greifend.
    »Ich bitte Sie, Gnädigste, bin ich nicht dabei? Die Gelegenheit ist günstig.
Hier sitze ich im Winkel und horche auf das Wortgeplätscher dort hinter der Tür,
kann auch, wenn es mir beliebt, einen Blick durch die Ritze in das Gewühl der
weitärmeligen Pierrots und Harlekins, der schwarzbemäntelten Pantalons, der
grämlichen Anstandsdamen, der allerliebsten flitterhaften Kolumbinen werfen. Ich
ärgere mich darüber; Fritze Fiebiger würde sich nicht darüber ärgern. Ich
glaube, der Mann kann zu seinem Privatvergnügen den Staub im Sonnenstrahl in ein
Universum der Narrheit verwandeln, weil ihm dieser Erdball mit allem, was daran
hängt, noch nicht ausgiebig genug ist.«
    Das Freifräulein lächelte jetzt und nickte; der Arzt sprach weiter:
    »Mir spiegelt sich die Welt am besten in einem Glase Rheinwein, dem andern
strahlt sie am vorteilhaftesten aus einem schönen Auge, einem dritten aus einem
klaren Waldquell; Ihr Herr Neffe, Fräulein von Poppen, sieht sie im besten Licht
in dem Spiegel, welcher seine liebenswürdige Person in Lebensgrösse zurückwirft,
weil er nichts damit zu tun haben mag: dieser Schreiber aber legt sich so weit
als möglich aus dem Fenster einer Wohnung, in der kein Student hausen möchte,
raucht einen Knaster, den kein Schäfer vertragen kann, und lacht - lacht. Ich
lache nicht, wenn ich mich aus dem Fenster lege! Wodurch hat sich dieser
unverschämte alte Knabe in aller Welt den Göttern so beliebt gemacht? Unsereiner
hat doch auch seine Verdienste, muss sich aber allstündlich halb zu Tode ärgern
und kriegt höchstens ein Ordenszeichen vierter Klasse zum fünfzigjährigen
Jubiläum.«
    »Woher kennen Sie diesen Herrn Fiebiger so genau?« fragte das Freifräulein.
    »Die Polizei und die Medizin treffen wohl einander«, brummte der
Sanitätsrat. »Übrigens haben wir auch die Jahre dreizehn und vierzehn zusammen
durchgemacht.«
    Juliane von Poppen sagte:
    »Sie stammen doch wohl aus ganz verschiedenen Lebenssphären?«
    »Jene Zeit leimte die Menschen schon zusammen, heute freilich ist der Leim
längst wieder aufgeweicht. Ja, wir bewegen uns in unsern verschiedenen Sphären,
der Rat im Medizinalkollegium und der Schreiber in der Polizeistube.«
    In immer tieferes Nachdenken versank Juliane von Poppen, während Pfingsten
der andächtig lauschenden Helene noch allerlei Einzelheiten über den alten
Humoristen in der Musikantengasse mitteilte.
    »Ihm zunächst auf der Leiter des Glücks«, meinte er, »setze ich den grossen
Reisenden und Menschenfischer Faber. Der eine in seiner Dachstube hockend oder
seine Tage in dem denkbar widerlichsten Amte verkritzelnd, der andere mit dem
weitesten Spielraum für seine Beine durch alle Völker und Länder streifend, sind
einander verwandt wie zwei gleichschenkelige Dreiecke, und der Gesichtskreis des
einen ist nicht weiter als der des andern - sie haben beide gute Augen.«
    »Und jetzt will er diesen armen jungen Mann, welcher beinahe durch mich
getötet worden wäre, bei sich aufnehmen?«
    »Tröster sagt's; so sind diese Glücklichen, wenn's ihnen zu wohl wird -«
    »Sie sind ein kalter Egoist, Pfingsten«, sagte das kleine Freifräulein
trocken. »Lassen Sie diesen Friedrich Fiebiger, Sie kennen doch blutwenig von
ihm. Wen haben wir hier?«
    »Lupus in fabula, der Hauptmann von Faber mit seinem jungen Yankee - der
Papa Wienand«, sagte der Doktor und seufzte im geheimen: Gottlob, so komme ich
endlich doch noch zu meinem L'hombre. Falsch ist alles, die Menschen und die
Karten; ich ziehe aber die letzteren vor.
    Der Bankier Wienand konnte an diesem denkwürdigen Abend, von der Sorge für
seine Gesellschaft in Anspruch genommen, immer nur einige Augenblicke in dem
Zimmer seiner Tochter weilen. Höchstens durfte er dann und wann den Kopf
hineinstecken und sich nach ihrem Befinden erkundigen. Jetzt erschien er - ein
wohlbehäbiger Herr mit stahlgrauem Haar, etwas harten Gesichtslinien und einem
Zug lächelnden Selbstbewusstseins um den Mund, gleich einem Sonnenstrahl, der um
einen eisernen feuerfesten Geldschrank spielt. Er kam Arm in Arm mit Konrad von
Faber und einem jungen stattlichen Herrn mit rötlichem Haar und Bart, der mit
sicherm Anstand vor den Damen sich verneigte und von dem Hauptmann vorgestellt
wurde als:
    »Herr Friedrich Warner aus New Orleans.«
    Der Sanitätsrat benutzte die gute Gelegenheit, dem Boudoir Helenes zu
entschlüpfen. Während er zu den Spieltischen zurückschlüpfte, murmelte er aber:
»Ein prachtvoller Menschentypus, dieser junge Deutschamerikaner. Ich liebe diese
breitschultrigen Gesellen mit diesen blonden Löwenmähnen und den vollen
Bruststimmen. Man fühlt sich dabei in seiner Rasse noch für einige Zeit
gesichert; 's ist ein Trost für einen Arzt heutiger Epoche.«
    Um diese Zeit stand der Polizeischreiber Fiebiger in der Musikantengasse mit
untergeschlagenen Armen vor dem Lager seines Schützlings.
    »So habe ich nun«, sprach er, »den Griff in das volle Menschenleben getan.
Was hab ich gepackt? Eine Handvoll Glück oder Unglück? Wir wollen sehen. Eines
ist sicher; als William Shakespeare seine schönen Verse über den Mann, der nicht
Musik hat in sich selbst, dichtete, da verstand er unter Musik jedenfalls nicht
solche Nasallaute, wie sie der Junge hier jetzt hervorbringt. Bah, es ist
besser, zu schnarchen als zu schluchzen. Soll mich doch wundern, was Ulex dazu
sagen wird.«
    Der Schreiber nahm die Lampe von dem Stuhl wieder auf und schlich auf den
Zehen aus der Kammer. Er zog seinen Oberrock wieder an, setzte den Hut auf,
schloss sorglich die Tür seiner Wohnung und versenkte den Schlüssel in seine
Hosentasche und verliess das Haus.
    Um die Ecke der Musikantengasse biegend, schritt er eine zweite Gasse hinab,
bis in einen Winkel, wo er vor einer niedrigen schwarzen Pforte stillstand.
Diese Pforte führte auf einen umfangreichen Hof voll Gerümpel aller Art; der
Schreiber trat hinein, und der schwere Türflügel schlug sogleich hinter ihm zu.
Ein Licht flimmerte aus der Höhe, es flimmerte in dem Giebel des Astronomen
Heinrich Ulex. Es war derselbe Schein, welchen man auch aus der Kammer sah, in
der jetzt Robert Wolf schlief. Tastend fand Friedrich Fiebiger seinen Weg über
den Hof, und in einer Ecke desselben stieg er eine Wendeltreppe empor. Sie
führte empor zum Gemach des Sternsehers.
 
                                Sechstes Kapitel
Expektoration des Autors über die Einsamkeit; Lebensläufe aus vergangenen Tagen
                                 werden erzählt
O Einsamkeit, du starke Göttin, der Königlich Grossbritannische und Kurfürstlich
Hannoversche Leibarzt Johann Georg Zimmermann, hypochondrischen Angedenkens, hat
vier dicke Bände über deine Süssigkeiten und deine Schrecknisse geschrieben; ich
werde das nicht tun. Eine starke Göttin nenne ich dich, o Einsamkeit, weil die
Wirkungen deiner Macht grenzenlos sind im Guten wie im Bösen. Je nachdem du dem
Menschen die lichtblaue oder die dunkelfarbige Seite deines Schleiers über die
Augen hängst, führst du seine Seele in die stillsten Auen irdischen Friedens,
irdischer Glückseligkeit, stürzest du sein Ich in die grässlichste Nacht der
Verzweiflung und des Wahnsinns. Du bist eine gewaltige Zauberin, Einsamkeit;
Mutter der Kunst, der Weisheit und des Heldentums bist du und bevölkerst doch
die Welt mit Gespenstern, Fratzen, mit allem Gaukelspiel der Hölle. Mutter bist
du und doch eine Jungfrau: dem einen Maria die Allbeseligende, dem andern die
eiserne Gestalt des Mittelalters, deren Arme zerfleischende Messer verbergen.
Deine Arme breitest du aus: Kommet her zu mir alle, die ihr betrübt, mühselig
und beladen seid, ich will euch euerer Last entledigen, ich will euch trösten!
Deine Arme breitest du aus: Kommet her zu mir, ihr Verstockten, ihr Fanatiker,
ihr Verbrecher, ihr Unglücklichen jeder Art; das Bittere soll bitterer werden,
härter das Harte, schlechter das Schlechte, giftiger jedes Gift! - Im grössten
wie im kleinsten wirkst du, Einsamkeit; die Flammen der Sinnlichkeit löschest du
und schürst du zum verzehrenden Brande; anders erscheinst du jeglichem Menschen:
dem Alter auf andere Art als der Jugend, dem Weibe anders als dem Mann, der
Jungfrau anders als der Mutter. Mir bist du bona Dea, o Einsamkeit, die gute
Göttin des Lebens; ich bitte dich, sei auch eine gute Göttin allen denen, welche
ihr Auge auf dieses Blatt werfen; ich bin ihnen gewogen, darum zeige ihnen deine
holdeste Gunst und Kraft!
    Dicht am Dorfe Poppenhagen im Winzelwalde liegt das adelige Gut, der
Poppenhof, welchem das Privilegium nobilitatis beigelegt war und damit die
Vogtei und Untergerichtsbarkeit. Danach konnten die jedesmaligen Delinquenten
»in solchen Delictis, so nicht in die peinliche Halsgerichtsordnung laufen, nach
Beschaffenheit der Umstände ohngehindert mit einer Geldbusse beleget,
incarceriret, auch mit Anschliessung an das Halseisen, so auf dem Hofe
befindlich, bestraffet werden«.
    Am vierzehnten April 1803 sollte diesem Privilegio gemäss das Halseisen der
Witwe Ulex aus dem Dorfarmenhause umgelegt werden. Ihr Mann war, wie der Vater
Robert Wolfs, Forstwart auf dem Eulenbruch gewesen und hatte als blutjunger
Mensch die Annexionskriege des Alten Fritz mitgemacht. Als Unteroffizier des
Regiments Pasewalk invalid entlassen, heiratete er, indem er das erste junge
weibliche Wesen aufgriff, welches ihm bei seiner Rückkehr aus dem
Garnisonsdienst am Eingange des Dorfes Poppenhagen entgegenlief. Aus dieser
Zufallsehe entspross Heinrich Ulex der Sternseher.
    Um das Jahr achtzehnhundertundeins starb der Forstwart an einer
Wilddiebskugel, welche eine alte Wunde aus dem Bayrischen Erbfolgekriege von
neuem aufriss, und die Witwe zog mit ihrem Jungen nach Poppenhagen hinab in das
Siechenhaus. Sie war dem Trunke ergeben und nahm es nicht allzu genau mit dem
Mein und Dein. In der Kunst, Hühner zu stehlen, hatte sie es zu einer wahren
Virtuosität gebracht, und wir benutzen die Gelegenheit, unsern Leserinnen
zuzuraunen, dass es nicht nur eine Kunst ist, Herzen, sondern auch eine Kunst,
Hühner zu stehlen. Vergeblich suchte die fromme Wirtswitwe Fiebiger, die
ebenfalls mit ihrem Sohne Fritz ihre letzten Jahre in dem Siechenhause
hinbrachte, moralisch auf die Sünderin einzuwirken; das Unterfangen war zu
gefährlich und trug höchstens einige Kratzwunden ein. Die Fiebigerin war aber so
still und demütig, wie die Witwe des Forstwarts wild und rebellisch war; sie
konnte daher am vierzehnten April 1803 nur in den Winkel kriechen und die
schreckliche Aussetzung ihrer Mitgenossin im Hunger und Elend des Armenhauses
mit vors Gesicht gehaltener Schürze bejammern.
    So stand denn unter dem trüben Himmel des regenhaften Tages auf dem Gutshofe
die Ulexin im Halseisen, während der Grossvater Leons von Poppen, der Rittmeister
ausser Dienst Gottelf von Poppen, mit der Tonpfeife im Fenster lag und das
diebische Weib mit den greulichsten Flüchen und Schimpfwörtern überschüttete,
während die Bauern, ihre Weiber und Kinder samt den Gutsknechten mit abgezogenen
Hüten, wenn auch angstvoll, so doch sehr befriedigt gafften. Ein zerlumpter,
verwahrlost blickender Knabe wurde neben dem Halseisen von einem etwas jüngern,
wohlgekleideten Knaben geneckt und misshandelt und suchte sich schreiend an dem
Lumpenrocke des gefesselten, beschimpften Weibes zu halten. Der eine Junge war
Heinrich Ulex, der Sohn der Hühnerdiebin, der andere war Teodor von Poppen, der
Vater Leons. Zitternd, mit atemloser Bangnis sah Fritze Fiebiger von dem
Düngerhaufen aus dem hässlichen Schauspiel zu, und dasselbe tat ein kränklich
blickendes Mädchen von der Tür aus, die in den Gutsgarten führte. Juliane von
Poppen hiess die Kleine; ihre Mutter war tot, ihr Vater kümmerte sich wenig um
sie, er zog bei weitem seinen Sohn, der einige Jahre jünger als das Mädchen war,
vor. Hübsch war die Kleine jedenfalls nicht zu nennen, sie war zu bleich dazu;
aber sie war mitleidig und hatte jetzt Tränen in den grossen schwarzen Augen. Es
war ein für ihr Alter winziges, nervöses Ding, und als sich der heulende,
zerlumpte Betteljunge vor der Gerte ihres Bruders von der Schürze der Frau im
Halseisen in ihre eigene Nähe flüchtete, machte sie sich von der Hand der Bonne
los und trat mit abwehrenden Armen und geballten Händen dem jugendlichen
Tyrannen und Dynasten vom Poppenhof entgegen.
    Der Rittmeister oben im Fenster lachte darüber aus vollem Halse; aber Junker
Teodor schien nun die grösste Lust zu haben, seinen Stock gegen die Schwester zu
gebrauchen. Nur des Vaters ernstliches: »Lass die kleine Katze!« konnte seinem
Zorn Halt gebieten, ohne ihm jedoch Einhalt zu tun. Seit den frühesten
Kindertagen herrschte eine tiefe Abneigung zwischen den Geschwistern, was man
leider viel häufiger findet, als man gewöhnlich annimmt.
    In dem schwächlichen, magern Körper des Mädchens steckte eine starke,
willenskräftige Seele, welche hielt, was sie erfasst hatte, Kenntnisse, Zuneigung
und Abneigung, Liebe und Hass. Juliane von Poppen ward von dem Tage, wo seine
Mutter am Halseisen stand, die erklärte Beschützerin von Heinrich Ulex, und der
arme Knabe hing ihr dagegen mit der Ergebenheit eines Hundes an. Sie nahm das
ganze Armenhaus unter ihre besondere Protektion, aber vorzüglich, wie gesagt,
den Sohn der Hühnerdiebin. Sie hatte noch öfters Gelegenheit, ihn gegen die
Ungeschlachteit des Vaters und die Roheit des Bruders zu schützen, und wenn es
ihr auch nicht gelang, jedes Ungewitter von ihm abzuwenden, so konnte sie doch
manchen Blitz und Donner unschädlich seitwärts lenken.
    Es entstand allmählich zwischen dem Fräulein von Poppen und dem Sohn der
diebischen Bettlerin ein eigentümliches Verhältnis. Das Mädchen hatte in der
Gesellschaft ihres Vaters und Bruders traurige, freudenlose Tage hingebracht;
jetzt fand sie zum erstenmal auf ihrem Lebenswege ein Wesen, welches ihr alles
zuliebe tat, was sie nur irgend verlangen mochte. Unklare Gefühle, geschöpft aus
einer Bibliotek sentimentaler Romane, dem einstigen Eigentum der verstorbenen
Mutter, durchspukten das phantastische Köpfchen; die junge Chatelaine gebrauchte
den erworbenen Einfluss, um den Knaben aus dem Armenhause an sich zu fesseln wie
eine kleine geistreiche Fee einen blöden, dickköpfigen, ehrlichen Kobold. Da gab
es für Heinrich Ulex Aufträge der verschiedensten Art. Seltene Blumen mussten
gesucht werden in den Wäldern und auf den Bergen; auf glänzende Steine,
zierliche Moose, Vogeleier und Federn musste Jagd gemacht werden, zum
phantastischen Schmuck des Zimmers des Fräuleins. Es verging kaum ein Tag, an
welchem die Kinder nicht miteinander verkehrten in Wald und Feld oder hinter den
Gartenhecken von Poppenhagen. Und niemand durfte etwas merken von der Vorliebe
des Fräuleins für ihren Kobold als Fritz Fiebiger, der Sohn der Wirtswitwe. Er
wurde von Zeit zu Zeit in allerlei wichtige Geheimnisse der beiden andern
hineingezogen und ging dann und wann mit auf die Jagd nach Blumen, Steinen und
Vogeleiern.
    Juliane von Poppen, welche vor ihrem Vater sich fürchtete und ihren Bruder
hasste, wurde in der Einsamkeit des Waldes, in der Gesellschaft der beiden Knaben
zum fröhlichen, liebenswürdigen Kinde. Das altkluge Gesichtchen verlor die
bleiche Farbe, der ernste Mund lernte allmählich das heitere Lachen, und die
schwarzen Augen behielten wohl ihren Glanz, aber nicht ihre scheue Unstetigkeit.
    Es rauscht und plätschert manch ein Bach durch den Winzelwald, und der grosse
Forst, im Jahre 1803 noch viel wilder und dunkler als heute, bot manch ein
geheimnisvolles Versteck, ganz gemacht, daselbst Märchen zu erzählen und auf
Märchen zu horchen. An einem solchen Fleckchen, wo die Waldvögel in die Lektion
des Fräuleins vom Poppenhof hineinsangen, wo die Sonne zitternde Schattenbilder
auf das Lesebuch im Schoss der kleinen eifrigen Lehrerin warf, lernten Heinrich
Ulex und Fritz Fiebiger das Lesen und Schreiben. Hier füllte dem armen Heinrich
das elfenhafte, phantastische Mädchen das Herz mit den Gestalten und Bildern
ihrer eigenen Lektüre. Ritter und Damen, Tyrannen, Henker, schuldlose Opfer,
unglückliche Verliebte, Totengerippe, Gespenster, Räuber, Riesen und Zwerge
zogen vorüber; und in wonnigem Bangen lauschten die beiden Kinder
geheimnisvollen Klängen in der Ferne, sahen Gestalten hinter den Stämmen in der
Dämmerung des Waldes und drängten sich scheu aneinander vor den Geistern und
Schauern, welche sie selbst beschworen hatten. Dem mit gefalteten Händen
horchenden Heinrich war oft zumute, als werde die Lehrerin mit ihrem
Waldblumenkranz und den blitzenden schwarzen Augen sich gleich selbst in solch
ein verschwebendes Bild auflösen und im Waldschatten, Vogelsang und Rauschen der
Wasser verschwinden.
    Wie aber schreckten die Kinder auf, wenn ein Laut des wirklichen Lebens sie
in ihrer Einsamkeit störte; wenn die Axt des Holzhauers in der Nähe erklang oder
das Pfeifen des Hirten. Da schoss das eine hierhin ins Versteck, das andere
dortin. Und wenn dann gar der Rittmeister von Poppen mit seinen Hunden durch
den Wald ritt, begegnete ihm wohl sein Töchterlein einsam auf einem verwachsenen
Pfade oder trat ihm aus dem Dickicht entgegen und liess sich, stumm die Augen
niederschlagend, anschnauzen über solch albernes Umherstreifen: den Knaben
gewann sie dadurch Zeit, tiefer in die Wildnis zu flüchten.
    Zwei Jahre hindurch dauerte dies Verhältnis, harmlos und unschuldig. In
ihrer Einsamkeit waren Heinrich und Juliane wie die Erstgeborenen der Erde, als
der Baum der Erkenntnis noch unberührt stand im Paradiese. »Sie schämeten sich
nicht«, wie das Buch der Erschaffung so unbeschreiblich lieblich sagt. Und so
kamen sie, ohne es zu merken, der Grenze der Kindheit immer näher. Im Herbst des
Jahres 1806 gelangte jedoch das süsse Spiel der Einsamkeit zu einem plötzlichen
jähen Ende, und der Sohn der Bettlerin und das adelige Fräulein erwachten wie
aus einem hübschen Traume.
    Am zwanzigsten September dieses Jahres, um die sechste Abendstunde, an einem
düstern nebeligen Tage, warf ein armes Weiblein, welches im Gehölz in der Nähe
des Poppenhofes Reisig für ihren Küchenherd gesammelt hatte, ihren Tragkorb mit
hellem Aufkreischen weit von sich, schleuderte ihre schweren Holzschuhe von den
Füssen, um schneller laufen zu können, und stürzte halb sinnlos vor Angst und
Schrecken dem Dorfe Poppenhagen zu. Das Weiblein hatte ein Gespenst gesehen.
Unter den Tannen war eine lange, hagere, schwarze Gestalt, stocksteif
aufgerichtet, langsam und unhörbar durch die Nebeldämmerung grad auf die
Holzleserin zugeschritten. Diese unheimliche Gestalt, dieses Gespenst war die
Gouvernante, welche auf dem Poppenhofe angekommen war, um dem gnädigen Fräulein
den Ton und die Wissenschaft der schönen Welt beizubringen.
    Mademoiselle Amalie Schnubbes Blütezeit war noch in die Blütezeit der
Sentimentalität gefallen; aber diese Epoche lag weit zurück und - sauer
gewordene Mandelmilch ist ein sehr unangenehmes Getränk!
    Mademoiselle Schnubbe nahm ihre Aufgabe sehr ernst, und ihre kalte knöcherne
Hand zerknickte erbarmungslos die wenigen Blumen, mit welchen die arme Juliane
ihr einsames verlassenes Kinderleben schmücken konnte, eine nach der andern,
würdevoll, metodisch und vornehm. Freilich versuchte das Mädchen anfangs gegen
die Lehren und Pflichten des bon ton sich aufzulehnen; aber ihre Kräfte
erlahmten fürs erste bald, wenn das Joch auch kein dauerndes sein konnte. In dem
Eishauch, mit welchem die winterliche Amalie ihre Schülerin umgab, versank das
Frühlingsleben, welches die Natur in dieses junge Wesen gelegt hatte, in eine
Art Winterschlaf. Die schreckliche Amalie besass das Talent, unpassende
Verhältnisse auszuspüren und zu Ende zu bringen, in einem erstaunlichen Grade.
Sie spürte auch das Waldmärchen aus, welches zwischen Heinrich, Fritz und
Juliane gespielt hatte, und verfehlte nicht, pflichtgemäss den gestrengen Papa
davon in Kenntnis zu setzen. In einen wahren Wutanfall gerieten die beiden
Poppen, Vater und Sohn, darüber; die Heftigkeit des Zornes übertraf jede
Schilderung, welche davon gemacht werden könnte. Zum Glück für Heinrich Ulex und
Fritz Fiebiger marschierten um diese Zeit die Franzosen in Deutschland ein, und
das Heilige Römische Reich, in welchem schon so lange der Schwamm gesessen
hatte, stürzte mit Gekrach zusammen vor dem Fusstritt des fremden Eroberers. In
dem Wirrwarr, dem Kopfunter-Kopfüber, welches die Folge der Schlacht bei Jena
war, konnten sich Heinrich und Fritz leichter aus dem Staube machen und der
kleinherrlichen Willkür und Roheit sich entziehen, als es bei ruhigeren
Zeitläuften möglich gewesen wäre. Sie nahmen kläglichen Abschied von ihren
Müttern und gingen davon mit den winzigsten Bündeln, die sich vorstellen lassen.
Die beiden Mütter hatten noch viel zu dulden, bis sich der Himmel ihrer erbarmte
und sie beide am Hungertyphus der deutschen Kriegs- und Lehrjahre zu sich nahm.
Sie wurden auf Kosten der Gemeinde, wie es ihnen zukam, im Winkel begraben, und
als nach Jahren ihre Söhne die Gräber suchten, wusste niemand mehr ihre Stelle
anzugeben.
    Es fand auch eine letzte Zusammenkunft zwischen Juliane und Heinrich Ulex
statt, und das Fräulein von Poppen gab dem Jugendgespielen zum Gedenkzeichen an
die glücklichste Zeit ihres Lebens ein Medaillon, in welchem sich Haare ihrer
seligen Mutter und eine kleine Locke von der eigenen Schläfe befanden. Als die
drei wieder zusammentrafen, wie war da alles anders geworden in der Welt, wie
war so manche Schwungfeder im Flügel der Seele geknickt; wie waren ihre Seelen
matt vom Flug über die Welt, wie waren sie bedeckt mit dem Staub aus den Gassen
und von den Märkten des Lebens!
    Der November des blutigen Jahres 1806 fand Heinrich Ulex und Fritz Fiebiger,
ohne Kenntnis der Welt, ohne Hülfsmittel, ohne Zweck, freudlos und verlassen auf
der Heerstrasse, welche von fremden Truppenzügen, Zügen von Gefangenen, Marodeurs
und abenteuerndem Gesindel wimmelte. Die Fährlichkeiten waren gross; aber noch
grösser war doch das Glück der Jünglinge. Ein dunkler Trieb zog sie der
Hauptstadt zu, und nach mancherlei Schicksalen langten sie vor den Toren an in
einer Equipage des Kaisers Napoleon, nämlich auf einem Bagagewagen der Grossen
Armee. Eine Zeitlang bettelten und arbeiteten sie nach Gelegenheit, grade so
heimatlos wie das ganze deutsche Volk, in den Gassen; dann liefen sie einem Mann
vor die Füsse, welcher fast noch übler daran war als sie. Dieser Mann war ein
untergeordneter Beamter der Polizei, namens Meiners, welchen der Sturm der Zeit
von seinem ziemlich bequemen Sitz im Staatsorganismus Friedrichs des Grossen
heruntergehoben und unsanft auf den harten nackten Erdboden niedergesetzt hatte.
Der Sekretarius hatte mit weinenden Augen den roten Kragen von dem
preussischblauen Frack trennen müssen; erst hatte er die Berlocken von der Uhr
verkauft und dann die Uhr selbst. Ein wohlbehäbiges Bäuchlein, welches er vor
der Katastrophe von Jena besass, schaffte er gleichfalls allmählich ab; seine
Frau war kränklich, und sein einziger Sohn hatte vorläufig die gelehrten Bücher
in den Winkel geworfen und die Philologie an den Nagel gehängt, um seine Eltern
kräftiger unterstützen zu können. Meiners, der Exbeamte, arbeitete in dem Büro
eines Advokaten, und in demselben Büro fand Fritz Fiebiger eine Stelle als
Ausläufer. Rudolf Meiners hatte eine Stelle bei einem Buchhändler angenommen und
ebendaselbst einen Platz für Heinrich Ulex ausgemacht. Nichts führt die Menschen
mehr zusammen, als wenn sie in ihnen ungewohnte Zustände geworfen werden, nichts
versteht das Gleichmachen besser als dira necessitas, die harte Notwendigkeit.
Um seinem Berufe nicht ganz untreu zu werden, unterrichtete der frühere
Philologe Rudolf die beiden Jünglinge Fritz und Heinrich. Aber nicht bloss Latein
trieben die jungen Männer miteinander. Während die französischen Trommeln durch
die Strassen wirbelten, sassen sie und forschten, wie es gekommen sei, dass diese
fremden Trommeln so laut werden durften im Vaterlande. Der bleiche schwächliche
Rudolf war ein begeisterter Lehrer, wenn er vom Auf-und Untergang der Völker,
ihren grossen Helden, Weisen, Dichtern und Verbrechern redete; er hatte aber auch
begeisterte Zuhörer, und vorzüglich der stille Heinrich Ulex trat ihm immer
näher. So gingen die schweren Jahre hin, immer stolzer, höhnischer wirbelten die
fremden Trommeln, immer eifriger dachten die drei Jünglinge darüber nach, was zu
tun sei, diese frechen gehassten Klänge zum Schweigen zu bringen. Sie waren viel
früher darüber im klaren, als die Zeit, Gedachtes zu Taten zu machen, kommen
wollte; aber während des Wartens erwarb Heinrich Ulex mit Hülfe Rudolfs eine
tüchtige Bildung. Sein Beruf zum Gelehrten trat immer deutlicher hervor. Er
vermochte es, mit Rudolf Meiners ruhig zu sitzen und zu studieren, während
andere hasserfüllte junge Seelen den schleichenden Tagen voranstürmten in die
Zukunft und sich in qualvoller Ungeduld fast verzehrten. Nicht weniger als die
andern jedoch jauchzten Rudolf und Heinrich, als endlich die im verborgenen
geschmiedeten und geschliffenen Klingen ins Sonnenlicht hinausfahren durften.
    Es war eine grosse Stille gewesen, und es ward ein grosser Sturm.
    Auf einem der ersten Fuhrwerke in der langen, mit freiwilligen Kämpfern
besetzten Wagenreihe, welche der nicht ohne einigen Grund bedenkliche König
Friedrich Wilhelm der Dritte von den Fenstern des Schlosses zu Breslau aus
ankommen sah, befanden sich Rudolf Meiners, Heinrich Ulex und Fritz Fiebiger.
    Im Tempo maestoso ging jetzt die Weltgeschichte ihren Gang, und die drei
Freunde taten nach Kräften das Ihrige dazu, dass sie nicht wieder ins Stocken
gerate. Bei Leipzig knieten die hohen Alliierten in ihren weissen
Kaschmirbeinkleidern nieder und dankten Gott, dass das Geknalle, Hurrageschrei,
Wut- und Wehegeheul nun endlich einmal ein Ende habe. Das erboste Schicksal
legte den grossen Kaiser Napoleon übers Knie und bearbeitete ihm nach Kräften
einen unnennbaren Körperteil, während die allerhöchsten Herrschaften der
Heiligen Allianz samt ihren Diplomaten von ferne zusahn und der Lehre das
entnahmen, was - sie gebrauchen konnten.
    Manch ein weites Feld durch ganz Europa hatte der Krieg viel besser gedüngt,
als die rationellste Landwirtschaftslehre es vermocht hätte. Die Walkyrien
machten sich mit dem Gedanken vertraut, sich pensionieren zu lassen; denn ihr
Dienst, die Seelen der Gefallenen von den Walstätten abzuholen, war zu
angreifend geworden.
    Rudolf, Heinrich und Fritz fochten bis zum Ende mit; aber zu Paris starb
Rudolf Meiners in den Armen Heinrichs. Ein Blutsturz, die Folge der übermässigen
Anstrengungen des Feldzuges, endigte sein junges Leben; er starb mit leuchtenden
Augen; denn die deutsche Trommel wirbelte jetzt durch die französische
Hauptstadt: die Schmach des Vaterlandes war gesühnt. Er konnte ruhig gehen.
    Mit den überlebenden Siegern kehrten Heinrich und Fritz heim. Der erstere
brachte den Eltern Rudolfs die letzten Grüsse des Sohnes und eine Locke seines
Hauptaars; es war ein traurig-stolzes Wiedersehen. Man hat nichts umsonst in
der Welt.
    Unter den veränderten politischen Umständen hatte der alte Meiners natürlich
seine Stelle wiedererhalten und trug wiederum den roten Kragen auf dem blauen
Rock; aber er war ein gebrochener Mann, sass am liebsten mit seiner weinenden
Alten im Winkel und liess sich durch Heinrich Ulex immer von neuem von dem toten,
tapfern, gelehrten Sohn erzählen. Zuletzt trat Heinrich in diesem trauernden
Hause fast ganz in die Stelle, die Rudolf eingenommen hatte. Er wohnte in dessen
Stube, er benutzte dessen Bücher - die Alten konnten seine Gegenwart zu ihrem
Dasein nicht mehr entbehren.
    Dem Unteroffizier der Freiwilligen Fiebiger verschafte der Kommissär
Meiners dagegen eine Stelle bei seiner Behörde, und so wurden beide Kinder des
Winzelwaldes in Stellungen hineingeführt, von welchen ihnen an ihren Wiegen
nichts gesungen worden war.
    Der zweite Pariser Friede war geschlossen worden; man richtete sich aufs
neue »auf alle Ewigkeit« in dem zertrampelten, blutbesprjetzten Europa ein. Über
die Blutflecke fuhren die Kongress-Herren mit ihren Pinseln voll blauer, grüner,
gelber Farbe, zeichneten Grenzen und teilten Nationen im Namen der Einen und
unteilbaren Dreieinigkeit und forderten die Völker auf, demütig Gott zu preisen
und ihm Lob zu singen. Sie selbst freilich priesen nur ihre eigene Schlauheit
und Gewandteit; Gott aber sah, dass nicht alles gut war.
    Heinrich Ulex besuchte jetzt die Universität, welche in der Hauptstadt
selbst gegründet worden war. Fritz Fiebiger erhielt bald die Stelle, in der wir
ihn zu Anfang dieser Erzählung noch gefunden haben. Er ward darin nicht ein
stiller, nach den Sternen sehender Weiser wie Ulex, wohl aber der kaustische,
humoristische Betrachter und Beobachter menschlicher Zustände, den wir bereits
etwas kennengelernt haben. Ein Bürokrat, wie ihn die Welt hasst, verspottet und
fürchtet, war er nicht. Keiner seiner Vorgesetzten, selbst Tröster, der
Polizeirat, nicht, hielt ihn für das Ideal eines Beamten. Es verstanden ihn
wenig Leute; aber noch weniger Leute verstanden Heinrich Ulex den Sternseher und
- Juliane Freifräulein von Poppen.
    Das Fräulein war ihres eigenen Weges gegangen, bis sie mit den alten
Jugendgenossen wieder in Verbindung trat. Mamsell Amalie Schnubbe hatte ihr
Bestes getan, den frischen Geist auf das gewöhnliche Niveau gesellschaftlicher
Liebenswürdigkeit herabzudrücken. Es war ihr nicht gelungen; und diese
tyrannische Herrschaft hatte auch nur ihre Zeit und wurde von dem beherrschten
Fräulein abgeworfen bei der ersten günstigen Gelegenheit. Über den Poppenhof
kamen mit der Schlacht bei Jena schwere Tage. Der alte Dragonerrittmeister war
wie vor den Kopf geschlagen über dies schmähliche Ende der preussischen
Heeresglorie. Immer war er grobkörnig-stolz auf den eigenen Zopf und den der
Armee, welcher er angehört hatte, gewesen, und der Gedanke, dass ein schlauer
Feind das »erste Kriegsheer der Welt« bei diesem selbigen Zopfe nehmen könne,
war ihm nimmer gekommen. Ostwärts zu den Polacken und Russen begab sich die
Armee Friedrichs des Grossen auf die grosse Retirade und liess den Herrn von Poppen
auf dem Poppenhof unter den feindlichen Fouragierern und Marodeuren ratlos
zurück. Er wurde sehr liebenswürdig gegen seine Bauern, er war sehr höflich,
ungemein höflich, fast zu höflich gegen die Fouragierer und Nachzügler.
Vollständig zog er sein altes Wesen ab; aber er warf es nicht fort, sondern hing
es sorgsam zu seiner alten Uniform in den Kleiderschrank, um es in bessern
Zeiten wieder hervorzuholen. Sein Sohn Teodor ahmte dem Vater so gut wie
möglich nach und sass still zu Hause bis zum zweiten Pariser Frieden, wo er aus
dem Dunkel des Winzelwaldes hervorkroch und zur Hauptstadt kam, seine
militärische Karriere zu beginnen. Er wurde im Laufe der Zeit Hauptmann in der
Garde, heiratete ein Fräulein Viktorine von Zieger, zeugte seinen Sohn Leon,
ruinierte den Poppenhof gänzlich und starb, ohne dass durch seinen Tod der
Staatsorganismus ins Stocken geraten wäre, im Jahre 1835.
    In den zwanziger Jahren hatte der Papa Gottelf das Zeitliche gesegnet, ohne
dass er der Tochter die sorgsame Pflege seiner letzten Tage Dank gewusst hätte.
Auch Juliane kam nach der Hauptstadt; denn auf dem Poppenhofe, unter der
Regierung des Bruders, war ihre Stelle nicht mehr. Sie besass ein Vermögen von
zehntausend Talern, doch wurde die Hälfte desselben von dem Bruder
zurückgehalten; sie musste von der bleibenden Hälfte leben und einen Prozess gegen
Herrn Teodor führen. Erst einige Jahre nach dem Tode des Bruders wurde dieser
Rechtsstreit zu ihren Gunsten entschieden.
    In der Hauptstadt lebte Juliane ganz zurückgezogen; sie liebte es immer
noch, mit den niedern Volksschichten zu verkehren und ihnen nach Kräften mit Rat
und Tat zu Hülfe zu kommen. Sie hatte das Unglück, an einem dunkeln Winterabend
den Fuss auf einer Leiter, die in eine elende Dachkammer führte, zu brechen; aber
ihr Lebensmut konnte durch nichts gebrochen werden. Sie hinkte durch die Gassen,
eine allbekannte und doch geheimnisvolle Persönlichkeit; von allen Einwohnern
der volkreichen Stadt wurde sie vielleicht am meisten gegrüsst.
    Aus dem Giebel des Nikolausklosters hatte Heinrich Ulex nach dem Tode des
Meinersschen Ehepaares sein Observatorium gemacht; in der Musikantengasse hatte
sich Fritz Fiebiger eingerichtet; sie wurden allmählich ein paar alte
Junggesellen, und eine ältliche närrische Jungfer war Juliane von Poppen
geworden.
    In der grossen Stadt kann man sich verstecken wie in dem Winzelwalde; jene
hat ihre Schatten, ihre geheimnisvolle Lust und Schauer wie dieser. Wie in dem
Winzelwalde fanden sich die drei frühern Genossen zusammen. Sie waren im Leben
arg hin und her geworfen worden; sie suchten nunmehr die Einsamkeit und die
Stille. Sie hatten alle viel gelernt; aber jeder sah die Welt auf seine Weise
an; am kindlichsten war der Idealist Heinrich Ulex geblieben, am nüchternsten
war Juliane von Poppen geworden; der Humorist Fritz Fiebiger bildete das
verbindende Mittelglied. In dem Giebel des Sternsehers sassen sie
nächtlicherweile, sahen nach den Gestirnen und beredeten den Lauf der Welt;
ihnen hing die Einsamkeit die lichtblaue Seite ihres Schleiers über die Augen.
Ein neues junges Geschlecht war um sie her aufgewachsen; das Weib fühlte am
ersten und innigsten das Bedürfnis, mit der Jugend in Verbindung zu bleiben -
Juliane hatte sich zur Pflegemutter Helene Wienands gemacht.
    Das war folgendermassen gekommen. Um das Jahr 1827 betrat das Freifräulein
zum erstenmal das Wienandsche Haus. Sie kam in Geldgeschäften, vergass aber das
Kontor über dem, was sie in dem Hause selbst erblickte. Sie traf es in der
allergrössesten Verwirrung und Aufregung. Der Bankier war in Geschäften verreist;
am frühen Morgen war Helene geboren worden, und die Mutter war eine halbe Stunde
nach der Geburt gestorben. Die ratlose Dienerschaft lief hin und her. Verwandte
besass der Bankier in der Stadt nicht; der Doktor Pfingsten selbst war auf dem
Punkt, den Kopf zu verlieren. Das Kind schrie in seiner Verlassenheit, die tote
Mutter war die einzige Ruhige im Hause. In diesem Wirrwarr erschien das
Freifräulein wie ein Engel, gesandt vom Himmel. Nachdem sie den Sachverhalt
erkundet hatte, bemächtigte sie sich sofort der Leitung der Dinge, und zwar auf
eine Art, welche die höchste Bewunderung verdiente. Ihren Prozess, ihre Geldnot,
ihre jungferliche Stellung, alles vergass das Fräulein um die unbekannte Tote und
das unglückliche Kind. Sie war nur das tröstende, sorgliche, ordnende Weib; und
als der Bankier Wienand zu seinem zerstörten Heimwesen zurückgeeilt war, fand er
die tiefste Ruhe und Ordnung hergestellt, fand er sein Kind mit Amme und
Wärterin aufs beste versorgt, fand er sein Weib im geschmückten Sarge und das
Freifräulein in schwarzer Seide, die Bibel auf den Knien, feierlich ernst neben
der Toten. Als der durch das plötzliche Unglück völlig betäubte Mann anfing,
sich wieder zu besinnen und das Geschehene zu begreifen, als er dann von dem
Doktor Pfingsten vernahm, was er der fremden Dame schuldete, da sah er ein,
obgleich er von Herzen so egoistisch wie irgend jemand war, dass er dem
Freifräulein auf keine Art jemals sich dankbar genug beweisen könne. Er
beteuerte ihr das auch einmal über das andere, Juliane jedoch rümpfte die Nase,
sagte: »Dummes Zeug, Albernheit!«, strich ihr Kleid auseinander und glatt und
lud dem Bankier gleichmütig die Beaufsichtigung des grossen Prozesses Poppen
contra Poppen auf. Das kleine mutterlose Mädchen aber hatte sie unendlich in ihr
Herz geschlossen, und es und der Prozess bewirkten, dass kein Tag verging, ohne
dass das Freifräulein in dem Hause des Bankiers erschien, die Leitung von beiden
zu besprechen. Der Bankier nahm sich denn auch des Prozesses aufs beste an,
sorgte für die tüchtigsten Konsulenten und Advokaten und hatte wirklich an der
glücklichen Beendigung desselben einen nicht geringen Anteil.
    Einen bessern Ersatz für die verlorene Mutter als Juliane von Poppen hätte
der Vater Wienand seinem Kinde durch all sein Gold nicht erkaufen können. Das
Freifräulein wurde der Schutzengel, welcher das kleine Mädchen in die Höhe hob,
von der es frei und gesichert in das Gewühl der armen Menschheit blicken konnte.
So wuchs und gedieh Helene Wienand unter diesem guten Schutz und ward zu einem
an Leib und Seele schönen Jungfräulein, und der Bankier wunderte sich manchmal
sehr darüber, wie die »Gnädige« es anfing, alle löblichen Eigenschaften des
Kindes zu finden, zu erwecken und zur Blüte zu bringen. Der Bankier, der in ganz
andern Anschauungen lebte, bekam zuletzt nicht nur Respekt vor dem hinkenden
Freifräulein - das verstand sich von selbst -, sondern auch vor seinem
Töchterlein. Auf diese Weise erreichte Helene Wienand ihr achtzehntes Jahr, und
wir fanden sie auf dem Wege unserer Geschichte, wie wir sie im Anfange
geschildert haben.
 
                               Siebentes Kapitel
Auf dem Observatorium des Sternsehers Heinrich Ulex. Fräulein Juliane von Poppen
                          hat eine Entdeckung gemacht
Der Polizeischreiber Fiebiger klopfte an die Tür des Astronomen Heinrich Ulex.
Trotzdem es nicht leicht denkbar war, dass ein irgend Unbekannter zu dieser Zeit
der Nacht sich hierher störend verlieren könne, war die Pforte doch doppelt und
dreifach verriegelt und öffnete sich auch nicht so leicht wie die Tür zum
Polizeibüro Nummer dreizehn oder irgendeine andere vielgebrauchte Tür. Sie
öffnete sich mit Gekreisch und schloss sich mit Geknarr. Der Mann, welcher den
Riegel weggeschoben hatte, sah fast aus wie der Zauberer im Märchen - ein echter
Gelehrter im langen grauen Schlafrock, graubärtig und grauhaarig. Er nickte dem
Eintretenden freundlich, aber kurz zu und schritt schnell zu einem Teleskop
zurück, welches gegen den Nachtimmel, der allmählich ziemlich klar geworden war
und an dem nur noch dann und wann eine schnelle Wolke hinjagte, gerichtet war.
Unbekümmert darum liess sich der Schreiber in der Nähe des kleinen Kachelofens in
einem Lehnstuhl nieder und sah dem Forscher gleichmütig zu; ein Fremder würde
sich jedenfalls verwundert in dem Gemache umgesehen haben. Mit Büchern und
Instrumenten war es vollgestopft wie das Studierzimmer des Faust.
Merkwürdigkeiten aus allen Naturreichen, Globen, astronomische Gerätschaften
waren überall hingestopft, wo Raum war und auch nicht war, und schienen es
darauf abgesehen zu haben, den Unvorsichtigen überall zum Stolpern zu bringen.
Auf dem grünbehangenen schwerfälligen Tische neben der Lampe, unter ungeheuern
Haufen beschriebenen Papieres stand ein zierliches Kunstwerk des achtzehnten
Jahrhunderts, eine sogenannte Sphaera armillaris, das kopernikanische Weltsystem
kunstreich und ganz vortrefflich darstellend. An der Wand hing eine genaue
Abbildung der mensa Isiaca neben einem schönen Bildnisse Keplers. Des Jesuiten
Kaspar Schotts »Magia naturalis« von 1657 lag auf einem Seitentischchen neben
Hegels »Naturphilosophie«, und Vaninis »De admirandis Naturae Reginae Deaeque
Mortalium arcanis libri IV« neben Kants »Kritik der reinen Vernunft«, Giordano
Brunos »Del infinito universo« und »Della causa, del principio ed uno« neben
Schellings Buch über die Weltseele.
    Eine geraume Zeit blickte der Sternseher, der Erdenwelt vollständig
entzogen, durch sein Rohr, bis er sich endlich mit einem befriedigten Seufzer
gegen den späten Besucher umwandte.
    »Eine sehr schöne Konstellation, Fritz. Beinahe hätte die Wolke, die jetzt
dort zieht, mich ihren Gipfelpunkt verlieren lassen. O die Wolken und die
Mauern! Es ist ein Leiden, da hat mir dort südwärts wieder ein Mensch ein
Stockwerk auf sein Haus gesetzt und mir meinen herrlichen Fomahand geraubt, der
Barbar - grad am Maul des mittägigen Fisches. Der Globus aerostaticus ist auch
schon fort mit den Schenkeln des Wassermannes. Wie lange wird's dauern, so
verliere ich auch den Scheat, den Markab, den Algenib - den ganzen Pegasus. Sie
rammen die Gerüste schon ein. Wahrlich, da möchte man wohl Bellerophon sein, um
dieses Ungeheuer von aufschwellender Stadt, dieses chimärische Untier von
Mörtel, Ziegel, Elend und Essenqualm niederzureiten in den Schmutz, aus dem es
entstanden ist. Das ganze Firmament noch wird es mir dunkel und gierig
verdecken. Ach meine schönen Sterne! Immer höher muss man steigen, je mehr das
Irdische andringt. Übrigens freue ich mich, Fritz, dass du noch gekommen bist; in
jetziger Jahreszeit muss man auf jeden klaren Augenblick achten und ihn benutzen.
Sieh her, ich will - o weh - da sind die Wolken wieder! Ach meine schönen
Sterne!«
    »Lass die Sterne, sie werden in einer andern Nacht um so heller scheinen; ich
habe dir etwas anderes mitzuteilen, welches auch dich angeht; denn auf dich habe
ich in mehr als einer Hinsicht dabei gerechnet!«
    »Nun?«
    »Ich will mich verändern!«
    Der Sternseher sah den Schreiber höchst verwundert an:
    »Du - du - willst dich verändern - jetzt noch? - heiraten, du - o Fritz,
Fritz!«
    Lachend schlug Fiebiger mit beiden Händen auf die Knie:
    »Sehr gut! Ausgezeichnet! Na, beruhige dich, mein Alter; ganz so schlimm
habe ich es doch nicht mit mir im Sinn. In anderer Art will ich mich verändern
-«
    »Ausziehen?!«
    Der Schreiber schüttelte den Kopf:
    »Auch das nicht; ich liebe die Musikantengasse und die hintere Aussicht auf
diesen wackligen, närrischen Giebel und diesen Tubus, Heinz. Ich bin mit der
Laterne umhergegangen, habe gesucht und endlich den jungen Taugenichts gefunden,
den ich adoptieren will. 's ist ein Landsmann aus dem Winzelwalde, Heinrich
Ulex; 's ist ein Poppenhagener.«
    »Also das ist's; gottlob!« seufzte der Astronom. »Erzähle mir mehr davon. Es
ist ein wichtiger Schritt; hast du vorher auch nach den Sternen gesehen, Fritz?«
    Der Schreiber zuckte die Achseln:
    »So genau wie möglich. Wer kann ihnen aber völlig trauen? Sicherlich nicht
ein Polizeischreiber, der bald sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum feiert.«
    »Erzähle!« sagte Ulex.
    Fiebiger gab nun Bericht über Robert Wolf, gab an, wie er zuerst mit dem
Knaben in Berührung gekommen sei, wie er sich bemüht habe, den Charakter
desselben bis in die kleinsten Einzelheiten zu erkunden, und was er gefunden.
Dann erzählte er von den Vorgängen im Zentralpolizeihause, und wie er zuletzt in
das Geschick Roberts eingegriffen habe.
    Während der ausführlichen Mitteilungen des Freundes schüttelte der Astronom
öfters den Kopf; noch öfters neigte er ihn aber auch billigend, und als Fiebiger
endlich seine Erzählung beendet hatte, sagte er:
    »Hundertundfünfzig Jahre früher wäre ich statt eines Sternguckers ein
Sterndeuter gewesen, und du, Fritz, wärest zu mir gekommen, um das Horoskop
deines Schützlings stellen zu lassen. Wir beide hätten dann der grossen Kunst im
Guten wie im Bösen vertraut, und alles wäre in Ordnung gewesen. Heute liest man
nicht mehr der Menschen Fatum aus den Sternen. Die gehen droben ruhig ihren
ewigen Weg; wir irren unruhig hienieden, hin und her getrieben wie Blätter im
Winde, unsern kurzen Pfad. Wahrlich, man sehnt sich oft nach der Zeit der
Astrologie zurück, man wagt nur nicht, es sich und andern zu gestehen. Übrigens
will ich dich nicht tadeln, Fritz, weil du handeltest, wie dein Herz und Wunsch
dich trieb. Der eine schiebt, je älter er wird, desto mehr Riegel zwischen sich
und die Welt; der andere öffnet ihr, je älter er wird, desto weiter Tür und Tor.
Jeder sieht und empfindet den Sonnenuntergang auf verschiedene Weise; denn jeder
hat den Morgen, Mittag und Nachmittag auf eine andere Art hingebracht, hat
andere Freuden, hat andere Leiden genossen und erduldet und trägt deshalb eine
andere Stimmung in die letzte Stunde des Tages hinein. Du hast vielleicht ein
kluges Werk getan, Fritz; ich will dir das beste Glück dazu wünschen. Morgen
magst du mir deinen Schützling zeigen; wir wollen sehen, was daraus zu machen
ist.«
    »Du willst mir also helfen, ihn zu einem echten tüchtigen Menschen zu
bilden?« fragte der Schreiber.
    Der Sternseher seufzte lächelnd:
    »Da haben wir es! Was helfen mir nun wieder alle meine Riegel? Ach meine
stillen Sterne!«
    »Willst du mir helfen, den Knaben zu erziehen?«
    »Kann ich das schöne Mädchen ihm aus Sinn und Seele jagen? Latein und
Griechisch will ich ihm beibringen; aber die Leidenschaft aus ihm zu treiben,
ist eure Sache, ihr Kinder dieser Welt. Mit den Leidenschaften habe ich nichts
mehr zu tun, seit ich mich den Sternen ergeben habe.«
    »Bah, es würde ein hübsches Leben in der Welt werden, wenn wir die
Leidenschaft hinauspeitschten, Ulex. Es ist doch besser, wir verstecken uns
nicht alle in einem solchen Giebel wie du, Heinrich. Was würde aus diesem
Erdball werden? Ein vergessener Käse, der im Küchenschrank zerfliesst. Was für
eine vita aequivoca würde daraus entstehen - brr! Vivant homunculi - quanti
sunt! Ich hoffe, der Weltgeist braucht noch lange nicht auf ein Sparendchen
gesteckt zu werden.«
    Es klopfte wieder an der Tür, und Heinrich Ulex fuhr empor; ein heller
Schein fuhr über sein Gesicht, als er ungemein schnell öffnete. Der Schreiber
rieb die Hände, nickte grinsend und murmelte:
    »O Philosophie der Entsagung; armer Heinrich!«
    In das Erkerzimmer des Sternsehers trat Juliane von Poppen, und die drei
alten Leute bildeten eine merkwürdige Gruppe in dem merkwürdigen Gemache.
    Das Freifräulein trat ziemlich erregt ein, sie brachte aus der Gesellschaft
des Bankiers Wienand eine Entdeckung mit, welche für den Polizeischreiber und
dessen Schützling von der grössten Wichtigkeit sein musste. Gleich von Anfang an
hatte der junge Deutschamerikaner, den der Hauptmann von Faber einführte, ihr
höchstes Interesse erregt, und dieses Interesse schien auf der andern Seite
ebenfalls vorhanden zu sein; denn Herr Warner wandte sich im Verlauf der
Unterhaltung bei weitem am meisten an das Freifräulein, und so konnte es nicht
fehlen, dass das Gespräch sich bald ziemlich zwischen ihnen abspann und die
andern zu Zuhörern wurden, welche nur dann und wann ein Wort einfliessen liessen.
    Wie es ebenfalls nicht anders sein konnte, kreuzte das Gespräch bald die
»grosse Pfütze«, das Atlantische Meer, wobei jedoch mehr die Poesie der See, ihr
Leuchten, ihre wilden und milden Stimmungen als der Jammer der Seekrankheit
berührt wurden. Vom Meer glitt die Unterhaltung hin und her über das
unermessliche Gebiet der grossen Republik, und Frederic Warner zeigte sich
wohlbewandert in den Antinomien derselben und sprach über Sklavenhalter und
Abolitionisten, über Natives, Knownotings, Teatotaler, Locofocos, Republikaner
und Demokraten mit dem kühlen Blick des philosophischen Beobachters, der sowohl
Sam Slick wie Martin Chuzzlewit gelesen hatte. Aus dem Kongresssaal zu Washington
glitt das Gespräch leicht durch einen Quadronenball zu New Orleans, um sich in
die feierlichen Schatten des jungfräulichen Urwaldes zu verlieren, und was man
so oft in mehr oder weniger gelungenen Schilderungen, in Sealsfield oder Cooper,
gelesen hatte, musste erblassen vor dem lebendigen Wort. Der Erzähler hatte
selbst alles durchgemacht, war von Indianern verfolgt, von Moskitos zerstochen
worden und brachte auf das grosse Teater zwischen dem Atlantischen und dem
Stillen Ozean so viel individuelle Züge, dass das Freifräulein und Helene Wienand
lauschten wie einst die Damen von Venedig dem unsträflichen Ätiopier, dem
rodomontierenden wollhaarigen Feldherrn. Wie aber war es gekommen, dass die
Unterhaltung sich aus den Urwäldern der Republik in den von einer hohen
Königlichen Forstverwaltung löblich kultivierten Winzelwald versetzt fand? Daran
hatte das Fräulein von Poppen allein die Schuld. Das alte Fräulein, immer noch
beschäftigt mit der Geschichte Robert Wolfs, heftete immer schärfere,
forschendere Augen auf den jungen Amerikaner. Es waren demselben einzelne
Andeutungen entfallen, welche vermuten liessen, dass der Winzelwald ihm gar nicht
unbekannt sei, und hoch hatte Juliane aufgehorcht. Sonst gegen Fremde nicht sehr
zur Mitteilung ihrer Gefühle geneigt, wurde sie mit einemmal ganz lebendig, liess
sich zuerst in eine Charakterschilderung der Berge und Wälder ihrer Heimat ein,
sprach dann eingehend über das Dorf Poppenhagen und den Poppenhof und erwähnte
zuletzt, aus dem Dunkel ihrer Diwanecke scharf nach dem Amerikaner
hinüberlugend, die Forstütte zum Eulenbruch. Immer nachdenklicher und
träumerischer war Mr. Frederic Warner geworden; als aber das Freifräulein den
Eulenbruch und die Familie Wolf erwähnte, schien es mit seiner
Yankeeselbstbeherrschung zu Ende zu sein, und es war die höchste Zeit, dass
Juliane von Poppen diesen Gesprächsstoff fallenliess. Freundlich nickte sie dem
Amerikaner zu und erhob sich, um Helene Wienand zu Bett zu schicken und selbst
die Gesellschaft des Bankiers zu verlassen. Man nahm Abschied voneinander, und
auch der Amerikaner nahm Hut und Mantel und begleitete das Freifräulein die
Treppe hinunter. Sie traten zusammen vor die Tür, und hier beugte sich der junge
Fremde auf die Hand der alten Dame, küsste sie und sagte:
    »Sie kennen meinen Namen - Sie wissen, was meinem armen Bruder geschehen
ist. Darf ich Sie bitten, mein Geheimnis noch zu bewahren?«
    Das Freifräulein lächelte gutmütig:
    »Ich bin nur da eine Plaudertasche, wo es nötig ist, Herr - Herr Warner.«
    In diesem Augenblick wollte ein junger Herr in einem Pelzüberrock vor der
Tür des Bankiers vorbeischreiten, hielt aber an und rief mit etwas näselnder
Stimme:
    »Ah, ma tante - und auch Mister Warner! Gnädige Tante, ich habe das
Vergnügen, Ihnen den angenehmsten Abend zu wünschen.«
    »Kennen Sie meinen Neffen, Herr Warner?« fragte das Freifräulein verwundert.
    »Ich habe die Ehre«, sagte der Amerikaner, sich verbeugend.
    »Nehmen Sie sich vor ihm in acht; er besitzt das Talent, sich und andere
lächerrlich zu machen. Bösherzig ist er nicht, aber albern. Wir sind ein
Geschlecht im Niedergang, Herr Warner.«
    Der Amerikaner verbeugte sich, Leon von Poppen lachte.
    Das Freifräulein stiess ihren Krückstock auf den Boden und rief:
    »Sie lachen, Leon; aber andere Leute lachen noch lauter. Es ist nicht
angenehm, Herr Warner, unter dem Gelächter einer ganzen Nation zu Grabe zu
gehen.«
    Damit liess sie die beiden jungen Leute stehen und humpelte in die Nacht
hinein. Sie bedurfte nie eines Wagens; überall boten sich ihr hülfreiche Hände,
bei Tag und bei Nacht, auf allen ihren Wegen. Sie brachte ihre Entdeckung zu dem
Giebel des Sternsehers; noch einmal liess sie sich daselbst von dem
Polizeischreiber genau die Geschichte Robert Wolfs erzählen, dann sagte sie:
    »Gut gemacht, Fritz. Haltet Euch an die Jugend, so werdet Ihr selbst jung
bleiben. Übrigens beginnen die Verwicklungen für Sie bereits, Fiebiger!«
    »Wieso, Fräulein Juliane?«
    »Ihr Schützling hat einen Bruder, welcher vor Jahren in die weite Welt ging.
Er ist zurückgekommen - dem Anschein nach ganz ein Gentleman. Heute abend habe
ich ihn bei dem Bankier Wienand getroffen. Er nennt sich Warner - ein hübscher
Mann.«
    Der Schreiber faltete kläglich-komisch die Hände und rief:
    »Und die Polizei, ohne deren Wissen kein Haar vom Kopfe fallen darf, weiss
nichts davon! Der Bursch hat unter andern Bürgerpflichten auch seine
Militärpflicht versäumt - Einsperrung und Nachsitzen in der Soldatenschule! Aber
das ist in der Tat eine merkwürdige Nachricht! Es lebe die Kaprice des
Schicksals!«
    »Was willst du nun tun, Fritz?« fragte der Astronom.
    »Das Vernünftigste«, antwortete der Schreiber, »den morgenden Tag abwarten.«
    Keiner von den drei Leuten auf dem Observatorium des Sternsehers ahnte, dass
in diesem Augenblick bereits diese Verwicklung sich ohne ihr Zutun löste. Keiner
von ihnen hatte an den Lebensfäden, die sich hier verschlangen, mitgesponnen.
    Die Freunde trennten sich bald. Der Schreiber begleitete das Fräulein von
Poppen zu ihrer Wohnung, kehrte dann nach der Musikantengasse zurück und fand
Robert Wolf noch immer im unruhigen Schlummer. Als er mit der Lampe vor sein
Lager trat, fuhr der Knabe erschreckt auf und starrte seinen Beschützer wild an.
Der Schreiber drückte ihn sanft wieder nieder und sagte:
    »Liege still, mein Junge, wir wollen schon darüber wegkommen.«
 
                                 Achtes Kapitel
                Herr Leon von Poppen wundert sich ganz ungemein
»Wundern Sie sich nicht zu sehr über das, was Sie eben vernahmen, cher ami«,
sagte vor der Tür des Bankiers Wienand Leon von Poppen zu dem Amerikaner,
nachdem das Freifräulein sich entfernt hatte. »Meine Mama und meine gnädige
Tante leben auf dem Kriegsfusse wie zwei Ihrer indianischen Stämme. Skalpieren
werden sie sich freilich nicht, denn sie tragen beide falsche Locken - von
meiner Mama weiss ich's genau und von ma tante glaube ich es sicher. Zwischen
einer wohlbeleibten Douairière und dieser dürren alten Jungfer tänzele ich mit
gestopfter Friedenspfeife hin und her, kann sie aber durchaus nicht anbringen -
ungeheuer gute Schule für einen angehenden Diplomaten, eh?! Freut mich übrigens
ungemein, Sie getroffen zu haben, cher. Soll ich Sie jetzt der Krone der
Schöpfung, meiner schönen Herrin, meinem wilden Waldvogel vorstellen? Bitte,
kommen Sie, ich will Ihnen meine jungfräuliche Teufelin zeigen, und Sie sollen
mir als Unparteiischer sagen, ob ich nicht recht habe, mich für solch ein Wesen
dem Gespött und Gelächter des ganzen diplomatischen Korps, der ganzen Garde -
messieurs von der Linie nicht erwähnt - auszusetzen. Kommen Sie, wir werden noch
grade rechtzeitig zum Dessert kommen, und Sie werden das schönste Mädchen der
Stadt, Eva Dornblut, sehen.«
    »Führen Sie mich«, sagte der Amerikaner, und der Baron konnte den Ausdruck
seines Gesichtes für Lächeln nehmen, obgleich Friedrich Warner nicht lächelte.
»Sie sollen mir ein guter Führer sein«, sagte Frederic ein wenig grimmig.
    Hell waren die Fenster Eva Dornbluts erleuchtet, und schon auf der Treppe,
welche in das dritte Stockwerk des Hauses in der Lilienstrasse Nummer zwölf
führte, vernahmen die späten Besucher Lachen und fröhliche Stimmen in lautester
Unterhaltung, und der Baron von Poppen sagte mit komisch-ärgerlichem
Achselzucken:
    »Hören Sie, Liebster, es ist unglaublich, mit welcher rapiden Schnelligkeit
und Sicherheit sich jedes beliebige Weib auf die höchsten Spitzen der Kultur
erhebt. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass die Schönheit, welche ich Ihnen
jetzt zeigen werde, vor kaum nennenswerter Zeit ein linkisches Bauernmädchen in
einem kleinen Waldnest, dem abscheulichsten Aufentaltsort unter der Sonne, war.
Wir besitzen daselbst ein Gut, wenn die Last der Hypotekenschulden es nicht in
diesem Augenblick bereits in den Sumpf, aus welchem es aufgeschossen ist, wieder
hinabgedrückt hat. Mir gebührt wohl zumeist der Ruhm, diese holde Blüte, Eva
Dornblut, in ihr rechtes Erdreich versetzt zu haben. Diable, wenn ich nur auch
die Schmetterlinge und Hummeln von ihr fernhalten könnte. Hören Sie nur, welch
ein Gesumm! Wie viele Insekten mögen meine Zentifolie jetzt wieder mit
gespitzten Saugrüsseln umschnurren. Bah - entrons! Ich bin's, cara mia; du wirst
auch immer hübscher, Kleine.«
    Die letzten Worte waren an eine junge rotbäckige Magd, welche den beiden
Herren entgegenkam, gerichtet; sie knickste, aber die Schmeichelworte des Barons
schienen nicht den geringsten Eindruck auf sie zu machen, und einer tätlichen
Liebkosung entzog sie sich auf gar nicht duldsame Weise. Durch ein Vorzimmer
traten der Baron und der Amerikaner in das Gemach, aus welchem der Lärm der
Unterhaltung ihnen so heiter entgegenschallte. Mr. Frederic Warner hatte die
Oberzähne auf die Unterlippe gesetzt; aber der sorglose junge Diplomat Leon von
Poppen glaubte ihn in der gemütlichsten Stimmung von der Welt. Eine Flut von
Licht schlug ihnen hinter den dunkelblauen Portieren entgegen. An einer Tafel,
welche mit den Trümmern eines reichen Nachtisches bedeckt war, sass inmitten
einer ziemlich erregten Gesellschaft junger Herren der höhern Stände und junger
Damen vom Teater und der Oper die schöne Eva, die Herrin des Festes. Mehrere
der männlichen Gäste hatten ebenfalls erst vor kurzem den Salon des Bankiers
Wienand mit dem Evas vertauscht und schienen sich hier bedeutend weniger zu
langweilen.
    »Schöne Seelen treffen sich!« rief der eine derselben lachend dem Amerikaner
entgegen, indem er den Kork einer Champagnerflasche gegen die Decke fliegen
liess. Allgemeiner Jubel begrüsste den Baron von Poppen, und dieser fasste den
Amerikaner am Arm, führte ihn gegen die sich erhebende Eva, stellte ihn vor und
empfahl ihn mit einigen Scherzworten ihrer Gunst und Gnade. Niemals in seinem
Leben hatten sich die Geisteskräfte Mr. Frederic Warners in solcher Verwirrung
befunden wie in diesem Augenblicke, wo die hohe Gestalt sich aus dem
Durcheinander der aufgeregten Gesellschaft vor ihm erhob und die Augen gegen ihn
aufschlug. Es war ein Glück für den Fremden, dass die allgemeine Heiterkeit schon
einen solchen Grad erreicht hatte, dass alle feinere Beobachtung zu einer
Unmöglichkeit geworden war.
    Einen kurzen Augenblick sahen sich Eva und Friedrich an; ein Schatten
zwischen Schreck, Staunen, Zweifel und - Beruhigung glitt über das stolze,
kluge, schöne Gesicht des Mädchens.
    »Seien Sie willkommen, Herr; - dort ist noch ein leerer Platz!« sagte sie,
und der Amerikaner griff nach der Lehne des Sessels:
    »Ein leerer Sessel mitten im Fest! Störe ich auch keinen Geist von ihm auf?
Ist's nicht der Stuhl Banquos im Saal zu Fores?«
    Wieder fuhr der Schatten über die Stirn der Herrin des Festes; aber
siegreich brach das stolze Lächeln hervor:
    »Wir haben nicht den Schlaf ermordet und fürchten die Geister nicht. Setzen
Sie sich, mein Herr!«
    Man liess sich wieder nieder an der Tafel, und Warner nahm seinen Platz Eva
gegenüber ein. Seine hübschen und etwas albernen Nachbarinnen bemächtigten sich
sogleich seiner und zogen ihn in ein lebendiges Geschwätz, während welchem er
seiner Aufregung vollständig Herr ward und kalt und klar in das Gewirr der Dinge
und Personen um ihn her blicken konnte.
    Seine ganze Seele haftete aber nichtsdestoweniger einzig und allein an
seinem Gegenüber. Da war wirklich die Schönheit, die hervorbricht gleich
Heeresspitzen! Grade so musste Kleopatra den Becher erhoben und über den goldenen
Rand den Triumvir Marcus Antonius angeblickt haben. In die dunkelste Seele musste
sich dieses Auge senken wie der Blitz der Sonne in das tiefe Meer. Und diese
Locken, sie waren nicht zu bändigen; in schwarzen Fluten und Wellen wehrten sie
sich mit unbesiegbarem phantastischem Eigenwillen gegen die Goldbänder, welche
sie zusammenhalten sollten; triumphierend rollten sie nach anmutvollem Siege
über die weissen Schultern. Und diese Stimme! So bekannt und doch so verändert
voll und tief. Trotz seiner Selbstbeherrschung stand der Bürger der
amerikanischen Republik auf dem Punkte, sich ungeheuer lächerrlich zu machen. Er
griff nach dem silbernen Dessertmesser wie nach einem mexikanischen Dolch. Aber
wieder gelang es ihm, das Zähnknirschen in ein sorgloses, heiteres Lachen zu
verwandeln und dem Witz mit Witz zu begegnen.
    Ah, clear the wrack! stöhnte er dabei in der Tiefe seiner Seele. Es ist
alles aus, aber es wird sich finden - die Falsche, Schamlose!
    Seine beiden holden Nachbarinnen wollten allerlei über die Teaterwelt
jenseits des Atlantischen Meeres wissen, und mit komischer Kraft vertiefte sich
Frederic in dies inhaltvolle Tema; gleich einem Eingeweihten, gleich dem grossen
Barnum selber, redete er über managers, über actors und actresses und gestand
zuletzt unter lautem und allgemeinem Bravoruf, er selbst habe eine Zeitlang als
Sänger monei gemacht und grossen Beifall errungen auf mehr als einem deutschen
Teater unter dem Sternenbanner.
    »Originell!« lachte der Baron von Poppen, und die übrige Gesellschaft
verlangte fast einstimmig den Beweis der Wahrheit.
    Eine kleine Ballettänzerin pirouettierte zu dem Pianino und öffnete es; eine
Sängerin bot dem sich ruhig erhebenden Amerikaner den Arm, und einen langen
Blick warf Friedrich Warner auf die Wirtin. Diese hatte die letzte Zeit hindurch
nicht mehr den gewohnten glänzenden Anteil an der Unterhaltung genommen; ernst
und stumm sass sie da, stützte das schöne Haupt mit der Hand und blickte starr
vor sich hin. In den Lichterglanz ihres Festes, in die heisse Atmosphäre ihrer
Gemächer war ein reinerer Schein gefallen, hatte sich ein berauschenderer
Wohlduft gemischt. Sie sah den nämlichen Glanz leuchten, welchen der arme Robert
sah, als er auf dem schmutzigen Strassenpflaster lag und Helene Wienand sich über
ihn beugte. Eva Dornblut war ihrer Umgebung entrückt; sie befand sich in ihrer
Heimat, sie sah die Morgensonne durch das niedere Fenster der Hütte strahlen,
sie hörte den Kuckuck der alten Schwarzwälderin am Ofen und den Kuckuck draussen
am Saume des Waldes, sie atmete das frische Wehen, das aus dem Winzelwalde
herüberhauchte, und dazu klang ein Lied auf dem steilen Pfade, der von den
Bergen niederführte ins Dorf. Die Träumerin fuhr empor; Friedrich Warner hatte
sich am Klavier niedergelassen und, nachdem er einige wilde Akkorde
angeschlagen, folgendes Lied begonnen:
Es war ein Schiff aus Portugal,
Das südwärts, immer südwärts fuhr,
Und durch der Tropenmeere Schwall
Zog leuchtend seine Feuerspur.
Die Nacht war schwül und düftevoll,
Und Finsternis lag auf dem Meer;
Im heissen Wind das Segel schwoll,
Und eilig zog das Schiff daher.
Es drängt sich der Matrosen Schar:
O blickt empor, o schaut empor,
Wie Sternenbilder wunderbar
Sich heben aus der Flut hervor!
Welch nordisch Auge blickte je
Auf solchen Schimmer, solche Pracht?
O wundersame fremde See!
O glänzend Wunder fremder Nacht!
Ein stolz und glückhaft Schiff es war,
Und glücklich war der kühne Mann,
Der, mutig trotzend der Gefahr,
Zuerst die Linie gewann.
Ob fremd die See, ob fremd die Nacht,
An seinem Steuer stand er da;
Trauend der fremden Sterne Macht,
Im Herzen jauchzend: India!
Die Gesellschaft war ausser sich vor Vergnügen und gab das durch die gewöhnlichen
Zeichen und Worte zu erkennen; Eva Dornblut aber hatte die Augen noch mehr mit
der Hand beschattet, hatte die Stirne noch tiefer gesenkt; der Sänger begann ein
Zwischenspiel, während welchem er halb über die Schulter zu der Gesellschaft
sprach:
    »Well, ladies and gentlemen, ist das nicht ein Narr, mein armer Kapitän?
Armer Capitano; wer glaubt, dass es sich verlohne, nach den Sternen auszusehen
vom Stern des Schiffes? Ein guter Kompass und eine gute Seekarte sind besser und
treuer als alle Leiern, Löwen, Kreuze und Jungfrauen am Firmament! Go ahead!«
    Und wieder begann er mit voller Stimme:
Dem kühnen Seemann gleich ich bin,
Steuernd mein Herz durch wonn'ge Nacht,
Hoffend auf seligsten Gewinn,
Trauend auf neuer Sterne Macht.
Ja, fremder Lichter fremder Lauf,
Sternbild der Liebe himmlisch hehr.
Stieg mir zu Häupten glänzend auf,
Zieht seine Bahnen vor mir her.
Nun schwebt mein Herz in Wonnen hin
Durch fremde, nie geahnte Pracht;
Ob ich im Traum, im Wachen bin,
Wer sagt mir das in solcher Nacht?
Wie ist mein Himmel sternenvoll,
Wie ist mein Leben überreich;
Und wenn ich morgen scheitern soll,
Den ew'gen Göttern bin ich gleich!
Abermals sprach während des Zwischenspiels Frederic Warner zu der Gesellschaft:
    »Sollte man es für möglich halten, dass ein Tor sich dergestalt seiner
Torheit rühmen könne? Ich bitte Sie! Es ist nur gut, dass der Ozean nicht mit
sich spielen lässt und Träumer hinunterreisst zu den Nixen, Sirenen und andern
Wasserweibern. Hier ist eine andere Weise:
In sonniger Jugend fuhr ich hinaus,
Wie blitzte das Meer, wie flammte der Mut!
Viel gute Gesellen führt ich hinaus,
Die hielten das Schiff mir in wackerer Hut.
Die Flagge der Liebe wehte vom Mast.
Es lenkte die Hoffnung das Steuer recht;
Im Raume barg sich manch köstliche Last,
Zu gut war kein Wind, und kein Wind war zu schlecht.
Fein blank war das Schifflein, die Segel stark,
Furchtlos war das Herz, das Auge war klar;
An jeglicher Küste flaggte die Bark,
Gefeit war sie gegen jede Gefahr.«
Der Sänger griff immer wilder in die Tasten; die Stimmung der Gesellschaft hatte
sich ganz und gar geändert; man war verwundert, man sah sich an; nur Leon von
Poppen konnte sich gelangweilt-lächelnd zu Eva Dornblut beugen und fragen:
    »Was hat meine Königin? Eh, eigentümlich hinterwäldlerisches Gebaren dieses
Fremdlings - was? Originell, urwäldlerisch, urtümlich - eh?!«
    Wirklich mit der Handbewegung einer Königin wies Eva den Schwätzer zurück,
und mit derselben Handbewegung schien sie alle die andern Herren und Damen in
eine unendliche Entfernung zurückzuweisen; ihre Augen flammten, ihre Lippen
waren zusammengepresst; wieder klang wild und trotzig des Amerikaners Stimme:
So hab ich geschlafen beim wilden Orkan
Und Mondscheinnächte in Sorgen durchwacht,
Und Freuden und Leiden und Kampf bot die Bahn,
Doch nun hab die Fahrt ich zum Ende gebracht.
Jetzt breiten die Nebel sich über dem Meer,
Herab sanken Flagge und Segel zerfetzt;
Zerbrochen das Steuer! So treib ich einher
Und sinke im lustigen Tanze zuletzt.
Viel besser, zu sinken im lustigen Wehn,
Als liegen und faulen und modern am Strand;
Viel besser, im Sturme zu Grunde zu gehn,
Als langsam verkommen, versinken im Sand!
Und damit stiess der Sänger aufspringend den Sessel zurück; durch den Beifallsruf
der Gesellschaft klang ein heller Schrei aus dem Munde Eva Dornbluts:
    »Fritz! Fritz! O höre mich, ehe du gehst!«
    Die Anwesenden standen sprachlos; die Hände, die eben noch bereit waren,
ineinanderzuklatschen, sanken nieder; dem Baron von Poppen fiel das Glas aus dem
Auge und die Unterlippe herab, als seine chère amie seinem cher Américain die
Hände entgegenstreckte, verlangend, fordernd und bittend.
    Der Fremde aber fasste das Handgelenk Evas mit eisernem Griff:
    »So hast du mich zuletzt doch kennen müssen?!«
    »Ich bitte die anwesenden Damen und Herren, die nötige Ruhe zu bewahren«,
lispelte Leon. »Fräulein Eva, wer ist dieser amerikanische Herr? Bitte, Coralie,
lassen Sie meinen Arm los.«
    Und der unglückliche junge Mann versuchte vergeblich, von neuem das
Glasstück vor das schwimmende Auge zu klemmen.
    »Lieber Baron«, wandte sich der Amerikaner an den Verblüfften, »verzeihen
Sie, dass ich ausser dem von Ihnen gekannten Namen noch einen zweiten trage. Meine
Herren und Damen, meine harmlose Persönlichkeit soll Ihnen kein Rätsel sein. Ich
habe die Ehre, mich Ihnen hiermit von neuem vorzustellen: Friedrich Wolf aus
Poppenhagen im Winzelwalde, alias Frederic Warner, Adoptivsohn von weiland Josua
Jedidjah Warner von Jubilee Farm, Staat Louisiana - Komödiant, Pedlar,
Pelzjäger, Farmer, Reisender in Washington Irvings Manier und so weiter und so
weiter. Ich bitte die Gesellschaft, sich durch das kleine Intermezzo nicht
stören zu lassen.«
    Er warf die schmerzende Hand Evas von sich und flüsterte ihr finster drohend
zu:
    »Nachher!«
    Leon von Poppen gab es auf, das Glas vor dem Auge zu befestigen, und sein
geistiger Blick war nicht heller als sein körperlicher. Matt sank er auf einen
Stuhl und hauchte:
    »Das schlägt alles! Noch ein Wolf aus Poppenhagen? Recht patriarchalisches
Verhältnis, alle meine Vasallen sammeln sich kindlich um meine Knie. Fräulein
Eva, ich lege meine teuersten Prätensionen nieder zu Ihren himmlischen Füssen -
gegen das Schicksal kann niemand. Mille remercîments, Coralie; hier, nehmen Sie
Ihr Riechfläschchen zurück. Der Himmel segne Ihre künftigen Schritte, Eva, und
mache Sie so glücklich, wie - Sie mich gemacht haben. Es ist zum Rasendwerden!
Coralie, wenn Ihr Busen das winzigste Fünkchen Mitleid hegt, so nehmen Sie mich
mit nach Hause. Ich fühle mich zu angegriffen, um an dem Jubel über dieses
interessante, dieses überraschende - glückliche Wiedersehen ferner teilnehmen zu
können. Meine Komplimente an den Herrn Bruder, Mister Warner oder Wolf oder
Josua oder - ah diable, Ihren Arm, Coralie!«
    Ironisch nahm der Amerikaner ein Licht von der Tafel und leuchtete dem
abziehenden Baron zur Tür. Mit einer Verbeugung sagte er:
    »Mit Vergnügen zu Ihrem Dienst bereit, Herr von Poppen! Hôtel des Princes,
wie Sie wissen.«
    »Merci, ich schiesse mich nicht für ein Weib.«
    »All right!« sagte der Amerikaner kalt, »ganz meine Ansicht - gute Nacht,
lieber Baron - nehmen Sie sich auf der Treppe in acht. Schlafen Sie wohl,
Coralie!«
    Die Tänzerin drohte schalkhaft über die Schulter mit dem Fächer: »Verräter!«
    »Blamiert! Inkommensurabel blamiert!« seufzte auf der Treppe in der Tiefe
seiner Seele Leon Freiherr von Poppen. Seine Seele war aber nicht tief genug, so
dass der Seufzer an die Oberfläche aufstieg wie eine Blase aus dem Teich,
zerplatzte und der mitleidigen Coralie ein erbarmungsvolles Achselzucken
ablockte.
    Mr. Frederic Warner oder, wie wir ihn jetzt nennen können, Fritz Wolf trat
zu der Gesellschaft zurück; doch in dieser war die Lebendigkeit auf den
Nullpunkt herabgesunken, einer nach dem andern nahm Abschied von der stummen
Eva, und bald fanden sich die beiden Leute aus dem Winzelwalde allein neben der
Tafel, auf welcher die Lichter tief herabgebrannt waren, allein inmitten der
unbehaglichen Unordnung, die in einem Gemach nach dem Aufbruch einer grössern
lustigen Gesellschaft herrscht.
 
                                Neuntes Kapitel
  Die Sterne Eva Dornbluts. Was sie sagten, wie man ihnen folgte und wozu sie
                                    führten
Mit untergeschlagenen Armen stand Friedrich Wolf inmitten dieser Verwirrung, im
Duft von feinen Wohlgerüchen, Speisen, Wein und Havannazigarren. Vollständig war
das Lächeln jetzt aus seinen Zügen verschwunden, es hatte schmerzhafter
Bitterkeit Platz gemacht, und Eva Dornblut blickte nicht scheu, aber doch
angstaft zu dem so traurigen, männlichen Gesicht von ihrem Sessel auf. Aber
vergeblich wartete sie, dass der Mann zuerst das bedrückende Schweigen breche.
    Sie konnte endlich die Stille nicht mehr ertragen und erhob sich zuletzt,
trat auf den Amerikaner zu, legte ihm sanft die Hand auf den Arm und bat mit
zitternder Stimme:
    »O sprechen Sie zu mir, Fritz! Ich werde anfangen, mich zu fürchten, wenn
Sie dieses Schweigen nicht brechen.«
    »Was soll ich sagen, Eva?« seufzte endlich Friedrich Wolf. »Ich könnte um
Verzeihung bitten wegen meines unberufenen Eindringens in Ihren jetzigen
Lebenskreis. Ich sehe nicht ab, welches Recht mir gegeben wäre, mit Ihnen zu
hadern. Ich habe kein Recht mehr an Sie, Eva. Ich habe nicht einmal mehr das
Recht, Schmerz zu empfinden über das, was ich gefunden habe.«
    »Sie sind sehr hart, Fritz. Oh, es liegt eine grausame Kränkung in Ihren
Worten. In ein Wort fassen Sie tausend Vorwürfe zusammen.«
    »Ja, ich bin toll! Ein Wahnsinniger bin ich!« rief der Amerikaner wild. »Oh,
das Geschick, das Geschick! Ich habe mein Schicksal gehabt, Ihnen ist das Ihrige
zuteil geworden. Die Leute sagen, mir sei das Glück recht günstig gewesen; -
ach, in welchen Abgrund stürzt mich diese Stunde! Weh uns beiden, Eva, dass wir
den dunkeln Heimatswald verliessen - verlassen mussten. Falsch sind die Sterne
gewesen, die uns lockten und verlockten. Wie arm und enttäuscht findet uns die
heutige Stunde.«
    »Wollen Sie mein Geschick hören, Fritz?« fragte demütig bittend Eva. Ihre
Augen hatten ganz und gar die herausfordernde Siegesgewissheit verloren; schnell
und bang schlug das stolze Herz und suchte sich nur zu rechtfertigen vor diesem
Mann, der so plötzlich, einem Richter gleich, in den Festsaal des Lebens
getreten war.
    Friedrich neigte das Haupt der Frage.
    »Ich will hören«, sagte er und wollte sich eben niederlassen, als Eva seinen
Arm fasste und, wie erschreckt, rief:
    »Nicht hier, nicht hier! Kommen Sie, Fritz. Was ich zu sagen habe, will und
kann ich nicht in diesem Raume erzählen.«
    Sie zog ihn mit sich fort durch ein ebenso glänzend wie das Speisezimmer
ausgestattetes Gemach; dann öffnete sie eine verschlossene Tür, liess ihn
eintreten in einen kalten, dunkeln Raum und schloss die Tür sogleich wieder.
    »Stehen Sie still, Fritz; es soll sogleich Licht werden!« rief sie
schluchzend, und Friedrich stand verwundert, wartend in der kalten Finsternis.
Er vernahm, wie Eva umhertastete; dann hörte er Stahl auf den Feuerstein
schlagen, sah die Funken springen und bei dem roten, schnellen Licht der Funken
das schöne Gesicht der Jugendfreundin aus der Nacht auftauchen und wieder
versinken, bis ein Schwefelfaden fing und eine kleine schlechte Lampe von Blech
das Gemach erhellte.
    Hoch hob Eva Dornblut diese Lampe und beleuchtete die vier nackten Wände
dieser Kammer, ein ärmliches Bett, ein Tischchen von schlechtem Holz und die
beiden ebenso einfachen Stühle. Ein grösserer Kontrast gegen den Luxus der
übrigen Räume liess sich nicht leicht vorstellen. Unbewusst hatte das Mädchen aus
dem Walde jenem Kanzler nachgeahmt, welcher in einem verborgenen Gemach das
Bettlergewand und den Bettelsack und -stab seiner Jugend aufbewahrte.
    »Sie sind der erste Mann, welcher diesen Raum betritt«, sagte Eva, die
Blechlampe wieder niedersetzend. »Hier in dieser Armut darf ich zu Ihnen reden
wie unter den Tannen unseres Waldes, wie unter dem Dach meines Vaters. Hier bin
ich die wahre Eva Dornblut, und hinter jener Tür liegt alles, was Sie an mir
glauben verachten zu dürfen. Hier darf ich Ihnen die Hand bieten und, ohne die
Augen niederschlagen zu müssen, sagen: Sei willkommen, Fritz Wolf; in Schmerzen
habe ich auf dich gewartet; Gott grüss dich, Fritz; ich wusste wohl, dass du
endlich doch kommen würdest.«
    »Eva!« rief Friedrich Wolf mächtig bewegt; aber das Mädchen winkte ihm mit
der königlichen Hand, zu schweigen, und sprach selbst weiter:
    »In den Räumen hinter jener Tür hattest du das Recht, nach meinem Leben zu
fragen; in diesem Raume antworte ich dir darauf; hier in dieser armen Kammer
musst aber auch du mir Rechenschaft geben über dich, wie deinem Gewissen. In
jenen Räumen kämpfe ich mit der Welt, und dieser Raum gibt mir Kraft, sie zu
besiegen und zu beherrschen. Es sind böse Gewalten, mit denen ich hinter jener
Tür zu tun habe; aber ich habe mutig den Kampf mit ihnen aufgenommen und bis
jetzt glücklich durchgeführt. Sie sollen Eva Dornblut nicht zu sich
herabziehen, sie ist ihnen zu stark! Oh, Fritz, auch unser Heimatswald, die
Dunkelheit, die Armut und die Unwissenheit haben ihre geisttötende Macht, und
der Armut, dem Mangel und der Unwissenheit wäre ich erlegen, während ich hier
Siegerin bleiben konnte und immer bleiben werde.«
    »Rede weiter!« sagte Friedrich. Seine Stimme war nicht mehr hart wie vorhin;
sie rang sich mühsam aus tiefster Brust hervor. Der winzige Raum um ihn her
dehnte sich zu einer weiten, feierlichen Tempelhalle aus, und die Jugendfreundin
stand darin wie die schöne, stolze und doch demütige Priesterin der weiblichen
Ehre.
    »Was ich zu sagen habe, ist nicht in kurze Worte zu fassen«, fuhr Eva fort.
»Setze dich dort auf den Stuhl, Lieber, und höre.«
    Friedrich nickte wie im Traum und zog einen Stuhl an den kleinen Tisch, auf
welchem die Lampe stand. Eva liess sich am Rande ihres Lagers nieder und begann:
    »Du warst ein hässlicher, verwilderter Knabe, Fritz vom Eulenbruch, der
schlimmste der roten Wölfe - rotaarig, zerlumpt, sonnverbrannt und schmutzig!
Wenn ein Kind, schwächer als du, oder ein armes Tier in deine Hand fiel, so
hattest du deine Lust daran, das eine bis aufs Blut zu peinigen, das andere zu
Tode zu quälen. Du warst selber zu einem verwahrlosten, boshaften Tier in dem
Walde geworden, und ich, viel jünger wie du, traf auf dich, und wie du es mit
den andern gemacht hattest, so wolltest du es auch mit mir machen. Du necktest,
schimpftest, höhntest, schlugst mich, wo du mir begegnetest, wo du mich fassen
konntest; aber ich war so wild und trotzig wie du, weinte nicht wie die andern
und vergalt dir nach Kräften Böses mit Bösem. Oh, ich übersah dich bald; - denn
du glaubst nicht, Fritz, wie schnell das innere Auge des Weibes sich schärft.
Ich kannte deine Leidenschaften und die Art, wie sie sich Bahn brachen. Ich
wusste immer im voraus, was du sagen und tun, wie du dich gebärden würdest in
jedem gegebenen Augenblicke. Darin lag meine Macht über dich, und schlau
benutzte ich dieses geistige Übergewicht, und du fielst in manches Unheil,
manche Strafe, ohne dass du hättest sagen können, wie das kam. Zugleich hatte ich
aber doch einen gewissen Respekt vor deiner rohen Körperkraft, deiner tollkühnen
Verwegenheit, welche dich kopfüber in jede Gefahr stürzte. Ich habe immer den
Mut und die Kraft geliebt, und wärest du nicht so stark und so tapfer gewesen,
ich hätte nicht so leidenschaftlich gestrebt, dich zu überlisten. Wir waren zwei
Gegner, die sich jedesmal verbündeten und fest zusammenhielten, wenn Dritte
zwischen sie oder ihnen entgegen treten wollten. Weisst du wohl noch, Fritz, auf
welche Weise sich endlich der kindische Hass in das Gegenteil verwandelte? Ich
stiess dich in der hellen Wut vom Steg den Kaiserstein hinab, und du wurdest
halbtot, mit zerschlagenen Gliedern, blutrünstig, mitten im Walde gefunden. Auf
den Tod lagst du, aber keine Macht konnte dich zwingen zu gestehen, wie das
Unglück gekommen war. Du logst selbst in deinen Fieberphantasien, und ich
horchte am Fenster und an der Tür, und mein junges Herz wurde von Qualen
zerrissen, wie nimmer vor- und nachher. Wie eine Verrückte war ich, und wenn sie
mich aus deiner Nähe fortjagten, lief ich in den Wald hinaus und schrie mit
heller, jammervoller Stimme unter den Tannen: Ich war's! Ich bin's gewesen!
Schlagt mir den Kopf ab; ich hab ihn vom Fels gestürzt! - Endlich kamst du
bleich und mager in das Leben zurück. Man trug dich zum erstenmal wieder in die
Sonne, und ich stand verweint von ferne -«
    »Und ich sah dich«, rief der Amerikaner in höchster Bewegung. »Im Fieber
hatte ich nur dich gesehen; doch nicht so wie die wilde Katze, welche du in der
Wirklichkeit warst. Ganz anders sah ich dich, und so sah ich dich auch, als ich
in der Sonne sass, und starrte nach dir hinüber und -«
    »Ich kroch geduckt, schluchzend, dass es mir fast das Herz abstiess, heran.
Wie schlug das Herz mir, als ich den grössten Schatz, den ich damals auf Erden
besass, eine alte zerzauste Puppe, welche sich vom Poppenhofe zu mir verloren
hatte, dir vor die Füsse warf. Wie schnell entfloh ich dann sogleich wieder, um
von neuem aus einem Versteck nach dir hinüberzusehen! Als die Sonne entwich,
trug man dich in das Pastorenhaus, wo du seit dem Unglück dein Krankenlager
gehabt hattest, zurück, und die Puppe blieb neben der Bank liegen. In der Nacht
stahl ich mich aus dem Bett, holte sie und trug sie auf die Schwelle des
Pfarrhauses. Fest schloss ich das Ding in den Arm und schlief nach langem
bitterlichem Weinen auf den Stufen ein.«
    »Der Nachtwächter fand dich auf dem kalten Lager, wie du im Traum ängstlich
meinen Namen riefest«, sagte der Amerikaner. »Er weckte verwundert deinen Vater,
und da gestandest du mitten in der Nacht deine Schuld an meinem verbundenen
Kopf.«
    »Und am folgenden Morgen wurde ich vor dein Bett gebracht vom Vater, und
wenig hätte gefehlt, dass der alte Stolz von neuem wach geworden wäre in meiner
Seele; aber die Kraft war gebrochen, der Trotz verwandelte sich wiederum in
Weinen, und als du mir aus den Kissen die magere Hand reichtest, da, da -«
    »Da war aus der wilden Eva Dornblut eine gar sanfte Eva geworden!«
    »Nur gegen dich, Fritz vom Eulenbruch! Nur gegen dich! Gegen alle andern
blieb ich dieselbe. Ja, grade weil ich dich liebte, war ich nun um so trotziger
gegen alle die übrigen.«
    »Von nun an teilten wir das Leben, das uns im Walde gegeben war, miteinander
und hingen zusammen wie die Kletten. Wir waren das tollste Paar Rangen, welches
jemals einer Gemeinde zur Last wurde. Gott segne den guten alten Pastor Tanne,
den philantropischen Weisen. Er hatte es gut mit uns im Sinn; wenn auch seine
Marotte, überall grosse Talente zu entdecken, ihre bedenklichen Seiten hatte.
Talente entdeckte er in mir und in dir, Eva -«
    »Und zuletzt in deinem Bruder Robert.«
    »Davon später. Du weisst, wie der Alte sich unserer annahm, seine Bücher vor
uns aufschlug.«
    »Ich habe mancherlei Seltsames gelernt und die Nase in Dinge gesteckt, die
sonst auch höhergeborenen Mädchen verborgen bleiben. Latein und Matematik -«
    »Ich habe nur gelernt, dass die Welt erst hinter dem Walde, jenseits der
Berge beginne und dass man in unserm Tal nicht lebe, sondern nur vegetiere. Doch
erzähle weiter; meine Stirn brennt; - nachher ist die Reihe an mir.«
    Eva Dornblut seufzte tief und fuhr in ihrer Erzählung fort:
    »Du hieltest es bei dem Pastor nicht aus wie der arme Robert; du musstest zu
deinem Vater, zu deiner Büchse und Axt zurück. Dann entliefst du ganz, und ich
wusste darum. Du versprachest, auch für mich mit, das Zauberland, welches
jenseits unserer Berge lag, zu erkunden und mächtig und reich heimzukehren, mich
zu holen und mit dir geniessen zu lassen. Ich wartete und lernte. Der Vater
lehrte mich die Musik, das Spiel der Orgel. Ich begleitete an seiner Stelle den
Gesang der Dorfleute in der Kirche, denn er wurde allmählich zu schwach dazu. In
der Studierstube des Pfarrers sass ich dann mit Robert zusammen. An dem hatte der
Alte wiederum ein Talent entdeckt, und diesmal war es ein wirkliches. Ich musste
ihm nun mit Lehrerin sein; denn der Alte ward auch allmählich müde vom Leben und
sass am liebsten stundenlang auf dem Kirchhofe neben den Gräbern seiner Frau und
seiner Kinder. Ich musste mit deinem Bruder dasselbe Lexikon und dieselbe
Grammatik gebrauchen; doch der Schüler übertraf bald die Lehrerin; aber die
Lehrerin war eine Jungfrau geworden, und vertieft in ein anderes Sehnen, merkte
sie nicht, dass der Knabe über die Bücher weg die Studiengenossin mit Blicken
ansah, welche sie nicht hätte dulden sollen. Als mir klar wurde, was in Robert
vorging, da war das Unglück bereits geschehen und ihm in keiner Weise mehr zu
wehren. Vergeblich war's nun, dass ich die Stunden bei dem Alten ganz aufgab und
nicht mehr unter die Esche kam. Vergeblich war alles gesprochen, was ich deinem
Bruder sagte. Er war verblendet bis zum äussersten, und ich konnte mir und ihm
auf keine Weise helfen. Obgleich ganz dein Gegenteil, Fritz, so hat dein Bruder
doch ein gut Stück deiner Hartnäckigkeit zum Erbteil mitbekommen. Weder durch
Vorstellungen noch durch Drohungen noch durch geheuchelte Verachtung konnte ich
ihn von mir treiben. Ach, und dazu lag die Sorge um dich so schwer auf mir! Ich
war älter geworden, verständiger und klüger. Mit Schrecken sah ich ein, was du
in jugendlicher Unwissenheit und jugendlichem Leichtsinn gewagt hattest. So wie
wir sie uns kinderhaft geträumt hatten, war die Welt jenseits der Berge nicht
beschaffen. Nun war es lange zu spät, dich zurückzurufen. O was habe ich
gelitten in dem Gedanken, du seist untergegangen und verloren in der weiten
Welt. Wie konnte es anders sein? Das falsche, harte Leben musste dich, den
unwissenden, starrköpfigen Knaben, zerbrechen und verschlingen. Wie manche Nacht
habe ich bitter durchwacht und durchweint, wenn der Sturm an meinen Fensterladen
rüttelte oder zwischen den Bergen heulte und den Schnee umwirbelte und
häuserhoch die Wege verschüttete. Durch den Sturm glaubte ich dann klagende Rufe
zu vernehmen; du schriest nach mir, und ich fuhr in die Höhe und schrie selber
in grausamster Angst. Und dann wieder - wie oft habe ich auf der Höhe des Weges
in der heissen Sonne gestanden und im törichten Hoffen auf dich gewartet. Dann
hatte ich wohl unterwegs ein Körbchen oder ein Klettenblatt voll Erdbeeren
gepflückt, die hielt ich dann in der Hand, und die andere Hand hielt ich über
die Augen und blickte die staubige Strasse entlang und dachte und träumte: Oh,
wenn er jetzt käme, durstig und bestaubt, müde und traurig! Ach, wie sollte er
ausruhen an meinem Herzen! Das Körbchen mit den roten duftenden Früchten und
mein Herz hielt ich für dich bereit; aber du kamst nicht, wie lange ich auch
ausschauen mochte von der Höhe, den Windungen der Strasse nach, bis in die
weiteste Ferne. Du kamst nicht! Und wie ich mein Herz keinem andern gönnte, so
gönnte ich auch die Beeren niemandem: ich warf sie in das Wildwasser und sah
weinend zu, wie sie lustig bergab von dannen tanzten, und zum Tode beängstigt,
schritt ich durch den Wald. Der Pastor Tanne starb, und mein Vater starb auch.
Ich nähete für die Bauerweiber; aber ich war ganz verlassen und wusste nicht, was
ich beginnen sollte. Es war mir immer, als müsse ich hinter dir her, du
verlorener Freund, in die Welt ziehen. Da brachte die Baronin von Poppen einmal
wieder einen Sommer auf dem Poppenhof zu, und ihr Sohn Leon kam ebenfalls dahin.
Ich sah da ein Mittel, mich zu befreien aus der Einsamkeit, aus diesem engen
Tale, dessen Luft mir jetzt so erstickend schien. Den jungen Baron achtete ich
nicht eines Hauches; aber ich wehrte mich nicht, als seine Mutter Gefallen an
mir fand und mir vorschlug, mit ihr meine Heimat zu verlassen. Auch die Dame
gefiel mir wenig; doch ich war in einer Art stumpfer Verzweiflung, einer
fieberhaften Unruhe, welche mir jede Hülfe zu einem Segen Gottes machte. Ich
ging mit der Baronin Viktorine, und sie behandelte mich etwas besser wie ihre
Kammerfrau. Du scheinst den Herrn Leon zu kennen, Friedrich; er ist keine
gefährliche Persönlichkeit; ich machte ihn vollständig zu meinem Diener und
benutzte ihn, die apatische Tyrannei seiner Mutter so bald als möglich
abzuwerfen; mein Weg, der Weg eines armen, schutzlosen Mädchens, ging durch
Wildnisse, die viel gefahrvoller waren und mehr Mühen und Sorgen verbargen, als
je eine deiner amerikanischen Wüsten, Fritz Wolf. Aber ich sah nach den Sternen,
dachte an dich, schürzte mein Gewand und schritt mutig in das Leben hinein, dir
nach, Fritz Wolf. Die schmutzigen Wasser mussten meinen Saum beflecken; aber
meine Seele und mein Leib sind rein geblieben. Dem Schein des Bösen konnte ich
nicht entgehen; aber das Böse selbst durfte mich nicht berühren. Ich bin ich
selbst geblieben in allen Verhältnissen, welche meine Laufbahn mit sich brachte.
Durch den Baron ward es mir leicht gemacht, mein Glück auf den Brettern zu
versuchen; ich gefiel halbwegs; aber ich weiss es recht gut, dass nur mein Äusseres
schuld daran hat. Recht einsam und verlassen war ich mitten im Lärm der Welt und
dann am traurigsten, wenn ich am ausgelassensten zu sein schien. Sieh, Fritz,
ich bin doch ein tapferes Mädchen und habe nicht an meinem Stern gezweifelt,
obgleich ich nie eine Nachricht von dir erhielt. Ich wusste, dass du lebtest. Ach,
ich hätte es gewiss gefühlt, wenn du gestorben wärest. Ich habe auch viel Glück
gehabt, und es ist mir gut gegangen; ich habe so selten wie möglich geweint,
sondern habe immer die Locken aus der Stirn gestrichen, nach den Sternen gesehen
und mich nicht von dem abbringen lassen, was gut, recht und ehrlich ist. Gelernt
habe ich nach Kräften und dabei gedacht: wenn er kommt, soll er mit mir
zufrieden sein, soll er finden, dass ich an Bildung keinem Weibe auf Erden
nachstehe. Aber wärst du zurückgekommen, treu und roh, wie du gingst, so würde
ich auch Bildung, Wissen und alles das von mir geworfen haben deinetwegen, wie
einst die roten Beeren in das Wildwasser. Alles, was mein in mir ist, habe ich
nur dir erworben und für dich aufgehoben. Sei ein milder Richter meines Lebens!
- Der grösste Schmerz ist mir zuteil geworden, als dein Bruder neulich mir
nachkam und plötzlich vor mir erschien. Auch ihn täuschte der Schein, auch ihm
erschien ich, wie so manchem andern, als eine Verlorene. Er war gar wild und
unbändig - ganz wie du, Fritz, in früherer Zeit. Die Begegnung hätte mir fast
den Tod gebracht. Der arme Junge! Sein Schicksal hat mir schwer auf der Seele
gelastet, obgleich der Baron mir auf seine Ehre versicherte, es sei aufs beste
für ihn gesorgt und er sei nach der Heimat zurückgekehrt. Ich habe dahin an den
jetzigen Pastor geschrieben und Geld geschickt, aber noch keine Nachricht
erhalten.«
    »Gelogen hat der Baron von Poppen«, rief Fritz Wolf. »Der arme Robert ist
arg misshandelt worden; heute abend erst habe ich erfahren, dass er in dieser
Stadt ist und was er dulden musste.«
    »Was ist ihm geschehen, was hat man ihm getan?« rief Eva mit zornig
flammenden Augen.
    »Sie haben den armen Teufel eingesteckt. Ich kann mir ganz und gar
vorstellen, wie verloren er gewesen ist in diesem Gewirr. Hab ich doch Ähnliches
durchgemacht. Nun scheint er in guten Händen zu sein. O Eva, liebe, liebe Eva,
auch er hat den harten Kampf mit dem Leben, den wir gekämpft haben, jetzt
begonnen.«
    Der Amerikaner fasste die Hand der Jugendfreundin und drückte sie an die
heissen Lippen:
    »Sei gesegnet für alles, was du mir gesagt hast, sei gesegnet, meine Süsse,
meine Stolze, du einzige Eva Dornblut! Ja, du hast den härtesten Kampf gekämpft
und den stolzesten Sieg erstritten, und vertauscht sind die Rollen zwischen uns
- ich muss mich verteidigen, und du musst richten, meine Tapfere, Treue, Liebe.«
    »Du sagst liebe Eva!« rief das Mädchen, wie ausser sich. »Dank Gott, o habe
Dank, Fritz! Du willst mir glauben, dass ich deiner noch immer würdig bin? O
Fritz, sag es mir; nimm mich an dein Herz, lass mich nicht mehr allein in der
Welt, es ist so schrecklich, allein zu sein. Es ist so schwer, die rechten
Sterne zu erkennen, wenn man kein helfendes Herz zur Seite hat. O Fritz, weshalb
hast du mich so lange, lange allein gelassen; du bist mir viel Liebe schuldig.
Sei gesegnet, dass du endlich doch gekommen bist. Ich habe in machtlosem
Schweigen und mit lächelndem Munde soviel lauten und verborgenen Hohn und so
viele Demütigungen ertragen müssen. O Fritz, gedenke immer daran, wenn du einmal
zornig über mich werden willst. Sei willkommen und gib mir Liebe und Schutz,
mein wilder Wolf aus dem Winzelwalde!«
    Die kleine Lampe war dem Ausgehen nahe, und man konnte also die Tränen in
Friedrichs Augen nicht sehen. Stumm hielt er die Geliebte an seiner Brust. Die
Sterne Eva Dornbluts hatten doch guten Schein gegeben.
 
                                Zehntes Kapitel
Die Sterne Friedrich Wolfs aus Poppenhagen. Ein Stein des Anstosses wird aus dem
                           Wege geräumt. Westward ho!
Die Lampe flammte noch einmal auf und erlosch. Friedrich Wolf aus Poppenhagen
rief:
    »Wie du zitterst, Mädchen! Es ist so kalt hier. Komm fort aus dieser
Dunkelheit; komm wieder in dein hübsches, heiteres Reich; dort wie hier bleibst
du meine süsse, meine tapfere Eva. Ich bitte dich, stosse du mich nicht von dir,
du bist viel besser als ich. Weh mir, dass ich es wagte, Rechenschaft von dir zu
fordern. Willst du mir verzeihen?«
    »Was wäre ich ohne dich?« flüsterte Eva, das Gesicht an der Brust des
Freundes verbergend. »Nimm mich. Ich bin ganz dein und ohne dich nichts.«
    Sie liess sich von dem Freunde in das warme Gemach zurückführen. Hier hatte
die junge Magd aufgeräumt, die Unordnung und der Dunst waren verschwunden, eine
schöne Lampe mit mattgeschliffener Kristallkuppel brannte auf dem runden Tisch
vor dem Diwan. Die Magd machte sich noch zu schaffen im Zimmer und sah
verstohlen neugierig auf den Fremden. Eva nahm sie an der Hand und führte sie zu
Fritz:
    »Sieh, das ist meine gute Marie. Ich habe ihr viel zu danken. Sie ist mir
die treueste Freundin gewesen.«
    Die Kleine warf ihr keckes Stumpfnäschen in die Höhe:
    »Also Sie sind der vortreffliche Herr, welcher uns soviel Sorgen und
schlaflose Nächte gemacht hat? Angenehme Bekanntschaft. Sind Sie endlich doch
noch gekommen? Wenn ich in der Stelle meines Fräuleins wäre -«
    »Oh, Marie, sprich nicht so«, sagte Eva. »Du freust dich doch mit mir!«
    »Das ist es ja eben, was mich ärgert«, rief die Kleine; das mutige Näschen
senkte sich, die hübsche Schürze fuhr nach den noch hübschern Augen; dann drehte
sich Marie auf den Hacken, fuhr blitzschnell aus der Tür, brach draussen in ein
helles Weinen aus und lachte noch heller dazwischen. Sie sass den ganzen Abend im
Winkel und erschien erst ganz spät wieder mit überaus buntgefärbtem Gesichtchen;
weshalb hielt die Schürze auch nicht Farbe?
    »Das Kind war ebenso verlassen wie ich; wir haben uns treu
aneinandergeschlossen«, sagte Eva. »Doch nun komm, komm. Die Reihe, zu erzählen,
ist jetzt an dir, Fritz. Sage nun, wie du das Leben überwunden und dich zu
dieser glücklichen Stunde durchgerungen hast.«
    Sie zog ihn zu dem Diwan, strich ihm lächelnd die Locken von der Stirn,
küsste ihn und sagte:
    »Ich horche mit ganzer Seele.«
    Darauf begann der Amerikaner seinen Bericht:
    »Du hast ganz recht; ich habe mehr Anlage, ein Taugenichts zu werden, auf
den Weg mitbekommen als irgendeiner unserer Poppenhagener Altersgenossen. Einen
tollen, eigensinnigen Kopf trage ich auf den Schultern, und mein Sinn ist von
Eisen wie mein Körper. Über alles das hast du, Eva, einzig und allein Gewalt
erlangt. Du bist das einzige Wesen gewesen, welches ich fürchtete und deshalb
mit knabenhafter Roheit misshandelte. Du hast mich zu deinem Sklaven gemacht,
dich habe ich geliebt, dich liebe ich. Von unserer Jugend brauche ich nicht mehr
zu sprechen, denn du hast das singende, klingende Märchen derselben schon selber
erzählt. Oft hab ich in der fremden Wildnis, auf dem Meer, in dem Lärm der
grossen transatlantischen Städte Gelegenheit und ein stilles Fleckchen gesucht,
um die Augen zuzudrücken und den Winzelwald, die Hütten von Poppenhagen samt
ihren Bewohnern und die Königin von allen, das kleine Mädchen Eva Dornblut,
aufsteigen zu lassen. In der Nacht, in welcher ich in die weite Welt hinauslief,
beginnt meine Erzählung. Auf der Bergspitze, von welcher man den letzten Blick
in das Tal von Poppenhagen werfen kann, hielt ich zuerst an vom Lauf. Die
Strasse, der Wald und die Höhen leuchteten im weissen Mondlicht, unten aus der
Tiefe, wo das Dorf lag, funkelte ein einziges Licht; ich wusste, es leuchtete von
dem Sarge des Schulzensohnes, der zwei Tage vorher gestorben war. Obgleich ich
mit dem Verstorbenen gar nicht gut gestanden hatte, so peinigte dieses Licht
mich doch sehr und verwilderte mir das Herz, welches schon so schmerzhaft um
dich, Eva, schlug, noch viel mehr. Es machte mich unendlich traurig und fast
mutlos, so dass meine Knie zitterten und ich beinahe umgekehrt wäre. Aber der
Gedanke an das Gelächter des folgenden Tages trieb mir das Blut in die Wangen;
im vollen Lauf stürzte ich fort, bergunter - die Heimat lag hinter mir, das Los
war geworfen. Ich war endlich in der weiten Welt; aber erst als der Morgen
anbrach, merkte ich, wie weit sie war, wie wüst und verworren. Die ganze Nacht
rannte ich durch, bis die Sterne verblichen, der graue Schein über die Berge
sich legte und in der Ferne die Hähne ihn ankrähten. Mit Aufgang der Sonne stand
ich auf der letzten Höhe des Gebirges, vor mir dehnte sich die Ebene mit ihren
Städten und Dörfern, die Ebene, welche ich bis dahin noch nicht gesehen, von
welcher ich keinen Begriff hatte. Ich setzte mich stumpfsinnig auf einen
Steinhaufen, legte mein kleines Bündel neben mich und starrte ratlos in die
unbekannte Weite. Ich war hungrig und durstig, ein blöd-wildes Tier. Nach kurzer
Ruhe schlich ich die letzte Höhe hernieder und ein in das flache Land. Das
wenige Geld, was ich besass, war in den nächsten Tagen vertan; ich schlief unter
freiem Himmel, in Schuppen oder in Ställen, wie es kam. In einer leeren
Ziegelhütte, wo ich vor einem Sturm und der Nacht Schutz suchte, traf ich auf
die Leute, welche meine nächsten Schritte in der Welt lenken sollten. Als ich in
die Hütte kroch, fand ich den unbehaglichen Raum bereits besetzt. Ein Hund fiel
mich mit wütendem Gebell an, und ein Weib kam ihm mit Hand und Mund bei dem
abwehrenden Angriff zu Hülfe. Aus der Tiefe der Dunkelheit deklamierte eine
äusserst helle Mannesstimme mit hohem Patos dem Vorgang ganz unangemessene
Herzensergüsse Teklas von Friedland. Ich war müde, hungrig und zornig, so dass
ich weder Hund noch Weib achtete, sondern sie überwältigte und in das Innere der
Hütte, an welcher ich gewiss ein ebenso gutes Recht hatte wie die zeitweiligen
Bewohner, eindrang. In einer Ecke glimmten einige Kohlen, und darauf zischte ein
Suppentopf. In einer andern Ecke stand ein Pierrotkasten; der Deklamator war der
Puppenteaterdirektor Joseph Leppel; die Dame war Julie Leppel, seine Gemahlin,
der Hund hiess Zampa und konnte mehr als bellen; er war ein Künstler, und wir
wurden später die besten Freunde. Nachdem ich den Eintritt in den schützenden
Raum erzwungen hatte, während der Regen draussen niederrauschte, kam es zwischen
mir und der Familie Leppel zu einer Auseinandersetzung, und Signora Julia zeigte
sich als eine verständige Dame, welche Vernunft annehmen konnte. Signor Joseph
lud mich zu der Suppe ein, und mein Appetit ergötzte die beiden guten Leute mehr
als den Hund, der an seinem Teil von der Mahlzeit beträchtlich durch den neuen
Mitesser verkürzt wurde. Nach der Mahlzeit, während ich im Halbschlaf in einem
Winkel mich zusammenrollte, fand eine lange flüsternde Beratung zwischen dem
Ehepaar statt, und nachdem man am folgenden Morgen genau meine
Lebensverhältnisse erkundet hatte, legte man mir das Resultat der Beratung vor.
Der Direktor schien ein wenig engbrüstig durch seine schwierige Stellung als
Dirigent und Aktor geworden und dazu sehr schlecht auf den Füssen zu sein. Er
bedurfte, um den schweren Puppenkasten zu befördern, eines jüngern, kräftigeren
Gehülfen. Einen solchen hatte er gehabt; aber am vergangenen Tage war ein Streit
um die Gage ausgebrochen, und der Helfer hatte in Hass und Zorn seinen Abschied
von der Gesellschaft genommen. Der Direktor verachtete ihn zwar, befand sich
aber doch in der allergrössten Verlegenheit, und ich erschien ihm wie vom Himmel
gesendet. Mit Patos hielt er mir eine Rede, in welcher er mir
auseinandersetzte, wie die Götter mich begünstigten, indem sie mir durch seine -
Joseph Leppels - Hand das glänzende Reich der Kunst erschlössen. Ich solle nicht
zaudern und die Götter erzürnen - sprach er -, ein Paar Stelzen, auf welchen der
Vorgänger ein dankbares Publikum entzückt habe, sei vorhanden, und seine - des
Redners - Frau werde mich mit Vergnügen die hohe Kunst lehren, hoch über den
Köpfen der Leute zu schreiten. Ich starrte den Mann eine geraume Zeit an; die
Signora malte mir grässlich die Schrecklichkeit des Hungertodes und die
Fürchterlichkeit der Polizei vor: ich nahm das Anerbieten an und war ein Gaukler
und Puppenspieler geworden, fast ohne zu wissen, wie das gekommen war. Die
Kunst, auf Stelzen zu tanzen, lernte ich leicht und schnell und brachte sie
binnen kurzem zu einer gewissen Vollkommenheit; es gefiel mir bald gar nicht
übel, so von der Höhe auf die staunenden Gesichter des Volks herabzusehen. Der
Puppenkasten war eine leichte Bürde für meine Schultern; mit Bequemlichkeit trug
ich ihn durch das Land und lernte ein gutes Stück Leben kennen. Mein Prinzipal
war ein merkwürdiger Mensch, ein Drittel gutmütiger Vagabund, ein Drittel
Spitzbube und ein Drittel Phantast. Er hatte ein eigentümliches Leben hinter
sich; von begüterten Eltern geboren, hatte er gelehrte Schulen besucht; aber ein
bodenloser Leichtsinn hatte ihn zuletzt zu seiner jetzigen Lebensstellung
herabgebracht. Er hatte die fixe Idee, dass er noch einmal Direktor eines
wirklichen Teaters werden müsse, und er ist mir immer ein leuchtendes Beispiel
gewesen von der Macht solcher fixen Ideen und dem, was der Mensch dadurch
erreichen kann. Signor Leppel hat durchgesetzt, was er wollte, ist jetzt zu New
York Manager eines vielbesuchten Vorstadtteaters und auf dem Wege, ein reicher
Mann zu werden. Schon als ich mit ihm zusammentraf, trug er sich mit
Auswanderungsgedanken und machte von Zeit zu Zeit den Versuch, das Geld zur
Überfahrt zu ersparen. Das hielt aber bei der Ungebundenheit seines
Lebenswandels äusserst schwer, und ohne die Frau hätten wir's auch nicht
fertiggebracht. Sie zeigte Charakter - in mancher Hinsicht sogar zuviel
Charakter; hier aber war es gut, dass sie durchgriff. In kurzen zwei Jahren
hatten wir das Geld zur Überfahrt zusammen und schifften uns in Bremen ein. Die
See übte einen eigentümlichen Einfluss auf die Prinzipalin; das Stampfen,
Schaukeln und Rollen, das Kopfüber-aus-den-Kojen-Poltern, das Salzwasser, die
Erbsen und das Pökelfleisch machten sie - zärtlich; sie klammerte sich nicht nur
bei Sturm und schlechtem Wetter, sondern auch bei totaler Windstille mit grosser
Zutulichkeit an mich, und der Prinzipal sah das mit stillem Grimm. Auf dem Meer
wurde der Signor zu sehr von der Seekrankheit niedergehalten, um seinen Gefühlen
Luft machen zu können; aber sowie wir den Fuss auf das feste Land setzten, brach
sein Zorn gegen mich los, und es half mir gar nichts, als ich ihm versicherte,
seine Gemahlin habe nicht die geringste Anziehungskraft für mich und die
Zuneigung herrsche allein auf ihrer Seite. Die Eifersucht hatte ihre blutige
Saat gesät, und in einer Strandschenke auf Long Island brach der alte ewige
Kampf um das Weib auch zwischen Joseph Leppel und Fritz Wolf los, und jeder von
beiden verlor Haare, trug blaue Flecke und zerrissene Jacken davon. Wir trennten
uns, indem der eine dem andern das böseste Los wünschte und die grässlichsten
Segenswünsche nachschrie. Ich begann das Leben auf eigene Faust. Nur noch eine
kurze Zeit ging ich vor den Bürgern der grossen Republik auf Stelzen; aber da es
ihnen kein Vergnügen machte, so hörte auch für mich der Spass dabei auf; ich gab
das Geschäft auf, wurde Zeitungsverkäufer und schrie den Broadway auf und ab die
New Yorker Tribüne aus. Dann wurde ich Sänger bei einer Gesellschaft
nachgemachter Tiroler, und dann - ich hatte bei dem Signor Leppel doch viel
gelernt -, dann betrat ich die Bühne bei mehr als einer herumziehenden Truppe.
dabei hatte ich das wenigste Glück, wurde furchtbar ausgezischt und legte mich
auf den Hausierhandel, der mich weit in das Innere des Landes führte, tief in
die grossen Wälder. In dem Walde fühlte ich mich seit Jahren zum erstenmal wieder
so recht an meinem Platze. In den grossen Wald gehörte der Knabe vom Eulenbruch.
Den Hausierkasten liess ich, wie ich den Puppenkasten gelassen hatte, griff nach
der Büchse und fand mich nun endlich auf der Bahn, für welche die Natur mein
ganzes Wesen bestimmt hatte. Ein wildes, freies, stolzes Leben führte ich jetzt,
einsam oder im Kreise gleichgesinnter Genossen. Ich schlürfte die Lust des
Abenteurertums in vollen Zügen, und dazu wirkte der Zauber des einsamen Lebens,
wie ich sagen darf, veredelnd auf mich. Was das tolle, haltlose Treiben der
letzten Jahre mir an Gemeinheit aufgedrückt hatte, das streifte ich jetzt
allmählich wieder von mir ab; ich wurde ein ganz anderer Mensch und schämte mich
mancher Stunde der Vergangenheit. Und wie mein Geist freier wurde, so sah ich
jetzt auch die Zeit meiner Jugend, die Verhältnisse meiner Heimat mit andern
Augen an. Dein Bild, Eva, tauchte zuerst aus dem wüsten Nebel wieder auf, und
immer klarer, immer glänzender ward es wieder - in so weiter Ferne wurdest du
von neuem zum Stern meines Lebens. Bei allem, was ich tat, dachte ich, von
dieser Zeit an, an dich. Du warst zu jeder Stunde mein holder Schutzgeist. Ich
war arm, aber unbeschreiblich glücklich, als das Ereignis kam, welches mich zum
reichen Manne machte und welches mir den Namen gab, unter dem ich in dieser
Stadt aufgetreten bin. - Wir lagerten in der Wildnis zwischen dem Arkansas und
dem Canadian, unserer vier, ein alter Mann mit weissem Haar, Josua Warner, ein
Mann vom Stamm der Chactasindianer, ein Neger und ich selbst. Der alte Warner
war trotz seines Reichtums ein geschlagener Mann. Er hatte seine einzige Tochter
wider ihren Willen an den Sohn eines verstorbenen Freundes verheiratet. Durch
Verschwendung, leichtsinnige Spekulationen und Unachtsamkeit hatte Frank
Saint-Coeur das eigene Vermögen eingebüsst und den Schwiegervater beinahe mit in
das Verderben gezogen. Dann hatte er sich mit der Justiz überworfen, einen Mann
im Streit erschossen und war entflohen nach dem fernen Westen, nach Texas. Seine
arme Frau hatte er mit sich geführt, gleichsam als Geisel für den Vater, den er
dadurch zu fernern Unterstützungen zwingen wollte. Nun folgte der verzweifelnde
Alte der Spur seines Kindes, welches er selbst in das Verderben gestürzt hatte,
indem er es in die Hand und Gewalt eines so rohen, harten Mannes, wie Frank
Saint-Coeur war, gab. Westward ho! Niemand hier im alten Lande begreift, was für
ein Zauber in diesem Worte liegt. Legionen sind auf dem Wege nach dem Westen,
dem fernen, wilden Westen. Sie verlieren sich in der Unermesslichkeit des Raumes.
Hier und da wird ein Feuerherd gebaut, und aus dem Schornstein eines rohen
Blockhauses kräuselt der Rauch durch die Blätternacht des Urwaldes oder steigt
auf von dem Lagerfeuer inmitten der weiten Prärie. Haben die Ansiedler im Walde,
die Jäger, die Emigranten auf der Ebene den Westen gefunden? Nein, nein! Immer
weiter mit Büchse und Axt, mit Karren und Wagen, mit Weib und Kind, zu Pferd und
zu Fuss, immer weiter gen Westen - westward ho! Wo die Axt klingt, wo die Büchse
knallt, ist nicht mehr der wilde Westen; die vorschreitende Kultur hat nur ihre
Grenzen ein wenig hinausgerückt, und der wilde Westen ist ein wenig weiter vor
ihr zurückgewichen. Das Zauberland, über welchem allabendlich die Sonne
untergeht, wo unbekannte majestätische Ströme durch unbekannte Täler rollen, wo
unendliche Schätze offen und doch unerreichbar daliegen, bleibt immer in
derselben Ferne; das Sehnen nach ihm bleibt immer dasselbe. Weiter, weiter, ihr
Pioniere! Sie sind alle auf dem Marsche, Angelsachsen, Deutsche, Romanen und
Kelten; ein jeder hört den Atem des Folgenden im Nacken und sputet sich auf
seinem pfadlosen Wege. Es soll da ein Goldland liegen - alte Sagen reden davon;
spanische Missionäre wollen den Fuss darauf gesetzt haben; - wo ist das Land?
Westward ho! westward ho! Am Missouri liegt's nicht, nicht am Arkansas, am Roten
Fluss nicht, nicht am Rio Brave, nicht am Colorado. Wo liegt's, wo liegt's? Immer
weiter rückt's hinaus, wer kann's sagen, ob es nicht die Fluten des Grossen
Ozeans umspülen? Wer kann aber, mit solchem goldenen Glanz vor den Augen, den
Fusstritt der nachfolgenden Scharen hinter sich ohne Ungeduld hören? Weiter,
weiter - wer wird zuerst jauchzend Besitz von dem Dorado, dem Goldland,
ergreifen, wie es Pizarro, wie es Ferdinand Cortez vergönnt war? Jedermann darf
hoffen, der Glückliche zu werden, vielleicht ist auch uns beiden, Eva Dornblut,
unser Teil daran aufgehoben. Westward ho!«
    »Ich folge dir, wohin du mich führst, Friedrich!« rief Eva mit leuchtenden
Augen. »Geh voran, ich folge deinen Schritten überall.«
    »Du bist lang genug gegangen, armes Herz; in meinen Armen will ich dich
durch das Leben tragen, so wahr Gott mir helfe. Doch nun höre weiter. Wir waren
dem flüchtigen Frank Saint-Coeur auf der Spur, nachdem wir ihn schon wochenlang
verfolgt und gesucht hatten. Einer nach dem andern in unserer Schar war
zurückgeblieben, sei's, dass dem einen das Ross stürzte, sei's, dass den andern die
übergrosse Ermattung zu Boden warf. So waren wir, wie gesagt, zuletzt nur noch
unserer vier und lagerten in der Wildnis. Es war eine Nacht im Junius, und
während der Neger und der Indianer schliefen, sass ich wachend neben dem
wachenden, trostlosen Vater. Kein Windhauch regte die Blätter der Bäume; ein
kleiner Strom rauschte in der Ferne, hie und da sahen wir seinen Spiegel durch
die Büsche blitzen. Es war hellster Mondenschein. Tagelang waren wir bereits
geritten, ohne einen Menschen zu erblicken; eine tiefere Einsamkeit kann man
sich nicht vorstellen. An dieser Stelle sollte ich nun etwas erleben, welches
mich heute noch in der Erinnerung wie mit Geisterhand in tiefster Seele berührt.
In meine Decke gehüllt, sass ich, die Büchse griffgerecht neben mir, das Messer
in der Scheide gelockert, und wieder einmal dachte ich sehnsüchtig deiner, Eva
Dornblut, und meiner Jugend; wie ein Traum war es mir, wenn ich die
halbgeschlossenen Augen ganz öffnete und der Blick über das verglimmende Feuer
und die schlafenden wunderlichen Gefährten glitt. Neben mir seufzte der alte
Warner und murmelte: Vorwärts, vorwärts, da sind sie - o Lizzie! liebe, liebe
Lizzie! - Seit wir uns diesem unserm jetzigen Rastplatze näherten, war eine
mächtige Veränderung mit dem Greise vorgegangen; eine Art verzweiflungsvoller
Zuversicht auf das Gelingen unserer Jagd hatte sich seiner bemächtigt. Er
stammte von schottischen Eltern: war etwas von dem second sight, dem
geisterhaften Zweiten Gesicht seiner frühern Landsleute über ihn gekommen? -
Hinter uns standen die Pferde angebunden, und eins hatte den Kopf über den Hals
des andern gelegt; ein anderes wieherte im Traum. Auch Pompei, der Nigger,
murmelte im Schlaf, ihm träumte von der Racoonjagd; nur der Indianer lag ganz
still, und sein Ross stand ebenso still abseits der andern drei. Allmählich
verloren unter dem Rauschen des Flüsschens meine Gedanken ihre Bestimmteit; wie
es zu geschehen pflegt, verfiel auch ich, trotzdem ich die Wacht hatte, in einen
Halbschlummer, dessen Dauer ich nicht bestimmen kann. Ein Schrei Josua Warners
jagte mich empor und mit Büchse und Messer auf die Füsse. Der Greis stand
aufgerichtet, voll vom Mond beschienen, in unserer Mitte und starrte auf eine
Lichtung, die hinaus auf die weissleuchtende Prärie jenseits des Stromes führte.
Der Chactas und der Neger hatten auch ihre Waffen ergriffen, die Pferde zogen
angstvoll an ihren Halftern. Nirgends war das Geringste, was Grund des Schreis
und Schreckens hätte sein können, zu erblicken. Dem alten Vater war der Hut
entfallen, seine Locken schimmerten silberweiss, sein Blick war starr, dem eines
Schlafwandlers ähnlich, gradeaus gerichtet, und die Augen aller folgten den
seinigen. Ich wollte den Träumenden beim Arm fassen, um ihn zu erwecken; aber er
winkte mir und deutete auf die Lichtung:
    Still - da ist sie - seht ihr sie? Lizzie! Lizzie! Da schwebt sie fort!
Lizzie! liebe Lizzie! Warte, warte, wir kommen!
    Nichts zu sehen - kein Ton zu hören ausser dem Rauschen des Wassers; in
tiefster nächtlicher Ruhe lag die Natur. Ich fürchtete, das Unglück habe die
Sinne des armen Vaters verwirrt; aber vergeblich suchte ich in seinen Augen nach
dem irren Flackerlicht des Wahnsinns. Josua Warner war ein harter Mann, ein
eisenherziger Sklavenhalter, und wie ein solcher sah er auch jetzt wieder aus.
Kommt, Fred, sagte er, wir sind am Ziel; sie hat mich gerufen, ich habe sie
gesehen, Gott segne ihr süsses Gesicht, kommt mit den Pferden. - Er hing die
Büchse über die Schulter, band sein Ross los und nahm es beim Zügel. Gegen den
Fluss führte er uns; denn wir andern folgten seinem Beispiel, ich im leisen
Grauen, der Neger kopfnickend und die glänzenden Augen rollend, Chimapatawe, der
Indianer, gravitätisch und bedachtsam. Ich wollte die Büchse schussbereit in den
Arm werfen; aber der Greis schüttelte das Haupt: Nicht nötig, Fred, arme Lizzie!
- Wir schritten auf die Lichtung zu und zogen durch den seichten Strom fast
trockenen Fusses. Eine kurze Zeit zogen wir im Mondenlicht; dann nahm uns der
Wald wieder auf, und wir schritten weiter, nach indianischem Brauch in einer
Linie, der Alte voran, dann ich, dann Pompei, zuletzt der Chactas, jeder sein
Pferd am Zügel führend. Eine gute halbe Stunde blieben wir nun im tiefsten
Dunkel; dann hielt der Greis plötzlich an und wies auf den Boden. Der Indianer
stiess den Verwunderungsruf seines Volkes aus, der Neger glotzte; wir standen vor
einer Feuerstelle, um welche alles auf den längern Aufentalt eines Reitertrupps
hindeutete. Kaum acht Tage alt konnten diese Spuren sein.
    Arme Lizzie! murmelte der Vater. Wie deine kleinen Füsse so wund waren! Wie
du so müde geworden bist! Schläfst du, schläfst du sanft? Still, still, dass wir
sie nicht wecken.
    Der Indianer hielt ein weisses Tuch in die Höhe; ich nahm es aus seiner Hand,
es waren Blutflecke darauf bemerkbar. Es war ein feines Damentaschentuch, und an
der einen Ecke trug es die gestickten Buchstaben E und W; es konnte kein Zweifel
herrschen, wir waren der unglücklichen jungen Frau auf der Spur. Diese
Buchstaben bedeuteten Eliza Warner; aber das Blut, das Blut?! - Ich wollte das
Tuch den Blicken des Vaters verbergen; er nahm es mir jedoch ganz ruhig aus der
Hand und sagte:
    Sie schläft - ihre Brust tat ihr so weh. Es ist Blut aus ihrer kranken
Brust, Fred. Ich wusste es wohl, sie konnte den langen Ritt nicht ertragen, es
musste so kommen.
    Er verbarg das traurige Zeichen an seiner Brust, nachdem er es geküsst hatte;
dann führte er sein Ross weiter, ohne aufzuschauen, als wandele er auf
vollständig bekanntem Wege. Der Boden senkte sich nunmehr; die Bäume standen
nicht mehr so dicht gedrängt; wir traten endlich hervor aus dem Walde auf die
grosse Prärie, hinaus in das vollste Mondlicht, und gerieten sogleich in
brustohes Gras. War dieses Gras je von menschlichen Füssen und Rosseshufen
niedergetreten worden, so hatte es sich schnell wieder aufgerichtet, und keine
Spur der früheren Wanderer war mehr zu erblicken. Das Haupt vorgebeugt, mit
tiefatmender Brust, schritt Josua Warner dahin. Ein Rudel Hirsche jagte kaum
fünfzig Schritte von uns zur linken Seite über einen Hügelrücken gen Süden. Wir
waren immer noch auf dem Wege gegen Westen, den fernen, wilden, gloriosen
Westen; doch nach einer Viertelstunde hielten wir an in der unermesslichen Ebene,
auch diesmal, ohne ihn gefunden zu haben. Wir hatten nur gefunden, was wir
suchten. In dem wogenden Gras, inmitten der Unendlichkeit von Himmel und Wiese,
trafen wir auf einen winzigen Erdhügel, auf ein ganz frisches Grab, das Grab der
unglücklichen Elisabet Warner. Eine rohe Holztafel verkündete ihren Namen und
den Tag ihres Todes; die Stimme, welche den Vater von seinem Lagerplatz im Walde
emporjagte, war nicht Täuschung gewesen; er hatte sein Kind wiedergefunden.
Bewusstlos lag er, den Hügel mit seinen Armen umfassend; stumm standen wir andern
auf unsere Büchsen gelehnt, und der rote und der schwarze Mann begriffen das
Geheimnisvolle, das Erschütternde grade so gut wie der Deutsche. - Wir
verfolgten den schlechten Burschen, welcher die arme Lizzie in dieses einsame
Grab gestossen, welcher diesen Hügel über ihrem Leibe aufgehäuft hatte, nicht
weiter - was für eine Rache hätten wir an ihm nehmen sollen? Wir traten den
langen traurigen Heimweg zum Mississippi bereits am folgenden Tage an; -
vielleicht traf niemals wieder ein anderer auf dieses trostlose Grab in der
Prärie. Die Hirsche und Büffel mochten ruhig um es her weiden, die Geier darüber
ihre Kreise ziehen; ein menschliches Auge fiel vielleicht nie wieder auf diese
Holztafel und den Namen Elisabet Saint-Coeur. Ich lebte mit dem Vater bis zu
seinem Tode; ich war der einzige, mit welchem er über das ferne Grab sprechen
konnte, und durfte mich kaum von seiner Seite entfernen. Er gab mir seinen Namen
und setzte mich, als er starb, zum Erben seines Vermögens ein. Für das Leben in
den Sklavenstaaten war ich jedoch durchaus nicht gemacht. Für die
Baumwollenpflanzung fand ich bald einen Käufer, meine Herren Sklaven führte ich
nach den Neuenglandstaaten und liess sie laufen; bis auf einige, welche durchaus
nicht laufen wollten, sondern sich mit grossem Geschrei an mich festklammerten
und behaupteten, ich sei verpflichtet, sie, Pompei, Cäsar und Agrippina,
gewöhnlich Grippy genannt - zu behalten. Zuteil war mir jetzt alles geworden,
was ich mir im Winzelwalde als das höchste Glück der Welt vorgestellt und
gewünscht. Seefahrer, Krieger, Jäger war ich gewesen, blutige Abenteuer hatte
ich glücklich bestanden; bei mehr als einer Gelegenheit sah ich dem Tode ohne
Augenzwinkern ins Gesicht. Ich war jetzt reich, der freieste Mann auf Gottes
Erdboden; aber nun fehlte mir doch wieder alles; zurück in die Heimat trieb der
glühende Wunsch; alles, was ich in der Weite gesucht und gefunden hatte,
verblasste jetzt gegen das, was die einst so gering geachtete Heimat zu bieten
hatte. Nach dir, Eva Dornblut, sehnte ich mich, und nicht eher hatte ich Ruhe,
bis ich wieder auf dem blauen Meer schwamm. Den Hauptmann Konrad von Faber hatte
ich in New York kennengelernt; er machte mit mir die Überfahrt nach Europa. Wir
schlossen uns ziemlich eng aneinander, ohne dass er jedoch meinen wahren Namen
erfuhr; er hat mich auch in die hiesige Gesellschaft eingeführt. In Hamburg
trennten wir uns fürs erste; ich suchte dich, du Teure, zuerst natürlich im
Winzelwalde. Ich war in Poppenhagen und vernahm alle die Veränderungen, welche
sich dort zugetragen hatten. Man erkannte mich natürlich nicht, und ich gab mich
auch nicht zu erkennen. Das war vor acht Tagen. Mein Bruder Robert war eben
davongegangen wie ich, wie du. Über dich schüttelte man die Köpfe; denn dunkle,
verworrene Gerüchte waren über dich in das vergessene Tal gedrungen. In toller
Angst und Hast kam ich hierher - ich vernahm, was unserm Robert geschehen war;
aber ich hatte gelernt, mich zu beherrschen. Mit lächelnder Miene ging ich
umher, liess mich von dem Hauptmann Faber überall vorstellen; der junge reiche
Amerikaner war überall ein gern gesehener Gast. Für manche Sünde meines Lebens
habe ich durch die innere Qual dieser letzten acht Tage reichlichst gebüsst; -
nun verzeihe mir, verzeihe mir, Eva, meine Geliebte, meine Braut, mein Alles. Zu
deinen Füssen knie ich hier, verzeihe mir, verzeihe alles, was der tolle Fritz
vom Eulenbruch durch Vergessen, Zweifel und Misstrauen gesündigt hat; ich liebe
dich, habe dich immer geliebt und nie an ein anderes Weib gedacht!«
    Weinend hob Eva den Freund auf:
    »Sei ruhig, Herz. Ich lasse dich nicht. Die Sterne haben uns
auseinandergeführt, die Sterne haben uns von neuem vereinigt. Nicht wahr, nun
soll uns nur der Tod scheiden?«
    »Nur der Tod!« rief Friedrich Wolf. »Sag es noch einmal, sag es mir wieder,
dass du mit mir gehen willst, dass du mir immer zur Seite stehen willst!«
    »Immer, immer! Deine Sterne sind die meinigen.«
    »So lass uns gehen! Morgen, heute, in dieser Nacht!«
    »Und dein Bruder?«
    »Dürfen wir ihm jetzt entgegentreten? Wir wollen schon für ihn sorgen. In
der rechten Stunde wollen wir ihn dann zu uns rufen.«
    »Du sollst entscheiden.«
    »Er hat auch seine Sterne. Mögen sie ihn gut und sicher führen, wie sie uns
geführt haben. Fürchtest du dich aber auch nicht vor dem Meere, du Süsse, Liebe?«
    Eva Dornblut schüttelte den Kopf:
    »Hab ich mich vor der Welt gefürchtet? Die ist ein noch ganz anderes, viel
wilderes Meer.«
    Der rote Wolf zog von neuem das Mädchen aus dem Winzelwalde an seine Brust;
dann warf er jubelnd und triumphierend die Hand empor:
    »Westward ho! Gesegnet seien unsere Sterne!«
 
                                 Elftes Kapitel
   Das Hinterhaus von Nummer zwölf in der Musikantengasse erfährt eher etwas
                        Merkwürdiges als das Vorderhaus
Es war spät in der Nacht, und doch war noch Licht in der Werkstatt des
Schreiners Tellering, im Hinterhaus von Nummer zwölf in der Musikantengasse. Der
Kanarienvogel im Bauer hatte sein Köpfchen unter die Flügel gezogen und schlief
sanft; aber Hobel und Hammer in den Händen von Johannes und Ludwig Tellering,
Vater und Sohn, waren noch nicht zur Ruhe gekommen, obgleich sie ein saures
Tagewerk hinter sich hatten. Der alte und der junge Handwerksmann waren
beschäftigt, einen Sarg zu zimmern; und ein Sarg ist ein kurioses Stück Arbeit,
welches keinen Aufschub duldet. Für die Wiege darf der Mensch als Mensch und
Hausvater lange vorher, ehe sie gebraucht wird, sorgen, und die junge Braut und
Frau darf sie in errötender Erwartung der Dinge, die da kommen sollen, unter
ihrer Aussteuer in das Haus des Mannes bringen. Wenn aber jemand bei Lebzeiten
seinen Sarg bestellen wollte, so würde das mit Recht die Verwunderung der
Nachbarn und Mitlebenden erregen, und das Exempel des Kaisers Karl des Fünften
würde zur Rechtfertigung solcher Schrulle durchaus nicht ausreichen. In Gedanken
zimmert der fromme Christ leider freilich oft genug einen hübschen, festen,
bequemen Sarg im voraus für geliebte Anverwandte, die sehr reich, oder andere,
welche zu mürrisch und alt sind; aber hat man jemals wohl davon gehört, dass ein
liebender Neffe einem alten Erbonkel solch ein schwarzes, solides, mit Silber
beschlagenes Ruhebett zum Geburtstag oder bei einer andern festlichen
Gelegenheit als Zeichen seiner Verehrung und Liebe dargebracht habe? Weder die
alten noch die neuen Schriftsteller, weder die Klassiker noch die Epigonen
melden von einem solchen Faktum.
    Übrigens ist es immer eine traurige Arbeit, einen Sarg zu machen, in
Gedanken sowohl wie in der Wirklichkeit; man kann in keiner fröhlichen Stimmung
dabei sein, und so arbeiteten auch in dieser Mitternacht Vater und Sohn ernst
und eifrig nebeneinander fort und sahen kaum von ihrer Arbeit auf. Jeder dachte
dabei das Seinige, und ob die Gedanken aus einem grauhaarigen oder
braungelockten Kopfe entsprangen, einerlei, sie waren recht melancholisch
gefärbt, obgleich weder Meister Johannes noch Ludwig viel von dem Schläfer
wussten, welchem sie das letzte Ruhebett bauten.
    Neben der Werkstatt befand sich die Schlafkammer der Frauen der Familie. Die
hübsche, lustige Luise schlief so sanft und friedlich wie der kleine Vogel im
Bauer; sie lächelte im Traum und vernahm nicht das mindeste von Hobel, Hammer
und Säge. Wachend lag aber die Mutter Anna, sie horchte schlaflos der
fortschreitenden Arbeit des Mannes und Sohnes. Solch eine alte Frau hat mehr
Sorgen als ein junges Ding von sechzehn Jahren; die Jungen und Gedankenlosen
wissen gar nicht, wie glücklich sie sind.
    Die beiden Fenster der Werkstatt gingen auf den Hof hinaus; das einzige
Fenster der Kammer der Frauen sah in die enge schwarze Gasse, durch welche man
gehen musste, um zu dem Klosterhof von Sankt Nikolaus, um zu dem Giebel des
Sternsehers Heinrich Ulex zu gelangen. Wir kennen den Weg bereits. An das
Fenster der Schlafkammer klopfte plötzlich jemand ganz leise und erschreckte die
Mutter Anna dadurch ungemein. Sie fuhr hochauf und horchte, ob sie sich auch
nicht getäuscht und das Spiel des Windes für das Anpochen einer menschlichen
Hand genommen habe. War der Tote, für welchen der Ehemann und der Sohn sich
quälten, ungeduldig geworden? Kam er, um sich nach seinem letzten Hause zu
erkundigen? Frau Anna warf einen Blick nach dem Lager ihrer Tochter; das junge
Mädchen schlief ruhig weiter; auch Hammer und Hobel in der Werkstatt liessen sich
in ihrem Werke nicht stören. Aufrecht sass die Frau im Bett; eben wollte sie sich
wieder niederlegen, als sich das Anpochen wiederholte. Eine klare Stimme rief
dicht vor dem Fenster:
    »Ich bin's. Erschreckt nicht. Ich bin's - Marie Heil!«
    »Mein Jesus!« rief die Frau. »Johannes! Ludwig! Da ist jemand draussen. Marie
Heil ist draussen. Öffnet ihr doch! Luise, Kind, wach auf!«
    Luise erwachte und fragte, was es gäbe. In der Werkstatt hörte das Hämmern
und Pochen auf. Auf den Ruf seiner Mutter hatte sich Ludwig Tellering
blitzschnell von der Arbeit emporgerichtet. Als er den Namen Marie Heil vernahm,
lief er, im höchsten Grade betroffen, eiligst der späten Besucherin die Tür zu
öffnen. Die Frauen kleideten sich schnell an.
    Mit zitternder Hand schob Ludwig den Riegel der Haustür zurück. Der Wind
blies ihm die Lampe aus, und er musste die Hand der kleinen Familienfreundin
ergreifen, um sie zu der Hofwohnung zu geleiten.
    »Was ist denn geschehen, Fräulein Marie?« fragte er ängstlich. »Um Gottes
willen, es ist doch kein Unglück geschehen?«
    Die Stimme Maries kämpfte zwischen Weinen und Lachen, als sie antwortete:
    »Ein Unglück? Nein, nein! Aber ich muss fort - ich gehe fort - weit - weit -
o so weit, Herr Ludwig!«
    Herr Ludwig fasste die kleine Hand noch viel fester als vorher; er liess sie
auch nicht eher los, bis die Hofwohnung erreicht war. Das Wort des Mädchens
hatte den jungen Mann so erschreckt, dass ihm jedes Wort, jede Frage im Munde
steckenblieb; desto lauter und vielfältiger aber drängten sich die Fragen der
übrigen Familie Tellering, deren Glieder jetzt sämtlich in der gerümpelvollen,
verräucherten Werkstatt, zwischen Hobelspänen, Brettern, Werkzeug aller Art und
neben dem Sarge versammelt waren.
    Der scharfe Wind, die Gemütsbewegung und der eilige Lauf durch die Gassen
hatten die Wangen der kleinen Marie noch viel röter gemacht, als sie schon im
gewöhnlichen Zustande waren. Eine geraume Zeit stand sie inmitten der
verwunderten, erschreckten Freunde, ehe sie sich so weit gesammelt hatte, um
Bericht zu geben über das, was sie zu so ungewohnter Stunde hertrieb. Ludwig
Tellering hatte die Faust auf den halbfertigen Sarg gelegt, wiederholte im
Innersten seiner Seele: ich gehe fort, weit, weit fort -, starrte das junge
Mädchen mit weit offenen Augen an und sah ungefähr aus wie jemand, welcher aus
einem schönen Traum vermittelst eines Waschnapfes voll kalten Wassers geweckt
worden ist.
    »Setzen Sie sich doch, Marie«, sagte der Meister Johannes, eine Bank mit der
Handwerksschürze abstäubend; aber das junge Mädchen schüttelte energisch den
Kopf:
    »Ich danke sehr, Meister. Ach du liebster Gott, fürs erste werde ich wohl
nicht wieder zum Sitzen kommen und noch weniger zum Liegen. Wir gehen fort, o so
weit - bis an der Welt Ende; - erst nach Italien, dann nach Paris, dann nach
Amerika.«
    »Nach Amerika?!« rief die Familie Tellering in den verschiedensten Tonarten,
und Ludwig fuhr abermals zusammen, wie vom Blitz getroffen, fasste sich aber als
ein Mann sogleich wieder und stellte sich fest auf den Füssen, als wolle er im
Boden Wurzeln schlagen und Blätter und Blüten treiben, gleich einer von einem
allzu persönlichen Gott verfolgten griechischen jungen Dame aus der Zeit der
Metamorphosen.
    »Nanu?« rief der Alte.
    »Ach du mein Himmel!« rief Luise.
    »Nach Amerika?!« rief die Mutter Anna, auf einen Holzschemel sinkend.
    Ludwig Tellering sagte gar nichts; er nahm mechanisch seine Mütze vom Tisch
und setzte sie fest auf den Kopf.
    »Das ist wirklich eine merkwürdige Nachricht«, rief der Meister. »Und wann
soll die Reise vor sich gehen?«
    »In dieser Nacht - gleich! Ich komme zu fragen, meine Herren, ob Sie uns
helfen wollen beim Einpacken. Wir wollen mit fremden Leuten nichts zu tun haben.
Viel nehmen wir nicht mit. Seht mich nur nicht so erschreckt an, ihr Leutchen;
es geht alles mit rechten Dingen zu. Wir überlegen es uns erst recht reiflich,
ehe wir uns entführen lassen.«
    Die Aufregung der Familie Tellering stieg immer höher.
    Luise schloss die kleine Freundin in die Arme und rief schluchzend:
    »Es ist dein Ernst nicht, dass du weggehst! Oh, Marie, was soll das nur? Was
soll das heissen?«
    »Es ist mein völliger Ernst«, schluchzte dagegen Marie Heil. »Ich kann nicht
anders, so grosse Angst ich auch habe. Es ist eine merkwürdige Geschichte, und
ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas erleben sollte. Ich kann meine Herrin
nicht verlassen.«
    Die Dienerin Eva Dornbluts erzählte nun, was vorgegangen war, wie Herr
Friedrich Wolf, der Bräutigam ihres Fräuleins, als ein reicher Mann heimgekehrt
sei aus den fernen Mohren- und Indianerländern und wie er seine Braut sogleich
mit sich fortführen wolle und wie man keinen Augenblick versäumen dürfe.
    »Wir entschlossen uns kurz«, fuhr sie fort, »denn wir haben uns nie lange
besonnen, das Leben ist nicht lang genug dazu. Mein Fräulein fragte mich, ob ich
weiter mit ihr gehen oder ob ich hierbleiben wolle. Ich fragte sie, was sie von
mir dächte, ob sie mich für ein Ding hielte, das sich vor einem Mohren oder
einem Indianer oder sonst einem wilden Mann fürchte. Ich sagte, ob sie sich
nicht erinnere, was sie alles an mir getan habe und wie sie mich so gut wie eine
Schwester behandelt habe. Sie sagte, das sei alles recht schön; aber der Weg sei
so weit, und die Welt sei so weit, und man könne nicht wissen, ob man jemals
wieder zurückkomme. Der Herr sagte, er wolle auch hier gut für mich sorgen; aber
ich antwortete ihm, wie er es verdiente: was er von mir dächte, ich wolle mein
Fräulein doch nicht mit ihm allein zu allen Hottentotten und Russen, Chinesen
und Menschenfressern ziehen lassen - dazu kennte ich ihn doch noch nicht lange
genug. Und um die Sache zu einem schnellen Ende zu bringen und nicht laut
herauszuweinen, sprang ich weg nach meinem Mantel und Hut, und wenn die Herren
uns nun helfen wollen, unsere Koffer zur Eisenbahn zu schaffen, so soll uns das
sehr angenehm und lieb sein. Was wir nicht tragen können, lassen wir zurück und
kümmern uns nicht drum. Die Armen sollen es haben; denn wir sind selbst arm
gewesen und mögen es überall besser wiederfinden.«
    Die Aufregung der Familie Tellering war nicht zu schildern, sie hatte den
äussersten Grad erreicht. Das Plötzliche und Unerwartete tat das Seinige,
jedermann in die höchste Verwirrung zu bringen. Selbst der Kanarienvogel
erwachte, zog den Kopf unter dem Flügel hervor, sah verwundert umher und riet
mit hellem Gezwitscher der kleinen Marie, Vernunft anzunehmen und im Lande zu
bleiben. Luise weinte laut, es weinte die Mutter Anna, der Alte schüttelte
betrübt den Kopf, und Ludwig - Ludwig schien den Kopf vollständig verloren zu
haben. Dann kam ein Augenblick, während welchem Marie und Luise einander
schluchzend in den Armen lagen und beiderseitig nicht an die plötzliche Trennung
glauben konnten und wollten; dann kam ein Augenblick, wo Marie Heil sich wieder
zusammenraffte und eine kleine tränenerstickte Rede hielt über die Flüchtigkeit
der Zeit, und wie man nie wisse, ob man nicht recht bald wieder zusammenkommen
werde. Nun hatte der Meister Johannes Tellering Mütze, Jacke und Rock gefunden,
und die Mutter Anna hatte weinend dem jungen Mädchen, welches so weit in die
Welt gehen wollte, ihren Segen gegeben. Ludwig Tellering quälte sich vergeblich
ab, mit dem linken Arm durch den rechten Ärmel in den Rock zu gelangen; es
bedurfte der vereinigten Hülfe von Vater und Mutter, um seine Ausrüstung zu
vollenden.
    Nun ein Türöffnen und ein Türschliessen: auf ihren Betten - allein in ihrer
Kammer - sassen die Frau Anna und Luise; sie weinten beide und machten ihrem
Kummer in abgebrochenen Ausrufen Luft. Dann war die kleine Freundin gegangen,
und der Kanarienvogel in der Werkstatt, jetzt vollständig wach und munter, sang
ihr sein lustigstes Leibstückchen nach. - - -
    Mitten im unbehaglichen nächtlichen Getümmel am Bahnhof! Wie pfiff und
heulte der kalte Wind durch die dunkle hohe Halle! Jede Laterne diente nur dazu,
die Nacht noch finsterer zu machen; ungeduldig keuchte die Lokomotive und sah
mit feurigen Augen in die Dunkelheit. Vor der Wagenreihe drängte sich das
fröstelnde, vermummte, bepelzte Gewimmel der Reisenden; Beruf und Pflicht, Glück
und Unglück kümmern sich nicht um Jahreszeit, Wetter und Stunde; sie jagen die
Menschen auf und treiben sie, und die armen Menschen denken gar noch, sie seien
auf der Wanderung, weil sie es wollen, weil sie es reiflich überlegt und
beschlossen haben!
    Eva Dornblut sass bereits im Wagen; Friedrich Wolf drückte dem alten Meister
Tellering die Hand zum Abschied; Ludwig aber zögerte mit der kleinen Marie noch
immer vor der Tür, so betäubt wie je. Krampfhaft hielt er den Arm des jungen
Mädchens.
    »O Marie, Marie, weshalb gehen Sie fort? Bleiben Sie hier!«
    »Ich darf nicht, Herr Ludwig.«
    »Wollen Sie meiner Schwester immer schreiben, wo Sie sind und wie es Ihnen
geht?«
    »Gewiss! Ach machen Sie mir das Herz nicht noch schwerer.«
    »Sie wollen uns nicht vergessen?«
    »O Herr Ludwig!«
    »So leben Sie wohl, Marie. Wir sehen uns wieder!« Er riss die Kleine in den
Arm und küsste sie. Er tat es. Dann schob er sie in wilder Hast in den Wagen und
stürzte aus der Bahnhofshalle, ohne sich umzusehen. Ihm nach klang ein leiser
Ruf: »Ludwig!«, aber er vernahm ihn nicht mehr; wie konnte er hören und sehen?
Friedrich Wolf gab dem Meister Johannes noch einen Brief für einen Mitbewohner
des Hauses zwölf in der Musikantengasse, über welchen er mit ihm viel auf dem
Wege zum Bahnhof gesprochen, von welchem er vieles sich hatte erzählen lassen.
    Nun schrillte die Pfeife des Zugführers. Laut auf schrie die Lokomotive,
einem wilden Tier gleich, das losgelassen wird von der Kette. Der heisse Atem
füllte mit dichten Wolken die hohe Halle; der Zug setzte sich in Bewegung.
Hinaus, hinaus, schnell und immer schneller hinaus in die Nacht, die Zukunft;
südwärts soll es Länder geben, wo es nicht schneit, wo die Sonne keinen Winter
duldet. Südwärts fuhren Fritz und Eva. Noch einmal winkte Marie Heil aus dem
Fenster; kopfschüttelnd, traurig sah den Reisenden der Meister Johannes nach.
Dann schritt er ebenfalls aus dem Bahngebäude und fand an der nächsten
Strassenecke seinen armen Jungen.
    Sie gingen nach Haus, und der Alte legte sich erschöpft zu Bett, Ludwig
Tellering aber machte sich mit fieberhafter Hast von neuem an die Arbeit und
vollendete den Sarg allein. Mit grimmiger Energie schlug er Nagel auf Nagel ein.
Es war ein trauriges Werk; aber Todesgedanken hatte der Jüngling nicht dabei.
Wir können ihm nur Glück wünschen zu seinen Gedanken; es waren mutige Gedanken,
und der Mut ist ein edel Ding in dieser Welt.
 
                                Zwölftes Kapitel
 Julius Schminkert für immer! Schlaue Bemerkungen des Autors über die Damen im
                                  Kartenspiel
Am folgenden Morgen schien freundlich die Sonne in das Zimmer des
Polizeischreibers; nach vier Uhr hatte sich der Himmel geklärt, wenn auch der
kalte, schneidende Wind immer noch anhielt. Es war ein Sonntag, und selbst
Protokollführer Fiebiger war ein freier Mann, welcher sich den Teufel um das
Büro Nummer dreizehn kümmerte, sondern es dem Staube und den Gespenstern der
Registerbücher gern und willig überliess. In dem Büro Nummer dreizehn mochten die
unheimlichen Geister soviel Tänze und Sprünge machen, wie sie wollten, ruhig sass
der Polizeischreiber Fiebiger mit seinem »jungen Karaiben Freitag« alias Robert
Wolf beim Frühstück und betrachtete durch die Wolken seiner Tabakspfeife still
und unbemerkt seinen Schützling zum erstenmal beim hellsten Tageslicht, und was
er sah, konnte ihm nicht missfallen.
    Der Schmerz verleiht oft der gewöhnlichsten Physiognomie einen Reiz, von
welchem sonst keine Spur in ihr zu finden ist; denn der wahre Schmerz erhebt
über das Alltägliche und hat, wie die wahre Freude, eine verklärende Macht, die
auch im Körperlichen zur Erscheinung kommt. Hier aber hatte der Schmerz sein
Siegel auf ein schon von Natur schönes und geistvolles Gesicht gedrückt, und so
war der energische Zauber unbeschreiblich.
    »Sieh mich an, Robert«, unterbrach endlich der Schreiber sein stummes
Studium, dem er sich fast mit Gewalt entreissen musste. »Hätten wir gestern wohl
gedacht, dass wir heute die Sonne so klar sehen würden? Es ist kaum eine Wolke zu
erblicken. Sieh auf, Landsmann aus dem Winzelwalde!«
    Der Knabe erhob matt das Gesicht; die Tränen traten ihm immer von neuem in
die Augen.
    »Ich werde es nie überwinden«, murmelte er.
    »Das wirst du doch, mein Junge. Kind, du hast noch nicht erfahren, wieviel
der Mensch überwinden kann und muss. Du hast erst den Kelch des Lebens an die
Lippen gesetzt; jetzt betäubt dich der erste Schauder vor der Bitterkeit des
Trankes; - hinunter damit - die Betäubung wird weichen. Es setzt doch niemand
das Glas ab, ehe die Neige geleert ist; wer es vorher im Lebensüberdruss an die
Wand geworfen hat, der ist nur in etwas hastigeren Zügen damit fertig geworden.
Man erschiesst sich nur, wenn der Topf leer ist.«
    »Ich wollte, ich könnte Sie verstehen, aber ich kann es nicht. Mein Kopf
schmerzt zu sehr, mein Hirn ist zu wüst. O bitte, schicken Sie mich in den Wald
zurück, lassen Sie mich fort; ich kann mit ihr nicht dieselbe Luft in dieser
Stadt atmen. Was soll ich hier? Aus dem Hause darf ich nicht gehen; ich könnte
ihr begegnen in den Gassen - o schicken Sie mich heim, schicken Sie mich zurück
in den Wald!«
    »Armes Kind, du weisst nicht, in welcher Einsamkeit du dich hier in diesem
Menschengewimmel befindest. Glaube mir, deine heimatliche Wildnis wird dich und
deinen Kummer nicht so gut vor den Menschen schützen und verbergen wie diese
Wildnis von aufgetürmten Mauersteinen. Was willst du den Leuten zu Poppenhagen
sagen, wenn du heimkehrst? Wie willst du ihnen entgegentreten, wenn sie dir mit
Geschrei und aufgehobenen Händen entgegenlaufen: Petz ist wieder da!? Werden sie
dich in Ruhe lassen? Werden sie dir gestatten, ein Einsiedlerleben im
Winzelwalde zu führen? Rufe dir im Geist alle deine Bekannten vor die Seele, die
alten wie die jungen, das ganze Nest; dann denke darüber nach, was das Völklein
sagen wird, wie es lachen, wie es dir Nasen drehen wird. Dein alter Freund, der
Pastor, ist tot, du kannst dich nicht in sein stilles Studierstübchen, nicht
hinter seine Bücher flüchten und verstecken.«
    Der Knabe liess das Gesicht in die Hände fallen und zog die Schultern
zusammen. Er fühlte, wie sehr der Alte recht habe.
    »Bleibe bei mir, Robert«, fuhr der Schreiber fort. »Ich kann dich besser
verbergen und will es auch. Eine Tarnkappe sollst du über die Ohren ziehen; ich
will deine Seele heilen und hoffe, dass es mir gelingen wird. In Poppenhagen
wirst du sitzen wie ein Uhu auf der Stange und jedermann zum Gaudium und Aufstoss
dienen.«
    Der Alte stellte seine Pfeife fort und ging schnellen Schrittes in seinem
langen Zimmer auf und ab. Noch mancherlei sagte er dem Knaben; aber dabei war er
doch innerlich in grosser Angst über die Frage, auf welche Weise er ihn über die
erste Zeit einer so sehr veränderten Existenz hinwegheben sollte.
    Da liess sich auf der Treppe ein dumpfer Gesang hören; wohlbekannte Töne, bei
welchen der Polizeischreiber sonst die Achseln zuckte, die ihn aber jetzt
ärgerlich auffahren liessen. Er machte eine schnelle Bewegung gegen die Tür, um
den Riegel vorzuschieben, kam jedoch zu spät; die Tür öffnete sich, und auf der
Schwelle erschien Julius Schminkert, zerzaust und übernächtig, mit einem
lieblichen Gedüft von allerlei Spirituosen und Tabakssorten in den Kleidern und
den verwilderten Haaren.
    »Sie hätten erst anklopfen sollen, Schminkert«, brummte der Alte ärgerlich.
    »Unangemeldet tritt der Geist herein!« sprach patetisch der Schauspieler.
    »Wohl wieder einmal die ganze Nacht nicht im Bett gewesen?«
    »Richtig, edler Greis«, antwortete Julius mit beneidenswertem Gleichmut.
»Würde auch sehr schwer gehalten haben in Anbetracht der Verhältnisse. Wäre eine
recht schöne und löbliche Einrichtung, wenn die Herren vom Leihhause
gestatteten, dass man daselbst - in jenen heiligen Hallen - mit den versetzten
Sachen sein Quartier aufschlagen könnte.«
    »Julius! Julius!« rief der Schreiber; aber der Tollkopf lachte.
    »Sie reden immer von verschleuderter, verlorener Zeit, Mann der Ordnung.
Wenn ich aber einmal einige Stunden der süssen Bewusstlosigkeit des Schlafs
abgewinne, ist's Ihnen wieder nicht recht. O ihr Moralisten, was soll man mit
euch anfangen? Übrigens habe ich Ihnen etwas mitzuteilen, würdiges Haupt. Eine
Neuigkeit, eine schicksalhafte Neuigkeit will ich austauschen gegen eine Tasse
Ihres mokkaähnlichen Gebräus, edler Römer. Gilt's?«
    »Sie dauern mich, Julius. Es soll gelten - was haben Sie zu sagen?«
    Schminkert warf einen Seitenblick auf Robert Wolf, griff nach dem Kaffeetopf
und sprach:
    »Die schöne Waldfee - Fräulein Eva Dornblut - oh, noch etwas Zucker, wenn
ich bitten darf - hat die Welt, die Stadt und eine hochlöbliche Teaterintendanz
hinters Licht geführt. Sie ist - durchgebrannt.«
    Der Schreiber liess die Arme sinken. Robert Wolf, der bis jetzt teilnahmlos
das Gesicht abgewendet hatte, sprang mit einem Schrei empor, starrte den
liederlichen Julius einen Augenblick an und fasste dann mit eisernem Griff die
Schulter desselben.
    »Noch einmal! Was sagten Sie?«
    Julius Schminkert befreite seine schmerzende Schulter von der kräftigen
Hand.
    »Donnerwetter! Los die Pfote, rötlicher junger Kymmerier. Ich will euch
alles sagen; gebt mir aber erst eine Zigarre, ehrwürdigstes
Überwachungsinstitut.«
    Fiebiger deutete kraftlos auf die Zigarrenkiste im Bücherbrett; Schminkert
fühlte sich als Mann der Ereignisse und benutzte das Übergewicht, welches ihm
seine Nachricht verlieh. Er machte es sich bequem in dem Sessel des
Polizeischreibers, setzte den erlangten Glimmstengel in Brand, stiess einige
behagliche Seufzer aus und gab den Bericht, dem die beiden andern mit
krampfhafter Aufregung entgegensahn, so langsam als möglich von sich:
    »Im trauten Freundeskreise hatte ich einen Teil der Nacht verbracht. Auch
einige Freundinnen verschönten den Kranz als himmlische Blüten; reizende
Jungfrauen - Priesterinnen der Sonne, Hofdamen aller Höfe der bekannten und
unbekannten Welt, Nymphen, Elfinnen, Göttinnen. O Angelika, du warst nicht
zugegen! Wäre nur das Getränk nicht so verteufelt billig gewesen! 's ist eine
Schande; je grösser der Genius, desto erbärmlicher gewöhnlich der Spiritus, durch
welchen die heilige Flamme entzündet und genährt wird!«
    »Ich bitte Sie um alles in der Welt, Schminkert; seien Sie verständig, seien
Sie barmherzig, kommen Sie zur Sache!« rief der Schreiber in halber
Verzweiflung.
    »Bin ich nicht dabei?« fragte der Erzähler würdevoll. »Unterbrechen Sie mich
nur nicht, altes Haus, und Sie werden allgemach eine vollkommen klare Einsicht
in die Dinge gewinnen. Gut; wir haben einen Punsch angesetzt, und allgemeine
Heiterkeit ist die Losung. Mit Rosen
Ist jede Stirn bekränzt, aten'scher Geist
Und heitrer Witz verschönt die schönsten Augen.
Ein wahres Symposion, meine Herren! Aristophanes, Sokrates, Xenophon, Aspasia,
Lais, Diotima, Griechen und Griechinnen, Griechenlands edelste Geister waren
zugegen. O Angelika Stibbe, du warst nicht da; auf weichem Pfühl der Nacht
wiegtest du die zarten Glieder, o Angelika! Hellenisch ist der Punsch,
hellenisch die Stimmung; da erscheint ein Mann aus späterer Zeit,
Maecenas-Schwebemeier, ein Regenschirmfabrikant, jetzt Rentier und Hausbesitzer
- schöne Seele - ausgezeichnet guter Magen - anerkennungswertes Vermögen.
Trarararabumbum!«
    Nachdem der Nachtschwärmer so weit gekommen war, brach er ab, blickte eine
geraume Zeit wehmütig in den leeren Kaffeetopf und sagte dann:
    »In seinem Hause wohnt - wohnte die schöne Eva. Drittes Stockwerk.«
    »Weiter! weiter!« rief der Schreiber.
    »Hinter den Kulissen heisst unsere Gesellschaft; ihr Versammlungsort ist in
der Weissen Lilie. Wir empfangen den Mäzen in der Lilie hinter den Kulissen mit
Wonne und Jubel, und die jungen Damen gehen ihm mit Grazie um den Backenbart.
Schwebemeier muss eine frische Bowle stellen, Schwebemeier stellt die Bowle; von
neuem flammt das heilige Feuer auf, das Kapital hat untergeheizt. Wir trinken,
wir singen, wir tanzen, und der holde Wahnsinn hält jedermann und jedes Fräulein
mit Rosenketten gefangen. Auch die Möbeln fangen an, an unserer Lust
teilzunehmen. Zweimal steckt die hochlöbliche Polizei mit der Visage eines Ihrer
bärtigen Myrmidonen, teurer Greis, ihr warnendes Medusenhaupt in die Tür und
schnüffelt in die Lilie. Wir lassen uns aber nicht versteinern; wir lachen der
Polizei unter die Nase. Wir kennen die Herren von der Sicherheitsbehörde, nicht
wahr, Alterchen?«
    Der Erzähler machte abermals eine Kunstpause. Der Schreiber lief hin und
her.
    »Das ist unerträglich!« schrie er. »Julius, bei meinem Zorn -«
    Sehr unvermutet und plötzlich hatte sich Julius aber an den atemlosen,
zähnknirschenden Robert gewandt, mit der dringend ausgesprochenen Warnung:
    »Jüngling, opfere den Grazien, es gibt sonst Augenblicke in deinem Leben,
Augenblicke, wo sich vor deinen Augen und im Innersten deiner Seele alles dreht;
wo du nicht gewiss bist, ob du auf dem Stuhle sitzest oder ob dein Stuhl auf dir
Platz genommen hat; Augenblicke, in welchen es dir zweifelhaft ist, ob du die
Götter verlassen hast oder ob die Götter dich aufgegeben haben, Augenblicke, in
welchen du dich an allem halten willst, aber mit Schrecken merkst, dass alle
andern Gegenstände ebenso schwankend sind wie du selber. Hüte dich, Jüngling,
und achte das Wort eines erfahrenen Mannes; die Erde dreht sich, aber der Mensch
dreht sich auch manchmal. Oh, wie betrunken war Maecenas atavis! Was war aus den
Damen geworden! Wir brechen auf, und wer allzu unselbständig geworden ist,
bleibt und deckt den Walplatz schnarchend mit seinem Leibe. Wir aber, in denen
das göttliche Licht der Vernunft nie ganz erlischt, stellen uns fest auf unsern
Beinen, fassen den Bonhomme Schwebemeier unter die Arme und bringen - die Damen
nach Haus. Wer den ersten überwältigenden Eindruck der frischen Nachtluft
übersteht, ist gerettet aus den Banden der Unterirdischen; wir überstehen ihn
alle und finden unsern Weg durch Sturm und Regen. Das bejammernswerteste Bild
menschlicher Hinfälligkeit bietet Maecenas dar. Anfangs bezeigt er einige Lust,
eine Laterne einzuwerfen, kann sich jedoch trotz aller moralischen Ermutigung,
die ihm unsererseits zuteil wird, nicht auf die Höhe solch einer männlichen Tat
erheben. Dagegen tritt bei ihm das Stadium unzurechnungsfähiger Krakeelsucht
ein; aber noch ehe sich dasselbe unangenehm entwickeln kann, packt ihn die
Reaktion mit kalter Faust - der Rentier wird weich! Meine Herren, ein
betrunkener Hausbesitzer, der sich mit dem Teater, mit der Kunst in Verbindung
gebracht hat und weich wird, ist ein merkwürdiges Schauspiel. Schwebemeier edite
regibus zerfliesst in Tränen, er beruft die Manen seines verstorbenen Weibes und
beschwört die erregten Gefühle seiner gegenwärtigen Ehehälfte; er heult in allen
Tonarten über die eigene Schlechtigkeit, Unsolidität, Immoralität; er macht den
ihn geleitenden Damen vielen Spass. Aber die Damen werden nach Hause gebracht;
die übrigen Herren der heitern Gesellschaft verlieren sich gleichfalls in der
Nacht oder vielmehr in dem grauenden Morgen; - dem gutmütigen Julius liegt der
zerfliessende Partikulier zuletzt allein auf den Schultern; - meine Herren,
sollten Sie es für möglich halten, dass es mir selbst jetzt in solchem Augenblick
unmöglich war, der zugeknöpften Hartnäckigkeit des Philisters ein kleines
Darlehn auf die beste Sicherheit zu entlocken? Sollte man nicht an der Welt
verzweifeln, wenn dem fühlenden Manne der brutale Instinkt dieser Tiermenschen
selbst in den rührendsten Augenblicken entgegenfletscht? Ich schleppe den
Regenschirmfabrikanten wie weiland Atlas die Welt; wir langen nach Überwindung
übermenschlicher Schwierigkeiten vor der Tür des Mannes in der Lilienstrasse
Nummer zwölf an und finden sie offen. Es ist vollständig Dämmerung, und die
ersten Spuren wiederkehrender Menschenwürde werden an dem Rentier sichtbar. Er
findet es unerklärlich, als er seine Halsbinde nicht mehr findet, und bedenkt
nicht, dass er sich mehrmals in den Kanal stürzen wollte und jedesmal an der
Krawatte zurückgehalten wurde. Ich schiebe ihn die Stufen seiner Haustür hinauf,
und auf der Hausflur erschreckt uns eine Gespenstererscheinung. Beleuchtet vom
Schein einer Küchenlampe, taucht dicht vor uns eine Person auf - die Erd' hat
Blasen, wie das Meer sie hat -, eine Person, welche in sich alle Reize der drei
Macbetschen Hexen vereinigt. Schwebemeiers Gattin ist's, und die Grässlichkeit
der Erscheinung ernüchtert den Gemahl sofort vollständig und macht auch auf mich
trotz meiner männlichen Gelassenheit einen überwältigenden Eindruck. Sie stürzt
sich auf uns, und der holde Strom ihrer Rede überfliesst uns, alle Dämme der
Rhetorik durchbrechend; schreckensbleich ducken wir die Köpfe, als sie zufasst
und den Mann ihres Herzens beim Kragen nimmt. Ich wich ihr denn auch, aber erst
nachdem ich aus ihrem höllischen Gezeter noch entnommen hatte, was ich euch
entgegenrief, ihr Herren: Fräulein Eva Dornblut, der Stern des Waldes, die Fee
aus der Wildnis, das grosse und schöne Rätsel der Stadt, hat in dieser ewig
denkwürdigen Nacht in der Begleitung und unter dem Schutze eines hochgewachsenen
Herrn mit rotblondem Backenbart ihre Wohnung und das Haus des Partikulier
Schwebemeier verlassen und sich in einem himmelblauen, sterngestickten
Zauberschleier den Augen der trauernden Menschheit entzogen; - warum, wozu und
wofür, habe ich noch nicht erfahren können, doch
Im schnellen Fluge folgen sich die Stunden,
Der Tag ist da, die Wahrheit wird gefunden.« -
Robert Wolf knöpfte seinen Rock zu und sah sich nach seiner Mütze um, als wolle
er auf der Stelle der flüchtigen Geliebten nachlaufen. Der Polizeischreiber aber
hatte ein scharfes Auge auf ihn, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür und
rief im Innern alle Götter an, flehend, das Vernommene möge Wahrheit sein. Als
der Knabe aus dem Walde die Hand auf den Türgriff legte, legte er seine Hand auf
die des Knaben und rief mit spöttischem Lachen:
    »Wohin willst du, mein Sohn? Willst du dich noch einmal von der Dame
auslachen lassen? Ich dächte, jeder ordentliche Mann hätte an einem Male genug.«
    Der Jüngling liess unter der kalten Hand des Alten den Türgriff los und
schlich zu seinem Stuhl zurück. Ein Männertritt liess sich auf der Treppe
vernehmen; Ludwig Tellering trat ein. Er trug den Brief in der Hand, welchen
Friedrich Wolf in der vergangenen Nacht seinem Vater gegeben hatte. An die
Überreichung desselben knüpfte er zugleich die Bitte, der Herr Polizeischreiber
möge ihm - Ludwig Tellering - einen Atlas und ein Geographiebuch mit »recht viel
über Italien, Paris und Amerika drin« leihen. Er erhielt das Verlangte und
empfahl sich mit höflichem Grusse, um den ganzen Sonntag über eifrig sich dem
Studium der Länder zu widmen, der Länder, nach welchen Marie Heil gegangen war.
    Zweifelnd wog der Polizeischreiber das versiegelte Schreiben in der Hand,
dann bat er in so ernstlicher Weise den gutmütigen Julius, sich zu packen, dass
dieser der Bitte doch endlich nachkam. Nun erbrach der Alte den Brief; ein
kleines Billett, gerichtet an Robert Wolf, fiel heraus; der Schreiber behielt es
fürs erste noch in der Hand und vertiefte sich ganz und gar in die Lektüre des
an ihn selbst gerichteten Briefes:
    Das Schreiben lautete:
»Geehrter Herr!
    Die Geschicke der Menschen, welche weit voneinander ihre Bahnen geführt
werden, können sich kreuzen, und Verpflichtungen können entstehen, während die
Beteiligten körperlich vielleicht niemals sich nahe treten. Der letztere Fall
ist zwischen uns beiden eingetreten, und der Bruder Robert Wolfs weiss nicht, wie
er seinen Dank aussprechen soll für das, was Sie an jenem armen Knaben getan
haben. Ich habe alles erkundet, was die Geschichte meines Bruders betrifft; ich
bin ihm in den letzten Tagen näher gewesen, als er sich träumen liess. Ich habe
überlegt und bin zu der Gewissheit gekommen, dass ich nicht vor ihm und somit auch
nicht vor Ihnen, teurer Mann, erscheinen darf. Der Knabe wird mich für den
Zerstörer seines Glücks, für seinen Feind ansehen; ich will ihm ersparen, dass er
einst die Stunde eines unzeitgemässen Wiedersehens verwünsche. Die Jahre werden
ihn beruhigen und ihm alles das, was er jetzt durch solch ein hässliches Medium
sieht, in dem wahren Lichte zeigen; dann wird der Bruder dem Bruder freudig die
Arme öffnen können. Eva Dornblut, meine Braut, die unschuldige Ursache seines
Schmerzes, führe ich mit mir fort, sie gehört mir an und wird nicht mehr dem
armen Robert in den Weg treten. Auch sie sagt Ihnen ihren tiefgefühltesten Dank
und küsst Ihnen die Hand, die Sie so barmherzig, so schutzreich über Robert Wolf
ausgestreckt haben. Wenn Sie, geehrter Herr, diesen Brief durch den Meister
Tellering empfangen, sind wir weit von hier entfernt; wir werden den Winter in
Italien zubringen und im Frühling die See kreuzen. Von New Orleans werde ich
Ihnen weitere Mitteilungen machen.
    Ich habe vernommen, dass mein Bruder Fähigkeiten gezeigt und Kenntnisse
erworben hat, ich will das Meinige dazu tun, dass ihm in Zukunft alle Wege zu
letzteren offenstehen sollen. Nach hiesigen Begriffen bin ich ein reicher Mann;
aber wie arm fühle ich mich, wenn ich bedenke, was Sie einem unglücklichen
fremden Knaben, was Sie meinem Bruder geben! Einige Wechsel auf das Haus Wienand
schliesse ich bei und bitte, die Summen zur Erziehung und Ausbildung Roberts nach
Belieben und bester Einsicht zu verwenden.
    Eva schreibt einige Worte an Robert; ich kann mir sehr lebendig vorstellen,
wie der Knabe den Brief der Armen behandeln wird.
    Leben Sie wohl; Sie sollen immer einen dankbaren treuen Freund finden an
                                           Frederic Warner, alias Friedrich Wolf
                                                aus Poppenhagen im Winzelwalde.«
Der Polizeischreiber Fritz Fiebiger nickte fünf Minuten lang mit dem Kopf; dann
schloss er vorsichtig die Wechsel in seinen Schreibtisch. Dann nickte er wieder
fünf Minuten hindurch mit dem Kopf, stopfte eine Pfeife, zündete sie an,
betrachtete das Billett Eva Dornbluts, betrachtete den brütenden Robert Wolf
und sagte zuletzt:
    »Dein Bruder Fritz hat mir soeben geschrieben. Hast du gewusst, dass Fräulein
Eva Dornblut und er längst Verlobte waren, als du dich in das Mädchen
verliebtest?«
    Der Knabe zitterte an allen Gliedern und stammelte einige ziemlich
unverständliche Worte.
    »Sprich deutlich«, sagte der Schreiber.
    »Ich habe es ihr nie geglaubt; sie waren ja noch Kinder, als sie
zusammenlebten«, flüsterte Robert.
    Der Schreiber zuckte komisch die Achseln:
    »Und was bist du denn eigentlich, mein Junge - wenn ich fragen darf? Hier,
da hast du einen Brief von der Dame; ich hoffe, du beträgst dich anständig und
vernünftig.«
    Robert Wolf griff nach dem Billett; aber schon als er die hastige und doch
zierliche Handschrift erblickte, betrug er sich nicht anständig und vernünftig.
Mit zitternder Hand zerriss er den Umschlag und las. Er wurde rot und bleich und
murmelte zwischen den Zähnen: »Mein Bruder - sie - unschuldig - Freundschaft -
Fluch ihnen!«
    Er zerriss wirklich den Abschiedsbrief Eva Dornbluts! Er weinte aber nicht
mehr; - jetzt war er das unbestrittene Eigentum des Polizeischreibers Friedrich
Fiebiger geworden; auf wie lange, das war freilich eine andere Frage. Pique-Dame
war aus dem Spiel; aber es gibt noch mehr Kronenträgerinnen zwischen den Karten;
glücklich diejenigen, welchen Herz-Dame herausfällt und welche damit das Spiel
gewinnen!
 
                              Dreizehntes Kapitel
           Blick über die Dächer. Veränderte Aussichten und Ansichten
Die verehrlichen Leser werden gebeten, sich den Erzähler vorzustellen, wie er
steht, seine Historie gleich einer Frucht in der Hand hält, wie er mit
bedenklicher Miene sich abmüht, den Kern aus der Schale zu lösen, und sehr in
Sorgen ist über die inhaltvolle Frage: Was wird man dazu sagen?
    Da gibt es Leute, die haben sehr scharfe Zähne und gebrauchen sie mit Lust,
und Leute gibt's, welche gar keine Zähne haben. Wieder gibt es Leute, welche
sehr leicht »lange« Zähne bekommen, und Leute, welche an hohlen leiden. Zähne
»wie Perlen« sollen ziemlich selten geworden sein in der Welt, und falsche Zähne
sollen im Überfluss vorhanden sein. Letzteres behaupten die bösen Zungen, und das
kann dem Erzähler in einer Hinsicht angenehm sein; denn es bringt ihn auf diese
nützlichen Glieder selber. O was für Zungen es in der Welt gibt! Spitze,
scharfe, stumpfe, laute, leise, süsse, bittere, silberne, biedere, giftige,
wohlmeinende, falsche, ehrliche, glatte: - und für so viele und vielgeartete
Zungen nur eine Frucht!
    Das Amt eines Geschichtenerzählers ist viel schwerer, als sich die Leute
meistens vorstellen, und am Ende kann der beste nicht mehr tun, als seinen Apfel
schälen und sprechen: Da, nehmt, oder lasst's bleiben. Kern oder Schale, wie es
euch beliebt. Haltet euch lobend an das eine oder tadelnd an das andere; oder
lobt und tadelt beides oder keines von beiden. Unsereiner muss auch in manchen
sauern Apfel beissen, und ihr Leute, die ihr euch über irgendein Buch ärgert,
wisst gar nicht, wie glücklich ihr seid, dass ihr es nicht zu schreiben brauchtet.
Aber - »Seht nach den Sternen, seht nach euern Sternen!« sagte der alte
Sterngucker auf seinem hohen Giebel, wenn die Leute, welche das Glück hatten,
ihn zu kennen, vor irgendeiner harten Nuss des Lebens sich scheuten, vor
irgendeinem steilen Berge, über welchen ihr Weg führte, zaudernd und bedenklich
standen.
    »Sieh nach den Sternen, Knabe!« sprach er auch zu Robert Wolf, als der
Polizeischreiber Fiebiger den Knaben zu dem wunderlichen Greise führte und
dieser dem jungen Landsmann aus Poppenhagen lange in die Augen geblickt hatte.
Die beiden Herren schickten dann den Knaben nach Hause, und der Schreiber fragte
seinen Freund:
    »Nun, Heinrich, was hast du in diesem Gesichte gelesen?«
    »Es ist ein gutes Gesicht«, lautete die Antwort. »Intelligente Stirn und
Augen, ziemlich charaktervolle Nase, etwas zuviel Weichheit um den Mund - alles
in allem aber ein befriedigendes Gesicht! Ich will dir helfen, den Jungen zu
erziehen, Fritz.«
    »Dank dir - sit saluti!« sagte der Schreiber, den Seufzer, womit der
Gelehrte seine letzten Worte begleitete, gern überhörend.
    Dieses Gespräch fand am frühen Morgen des Montags statt, und man sah bald
darauf den Polizeischreiber im kurzen Trabe durch die Gassen seinem Büro
zueilen. Der Abend erst fand die drei Alten aus dem Winzelwalde bei dem
Astronomen zusammen, und jetzt wurde Robert Wolf auch dem Freifräulein von
Poppen vorgestellt. Die ganze Stadt hatte von dem Entweichen Eva Dornbluts und
dem Verschwinden des jungen, reichen, interessanten Amerikaners gehört; Bescheid
darum wussten aber nur diese vier. Das Himmelsgewölbe war auch heute durch Wolken
verhangen und kein Stern sichtbar. So sassen denn die Alten wiederum in den
hochlehnigen Sesseln um den Eichentisch, und Robert Wolf lauschte staunend im
Winkel. Er vernahm das dumpfe Brausen der grossen Stadt fast wie das Brausen
seines Heimatswaldes; aber solche Stimmen, solche Worte hatte er im Walde nicht
vernommen. Noch lange Zeit musste es dauern, ehe der Knabe vollständig begriff,
wer diese Lehrer waren, was sie ihm waren. Noch hielt auch die krankhafte
Abspannung aller Körper- und Geisteskräfte bei ihm an und liess ihn auch an
diesem Abend in dem Halbschlummer äusserster Erschöpfung, in welcher man das Wort
der Redenden nur unbestimmt, wie aus weiter Ferne vernimmt, versinken. Einmal
fühlte er, wie jemand sich über ihn beugte und sagte: »Er schläft!«
    Dann schlief er wirklich, und Ulex sagte:
    »Da haben wir, die Entsagenden, nun diesen Jungen im Winkel! Wir haben ihn
aufgenommen in unsere Mitte und mit ihm vielleicht viel Unruhe und Sorge,
jedenfalls aber eine schwere Verantwortlichkeit. Was sollen wir mit ihm
anfangen? Was können die Entsagenden dem Knaben, der noch an der Schwelle des
Lebens steht, geben? Dürfen wir ihm das Dasein zeigen, wie wir Grauköpfe es
auffassen? Der Spruch der Kartäuser: In Schweigen und Hoffen soll eure Stärke
sein, ist wohl gut für die einen; aber Fiebiger mag recht haben, wenn er meint,
es sei ein Verrat an der Welt, ihn jemand aufzudringen. Haben wir nicht selbst
an uns erfahren, wie die Weisheit der Einsamkeit nur von selber kommt, gleich
einer Erleuchtung, gleich einer Offenbarung!«
    »Es ist immer schlimm, einen jungen Geist herabzudrücken«, sprach das
Freifräulein. »Wir dürfen es in keiner Weise tun; die Entsagung wird auch schon
früh genug von selbst kommen.«
    »Sie trägt schwere Nagelschuhe«, meinte der Schreiber, welcher gar nicht
entsagend aussah. »Ihr Schritt ist weit hörbar. Es ist sogar unsere Pflicht, der
heranmarschierenden - wollt ich sagen, der nahenden Göttin den heitern Schild
des lebendigen Lebens entgegenzuhalten und unsern Schützling dort in der Ecke
damit zu decken, bis er selbst den Schild halten und tragen kann. Es steht dann
in seinem Belieben, ihn niederzulegen, wann er will; eine polizeiliche Erlaubnis
ist nicht nötig dazu.« -
    So war nun der grosse Umschwung in dem Leben Roberts eingetreten; aber es
dauerte eine geraume Zeit, ehe der Schützling der drei Alten am Morgen, beim
Erwachen, auf der Stelle sich klar war, wo er sich befand und was mit ihm
vorgegangen war. In der ersten Zeit seines Lebens in der Stadt erwachte er
gewöhnlich aus einem unruhigen Schlummer, in welchem ihm der Traum die Bilder
und Szenen des Daseins, das hinter ihm lag, magisch vorgaukelte, bald treu
kopierend, bald wild und phantastisch durcheinanderwerfend und verwirrend. Da
glaubte er den Wald und den Dorfbach vor seinem Fenster rauschen zu hören, er
sah den Pastor Tanne mit dem Spitz Fidel den Morgengang durch den betaueten
Garten und um das eben erwachende Dorf machen. Er hörte das dumpfe Gebrüll des
Viehs, das sich aus den Ställen nach der grünen Weide sehnte. Im goldenen Glanz
des Sonnenaufgangs leuchteten die Berge, und in den Sonnenaufgang hinein klang
eine klare, liebliche, volle Stimme, und eine lichte Gestalt glitt durch den
grünen Grasgarten unter den blütenvollen Kirschenbäumen umher. Eva Dornblut zog
die tauperlenden Blütenzweige nieder und schüttelte sie, dass die funkelnden
Tropfen wie Diamantenschauer ihr über die schwarzen Locken rollten. Vor Lust
zitterten die Zweige, und jeder Baum winkte dem schönen Mädchen, ihr seinen
blitzenden Schmuck darbietend. Nun trat der Kuhhirt des Dorfes an die
Gartenhecke, setzte das Horn an den Mund, und der unruhige Schläfer in der
Musikantengasse erwachte, weil er das gewohnte Getön - nicht vernahm.
    Ein anderer Traum brachte andere Bilder. Da spielte die Abendsonne im
Studierstübchen des Pfarrhauses über die Bücherbretter; es hatte sich eine Wespe
in das Gemach verloren und füllte es mit dumpfem Gesumm. Robert sass am Tisch des
Pfarrers und folgte dem Tier mit den Augen hierhin und dahin, wie es seinen Flug
nahm. Er musste ihm folgen mit peinlichster Aufmerksamkeit; er durfte den Blick
nicht abwenden von dem Tier; - hierhin, dahin schoss es, jetzt in das Dunkel der
Winkel und Ecken, jetzt flimmernd in den Strahl der Abendsonne. Es war eine
qualvolle Jagd, und das Summen ward immer lauter und dröhnender; immer mehr
vergrösserte sich das fliegende Insekt und nahm allerlei Gestalten an, ewig
wechselnde. Unheimlich und hässlich waren diese Gestalten, solange das Tier im
Dunkel flog, lieblich und leuchtend, wenn es durch den Sonnenstrahl schoss,
welcher in das Fenster fiel. Es trug auch wohl ein menschliches Haupt, bald
unbeschreiblich schön wie das Evas, bald über alle Massen fratzenhaft. In immer
engern Kreisen umzog es den Wolf vom Eulenbruch, das Sausen seiner Flügel klang
wie der lauteste Sturmwind; der angstgepeinigte Träumer erwachte nur, wenn er im
Augenblick der höchsten Bedrängung das vor ihm liegende Lexikon des Pastors
Tanne nach dem gespenstischen Tier warf.
    Nun richtete sich Robert Wolf von seinem Lager empor und sah sich verstört
in der fremden Umgebung um. Verschwunden war der Traum von der Heimat mit allen
Einzelheiten. Der alte, greise, gute Pastor war fortgegangen, fort aus dem
blühenden Pfarrgarten, aus dem erwachenden Walddorfe; er hatte die lange Pfeife
in den Winkel neben seinem Schreibtische gestellt; so früh am Morgen war er
wieder schlafen gegangen - schlafen gegangen auf dem kleinen bebuschten, grünen,
hügeligen Plätzchen neben der Kirche. Unter den andern Hügeln und schwarzen
Kreuzen war das letzte Bett des Pastors Tanne gemacht worden, und mit goldenen
Buchstaben verkündete eine Tafel des trefflichen Alten Namen, Geburtstag und
Todesstunde. Der weisse Spitz war toll geworden und erschossen in der Dorfgasse;
- die schöne wilde Mädchengestalt lehnte nicht mehr unter dem Eschenbaum an der
Hecke; Eva Dornbluts Stimme erklang nicht mehr in dem sonnigen Grasgarten
hinter den blühenden Bäumen, hinter den Stachelbeerbüschen. Die Tautropfen
hatten sich in Diamanten verwandelt, verloren hatte sich Eva Dornblut in dem
grossen Walde, in der schrecklichen, geheimnisvollen Ferne und Fremde. Aber auch
das summende geflügelte Tier, die Wespe, war verschwunden mit dem Erwachen.
Robert Wolf rieb die Augen und warf einen Blick auf die grauen Brandmauern vor
seinem Fenster, auf die schmutzigen, regennassen oder beschneiten Dächer, die
qualmenden Schornsteine und Kaminröhren, welche den Dunst vermehrten und sich in
ihm, in der Ferne, schattenhaft verloren. Der Qualm der Steinkohlen, der
verschiedenartigen Gase füllte die Brust des Knaben, wenn er das verquollene
Fenster mit Mühe geöffnet hatte. Und unter dem grauen Schleier rauschte und
knarrte, pochte und kreischte und rollte das grosse Leben der Stadt, so fremd, so
beängstigend, so erdrückend, dass Robert unwillkürlich nach der Kehle griff,
gleich einem Erstickenden. Nun richtete sich aber sein Blick auf einen von den
vielen Giebeln, und von dorter kam ihm der erste Trost, der erste Anhalt in
dieser schwindelerregenden fremden Welt. In jenem Giebel schlief Ulex, der
Sternseher, seinen langen Morgenschlaf nach ernst durchwachter Nacht. Und ein
noch höheres Gefühl von Sicherheit und Dankbarkeit regte sich in der Brust des
Knaben, wenn nebenan im Gemache der alte Beschützer Friedrich Fiebiger sich
rührte, hustete, grunzte und nieste und ein grosses Wassergeplätscher machte. Es
verklang der Schmerz, den die Nacht noch immer wachrief, in dem neuen Leben,
welches jeder neue Tag brachte.
    Jetzt erschien Ludwig Tellering trotz der Kälte in Hemdsärmeln vor der Tür
der Hofwohnung und rief dem Jüngling einen fröhlichen Morgengruss hinauf. Hell
klang hinter den dunkeln Fenstern Luise Tellerings hübsche Stimme, und der
Hammer des Alten begleitete das Lied ganz taktmässig. Mit der Tischlerfamilie
stand Robert bald auf sehr freundschaftlichem Fusse. Er besass eine natürliche
Anlage für das Schreinerhandwerk, hantierte gern mit Hobel und Säge, und
Fiebiger legte dem nicht nur kein Hindernis in den Weg, sondern begünstigte es
sogar sehr; denn er wusste recht gut, welch eine treffliche Panazee körperliche
Arbeit und Anstrengung gegen alle Seelenkrankheiten sei. Manchen guten Handgriff
lernte Robert Wolf von Ludwig Tellering, und grosse Fortschritte machte letzterer
mit Hülfe Roberts in der Geographie von Europa und Amerika.
    Aber es wohnten noch andere Leute in dem Hause Nummer zwölf in der
Musikantengasse. Da erwachte der Hausherr, der beschauliche Herr Mäuseler,
fütterte seinen Dompfaffen, stäubte das Bildnis seiner Seligen mit dem
Federwedel ab und durchschlurfte in Filzpantoffeln das Haus, überall auf den
Treppenabsätzen sein dummes breites Gesicht zeigend. Fräulein Aurora Pogge
machte an dem jungen Tage mit den Rosenfingern den ersten Angriff auf die Augen
ihrer Magd Hulda; die vornehme Angorakatze machte den ersten Buckel und zeigte
sich unzufrieden mit dem Frühstück. Im Atelier des Monsieur Alphonse Stibbe
regte es sich; der Lehrling erhielt seine erste Ohrfeige von dem Maître und
seine ersten Fusstritte von den Herren Gehülfen. Sein Geheul klang melodisch in
den Morgentraum Fräulein Angelikas. Am längsten schliefen im Hause Nummer zwölf
der Musikantengasse jedenfalls Angelika Stibbe, die holdanlächelnde Jungfrau,
und Herr Julius Schminkert, der treffliche, biedere und bescheidene Jüngling.
Die Welt verlor dadurch nichts, und so mochten sie schlafen, solange sie
wollten; wenn Julius dann mit heiserer Stimme den Morgen ansang und kläglich
sein Geborensein und Dasein bejammerte, so kümmerte sich die Welt auch nicht im
mindesten darum.
    Aus dichten Rauchwolken hervor gab Fiebiger, der Mann der Polizei, seinem
Schützling Anleitung zur Bereitung des trefflichen Kaffees und andere gute und
nützliche Lehren. Immer tiefer weihte er ihn in die Geheimnisse seines
Lebensgrundsatzes: Gib acht auf die Gassen, ein, im Gegensatz oder vielmehr zur
Ergänzung des Axioms des alten Ulex: Sieh nach den Sternen.
    Solange der Polizeischreiber und Robert zusammen waren, war von Büchern
nicht die Rede. In die Musikantengasse hinab, nach den gegenüberliegenden
Häusern blickten die beiden, und der Mann der öffentlichen Sicherheit wusste von
Amts wegen von manchen Dingen Bescheid, die andern Menschen verborgen blieben.
Er sah Individuen und Verhältnisse mit scharfen Augen, und manche Maske, unter
welcher sich der Träger oder die Trägerin sehr sicher und behaglich fühlten,
fiel vor dem Blick des Polizeischreibers. So konnte er in dem Gewühl, welches
bunt vor den Augen Robert Wolfs vorüberzog, andeuten, aussondern und
zusammenfassen und, wie kein anderer, dem Jüngling ein Bild des Lebens, wie es
ist, geben. Da schwand mancher Glanz, welcher den Unerfahrenen wohl blenden
konnte; da fing aber auch das Dunkle an, zu leuchten und einen hellen Schein zu
geben. Das eine verlor, das andere gewann; Gegensätze glichen sich aus; was
durch unendliche Fernen für immer getrennt schien, griff ineinander zu Gutem und
Bösem; der Mann in Purpur und köstlicher Leinwand musste nach der harten, mit
Schwielen bedeckten Hand fassen, um sich aufrechtzuerhalten im Gewühl. Die Räder
des eleganten Wagens, der in weichen seidenen Kissen die schöne vornehme Dame
trug, drehten sich lange nicht schnell genug, um den Schmerz, den Kummer, die
herzzerfressende Sorge hinter sich zu lassen. Je mehr das Menschenkind von den
beglückenden Schleiern Fortunas umhüllt erschien, desto dunklere Hände griffen
von allen Seiten nach den schützenden Hüllen, um sie herabzureissen und die arme
Seele nackt, frierend und zitternd in das allgemeine Menschenlos zu ziehen. Wie
die Volkswogen durch die Musikantengasse rollten, löste der Lehrer sie auf in
ihre einzelnen Tropfen und zeigte, wie die Welt sich in jedem auf eine andere
Art spiegele. Aber nicht im pedantischen Lehrerton gab er seine Weisheit kund.
Dazu war er allzusehr Humorist und sah mit zwinkernden Augen in das
Durcheinander, den Gestaltungsprozess der Gesellschaft. Er warf sein Netz aus wie
Petrus der Fischer und zog es hervor voll von Geschöpfen aller Art; er freute
sich über das Gekrabbel und Gekribbel und liess der Molluske, dem Dintenfisch und
Krebs wie dem Hecht, dem Karpfen und der Forelle ihr Recht.
    »Merke dir das, mein Junge«, sagte er, »erlaubt muss Dorern sein, dorisch zu
sein, und Jonern ionisch; und nichts ist oft einem Tölpel ähnlicher als ein sehr
gelehrter Mann. Mauerer und Zimmerleute werden sich in alle Ewigkeit hassen und
grosse Schlachten gegeneinander führen, und das uralte Problem, alle Schuhe über
einen Leisten zu schlagen, hat noch niemand gelöst. Sehr viele Menschen gelangen
zu der Bezeichnung Ehrenmänner durch wohlfeile Redensarten, ergo lass dich nicht
verblüffen. An manchem Kerl ist nichts Gutes als sein Herz, von welchem die Welt
nichts wissen will; halte dich an einen solchen Kerl und lass die Welt die Nase
zuhalten. Es ist mehr daran gelegen, dass das Volk nach grüner Seife rieche, als
dass der und der, die und die nach französischen Parfüms und Essenzen dufte. Hüte
dich vor übergrossem Ekel; denn oft hängt nicht nur des Menschen Appetit, sondern
auch des Menschen Seele an einem Haar. Wer mit dem Teufel glücklich kämpfen
will, der stellt sich besser fest auf seine Füsse und beisst die Zähne zusammen,
als dass er sich unter den Rock des heiligsten Engels verkriecht. Es gibt viele
Leute, welche alles das, was sie selber nicht glauben, aus allerlei nützlichen
Ursachen andere glauben machen möchten; halte dich an das Wort der Königin
Christine von Schweden: Man muss sich am meisten vor lebenden Heiligen hüten. -
Die Heuchelei ist eine schöne Kunst und würdig, bis auf den Grund studiert zu
werden. Studiere sie, es gibt kaum einen grössern Genuss als die Entlarvung eines
echten Heuchlers. Da schlägt es neun Uhr; vorwärts - immer mit in der Mühle! Die
Zeit und die hohen Behörden lassen oft auf sich warten, warten selbst aber auf
niemand.«
    Damit klopfte der Gassenphilosoph seine Pfeife aus, zog den bekannten
Überrock ächzend an, nahm den Regenschirm unter den Arm und begab sich nach
seinem Büro, um in der Gesellschaft des Rats Tröster, der grossen Register und
des Wachtmeisters Greiffenberger mehr nützlich als angenehm dem Staate zu
dienen.
    Noch einige kurze Augenblicke mochte Robert den weisen Aussprüchen seines
Beschützers, die allesamt mehr oder weniger unmittelbar mit den Vorgängen oder
den Passanten der Musikantengasse zusammenhingen, nachsinnen, ehe er sich zu dem
Sternseher verfügte. Für das Glänzende der neuen Welt, in der er sich jetzt
bewegte, hatte er noch nicht den rechten Sinn; um so abschreckender erschien ihm
dagegen der Schmutz. Wahrlich, es war etwas ganz anderes um den Schnee, welcher
im Winzelwalde die Zweige der Fichten zur Erde bog, als um die unbeschreibbare
Materie, welche den Kot der Musikantengasse vermehrte; es war etwas anderes um
den Regen, welcher auf den Blättern vor den Hüttenfenstern rauschte, der die
Waldbäche anschwellte und jeden Felsensteig in einen Wasserfall verwandelte, als
um den Regen, der auf die Ziegeln niederklatschte und klopfte, und die schwarzen
Ströme, welche den Steinkohlenniederschlag von den Dächern spülten.
    Nur scheuen Schrittes wagte sich der Knabe auf den Gang; geduckt und schnell
schlich er die Treppe hinunter unter dem krächzenden Gesang des jetzt erwachten
Schminkert, angestarrt von dem Partikulier Mäuseler, furchtsam einer Begegnung
des Fräulein Pogge oder der unholden Hulda ausweichend. Scheu und geduckt trat
er hinaus in die Gasse, und geborgen fühlte er sich erst in dem dunkeln Gässchen,
welches an dem Telleringschen Fenster, an welches vor einigen Wochen die kleine
Marie klopfte, vorüberführte. Hier erwiderte er gewöhnlich im Vorbeigehen ein
freundliches Zunicken der Meisterin oder der niedlichen Luise. Erst auf der
steilen Treppe des Sternsehers hob er den Kopf völlig in die Höhe.
    Im Tagesschein verlor der Aufentaltsort des Gelehrten viel von der
Sonderbarkeit seiner Erscheinung, die er am Abend darbot; doch auch jetzt
erkannte man immer noch, dass kein gewöhnlicher Mensch hier hause. Ein stummes
Kopfnicken des Greises begrüsste den eintretenden Jüngling, welcher sich bereits
recht gut in die Art des Alten gefunden hatte und ebenso stumm sich an einem ihm
angewiesenen Platz am Tisch, in der Nähe des Fensters, niederliess. Die Bücher,
welche am Todestage des Pastors Tanne sich für Robert Wolf für ewige Zeiten
geschlossen zu haben schienen, öffneten sich ihm von neuem, und Heinrich Ulex
war ein noch besserer Lehrer als der Pfarrer von Poppenhagen. Der Sternseher
begnügte sich nicht damit, seinen Schüler in die Geheimnisse der lateinischen
und griechischen Sprache einzuweihen; er hob ihn hoch darüber hinaus in das
wundersame Reich, welches so weit über den Einzelheiten des irdischen Lebens
liegt. In den Gassen wusste der Sternseher nicht so gut Bescheid wie der
Polizeischreiber; er führte andere Register als dieser. Die Sterne ziehen
gesetzmässigere Bahnen als die armen Erdenbürger, deren irrwischartige
Lebensläufe der Schreiber in seine Folianten eintrug. In den Gassen mochte dem
Astronomen im Wege liegen, was da wollte, er trat drauf oder drein; das war
nicht so in des alten Zauberers eigenem Reiche. Es war ein leuchtender Kreis,
welchen er beherrschte, und dieser Kreis dehnte sich über alle Fernen, über Zeit
und Raum. Was die Welt an Schönem und Erhabenem besass, das war in diesem Kreise
heimatsberechtigt. Auf das trefflichste ergänzten die Lehren Heinrich Ulex' des
Sternsehers die Lehren, welche Friedrich Fiebiger der Polizeischreiber dem
Knaben aus dem Winzelwalde gab. Alles Übel in der Brust des Jünglings, welches
den Worten des einen nicht wich, wich den Worten des andern.
    »Sieh nach den Sternen«, sagte der Greis. »Da droben ist alles Harmonie und
Ordnung; nach ewigen Gesetzen wandelt jedes Glied der grossen, glänzenden
Gemeinschaft; selbst die regellosesten unter ihnen, die Kometen, ziehen ihren
vorgeschriebenen Weg. Welch ein Kontrast gegen das Getümmel hier unten! O sieh
nach den Sternen, Knabe, und wenn der dunkle Erdentag, wenn das irdische Gewölk
sie dir verbirgt, so denke an sie und vergiss nie, dass sie über allen Wolken und
Schatten, über allem Sturm und Ungewitter ruhig lächeln.«
    In unendlicher Weise benutzte der Alte dies sein unerschöpfliches Tema; in
alles verflocht er die Bilder und Lehren, welche er seiner Lieblingswissenschaft
entnahm; wer ihn hörte, musste gestehen, dass es doch etwas Schönes um den reinen
Idealismus sei; und selbst diejenigen, welche ihm am wenigsten auf seinem Wege
folgen konnten, blickten ihm mit einer gewissen scheuen und staunenden
Bewunderung nach. Gleich einer Liederweise verhallte das frühere Leben Robert
Wolfs im Anhauch solcher neuen Lebens- und Welterfahrungen. Der wilde Schmerz um
die verlorene erste Liebe löste sich in sanfte Traurigkeit auf, und - ach - auch
diese Traurigkeit verklang immer mehr. Die Gestalt Eva Dornbluts ward immer
nebelhafter in dem Herzen Robert Wolfs; selbst im Traum quälte er sich seltener
mit der Vergangenheit, selbst aus dem Traum verschwand die Gestalt und Stimme
des Mädchens. Wenn der Knabe anfangs noch die Bücher nur als ein Mittel ergriff,
um sich seinen Gedanken zu entziehen, wenn anfangs der Eifer, womit er sich
wieder in die Wissenschaften vertiefte, zum grossen Teil seinen Grund in dem
Fieber hatte, von welchem er verzehrt wurde: so änderte sich auch das noch im
Laufe des Winters. Es liegt eine eigene Macht in diesen magischen Rollen, welche
so lange unter dem Schutt der Jahrhunderte begraben lagen. Ein Hauch
überzeugendster Beruhigung kommt aus diesen Blättern, in welchen so viele und
grossartige tragische Geschicke, soviel Weisheit und Poesie, so viele Rezepte für
jedes unruhige, kämpfende Geschlecht der Menschen niedergelegt sind.
    Unter diesem Hauche und unter den inhaltvollen Worten:
Sieh nach den Sternen!
Gib acht auf die Gassen!
musste ein Geist wie der Robert Wolfs gesunden, und er gesundete auch. Doch bis
aus dem Knaben ein echter, vollkommener, starker Mann wurde, musste noch manches
andere in sein Leben eingreifen. »Ein Messer wetzet das andere und ein Mann den
andern.« Wir leben in einem grossen Gedränge; es fehlt weder an Messern noch an
Männern; wer aber vom besten Stahl ist, der kommt auch am besten weg.
 
                              Vierzehntes Kapitel
 Von einem grünen Gartenflecke, einer weissen Marmorbildsäule, einem Gartentisch
                             und einer grünen Bank
Wir haben schon mehr als einmal erwähnt, auf welchen Wirrwarr von Dächern,
Mauern, Giebeln, Blitzableitern, Brüstungen, Galerien, Feueressen und dunkeln
Höfen man südwärts aus den Hinterfenstern der Wohnung des Polizeischreibers
Fiebiger sah; von dem Giebel des Astronomen Heinrich Ulex hatte man, wiederum
südwärts, eine ähnliche Aussicht; doch waren die Dächer nicht so unregelmässig,
so alt und grau. Der Häuserhaufen, den man von hier aus betrachten konnte, war
in jüngerer Zeit aufgerichtet worden und wurde von den Bewohnern in bester
Ordnung und Reinlichkeit erhalten. Hier begann das Stadtviertel der
angeseheneren Beamten, der Grosshändler, ein ruhiges, reinliches, solides
Stadtviertel, auf welches die Regierung sich verlassen konnte und sich auch
wirklich verliess. Da ragte hier und dort Gezweig von Zierbäumen über die Mauern,
man sah sogar einen Zipfel von einem kleinen Garten, und um die Zeit, in welcher
wir unsere Geschichte wiederaufnehmen, war der Winter zu Ende, waren die Bäume
grün, blühten die Blumen in dem Garteneckchen. Die Katzen putzten sich auf den
Dächern den Bart, der Polizeischreiber Fiebiger trug Nankingbeinkleider, Julius
Schminkert trug seine hellblaue Sommerkleidung nach - dem Pfandhaus und
drapierte sich in einen abgelebten Wintermantel wie ein zynischer Philosoph. Der
Sternseher freute sich über die klaren Nächte, und die Sonne freute sich, dass
sie keine mürrischen Wolkengebilde mehr zu bekämpfen hatte. Angelika Stibbe
schwebte in Flor und Flitter, bunt wie in eine abgelegte Robe der Iris
gekleidet, einher. Fräulein Aurora Pogge ward immer grämlicher, je schöner das
Wetter wurde, sie gönnte es der Welt nicht; der Hausbesitzer Mäuseler kam nicht
aus seiner Stimmung heraus, er vegetierte fort in der gemässigten Zone seines
Daseins. Ludwig Tellering studierte mit immer höherem Eifer und Erfolg
Geographie, und es kam ein Brief aus New Orleans an die Adresse von Luise
Tellering, ein sehr unortographischer Brief, unterzeichnet Marie Heil. Der
Brief verschwand spurlos, und nur der Erzähler weiss, wer ihn aus Luisens
Nähkästchen stahl.
    Mehr als einen Sarg und manche Wiege hatten die beiden Schreiner im
Hinterhaus von Nummer zwölf der Musikantengasse angefertigt seit der Nacht, in
welcher Friedrich Wolf und Eva Dornblut die Stadt verliessen. - Frühling und
Sonnenschein! - Schwer hielt es, in dem jungen, ernsten, sinnenden Mann am
Fenster des Klostergiebels den abgehetzten jungen Wilden aus dem Walde, Robert
Wolf, wiederzuerkennen. Man sah ihm an, dass er durch seine Lehrer jetzt bereits
stärker und anders gegen die Welt gerüstet war; wie der alte Ulex sagte:
artibus, virtute, opere, armis. Männlicher war er geworden; das Auge, nach
Milton das grosse Tor der Weisheit, hatte den unruhig suchenden Schimmer
verloren; es war stet geworden, aber scharf geblieben; das sah man selbst jetzt,
wo es sinnend träumerisch auf einem Punkte der Ferne ruhte.
    Vor dem Jüngling lag der hohe Lehrmeister Virgil, der Zauberer und Dichter,
aufgeschlagen; aber der Scholar beschäftigte sich heute so wenig mit ihm, dass
der Astronom, der weiter weg, an einem andern Tische, über einem sonderbaren,
auch den Gelehrten bis dahin gänzlich unbekannt gebliebenen Buche aus der
Königlichen Bibliotek, betitelt: »Die Welt als Wille und Vorstellung«, brütete,
öfters kopfschüttelnd seine Verwunderung darüber kundgegeben hatte. Worte lieh
er freilich seiner Missbilligung nicht; denn der Greis gab der Zeit, der
Frühlingssonne ihr Recht, den Geist zu lösen aus den Banden, ihn aus der dunkeln
Nähe in die blaueste Ferne, weit über die Dächer und Mauern, weit über die
äussersten Grenzen von Stadt, Feld, Dorf, Wald, weit, weit über die Berge, weit
in die Ewigkeit hineinzuführen.
    Es will alles sein Recht haben, dachte der Weise. Das sind nicht die wahren
Menschenerzieher, welche der ungeduldigen Seele die Zügel so fest anziehen, dass
sie fort und fort gradaus nach dem Willen des Lenkers ihren Weg nehmen muss.
Wehe, wenn der Zügel reisst oder das Geschick ihn plötzlich, mitten auf dem Wege,
aus der Hand des Führers nimmt. Träume, mein Kind, träume, wandle zwischen den
Sternen, wie du sie siehst; die Erde, wie sie ist, wird dich bald genug
herabholen.
    Heinrich Ulex war unstreitig ein weiser Mann, diesmal befand er sich jedoch
in einem grossen Irrtum; die Seele Roberts wandelte augenblicklich nicht von
Stern zu Stern, die Sonne überstrahlte die Sterne viel zu mächtig - die Seele
des jungen Menschen schwebte nicht hoch über der Erde; im Gegenteil, dicht am
Boden klebte sie und erging sich zwischen dem Gebüsch der Gartenecke, die in der
Tiefe vom Giebel des Nikolaiklosters aus zu erblicken war. Wie schon gesagt, der
Jüngling hatte ein gutes Auge aus dem Walde in die Stadt mitgebracht, und es
entging ihm keine Einzelheit des grünen, von der Sonne beschienenen Fleckchens.
Da stand zwischen Holundergesträuch eine weibliche Bildsäule von weissem Marmor,
welche mit beiden Händen eine Schale, aus der Schlinggewächse herabhingen, über
das Haupt erhob. Im Schatten des Holunders, dicht neben der schönen Statue,
stand eine zierliche Bank und davor ein ebenso zierliches Tischchen. Auf der
Bank sass ein junges Mädchen, welches einen breitrandigen Strohhut neben sich
gelegt hatte und in eifriger Arbeit sich über einen Stickrahmen neigte.
    Solange der Winterschnee die Dächer und den Gartenabschnitt deckte, hatte
Robert Wolf nicht auf diesen Erdenfleck, der seine Aufmerksamkeit jetzt sosehr
in Anspruch nahm, geachtet; die Katzen, der Rauch, welcher aus den Schornsteinen
aufstieg, hatten mehr Interesse für ihn gehabt als die paar kahlen Zweige und
die mit Stroh umwickelte Puppe. Das hatte sich mit Eintritt der Tag- und
Nachtgleiche geändert. Von seinem Lexikon aufblickend, sah Robert eines Tages da
grüne Blätter und Blütenranken, wo kurz vorher nur ärmliches Gestrüpp zu
erblicken war; ein sonniges Rasenstück war unter dem Schnee verborgen gewesen,
und aus der Strohhülle hatte sich das weisse Bild der Götterschenkin Hebe
losgewunden. Über Nacht war der Frühling auch in das Steingewirr dieses Teiles
der grossen Stadt gekommen; und am Morgen kam ein zierliches Fräulein, stand in
einem Sonnenstrahl und gab einem Gärtner Anweisung, was nun weiter mit dem vom
Frühling geübten Zauberwerk anzufangen sei. Der Jüngling am Fenster des
Klostergiebels sah es stehen, achtete jedoch anfangs weniger auf das niedliche
Kind als auf das grüne Gebüsch und die Baumwipfel, an welchen die Blüten sich
öffneten. Jeden Fortschritt der Vegetation auf diesem winzigen Punkt inmitten
der grauen Einöde beobachtete er, sozusagen, gierigen Auges. Es lag ein Trost
darin, eine Art Bürgschaft dafür, dass die Welt doch noch nicht ganz zu
Mauerwerk, Schornsteinen und Feueressenqualm geworden sei. Um die Gesichtszüge
des jungen Mädchens, welches auf diesem sonnigen Fleckchen wandelte, mit blossem
Auge zu erkennen, war die Entfernung doch zu bedeutend.
    Eines Tages aber kam der Polizeischreiber sehr ärgerlich gestimmt von dem
Polizeibüro nach Hause; eine Dame, welche von einer Nachbarin in ihren
heiligsten Gefühlen beleidigt war und welche an der Menschheit verzweifelte,
hatte auch den Protokollführer beinahe zur Verzweiflung gebracht. Er hielt
während des Mittagsmahls seinem Zögling eine donnernde Philippika gegen die
Weiber, zog zur Verdauung Göckingks Gedichte aus seiner Bibliotek und trug dem
gleichgestimmten Robert den beherzigungswerten Vers:
Jüngling, hüte dein Herz und dünke gegen die Schönheit
Nie dich weise genug, nimmer dich stärker als sie -
nebst polizeilich angehauchtem Kommentar daraus vor. An demselben Tage richtete
Robert in Abwesenheit des alten Ulex eins der Fernröhre des Astronomen auf den
Gartenfleck, die Marmorbildsäule, die Laube und die junge Dame und erkannte nun
das Gesicht wieder, welches an jenem Abend, wo er, von dem Wagenrade
niedergeworfen, auf der kalten nassen Erde lag, sich so erschreckt, lieblich und
rührend zu ihm niedergebeugt hatte. Der Garten gehörte zum Hause des Bankiers
Wienand, das kleine Fräulein unter den Holunderblüten war Helene Wienand.
    Wir wollen jetzt versuchen zu sagen, was und wie der junge Mensch in diesem
neuen Frühling dachte und fühlte, wenn er das junge Mädchen im Grün neben der
weissen Statue sitzen sah. Der ersten Überraschung folgte in der Brust des
Jünglings ein gewisser Missmut, eine Art von ärgerlichen, verbissenen Grolles;
denn fürs erste sah er noch das ganze Geschlecht in der Gestalt der einen
verkörpert, durch welche er solchen Schmerz erduldet hatte und noch dulden
musste. Während dieses Zustandes musste Ulex seine wahre Freude an dem Schüler
haben. Mit brennendem Eifer vertiefte dieser sich in die Bücher und machte in
jeder Hinsicht solche Fortschritte, dass der Alte gegen Fiebiger sein Lob nicht
laut genug aussprechen konnte.
    Doch wer kann immerdar über die schwarzen Lettern, wenn sie auch noch soviel
Weisheit und Poesie entalten, sich beugen? Stets von neuem fordert das
Lebendige sein Recht über das Tote, und von dem Buche musste das Auge des jungen
Mannes sich doch zuletzt wieder erheben - zum Himmel, zu den Wolken, die der
Südwind über die Dächer trieb. Über die Dächer selbst musste es schweifen, bis es
wieder auf dem grünen Fleck, den es meiden wollte, haftete. Hatte der Knabe die
Stelle, welche er so unwillkürlich suchte, gefunden, so fuhr er wohl ärgerlich
zusammen, schlug er mit verdoppelter Energie ein Blatt der Leiden des klugen
Wanderers Odysseus, des Äneas und seiner Genossen oder eine Seite im
Schiffskatalog um; aber dasselbe Spiel wiederholte sich von neuem, in der
nämlichen Viertelstunde, auf die nämliche Weise. Der Sternseher hatte recht,
wenn er sich nun über die Unbeständigkeit der Stimmung seines Schülers wunderte;
er schob dieselbe aber auf irgendeine schwierige lateinische oder griechische
Konstruktion und pflegte zu sagen:
    »Gemach, gemach, mein Sohn; die ruhige Hand greift am sichersten. Woran
liegt es denn?«
    Errötend liess der Jüngling den Greis in seinem Irrtum und wies irgendeine
klassische Schwierigkeit auf, über welche nicht fortkommen zu können er
behauptete. Der Sternseher konnte unmöglich wissen, was an der Sache war; er
erklärte, und zwar mit Vergnügen; um keinen Preis hätte er die begonnene
Unterweisung des Schützlings Friedrich Fiebigers wieder aufgeben mögen.
    Geraume Zeit dauerte der Kampf Roberts gegen die zauberhafte Anziehungskraft
der weissen Bildsäule, der grünen Baumgruppe und des kleinen Menschenfigürchens
drunten in der Tiefe, zwischen den hohen Brandmauern. Darauf kam eine Zeit, in
welcher Robert sich nicht mehr wehrte gegen den magischen Punkt im Süden, eine
Zeit, in welcher der Sternseher die Fortschritte seines Zöglings nicht mehr so
wie früher zu loben hatte. Selbst ein so gescheuter Mann wie Heinrich Ulex kann
nicht auf alles achtgeben, zumal wenn die Astronomie seine Lieblingswissenschaft
ist, zumal wenn er den Jahren, bis zu denen die Heilige Schrift des Menschen
Lebensalter ausdehnt, so nahe gekommen ist, als der Sternseher es war.
    Der Polizeischreiber machte sich keine Sorge über die Zerstreuteit seines
Schützlings, und noch weniger Sorge machte er sich über eine andere Umwandlung,
welche im Wesen des Jünglings eingetreten war. Anfangs hatte Robert sich vor den
Gassen, vor dem Gewimmel der grossen Stadt sehr gescheut, fast gefürchtet, und
der einzige Weg, welchen er allein ging, war der zum Giebel des Nikolaiklosters
gewesen. In das Gewühl der Stadt hatte er sich nur an der Seite des
Polizeischreibers gewagt, und stets war er bedrückt und verwirrt daraus
heimgekehrt. Er schien auf keine Weise sich darin zurechtfinden zu können; die
Häuser und Mauern wollten ihm auf den Kopf fallen, die Tausende und aber
Tausende von Gesichtern waren ihm unheimlich; überall vermutete er lauernde
Feinde, Spott und höhnisches Lachen.
    Das änderte sich allmählich ganz und gar.
    Robert Wolf wagte es, auf eigene Faust die Gassen zu durchstreifen; die
Scheu, die Angst vor den Menschen verlor sich, und der Polizeischreiber Fiebiger
rieb sich die Hände nach seiner Gewohnheit darüber. Der Ortssinn, welchen der
Jüngling aus seinem Heimatswalde mitgebracht hatte, leistete ihm jetzt die
besten Dienste; er suchte die Strasse, in welcher das Haus stand, dessen Gärtchen
man vom Giebelfenster des Sternsehers aus erblickte. Er fand die Strasse und fand
das Haus; durch Julius Schminkert erfuhr er, wem es gehöre. Robert fing an,
nähere Bekanntschaft mit dem leichtsinnigen Wandnachbar zu machen; auch
Schminkert gehörte zu den Lehrmeistern, welche den Jüngling in die Geheimnisse
des Lebens einweihen sollten; - ein gefährlicher Lehrer war er freilich, und
seine Maximen, seine Philosophie wären ohne das Gegengewicht, welches Ulex und
Fiebiger in die Waagschale warfen, im höchsten Grade bedenklich gewesen. Es war
die Philosophie des praktischen Zynismus, welche dem Jüngling hier entgegentrat;
nicht jener Art des Zynismus, von der die Stoiker sagten, sie sei eine Abkürzung
des Weges zur Tugend, sondern jener Art, welche nur eine Abkürzung des Weges zur
Schenke, zu allen Ausschweifungen ist, indem sie die ganze Welt zu einer Kneipe
macht und jede Tugend zu einem Schenkmädchen.
    »Ich will Euch mal was sagen, Waldmensch«, meinte der treffliche Julius,
»Ihr scheint mir ein ganz guter Junge zu sein; aber die Alten werden doch einen
Esel aus Euch machen; Ihr seid da in die richtigen Hände gefallen. Haltet Euch
stellenweise ein wenig zu mir, ich werde Euch mancherlei zeigen, von welchem
selbst die hohe Polizei keinen rechten Begriff hat. Man muss sich in das Leben
hineinfressen wie die Maus in die Speckseite und sich nicht gleich ins Mauseloch
jagen lassen, wenn die alte Person, der Küchendragoner Moral, mit Besen und
Feuerzange ein grosses Gepolter macht.«
    Julius Schminkert gehörte zu den Menschen, welche in der ebenso angenehmen
wie leicht erklärlichen Illusion befangen sind, zu den achtungswertesten,
verkanntesten, geistreichsten und unentbehrlichsten Charakteren der Gegenwart zu
gehören, und welche es zugleich für ihre Pflicht halten, sich von Zeit zu Zeit
ein Individuum aus der Masse der Menschheit zu wählen und es mit allen ihren in
ihnen verborgenen trefflichen Eigenschaften speziell bekannt zu machen. Diese
Menschen sind von der Natur mit seltsam kräftigen Anklammerungswerkzeugen
ausgestattet; den Gegenstand ihrer Zuneigung halten sie fest, bis er ihnen
langweilig geworden, bis sein Geldbeutel leer ist; - es sind noch lange nicht
die schlechtesten Gesellen, und der schlaue alte Fiebiger liess seinen Schützling
ruhig mit dem Schauspieler gehen, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Die Augen
hielt er aber weit offen.
    Julius Schminkert führte den Jüngling ein in den Kreis, von welchem der
Rentier Schwebemeier ein so ausgezeichnetes Mitglied und kostbarer Zierat war
und wo die früher schon erwähnten Damen die weibliche Grazie in der echtesten
Karikatur zur Darstellung brachten. Gross war die Verwunderung Roberts über die
Anschauungen und das Gebaren dieses Kreises, über die Geschichten, welche die
Herren und Damen erzählten, über die Art, wie sie ihre Geschichten erzählten. Es
konnte nicht fehlen, dass von Zeit zu Zeit auch die Rede auf die »durchgegangene«
Eva Dornblut kam, und Robert musste alle Geisteskraft zusammenraffen, um nicht,
wenn dieser Name mit Spott und unendlicher Heiterkeit genannt wurde,
aufzuspringen und dreinzuschlagen. Eines Abends kehrte der Jüngling aus der
Gesellschaft des Schauspielers heim in das stille verräucherte Gemach, wo der
Polizeischreiber in Tabakswolken gehüllt bei seiner Lampe sass und las, legte mit
Tränen der Reue und Wut dem Alten unaufgefordert Beichte ab und versprach ihm
und sich selbst feierlich, nicht mehr den Wegen, auf welchen der lustige Julius
sein Dasein vertaumelte, folgen zu wollen.
    Der Alte fuhr sich komisch durch die Haare und meinte: »Hast du genug in den
Topf gerochen? Ein arabisches Sprichwort sagt: Spiele nicht mit den Hunden, sie
könnten sich deine Vettern nennen. - Man kann vieles in einem langen Leben
lernen, aber oft noch mehr in ein paar Tagen, in einem kurzen Augenblicke. Na,
beruhige dich, Bursche; ich wusste, dass es so kommen würde; man soll den Menschen
nicht auf alles mit der Nase stossen, es schadet gar nichts, wenn er sie sich
selbst von Zeit zu Zeit an einer Ecke blutig rennt.«
    So wurde der Knabe aus dem Walde zwischen der Weisheit, die in der
Einsamkeit unter den Sternen wandelt, der Weisheit, die im Gewirr der Menschheit
den festen Boden der Erde tüchtig und ernst beschreitet, und der Lebensansicht,
welche im Schmutz tappt und den Fuss nur hebt, um ihn desto tiefer wieder in den
Kot zu setzen, seines Weges geführt. Seine Schule begann sehr früh, und oft
genug zitierte ihm der Sternseher die Worte Senecas: »Non est ad astra mollis e
terris via.« Er vertiefte sich in den bittersüssen Inhalt des Buches des Lebens
zu einer Zeit des Lebens, in welcher andere sich noch kindlich über den schönen
goldglänzenden, bunten Einband freuen. Er war zu beneiden; aber er war auch zu
beklagen. Wie wunderlich ist es doch, dass die Menschen, deren Los, alles in
allem genommen, ist, hienieden beklagt zu werden, so oft und so grundlos
beneidet werden und wieder andere beneiden!
    Aber die Sonne lag auf dem grünen Gartenfleckchen hinter dem Hause des
Bankiers Wienand, welches vom Giebelfenster des Sternsehers Heinrich Ulex zu
erblicken war. Der Himmel war blau, trotzdem die grosse Stadt so viele schwarze
Rauchwolken zu ihm emporsandte. - Robert Wolf vergass den Zauberer Virgil über
die Holunderbüsche, die weisse Statue der Hebe und die kleine Gartenbank, und der
Sternseher Ulex wunderte sich darüber; wir aber wenden uns jetzt zu dem Garten
inmitten des Gemäuers selbst, wir wenden uns zu dem jungen Mädchen auf der Bank
unter den Holundern, neben der Bildsäule.
    Die Welt, in welcher Helene Wienand geboren und aufgewachsen war, zu
schildern ist kein Vergnügen. Es gibt darin selten grosse Verbrechen, aber fast
ebenso selten grosse Tugenden. Es gibt darin recht hübsche, bequeme und angenehme
Laster und ebenso hübsche, bequeme und angenehme Tugenden. Man liebt und hasst
auf eine Art, welche uns allen leider nur zu gut bekannt ist und welche keiner
Beschreibung bedarf; - durchschnittlich überwiegen die Tugenden die Laster,
durchschnittlich überwiegt die Liebe den Hass, doch das ist nicht sehr
hervorzuheben. Jedermann ist von seiner Vortrefflichkeit höchlichst überzeugt
und verlangt, dass jedermann dieselbe Überzeugung davon habe. Der Kreis, den man
übersieht, ist nicht sehr weit, und was man sieht, erblickt man durch die
gefärbten Gläser der Gewohnheit, des angeborenen oder allzu schnell gefassten
Vorurteils. Man hat seine Art, der Welt gegenüber die Lorgnette vor die Augen zu
halten, und es ist inkonventionell, von dieser Manier abzulassen - man würde
sich allerlei mehr oder weniger spitze und stumpfe Bemerkungen und kleine, ganz
winzige tödliche Verfeindungen dadurch zuziehen - man muss mit den andern leben,
und man lebt gleich den andern.
    Wir kennen diese Lebenskreise ziemlich genau; wirkliche Originale sind in
den Grenzen, bis zu denen dieser Teil der menschlichen Gesellschaft sich
ausdehnt, vielleicht am wenigsten zu finden, und zwar aus dem einfachen Grunde,
weil man es hier am wenigsten mit Extremen zu tun hat. Die goldene Mittelstrasse
hat auch ihre Schattenseiten; es ist nichts vollkommen in dieser Welt. Die aurea
mediocritas erträgt auch am wenigsten gern das Vollkommene; denn wie kann sie
Freude und Genugtuung darüber empfinden, dass irgend etwas sich über ein anderes
zu erheben sucht oder wirklich erhebt? Ist es so angenehm, überragt, überstrahlt
zu werden?
    In diese Welt, wo man mehr lächelt als lacht, mehr leise hasst als laut
zürnt, mehr verleumdet als schmäht und schilt, wurde Helene Wienand
hineingeboren, und ihr Leben würde sich wohl wie das der andern Kinder ihres
Standes entwickelt haben ohne die Dazwischenkunft der guten Fee, des alten
Mütterleins im Märchen, welches wir geschildert haben. Wie gesagt, was für
Robert Wolf erst der Pastor Tanne und jetzt Fiebiger und Ulex waren, das war für
Helene von frühester Jugend an das Freifräulein Juliane von Poppen.
    Leider müssen wir gestehen, dass die Bekanntinnen der jungen Dame nicht viel
von ihr, Helenchen Wienand, hielten; sie erklärten sie für ein Gänschen, sie
behaupteten, sie sei hochmütig und wisse sich nicht zu kleiden; sie erzählten
kleine Geschichtchen von ihr, und manche Schwester konnte nicht begreifen, was
der Bruder an dem albernen, blöden Lärvchen finde. Die Herren Brüder aber - die
jungen Herren der Gesellschaft überhaupt - fanden doch mancherlei an dem
reizenden, so leicht errötenden Gesichtchen, an der zierlichen elfenhaften
Gestalt; es gab mehr als einen gutgekleideten und gutgestellten jungen Mann,
welcher für das »kleine Mädchen« schwärmte und seufzte; es gab mehr als eine
Mama, welche auf die reiche Bankierstochter »ein Auge« hatte und sie für ihren
heirats- und geldbedürftigen Sohn für eine gute Partie hielt. Das »kleine
Mädchen« selbst hielt sich aber durchaus nicht für eine gute Partie, dazu war es
viel zu bescheiden, dazu kannte es viel zuwenig den eigenen Wert und den Wert
des Geldes. Das Kind dachte gar schlimm von sich und hielt sich für recht dumm,
recht unbeholfen und blöde; es hätte seinen Gespielinnen vollständig recht
gegeben in ihren Behauptungen, wenn diese jungen Damen das verlangt hätten. Es
liebte seinen Papa vom ganzen Herzen, aber die mütterliche Freundin doch fast
noch mehr; der Vater hatte so viele wichtige Dinge, so viele Zahlen im Kopfe.
Dass er sein Töchterlein vergötterte, wissen wir, aber dass der harte, gewandte
Geschäftsmann ein grosses Verständnis für manche Eigenschaften seines Kindes
haben sollte, konnte man nicht verlangen. Der Bankier war eigentlich ein sehr
eitler Mann; er prahlte zwar nicht laut und im schlechten Geschmack, aber er war
doch sehr überzeugt von der Wichtigkeit seiner Stellung, dem Glanz seines Namens
und Reichtums. Der Bankier war auch eitel auf seine Tochter. Sie musste den
elegantesten Wagen, die eleganteste Toilette haben; die Leute sollten überall,
wo sie erschien, sagen: »Das ist die Tochter des grossen Bankiers, das ist
Fräulein Helene Wienand, ein reiches Mädchen, ein schönes Mädchen, ein
liebenswürdiges Mädchen - dieser alte Wienand ist doch ein glücklicher Kerl, ich
wollte, ich besässe sein jährliches Einkommen als Vermögen.«
    »Ich würde mir doch nicht so ungeheure Mühe geben, dem Mädchen den Kopf zu
verdrehen, Wienand«, sagte das Freifräulein von Poppen, »macht euch nicht
lächerrlich, ihr Geldaristokraten; wenn ihr euch blamieren wollt, so besorgt ihr
das noch besser als wir, die wir auch mehr als billig des Ruhmes mangeln, den
wir vor Gott und den Menschen haben sollten. Übrigens ist das Kind ein gutes
Kind, und es wird euch nicht gelingen, eine Äffin daraus zu machen.«
    Der Bankier brummte ein wenig in die weisse Halsbinde hinein und vertiefte
sich von neuem in seine Kursberechnungen, seine Spekulationen mit spanischen und
türkischen Anleihen, seine Betrachtungen über Russen-Stieglitz, über das Haus
Arnstein und Eskeles, über das Haus Rotschild. Er fügte sich leicht, wenn das
kleine lahme Freifräulein die Hand erhob, und befand sich samt seinem Hause wohl
dabei. Helene Wienand aber ward ein sehr vornehmes Mädchen, und aus ihren
tadelnden Altersgenossinnen sprach mehr der Neid als sonst irgend etwas. So kam
der Zeitpunkt, in welchem unsere Erzählung ihren Anfang nahm; das Wagenrad warf
Robert Wolf auf das Strassenpflaster, und einen unauslöschlichen Eindruck machte
dieser Zufall auf die Seele des jungen Mädchens. Eine geraume Zeit hindurch
erwachte sie jede Nacht aus ängstlichen Träumen, in welchen sie durch das
bleiche, blutige Gesicht des Jünglings erschreckt wurde. Vergebens waren anfangs
alle Beruhigungsversuche des Freifräuleins; die zitternden Nerven des Kindes
mussten ihre Zeit zum Ausklingen haben. Juliane von Poppen erzählte die
Geschichte Roberts, wie sie dieselbe auf dem Observatorium des Sternsehers
erfahren hatte, dadurch trat eine andere Art der Teilnahme an die Stelle der
Angst. Diese kurze einfache Geschichte war so rührend, war so traurig - immer
von neuem musste Helene sich ihre Einzelheiten wiederholen. Ihre lebendige
Phantasie malte ihr den Wald, die Forstütte, das Bett mit den fieberkranken
Kindern und das sonstige wilde Leben und Sterben daselbst, das stille,
friedliche Pastorenhaus von Poppenhagen und die schöne, die böse Eva Dornblut
mit den deutlichsten Farben. Wie ging es doch zu, dass die kleine Helene
allmählich anfing, die schöne Eva recht vom Herzen zu verabscheuen, trotzdem dass
das Freifräulein nicht anstand, die Arme in Schutz zu nehmen und sie für ein
wackeres Mädchen zu erklären?!
    Auf den schlauesten Umwegen und den verborgensten Seitenpfaden brachte die
arglistige Helene das gute Fräulein immer von neuem zu Auslassungen über den
Schützling des Polizeischreibers, den Schüler des Sternsehers. Und Juliane von
Poppen, für welche der Gegenstand selbst von Interesse war, willfahrtete gern
und sprach sich von freien Stücken aus. Nun ertappte sich Helene öfters über dem
Gedanken, es sei doch recht gut, dass endlich alles auf diese Weise gekommen,
recht gut, dass die wilde Eva mit dem ebenso wilden Fritz übers Meer fortgegangen
sei. Das junge Ding setzte sich selber heimlich in den verständigsten altklugen
Gedankenreihen auseinander, wie Robert und Eva nimmer zueinander gepasst haben
würden, wie niemals etwas Gutes aus ihrer Vereinigung entstanden wäre. Welch ein
Unglück hätte schon daraus entstehen können, wenn Eva Dornblut mit dem Jüngling
in derselben Stadt zusammengeblieben wäre!
    Nun erzählte Juliane von Poppen, wie fleissig Robert bei dem alten Ulex im
Kloster Sankt Nikolaus studiere und wie der Gelehrte mit dem Kopfe und den
Fortschritten seines Schülers so sehr zufrieden sei. Das freute das junge
Mädchen unbeschreiblich, und nun kam ihr bald der Gedanke, wie sie selbst noch
ein gar so dummes Gänschen sei, wie sie gar nicht Bescheid wisse in der Welt.
Daraufhin hatte das gescheite Köpfchen auf dem hübschen Halse wiederum einige
schlaflose Nächte, und dann sah Robert von seinem Giebel aus durch des alten
Ulex Fernrohr, wie von dem Tisch in der Holunderlaube Stickrahmen, Körbchen mit
bunter Seide und Wolle, Spitzenrollen, Bänder und Zeugstücke aller Art
verschwanden und Bücher, Papier und ein Tintenfass an ihre Stelle traten. Das war
für den Studenten eine liebliche Aufmunterung zum Studium; wenn nur nicht
zugleich eine solche Verlockung damit verbunden gewesen wäre, die eigenen Bücher
ganz und gar über das Betrachten des fremden Fleisses zu vergessen.
    Wenn Robert Wolf das Fräulein von Poppen neben der zarten Lichtgestalt auf
der Gartenbank erblickte, so freute er sich jedesmal, dass es solch ein
verbindendes Mittelglied zwischen seiner Existenz und der Helene Wienands gab.
Und verstohlen sah Helene nach dem fernen Giebelfenster und war dabei in
tödlicher Angst, dass das Freifräulein frage, was sie da oben zu sehen habe. Das
Kind hätte wahrlich keine Aufklärung darüber geben können, so fest auch das
Faktum stand. Es war ein schöner Sommer - blau war der Himmel, die Sonne
leuchtete - was konnte es Besseres geben!
    Und wenn das alte Fräulein das junge Mädchen überraschte, wie es
selbstverloren durch die Baumzweige in den blauen Himmel sah, so berührte es
wohl leise die Schulter des Kindes, um es solcher Selbstvergessenheit zu
entreissen, meinte aber doch im geheimen:
    Man sollt's eigentlich nicht tun und so dazwischenfahren. Man zerreisst immer
einen Blütenkranz, wie ihn der Mensch in spätern Jahren nicht mehr zu winden
versteht. Die Träume und Bilder, die man zu solcher Lebenszeit hat, sind doch
die schönsten; sie kommen in solcher Pracht später nicht wieder; alle Farben
verblassen, auch die Farben der Träume.
    Die Alte dachte dabei an den Winzelwald und seine grünen Verstecke im
Dickicht, unter den Felsen, am plätschernden Bach; sie gedachte des Sonnen- und
Mondenscheines ihrer eigenen Jugendzeit; auch die Alte blickte aus dem Garten
des Bankiers Wienand nach dem Fenster der Studierstube Heinrich Ulex'; - o wie
seltsam Gedanken und Seufzer der Jungen und Alten sich kreuzen in der Welt! Die
grössesten Wunder gehen in der grössesten Stille vor.
    »Du magst träumen, Knabe«, sagte der Astronom auf dem Turm, »aber du darfst
das Leben nicht ganz wegträumen. Viel musst du noch lernen, ehe du die grosse
Kunst errungen hast, auch am Tage die Sterne zu schauen, ehe du ihren Lauf im
Blauen und im klaren Schein der Sonne verfolgen kannst. Die Sonne vermag jeder
zu begreifen, welcher Gefühl für Wärme und Kälte hat, wie viele aber begreifen
die Sterne am Tage?« Der Schreiber fing an, über die Zerstreuteit seines
Schützlings allerlei Glossen zu machen. Er sagte: »Sperre die Augen auf, Junge;
wer am Tage stolpert, wird am meisten ausgelacht, und das mit Recht. Ich bitte
dich inständigst, stellenweise nicht so lächerrlich dumm auszusehen. Streife die
Ärmel in die Höhe und greif zu mit derben Fäusten; - wer will mit geniessen, der
muss auch mit schiessen und büssen. Kinderstubengedanken, Krankenstubengedanken
haben zwar auch dann und wann ihre Berechtigung; aber sie dürfen uns nicht durch
das ganze Leben begleiten, wenn es ein ordentliches, wahrhaftiges, männliches
Leben sein soll.«
    Auf solche Reden antwortete der Jüngling wenig, er bekam einen kleinen
Rückfall in seinen Hass des weiblichen Geschlechts; derselbe hielt jedoch so
wenig an, dass es nicht der Mühe wert ist, darüber ein Wort zu verlieren. Es war
Sommer, und die niedergetretenen Blütenhalme richteten sich wieder auf; und das
meiste kommt doch auf die Beleuchtung an! Die Sonne geht auf und beschreitet
ihren glänzenden Weg; aber der arme blödsichtige Mensch schliesst nur allzuoft
die Laden am hellen Tage, um hinter einem Augenschirm bei einem kümmerlichen
Nachtlicht, in Bitternis und Qual, ein Feind der Götter, sein Dasein zu
verzürnen und zu verseufzen: vox clamans in deserto, eine Stimme in der Wüste,
und zwar einer oft selbst geschaffenen Wüste.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
       Herr Leon von Poppen zeigt sich als guter Sohn und liebenswürdiger
    Gesellschafter. Harmlose Bemerkungen des jungen Mannes. Café de l'Europe
In den Besuchzimmern, den Salons der besten Häuser der Stadt konnte man elegante
Karten finden mit der feingestochenen Inschrift: Madame la baronne Victorine de
Poppen, née de Zieger. Die Baronin war eine Dame, welche berechtigt war,
moralisch wie körperlich einen grossen Platz in der Welt einzunehmen. Ihre
Beziehungen zu den ersten Familien des Landes waren bedeutend, fast noch
bedeutender war ihr körperlicher Umfang. Manchen komfortablen Jahresring von
Egoismus und Fleisch hatte sie seit dem Tage ihrer Geburt angesetzt - ein
stattlicher Baum, der einen umfangreichen Schatten warf, in welchem aber nur
ganz bestimmte Arten anderer Gewächse gut gedeihen konnten, wie zum Beispiel
Herr Leon von Poppen, einige gleichgestimmte Freundinnen und männliche alte
Waschweiber, Mamsell Elise, die schnippische Kammerjungfer, und Baptiste, der
bunte unverschämte Lakai, welcher eigentlich Karl Quabbe hiess, aber der Eleganz
wegen unter die Baptisten hatte gehen müssen. Naturen wie Juliane von Poppen
konnten es jedoch in diesem Schatten nicht aushalten; - es gab keinen grössern
Kontrast der Persönlichkeiten als die Baronin und das alte lahme Freifräulein.
In der Körperfülle der einen war die Seele mager und dürr geblieben und
klapperte darin gleich dem vertrockneten, ungeniessbaren Kern einer tauben Nuss;
in dem kümmerlichen Leibe der andern fand die kräftige, lebensmutige,
lebensfrische Seele fast keinen Raum. So fand auf beiden Seiten ein
Missverhältnis statt; doch hat der erste Fall unregelmässiger Organisation den
Vorzug, dass eine dünne Seele in einem dicken Gefäss der Gesundheit durchaus nicht
nachteilig ist, während im Gegenteil ein in einem erbärmlichen Körper zu
gewaltig anschwellender Geist die irdische Behausung leicht ruiniert und sie
zuletzt ganz und gar vernichten und in die Luft sprengen kann. Die Baronin von
Poppen liebte sich und die Ruhe à tout prix, ihren Sohn Leon tant bien que mal
und die übrige Welt nur insofern, als sie sich vornehm darüber erheben oder
demütig sich vor ihr neigen konnte. Das kleine Freifräulein liebte sich selbst
durchaus nicht übermässig, es machte sehr gern allerlei ironische Bemerkungen
über sich, hatte dagegen für den grössten Teil der übrigen Erdbewohner ein
»faible«. Es erhob sich freilich weder über sie, noch knickste es grinsend vor
ihnen; hülfreich sprang es ihnen nach Kräften im Unglück an die Seite und
ergriff ohne Scheu jede Hand, die sich angstvoll nach ihr ausstreckte, sie
mochte so schmutzig und so hart sein, als sie wollte. Nur mit der Schwägerin
konnte sie sich seit dem berühmten Prozesse - eigentlich schon seit früherer
Zeit - nicht vertragen. Die zwei kamen zusammen wie Feuer und Wasser, und es gab
ein grosses Zischen, Brausen und viel heissen Dampf bei jeder Begegnung der beiden
Damen.
    Das Haus, welches die Baronin von Poppen mit ihrem Sohne in der Kronenstrasse
bewohnte, war ein sehr ansehnliches; das Leben, welches die beiden führten, liess
nichts zu wünschen übrig; dennoch sass sowohl in dem Haus wie in dem Leben der
Wurm, da sich derselbe nicht nur in den rotbäckigsten Früchten sehr wohl
befinden kann. Das Vermögen der Dynastie vom Poppenhof und von Poppenhagen war
im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts beträchtlich zusammengeschmolzen. Der
Poppenhof war mit Hypoteken belastet und vollständig in den Händen eines
schurkischen Verwalters, da der junge Baron es ganz und gar unter seiner Würde
hielt, mit den eigenen Ochsen das von den Vätern ererbte Feld zu beackern. Auf
das Haus in der Stadt hielt mehr als ein schwarzhaariger, krummnasiger
Geschäftsmann die scharfen semitischen Augen gerichtet; es lastete auch auf
seinen Ziegeln manch eine nicht unbeträchtliche Schuld. Baptiste und Elise
stellten im geheimen die wehmütigsten Betrachtungen über die Vergänglichkeit
alles Irdischen an und rüsteten sich ahnungsvoll, um mit dem Instinkt, den auch
die Ratten haben sollen, im Augenblick des Zusammenbrechens des Glückes von
Poppenhall sich mit dem Ihrigen aus dem Staube machen zu können. Die Menschen
sind gute Rechner, wenn es gilt, den Eintritt eines dem Nachbar drohenden
Unheils zu berechnen. Mamsell Elise und Herr Baptiste glaubten den Bestand des
von Poppenschen Haushaltes nur noch auf zwei bis drei Jahre garantieren zu
können, unvorhergesehene Zufälle nicht mit in Rechnung gezogen. Ganz so schlimm
stand es freilich noch nicht; aber die Verhältnisse waren doch so verworren, dass
Mutter und Sohn in manchen verlorenen Momenten gezwungen waren, sich damit zu
beschäftigen und sich einige Sorgen darüber zu machen.
    Das Haus Nummer fünfzig in der Kronenstrasse stammte aus dem Ende des
siebenzehnten Jahrhunderts; es war ein vom Alter und Rauch geschwärztes
steinernes Gebäude, über dessen Fenstern behelmte Kriegerköpfe grimmig sich
anlächelten, eine steinerne Balustrade lief vor dem Dache her, und auf dieser
Brüstung standen vier verwitterte Statuen mit den Attributen der vier
Jahreszeiten. Dem Frühling fehlte aber der Kopf, der Sommer hatte den Arm, der
Herbst die Sichel verloren; nur der Winter hatte unversehrt alle Stürme der Zeit
und der Witterung überdauert und blickte böse aus den unbeholfenen Falten seines
Gewandes. Es war ein recht winterliches Haus, dunkel, feucht und kalt. Die
Steinplatten auf der Flur wurden niemals ganz trocken, das Geländer der breiten
Treppe fühlte sich immer nass an. Hier und da sah ein halbverwischtes altes
Porträt aus schwarzem Holzrahmen von der Wand herab. Wo die Wände vertäfelt
waren, half es nichts, das Wurmmehl wegzufegen; es rieselte immer von neuem
unter der ununterbrochenen Arbeit der grabenden, wühlenden Tiere hervor und
sammelte sich zu Haufen.
    Die Baronin hasste dieses Haus recht von Herzen, sie nannte es einen
Grabkeller und würde es gern gegen eine der modernen Wohnungen in einem modernen
Viertel der Stadt vertauscht haben, wenn nur Leon damit zufrieden gewesen wäre.
Diesem jungen Herrn aber war die Lage und Gelegenheit des Hauses ganz genehm; es
liessen sich daselbst recht hübsche kleine Partien, ganz hinter den Leuten,
geben; das aristokratische Viertel mit seinen breiten Strassen, seinen Gärtchen
vor den Häusern, seinen hellen Fenstern und Gemächern hatte in dieser Hinsicht
nicht den mindesten Reiz für ihn; er rühmte als hoffnungsvoller junger Diplomat
der Mama das ungemein vornehme Etwas, welches in diesem alten Familiengebäude
derer von Zieger sich manifestiere; die Mama seufzte, gab ihrem Sohne recht, und
man blieb, wo man war - die Mutter in dem elegant ausgestatteten ersten Stock,
der Sohn im zweiten Stockwerk, wo er sich so eingerichtet hatte, wie es einem
zivilisierten Jüngling der Jetztzeit zukam. Das dritte Stockwerk war unbewohnt
und diente den Ratten und Mäusen als geräumiger Tummelplatz; alles, was seit
andertalbhundert Jahren in der Familie von Zieger an Kleidungsstücken,
Gerätschaften, Meubles abgängig geworden war, hatte hier ein Unterkommen
gefunden. Wären wir mit dem Blick eines Trödeljuden begabt, wir würden uns mit
Vergnügen auf eine genauere Beschreibung dieser Räumlichkeiten und ihres Inhalts
einlassen; die Menschen interessieren uns aber zumeist, und so machen wir
Gebrauch von unserm Privilegium, überall ungehindert eintreten zu können, und
führen, ohne durch den holden Baptiste und die schöne Elise an der Tür
zurückgewiesen zu werden - wir haben auch hoffentlich nicht das Ansehen von
Gläubigern! - unsere Leser ein bei der Frau Baronin.
    Die gnädige Frau hatte Besuch. Frau von Schellen mit ihrer Nichte und Frau
von Eichel waren soeben fortgegangen, Frau von Flöte und ihre Tochter Lydda
sassen noch am Teetisch der Baronin. Von den erstgenannten drei Damen wäre
mancherlei Angenehmes zu sagen, wenn wir Zeit dazu hätten, für Artemisia und
Lydda von Flöte aber müssen wir unbedingt einen Raum unseres Buches verwenden;
wir können dafür den für die Expektorationen des alten Ulex ein wenig
beschneiden oder den für die Bemerkungen des Polizeischreibers Fiebiger
beschränken.
    Es gibt Venusstatuen, welche der fromme Glaube vergangener Jahrhunderte so
bemeisselt, beleckt und beküsst hat, bis eine echte Heilige des
christlich-katolischen Himmels, eine Sancta Agnes, eine Sancta Klara, eine
Sancta Katarina daraus geworden ist; ein ganz ähnlicher Prozess war mit
Artemisia von Flöte vorgegangen. Sie war jung und schön gewesen, und man hatte
sie umtanzt wie einen englischen Maibaum; jung und schön war sie nicht mehr, den
Rosenkranz hatte sie vom Kopfe herabgenommen, aber in der Hand behalten; sie war
immer reich, sehr reich, und jetzt fromm - sehr fromm. Die arme Lydda von Flöte
hatte niemals eine Zeit der Rosen gekannt; immer war sie einer Blüte zu
vergleichen gewesen, welche lange in einem Gebetbuch gelegen hat und welcher
Saft, Form und Duft vollständig ausgepresst ist. Obgleich sie eine sehr gute
Partie war und manch ein Elternpaar, manch ein liebevoller Papa, manch eine
zärtliche Mama sie gern als Schwiegertochter an das Herz geschlossen hätten, so
hatte doch keiner der Herren Söhne genug Geschmack für die medizinischen
Wissenschaften, um Osteologie an dem armen magern Kind zu studieren. Wie ein
vergessener vergoldeter Apfel hing sie am Weihnachtsbaum des Lebens und
schrumpfelte immer mehr ein, während ihr Temperament den Umständen gemäss immer
mehr litt. Auch Leon von Poppen hatte keine Lust, in den verhutzelten Apfel zu
beissen, obgleich er ihm auf so wünschenswertem, wertvollem Präsentierteller
unter die Nase gehalten wurde. Bis dato hatte er noch jedesmal zum grossen
»chagrin« seiner Mama das edle vorstehende Glied seines Gesichtes gerümpft und
sich - mit seiner Jugend entschuldigt; die Baronin jedoch hatte die Hoffnung,
ihren Sohn glücklich zu machen, noch lange nicht aufgegeben.
    Die drei Damen sassen um den Teetisch; die Lampe warf ein magisches
Dämmerlicht durch das Gemach - es fehlte nicht an Gesprächsstoff, und Lydda
schickte öfters verstohlene Blicke nach der Tür, durch welche der junge Baron in
jedem Augenblick eintreten konnte. Auch die Baronin sah von Zeit zu Zeit nach
der Uhr und nach derselben Tür; aber Leon erschien nicht. Wenn er endlich doch
Vernunft annehmen wollte! dachte die zärtliche Mutter.
    Frau von Flöte sagte:
    »Liebste Freundin, die Konsistorialrätin Krokisius war heute morgen bei mir.
Die arme gute Seele hat recht ihre Not. Sie wissen, Beste, was für ein
christliches Haus die Leute machen, wie sie ihre Kinder erzogen haben. Nun das
Unglück! Vor andertalb Jahren ist der älteste Sohn Otto - du erinnerst dich
seiner, Lydda -, ein reizender brauner Lockenkopf -«
    »Ein naseweiser Schlingel -«
    »Ganz richtig, mein Kind, es hat sich leider ausgewiesen, dass er nicht viel
taugte. Ach die armen Eltern - Gott will die Seinen prüfen. Der junge Mensch
hatte solche schöne Aussichten, der Vater ist so gut angeschrieben in den
massgebenden Kreisen. Nun ist alles nichts.«
    »Was ist denn geschehen, Liebe?« fragte die Baronin, höchst gleichgültig
ihren Hund streichelnd.
    »Mein Gott, der junge Mensch geht, wie gesagt, zur Universität und gerät in
die allerschlechteste Gesellschaft, in die allerschlechteste. Unchristliche
Gesellen drängen sich an ihn; der Jüngling fällt in die Stricke der Versuchung,
die Schlingen der Verführung; vergessen ist das fromme, gottesfürchtige
Vaterhaus - der Herr Konsistorialrat wird nicht das Glück haben, seinen Sohn
hier in Amt und hohen Würden zu sehen. Er ist unter die Philosophen gegangen -
nicht der Herr Konsistorialrat; er hat eine Doktorschrift geschrieben - es soll
etwas ganz Abscheuliches sein - die arme Konsistorialrätin!«
    Es war ein Vergnügen zu sehen, wie bei der Berichterstatterin die
Venusstatue, immer unter der Maske der Heiligen, mehr oder weniger bemerklich
zum Vorschein kam; in Mienenspiel, Augenspiel und Gesten mehr als in Worten. Die
Tochter hatte ein recht scharfes Auge für diese Momente und verfehlte nicht, sie
jedesmal durch ein unbeschreibliches Sinkenlassen des Kopfes und
Ineinanderflechten der dünnen Finger sanft, aber vorwurfsvoll zu rügen. Grund
dazu hatte sie öfters, als die Mutter weiter erzählte:
    »Das ist aber noch nicht das Schlimmste. Der verlorene Jüngling hat es
gewagt, sich zu verlieben - auf die niedrigste Art sich zu verlieben. Seine
Wäscherin - ein Mädchen aus der Plebs - was weiss ich - eine -«
    »Mama!«
    »Ja, du hast recht, süsses Herz; wir wollen nicht weiter darüber reden; aber
ich sage es immer wieder und ich habe es auch der Konsistorialrätin gesagt: das
kommt alles nur von dem Umgang mit dem Krämer, dem Wechsler - was weiss ich -,
dem Bankier Wienand. Was nur die fromme Seele, der Herr Konsistorialrat, mit dem
Bankier zu schaffen hat? - der unglückliche junge Mensch ist auch nicht aus dem
Hause fortgeblieben. Es ist ein gefährliches Haus, man findet daselbst sehr gute
Gesellschaft und sehr, sehr schlechte. Ich begreife nicht -«
    »Ich auch nicht!« rief die Baronin, welche der Name Wienand aus jeder Art
von Schlummer und Schlaf, aus jeder Art von Apatie, aus der tiefsten Ohnmacht
erweckt und in die Höhe gejagt hätte; denn mit diesem Namen war der ihrer
Schwägerin aufs unzertrennlichste verknüpft. Ihr ganzer Anzug schien sich wie
das Gefieder eines gereizten Trutahnes zu sträuben; alles an ihr und sie selber
schwoll an, und die majestätischen Falten der schweren seidenen Robe wollten
sich auf keine Weise zur Ruhe bringen lassen durch die aufgeregten fleischigen
Hände.
    »Ich kann es auch nicht begreifen, wie man mit den Leuten verkehren kann,
die in jenem Hause ein und aus gehen«, rief die Baronin von Poppen. »Der
Hausherr ist ein arroganter, aufgeblasener Geldmensch, die Tochter -«
    Lydda von Flöte seufzte und lispelte:
    »Kindisch, süss und albern!«
    »Freifräulein Juliane von Poppen aber ist die Schwester meines Mannes,
welche einen Stolz darin findet, ihren und unsern Namen in allen Gassen zum
Gespött und Gelächter des Pöbels zu machen.«
    Die Baronin Viktorine wusste in der Tiefe ihrer Seele sehr gut, dass der sich
nicht immer lächerrlich macht, von welchem man solches behauptet. Sie hatte aber
einmal ihre Ansicht von der Sache, und der tausendfache Widerspruch, auf den sie
dabei stiess, machte sie nur immer erbitterter gegen die Verwandte, immer
giftiger in ihrem Hass.
    »Weshalb«, fuhr sie fort, »stellt man solch ein armes Geschöpf nicht unter
Vormundschaft; weshalb hat die Polizei nicht acht auf die Leute, von denen sie
benutzt und ausgeplündert wird? Da sitzt irgendwo in der Stadt ein halb toller
Mensch, ein überstudierter Narr - hahaha, eine Jugendliebschaft, wenn ich nicht
irre.«
    »Oh!« seufzte schamhaft Lydda von Flöte.
    »Mit dem hält sie Verkehr, bringt halbe Nächte bei ihm zu.«
    Sancta Venus legte sich zurück und lachte wie zu der gottlosen Zeit, als sie
noch tiefst ausgeschnittene Kleider und Rosen in den Locken und nicht den
Rosenkranz in der Hand trug; Lydda liess den Kopf sinken und faltete die Hände.
    »Bringt halbe Nächte mit ihm und einem schuftigen Schreiber zu, wie in den
Jahrhunderten, wo man noch Gold machte und den Stein der Weisen suchte. Ich
glaube fast, es gibt keine Mörder- und Diebshöhle in der Stadt, in welche sie
nicht hinauf- oder hinuntergestiegen ist. Mit allem Gesindel ist sie bekannt -
eine wahre Zigeunerkönigin.«
    Frau von Flöte billigte jeden harten Ausdruck der erregten Dame; Lydda zog
sich immer schüchterner in sich zusammen, so dass sie zuletzt alle Ähnlichkeit
mit einer neunundzwanzigjährigen Jungfrau verlor. Es war ein Glück, dass in
diesem Augenblick Leon von Poppen eintrat. Seine Erscheinung brachte den
Redefluss der Mama zum Stillstand und errettete das Fräulein vom gänzlichen
Verschwinden in ihr selbst. Lydda von Flöte raffte sich zu einer matten
pikierten Lebendigkeit auf, ihre Mutter liess den Mund hängen wie eine büssende
Magdalena und neigte das Haupt zur Seite wie Lais.
    »Leon, mein Sohn, ich hatte dich doch gebeten, früher zu kommen!« sagte
Viktorine.
    »Nicht möglich, chère maman. Unerträgliche Abhaltungen - insupportable
Schwere des Daseins - starker Mann mit hundertundfünfzig Zentner Überfracht auf
der Brust, und zwar kein Papiermaché - ah!«
    Der junge Baron war aussergewöhnlich weich und wehmütig gestimmt. Er hatte im
Spiel verloren, er hatte eine Erscheinung gehabt und litt an Kopfschmerz,
Weltschmerz und allgemeiner Körperschwäche. Matt sank er in einen Sessel
zwischen seiner Mutter und der Mutter Lyddas, zum grossen Verdruss der Jungfrau,
von welcher er sich so weit, wie irgend schicklich war, entfernt hielt. Der
goldene Apfel hing so lose am Zweige, dass er dem Unvorsichtigen bei der
leisesten Berührung auf die Nase gefallen wäre, und Leon von Poppen hielt etwas
auf seine Nase, obgleich sie weder zu den griechischen noch zu den römischen
gehörte.
    »Wie ist es mit der Madonna, Herr von Poppen?« fragte Lydda.
    »Ah, gnädiges Fräulein - richtig, Madonna nach Murillo, gestochen von
Teresa del Po - ich erinnere mich! Ich hoffe, das Blatt Ihnen verschaffen zu
können; aber - ah, wenn Sie wüssten, was mir alles auf der Seele liegt!«
    »Armer Baron, Sie sehen in der Tat angegriffen aus«, sagte bedauernd die
Mutter Lyddas. »O wenn Sie doch recht ernstlich den Weg suchen wollten, der zur
süssesten Ruhe, zum himmlischsten Frieden führt.«
    Herr Leon schnitt nach innen eine grässliche Grimasse, die sich nach aussen
durch einen kläglichen Seufzer kundgab. Der Teufel hole das Weib mit ihrer
himmlischen Ruhe, ihrem ewigen Frieden, dachte er. Ich weiss wohl, was sie
darunter versteht, aber ich danke. Laut sagte er: »O Gnädige, wenn Sie wüssten,
welche Mühe ich mir gebe, den Weg zum Heil zu finden! Vergangene Nacht träumte
mir, ich sei der heilige Simon Stylites und stehe in Syrien auf einer achtzig
Fuss hohen Säule ekstatisch auf einem Bein, balancez à vos dames.«
    Empört fuhr die gnädige Frau rauschend empor, Lydda stiess einen pfeifenden
Zorneslaut aus, die Baronin starrte mit offenem Munde den Spötter an.
    »Komm, mein Kind«, rief Frau von Flöte, »wir wollen gehen; der Herr Baron
ist in zu scherzhafter Stimmung für uns. Arme Poppen, der Herr gebe auch Ihnen
Kraft in allen Ihren Leiden; Sie haben gleichfalls an Ihrem Herrn Sohn eine sehr
schlechte Erziehung gemacht. Komm, Lydda.«
    Majestätisch segelten die beiden Damen aus der Tür, nachdem sie den
unglücklichen Leon noch mit einer vollen Breitseite aus ihren heiligen Zorn
sprühenden Augen bedacht hatten. Die Baronin wollte ihnen nacheilen; aber ein
Starrkrampf schien sie auf dem Diwan festzuhalten. Ihr Hündchen heulte kläglich,
sie hatte sich beim Versuch, sich zu erheben, darauf gesetzt, und sie wog nicht
wenig. Leon gähnte bedeutend und schritt mit gekreuzten Armen durch das Gemach.
    Den Sturm, der nun über ihn naturgemäss losbrechen musste, abzuwenden, zu
neutralisieren, liess der Baron als geschickter junger Diplomat und Naturkundiger
jetzt selbst ein kleines Gewitter los, ehe die Mama wieder zu Atem gekommen war.
    »Du hast mir das Leben gegeben, Mama«, sagte er tragisch, »ich lege es dir
wieder zu Füssen. Mach mit mir, was du willst; opfere mich auf jede beliebige
Weise dahin, nur nicht durch diese schrecklichen Weiber. Die Kraft der
menschlichen Natur hat leider ihre Grenzen, und ich verkünde hiemit feierlich,
dass meine Kräfte zu Ende sind. Mama, das Leben und das Schicksal haben mich
mager genug gemacht; aber ein Skelett heirate ich darum doch nicht. Steh doch
endlich auf, Mama, das Hundegeheul ist zu widerlich! Armer Azor, ja winsele nur,
aber das Geschick lastet nicht schwerer auf dir als auf mir; ich wollte, ich
könnte mit dir tauschen.«
    Die Baronin schluchzte krampfhaft in ihr Taschentuch:
    »Leon, Leon, was war das? O Leon, was hast du getan? O du bist
unerträglich!«
    »Vraiment, maman, ganz einverstanden; aber auch du ein wenig. Komm her,
Azor. Armes Tier - ganz platt - platt gedrückt, wie ich selbst.«
    »Du hast die Damen aufs tödlichste beleidigt. Weisst du, dass du das getan
hast?«
    Leon zuckte die Achseln.
    »Sie meinten es so gut mit dir.«
    »Danke, ich meine es ebenso mit ihnen.«
    »Sie können dir deine Karriere vollständig verderben; sie sind so
einflussreich.«
    »Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende, sagte irgend
jemand, welcher damit das Richtige traf.«
    »O Leon, Leon!«
    »O Mama, Mama!«
    »Du bist doch sonst immer ein gutes Kind gewesen!«
    »Ich hoffe es auch ferner zu bleiben; aber ich habe nicht den geringsten
Sinn für das Studium der Anatomie.«
    »Solch ein schönes Vermögen!«
    »Ach, das Gold ist nur Schimäre.«
    »Solch ein liebenswürdiger Charakter!«
    »Alle Götter der Oberwelt und der Unterwelt ruf ich an, dass sie einen andern
- meinen schlimmsten Feind - damit beglücken mögen.«
    »Leon, du wirst bald genug einsehen, was du heute abend verloren hast.«
    »Fünfzig Friedrichsdor und mein Herz«, murmelte das »gute Kind«, doch so,
dass die Mama nicht verstand, was es sagte. Der Baron hatte nicht Lust, das
unerquickliche Gespräch länger fortzusetzen; er schellte und überliess die
tränenüberströmte Mutter den Tröstungen und der Sorgfalt der lieblichen Elise.
Leise schlich er fort und liess sich von dem Esel, dem Baptiste, zu seinen
eigenen Gemächern im obern Stock leuchten. Hier, wo von den Wänden aus goldenen
Rahmen die berühmtesten Tänzerinnen in allerlei gewagten Stellungen,
leichtverhüllt, auf ihn herabschauten; wo bronzene Tiergruppen von ihren
Konsolen aus ihren Herrn an die Freuden des Sports erinnerten; wo ein wirres
Durcheinander aller möglichen und unmöglichen Gegenstände Tisch und Stuhl
bedeckte, hier warf sich Leon von Poppen auf ein Lotterbett und machte es sich
immer klarer, dass er rasend verliebt sei in - Helene Wienand, den reizenden
Zögling der »unberechenbaren« Tante Juliane. Das war ihm heute ungemein
klargeworden, und zwar auf merkwürdig einfache Weise, ohne dramatische Zufälle
irgendwelcher Art. Am hellen nüchternen Tage, zwei Stunden nach dem Diner, war
an dem eigentümlichen Gewächs, welches der Baron sein Herz nannte, diese neue
Blüte aufgesprungen, die nun inmitten mancher verwelkten andern sehr buntfarbig
und mit etwas sonderbarem Duft prangte.
    Sehr oft war Leon mit Helene zusammengetroffen, ohne auf das kleine
unscheinbare Mädchen zu achten. Sehr oft war im Kreise der Genossen die Rede von
der Tochter des Bankiers gewesen, und der Baron hatte mit den andern die
gewöhnlichen Bemerkungen und Witze darüber gemacht; - nun hatte Amor Fleck
getroffen, und der goldbefiederte Pfeil zitterte in der Wunde. Hinter dem Stamm
einer Linde auf der Promenade hervor hatte der geflügelte Taugenichts gezielt.
Unter der Linde hielt das Coupé des Bankiers, und im Vorbeigehen hatte Leon den
Papa Wienand mit seiner Tochter aus dem Wagen steigen sehen. Solide war alles an
dem Geldmann: untadelhaft seine Erscheinung, untadelhaft seine Equipage und die
beiden Rappen sowie der bärtige Kutscher. Über alle Beschreibung aber war die
Gestalt Helenes auf dem Wagentritt und das Füsschen, welches sie im Niedersteigen
zeigen musste. Es kam über Leon von Popken gleich einer Offenbarung; hier war
alles, was das Herz wünschen konnte - Schönheit, Reichtum, vornehmes Wesen,
Geschmack und Bildung. Wie der Kastellan von Coucy drückte der Freiherr von
Poppen die Hand auf das Herz; er grüsste tief und achtungsvoll, und verbindlich
erwiderte der Bankier den Gruss, als er seine Tochter die Allee hinabführte. Wie
festgewurzelt stand Leon noch einige Augenblicke.
    Bin ich denn blind gewesen? dachte er. Sind wir alle blind gewesen? Zum
Teufel, ihr Herren von der Garde, ihr Herren vom diplomatischen Korps, ich
verbitte mir in Zukunft alle Lazzis über diese junge Dame. Per Bacco, allesamt
sind wir mit Blindheit geschlagen gewesen.
    Beflügelten Schrittes eilte der Baron von dannen, aber nun trat ihm
allmählich allerlei vor die Seele, welches seine Gehobenheit beeinträchtigte.
Die Tante Juliane stieg geisterhaft drohend aus dem Boden und erhob den
Krückstock; auch an Lydda von Flöte dachte Leon von Poppen und schauderte. Die
Bekannten, welche ihn zum Spieltisch zogen, hatten Grund, sich über seine
Zerstreuteit zu wundern. Wir wissen, in welcher Stimmung der Erbherr des
Poppenhofes aus dem Café de l'Europe in die mütterliche Behausung heimkehrte und
wie er den Sperling aus der Hand fliegen liess, der Taube auf dem Dache wegen.
    In den wunderlichsten Verrenkungen und Lagen überlegte der Baron auf seinem
Sofa seine Aussichten; aber wenn er sich auch auf den Kopf gestellt oder eine
noch ungewöhnlichere Stellung angenommen hätte, seine Gedanken würden dadurch
nicht klarer, seine Anschauungen nicht ruhiger geworden sein. Er fand keine Ruhe
in seinen vier Wänden. Wiederum schlich er aus dem Hause, abermals nach dem Café
de l'Europe. Letzteres war wenigstens der Wienandschen Wohnung gegenüber
gelegen, und er konnte von hier dann und wann einen Blick auf die erleuchteten
Fenster gegenüber werfen, bis das Licht nach elf Uhr erlosch und das grosse
Gebäude in Dunkelheit versank. Leon von Poppen wurde wieder sehr aufgeregt und
heiter in dem Kreise jüngerer und älterer Sünder, welche das bekannte
Etablissement allnächtlich mit ihrer Gegenwart beehrten. Er war ungemein
geistreich und witzig, aber ein ganz klein wenig weniger frivol als gewöhnlich.
Man stellte die Vermutung auf, Fräulein Lydda von Flöte habe endlich -
nachgegeben; man liess es nicht an ironischen Glückwünschen fehlen. Leon liess
alles über sich ergehen; er lachte mit den Lachenden und parierte mit grossem
Glück manch gutgezielten Stoss, der boshaft gegen ihn geführt wurde. Er war wie
in einem leichten Rausch und tat alles, diesen Rausch zu erhöhen. Je näher die
Mitternacht kam, desto nervöser wurde er, desto eigentümlicher wurde seine
Stimmung. Seit der Nacht, in welcher Eva Dornblut durchbrannte, hatte er so
etwas nicht gefühlt.
    Dem berühmten Kaffeehause gegenüber sass der Bankier in seinem Kontor nach
dem Garten hinaus vor dem Hauptbuch. Er hatte die Faust auf den gewaltigen
Folianten gelegt; sein Auge blitzte Triumph. Es war eine Freude, dem
breitschultrigen Mann in das charakteristische Gesicht, die eisernen,
energischen Züge zu schauen. Man sah auf den ersten Blick, dass dieser Mann einen
langen, mühevollen Weg voll viel Schweiss und Arbeit zurückgelegt hatte und sich
nun dem Gipfel nahe fühlte. Sein Haar war grau, gefurcht die Stirn, manche Sorge
war über dies Haupt hingegangen; aber es hatte sich nicht gebeugt - - Triumph!
 
                              Sechzehntes Kapitel
Viel Schutt und Trümmer fallen auf Helene Wienands Gärtchen sowie in den Hof von
                      Nummer zwölf in der Musikantengasse
Mitternacht! Dunkelheit auf Erden! Ein heftiger Wind blies seit einigen Tagen,
Herbstahnungen bringend, über die Stadt; aber droben am Himmelsgewölbe gingen
die Sterne ruhig ihren Gang, und wie ihr Lauf bestimmt war, so waren auch die
Geschicke der Menschen bestimmt, eins durch das andere, alle durch den mächtigen
Willen, welcher darüber »regiert« und welcher ad libitum den einen zum
Ateisten, den andern zum Akosmisten macht. Zwischen Tag und Nacht laufen sich
die Menschen zu Tode wie die Maus in der Rolle; o Mitternacht, wie feierlich und
ernst klingt dein dröhnender Fusstritt ins Ohr - ein neuer Tag! - und noch immer
will das Rad nicht zur Ruhe kommen. Lauf, lauf, arme Maus!
    Mitternacht! Der Polizeischreiber Fiebiger hatte einen Tag voll drängender,
hässlicher Arbeit zurückgelegt; der Jammer der Menschheit war ihm fast an die
Kehle gestiegen und hatte ihm den Atem bis zum Ersticken geraubt. Nun lag er auf
seinem harten Lager und wehrte sich wieder einmal gegen die Gebilde des Tages,
welche ihn bis in den Schlummer verfolgten, gegen die Geister der grossen
Foliobände, die noch viel, viel inhaltvoller waren als die Folianten im
Arbeitszimmer des Bankiers Wienand, obgleich auch in den Zahlen der letzteren
für das Auge des Kenners, des Eingeweihten manch ergreifender Bericht über
menschliches Glück oder Unglück niedergelegt war.
    Robert Wolf lag wachend; er hatte sich halb aufgerichtet, indem er sich auf
den Ellbogen stützte, und blickte durch die Risse im alten Fenstervorhang nach
den Sternen, vor welchen der Wind die Wolken herjagte. Vor einem Jahre noch
hatte er den Septemberwind durch die Bäume des Winzelwaldes rauschen gehört. Wie
anders war alles seit den Tagen geworden! Der Jüngling blickte nach denselben
Gestirnen, welche der Sternseher Heinrich Ulex in der nämlichen Stunde durch
seinen Tubus beobachtete. Sie hatten beide das Recht zu wachen, der Forscher wie
der Jüngling, jeder hatte Rätsel in sich und ausser sich zu lösen. Die Liebe ist
auch eine Wissenschaft, ein Streben, Forschen, Suchen nach dem Wahren, die
Wissenschaft ist auch Liebe; beide blicken empor im Streben und Suchen und
Sehnen - beide blicken nach den Sternen.
    Aber der Wind ballte die Wolken immer mehr zusammen und jagte sie in immer
schwärzern Massen vor die Sterne. Der Forscher schob sein Rohr zusammen und
strich über die heisse Stirn; der Bankier Wienand schloss das schwere Hauptbuch
und schrob die Lampe nieder; auch ihm fielen die Augen zu; der Polizeischreiber
murmelte ängstlich im Schlaf: »Da, da, haltet ihn - zu spät - schickt nach dem
Henker.« Stern auf Stern verschwand am Firmament, erregt und schmerzlich
beängstigt, beobachtete Robert, wie die Finsternis ein blitzendes Licht nach dem
andern auslöschte. Die späten Schwärmer im Café de l'Europe wurden allmählich
immer stiller; sie gähnten in den Kissen der türkischen Diwans, streckten die
Beine immer weiter von sich und bliesen immer apatischer den Rauch der feinen
Zigarren von sich. Der Kellner war im Winkel eingeschlafen.
    Mitternacht! Noch stand der Sternseher am offenen Fenster und atmete das
wilde, aber nicht kalte Wehen ein; er lauschte den zwölf Schlägen, die eine Uhr
nach der andern bis in weite Ferne wie ein Echo aufnahm und wiederholte. Robert
schob den Vorhang ganz zurück; kein Stern, nicht das winzigste Fünkchen war mehr
zu erblicken am Himmel und auf Erden. Das Sausen in den Lüften wurde immer
stärker, es fuhr durch die Höfe, um die Ecken, es fing sich in den Winkeln,
umtanzte die Wetterfahnen, klapperte mit den Ziegeln, neckisch, mutwillig und
leichtfertig, doch nicht boshaft. Nun schlief der Bankier bereits sicher und
fest; er war ein starker Mann, und wenn er sein Hauptbuch geschlossen hatte, so
waren die Sorgen selten so kühn, sich an sein Kopfkissen zu wagen; Herz und Hirn
waren bei ihm aus gleich fester Masse, sie waren beide aus dem Kitt geformt,
welcher die Gesellschaft zusammenhält.
    Leon von Poppen hatte wieder einmal die magern Arme auf die Marmorplatte des
Tisches im Café de l'Europe gelegt und den Kopf, der ein ganz anderes Gehirn als
das des Bankiers barg, auf die Arme. Er schlief einen ähnlichen Schlaf wie der
abgejagte Garçon in der Ecke.
    Ein Uhr! Es kam Robert Wolf ein Gedanke an den fernen Bruder, an Eva
Dornblut aus dem Kantorhaus zu Poppenhagen. Er dachte an beide jetzt nicht mehr
mit dem fieberhaften Groll früherer Tage. Wo mochten sie jetzt weilen? Wie
mochte es ihnen gehen? Unendliche Räume überflog der Gedanke.
    Ein Uhr und ein Viertel! Schwer fing es endlich an, sich auf die Augenlider
des Jünglings herabzusenken; der Schlaf wollte den Sieg über die unruhige Seele
gewinnen. Der alte Ulex schloss sein Fenster; es verflossen noch fünf Minuten. Da
ging plötzlich in der Ferne nicht sehr fern von dem Garten des Bankiers Wienand,
neben dem hohen Schornstein und Fabrikgebäude, welche den Astronomen
allnächtlich ärgerten, ein Leuchten auf, wie der Schein einer Laterne, und
zitterte einige Augenblicke an einer Hauswand, ohne dass Ulex viel darauf
achtete. Es verschwand, um gleich darauf von neuem und stärker emporzuzucken. Es
erregte bald die ganze Aufmerksamkeit des Alten.
    Nun glitt der Schein an den Fenstern einer andern Hauswand empor, nun fiel
plötzlich ein feuriges Licht über die weisse Statue der Hebe neben der
Holunderlaube - ein Schrei klang in der Ferne; - es zuckte ein Flämmchen über
ein Dach, leckend und züngelnd. Dem Flämmchen aber nach brach die Flamme,
hellodernd, blutigrot, gefrässig-gierig in der vollen Pracht ihrer furchtbaren
Majestät -
    Feuer! Feuer!
    »Feuer! Feuer!« rief der Sternseher in den Hof von Sankt Nikolaus hinab, und
in der Tiefe wiederholten Männer- und Weiberstimmen den unheilvollen Schrei.
Sturmgeläut, Hörner und Trommeln liessen sich in der Ferne vernehmen; denn damals
löschte man Brände noch nicht im tiefsten Schweigen wie heute. Auch auf dem Hofe
von Nummer zwölf der Musikantengasse wurde es lebendig, Lichter erschienen in
der Wohnung der Familie Tellering; hervor stürzten der Schreiner und sein Sohn,
die blanken Äxte über der Schulter. Von seinem Lager fuhr der Polizeischreiber
Fiebiger auf; Robert hatte die Kleider bereits in aller Hast übergeworfen. Der
rote Schein fiel jetzt schon drohend in die Hinterfenster des Hauses des
Partikuliers Mäuseler.
    Wie jedes andere schlafende Haus überkam auch die Nummer zwölf der
Musikantengasse der furchtbarste Schrecken bei dem plötzlichen Alarm, und es
zeigte sich, dass Leute, die durchaus nicht im Rufe standen, Kopf zu haben, ihn
dessenungeachtet verlieren konnten. Bei blitzschnell hereinbrechender Not und
Verwirrung zeigt sich am besten, was der Mensch ist und was er kann.
    Julius Schminkert, der diesmal ausnahmsweise sich vor Mitternacht im Bett
befunden hatte, bewies sich in seiner ganzen Grösse. Er hatte durchaus nichts von
Wert zu verlieren; so fuhr er denn in Hosen und Rock, kaltblütig und besonnen,
und benutzte jede Gelegenheit, sich dem Gemeinwohl des Hauses zu widmen, aufs
beste. Um den Schreiber und seinen albernen Jungen bekümmerte er sich nicht; er
hörte ihren gestiefelten Schritt eilig hinter der Wand neben seinem Gemach und
wusste, dass beide seiner nicht bedurften. Der erste, welchem er seine Energie
widmete, war der halbtote Hausherr, der Rentier Mäuseler. Besinnungslos irrte
der Biedermann auf seinem Vorplatze umher, in flanellenen Unterhosen und
halbangezogenem Schlafrock, den Tabakskasten unter dem linken Arm, den Waschnapf
in der rechten Hand. Merkwürdigerweise bezwang der darstellende Künstler seine
Lust, dem Trübsalsbilde den Waschnapf aus der Hand zu nehmen und den Inhalt
desselben über das ehrwürdige Haupt des ehrenwerten Bürgers zu giessen,
vollständig, bemächtigte sich dafür aber ebenso vollständig alles dessen, was
vom Rentier noch übrig war, und benutzte die Gelegenheit, um sich für seine
lärmenden Dienstleistungen den Erlass der rückständigen Miete eidlich versprechen
zu lassen. Die Kassette mit den Wertpapieren des Hausherrn unter dem einen Arm,
den Hausherrn selbst unter dem andern, die halbohnmächtige Madam Krieg am
Rockschoss nachschleifend, stieg Julius zur Wohnung des Fräulein Aurora Pogge
hernieder und erschien kühl lächelnd inmitten angstvollen mausehaften
Umherlaufens und durchdringendsten Gekreisches und Gepiepes von Katze, Herrin
und Dienerin. Alle Türen waren geöffnet, der Fussboden aller Gemächer, der
Vorplatz wie die Treppe bereits bedeckt mit Plunder aller Art, welchen die
unglücklichen Frauenzimmer in ihrer Ratlosigkeit aufgegriffen und umhergestreut
hatten. In dem jungfräulichen Gemache Auroras setzte der Schauspieler den
Rentier auf dem grünen Sofa unter dem Bilde des seligen Proviantkommissärs
nieder; und trotz ihrer Verstörteit besass Aurora noch schämige Kraft genug, den
verwegenen Julius an den Haaren aus ihrem Schlafgemach zu ziehen, in welches er
ungebeten seine vorwitzige, unheilige Nase steckte. Der Mime warf der erzürnten
Schönen eine Kusshand zu, wies mit einer andern Handbewegung auf den ächzenden
Hausherrn und schwebte aus dem Gemache. Hier hatte er nichts mehr zu tun, und
beflügelten Schrittes eilte er die Treppe hinunter, getrieben von der süssen
Hoffnung, sich der holden Angelika und ihrem Vater nützlich und angenehm zu
machen. Wann hätte er eine günstigere Gelegenheit dazu finden können?
    Auf den ersten Stufen der Treppe stiess sein Fuss an ein in blauen Samt
gebundenes Buch, auf dessen Deckel zwei Tauben am Fusse eines Kreuzes sich
schnäbelten. Er hob es auf, warf einen Blick hinein und stiess, scheu über die
Schulter sehend, einen Ruf des Entzückens hervor. Er hatte ein Manuskript
gefunden, von dessen Existenz das ganze Haus Nummer zwölf in der Musikantengasse
eine dumpfe grauenvolle Ahnung hatte. Auf der ersten Seite des Büchleins stand
in merkwürdiger Handschrift:
                                    Tagebug
                                      von
                                 Aurora Pogge.
Blitzschnell glitt der Fund in die Brusttasche des glücklichen Finders;
satanischen Jubels voll, schnalzte Julius Schminkert mit den Fingern, und noch
warm von der zarten Berührung des jungfräulichen Busens Auroras war das
himmelblaue Schatzkästlein einer edlen Seele.
    »Göttlich, göttlich! Millionenfach gesegnete Stunde! Geschenk der Götter,
feil für kein Königreich!« jauchzte innerlich der Taugenichts, bei jedem Ausruf
sich am Geländer über sechs Stufen der Treppe abwärts hinwegschwingend.
    Verwirrung, Not und Ratlosigkeit hatten ebensosehr von dem Parterre Besitz
ergriffen wie von den übrigen Stockwerken des Hauses, das höchste ausgenommen,
welches alle Seelen- und Körperkräfte ruhig beieinander behielt; und wir
schieben die Bemerkung ein, dass an dem letztern Faktum durchaus nichts zu
verwundern ist, da die klarsten Köpfe ungemein häufig dem Dache sehr nahe
wohnen. Das Gehirn hält sich ja auch in dem höchsten Teile des menschlichen
Körpers auf.
    Niemals sah man einen zitternderen Kleiderkünstler, niemals versteinertere
Lehrlinge, niemals angstvoller umherhüpfende Bekleidungsgehülfen. Die schöne
Angelika, ziemlich mangelhaft bekleidet, warf sich an die Brust Schminkerts und
umklammerte ihn krampfhaft mit dem Ruf: »Rette mich, rette uns, o rette mich!«
    »Aus Blut und Tod, aus Trümmern und Flammen!« deklamierte Julius, zärtlich
das zarte Wesen an seinem Herzen festaltend, ohne dass der ratlose Papa sich's
verbat. »Es ist die Fabrik chemischer Waren in Brand geraten; wir werden
höchstwahrscheinlich sogleich allesamt in die Luft fliegen. Halten Sie sich nur
recht fest an mir, Engel der Seligkeit; wenn wir einmal in die Lüfte sollen, so
geschieht's am angenehmsten paarweise; - o Angelika, Herrlichste Ihres
Geschlechts, ich benutze wiederum die tragische Gelegenheit, den Brand von
Semmelrot und Kompanie, um Ihnen den Brand meines Herzens zu offenbaren.«
    »O hören Sie nur, sehen Sie nur - die Flammen! O wie grässlich!«
    »Was fürchtest du, Geliebte? Lass den Erdkreis zusammenbrechen; - wie sagt
der Altmeister Goete?
Unsterbliche heben verlorene Kinder
Mit feurigen Armen zur Gotteit empor!«
»Wasser, Wasser, Wasser!« schrie der Schneider. »Herr Schminkert, ich bitte Sie
um Gottes willen, was sollen wir anfangen? Raten Sie, helfen Sie -«
    »Da geht die hohe Polizei, nun sind wir gerettet!« rief Julius, als eben
Fiebiger im blauen Rock mit rotem Kragen, begleitet von Robert, über die
Hausflur eilte und in die menschenvolle Gasse stürzte. Wir lassen den entzückten
darstellenden Künstler, die schöne Angelika und den atemlosen tailleur de Paris,
um dem Schreiber und seinem Zögling zu folgen. Mit kräftigen Rippenstössen
drängten sich die beiden durch die Menge, und Robert Wolf zeigte sich als ein
kräftiger Bahnbrecher bis zu einer Soldatenlinie, welche die Brandstätte gegen
das andrängende Volk absperrte. Hier trat der rote Kragen des Polizeimannes in
sein Recht, vor ihm öffnete sich bereitwillig die Reihe der Krieger, und der
Schreiber fand sich bald mit Robert vor dem brennenden Wienandschen Hause.
    Mit verheerender Wut hatte das Feuer um sich gegriffen und bot allen
Anstrengungen der Menschen Trotz. Der Wind wühlte in den Flammen wie in einem
feurigen Ährenfelde, die Hintergebäude des ganzen Stadtteiles standen in
Flammen, und auch aus den Fenstern der Vorderhäuser leckten schon die roten
gefrässigen Zungen. In dem Garten des Bankiers brach eine hohe Wand nieder,
zerschlug die weisse Statue der Hebe, zerknickte die Holunderlaube und bedeckte
mit glühenden Trümmern und Funkengewirbel die Blumenbeete, den zierlichen Tisch,
die grüne Bank. Erbarmungslos griff das Feuer über das Lieblingsplätzchen
Helenes weg, erbarmungslos, wie das Unglück in ihr junges Leben griff. Eine
Bandfabrik wurde von den Flammen erfasst; die Glut trieb die Bänderrollen hoch in
die Lüfte und wickelte sie am dunkelroten Nachtimmel in den prächtigsten
Schlangenwindungen auseinander. Aus allen Fenstern der obern Stockwerke des
Wienandschen Hauses schlug das wilde triumphierende Element und spottete der
Anstrengungen der Spritzen, der Pionierkompanien, der beiden Tellering, Vater
und Sohn. Aus dem Café de l'Europe waren die Nachtschwärmer in die Strasse
gestürzt, und Leon von Poppen starrte wie blödsinnig, mit offenem Munde, in das
schreckliche Lichtmeer, in welchem das Haus des Bankiers Wienand - vielleicht
auch sein ganzer Reichtum - untergehen sollte.
    »Das gute, alte Haus! Armer Wienand!« rief der Polizeischreiber, die Hände
erhebend.
    In tödlichster Angst flogen die Blicke Robert Wolfs umher. Sie, sie - wo war
sie? Hatte man sie vergessen in den Flammen? War sie gerettet?
    Der Jüngling stiess einen Schrei aus und sprang fort von der Seite des
Schreibers. Quer über die Gasse schritt Ludwig Tellering, eine zarte leblose
Gestalt in den Armen tragend. Funken, Kohlen, glühende Balkentrümmer fielen
immer dichter herab, nach einer andern Seite hin wurde der alte Fiebiger
gedrängt; dem vor Ermattung strauchelnden Ludwig nahm Robert Wolf die leichte
liebliche Last ab; vereint trugen beide die ohnmächtige Helene in das Café de
l'Europe und legten sie sanft auf einem der Diwans nieder, auf welchen sich
vorhin Leon von Poppen mit seinen Genossen gestreckt hatte. Die Wirtin und ihre
Tochter nahmen sich der Armen bereitwilligst an, soviel es ihnen die Hast und
Aufregung erlaubte, mit welcher auch sie ihr wertvollstes Eigentum in Sicherheit
zu bringen hatten. Als treuer Wächter stand Robert neben dem jungen Mädchen,
welches er bis jetzt nur aus so weiter Entfernung durch die Ferngläser des
Sternsehers Ulex betrachtet und beobachtet hatte. Allerlei Volk drängte sich in
und aus dem Gemach; eine kräftige geballte Faust streckte Robert einmal dem
Freiherrn von Poppen entgegen, und er wich erst von seinem Wachtposten, als
Juliane von Poppen sich durch das Getümmel drängte und ihr armes Herzenskind ans
Herz schloss. Scheu zog sich Robert nun in einen Winkel zurück und starrte von
dorter auf die alte Dame und das bleiche entsetzte Kind, bis das tapfere
Freifräulein halb durch Bitten, halb durch Gewalt das Gemach räumte und so auch
ihn wieder in die Gasse hinaustrieb.
    Eine lange Häuserreihe stand nunmehr im lichten Brande. Im hohen Erdgeschoss
seines brennenden Hauses war der Bankier noch immer mit seinen Leuten und der
Rettungsmannschaft in gefahrvollster Arbeit beschäftigt. Manch wichtiges
Dokument, manch wertvolles Schriftstück ging verloren; immer drohender ward die
Gefahr; einer der Helfenden nach dem andern verliess das Gebäude, in welchem man
fast erstickte, wo die Haare in der Hitze sich kräuselten und wo die Kleider
einen Brandgeruch von sich gaben. Zuletzt fand sich der Bankier nur noch mit
einem kühnen Mann allein. Mit heldenmütiger Aufopferung half der alte Meister
Tellering beim Aufbrechen der Schränke, bis er von einer niederstürzenden Decke
getroffen und gefährlich verwundet wurde. Da trug der Bankier den Greis auf
seinen breiten Schultern aus dem Gebäude und gab es verzweifelnd auf, noch mehr
zu retten. Hinter den beiden stürzte das Haus in sich zusammen, und in der Gasse
sank Ludwig Tellering mit wildem Angst- und Schmerzensruf neben seinem Vater
nieder. Der bewusstlose Meister wurde auf einer Bahre in seine dunkle Hofwohnung
zurückgetragen, begleitet und unterstützt von manchen versengten,
rauchgeschwärzten Handwerksgenossen. Dicht ihm zu Häupten schritten der
Polizeischreiber Fiebiger und der Sohn. An der ersten Strassenecke traf der
traurige Zug auf den Wagen, zu welchem das Freifräulein von Poppen soeben Helene
Wienand führte. Juliane beugte sich über den Verwundeten und winkte dem
Sanitätsrat Pfingsten, an dessen Arm Helene hing. Auch der Arzt ging mit der
Bahre, um sogleich Hülfe zu leisten. Der Bankier war nicht von der Brandstätte
wegzubringen; er sass auf einem Stein- und Trümmerhaufen und blickte stier in das
Glutmeer, dessen feurige Wogen über dem grossen Buche zusammenschlugen, auf
welches er in der letzten Zeit so oft so triumphierend seine Hand gelegt hatte.
Aus dem Geprassel der Flammen klang es ihm wie höhnisches Lachen ins Ohr; seine
Lippen zitterten, seine Zähne schlugen aneinander; ein Augenblick hatte den Mann
um viele Jahre älter gemacht. Die markige Gestalt war zusammengesunken; zu
plötzlich war für diese berechnende Stirn das Unglück gekommen; der Bankier
Wienand auf dem Trümmerhaufen lächelte wie kindisch, er fing an, an den Fingern
zu zählen, und summte eintönig das Einmaleins vor sich hin. Freunde und Bekannte
drängten sich teilnehmend, tröstend um ihn her; aber vergeblich waren alle
Anstrengungen, den Unglücklichen vom Platze zu bringen. Auf alle Bitten und
Vorstellungen schüttelte er verwirrt lächelnd den Kopf und wies auf die Flammen.
Herr Leon von Poppen sah aus einiger Entfernung fast ebenso verwirrt auf ihn,
schüttelte ebenfalls den Kopf und schlich mit matt niederhängenden Armen und
höchst unkomfortablen Gedanken der mütterlichen Wohnung zu.
    Robert Wolf sah Helene Wienand mit dem Freifräulein in den Wagen steigen,
welcher sie nach der Wohnung der alten Dame führen sollte. Über ihm war der
Himmel noch immer mit blutigem Schein übergossen, obgleich man jetzt allmählich
des Feuers Herr ward. Um ihn her wirbelte die aufgeregte Bevölkerung der grossen
Stadt. Der Jüngling war wieder einmal wie bezaubert, wie berauscht. Er hatte ein
ähnliches Gefühl wie an jenem Abend, wo er verwundet auf dem Strassenpflaster lag
- ebenso schmerzhaft, ebenso selig. Minutenlang blickte er dem davonrollenden
Wagen nach; als er schon längst verschwunden war, stand er immer noch in solcher
Verzückung da. Dann eilte er hinter dem traurigen Zuge her, welchem das Gerücht
unheilverkündend voranlief, um die bis dahin so glückliche Hofwohnung von Nummer
zwölf der Musikantengasse mit namenlosem Entsetzen und hellem Jammer zu
erfüllen.
    Von seinem Giebel aus hatte der greise Sternseher bewegt und doch ruhig in
das wogende Flammenmeer, welches immer gewaltiger und dräuender gegen seine Höhe
heranraste, herabgeschaut; er wich weder der Hitze noch dem Qualm; all das hohe
Mauerwerk, über welches er sich so oft geärgert hatte, sah er zusammenstürzen,
und nach jedem donnernden Gekrach schlug die Feuersäule um so wilder himmelan.
    »Stein wälzen sie auf Stein«, sagte der Alte, »den Pelion auf den Ossa. Bis
an die Sterne glauben sie ihre Burgen, ihr Glück auftürmen zu können. Was für
Elend und Sorgen, für Blut und Schweiss sie mit vermauern! Wie sie sich quälen
und ängsten! Sie bauen im Wachen, sie bauen im Traum - tausendarmiges
Gigantengeschlecht! Immer höher, immer höher. Gut wissen sie Richtmass und Zirkel
zu gebrauchen, darin liegt ihre Sicherheit, darauf sind sie stolz - arme Toren!
Den Flügelschlag der unsichtbaren Verderber fürchten sie nicht, den
Flügelschlag, der im Vorbeistreifen die Paläste der Könige, die Häuser der
Vornehmen, die höchsten Türme und höchsten Schornsteine niederwirft. O meine
Sterne, mit ihrem Mauerwerk werden sie euch nicht erreichen; die Geister, welche
zwischen Himmel und Erde wandeln, dulden es nicht!«
    Bis zum grauenden Morgen stand der Greis an seinem Fenster; eine weite
schwarze, rauchende Brandstätte fand der neue Tag. Viele Seufzer und Wehrufe
irrten um den düstern Fleck im grossen Häusermeer. Viel müde Köpfe, viel elende
Herzen, viel stumpfsinniges Ächzen und Brüten, viel laute wilde Flüche gab es um
diesen schwarzen Fleck. Was wird aufwachsen aus dem Schutt und den Trümmern, aus
dem Kummer und der Verzweiflung aller derer, welche verloren haben und welche
jetzt noch so fest überzeugt sind, niemals wieder gewinnen zu können?!
 
                             Siebenzehntes Kapitel
              Unter dem Schutt und der Asche - unter den Trümmern!
Drei vor allen andern Unglückliche hatte der Funke gemacht, welcher in der
Fabrik von Semmelrot und Kompanie in einem toten Aschenhaufen geschlafen hatte,
welcher erwacht und gewachsen war, welcher sich gereckt und gedehnt und in seine
feurigen Umarmungen so vieles hineingezogen hatte. Die drei vorzugsweise zu
Bedauernden waren der reiche Bankier Wienand, der alte Schreiner Johann
Tellering und - Fräulein Aurora Pogge aus Nummer zwölf in der Musikantengasse.
In verschiedener Weise litten sie, aber alle litten schrecklich; in
verschiedener Art trugen alle das Schreckliche, aber ertragen mussten sie es.
    Das Feuer liess dem Bankier viel mehr, als die meisten Menschen jemals
besessen haben und besitzen werden; aber es nahm ihm auch unendlich viel; es
entriss ihm den besten Teil seines Ichs, seine Energie, die Spannkraft von Körper
und Geist, in welcher allein für den Unglücklichen die Hoffnung künftiger
Erfolge liegt. Man sprach viel in der Stadt über dieses phänomenartige
Zusammenbrechen eines so eisernen Charakters; die Ärzte machten es zum Tema
mancher wissenschaftlichen Untersuchung; und es ist sogar später in ihren
Zeitschriften davon die Rede gewesen. Der Sanitätsrat Pfingsten als Hausarzt des
Kranken wollte lange nicht an solche Möglichkeit glauben und hielt den Zustand
für eine momentane, vorübergehende Erschöpfung durch Schreck, körperliche
Aufregung und Überanstrengung. Es war aber kein momentaner Zustand; - es blieb
mit dem Bankier fürs erste, wie es war - er war ein geschlagener Mann. Mit
lächelnder Miene wäre, wie schon gesagt, der Bankier jedem vorherberechneten
Unglücksfall entgegengetreten; das Unvorhergesehene traf ihn mit vollster Wucht,
ohne dass er einen Schild zur Abwehr bereiten und vorhalten konnte. Tief sollte
diese kluge, klare Stirn in den Staub gedrückt werden.
    Die ersten Tage nach der Feuersbrunst hatte der unglückliche Mann mit seiner
Tochter in der Wohnung seiner alten Freundin, des Freifräuleins von Poppen,
zugebracht; und wieder einmal zeigte sich die alte Dame als seine treueste
Helferin in der Not. Sie konnte freilich dieses Mal nicht viel helfen; ihre
Ermahnungen, ihre Vorstellungen, ihre Vorwürfe prallten an der krankhaften
Apatie des Bankiers wie an einem Panzer ab; und es sollte noch schlimmer kommen
mit ihm. Vergeblich mühten sich auch die andern Freunde, die Geschäftsgenossen
des berühmten Geldmannes, ihm das Leben wieder von einer bessern Seite zu
zeigen, ihm die geretteten Fonds, den unerschütterten Kredit in die Erinnerung
zu rufen. Der Kranke hörte ihnen stumpfsinnig lächelnd zu, schüttelte den Kopf
und fing wieder an, an den Fingern zu zählen und das Einmaleins herzusagen.
Stundenlang konnte er so sitzen und in einen Winkel starren, teilnahmlos für
alles, was um ihn her vorging, teilnahmlos für die Bekannten, die Kollegen von
der Börse, teilnahmlos für die alte Juliane, teilnahmlos sogar für seine
Tochter, die arme, bleiche, weinende Helene. Man griff zu einem neuen Mittel.
Man mietete ihm in der Kronenstrasse eine Wohnung - dem Hause der Baronin von
Poppen gegenüber -, man richtete ihm daselbst ein elegantes Geschäftszimmer ein;
- er weinte, als man ihm seine Firma auf dem blanken Messingschild an der Tür
zeigte; er setzte sich vor das grosse leere Hauptbuch, welches man ihm auf den
Arbeitstisch gelegt hatte, stützte das Haupt mit den Händen und weinte - weinte
bitterlich. Es sollte aber noch viel schlimmer kommen; die Verwirrung seines
Geistes hatte noch lange nicht den höchsten Grad erreicht; die fixe Idee, dass er
sich und seine Tochter nicht mehr ernähren könne, dass er den Hungertod sterben
müsse, griff immer mehr in seinem kranken Hirn Platz und zeigte sich auf die
seltsamste, traurigste und verschiedenartigste Weise. Wir werden leider damit
noch mehr zu tun haben und brechen hier ab, um den Leser zu dem zweiten Ort der
Schmerzen zu führen. -
    Dunkel war der Hof von Nummer zwölf der Musikantengasse, noch dunkler fast
die niedere Wohnung, deren Fenster auf den engen Raum gingen, wo einem der Hut
vom Kopf fiel, wenn man nach dem Stückchen blauen Himmels über den Dächern sehen
wollte. Aber wieviel Sonnenschein hatten die guten Menschen, welche hier
wohnten, in diese dämmerigen Räume hineingetragen! Diese dunkeln Wände hatten
oft heller geglänzt als königliche Säle voll unzähliger Wachskerzen. Da war ein
Winkel hinter dem Ofen, ein Winkel, in welchem ein uralter Lehnstuhl stand, und
Winkel und Lehnstuhl hatten einen Schein von sich gegeben, der mit nichts zu
vergleichen war. Jeder Gegenstand in der Wohnstube, der Werkstatt, den Kammern,
der Küche hatte sein eigenes Leuchten gehabt; echtester, wahrster Goldglanz
hatte den Hammer, den Topf, den Kessel umspielt, Fluten von Licht hatte der
ärmliche Spiegel über das Gesichtchen Luise Tellerings gegossen - nun sollte
alles erlöschen, alles in die tiefste Finsternis versinken. Wie die Hand der
Frau Anna das verdunkelnde Tuch über den Käfig des Kanarienvogels hing, damit
der kleine fröhliche Sänger den kranken Meister nicht auch noch störe im
qualvollen Fieberschlummer, so warf das Geschick den schwarzen Schleier über das
ganze arme Hauswesen.
    Mit gesträubten Federn und eingezogenem Köpfchen sass der Vogel auf der
Stange und wunderte sich über die lange Nacht, welche gar kein Ende nehmen
wollte, und ebenso verstört, verschüchtert, aber viel schmerzenreicher sassen
Mutter und Kinder der Familie Tellering um das Lager des unsäglich leidenden
Hausvaters. Verstummt waren die hellen Stimmen; der kleine Vogel sang nicht
mehr, Ludwig sang nicht mehr, Luise sang nicht mehr. Der alte Mann erduldete die
grössten körperlichen Schmerzen, welche es gibt, die Qualen, die das Feuer dem
menschlichen Leibe zufügt, und die treueste Pflege konnte diese Pein nicht im
mindesten lindern, sowenig wie die Kunst des Sanitätsrats Pfingsten es
vermochte. Nur Mannesmut konnte hier helfen, und mit dem Mut des Mannes trug
Johannes Tellering, was ihm auferlegt worden war.
    Gewöhnlich erdulden die niedern Klassen körperliche Leiden und Anstrengungen
gewisser Art mit weniger Ausdauer als die höhern, da ihnen das moralische
Gegengewicht fehlt; aber hier war das nicht der Fall. Mit eiserner Kraft wehrte
sich der verstümmelte Greis gegen seine Schmerzen, und nur selten verkündete ein
leises Stöhnen den Seinigen, was er litt. Sie wussten es aber darum doch; denn
sie kannten den Mann, den Vater; und die alte Frau rief mehr als einmal, die
Hände ringend:
    »Schrei doch! schrei dich doch aus, Johannes! Es lindert - schrei dich aus.
O Gott, Gott, beisse die Zähne nicht so zusammen!«
    Aber Johannes Tellering schrie nicht; er lächelte sogar und ächzte:
    »Gute Alte - noch nicht! Vielleicht später!«
    Er hatte das Augenlicht verloren; aber hinter den geschlossenen wunden
Lidern tanzten noch immer die blutigen Flammen, in welche er geblickt hatte, ehe
er unter dem niederstürzenden Balken die Besinnung verlor. Alles trug der alte
Held standhaft, das vollständige Gegenbild zum Bankier Wienand.
    Mit einem Teile der Hausgenossenschaft von Nummer zwölf wurde die wackere
Familie durch das Unglück, welches sie betroffen hatte, noch fester verknüpft.
Zu allen Tageszeiten sprachen der Polizeischreiber Fiebiger und sein Robert in
der Hofwohnung vor, und der Schreiber war auf seine Weise ein unbezahlbarer
Trostbringer am Krankenlager; seine Gegenwart half der Familie, half dem
Leidenden über manche trostlosen Augenblicke hinweg. Von noch grösserm Wert aber
war für den Meister Tellering die Gegenwart des Sternsehers Ulex, der von seinem
Giebel niederstieg und halbe Tage lang neben dem Bette des Meisters sass. Der
Gelehrte und der Handwerker verstanden sich vortrefflich; - ein grosses Stück
Phantasie steckt im Volk und in der Philosophie, und damit bewegen beide alles,
was sie erfassen. Zu den höchsten Höhen des Reichs der Geister vermag die
ungeschulte Phantasie des Volkes sich zu erheben; nieder zu den Kindern und
Einfältigen kann die echte Philosophie steigen; sie stehen ja doch beide vor
denselben unlösbaren Fragen - Immanuel Kant, der Königsberger Professor, wie
Jakob Böhme, der Görlitzer Schuster. Mit dem armen Meister Johannes hob sich der
dichterische Denker über die Finsternis und den gewaltigen Schmerz empor zu
jenen Regionen, in welchen es keine Finsternis und keine Schmerzen gibt. In den
Momenten verhältnismässiger Ruhe, welche dem Verwundeten zuteil wurden, erzählte
der Gelehrte dem Handwerker von jenen philosophischen Helden der klassischen
Welt, welche den Schmerz durch Willenskraft gebändigt, welche Armut, Sklaverei,
den furchtbarsten Tod mit stoischem Gleichmut ertragen hatten. Der Mann der
harten Arbeit begriff vollständig, wenn Ulex von jenem Teramenes sprach,
welcher den Giftbecher lächelnd leerte und dabei sagte: dies sei dem schönen
Kritias - seinem Hauptankläger - zugetrunken. Wie fest fasste Johannes Tellering
die Hand des Sternsehers, als dieser vom Sokrates erzählte, wie der sich gegen
die Richter wandte, nachdem er sein Todesurteil vernommen hatte: »Wohlan denn,
wir gehen nun jeder seines Weges; ihr an eure fernem Geschäfte, ich zum Sterben;
aber die unsterblichen Götter wissen, wem das Beste zuteil geworden ist!«
    »Es ist ein grosses Drängen in der Welt«, sagte der Sternseher, »was uns
nicht gewaltig stösst und quetscht, das zupft uns wenigstens. Wann gehen wir den
Weg, den wir gehen wollen? In der Jugend achten wir nicht darauf. Solange das
Blut frisch durch die Adern rinnt, folgen wir dem Zuge des Blutes; aber nachher
...?! Drei Cherubim, drei Engel des Todes, gibt es, Schaddai, Uriel und Adonai,
vor ihnen müssen alle Engel des Lebens, alle Seraphim, die glänzenden Flügel
zusammenfalten; aber auch die Todesengel stehen nicht am Ende der Dinge: über
allen Göttern sitzt Gott. Wer ist glücklich? Es war einmal ein grosser Feldherr
und zugleich ein tugendhafter Mann in einer verderbten Zeit, Phokion hiess er und
war aus der Stadt Aten in Griechenland; - niemand hatte gesehen, dass er weinte,
niemand hatte gesehen, dass er lachte; man behauptete, der Mann sei glücklich.
Noch einen andern hat's gegeben, der wollte mit den Göttern um die
Glückseligkeit streiten, vorausgesetzt, dass er Wasser und Brot hätte - man hat
ihn später viel verlästert, er war sehr gut und sehr weise, Epikuros hiess er.
Lieber Meister Johannes, der Himmel ist uns in jedem Augenblick, an jedem Orte
gleich nah und gleich fern; - der rechte Mann berührt ihn auch in der dunkelsten
Stunde mit der Hand, und keine Erdenmacht ist imstande, ihm das kleinste Stück
davon zu entreissen. - Es gibt soviel Trost in der Welt, Meister, und ein nicht
gering anzuschlagender liegt in folgendem, welches vor fast zweitausend Jahren
gesagt wurde.«
    Der Sternseher zog das »Encheiridion« des Epiktet aus der Tasche, blätterte
einen Augenblick darin und paraphrasierte dann dem Kranken das dreiundzwanzigste
Stück:
    »Bedenke immer, das Leben sei dir gegeben, wie dem Schauspieler eine Rolle
im Drama vom Dichter gegeben wird. Spiele sie ab, wie sie der grosse Poet
geschaffen hat - kurz, wenn sie kurz, lang, wenn sie lang ist. Wenn dir die
Rolle eines Bettlers gegeben wurde, so agiere sie, so trefflich du irgend
vermagst; ebenso, wenn du mit der Rolle eines Kranken, eines Mannes der
Schmerzen bedacht wurdest. Der Fürst muss den Fürsten spielen, der Plebejer den
Plebejer. O Mitbruder auf der Bühne dieser Welt, unsere Sache ist's, die
übergebenen Rollen gut darzustellen; ein anderer, Höherer, Mächtigerer, der
grosse Dramaturg des Universums, teilt sie aus. O lieber Meister Johannes, es
bekommt ein jeder den rechten Teil am gewaltigen Drama, und für jeden fällt
einmal der Vorhang. Dann gibt ein jeder zurück, was ihm zur Ausführung seiner
Rolle gegeben war: der König den Purpurmantel und die goldene Krone, der Bettler
den Bettelsack und den weissen Stab; den schweren Sack der Schmerzen wirft der
Kranke und Elende in den Winkel, und wer seinen Teil am Stück gut gemacht hat,
der -«
    »Wird Ruhe haben!« sagte der alte Handwerksmann mit seiner gewöhnlichen
Stimme, die nur ein wenig bewegter als gewöhnlich klang. »Ja, Herr, ich danke
Ihnen aus dem Grunde meines Herzens für die Mühe, die Sie sich mit mir geben.
Aber glauben Sie auch fest, es müsste wunderlich zugehen und noch viel schlimmer
kommen, wenn ich nicht über dies alte Knochengerüst Herr bliebe. 's ist mir nur
um meine Alte, die Luise und den Jungen, die quälen sich mehr als ich. Ich kann
ihre Gesichter nicht sehen; aber ich weiss es, ich fühle es an ihren zitternden
Händen, ich merke es an ihrem Atmen. O Herr, ich habe doch eine recht schwere
Rolle zu spielen.«
    »Nicht die schwerste, Meister«, sagte der Sternseher. »Gedenkt an den Mann,
in dessen brennendem Hause Euch dieses Unheil betroffen hat, denkt an den
Bankier Wienand.«
    Der Kranke liess die erhobene Hand schwer herabsinken:
    »Es ist wahr. Gelobt sei Gott, dass das nicht auf mich gefallen ist. Wenn ich
daran denke, so murre ich nicht mehr. O Herr Ulex, und das war doch solch ein
starker, solch ein kluger Mann; - was sind wir in dieser Welt?«
    »Da war im siebenzehnten Jahrhundert in Kopenhagen an der deutschen
Pfarrkirche zu Sankt Peter ein alter Pastor Johann Lassenius, der sagt in einem
Buch: Ich weiss nicht, ob ich das Leben mehr ein sterbendes Leben oder einen
lebendigen Tod nennen sollte!« antwortete der Sternseher. »Ach, Meister
Johannes, die Menschen, welche uns am meisten aus einem Guss zu sein scheinen,
die brechen oft am leichtesten.«
    »Ganz recht, Heinrich«, rief der Polizeischreiber, der, vom Büro kommend,
sogleich in die Kammer des Schreiners guckte. »Solche alte gesprungene und
wieder genietete, gekittete, mit Draht umwundene Töpfe halten am längsten, das
weiss jede Hausfrau. Meister Tellering, wir sind alle drei solche desolaten
Töpfe; haltet nur den Kopf, ich hätte beinahe gesagt den Deckel, in die Höhe; es
kann noch manche Suppe in uns zum allgemeinen Besten gekocht werden.«
    Der Kranke schüttelte den Kopf und sagte leise:
    »Ich für mein Teil glaube es nicht; mit mir ist's aus, und kein Kitten und
Löten wird mehr helfen.«
    »Ärgert mich nicht, Tellering«, brummte der Schreiber. »Man hat doch schon
Ärger genug in diesem Jammertal.«
    Den Glauben an Wiedererlangung der Gesundheit konnte keiner der Freunde dem
Schreiner wiedergeben; er fühlte zu gut und sicher, dass ein so gebrochener,
zuckender Körper wie der seinige den Kampf nicht allzu lange mit Schaddai, Uriel
und Adonai, den Todesgewaltigen, aushalten werde. Und eines Abends rief er,
nachdem er Frau und Tochter fortgeschickt hatte, damit sie »einmal frische Luft
schnappten«, seinen Sohn dicht an sein Lager und fasste seine Hand:
    »Höre, mein Junge, ich habe dir etwas zu sagen, was die Weiber noch nicht zu
hören brauchen. Manchen Sarg haben wir zusammen angefertigt, und du hast längst
das unbehagliche Gefühl überwunden, welches dich beim ersten an den Nackenhaaren
packte. Lieber Junge, wir haben manchem Fremden, aber auch mehr als einem
Nachbar und guten Freunde das letzte Haus gezimmert; bei dem, welches du jetzt
bauen sollst, werde ich dir nicht helfen können; aber es muss doch fertig werden.
Es stehen drei gute Bohlen in der Werkstatt neben meiner Hobelbank; du hast mich
oft gefragt, weshalb wir sie nicht verarbeiteten. Jetzt will ich dir's sagen:
Die drei Bretter sind für mich - es sind wackere Bretter ohne Äste und Würmer,
und sie haben mir schon manchen guten Dienst im Leben erwiesen und mich von
mancher Dummheit abgebracht. Sie haben einen so schönen hohlen Klang, und wenn
man mit der Faust daran schlägt, kann man sich dabei allerlei denken. Oft, wenn
mich der Zorn überkommen wollte oder der Neid oder die Unlust, wenn ich zuviel
Arbeit hatte oder zuwenig, hab ich daran geklopft und mir das Meinige gedacht.
Sie werden grad reichen zu meiner Länge - fünf Fuss drei Viertel. Mach dich dran,
Ludwig; aber - das Heulen lass unterwegs, und zu überarbeiten brauchst du dich
auch nicht; so sehr drängt's nicht; der schwarze Kasten, den wir zimmerten in
der Nacht, als uns die kleine Marie zum Bahnhof holte, musste schneller fertig
werden.«
    »O Vater, lieber Vater!« schluchzte der junge Handwerker, die zitternde Hand
des Alten mit heissen Tränen benetzend.
    »Du bist immer ein guter Sohn gewesen, Ludwig. Ich kann's dir jetzt wohl
sagen, du bist meine Freude und mein Stolz. Gott wird dir auch noch alles Glück,
was du brauchst im Leben, geben, und die kleine Marie wirst du auch
wiederfinden; - aber deine Mutter und deine Schwester darfst du nie verlassen.
Stelle dir auch drei solche Bretter in den Winkel und schlag stellenweise mit
der Faust darauf - es ist ein Klang, der tief in die Seele geht. Da kommt die
Alte schon wieder - ruhig Blut, Mann, wisch die Tränen ab; die Weiber werden
sonst wunder denken, was wir miteinander vorgehabt haben.«
    Mit ganz fröhlicher Stimme rief der tapfere Greis der Frau Anna und der
jetzt so bleichen Luise entgegen und verkündete ihnen, wie er sich
augenblicklich recht wohl fühle. Die alte Frau küsste die blinden Augen ihres
Ehemanns und dankte dem Himmel für den guten Mut, den ihr Johannes hatte. Luise
aber suchte fragend das Gesicht des Bruders, und dieser war lange nicht genug
Meister in der Verstellungskunst, um ihr alles zu verbergen, was seine Seele
bewegte.
    Wir haben gesagt, die Feuersbrunst habe drei vor allem Unglückliche gemacht;
zwei derselben haben wir dem Leser gezeigt; von dem dritten Unglück dürfen wir
in diesem Kapitel nicht sprechen; es gehört nicht zu denen, vor welchen man den
Hut abnimmt oder vor denen man wenigstens scheu zur Seite tritt; es geht mehr
auf dem Sokkus als auf dem Koturn einher.
 
                              Achtzehntes Kapitel
  Schreckliches Unglück des Fräuleins Aurora Pogge. Der deklamierende Künstler
          Herr Julius Schminkert begeht eine entsetzliche Indiskretion
Der Mond schien bleich in Rutvens Angesicht, das heisst, er beleuchtete, seinen
Schein mit dem eines in eine Flasche gesteckten Dreierlichts vermischend, das
heitere Gesicht Julius Schminkerts, welcher seit einiger Zeit, das heisst seit
dem Brande, ungemein häuslich geworden war. Die frühere »geniale Elastizität«,
auf die er sich soviel zugut tat und welche sonst sich bei ihm, zum grossen
Verdruss manches ehrlichen Mannes, mehr nach aussen hin betätigt hatte, schien
sich jetzt mehr der innern Teile seines Wesens bemächtigt zu haben. Seit der
grossen Feuersbrunst brachte Julius nicht mehr jede Nacht zu zwei Dritteln
ausserhalb des Hauses zu.
    Er studierte! - -
    Ja, er studierte mit allem Nachdruck, dessen ein Charakter wie der seinige
fähig war.
    Er studierte das Tagebuch des Fräuleins Aurora Pogge; und so sehr
beschäftigten ihn die inhaltvollen Blätter desselben, dass er an nichts anderes
zu denken vermochte, als was sich aus diesem himmelblauen Buch mit den
schnäbelnden Tauben lernen und - was für ein Nutzen sich daraus ziehen liess.
    Wer ihn gesehen hätte, wie er sass, wühlend in den wallenden Haaren, Seufzer,
unartikulierte Töne des höchsten Behagens, des Erstaunens und der allerhöchsten
Verwunderung ausstossend, der hätte sich mit Recht ebenfalls verwundert. Der
Schüler des Adepten, dem in des Meisters Abwesenheit das grosse Buch der
Geheimnisse, der Schlüssel und Dietrich aller Kräfte über und unter der Erde in
die Hände fiel, musste so ausgesehen, so in den Haaren gewühlt, solche Töne von
sich gegeben haben. Es war aber auch ein Buch der Geheimnisse in die Hände
Julius Schminkerts gefallen, und er schmeichelte sich, besser damit umgehen zu
können als jener unglückliche Zauberlehrling, der mehr Geister beschwor, als er
bändigen konnte. Was für Erfahrungen waren in diesen unortographisch
beschmierten Blättern niedergelegt! Über Diesseits und Jenseits, über die Nummer
zwölf und jede andere Nummer in der Musikantengasse, über das Nächste wie das
Fernste, über das Höchste wie das Tiefste liess sich Aurora Pogge aus. Seine
eigene nicht besonders schmeichelhafte Charakteristik fand Herr Julius
Schminkert neben der eingehenden, wenn auch grade nicht liebevollen
Charakterzeichnung der schönen und angenehmen Angelika Stibbe.
    Die junge Dame schien, gleich dem grössten Teil der übrigen Menschheit, nicht
sehr hoch, ja noch eine Stufe niedriger als alles andere in der Achtung der
Memoirenschreiberin zu stehen. Übertrieben treu ward über ihr Tun und Lassen,
ihr Reden und Gebaren, ihren Gang, ihre Haltung und Kleidung, ihre Frisur, ihr
Kopfschwenken, Lächeln, Lachen, ihren zu grossen Fuss und ihre zu kleine Nase Buch
geführt. Der geflügelte italienische Buchhalter im Büro des Jüngsten Gerichtes
konnte nicht schärfer Achtung geben auf die Erde und ihre Bewohner, als Fräulein
Aurora Pogge acht hatte auf das Haus Nummer zwölf in der Musikantengasse und die
Musikantengasse selbst.
    Jeder Mann und jedes Weib bekam sein Teil: der Polizeischreiber Friedrich
Fiebiger wie Robert Wolf, der tailleur de Paris Alphonse Stibbe wie seine
Tochter. Auch über den Hausbesitzer und Rentier Herrn Mäuseler konnte man
manches in diesen Ergiessungen einer schönen Seele lesen; Makaria - Aurora Pogge
redete aber gut von ihm; wir - wissen nicht weshalb.
    Alle Augenblicke sprang Julius Schminkert von seinem Sitze auf, um eine Art
von indianischem Tanz um den Tisch, das Dreierlicht und das Manuskript zu
beginnen. In den seltsamsten Körperverrenkungen musste er seiner Seelenaufregung
Luft machen, und der Schreiber sowie Robert Wolf nebenan hörten dem Lärm,
welchen er dabei hervorbrachte, mit Verwunderung zu. Der Deklamator besass
Selbstüberwindung genug, um fürs erste niemand an seinem Jubel, seinem Ärger
teilnehmen zu lassen. Er wusste genau, was für ein Gebrauch im gegebenen
Augenblick von diesem blauen Buch den übrigen Hausgenossen, der Verfasserin und
vorzüglich dem Vater der lieblichen Angelika gegenüber zu machen war; und für
jetzt zeigte sich seine Schlechtigkeit klar in der teuflischen Freude, die er
über die Verzweiflung der Schriftstellerin in der Beletage hatte.
    Als die Pytagoreerin Periktione ihr bezauberndes Buch »Über die Harmonie
des Weibes« schrieb und dasselbe ihrem hellenischen Buchhändler in Verlag gab,
hatte sie gewiss keine Ahnungen von den Disharmonien, welche der Verlust eines
Tagebuchs in einer edlen Frauenseele erregen kann. Aurora Pogge trug den Verlust
ihres Manuskriptes, wie eine Tigerin den Verlust ihres Jungen erträgt. War sie
vorher kein Engel, so wurde sie jetzt zu einem wahren Dämon und fing an, in der
Dunkelheit schweflicht zu leuchten. Zu einer Nachtwandlerin wie Lady Macbet
wurde sie, und mehr als einmal wurde sie von dem halben Leibes über das
Treppengeländer hängenden Julius Schminkert beobachtet, wie sie in der tiefsten
Stille der Nacht mit einer Lampe umherschlich und dunkle Winkel durchstöberte.
Der Immermannsche Hofschulze, das Schwert Karls des Grossen suchend, war nichts
gegen Fräulein Aurora Pogge auf der Suche nach dem himmelblauen Buch mit den
sich schnäbelnden Tauben. Die Vorstellung, wieviel Injurienprozesse entstehen
würden, wenn diese Gedenkblätter in die rechten Hände fielen, brachte sie fast
um den Verstand. Sie machte das Unmögliche möglich und wurde noch magerer, als
sie bereits war. Hulda, die Camerista, die sich so manches Jahr in Geduld gefasst
hatte und welche viel ertragen konnte, sagte den Dienst auf; was und wie die
Arme im Leben gesündigt haben mochte, durch die im Dienste Auroras verbrachten
Jahre hatte sie alles reichlich, überreichlich abgebüsst. Selbst die Katze, die
doch vor allem einen weichen Platz in dem sehr mangelhaft gepolsterten Herzen
Auroras innehatte, hielt es in der unmittelbaren Nähe ihrer Herrin nicht mehr
aus; sie wurde gesehen, wie sie mit gesträubtem Haar, kümmerlich, nachdenklich,
melancholisch auf dem Treppengeländer sass und wehmütig-resigniert den schönen
Schwanz herabhängen liess. Es gehörte ein gutes Nervensystem dazu, dem Fräulein
Pogge jetzt unbewegt entgegenzutreten; grässlich war die Gemütsstimmung der Dame,
heillos ihre Angst, grauenhaft ihre Wut, entsetzenerregend ihr Anblick. Der
junge Ehemann auf der andern Seite der Musikantengasse, grad den Fenstern
Auroras gegenüber, hielt den ganzen Tag die Vorhänge niedergelassen, damit das
Gesicht des Gegenübers seine kleine Frau nicht zu Tode erschrecke und kaum
auszudenkendes Unheil hervorbringe. -
    Während der Weise im Giebelzimmer des Nikolausklosters in gewohnter Art nach
seinen Sternen sieht; während der Mann aus dem Lärm der Gassen, Friedrich
Fiebiger, sich träumerisch in die Wolken seiner letzten Abendpfeife hüllt;
während Robert Wolf mit dem Achilleus den hellumschienten Achaiern zürnt und
zwischen den Zeilen, den volltönenden Versen, immer an das schöne bleiche
Gesicht denkt, welches heute zum erstenmal auch an dem Krankenlager des Meisters
Tellering erschienen war, an das Gesicht Helene Wienands - während der Meister
Johannes auf seinem Lager unendliche Schmerzen leidet; während das Freifräulein
Juliane von Poppen die Nachtmütze aufsetzt und noch einmal den Kopf schüttelt
über ihren armen Geschäftsfreund, den Bankier Wienand; während Helene Wienand in
der Kronenstrasse unsäglich angstvoll auf den ruhelosen Schritt im Nebenzimmer
horcht: während alledem wollen wir Herrn Julius Schminkert über die Schulter
blicken, um einige Stellen aus dem Manuskripte Aurora Pogges unserm eigenen
Manuskripte einzuverleiben. Wir lernen daraus, dass andere Leute die Personen
unserer Geschichte anders ansehen als wir selbst.
    Beim idealen Lichte Lunas und beim realistischen Schein des zerfliessenden,
qualmenden, stinkenden Talgstümpels beginnen wir unsere Blumenlese und wissen
wie Kinder auf der Wiese nicht, wohin wir zuerst greifen sollen, so reich ist
das Feld, zwischen dessen Früchten wir die Wahl haben.
    Auf gut Glück! Da steht in fester Handschrift, wenn auch die Rechtschreibung
manches zu wünschen übriglässt:
    »1 April. Das heilige Abentmal genossen in der Furgt des Herrn. Alle eure
Sorge werfet auf ihn, er wirds wohl machen. Mamsell Stibbe wieder mit einem
neuen Hut. Hochmuht kommt vor dem fall. Naseweiser Blick der dummen Triene. Dir
wirt's auch noch gezeigt werden. Kalbfleisch 4 Groschen das Fund, wobei kein
Mensch bestehen kann. Hulda im Verdacht von wegen Schwenzelpfennige - wäre zu
arg doch. Abends Tee und Madamen Mollenkopf.
    5 April. Heute waren der Herr pastor Notzwang von der Sankt Mattaikirche
bei mich: - ein rechter Leuchter des Herrn. Schokoladeh. Betrachtungen über die
Sindhaftigkeid der Menschheid und vorzühglig der niedern Stände. Dem Herrn
Pastor die Tür gewiesen vom alten hochnähsichen Tischler im Hofe. Pack!!!
Freches Volk alle miteinander; Herr Rentier Mäuseler sollde kurzen Prozes mit
sie machen. - Mimi unartig gewesen. Gescholden mit Hulda. ragout für Mimi.
    Nodhabehne. Ist der junge Strolch, welchen der alte schreiber zu
Wintersanfang ins Haus gebracht hat, der unnatürlige Sohn des alden Fiebicher?
Heulsahme Betrachtunchen über die Lasterhafdigkeid der Menschheid.
    8 April. In der Matiaikirche Herr Pastor Notzwang wie ein Engel Gottes
geprediget. In Schmolkes Hauspostile gelesen. grosse Erbauung. Ärger über die
Schneidertriene, welche mich nachlacht, als ich aus dem Haus will. Was sich die
Person einbilted! Aber 's ist noch nicht aller Dage Abend und der Krug geht so
lange zu Wasser, bis er briecht. Bielded sich was ein auf ihr Lärvgen - Affe!
Betrachtungen über Gottes Langmut. Viehsaviehs Cigarrenladen Bankerot gemacht;
erinnert mich am 25 September vergangen Jares Feifenasche auf den Kopf als ich
aus dem Fenster sehe; verbitte mich das - dagegen unhöfliches Benehmen und
Antword des Herrn Polizeischreibers Fiebger. Das will Bolihzei sein!
    4 Uhr Nagmittags. Mimi hat einen blumentopf mid Krauseminze aus dem Venster
geworfen, einen jungen Mann, auf den Kopf. Hut auf die Nahse. Tud mir Leid,
aber abscheiliches Benehmen des jungen Mannes, - rühdes Eindringen in die
unbeschitzde wohnung einer schuzlosen Jungfrau. Muss den Hud bezahlen, kriege das
Zittern in die Bein - Füsse. Krämpfe!!!
    Notahbeneh Krampfstillendes Mittel.
    991/2 Tropf. Arrak deh Goah oder Rhum.
    1/2 Lot Zucker
    Edwas Zitrohnensaft
    Muss alle finf Münuten wiederhohlt werden.
    10 April. Begriessung und unterhaltung mid Herrn Partiküliegeh Mäuseler.
Sehr feingebildeter und feiner Mann. Weiss eine Dame zu erkennen; steht unter dem
pantoffel seiner Haushälderin. Was die kreatur sich einbilded! Betrachdungen
über das sichfindenderseelen.
    Nächtliche Erweckung durch den Bummler Schminkert. Kommt betrunken nach Haus
fällt auf der Dreppe. Höchst arrogahnter, lümmelhafter Gesell, der längst im
Zugtause sitzen sollte, wenn die Polizei besser wäre. Männliches Pandang zu
Fräulein Angelika Stibbe.
    Konnte nicht wieder einschlafen. Werde morgen früh Herrn Rentier Mäuseler
ein Viesite machen von wegen des Hanswursts des Schminkerts. Vergleich des
Herrn Mäuseler mit dem albernen Schneider barterre. Was doch manche Menschen für
eine Meinung von sich haben - Taljeur deh Paris! wird mir jedesmahl übel zu
Mut, wenn ich bei dem Fips vorbeigehe. - Angstvolle Betrachtunchen über das
steigen und Sinken der wertpapire. Nun wir stehen Alle in Gottes Hand. Will
morgen den Herrn Renntier um seine Ansigt von die Nordbahnactien fragen.
Beschlossen für die Mission unter die schwarzen Indianer drei Paar wollene
Socken zu stricken. Der Herr wird die Gabe der Jungfrau ansehen.
    20 April. Der strolch ist wirklich der natürliche oder unnatürliche Sohn des
Schreibers Fiebiger. Herr, Du lassest Deine Sonne scheinen über Jerechte und
Ungerechde! Hätte das doch nicht gedacht! Die Mutter war eine Bäckerstochter aus
der Rosenstrasse und hat sich ins Wasser gestürzt. Der alte Sünder ist bei die
Bolizei; da hackt keine krähe die andere die Augen aus, und Mancher klemmt sich
da den Finger nicht, wo ihn Mancher sich klemmt.
    2 Mai. Beim Knopfmacher Semper drüben ist das achte Kind angekohmen. Das
folk muss doch auch der Regierunch übern Koppf wachsen. Was für ein Ende will das
nehmen? Zähle in diesem augenblick vom Fehnster aus einundzwansig Rangen in die
Gasse!!!
    Eben der rechnungsrätin Huggendubel zugenickt - nicht wieder gegrüst.
Abgeschmackte Perschon, ihr Vater war Kalfacter im Viehnanzministerium.
Plebbs!!!
    Besuch des Herrn Pastor Drönemeier. Madehra und Bisqwit. Erbauliche
Betrachtungen über das Verbrechen so im Finstern schleichet. Ob ich nichts weiss
über den Mann hinten im Kloster, den alten Ulex? Und ob! Hexenküche im
Niclasklohster! Zauberhöhle. 's ist aber nichts so fein gesponnen, es Komt
entlich ans Ligt der Sonnen. Was da ausgebrütet wirt vom alten Ulex und dem
alten Fiebicher und dem alten Hinkefräulein das mag was Schönes sein. Das sie
falsches Gehld machen, glaube ich nicht; dass sie aber an nichts Guten sinnd,
weis ich siecher. Madam Mollenkopf meint, sie sagten aus den Sternen wahr, madam
Strauss meind, sie machten eine grausame Maschinehrie, ein Perpedibum nobile. Das
mag mich auch ein nobeles geschafft sein. Fräulein Jöre meint, sie stellten sich
und Andere das Stereoskrop, und ich glaube, sie tun allesmiteinander und nog
viel Schlimmres dahzu; ich mach gar nicht dran denken. Den jungen Strolch des
Schreibers verführen sie auch, er liecht tag und nacht im Kloster - son
unglickliches Wurm!
    9 Mai. Besuch vom hern Parhtikübliegeh Mäuseler, Sehr erfreid. Gans
scharmanter Mann! Weiss was es ist um eine unbeschitzste Junckfrau. Schade dass
son Mann von solchen Tier von Würdschafterin zu Tot geqwält wird. Beruhigung
von wegen die Eisenbanahcttzien. Inderessant zu erfahren, wie mann die Feifen am
behsten reinicht.
    10 Juli. Grosse scene im Barterr. Schneider Fips in Wudh, Barohn
Schleifenbein Durchgebrand mit unbezahlte Rechnung. Ausserdem wigtige entdekkung
von mich gemacht: Schauspielerlumpp aus die Dachkammer macht geputzten
naseweisen Gans unten, Angelikah Stibbe den Hof. Mitleidiges Gefil mitn armen
Stibbe. Sollte so hart doch nicht gestrafft werden.
    20 Juli. Hulda hat gehört es spuke wieder hinten vom kloster her.
Unterirrdischer Gang bis in unser Haus, wo weiser Mönch und schwarze Nohne
umgehen. Vorne Schneidertriene, nägtliges Rumoren hinten. Mimis Unruhe in die
Nacht. Miauzen. Herzspann.
    Notabehne. Eine verlassene Jungfrau ist ein einsahmes unglückliges Wäsen!
    21 Juli. Der junge musikande im Eckhaus hat sich todgeschossen. Auch das
noch! Viel Schlimmes gehört an diesem Tage. Wird gegen des Herrn gebod wien
ordendlicher Krist begraben und komt nicht nach die Anatomie und in Sphiritus!
Ansicht des Herrn Pastohr Notzwang darüber. Konnte die ganze vergangene nagt
nicht schlaffen. Mimi sehr unruig.
    22 August. Wenn der Schauspieler nichd auszieht, so ziehe ich. Unerträgliger
Lerm in der Nacht. Kopfweh und Mihgrähneh. Besuch beim Herrn Renntier Mäuseler
(natürlich im Begleitung von Hulda) Liebenswürdiger Mann - gut conversirt für
seine Jare. Will sehen was mit dem Lumpp zu machen ist. Lumpp soll aus dem
Hause. Begegne in die Hausflur beim Ausgehen aufgedonnerte Schneidermamsell.
Ponsoseidenes Kleid, weiser seidener Schwal o deh mil flöhrs. Kann mir nicht
entalten, lasse ein Wort fallen von schminkert und was ich weiss. Gesichd was
die Krabbe macht, denke an Giffd dabei. Warte nur, wolln schonst nen Stecken
dabei stecken.
    23 August. Krank!!! Totkrank vor Ärger Schrecken. Abscheilich, abscheilich.
Krank im Bett, Mimi auf die Füsse. Komme gestern Abend nach ölf Uhr aus die
Betstunde, steiche die Drepp hinauf - weisse Gestalt mit feurige Augen -
Ohnmacht! Erwache in die Ahrme von Fräulein Stibbe und das ganze Haus. Stehen
alle um mich und lachen. Gans lacht, Schneiderbock lacht, Bolizist Fiebicher
lacht, natürlicher Sohn lacht, - Histehriohne lacht auch. Kein Gespenst mehr zu
sehen; schwazen alle auf mir ein, schreie ich nach Hulda nach Hausher, kommen
entlich angestirzt und reissen mich aus die Hände von die Rotte Mörderrotte,
auswurf von der Menschheid. - Werde von Hulda zu Bett gebracht - Krämpfe,
Weinekrampf ganze Nagt, Doctor geholt - werde sterben dran. Am Morgen von Hulda
ein hohler Kirbüs mit Augen, Nahse und Mund im Kellerhals gefunden und an mein
Bed und zu Herr Mäuseler gebracht.
    Histehrione muss weg, boshaftiche grinsende Schneidertriene muss weg,
Schneider muss weg, Strolch muss weg, Bolizei muss auch weg. Alle müsen aus dem
Hause.
    Nodapeneh. Krampfstillendes Mittel:
    Schlage ein ei zu Schaum und in ein Glas Franzbrandewein, Zucker atlibedumm,
Vanillge, Wird heiss genommen.
    Nhodabene. So heiss als möchlig!!
    7 September. Kaffegesellschafd bei Frau Sekräterin Flenner. Weinerliche
Perschon dünner Kaffeh. - Zikorijen!! Arrogans von die jötzigen jüngern dämchen.
Soll wohl kratziöses Wäsen sein, wenn sieh naseweis sind gegen gereifdere Dahmen;
- Affen! - Allerlei erfaren. Strolch magt süsse Augen nach dem jungen Geschöppff,
die Togder von Banqwieh Wienand. Dreikähsehoch von Mägdchen mit Taubenblicke -
man kennd dass. Bei nachhausekunft von Hulda gehörd, das Histeriohne und
Schneidermamsell wieder eihn Rahngdefuss im Hausganck gehabt haben. Soll so wahr
ich das laben habe das letzte sein. Will Pinnsel von Vater die Augen öffnen, dass
ihn ein gantser Lightzieherladen aufgehen soll. Alter Donjuhan von
Bolizeischreiber ist mir auch wieder in stichdunkle nacht mit dem alden lahmen
Freilein von Poppen begegend; der Her Pastor Drönemeier« - - - - - - - -
    Hier brach das Tagebuch ab. In der Nacht vom siebenten auf den achten
September war das Feuer in der Fabrik von Semmelrot und Kompanie ausgebrochen,
und aus dem Bette, auf den Vorplatz stürzend, hatte Fräulein Aurora Pogge, die
hagere Tochter des weiland so ungemein wohlbeleibten Proviantkommissärs, ihre
himmelblauen Seelenergüsse, ihre liebenswürdigen Aufzeichnungen mit allen sich
schnäbelnden silbernen Tauben aus dem Busen und dem Nachtrock an der Treppe
verloren.
    Der, welchem sie das süsse Büchlein am letzten gezeigt hätte, der Popanz
ihrer jungfräulichen Seele, der »Histeriohne« Julius Schminkert hielt es in den
teuflischen Klauen und hätte es, obgleich er den Wert von fünf Talern sehr wohl
zu schätzen wusste, um alle Reichtümer der Welt nicht herausgegeben. Mit diesem
Buche in der Hand liessen sich durch einen Schlaukopf wie er merkwürdige
Resultate erzielen. Was würde zum Beispiel Monsieur Alphonse Stibbe sagen, wenn
man ihm einige Bruchstücke, einige Epiteta, welche seine eigene achtungswerte
Persönlichkeit betrafen, daraus vortrüge? Was würde der »Bartikuglieh« Herr
Mäuseler zu einigen Stellen aus dem himmelblauen Buch sagen?
    »Es ist zu himmlisch! Es ist zu göttlich! Man sollte es nicht glauben, wenn
man es nicht schwarz auf weiss vor sich hätte!« rief der Schauspieler, mit der
Faust auf Auroras Schatzkästlein schlagend. »Wie das Weib losgeht! Alle Teufel,
wenn ich doch das Ding in der Lilie vorlesen dürfte! Aber sachte, Julius - wirf
dir nicht selbst den Milchtopf um; immer ruhig und bedachtsam, wir wollen das
Feuerwerk nicht am hellen Tage abbrennen. Hurra, die Schwärmer, Frösche,
Feuerräder und Raketen! Wenn nur nicht die ganze Nummer zwölf und die halbe
Musikantengasse mit in die Luft fliegt!«
    Julius Schminkert hatte in der letzten Zeit immer mehr Terrain in dem
hochromantisch blühenden Herzen Angelikas gewonnen. Die Memoirenschreiberin
hatte in ihren Beobachtungen vollkommen recht: Angelika Stibbe schwärmte für die
leichtsinnige Lebensart des genialen Julius. Es lag doch Poesie und Schwung
darin! Angelika Stibbe liebte die Art, wie der deklamierende Künstler die
struppige Mähne aus der Stirn warf, und nicht weniger gefiel ihr sein blühender
Redestil und die Art der Mimik, mit welcher er seiner Rede Nachdruck gab.
    Sie hatten sich »Rangdefuss« gegeben, und - sie gaben sich ferner welche.
    Wieder einmal öffnete Julius Schminkert sein Fenster, sog die ambrosische
Herbst- und Nachtluft in die jubelnde Brust und sang in den Hof hernieder einige
Takte einer Opernarie, in welcher ein höchst verliebter Jüngling in Trikots,
Mantel und Federhut einer Donna sein Nahen verkündete.
    Nachdem er auf diese Art seine eigene Innamorata benachrichtigt hatte, dass
er noch in der Höhe vorhanden sei, schlich er in Pantoffeln die Treppe hinunter,
horchte mit teuflischem Grinsen an der Tür Auroras und schlüpfte aus der
Hintertür des Hauses in den Hof, der zu jetziger Stunde einzig durch einen
matten Schimmer des Krankenlämpchens des Meisters Tellering erhellt wurde.
    In einer Ecke dieses Hofes über einem Regenfass befand sich das keusche
Kammerfenster Angelikas, und wenn jemand dem Zuge seines Herzens folgte und auf
besagtes zugedecktes Regenfass trat, so konnte er grade mit Bequemlichkeit die
zarte weisse Hand fassen, welche ihm aus dem rosigverhangenen Kammerfenster
niedergestreckt werden mochte.
    Julius Schminkert kannte bereits die beste Art, sich auf die morsche Tonne
zu schwingen und sich mit übervollem Herzen auf dem gefährlichen Standpunkt im
Gleichgewicht zu halten. Er voltigierte, stand, balancierte, flüsterte Worte der
Liebe; - das Fenster erklang, leiseste Gegenflüsterungen durchzitterten die
Nacht. Mit glühenden Küssen bedeckte der Liebende die zarte weisse Hand der
äterischen Huldin, an welche er seine göttliche Seele verloren hatte. Und
währenddem lag der ahnungslose Papa, der Unvergleichliche, Herr Alphonse Stibbe,
der doch à Paris so viel erlebt und erfahren hatte, im tiefsten Schlummer, nur
geängstigt von einem Traum, in welchem er den Baron Schleifenbein im unbezahlten
Frack ausreissen sah, während er selbst festgewurzelt stand, die abgerissenen
Schösse des Fracks in der Hand.
    Und währenddem warf sich Fräulein Aurora Pogge, welche dem Tailleur das
Liebesverhältnis seiner Tochter noch nicht verraten hatte, ruhelos auf ihrem
Lager hin und her und kramte in Gedanken noch einmal alle Schiebladen, Kasten,
Kisten, Schränke, Ecken und Winkel nach ihrem verlorenen Tagebuch aus. Es war
gut, dass ihre Haare sicher auf einem Haubenstock neben dem Bette standen, sie
würde sie sich sonst jedenfalls ausgerauft haben. -
    »O mein Julio!« flüsterte eine Stimme parterre im Hofe, über der
Wassertonne.
    »O meine Romea - meine einzige, ewige Liebe, mein Engel, meine Angela,
Angelina, Angelika!« hauchte der Deklamator; und dann flüsterte die Schöne in
ganz veränderter Tonart:
    »Schminkert, ich weiss jetzt, wer dem grünen Jungen aus dem Walde, welchen
der alte Narr, der Fiebiger, aufzieht, das Herz gebrochen hat.«
    »Und wer, meine Seele?« fragte der Tragöde auf der Wassertonne.
    »Die Tochter des Bankiers, der seit dem Brande verrückt geworden sein soll -
Fräulein Wienand, die jetzt immer über den Hof zum alten Tellering zieht; der
Junge weiss jedesmal, wenn das kleine Ding kommt, und ist hinter ihr her, wie -
wie -«
    »Wie Don Julio Schminkertino hinter Donna Angelika Stibbelini - so geht's in
der Jugend. Magst übrigens recht haben, Scharfäugigste deines Geschlechts. O
Gott, Gott, du hast alles wohl gemacht; aber die Weiber hast du doch zu schlau
erschaffen. Na, ich will dem Mann der öffentlichen Sicherheit bei Gelegenheit
einen Wink geben über die Fährte, auf welcher sein Zögling jagt. Die kleine
Wienand jedoch ist ein reizendes Kind, ein allerliebster Wurm - wonnige Augen -
seelenvolle Stirn - himmlische Locken - ein Entzücken, eine Selig -«
    Ein Wasserguss aus dem Fenster der mit Recht empörten Angelika Stibbe
ersäufte beinahe den unbedachtsamen Jüngling auf dem Fasse, welcher für eine
solche Lobrede einer andern Zeit und Stelle wirklich sehr schlecht gewählt
hatte. Das Gleichgewicht verlor er ebenfalls; er stürzte, die Tonne stürzte, der
Deckel derselben brach - Gekrach, Geprassel - sich ergiessende Fluten trüben
stinkenden Wassers! Flucht des betäubten Julius ins Haus - treppauf - nasse Spur
die Stiegen hinauf bis ans Dach - erschreckte gespenstische Gestalten an
Fenstern und Türen! - - - - - - - -
    Bedenkliche Blicke wurden am folgenden Morgen, vorzüglich von dem weiblichen
Teil der Bevölkerung des Hauses, auf das umgestürzte Fass und das Fenster der
armen Angelika geworfen. Auch die feuchte Spur, welche sich die Treppe hinauf
verlor, verfolgte man mit Kopfschütteln und Kopfnicken, und der gute Ruf einer
gewissen jungen Dame bekam dadurch abermals ein bedenkliches Loch. Der
Schauspieler Julius Schminkert aber bekam den Schnupfen, und der Papa Stibbe
rückte ihm »auf die Bude«, verliess sie aber in besserer Stimmung, als man sich
vorstellen sollte - Julius hatte ihn bloss betrunken gemacht und noch nicht die
grosse Reserve, die Tagebuchsblätter Aurora Pogges, ins Gefecht geführt.
 
                              Neunzehntes Kapitel
                       Glänzende Fäden in dunkelm Gewebe
Wir haben aus dem Tagebuche Auroras erfahren, dass auch Helene Wienand - und zwar
in Begleitung des Freifräuleins Juliane von Poppen - sich am Bette des alten
Mannes, der in ihrem Vaterhause so grausam zu Schaden gekommen war, einfand. Sie
kam aus eigenem Herzenstriebe, sie kam aber auch auf Antrieb der mütterlichen
Freundin, welche es für gut hielt, dass ihr Pflegekind ein Unglück mit dem andern
vergleichen lerne, dass ihr Geist sich nicht einzig und allein an den kranken
Vater hefte. Am Bette des Meisters Johannes lernte Helene auch den Sternseher
Ulex und den Polizeischreiber Fiebiger kennen, und es entstand in kürzester
Frist eine tiefe wechselseitige Zuneigung zwischen ihr und dem Greise vom Giebel
des Nikolaiklosters. Die Art des Schreibers verstand sie für jetzt noch wenig,
und schüchtern hielt sie sich von ihm fern; sie musste ihn erst besser
kennenlernen.
    Starr wie eine Bildsäule blieb Robert auf der Schwelle stehen, als er zum
ersten Male Helene am Lager des Verwundeten sitzen sah. Welch einen Glanz gab
die dunkle dumpfige Kammer wieder! Brach der liebliche Schein, der in jedem
Gegenstand verborgen war, von neuem hell und lustig hervor?
    Ach, nur für Robert Wolf! Für die andern blieb das Gemach trübe und traurig.
Sie mussten auch fürderhin in der Dunkelheit sitzen.
    Der Kranke konnte die bleiche, liebliche Trösterin neben seinem Kopfkissen
nicht sehen; aber er vernahm die Trostworte, welche sie mit leiser, süsser Stimme
flüsterte; er hielt die kleine Hand in seiner eigenen heissen Hand. Er liess sich
von ihrem Vater erzählen und sprach auch wieder tröstende Worte.
    »Solch ein harter Stamm«, sagte er, »fällt nicht auf den ersten Schlag. Es
wird noch alles gut werden, liebes Fräulein; man muss nur den Mut nicht
verlieren. Solch ein stattlicher Herr -«
    Aber weshalb suchte sich die kleine Hand so plötzlich seinem fieberhaften
Griff zu entziehen? Weshalb wurde sie so unruhig? Weshalb fing sie an zu
zittern?
    Robert trat mit Ludwig Tellering gegen das Bett heran.
    »Guten Tag, junger Wolf!« sagte Juliane von Poppen; »es freut mich, Euch zu
sehen; ich höre, man fängt an, Eure Zerstreuteit zu tadeln. Was ist das? Nehmt
Euch zusammen, Kind; arbeitet, lernt, so hat kein böser Geist Macht über Euch.
Lasst Euch von der grossen Stadt nicht verführen - es ist ein gefährlich Ding.«
    Der Jüngling drehte verlegen seine Mütze zwischen den Händen, welche noch
mehr zitterten als die Helenes. Der Sternseher und der Polizeischreiber mochten
sich mit Recht über die Zerstreuteit ihres Zöglings beklagen; aber er hatte
noch lange nicht ihren Gipfel erreicht. Es fand mehr als eine Begegnung zwischen
Robert und Helene statt, und nach jeder derselben wurde der Schüler des
Sternsehers um mehrere Grade unaufmerksamer. Die Bücher verloren für ihn wieder
einmal allen Reiz; weder der kluge Odysseus noch der Männerfürst Agamemnon,
weder Äneas mit seinen vagabundierenden Genossen noch Teseus und Jason hatten
das geringste Interesse für ihn.
    Und was gingen gar den Studenten die Scipionen, Gracchen, Fabier - die
Helden der Griechen und Barbaren an? Stand nicht auf jeder Seite der Bücher:
Pulvis et umbra sumus, Staub und Schatten sind wir -?
    Ja, Staub und Schatten - Schatten und Staub! Robert Wolf hatte beides in
jungen Jahren schon kennengelernt. Unter Staub, Schutt und Trümmern lag seine
Jugend begraben, wie das Gärtchen Helenes jetzt unter schwarzem Schutt und
Trümmern lag. Nun aber regten sich die verschütteten Quellen des Lebens wieder
in der Tiefe und strebten, sich wieder hinaufzuringen ins holde Licht des
Lebens. Sie haben eine grosse Kraft, diese Wasser, und vermögen viel. Den eckigen
Granit schleifen sie zu glatten Kieseln, sie zerbrechen die starrsten
Steinrinden - es ist ein schmerzliches Wühlen im Abgrunde; aber es ist ein
Streben in die Höhe. Legt das Ohr an den Boden: ihr hört das dumpfe Rauschen
immer vernehmlicher; es regen sich die dürren Ranken, sie fühlen das belebende
Element an den Wurzeln; welch ein Wunder! - Gestern war noch alles tot und
verwelkt; nun ist über Nacht der Frühling gekommen; ein silberheller Strahl der
Jugendlust schiesst empor, spielt blinkend und blitzend im Strahl der Sonne. -
Wieder einmal hat das Leben den Tod besiegt; lasst den Polizeischreiber Fritz
Fiebiger immer bedenklicher das kluge Haupt schütteln, lasst den Sternseher
Heinrich Ulex, lasst Juliane von Poppen Worte der Missbilligung murmeln; klug sind
die Alten, weise sind sie, aber sie sind nicht jung; sie können sich täuschen
über das Wühlen in der Tiefe. Julius Schminkert, der Jüngling, allzusehr mit
seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, gab seine Ansicht von der Sache noch
nicht zum besten; die Alten mussten sich gedulden.
    Dass Helene immer stiller und träumerischer wurde, schob das scharfäugige
Freifräulein allein auf die Sorge um den geisteskranken Vater; aber auch sie
traf nicht das Richtige. Nicht allein die Angst um den kranken Vater beugte das
holde Köpfchen ihres Pflegekindes, ein anderes erfüllte die kindliche Seele mit
geheimnisvollen Schauern und Wonnen. Vor langen, langen Jahren, lange vorher,
ehe in Deutschland die erste Eisenbahn von Nürnberg nach Fürt erbaut wurde,
lange vor Errichtung des Bundestages hatte Juliane von Poppen in den schönen
Wildnissen des Winzelwaldes dergleichen auch empfunden. Ach, die Eisenbahnen
zogen die Kreuz und Quer ihre Schlangenlinien durch das grüne Deutschland, man
kannte das ausgezeichnete Institut des Bundestages in seiner ganzen
Vollkommenheit, die Königreiche der Griechen und Belgier waren errichtet worden,
die Franzosen hatten ihren Karl den Zehnten über die Grenze komplimentiert, der
brave Friedrich Wilhelm der Dritte hatte den Erzbischof von Köln auf die Festung
setzen lassen, der liebenswürdige Friedrich Wilhelm der Vierte wollte den
Vereinigten Landtag berufen: Juliane von Poppen und Heinrich Ulex waren sehr alt
geworden.
    Wieviel Bücher hat man über die Liebe geschrieben, wieviel Menschen sind
über die Liebe zugrunde gegangen? Der Glaube versetzt Berge, aber die Liebe
bedeckt das kahle Gestein mit Grün und Blumen, lässt die hohen Zedern und Palmen
emporstreben, lässt den silbernen Glanz der Quellen hervorsprudeln.
    Wenn die Religion zum Dogma versteinert, so mag sie vor den akademischen
Lehrstühlen gelernt werden, aber sie ist ein anderes geworden, und die Teologie
weiss oft am wenigsten Bescheid um die Religion.
    Wer hat jemals versucht, die Liebe zu lehren oder sie zu fangen in einem
Lehrbuche? Die Liebe kann niemals versteinern, kann niemals dogmatisch aufgebaut
oder analysiert werden. Von Ewigkeit her ist sie dieselbe gewesen, und in alle
Ewigkeit wird sie dieselbe bleiben. Im Flusse ist alles andere. Was Glaube
heisst, heisst morgen Aberglaube; aber die Liebe - die Liebe, die wir hier meinen
- verändert nicht ihr Wesen.
    Wie es im Orphischen Hymnus von der Gotteit heisst:
Zeus ist der erste, Zeus auch der letzte der Götter,
Zeus ist das Haupt und die Mitt', und von Zeus ist alles gegründet.
Zeus ist die Wurzel der Erd' und des sternbesäeten Himmels,
Zeus ein wehender Hauch, Zeus stürmender Flammen Gewaltschritt,
Zeus des Meeres tief unterster Grund, ist Sonne und Mondlicht,
Ist der König des Alls und urbewegende Grundkraft -
so mag es auch von der Liebe heissen. Wie an Krischna, die hohe Gotteit der
Inder, ist das Weltall an sie gereiht, »wie an die Perlenschnur die Perlen«.
Übrigens ist weiter nichts davon zu sagen.
    Die Freundschaft zwischen Robert Wolf und Ludwig Tellering nahm auch immer
mehr an Wärme zu, und eine ähnliche Neigung wie zwischen den beiden jungen
Männern entstand zwischen Luise und Helene. Die mannigfachsten Bande verknüpften
diese vier Kinder, welche in so verschiedenartigen Lebensverhältnissen
aufgewachsen waren, immer fester miteinander.
    Hart musste Ludwig jetzt arbeiten, jetzt, wo Hammer und Hobel dem Vater durch
die Flammen aus den alten, bis dahin so rüstigen Händen gerissen waren. Selten
durfte der Sohn sich einen Augenblick Ruhe gönnen, wenn er den Mangel von dem
kleinen Haushalt fernhalten wollte, zumal da der Stolz der Familie jede
Hülfsleistung, welche die Freunde boten, fest zurückwies.
    »Wir danken Ihnen aus vollem Herzen, Fräulein«, sagte der Meister Johannes
zu Juliane; »aber lassen Sie den Jungen nur; 's wird eine gute Schule für ihn
sein und ihm nützlich sein fürs ganze Leben. Lassen Sie ihn sich rühren; er hat
tüchtige Knochen. Wenn's nicht weitergeht, sollen Sie die erste sein, die uns
zur Hülfe kommen soll.«
    »Ihr seid ein hartnäckiger Gesell, Tellering«, antwortete das Freifräulein,
ihren Krückstock auf den Boden stossend; »übrigens wollte ich, ich könnte dem
Tropf, dem armen Wienand, etwas von Eurem Trotz in die Adern jagen; der hat's
hochnötig.«
    Ähnliche Antwort gab der Meister dem Polizeischreiber auf allerlei
Hülfsanerbietungen, und Fiebiger brummte fast noch ärgerlicher als Juliane;
Ludwigs Augen aber schössen nach solchen Worten seines Vaters stolze Blitze, und
das Handwerksgerät schien in seinen Händen ein eigenes Leben zu gewinnen.
Glücklich der Mann, der im Kampf gegen das Elend - in jedem Kampf des Lebens auf
solche Zauberwaffen vertraut; sie zerbrechen zuallerletzt; und wenn sie
zerbrechen, hat der matte Kämpfer das Recht, die Arme über der keuchenden Brust
zu kreuzen und den Göttern das übrige auf den Schoss zu legen; - er hat das
Seinige getan, und das ist immer ein edel und köstlich Ding in jeder bösesten
Stunde.
    An der Hobelbank Ludwigs vernahm Robert auch noch mancherlei von Eva
Dornblut. Der junge Tischler erzählte nach, was Mariechen Heil sonst in der
Hofwohnung erzählt hatte. Oft, wenn die Nacht vorrückte, wenn der Kranke und
alles ringsumher still war, sprachen die beiden Jünglinge von ihrem Leben und
liessen einander offen in die Tiefe ihrer Seelen blicken. »Ein Messer wetzet das
andere, und ein Mann den andern!«
    Jeder von beiden hatte das Seinige erlebt; jetzt fand zum erstenmal jeder
von ihnen einen Freund, dem er nichts verschwieg. Von seiner Liebe zu der
kleinen Marie sprach der junge Handwerker, von seinen durch das Unglück des
Vaters so plötzlich vernichteten oder doch in ferne Ungewisse Zukunft
verwiesenen Hoffnungen und Plänen.
    Von seiner Kindheit und ersten Jugend im Winzelwalde erzählte der Schüler
des Sternsehers Ulex, von Eva Dornblut sprach er mit zitternden Lippen.
    Da war's, wo Ludwig den Hobel niederlegte und ausrief:
    »O Robert, sie hat dir freilich einen grossen Schmerz bereitet; aber sie hat
nicht schuld daran gehabt. Ordentlichen Respekt muss man vor ihr haben; ich
wollte, ich könnte besser ausdrücken, was ich fühle, wenn ich ihren Namen höre.
Es ist mir immer, als sähe ich sie in der Ferne hoch hinschreiten - ihre Füsse
berühren den Boden nicht, es ist ein Nebel um sie, sie trägt ein langes weisses
Gewand und einen goldenen Reif um die Stirn! Du hättest Marie von ihr erzählen
hören sollen, die konnte es besser, als ich es verstehe. Als der Vater noch hier
neben mir stand, hatte ich Freiheit, an diese beiden Mädchen zu denken; sie
beide und meine Mutter und Schwester sind mir immer die höchsten aller Frauen
gewesen. Ach Gott, aber nun ist's, als hätte ich einen Schlag mit dem Hammer vor
die Stirn erhalten; dadrinnen liegt der Vater und stöhnt. O Marie, meine liebe
Marie, verzeih, dass ich dir jetzt nicht immer auf deinen fernen Wegen mit meinen
Gedanken folgen kann.«
    Robert hielt die heisse Stirn mit der Hand: »Wie anders ist doch alles in so
kurzer Zeit mit mir geworden! Was für eine Zauberin hat, als meine Mutter mich
gebar, in der Hütte im wilden Walde ihr Wort über mich gesprochen, dass so
vieles, so Wirres, Tolles mir begegnen konnte? Wenn alle Menschen soviel
erleben, wie kommt's doch, dass man noch so vielen ruhigen und gleichmütigen
Gesichtern in den Gassen begegnet? Aber es geht auch nicht allen so wie mir;
wenn es wäre, könnte die Welt nicht so laufen, wie sie läuft; kopfunter,
kopfüber müsste alles stürzen. Da komm ich aus der Wildnis, in meiner
Leidenschaft blind wie ein wütendes Tier; ich weiss nichts, ich kenne nichts von
der Welt, in die ich gerate; ich sehe nur die eine - eine Gestalt Evas. Von ihr
geht ein blutiges Licht aus und fällt auf alles andere. Meinen Bruder hätte ich
ermordet, wenn er mir entgegengetreten wäre - wie nahe war ich jedem
schrecklichsten Verderben! In dem Augenblick, wo ich in den blutigen Wogen
versinken will, fasst mich die Hand, welche mich retten soll. O diese Hand, diese
treue Hand! Wie soll ich ihr lohnen, was sie an mir getan hat? Von allen Seiten
sind mir die besten Menschen zu Hülfe gekommen; - was war ich ihnen, dass sie
sich meiner so annahmen? Eine Binde nach der andern haben sie mir sanft von den
Augen genommen; von dem frühern Wolf aus dem Walde ist wenig übriggeblieben. Ach
könnte ich doch meinem Bruder, könnte ich seiner Eva doch sagen, wie ganz anders
alles geworden ist; ich möchte ihnen schreiben; aber sie sind wie verschollen -«
    »Und meine Marie mit ihnen!« seufzte der junge Tischler.
    »O Ludwig, du hast recht«, fuhr Robert mit erhöhter Stimme fort, »du hast
recht; in der Ferne schreitet Eva Dornblut wie auf Wolken. Sie streckt ihre
Hand lächelnd und grüssend über das weite Meer; ich möchte diese Hand fassen,
drücken und küssen; und doch ist alles, alles ganz anders geworden. Ich liebe
die Braut, die Verlobte, die Frau meines Bruders nicht mehr; ich sehe klar, dass
ich ein Wahnsinniger war. Die Waldgeister im Winzelwalde hatten mich verzaubert,
aber der Zauber ist gebrochen. Ich habe eine heisse schwüle Nacht, eine
Gewitternacht voll Donner und Blitz durchlebt; nun dämmert der neue Tag wieder,
die Sonne geht auf; ein frisches kräftiges Wehen fährt durch die Welt, vor
welcher ich mich nicht mehr fürchte, haucht durch meine Seele, die wieder gesund
geworden ist. Ich fühle mich wieder so stark; ich möchte mich in das Leben
stürzen und die ganze Erde durchstreifen, ich möchte stillsitzen, alle Weisheit
der Welt zu erlernen - was möchte ich nicht alles? Ich fühle, fühle, dass ich
noch lebe, dass die Jugend noch nicht vorüber ist.«
    Trotz des schweren Gewichtes, welches die Brust Ludwigs belastete, musste
dieser doch lächeln. Er warf einen Blick nach der Seite hin, wo die Kammer des
Vaters lag. Dann sagte er:
    »Ja, sie ist leisen Schrittes gekommen, wie meine Marie einzutreten pflegte.
Ich habe ihr den Stuhl gebracht, auf welchem meine Marie am liebsten sass. Sie
hat sich darauf niedergelassen und hat neben dem Bette des alten Mannes
gesessen, wie ein kleiner süsser, trauernder und doch tröstender Engel. Sie ist
sehr schön und sehr gut; es ist wahr, der Gedanke an sie mag einem wohl die
Jugend und den Mut zu allem Guten und Tüchtigen zurückgeben.«
    Robert hatte die Hand des Handwerkers mit eisernem Griff gepackt; seine
Augen leuchteten, er atmete tief und schnell.
    »Was sprichst du da? Von wem redest du? Wer hat dir das gesagt?«
    »Was? Was?« fragte Ludwig lächelnd und seufzend zugleich. »Leute, welche mit
gleicher Ware handeln und mit gleichen Bündeln auf der Schulter umherziehen,
wissen schon umeinander Bescheid.«
    »Was kannst du wissen; ich habe ja kaum acht Worte zu ihr gesprochen; wenn
Eva früher in Poppenhagen an die Gartenhecke kam, wusste ich doch zu sprechen und
von allem zu reden; ich bin niemals verlegen gewesen, und von allem, was ich in
der Studierstube des Pastor Tanne gelesen und gelernt hatte, konnte ich ihr
erzählen. Jetzt, wo ich doch von manchem viel besser Bescheid weiss, ist mir der
Mund verschlossen; ich wage kaum das Auge zu erheben -«
    »Grad wie ich, wenn Mariechen kam und meine Schwester besuchte!« flüsterte
Ludwig. »Man hat das Seinige erfahren und weiss andere zu taxieren; ich habe dich
bald herausgefunden, mein Junge.«
    Die beiden Jünglinge beredeten das uralte unerschöpfte Tema noch manche
Nacht; es war sehr unrecht von ihnen, dass sie das, was sie besprachen, so ganz
unter sich abmachten und die Alten fort und fort im dunkeln tappen liessen.
    Das Beispiel Ludwig Tellerings hatte aber auf Robert auch den guten Einfluss,
dass letzterer sich ebenfalls gleichmässiger und angestrengter seiner Arbeit
widmete. Er fing an, sich seiner Laschheit zu schämen, wenn er den ungelehrten,
einfachen Freund, welchen das Leben, wie er wohl fühlte, doch noch viel schwerer
als ihn selber bedrängte, so tapfer, ungebrochen ringen sah mit den
übergewaltigen Mächten.
    Der arme Ludwig liebte auch, und das Liebchen war ihm in scheinbar
unerreichbare Ferne gerückt; aber sein Arm erlahmte deshalb nicht. Er wusste, dass
der Vater sich nie wieder von seinem schmerzensvollen Lager erheben werde; aber
der Hobel entfiel nicht deshalb der Hand.
    »Non est ad astra mollis e terris via!« zitierte Robert Wolf wie der
Sternseher Heinrich Ulex. »Ich will arbeiten gleich dem armen Ludwig!« rief er.
»Habe ich es nicht schon empfunden, welch eine beruhigende Kraft in der Arbeit
liegt?«
    Und der Sternseher bemerkte mit grosser Genugtuung, wie sein Schüler sich
ganz plötzlich und wirklich unerwartet mit neuer Energie in die Bücher
vertiefte. Als vorsichtiger Mann wartete er erst einige Tage ab, ob dieser neue
Fleiss auch von Dauer war. Dann erst teilte er dem Polizeischreiber und dem
Freifräulein das erfreuliche Faktum mit.
    Das Freifräulein sprach bei erster Gelegenheit am Bette des Meisters
Johannes, in Gegenwart Helenes, dem eifrigen Studenten ihre Befriedigung aus,
und der Student fasste diesmal Mut und blickte mit ein klein wenig geringerer
Scheu nach dem jungen Mädchen. Dieses aber wurde ungemein rot, und als es gleich
darauf eine Frage beantworten sollte, gab es eine ziemlich verworrene Auskunft,
und seine Stimme zitterte nicht wenig.
    Viele glänzende Fäden umspannen das Sterbelager des alten Johannes Tellering
und verloren sich aus der dunkeln Kammer in die ebenso dunkle, geheimnisvolle
Zukunft.
 
                              Zwanzigstes Kapitel
    Zeigt an dem Beispiel des Barons Leon von Poppen, wie leicht es ist, ein
                     anderer, ein besserer Mensch zu werden
Gerührt lächelnd blickt der Erzähler auf die eine Seite seiner Geschichte;
lächelnd sieht er auch auf die andere. Süsses Dämmerlicht voll magischer Schatten
und Lichter herrscht zur Rechten, der helle, klare, nüchterne Tag zur Linken.
    Wir wenden uns nach der linken Seite.
    Nach der grossen Feuersbrunst, welche das Haus und einen recht geringen Teil
des Vermögens des Bankiers Wienand vernichtete, hatte der Freiherr Leon von
Poppen, Kronenstrasse Nummer fünfzig, jeden Gedanken an die Tochter des
»ruinierten Menschen« aus seiner unsterblichen Seele zu verscheuchen gestrebt,
und es war ihm das auch ganz gut gelungen, wenn er auch die Erinnerung nicht
vollständig austilgen konnte. Er ärgerte sich über die »kleine Äffin«, und mit
Recht. War es nicht eine Quelle berechtigten Missmuts, dass er - er, Leon von
Poppen, die Blume des Jockeiklubs, die schönste Blüte der menschlichen
Gesellschaft - Achtung haben musste vor der kleinen Nachbarin gegenüber der
mütterlichen Wohnung? Scheu vor solch einem albernen Ding, welches sich jedesmal
blitzschnell zurückzog, wenn man noch so unschuldig, mit noch so ausgesprochener
Beatitude einen Blick über die Gasse schweifen liess? Dummes Zeug! Lächerlich!
    Und doch war es so: Herr Leon von Poppen, Freiherr des weiland Römischen
Reiches Deutscher Nation, fürchtete sich ein wenig vor der kleinen Helene
Wienand und geriet, hinfälliger als je an Körper und Geist, in einen Zustand,
den er noch nicht »durchgemacht« hatte. Recht gut erkannte er den Grund der
Furcht. Er fühlte seine unwürdige junge Greisenhaftigkeit aufs schärfste jener
reinen Jugend gegenüber. In mancher bösen Minute hätte er mit den Zähnen
knirschen mögen, und er unterliess es nur, weil er über die Hälfte seines
Gebisses seit längerer Zeit allmonatlich eine Rechnung des berühmten Dentisten
Karl Morand zu - den schon erhaltenen legte. Es war kein Kredit mehr von dem
Zahnkünstler zu hoffen, und das Zahnknirschen war in jeder Hinsicht ein
bedenkliches Unterfangen.
    Mit seinen Locken ging der Jüngling aus ganz ähnlichen Gründen ebenso
vorsichtig um; er hütete sich wohl, mit zu rauher Hand darein zu greifen.
    Leute, die wenig oder gar kein Gewissen haben, würden auch allzu glücklich
sein, wenn die ewige Gerechtigkeit es nicht so prächtig verstände, ihnen auch an
mehr äusserlicher Stelle den Sachverhalt klarzumachen!
    Den gewohnten Vergnügungen, der gewohnten Lebensweise gab sich Leon von
Poppen wieder mit grosser Energie hin; ja er machte sogar, der ewigen Klagelieder
der Mama wegen, einen schwachen Versuch, die tiefgekränkte Lydda von Flöte sowie
deren nicht weniger empörte Mutter zu versöhnen, und dieser Versuch wurde von
den guten frommen Seelen viel besser aufgenommen, als er verdiente.
    Aber was anfangs blosse Vermutung war, erwies sich immer mehr als
unumstössliche Wahrheit: der arme Wienand war immer noch ein sehr reicher Mann
und seine Tochter eine sehr gute Partie für einen von Gläubigern bedrängten
Sprössling einer der ältesten Familien des Landes. Der kranke Bankier wurde in
seine jetzige Wohnung, dem von Poppenschen Hause gegenüber, gebracht, sein Kind
zeigte anfänglich das bleiche, kummervolle Gesichtchen ohne Scheu an den
Fenstern, und - Herr Leon von Poppen kam, nach seinem eigenen Ausdruck, »auf die
alte Fährte zurück«. Er legte sich mit seiner ganzen Grazie aus dem eigenen
Fenster und lorgnettierte so schmachtend als möglich das »reizende Geschöpf« auf
der andern Seite der Gasse, bemerkte aber bald zu seinem Leidwesen, dass Fräulein
Helene nicht kokett genug sei, dieses Spiel der Lorgnette zu ertragen.
    »Eine schöne Erziehung hat da chère tante gemacht«, brummte er, »ich wollte,
ich wüsste, was ich zu tun hätte! Wenn ich nur die Mama und diese erstaunliche
Tante miteinander versöhnen könnte. Rachgierige Geschöpfe, diese alten Weiber; -
diable, es würde eine kräftige heisse Bouillon geben, wenn man sie zusammen in
den Topf der Versöhnung packte und den Topf auf die Glut der christlichen Liebe
setzte. Impossibel das; total unausführbar - kein Gedanke dran. Kein Gedanke! -
O Götter, ein Königreich für einen Gedanken! Cerberus, ma tante Juliane, reine
Rasse! Cerberussissima!«
    Tage und Wochen hindurch hatte sich der Baron abgequält, um
herauszubekommen, auf welche Art er sich am leichtesten der lieblichen Nachbarin
nähern und wie er sich jenseits der Gasse am angenehmsten einführen könne. Er
quälte sich vergeblich und kam nicht auf die Kosten seines Aufwandes von
Nachdenken, bis er endlich, nach einem ziemlich nüchtern hingebrachten Abend
ziemlich früh ins Bett steigend, den grossen Gedanken fasste, sich selbst seiner
Tante - angenehm zu machen.
    Oft sieht man beim dämmerigen Schimmer der Nachtlampe etwas für ganz einfach
und leicht ausführbar an, was am andern Morgen einem eine höchst grimmige Fratze
schneidet und sich als sehr stachlicht, eckig, sehr hart und bitter zeigt.
    Seine kümmerlich in Flanell gehüllte Figur aus den Kissen hebend, wunderte
sich Leon von Poppen sehr, wie er den Einfall vom gestrigen Abend für eine
praktische, nette und vortreffliche Idee habe halten können.
    »Korrupter Gedanke!« sagte er. »In welcher Geistesverwirrung musste ich sein,
um so nahe an den Grenzen des Wahnsinns herstreifen zu können?! Schöner Gedanke,
in den Bereich ihres Krückstocks zu geraten. O Helene, reizender Apfel des
hesperischen Gartens, welcher Drache bewacht dich, und welcher Herkules müsste
man sein, diesen Drachen zu bezwingen!«
    Der junge Mann stand jetzt vor dem Spiegel, welcher ihm seine ganze
Persönlichkeit mit allen ihren Mängeln trotz dem gelben Flanell zeigte.
    Er wiederholte seufzend:
    »Herkules?! Wahrhaftig! Muss durchaus keine Anlage zur Hypochondrie haben,
würde sonst wohl recht hypochonder sein. Scheint aber jedenfalls die höchste
Zeit zu sein, dass ich solide werde. Na, na, wenn ich in mich ginge, wie Mama es
wünscht und es zu nennen beliebt! Wenn ich heute anfinge? Rheumatismusketten,
kalt Wasser, Solidität, Revalenta arabica, Liebe der Tante, Achtung der
gesitteten Welt, Helene Wienand, zehntausend Taler Rente! Blendende
Gedankenassoziation! Soll ich mal Charakter zeigen? Wirklich ein halbes Jahr
dranwenden; Palme erringen - Myrtenkranz der Kleinen gegenüber? Ah -
eigentümliches Durcheinander, Schwindel - Zittern in den Extremitäten, äh!«
    Der Abkömmling so vieler und kräftiger Ahnen sank auf den hinter ihm
stehenden Stuhl und in das tiefste Brüten. Dann sprang er auf, streckte die Hand
zur Zimmerdecke empor und sprach mit dumpfer Stimme:
    »Ich schwöre, mich zu bessern! ... ma tante, Ihre Hand, ich bin mit Leib und
Seele zu Ihrer ehrbaren Verfügung! Mein Fräulein, das Ewig-Weibliche zieht uns
hinan - bitte, ziehen Sie gefälligst; und Sie - schieben Sie, teuerste Tante;
Mama, ich empfehle mich Ihnen gehorsamst - ballonhaftes Emporschweben! Alles
Irdische ist vollendet, und das Himmlische geht auf - Baptiste, dummer Esel, wo
bleiben meine Hosen? Ah, Pardon - wollt ich sagen: Lieber Baptiste, bitte, darf
ich um meine Beinbekleidungen bitten?«
    Der liebe Baptiste starrte mit offenem Munde seinen Herrn an, und Leon von
Poppen zog seine Hosen als ein vollständig anderer - besserer Mensch an. Als er
zu den Gemächern seiner Mutter herniederstieg, begegnete ihm auf der Treppe die
muntere Elise. Bei solchen Begegnungen fand sonst gewöhnlich eine kleine Szene
statt, in welcher ein Morgenhäubchen verrückt oder eine Schürze, ein Halstuch
verknittert wurden. Dieses Mal neigte der Herr Baron, als er mit ehrbarem,
langem Gesicht langsam an der Kammerjungfer vorbeischritt, nur ein wenig das
Haupt und sagte:
    »Guten Morgen, Elise; - ich wünsche Ihnen einen guten, friedlichen,
segensreichen Tag.«
    Elise, welche eine Redensart wie: Kleine Kröte, du siehst heute wirklich
aussergewöhnlich verlockend aus! erwartete, blickte ihren jungen Herrn ebenso
verwundert an, wie vorhin Baptiste ihn angeglotzt hatte. Sie sah ihm nach, bis
ebengenannter Herr Baptiste, mit dem Schlafrock des Gebieters, ebenfalls die
Treppe herabkam und den Kuss, welchen der Freiherr versäumt hatte, für sich in
Anspruch nahm.
    »Aber liebster Himmel, Baptiste, was soll denn dieses heissen?«
    Baptiste wusste es nicht.
    War Leons Benehmen auf der Treppe sehr würdig und allen Lobes wert, so liess
es im Zimmer der Mutter nicht das geringste zu wünschen übrig.
    Die gute Dame hatte vollen Grund, nicht weniger erstaunt, verwundert,
verblüfft zu sein als die Bedienten.
    War das ihr Leon?
    War das ihr Sohn? Der Stammhalter derer von Poppen? War über Nacht ein
Zauber auf das »böse Kind« gefallen?
    Viktorine sprach ihre Verwunderung gegen ihn aber auch aus, was Elise und
Baptiste nicht getan hatten, und trieb es mit Fragen, Mimik, Interjektionen so
weit, dass der gelangweilte reuige Sünder einmal fast ganz aus der Rolle fiel und
der Matrone die pikante Frage vorlegte, ob sie glaube, bis dato einen
Wechselbalg auferzogen und als ehelichen Sohn in der Gesellschaft präsentiert
und anerkannt zu haben.
    Die Baronin fand diese Frage schockant, und Leon biss sich auf die Zunge und
verdoppelte die Dosis edler Gesinnungen, Pläne, Ansichten und Hoffnungen, mit
welchen er die Mama überhäufte.
    »O Leon, mein Kind, wenn das alles wahr ist, wie glücklich machst du mich;
Frau von Flöte und Lydda werden alles vergessen und vergeben; - ich mache sie
mit deiner Sinnesänderung bekannt. O Leon, es steht geschrieben, dass viel Freude
im Himmel sein wird über einen Sünder, der vom bösen Wege ablässt.«
    Es war dem Freiherrn zumute, als werde ihm der Boden für seine
mimisch-deklamatorische Vorstellung ganz plötzlich und unwiderstehlich unter den
Füssen weggezogen. Der Schlaukopf zappelte einen Augenblick mit den Beinen in der
Luft und erkannte dann aber sogleich, dass er seine Rolle übertrieben habe und
dass die scharfäugige Tante gewiss über das nicht Hosianna rufen würde, was die
Mama ganz naiv bejubelte und bejauchzte.
    »Teure Mutter«, sprach er, »ich habe in vergangener Nacht verschiedene gute
Vorsätze gefasst und werde dieselben hoffentlich ausführen; der Vorsatz, mich
jenen übrigens ganz respektablen Damen wieder irgendwie zu nähern, befindet sich
nicht darunter.«
    Baptiste brachte jetzt ein Billett auf einem Präsentierteller herein und
überreichte es seinem jungen Herrn. Dieser seufzte sowohl beim Aufbrechen als
auch beim Lesen und sagte:
    »Zu meinen Vorsätzen gehört, dass ich solchen Aufforderungen zu allerlei
maussaden Vergnügungen nicht mehr Folge leiste. Baptiste, Dummkopf - wollt ich
sagen, Baptiste, mein guter Freund, der Überbringer soll warten; ich werde Herrn
von Bärenbinder schriftlich antworten.«
    Und Leon von Poppen stieg wieder die Treppe hinauf und schrieb Herrn von
Bärenbinder einen ziemlich langen Brief, in welchem er die Einladung desselben
zu einem allerliebsten kleinen Souper im Hotel Royal dankend ablehnte und ihm
als Vizepräsidenten des Jockeiklubs zu gleicher Zeit seinen Austritt aus dieser
ebenso ehrenwerten wie harmlosen Vereinigung erklärte. Höchst vernünftige Gründe
gab er für beides in seinem Antwortschreiben Herrn von Bärenbinder zum besten;
die richtigen behielt er jedoch wohlweislich für sich.
    Als der Lakai mit dem Billett abgezogen war, rieb sich der Schriftsteller
grinsend die Hände:
    »Wenn das nicht wirkt, so - so will ich Lydda von Flöte heiraten und Spittas
Psalter und Harfe auswendig lernen!«
    Es wirkte.
    Herr von Bärenbinder rieb sich über dem Billett Leons nicht die Hände,
sondern die Augen gleich dem träumenden Abu Hassan. Er lief mit ihm in der Stadt
umher, er legte es an demselben Abend noch im Jockeiklub vor; - allgemeine
Perplexität, und kein Graf Örindur, welcher eine irgend befriedigende Lösung
dieses Zwiespalts der Natur fand.
    Binnen kurzem hatte sich das Gerücht dieser Umwandlung, dieser Bekehrung
über die ganze Stadt verbreitet; die Spötter lachten darüber, die Frommen
segneten den Herrn, der verständige Mittelschlag zuckte die Achseln. Die Achseln
zog auch Juliane von Poppen in die Höhe, als sie zuerst die grosse Neuigkeit
vernahm.
    »Er ist früh mit seinem Leben fertig geworden«, sagte sie. »Es ist das alte
Lied; nun mag er zu den Pfaffen laufen und sich Krankensuppen kochen lassen. Man
möchte um so mehr weinen, je mehr die andern darüber so laut lachen.«
    Als die alte Jungfer ihrem gebesserten Neffen zum erstenmal nach seiner
Metamorphose wieder in der Gasse begegnete, streckte sie ihm den Krückstock
entgegen und sprach - zu dem ehrbar den Hut Abziehenden:
    »Nun, Herr Neffe, meine arme Fliege, wir kriechen wohl recht matt, mit
zusammengeklebten Flügeln, aus dem Weinglase hervor? Die Poppen haben ihr Leben
auf alle mögliche Art geendet, auf dem Block, am Galgen, auf dem Schlachtfelde,
auf dem Mistaufen; der letzte geht unter die Betbrüder und Betschwestern und
greint in einem Konventikel die Seele aus - jeder nach seinem Geschmack; - Glück
auf den Weg, Neffe, meine Empfehlung an die Herren Krokisius, Drönemeier,
Notzwang und Kompanie; ich lasse -«
    Aber das Freifräulein brach verwundert ab, als Leon auf ihre Rede mit einem
hellen, höchst ehrlichen Gelächter antwortete.
    »Entschuldigen Sie, liebe Tante«, rief er. »Glauben Sie wirklich auch an die
tolle Fabel? Ich danke doch recht sehr für die Gesellschaft, in welche Sie mich
zu stecken belieben. Für die frommen Leute, die Sie da nennen, bin ich doch noch
nicht weich genug. Übrigens ein Wort im Ernst, Tante: Charakter und Willen kann
man den Poppen nicht absprechen - Sie sind in Parentese selbst kein übles
Beispiel dafür -, ich habe den Willen, meine Lebensart ein wenig zu ändern. Ich
gestatte Ihnen gern, mich so erbarmungsvoll anzusehen; ich gebe Ihnen das Recht,
die Geistesänderung auf Rechnung einer angegriffenen Körperkonstitution zu
setzen; nach Belieben können Sie mich einen blasierten Menschen nennen; aber bei
alledem werde ich Ihnen beweisen, dass ein Poppen kann, was er will; - ich will
umkehren, und wenn es auch nur der Veränderung wegen wäre. Bon jour, ma tante!«
    Damit schritt Leon weiter, und das Freifräulein stand, schüttelte den Kopf,
rieb die Nasenspitze und sagte:
    »Merkwürdig!«
    Eine Stunde später stand sie an einem ganz andern Ende der Stadt wiederum in
tiefes Nachdenken verloren, kopfschüttelnd, die Nasenspitze reibend, und sagte
wiederum:
    »Merkwürdig!«
    Sie fing an, dem Gebaren des Neffen eine bei weitem grössere Aufmerksamkeit
zu widmen, obgleich immer ein sehr scharfes Auge dazu gehörte, um das an ihr zu
erkennen. Sie suchte auf Umwegen allerlei über ihn zu erfahren; sie würdigte die
Wohnung ihrer Schwägerin Viktorine öfters einer genauen Beobachtung von den
Fenstern des Bankiers aus.
    »Ich wollte viel darum geben, wenn Hopfen und Malz an dem Schlingel noch
nicht vollständig verloren wären!« -
    Leon von Poppen wandelte immer sicherer auf dem Pfade der Tugend fürbass; er
zeigte, dass in gewisser Beziehung Hopfen und Malz durchaus noch nicht an ihm
verloren waren. Je ernstafter er von aussen erschien, desto mehr grinste er
inwendig - soviel Amüsement hatte er sich von seiner Umwandlung nicht
versprochen! Es machte dieser glücklich organisierten Natur ungemeinen Spass, an
einem Haufen seiner frühern Lebensgenossen und Lebensgenossinnen mit der Würde
eines Cato vorüberzuschreiten. Wie letzte er sich an diesem Kopfzusammenstecken,
diesem Geflüster, das hinter seinem Rücken anhub! Mit vorgeschnellter
Zungenspitze kostete er schon im voraus die Wonne, den Jubel des Augenblicks, wo
der Knoten der Komödie sich löste und der gewandte Schauspieler, beleuchtet von
bengalischen Flammen, der versteinerten Creme der Gesellschaft den gewonnenen
Preis unter die Nase hielt. Er malte sich dieses Schlusstableau auf das
reizendste aus und verbrachte manche Stunde, um es mit immer neuen Pointen
auszustatten.
    Gegen Ende des Oktobers las man in den »Vermischten Nachrichten« fast aller
Zeitungen der Stadt folgende rührende Geschichte:
    »Wir können unsern Lesern einen Vorgang mitteilen, der wohl wert ist, das
allgemeine Interesse auf sich zu ziehen. Ein junger Mann aus einem alten
angesehenen Geschlecht, vor kurzem noch eins der berufensten Mitglieder des
Jockeiklubs, rettete mit Gefahr des eigenen Lebens eine jüdische Familie aus
äusserster Bedrängnis. Diese Familie, bestehend aus Vater, Mutter und zwei
erwachsenen Töchtern, kam am 27. dieses Monats gegen Abend von einem Ausflug
heim und hatte das Unglück, am Anfange des Parks, eine halbe Stunde von der
Stadt, unter einen Haufen betrunkener Soldaten, Handwerksburschen und
liederlicher Dirnen zu geraten. Dieser Haufe benutzte sogleich die günstige
Gelegenheit, die harmlosen Lustwandler aufs gröblichste zu beleidigen und zu
beschimpfen. Die Polizei schien wie gewöhnlich anderswo beschäftigt zu sein,
niemand von den wenigen andern Spaziergängern wagte es, dem bewaffneten und
unbewaffneten Pöbel seine Opfer zu entreissen, und keiner wehrte es dem wütenden
Haufen, von Worten zu Handgreiflichkeiten überzugehen. Am meisten waren die
beiden armen Mädchen zu bedauern, die alle Qualen der Hölle duldeten, bis
endlich der mutige Retter und Ritter erschien. Der Baron, Herr L. von P., kam
den wild sich daherwälzenden Scharen entgegen und stürzte sich, nachdem er die
Sachlage erkannt, ohne Bedenken in die Mitte des Pöbels, ihn mit Drohworten und
Stockschlägen auseinandertreibend. Der Pöbel, anfangs verblüfft, liess von seinen
Opfern ab, und diese eilten halb besinnungslos auf beflügelten Sohlen fort; -
der Baron blieb allein in der Mitte der Wütenden. Die Soldaten warfen sich mit
gezogenen Säbeln, die Handwerksburschen mit ihren Knitteln auf den jungen
tapfern Mann. Er wehrte sich nach besten Kräften, aber erhielt bald einen
Säbelhieb über den Arm, der ihn kampfunfähig machte. Wer weiss, was nun das
Schicksal des mutigen Schützers der Bedrängten gewesen wäre, wenn nicht endlich
doch die Polizei herbeigeeilt wäre und die Übeltäter verhaftet hätte! Wir haben
allen Respekt vor einem Adel der Gesinnung, der in solchen ritterlichen Taten
zur Erscheinung kommt. Die Verwundung des Herrn Barons v.P. soll gottlob nicht
gefährlich sein.«
    Die Verwundung des Herrn Barons v.P. war gottlob nicht gefährlich, machte
dagegen einen ausgezeichneten Effekt in der Stadt. Selbst die Tante Juliane
konnte den »Juden« nicht so widerstehen, wie sie wohl gemocht hätte; fast wider
ihren Willen beschäftigte sie sich von Tag zu Tag mehr mit ihrem Neffen, seiner
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; sie wusste wirklich nicht mehr, »was sie
von dem Burschen denken sollte«.
    Acht Tage lang hatte Leon von Poppen mit seinem verwundeten Arm, indem er
ihn in einer schwarzseidenen Binde spazierenführte, Parade gemacht, als ihm am
neunten das Freifräulein wieder begegnete.
    Diesmal hielt der Neffe die Tante an, indem er ihr lachend den Weg vertrat
und rief:
    »Die beiden Israelitinnen waren reizend, chère tante - Philantrop vom
reinsten Wasser, ma tante! Auf Ehre, ganz allerliebste Mädchen, diese
schwarzlockigen Semitinnen; hätte mich für die beiden krummnasigen Alten gewiss
nicht auf den Altar der Humanität gelegt!«
    »Weshalb sagen Sie mir das, Leon?«
    »Weil ich noch weit entfernt von den höchsten Stufen der Vollkommenheit bin,
gnädigste Tante. Ich habe die Ehre -«
    Der Freiherr warf der alten Dame eine Kusshand zu und tänzelte davon; Juliane
sah ihm wiederum nach, und dieses Mal noch viel nachdenklicher als das erste
Mal.
    »Der Junge ist wenigstens kein Heuchler!« sagte sie. Vierzehn Tage nach
dieser Begegnung bat der Neffe die Tante in einem höchst komischen Briefe um ein
Darlehen von fünfzig Friedrichsdor, welches er mit einem kurzen Begleitschreiben
erhielt und welches er wieder acht Tage später persönlich zurückerstattete.
    In kürzester Frist hatte somit der junge Diplomat die bedeutendsten
Fortschritte gemacht, die grössten Erfolge errungen; das Freifräulein gewann
allmählich den Glauben an eine würdigere Fortdauer des Geschlechtes derer von
Poppen wieder, und in ihrer innersten Seele tat ihr dieser Gedanke doch recht
wohl.
    Nun widmete sie manche Stunde den ernstesten Betrachtungen über ihren
Neffen; - wie gern hätte sie ihr kleines Vermögen, ihre ganze Existenz geopfert,
wenn sie dadurch den Stammhalter der alten Familie auf dem rechten Wege hätte
erhalten können!
    Manche Stunde widmete Leon den ernstesten Betrachtungen seiner selbst vor -
dem Spiegel. Er frisierte sich à la bonhomme, er gab seinen Halsbinden ein
unbeschreiblich solides Etwas - jeden Morgen legte er seiner ganzen Person ein
Bruchteil von Gesetzteit zu. Zu Anfang November hatte er sich vollständig das
Äussere eines jungen Doktors der Medizin, welcher eine grosse Praxis ahnt,
dieselbe jedoch noch nicht hat, zugelegt. Er war bewunderungswürdig! Gewichtige
alte Herren aus den massgebenden Kreisen fingen an, seinen Gruss achtungsvoll zu
erwidern. Vornehme Mütter, deren Söhne noch auf den Pfaden der Sünde
lustwandelten, blickten ihm mit geheimen Seufzern nach und beneideten die
seligen Gefühle Viktorines von Poppen. Letztere befand sich in einem Zustande
ratloser Verwirrung, welcher in der Skulptur nur durch einen offenen Mund und
starre, weit geöffnete Augen ausgedrückt werden kann. Die Beglückwünschungen,
welche ihr von allen Seiten zukamen, nahm sie aber fast wie Beileidsbezeigungen
auf, und sie hatte recht, da solch ein edler Sohn, solch ein reuiger Sünder
durchaus nicht in die engen Kreise ihrer Anschauungen passte. Was sollte sie mit
»einem solchen Leon« anfangen? Was sollte sie seinen Anspielungen auf
Verwandtenliebe, Juliane von Poppen und dergleichen entgegensetzen?
    Wahrlich, die Baronin Viktorine war lange nicht so zu beneiden, wie manche
der betrübten Mütter aus den höhern Ständen glaubte.
    Aber was war dem Baron Hekuba? Der schlechte Sohn kümmerte sich wenig um die
Migräne der Mutter; immer mehr, immer offener nahm er Partei für die Tante
Juliane, und diese ging mit sich zu Rat, ob sie den umgewandelten Neffen zum
Kaffee einladen könne, solle und - möge.
    Wir werfen einen Blick nach der andern Häuserreihe der Kronenstrasse!
    Die jetzige Wohnung des Bankiers Wienand lag auf der Sonnenseite der Strasse;
aber sie war durch niedergelassene Vorhänge so dunkel als möglich gemacht. Wie
das Feuer dem Tischler Tellering die Augen des Leibes genommen hatte, so hatte
es dem Bankier die Augen des Geistes verdüstert; keiner von beiden konnte mehr
das Licht ertragen.
    Als wir den Bankier zum letztenmal erblickten, war er ein kräftiger Mann;
jetzt war er ein armer Idiot, der zusammengefallen in seinem Lehnstuhl sass,
stier vor sich hin sah und die Hände wie in grosser Angst aneinander rieb. Es ist
ein schrecklich Ding, wenn jemand in die fixe Idee sinkt, langsam verhungern zu
müssen! Wie viele reiche, überreiche Leute sind schon in dieser unglückseligen
Vorstellung zugrunde gegangen! Es liegt eine unendlich bittere Ironie in diesem
Spiel des Schicksals mit den Menschen.
    Von Tag zu Tag hatte sich bei dem Bankier der Gedanke, dass er bankerott, dass
sein Name ehrlos sei, fester gesetzt. Da half kein vernünftiges Zureden, keine
Aufforderung, sich zu fassen. Am liebsten möchte sich der arme Kranke in dem
tiefsten Grund der Erde verbergen, wenn nicht auch da der Hungertod so
schrecklich wäre. Wer kann die grässlichen Fratzen und Gespenster verscheuchen,
die aus allen Ecken und Winkeln hohnlachen? Niemand! Niemand!
    Nun treibt die Angst, die Verzweiflung den Irrsinnigen auf. Er springt
empor, er durchsucht das Gemach, das Haus; Abfall aller Art, Lumpen,
Papierschnitzel, zerbrochenes Glas, Bindfadenstückchen rafft er auf und trägt
sie zusammen. Seine Taschen strotzen von den verschiedenartigsten Dingen; er
macht Schatzkammern, Vorratskammern daraus; er hat einen Platz, wo er alles
Gesammelte anhäuft, vor welchem er wacht wie der Drache vor dem verzauberten
Schatze. Wagt es nicht, euch diesem Platze zu nähern; der Kranke würde
Riesenstärke in der Verteidigung desselben gewinnen; er würde euch töten, wenn
ihr die Hand danach ausstrecktet.
    Der berühmte Bankier Wienand will auch nicht mehr essen. Wie Verschwendung,
leichtsinnigste Vergeudung des letzten Notpfennigs erscheint ihm alles, was zum
Leben nötig ist. Harte Brotrinden und Wasser sind das einzige, was er annimmt,
und auch nach diesen greift er nur zitternd und im höchsten Hunger und Durst.
    Was wäre aus der armen Helene geworden, wenn sie in Dunkelheit, Jammer und
Elend nicht den Gedanken an den Schützling des Polizeischreibers Fiebiger, den
Schüler des Sternsehers Ulex gehabt hätte?
    Was wäre aus ihr geworden, wenn sie gewusst hätte, welche Pläne der Freiherr
Leon von Poppen, gegenüber in dem grossen altersschwarzen Hause, im Busen
bewegte? Was wäre aus ihr geworden, wenn sie endlich gewusst hätte, wie unendlich
günstig das Schicksal in diesem Augenblick auf die Pläne und Wünsche des
trefflichen jungen Barons, der leider noch lange nicht der letzte seiner Art
war, herablächelte?
    Ja, der Baron Leon von Poppen hatte Aussichten auf Erfolg seiner Pläne.
Wünschen wir ihm alles Glück dazu; denn was hilft's, wenn wir uns darüber ärgern
oder gar grämen? Laissez aller!
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
 Grosse Krisis in Nummer zwölf - höchst tragisches Kapitel. Der Polizeischreiber
            Fiebiger entdeckt etwas, was andere Leute längst wissen
Der dichte Nebel eines dunkeln Vorwintermorgens lag schwer über der Stadt. Vor
einer grossen aufgeschlagenen Bibel sass der Sternseher Heinrich Ulex in seinem
warmen Gemache und blickte ernst in die weissgraue Dämmerung, welche der neue Tag
nicht hatte verscheuchen können. Es war ein Sonntagmorgen, und der Klang der
Glocken, welche zur Kirche riefen, kam zum Ohr des gelehrten Greises bei der
schweren feuchten Luft wie aus weitester Ferne. Man konnte fast nicht sagen, ob
diese Tonwellen aus der Höhe nach der Tiefe oder aus der Tiefe nach der Höhe
rollten. Geheimnisvoller als sonst sprachen die Glocken zu den Herzen der
Menschen; es war, als hätten sie mehr zu sagen und mehr zu verschweigen; ihr
Klingen gab viel zu bedenken; die meisten Leute dachten jedoch nicht sehr viel
dabei. Der Sternseher Heinrich Ulex gehörte aber nicht zu denjenigen, welche den
Sonntagmorgen nur insoweit schätzen, als man an ihm ungestört einige Stunden
länger schlafen kann. Er stand im Gegenteil an diesem Tage früher als gewöhnlich
auf; die ersten Stunden desselben waren dem tiefsten Nachdenken gewidmet; er
liess sich höchst ungern darin stören und verriegelte und verrammelte seine
Wohnung womöglich noch fester als zu anderer Zeit.
    Den wallenden Nebel schätzte er auch mehr als andere, weniger
phantasiebegabte Menschen. Er konnte Bilder darin aufbauen, Gestalten darin
hervorzaubern, er konnte ihn formen wie der Bildhauer den Ton, er konnte darauf
zeichnen wie der Maler auf der grauen Leinwand.
    So sass er denn auch an diesem gegenwärtigen Sonntagmorgen, blätterte in dem
weisheitvollen Buche, liess die Poesie des sonnigen Orients im winterlichen
Norden emporsteigen und verknüpfte die Sprüche und Erzählungen der jüdischen
Seher und Propheten mit den Ereignissen, den Empfindungen, den Hoffnungen und
Befürchtungen, den Freuden und Schmerzen des eigenen Daseins.
    Wie der Nebel über die Dächer rollte, wie er sich ballte und löste! Jetzt
war die weite schwarze Brandstätte ganz verdeckt und nur die nächste Nähe, in
einen feuchten Schleier gehüllt, sichtbar; - jetzt tauchten in der Ferne die
Baugerüste, die sich bereits hier und da wieder inmitten der Trümmerhaufen
erhoben, auf, und traurig dunkel schimmerte der Grund durch den schwankenden
Dunst.
    Des Alten Seele war sehr häufig an diesem Morgen in der niedrigen Kammer des
Meisters Johannes Tellering, dessen Tod man nunmehr täglich, stündlich
erwartete.
    »Jetzt sieht man das Licht nicht, das in den Wolken helle leuchtet; wenn
aber der Wind weht, so wird's klar«, las er aus dem Buche Hiob.
    Wieder blickte er in den Nebel hinein und dachte an seinen Schüler, seinen
jungen Wolf aus seinem Heimatswalde, und wieder schlug er ein Blatt um und las:
    »Die dicken Wolken scheiden sich, dass es hell werde, und durch den Nebel
bricht das Licht. Er kehret die Wolken, wohin er will, dass sie schaffen alles,
was er ihnen gebeut, auf dem Erdboden, es sei über ein Geschlecht oder über ein
Land.«
    Lang schaute er wieder zu, wie der Dunst wogte und sich kurz vor seiner
Verflüchtigung immer seltsamer gestaltete. Wieder las er:
    »Alle Menschen hat er in der Hand wie verschlossen, dass die Leute lernen,
was er tun kann.« Und bald dumpfer, bald heller klangen in das Sinnen des
Greises die Glocken - Geisterstimmen, die aus der Höhe, die aus der Tiefe
einander riefen. Wer wagte es, den Sternseher im jetzigen Augenblick zu stören?
    Ein schnelles, wie aufgeregtes, ängstliches Klopfen liess sich an der
verriegelten Tür vernehmen und schreckte den Greis auf. Einige leise Runzeln
mehr erschienen auf seiner Stirn, als er sich erhob und gegen die Tür schritt.
Sein Verdruss ob der Störung legte sich freilich; aber seine Verwunderung stieg,
als er den Polizeischreiber Friedrich Fiebiger atemlos vor sich sah. Auch der
Schreiber brachte die Sonntagmorgen gern ganz still innerhalb seiner vier Pfähle
zu und gab, eingehüllt in Tabakswolken, seinen innersten Gedanken Audienz oder
las, auf dem Sofa liegend, seine sehr verschiedenartigen
Lieblingsschriftsteller. Der Sternseher hätte in dem Störenfried jeden andern
eher vermutet als seinen Freund Fritz. Nur ein wichtiges Ereignis konnte
denselben zu so ungewohnter Stunde zu dem Giebel des Gelehrten hinauftreiben;
und Heinrich Ulex trat, nachdem er seine Tür geöffnet hatte, einen Schritt
zurück und rief mit bewegter Stimme:
    »Er hat es überstanden?! Er ist tot?!«
    »Wer?« fragte der Schreiber.
    »Der Meister Johannes!«
    Fiebiger schüttelte den Kopf, warf Hut und Stock von sich, sank auf einen
Stuhl, legte die Hände auf die Knie, blickte dem Sternseher einige Augenblicke
hindurch komisch, verlegen, zweifelnd ins Gesicht, zog ein Büchlein, in blauen
Samt gebunden, mit silbernem Schnitt und Titel aus der Tasche und rief
aufspringend:
    »Privatgelehrter Heinrich Ulex, bist du am vierundzwanzigsten Juni dieses
Jahres, nachmittags um vier Uhr, durch die Musikantengasse gegangen, mit der
Nachtmütze statt des Hutes auf dem Kopfe?«
    Der Sternseher sah den Fragenden höchst verwundert an, ohne eine Antwort
finden zu können.
    »Erinnerst du dich des Faktums, Ulex?«
    »Ich - ich - gewiss nicht - mein Gott - was soll das heissen?«
    »Hier steht es schwarz auf weiss, alter Knabe! Hier steht noch viel mehr über
dich, über mich, über das Freifräulein, über Gott, den Teufel, Himmel und Erde.
Welch ein Weib! O Ulex, Ulex, du auf deinem Turm hast gar keinen Begriff von den
Dingen, welche eine edle Frauenseele in ihrem Tagebuch notieren kann. Und unser
Robert - mein Robert Wolf - Himmel und Hölle, Heinrich Ulex - es ist heraus!«
    Der Sternseher schlug seine Bibel zu und sagte:
    »Ich verstehe dich nicht, Fritz. Was hast du? Was sollen die Fragen? Was
soll dieses Buch? Was ist heraus? Was ist's mit unserm Zögling?«
    »Er ist wieder verliebt!« rief der Polizeischreiber kläglich und setzte mit
tragischem Ton hinzu: »Und ich rühmte mich meines scharfen Auges! Morgen werde
ich mein Pensionierungsgesuch einreichen.«
    »Sprich weniger in Rätseln, so werde ich dich verstehen«, sagte der
Gelehrte.
    »Ja Rätsel, Rätsel!« rief der Schreiber auf und ab laufend. »Dich trifft's
so gut wie mich. Du bist ebenso blind gewesen wie ich!«
    Der Sternseher setzte sich in seinen hohen Lehnstuhl wie ein Mann, der Zeit
hat zu warten.
    »Blind! blind! blind! O Fiebiger, o Polizei und schwarzer Star!« sprudelte
der Schreiber. »Verliebt - uns vor der Nase - Fräulein Wienand - Juliane -
tausendfacher Maulwurf - o Ulex, Ulex!«
    Der Sternseher rührte sich nicht in seinem Lehnstuhle; er wusste, dass die
hochgehenden Wogen sich ihrerzeit beruhigen würden; er wartete mit Geduld.
    »Die Hexe notiert es in ihren Memoiren; Julius Schminkert weiss es länger als
lange -
Was kein Verstand der Verständigen sieht,
Das ahnet in Einfalt ein kindlich Gemüt -
schönes kindliches Gemüt - o Fiebiger, Fiebiger, geh heim und lass dich
pensionieren!«
    Wir wollen mit dem Sternseher in Geduld abwarten, bis sich der
Polizeischreiber beruhigt hat, und während dieser Zeit dem Leser erzählen, was
in der Nummer zwölf der Musikantengasse vor diesem merkwürdigen Sonntagmorgen
vorgegangen war.
    Das kalte Wasserbad, welches dem deklamierenden Künstler Julius Schminkert
unter dem Kammerfenster Angelika Stibbes zuteil geworden war, hatte seine Liebe
zu dem holden Kinde nicht im mindesten abgekühlt. Die Wasserfluten hatten sich
gleichsam über ungelöschten Kalk ergossen: Schminkerts Seele zischte, kochte und
dampfte. Der Schauspieler war in seinen jetzigen Plänen fast ebenso beharrlich
wie der Freiherr von Poppen in den seinigen. Jeder von den beiden hatte ja ausser
der künftigen Lebensgefährtin auch den Geldkasten des Schwiegerpapas in spe im
Auge, und ein voller Geldkasten ist bekanntlich ein trefflicher Gesichtspunkt
auf dem stürmischen Meere des Lebens. Die grösste Hälfte der Menschen hält ihn
für den besten und behält ihn im Auge, wenn alle andern Leitsterne, Leuchttürme,
Feuerbaken längst in die Wogen gesunken sind.
    So lavierte denn Herr Julius seinem Ziel mit Ausdauer entgegen und liess sich
durch keinen ungünstigen Wind aus seinem Kurs bringen. Er gewann soviel
Geschmack an diesem Kreuzen wie Leon von Poppen an dem seinigen. Man konnte
Geschick und Wissen dabei zeigen und beweisen, dass man kein dummer Teufel sei.
    Fräulein Aurora Pogge suchte ihr Tagebuch nicht mehr. - Wie jener
wohlaffektionierte römische Regent wünschte sie aber der ganzen Menschheit nur
einen einzigen Kopf, um ihn mit einem einzigen Streiche abschlagen zu können.
Solange sie die Hoffnung noch nicht verloren hatte, das köstliche Manuskript
wiederzufinden, war sie ungemein vorsichtig, zurückhaltend und höflich im
Umgange mit jedermann gewesen; denn sie betrachtete jeden, der ihr nahe kam, mit
geheimer Angst. Nachdem sie die letzte Hoffnung aufgegeben hatte, das Buch mit
den schnäbelnden Tauben zurückzuerhalten, änderte sich natürlich ihre Stimmung;
sie geriet in den Zustand stumpfster Gleichgültigkeit gegen alles, was die Welt
denken, sagen und tun mochte. Sie heuchelte nicht mehr, sondern zeigte sich in
ihrem eigensten Wesen. Die Herren Drönemeier und Notzwang fanden die einst so
gastfreundliche Tür jetzt fest verschlossen; es gab nun keinen Tee, keine
Schokolade, keinen alten Madeira mehr für sie; sie segneten sich und stöhnten
über das arme Schaf, das sich so plötzlich aus der Hürde verloren hatte.
    Die Hausgenossenschaft vorzüglich fand oft Ursache zur Verwunderung über
Fräulein Aurora Pogge. Niemand - sogar der Rentier Mäuseler nicht -, niemand
entging ihren Wutanfällen; ihre kreischende Stimme erschreckte zu jeder Zeit des
Tages und in der Nacht alt und jung. Mimi, die Katze, wurde immer magerer, ging
eines Abends aus und - kam nicht wieder; es war ihr zuviel geworden. Hulda
folgte der vierbeinigen Leidensgenossin und nahm eine Stelle in einer
Privateilanstalt für Irre an; sie hatte die Befähigung zur Ausfüllung eines
solchen Platzes im Dienste Auroras vollkommen erlangt. Das Fräulein kochte »sich
selber« und schlang somit immer mehr Gift hinein. Der Rentier Mäuseler -
kündigte ihr die Wohnung und zerbrach damit das letzte Band, welches Aurora der
Hausgenossenschaft gegenüber noch fesselte.
    Sie zog jetzt alle Register ihres Grimmes; Mäuseler, der Polizeischreiber,
Robert Wolf, Schminkert, die Frau Krieg, die Familie Tellering, Monsieur
Alphonse Stibbe, Fräulein Angelika Stibbe wurden auf gleich schreckliche Weise
von der Erinnye angefallen. Der Augenblick, wo Julius Schminkert Gebrauch von
dem blauen Buche machen musste, war gekommen. Die Götter hatten es in allgemeiner
Ratsversammlung so beschlossen; Zeus der Vater hatte die ambrosischen Locken,
nickend, geschüttelt, der grause Mars hatte sich zähnefletschend die Hände
gerieben, Aphrodite die Liebliche hatte den Gürtel der Reize enger geschnallt
und siegesfroh gelächelt:
- pasci
Pugnando teneri volunt Amores,
wie Johannes Secundus ebenso schön wie wahr sagt. Am Sonnabendmorgen schwang
sich Iris, da Merkurs Flügelschuhe eben beim Schuster waren, zur Erde nieder,
und eine halbe Stunde später erschienen an den Ecken der Stadt riesengrosse
Zettel, welche das vergnügensuchende Publikum zum Maskenball und zu vorzüglichen
warmen und kalten Speisen und Getränken in die Walhalla einluden.
    In das lauschende Ohr Julius Schminkerts flüsterte die Götterbotin; sie
flüsterte in das Ohr Angelika Stibbes. Und nicht lange, so flüsterten Julius und
Angelika zusammen im Hausgange. Was hatte Iris in der Wohnung Auroras zu
flüstern? Treppab schlich die rosen-näsige Bewohnerin des ersten Stocks und
lauschte dem Gespräch des Jünglings und der Jungfrau.
    So lauscht die Boa constrictor, ehe sie sich vom Wipfel der Königspalme
niederstürzt auf das unschuldige, kosende Gazellenpaar!
    »Ich will euch! ... jetzt soll's zu Ende kommen!« flüsterte Fräulein Aurora
Pogge, als sie, ihre Pantoffeln in der Hand tragend, wieder treppauf schlich.
    Es kam zu einem Ende; aber zu einem andern, als das hohnlächelnde Mitglied
des bessern, sanftern Geschlechts sich vorgestellt hatte.
    Julius Schminkert und Angelika Stibbe besuchten den Ball in der Walhalla,
ohne eine Ahnung des düster über ihren leichtsinnigen Häuptern sich
zusammenziehenden Gewitters. Sie tanzten, ohne, wie die französische
Gesellschaft, zu wissen, dass sie auf einem Vulkan tanzten. Wie Luise Millerin
genoss Angelika die Limonade, die ihr Julius präsentierte. - Wehe euch
Unglücklichen, vergiftet war der kühlende Trank!
    Julius Schminkert im Kostüm des Grafen Almaviva war ein Kavalier, wie ihn
Angelika sich nicht eleganter wünschen konnte. Die Tochter Don Alphonso
Stibbelinos als Sonnenjungfrau war unwiderstehlich, widerstand aber auch selbst
nicht den schmeichelnden, überredenden, überzeugenden Beteuerungen des Conte
Julio. Nach dem siebenten Walzer war das Paar einig, und Julius Schminkert
schlug der Geliebten, der Verlobten vor, in Kompanie ein Parfümeriegeschäft zu
etablieren und zwischen Seife, Wohlgerüchen, Haar- und Schönheitstinkturen ein
wonniges, seliges, sonniges Liebesleben zu führen.
    Wer aber klopfte in nächtlicher Stunde an die Tür der Schlafkammer des
schlummernden Vaters, der jetzt in seinen Träumen nicht mehr angstvoll dem Baron
Schleifenbein, sondern fast noch angstvoller einem neuen Schuldner, dem
Kammergerichtsassessor Beutler, nachjagte -? Drückte den juristischen Stutzer
die Last seiner Schuld so sehr, dass er sie jetzt in der ersten Stunde nach
Mitternacht von der Seele wälzen wollte? ... Nein! Fräulein Aurora Pogges
knöcherner Finger weckte den Schneider, dass er den imaginären Rockkragen des
Kammergerichtsassessors losliess, sich jählings im Bett aufrichtete und hastig
fragte:
    »Was gibt's? Was ist's? Wer ist da?«
    Und eine Stimme drang durch das Schlüsselloch, so scharf und schrill wie ein
Zugwind, der es auf einen hohlen Zahn abgesehen hat.
    »Stibbe, wenn ich in Ihrer Stelle wäre, so sähe ich einmal von Zeit zu Zeit
nach, ob die hochnäsige, naseweise Gans, meine Tochter, im Bette sei.«
    »Was?! Wer ist das? Sind Sie es, Fräulein Pogge? Wo soll meine Tochter
sein?«
    »Nicht auf dem Walhallaballe, Sie alter Narr!« antwortete die Zugwindstimme.
»Der Schauspieler, der Vagabund vom Hahnebalken, ist auch natürlich zu Hause.
Stibbe, in Ihrer Stelle guckte ich von Zeit zu Zeit einmal unvermutet in meiner
Tochter Bett.«
    »Tonnerre!« fluchte der tailleur de Paris, aus dem Bette springend und nach
dem Feuerzeug greifend: »Fräulein, ich bitte Sie -«
    Aber die Stimme wurde nicht mehr gehört. Als der unselige Vater den Kopf aus
der Tür steckte, war auch nichts zu sehen, weder eine Katze noch ein Drache noch
Fräulein Aurora Pogge. Nur im ersten Stock knarrte eine Tür und liess sich ein
mühsam unterdrücktes Hohngelächter vernehmen.
    Im tiefsten Negligé hielt der edle Vater die Lampe über das Lager der
unglückseligen Tochter und stiess einen wahren Teaterschrei aus, da er das leere
Nest erblickte. Sollte er jetzt nach der Walhalla stürzen und sein sündiges Kind
aus dem üppigen Kreise der Freude reissen, um es in den tiefsten Schlund der
zähneklappernden Schmach hinabzuschleudern? Non! Zu grosser Skandal! Impossible!
    Der zürnende Vater vervollständigte aber nur um so mehr rachedürstend seine
Toilette und legte sich auf die Lauer, bewaffnet mit einem Stock, der an Wucht
und Elastizität selbst für Aurora Pogge kaum etwas zu wünschen übriggelassen
hätte. Er zählte in schauerlicher Aufregung die langsamen Stundenschläge den
Kirchuhren nach. Eins, zwei - drei - - vier - - - fünf! Sein Zorn wuchs, je mehr
die Nacht wich, je ärger ihn fror und je näher der Morgen kam.
    »Da sind sie! - jetzt!« ächzte er, wenn ein Tritt unter dem Fenster
erschallte. Krampfhaft umspannte er den Stab Wehe!
    »Wieder nicht!« seufzte er in ohnmächtiger Wut. »O die Dirne, die
unverschämte Diablesse!«
    Er bereitete ein Glas Punsch, um sich warm und seine Wut heiss zu erhalten.
    Endlich um ein Viertel nach fünf kamen - sie! Sie kamen durch einen leisen
Regen, dicht aneinandergedrängt - ganz Paul und Virginie. Der Arm des Jünglings
umschlang die Jungfrau aber kaum so fest wie die Hand des Vaters der Jungfrau
das hispanische Rohr. Sie konnten anfangs das Schlüsselloch nicht finden; es
war, als habe selbst der Hausschlüssel eine Ahnung davon, dass jemand hinter der
Tür stehe und warte.
    Sie fanden endlich das Schlüsselloch und traten auf den Zehen ein; ein
lautes Wehgeschrei und wildes Gefluche war die unmittelbare Folge davon. Der
Stock war überall da, wo sie ihn nicht vermuteten; er hüpfte und sprang, als sei
er mit Leben, Verstand und Vernunft begabt; die schmerzhaftesten Stellen suchte
er sich aus, und Geschrei und Fluchen waren sehr schlechte Schutzmittel gegen
ihn. Das Wehegeheul der Liebenden weckte aber das ganze Haus, und bis auf
Fräulein Aurora Pogge glaubte jedermann wieder, es brenne abermals und das Haus
stehe bereits in hellen lichten Flammen.
    Schreckensbleich, ausser sich vor Entsetzen, stürzten die Bewohner der Nummer
zwölf auf den Walplatz, und von jetzt an können wir die Fortsetzung des
Berichtes wieder in die guten Hände des Polizeischreibers Fiebiger legen. Er
wohnte den fernern Verwicklungen und der schliesslichen Lösung bei und weiss gut
zu erzählen.
    »Du hast wirklich nichts, gar nichts von dem Spektakel gehört, Ulex?«
    Der Sternseher schüttelte den Kopf.
    »Das wundert mich doch. Der Lärm war grossartig und gewiss eine Stunde weit zu
hören. Im hohen Diskant kreischte der Schneider, die Tochter flötete wie eine
Nachtigall, der ein Mehlwurm in die unrechte Kehle gekommen ist; im sonorsten
Tragödienpatos fluchte und perorierte mein Julius Schminkert dazwischen. Der
Schneider hatte sich auf die beiden jungen Leute gestürzt wie der Bock auf die
Haferkiste. Es gab heillose Schläge, und trotz meiner Stellung als Mann der
allgemeinen Ordnung und Ruhe fühlte ich mich nicht bewogen, der Wut des Parisers
Einhalt zu tun. Schade um jeden Schlag, welcher hier nebenaus ging! Es war
übrigens ein vollständiges Lustspiel im Augenblick der Krisis. Alle Figuren,
welche Talia ins Feld zu führen pflegt, waren vorhanden: der gekränkte Vater,
die leichtfertige Schöne, der Liebhaber, die böse Nachbarin, der mürrische
Nachbar, der gleichgültige Nachbar samt dem Chor der dienenden Geister. Lustig
wirbelte das alles durcheinander, und als der Liebhaber dem zürnenden Papa
endlich den Stock entriss, fasste Stibbe den Hausherrn und rief alle Strafen des
Himmels und der Erde - als Schneider sagte er nicht: der Hölle - auf ihn herab,
wenn er den Störenfried und Don Juan Julius nicht auf der Stelle aus dem Hause
werfe. Auf die Augen des Fräuleins Pogge fuhr die liebende Tochter mit
ausgespreizten Fingern zu, und bald sollte ich erfahren, dass es höchst
wünschenswert gewesen wäre, wenn die schöne Angelika der Megäre die Sehorgane
ausgekratzt hätte. Leider legten wir uns ins Mittel und retteten das Geschöpf
vor ewiger Blindheit. Ich bewunderte den Schauspieler. Er hatte sich auf das
Treppengeländer geschwungen und sah jetzt aus der Höhe ungemein kaltblütig auf
das Getümmel der Parteien herab; er liess die Geister aufeinanderplatzen und
schien durch kurze pikante Bemerkungen die Leidenschaften noch mehr steigern zu
wollen. Der Schlingel wusste, dass er das Mittel habe, die hochschlagenden Flammen
zu besänftigen; er hatte dieses himmelblaue Büchlein hier, dieses, dieses,
dieses! in der Tasche und zog es hervor, als der Lärm den höchsten Grad erreicht
zu haben schien. Man schweige! rief er mit so dröhnendem Patos, dass alle Blicke
sich trotz allem auf ihn wendeten, zumal da Fräulein Aurora Pogge ein Gekreisch
ausstiess, wie ich es noch nie gehört hatte und hoffentlich nimmer wieder hören
werde. Sie wollte sich auf den Schauspieler stürzen; aber dieser schrie, das
blaue Buch schwingend: Haltet sie! Lasst sie ja nicht heran! Es gibt einen Mord!
Es geht um unser aller Leben! Halten Sie sie doch, Stibbe! Mäuseler, packen Sie
zu! - Wir griffen unwillkürlich alle zu, und Fräulein Pogge fiel fürs erste in
Ohnmacht. Silentium! wiederholte Julius Schminkert und hielt darauf ungefähr
folgende Rede: Verehrungswürdige Anwesende beiderlei Geschlechts, süsseste
Geliebte meiner Seele; Sie, Stibbe, teurer Mann, den ich bald Schwiegerpapa zu
nennen hoffe; Sie, Mäuseler, edler Besitzer dieses Grund und Bodens; Sie, Herr
Polizei - - erlauben Sie mir, dass ich bereits zu Anfang dessen, was ich zu sagen
habe, einige Tränen der Rührung vergiesse. O Angelika, möge diese feierliche
Stunde unser Geschick entscheiden - Fiebiger, lassen Sie doch die Alte, sie tut
nur so und hört alles! Angelika, ich liebe dich - hört es alle! Monsieur
Alphonse Stibbe, ich habe, siehe Akt fünf, von einer Tante achtundert Taler
geerbt und halte hiermit feierlich um die Hand Ihrer Tochter an! - Der kleine
Schneider im fliegenden hellgrünen Schlafrock wollte wie ein erboster Grashüpfer
gegen den Redner anspringen; aber dieser wies ihn mit einer ebenfalls aus
irgendeinem fünften Akt stammenden Handbewegung zurück und fuhr fort, während
Aurora Pogge in meinen Armen anscheinend langsam das Bewusstsein wiedererlangte:
Meine Herren und Damen, wer kennt die süssen Triebe nicht, durch welche die Welt
besteht? Wessen Herz ist so ausgebrannt, dass kein Flämmchen mehr daraus
hervorzuckt, Herr Mäuseler, sei es auch nur dem letzten Aufflammen des Rums an
einem Plumpudding vergleichbar?! Meine Herren, ich liebe mit der vollen
Dampfkraft der Jugend diese hier gegenwärtige Jungfrau Angelika Stibbe; sie ist
und wird die Meinige mit dem Willen des Geschicks, gegen den Willen desselben!
Der Schauspieler warf einen Blick über die Versammlung der Hausgenossen, hob das
blaue Buch, blätterte darin und fuhr fort: Wie aus diesem Manuskript - Fräulein
Pogge wand sich wie ein Aal, dem lebend die Haut abgezogen wird -, wie aus
diesem Manuskript hervorgeht, hat hier gegenwärtige, etwas reife Jungfrau,
Fräulein Aurora Pogge, ihr Auge und ihr Herz auf hier ebenfalls gegenwärtigen
Jüngling, Herrn Rentier Mäuseler, geworfen und will ihn heiraten mit seinem
Willen, gegen seinen Willen. Der Redner machte lächelnd eine Pause, der Rentier
sah sehr erschrocken und eselhaft aus; Aurora in meinen Armen fiel scheinbar
abermals in Ohnmacht. In dem himmelblauen Buche blätternd, sprach Julius
Schminkert mit erhöhter Stimme: Pagina hundertundsechs beweist, dass Herr
Alphonse Stibbe, Witwer von Karoline Stibbe geborener Triller, ebenfalls bereit
ist, das sanfte Joch der Ehe sich wieder aufzuladen. Gegenüber - Der Schneider
hing plötzlich am Halse des Deklamators und drückte ihm hastig die Kehle zu. Die
schöne Angelika schlug die Hände mit lautem Geschrei zusammen: Steht das da,
Julius? O Himmel, steht das da? Na, Papa?! - Ich erwürge dich, wenn du den Mund
nicht hältst, flüsterte der Schneider dem zukünftigen Schwiegersohn ins Ohr, und
dieser nickte lachend: Ruhig, Papa; es steht hier noch manches andere über Sie
geschrieben. - Und Julius Schminkert fing jetzt an, wirklich Bruchstücke der
Memoiren des Fräuleins Aurora Pogge uns vorzutragen. Da aber brach ein
allgemeines Wut- und Rachegeschrei unter den Hausgenossen los; selbst mir
sträubten sich die Haare in die Höhe. Ulex, dieses Weib ist bewunderungswürdig -
eine geistige Gesche Gottfried, eine moralische Giftmischerin vom reinsten
Wasser, reinster Aqua Toffana. Über uns alle ging es her, wir konnten keinen
Atem mehr schöpfen unter den Ergüssen einer schönsten Seele, die sich jetzt über
uns ergossen. Der Schneider fiel dem Schauspieler weinend um den Hals: Und du,
mein Junge, hast dieses Scheusal entüllt? Ja, dafür sollst du mein Kind haben -
wie du auch bist, mein Sohn! O dieser Satan! Diese Teufelin! - Aber jetzt war's
wirklich Zeit, dass ich eingriff; man hätte die Schriftstellerin sonst in Stücke
zerrissen; laut schreiend floh sie die Treppe hinauf, und ich und Robert deckten
unten an der Treppe ihren Rückzug. Ihr nach wollte der Zorn der Empörten, der
Gekränkten, Verlästerten. Lasst uns durch! schrie der Schauspieler. Durch! durch!
ihr nach! schrien die andern in allen Tonarten; aber wir hielten gut und trieben
den wohlberechtigten Ansturm zurück. Bahn frei, unnatürlicher Sohn der Polizei,
rief Schminkert unsern Robert an und setzte hinzu: Sie sollten doch auch Partei
für uns nehmen, Wolf. Vivat Helene Wienand, Pagina zweihundertdreizehn. - Was
soll Helene Wienand? frage ich erstaunt, und der Schauspieler antwortet lachend:
Fragt nur diesen Jüngling aus dem provinzialen Urwalde selber, Fiebiger. Hurra,
Sturm, Sturm! Vorwärts, Schwiegerpapa! Schlagt ihr die Tür ein, hinaus mit ihr
aus dem Hause! En avant, Mäuseler! Marsch, marsch, trarara! Hinaus mit ihr auf
die Strasse! - Ich fasste jetzt denn doch den Tollkopf an den Schultern, nahm ihn,
sehr ruhig geworden, beiseite und fragte ihn ernstlich, was er mit seinen Worten
über das Fräulein Wienand gemeint habe; selbstverständlich war es aber
unmöglich, in diesem Augenblick von ihm Ausführlicheres über die Sache zu
erfahren.«
    »Und Robert?« fragte der Sternseher.
    »Ja Robert. Na, du hättest den Jungen sehen sollen! Erstarrt stand er, wurde
abwechselnd rot und bleich, zuletzt so totenbleich, dass ich fast Furcht bekam.
Glücklicherweise fing ich seine Faust, die eben den Schauspieler niederschlagen
wollte, auf. Ich liess natürlich auf dieses hin die andern ihre Angelegenheiten
mit Fräulein Pogge allein ausmachen und zog unsern Zögling am Ohr die Treppen
hinauf. Er liess sich willenlos ziehen und -«
    »Und?!« fragte der Sternseher.
    »Und ich erfuhr, dass Julius Schminkert, dass das Tagebuch Auroras recht
habe!« antwortete der Schreiber, kläglich die Hände faltend. »Was sollen wir nun
mit dem Geschöpf anfangen, Ulex?«
    »Erzähle mir dein Gespräch mit dem Knaben; ich werde dir dann meine Meinung
sagen.«
    »Der arme Junge«, seufzte Fiebiger, »eben haben wir ihn aus dem Regen
glücklich ins Trockene gebracht, so gerät er unter die Traufe, in des Wortes
verwegenster Bedeutung. Wie ein Ölgötze stand der arme Sünder da und beichtete,
was er zu beichten hatte. Es war nicht viel; aber es war genug, übergenug für
mich. Ich schüttle den Erstarrten; aber es kostet Mühe und Zeit, ehe er meine
Fragen beantwortet. Endlich fasst er wild meine Hände, so dass ich noch jetzt
blaue Flecke davon aufzuweisen habe, und sieht sich verstört um nach dem Haufen
Wüstensand, in welchen er seinen Kopf stecken kann. Unten im Hause vor der
verriegelten Tür Aurora Pogges singt währenddem die wütende Hausgenossenschaft
dumpf den Chor der Rächenden aus Lucrezia Borgia:
Deine Wut riss aus liebenden Armen
Meinen Ohm Appian ohn Erbarmen!
Schauerlich klingt die Weise herauf, und mein Robert ringt die Hände: Was soll
ich sagen? Ich weiss es nicht, ich habe es nicht gewusst; o Gott, ich wusste es ja
selber nicht; wer hat es ihnen gesagt? - Er bittet mich, ihn fortzuschicken -
grade wie damals -, ich soll ihn ziehen lassen in seine Heimat, ruft er, und ich
habe alle Not, ihn nur etwas zur Ruhe zu bringen. Es ist so, Heinrich Ulex, die
armen Kinder haben sich öfters gesehen und gesprochen, als für ihre Ruhe gut
war. Diesmal aber hat die Liebe den albernen Jungen auf eine andere Art gepackt.
Die Geschichte mit Eva Dornblut ist gar nichts dagegen. Er hat wieder
merkwürdig unruhige Tage und Nächte hingebracht - daher seine Zerstreuteit -«
    »Sein Missbrauch meiner Fernröhre!« warf der Sternseher ein.
    »Daher sein Maulaufsperren, sein Aufschrecken bei jeder unvermuteten Anrede!
Ich habe dem Schauspieler dies himmelblaue Buch abgenommen, es steht mancherlei
über das neue Verhältnis darin; aber Julius Schminkert selbst wusste doch noch
mehr. Der Narr hatte schärfere Augen gehabt als wir Alten. O Himmel, Heinrich
Ulex, wie sind wir hinter das Licht geführt! Der Junge liegt jetzt auf meinem
Sofa und hat das Gesicht in den Händen vergraben; Ludwig Tellering ist heute
morgen auch auf meiner Stube gewesen; auch der hat mehr gesehen als wir alten
klugen Leute. O Heinrich, Heinrich, ich hatte die beste Hoffnung, aus meinem
Knaben einen gescheiten, behaglichen Hagestolz zu machen. Nun ist die Hoffnung
ins Wasser gefallen, und der Teufel mag sie wieder herauffischen. Zum Teufel;
der Narr hat doch schon ein gut Stück vom Weibervolk kennengelernt! Oh, oh, oh,
Heinrich Ulex, was fangen wir mit dem Jungen jetzt an?«
    Der Sternseher sah in den Nebel, der jetzt bedeutend sich gelichtet hatte;
er sah nach der Decke, sah auf den Boden, sah höchst bedenklich seinen Freund
an. Er schüttelte den Kopf und sprach endlich: »Wir wollen das Fräulein von
Poppen fragen. Ich werde zu ihr gehen.«
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
          Die Lebendigen wandeln in Unruhe - der Tod guckt in das Buch
Der Polizeischreiber schlug sich vor die Stirn wie jemand, dem ein grosses Licht
aufgeht.
    »Das ist das Richtige, Heinrich!« rief er. »Geh zu ihr; die Geschichte geht
sie fast noch mehr als uns an. Sag ihr, sie solle die Kleine tüchtig ins Gebet
nehmen. Was hat das Mädchen meinem armen Waldteufel in den Weg zu laufen - o
diese Weiber, diese Weiber!«
    Der Polizeischreiber machte seinem Herzen noch lange in ähnlicher Weise
Luft; der Astronom aber machte Toilette, und das war nichts Geringes für ihn. Er
schwitzte jedesmal Angstschweiss dabei, suchte stundenlang Dinge, die er bereits
um und an sich hatte, und stieg zuletzt doch die Treppe mit dem Gefühl herunter,
dass trotz aller angewandter Mühe noch nicht alles in Ordnung sei. Weshalb wären
auch sonst soviel Leute stehengeblieben, um ihm nachzublicken?
    Je mehr der Sternseher sich in den Gassen fürchtete, desto gemessener,
feierlicher, würdiger wurde sein Schritt. »Welch ein Pedant!« sagten die Leute,
die ihm begegneten und ihn nicht kannten. »Welch eine treffliche Bühnenfigur!«
sagte der Lokalpossendichter, »den Mann werde ich studieren und gut verwenden!«
Er hielt nur halb Wort; freilich studierte er den komischen Kauz, aber er
brachte ihn nicht auf die Bühne; tief zog er den Hut ab, wenn er und Heinrich
Ulex später sich wieder begegneten. Komisch, possenhaft war der Mann doch nicht
zu verwerten.
    Nach elf Uhr erreichte der Gelehrte die Wohnung des Freifräuleins, die in
einem durchaus nicht vornehmen Stadtviertel lag. In der Schulstrasse wohnte
Juliane zu ebener Erde in einem Eckhause, dessen Fenster zum Teil auf einen
wimmelnden Gemüsemarkt sahen, und die Zimmer boten einen ganz andern Anblick dar
wie die der Baronin Viktorine in der Kronenstrasse. Die kleine, lahme, zynische
Philosophin hielt nicht viel auf weiche Diwans, Fauteuils und Teppiche; aber sie
liebte schöne Gemälde und Kupferstiche und hatte ihre Wände reichlich damit
geschmückt. Seltsamerweise schien das Freifräulein vorzüglich eine Vorliebe für
die Riedingerschen Tier- und Jagdstücke zu haben; sie besass deren eine grosse
Anzahl und hatte ihnen in reichen Goldrahmen fast überall die Ehrenplätze
angewiesen. Das alte Junkerblut und der Winzelwald konnten sich eben nicht
verleugnen.
    Es gab im Haushalt des Freifräuleins keine schnippische Lisette, keinen
gespreizten galonierten Baptiste. Ein kleines Mädchen, welches Juliane aus der
Armenschule zu sich genommen hatte, öffnete dem Sternseher die Tür und sagte:
    »'s Fräulein ist drin mit 'n Herrn.«
    Ulex klopfte nochmals leise an eine zweite Tür, und diesmal öffnete das
Freifräulein selbst, trat aber einen Schritt zurück, als es den alten Freund
erblickte.
    »Ulex?! Um des Himmels willen, wie kommen Sie - was ist geschehen? Ist der
Mond heruntergefallen? Ist etwas mit der Sonne passiert? Herein mit Euch, Mann -
was treibt Euch hierher?«
    Der Greis wurde ins Zimmer gezogen, er wurde auf einen Stuhl gedrückt, der
Hut wurde ihm abgenommen, ehe er zu Atem gekommen, ehe er seiner Verwirrung Herr
geworden war.
    Ein anderer, jüngerer Herr hatte sich von einem andern Stuhl erhoben.
    »Mein Neffe, Leon von Poppen«, sagte das Fräulein vorstellend. »Herr Ulex,
mein alter Freund.« Beide verbeugten sich voreinander, und Leon dachte: Bien,
den Burschen hätt ich schon längst gern gekannt. Laut sagte er: »Sehr erfreut,
Ihnen die Hand drücken zu können, Herr Doktor -«
    »Es ist eine grosse Ehre für Sie, lieber Neffe!« sagte das Freifräulein.
»Nun, Ulex, reden Sie; was ist geschehen? Es muss etwas Aussergewöhnliches sein.«
    Wäre der gelehrte Mann, der weise Beobachter der Sterne nicht solch ein
altes Kind gewesen, so würde er sich gewiss zweimal bedacht haben, ehe er in
Gegenwart Leons von Poppen das ausgesprochen hätte, was ihn durch die Gassen
trieb, was ihn zu der alten Freundin führte. Aber Heinrich Ulex bedachte sich
nicht; er verstand es nicht, etwas zu verbergen, wenn er sich der Tochter des
Poppenhofes, der Elfin des Winzelwaldes gegenüber befand. Er hatte keine Ahnung
davon, dass der Bericht dieser einfachen Liebesgeschichte den ernstaften,
bescheidenen jungen Mann, den Neffen seiner Freundin, auch sehr interessieren
könne.
    Unter der Maske lächelnder Gleichgültigkeit verbarg Leon von Poppen seine
Verwunderung:
    Höchst originell, überraschend merkwürdig! dachte er. Diese Wölfe scheinen
prädestiniert zu sein, mich überall zu contrecarrieren. Dieser Lümmel
vorzüglich; - ausgezeichnet - Eva - Fräulein Helene Wienand! Per Bacco, der
Einfall dieses Einfaltspinsels und übergeschnappten Professors, jetzt
hierherzukommen, um bei ma tante Vortrag zu halten, ist anerkennungswert; nicht
zu bezahlen, auf Ehre! Werde aber doch den Bauernjungen schärfer im Auge
behalten und meine kleine Zukünftige auch nicht vergessen.
    Hoch auf horchte das Freifräulein, als es die grosse Neuigkeit vernahm, sie
nahm bedeutend mehr Prisen als sonst, und ihre Nasenspitze rieb und behandelte
sie so, als sei dieselbe durchaus nicht ihr persönliches Eigentum. Dagegen
unterbrach sie, ganz gegen die Gewohnheit der Weiber, die Erzählung des Alten
nicht, sondern ergriff erst das Wort, nachdem der Berichterstatter mit einem
Gestus, welcher nur bedeuten konnte: so, gottlob, meine Seele ist die Last los -
atmend das Kinn auf den Stockknopf stützte.
    Nun hob das Fräulein die kluge, spitze, rotgeriebene Nase, trommelte auf der
Dose und rief:
    »Das ist freilich eine tolle Nachricht, die Ihr mir bringt, Ulex. Ei, ei,
also das ist's?!«
    Sie versank in ein tiefes nachdenkliches Schweigen, der Sternseher rührte
sich nicht, Herr Leon von Poppen betrachtete mit ungeheurer Aufmerksamkeit einen
Kupferstich, auf welchem ein Fuchs geduckt einen Hühnerstall umschlich:
    Höchst angenehme Situation für einen im geheimen Liebenden - une école! Man
kann doch immer etwas lernen.
    Wieder aufschauend, sprach das Freifräulein:
    »Also das ist's! Na, Gott sei Dank, Ulex; es hätte schlimmer sein können.
Dass meinem Pflegekinde ausser der Sorge um den närrischen Vater noch etwas
anderes auf dem Herzen lag, habe ich längst gemerkt; - dies freilich ahnte ich
nicht. Wir wollen jetzt nicht weiter darüber reden, Ulex; mein Neffe dort würde
sich zu sehr langweilen. Erwartet mich heute abend zur gewohnten Stunde auf
Eurem Turm, Alter. Wir haben Fritz zu unserer Beratschlagung ebenfalls nötig; -
übrigens macht Euch keine unnötigen Sorgen, Ulex; wir wollen den Kindern schon
die Köpfe zurechtsetzen.«
    Der Sternseher nahm Abschied von der alten Freundin und ging auf möglichst
menschenleeren und verborgenen Pfaden nach Haus. Auch der Baron von Poppen
verabschiedete sich von der Tante, und diese sagte bei seinem Weggehen:
    »Haltet Euch gut, Poppen; ein Narr seid Ihr und bleibt Ihr; aber ich glaube
fast, es steckt doch noch ein Keim zu einem anständigen Menschen in Euch.«
    »Dank für die gute Meinung, teuerste Tante«, lachte Leon, der alten Dame die
Hand küssend. »Man sieht doch wenigstens, dass Sie den Glauben an die Menschheit
noch nicht verloren haben. Au revoir!«
    Damit ging auch der Baron und legte sich im Zimmer seiner Mutter hinter der
Gardine auf die Lauer; aber er bekam nicht einmal den Schatten Helenes zu
Gesichte. Gegen vier Uhr nachmittags seufzte er:
    »Mama!«
    »Was gibt es, Leon, du böses Kind?«
    »Mama, da macht soeben chère tante unserm liebenswürdigen Vis-à-vis die
gewohnte Visite; darf ich ihr eine Kusshand zuwerfen?« Im geheimen setzte er
hinzu: Könnte ich doch die alte Schachtel begleiten!
    Victorine de Poppen, née de Zieger, welche bis dahin auf ihrem Diwan im
gewohnten apatischen Halbschlummer gelegen hatte, richtete sich höchst
lebendig, aufgeregt, entrüstet auf die Ansprache des Sohnes hin in die Höhe:
    »Leon, ich verbitte mir jetzt ganz ernstlich diese grässliche Art, in welcher
du mir seit deiner sogenannten Umwandlung jeden ruhigen Augenblick verdirbst.
Was gehen mich die Leute drüben an? Du scheinst seit einiger Zeit ordentlich
Buch über ihr Tun und Lassen zu führen. Und die Person - ich sage dir, Leon,
wenn du deine arme unglückliche Mutter in ein frühzeitiges Grab stürzen willst,
so setze diese seit kurzem von dir angenommene abscheuliche Weise fort und
ärgere mich durch Erwähnung ihres Namens. Leon, Leon, trotz deiner mirakulösen
Besserung machst du mir doch Kummer genug; Frau von Flöte -«
    Diesmal war an dem vortrefflichen Freiherrn die Reihe, sich die Nennung
eines Namens höchlichst zu verbitten. Der junge Mann fühlte sich, nachdem er von
dem Besuch bei der Tante zurückgekehrt war, wieder einmal recht hinfällig an
Körper und Geist. Es gab einen Augenblick, in welchem er beschloss, seinen so
energisch aufgegriffenen Plan fallenzulassen; aber eine lichte Gestalt, ein
Schein, der drüben an den Fenstern des Bankiers Wienand hinglitt, litt das
nicht. Herr Leon von Poppen musste weiter auf der so kühn beschrittenen Bahn,
trotz Kopfweh, Nervenzucken und Rheumatismus. Es war nicht zu verlangen, dass der
Baron in der Nacht, welche auf diesen merkwürdigen Sonntag folgte, von Lydda von
Flöte anders träumte als von einer Hexe, die auf einem Heiratskontrakt in viel
lieblichere Traumbilder störend hereingaloppierte, während Robert Wolf und Eva
Dornblut mit einem tollen indianischen Kriegstanz um das Bett des Freiherrn
sich belustigten.
    Der arme Robert! Er dachte nicht im mindesten daran, Herrn Leon von Poppen
irgendwie, weder geistig noch körperlich, zu belästigen. Auf der Stube des
Polizeischreibers gab er sich selbst den wildesten, schwärzesten Phantasien hin,
und den Schlüssel zur Stube hatte der Polizeischreiber vorsichtig ausgezogen und
in die Tasche geschoben, ehe er seine Wohnung verliess, um sich zu der
verabredeten Zusammenkunft auf dem Observatorium des Sternsehers zu verfügen.
    Im Erker des Nikolausklosters aber sagte Juliane von Poppen:
    »Ich habe alles reiflich überlegt, ihr Herren. Ich werde meinem Kinde nicht
auseinandersetzen, welche Entdeckung wir gemacht haben. Die Tage des armen
Herzens sind finster genug geworden; es ist kaum zu glauben, was es um den Vater
leidet. Vielleicht ist es ein hohes Glück, dass diese erste Neigung dem Kinde
grade jetzt gesendet wurde. Wir dürfen keinesfalls mit zu harter Hand
dareingreifen. Wir wollen der armen Helene diesen blauen Fleck am dunkeln Himmel
so lange als möglich lassen; und wenn wir auch schärfer Wacht halten als bisher,
so wollen wir es sie doch nicht merken lassen. Den Jungen, den Schlingel, könnt
Ihr freilich schon härter anpacken, Fiebiger. Redet ihm ins Gewissen, Alter.
Erinnert ihn an seine Schauspielerin oder Sängerin; es schadet gar nichts, wenn
Ihr ihm den leichten Sinn ein wenig niederdrückt. Der Bursche ist noch sehr
jung; man hat mit seinem Herzen gespielt, nun soll er nicht mit dem meines
Kindes spielen dürfen. Lasst ihn tüchtig arbeiten, lasst ihn lernen, legt ihm eine
eiserne Hand auf den Kopf und zeigt ihm jetzt das Leben so nüchtern wie möglich.
Wenn in dieser Neigung die rechte Kraft ist, so wird er den Kopf schon wieder
aufrichten, und die Zukunft wird das Dienliche bringen! Wir wollen uns nicht
zuviel Sorge darüber machen. Wann denkt Ihr den Knaben aus Eurer Schule
entlassen zu können, Ulex?«
    »Ich hoffe, dass wir ihn im nächsten Frühjahr auf die Universität senden
können«, antwortete der Sternseher.
    »Vortrefflich! Das passt ganz. So habt denn gute Acht auf den Knaben, ihr
Herren; für das Mädchen will ich schon sorgen.« -
    Als Friedrich Fiebiger und Juliane von Poppen vom Turm des Sternsehers
niedergestiegen und in den Klosterhof getreten waren, war der erste Schnee des
Winters gefallen, und über die Stadt und weit über alles Land lag die weisse
Decke gebreitet. Stumm gingen die beiden alten Leute nebeneinander, man hörte
ihre Schritte nicht, weder auf dem Hofe von Sankt Nikolaus noch in der Strasse,
noch in dem Hofe von Nummer zwölf in der Musikantengasse. Sie sahen noch einmal
in die Wohnung des Tischlers Johannes Tellering, sie beugten sich still über das
Lager des Kranken. Hinter ihnen her war verhüllt ein anderer, noch lautloseren
Schrittes, gegangen; er stand auch jetzt hinter ihnen und blickte ihnen über die
Schultern und schüttelte wie sie den Kopf. Alle in dem dämmerigen Gemach ahnten
seine Gegenwart und schauderten - - Johannes Tellering sollte nun nicht lange
mehr leiden.
    Als Juliane und der Schreiber aus der Hofwohnung wieder ins Freie getreten
waren und mit vollen Zügen die frische Luft geatmet hatten, sagte das
Freifräulein:
    »Wie wunderlich, wunderlich - wie Herzen ihre Hoffnungen da aufbauen, wo
ebenso viele Hoffnungen zugrunde gehen; - o Fritz, es muss doch eine tüchtige
Lebenskraft in der Welt stecken! - -«
    Noch einmal sahen sich Robert und Helene am Bette des Meister Johannes, und
das war gut; dann endete das Leben des alten Handwerksmannes, und das war auch
gut. Nun lag der wackere Kämpfer ausgestreckt, still auf seinem Lager; er hatte
Ruhe - es war, als spiele ein Lächeln des Triumphes um die bleichen Lippen. In
ihrer Kammer weinten Mutter und Tochter, aus der Werkstatt erschallte kraftvoll
der Hammerschlag Ludwigs; der Sohn vollendete eben den Sarg des Vaters; er
machte meisterliche Arbeit, es musste der trefflichste Sarg werden, den er jemals
angefertigt hatte. So mass er denn und behobelte die guten Bretter, auf denen des
Vaters Augen so oft geruht hatten; es war ihm während der Arbeit, als ruhten sie
noch darauf, und er bestrebte sich mit fieberhaftem Eifer, dass das Stück ohne
Fehl und Tadel - ein gutes wackeres Schreinermeisterstück - zustande komme.
    Wieder war es Nacht; wieder lehnte Robert Wolf an der Hobelbank neben dem
Freunde, und Ludwig Tellering sagte zu ihm:
    »Was hilft es alles - weiter, immer weiter; Brett zu Brett, Nagel bei Nagel,
Schraube bei Schraube; - was sorgen wir uns viel um ein Leben, das zuletzt doch
hiermit zu Ende ist?«
    Dröhnend fiel die Faust des Arbeiters auf den Sarg, dann fuhr er fort:
    »Weiter, immer weiter! Wenn ich den stillen Mann dort in der Kammer hier in
dieser Kiste in die Erde gelegt haben werde, was dann? Werde ich dann können,
was ich muss? Kann ich hier in dieser Werkstatt weiterhämmern und weiterhobeln in
gewohnter Art? Es kommt mich ein Grauen an, wenn ich daran gedenke. Ich muss, ich
muss! Sieh um dich, Robert, siehst du nichts im Dunkel der Winkel? Die Not, der
Hunger kriechen gierig daraus hervor. Täglich und stündlich schlage ich sie mit
dem Hammer nieder, aber sie richten immer höhnischer die Köpfe auf. Dagegen ist
keine Hülfe hier. Ich denke oft, in der Ferne sei Hülfe; - aber wo? Ich
zerbreche mir oft den Kopf darüber. In die Ferne möchte ich - weit, weit von
hier weg; immer weiter, weiter!«
    »Über das Meer, nach Amerika, zu Marie Heil«, sagte Robert, ohne eigentlich
zu wissen, was er sagte. Die Ideenverbindung ergab sich von selber; aber Ludwig
starrte den Freund an, als ob er etwas ganz Unbegreifliches, Überraschendes
ausgesprochen hätte.
    »Oh«, sagte Robert, »du bist doch noch glücklich. Wohl ist der Tod deines
Vaters ein schmerzliches Ereignis, aber das schreckliche Leiden ist dadurch zu
Ende gekommen; der Gute dort in der Kammer fühlt keine Schmerzen mehr, geh
hinein und sieh, wie er lächelt. Du bist immer noch glücklich, Ludwig; du kannst
deine Liebe aufsuchen; nichts hindert dich, morgen zu gehen, und deiner Mutter
und Schwester kannst du drüben vielleicht ein besseres Los schaffen, als hier es
möglich ist. Du kannst Marie suchen und wirst sie finden; ich aber - ich muss
meine Liebe fliehen; - sie haben entdeckt, was ich so tief in meiner und deiner
Brust verborgen glaubte; sie haben es auf die Strasse gerissen, die Narren, die
bösen Weiber lachen und grinsen darüber, die Freunde schütteln traurig den Kopf
- was soll ich tun? Was soll ich tun?«
    Die jungen Herzen schlugen laut und wild; der tote Greis in der Kammer
nebenan regte sich aber nicht, das Lächeln schwand jedoch auch aus den
erstarrten Zügen: Staub zu Staub, Asche zu Asche; ruhig, ruhig, ihr jungen
Herzen! - -
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
Es kommt Nachricht von den Wanderern. Robert Wolf lässt sich nassregnen. »Texas!«
Hoch lag der Schnee, und grau war der Himmel, als der Leichenzug des Meisters
Johannes Tellering sich durch die Strassen wand; aber selten wurde der Sarg eines
armen Mannes mit so schönen und teuren Blumen geschmückt zur Gruft getragen. Von
seinem Turm herab war der Sternseher Heinrich Ulex gestiegen und schritt dicht
hinter den Trägern des Sarges; Polizeischreiber Fiebiger hatte Urlaub vom Rat
Tröster, seinem hohen Chef, genommen und ging mit Robert hinter Ludwig und dem
alten Ulex. Ein langer Zug Handwerksgenossen in den langen ehrbaren
Feiertagsröcken, Zitronen auf den Handwerksemblemen tragend, folgte. Juliane von
Poppen und Helene Wienand blieben in der Hofwohnung bei den armen Frauen der
Familie.
    Der Schnee lag hoch, die Luft war dunkel, der Tag ganz geeignet zu einem
Begräbnis. An der Grube auf dem Kirchhof hielten weder der Konsistorialrat
Krokisius noch die Herren Seelenhirten Notzwang und Drönemeier Lobreden auf den
Verstorbenen. Aber es war viel nachdenkliches und betrübtes Volk zugegen, und
das Lob, das leise und mit Tränen in den Augen geflüstert wurde, war auch ein
Lob. Es zeigte sich, dass der Meister Johannes ein sehr bekannter, ein sehr
angesehener Mann war, und zwar nicht nur bei den Handwerksgenossen.
    Das Sprichwort meint freilich, man müsse sterben, um gelobt zu werden, wie
man freien müsse, wenn man getadelt werden wolle; aber hier war das Lob so
einstimmig und innig, dass wirklich nicht an der Aufrichtigkeit desselben zu
zweifeln war. Selbst Julius Schminkert war an diesem Morgen recht ernst
gestimmt, und niemand hörte an diesem Tage einen der gewohnten Witze von ihm.
Schnell erhob sich über dem Leibe des Meisters Johannes der Hügel, und noch
während der Arbeit der Spaten deckte ihn bereits der herabwirbelnde Schnee.
Durch ein lustiges Gestöber schritten die Träger, die Leidtragenden nach Hause,
und die, deren Heimweg lang war, vergassen den Toten, bevor sie das erste Viertel
des Weges zurückgelegt hatten. Sie hatten ihre eigene Not, ihre eigenen
Bedrängnisse - dem Toten war sein Recht gegeben; wer konnte es ihnen verdenken,
wenn sie nun gleich wieder an das Leben dachten? Es war für die meisten
Teilnehmer am Grabgefolge doch hart genug, dieses Leben!
    Durch den tiefen Schnee wateten auch die Freunde aus der Musikantengasse und
der Gelehrte vom Giebel des Nikolausklosters nach Hause. Sie vergassen den Toten
nicht so schnell, nachdem die traurige Pflicht abgetan und Staub zu Staub gelegt
worden war. Noch einen Augenblick sassen Ulex, Fiebiger und Robert Wolf nieder in
der dunkeln Hofwohnung, inmitten der kleinen trauernden Familie, deren Haupt sie
zu Grabe gebracht hatten.
    Milde tröstende Worte sprach der Sternseher zu der Frau Anna und der
weinenden Luise, und Helene Wienand, dicht an das Freifräulein sich schmiegend,
verwandte die Augen nicht von dem ehrwürdigen Gesicht des Greises. Auf dem
Heimwege aber fasste das junge Mädchen die Hand Julianes und rief mit einem
plötzlichen Ausbruch:
    »O er muss zu meinem Papa kommen; er muss ihn sehen, er muss zu ihm sprechen!«
    »Von wem sprichst du da, Kind?« fragte das Freifräulein ganz verwundert.
    »O von ihm, dem Guten, dem guten alten Mann!« rief Helene. »Er wird zu dem
Vater sprechen; er wird ihn heilen; er wird tun, was der Herr Rat Pfingsten
nicht kann!«
    Das Freifräulein sah das Pflegekind ganz verwundert an.
    »Den alten Ulex meinst du? Wahrhaftig, es könnte deinem Vater gar nichts
schaden, wenn der mit ihm zusammengebracht würde. Welch eine Idee! Wir wollen
noch darüber sprechen!«
    Der Wagen hielt vor dem Hause in der Kronenstrasse, und die Baronin
Viktorine, die am Fenster stand, fuhr beim Anblick der Schwägerin, mit den
Zeichen allerhöchsten Abscheus, bis in die Mitte des Zimmers zurück:
    »Die Person! Schlimmer als eine Spinne, schlimmer als - eine - Maus! Elise,
Elise, mein Fläschchen!«
    Elise stürzte mit dem Riechfläschchen herbei und führte ihre Herrin zu dem
Diwan, wo dieselbe aus einem leichten Krampfanfall dem gewohnten Schlummer
anheimfiel. Im obern Stockwerk lauerte Leon hinter der Gardine auf das Füsschen
Helenes. Das wenige, was er davon erblickte, setzte ihn in eine sehr gemischte
Stimmung.
    »Der Engel!« hauchte er und setzte grollend hinzu: »Impertinenter alter
Drache von Tante! Aber nur ruhig, Leon, mein Sohn; wir machen da drüben doch
noch Visite.« - -
    Es spannen sich die Tage eines jeden fort durch den Winter. Zu seinem Robert
sagte Polizeischreiber Fiebiger:
    »Du hast dir ein hohes, schönes Ziel vorgesteckt, mein Junge, und es ist
sehr zweifelhaft, ob du es erreichen wirst, ob du deinen Willen haben wirst.
Eines merke dir, Junge: durch Träumen und Grillenfangen erreichst du es nicht,
und wenn dir die Umstände noch so günstig wären, wenn dir - hm - das kleine Ding
- hm - noch so gut wäre. Dies Fräulein Wienand ist ein ganz hübsches Mädchen;
aber nicht nur vor die Tugend, sondern auch vor das Schöne setzten den Schweiss
die unsterblichen Götter, wie Ulexius sagen würde. Und diese Götter sind ganz
merkwürdige Persönlichkeiten: äusserlich höchst glücklich und
klassisch-regelmässig gebildet, inwendig aber voll Nücken, Tücken und Schrullen.
Es amüsiert sie, die Menschen wie Kreisel tanzen zu lassen, sie wissen die
Peitsche wohl zu gebrauchen, und die Göttinnen - Venus Amatusia vor allen -
stehen und halten sich die Seiten vor unbändiger Heiterkeit. Ach, wir auf der
Polizei erfahren viel von ihrem Wesen, mehr als alle griechischen und
lateinischen Schullehrer und Professoren! Die Götter wollen sehr oft den Schweiss
- Schweiss und Blut -, ohne den Lohn geben zu wollen. Versuche es aber doch und
schwitze; wer weiss, was geschieht!«
    Und Robert arbeitete, und die jetzt so scharfäugigen Alten waren nicht so
grausam, dass sie ihn ganz von Helene getrennt hätten; sie überwachten jedoch die
Zusammenkünfte der beiden jungen Leute sehr genau und gaben acht, dass kein
Schaden geschehe.
    Der Hammer in der Hofwohnung klang Tag und Nacht, fast ohne Aufhören. Die
Säge kreischte, der Hobel fuhr über alles Rauhe, über alle Äste und Knorren:
Glatte Bahn! glatte Bahn! Guten Mut, Ludwig Tellering, auch im Menschenleben
räumt eine starke Hand manchen Knorren und Ast aus dem Wege und macht glatte
Bahn, glatte Bahn, glatte Bahn!
    Der Sternseher sah nach den Sternen, und das Freifräulein führte ihn bei dem
armen Bankier in der Kronenstrasse ein; aber der Kranke hatte grosse Angst vor dem
Greise und duldete nur zitternd seine Gegenwart. Der Sanitätsrat Pfingsten
sprach sich gegen das Freifräulein dahin aus: es werde endlich nichts
übrigbleiben, als den Patienten in eine Irrenanstalt zu bringen, Hülfe und
Heilung werde aber voraussichtlich auch da nicht zu finden sein; denn diese Art
der fixen Ideen komme meistens nur mit dem Tode des Individuums zu Abschluss.
    »Wenn das ist, so wollen wir den armen Mann nicht fremden Händen überlassen,
Pfingsten«, sagte Juliane. »Zu Tode füttern können wir ihn auch.« Der Arzt
zuckte die Achseln. -
    Unter dem Getön einer höchst friedlichen Katzenmusik sämtlicher Hausgenossen
verliess Fräulein Aurora Pogge die Nummer zwölf der Musikantengasse, und der Tag
ihres Exodus war für die Nummer zwölf ein sehr heiterer Tag. Der satanische
Julius hatte natürlich an der Tür der Schneiderwerkstatt Posto gefasst, und die
himmlische Angelika kicherte hinter dem Türvorhang. Über alles und jedes machte
das holde Paar seine frivolen Bemerkungen. Nichts war den beiden unverschämten
Kreaturen heilig, weder die jungfräuliche Bettstatt Auroras noch das Porträt des
kriegskommissarischen Papas; ja Schminkert trieb die Verwogenheit sogar so weit,
dann und wann ein Stück Hausrat anzuhalten und, zum Ergötzen des vor der Haustür
versammelten Volksspiels, seinen Scherz damit zu treiben:
    »Hier kommt der Tron der Grazien! Lasst den Tron der Grazien durch, Bürger
von Aten!« schrie er, als ein grinsender Packträger einen kastenähnlichen
Stuhl, auf welchem man grade nicht sehr graziös sich niederzulassen pflegt,
hervorschleppte.
    »Lass den Deckel zu! Lass den Deckel zu, glorwürdig Volk!« schrie der
Schauspieler. »Hier kommt ein ganzer Waschkorb voll süsser Erinnerungen aus lang,
unendlich, unermesslich, schauderhaft lang vergangener Jugendzeit. Setzt ab die
Bahr', ihr schwarzverhüllten Träger - bei allen Mächten, hineingucken muss ich,
und wenn des Teufels Grossmutter in eigener Person Wache davor hielte! ... Brrr!
Lauter Perücken und mauserige Schmachtlocken? Lauter abgelegte imitierte üppige
Körperformen? Hurra, versammeltes Volk, was sagst du hierzu?«
    Mit spitzen Fingern hielt der Spötter eine vergilbte seidene Robe aus dem
Anfang dieses Jahrhunderts in die Höhe, und Janhagel sperrte lachend das Maul
auf:
    »Donner, welch 'n Staat!«
    »So trug man sich, als Fräulein Pogge ein junges Mädchen war; lang, lang
ist's her!« sprach und sang der Schauspieler mit einem tiefen Seufzer und liess
den Plunder wieder fallen. Er erblickte jetzt den Hausherrn am Fenster und rief
ihm mit gellender Stimme zu:
    »Soll ich ein Andenken für Sie - ganz Rokoko, Herr Mäuseler -, soll ich ein
Andenken zurückbehalten für Sie?«
    Der Rentier schüttelte krampfhaft das ehrwürdige Haupt, und Julius
Schminkert setzte seine spasshafte Inventur zum Ergötzen der gesamten
Nachbarschaft fort, bis mit dem letzten Hausgerät Fräulein Aurora Pogge selbst,
grüngelb, vor Wut dem Tode nahe, das Haus verliess und mit einem allgemeinen
Jubelgeschrei von der Hausgenossenschaft entlassen und von dem Haufen auf der
Strasse empfangen wurde.
    »Jetzt Chlorkalk her!« jubelte Schminkert. »Pulver aufgebljetzt! Mit Essig
den Boden gesprengt! Räucherkerzen und Königsräucherpulver! Herr Stibbe,
Schwiegerpapa in spe, Sie, Herr Mäuseler, Kommerzienrat in spe: ich bitte um ein
Attest darüber, dass ich mich um das Vaterland verdient gemacht habe!«
    Fräulein Aurora Pogge zog aus, und Julius Schminkert blieb im Hause; sein
Ansehen und Ruf war bedeutend gestiegen, seine Liebe für die liebliche Angelika
blieb dieselbe. Er legte die achtundert Taler, das Vermächtnis der seligen
Tante, nieder in die Hände des Tailleurs Alphonse Stibbe als Bürgschaft für
künftiges gutes Verhalten. Dem Hausherrn, Herrn Mäuseler, malte er in mancher
Privatunterhaltung immer schrecklicher die Heiratsfallen, welche ihm - Mäuseler
dem Edlen - Aurora Pogge gelegt habe, und der Rentier erklärte ihn - Julius
Schminkert - für einen recht gescheiten jungen Mann, mit dem man Nachsicht haben
müsse, da er doch nichts dafür könne, dass ihn Gott in seinem Zorn zum »Kinstlär«
gemacht habe.
    Unter den allbekannten, oft besungenen und beschriebenen Symptomen nahm der
Winter Abschied und kam der Frühling: es gab ein grosses Auftauen und viel
Schmutz in der Stadt sowohl wie auf dem Lande. Unglückliche Buttervögel wagten
sich hervor und erfroren wieder in sehr kalten Nächten; auf dem Spaziergang
kreischten die Damen hell auf, wenn harmlos der erste Frosch vor ihnen über den
Weg hüpfte; irgendwo durchbohrte der erste Mückenrüssel den feinen weissen
Strumpf und sog Jungfrauenblut zum hohen Unbehagen der Jungfrau. Die frommen
Schwalben kamen aus ihren unbekannten Winterquartieren zurück und klebten ihre
Drecknester an die Häuser, und sehr viele pietätlose Hausbesitzer stiessen sie
mit langen Stangen wieder herab, weil sie behaupteten, das »Viehzeug« bringe
Wanzen mit. Der Landmann pflügte fluchend über die saure Arbeit und die hohen
Steuern den Acker, und die Krähen hüpften hinter ihm her und frassen mit Appetit
Engerlinge; auch der während des Winters erzeugte Dünger wurde aufs Feld
gefahren. Man bekam wieder einmal sehr leicht den Schnupfen und wurde ihn wieder
einmal sehr schwer wieder los. Es war nicht zu verlangen, dass der
Polizeischreiber Fiebiger sich sehr begeistere für den Frühling; er nahm ihn,
wie er sich gab, und traute ihm nicht eher, bis er vorüber war. An einem Morgen
im Frühling aber war's, als der Beschützer Robert Wolfs in den vor seiner Tür
angebrachten Briefkasten griff und einen Brief hervorzog, welcher durch
Vermittelung eines der bekanntern Handlungshäuser der Stadt in den besagten
Kasten geworfen worden war.
    Der Schreiber vergass nicht leicht eine charakteristische Handschrift, wenn
er sie auch nur ein einziges Mal gesehen hatte; der Brief kam aus weiter Ferne,
kam übers Meer, der Brief war von Friedrich Wolf.
    »Keine Überstürzung!« sagte der Polizeischreiber, legte das gewichtige
Päckchen auf den Tisch, zündete seine Pfeife an, warf einen Blick auf Robert
Wolf, der am Fenster eifrig las, zog einen Stuhl an den Tisch, setzte sich mit
einem Seufzer nieder und erbrach nun erst ganz bedachtsam das Kuvert. Zwei
andere Briefe fielen heraus; der eine war von Marie Heil an Luise Tellering, der
andere von Eva an Robert gerichtet. Der Schreiber warf wieder einen Blick auf
seinen nichtsahnenden Schützling und vertiefte sich dann in das an ihn selbst
gerichtete Schreiben Friedrich Wolfs.
    Es lautete:
»Wir senden aus der neuen Heimat den Freunden drüben diese Botschaft.
Geschwiegen haben wir bis jetzt, weil wir das für das Bessere hielten. Die Zeit
sollte erst die Wunden, welche nicht wir geschlagen hatten, verharschen machen.
Wir hoffen, dass die Zeit ihre lindernde Kraft bewiesen hat!
    Ich kann dem wackern Mann, der meinem armen Bruder so hülfreich die Hand
reichte, nur immer von neuem danken. Eva schreibt selbst an Robert.
    Ich habe meine Frau wild und weit durch die Welt geführt; die Kinder aus dem
Winzelwalde haben ihr eigenes Schicksal, und wechselnde Sterne leuchten über
ihnen. Nun stehen wir wieder vor einer grossen Wanderung. Den Reichtum, welchen
mir das Glück unaufgefordert in den Schoss warf, hat es mir in einem Anfall übler
Laune wieder bis auf ein Bruchteil genommen, und meine Angelegenheiten befinden
sich jetzt ziemlich vollständig, wie man hierzulande sehr geistreich sagt, out
of fix. Die Stimmung haben wir uns jedoch nicht verderben lassen und bereiten
uns jetzt zu einer marooning party, das heisst eine Landpartie auf mehrere Tage
mit Proviant, vor; das heisst wiederum, wir gehen einige tausend Meilen weit,
nach Texas. Es weht hier eine ungemein gesunde Luft, und wir atmen den Hauch des
Weltmeeres zugleich mit dem Hauch des Urwaldes und der Prärie ein; man verliert
dabei nicht so leicht den Mut. Die eigene Kraft, die in Europa so manches Mal
nur eine Phrase ist für ein von tausenderlei Staatsgewalten gezügeltes,
zurückgehaltenes, niedergedrücktes, vergebliches Abkämpfen, ist hier für den
echten Mann noch immer eine Wahrheit, was auch die nächsten Zeiten bringen
werden. Wenn man nur nach den Sternen sieht, so findet man immer seinen Weg; -
mit frischem Mut westward ho, und - Gott befohlen!
    Eva Wolf ist wohl und fröhlich, von fixings keine Spur; - sie weiss
vortrefflich mit dem Revolver umzugehen und wird, eine herrliche stolze Jägerin,
mit den Jägern und Handelsleuten reiten. Die Frau wird sich weitläufiger in
ihrem Schreiben auslassen; meine Zeit ist gemessen, rastlos muss ich den
Schleifstein drehen, auf dem ich die Waffen und Werkzeuge schärfe, welche uns
den Weg weiterbahnen sollen. Die Funken springen im feurigen Kreise, das Leben
wartet auf niemand; morgen sind wir auf dem Wege der Sonne vom Orient zum
Okzident! Was kümmert uns die Nacht? Wir sehen nach den Sternen, an die wir
glauben!
    Lebt wohl!
                                                                  Friedrich Wolf
    New Orleans, Saint Charles Hotel,
    am 28. Febr. 184-.«
»So ist es!« murmelte der Polizeischreiber. »Der eine sitzt in der Höhe, zum
Exempel drüben auf dem Giebel des Nikolausklosters, hoch über dem Getriebe der
Menschen und sagt: Seht nach den Sternen. Der andere marschiert im Getümmel mit,
tritt seinem Vordermann auf die Hacken, lässt sich von seinem Hintermann auf die
Hacken treten und fasst seine Lebensweisheit in dieselben Worte zusammen.
Phantasten sind sie beide; aber es ist doch ganz nobel, sich solchen
Phantastereien hinzugeben. Übrigens hat der Mann im Giebel den Vorteil, dass er
wenigstens so ziemlich sicher sitzt; dieser hier« - der Schreiber legte die Hand
auf den Brief Friedrich Wolfs -, »dieser hier beschreitet einen gefährlichen
Pfad und führt, was das schlimmste ist, ein anderes, schwächeres Wesen auf
demselben Pfade mit sich fort. Es ist wahr, sie haben viel Glück, diese
phantastischen Abenteurer, die in lächelnder Sorglosigkeit keinen Zweifel kennen
und sich allen feindlichen Gewalten gewachsen glauben; die Welt bedarf ihrer,
die Poeten, die Helden jeder Art rekrutieren sich aus ihnen. Dieses nach seinen
Sternen sehende Abenteurertum schiebt die Geschichte vorwärts; überall ist es am
Werk beschäftigt, hinter der Bühne und auf der Bühne. Wer zieht die Seile und
haspelt an der Maschinerie, wenn die Szene sich verändern soll? Diese
sternguckenden Gesellen sind es. Wenn nur ihre Sterne nicht so oft sich in
Sternschnuppen verwandelten! Arme Burschen! Was ist das Ende der meisten? O
Friedrich Wolf, mein tapferer, mein lieber, mutiger Junge, wohin wirst du von
deinen Sternen geführt werden? Wohin wirst du dein mutiges, edelherziges Weib
führen?«
    Kopfschüttelnd erhob sich Fritz Fiebiger und legte den Brief Evas auf den
»Phädon«, Robert Wolf vor die Nase.
    Auch der Jüngling erkannte sogleich die Handschrift; er stiess einen
erschreckten Laut hervor, eine hohe Röte überflog sein Gesicht, die Hand, mit
welcher er das Siegel zerbrach, zitterte nicht wenig; aber dieses Mal zerriss er
den Brief Evas nicht ungelesen. Das geöffnete Schreiben in der Hand, wollte er
aus der Tür stürzen, als der alte Fiebiger lächelnd rief:
    »Halt ein wenig! Hier ist noch eine Epistel an Fräulein Luise Tellering;
nimm sie mit und gib sie ab.«
    Robert griff nach dem Dargebotenen und eilte jetzt davon; den Brief an Luise
legte er auf dem Hofe in die Hand Ludwig Tellerings, mit dem Schreiben Evas
sprang er in die Gasse und durcheilte sie fast so schnell wie an jenem Abend, wo
er von Julius Schminkert und dem Polizeischreiber gejagt wurde. Manche Strasse
musste er durchlaufen, ehe er sich so weit gefasst hatte, dass ihm die Buchstaben
nicht mehr verworren vor den Augen durcheinandertanzten. Es regnete leise, aber
er merkte es nicht; zuletzt stand er, an eine Hauswand gelehnt, mitten in dem an
ihm vorübertreibenden Getümmel und las:
    »Lieber, lieber Robert!
    Ich schreibe Dir wieder einen Brief. Ein Jahr und ein halbes ist vergangen,
seit wir uns zuletzt sahen, das ist eine lange Zeit für das kurze Menschenleben.
Man kann darin viel Leid erdulden und viel Freude haben; man kann darin viel
besser und viel schlechter werden. Man kann darin ein ganz anderes Wesen werden,
und manchmal merkt man das, oft merkt man es nicht; es geschieht darum aber
doch.
    Es trennt uns nicht nur die Zeit, es trennen uns auch weite Räume, Land und
Wasser, und oftmals mein ich noch, es sei nur ein Traum, der mich hier gefesselt
halte und mir so bunte Bilder zeige. Oh, ich sehne mich gar nicht nach dem
Erwachen; ich bin eine glückliche Frau geworden, Lieber; - o möge es Dir auch so
gut gehen und mögest Du all das Glück finden, welches ich Dir zu jeder Stunde
wünsche. Ich fühle es nun recht mit geheimem Schauder, dort bei Euch hätte ich
zuletzt doch zugrunde gehen müssen; ich war wie ein armer Vogel, welchem man die
Flügel abgeschnitten hat und der im Staube sein Leben, das eigentlich den blauen
Lüften gehört, verhüpfen muss. Weisst Du, lieber Bruder Robert, in unserer Stube
zu Poppenhagen hüpfte solch ein verstümmelter Vogel unter den Bänken, verstäubt,
halb blind, mit zerzaustem Gefieder, immer in Furcht vor der Katze. Fritz hatte
ihn gefangen und mir geschenkt, ich denke heute noch kummervoll an das arme Tier
- die Katze hat es zuletzt doch erhascht. Mir sind jetzt die Flügel wieder
gewachsen, und ich kann hoch und weit fliegen; aber den armen Hänfling vergass
ich darum doch nicht, auch nicht das Schulhaus und das Pastorenhaus, die Gräber
auf dem Kirchhof, die Berge, den Poppenhof - das ganze Poppenhagen. Die
Kirchglocke höre ich noch immer, und alle Dorfleute kommen mir vor die Augen,
als habe ich sie erst gestern verlassen. Wenn ich hier in grosser Gesellschaft
bin, im englischen Sprachgewirr, wenn alles higgledy-piggledy
durcheinanderzischt und -schnappt, auf dem Mississippidampfer, im Wagen oder zu
Pferde: überall und immer kommen mir die alten bekannten Bilder. Und wenn mich
dann irgendein kluges oder dummes Wort aufweckt und ich antworten muss, so merke
ich, wie ich in meinen Träumen aus dem Getümmel so weit weg war. - Da sitze ich
und frage mich, ob wohl die alte Liese noch lebe und vor der Schenke in der
Sonne kauere. Ob wohl an dem Wegweiser auf dem Kaiserberge immer noch alle drei
Arme fehlen. Welche Kinder mögen jetzt wohl die Abendglocke ziehen, da wir fort
und so weit in der Welt zerstreut sind? Ich hätte doch nie gedacht, dass ich
einmal das Heimweh nach dem Winzelwald, nach dem schmutzigen Dorf Poppenhagen
bekommen würde.
    Lieber Bruder, Fritz ist sehr gut gegen mich; er hat viel Unglück gehabt in
der letzten Zeit. Ein grosser Liner, das heisst eines der Liverpooler
Paketschiffe, ist mit vielen Gütern, die uns gehörten, untergegangen, wir haben
viel Geld verloren beim Bankerott einer Bank in Philadelphia. Aber Friedrich ist
ein rechter Mann, der sich nicht durch Widerwärtigkeiten beugen lässt; wir werden
jetzt eine grosse Reise antreten in ein ganz neues Land, wo es vielen gelingt,
Reichtümer zu erwerben; Fritz hat die besten Hoffnungen; er summt, singt und
pfeift den ganzen Tag, und sein Schritt erschüttert immer stärker den Fussboden.
O wenn ich ihm nur behülflich sein könnte auf seinem Wege! Wäre meine Hand so
stark wie mein Herz, er sollte auf kein Hindernis auf seinem Pfade stossen. Nun
kann ich aber nur treu an seiner Seite gehen und den Sternen, die er sieht,
glauben und ihm folgen, wie er mich führt, durch Wildnis und Wüste, über Land
und Meer, durch alle Not und allen Schmerz. Lieber, teurer Bruder, je fester ich
mich an das Herz, welchem ich mich gegeben habe, festklammere, desto mehr muss
ich mit Wehmut an den Schmerz denken, der durch mich einem andern Herzen, wenn
auch ohne meine Schuld, angetan ist. O möchtest Du doch schon die gefunden
haben, welche Dir zum Trost und zur Begleitung auf Deinem Lebenswege von Anfang
an bestimmt wurde; - ich war es nicht, lieber Robert, das sage ich Dir immer
wieder. Wir leben hier in einem herzlosen, lieblosen Getümmel; ach Robert, wenn
Du doch wüsstest, was es mir sein würde, wenn ich nur mit dem einen Gefühl des
Heimwehs der Heimat gedenken könnte! Gedenke Du der Wanderer im fremden Lande,
dear Bob, aber sende ihnen keine harte und wilde Gedanken nach auf ihren wilden,
gefahrvollen Weg.
    Sei tausendmal gegrüsst und lebe wohl!
                                                                       Eva Wolf«
Die Leute, welche an dem lesenden Robert vorübergingen, hatten hinreichend
Grund, sich über den jungen Mann zu verwundern; er gab an seiner Hauswand eine
vollständige dramatische Vorstellung dem erstaunten Publikum zum besten, und
Julius Schminkert würde es nicht besser gemacht haben. Als er wieder zur
Besinnung kam, entzog er sich ziemlich beschämt so schnell als möglich dem
gaffenden Kreise, welcher sich um ihn gebildet hatte, und eilte ziemlich
durchnässt vom Regen heim. In der Musikantengasse stürzte ihm sein Freund Ludwig,
welcher sich in einer ähnlichen Gemütsverfassung wie er selbst befand, entgegen:
    »Texas! Texas! Sie geht nach Texas, hat sie der Schwester geschrieben! Und
ich - wir - die Mutter und Luise - wir alle gehen ihr nach. Ich habe es lange
mit mir herumgetragen; aber jetzt ist's fest beschlossen; ich gehe mit der
Mutter und Luise nach Amerika. Es finden so viele Tausende, Hunderttausende ihr
Glück drüben, weshalb sollten wir es nicht auch dort finden? Sie brauchen
rüstige Arme und guten Mut drüben, und guten Mut und rüstige Arme habe ich. O
Marie, Marie! Nach Amerika, nach Texas!«
    Der Polizeischreiber in seiner Stube vernahm ein grosses Gepolter draussen auf
der Treppe und richtete den Kopf von seinem Buche in die Höhe:
    »Na, da ist er wieder. Jetzt werden wir auch wohl erfahren, was in dem
Skriptum steht. Kann's mir freilich schon denken. Na, Gott segne die Wirkung.«
    Schon stürmte Robert in die Tür und reichte dem alten Freunde das Schreiben
Evas.
    »Lesen Sie! O lesen Sie! Was soll ich tun, um solcher Worte würdig zu
werden?«
    »Werde ein echter Mann, wie sie ein echtes Weib ist!« sagte Fiebiger ruhig,
nahm den Brief Evas und legte dafür den Friedrichs in die Hand des Jünglings.
    Am Abend wurden beide Schreiben dem Sternseher auf den Turm gebracht, und
Heinrich Ulex neigte sein weisses Haupt darüber:
    »Seht nach den Sternen!«
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
  Reden der Weisen und Guten; Herr Leon von Poppen hält sich aber auch für gar
 nicht dumm. Perspektivische Aussicht auf einen Parfümerie- und Modewarenladen
Ein Jahr und ein halbes sind vergangen, seit die Leute dieses Buches uns zum
ersten Male vor die Augen traten. Wir haben unser Bestes getan, den Leser mit
ihnen bekannt zu machen. Ist uns das gelungen? - Grosse Tragödienfiguren konnten
wir nicht aus ihnen machen und wollten es auch nicht. Keiner aus der bunten
Reihe lehnt sich im tragischen Zorn gegen die Welt und die gegebenen
Verhältnisse auf, um das eigene Ich, sei es im edelsten, sei es im
verderblichsten Sinne, an ihre Stelle zu setzen und unterzugehen an dem grossen
Unterfangen.
    Wir haben eine Handvoll Leben herausgegriffen aus dem Gewimmel des Daseins,
wie der Schiffer aus dem leuchtenden Meer eine Handvoll lebendiger Glut schöpft.
Es ist ein grosses ewiges Glänzen, aber der einzelne Funken erlischt bald! Das
Farbenspiel, welches im Ganzen kein Ende hat, das kommt in der noch so vollen
Hand bald zum Schluss. Wir müssen uns drein ergeben; wir betrachten zappelnde
Mollusken und zappeln selbst molluskenhaft zum Vergnügen anderer, bis die kurze
Stunde unserer Zeit vorbei ist.
    Die Frühlingssonne schien über Gerechte und Ungerechte, Kranke und Gesunde
und erweckte nicht nur Flöhe, Mücken, Wanzen, das Gesindel Mephistos, sondern
auch Blumen, Schmetterlinge und liebliche Hoffnungen aller Art. Es war doch,
alles in allem genommen, ein recht erfreuliches und gar nicht langweiliges Ding
um sie. Wenn auch der Frühling schon mehr als einmal dem Winter gefolgt war, er
war doch ein lieber, gern gesehener Gast und fand überall offene Türen und sehr
viele offene Herzen. Wehe den Türen und Herzen, welche ihm verschlossen blieben!
    Neben dem Vater in dem verdunkelten Gemache sass Helene Wienand und nähte im
Lichte des einzigen Sonnenstrahles, welcher, an dem niedergelassenen Vorhange
vorbei, in das Zimmer dringen konnte. Mit angstvoller Aufmerksamkeit blickte der
gebrochene Mann auf die geschäftigen Finger seiner Tochter; sie durfte unter
diesem Blicke kaum innehalten mit ihrer Arbeit; denn es gehörte zu den bösen
Einbildungen des Bankiers, dass sein Kind ihn, den verlorenen Bettler, mit dem
Werk ihrer Hände ernähren müsse. Stundenlang konnte der reiche Mann sitzen und
zusehen, wie die feinen Finger der armen Helene sich abmühten. Der Vater achtete
nur auf die Finger seines Kindes, nicht darauf, dass die Augen desselben immer
mehr ihren Glanz verloren, nicht darauf, dass die Wangen desselben immer mehr
abzehrten. Tag für Tag, immerzu, immerzu musste Helene jetzt unter diesem
finstern, unheimlichen Blicke nähen; erst wenn die Erschöpfung den
beklagenswerten Mann übermannte und ihn in einen unruhigen Schlaf versenkte,
konnte sie sich Ruhe gönnen, durfte sie die Nadel sinken lassen und still
weinen.
    Seit dem Begräbnis des alten Tellering hatte sie die Strasse nicht wieder
betreten; sie wich dem Vater nicht mehr von der Seite, und selbst das
Freifräulein konnte nichts dagegen tun.
    Das Freifräulein war übrigens noch die einzige, welche einen Schimmer von
Einfluss auf den Bankier hatte. Ohne sie wäre Helene bald ganz verloren gewesen.
Täglich, stündlich kam sie, behandelte den armen Freund mit der gewohnten
gutmütigen Schroffheit und jenem spottenden Humor, über den sie gut zu gebieten
wusste, und umgab das junge Mädchen mit ihrer ganzen Liebe, suchte es auf jede
Weise zu erheitern, trug ihm die Neuigkeiten der Stadt zu, lobte den trefflichen
Neffen Leon von Poppen und erzählte von Zeit zu Zeit auch von - dem Schützling
des Polizeischreibers Fiebiger.
    So kam sie auch heute, um am Tage vor dem Grünen Donnerstag eine fröhliche
Osterkerze in eine recht dunkle Stunde zu tragen. Herzermunternd erklang ihr
Krückstock tap - tap - tap - auf der Treppe; - mit ihr drang in die Tür ein
frischer Hauch des Lebens, und der einzige Sonnenstrahl in dem dämmerigen Zimmer
glänzte doppelt stark darüber; - wer könnte aber die ermunternde Wirkung ihrer
Stimme schildern?
    »Da hocken sie wieder im Dunkeln, hab ich es mir nicht so vorgestellt?« rief
sie polternd, durch das Gemach humpelnd, zog mit energischer Hand die
Fenstervorhänge zurück und liess die Frühlingssonne gleich einem Blitz in das
Zimmer schlagen.
    »So, Sie alte Nachteule!« sagte sie. »Kneifen Sie nur nicht die Augen zu,
Wienand; es hilft Ihnen nichts, Sie müssen es ertragen. 's kostet auch kein
Geld. Hören Sie, wer weiss, ob man nicht einst aus dem Sonnenschein Gold macht.
Was sagen Sie dazu, Wienand? Das wäre so etwas für Sie! Nicht wahr, es wäre gar
keine üble Kunst, wenn man den Sonnenschein von den Wänden kratzen und zu
Louisdors umschmelzen könnte? Das ist eine Idee, denken Sie einmal darüber nach,
Kommerzienrat.«
    Der arme reiche Mann starrte die Rednerin mit weit offenen Augen an und rieb
eifriger als je die Hände aneinander. Das Wort Gold rief immer in seiner Seele
eine Reihenfolge von Gedanken hervor, der er gierig folgte, und so auch jetzt.
Erst schloss er die Augen wie im tiefen Nachsinnen, dann starrte er in die Flut
des Lichtes, wie sie in das Fenster drang; dann griff er mit den hagern
zitternden Händen in den Strahl, als wolle er die funkelnden Stäubchen fangen
und zusammendrücken und kneten zu kostbaren Barren und gerundeten Stücken.
    »Wie es flimmert, flimmert!« rief er mit kreischender Stimme. »Gold, Gold, o
soviel Gold in der Luft. Seht, seht, wie es flimmert; wer es doch fassen und
halten könnte! Hier - da hab ich's - nein - nein, da ist die leere Hand; o wie
schrecklich ist's, verhungern zu müssen, wenn so viel, viel, viel Gold in der
Luft blitzt. Helene, Helene, greif du zu; vielleicht gelingt es dir besser -
bankerott - bankerott - der arme Wienand hat kein Glück mehr, er wird das Gold
nicht fangen!«
    Weinend küsste die Tochter die gefurchte Stirn des Vaters und flüsterte:
    »O lieber Papa, wir wollen es schon fangen; habe nur guten Mut, ich fange es
schon, das Gold; Stück für Stück fange ich es; sieh hier, da ist schon ein
Stücklein von den vielen, vielen, welche ich für dich erlangen werde.«
    Sie hielt dem Kranken ein neugeprägtes, funkelndes Goldstück hin, und mit
einem heisern Schrei griff der grosse Bankier Wienand danach, betrachtete es in
höchster Aufgeregteit, als wolle er es mit den Augen verschlingen, hielt es
krampfhaft, als fürchte er, dass man ihm das blanke Metall sogleich wieder
entreissen werde. Dann hob er sich aus seinem Lehnsessel und schlich auf den
Zehen aus dem Zimmer, um den kostbaren Schatz an einem unbekannten Ort zu
verbergen.
    Helene sank in die Arme Julianes und schluchzte:
    »Ich trage es nicht mehr! Es ist zu schrecklich! Es ist zu viel Schmerz!«
    Auch dem alten Fräulein traten die Tränen in die Augen; aber es wischte sie
resolut ab, machte sich sanft von der Umarmung des Mädchens frei und rief, die
Locken des Pflegekindes streichelnd:
    »'s ist recht, Kind, lass dem Weinen sein Recht; aber übertreib's auch nicht.
Schau auf, mein Herz, es ist viel Unglück in der Welt, und kein Mensch kann eine
Ringmauer dagegen um sich ziehen. Setze dich her, wir wollen ein Stündchen
zusammen verplaudern, du arme Kleine. Sieh, da hab ich dir auch einen Strauss
Frühlingsblumen mitgebracht. Stell ihn auf deinen Nähtisch in ein Glas mit
Wasser. Wenn du wieder mit dem törichten Papa allein bist, so mag das hübsche
Ding dich an die weite Welt erinnern, die so bunt und glänzend, so frei und
unermesslich weit um jeden Schmerz her liegt. Du wirst auch noch dein Teilchen
davon haben; warte nur - auch die schwärzeste Wolke zieht vorüber; wie Meister
Ulex sagt: post Phoebila nubus, oder wie es sonst heissen mag. Weisst du, von wem
ich diese Blumen habe?«
    Helene schüttelte den Kopf und sah das Freifräulein betrübt lächelnd an.
    »Ein junger Ritter, der gestern einen gefährlichen Waffengang gut bestanden
hat, gab sie mir. Du kennst den jungen Mann auch. Nun, wer mag es sein?«
    »Etwa Herr Wolf, des Herrn Ulex Schüler?« fragte Helene leise, ganz leise
und errötete nicht wenig dabei.
    »Richtig geraten. Wie schlau wir sind! Der Junge begegnete mir, als ich
hierherkam; er trug die Nase hoch zum Himmel emporgerichtet und wurde wacker
gepufft und geknufft von den Leuten, welche vernünftiger waren als er und welche
gradeaus auf ihren Weg sahen. Er war bestaubt und erhitzt von einem weiten Weg
durch die Felder und Wiesen vor der Stadt. Er musste nach seiner Beschreibung
meilenweit gelaufen sein - Gott segne ihm seine gesunden Beine! -, um die
Aufregung aus dem Blute loszuwerden. Er hat nämlich gestern ein Examen - sein
Maturitätsexamen bestanden, und zwar sehr gut; der alte Ulex -«
    »Ah«, rief Helene kindlich treuherzig mit glänzendem Gesicht. »Da freue ich
mich! O wie ich mich darüber freue!«
    »Das dachte ich mir wohl«, lächelte das alte Fräulein. »Ich freue mich auch;
und der junge Mann schien ebenfalls höchst vergnügt darüber zu sein. Er
behauptete, vor diesem Examen eine entsetzliche Angst gehabt zu haben; aber nun
sei alles in bester Ordnung, und er habe nicht die mindeste Angst mehr. Der
Meister Ulex hat ihn nun aus seiner scharfen Zucht entlassen; auch Fiebiger
reibt sich die Hände, der junge Taugenichts aber benutzt seine wiedergewonnene
Freiheit dazu, in den Feldern umherzustreifen und Blumen zu pflücken oder in den
Gassen ältliche Damen zu erschrecken durch plötzliches Anspringen gegen
dieselben. Was soll eine alte Person wie ich mit solchem Strauss solcher Blumen
anfangen? Da, nimm, mein Kind - für dich passen sie recht gut und - wer weiss,
was der Schlingel gedacht hat, als er sie mir in die Hand drückte. Nimm und
stelle sie in frisches Wasser; - späte Ostern können recht bunt gefeiert werden.
Da hast du Veilchen, Himmelsschlüssel, Anemonen - auch einen blühenden
Weissdornzweig; - stich dich nicht an den Dornen, junges Blut - Birkenschäfchen,
eine kleine Efeuranke - die Vergissmeinnicht musst du dir dazudenken; sie kommen
erst später.«
    So plauderte die alte Dame fort, und der Wunsch, ihr Pflegekind
aufzuheitern, liess sie mehr sagen, als sie eigentlich im Willen hatte. Helene
Wienand aber hielt den Strauss Robert Wolfs im Schoss, und ihre Seele war wirklich
für kurze selbstvergessene Minuten so rein und licht wie in frühern,
glücklichern Tagen, als sie noch das verzogene Kind des klugen, stolzen, reichen
Geldmanns und nicht des unglücklichen, von jedermann bemitleideten Irrsinnigen
war.
    So erzählte das Fräulein von Poppen noch mancherlei und tat gar nicht, als
ob sie merke, wie die Kleine immer von neuem auf allerlei feinen Umwegen das
Gespräch auf den Giebel des Sternsehers, den Polizeischreiber Fiebiger und den
Pflegesohn desselben zu bringen suchte. Willig liess sie sich immer in die
Musikantengasse und die Nachbarschaft derselben führen und erzählte, wie Robert
die Arzneiwissenschaft studieren wolle und wie der Sterngucker und der
Polizeischreiber sehr damit einverstanden seien, da diese gelehrte Kunst den
Mann am selbständigsten in der Welt hinstelle. Dann erzählte das Freifräulein,
dass Ludwig Tellering nunmehr fest entschlossen sei, mit seiner Mutter und
Schwester nach Amerika auszuwandern, und dass der berühmte Schneider Herr
Alphonse Stibbe seine Einwilligung zur Heirat der schönen Angelika und des
nichtsnutzigen Julius Schminkert gegeben habe. Sie war noch daran, zu berichten,
wie bereits ein Nonplusultraschild mit der Inschrift Schminkert und Komp. für
den Nonplusultraparfümerieladen gemalt werde, als sie plötzlich im höchsten
Grade erstaunt und nicht wenig ärgerlich emporsprang.
    Gemeldet wurde:
    »Herr Baron von Poppen!«, und Leon trat in das Zimmer.
    Ja, da stand er, ehrbar und bescheiden, das Muster eines gebesserten
Sünders! Und da er einmal da war, so konnte man ihn nicht hinauswerfen, sondern
man musste hören, was er zu sagen hatte.
    Und er verbeugte sich - o so verlegen, so linkisch, so ganz überzeugt von
seiner Unwürdigkeit, diesen Raum zu betreten.
    »Sie hier, Leon?« rief die Tante. »Was soll das? Was wollen Sie hier?«
    Und der Freiherr liess den Hut fallen, hob ihn auf und liess ihn wieder
fallen.
    »Hören Sie mich, liebste Tante! Gnädiges Fräulein, ich bitte tausendmal um
Verzeihung; ich - werde - sogleich - wieder gehen. Gnädigste Tante, ich war in
Ihrer Wohnung und hörte, Sie befänden sich hier! Tausendmal Verzeihung - ich bin
so verstört; - liebe, liebe Tante, ich musste Sie auf der Stelle sprechen - ich
bin so erfreut - so voll Jubel - ich habe die Stelle im Ministerium des Innern
erhalten, die Stelle, von welcher wir sprachen. Ma tante, wir wollen der Welt
zeigen, dass die Poppen doch noch nicht ganz verlorengegangen sind. Gnädiges
Fräulein, wieder und wieder bitte ich um Verzeihung wegen meines tollen
Eindringens; ich bin wie berauscht durch die Strassen gelaufen; ma tante -«
    »Liebe Helene«, sprach die alte Dame in sehr würdiger Haltung, »dies ist
mein Neffe, Baron Leon von Poppen, der jetzt ein brauchbarer, anständiger Mensch
zu werden scheint. Du bist ihm vielleicht früher schon im Leben begegnet; aber
es lohnte sich damals nicht, seine Bekanntschaft zu machen.«
    Helene verbeugte sich in höchster Verlegenheit; Leon von Poppen aber sprach
sanft lächelnd:
    »Meine Tante hat ganz recht, gnädiges Fräulein; ich bin ein grosser Sünder
gewesen - Mitglied von allerlei verbotenen Gesellschaften, ein impertinenter
Gesell, forlorn on the hill of the storm, wie Ossian es nennen würde. Aber hier
stehe ich, in meines Nichts durchbohrendem Gefühl und schäme mich ein wenig. Nur
ein ganz klein wenig, mein Fräulein; denn ganz bekehrt bin ich noch nicht, wie
ma tante dort auch recht gut weiss. Es ist noch viel an mir zu bessern; mein
Eindringen hier zeugt auch davon. Ma tante, ich küsse Ihnen untertänigst die
Hand; gnädiges Fräulein -«
    »Der Vater!« rief Helene, und die hagere, gebückte Gestalt des Bankiers
Wienand schob sich wieder in das Zimmer. Er hatte seinen Schatz verborgen und
schlich zu seinem Sessel zurück. Als er den fremden Herrn erblickte, erschrak er
heftig; denn er fürchtete jetzt alle fremden Gesichter sehr.
    »Es ist mein Neffe, der Baron von Poppen«, sagte das Freifräulein.
    »Der Baron von Poppen, der Baron von Poppen«, wiederholte der Kranke. Er
verbeugte sich vor dem jungen Mann viele Male und sagte dazu immer von neuem:
»Der Herr Baron! Der Herr Baron! Der Herr Baron!«
    »Was soll das nun wieder?« murmelte das Freifräulein.
    »O der Herr Baron! Namen und Ehre! Ehre und Geld, viel Geld - o der Herr
Baron - viel Ehre, viel Ehre! Der Herr Baron ist willkommen, sehr willkommen -
armer Mann, sehr armer Mann - sehr willkommen ist der Herr Baron!« murmelte der
Kranke. Er wurde immer zutraulicher gegen den jungen Freiherrn, und dieser wusste
mit sicherm Takt ihn in guter Stimmung zu erhalten. Das Erstaunen des
Freifräuleins wuchs von Minute zu Minute. Auch Helene horchte atemlos; so
vernünftig hatte ihr Vater seit langer Zeit nicht gesprochen, so klar war sein
Auge lange nicht gewesen.
    Den Einfluss, welchen der Sternseher Heinrich Ulex nicht gewinnen konnte,
schien Herr Leon von Poppen binnen kürzester Frist zu erlangen.
    »Dies ist meine Tochter, Herr Baron, ein gutes Ding, aber arm, sehr arm -
sehr armer Mann, Herr Baron!«
    Das Freifräulein nahm Prise auf Prise. Helene drängte sich dicht an ihre
Seite; Herr Leon liess sich traulich neben dem Sessel des Bankiers nieder, und
der Bankier hielt ihn am Rockschoss; - Herr Leon Freiherr von Poppen konnte mit
dem Fortschritt, den er heute auf seinem Wege gemacht hatte, sehr zufrieden
sein, und seine Gefühle waren auch gar nicht übler Art. Er fühlte sich ganz
behaglich neben dem Stuhle des kranken Mannes und versprach - wiederzukommen. -
    Hinauf die alte knarrende Wendeltreppe im Hofe des Nikolausklosters! Dunkel
ist die Nacht, gefährlich der Weg; aber nur Mut! Hinter der schwarzen Tür
leuchtet die Lampe des Sternsehers Heinrich Ulex, und die Freunde sind um sie
her versammelt.
    Treue Freunde umgeben den gebändigten Wolf aus dem Winzelwalde; aber mit der
Morgendämmerung scheidet er aus ihrer Mitte, um in der Ferne seine Studien
fortzusetzen und ein tüchtiger Arzt zu werden.
    Es sprach der Sternseher:
    »Die Stunde des Scheidens ist gekommen, mein Kind. Wir haben dich
aufgenommen, da du krank, da du verlassen und freundlos warest; nun senden wir
dich von neuem in die Welt; aber die Wunden sind geheilt, und nicht mehr gehst
du einsam in wildes Gelärm und Getümmel. Freunde decken dir den Rücken bei jedem
Schritt, welchen du vorwärts tust; so schreite denn mutig vorwärts und blicke
dem Leben grade ins Gesicht; fürchte dich nicht und sieh nach deinen Sternen;
dann wirst du nicht irren auf deinem Pfade. An der Stelle des Zornes und
Schmerzes, die du in unsere Mitte mitbrachtest, ist dir eine neue tiefe
Sehnsucht aufgewachsen. Wir können nicht wissen, ob dieser Sehnsucht einst
Erfüllung wird; aber sie ist gut an und für sich, sie wird dich nach oben
führen, wenn du ihr folgst. So folge ihr denn, folge ihr; es gibt nichts
Besseres, kaum etwas Edleres, als solcher Sehnsucht zu folgen!«
    Der Alte schwieg; er hatte noch manches andere sagen wollen, aber er
beschattete seine Augen mit der Hand und schwieg. Juliane von Poppen liess ihren
Krückstock fallen und sah mit feuchten, liebevollsten Augen auf den Greis; dann
aber fasste sie plötzlich den Arm Roberts, welcher ihr den Stab aufgehoben hatte,
und rief:
    »Gehe mit Gott, mein Sohn. Du hast gute und treue Lehrer gehabt, nun mache
ihnen in der Ferne Ehre. Lass uns nur Gutes von dir hören. Du hast viel Glück
gehabt im Leben; erkenne das dankbar an und komme nicht gleich von Sinnen, wenn
dir einmal etwas nicht nach Wunsch geht. Halt den Kopf oben, mein Kind, der
Meister Heinrich dort wird dir sagen, wieviel Grosses und Gutes aus unerfüllten
Wünschen tüchtiger Menschen entstanden ist!«
    Das alte Fräulein sah bei diesen Worten sehr ernst und fast drohend drein,
und Robert Wolf sah sie beide ziemlich kläglich an.
    Nun sprach Polizeischreiber Fritz Fiebiger in grosser Bewegung:
    »Mein Junge, reise glücklich und lass bald von dir hören. Ich schmeichle mir,
dir manche nützliche Lehre gegeben zu haben, lass mich noch einige hinzufügen.
Vor allen Dingen lass dich niemals verblüffen. Wir Leute von der Polizei wissen
Bescheid davon, wie leicht die Menschheit sich ins Bockshorn jagen und sich aus
der Fassung und zu einer submissen Rückgratskrümmung bringen lässt. Ich habe dich
ein wenig hinter die Kulissen blicken lassen, ziehe Nutzen davon und beuge dich
nicht tiefer, als es nötig ist. Wie mit der hohen Polizei, so ist es auch mit
allen übrigen Erdengotteiten; stehe also fest, wo du im Rechte bist. - Jeder
macht Wind auf seine eigene Art; je grösser der Blasebalg, desto stärker der
Wind, desto ohrenbetäubender das Schnarren und Schnauben. Halte den Hut fest, es
wird mehr als einer seine Kraft dransetzen, ihn dir vom Kopfe zu pusten. Wenn
der Deckel aber einmal in der Luft fliegt, so mache dich nicht zum Gespött der
Gassen und renne toll und blind hinter ihm her, sondern gehe ihm fein langsam
nach und lache selbst; oft wird ein anderer ihn auffangen und dir
entgegentragen; du kommst dann mit einem Dank davon. - Es bläst, greift und
streicht jeder sein Lieblingsstück auf seinem Lieblingsinstrument; du, ich, das
Fräulein hier im Lehnstuhl, der alte Ulex dort im Winkel, alle andern gross und
klein ebenfalls. Im Grunde ist's ein heilloses Konzert; aber die Gewohnheit
bewirkt, dass wir es recht gut ertragen, ja es öfters für die echte wirkliche
Sphärenmusik halten. Blase dein Stückchen, mein Sohn; aber wolle deinen Takt
nicht der ganzen übrigen Menschheit aufdrängen. Ich habe mehr als einmal mit
Heiterkeit gesehen, wie bei solcher Gelegenheit die Instrumente zu Waffen in den
Händen der Virtuosen und Dilettanten wurden und wie eine blutige Schlacht
entstand. Bedenke, Robert Wolf, dass du doch nur eine ganz kleine klägliche
Pfeife bläsest und dass solch ein dicker Brummbass zu einer gewaltigen Keule wird,
wenn der erboste Spieler ihn umkehrt und ihn auf den Köpfen der
Orchestergenossen tanzen lässt. - Hüte dich, mein Junge, einen Menschen
mutwilligerweise auf die Krähenaugen zu treten; leide es aber auch selber nicht,
sintemalen es ein verflucht unangenehmes Gefühl ist. - Ereifre dich nicht über
unschädliche Narrheiten der Leute, die du doch nicht ändern kannst. Stelle dir
lieber dabei vor, du habest dein Eintrittsgeld zu einem schlechten Lustspiel
gezahlt; gähnen magst du, aber tu es mit Anstand. Erinnere dich immer, dass du
nicht der einzige Mensch in der Welt bist, der - der sich klüger dünkt als alle
andern. Wenn du mir versprichst, dich daran zu erinnern, so gebe ich dir die
Erlaubnis, so gut von dir zu denken, wie du willst. Mein lieber Sohn, manchem
Halunken geht es wie dem frommen Storch, er hat einen bessern Ruf, als er
verdient. Auch der Storch ist berühmt als Ausrotter von allerhand Ungeziefer;
aber sein weiter Magen ist gefüllt mit gemordeten jungen Hasen, Rebhühnern und
andern einfältigunschuldigen Delikatessen. Ein kluger Mann lässt sich nicht
täuschen, es ist kein besonders behaglicher Aufentalt im Magen eines solchen
biedern Gesellen. - Ich habe manches Haus gesehen, über dessen Tür stand: salve
hospes; aber auf gut deutsch hiess das nur: der Eintritt ist verboten, wer
hereinkommt, wird hinausgeworfen. Merke dir das, Robert Wolf, und bitte dir, ehe
du dem salve traust, von dem Türhüter eine Übersetzung des hospes aus. - Zum
Schluss knöpfe deine Ohren so weit als möglich auf und vernimm, dass der Mensch
viel schneller und früher alt wird, als er gewöhnlich für möglich halten will.
Eines schönen Morgens wirst du erwachen und das klägliche Faktum dir nicht mehr
verleugnen können. Sorge, dass du dich dann mit gutem Gewissen in den
Grossvaterstuhl setzen kannst. Ich habe gesprochen.«
    Was Robert Wolf auf alle diese Reden sagte? Er sagte wenig oder vielmehr gar
nichts, und was er fühlte, das gab sich in verworrenen, von Tränen erstickten
Interjektionen kund. Er fühlte viel; aber es ist eigentlich nicht die Sache des
erzählenden Schriftstellers, Interjektionen in seinen Text zu werfen. Wir können
nur sagen, dass Robert durchdrungen war von dem Bewusstsein, dass man ihm viel,
sehr viel Gutes erwiesen habe, und dass er allerlei versprach, worüber er sich in
diesen Augenblicken kaum selbst hätte Rechenschaft geben können.
    Die Nacht war dunkel; aber es war recht eine Nacht der Astronomen: die
Sterne leuchteten hell, und wer irgend nach den Sternen sah, fand sie rein und
klar an ihrer Stelle. In tiefer Finsternis begraben lag die Brandstätte, deren
Schutt und Asche so schwer und dicht auf den Geist des klugen Bankiers Wienand
gefallen war; wenn wir wieder dahin blicken, so werden sich viel neue stattliche
Mauern, viel hohe Gebäude daselbst erhoben haben, und wieder werden viele
Sternbilder dem Auge des alten Sternguckers Heinrich Ulex verdeckt sein.
    Noch eine kurze Zeit sassen die Freunde im Giebelzimmer des Nikolausklosters
zusammen; dann trennten sie sich, und der Alte vom Turme küsste seinen Zögling
auf die Stirn:
    »Lebe wohl, lebe wohl, mein Sohn; du hast mir viel Freude gemacht. Lebe
wohl, sei glücklich und vergiss nicht die Sterne!«
    »Kriechen Sie in Ihre Höhle, Fiebiger«, sagte das Freifräulein in der Gasse.
»Robert kann mich allein nach Hause begleiten; geben Sie mir Ihren Arm, mein
Sohn.«
    Der Schreiber verschwand in der Tür der Nummer zwölf der Musikantengasse,
und das Fräulein und Robert setzten ihren Weg fort. Leise, eindringlich und viel
sprach noch auf diesem Wege Juliane von Poppen zu dem Jüngling; der Name Helene
kam mehrmals in ihrem Geflüster vor, und Robert schritt gleich einem
Nachtwandler an der Seite der Alten. Was sie ihm sagte, erfüllte seine Seele
bald mit hohem Entzücken und stürzte ihn gleich wieder in halbe Verzweiflung.
    Eine Viertelstunde später lief der Jüngling allein durch die Gasse:
    »Ich soll mich ihr nicht zu nähern suchen! Sie liebt mich, aber ich soll ihr
nicht nahe kommen, soll ihr nicht schreiben! O Helene, Helene, was soll ich denn
tun?«
    Plötzlich stand er vor dem Hause, welches der Bankier Wienand jetzt in der
Kronenstrasse bewohnte, und sah nach den dunkeln Fenstern desselben.
    »Was soll ich tun? Was soll ich tun? O wie ich sie liebe - und ich soll sie
nicht mehr sehen! Die Grausamen! Die Grausamen!«
    Der Baron Leon von Poppen befand sich selbstverständlich noch nicht im Bett.
Lang ausgestreckt lag er auf seinem Sofa, das neueste Meisterwerk Paul de Kodes
studierend. In den Pausen seiner Lektüre sah er mit unendlichem Behagen den
Wolken seiner Zigarre nach; ein Maler hätte zu einer Personifikation des guten
Gewissens kein tauglicheres Vorbild finden können. Herr Leon hatte heute seine
zweite Visite beim Bankier Wienand abgestattet, und diesmal in Abwesenheit der
Tante Juliane. Der Kranke war in seiner Gesellschaft ganz munter und lebendig
geworden, und die arme Helene musste sich gestehen, es sei wünschenswert, dass der
liebenswürdige Nachbar öfters zu dem Vater komme.
    »Riesenfortschritte! Siebenmeilenstiefel!« lächelte der sinnige Träumer auf
seinem Sofa. »Bah, bald werden wir die Dornen abgestreift haben vom Stengel!
Bah, lächerrlich, wer pflückt eine hübsche Rose mit einem Faustandschuh? Mein
lieber Baptiste, ich habe dich heute abermals im tête-à-tête mit der
leichtsinnigen Elise getroffen; ich warne dich ernstlich - bedenke die Folgen!«
    Baptiste empfing diese Warnung unmittelbar nach seinem Eintritt ins Zimmer,
er neigte sein schuldiges Haupt und erwiderte:
    »Herr Baron, ich komme soeben nach Hause - drüben vor der Tür des Herrn
Bankiers Wienand steht wieder der junge Mann - Sie wissen -«
    »Lass ihn stehen, Baptiste!« hauchte in ungemein gütigem Ton der Freiherr.
»Wir wollen ihn ganz ruhig stehen lassen, lieber Baptiste. Was könnten wir auch
sonst mit ihm anfangen, du guter Mensch?«
    Und Baptiste zog sich zurück, und Robert Wolf durfte unbelästigt unter den
Fenstern Helene Wienands sich die heisse Stirn vom Nachtwind kühlen lassen. Kein
von Poppenscher Vasall stürzte sich mit geschwungenem Flamberg auf ihn; niemand
stellte sich ihm hindernd in den Weg, als er endlich den Heimweg seufzend
antrat. Von der nächsten Ecke herüber pfiff der Nachtwächter höchst unpoetisch
die zwölfte Stunde. Es ist ein Jammer, die ganze Maschinerie der Romantik fällt
allgemach auseinander, wir armen Teufel von Erzählern mögen noch soviel mit dem
Federbart und dem Ölglase uns mühen: die Räder wollen nicht mehr, die Haken und
Hebel sind zerbrochen; wie lange währt es noch, bis das Ding ganz stillsteht?
    An einer andern Strassenecke stand Julius Schminkert im Schein einer
Gaslaterne und betrachtete nachdenklich die Stelle, wo demnächst über dem
berühmtesten Parfümerie- und Modewarenlager der Welt das Schild prangen sollte
mit der Inschrift:
                            J. SCHMINKERT UND KOMP.
Mit übereinandergeschlagenen Armen stand der deklamierende Künstler da, trotz
seines nahen Glückes düster wie die Nacht. Der Künstler wehrte sich in ihm mit
aller Macht gegen den Parfümerieladen, Talia wollte nicht das mindeste mit
Putzsachen und articles de cour zu tun haben. Aber die Würfel waren geworfen.
    »Gutwillig muss ich untertauchen, oder ich werde mit Gewalt niedergedrückt,
Wolf!« sagte der Schauspieler tragisch, als Robert zu ihm trat. »Wie ich höre,
wollen Sie uns morgen verlassen; ich wünsche Ihnen alles Glück; Freiheit liebt
das Tier der Wüste, frei im Äter herrscht der Gott; na ja, ich werde einen
schönen Hausvater abgeben - Schminkert und Kompanie - o süsse Angelika! Hören
Sie, bester Freund, was halten Sie eigentlich von Fräulein Angelika Stibbe,
meiner himmlischen Anverlobten?«
    Das war nun eine recht verfängliche Frage, und Robert verfing sich auch
richtig.
    Ganz verlegen sagte er:
    »Ich - ich - würde nicht mit Herrenhandschuhen und Zigarren handeln.«
    »Jüngling«, rief der Schauspieler, »welch ein Gott legte dir dieses Wort auf
die reine, unschuldige Zunge? Das muss ich sagen, so ganz uneingeweiht in der
Menschen Verhältnisse auf Erden scheinst du mir doch von hier nicht abzugehen.
Hat dich das der alte Sterngucker gelehrt? I gucke mal! ... Kommen Sie, Robert,
wir wollen nach Hause wandeln, jeder mit seinem Bündel. Ich weiss, Sie haben auch
das Ihrige zu schleppen.«
    Arm in Arm schritten die beiden jungen Männer nach der Musikantengasse;
Julius Schminkert verstand die Kunst, sich festzuklammern; wie die andern gab
auch er bereitwillig in dieser Nacht seine Ratschläge zum besten, obgleich
Robert sie ihm gern geschenkt hätte. Robert Wolf konnte nicht ahnen, wie eng
sein Geschick mit dem dieses angenehmen und glücklichen Individuums verknüpft
war. Höchst gleichgültig, wenn nicht ein wenig widerlich, war ihm sowohl die
schöne Angelika wie der treffliche Julius.
 
                           Fünfundzwanzigstes Kapitel
       Zwischen Himmel und Erde; Stimmen aus der Nähe und aus der Ferne.
       Sonnenuntergang. - Robert Wolf durchlebt seine letzte Jugendstunde
Es zechen die Götter im hohen Olymp,
Wir sitzen auf grünendem Hügel;
In der Mitte zumal,
Zwischen Äter und Tal,
Da wachsen dem Herzen wohl Flügel.
Nun drücket den blühenden Kranz auf das Haupt,
Und jauchzet: es lebe das Leben!
Und den Göttern sei Heil,
Die so wonniglich Teil
An Himmel und Erd uns gegeben.
Hemm keiner den pochenden Herzschlag der Brust,
Wir sitzen in heiliger Runde;
Blickt nicht vor, nicht zurück,
Denn das flüchtige Glück,
Es haftet ja nur an der Stunde.
Und so hebet die Becher ins Abendrot,
Gold haltet dem Golde entgegen;
Schlürft die selige Stund,
Doch mit lästerndem Mund
Nicht reizet das Schicksal verwegen.
Und so klinget die vollen Pokale an;
Doch weckt nicht die Götter vermessen;
Denn ihr Neid hat beim Mahl
Im olympischen Saal
Nur minutenlang uns vergessen.
Dieses Lied wurde wirklich zwischen Äter und Tal, auf dem Gipfel eines Berges,
beim roten Schein der untergehenden Sonne gesungen und hallte, kräftig,
lebensmutig, aber doch mit dem Anklang von Wehmut, welcher fast keiner deutschen
Melodie fehlt, durch die Waldtäler, die im üppigsten Grün des Frühlings
prangten. Unter dem Gezweig einer knorrigen, kurzstämmigen Hagebuche lagerten
die jugendlichen Sänger mit ihren vollen und leeren Flaschen - eine
Studentenschar aus der nahe gelegenen Universitätsstadt - und begleiteten ihren
Gesang, den Worten des Liedes gemäss, mit dem Klingen der Gläser. Berauschend war
der Wein, berauschend das purpurne Licht des Sonnenuntergangs, berauschend war
der Waldduft, der Duft der Tannen, welcher aus der Tiefe aufstieg, berauschend
war aber auch der Duft des wilden Tymians auf der Höhe. Im Kreise lagerten die
Musensöhne um den Vorsänger, welcher kein anderer als unser Freund Robert Wolf,
der Schüler des Sternsehers Heinrich Ulexius, der Schützling des
Polizeischreibers Fritz Fiebiger, war.
    Zwei Jahre sind vergangen, seit wir ihn zum letztenmal Arm in Arm mit Julius
Schminkert in den Gassen der Stadt erblickten; wir finden ihn nicht zu seinem
Nachteil verändert wieder. Der Jüngling machte eben dem Mann Platz; das Siegel
des festen Willens, welches einst der Weise vom Giebel des Nikolausklosters im
Gesicht des Jünglings vermisst hatte, war ihm jetzt schon deutlicher auf die
Stirn gedrückt. Robert sah jetzt seinem Bruder Friedrich ähnlicher, obgleich man
nicht hätte sagen können, wo eigentlich diese Ähnlichkeit lag.
    Der Sänger auf dem Berggipfel sah gewiss mit ebenso leuchtenden Augen in die
schöne Welt wie die im Kreis lagernden Genossen; aber in seinen Augen lag noch
etwas anderes, was in denen der übrigen nicht zu finden war. Der wehmütige Trotz
schimmerte darin, der Trotz, welcher den Schicksalsmächten schon oft hat weichen
müssen, der aber niemals weiter weicht, als er muss. Die volle Harmlosigkeit der
Jugend hatte Robert Wolf eigentlich nie gekannt; er hatte auch nicht die volle
Heiterkeit, welche das freie, sorglose Studentenleben glücklicheren Gesellen
bietet, genossen. Er hatte immer erst eine schwere Last trüber Gedanken
abzuschütteln, ehe er das leichte flatternde Gewand der Freude fassen konnte.
Zur Heiterkeit des Daseins konnte er sich immer nur mittelbar erheben, und so
ward sie ihm niemals ganz rein, ganz ungetrübt gegeben.
    Die beiden Jahre, welche wir in unserer Erzählung übersprungen haben, waren
nichtsdestoweniger sehr inhaltvoll für alle die Leute, mit welchen wir bisher zu
tun hatten. Wer erlebt nicht etwas in zwei Jahren? Auch das beschränkteste,
gleichmässigste Dasein weiss nach zwei Jahren von irgend etwas zu erzählen. Wir
müssen das Versäumte nachholen und kurz berichten, wie Lachesis an den
verschiedenen Lebensfäden unserer Geschichte gesponnen hat. Der weisssilberne
Faden, welcher das Dasein des Sternsehers Heinrich Ulex bedeutet, glänzt glatt
und knotenlos vor unsern Augen. Der Alte vom Turm klagt wohl, dass ihm die
Freunde, seine Weltlichter, in immer weitere verschwommenere Ferne zu rücken
scheinen; er meint wohl, dass er die gewichtige Hand des Alters schwer auf seinem
Scheitel fühle; aber er fühlt sich wohl, auch in seiner stillen, friedlichen
Greisenhaftigkeit, auf seiner Höhe. Und wenn die Sterne ganz seinen dunkel
werdenden Augen sich entziehen, vermag er es nicht, auf dem grauen Grunde des
Nebels farbige, ideale Bilder hervorzuzaubern? Sieht er etwa nicht die Sterne
auch mit geschlossenen Augen?
    Von dem Sternseher Heinrich Ulex haben wir nur zu sagen, dass wir ihn
wiederfinden, wie wir ihn verliessen.
    Da ist sein Freund, der Polizeischreiber Fritz Fiebiger, den fing das Alter
an mit härterer Hand zu fassen, obgleich auch bei ihm ein Nachlassen der
geistigen Fähigkeiten nicht im geringsten zu bemerken war. Die Bücher, welche
der Schreiber auf dem Büro Nummer dreizehn zu führen hatte, mussten allmählich
den stärksten Nacken beugen mit ihrer Wucht von Tränen, Schmach und Blut. Wir
wissen, wie der Alte darüber dachte und wie er sich gegen die Geister, die aus
ihnen aufstiegen, zu wehren suchte. »Du bist es mir schuldig, mein Junge«,
schrieb der Schreiber vor kurzem an Robert, »du bist es mir schuldig, mein
Junge, dass du mich nicht allzulange mehr allein lässest hier in der
Musikantengasse. Ich weiss zwar, dass es unter den obwaltenden Verhältnissen nicht
sehr angenehm für dich sein kann, hierher zurückzukehren; aber ich glaube doch,
dass es trotz allem ein wenig deine Pflicht ist. Es sind ausser mir noch andere
Leute vorhanden, welche deine Zurückkunft sehnlichst erwarten. Denke an das arme
Fräulein von Poppen! Sei fleissig, mache dein Examen und komm. Sei ein rechter
Mann und komm!« -
    Das »arme« Fräulein von Poppen? Ja, das arme Fräulein von Poppen! Es hatte
in den zwei verflossenen Jahren das meiste und das Bitterste erlebt; Herr Leon,
Freiherr von Poppen, hatte der Tante das Spiel abgewonnen. Mit ironischer
Höflichkeit hatte er ihr die besten Karten aus den Händen genommen. Ebenso
höflich lächelnd hatte ihr der Neffe den Stuhl, auf welchem sie im Hause des
Bankiers Wienand sass, weggezogen, und verwundert, zornig, starr vor Schrecken
und Angst, sass sie nun auf der platten Erde und suchte vergeblich das Gewand,
die Hand Helenes festzuhalten. Anmutig trat der Baron zwischen das junge Mädchen
und die alte Dame, um das Pflegekind Julianes von Poppen unter - seinen eigenen
Schutz zu nehmen. Das Freifräulein konnte nichts dagegen machen, und der Bankier
Wienand hatte nichts dawider.
    Der Bankier Wienand? Ja, der Bankier Wienand! Es war eine grosse Veränderung
mit dem Manne vorgegangen, und Herr Leon von Poppen hatte wenigstens teilweise
vollbracht, was weder dem Sanitätsrat Pfingsten noch dem Sternseher Heinrich
Ulex gelungen war. Der Kranke war geheilt von seiner fixen Idee; doch bei mehr
als einer Gelegenheit mussten sich die Freunde und vorzüglich Juliane von Poppen
fragen, ob es nicht für das Wohl der Welt - wenigstens soweit sie von dem
Bankier abhing - besser gewesen wäre, wenn es blieb, wie es war.
    Wir haben gesehen, wie sich Leon in das Haus des Bankiers einstahl, wie er
sogleich festen Fuss darin fasste, wie ihn der Kranke empfing und ihn besser zu
verstehen schien als irgendeinen andern Menschen. Der Verkehr dieser beiden
Männer war eines der Wunder der Psychologie. Die zwei Frauen, welche, wie es
nicht anders sein konnte, anfangs dem Verkehr mit dankerfüllten Herzen zusahn,
fingen erst leise an zu frösteln unter dem erkältenden Hauche, der mit dem
neugebackenen trefflichen Ministerialsekretär in ihr Zusammenleben eindrang;
dann überkam sie der volle herzerkältende Schauder mit der vollen Gewissheit, dass
Leon von Poppen Herr geworden sei im Haus. Der kranke reiche Mann begann auf den
Schritt Leons zu horchen wie auf den Fusstritt des Glücks; er war nur dann
zufrieden, wenn der Baron neben ihm sass, und nach und nach konnte dieser ihn
führen, wie er wollte. Er führte ihn leider nicht auf jene lichten Höhen, zu
welchen ihn der Sternseher Heinrich Ulex leiten wollte, sondern in jene
nebelige, dämmerhafte Sumpflandschaft des Egoismus, wo tückisch leuchtende
Irrlichter sich spreizen und sich für die Sterne des Lebens ausgeben. Der
Bankier Wienand schlich nicht mehr im Hause umher, um allerlei Abfälle
zusammenzusuchen und sie gleich den grössten Kostbarkeiten zu verbergen. Er
erkannte allmählich wieder den Wert, den die Dinge in der menschlichen
Gesellschaft haben; die nervöse Aufregung legte sich im Laufe des ersten Jahres,
und der Kranke erwachte wie aus einem bösen Traum. Der Mangel an Beurteilung
machte nun einer scharfen, aber unendlich einseitigen Beurteilung Platz, und
somit nahm eigentlich die dunkle Wolke, die über seinem Geiste hing, nur eine
andere Farbe an. Aus dem Schwarz und Grau wurde ein unheimliches Gelb: die Welt,
welche sich auch nicht wenig falsche Begriffe von den Dingen bildet, das heisst,
sie so nüchtern wie möglich sieht, schickte sich an, dem berühmten Bankier Glück
zu wünschen zu seiner Genesung. Aus seiner Krankheit sollte der Bankier als ein
sehr harter und selbstsüchtiger Mann hervorgehen. Nun sich der Schleier vor
seinem Auge lichtete, fühlte er sich tief erniedrigt durch den Zustand, in
welchem er sich befunden hatte. Ein fieberhaftes Bestreben, die Erinnerung an
diesen Zustand in sich und in der Gesellschaft auszulöschen, ging daraus hervor;
aber leider mass der aufgeregte Geist die Dinge nur nach dem Masse, welches die
Welt ihnen anlegte, und der Baron Leon von Poppen fand das rechte Feld für seine
Pläne. Mit fast wilder Satire kämpfte Juliane von Poppen gegen diese Art der
Lebensanschauung an. Der Makel, welchen der immer noch kranke Mann auf sich zu
fühlen glaubte, brannte schärfer als das Wort der alten Freundin. Die Gier nach
Ansehen und Reichtum wuchs immer mehr und überwältigte jedes andere Gefühl; -
auch vor dem Brande hatten nicht viele Sterne am Lebenshimmel des grossen
Bankiers geleuchtet; der Wahnsinn hatte auch die wenigen ausgelöscht, die
Heilung brachte den Glanz der guten Lichter nicht zurück. Der Bankier Wienand
wollte nicht mehr für »verrückt« gehalten werden und vergass nur, dass die Welt
manches für verrückt erklärt, was ganz an der rechten Stelle steht und welches
von alter und neuer Weisheit als sehr edel, löblich und lieblich gepriesen wird.
    Seit das Kontor und das prachtvolle Hauptbuch in der Kronenstrasse aus einer
Fiktion wieder zu einer Wahrheit wurden, betrachtete der Bankier alles nur von
dem niedrigen Standpunkte dieser beiden Gegenstände aus, und drei Vierteile der
Gesellschaft hoben die Hände empor und priesen über alle Massen dieses
»energische Sichaufraffen«. Auf das Mitleid der Welt folgte die bewundernde
Billigung, und Herr Leon von Poppen erlangte aus dem glücklichen Ereignis auch
sein Teil Kredit in der allgemeinen Stimmung. Bald stand der Bankier als
Kapitalist und scharfäugiger Geschäftsmann vollständig rehabilitiert da; er
hatte ja den schwarzen grimmigen Unhold Wahnsinn in der festesten Kammer seines
Hirns eingesperrt, und unablässig, Tag und Nacht, hielt er Wacht, dass er nicht
wieder hervorbreche. Es war aber doch ein unheimlich Ding!
    Wie arbeitete der Bankier, um sich des Preises der Menschheit würdig und
zugleich sie sich dienstbar zu machen! Mit unverhohlener Kälte begegnete er der
alten zürnenden, trauernden Hausfreundin; hart und kalt behandelte er auch seine
arme Tochter - sie war ja auch nur ein Mauerstein, der sich gut, vorteilhaft
vermauern liess in dem Tempel seines Glückes! Der junge talentvolle Politiker,
welchem er soviel zu danken hatte, gab ihm auch in dieser Hinsicht die besten
Lehren. Das Haus Wienand war noch zu gewaltigen Dingen berufen.
    Das Freifräulein hatte Augenblicke, in welchen ihr das Leben unerträglich
schien. Sich klagte sie an, wenn sie, mit Tränen in den Augen, die arme Helene
in die Arme schloss. Sich klagte sie an auf dem Giebel des Sternsehers.
    »Ich hätte soviel dagegen tun können, wenn ich alte Närrin die Augen
aufgesperrt hätte!« rief sie jammernd. »Oh, Ulex, wir hätten ihn doch noch auf
unsere Weise geheilt; aber ich, ich bin schuld daran, dass dieser perfide
Halunke, dieser Leon, uns so überlistete, dass er es jetzt wagt, die schmutzige
Hand nach meinem Kinde auszustrecken. O welch eine Gans ich war, als ich mich
von ihm so leicht übertölpeln liess! Es möchte einen Stein erbarmen, dass ein
altes Weib wie ich, welches ein ganzes schweres Leben hindurch den Kopf immer
ehrlich und resolut aufgerichtet getragen hat, ihn zuletzt so tief beugen muss.
Diesem Kopf freilich ist's ganz recht: weshalb hat er sich von dem albernen
Herzen so kläglich hinters Licht führen lassen! Ach Fiebiger, Euerm Jungen
verbiete ich die leiseste Annäherung an meine arme Helene aufs strengste, und
diesen dummschlauen Bösewicht, diesen Leon, führe ich sozusagen selbst ihr zu!
Blutige Tränen möchte ich darum weinen!« -
    Traurige Ferien brachte Robert Wolf von Zeit zu Zeit, während dieser beiden
Jahre, bei den Freunden zu. Er sah Helene öfters, er sah auch seinen
glücklichen, höhnischen Nebenbuhler. Juliane von Poppen hätte fast den
Polizeischreiber eifersüchtig gemacht, so sehr bemächtigte sie sich des jungen
Studenten. Er musste ganze Nachmittage und Abende bei ihr zubringen, und in den
Gassen stützte sie sich am liebsten auf seinen Arm; - ach, sie hinkte nicht mehr
so schnell wie früher einher, sie hielt es jetzt nicht mehr für unglaublich, dass
sie sich noch einmal eines Wagens oder gar Rollstuhls werde bedienen müssen. Wie
an eine letzte Hoffnung klammerte sie sich an den selber so ratlosen Robert.
    »Was sollte aus meinem Kinde werden, wenn sie wirklich ganz und gar in die
Gewalt dieses Schlingels fiele? O mein Sohn, mein lieber Sohn, der gute Gott
wird das doch nicht zulassen!«
    Robert rang die Hände und ballte sie ohnmächtig im andern Augenblick:
    »Was sollen wir tun? Wir können ja nichts tun! Der Vater scheint diese
Verbindung so fest zu wollen; Helene wird folgen müssen -«
    »Sie wird sich zu Tode weinen!« rief das Freifräulein. »Am besten wäre es,
ich ginge mit ihr fort - so weit als möglich fort und liesse dem alten und dem
jungen Sünder das Nachsehen; aber das Kind will ja nicht; es glaubt selbst zu
sündigen, wenn es gegen den Willen des Vaters das Haus verliesse. O Robert,
Robert, welche Demütigungen habe ich des Mädchens wegen schon auf mich genommen
und wie viele werde ich noch ertragen müssen! Oh, dass ich nicht mit meiner
Krücke hier dreinschlagen darf!«
    Wenn Robert und Helene zusammenkamen, so drückten sie sich stumm, mit
weinenden Augen und schweren Seufzern die Hände. Niemals lag vor zwei armen
Kindern die Zukunft dunkler, unheimlicher, widerlicher. Ach, wie beneidete
Robert seinen Freund Ludwig Tellering! Der war jetzt der Geliebten gefolgt, war
nach Amerika mit seiner Mutter und Schwester ausgewandert. In die dunkle
Hofwohnung in der Musikantengasse war ein Schuhmacher gezogen, der zugleich
Vögel abrichtete und unglücklichen Finken und Dompfaffen die Augen ausstach -
ein wilder roher Gesell, mit welchem der Polizeischreiber Fiebiger keinen
Verkehr haben wollte, ausser vielleicht auf dem Polizeibüro Nummer dreizehn, als
Protokollführer des Rats Tröster. Von Galveston aus hatte Ludwig Tellering an
den Studenten der Medizin geschrieben; er hatte sein Mädchen noch nicht
erreicht; er hatte zuerst seine Werkstatt in der Hafenstadt aufschlagen müssen;
aber es ging ihm und den Seinigen gut, und er schrieb freudig erregt und
hoffnungsvoll.
    Auch Julius Schminkert hatte den vollen blütenreichen Kranz des Lebens sich
auf die erhabene Stirn gedrückt. Er hatte die holde Braut heimgeführt, und der
Parfümerie- und Modewarenladen stand in voller Glorie und zeichnete sich durch
geschmackvoll stilisierte Annoncen und Reklamen in allen Blättern der Stadt aus.
Julius Schminkert verstand sich aufs Lärmmachen und wusste seine Phrasen elegant
abzurunden. Niemals wurden Seife, Schönheitswasser und Haarfärbungsmittel,
Handschuhe und Hauben geistreicher, grossmäuliger und genialer ausgeschrien, als
es durch die unvergleichliche Firma Schminkert und Kompanie geschah. Monsieur
Alphonse Stibbe, der glückliche Schwiegervater, hatte sich wirklich aufs neue
beweibt und die geheimnisvolle Person geheiratet, wegen welcher er einst in
jener denkwürdigen Nacht, als die Tagebücher Aurora Pogges vorgelesen wurden,
dem Vorleser die Kehle zudrückte. Es war eigentlich gar nichts Geheimnisvolles
an der Person; es war nur eine Witwe, reich an Jahren, Erfahrung, Tugend; nur
ein wenig zu massiv für den kleinen vertrockneten Kleiderkünstler, welchen der
Polizeischreiber acht Tage nach der Hochzeit, schluchzend und sein Schicksal
verwünschend, nächtlicherweile vor der verriegelten Tür der eigenen Wohnung
desselben im Parterre der Nummer zwölf fand.
    Jeder hatte sein Schicksal, und der arme kleine Schneider schleppte gewiss
ebenso schwer an dem seinigen, wie Robert Wolf an seinem trug; wer gibt uns
eigentlich das Recht, das Los des einen poetischer auf- und anzufassen als das
des andern? Wie dem auch sei, wir haben das Recht und lassen es uns so leicht
nicht nehmen: der jugendliche lockige Sänger, welcher auf dem frühlingsgrünen
Berggipfel den Becher der untergehenden Sonne entgegenhält, ist immer eine
andere Figur wie das auf der Treppe im Dunkel kauernde Schneiderlein.
    Da stand der Jüngling hochaufgerichtet unter den freudigen Genossen, fest
auf seinen Füssen, und heute hatten die finstern Gewalten, die ihn vor vier
Jahren so verzweiflungsvoll durch die Gassen der grossen Stadt getrieben hatten,
nicht mehr ihre verwildernde Macht über ihn. Er trug den Schmerz und die Sorge
wie ein Mann; er hatte bis jetzt die Schule des Lebens bestanden, und ruhig und
ernst konnte er von der sonnebestrahlten Höhe in die schwülen, dämmerigen Täler
herniederblicken. Mochte sich auch der Sturm dort unten sammeln, mochte die
Nacht drohend von dorter heraufkriechen, mochte die Zukunft bringen, was sie
wollte, Robert Wolf zerschlug nicht mehr die Brust, zerraufte nicht mehr das
Haar in der ohnmächtigen Wut des Schmerzes. Zu einem Mann hatten ihn die
Freunde, hatte ihn das Schicksal gemacht; er verstand die grosse Kunst, männlich
zu dulden und den kommenden Tag zu erwarten.
    Auf der Höhe verklang das Lied vom flüchtigen Glück und dem Neid der Götter;
aber im Tal wurde es von einer einzelnen Stimme wieder aufgenommen.
    »Das ist Krokisius!« riefen die Studenten, und Wolf meinte:
    »Seht nach, ob noch eine volle Flasche für das alte Haus da ist.«
    »Stoff die Fülle!« jubelte man; näher klang die volle Bruststimme des
Kommenden. Jetzt trat er aus dem Walde drunten und schwang den Hut denen auf dem
Gipfel zu:
Und so klinget die vollen Pokale an,
Doch weckt nicht die Götter vermessen;
Denn ihr Neid hat beim Mahl
Im olympischen Saal
Nur minutenlang uns vergessen.
Jauchzend begrüssten die Freunde den Freund, den braven »Doppeldoktor« Otto
Krokisius, der seinem Herrn Vater soviel Kummer machte, der jetzt, nachdem er
der Philosophie überdrüssig geworden war, sich der Juristerei und »leider auch«
der Politik in die Arme geworfen hatte und der in so schlechtem Geruche bei
Artemisia und Lydda von Flöte stand. Der junge Mann sah aber gar nicht aus wie
ein verlorenes Schaf; höchst vergnüglich fächelte er sich mit einem grünen
Zweige die erhitzte Stirn und leerte ein volles Glas Rüdesheimer; dann warf er
Robert Wolf einen schweren Brief zu:
    »Da ist etwas für dich. Da du nicht mehr zu Hause warst, hat der Briefträger
seine Last guter Nachrichten, Wechsel und dergleichen angenehmer Eitelkeiten der
Welt bei mir abgelegt. Möge Fortuna aus dem Paket springen - noch ein Glas,
Leute! Das ist ein wonniger Abend; der Teufel hole euern melancholischen Gesang
hier oben, er hat mich selbst unterwegs ganz melancholisch gemacht. Holla, Wolf
- was ist? Um Gottes willen, Wolf, Wolf?«
    Robert hatte den Brief, welcher von dem Polizeischreiber Fiebiger kam,
sogleich erbrochen, einen zweiten, in unbekannter Handschrift überschrieben,
herausgenommen und auf der Stelle angefangen zu lesen.
    Es zuckte über sein Gesicht, er fuhr mit der Hand über die Augen, er wurde
todbleich; er schwankte auf den Füssen und wäre zu Boden gestürzt, wenn die
erschreckten Genossen nicht zugesprungen wären und ihn in ihren Armen aufrecht
erhalten hätten. In dem Briefe des Polizeischreibers kam die Nachricht, dass man
täglich die Verkündigung der Verlobung Helene Wienands und des jungen Barons
Leon von Poppen erwarte. Das zweite Schreiben war von dem bekannten Reisenden
Konrad von Faber, von San Francisco aus, an den Polizeischreiber gerichtet und
erzählte in tragischer Einfachheit und Kürze von dem Tode Friedrich Wolfs in dem
neuentdeckten Goldlande Kalifornien. Auch Eva lag krank in einer elenden Hütte
in einem der Felsentäler der Umgebung des Sakramentoflusses, lag im
todbringenden Fieber und rief um Hülfe nach der Heimat, rief nach Robert, ihrem
Bruder und Jugendfreund. Es war ein trostloser Brief, welchen der Hauptmann
Konrad mit seinem Namen unterzeichnete; ebenso trostlos wie der andere: diese
beiden Schreiben in der zitternden Hand, nahm Robert Wolf nun wirklich für immer
Abschied von seiner Jugend.
    Was die Freunde wissen mussten, teilte er ihnen mit; dann nahm er auch
Abschied von ihnen, dann ging er aus ihrer Mitte weg und stieg langsam den Berg
hinunter in den Wald. Keiner der Genossen folgte ihm; sie standen alle stumm und
blickten ihm traurig betroffen nach. Lang fiel sein Schatten über die Berglehne.
Noch einmal winkte er vom Eingang des Waldpfades zurück, und sie winkten wieder;
dann verbarg ihn das Gebüsch. Als er gesenkten Hauptes durch den Wald fürder
schritt, vernahm er, wie sie das Lied, das er eben noch vorgesungen hatte, von
neuem begannen; aber die Stimmen wurden schwächer und schwächer und gingen an
der nächsten Talecke im Rauschen des Waldbaches, der nun melancholisch seinen
Weg begleitete, gänzlich unter.
    In derselben Nacht bereits befand sich Robert Wolf auf der Reise zu den
Freunden in der grossen Stadt und zugleich auf dem Wege zu Eva Wolf, die in ihrer
Not aus so weiter Ferne nach ihm rief.
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel
   Auf der alten Stelle. Zum zweitenmal soll der Schüler die Lektion aufsagen
Schwer ächzte und keuchte die Maschine, durch welche Robert Wolf der Hauptstadt
und den Freunden entgegengeführt wurde. Der Morgen war frisch und sonnig, der
Tau blitzte auf den Wiesen, jedes Dorf lag wie ein Idyll in seiner Feldmark; die
winzigen Figürchen, die sich auf den Äckern von der frühen Morgenarbeit
aufrichteten und sich einen kurzen Augenblick der Rast gönnten, um dem schnellen
Zuge nachzublicken, konnten nimmer Not und Elend unter jenen lieben roten
Dächern im Grün zu erdulden haben! Oder doch?! Sollte es doch möglich sein? ...
Wieder ein Dorf; die Blütenzweige der Gärten streifen fast die Wagenfenster;
zwischen den Gärten ein Blick in eine enge Gasse, begrenzt von grünen Hecken -
ein Leichenzug - Träger und Leidtragende - ein sonnebeschienener Kirchhof - eine
Gruppe von Kindern um ein offenes Grab, den schwarzen Sarg erwartend -
blitzschnell allem vorbei! O wie wunderlich solch ein Blick aus dem Fenster des
Dampfwagens auf solch einen Zug schwarzer Gestalten, die sich nicht von der
Stelle zu bewegen scheinen - o wie wunderlich solch ein Blick im flügelschnellen
Vorübersausen auf den kleinen Kirchhof und das Grab, die nicht von der Stelle
kommen und denen wir auch doch nicht entgehen können!
    Hussa, wie die Räder durch die lichtelle Landschaft donnern! Was gehen uns
die kleinen hübschen Puppen mit den blitzenden Miniaturrechen und -spaten, was
geht uns der winzige Ameisentrauerzug an? Was haben wir zu schaffen mit dem
fremden Toten? - Die nächsten Sekunden reissen das alles in unendliche Ferne; die
eigene Freudigkeit aber begleitet uns, der eigene Gram lässt uns nicht los, der
eigene Tod ist mit uns, so schnell auch die Räder sich drehen mögen.
    Dieser selbe Eisenbahnzug hatte vor dreiundeinemhalben Jahre den Knaben aus
dem Winzelwalde nach der grossen Stadt getragen; und wenn den jungen Mann in der
Ecke des Wagens die Gefühle überwältigen wollten, so brauchte er ja nur jene
Tage mit allen ihren schrecklichen Einzelheiten in die Gegenwart zurückzurufen,
und die bösesten Geister duckten sich vor der Gewalt dieser Erinnerungen. Damals
und jetzt - welche Ähnlichkeiten, und doch alles, alles wie verändert! Wo waren
die Herbstwolken, die damals Schnee und Regen im wirren Gemisch auf die
vorbeifliegende Gegend ausgeschüttet hatten? Andere Gebilde am Himmel, andere
Gebilde in der Seele! Zu einer Zeit behielt man vom Zuge aus lange einen kahlen
Hügel und auf diesem einen einzelnen Baum im Auge. Robert Wolf erinnerte sich
ganz genau an diesen Baum, er verknüpfte keine deutliche Erinnerung irgendeines
Bildes, irgendeiner Gedankenreihe damit; er wusste nur, dass er diese unfruchtbare
kahle Fläche, diesen Hügel, diesen einsamen Baum schon einmal gesehen habe und
dass ihm damals recht schlimm zumute gewesen sei. Und doch hatte er das Leben
ertragen, hatte Leid vergessen und Freude genossen, hatte viel gelernt und war
älter geworden; nun trug ihn das Schicksal wieder an diesem Baum, der damals im
Regen und Nebel sich halb verbarg, vorüber, und leichte Wolkenschatten glitten
über die Ebene und den Hügel - andere Gebilde am Himmel, andere Gebilde in der
Seele! Wo war der Groll gegen die schöne Eva Dornblut geblieben? Damals hätten
alle Wasser, die zwischen dem Goldenen Tor und diesem einsamen Baum auf der
deutschen Heide rollten, ihn nicht ausgelöscht - - und jetzt? Wie nahe gerückt
waren sich jetzt die beiden Herzen, trotz all der grossen Wasser, trotz all der
weiten Länderstrecken, die zwischen ihnen lagen!
    Vorüber an Dorf und Stadt, weiter - immer weiter! Durch Wald und Feld,
weiter - immer weiter! Was hatte der tote Bruder Fritz mit den
sonnedurchglänzten Wäldern, durch welche der Zug brauste, zu schaffen? Bei jedem
Blick in das dicht verschlungene Grün, bei jedem Blick in die Lichtungen fasste
das Gedenken an ihn, das Nachdenken über ihn - die Erinnerung den jungen
Reisenden mit doppelter Gewalt. Fritz, weisst du noch? Weisst du noch, Robert? Im
Wagen lachten und schwatzten die Passagiere, und ein ausgetrocknetes,
gebräuntes, bärtiges Individuum sprach ein langes und breites von der Expedition
in das Innere Neuhollands, an der es teilgenommen hatte, und von einer Fahrt
nach Island, welche es jetzt unternehmen wollte. Halben Ohres horchte Robert auf
die Erzählung und dachte an den Bruder, der auch so wild über kreuz und quer die
Welt durchschweift hatte und der jetzt so still liegen sollte im Urwald am Yuba.
    O über den Wald, sein Licht und seinen Schatten! O über das schwarze
Eingeweide des Berges, durch welchen der Mensch seinem Feuerross den Weg gewühlt
hatte!
    Vorüber an Dorf und Stadt, weiter - immer weiter! Durch Wald und Feld weiter
- immer weiter! Heller Morgen, schwüldunkler Mittag - dämmernder Abend - Nacht
auf den Feldern und Bergen - Lichter in den Häusern der Menschen - weiter, immer
weiter!
    Was hatte denn der Lichterschein aus den Fenstern der Hütten und Häuser mit
Helene Wienand zu tun? Je näher die Nacht kam, je heller die Lichter
schimmerten, desto mehr musste solch ein junges Menschenkind an sein verlorenes
Lebensglück denken. Ruhig, ruhig, Herz! Wie der Zug donnert über Brücken und
Viadukte - du hältst ihn nicht auf durch deinen Willen, du hältst ihn nicht auf
durch deine Seelenangst. Fortgerissen wirst du mit allen andern, fort, fort, bis
der Haltepunkt, zu welchem dich dein Schicksal bringen will, erreicht ist.
    Weiter, weiter in schwindelerregender Hast; ergib dich drein, Robert Wolf -
- - - - -
    Angekommen!
    Da war das Gewühl am Bahnhofe, die Polizeimannschaft, das Geschrei der
Packträger, die Droschkenreihe; da war die breite, menschenvolle Strasse, die
unendliche Linie glänzender Gaslaternen; da war aber auch Julius Schminkert,
melancholisch in der Eisenbahnhalle in das Getümmel starrend, wie unschlüssig,
ob er ein Billett nach den Grenzen der Erde nehmen oder ob er zu Hause bleiben
solle. Wie oft platzt in die elegischste, tragischste Stimmung der Spass herein
und macht das ernste Gesicht noch ernster, das finstere noch finsterer! Julius
Schminkert war da, und sein Freund und Wandnachbar konnte ihn nicht loswerden
von seiner Seite. Aber der junge Mediziner erkannte den Schauspieler fast nicht
wieder. Alle ungebundene geniale Liederlichkeit war aus dem Äussern des einst so
jubelvollen darstellenden Künstlers verschwunden. Er trug jetzt einen soliden
hohen Hut, und zwar etwas in die Stirn gezogen; er war im Besitz eines sehr
anständigen Rockes, und Hosen und Weste liessen ebenfalls nichts zu wünschen
übrig. Sehr respektabel sah Julius Schminkert aus; aber leider auch sehr
gedrückt, sehr wehmütig; Julius Schminkert war auch nicht mehr der frühere
Julius Schminkert. Vorbei war das lustige Leben in den Lüften, das Flattern von
Blume zu Blume. Der leichtsinnige Schmetterling schien sich die Flügel gründlich
versengt zu haben. Neben Robert schritt der Parfümeriehändler, der Chef der
Firma Schminkert und Kompanie her und hielt nicht hinter dem Berge mit seinen
Kümmernissen. Es schien ihm Erleichterung zu gewähren, sich jemandem, der ihn in
seinem frühern, leichtern Dasein gekannt hatte, mitzuteilen unter dem Druck
einer schweren Gegenwart; und schweigend, den eigenen Gedanken nachhängend,
duldete der Schützling des Polizeischreibers Fiebiger das Gewinsel des einstigen
Hausgenossen.
    »Hören Sie, Robert«, seufzte Julius, »sehen Sie, wissen Sie, es war eine
brillante Hochzeit. Ich selbst hatte alles aufs beste arrangiert -
Kranzjungfern, Delikatessen, Equipagen, Aufführungen, alles comme il faut. Ich
möchte den sehen, der mir natürlichen Geschmack und Erfindungsgabe abspräche!
Die Musikantengasse konnte Maul und Augen, so weit sie wollte, aufsperren; es
war ihr doch absolut unmöglich, die erhabenen, angenehmen, rührenden und
gemütlichen Vorgänge in der Nummer zwölf in ihrer ganzen vollen Bedeutung und
Glorie aufzufassen. O ich war glücklich, überglücklich - se - lig, auf - ge -
löst in Won - ne. Jungfräuliche Myrten - Erröten, Tränen - o Tränen, Robert!
Selbst die väterliche Schneiderseele, der teure Schwiegerpapa, Alphonso Stibbe,
tailleur de Paris, vergoss etwas von jenem kostbaren Nass; mit höchsteigenen
Händen hatte er mein hochzeitliches Gewand gebaut, und er sass - ich meine den
Frack -, er sass magnifique. So wurde das Meisterstück der Schöpfung und der
Schneiderkunst - diesmal meine ich nicht den Frack - mein. Für Zeit und Ewigkeit
wurden wir miteinander verbunden. Ich sollte ihr Herr sein, meinte der
ehrwürdige Herr, welcher den feierlichen Akt der unauflöslichen Verknüpfung,
gegen die gesetzlichen Gebühren und nach Vorlegung der notwendigen
beiderseitigen Legitimationspapiere, mit uns vornahm. Ihr Herr? O mon Dieu,
Robert, Sie sind ein guter Kerl und sprechen nicht weiter davon - ihr Herr?!
Nach Hause, nach dem eigenen Hause, Kranzstrasse Nummer dreiunddreissig, wie Sie
wissen, führte ich mein junges Glück: Parfümerien und Putzgegenstände, parterre,
vorn heraus, sehr elegant, Spiegelscheiben, Samtfauteuils - hinten hinaus
flitterwöchentlicher Ehestand, allerhöchste Seligkeit auf beschränktestem Raume,
etwas feucht, dunkel und dumpfig - Wanzen! - Da sass ich nun, umgaukelt von
Amoretten und Amorinos, und der Handel ging gut, besser, immer besser; o Robert
Wolf, er ging endlich zu gut! Handschuh, Handschuh, Wolf! O dieses
Handschuhanprobieren! Welcher Gott legte Ihnen damals die Warnung davor auf die
jugendliche Zunge? - Haben Sie den Otello gesehen? Ich sage Ihnen, meine
Eifersucht fing klein an; aber sie wuchs mit so fabelhafter Schnelligkeit, dass
man sie wachsen hörte. Ja, die Nachbarn hörten sie wachsen und machten ihre
Glossen darüber. Dazu nahm meine Huldin einen Ton an - Diskantschlüssel -, der
mich nicht wenig frappierte; mit unendlicher Grazie setzte sie mich auf den
Mokierstuhl und - und da sitze ich noch, Robert Wolf! Sollte man nicht wünschen,
dass die Firma Schminkert und Kompanie zwischen jetzt und morgen Bankerott mache?
- Und er soll dein Herr sein - krasseste Ironie! Der Schwiegerpapa hat's auch
nicht besser getroffen; - o Robert, was für ein glücklicher Mensch Sie sind!
Doch hier ist mein Geschäft; - Julius Schminkert und ein Geschäft - auch nicht
übel. Nun sehen Sie, allerneueste Pariser Neuigkeiten! Bitte, sehen Sie da!
Famos! nicht wahr?«
    Mit einem Seufzer wies Julius auf die hellerleuchteten Spiegelscheiben
seines »Etablissements«, in dessen Schaufenstern alle die Sachen und Sächelchen,
mit welchen die Firma Schminkert und - Frau handelte, so verlockend und reizend
als möglich dem Publikum vor die Augen gestellt waren. Trotz seiner Bedrückteit
schien der bejammernswerte Geschäftsmann den äussern Effekt, den glänzenden
Anblick mit weiter geöffneten Nasenlöchern einzuschlürfen. Für einen Augenblick
verlor sein Gesicht den Ausdruck der Zusammengekniffenheit, und seine Züge
legten sich auseinander wie die Blätter einer Stockrose unter einem
erfrischenden Regenschauer. Aber der glückliche Augenblick ging blitzschnell
vorüber, als über die Schwelle, aus dem Laden hervor, ein junger Herr trat, ein
Paar neugekaufter Glacéhandschuhe fester über die Finger ziehend. Hinter ihm
erschien holdlächelnd, mit der Taille einer Wespe, frisiert à l'impératrice,
Madame Angelika Schminkert geborene Stibbe, in potenziertester Liebenswürdigkeit
den Abschiedswink des jungen Herrn beknicksend. Der Ehemann knurrte einen
Teaterfluch, Robert Wolf aber fuhr zusammen und fasste die Unterlippe mit den
Zähnen: der Kunde der schönen Modewarenhändlerin war kein anderer als Herr Leon
Freiherr von Poppen, der Verlobte Helene Wienands. Mit ausgesprochener Bonhomie
grüsste der Baron den Gatten Angelikas, und dieser musste den Gruss erwidern und
sehr dankbar sein für die Kundschaft und Ehre. Ob der treffliche Diplomat den
Zögling des Sternsehers erkannte, blieb zweifelhaft, jedenfalls zeigte er weder
Freude noch Kummer darüber; - - er war ein sehr brauchbarer Mensch, und seine
Vorgesetzten fingen immer mehr an, ihn als ein grosses Talent zu schätzen und zu
verwenden; er hatte eine grosse Zukunft, und die Gegenwart war auch nicht zu
verachten.
    Er streifte Robert fast im Vorbeigehen, und dieser schlug ihn nicht zu
Boden, sondern wich nur zurück wie vor einem giftigen Tier; er starrte ihm nach,
wie er um die Ecke sich wandte. An der Ecke fiel der Schein der Laterne noch
einmal voll auf das gelbliche Gesicht, das jetzt ein höhnisches Lächeln
überflog; - jetzt berührte Leon von Poppen den Hut gegen Robert Wolf, dann
verschwand er, und nur noch einmal sollte ihn Robert wiedersehen.
    Die Gattin schwebte dem Gatten entgegen, Robert liess sie beide an ihrer
Ladentür ihre Gefühle austauschen und eilte schnellern Schrittes durch den Lärm
der Strassen der innern Stadt, der alten, treuen Musikantengasse zu. Er kreuzte
die Stelle, auf welcher er vor dreiundeinemhalben Jahre in Schmutz und Blut lag.
Damals wie jetzt ging ihm ein tiefer Schmerz durch die Seele; aber das heutige
Weh war fast noch schärfer, bänger als das damalige, obgleich es ruhiger
ertragen wurde. Mit klopfendem Herzen stand Robert still; er sah sich im
Gefängnis, er sah den bärtigen Schliesser, hörte den Regen an die trüben
vergitterten Scheiben schlagen, erblickte den Wachtmeister Greiffenberger und
den langen Gang, der zum Büro Nummer dreizehn führte. Ganz deutlich atmete er
wieder den eisig-ungesunden Hauch, welcher durch das ganze Polizeigebäude zog; -
im Büro dreizehn stand er vor dem Rat Tröster: wie konnte es geschehen, dass der
Hauptmann von Faber, welcher jetzt den Tod Friedrichs meldete, damals in
demselben Büro auf der Armensünderbank sass? Nun tauchte plötzlich über das hohe
Pult das Gesicht des Polizeischreibers Fiebiger auf, das treue geliebte Gesicht
mit den klaren schlauen Augen, den hundert Falten - gesegnet sei das teure
Haupt! Und neben dem Gesicht des Greisen das andere Gesicht? O Helene, Helene!
Das Volk drängt sich wild im Kreis, zu Boden liegt der Knabe aus dem Winzelwalde
- dunkel ist der Himmel - o das Gesicht, das Gesicht, das andere Gesicht -
Helene, Helene! ...
    Im jähen Schreck fuhr Robert zusammen; eine Hand legte sich ihm plötzlich
auf die Schulter: der Polizeischreiber Fiebiger stand nicht mehr als
Traumgebild, sondern in natura hinter ihm: so runzlig, so vertrocknet, so
klaräugig wie immer. Er zog den Schützling in seine Arme:
    »Da bist du! Hab ich dich wieder? Ruhe, Ruhe! Mut, Mut!«
    »Mein Vater, mein Freund! O mein Vater!« rief Robert Wolf, und der Alte,
unfähig, seine Erregung, seine Rührung auf andere Weise zu verbergen, stürzte
sich sogleich, Hals über Kopf, in seinen gewöhnlichen Ton:
    »Komm, komm, mein Junge. Der hohen Polizei ist es am wenigsten gestattet,
eine Szene auf offener Strasse hervorzurufen - weder tragisch noch komisch. Ist
ganz, ganz gegen das Reglement! Komm nach Haus, lieber Junge, mein wackerer
Junge - der arme Fritz, die arme Eva - komm fort! Doch halt, sieh, wer da
kommt!«
    Jetzt liess Robert Wolf die Hand des alten Freundes los und eilte hastig
einer kleinen, schwarzgekleideten Dame entgegen, welche dicht vor ihnen aus der
Menge auftauchte und ebenfalls schnell auf die beiden Männer an einem Krückstock
zuhinkte.
    Die kleine schwarze Dame fasste ohne Scheu, vor allen Menschen, den Studenten
gleichfalls in die Arme:
    »Gott segne dich, mein armer Junge! Ach Robert, Robert, was muss man erleben
in der Welt! Wenn man glaubt, nun sei einem alles mögliche gebrannte Herzeleid
angetan, so ist immer noch ein Stück zurück, welches einem die Last schwerer und
die Augen trüber machen kann. Welche traurige Botschaft ist uns übers Meer von
deinem Bruder, von der schönen Eva, seiner Frau, gekommen! Aber was hilft's, auf
der Strasse, auf dem Markt davon zu schwatzen! Jetzt wollen wir gehen; ich meines
Weges, ihr des eurigen; nachher, Fiebiger, treffen wir uns bei Heinrich: er soll
uns sagen, was die Sterne darüber denken: ach Gott, 's ist immer doch nur; après
la mort le médecin; wenn der Jammer ausgeflossen ist, stopft man das Loch mit
Philosophie, mit schönen Redensarten zu.«
    Das Freifräulein Juliane von Poppen winkte den beiden, ihr nicht zu folgen,
und hinkte gesenkten Hauptes weiter; sie schämte sich zu sehr, dass sie sich von
dem ausgezeichneten Neffen so kläglich hatte hinters Licht führen lassen, und
für einen Charakter gleich dem ihrigen war solche Scham fast vernichtender als
der Schmerz.
    Der Polizeischreiber sah ihr traurig nach und sagte:
    »Am liebsten würde sie einen härenen Sack anziehen und barfuss durch die
Gassen gehen. Komm, Robert; und nimm dir ein Beispiel an der alten Frau, ich
will es auch tun.«
    In wehmütigem Schweigen setzten der Greis und der junge Mann ihren Weg zur
Musikantengasse fort; und wieder einmal sah sich Robert in den grauen,
tabakverräucherten Räumen, in denen er geistig soviel erlebt, in denen er soviel
geträumt, soviel gelernt hatte.
    Inmitten dieser alten schäbigen und doch so freundlichen Wände, inmitten
dieser abgelebten, wackligen Gerätschaften - hier, inmitten seiner eigentlichen
Heimat, kam ihm jetzt mit doppelt erschreckender Klarheit die Vorstellung, wie
er nun wieder von allem, was er um sich her aufgebaut hatte zu seinem Glück,
erbarmungslos losgerissen und in das Ungewisse, Lieblose, Fremde, Wirre und
Verderbliche hinausgeschleudert sei.
    »O mein Freund, mein Vater, was soll ich tun?« rief er. »Woran soll ich mich
halten? Was bleibt mir in der ganzen weiten Welt?«
    »Mein lieber Junge, das musst du allgemach selber wissen!« antwortete der
Polizeischreiber Friedrich Fiebiger aus Poppenhagen. »Vielleicht kann dir aber
der Alte dahinten im Giebel etwas dazu sagen - du weisst, aus der Höhe übersieht
man alles am leichtesten und besten.«
 
                          Siebenundzwanzigstes Kapitel
  Robert Wolf beweist, dass man auf den alten Fleck zurückkommen kann, ohne von
dort die Welt in der alten Weise anzusehen. Der Baron Leon von Poppen steigt zu
             dem Observatorium des Sternsehers Heinrich Ulex empor
Die Sterne gaben in dieser Frühlingsnacht einen Schein so rein und klar wie
selten. Wie junge Mädchen im Tanz lachten und winkten sie einander zu, und der
Mensch auf dem Stern, Erde genannt, wurde darob teilweise ungemein feierlich
gestimmt und fragte sich, worüber eigentlich die da droben sich unterhielten.
Harmlose, naive Individuen, wie zum Beispiel der Schreiber dieses, dachten bei
diesem Winken und Nicken an kosmische Ballangelegenheiten, spasshafte
Vorkommnisse beim letzten Sphärenkonzert, an tölpelhafte Courschneidereien
irgendeines landjunkerhaften Kometen, an das letzte Zerwürfnis zwischen Venus
und Mars. War vielleicht der dicke zerstreute Oberappellationsgerichtsrat
Saturnus wieder einmal in eine komische Verlegenheit geraten? War der alten
boshaften Jungfer, dem Fräulein Vesta, ein gesellschaftliches Malheur begegnet?
Wer kann es wissen? - Ernstere Charaktere, wie der Sternseher Heinrich Ulex,
dachten freilich ernster über das Raunen und Winken in der Höhe; aber auch sie
mussten den irdischen Gewalten nachgeben und sich ihren erhabenen Grübeleien
entreissen, wenn es - an ihrer Tür klopfte.
    Lass die Sterne, Heinrich Ulex, schieb den Türriegel zurück und tröste deinen
Schüler, welcher sich an deine Brust werfen will und Trost von dir verlangt!
    Still und ohne Eifersucht sah der Polizeischreiber den zärtlichen
Begrüssungen, die zwischen dem alten Gelehrten und Robert Wolf stattfanden, zu.
Die beiden Greise teilten sich gern in die Liebe des jungen Heimatgenossen, weil
jeder den Wert dessen, was der andere gegeben hatte, bereitwilligst anerkannte.
    Alles fand sich in dem Museum des Sternsehers im Giebel von Sankt Nikolaus
noch am alten Fleck. Da stand die Sphaera armillaris zwischen den
Manuskriptenhaufen, da hing an der Wand die mensa Isiaca zwischen den ernsten
Bildnissen Keplers und Galileo Galileis. Ernst blickten von der
entgegengesetzten Wand Kopernikus und Herschel hernieder; - der grosse Tubus am
Fenster richtete immer noch die Nase nach oben. Man ahnt gar nicht, wie sehr
Leute, die ganz im Geistigen zu leben und aufzugehen scheinen, von geringfügigen
Äusserlichkeiten abhängen: dem Polizeischreiber Fiebiger wär's höchst
gleichgültig gewesen, wenn ihm irgendein Geschick seine Häuslichkeit total
durcheinandergeworfen oder ganz zerstört hätte; den Sternseher Ulex hätte eine
Verschiebung der gewohnten Gerätschaften aufs ärgste verstört, ihn recht
unglücklich gemacht. -
    Eben fuhr der Greis über das Gesicht Roberts sanft mit der Hand:
    »Fort mit den bösen Falten; sie haben noch immer nicht das Recht, sich hier
finden zu lassen.«
    »Ach mein Vater, ich bin so hart bedrängt von allen Seiten; die Falten
kommen wie der Dieb in der Nacht; mit dem besten Willen vermag ich nichts
dagegen.«
    Der Greis schüttelte traurig das Haupt.
    »Es ist wahr, mein armes Kind, es werden dir viel Bitternisse zuteil. Böse
Nachrichten haben wir aus der Ferne vernommen, und was die Nähe bietet, häuft
Leiden zu Leid. Mein armes Kind, am liebsten behielte ich dich wieder hier; du
nähmest dann dort deinen Platz am Tisch - sieh, der Homer liegt noch an seiner
Stelle - von neuem ein, wir schlössen die Tür und öffneten sie nur den nächsten
Freunden und sähen nach den Sternen, soviel das Gemäuer, das dort auf jener
Brandstätte wieder emporgeschossen ist, uns davon übriggelassen hat. O wir
wollten doch noch schöne herrliche Sterne und Sternbilder finden; aber -«
    »Aber es geht nicht; die Sterne wollen es nicht, Heinrich«, sagte der
Polizeischreiber, »und die Sterne sind sehr mächtig und kümmern sich blutwenig
um das, was die Leute, denen sie die Suppe des Lebens versalzen, dazu sagen.«
    »O Fritz, die Sterne sind nie höhnisch, sind nie falsch; sie freuen sich
nicht über das Elend der Erdgeborenen!« rief der Astronom. »Wer ihnen folgt, mag
wohl seinen Pfad mit Tränen nehmen müssen, aber es ist doch der rechte Weg; er
führt in die Höhe, und was nach oben führt, das verspottet und verachtet der
Mensch nicht ungestraft. Tretet an dieses Fenster und blickt hinaus!«
    Der Polizeischreiber und Robert folgten dem Wink und sahen in die klare
Nacht; der Sternseher stand zwischen ihnen und deutete feierlich in die Tiefe:
    »Dort unten sah ich, einige Tage nach jener grossen Feuersbrunst, einen Mann
stehen, welcher durch das wilde Element ein wenig von seinen irdischen Gütern
verloren hatte, dem aber Gott viel Gutes erhalten hatte. Um den Mann her lagen
hohe Trümmer, sein Fuss trat auf schwarzen Schutt und Staub, und hie und da wand
sich noch schwarzer Qualm aus der Verwüstung. Durch mein Glas sah ich das
Gesicht des Mannes ganz klar und genau, und mein Herz schlug laut und ängstlich,
denn ich wusste, Gott hatte jenen auf einen Scheidepunkt gestellt. Himmel und
Erde kämpften in seiner Brust, ich aber kämpfte diesen Kampf mit ihm und für ihn
durch, und eine tiefere Bangigkeit ist mir auch selten durch das Herz gegangen.
Wie soll ich euch beschreiben, was ich in diesen schwankenden Augenblicken für
jenen Mann fühlte? Ich kann euch nur sagen, was mit ihm geschah. Er sah nicht
nach oben; am Staub klebte sein Auge, die schwarzen Trümmer nahmen seine Seele
gefangen, und kurz nur war das Ringen gegen die dunkle Gewalt, die uns zu Füssen
liegt und die uns ewig zu sich herabziehen will. Viel schöne Namen haben wir
dafür, prunkende, farbige Hüllen werfen wir darüber; aber der Staub bleibt
nichtsdestoweniger Staub, und aus den glänzenden Hüllen kriecht es empor und
umschlingt Glied auf Glied - nieder! nieder! Wie viele Leiber erstickte, wie
viele Seelen begrub die Asche, über welche unser Fuss durch dieses Leben
schreitet? Hätte jener Mann, der auf den Trümmern seines verbrannten Hauses
stand, den Blick nach oben - nach den Sternen - gerichtet, er wäre gerettet
gewesen! Er tat es nicht, und er ging unter - unter, erst in der Nacht des
Wahnsinns; dann, als der Körper die Krankheit überwunden hatte, unter in dem
Leben, welches ihr kennt. Er ist ein harter, liebloser, selbstsüchtiger Mann
geworden; nur das, was den täglichen erbärmlichen Vorteil, die Ehre der Welt und
das Geld bedeutet, kennt er noch; was darüber liegt, hat keinen Sinn mehr für
ihn. Fragt nun seine Leute, fragt sein Kind, fragt die Arbeiter in seinen
Fabriken, was das für sie bedeutet. O Friedrich, alter Freund, o Robert, lieber
Sohn, sehet nicht zu Boden in der Unglücksstunde; aufwärts zu den Sternen
richtet den Blick; bei den Sternen ist Heil, zu euern Füssen findet ihr nur
Untergang und Verwesung.«
    Robert Wolf sah den Greis mit leuchtenden Augen an; aber der
Polizeischreiber zuckte doch ein wenig die Achseln und sagte:
    »Du hast gut reden, Heinz. Hier sitzest du auf deinem Turm und hast Beine
und Füsse hoch in die Luft gezogen; aber - aber! Die Herren und Damen in der
Arche mochten wohl, als dieses ausgezeichnete Fahrzeug flott wurde, mit dem
Gefühl der persönlichen Sicherheit dem Jammergeschrei der ertrinkenden Mitbrüder
und Mitschwestern lauschen, aber ich beneide sie darum doch nicht. Die Familie
Noah nahm jedenfalls auch ihren Ballast an Erdenschuld mit an Bord: der frivole
Spassvogel Harn wie die andern. Ich meine, wir sind allesamt gleich vor dem
Herrn; der Meister Noah und seine Familie wurden nur wie die Tierpärlein in
ihrer Eigenschaft als Gattungsexemplare gerettet, nicht etwa als
Tugendausbündler. Wir haben uns beide auf die Schmetterlingskunde gelegt,
Ulexius. Du jagst den goldglänzenden Dingern mit azurblauen Flügeln, die in der
reinen Luft der Höhe geboren werden und schweben, nach; ich liebe es, zu sehen,
wie ähnliche Wesen auch aus dem Schlamm, aus der Verderbnis sich strahlend
erheben und über dem Sumpfe flattern. Arme Dinger, wer kann sagen, ob es eure
Schuld ist, wenn ihr flügelmatt, nach kaum begonnenem Flug, wieder herabsinkt,
um im Schmutz zu verkommen? Es ist aber auch nicht alles Schlamm und Sumpf zu
unsern Füssen; nahrhaften Acker und Gartenland, trefflichen Wiesenboden gibt es
auch, und der Mann, der im Unglück sich daran hält, mag so gut sich dem Elend
entringen wie der, welcher nach - den Sternen sieht. Am besten ist's, man tut
das eine und lässt das andere nicht. Also, Robert, mein Rat ist: halte dich mit
den Händen und im Notfall auch mit den Zähnen an dem Gewande unserer alten
Mutter Erde; die Augen aber richte empor zu den Sternen des weisen Meisters
Henrici Ulexii, privilegierten und patentierten Sternguckers und Platonikers im
Giebel des vormaligen Klosters Sancti Nicolai. Auf der Erde halte dich an die
Dinge selbst, an die Materie, mögen sie Ecken und Kanten haben, soviel sie
wollen; verachte aber nicht die Ideen, welche über der Materie sind. Nachher
magst du dem Ganzen Namen geben, wie du willst. Und wenn du gar kein Wort dafür
finden solltest, wird der Schaden auch nicht allzu gross sein. He, Heinrich Ulex,
war das nicht gesprochen, als ob der Sohn des Ariston im akademischen Biergarten
vor dem Triasischen Tor das Wort gehabt hätte?«
    »Semper idem!« sagte der Astronom lächelnd; da klopfte es wieder an die Tür.
    »Schiebe deinen Riegel fort, Mann des Ideals«, brummte Fiebiger, »der
Schritt, welcher da sich naht, wandelt auch nicht immer auf rosigem Gewölk,
sondern oft über recht holpriges Pflaster, faulende Bohlen und morsches Estrich;
aber er steigt doch vielleicht auch bis zu deinen Höhen.«
    Heinrich Ulex neigte, während er seine Riegel zurückstiess, das Haupt und
sagte einfach und leise:
    »Du hast recht, Fritz!«
    Über die Schwelle des Observatoriums trat das Freifräulein Juliane von
Poppen, und hinter ihr erschien - o Robert Wolf, was sagte dein Herz? -, hinter
ihr erschien, bleichschüchtern, das liebliche Gesichtchen Helene Wienands.
    »Seid gegrüsst, ihr Herren«, sprach das alte Fräulein ungemein feierlich.
»Ich komme heute früher, dieses Kindes wegen; ich hielt es für wünschenswert,
dass es diesen Abend in unserer Mitte zubringe - so ist es hier; gib dem Fräulein
die Hand, Robert.«
    Wie sich Robert und Helene einander in die Augen sahen, was sie bei dieser
Zusammenkunft fühlten, können wir nicht beschreiben. Sie reichten sich wortlos
die Hände, und die Alten sprachen zuerst ebenfalls nicht und sahen nur mitleidig
auf die beiden jungen Leute. Dann nahm Heinrich Ulex die Hand der Tochter des
Bankiers Wienand und führte selbst sie zu einem Sitze. Es lag etwas unendlich
Zärtliches und zugleich Trauriges in der Art, wie er sich um das junge Mädchen
bemühte.
    Nun sassen sie alle im Kreis und bedachten den Ernst des Lebens, und die
grossen Astronomen, die in ihrem Leben auch soviel getragen hatten, schienen noch
ernster als gewöhnlich aus ihren Bilderrahmen herabzublicken.
    Es sprach das Fräulein von Poppen:
    »Ich wusste eigentlich nicht recht, ob es gut sein würde, wenn ich mein Kind
an diesem Abend hierher brächte; ich wäre beinahe mit ihm unten an der Treppe
noch umgekehrt. Jetzt aber weiss ich, dass es gut ist; wir müssen uns gegenseitig
aussprechen, und Helene Wienand darf dabei nicht fehlen; selbst ihr Vater könnte
ihr das Recht, hier zu erscheinen, nicht streitig machen, und so habe ich sie
hergeführt, dass sie höre und selbst spreche. Robert, du bist von allem, was uns
Frauen betrifft, unterrichtet?«
    Robert senkte den Kopf und sagte: »Ja. Im Kabinett des Königs liegt das
Adelsdiplom des Herrn Bankiers Wienand zur Unterzeichnung vor. Sobald dasselbe
ausgefertigt ist, soll - soll -«
    »Soll die Verlobung meines Neffen, des Barons Leon von Poppen, mit Fräulein
Helene von Wienand der Stadt verkündigt werden!« rief das Freifräulein.
»Abgemachtes Geschäft - Vorteil auf beiden Seiten - nichts mehr dagegen zu
machen; das Haus von Poppen hat eine gute Spekulation gemacht und das Haus
Wienand keine schlechte. O arme Helene, verkaufen möchten sie dich, wie sie die
eigenen Seelen verkaufen würden; aber sie sollen ihren Willen nicht haben; ich
leide es nicht, ich dulde es nicht. Habe ich dich damals als winziges,
erbärmliches, schreiendes Ding in meine Arme genommen und dich zu einem so
hübschen, verständigen Mädchen aufgezogen, um dich armes Lamm jetzt diesem
abscheulichen höhnischen Jesuiten, der leider Gottes meinen Namen trägt,
geduldig zu überliefern? O sie sollen das Freifräulein von Poppen kennenlernen,
diese - diese - Je - su - iten!«
    Unnachahmlich war die Art, in welcher Juliane das Wort Jesuiten hervorstiess.
Es war eins ihrer höchsten Worte, und sie wandte es nur in Augenblicken der
zornigsten Aufregung an. Ihr Pflegekind dicht zu sich heranziehend, fuhr die
alte Dame fort:
    »Weine nicht, mein Herzchen, es liegt immer noch ein weiter Raum zwischen
ihrem Willen und der Vollendung ihrer liebenswürdigen Pläne. Noch bist du nicht
Baronin von Poppen und sollst es mit Gottes Hülfe fürs erste nicht werden. Dein
Vater hat nicht das Recht, dich ins äusserste Verderben zu stürzen.«
    »Ach, wie kann ich mich wehren gegen das, was mein Vater will?« rief Helene,
die Hände ringend. »Er ist mein Vater, und ich habe ihn so lieb, so lieb! Wie
kann ich jemals vergessen, dass er sonst so gut gegen mich war? Wenn ich abends
zu Bett gegangen bin, um mich in den Schlaf zu weinen, wie muss ich dann
lauschen, ob er nicht wie früher wiederkommen will, um sich, wie früher - als er
noch nicht krank war -, über meine Kissen zu beugen und mir die Stirn zu
streicheln zu guter Nacht. Ich denke, es kann nicht anders sein, er muss
wiederkommen, es kann nicht alles, alles so anders geworden sein; er muss mich
wieder an sein Herz nehmen, wie früher, er kann mich nicht so grenzenlos
unglücklich machen wollen.«
    »Zur Baronin Poppen will er dich machen«, rief das Fräulein. »Er hält das
gar nicht für etwas Schlimmes; er verlangt ja deine ganze kindliche Dankbarkeit
dafür. Ich wollte nur, ich hätte deinen Zukünftigen jeden Tag eine Viertelstunde
im Bereich meines Krückstocks!«
    »Solche Wünsche wie diesen, Fräulein, muss man im Leben leider nur zu oft
unterdrücken«, seufzte Polizeischreiber Fiebiger. »Wir kommen durch alle
Wünsche, Klagen, Hoffnungen und Befürchtungen auch nicht den kleinsten Schritt
weiter, sondern geraten nur immer tiefer in Mutlosigkeit und Verwirrung. Am
besten ist's, wir legen uns klar und trocken noch einmal alles auseinander,
scheiden das Richtige von dem Unrechten und gehen dann ein jeder mutig, tapfer
und ergeben den vorgeschriebenen Weg. Hier sind wir: die Alten, die den Kampf um
das Dasein so ziemlich hinter sich haben, und die Jungen, welche soeben in den
Kampf eingetreten sind und die von den Grauköpfen wissen wollen, wie sie durch
den grossen wilden Wald, den gnadenlosen Wald gekommen sind. Die Sache, um welche
es sich handelt, ist sehr einfach und durchaus nicht neu, wie das Lied sehr
richtig bemerkt. Wie oft aber auch der Knoten gelöst oder durchgehauen wurde,
die jedesmal Beteiligten glauben stets, sie seien die einzigen, welche je vor
solch ein Hindernis gerieten. Es gibt aber Knoten von mancherlei Art, und jeder
findet sie an seinem Lebensstrick. Lasst uns die vorliegende Verwicklung
betrachten. Hier ist Robert Wolf aus Poppenhagen, der Arzneikunst Beflissener,
ein junger Mensch von gutem Körperbau und mannigfachen Geistesanlagen. Wir,
Heinrich Ulex und Fritze Fiebiger, gleichfalls aus Poppenhagen im Winzelwalde,
haben in einem gefährlichen Zeitpunkt sozusagen die Rolle der Moira, des Fatums,
für besagten jungen Wolf gespielt und haben ihn durch Gut und Böse, nasses und
trockenes Wetter bis zum jetzigen Augenblick taliter qualiter durchgebracht.
Hier ist auf der andern Seite Fräulein Helene Wienand, die Tochter des Bankier
Wienand, ein armes kleines Mädchen, welches in ähnlicher Weise eine Beschützerin
gefunden hat in dem Freifräulein Juliane von Poppen, ebenfalls aus Poppenhagen
im Winzelwalde; und unter unsern alten blinden Augen hat sich zwischen den
beiden jungen Leuten etwas angesponnen, wovon in unserm Erziehungsplane nicht
die Rede war.«
    Robert und Helene schlugen die Augen nieder, erröteten und zitterten an
allen Gliedern; das Freifräulein nahm Prise auf Prise, rückte immer unruhiger
auf ihrem Sitze hin und her und hob jetzt abwinkend die Hand gegen den
Schreiber; dieser aber schüttelte den Kopf und sagte:
    »Nein, lassen Sie nur das Winken, Fräulein Juliane; ich glaube, es wird am
besten sein, wenn wir so offen und metodisch wie möglich zu Werke gehen; das
Rührende, Gefühl- und Tränenvolle wird schon von selbst sich in die Historie
stehlen; wir haben zur Hervorrufung desselben ja den Herrn Neffen, das
staatsmännische Talent, welches zu so grossen Dingen im Vaterlande berufen ist.
Der Herr Bankier Wienand, der wenig oder gar nichts von unserm Robert weiss,
zieht natürlich den hoffnungsvollen jungen Baron als Schwiegersohn bedeutend
vor, und nur ein Bruchteil hiesiger Stadtbevölkerung verdenkt es ihm. Es ist
nicht zu leugnen, dass der Vater in gewisser Weise das Recht hat, über die
Zukunft seines Kindes zu verfügen und sich und es nach bestem Willen und Kräften
glücklich zu machen. Die Frage stellt sich meiner Meinung nach jetzt einfach so:
Gibt nicht der Vater, welcher den grössten Teil der Seele seines Kindes einer
andern Person, die treuer darüber waltet, als er selbst es vermöchte, überlässt,
einen ebenso grossen Teil an der Verfügung über dasselbe auf? Hat das
Freifräulein Juliane von Poppen das Recht, den Teil des Herzens Helene Wienands,
der ihr gehört, gegen den Willen des Vaters zu wenden? Ich kämpfe für die Seele,
die ich zu vertreten habe; ich vertrete das Glück meines Sohnes Robert Wolf und
beantworte die Frage mit Ja!«
    Robert Wolf stiess einen leisen Schrei hervor und streckte die Hände gegen
den Erzieher aus; Helene Wienand aber wurde fast noch bleicher als gewöhnlich,
blickte starr, wie im höchsten Grade erschreckt, auf den Polizeischreiber und
dann mit fragend gefalteten Händen auf die alte Freundin. Diese fasste die
fieberheisse Hand des Kindes und rief:
    »Recht, recht, Fritz; wir haben jeder eine Seele, die wir uns gewonnen
haben, zu vertreten. Ja, ich habe mir diese Seele gewonnen, und ich gebe mein
Recht daran gegen keinen auf. Nicht wahr, mein Liebchen, ich habe teil an dir,
und du verlässest mich nicht? Habe ich um dich gesorgt und in Krankheitsnächten
an deinem Bettchen gewacht wie eine Mutter? Konnte eine Mutter mehr tun, als ich
für dich getan habe? Welcher Teil deines Wesens gehört dem Bankier Wienand, und
welcher gehört dem alten lahmen Fräulein von Poppen?«
    »O meine Mutter, meine liebe, liebe Mutter«, rief Helene, das Freifräulein
umarmend, »Sie sind meine wahre Mutter. Nimmer kann ich ausdenken, wie gut, wie
liebevoll Sie für mich gewesen sind. So weich haben Sie mich durch das Leben
getragen. Was wäre aus mir während der letzten Jahre geworden, wenn Gott Sie
nicht mir gegeben hätte? Ich bin lange nicht so gut, als Sie - als alle glauben;
aber was löblich an mir ist, das haben Sie, Mutter, zum grössten Teil mir
gegeben, und mein Vater - o mein lieber - armer Vater -«
    Das junge Mädchen vollendete seine Rede nicht; die Worte gingen ihr im
krampfhaften Schluchzen unter, und Robert Wolf stürzte mit tränenvollen Augen
vor ihren Knien nieder:
    »Liebe, Liebe, ach quäle dich nicht so! Gegen den falschen Leon wird dich
das Fräulein Juliane schützen; wir beiden aber müssen den Sternen trauen. Mein
Herz blutet über dein und mein Weh; aber die Sterne, die rechten, wahren Sterne
täuschen nicht. - O weiser Meister, sagt es ihr, dass sie nicht täuschen; sagt
ihr, dass sie allen denen, welche ihnen trauen und treu, treu - bis in den Tod
getreu zu ihnen aufblicken, den rechten Weg weisen. Meister, Meister, sprecht zu
ihr, sprecht zu uns; bei Euern Sternen ist Trost; die Erde ist so wild und hart
und grausam; aber Eure Sterne sind milde und geduldig. Sie gehen nicht mit dem
Strauchelnden ins Gericht; sie bändigen durch Sanftmut die Leidenschaft - ich
habe es erfahren! -, in aller Not ist Heil bei ihnen. Meister, Meister, sprecht
zu der armen Helene und zu mir, dessen Herz in so grosser Not und Qual zwischen
zwei Weltteilen schwebt, sprecht zu uns von Euern Sternen und ihrem Rat!«
    Das Freifräulein sah erstaunt auf den erregten jungen Mann, der
Polizeischreiber kratzte sich mit vielen Hm's und Ha's nach seiner Art hinter
dem Ohre und brummte:
    »Da bin ich drin für die Kosten! Bei Gott, der Alte hat mit seinem
Idealismus doch das längste Ende gezogen! Und ich habe dem Jungen so schöne
skeptische Prinzipien vorgeritten. Da liegt der Napf im Feuer, und aus dem
realen Punsch werden transzendentalblaue Flammen, die durch den Schornstein zu
den - Ster - nen in die Höhe schlagen.«
    Es hatte sich aber Heinrich Ulex der Sternseher emporgerichtet, und leise
sprach er:
    »Ich wusste es! Ja, es konnte nicht anders sein. Gesegnet seien deine Worte,
Robert; mit ihnen überwinden wir das Leben, mit ihnen überwinden wir auch den
Tod. Wie hinter dem Tode, so ist hinter der Geburt ein grosses Geheimnis; der
Sterbende tritt in das eine, das Kind, welches geboren wird, in das andere. Auch
das Leben ist eine Kette von Mysterien, die hienieden oft nur zum geringsten
Teil gelöst werden. Den Schoss der Mutter verlässt das Kind und weiss nichts von
sich. Es hört ein unbestimmtes Geräusch und wird von einem unbekannten Licht
geblendet, mit Weinen und Klagen wehrt es sich gegen beides. Mit jeder Geburt
hebt der uralte Sang von der Schöpfung wieder an: wüst war es und leer, und es
war finster auf der Tiefe; aber der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Im
Buche der Genesis freilich wird es mit einem Male Licht; in der dunkeln Seele
des Menschen jedoch kommt das Licht langsam, langsam; erst ein dämmeriger
Schein, dann ein Funke hier, ein Funke da, ein Aufleuchten, welches eine mehr
oder weniger fremdartige Gegend zeigt, ein Verschwinden jeglichen Scheins,
wieder ein Blitz, ein Zerreissen der Finsternis, neue schwarze Wolken, und so bis
zum Tode ein Kampf zwischen Ormuzd und Ahriman! Dunkel ist an und für sich das
Universum, und das Licht darin geht nur von den glänzenden Kugeln aus, die wir
Sterne nennen; dunkel ist auch von Grund aus die Menschenseele, ein ebenso
grosses Mysterium wie das Weltall; auch in ihr kommt das Licht von den Sternen,
und deren gibt es viele und sehr schöne. Jeder von ihnen wirft einen andern
Schein in das dunkle Sein, und dem echten Menschen verbinden sie sich in jeder
guten, aber viel mehr noch in jeder bösen Stunde zu heilbringenden
Konstellationen. Der Mensch der Materie, der Mensch des Paradieses, der weder
Gut noch Böse kennt, gibt den Steinen, Pflanzen und Tieren Namen; aber der
sittliche Mensch, welchem Gott befahl - erectos ad sidera tollere vultus -, das
erhobene Gesicht zu den Sternen zu richten, dieser Mensch gab den Gefühlen Namen
und nannte sie: Liebe, Freundschaft, Glaube, Geduld, Barmherzigkeit, Mut, Demut,
Ehre - und Jahrtausende vergingen, ehe diese Namen und so viele gleiche gefunden
waren. Seht nach dem Stern der Liebe, meine Kinder; aber du, schöne Jungfrau,
vergiss auch nicht den Stern des kindlichen Gehorsams; es ist ein edles Gestirn,
folge ihm bis zur Entsagung, in das Verderben jedoch darfst du ihm nicht folgen.
Mein Sohn, du hast eine köstliche Tramontana gefunden; aber erinnere dich, dass
du schon einmal glaubtest, sie gefunden zu haben. Gedenke immer der
Verzweiflung, aus welcher wir dich emporzogen; denke daran, wie du damals das
Leben wegwerfen wolltest gleich einem vollgeschriebenen Blatt Papier. Es hat
sich nachher auf dem Blatt immer noch Platz für mancherlei gefunden. Du
glaubtest das Dasein verloren zu haben, ehe du es angefangen hattest. Damals
warst du ein verblendetes Kind, heute bist du ein Mann; damals glaubtest du zu
lieben, heute liebst du - ernst, schweigend, geduldig, in alle Ewigkeit. Was
geschehen mag, du hast viel gewonnen; habe nur weiter acht auf die Sterne der
Ehre und des Mutes. Gebet mir eure Hände, ihr beiden armen lieben Kinder; jedes
von euch weiss Bescheid von dem andern - mehr Bescheid, als wir Alten wissen
können. So soll nun jedes dem andern sagen, was es zu tun hat. Sprich zuerst,
Robert Wolf, was verlangst du von Helene Wienand?«
    Die beiden jungen Leute sahen sich in die Augen; jahrelang hatten sie
nachher zu sinnen, um sich über diese flüchtige Minute Rechenschaft zu geben; in
einem fliegenden Augenblick zog ihnen ihr ganzes vergangenes Sein durch die
Seele; und Robert sagte mit kaum vernehmbarer Stimme:
    »Habe Mitleid mit mir; traue auf mich, ich will immer mehr deiner würdig
werden. Du hast es gehört, du weisst es, dass ich dir nicht ein unberührtes Herz
bringen kann; ach, ich darf ja eigentlich gar nichts von dir fordern. Was du
Reine mir geben willst, ist alles ein unverdientes Geschenk. Und doch verlange
ich Liebe, Liebe von dir; denn trotz allem, was aus der Vergangenheit, was jetzt
sich zwischen uns drängt, sind wir mit unlöslichen Ketten aneinandergeschlossen;
du kannst dein Herz nicht losreissen, ohne dass es zu Tode blutet. Liebe, Liebe
verlange ich von dir, doch verlange ich nicht, deine Hand zu berühren, wenn der
Vater zürnend es verbietet. Geduldig will ich harren, bis du zu mir kommen
darfst und ich zu dir. Viel zu sehr liebe ich dich, um je ungeduldig zu werden.
So sitze still, beuge dein Haupt, weise das Schlechte und Falsche im heiligen
Zorn von dir - du darfst es. Ich liebe dich, ich liebe dich, Helene Wienand; -
ich liebe dich und will warten auf dich bis über den Tod!«
    Der Sternseher hielt das junge Mädchen mit dem Arm umschlungen; jetzt machte
es sich los und warf die eigenen Arme dem Schüler des alten Heinrich Ulex um den
Nacken. Ins Ohr flüsterte sie ihm kaum vernehmlich:
    »Geh zu unserer Schwester, geh zu Eva, ich will stark und treu sein wie sie.
Gleichwie sie auf unsern Bruder, auf Friedrich, gewartet hat, will ich auf dich
warten. Auch sie wollte Leon von Poppen in den Schmutz ziehen; aber es ist ihm
nicht gelungen. Wie Eva Dornblut wird Helene Wienand ihr Gewand; ihre Hand rein
erhalten vor seiner Berührung. Gehe ruhig, ganz ruhig, du Lieber, ich will stark
und treu sein, wie Eva Dornblut.«
    Der Polizeischreiber Friedrich Fiebiger aus Poppenhagen überliess sich wieder
einmal Körperverrenkungen, welche kein Komplimentierbuch für gesellschaftlich
zulässig erklärt und welche den Polizeirat Tröster mit Entsetzen erfüllt haben
würden. Das Freifräulein Juliane von Poppen aus Poppenhagen liess Tabaksdose und
Krückstock achtlos zur Erde fallen, sie riss wild das Pflegekind an die Brust und
schluchzte und lachte durcheinander.
    Der Sternseher Heinrich Ulex aus Poppenhagen hielt still die Hand seines
Schülers mit der Rechten und beschattete mit der Linken die Augen. Da klang auf
der Treppe draussen das Gepolter unsicherer Tritte, als ob Leute, die mit dem
Wege vollkommen unbekannt wären, emporstiegen.
    Eine dünne schneidende Stimme rief:
    »Vorsichtig, excelsior! Immer mit Vorsicht höher hinauf, Herr von Wienand!
Beim Zeus, das ist ja eine wahre Räuberhöhle - höchst interessant - Hasenpfote
als Glockenzuggriff - noch höher? Leuchten Sie doch, alte Dame, - ah, per aspera
ad astra, hier sind wir - stellen Sie die Lampe auf das Geländer, gute Frau; wir
kommen sogleich zurück. Mut, Mut, teurer Herr, Mut und Geduld! Ich beschwöre
Sie, sich zu erinnern, dass Sie mir versprochen haben, unter allen Umständen
ruhig zu bleiben! Durch Geschrei und Trompetenfanfaren mochten wohl die Mauern
von Jericho einfallen; aber gegen ma chère tante richten wir damit nichts aus.
Ich kenne die Gnädige.«
 
                           Achtundzwanzigstes Kapitel
     Der Baron Leon von Poppen steigt wieder herunter vom Observatorium des
                           Sternsehers Heinrich Ulex
Der Bankier Wienand hatte das Haus in der Kronenstrasse, in welchem ihm einst
seine Freunde eine Wohnung mieteten, angekauft, da das Gebäude, welches er auf
der Brandstätte in imposanter Pracht errichtete, immer noch nicht bewohnbar war.
Es war ihm widerlich, mit andern, Gleichberechtigten unter einem Dache zu
hausen; überall wollte er den Fuss auf eigenen festen Grund und Boden setzen; die
krankhafte Scheu vor allem, was er »unsolide« nannte, sprach sich auch hierin
aus.
    Ein magisches Glück begünstigte alle seine Unternehmungen; rastlos arbeitete
er Tag und Nacht. Wo eine Eisenbahn gebaut wurde, erschien das Haus Wienand an
der Spitze der Aktionäre; das Feuer auf manchem Fabrikherde wurde durch Mitülfe
des Hauses Wienand unterhalten; auf der Börse gab es keinen geachteteren Namen
als den des Bankiers Wienand. Das Fieber des Ehrgeizes, die Gier des Erwerbs
trieben den Mann mit rasender Hast vorwärts, und laut klatschte die Stadt
Beifall; - der Bankier Wienand imponierte der Stadt ungemein.
    Wo aber war die markige Gestalt, die einst so fest auf den Füssen stand? Wo
war der helle joviale und doch so scharfe Glanz der Augen? Der berühmte Bankier
bediente sich eines Krückstocks wie das Freifräulein Juliane von Poppen, und
wenn er ohne Stab gehen musste, so lehnte er sich gern auf einen fremden Arm - am
liebsten auf den Leons von Poppen, wie wir leider wissen. Die Augen glänzten
zwar noch, aber es war nicht mehr der frühere ruhige, klare Schein in ihnen;
halb scheue, halb gierig suchende Blicke schossen sie. Es war der glasige
Schimmer, den ihnen die Krankheit gegeben hatte, nur zum Teil gewichen. Einst -
in jener verhängnisvollen Nacht, in welcher im Semmelrotschen Geschäft der
Funke in der Asche vergessen worden war, hatte der Bankier Wienand die starke
männliche Faust selbstbewusst, triumphierend auf sein Hauptbuch gelegt; wo war
jetzt diese starke sehnige Hand? Magere zitterige Finger wendeten die Blätter in
dem neuen Buche und reihten Zahlen aneinander.
    Über das grosse Buch gebeugt, sass der reiche Mann und horchte zwischen seinem
Rechnen auf den Schritt Leons, der allabendlich um diese Zeit auf der Treppe
erklang. Helene hatte mit dem Freifräulein vor kurzer Zeit das Haus verlassen,
dem Bankier war die Stille, die in demselben herrschte, unangenehm; er wartete
mit Verlangen auf den Baron, während dieser auf eigene Hand das Wohl des Hauses
Wienand in Obacht nahm.
    Wenn auch Eifersucht grade nicht im hohen Grade zu den fehlerhaften
Seelenneigungen des jungen Diplomaten gehörte, so kannte er doch seinen Vorteil
viel zu gut, um nicht einiges Missbehagen, einige Sorge beim Anblick Robert Wolfs
zu empfinden. Er wusste ganz genau, dass jedesmal, wenn der »alberne Bursche aus
dem Walde« während seiner Studienzeit in der Stadt anwesend war, eine
Zusammenkunft zwischen demselben und Helene stattfand; er hatte nur darüber
gelächelt und sogar den Bankier gehindert, etwas dagegen zu sagen oder zu tun.
    »Es ist Kinderei«, hatte er gemeint, »regen wir uns und die Damen nicht
unnötigerweise auf. Im gegebenen Augenblick können wir alles ganz behutsam und
ohne Lärm arrangieren.«
    Jetzt aber, wo seine Verlobung mit der Tochter des Bankiers, wie er meinte,
so nahe bevorstand, glaubte er Grund zu haben, »die Geschichte zum Abschluss zu
bringen«, und so eilte er denn, nachdem er vorhin den Nebenbuhler mild, höflich,
überlegen und lächelnd begrüsst hatte, so eilig wie möglich der Kronenstrasse zu,
und wir betreten mit ihm abermals das Haus der Baronin Victorine de Poppen.
    Noch immer grinste oder glotzte einem beim Eintritt Baptiste, der bunte
Lakai, entgegen, noch immer trippelte Elise kokett treppauf und -ab oder durch
die Gemächer. Zwei weitere Jahresringe hatte die Baronin angesetzt; immer
weichmütiger, immer schläfriger war sie geworden, und winselnd beklagte sie die
vollständige Entfremdung der beiden Freundinnen Artemisia und Lydda von Flöte.
Immer rücksichtsloser wurde sie von dem »bösen Kinde«, dem eigenwilligen Leon,
behandelt, und den Plänen desselben in Hinsicht auf seine Verbindung mit dem
Hause Wienand konnte sie nur den allerpassivsten Widerstand entgegensetzen.
Dieser Widerstand beschränkte sich darauf, dass sie von ihrem Diwan aus, mit sehr
kläglicher Stimme, Klagelieder sang, die sehr einschläfernd auf den
vortrefflichen Ministerialsekretär wirkten.
    Leon erreichte das Haus seiner Väter; Baptiste trat ihm mit dem Licht
entgegen, leuchtete ihm zu seinen Gemächern voran und wurde sanft gebeten, für
einige Augenblicke in dieselben mit einzutreten.
    »Lege ein Schloss vor deinen Mund, knöpfe Ohren und Augen auf, Mensch«, sagte
der Baron. »Ich habe einen Taler und einen Auftrag für dich, im Notfall aber
auch eine Tracht Prügel. Zeige dich als ein vernunftbegabtes Wesen, welches
verdient, einen so guten Herrn, wie ich bin, zu haben.«
    Baptiste verbeugte sich bei jedem Redepunkt, und der Baron fuhr fort:
    »Mache dich so dünn wie möglich, Esel. Hinunter mit dir in die Gasse; gib
acht auf die Tür drüben - du weisst. Ich werde am Fenster warten. Sobald ma
tante, das Freifräulein von Poppen, an deinem Horizont aufgeht, das heisst an der
nächsten Ecke erscheint, benachrichtigst du mich durch den bekannten Pfiff. Wenn
sie drüben eintritt, achtest du darauf, ob sie mit dem gnädigen Fräulein von
drüben ausgeht. Geschieht das, so folgst du den Damen so unbemerkt als möglich;
du bringst mir Nachricht, wohin sie gehen - ventre à terre. Allez!«
    Baptiste verdiente es, einem so guten Herrn zu dienen; er pfiff nach einer
halben Stunde und kam nach einer andern halben Stunde mit der Botschaft heim:
die gnädige Tante habe sich mit dem gnädigen Fräulein im Niklaskloster verloren.
Leon von Poppen zog den Überrock und die Handschuh an, setzte den Hut auf und
ging zum Bankier Wienand, indem er brummte:
    »Wirklich, die Geschichte mit diesem jungen Waldteufel tritt aus dem Stadium
der Lächerlichkeit in das der Langweiligkeit. Machen wir ein Ende.«
    Er hatte eine kurze, aber lebendige Unterhaltung mit dem Bankier, und zehn
Minuten später fuhren die beiden Herren ebenfalls dem Nikolauskloster zu. Auf
dem Hofe des alten Gebäudes griffen sie ein altes Weib mit einer Laterne auf und
gelangten unter ihrer Führung zur Tür des Sternsehers.
    Heinrich Ulex öffnete ihnen, und sie fanden sich inmitten der kleinen
Versammlung.
    Wild suchend blickte der Bankier umher; doch ungemein verbindlich grüsste
Leon und schien sich im geheimen sehr an der peinlichen Erstarrung, die sich auf
den Gesichtern der überraschten Freunde malte, zu ergötzen.
    »Bitte die Herrschaften tausendmal um Entschuldigung, wenn wir stören!«
lächelte er und machte sogar Miene, der Tante die Hand zu küssen; aber er
erhielt für diesen Versuch eine so gut angebrachte Ohrfeige, dass das Lächeln von
seinen Lippen ganz verschwand und peinliche Erstarrung auch seinen Zügen sich
mitteilte.
    Auf seine Tochter ging der Bankier zu und fasste heftig ihren Arm:
    »Was geht hier vor? Weshalb bist du hier? Bist du toll geworden, dass du dich
in solcher Weise von mir suchen lassest? Komm fort - auf der Stelle!«
    »O mein Vater!« schluchzte Helene; aber der Bankier unterbrach sie und sagte
mit berechneter Betonung seiner Worte:
    »Wer es auch sei, der dich gegen meinen Willen, ohne mein Wissen an solche
Orte, in solche Gesellschaft lockt, ich habe nicht die Verpflichtung, ihm dafür
dankbar zu sein. Leon, geben Sie dem albernen Geschöpf, dem törichten Mädchen
Ihren Arm; ich meine, es ist nichts mehr zu sagen, und wir können gehen.«
    »Es wäre noch recht viel zu sagen, wenn Sie Vernunft annehmen wollten,
Wienand!« sprach das Freifräulein. »Aber Unglück und Krankheit haben Sie
verblendet; Sie können nicht sehen, nicht hören. Wienand, Sie sind ein
beklagenswerter Mann!«
    Zornig schrie der Bankier auf:
    »Wessen Mitleid verlange ich? Wer wagt es, mich zu bedauern? Gnädiges
Fräulein, was verlangen Sie eigentlich von mir? Sie haben mir Gutes - Dienste -
erwiesen, Sie haben sich meines Kindes angenommen zu einer Zeit, wo ich in
einiger Verlegenheit war. Ich habe das immer anerkannt, und ich erkenne es auch
jetzt noch an; aber ich habe auch von Ihnen mehr ertragen, als ich von
irgendeinem andern Menschen erduldet haben würde. Sie haben oft, sehr oft in
meinem Hause die Tyrannin gespielt, und ich habe mich Ihnen gefügt, ohne ein
Wort darüber zu verlieren. In diesem Fall aber leide ich es nicht, dass Sie
meinen Wünschen, meinem wohlbedachten Willen so schroff entgegentreten. Sie
haben mir einen grossen Teil der Neigung meines eigenen Kindes entfremdet -
wollen Sie mir alles nehmen? Ich sage Ihnen, im Notfall überlasse ich Ihnen die
Liebe der verzogenen Dirne, den Gehorsam derselben halte ich aber fest.«
    »Vater, Vater, o höre mich!« rief Helene jammernd.
    
    »Still, Mädchen! Zu Hause will ich zu dir reden. Fräulein von Poppen,
weshalb führen Sie meine Tochter ohne mein Vorwissen zu diesem Orte? Wer sind
diese Herren? Wer ist dieser junge Mensch? Ich bitte gehorsamst um Antwort; die
Auskunft wird mir sehr interessant sein.«
    »Dieser Ort«, sprach Juliane von Poppen ernst, fast feierlich, »dieser Ort
ist für Leute Eures Schlages heiliger Boden; Ihr habt im Grunde doch grossen
Respekt davor, wie Ihr Euch auch stellen mögt. Und hört, Wienand; wenn das
Schicksal es wollte, dass ein neuer Windstoss abermals Euer armes buntes
Kartenhaus umstiesse, und der böse Geist - Ihr wisst, was ich meine - abermals die
Hand nach Euch ausstreckte: so klopft schnell, schnell an diese Tür und bittet
um Einlass, und wenn der Euch gewährt wird, so ziehet die Schuhe von den Füssen
und tretet ein. Erinnert Euch daran, dass damals nichts Euch vor dem schwarzen
Dämon schützen konnte: hier an diesem guten Ort findet Ihr vielleicht die
Sicherheit, welche Euresgleichen die ganze weite Welt versagt,
Sooft der Herr der Wasser und der Erden
Die Krämer beugt, dass sie nicht Fürsten werden.
Was diese Männer anbetrifft, so sind es meine Freunde, und bessere, treuere sind
nimmer zu finden. Gott gebe Ihnen solche Freunde, Wienand, und dazu die Macht,
sie zu erkennen und hochzuhalten. Gib mir deine Hand, Robert Wolf; - sehen Sie
hier, Herr Bankier Wienand, diesem jungen Mann habe ich einst verboten, sich
Ihrer Tochter, meinem Pflegekind, zu nähern, ich habe ihm meine Gründe dafür
gesagt, und er hat gehorcht, obgleich er Helene liebte. Jetzt hab ich selber
mein Kind, Ihre Tochter, ihm entgegengeführt, um es zu erretten vor jenem
klugalbernen Laffen, Leon von Poppen, meinem Neffen, welchem Sie schwacher Mann
Ihr eigen Fleisch und Blut gegen einen Pergamentfetzen verhandeln wollen. Hören
Sie wohl zu, Wienand: auf mein Wort hat jetzt Helene diesem Jüngling Treue
geschworen, und sie wird daran halten, solange sie lebt; aber morgen geht der
junge Mensch fort von hier, nach Amerika; nie wieder wird er vielleicht zu
seiner Verlobten reden, und an sie schreiben wird er auch nicht. Sie sollen
einen Teil Ihres Willens haben, Wienand; Helene wird sich nicht gegen Ihren
Willen verheiraten, aber diesen Burschen, der leider Gottes meinen Namen trägt,
sollen Sie ihr in alle Ewigkeit nicht aufdrängen. Nun führen Sie Ihr Kind fort,
Herr; für heute habe ich genug zu Ihnen gesprochen.«
    »Genug, übergenug!« murmelte der Bankier zwischen den Zähnen. Dann sprach er
laut:
    »Fräulein von Poppen, ich übernehme von jetzt an die Leitung meines Hauses
und damit auch meiner Tochter wieder allein; ich denke, das ist klar! Komm,
Mädchen, fort mit dir!«
    »Sie weisen mir die Tür, Herr«, sagte das Freifräulein höchst vornehm,
wirklich vornehm. »Das ist eine grosse Ehre, die Sie mir unter den jetzigen
Umständen erzeigen. Ändern werden Sie dadurch übrigens nichts! Helene Wienand,
im Namen deiner toten Mutter, deren Stelle ich versehen habe und für die ich
hier stehe, im Namen deiner Mutter verbiete ich, Juliane von Poppen, dir, diesem
Mann, meinem Neffen Leon von Poppen, deine Hand zu geben. Wir müssen uns jetzt
trennen, bleibe treu den Sternen und gedenke, mein armes Kind, dass ich dir zu
jeder Stunde doch nahe, ganz nahe sein werde. Habe Mut, traue deinen Müttern,
der toten wie der lebenden, sie werden ihr Kind nicht verlassen.«
    Nach einer kurzen, hastigen letzten Umarmung schob das Freifräulein das
verzweifelnde Mädchen dem Vater zu, indem es demselben ganz leise ins Ohr
flüsterte:
    »Da nehmt es, armer Mann; versucht, was Ihr erreichen könnt. Ich habe den
Sarg Eurer Frau geschmückt, obgleich Ihr mich nicht gerufen hattet. Hütet Euch,
dass ich nicht nochmals ungerufen Euer Haus betreten muss, um eine andere Tote in
den Sarg zu legen! ... Nun, Herr von Poppen, bieten Sie dem Fräulein Wienand
Ihren Arm.«
    Damit wandte sich Juliane ab und griff nach der Hand Robert Wolfs, welcher
sich zwischen den Baron und das junge Mädchen stürzen wollte; Herr Leon aber bot
dem Fräulein Wienand nicht den Arm; er stand betäubt, »wie vor den Kopf
geschlagen«. Wankend folgte er dem Vater und der Tochter und stolperte draussen
über das alte Weib, welches neben seiner Laterne auf der Treppe eingeschlafen
war. Atemlos hielt er sich an dem morschen Geländer und ächzte:
    »Pauken und Trompeten, welch ein Weib, welch eine Suade! Ich werde mich zu
Bett legen und die Decke über den Kopf ziehen.«
    Er fuhr nicht mit in dem Wagen des Bankiers nach Hause; er ging oder
schwankte vielmehr heimwärts. Als er vor dem Café de l'Europe von einem ihm
begegnenden Kollegen erfuhr, dass das Nobilitierungspatent für den Bankier
Wienand von Seiner Majestät fürs erste noch zurückgelegt worden sei, machte
diese Nachricht kaum einen bemerkenswerten Eindruck auf ihn.
    Er kam in seinem Zimmer an und zog wirklich die Decke über den Kopf, nachdem
er vorher noch dem getreuen und klugen Baptiste wieder einmal auf die alte Art,
das heisst durch einen Tritt vor die Posteriora, gute Nacht gewünscht hatte. Er
selbst hatte keine gute Nacht.
    Im Observatorium des Sternsehers sprachen die Freunde nicht viel mehr
zueinander. Was sie bewegte, liess sich schwer in Worte fassen.
    Mit heissen Tränen nahmen Juliane von Poppen und der alte Ulex Abschied von
Robert Wolf; und Polizeischreiber Fiebiger war fast von allen der Weichmütigste.
    Am folgenden Morgen schon reiste Robert nach Hamburg ab.
 
                           Neunundzwanzigstes Kapitel
  Zeigt, dass Leute, die aus dem Blick entschwinden, darum doch an der rechten
                        Stelle wieder erscheinen können
Wer ein sorgenvolles, bekümmertes, schmerzbeladenes Herz hat, der trage es, wenn
er es irgend vermag, hinaus auf die grossen Wasser. Es liegt etwas Befreiendes,
Kräftigendes in dem Schweben auf dem beweglichen Element; der Horizont des
Menschen wird weiter auf dem Meer. Es ist ewig dasselbe und doch immer ein
anderes; einfachste tiefste Harmonie ist im Sturm wie in der Windstille. Das
ängstlich Kleine, welches auf der »wohlgegründeten Erde« von allen Seiten her
sich aufdrängt, weicht zurück; der starke Geist empfindet lebhaft, dass es besser
ist, in den Armen der lauttönenden Amphitrite erdrückt und erstickt zu werden
als von vier dumpfen Mauern und einem Haufen Federbetten.
    Ähnliches empfand Robert, nachdem das deutsche Ufer hinter ihm versunken war
und er die Seekrankheit überwunden hatte. Noch mehr empfand er das, als nach
tagelangem Kreuzen gegen widrige Winde die Küsten von England und Frankreich,
die Scharen wild geschaukelter Fischerboote dem Auge sich entzogen und das gute
Schiff Teutonia durch den freien Atlantischen Ozean westwärts zog. Nun hatte,
gewiegt auf dem blauen Wasser, Robert die beste Zeit und Gelegenheit, über sich
und seine Schicksale nachzusinnen; und mit jedem andern Erdgeborenen teilte er
das Recht, Wunder über Wunder in seinem Leben zu finden. Die geheimnisvolle
Tiefe, über welcher er schwebte, schien ihm nicht soviel Wunder zu verbergen wie
die eigene Brust.
    Seit jene Briefe ihn von jenem grünen Waldhügel aufgeschreckt hatten, auf
welchem er mit den Genossen das Lied vom Glück der Menschen und Neid der Götter
sang, war das alte Grübeln, das bittere Wühlen im eigensten, innersten Sein mit
verdoppelter Macht zurückgekommen. In alter Weise rief er die Bilder der
Vergangenheit zurück, verknüpfte sie miteinander und suchte sich über jede
Lebensstunde Rechenschaft zu geben. Über sein Erwachen zum Denken im verborgenen
Tal des Winzelwaldes grübelte er und suchte die ersten Anfänge der Charakter-
und Geistesaufbauung mit den Anschauungen des gewordenen Mannes in Einklang zu
bringen. Da wurden manche Fragen laut, auf welche es keine Antwort gab, und
manch ein Rätsel blieb ungelöst dem Sinnenden. Aber auch in mancher Neigung, in
mancher Tat, in manchem Gedanken des Kindes, des Knaben fand er die Wurzel des
Daseins des reifen Mannes, und manches, was in dem einsamen Walddorfe in der
Seele aufsprosste, war noch lebendig, trieb Ranken und trug bittere oder süsse
Frucht in dieser Stunde, wo das grosse Meer und die hohen Wogen des Lebens den
Weltbürger schaukelten. Robert griff nach allen Uranfängen seiner Existenz, im
Guten wie im Bösen, zurück; an allen Fäden, welche davon in die Gegenwart
hineinliefen, tastete er sich zurück, und dass er das konnte, war auch einer von
den Gewinnen, die er aus der Schule, durch welche er geführt worden war, gezogen
hatte. Oft beobachtete er ernst das bunte Leben, welches auf dem Schiffe
herrschte, und es kam ihm vor, als sei er der einzige, den nicht eine grosse
glänzende Hoffnung über den Ozean führe. Da war niemand, jung und alt, Mann oder
Weib, unter den Fahrtgenossen, der nicht von der Ferne, dem »Drüben« ein mehr
oder weniger klar gedachtes fabelhaftes Glück für sich und andere erhoffte. Sie
unterhielten ihn alle gern von ihren Plänen und Aussichten, denn die Hoffnung
ist um so mitteilsamer, je verschlossener die Enttäuschung ist, und er horchte
ihnen gern und teilnehmend. Er hatte jenseits der Wasser kein Glück zu erwarten;
aber er hatte genug gelernt, um die Hoffenden, Frohlockenden nicht zu beneiden -
und auch das war viel gewonnen hienieden, wo das Glück des einen selten, sehr
selten den andern glücklich macht. Seines wackern Freundes Ludwig gedachte er.
Wo mochte der sein? Hatte der gefunden, was er suchte? Das Grab des Bruders
stieg drohend in der Phantasie hinter jeder von diesen Fragen empor.
    Nach den ersten stürmischen Tagen hatten die Götter der Teutonia eine gute
Fahrt gewährt. Leicht durchschnitt der schnelle Kiel die Fucusbänke von Corvo
und Flores, welche am neunzehnten September des Jahres
vierzehnhundertzweiundneunzig das Schiffsvolk des Christoph Kolumbus so sehr
erschreckt hatten. Der kühne herrliche Genuese hatte aber das Phönikermärchen
vom undurchdringlichen Meer nicht gefürchtet. Vor Märchen weicht der Genius
nicht zurück - und was ist Märchen, und was ist Wahrheit in dieser Welt?
    Überall findet der denkende Geist hohe Beispiele, an denen er sich aus
schwerer Trübsal und peinlicher Vergrillung emporrichten kann. So lehnte Robert
an der Brüstung des Schiffes, blickte hinauf in die sternenhelle Nacht, hinaus
in das leuchtende Meer und sprach:
    »Die Mittelmässigkeit, welche mit wenig Kunst die Erde beherrscht, traut dem
Geiste nicht, der nach den Sternen sieht. Wenn sie gnädig ist und das Höchste
wagen will, gibt sie ihm eine lecke Karavelle und einen Haufen Galeerensklaven
und Verbrecher zu Hülfsgenossen, auf dass ja kein ehrlicher, verständiger Mann
bei dem törichten, närrischen Spass zugrunde gehe. Aber hohe Götter halten ihre
Hand über das morsche Fahrzeug, welches den Entdecker trägt. Wenn das
meuterische Gesindel in seiner Angst ihm Ketten an die Hände legt, was schadet
es? Auch in Ketten vorwärts! O über die tragische Ironie! Wird nicht fast alles
Grosse mit gefesselter Faust gewonnen? Was wollen wir Kleinen uns kümmern, wenn
es den Grossen so geht? Für uns nicht weniger als für sie gilt das Wort: Auch in
Ketten vorwärts! Auch in Ketten vorwärts!«
    Aus den Wogen tauchte Rio Janeiro mit seinen Palmen, seiner buntscheckigen
Bevölkerung auf wie ein wunderlicher Traum; aber auf den sonnigen Glanz der
Tropen folgten die Nebel und Schneestürme am Kap Hoorn. Doch die bösen Geister
der bei den Schiffern so übelberüchtigten Planetenstelle hatten keine Macht über
das gute Schiff Teutonia. Glücklich umfuhr es die gefürchtete Spitze, und stolz
zeigte sein Galionbild dem Stillen Ozean Schild und Schwert. Noch einmal im
Hafen, ehe das Ziel erreicht ist! Das ist Valparaiso auf der westlichen Seite
des amerikanischen Kontinents.
    Wieder hinaus nach kürzester Frist, zu nahe winkte jetzt das Ziel, als dass
man sich Zeit gegönnt hätte zum ruhigen Atemholen auf fester Erde. Als endlich,
endlich abermals der Ruf: Land! erschallte, da war die Fahrt vollendet, und die
langen Wellen des Grossen Ozeans rollten gegen die Ufer der kalifornischen Küste.
Im unbeschreiblichen Tumult stürzte die wilderregte Menge auf der Teutonia gegen
die Schiffsbrüstung. Mit gierigen Augen und hochklopfenden Herzen starrte sie in
die Ferne auf die Bergzacken, die duftverschleiert, mehr geahnt als gesehen, am
Horizont auftauchten.
    Da lag es nun vor den Augen dieser armen Menschenkinder, da lag es - das
Goldland - das Dorado, nach welchem fast seit Beginn der Geschichte die
Menschheit auf die verschiedenartigste Weise sich abängstete, das sie suchte im
Stein der Weisen, das sie sah in den phantastischen Träumen vom Reich Ophir, vom
Land Golkonda, vom Reich des Priesters Johann. Immer dasselbe Drängen auf einem
andern Wege. Ach, mit welchen Blicken klammerte sich dies begünstigte Geschlecht
des neunzehnten Jahrhunderts an diese toten kahlen Berge, von denen die
goldführenden Ströme sich ins Meer herabstürzten!
    Und rückwärts auf der Linie des Meereshorizontes tauchte Segel um Segel auf.
Jedes Volk des Erdballs kam, seinen Teil zu nehmen von dem unendlichen Glück.
    Auf dem Deck der Teutonia zitterte das Fernrohr in der Hand des Kapitäns.
Mit toller, schwindelnder Hast führten die Matrosen die gegebenen Befehle aus -
immer deutlicher trat das Land hervor; eine hohe Felswand schien den Lauf des
Schiffes hindern zu wollen; aber was ihr durch Jahrtausende gelungen war, das
gelang jetzt nicht mehr - das Goldene Tor öffnete sich, auf beiden Seiten traten
die Felsen zurück, ein hundertstimmiges Jauchzen stieg himmelan vom Bord der
Teutonia; unwillkürlich machten sich dadurch die zusammengepressten Gefühle in
jeder Brust Luft. Vor den Augen der Seefahrer dehnte sich, blitzend im Strahl
der Morgensonne, die Bai von San Francisco.
    Wer jetzt - jetzt, wo jene Zeit schon längst old forty-nine,
alt-neunundvierzig, geworden ist - dort anlandet, der findet da eine prächtige
Stadt, ein geregeltes Staatsleben, ein geregeltes Leben der Individuen. Das war
damals anders. Damals setzte jedermann den Fuss des Eroberers auf diesen dürren
Strand, mit dem festen Willen, niemandem zu weichen auf dem Wege zum
grenzenlosen Reichtum. Jeder, nur mit sich selbst beschäftigt, sah in dem Mann
zur Seite nur den gefährlichen Nebenbuhler, den Todfeind. Selten fand der
Strauchelnde eine barmherzige, hülfreiche Hand; nur der Egoismus verband hie und
da die einzelnen zur gemeinschaftlichen Arbeit.
    Da lagen auf der Reede die Schiffe aller Nationen: die chinesische Dschunke
neben der englischen Brigg, das Fahrzeug aus Honolulu neben dem Bremer Schoner,
und von jedem Bord hatte sich der Strom der Abenteurer ans Land ergossen und auf
dem Strande die tolle Zeltstadt San Francisco mit errichtet, leicht und
wunderlich gleich den Gedanken, welche in den wilden Herzen um wirbelten. Ihren
Ankerplatz fand auch die Teutonia, und auch ihre Menschenlast stürzte sich im
drängenden Getümmel in die Böte, um so schnell als möglich den glorreichen Boden
zu erreichen. Ein klares Denken war in diesem Augenblick eine Unmöglichkeit;
möglich schien nur, dass alles dieses, was Wirklichkeit sein sollte, nur eine
Vision war. Jedermann hatte das Gefühl, als könnten diese Gebirge, diese
Landzunge mit der beweglichen Stadt, dieses bunte Gewühl der Völker, dieser
Mastenwald sich wieder in Nebel und Nichts auflösen.
    Schwindelnd stand Robert Wolf, nach mehrmonatlichem Geschaukel auf den
Wogen, auf dem festen Erdreich, fast so schwindelnd wie damals, als das Geschick
ihn zum erstenmal ratlos, hülflos in die grosse Stadt geschleudert hatte. Der
Übergang war zu plötzlich. Eben befand man sich noch auf dem weiten Meer,
inmitten der Gestalten, der Gesichter, der Stimmen, an die man sich wohl oder
übel durch das lange Zusammensein gewöhnt, über die man sich ergötzt, geärgert,
erbost, an die man sich auch wohl mit Zuneigung angeschlossen hatte - nun war
man mit einem Schlag, durch einen Schritt über ein schwankendes Brett, in eine
Szenerie, in ein Leben versetzt, von welchem man bis dahin nicht die geringste
Ahnung gehabt hatte. Verschwunden waren die bekannten Figuren. In einem
Augenblick hatten sie sich in dem Getümmel verloren. Das Schiff war zu einer Art
von Heimat geworden; diesem unbekannten Lande, diesem unbekannten Leben
gegenüber fühlte man sich vollkommen heimatlos. Für mutige Charaktere jedoch
geht dieses zaghafte Gefühl, dessen sich wohl keiner anfänglich erwehren kann,
schnell vorüber, und auch bei dem Schüler des Polizeischreibers Fiebiger war es
nicht von Dauer. Fest stand er und blickte klar in das Wirbeln und Wogen.
    Um sein geringes Gepäck brauchte er keine Sorge zu haben. Im Notfall konnte
er den leichten Koffer auf den eigenen Schultern zu irgendeiner der Holz- und
Leinwandbaracken tragen, welche durch ein flatterndes Banner oder durch eine
flüchtig und roh bepinselte Tafel als »Hotels« dem müden Seefahrer sich
ankündigten. Aber der junge Deutsche konnte sich nicht losreissen von dem
merkwürdigen Schauspiel, welches vor seinen Augen fort und fort wechselte; er
schrak auch nicht wenig zusammen, als er plötzlich eine gewichtige Hand auf
seiner Schulter fühlte:
    »Holla, Landsmann, seid Ihr nach Kalifornien gekommen, um auf offener Strasse
ein germanisch Tagträumen zu beginnen? Beim Plutus und Mammon, kein Platz dafür
hier, Herr Wolf aus dem Winzelwalde.«
    
    Im höchsten Grade überrascht durch die unvermutete Anrede, drehte sich
Robert um und sah nun einen hohen, breitschultrigen Mann mit dunkelm,
graugesprenkeltem Vollbart und sonnegebräuntem Gesicht, über dessen Stirn eine
rote Narbe lief, vor sich. Ein breitrandiger Sombrero bedeckte den
charaktervollen Kopf, dazu trug der Mann ein ledernes Jagdwams, hohe Stiefeln,
eine Büchse, ein Weidmesser, eine indianische Tasche und unter dem Arm eine
zusammengerollte mexikanische Serape. Das Plötzliche der Erscheinung und Anrede
wirkte so verwirrend auf Robert, dass er einige Sekunden hindurch nicht imstande
war zu sagen, wer vor ihm stehe.
    Der Fremde machte dem schnell ein Ende und sagte:
    »Kalkuliere, Ihr kennt mich doch wohl! Erinnert Euch an das Polizeibüro zu -
na, Ihr wisst. Schickte auch neulich einen Brief nach dem alten Lande, der Euch
leider anging. Gebt mir die Hand, ich wusste, dass Ihr Euch den Weg hierher nicht
verdriessen lassen würdet.«
    »Konrad von Faber! Der Herr Hauptmann von Faber!« rief Robert Wolf und fasste
hastig die dargebotene knochige Hand des berühmten Reisenden. »Dank, Dank für
die Hand, die Sie mir damals reichten, welche Sie mir jetzt entgegenstrecken!«
    »Still, still«, sagte Faber, »ich freue mich herzlich, dass ich Sie sogleich
traf, Mann. Ja, Sie sind ein Mann geworden, und manch einer hätte Sie nicht
sofort erkannt; aber in einem Leben, gleich dem meinigen, schärft sich das Auge
für Derartiges. War auch Ihr Bruder mein sehr guter Freund - wackerer Junge! -,
haben zusammen an manchem Lagerfeuer gelegen, und seine Hand hat mich mehr als
einmal zu Wasser und zu Land vor der letzten Unannehmlichkeit geschützt. Leider
habe ich ihn jetzt nicht wieder schützen können. Es gibt Leute, die stehen
zueinander, wo sie sich treffen, im Salon wie unter dem Büchsenfeuer. 's ist ein
hart Ding, dass er jetzt in diesem fatalen Sande liegen muss. Das war das Ende
davon, Don Roberto, und es geht manchem hier auf die Art. Man gräbt eine Grube
und kratzt und wühlt sich die Finger blutig nach dem blanken Staube, und während
dem Kratzen und Wühlen schleicht sich der Tod, das alte Gespenst, hinter Euch,
und ein Tritt von seinem verdammten Skelettfuss stürzt Euch kopfüber in das Loch;
die Kameraden werfen den Sand und das Gestein, welche Ihr mit soviel Schweiss
lind Mühe aus der Grube herausgebracht habt, wieder auf Euch, und dann - dann
jeder an sein Geschäft! - go ahead! Aber es ist doch ein glorioses Treiben!«
    »Und Eva? Eva - meine Schwägerin?« rief Robert, von neuem die Hände Konrad
von Fabers fassend.
    Ein schmerzliches Zucken ging über das Gesicht des Reisenden. Mit einem
heftigen Ruck riss er seine Hände aus denen des jungen Mannes, trat einen Schritt
zurück und lüftete ein wenig den Strohhut, um ihn sogleich desto tiefer in die
Stirn zu drücken:
    »Stand firm at your post!« murmelte er, und dann rief er laut: »O Wolf, ich
habe niemals mich viel um die Weiber gekümmert, es ist eine beschwerliche Last
für einen Wanderer meines Schlages; - zu weichliche Kreaturen für einen
Menschen, der das Stillsitzen nicht vertragen kann! Wolf, Eures Bruders Frau ist
die einzige Königin, die mir auf meinem Lebenswege begegnet ist, und ich habe
doch manche Damen gesehen, die sich offiziell den Titel ausbaten. Sie ist ihrem
Mann keine Last gewesen. Eine Heldin ist sie, und als solche hat sie geduldet.
Ach, sie wird nicht lange mehr zu dulden haben. 's ist ein weiter Weg von Texas
bis zum Stillen Ozean. Die Wälder, die Prärien, die Felsengebirge, die Wüsten
könnten den stärksten Mann müde und knielahm machen, Eva Wolf ist nicht müde
geworden. Wenn sich wilde Gesellen im Zuge zu Boden warfen und sterben wollten,
haben wir ihnen die Eva Wolf und die andere, die mit ihr war, das kleine
Mädchen, ihr Mariechen, gezeigt, wir haben manchen albernen, weichfüssigen Tölpel
dadurch wieder auf die Beine und zum Marschieren gebracht. Sie hat auch Glück
gehabt hier auf dem goldenen Boden. Sie stieg selbst zum Spass in solch ein Loch,
in welchem nun Euer Bruder begraben liegt. In diesem Augenblick noch klingt mir
ihr helles Lachen ins Ohr, als sie einen blitzenden Klumpen in die Höhe hielt
und rief: Oro! oro! Schau, Fritz, damit kaufen wir das ganze Poppenhagen, Schloss
und Dorf! - Nie vergess ich das stolze Lächeln, mit welchem Fredy auf sein
mutiges Weib blickte; sie war ganz ein Weib für ihn, und nie hat sie kalt eins
seiner Luftschlösser von künftigem Glück eingerissen. Welch einen Respekt alle
die wilden Kerle in den Minen vor ihr hatten - es war glorreich! Aber das
Fieber, das Fieber! ... Ihr werdet ja selbst sehen, Robert Wolf - sie wird Euch
nichts vorwimmern; aber es ist nur um so herzzerbrechender.«
    Mit sprachlosem Schmerz und Stolz hatte Robert diesem Berichte Konrad Fabers
zugehört; mit hundert hastigen Fragen bestürmte er den Reisenden jetzt und
erfuhr, dass Eva Wolf in einer Blockhütte weit in den Bergen auf den Tod liege.
    »Zu ihr! Zu ihr!« murmelte er, und Faber nickte:
    »Jawohl, morgen in der Frühe wollen wir zu ihr; der Apoteker wird seine
Drugs bis dahin wohl fertig haben. Jetzt aber kommt, lieber Junge, ich will Euch
zu einem Quartier und zu Landsleuten, bei denen Ihr Euch nicht fremd fühlen
sollt, führen. Morgen gehen wir zum Grabe Eures Bruders, zum Weibe Eures
Bruders. Dies ist Euer Gepäck?«
    Robert nickte.
    »Gut, packt an! Was auf dieser Seite des Erdballs der Mensch selbst
schleppen kann, muss er schleppen. Ihr werdet Euch wundern über die Leute, die
uns in unserm Quartier erwarten.«
    Den Koffer zwischen sich nehmend, brachen die beiden Männer sich Bahn durch
das Gewühl der Zeltstadt, und der Hauptmann führte den Ankömmling ziemlich bis
ans andere Ende derselben, indem er ihn im Gehen auf allerlei Einzelheiten des
Getümmels aufmerksam machte.
    »Blickt nicht so niedergeschlagen zur Erde, junger Mann!« rief er. »Selbst
im Untergehen lässt ein rechter Mann nichts Bemerkenswertes unbeachtet liegen.
Blickt auf und um Euch; wenn Ihr später einmal wieder ruhig in Deutschland sitzt
und über Kornfelder, Obstbäume zum Buchenwald hinüberschaut, so mag Euch die
Erinnerung der heutigen Stunden wie das bunteste Zauberbild in die Seele treten.
Nicht wahr, Don Roberto, das ist ein tolles Treiben? Achtet, ich bitte Euch, auf
die Hautschattierungen. Seht den Burschen dort vor dem Gewürzladen, das ist ein
Untertan Seiner kanakischen Majestät - eine alte Bekanntschaft von mir; der
Schlingel wollte mir mit aller Gewalt seine Tochter gegen meines Grossvaters alte
silberne Taschenuhr verhandeln. Da ich nicht darauf einging, stahl er mir
natürlich den Gegenstand seiner Wünsche; - heilloser Spektakel drum vor dem
Königlichen Tribunal in Honolulu - französische Intervention in Ermangelung der
deutschen; britische Eifersucht auf Frankreich - Reverend Mr. Shambling nahm die
Uhr und die schöne Kanakin dazu, und meines Vaters Sohn hatte das Nachsehen.
Hallo, schaut, Robert, da geht Paddy vom grünen Erin Arm in Arm mit
Chinese-John, dem Ausreisser des himmlischen Reiches. Chilenen, Hindus, Deutsche,
Mexikaner, Engländer, Yankees, Juden, Italiener, Spanier, Russen, Franzosen,
alle sind da, jeder mit seinem Löffel. Kalkuliere aber, der Breitopf wird doch
nicht gross genug sein.«
    Einen bessern Führer durch dieses Menschengewirr als den grossen Reisenden,
der alle Nationen, ihre Gewohnheiten, Sitten und Gebräuche im eigentlichsten
Sinne persönlich kannte, hätte Robert nicht finden können. Das war wieder einer
der Lehrmeister, welche ihm ein günstiges Geschick immer von neuem zur rechten
Zeit in den Weg führte. Mit allen Völkern der Erde stand Konrad von Faber
sozusagen auf du und du; er war ein lebendiges Lehrbuch der Etnographie und
wusste Bescheid in der Anschauungsweise eines jeden Bruchteils der Menschheit,
einerlei, ob dasselbe von der Mutter in einer schwäbischen Wiege geschaukelt
oder in einer Bastmatte an den Stamm einer Kokospalme gehängt worden war.
Endlich aber sagte er:
    »Angekommen! Kennt Ihr vielleicht den Mann dort mit der Axt, Wolf?«
    Und Robert liess sein Teil vom Koffer fallen und stürzte mit offenen Armen
vorwärts:
    »Ludwig! Ludwig!«
    Ludwig Tellering stiess einen ähnlichen Schrei aus und warf sich an die Brust
des Freundes; aus der niedern Tür des Bretterhauses blickte die Mutter Anna und
eilte herzu, die Hände in der Schürze trocknend:
    »O mein Jesus, Sie sind es? Ach du lieber Gott, die Freude! die
Überraschung! Der Herr Hauptmann hat doch recht gehabt.«
    »Eine Ahnung hab ich gehabt, dass er heute kommen würde«, sagte Konrad von
Faber. »Na, Mutter, was macht der junge Bürger von Kalifornien, was macht die
Frau? Alles noch immer wohlauf, hoffe ich.«
    »Nach Umständen, Herr Hauptmann«, antwortete die alte Frau mit glückseligem
Lächeln; »aber lasst mich nur dem Herrn Wolf -«
    »Kommt, Mutter, lasst die beiden jungen Leute jetzt allein«, fiel ihr Konrad
ins Wort, »und erzählt mir etwas mehr vom Enkel.«
    Die Alte nickte:
    »'s ist schon recht; ja, mein Ludwig mag wohl ein volles Herz haben, und
Herr Robert - ach Gott, weiss er denn schon alles?«
    »Alles!« sagte der Hauptmann und führte die gute Frau gegen das Haus oder
vielmehr die Bretterbude.
    Die beiden Freunde hatten sich währenddem lange und innig in die Augen
gesehen und in den Blick viele Worte gelegt.
    »So treffen wir uns hier wieder, und ich finde dich wie gewöhnlich mitten in
der Arbeit und auch - ich sehe es dir an - im Glück!« sagte Robert. »Gott grüsse
dich, alter, lieber Gesell; - du hast gefunden, was du so heiss suchtest und
ersehntest!«
    »In der Arbeit und im Glück!« rief Ludwig. »Da schau!«
    Ein helles Kindergeschrei liess sich vom Haus her vernehmen, und auf der
Schwelle der Baracke erschien wieder die Frau Anna mit dem Hauptmann. In den
Armen der Frau aber lag das kleine Wesen, welches seine klare Stimme lustig
erklingen liess im Brausen des Völkerdurcheinanders.
    »Mein Junge, mein herziger Bube!« rief der Schreiner mit strahlendem
Gesicht. »Vorgestern angekommen in der Welt! O wie schade, dass ich dir jetzt
meine Frau, meine Marie nicht zeigen darf; aber du weisst -«
    »Ich weiss, dass du die beste, wackerste Frau hast. O sage ihr, wie ich ihr
danke für alles, was sie an Eva getan hat.«
    Ludwig drückte traurig dem Freunde die Hand.
    »Jaja, das ist der einzige schwarze Schatten, welcher durch unser Glück
geht. Ach die arme Eva! O Robert, Robert, du ahnst nicht, wie sich meine Marie
quält, dass sie jetzt nicht bei ihr sein kann, jetzt, wo es am allernötigsten
wäre. Wie sie im ängstlichen Schlaf ihren Namen ruft!«
    »Eure Frau hat getan, was sie konnte, Meister«, sagte Konrad von Faber, »und
Ihr selbst habt Euch auch als ein braver Mann gegen Fritz und Eva Wolf gehalten.
Ach, freut Euch nur des Lebens und Eures Glücks, Ihr Menschenkinder, Ihr habt es
in jeder Weise verdient. Es löst hienieden immer eine Pflicht die andere ab. Auf
diesen Pausback hier aber könnt Ihr doppelt stolz sein, Herr. Es ist das erste
deutsche Kind, welches auf diesem fremdländischen Boden geboren wurde. Eure Frau
müsste eigentlich von Rechts wegen eine Prämie vom alten Lande drüben haben.
Nicht wahr, Mutter, es ist ein Labsal, dieser strampelnde deutsch-kalifornische
Schreihals in diesem verdammten Gewühl von ausgewachsenen Abenteurern,
Schwindlern, Halunken und Narren?«
    »'s ist ein Gottessegen, Herr Hauptmann!« sagte die Alte; »aber nun muss ich
auch ein Wort zum Herrn Wolf sprechen. Ach du lieber Himmel, es stösst einem doch
fast das Herz ab, dass man so weit von der Heimat fort ist.«
    Eine heisse Träne fiel aus dem Auge der Greisin auf die Stirn des Säuglings,
als sie fortfuhr:
    »So weit, so unmenschlich weit von hier liegt mein Johannes. Ach Ihr Herren,
Ihr könnt's mir aufs Wort glauben, ich wär doch nicht fortgegangen, wenn ich
gewusst hätt, dass das Kalfonium so weit weg sei von meines Johannes Grab. Der
liegt nun da so ganz allein, und niemand kümmert sich um sein Grab!«
    »Denken Sie das nicht, Mutter Anna«, rief Robert. »Ist nicht der alte Ulex
noch in der Heimat? Der sorgt schon für den Hügel. Und der alte Fiebiger auch. O
Mutter, Mutter, wir haben treue Freunde drüben zurückgelassen.«
    Die alte Frau küsste ihren Enkel heftig, und dann schluchzte sie:
    »Kommen Sie herein, kommt alle herein; Sie müssen uns alles erzählen von
daheim, von der Musikantengasse, von den Nachbarn. Es war doch ein ander Ding im
Hof von Nummer zwölf drüben, beim Mäuseler, wenn's auch ein wenig dunkel und
feucht war, als hier in dieser Bude, wo man leben muss wie die Zigeuner. Wer das
mir an meiner Wiege gesungen hätte, wer das mir gesagt hätte, wenn ich sonst mit
meinem Johannes aus der Kirche kam, die Strasse so reinlich dalag und die
Wachtparade in der Ferne spielte und Ludwig und Luise uns in der Tür
entgegensprangen! Ja, unser Lieschen - Ihr werdet Euch wundern, wo das ist.
Drüben im Texas ist sie geblieben und hat 'nen Landsmann gefreit, 'nen guten
Mann und sehr wohlhabend; aber ich werde sie auch wohl mein Lebtag nicht wieder
zu sehen kriegen. Ach, davon hätt ich mir in der Musikantengasse auch nichts
geträumt.«
    Neben dem Verschlag, in welchem die Wöchnerin lag, entielt dieses
kalifornische Wohnhaus nur noch ein Gemach, welches durch Vorhänge in
verschiedene Abteilungen geschieden war und allen Bedürfnissen der Familie für
jetzt genügen musste. Einige Jahre später freilich erhob sich auf der Stelle ein
stattliches steinernes Gebäude, und Herr Ludwig Tellering hätte die halbe
Musikantengasse auskaufen können.
    Die Mutter Anna tischte ein einfaches Mahl auf, von welchem jedoch keiner
der kleinen Gesellschaft, den Hauptmann vielleicht ausgenommen, vor innerer
Aufregung viel genoss.
    Dann erzählte Ludwig dem Freunde seine Abenteuer in Texas, wie er die
Karawane Friedrich Wolfs erreicht und seine Marie gefunden habe.
    »Die Mutter blieb bei Luise, die, wie du schon erfahren hast, in Galveston
ein Heimwesen gefunden hat. 's ist eine resolute Frau, meine alte Mutter da; sie
hat sich gar nicht lange besonnen, als ich sie hierher nachkommen liess; aber ich
hoffe, ihr auch endlich ein ruhiges glückliches Alter bereiten zu können.
Anfangs war ich natürlich ebenfalls in den Minen, hatte aber wenig Glück beim
Goldsuchen - die tüchtige Arbeit ist doch überall das Beste, selbst hier in
Kalifornien. Ein halbes Jahr vor deines Bruders Tode zog ich mit Marie hier
herunter, wo mein Handwerk wirklich einen goldenen Boden hatte. Friedrich und
Eva bedurften unserer damals nicht; sie waren gesund, und alles, was sie
unternahmen, gelang nach Herzenswunsch. Sie hatten ihre Blockhütte damals am
Joaquinfluss, und ihnen fiel das Gold, welches ich dort vergeblich suchte, wie
von selber in die Hände. Ich richtete hier in San Francisco meine Werkstätte
ein, und da war für den Mann des Handwerks die rechte Stelle; ich quälte mich
nicht mehr umsonst. Da hörte ich einmal durch den Herrn Hauptmann hier, dass
Fritz und Eva den Joaquin aufgegeben hätten und nach dem Yuba gegangen seien,
und dann kam die Nachricht von deines Bruders Tode. Meine Frau lag damals
todkrank, und ich konnte nicht fort von ihr; sie hat auch über ein halbes Jahr
auf den Tod gelegen, und dann meldete sich der Junge. Von Zeit zu Zeit haben wir
Nachricht von der armen Eva durch den Hauptmann und auch durch andere Boten
erhalten. Ach, Robert, ich wollte, wir hätten mehr für sie tun können!«
    Robert Wolf drückte stumm dem Schreiner die Hand und seufzte:
    »Ihr konntet nicht mehr tun - Gott segne Euch.«
    Konrad von Faber nahm jetzt den Hut, um die Arzneien vom Apoteker zu holen,
und nun erzählte Robert dem Freunde von dem eigenen Leben. Er verschwieg ihm
nichts, und zuletzt schloss er:
    »Sieh, so fahre ich denn durch die Welt, wie es im Märchen heisst: Vor mir
Nacht, hinter mir Nacht. Mut und Stärke habe ich; aber nicht mehr die
Freudigkeit, welche das Leben zum Leben macht. Einst bin ich wild genug der
armen Eva nachgestürmt; aber so tief wie jetzt hab ich damals doch nicht mich
nach ihr gesehnt. Was bleibt mir auch anders in der weiten Welt als der Platz
neben ihrem Krankenlager? Wenn das Ziel erreicht und wenn Gott wollte, dass auch
sie davongehen sollte, zur Ruhe an meines Bruders Seite, was dann? Ach Ludwig,
Ludwig, es ist ein schrecklich Ding um dieses kahle, öde Was dann! Ich finde
keine Antwort darauf.«
    Ludwig Tellering senkte das Haupt; er wusste keinen Trost für den Freund.
    O Heinrich Ulex, weiser Meister, es ist doch oft sehr schwer, an den Sternen
nicht zu verzweifeln. Vorwärts, auch in Ketten vorwärts, Wolf; es ist wenigstens
ein Trost, dass der Mensch nicht all und jede Verantwortlichkeit für sein Dasein
und seine Wege und das Ende seiner Wege zu tragen hat!
 
                              Dreissigstes Kapitel
 Robert Wolf steht an einem Grabe und tritt an ein Sterbebett; Konrad von Faber
                        zeigt, wo und wie man Gold sucht
Die erste Nacht, die Robert Wolf auf kalifornischem Boden zubrachte, verging,
ohne dass der Schlaf seine Augen geschlossen hätte. In seinen Mantel gehüllt, lag
er in der Hütte des Freundes und horchte den ruhigen Atemzügen Konrad von Fabers
und dem fremdartigen Lärm der wunderlichen Stadt draussen, welcher die ganze
Nacht hindurch nicht zu Ende kam. Gegenüber in einer Teebude krähte bis spätin
eine chinesische Sängergesellschaft ihre misstönigen Weisen ab. Ein malaiisches
Gong sandte von Zeit zu Zeit seine dumpfen dröhnenden Klänge herüber. Einmal
entstand Feuerlärm in der Ferne und dann wieder blutiger Streit in einem
Spielhause in der Nähe. Betrunkene Menschenhaufen wälzten sich vor der Baracke
vorüber, Revolver wurden abgefeuert; Hunde heulten den amerikanischen Mond an,
Pferde und Maulesel wieherten, rissen sich im plötzlichen Schrecken los und
wurden von den Eigentümern mit wildem Geschrei durch die Gassen der Stadt
verfolgt. Nebenan schrie der Säugling, die Mutter Anna erhob sich von ihrem
Lager, und in all den Lärm mischte sich jetzt ein deutsches Wiegenlied. Ludwig
Tellering richtete auch einmal im Traum sich von seinem Lager neben Robert empor
und rief mit ängstlicher Stimme den Namen seiner Frau. Dazu die eigenen Gedanken
und Schmerzen - das Grab des Bruders, die kranke verlassene Eva in den Bergen -
es war eine böse, wirre Nacht, und mit Sehnsucht erwartete Robert den neuen Tag.
Er kam, und als er kam, fielen, wie es zu geschehen pflegt, dem, welcher die
ganze Nacht hindurch gewacht hatte, die Augen im ungesunden Schlummer zu. Und
nun konnte selbst dieser Schlummer nicht lange dauern.
Stand up, man, stand!
Free heart, free tongue, free hand.
Firm foot upon the sod!
sang der Hauptmann Konrad von Faber, indem er den Schläfer an der Schulter
schüttelte: »Auf, auf, Wolf, 's ist Zeit zu marschieren; in einer Viertelstunde
müssen wir auf dem Wege nach den Bergen sein.«
    Robert sprang auf die Füsse. Alles war bereits in Bewegung in der
Bretterhütte. Heisser Kaffee aus Blechschalen - ein herzlicher Gruss, welchen die
Frau Marie aus ihrer Kammer schickte - ein kurzer bewegter Abschied von Ludwig
und seiner Mutter, und auf dem Wege zu Eva Wolf schritt Robert mit Konrad von
Faber.
    Noch hingen milchweisse Nebel über dem Sakramento; als sie sich lichteten,
lagen die kahlen Höhen des Meeresufers hinter den beiden Wanderern, und der
dichte Wald nahm sie auf in seinen Schatten. Eichen und Riesenfichten bedeckten
die Berghänge, und die Sonne brach strahlend darüber hervor und warf ihren
echten Goldglanz über Hügel und Tal und auf den Spiegel des Stillen Ozeans, der
blitzend zwischen den Stämmen durchschimmerte. Noch einen letzten Blick auf das
weite Meer; dann tiefste Dämmerung des Urwaldes! Ein Glöckchen erklang vor den
Wanderern, sie überholten einen Trupp schwerbepackter Maulesel mit ihren
mexikanischen Führern. Die bunten Serapen flatterten lustig im Morgenwind, die
gebräunten Gestalten nahmen die Cigaritos aus dem Mund und nickten:
    »Buenos dias, Señores!«
    Robert und der Hauptmann erwiderten den höflichen Gruss; aber letzterer
brummte:
    »Falsches, feiges Pack! Hütet Euch vor diesen Burschen, Wolf«.
    Wieder Stimmen - welch eine seltsame Sprache redeten die Leute im Dickicht!
Chinesen waren es; mit Schaufeln und Spaten, mit Hacken, Pfannen und Körben
zogen sie zu den Minen.
    »Die Langzöpfe haben ein ganz verzweifeltes Glück«, sagte der Hauptmann.
»Sie scheinen das Gold unter der Erde zu wittern wie das Schwein die Trüffeln.
Aber kommt, Sir, wir wollen dort jenen Vorsprung erklettern; es lohnt die Mühe.«
    Sie stiegen durch das nasse Gras; und über den Wald hatten sie den ersten
vollen Blick auf die Sierra Nevada. Drunten zogen Mexikaner und Chinesen weiter,
und gell klang durch den Wald der ermunternde Ruf der Maultiertreiber:
    »Hippah, mulah! hippah, mulah!«
    Keuchend arbeiteten die Tiere, und Konrad von Faber erklärte:
    »Sie schleppen eine Dampfmaschine für eine Gesellschaft Amerikaner droben am
Federfluss. Die Kerle haben sich in den Kopf gesetzt, einen ganz anständigen
Nebenarm des Wassers abzuleiten, und es wird ihnen mit ihrem never give up
gelingen. Vorwärts, Wolf.«
    An einer andern Stelle des Waldes trat ein schmutziger Indianer aus dem
Gebüsch, fuhr beim Anblick der zwei Fremden erschreckt zusammen und schlich
scheu in den Wald zurück, in welchem er, der Besitzer, nur noch ein kaum
geduldeter Rechtloser war.
    Als der Tag sich neigte und die Nacht schnell den Wald füllte, setzten sich
Faber und Robert an einem Feuer nieder, welches Landsleute, die sich ebenfalls
auf dem Wege zu den Minen befanden, angezündet hatten. Diesmal schlief der junge
Mediziner tief und fest, sei es aus übergrosser Ermüdung, sei es, weil die
Wildnis ihren Einfluss auf das Kind des Winzelwaldes, den Sohn des Forstwarts vom
Eulenbruch, ausübte.
    In den Sakramento ergiessen sich vier grössere Flüsse, der Featerriver, der
Bearcreek, die American Fork und der Yuba. In diese Flüsse stürzen sich aus
wilden Schluchten, Cañons genannt, Hunderte von grössern oder kleinern
Bergwassern, die jedoch im Sommer meistenteils versiegen und deren Betten und
abschüssige Uferränder den Tummelplatz der Goldsucher bilden. Nach einem solchen
Tal, aus welchem sich ein munterer Waldbach dem Yuba zudrängte, ging der Weg
Fabers und Roberts, und sie vollendeten diesen Weg, ohne irgendwelche
nennenswerte Fährlichkeiten zu bestehen zu haben. Allerlei Volk zog mit ihnen
desselben Pfades oder kam ihnen aus den Bergen entgegen und bot die Gelegenheit,
den Ausdruck menschlicher Hoffnung und Enttäuschung in allen Phasen zu
studieren, im vollsten Masse. Der Hauptmann liess es auch nicht daran fehlen,
seinen Begleiter auf alle charakteristischen Vorgänge, Gestalten und Gesichter
aufmerksam zu machen; aber Robert war nicht mehr fähig, mit der gehörigen
Aufmerksamkeit den Glossen und Bemerkungen des berühmten Reisenden zu folgen. Je
näher er dem Ende seiner langen Wanderung kam, desto heftiger und
unwiderstehlicher verdrängte das eine Bild der sterbenden Eva alles andere. Er
zitterte an allen Gliedern, als endlich der Hauptmann von der Ecke eines
langgestreckten Bergrückens in ein Tal und auf das Dach einer Blockhütte
deutete, die abseits von einer Gruppe ähnlicher Gebäude an die gegenüberliegende
Bergwand sich lehnte. Es regnete leise, als die beiden Männer auf dieser Höhe
standen und in das verschleierte Tal stumm hinabblickten. Aus der Tiefe schallte
das Jauchzen der Goldsucher, welche lange vergeblich auf diesen Regen, der ihr
mühseliges Werk nicht wenig erleichterte, gewartet hatten. Sie sangen auch in
ihrer Freude, den Yankeedoodle, die Marseillaise und das Lied vom deutschen
Vaterland, und das Echo tat das Seinige, die wilde Harmonie oder vielmehr
Disharmonie zu verstärken.
    »Das ist der Hawk-Gulch«, sagte Konrad von Faber. »In jener Hütte drüben
liegt Eures Bruders Frau; zwischen jenen drei Riesenfichten, rechts von dem
Blockhaus, liegt Euer Bruder. Vorwärts, Herr, nehmt Euch zusammen!«
    Der Regen wurde stärker, sie stiegen nieder durch den rauschenden Wald,
überschritten den Bach, und ein kurzes Steigen an der Berglehne brachte sie zu
den drei himmelhohen Fichten, unter welchen der Grabhügel Friedrich Wolfs
aufgeworfen war, fünfzig Schritt ungefähr von dem Blockhaus entfernt.
    »Hier! hier!« murmelte Robert Wolf. »Hier, hier - das ist das Ende!«
    Er griff in das regennasse Gras, welches bereits aus dem Hügel
emporgeschossen war. Er fühlte in diesem Augenblick eigentlich nicht Schmerz;
ein Lächeln flog über seine Züge, aber es war ein schreckliches Lächeln; die
kahle, fürchterliche Gleichgültigkeit, welche aus dem Verlust alles dessen, was
uns eigenst gehörte, hervorgeht, presste ihm mit eiskalter Faust das Herz
zusammen.
    Gegen das Grab, wo der Bruder, der stolzeste, mutigste Ringer des Glücks,
verlassen von seinen Sternen, den letzten Schlaf schlief, neigte er sich; dann
wollte er auf die Blockhütte zueilen, aber Konrad von Faber fasste seinen Arm und
hielt ihn zurück:
    »Wartet hier noch. So dürft Ihr nicht zu ihr; ich will sie erst vorbereiten
auf Eure Ankunft. Euer zu plötzliches Erscheinen könnte ihr den Tod geben.«
    Er ging, und neben dem Grabe unter den Riesenfichten wartete Robert.
    Es war jetzt Nacht auf der andern Hälfte des Erdballs, und auf dem
Observatorium des Sternsehers Heinrich sassen die Alten aus dem Walde, welche für
sich selbst das Leben überwunden hatten, deren Hoffnungen und Sorgen sich nicht
mehr auf das eigene Dasein richteten. Der Kinder des Winzelwaldes gedachten die
Alten, für die fürchteten und hofften sie. Und auch die Kinder aus dem Walde
hatten sich wieder zusammengefunden; aber es war ihnen nicht so gut geworden wie
den drei Alten: ein Grab, ein Krankenlager und ein von tausendfachem Weh
zerrissenes Herz - das war's, was die drei Kinder aus dem Winzelwalde im wilden
Wald der Welt gefunden hatten.
    Der Regen rauschte immer heftiger hernieder; sein Haupt barg der gigantische
Baum, an dessen Stamm Robert lehnte, in den Wolken. Der Gesang der Goldgräber im
Tal verstummte, in den Wäldern gegenüber krachte ein Büchsenschuss und weckte
hallend das Echo. Begriff von Zeit hatte Robert jetzt nicht; ob sich der
Hauptmann von Faber seit einem Augenblick in jener Hütte befand oder ob Stunden
vergangen waren, seit sich die Tür hinter dem Reisenden schloss - der Bruder am
Grabe des Bruders wusste es nicht.
    Durch den Raum zwischen der Fichte und der Blockhütte, welche die kranke
Frau des Bruders barg, drängte sich ein verworrenes Gewühl von Figuren und
Szenen aus allen Epochen seines jungen Lebens, und das Trivialste verschlang
sich immer unauflöslich mit dem Ergreifendsten. Das Dorf Poppenhagen, die grosse
deutsche Stadt, die Universität - der Eulenbruch, des Pastors Tanne
Studierstübchen, das Polizeibüro mit dem Hauptmann auf der Armensünderbank, die
Wohnung Fiebigers, der Giebel des Sternsehers - alle sandten Gestalten, Klänge,
wahnsinnig ineinander verschlungen, über das Meer, und mit halbirrem Lachen sah
Robert Wolf, während sein Herz in tödlicher Qual fast zerbrechen wollte, den
Schauspieler Julius Schminkert Toilette machen und musste sich fragen, wie es
möglich sei, dass man solche Körperverrenkungen dabei zustande bringen könne.
    Die Qual dieser Minuten war unerträglich; was half es, dass der Leidende alle
Seelenkräfte zusammenraffte; machtlos war der eine Geist vor der Masse der
Geister, welche aus dem Boden emporstiegen zwischen dem Krankenlager Eva
Dornbluts und dem Grabe Friedrich Wolfs.
    Nun aber öffnete sich die Tür der Blockhütte; ein junges Chinesenweib
erschien auf der Schwelle und starrte nach der Fichtengruppe hinüber, Robert
bemerkte jeden Zug ihrer wunderlich zusammengedrückten Physiognomie, jede
Einzelheit ihres Anzuges von den Schuhen bis zu dem Pfeil im glänzend schwarzen
zusammengedrehten und zurückgekämmten Haar; und doch wurde die Unerträglichkeit
dieses Wartens immer fürchterlicher. Die Tochter des himmlischen Reiches zog
sich wieder zurück, wie es schien, von innen gerufen, und statt ihrer trat
endlich, endlich Konrad von Faber auf die Schwelle und winkte.
    
    Vorüber war der Kampf, unter welchem Robert Wolf gelitten hatte, zerstoben
war der Geistertanz; mit einem Sprunge war der Sohn des Winzelwaldes an der
Seite des Reisenden - er stand in dem verdunkelten, engen, heissen Raum der
Blockhütte, und von einem niedrigen Lager richtete sich bleich, hager, mit
fieberglühenden Augen Eva Wolf aus Poppenhagen auf und breitete mit einem
klagenden Ruf der Arme aus. So kamen Robert und Eva seit dem Tage, an welchem
der Polizeileutnant Kirre sie in dem Hause des Kunstfreundes und
Regenschirmfabrikanten Schwebemeier in der Lilienstrasse trennte und den Baron
von Poppen aus der Gefahr der Erdrosselung errettete, zum erstenmal wieder
zusammen. So kurze Zeit und so grosser Wechsel - neben dem Krankenbett Evas
kniete Robert, und die Frau des Bruders schlang ihre Arme um seinen Hals und
vermischte ihr Schluchzen mit allerlei abgebrochenen Liebkosungen und Ausrufen.
    Ein stummer, tiefbewegter Mann stand der Reisende Konrad von Faber, der
soviel gesehen hatte von der Welt und in der Welt, neben den beiden, und die
chinesische Frau starrte verwundert an seiner Seite auf ihre Herrin und den
fremden jungen Mann.
    Nicht mehr die schöne, wohl aber noch die stolze, tapfere Eva hielt Robert
umfangen. Jetzt brauchte sie sich nicht mehr seiner Umarmung zu entziehen. Fest
hielt sie ihn an ihr Herz gedrückt und küsste ihm Mund und Stirn.
    »Da bist du, da bist du!« rief sie. »So - hier müssen wir uns wiederfinden.
Du guter, lieber Bruder, wie danke ich dir, dass du gekommen bist! Ich fühle mich
jetzt viel wohler, viel besser als damals, in jenen bösen Stunden, da ich dich
rief. O solch einen weiten Weg bist du meinetwegen gekommen! Vielleicht hat dich
mein Schrei um Hülfe aus dem Schoss des Glückes emporgerissen und fortgetrieben.
Bruder, lieber Bruder, ich hätte dich nicht gerufen, wenn mein armer Kopf damals
so klar gewesen wäre, wie er jetzt ist. Aber sieh - ich - werde dich nicht lange
auf dem Wege aufhalten; Segen über dich; bald, bald sollst du wieder gehen
dürfen!«
    »Dein Ruf hat mich in keinem Glück gestört. Vielleicht hätte ich mich, auch
ohne dass du nach mir verlangtest, zu dir geflüchtet. Vielleicht bedarf ich
deiner mehr, als du mich nötig hast, du Liebe, Starke. Wir haben uns soviel
mitzuteilen; von deinem Lager weiche ich nicht, bis du ganz genesen bist, und
dann - dann gehen wir über das Meer zurück und suchen die Heimat wieder auf, die
rechte wahre Heimat, den Winzelwald und das stillste, vergessenste Tal darin.«
    Die Kranke schüttelte den Kopf:
    »Und Friedrich? ... Nein, Bruder, meine Heimat, meine wahre Heimat ist hier
auf dieser fremden Scholle, ist hier neben dem Grabe unter jener Fichte.«
    Sie blickte durch das schmale Fenster neben ihrem Lager nach der Baumgruppe,
unter welcher vorhin Robert Wolf stand.
    »Ich sah dich stehen, Bruder«, fuhr Eva fort, »dort an Friedrichs Seite. Du
warst ihm so ähnlich. Nun bist du hier, ich halte deine liebe Hand; dort draussen
steht noch der Tote und winkt. Sie haben seinen Leib begraben unter den hohen
Bäumen; aber seine Seele konnten sie nicht begraben. Seine Seele irrt um jenen
Fleck und wartet auf mich, bis ich komme. Und ich komme bald, ich weiss es; der
Tote hat keine Ruhe, und ich auch nicht. Wir gehören nun einmal zueinander -
dort, dort, neben den Fichten, Robert, lege meinen Leib hin, dass meine Seele mit
der deines Bruders fortgehen kann aus diesem traurigen Tal, wo man so arg friert
und doch von giftigen Flammen verzehrt wird.«
    »Schwester! Schwester!«
    Die Kranke schwieg einige Minuten; dann fuhr sie mit der Hand über die
Stirn, dann legte sie dieselbe Hand auf Roberts Schulter und lächelte trübe:
    »Erschrick nicht, armer Bruder, wenn ich manchmal etwas toll
durcheinanderspreche; ich bin nicht allein in meinem Gehirn, das Fieber sitzt
mit darin, und das ist ein böser, eigenwilliger Gast. Sieh, Robert, ich sterbe
doch als ein glückliches Weib; denn ich habe Fritz zu einem glücklichen Mann
gemacht, solange er lebte. Und in seinem brechenden Auge habe ich noch seine
Liebe gelesen, und die war so stark, dass dieser letzte Blick mich ihm nachzieht
- hinaus über jenen Hügel unter den Fichten. Lass meine Hand los, Robert Wolf,
soll ich deines Bruders Leib hier in der Wildnis unter den fremden, wüsten
Gesichtern allein lassen? Lass meine Hand, Robert! Sei ruhig, Fritz, ich komme
schon - ich bin da; Samana ist schon gesattelt. Zieh den Gurt fester an, Scipio,
dass es nicht wieder geht wie vor Santa Fé, wo der Herr durch deine Schuld so
sehr über mich lachte. Wie die Prärie im grünen Glanz wogt! Ready, Fred -
vorwärts, meine Herren! Komm, Fritz, du musst neben mir reiten - Galopp! Ah wie
schön, so wild in die untergehende Sonne hineinzujagen!«
    Immer tiefer verlor sich die Kranke jetzt in ihre Phantasien. Sie glaubte,
an der Seite des geliebten Mannes über die grossen Wiesen gegen die Felsengebirge
zu galoppieren, indianische Krieger, kühne Jäger aus allen Nationen neben sich,
vor sich, hinter sich. Manchen unbekannten Namen rief sie; die Genossen der
vergangenen Tage waren lebendig um sie. Sie lachte und strich die Haare aus der
Stirn; auch den Namen Marie Heil rief sie zärtlich; ihre Phantasien quälten sie
nicht, sie waren nicht schreckhafter Art, sondern glänzend, lebhaft, angenehm.
    Konrad von Faber fasste die Hand Roberts und zog ihn ein wenig vom Lager Evas
fort.
    »Kommt jetzt«, sagte er, »wir wollen aus der Hütte gehen; Loatoa ist eine
gute treue Wärterin und wird der Kranken in diesem Augenblick von grösserm Nutzen
sein als wir beide. Selbst in ihren Träumen ist sie noch die prächtige Eva Wolf,
die Waldfürstin, die Königin der Prärien. So sind ihre Phantasien immer;
entweder befindet sie sich inmitten der Szenen ihrer Jugend, oder sie leidet,
kämpft, jubelt und triumphiert mit dem tollen Fritz. Das Elend hat keine Macht
über sie; es ist herzzerreissend, aber es ist prachtvoll. Kommt, Herr; der Anfall
wird vorübergehen - morgen früh werdet ihr ruhiger miteinander reden können.«
    Die beiden Männer traten aus der Hütte. Der Regen war vorüber; von allem
Gestein, aus allen Schluchten, von Busch und Baum rieselte, rauschte und tropfte
es. Verstummt war der Gesang der Goldgräber. Jeder war zu emsig mit seiner
Arbeit beschäftigt, und die Arbeit war zu schwer, als dass man dabei hätte singen
können. Nieder zur Talsohle stiegen Faber und Robert und sahen von einem
Felsenstück aus dem merkwürdigen Treiben zu. Der Gegensatz zwischen der
fieberhaften Aufregung, der keuchenden Hast, dem gierigen Wühlen in Schmutz und
Schlamm hier und dem Aufgeben jeder irdischen Hoffnung durch das kranke Weib
droben in der Hütte war überwältigend. Nimmer wurde die harte Wahrheit von der
Nichtigkeit und Eitelkeit der menschlichen Dinge, an welche sowenig Leute
glauben wollen, so eindringlich gepredigt wie hier im Stromgebiet des
Sakramento. Wahrhaft erschütternd wirkte der Kontrast auf den Verlobten Helene
Wienands; o wie hohl fühlte er diesen golddurchzogenen Boden unter seinen Füssen.
Keine Macht der Welt hätte ihn in diesem Augenblick bewogen, ebenfalls zum Bett
des Flüsschens niederzusteigen und einzutreten in die Reihen der Goldgräber.
    Konrad von Faber las klar in den Gesichtszügen des jungen Mannes.
    »Ihr habt recht«, sagte er, »man lässt am besten die Finger davon, wenn man
es irgend vermeiden kann. 's ist ein Hasardspiel wie zu Baden-Baden oder
Wiesbaden, und Hasardspiele sind überall und immer gefährlich. Dort, wo die
Eiche niedergebrochen ist vom Sturme, habe ich der kalifornischen Fortuna mein
Kompliment gemacht, und, by Gad, die Dame war gnädig genug und warf mir an einem
Tage mehr vom Nerv der Dinge in den Hut als andern, die dankbarer dafür gewesen
wären, in Monaten. Mit Bowiemesser und Büchse habe ich aber den Claim, das heisst
das Loch, in welchem mir der Dreck bis an den Hals ging, verteidigen müssen, und
nach Haus werde ich von den Schätzen nichts bringen als für ein paar neugierige
junge Frauenzimmer im Osten drüben einige Schächtelchen mit blinkendem Staub,
soviel als man zwischen Daumen und Zeigefinger halten kann - nicht genug zu
einem Trauring für die naseweisen jungen Persönchen. Nun kommt, ich will Euch
zeigen, wo Ihr für die nächste Zeit hausen werdet.«
    Robert Wolf folgte dem Hauptmann abermals die Berglehne hinauf, und Faber
brachte ihn zu einer Hütte, die ungefähr hundert Schritt von der Evas gebaut
war.
    »Mein Haus und meine Burg! Tretet ein und seid willkommen. Ich weiss, die
Wölfe vom Eulenbruch sind nicht verwöhnt. Nehmt vorlieb mit dem, was ich Euch in
der Wildnis bieten kann.«
    Ein roher Tisch, einige leere Kisten, ein Lager aus Fellen und wollenen
Decken bildeten die Ausstattung, den Hauptschmuck ein an der Wand ausgespannter
riesenhafter Pelz des eigentlichen amerikanischen Waldherrn, des grauen Bären.
    »Der Mensch kann geistig wie körperlich mit ungemein Wenigem auskommen,
Herr«, sagte der Hauptmann. »Geistiger und körperlicher Überfluss kann zwar etwas
sehr Angenehmes sein; aber das Glück wird dadurch nicht bedingt. Dass der
Millionär oft seinen Schuhputzer zu beneiden hat, ist eine alte Geschichte;
vielleicht findet aber auch öfters, als man für möglich hält, ein ähnliches
Verhältnis des Neides zwischen dem erleuchtetsten Philosophen, dem sublimsten
Poeten und dem Schuhputzer statt. Nochmals willkommen im Hawk-Gulch und unter
dem Dache Konrad Fabers. Hier ist das Mehlfass, hier der Whiskykrug, Knaster und
Zigarren, hier eine Kiste mit Crakkers, Schiffszwieback, an welchem Ihr Euch
aber die Zähne nicht ausbeissen dürft. Da ist auch ein Bündel getrocknetes
Fleisch und hier das Tintenfass, ein Dutzend Federn von einer wilden Gans und
einige Buch Papier. Frisches Fleisch holen wir aus den Bergen und Wäldern. Hier
ist noch ein Haufen trocknes Holz, hier das Feuerzeug, nun seid so gut und
zündet Feuer an, ich will derweilen die Pfanne reinigen; - gebt acht, es ist
unter Umständen sehr nützlich zu wissen, wie man einen flap-jack, einen
amerikanischen Pfannkuchen, bäckt.«
    Hals über Kopf stürzte der Wirt den Gastfreund in die Sorgen der
Haushaltung; er tat es mit Absicht, um ihn zu verhindern, sich zu sehr seinen
trüben Gedanken hinzugeben. Auch sich selbst schien er durch Lärmmachen in eine
bessere Stimmung setzen zu wollen. Er sang ein tolles amerikanisches Tanzlied:
Here we go up, up, up,
Here we go down, down, down,
Here we go backwards and forwards
And here we go round, round, round.
Dann unterbrach er sich und fragte:
    »Was spluttert und knackt das Holz im Feuer? Spuck hinein, Bob; die alten
Weiber zu Hause meinen, es gäbe noch Zank in der Wirtschaft, wenn das nicht
geschehe.«
    Nun gab er es wieder auf, heiter und ruhig zu scheinen, warf den Sombrero
zur Seite und wischte den Schweiss von der Stirn; er legte die Hand dem jungen
Gastfreund auf die Schulter:
    »Es hilft nichts; zum Teufel mit der lustigen Fratze! Ja, mein Sohn, du hast
recht, es ist ein traurig Ding. Ich will's nur gestehen; wenn ich in der letzten
Zeit manchmal, wenn Loatoa draussen wirtschaftete, allein bei ihr sass am Bett, so
sind mir die dicken Tränen in den Bart gelaufen. Mein armer Junge, es ist ein
Jammer, dass das Herrlichste, was es in der Welt gibt, so zugrunde gehen muss. Der
Tod en masse bedeutet gar nichts; aber das einzelne Sterben dieses Weibes ist
scheusslich.«
    Robert Wolf starrte in das Feuer, welches er angezündet hatte, und
antwortete nicht. Die beiden Männer gingen dann noch einmal hinüber zur Hütte
Evas; aber die Kranke schlief, die Chinesin sass regungslos am Bett; - die Männer
konnten nicht das mindeste für das Weib Friedrich Wolfs tun.
 
                           Einunddreissigstes Kapitel
  Es wird ein neuer Hügel unter den drei Fichten aufgeworfen; Konrad von Faber
            hält eine Rede; Robert Wolf findet, was er nicht suchte
Bis zum Ende des Herbstes kämpfte Eva Wolf mit dem Tode. Anfangs machte, wie es
schien, die Ankunft des Jugendfreundes einen guten Eindruck auf ihr Befinden;
das Fieber liess nach, kehrte nur in immer grössern Zwischenräumen wieder, die
Kräfte nahmen zu, und auch die Hoffnung Roberts wurde immer grösser. Den
europäischen Arzt konnte dieser Wechsel täuschen, den weitgewanderten Konrad von
Faber täuschte er nicht; der Hauptmann wusste, dass die Kranke sich nicht wieder
von ihrem Lager erheben, dass der Hügel unter den drei Fichten nicht allein
bleiben würde. Er hatte recht; doch Robert wollte nicht daran glauben. Neben der
Kranken sass der Bruder Friedrichs und redete mit ihr von der Vergangenheit und
von der Zukunft. Diese beiden Menschen hatten keine Geheimnisse mehr
füreinander. Alles, was uns hienieden abhält, uns einander, wie wir sind, zu
zeigen, war zwischen diesen beiden nicht mehr vorhanden. Gefühle, Empfindungen,
die Robert selbst den Freunden auf dem Observatorium des Sternsehers zu
offenbaren gezögert hätte, legte er Eva offen dar. Ausführlich vernahm er die
Geschichte seines Bruders, wie Fritz zusammen mit Eva gekämpft hatte, wie er
unterlegen war; - ausführlich erzählte er selbst der Frau des Bruders den
eigenen Lebenslauf, die eigene Entwickelung seit dem Tage, an welchem er sie in
der grossen Stadt gesucht und wieder verloren hatte, um sie jetzt in Wahrheit zu
finden. Von dem Polizeischreiber Fiebiger, von dem alten Ulex, von dem
Freifräulein von Poppen, von Helene, dem Baron Leon und dem Bankier berichtete
er, und mit immer gesteigerter Teilnahme horchte Eva.
    Als sie alles wusste, sagte sie:
    »O lieber Robert, sei getrost! Aus dem, was du mir erzählst, merke ich, dass
sie dich liebt, wie ein Weib lieben muss. Verzweifle nicht - ihr Herz wird nicht
von dir lassen, und das ist allein das Wahre. Sie wird auch schon ausharren und
dich mit ihrem Herzen erwarten. Wir Frauen sind sehr schwach; aber wir können
auch sehr stark sein. Ihr Männer sagt zwar auch, dass ihr hofft; aber wie häufig
täuscht ihr euch und rechnet da, wo ihr zu hoffen meint! Es ist nicht anders,
und es wird auch wohl so gut sein. Grosse Schmerzen können wir Frauen ertragen,
nur die Liebe muss dabeisein; ohne die Liebe sind wir nichts. Mein Leben ist ein
kräftiges Beispiel davon, was die Liebe und die Hoffnung bei uns Frauen
vermögen. Sei getrost, Bruder; ich habe dir einst gesagt, du würdest das rechte
Herz finden, welches niemand dir rauben könne, welches ganz dein eigen sei; du
hast es gefunden. Was sich zwischen dich und dieses Herz drängt, das sind
irdische Gewalten; - die vermögen nichts, und durch irdische Gewalten können sie
wieder aus dem Wege getrieben werden.«
    Die Kranke schwieg eine Weile und versank in ein tiefes Nachdenken, dann
sagte sie ganz leise:
    »Hätte ich dich doch nicht hierher gerufen! Weiss ich es doch zu sehr, welche
Qual es ist, wenn so weite Meere und Länder zwischen uns und dem schönsten Teile
unseres Daseins liegen. Aber gedulde dich nur, vielleicht ist es doch gut, dass
ich dich rief. Die Sterne lieben es, für uns zu wirken, während wir in der Ferne
an ihnen verzweifeln wollen. Das habe ich so oft erfahren, an das glaube ich
auch jetzt noch in der höchsten Not. Glaube den Sternen, Bruder, wir brauchen
nun nicht lange mehr zu warten; jeder wird binnen kurzem seinen Pfad gehen - ich
dahin, dort, wo der Tote lächelnd winkt, du weiter durch das Leben, zurück über
das Meer, wo deine Sterne leuchten. Seit ich dich gesehen habe, seit ich deine
Hand halte, ist eine unbeschreibliche Ruhe, ein Friede über mich gekommen,
welche nur Gutes bedeuten können, Gutes für dich und mich; denn ich weiss sicher,
ich wäre nicht so still, wenn es nötig wäre, um deine Zukunft zu sorgen.«
    Robert versuchte es nicht mehr, der Schwester die Todesgedanken auszureden;
aber desto mehr sprachen die beiden von ihrer Jugendzeit im Winzelwalde. Alle
alten Erinnerungen riefen sie wach, während der kalifornische Herbstregen
draussen vor der Hütte niederrauschte und der Sturm aus den Bergen herüberfuhr,
die Gipfel der Riesentannen durchsauste und in den Wäldern hohe Zedern und
Eichen wie dürres Reisig knickte. Oft fuhr Robert zusammen; doch die Kranke
achtete den Orkan nicht, sie schien ihn gar nicht zu hören. Es kam ein Mann
durch, welcher von gewaltigem Schneefall noch höher in den Bergen erzählte;
Onion-Vallei unter der Pilotenspitze sollte mit einer Bevölkerung von
hundertundzwanzig Personen schon tief unter dem Schnee begraben liegen.
    »Ganz so schlimm wird's hier nicht werden; aber frei werden wir auch nicht
ausgehen«, meinte der Hauptmann.
    Eva Wolf kümmerte sich nicht um den drohenden Winter; in ihrer Erinnerung
war es Frühling - Sommer. Den Waldbach, welcher durch das Dorf Poppenhagen
rauschte, durfte keine Eisrinde bedecken; grün und sonnig blieb der Grasgarten
zwischen dem Kantorhaus und der Pfarre - jaja, ewigen glänzenden Sonnenschein
hatte Eva Wolf aus ihrem schönen Leben in das winterlich kalte dunkle Tal in
Yuba-County gerettet!
    
    Frei und hochsinnig blieb aber dabei ihre Anschauungsweise bis zum letzten.
Sie klagte nicht: Ach wären wir doch nimmer aus dem Walde herausgegangen! -
Trotz allem Schmerz der Gegenwart hätte sie doch nicht, wie sie sagte,
gebrochene Adlerflügel gegen gesunde Taubenfittiche vertauscht.
    Hier war ein anderes Streben nach dem Gold, den Herrlichkeiten, der Ehre und
der Macht der Welt als dasjenige, welches sich in dem Bankier Wienand
darstellte. Rücksichtslos, aber doch frei vom kalten, kahlen Egoismus hatte
Fritz Wolf nach allem, was unter dem Himmelszelt dem Menschen wünschenswert
erscheinen kann, gegriffen, und noch höher als der Mann hatte sich das Weib über
den Staub und Schmutz der Erde erhoben. Beide gingen sie unter; aber sie stiegen
tragisch in stolze Gräber nieder; sie klammerten sich nicht jammernd an das
Leben und seine Hoffnungen; lächelnd winkten sie von der Pforte der Ewigkeit
zurück. Um das Dasein und seine Schätze hatten sie gespielt, doch nur der
Aufregung, nicht des Gewinnes wegen; der Kampf war zu Ende, und sie gingen
davon, und Gegner, Zuschauer und Freunde neigten ernst, ergriffen, klagend die
Häupter.
    Gegen Ende des Herbstes starb Eva Wolf aus dem Winzelwalde, und Konrad von
Faber und Robert bereiteten ihr die letzte Ruhestätte unter den hohen Fichten an
der Seite Friedrichs. Alle die wilden trotzigen Gesellen unterbrachen ihre
gierige Jagd nach dem kostbaren Metall und folgten der Leiche zu Grabe. Als der
Erdhügel sich über dem wohlgezimmerten Sarge erhoben hatte, lehnte sich Konrad
von Faber inmitten der Rotemden auf den Spaten und sprach:
    »Zwei neue Gräber auf dem jungen Boden! Da liegen die stillen Schläfer und
horchen im Traum auf die Fusstritte des grossen Volkes, welches kommt - Welle auf
Welle - und einst hier wohnen wird. Ich rechne, Gentlemen, wir haben den, der
sein Teil von Hitze und Kälte, von des Tages Last und Mühe getragen hat und nun
ausruht, wie die beiden unter diesen Hügeln, nicht allzusehr zu bedauern. Ihr
Part am Welt-business ist vorüber. Ihr Konto ist geschlossen, und drüben am
andern Ufer werden die Toten das Boot loben, in welchem sie den Fluss kreuzten.
Aber wenn sie auch in Sicherheit sind: der grosse Ladenhalter - shopkeeper der
Welt - schliesst darum sein Geschäft noch nicht; hat's auch fürs erste nicht
nötig, denn die Fonds sind gut, und aufs Spekulieren versteht er sich. Ich sage,
Gentlemen, dies ist eine gute Stelle, um zu liegen und auszuruhen und auf die
Tritte der Kommenden zu horchen. Hört ihr die Schritte? Einzeln, zu zweien,
zwanzigen - Tausenden, Millionen - the whole hog! Es wird eine Zeit geben, da
wird die grosse Flagge der Zukunft hier entfaltet sein. Dann gibt es vielleicht
ein England des Stillen Ozeans, welcher dann sehr lebendig sein wird. Wir
nennen's heute Japan und stehen davor wie vor einem dunkeln stummen Rätsel. In
jener Zeit werden gewaltige neue Nationen auf riesenhaften Schiffen zwischen den
Ufern Asiens und Amerikas verkehren wie jetzt zwischen Hull und Hamburg, Dover
und Calais. Da wird die Zivilisation ihren Lauf um den Erdball vollendet haben,
und die alte Europa, einst eine so schöne, blühende Jungfrau, einst geliebt von
Zeus dem Götterkönig, wird dann ein vertrocknetes Mütterlein sein, das uralte
und alte Schätze und Andenken in altväterlichen Kommoden und Schränken und in
der Schürze hält. Da werden die jungen Weltvölker kommen und sich Märchen und
Historien aus vergangenen Tagen erzählen lassen. Berichten wird das
Grossmütterchen von Assyriern, Ägyptern, Chaldäern, Griechen, Römern und
Germanen, von der Stadt Babylon und Jerusalem, vom Kampf um Troja, von der Stadt
Aten, der Stadt Rom, der Stadt Berlin, der Stadt Paris und der grössesten Stadt
der Alten Welt, London. Und Gesänge wird sie singen von Hektor und Achill, vom
Fall der Nibelungen, von Hamlet dem Dänen, Macbet und dem alten König Lear, vom
Wallenstein und Tell, und zuletzt das grosse tragische Leid vom Faust. Da werden
die jungen Völker immer von neuem grübeln und staunen über die versunkene Welt;
aber der alte modus operandi wird das junge Blut auch immer weitertreiben, und
nach den Sternen sehend, wird die Menschheit ihren Weg vollenden. Vollenden? Was
kümmert's uns, was geworden ist, wenn die Schlange wirklich ihre eigene
Schwanzspitze erschnappt hat? - Noch eine Schaufel voll Erde auf das Grab der
Frau, welche wir heute begruben! Es ist geschehen - ihr Recht haben die Toten;
rührt euch, ihr Lebenden, denn auch eure Stunde kommt. Je härter der Kampf um
das Dasein, desto süsser die Ruhe. Auf, auf, Robert Wolf, fort mit der Träne aus
dem Auge! Ein feuchtes Auge sieht nicht klar, nicht scharf, und man hat's nötig,
scharf auszuschauen, solange man noch auf den Füssen steht. Gentlemen, wir danken
euch für euer Geleit zu diesem Grabe. Gut Glück einem jeden!«
    Die Goldgräber, die wenig genug von des Hauptmanns Rede verstanden hatten,
drückten der Reihe nach Roberts Hand und zerteilten sich im Tal, um die
unterbrochene Arbeit mit verdoppeltem Eifer aufzunehmen und die verlorene Zeit
einzubringen.
    Eine Weile standen Faber und Robert stumm bei den Gräbern; dann sagte der
erste:
    »Ich kalkuliere, wir bleiben bei dem besprochenen Plan. Den Emigrantenweg
nach Missouri wird in einigen Wochen der Winter versperren, in San Francisco
haben wir nichts zu suchen; - so warten wir denn hier auf den neuen Frühling,
und währenddem, Herr, mögt Ihr Euer Glück auf dem Boden der goldenen Visionen
versuchen. Unglück in der Liebe, Glück im Spiel! Das Goldsuchen ist auch ein
Spiel, und zwar, wie schon gesagt, Hasard wie irgend etwas. Also, Mann, ans Werk
mit Schaufel und Spitzhacke. Benutzt die Zeit, welche Euch noch zur Arbeit
übrigbleibt. Eures Bruders Claim ist noch nicht wieder besetzt; tretet ein für
den Toten, und wenn Ihr weiter nichts findet als müde Knochen und einen guten
Schlaf am Abend, so ist das viel gewonnen bei Eurer jetzigen Gemütsstimmung.«
    Robert sah ein, dass der Rat gut war, und so stieg er nieder in die Grube,
welche sein Bruder gegraben hatte. Wasser zum Ausschlemmen der Erde hatte der
Herbst in Fülle gebracht; die Handgriffe der angreifenden Arbeit waren bald
gelernt, und Robert fand mehr als müde Glieder. Der Hauptmann rührte keine Hand;
auf einem Stein oder Baumstamm sitzend, seine kurze Pfeife im Munde, sah er mit
philosophischem Gleichmut zu, wie der junge Genosse sich abmühte und wirklich in
kürzester Frist beträchtliche Schätze dem Boden abgewann.
    »Es geht gut!« rief er bei jedem neuen Funde. »Nur zu, wenn Ihr auf dem
Urgestein, dem Granit angekommen seid, werdet Ihr schon von selber aufhören.
Teufel, mein Junge, wenn das so fortgeht, könnt Ihr drüben im alten Lande mehr
als einen Affen tanzen lassen.«
    Robert Wolf wühlte das Gold mit einer Art wilder Ironie aus der Erde. Einmal
fiel ihm ein Stück von bedeutendem Gewicht in die Hand; er wog es in der Hand,
und vor seinem Geiste empor stieg das Bild des Bankiers Wienand während der Zeit
seiner Geisteszerrüttung; - schaudernd liess er das gleissende Metall fallen und
setzte den Fuss darauf, als wolle er es wieder in den Boden treten. Aber Konrad
von Faber legte es zu dem übrigen und meinte:
    »Eure Gedanken sind anerkennenswert, aber doch töricht. Wenn etwas jenem
Spiess der griechischen Sage, der verwundete und zugleich die Wunde heilte,
gleicht, so ist es das Gold. Wer weiss, welches Gewicht dieses Stückchen blankes
Metall in der Waagschale Eures Glücks bedeutet? Wir leben in einer sehr realen
Welt, mein Sohn, und obgleich wir keine Flügel haben, so wäre es doch durchaus
ungerechtfertigt, wenn wir aus Ärger darüber auf dem Kopfe gehen wollten. Grabt
nur zu, solange das Wetter gut ist, im Namen unseres alten Freundes vom
Polizeibüro Nummer dreizehn, im Namen Fiebigers, grabt zu; über die Verwendung
dessen, was Ihr findet, mögt Ihr nachher daheim den weisen Mann vom Giebel des
Nikolaiklosters um Rat fragen.«
    Bald war der junge Goldgräber im Besitz dessen, was die Amerikaner im Lager
a competency, ein zulängliches Vermögen, nannten. Für deutsche Begriffe war
Robert Wolf ein reicher Mann geworden, und manch ein anderer Erdensohn hätte
unter solchem Anlächeln der Göttin Fortuna jeden andern Kummer vergessen und
wäre sehr mit seinem Schicksal zufrieden gewesen.
    Robert freute sich nur insofern, als er jetzt seinem Pflegevater, dem alten
Fiebiger, das Leben behaglicher machen konnte.
    Während der wenigen Wochen, in denen Robert im Schweisse seines Angesichts
grub, jagte der Hauptmann, allein oder in Gesellschaft mit andern, Europäern,
Amerikanern oder Pikosindianern. Nachts aber fanden sich die beiden Männer am
Feuer in der Blockhütte zusammen, tauschten die Erlebnisse des Tages
gegeneinander aus oder besprachen anderes, welches zugleich ferner und näher
lag. Bald machte der Winter die Arbeit in den Goldgruben unmöglich, und willig
liess Robert trotz seines Glückes Schaufel, Hacke und Schwemmpfanne sinken.
    Schnell verging die Zeit in dem Blockhaus, und auf den Winter folgte der
neue Frühling.
    »Diejenigen irren«, sprach eines Abends Konrad von Faber, »welche meinen,
die Gesellschaft gehe durcheinander wie Mäusedreck und Koriander. Es ist Metode
in allem, auch darin, wie die Infusionstiere in einem Wassertropfen sich
gegenseitig auffressen. Je mehr man das einsieht, desto weniger ärgert man sich.
Es gibt keinen Menschen in der Welt, welcher nicht einem andern im Wege steht,
und darin liegt unter Umständen auch ein Trost, Bob. Da ist Euer und mein Freund
Fiebiger in seiner Polizeistube; ich kalkuliere, der Mann hat Euch öfters
dasselbe gesagt.«
    »Sie haben recht, Herr von Faber«, sagte Robert seufzend. »Aber es ist doch
sehr traurig.«
    »Bah, das sagt Ihr jetzt, wo Herr Leon von Poppen die Oberhand, die beste
Karte im Spiel hat; träte das Gegenteil ein, was gar nicht so unmöglich ist, so
würde es freilich heissen: Was ist, ist gut, es ist nicht mehr als billig, als
dass sich das Laster und der Herr Baron zu dem Spucknapf in die Ecke
zurückziehen.«
    »Aber Helene?!« rief Robert. »Was soll sie denn in Eurer harten,
selbstsüchtigen Welt? Ich gebe Euch recht, wir haben Waffen und Rüstung und sind
daher nicht zu bedauern. Aber die Waffenlosen, die Wehrlosen? Sind sie nur ein
Spielball derer, die da kämpfen können?«
    Der Hauptmann nickte:
    »Ja, da liegt der grosse Jammer, und weder Fiebiger noch Konrad Faber,
welche, jeder auf seine Weise, nach der besten Welt gesucht haben, haben viel
Sinn in dieses dunkle Kapitel gebracht. Hat Euch der Mann im Niklaskloster, hat
Euch Ulex nichts darüber gesagt?«
    »Er wies nach oben und sprach: Seht nach den Sternen!«
    »So tut das und lasst mich und den Polizeischreiber ungeschoren! ... Übrigens
gehen wir in acht Tagen nach San Francisco, um Euer Metall gegen Wechsel
umzutauschen, und dann - zu Pferde, Sir! Unsere Zeit hier ist um, der Weg nach
Osten ist frei; Ihr werdet sehen, Herr, wie solch ein Ritt über den
nordamerikanischen Kontinent die Brust frei macht. Nehmt Abschied von den
Gräbern, Wolf, und kümmert Euch nicht, wie die alte Frau drunten in San
Francisco, weil niemand für sie sorgt. Die stolzesten Grabmäler werden in den
Herzen der Menschen erbaut.«
    Es kam der Tag, wo Robert zum letztenmal, mit entblösstem Haupte, unter den
drei Riesenfichten stand.
    »Lebe wohl, Fritz«, rief er. »Lebe wohl, Bruder! Früh haben uns unsere
Sterne getrennt, hochherzig und edel bist du deines Weges gegangen; und als ich
- ein armer unwissender Knabe - die Sterne falsch deutete, hast du nicht gelacht
und gespottet, sondern liebend hast du mir auch aus der Ferne die treue Hand
geboten. Körperlich waren wir voneinander geschieden seit unserer Kindheit; aber
unsere Seelen haben sich wieder zusammengefunden, als wir Männer geworden waren.
Ruhe sanft, Bruder; ein leuchtend Beispiel sollst du mir sein, und vor jeder
Schwierigkeit des Lebens will ich deiner gedenken! ... Lebe wohl, Eva, teure
Schwester! Schwester, Schwester ...«
    Tränen erstickten die Stimme des Trauernden; er liess sich auf ein Knie neben
dem Grabhügel nieder und beugte tief das Haupt. In Worten liessen sich seine
Gefühle nicht ausdrücken. Konrad von Faber beobachtete den jungen Genossen aus
einiger Entfernung; dann trat er auf ihn zu, und sanfter, als es sonst in seinem
Wesen lag, sagte er:
    »Lasst es nun genug sein, Freund! Von den Göttern wie von den Weibern mag es
heissen: ferrum est, quod amant. Die Toten, welche unter diesen beiden Hügeln,
Brust an Brust, begraben liegen, wollen nicht mit weinenden Augen beklagt sein.
Erhebt Euch, wir müssen fort; die Maultiere warten, und Loatoa will Euch
Lebewohl sagen.«
    Einen letzten Blick warf Robert auf die Ruhestätten Friedrichs und Evas;
dann folgte er festen Schrittes dem Hauptmann. Sie nahmen Abschied von der
Chinesin, die Erbin ihres Hausstandes wurde, sie nahmen Abschied von den
Bekannten, welche sie im Lager der Goldgräber gewonnen hatten, und in vier
verschiedenen Sprachen wurde ihnen gut Glück auf die Reise gewünscht.
    »Gut Glück auch euch, Kameraden!« rief Konrad von Faber. »Ihr Herren aus
Deutschland, England, Frankreich und Spanien, ihr Herren Bürger der Union, ihr
Herren Bürger von Mexiko, gut Glück! Möge im rechten Augenblick immer ein
tüchtiger Platzregen auf eure Tollköpfe und Revolverzündlöcher fallen! Lebt so
wohl, wie ihr könnt!«
    Die Männer, welche den Wunsch verstanden, lachten. Loatoa vergoss einige
Tränen; am Abend schlugen Faber und Robert ihr Lager wohl acht englische Meilen
vom Hawk-Gulch im Walde auf, und in derselben Nacht wurde von einigen der
Gentlemen, welchen der Hauptmann so gute Wünsche zurückgelassen hatte, der
Versuch gemacht, den beiden Reisenden ihre Reise zu erleichtern und ihnen die
Last ihres Goldes abzunehmen. Es fiel aber kein Regentropfen auf die Büchsen des
Hauptmanns und seines Begleiters; die Herren gaben ihre freundschaftliche
Absicht auf, nachdem etwas Blut geflossen war, und zogen sich fluchend über die
damned Dutchmen zurück. Glücklich vollendeten Konrad von Faber und Robert ihre
Reise und zogen wohlbehalten mit ihren Schätzen in San Francisco ein.
 
                           Zweiunddreissigstes Kapitel
  Ein Ritt vom Stillen Ozean zum Missouri; Konrad von Faber hält abermals eine
                                      Rede
Sie fanden eine vollständig veränderte Stadt. Eine grosse Feuersbrunst hatte
einen bedeutenden Teil der leichten Bauwerke, Hütten und Zelte verzehrt; andere
Strassen, andere Hütten waren auf der Brandstätte entstanden. Tausende und aber
Tausende neuer Einwohner waren gekommen; es kostete viel Mühe, ehe die Familie
Tellering in dem Gewimmel gefunden war, und der Zufall musste beim Auffinden
derselben das Beste tun. Bis an die Zähne bewaffnet, als eifriges Mitglied des
Vigilancekomitees begegnete Meister Ludwig den beiden Reisegenossen auf der
Plaza und sprang mit lautem Freudenruf ihnen entgegen. Die wichtigsten
Erlebnisse tauschten sie gleich auf der Strasse aus; ach, was Robert Wolf zu
sagen hatte, liess sich zuerst durch einen Seufzer, einen Blick ausdrücken und
durch einen stummen Händedruck Ludwigs beantworten.
    »Komm zu meiner Frau! O komm sogleich zu Marie«, rief der junge Meister dann
und eilte den beiden voran, den Weg zeigend.
    »Die ganze Stadt scheint ja unter Waffen zu sein. Was ist denn los,
Tellering?« fragte der Hauptmann.
    »Wir sind in einem neuen Lande«, sagte Ludwig achselzuckend. »Viel Menschen
und etwas zuwenig von dem, was wir daheim zuviel haben, Polizeigesetz! Man sucht
sich eben seiner Haut zu wehren, jeder steht Wache vor seiner Tür, und die
Einsichtigen vereinigen sich zur gemeinschaftlichen Abwehr von Willkür und
Raubsucht. Doch da sind wir, und da ist Marie mit dem Jungen, und da ist die
Alte!«
    Es ist ein eigenes trübes, wehmütiges Gefühl, selber heimatlos in einem
wohlgegründeten, wohlbeschützten Heimwesen freundlich, herzlich empfangen zu
werden. Robert Wolf empfand das recht, als ihm Marie Tellering mit ihrem Kinde
auf dem Arm entgegeneilte, als ihm die Mutter Anna abermals treuherzig die Hand
drückte.
    Weinend liess sich die kleine Frau des Freundes vom Ende ihrer einstigen
Herrin erzählen und wollte sich anfangs auf keine Weise zufriedensprechen
lassen.
    »O wer hätte das gedacht, wenn wir sonst nach dem Teater spät zusammensassen
in der Lilienstrasse und von der Zukunft sprachen! Und ich habe sie verlassen
müssen in ihrer höchsten Not, und sie hat mich doch aufgenommen, als ich
freundlos und hungrig war. Sie hätte mich nicht verlassen - ach, es war
schlecht, schlecht, schlecht von mir - ach, hätt ich es nur anders machen
können!«
    »Sie haben getan, was Sie konnten!« rief Robert. »Gott segne Sie dafür. Sie
haben sich keinen Vorwurf zu machen und dürfen sich Ihr Glück nicht durch solche
Gedanken verbittern.«
    »Ich konnte ja auch nicht anders, nicht wahr, du kleines Herz?« schluchzte
die junge Mutter, ihr Kind küssend und aus tiefster Bekümmernis zum hellsten
Jubel übergehend. »Da sehen Sie ihn, Robert, sehen Sie ihn, Herr Hauptmann, ist
es nicht ein Liebling? Und er hat seines Vaters Augen und ganz seine Nase,
obgleich Ludwig es nicht zugeben will. Ach, ich habe ihr nicht helfen können,
und sie hat ohne mich in der Wildnis liegen und sterben müssen. Herr Wolf, wie
oft wache ich auf in der Nacht und denke, sie hat mich gerufen; - wenn ich die
Wiege nicht neben meinem Bette hätte, ich müsste mich totweinen vor Kummer und
Schmerz. O nicht wahr, es ist nicht meine Schuld, dass ich sie verlassen musste?«
    Immer von neuem musste Robert, mussten Ludwig und die Mutter der bekümmerten
kleinen Frau wiederholen, dass es nicht ihre Schuld sei, wenn die arme Eva Wolf
auf ihrem Sterbebette in der Wildnis von Yuba-County nicht von ihr gepflegt
wurde.
    Noch einige Tage brachten Konrad von Faber und Robert im Hause der wackern
Freunde zu; dann waren die Geschäfte besorgt, dass Gold umgesetzt und alles
bereit zu dem langen beschwerlichen Ritt nach Missouri. Vergeblich hatten sie
auf der Post nach Briefen gefragt; keiner der Dampfer, die in das Goldene Tor
eingelaufen waren, hatte Nachricht von den Freunden in Europa gebracht.
    Nun noch eine betrübte Abschiedsstunde; aber auch sie ging vorüber! Tausend
ausgesprochene und unausgesprochene Grüsse an die alte Heimat jenseits der grossen
Wüsten und Wasser trugen die beiden Wanderer mit von dannen.
    Auf Nimmerwiedersehen sagten sich die beiden Freunde aus der Musikantengasse
jetzt Lebewohl; aber auch sie hatten sich gegenseitig von ihrem Wesen so viel
mitgeteilt, dass sie doch immer unauflöslich miteinander verbunden waren. -
    Am letzten April befanden sich die beiden Reisenden in Placerville, welches
damals noch Old Hangtown hiess. Bergauf und bergunter hinab in die Ebenen zum
Carsonfluss. Da ist Ragtown, die Lumpenstadt, deren Häuser aus den zerbrochenen
Wagen und zerfetzten Wagendecken der Emigranten bestehen. Schrecklich deutlich
ist der Weg über die Wüste vorgezeichnet. Knochen von Pferden und Lasttieren,
Gräber, umgestürzte Karren, zerbrochene Ochsenjoche und Wagenräder,
zertrümmertes Gerät bezeichnen den Pfad, auf welchem der Strom der Abenteurer in
das Goldland hineinflutet. »Foot and Walker's Line« nennt der Hauptmann
ingrimmig und ironisch diesen Pfad, als er schwitzend unter der glühenden Sonne
seinen Gaul am Zügel durch den Alkalistaub am Humboldtfluss nach sich zieht. Noch
ist die Wüste menschenleer, denn es ist noch früh im Jahre, und die kommenden
Emigrantenzüge haben die regennassen Prärien von Iowa und Missouri noch nicht
passiert. So sind denn Wolf und Geier die einzigen lebenden Wesen, die den zwei
Reitern in der Einöde begegnen. Wieder folgen grosse Wiesen auf den dürren Sand -
herrliche Jagdgründe, wo Konrad von Faber und Robert eine lange Rast halten und
wo der Hauptmann dem jungen Schützen aus dem Winzelwalde zeigt, wie man den
Büffel jagt. Vorwärts, vorwärts - seltsame Felsenkolosse erheben sich am
Horizont; gleich einer zerstörten Stadt der Riesen steigt Castle-Rock vor den
Wanderern auf. -
    Am vierten Juli stieg mitten in der Prärie Konrad von Faber vom Pferde,
kniete nieder und legte das Ohr auf den Boden; dann forderte er den Begleiter
auf, dasselbe zu tun. Ein dumpfer Hall aus unendlicher Ferne schien sich unter
der Erde fortzupflanzen bis zu den beiden Lauschern.
    »Es ist die Kanonade von Fort Laramie«, sagte der Hauptmann. »Sie feiern den
grossen Festtag der Union. Ab eo libertas, a quo spiritus; - der Spiritus scheint
nur leider allmählich auszugehen, und wer kann sagen, wie bald der Tag kommt, wo
der Siegelring Jeffersons mit der schönen Inschrift auseinanderbricht? Ich
rechne, die Berliner Hegelianer, welche in der grossen Republik die höchste Blüte
der staatlichen Entwicklung sehen und die hier zu einem so schönen Abschluss
ihres Systems gekommen sind, werden sich demnächst - im Laufe der nächsten zehn
oder fünfzehn Jahre vielleicht - nicht wenig wundern. Es knackt ganz bedenklich
in den Sparren des Daches, welches die Herren Professoren auf das Gebäude ihrer
Philosophie der Geschichte gesetzt haben. Wenn ihnen nur nicht der Giebel über
Nacht auf die gelehrten Köpfe fällt!«
    »Aber auch Sie meinten doch an den Gräbern meines Bruders und meiner
Schwester, dass der Abschluss und das Ziel der Weltgeschichte auf dieser Seite des
Erdballs liege, dass hier die Zivilisation ihren Kreislauf vollendet habe?!«
    »Ich halte auch noch daran«, antwortete Faber. »Aber schwer ist die Arbeit
der Selbstbefreiung der Menschheit. Wenn die unorganische Welt Millionen von
Platonischen Jahren nötig hatte, um sich zu entwickeln, wie lange Zeit wird der
Mensch als Gesamteit brauchen, um das letzte Ziel zu erreichen? Weder nach der
Juden noch nach Usserii Rechnung sind mehr als sechstausend Jahre verflossen,
seit Gott dem einzelnen Erdenkloss seinen Atem einblies. Das ist eine kurze Zeit,
Herr, und ich meine, der Spruch: Der gab die Freiheit, welcher den Hauch des
Lebens gab, wird noch lange, lange nur für den einzelnen und nicht für die
Gesamteit gelten. Das Individuum freilich - Ihr, ich, der Mann in der
Polizeistube, der Sternseher Heinrich Ulex -, das Individuum mag in diesem Wort
alle irdischen Ketten von Hand und Fuss abstreifen: Ab eo libertas, a quo
spiritus! Zu Pferd, zu Pferde, Mann; noch für unberechenbare Zeit liegt mehr
Bedeutung in dem Studium der Fortpflanzung des Schalles am Boden als in der
Frage nach der rechtlichen Ursache, mit welcher die Besatzung von Laramie ihre
Kanonen losbrennt und sich in Regierungswhisky betrinkt.«
    Sie ritten weiter und rasteten einige Tage in dem Fort Onkel Sams. Sie
ritten weiter und lagen noch manche Nacht einsam an einem Feuer von
»buffalo-chips«. Sie ritten über die Platte, erreichten die hohe Säule
Chimneirock, den Wegweiser nach Kalifornien. Bei Courtouserock inmitten
blumiger Prärien trafen sie auf den ersten ihnen entgegenkommenden
Emigrantenzug. Reiter und Wagen; Männer, Weiber, Kinder durcheinander, wälzte es
sich ihnen entgegen aus dem Osten, einer Völkerwanderung im kleinen gleich.
    Manch eine hastige Frage nach dem Wege, nach den streifenden Indianerhorden
wurde von ängstlichen Frauen und hagern, sonngebräunten Männern an die beiden
Wanderer gerichtet. Sie gaben nach Möglichkeit Bericht, und ernst und traurig
sah Robert Wolf, an den Sattel seines Pferdes gelehnt, den müden, bestaubten,
goldgierigen Menschenknäuel an sich vorüberziehen.
    »Ab eo libertas, a quo spiritus!« murmelte er. »Ja, es ist eine schreckliche
Wahrheit: gegeben wird uns das Leben; aber es zu erhalten ist unsere Sache. Ist
es ein Wunder, wenn uns über dem grimmigen Kampf um die Existenz die Freiheit
verlorengeht? Da werden sie hingewirbelt von Not und Sorge, vom Sturm der
Leidenschaften. Wie wenige sind stark genug, sich dem Wirbel zu entziehen! Der
Staub, den ihre Füsse aufregen, blendet ihre Augen und zieht sie zu Boden. Wehe,
wie wenige erkennen durch den Dunst und Nebel die hohen Sterne, die auf ihren
Weg leuchten!«
    Sie stiessen noch auf manchen ähnlichen Abenteurerzug und auf manches frisch
am Wege aufgeworfene Grab, ehe sie die Wälder, die deutschen Ansiedlungen am
Missouri erreichten. Eine lange Zeit ritten sie mit einem Geschwader
Pawneekrieger, die dem Grabe eines verehrten Häuptlings einen Besuch abgestattet
hatten und welche jetzt nach ihren Jagdgründen heimzogen. Wie ein traumhaftes
Wunder erschien es Robert, als er einige Tage später an der Seite des Hauptmanns
in ein vollkommen deutsches Dorf hineinritt und am Abend im Wirtshaus deutsche
Bauermädchen und Bauerbursche nach deutschen Tanzweisen sich drehen sah. Im
Drachen zu Hickorihausen in Missouri ging's eben nicht anders zu als im Drachen
zu Poppenhagen im Winzelwalde, und der Hauptmann von Faber lehnte die Büchse in
die Ecke, liess sich höchst behaglich zwischen einer Gruppe mächtig schmauchender
Altväter und Leibzüchter nieder, schlug seinen Reisegenossen auf die Schulter
und rief:
    »Nun, mein Junge, das Schlimmste haben wir hinter uns. Wenn sie uns nicht
mit einem ihrer satanischen Missouri- und Mississippidampfer in die Luft fliegen
lassen, so haben wir gegründete Aussicht, gesund und nicht dümmer in New Orleans
anzukommen.« -
    Als die beiden Reisenden nach einigen Tagen auf dem Dampfboot Ellen
Chittenden stromab den Missouri fuhren und vom Verdeck auf die gelben tanzenden
Wogen hinabblickten, sagte der Hauptmann plötzlich ohne alle Veranlassung:
    »Hören Sie, Wolf; das Schicksal hat doch eigentlich mancherlei
Erziehungsexperimente mit Ihnen angestellt. Aus einer Hand sind Sie in die
andere, aus einer Schule in die andere gegangen. Als der reine Rousseausche
Naturmensch kriecht Ihr anfangs, sozusagen auf allen vieren, um Eures Vaters
Hütte im Winzelwalde herum, ein höchst gesundes, schmutziges, unschuldig
Geschöpf. Selbst als das kriechende Ding sich von den Händen aufgerichtet hat
und auf den Füssen nach Poppenhagen in die Studierstube des Pastors Tanne
hinuntersteigt, ist für es noch wenig Aussicht vorhanden, irgendwo anders als
auf dem Kirchhof zu Poppenhagen, mit der alten Grabrede: Er lebte, nahm ein Weib
und starb, begraben zu werden. Aber durch das Weib ist nicht nur der Tod,
sondern auch das Wissen in die Welt gekommen. Eva Dornblut schreitet glänzend
durch den Gesichtskreis des Knaben und über den Gesichtskreis desselben hinaus.
Er muss ihr folgen; es versinkt der Winzelwald mit dem Dorf Poppenhagen; - die
erste Schule liegt hinter dem jungen Weltbürger, er hat den Becher der
Erkenntnis an die Lippen gesetzt, er hat die Rudimente des Lateins gelernt, er
hat jene Leidenschaft, welche die Welt erobert, kennengelernt. Jetzt steht er
auf der Schwelle eines neuen Daseins; Abgründe drohen zu beiden Seiten, vor sich
hat er ein Gewirr von Verhältnissen und Gestalten, die ihm vollständig fremd
sind. Ihm schwindelt, und der Zorn - auch eine Leidenschaft, welche den Menschen
vorwärtsbringt, bald zum Guten, bald zum Bösen -, der Zorn, der Hass schüttelt
den Machtlosen, der diese unbekannte Welt mit den Fäusten, den Zähnen zerreissen
möchte, weil er sie mit Herz und Hirn nicht fassen kann. Verloren ist der
Schüler, wenn die Sterne nicht Hülfe senden; - sie senden sie im rechten
Augenblick. Von seinem Dreibein im Polizeibüro steigt nüchtern, lächelnd
Polizeischreiber Fiebiger herab und fasst die drohend erhobene Faust des jungen
Wilden und zieht ihn in das unbekannte Gewühl hinein. Die Gespenster weichen,
die drohenden Schatten verflüchtigen sich, wenn man ihnen mutig näher tritt; in
geregelte Gruppen ordnet sich, was nur ein wirres Durcheinander schien. Kein
besserer Führer durch die reale Welt als der humoristische Buchhalter im Büro
Nummer dreizehn im Zentralpolizeihaus! Aber der Schüler des Lebens hat in dieser
Epoche noch andere Lehrer nötig, und sie sind zur Hand. Die Sterne sorgen dafür,
dass Robert Wolf inmitten der Welt des Realismus ihrer nicht vergesse. Auf dem
Giebel des Nikolaiklosters sitzt Henricus Ulex aus Poppenhagen, den Lärm der
Gassen tief zu seinen Füssen. Aus seiner Höhe winkt der Mann des Ideals, und
empor steigt Robert Wolf; es ist eine hohe, edle Schule, in welche er genommen
wird, und nur wenigen begünstigten Staubgeborenen wird ein solches Glück vom
Schicksal verliehen. Abermals tritt das Weib in den Entwicklungsgang des
Schülers ein; aber diesmal in anderer Gestalt, auf andere Weise. Nicht mehr als
das glänzende, stolze, heldenhafte, nicht die Ausnahme von der Regel, erscheint
es, sondern als die Regel selbst. Leisen Schrittes, still, sanft, geduldig und
doch stark, wo es stark sein darf und muss, kommt es; und wieder bringt es für
den Schüler den Kampf mit sich, nach uralter Bestimmung seit Erschaffung der
Welt. Aber es ist nun nicht mehr ein Kampf mit unbekannten Gewalten; Robert Wolf
kennt die dunkeln Kräfte, die sich gegen ihn bewegen, sehr gut. Der Mann aus den
Gassen, Friedrich Fiebiger, hat ja seine Register vor ihm aufgeschlagen und ihm
den Menschen, die Gesellschaft gedeutet, wie sie sind. Aber Friedrich Fiebiger
weiss deshalb doch nicht, auf welche Weise die andrängenden bösen Mächte zu
bezwingen sind; sein ironisches Lachen und das Polizeistrafgesetzbuch reichen
dazu nicht aus. Der Idealist, der über den Gassen in der Höhe sitzt, kann aber
nur den alten Wahlspruch der Stoiker wiederholen: Sustine et abstine, dulde und
entsage. Trotz aller Lehrer, trotz aller Schulen steht der Mensch zuletzt doch
immer allein seinem Schicksal gegenüber, und er allein hat mit seiner
Persönlichkeit Antwort zu geben. Auch die härteste Schule soll dem Jungen aus
dem Winzelwalde nicht erspart bleiben; das eigene Glück, das Glück des kleinen
Mädchens sieht er zerstört; aber wieder treten die Sterne zur rechten Stunde für
ihn ein. Wie das Weib am besten in der Stille und Einsamkeit das Unglück, den
Schmerz überwindet, so besiegt der Mann sie am leichtesten, wenn er
streitgerüstet sich in allen Lärm und Aufruhr der Welt hineinstürzt. Aber mit
dem besten Willen vermag der Mensch sehr oft das nicht; von tausend Banden wird
er auf dem Marterstuhl festgehalten; er klebt fest im Pech. Für Robert Wolf
sorgen die Sterne besser; wieder schleudern sie ihn hinaus ins Weite, in
feurigen Lettern wird ihm die grosse Lehre von der Nichtigkeit aller irdischen
Hoffnungen, aber auch von der Nichtigkeit aller irdischen Sorgen ins Herz
gebrannt. Der weite Spielraum, der den Menschen für ihre Wünsche gegeben ist,
wird ihm gezeigt im Schweifen über Land und Meer; Nationen sieht er auf dem
Marsche; in tausendfältigen Variationen umrauscht ihn die alte Weise vom
glückseligen Land Utopia, welches jeder einzelne, jedes Volk in seiner Weise
sucht und welches niemand unter den Sternen findet. Wie die Hochherzigsten im
vergeblichen Streben und Ringen untergehen, lernt der Schüler an den Gräbern des
Bruders und der Schwester; und wenn er dann den Kopf nicht kläglich sinken lässt;
wenn er die Sterne dann nicht im ohnmächtigen Trotz anklagt; wenn er dann nicht
zappelnd sich gegen das allgemeine Los wehrt; wenn er dann den Sternen auch über
die Gräber hinaus glauben kann: dann - ist die Erziehung vollendet, und er mag
heimgehen, sein Doktorexamen machen und den Leuten zeigen, dass er was gelernt
hat.«
    Mit komischem Achselzucken hatte Konrad von Faber seine Rede begonnen, mit
hohem Patos schloss er sie, indem er die ausgegangene Zigarre einem aus dem Fluss
auftauchenden Alligator in den Rachen warf.
    »Vollendet ist die Erziehung des Knaben aus dem Walde«, sprach Robert Wolf.
    »Und gut, rechne ich«, meinte der Hauptmann. »Wer kann sagen, wie die Sterne
die andern führten, während wir am Yuba uralte Wahrheiten mit Hülfe von Hacke
und Schaufel studierten und edles Gold in Gräbern fanden! Die Götter halten uns
nicht allein im Auge, mein lieber Junge. Jedermann hat ein Recht auf ihre
Fürsorge und Berücksichtigung, Herr Leon von Poppen nicht weniger als Herr
Robert Wolf aus Poppenhagen!«
 
                           Dreiunddreissigstes Kapitel
  Robert Wolf beschleunigt seine Heimreise; der Autor begleitet ihn und nimmt
     Abschied von zwei Personen, welchen er in verschiedener Weise wohlwill
Der Missouri ergoss seine schlammigen Fluten in die noch schlammigeren des
Mississippi, und die Schaufelräder der Ellen Chittenden spritzten durchaus keine
Diamantentropfen in die Luft, als das Schiff mit übergrossem Geschnauf und
Gequalme aus dem einen Strom in den andern lief. Saint Louis war um diese Zeit
aus einem jammervollen Fiebernest eine blühende Stadt von fünfzig- bis
sechzigtausend Einwohnern geworden, und als eines Abends unsere beiden Reisenden
daselbst landeten, fanden sie sich sogleich mitten im verwirrendsten Getümmel
eines bedeutenden Handelsplatzes. Hätten nicht dicht am Ufer die Alligatoren
ihre unförmlichen Köpfe aus dem Wasser hervorgesteckt und wären nicht diese
riesenhaften Baumstämme aus den nicht allzufernen, ungelichteten Wäldern mitten
in die blühende Zivilisation hineingetrieben, so hätte man wirklich meinen
können, dieses ganze Leben schreibe sich nicht von gestern her, sondern datiere
seit wenigstens tausend Jahren. Aber neu war alles hier; - neu waren die Häuser;
ungemein neu waren die deutschen Einwanderer in den Gassen. Das Älteste, was es
in Saint Louis zu geben schien, waren die Gesichter der Yankeekinder, die am
Landungsplatz der Dampfschiffe von den Armen ihrer Mütter und Wärterinnen die
Ankommenden mit nussknackerhaft-spekulierendem Augenzwinkern anstarrten. Diese
vielversprechenden Säuglinge und kalomelfarbigen Natives bereits schienen das
eindringende deutsche Element durch Blicke vergiften zu wollen; aber es liess
sich weder durch Blicke noch durch andere Mittel vertreiben. Es war einmal da,
wuchs täglich mehr an, und die salzsauern Quecksilbergesichter mochten sich
erbosen, wie sie wollten. Nirgends im ganzen Gebiet der Union schien das
»Vaterland« so festen Fuss fassen zu wollen wie an dieser Stelle. Man sah fast
mehr deutsche als amerikanische Firmen an den Häusern. Jedes Schiff, welches von
New Orleans heraufkam, brachte neue Einwanderer aus dem alten Land zwischen den
Vogesen und der Weichsel mit, und jeden Dialekt der dialektreichen Heimat konnte
man in den Gassen der jungen Stadt Saint Louis hören.
    Konrad von Faber machte den Reisegefährten auf alles das aufmerksam, und
dann nahm ein deutsches Gastaus, »Zum Vater Rhein«, die beiden Wanderer auf.
Nach einem kurzen Mahl warf sich Robert todmüde auf sein Bett und versank
sogleich in den tiefsten Schlaf, während der eiserne Hauptmann, auf den die
Tausende von Meilen vom Sakramento her nicht den mindesten Eindruck gemacht
hatten, sogleich wieder zur Bar, dem Schenkstand, hinunterstieg, um sich die
Leute daselbst näher anzusehen, nach Bekannten auszuschauen und die -
Stadtneuigkeiten zu erkunden.
    Von oben bis unten war das Haus voll. Alles, was es unter des
durchlauchtigsten Deutschen Bundes schützenden Privilegien nicht mehr aushalten
konnte, schien sich hierher geflüchtet zu haben. Die einen nahmen die Sache
leicht, die andern aber leider desto schwerer. Manch wilder Jauchzer
durchschallte das leichte Gebäude; aber auch manchem bleichen, sorgenvollen,
abgeängsteten Gesichte begegnete man auf der Treppe oder in den Gängen. Die
Nationen, welche in der Kneipe niedersitzen, die Röcke ausziehen und die
Ellbogen auf den Tisch stemmen, sind politisch nicht die gefährlichsten. Was
würde aus dem s.v. ebengenannten Deutschen Bunde und denen, welche an seiner
Erhaltung ein Interesse haben, werden, wenn der beschränkte Untertanenverstand
anfinge, seinen unbeschränkten Durst im Stehen zu löschen?
    Gottlob, noch sitzt der germanische Christ selbst in Amerika beim Bierkrug,
und so gab es denn auch im »Vater Rhein« ein echt deutsches Gastzimmer, in
welchem nur die obligaten Bilder der respektiven Landesväter, -mütter, -onkel,
-tanten, -neffen und - fehlten, um die Illusion, dass man sich mitten unter den
rührenden gemütvollen Institutionen der Heimat befinde, zu vervollständigen. Dass
der Wirt statt der Porträts der heimatlichen Potentaten und Potentatinnen ein
Bild Robert Blums über einer Litographie, die Stadt Kirchheim unterm Teck
darstellend, mit einem Blumenkranze geschmückt hatte, zeugte freilich von einem
sehr schlechten Herzen und höchst verderbten politischen Anschauungen.
    Schwarzgeräuchert waren selbst in der neuen Stadt Saint Louis die Wände und
die Decke des Gastzimmers, und undurchdringliche Rauchwolken füllten den Raum,
wie überall an allen Orten, wo deutsches Volk sich zum Trunk versammelt; doch
wurden hier mehr Doppelbüchsen als Regenschirme in die Ecken gestellt, und man
sah über keiner geheiligten Tür das niederträchtige Wort »Honoratiorenstube«
grinsend Dummheit und alberne Abgeschmackteit bescheinigen.
    Die Gaslichter brannten bereits in dem nebeligen Raume, als Konrad von Faber
eintrat und sich vor einem Schoppen schäumenden Bieres niederliess. Gross war der
Lärm der anwesenden edlen Bürger, und vorzüglich in der entgegengesetzten Ecke
des Gemaches ging es hoch her. Dort jubelte, lachte und klatschte man Beifall
und drängte sich in einem dichten Kreis um einen dem Hauptmann nicht sichtbaren
Jemand, welcher die Aufmerksamkeit der lustigen Ecke sehr zu fesseln schien und
in der Mitte des Kreises ungemein geistreich und spasshaft sein musste.
    Der Hauptmann, nachdem er einem armen Teufel aus dem glücklichen Land
Mecklenburg einen Schoppen gezahlt hatte, hielt es natürlich für seine Pflicht,
zu erkunden, was es in jener fidelen Ecke auch für ihn gäbe. Er erhob sich,
näherte sich jenem Kreis und legte seinen Bart über die breite Schulter eines
Iowa-Farmers, der sich einen vom donnernden Lachen erschütterten respektablen
Bauch hielt.
    Nach einigen Augenblicken verwunderungsvollen Horchens rief Konrad von
Faber:
    »Ist es die Möglichkeit?! Bei allen Mächten, nanu?«
    Über die Schulter des Iowa-Farmers fuhr der Arm des Hauptmanns, und das
witzige Individuum inmitten des entzückten Kreises fühlte sich plötzlich, aller
republikanischen Bürgerwürde zuwider, von einer kräftigen Faust beim Kragen
gepackt und vom Stuhle in die Höhe gezogen.
    »Bei allem, was auf dem Kopfe steht und auf dem Seile tanzt - Schminkert!«
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    Im unerquicklichen Schlaf lag Robert Wolf. Durch seinen abgespannten Körper
zuckten leise Fieberschauer. Es war der Zustand, in welchem man trotz übergrosser
Müdigkeit das Bewusstsein seiner Existenz, Lage und Umgebung nur halb verliert.
In jedem Augenblick wusste der Schläfer ganz genau, dass er sich im Wirtshaus zum
»Vater Rhein« in Saint Louis befinde; deutlich vernahm er den Lärm der
amerikanischen Stadt vor den Fenstern des überfüllten Boardinghauses, und als
eine böhmische Musikbande grade unter seinem Zimmer mit dem Schmerzensschrei
aller Instrumente nach dem deutschen Vaterland fragte, ging ihm kein Ton des
Jammers verloren. Wie kam es nun aber, dass plötzlich der Polizeischreiber
Fiebiger mitsamt seiner langen Pfeife und seinem länglichen Wohngemach sich in
den »Vater Rhein« schob? Und Robert Wolf fand es ganz natürlich, als der Alte
eine sarkastische Rede über die allgemeine Nichtsnutzigkeit der Welt hielt und
über die besondere Verderbnis des Tabakshändlers gegenüber in der
Musikantengasse, der Nussblätter statt Portorico und Louisiana verkaufe und
dessen Seele so schwarz sei wie der Körper des schmauchenden Mohren vor seiner
Tür. Nun sass der Träumer vor dem Tubus des Sternsehers Heinrich Ulex und blickte
nach den glänzenden Gestirnen am dunkeln Nachtimmel; durch den Weltenraum glitt
leuchtend das Bild der lieblichen Helene Wienand, und mit ängstlichem Entzücken
folgte ihm der Blick des Liebenden; doch es verlor sich in der Ferne und der
Finsternis, und der alte Ulex sagte:
    »Sieh nach den Sternen!«
    Aber die Sterne waren nicht mehr sichtbar, und als sich der Schüler um Hülfe
an den Lehrer wenden wollte, war auch dieser von seiner Seite verschwunden, und
Robert befand sich wieder in seiner Jugendheimat, im Winzelwalde. Im
sonndurchglänzten Gebüsch sang Eva Dornblut: Es ritten drei Reiter zum Tore
hinaus. Aber aus der Dunkelheit des Tannenwaldes hervor trat ein schwarzes,
uraltes Weiblein, stützte sich auf einen Stab und hob warnend den Finger. Erst
war's die Fee, die Waldfrau aus dem Märchen; dann war's das Freifräulein Juliane
von Poppen. Es ging ein grosses Rauschen durch den Winzelwald, und der Forst
verwandelte sich in das grenzenlose Meer. Zwei Schatten, die sich umschlungen
hielten, schwebten über die Wogen, und in der Ferne und Finsternis verloren sie
sich aus dem Traume, wie das Bild Helenes sich daraus verloren hatte. Unbekannte
Küsten tauchten auf. Zwei Gräber in der Wildnis. Ganz flüchtig gingen Ludwig und
Marie Tellering durch den Traum, und die Musik vor den Fenstern des »Vater
Rhein« zu Saint Louis spielte die Orgelmelodie:
O Deutschland, armes Deutschland,
Wo ist dein Heiligtum?
Erschossen ist, erschossen
Dein treuer Robert Blum.
Robert Wolf sass aufrecht auf seinem Bett und hielt die Stirn mit den Händen. Er
war völlig wach und horchte in höchster Erregung auf die misstönig abgedudelte
traurige Weise. Niemals hatte Musik einen solchen Eindruck auf ihn gemacht. Die
kläglichen Töne packten ihn im Innersten seiner Seele und zerrten an allen
Fibern und Fasern seines Ichs. Wenn man darüber nachdenkt, so erfährt man, wie
oft es kommt, dass etwas ganz Äusserliches, ein Blick, ein Ton, ein fallendes
Blatt oder der Wind, der durch die Zweige fährt, ein beliebiges Etwas, welches
mit unserm freudigen oder leidenden Zustande nicht das mindeste zu schaffen hat,
uns denselben so recht klarmacht. Eine Binde scheint uns dann von den Augen zu
fallen; was vielleicht nur ein dumpfes Gefühl war, das erkennen wir jetzt - oft
nur einen flüchtigen Augenblick hindurch - in allen seinen Einzelheiten, in
allen seinen Konsequenzen. In ähnlicher Weise wirkte die Gassenmusik in dieser
Minute auf Robert. Angst um die Geliebte, Sehnsucht nach der Geliebten wollten
ihm fast die Brust zersprengen. Es war ihm, als habe er kurz vor dem Erwachen
aus weiter Ferne ihr ängstliches Rufen vernommen. Der kalte Schweiss stand ihm
auf der Stirn, seine Pulse flogen, seine Hände zitterten. dabei waren seine
Gedanken ungemein klar und bestimmt; er sah ein, wie er jetzt die Zeit der
wilden körperlichen und geistigen Aufregung hinter sich habe, wie er
zurückkehren müsse in das ruhige bürgerliche Leben. Mit unwiderstehlicher Macht
zog es ihn nach dem Vaterlande zurück, und zugleich musste er sich sagen, dass
eigentlich in der Heimat kein Platz für ihn sei. Auf dem Meere, in den
kalifornischen Bergen, auf den Prärien, da liess sich noch Atem holen. Das Leben,
welches man jeden Augenblick aufs Spiel setzte, welches man in jedem Augenblick
verlieren konnte, liess sich ertragen; aber drüben, wo sich langsam ruhig Stunde
an Stunde, Tag an Tag reihte, wo die Existenz durch Staat und Kirche feierlich
und ziemlich sicher garantiert war, drüben musste sie zu einer unerträglichen
Last werden. Zu keiner Zeit vielleicht waren dem armen Robert alle die bösen
Verhältnisse, die ihn jenseits des Atlantischen Ozeans erwarteten, in solcher
grimmigen Nackteit vor die Seele getreten. Was konnte er finden, was sollte er
beginnen, wenn er den Fuss wieder auf den deutschen Boden setzte? Und hätte er
sich auf dem Turme des Sternsehers wie in einem Gefängnis eingeschlossen, er
würde dadurch nichts in seinem innern und äussern Leben geändert haben. Selbst
unter den Freunden konnte er fürderhin nicht mehr leben. Er dachte daran, nach
Poppenhagen, in den Winzelwald zurückzugehen; er konnte Armenarzt in irgendeinem
abgelegenen Waldstädtchen werden; er konnte mit seinem kalifornischen Golde sich
eine Hütte in irgendeinem Winkel des Vaterlandes bauen. Tausend wirre Pläne
kreuzten sich mit tausend schmerzhaften Einwürfen. Seine Erziehung zum Menschen
war vollendet; aber er fühlte nur desto klarer des Menschen Hülflosigkeit. Er
erinnerte sich, eines Tages auf dem Observatorium des Sternsehers in den
Aufzeichnungen des alten Philipp von Commines geblättert zu haben, und matt
sprach er dem Mann jetzt nach:
    »Comme les aultres, je suis venu à la grande mer, et la tempeste m'a noyé.«
    Er sah stier in die Flamme der jämmerlichen Lampe, welche auf dem rohen
Tische neben seinem Lager stand; die Musik in der Gasse hatte längst aufgehört,
drunten im Hause währte der Lärm der Gäste auf die alte Weise fort.
    »Ich werde sie wenigstens noch einmal sehen - ich will sie auch nicht
anreden. Heim, heim!«
    Er liess das Haupt auf das Kissen zurücksinken und schloss die Augen. Vorüber
war die geheimnisvolle Seelenstimmung, die Qual reizbarer Naturen; der Verstand,
die Vernunft gewannen wieder die Oberhand, und ruhig ward's im Geiste Robert
Wolfs.
    »Was war das nun wieder?« sagte er. »Wie wenig ist doch der Mensch Herr über
seine Nerven! Gottlob, dass das Leben mich gelehrt hat, mich auch solcher
schwachen Momente zu erwehren! Trotz allem werde ich ruhig nach Europa
zurückgehen können. Vor die Freunde werde ich treten und sprechen: Weit bin ich
über die Erde gewandert, und mannigfaltige Mühen und Kämpfe der Menschen habe
ich gesehen. Traurig, doch nicht gebrochen kehre ich heim zu euch; ich habe
gelernt, dass allen Mühen ein Ende bereitet ist. Arbeiten und schaffen soll jeder
nach seiner Art, denn darin liegt sein Heil; bauen soll er in sich und ausser
sich, und was ihm in der Seele, was ihm im Umkreis seines Seins von
gegenwirkenden Kräften zerstört wurde, das soll er immer von neuem geduldig
aufrichten, denn darin liegt sein Glück. Wer die Arme sinken lässt, der ist
überall verloren, er zürnt ins Grab sich rettungslos. Wer aber jeden Schritt zum
Grabe verteidigt und würdig - ohne feiges Klagen, doch auch ohne ohnmächtigen
Trotz - auch die lichtesten Höhen verlassen kann, um in die dunkle Tiefe
hinabzusteigen, der hat gewonnen. Als Sieger schreitet er in die Gruft, nicht
wird er überwunden hinabgestürzt; Schild und Schwert schlagen die Mitstreiter
über seinem Hügel aneinander, von drüben winken freudig die Götter, es lächeln
vom Olymp die hohen Sterne. Ich werde heimkommen; den Armen will ich mein Leben
und meine Kunst widmen; das Elend und die Krankheit will ich in ihren
traurigsten Schlupfwinkeln aufsuchen und bekämpfen. Dann - dann begegnet mir
vielleicht dann und wann an der Seite des Freifräuleins die Geliebte. O wir
werden dann nicht von der Liebe sprechen; aber wir werden uns grüssen in der
Liebe; dieselben Wege werden wir gehen, und unsere Werke werden zeigen, dass wir
zueinander gehören und niemals getrennt werden können.«
    Die Lampe erlosch, und nach kurzer Zeit war Robert wieder eingeschlafen.
Dieses Mal war sein Schlaf ruhiger und fester, und er hörte nicht die Schritte,
die sich seiner Tür näherten, er vernahm nicht das Kreischen des Schlosses; er
fuhr erst empor, als Konrad von Faber seine Schulter berührte und der Schein des
Lichtes, welches der Hauptmann hielt, ihm voll ins Gesicht fiel.
    »Sie sind es? Was gibt's? Ist's Zeit aufzubrechen? Hab ich in den Tag
hineingeschlafen?«
    »Robert«, sagte der Hauptmann mit etwas zitternder Stimme, »Robert, während
der Mensch schläft, schnurren die Räder und laufen die Fäden über die Spule. Es
ist so, wie ich sagte: der Grashalm, der auf der Wiese nickt, glaubt allzuoft,
er sei der einzige, mit welchem der Wind es zu tun habe. Ja, Herr, Ihr habt in
den Tag hineingeschlafen! 's ist ein Glück, dass Ihr Euch in Wams und Hosen zu
Bett gelegt habt. Zieht auch die Stiefeln an, Mann, und Sie, Schminkert, treten
Sie vor und illustrieren Sie diesem hier die grosse Lehre von der Solidarität der
menschlichen Interessen und Schicksale. Nachher wollen wir ihn mit dem Zeugnis
der Reife aufs Schiff packen und nach Hause schicken. Er hat sich über seine
Sterne nicht zu beklagen; - was meinen Sie dazu, Herr Schminkert?«
    »Schminkert?!« Robert Wolf starrte auf die aus dem Schatten hinter dem
Hauptmann hervortretende wohlbekannte Figur wie auf eine Geistererscheinung, und
Julius der Edle, der, wie wir wissen, nicht leicht sich in Verlegenheit bringen
liess, sah bei diesem unvermuteten Wiederfinden auch grade nicht aus, als ob er
alle fünf Sinne richtig beieinanderhabe. Der eine rieb sich die Stirn und die
Augen, der andere wühlte in den Haaren, beide sperrten den Mund auf.
    »Der Sohn der Wildnis! Robert Wolf! Er ist es wirklich! - o Musikantengasse
und kein Ende, Kapitän, er ist es - er ist es wirklich und wahrhaftig.«
    »Ju-li-us - Schmin-kert!« stammelte Robert.
    »Ja, Julius Schmin-kert!« rief der Schauspieler, Parfümeriehändler und Gatte
der holden Angelika. »Ja, ich bin's! bin's, den Mörder Bruder nennen - Julius
Schminkert in ganzer Figur - angehender amerikanischer Bürger und angegangener
Erster Liebhaber am weltberühmten, gloriosen, sternenbannerumflatterten
deutschen Universalteater zu Saint Louis am Mississippi, unter der
himmelanstürmenden Direktion des Eigentümers Signor Giuseppe Leppelli; -
ko-los-sal!«
    Empor von seinem Lager sprang Robert Wolf, bärtig, hager, gebräunt, im
zerrissenen Jagd- und Reisegewand:
    »Schminkert! Julius Schminkert!«
    »Ganz backwoodsmannhaft!« rief der Tragöde, den Genossen früherer Tage von
oben bis unten musternd. »Etwas schmutzig, aber mokassinhaft praktisch! Neueste
Urwaldsfasson - büffelartig elegant!«
    Mit beiden Händen fasste Robert den Schauspieler:
    »Schminkert - Julius - Sie sind es! Wie kommen Sie hierher? Wann sind Sie
gekommen? Was hat Sie herübergeführt? O sprechen Sie - wie steht es drüben -
sagen Sie, sagen Sie!«
    »Euer Erstaunen, mich hier zu finden, ist völlig berechtigt; ich wundere
mich immer noch stellenweise selber darüber. Es war einmal an meiner Wiege
gesungen, junger Weltumwandler; den einen zieht das Schicksal an der Nase, dem
andern stösst es die Faust in die Rippen -«
    »Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie, Schminkert -«
    »Nur Ruhe! Drücken Sie mir das Schulterblatt nicht ein! Lassen Sie los -
Donnerwetter, we are in a free country!«
    »O reden Sie, Julius, erzählen Sie, spannen Sie mich nicht auf die Folter -
wenn Sie wüssten - - - was macht -«
    »Die hohe Obrigkeit und pflegeväterliche Sicherheitsbehörde? Danke für
gütige Nachfrage - grosser Tabakskonsum, höchst zerrissene Hausjacke -
polizeiliche Naseweisheit in schönster Blüte.«
    »Und der alte Ulex?« schrie Robert, dem unverbesserlichen Julius in alter
Weise die geballte Faust unter die Nase haltend.
    »Astronomissimus!« lautete die Antwort. »Ein Auge hat er auf, eins hat er
zu. Mit dem offenen sieht er durchs Fernrohr nach den Sternen; das zugekniffene
Sehorgan aber richtet er auf das irdische Jammertal. Origineller alter
Mauerkauz.«
    Mit den Zähnen knirschend, ächzte Robert:
    »Und das Freifräulein von Poppen?«
    »Etwas wackelig, sonst aber ausgezeichnete Verdauung und gutes Befinden.
Demnächstige Erbin der Grafschaft Dingskirchen, Baronie Poppenhof da herum -
drüben - na, Sie wissen ja, irgendwo im Winzelwalde.«
    Wieder fasste Robert den Arm des Schauspielers:
    »Was sagen Sie da? Was ist geschehen? Ist die Baronin von Poppen tot?«
    Julius Schminkert schüttelte den Kopf:
    »Apoplektische alte Dame - Kronenstrasse Nummer fünfzig - Schlaganfall. Als
ich die Ehre und das Vergnügen hatte, aus der Heimat zu verduften, vegetierte
sie noch.«
    »Ihr Sohn? Ihr Sohn?« rief Robert Wolf, auf den Füssen schwankend. »Leon von
Poppen - wo ist ihr Sohn Leon?«
    »Der Racker!« schnarrte Julius Schminkert grimmig, doch setzte er sogleich
besänftigend hinzu: »Na, da er die Suppe, die er sich einbrockte, ausgelöffelt
hat, so wollen wir weiter nichts mehr darüber sagen. Mortuus est - mausetot!«
    Wenn auf Joseph Leppels transatlantischem Universal-Riesen-, -Ross- und
-Alligator-Teater Hamlet der Däne den Schädel Yoricks des Spassmachers wog und
seinen einstigen Hirngehalt taxierte, so nahm er ganz die unmögliche Stellung
an, in welcher Julius Schminkert sich der letzten tragischen Nachricht
entäusserte. Die Nachricht konnte dadurch aber nichts von ihrer Wirkung
verlieren.
    »Steht fest, Mann!« rief der Hauptmann von Faber; aber Robert Wolf sass
bereits auf seinem Bette.
    »Ja, es ist furchtbar, das Blut eines Nebenmenschen auf der Seele zu haben«,
sprach Schminkert hohl.
    »Sie - Sie haben -«
    »Nein, mein Sohn Robert, das doch nicht. Ich habe ihm bloss eine seiner
Unverschämteit angemessene Tracht Prügel gegeben. Gehauen habe ich ihn, bis er
kein Glied mehr rühren konnte; aber im Grunde meiner Seele bin ich doch ein zu
guter Kerl, um meine Kompetenz als beleidigter Ehemann so weit zu überschreiten.
Höchst tragische Geschichte - Stoff zu einem Dutzend Trauerspielen. O die
Handschuh, die Herrenhandschuh, die Glacéhandschuh, Robert! Wissen Sie, man
probiert so lange, bis sie passen. Fluch und Verdammnis! Hohngelächter der Hölle
-«
    »Ruhe, Ruhe, Robert!« rief der Hauptmann von Faber. »Und Sie, Schminkert«,
wandte er sich dann an den leichtfertigen Deklamator, »ich bitte Sie jetzt
inständigst, ernste Sachen ernst zu behandeln. Sie kennen die Verhältnisse
Wolfs; Sie wissen, wie sehr er bei dem, was Sie uns zu erzählen haben, beteiligt
ist; - wenn Sie sein Freund sind, so reden Sie wie ein Mann und nicht wie ein
Tollhäusler.«
    »Ich bin sein Freund! Habe ich ihn nicht miterzogen? Habe ich nicht seine
ersten Schritte auf dem Pflaster grossstädtischen Lebens gelenkt? Aber ich will
Ihnen den Gefallen tun, Hauptmann; ich will ruhig sein, ruhig trotz aller
wogenden Weltmeergefühle. Setzen Sie sich, Kapitän, und beantworten Sie mir
gefälligst die Frage: Sind Sie Vater? Haben Sie einen Sohn?«
    »Nein, bei allen Teufeln, nein, nein!« ächzte Konrad von Faber.
    »Gut, Sir; wenn Ihnen aber einmal einer vom Himmel geschenkt werden sollte,
so nennen Sie ihn um des Himmels willen nicht Julius. Ich habe manchen Julius
gekannt; aber nicht einen, welcher nicht zum ungeheuerlichsten Pech
prädestiniert gewesen wäre. Überall, wo sich die Juliusse hinsetzen, bleiben sie
kleben. Wo alle Friedriche, Heinriche, Roberte, Konrade und so weiter frei
durchgehen, da bleiben die Juliusse neunmal unter zehnmal hängen und lassen
Haare und Wolle. Wenn ein Frauenzimmer: mein Karl! ruft, so kann es das so
gefühlvoll und patetisch tun, wie es will; wenn es aber schmelzend: mein
Ju-lius! lispeln soll, so weiss es recht gut, dass es Gefahr läuft, sich
lächerrlich zu machen, und - akzentuiert danach. Es ist ein Jammer, und ich - ich
Julius Schminkert - trage diesen Jammer seit meiner Taufe. Ein Julius sollte
niemals heiraten; denn jeder Laffe glaubt das Recht zu haben, ihn an der Nase
herumzuziehen. O Gentlemen, was habe ich ertragen, ehe ich den Glauben an mein
häusliches Glück aufgab und nach dem Knüppel griff! Wie lebte ich so harmlos, so
heiter in jenen seligen Tagen der Jugend, wo ich nur die Weiber, nicht aber mein
Weib vergötterte. Alles, was man mir borgte, nannte ich mein; - Robert, Sir, Sie
wissen es ja, welch ein idyllisches Stilleben wir führten, Musikantengasse
Nummer zwölf - drei Treppen - hinten heraus. Ach Angelika, Victoria regia der
Treulosigkeit, weshalb musste sich der arme Julius auf die Nadel deiner
Liebenswürdigkeit spiessen? ... Meine Herren, Sie wissen, dass ich die Person
heiratete, Sie wissen, dass die Kunst mich schluchzend aus ihren göttlichen Armen
losliess, Sie wissen, dass ich - ich Julius Schminkert -, die Blüte meines Wesens
und Seins knikkend, mich zu einem Seifen-, Parfümerie-, Hauben-, Handschuh- und
Bänderladen entwürdigte. Ich habe gebüsst, meine Herren! Es liebt zwar auch die
Welt, das Strahlende zu schwärzen; aber hier hatte das Strahlende
mutwilligerweise sich selbst die Nase begossen, und alle Seife der
Stibbe-Schminkertschen Bude reichte nicht aus, den Dreck abzuwaschen. Auf Ehre,
Wolf, sogar der Eselhafteste aller Esel, Schwebemeier aus der Lilienstrasse,
wagte es ungescheut, vor meinen Augen meiner Frau den Hof zu machen! Meine
Herren, ich habe gebüsst, wahrhaftig, ich habe gebüsst. Referendare, Studenten,
Offiziere von der Linie und von der Garde - Infanterie, Kavallerie, selbst das
ehrbare Geniekorps - alles, alles machte sich ein Vergnügen daraus, mich zur
Raserei zu bringen. Und um das Mass meines Elends voll zu machen, zog gegenüber
Fräulein Aurora Pogge - Sie wissen, Robert! - ein, fasste Posto am Fenster und
grinste mich hinab in den tiefsten Abgrund des Menschenhasses. Die Megäre hatte
der Tagebücher neue Folge begonnen, über alles, was in meinem Laden ein und aus
flatterte, hielt sie in gewohnter Art Buch, und so notierte sie auch den Baron
Leon von Poppen. Man munkelte über den Schlingel allerlei in der Stadt; seine
Verheiratung mit Fräulein Wienand war verschoben; die Kleine erblickte man
nirgends mehr, man sagte, sie sei bedenklich krank, spucke Blut, leide an der
Leber -«
    Der Hauptmann von Faber hielt den armen Robert nieder:
    »Ruhe, Ruhe, mein Junge, lass den Narren ausschwatzen!«
    »Leide an der Brust und dergleichen«, fuhr Schminkert fort, ohne sich aus
dem Konzept bringen zu lassen. »Der Herr Kommerzienrat hatten infolge der
politischen Verhältnisse wieder mal mancherlei Verluste erlitten. Man wusste
nicht recht, ob er sich von dem Freiherrn oder ob der Freiherr sich von ihm
zurückgezogen habe. Man wollte auch wissen, es sei wieder nicht so ganz richtig
im Kopf des armen Herrn. Freifräulein von Poppen waren wieder wie früher
täglicher Gast in dem Hause des Bankiers. Es war alles in allem eine dunkle
Geschichte, und nur das eine stand für mich fest, dass der Junker Poppen mehr Eau
de mille fleurs von meiner Frau kaufte, als selbst ein lieblichst zu duften
wünschender Bräutigam und das Näschen der Braut konsumieren konnten. Fräulein
Aurora Pogge notierte jedes Flakon und lächelte mich fast aus meiner Haut
heraus; ich hätte sie aus der ihrigen heraus prügeln mögen. Klar fühlte ich, dass
ich verloren sei, wenn ich nicht eine grosse Tat tue; - ich tat sie und - legte
mich auf die Lauer. Wo, wie und um welche Zeit, will ich den Herren lieber nicht
mitteilen, es könnte ihr Zartgefühl beleidigen; genug, es fand eine
melodramatische Szene voll überwältigender Motivierung und schlagender Wirkung
statt. Die rührenden Klagen der beiden unheilerduldenden Charaktere der Handlung
brachten die ganze Nachbarschaft herbei, und unter andern erschien auch auf dem
Schauplatz das junge Ehepaar aus dem ersten Stock, Herr von Bärenbinder mit
seiner Frau, einer geborenen Flöte; und es zeigte sich, dass die gnädige Frau
eine recht gute alte Bekannte des Barons Leon von Poppen war. Sehr delikate
Beziehungen - ungemeine Verwunderung, sich in solcher Situation einander
gegenüber zu finden. Auch die Frau Schwiegermama des Herrn von Bärenbinder,
Madame Artemise von Flöte, kam die Treppe herunter, und da sie mit ihrer Tochter
sich auf meine Seite stellte, so konnte der Herr Schwiegersohn nicht umhin,
dasselbe zu tun. Was am folgenden Tage, als der Skandal die Mäuler der Leute
füllte, die beiden ritterbürtigen Herren für Komplimente ausgetauscht und welche
Entüllungen sie sich gemacht haben, kann ich nicht sagen. Die Folge davon war
jedoch ein Duell, in welchem Leon von Poppen eine Kugel in den linken
Lungenflügel bekam und infolge dessen Herr von Bärenbinder mit Gemahlin und
Schwiegermutter in Italien reist. Die Leute können es! Meine Herren, und wenn
Sie mich umstülpen, mehr weiss ich nicht zu sagen; denn nachdem ich mich mit
meiner eigenen Gattin so gut oder vielmehr so schlecht wie möglich
auseinandergesetzt hatte, erhob ich mich auf den Schwingen freien Menschtums
nach Hamburg, löste ein Passagierbillett im Zwischendeck der Hammonia, lernte
die Schrecken der Seekrankheit kennen, aber verlor gottlob den unausstehlichen
Duft der Seifen und Pomaden aus der Nase. In New York betrat ich, ein
neugeborener Mensch, den Boden der Freiheit, und Fortuna, gerührt durch meines
Geistes Heldengrösse, drehte ihre Nachtseite einem andern zu und zeigte mir ihr
holdes Angesicht. Signor Giuseppe Leppelli - ein recht guter alter Bekannter
Eures seligen Bruders, Wolf, beiläufig gesagt -, Signor Leppelli erkannte in mir
den Verkannten, das Talent, den Diamant, kurz, den Mann, den er brauchte auf
einer Tour nach dem Westen! Er engagierte mich, und hier sind wir in Saint Louis
und tragen im Schweisse unseres Angesichts die Kultur, die göttliche Kunst unter
die Söhne der Wildnis. Meine Herren, ich habe die Ehre, das unübertroffene,
alles übertreffende halb Pferd-, halb Alligatoruniversalteater Ihrer günstigen
Protektion zu empfehlen. Morgen abend: Fiesko oder die Verschwörung von Genua.
Fiesko: Herr Julius Schminkert; Verrina: Herr Joseph Leppel; Julia: Mistress
Julia Leppel, Kraftstück derselben, ausgeführt mit dreihundert Pfund
Übergewicht! Bum, bum!«
    Robert Wolf und Konrad von Faber hörten schon längst nicht mehr auf den
Redeschwall des Schauspielers.
    »Mit dem nächsten Dampfer nach New Orleans, Hauptmann! Hauptmann!« murmelte
Robert, mit zitternder Hast seine Sachen zusammensuchend, als wolle und müsse er
auf der Stelle aus dem Fenster des »Vater Rhein« auf eins der
Mississippidampfschiffe steigen. Faber hatte die grösste Mühe, den Aufgeregten
nur ein wenig zu beruhigen, und noch dazu hinderte ihn Julius Schminkert nach
allen Kräften daran. Da der treffliche Tragöde in seinem Heimwesen von niemand
erwartet wurde, so zeigte er die grösste Lust, den Landsleuten die ganze Nacht
hindurch seine angenehme Gesellschaft zu gönnen. Aber der Hauptmann von Faber
schob ihn halb freundschaftlich, halb mit Gewaltanwendung aus der Tür und schloss
sie hinter ihm ab. Wir wissen, dass ihm solches öfters geschah, und so machte er
sich nicht viel daraus, obgleich er auf dem Gange fürchterlich räsonierte und im
hohen Tone von Menschenwürde, Bürgerwürde und Künstlerwürde sprach. Seine Stimme
verhallte in der Entfernung und wird fürder in diesem Buche nicht wieder gehört
werden; er hatte ja auch seine Sterne, und sie sorgten recht gut für ihn.
    Von den Sternen sprachen in dieser Nacht Konrad von Faber und Robert Wolf
noch vieles und Ernstes; Schlaf kam nicht mehr in ihre Augen. Aus dem wenigen,
was Robert über Helene und ihren Vater erfahren hatte, wuchsen viel dunkle
Sorgen, aber auch viel lichte Hoffnungen in der Brust des Liebenden auf; Ruhe
gab es für ihn nicht eher, bis er die Heimat erreicht hatte.
    In der Frühe des nächsten Morgens schon befanden sich die beiden Reisenden
auf der Fahrt den grossen Fluss abwärts. Das gewaltige Vorwärtsstreben des
schnaubenden, keuchenden Schiffes genügte Robert nicht. Ihm hätte jetzt weder
der Zaubermantel Mephistos noch das geflügelte Wunderross des Zauberers aus dem
Orient Genüge geleistet.
    In New Orleans brachte der Hauptmann seinem jungen Freunde ein acht Wochen
altes deutsches Zeitungsblatt; der Bankerott und Konkurs des Bankierhauses
Wienand wurde in demselben den Gläubigern angezeigt, mit dürren,
juristischtrockenen Worten. Von dem Bankier selbst stand in dem löschpapiernen
Blatte nichts, wohl aber machte etwas weiter unten in demselben Blatte der
Rechtsanwalt Dr. jur. Otto Krokisius zu Löffelhofen vor dem Winzelwald bekannt,
dass er mit dem Verkauf des subhastierten Freiherrlich von Poppenschen Gutes
Poppenhof beauftragt sei und dass der Verkaufstermin auf den fünften November des
Jahres festgesetzt sei.
    »Ich könnte dir jetzt ziemlich klar an den Fingern herzählen, was du drüben
finden und tun wirst, mein Junge«, sagte der Hauptmann, »aber ich will es nicht;
die Sterne reden deutlich genug. Grüsse die Freunde, und wenn du ruhig genug
geworden bist, so gedenke du auch meiner. Ich hoffe fest, dass wir uns jetzt
nicht zum letztenmal die Hand drücken. Wie es aber auch komme, wir wollen den
Sternen glauben in der guten wie in der bösen Stunde. Lebt wohl, Sir!«
    Lebewohl winkte Robert vom Schiff. Über die Wellen, über die Wellen! Schnell
war das Schiff, schnell zogen die Wolken; aber viel, viel schneller waren die
Gedanken, die nach dem Heimatlande jagten und Schiff, Wolken, Vögel, Schall und
Licht weit, weit hinter sich zurückliessen.
    »Ich werde mich die nächste Zeit hindurch ziemlich einsam fühlen. Das ist
ein guter Junge und war ein wackerer Wegkamerad«, brummte Konrad von Faber, als
er die Levée herabschritt. Im Gewühl der Farbigen und der Weissen verliert sich
seine hohe Gestalt; wir sehen auch ihn nicht wieder. Aus unserm Gesichtskreis
schreitet er hinaus, aber günstig sind ihm die Sterne; niemals hat ein Wanderer
auf der Erde die Kunst primo vivere, deinde philosophari, die Kunst, erst zu
leben und dann das Erlebte geistig zu verdauen, mit so guten Beinen und wakkern
Muskeln vereinigt wie der Hauptmann ausser Dienst, der gute, tapfere und treue
Ritter Konrad von Faber. Wir wünschen ihm schon des herzerfrischenden Exempels
wegen, welches er uns gibt, ein langes, fröhliches Leben. Möge er dann dereinst
in seinen Stiefeln sterben! Ein zweiter Wunsch, mit welchem wir seine Meinung zu
treffen gedenken.
 
                           Vierunddreissigstes Kapitel
 Juliane, Freifräulein von Poppen, setzt wieder einmal ihren Willen durch. Das
                 Geschlecht derer von Poppen kommt auf den Hund
Es gab vielleicht in der ganzen Stadt keine Uhr, welche so richtig ging, so
ängstlich pünktlich Sekunden und Minuten zeigte, so unerbittlich jede
Viertelstunde mit schrillem Klang von der Ewigkeit abzog, als die Uhr in der
Halle des Zentralpolizeihauses. Sie lief nicht vor, sie blieb nicht zurück;
erbarmungslos zerhackte sie die Zeit in die möglichst kleinsten Bruchteile, das
Sonnenjahr in zweiunddreissig Millionen Sekunden; und wenn manch einem armen
Teufel auf dem Armensünderbänkchen oder im Vorzimmer die Sekunde sich wieder zu
einem Jahr ausdehnte, so war der Uhr das ganz gleichgültig. Sie lief nicht vor,
sie blieb nicht zurück; ihre Schuld war es nicht, wenn andere vorliefen oder
zurückblieben, dem Vordermann auf die Hacken traten oder vom Hintermann in den
Rücken geknufft wurden und somit auf die eine oder die andere Weise Gelegenheit
bekamen, im Zentralpolizeihause das richtige Mass der Zeit sich in anima vili
demonstrieren oder es dem lieben Nächsten vor die Seele führen zu lassen.
    Die hohe Sicherheitsbehörde, welche als Gesamteit von je eine sehr gute
Meinung von sich selber gehabt hat, war natürlich überzeugt, so richtig zu gehen
wie ihre Uhr, und verbat sich jeden lauten Zweifel daran aufs nachdrücklichste.
Was der Rat Tröster, der Sekretär Fiebiger, der Wachtmeister Greiffenberger als
Einzelwesen davon hielten, das stand auf verschiedenen Blättern. Dass der
zweitgenannte Herr über viele, allgemein als unumstösslich festgestellte
Glaubensartikel seine Privatansicht hatte, wissen wir, und so müssen wir leider
sagen, dass er auch von der Uhr vor der Tür des Büros Nummer dreizehn eine sehr
üble Meinung hatte. Gern hätte er sie verachtet; aber da sie ihm nicht die
mindeste Ursache dazu gab, so hasste er sie grimmig und erklärte sie für das
niederträchtigste Institut, welches je im Bewusstsein seiner Unentbehrlichkeit
die Menschen geelendet habe; beiläufig ganz die nämliche Meinung, welche er von
der Behörde hatte, der er angehörte.
    Greiffenberger, der Wachtmeister, besorgte mit wahrhaft entsetzlicher
Pünktlichkeit das Aufziehen des exakten Mechanismus und vergass es seit jenem
Herbstabend, an welchem unsere Geschichte ihren Anfang nahm, nicht ein einziges
Mal. Ticktack - ticktack - Tag für Tag - ticktack, ticktack bei gutem wie bei
schlechtem Wetter - ticktack, ticktack, wenn der Polizeischreiber seinen Hut am
Morgen an den Nagel hing und stöhnend sich auf sein Dreibein setzte - ticktack,
ticktack, wenn er am Abend seufzend die Feder aussprjetzte und seinen grossen
Folianten zuschlug. Es war eine erbarmungslose Uhr; durch nichts liess sie sich
aus dem Takte bringen - ticktack, ticktack immerzu, es mochte in der Welt, im
Büro Nummer dreizehn, im Gehirn des Polizeischreibers Friedrich Fiebiger
vorgehen, was da wollte.
    Und es ging so mancherlei in der Welt, in der Polizeistube und im Herzen und
Gehirn des Polizeischreibers vor. Kronen wackelten auf den Köpfen ihrer Träger;
viel Heulen und Zähnklappen wurden im Büro dreizehn vernommen. Fritz Fiebiger
sah seinen Zögling in die Ferne ziehen und trug manchmal nicht leicht an seiner
Sorge um ihn; - Baron von Poppen wurde vom Herrn von Bärenbinder erschossen,
Kommerzienrat Wienand verlor sein Vermögen und klopfte irrsinnig in einer wilden
Nacht an die Tür des Sternsehers Heinrich Ulex.
    Ticktack, ticktack, ticktack, immerzu, immerzu! Auch die Uhr in der Tasche
des tödlich Verwundeten auf dem Schlachtfelde pickt weiter, die Fliegen am
Fenster summen lustig fort, während im Nebenzimmer ein geliebtes Wesen mit dem
Tode ringt. -
    Der Rat Tröster, bedeutend weissköpfiger als zu Anfang dieser Geschichte,
legte bei hereinbrechender Dämmerung die Feder nieder und blickte auf seinen
Untergebenen, dem eben ein tiefer Seufzer entfuhr.
    »Haben Sie noch immer keine Nachricht von Ihrem Pflegesohn, Fiebiger?«
    Der Angeredete schüttelte den Kopf:
    »Seit er mir den Tod der Frau seines Bruders meldete, nicht. Unsere Briefe
scheint er nicht erhalten zu haben. Wer weiss, was aus dem Jungen geworden ist,
in welche Patsche ihn der Hauptmann von Faber geritten hat. In der Stimmung, in
welcher er gewesen ist, hat er sich natürlich mehr als gern Hals über Kopf in
jede Gefahr hineingestürzt, und so ist er drin steckengeblieben - skalpiert -
aufgefressen - was weiss ich! Und es könnte sich jetzt alles hier so schön
machen. Alles in Ordnung. O mein Junge, mein armer lieber Junge!«
    »Beruhigen Sie sich, Alter. Wer weiss denn, ob wir uns nicht ganz
unnötigerweise Sorge machen. Unser Herr von Faber ist ein sehr bekannter Mann,
und wir würden gewiss Näheres erfahren haben, wenn ihm oder seiner Begleitung ein
Unglück widerfahren wäre.«
    Der Polizeischreiber entnahm der Bemerkung des Vorgesetzten allen Trost,
welcher darin lag, aber behielt Kummer genug auf der Seele, um abermals recht
tief zu seufzen.
    Die Uhr draussen schlug sechs; Fiebiger zählte jeden Schlag nach, und der Rat
benutzte die Gelegenheit, um zu bemerken:
    »Die Zeit geht doch recht rasch hin. Es ist mir wie gestern, als der junge
Mensch dort stand und Sie die Absicht äusserten, ihn zu adoptieren. Ich warnte
Sie gleich und verhehlte Ihnen meine Meinung, dass Sie sich dadurch viel Sorge
aufladen würden, nicht. Da auf der Bank sass Faber und machte seine Bemerkungen
nach seiner Art; wir trafen uns nachher bei dem Bankier Wienand, und wenn ich
nicht irre, war auch dort viel die Rede von Ihrem Pflegesohn, Fiebiger. Du
lieber Himmel, wie sich doch die Verhältnisse ändern! Wie geht es denn dem armen
Wienand?«
    Der Schreiber zuckte die Achseln und sagte dann:
    »Er sieht nach den Sternen! O Herr Rat, es gibt viele ernste Dinge, an denen
ein gutes Auge endlich doch eine komische Seite herausfindet; hier würde das
schärfste Auge danach vergeblich suchen. Wir sehen hier an dieser Stelle den
Vorhang über manch ein Trauerspiel fallen; aber feierlicher, eindringlicher,
wuchtiger ist niemals die Moral am Schluss eines Stückes verkündigt worden. Ja,
der grosse Geldmann Wienand sieht nach den Sternen! Eine Rolle macht er sich
täglich aus einem Papierbogen und hält sie irrsinnig vor das Auge; nur einen
einzigen Menschen kennt er noch und klammert sich an ihn mit der fürchterlichen
Angst des Wahnsinns. Auf den Giebel des Sternsehers Heinrich Ulex hat er sich
geflüchtet; da sitzt er und hält die Hand des Weisen - o tragisch, tragisch,
tragisch!«
    Seufzend sagte der Polizeirat:
    »Ja, Sie haben recht, Fiebiger, es ist eine tragische Geschichte. Es war ein
so scharfer Mann, wir haben so manchen Robber zusammen gemacht - wer mir das
damals gesagt hätte! Und nun sitzt er beim alten Ulex im Nikolauskloster und
sieht mit dem närrischen Träumer durch eine Papierrolle nach den Sternen. Es ist
wirklich ungemein traurig.«
    »Merkwürdig traurig«, brummte Fritz Fiebiger, mit einem Blick auf seinen
Chef, durch welchen er nur sagen konnte: Traurig aber auch, dass an der Welt doch
Hopfen und Malz verloren ist. Was helfen euch Exempel, die ihr nicht versteht?
Blausäure muss euch unter die Nase gehalten werden!
    »Und das Fräulein Wienand hat jetzt vollständig seinen Aufentalt bei dem
Freifräulein von Poppen genommen?« fragte der Polizeirat.
    »Vollständig. Wohin sollte das arme Kind, die Tochter des irrsinnigen
Bettlers, sonst auch gehen?«
    »Trübselige Verhältnisse!« meinte kopfschüttelnd der Rat. »Wir können sie
leider nicht ändern. Expedieren Sie dieses an den Revierleutnant Kirre.«
    Das Gespräch schloss, der Polizeischreiber Fiebiger expedierte, die Uhr in
der Halle zerhackte gnadenlos noch eine Stunde. Nicht eine Sekunde zu früh oder
zu spät zeigte sie den Beamten in den dunkeln muffigen Stuben an, dass sie gehen
könnten, und nachdem sie das getan hatte, hackte sie weiter im Interesse der
Wachen und der Gefangenen.
    Ein trockenes Wehen, welches seinen Ursprung fern im Osten, in den Steppen
Russlands genommen hatte, schien sich sehr für die Rockschösse des
Polizeischreibers zu interessieren, als er durch die Strassen schritt; kosend hob
es sie auf, überzeugte sich, dass nicht viel darunter sei, und liess sie wieder
fallen, vergass im nächsten Augenblick, dass es nichts von Bedeutung gefunden
hatte, und wiederholte das Spiel. Der Himmel war klar, der Abend hell. Nicht
sehr weit von dem Polizeigebäude schlossen sich zwei Frauen dem Schreiber an;
eine alte kleine lahme Dame in schwarzer Seide und ein junges Mädchen.
    Die alte Dame mit der Krücke sagte:
    »Heute mittag ist sie gestorben.«
    Und der Polizeischreiber Fiebiger fragte nicht, wer gestorben sei, sondern
sprach nur einfach:
    »Es ist gut, dass es vorüber ist; möge ihr die Erde leicht sein!«
    Wir, die wir mit Konrad von Faber und Robert Wolf Gold in Kalifornien
gegraben haben, die wir dann mit den beiden vom Stillen Ozean bis zum
Mississippi geritten sind, wir finden uns natürlich nur ganz allmählich in den
Vorgängen der Heimat zurecht und erfahren erst nach und nach, wie die Fäden auch
hier weiterliefen.
    Die Baronin Viktorine von Poppen, geborene von Zieger, war in den Armen des
Freifräuleins Juliane von Poppen gestorben.
    Nach dem traurigen Ende Leons hatte das Freifräulein durch den Medizinalrat
Pfingsten, und auf andere Weise, verschiedene Versuche gemacht, sich der
unglückseligen Schwägerin zu nähern. Diese Versuche misslangen jedoch alle. Auf
die zugleich harte und apatische Natur Viktorines konnte das Unglück nicht
mildernd wirken. Es lag leider viel Tierisches in dem Charakter der armen Frau,
und wie ein verwundetes Tier gebärdete sie sich, nachdem der vernichtende Schlag
gefallen war. Bald lag sie stumpfsinnig regungslos da, bald biss und schnappte
sie um sich und erfüllte das Gemach mit Klagen, deren Laut fast nichts
Menschliches mehr an sich hatte. Sie lästerte Gott und die Menschen; ohne die
Dazwischenkunft des Medizinalrats hätte sie eines Morgens die Frau von Schellen,
die ihr mehr neugierig als mitfühlend einen Besuch abstattete, fast umgebracht.
Ihre Dienstboten hielten es nur bei ihr aus, weil sie im Hause schalten und
walten konnten, wie sie wollten, und trefflich in dem jetzt völlig herrenlosen
Hause im trüben fischten.
    Eines Tages trugen Baptiste und Elise die besinnungslose Baronin von ihrem
Diwan ins Bett, es wurde noch eine Wärterin gerufen, und Pfingsten brachte einen
so trostlosen Bericht über die Lage der Dinge zu dem Freifräulein, dass dieses
noch einmal einen Versuch machte, in das Haus in der Kronenstrasse einzudringen.
Wieder vergeblich. Beim Anblick der Schwägerin geriet die Kranke in einen
solchen Wutanfall, dass der Medizinalrat das Freifräulein schleunigst aus dem
Zimmer drängen musste. Monatelang blieb es so, und Juliane von Poppen litt sehr
dabei. Niemals hat eine ausgeschlossene Seele die Pforte des Himmels mit
verlangenderen Gedanken belagert als das Freifräulein die Tür der Nummer fünfzig
in der Kronenstrasse. Erst in der letzten Stunde, am Abend des gestrigen Tages,
sollte sie Einlass finden. Gestern abend führte der Polizeischreiber das
Freifräulein und Helene vom Turm des Sternsehers heim, und wieder schritten sie
durch die Kronenstrasse.
    Schwer seufzte Juliane, als sie sich der Wohnung der Schwägerin näherten,
und zog ihren Arm aus dem des Schreibers.
    Dunkel und stumm, öde und leer lag das Haus des Bankiers Wienand; vor der
Tür der Nummer fünfzig lehnte flegelhaft frech Herr Baptiste und unterhielt sich
lachend mit einem gähnenden Standesgenossen.
    Das Freifräulein stand still:
    »Was macht die Frau Baronin?«
    Baptiste sah aus, als ob er am liebsten eine unverschämte Antwort geben
würde, bezwang sich jedoch, neigte ein wenig das Haupt und antwortete:
    »'s steht nicht gut. Der Herr Medizinalrat waren vorhin wieder da, gaben
aber wenig Hoffnung.«
    »Friedrich«, rief Juliane von Poppen, »ich ertrage es nicht länger. Ich will
es noch einmal versuchen, sie zu sehen. Führen Sie das Kind nach Haus - o Gott,
ich werde wahrscheinlich bald genug nachkommen.«
    Sie setzte den Fuss auf die Treppenstufe, und grosser Selbstbeherrschung
zeigte sich Baptiste fähig, als er ihr Platz machte. Der drohend erhobene
Krückstock tat freilich das Seinige dazu. Die Tür schloss sich hinter dem
Freifräulein und dem Bedienten, und Juliane kam nicht zurück. Nach einer Stunde
sandte sie nach ihrer Wohnung am Schulplatz und liess sagen: Fräulein Helene möge
sich zu Bett legen und nicht warten, Fräulein von Poppen werde in dieser Nacht
nicht heimkehren.
    Als Juliane in das Haus ihrer Schwägerin eintrat, schreckte sie zusammen
unter dem feuchtkalten Hauch, der ihr entgegenschlug. Es war totenstill darin.
Die Köchin war zu einer Freundin gegangen, weil ihr daheim graute. Baptiste
verlor sich in den untern Räumen des Gebäudes, ohne sich weiter um die
Eingetretene zu kümmern. Er hatte die Kellerschlüssel in seines seligen Herrn
Schreibtisch gefunden - ihm graute nicht. Langsam hinkte Juliane die Treppe
hinauf, und krampfhaft fest fasste sie ihren Krückstock, als sie auf einmal aus
einem Winkel ein klägliches Winseln vernahm. Das war nur der Schosshund der
Baronin, welchen die Kammerjungfer aus dem Zimmer ihrer Herrin geworfen hatte
und langsam verhungern liess. Matt, den Leib auf dem Boden hinschleifend, kroch
das arme Geschöpf hervor, als wolle es Barmherzigkeit und Hülfe von der fremden
Frau erbitten. Jetzt konnte das Freifräulein nicht darauf achten, obgleich ihr
das Tier unendlich leid tat. Ein niederbrennendes Licht war auf den Fussboden im
ersten Stock dicht an die oberste Treppenstufe gestellt und erfüllte den
Korridor mit übelriechendem Qualm. Allerlei gebrauchtes Gerät, Schüsseln,
Teller, Gläser samt einem Haufen schmutziger Wäsche versperrten die Tür, die in
das Gemach der Baronin führte. Das Freifräulein schritt darüber fort und öffnete
die Tür. Kein Laut! Die Lauscherin drückte die Hand auf das Herz, sie stand
mitten im Zimmer. Die Fenstervorhänge waren niedergelassen, die
gegenüberliegende Tür stand halb offen, und hinter den Portieren hervor drang
mit dem Dunst der Krankenstube ein matter Schein. Dieser schwächliche Schimmer
und das Licht, welches die Strassenlaternen draussen gaben, erhellten allein das
erste Gemach, über dessen weichen Teppich Juliane jetzt unhörbar hinschritt. Wir
kennen das Zimmer. In jenem Lehnstuhl hatte sich Leon gestreckt und gedehnt,
wenn er seine Mutter durch seine Scherzreden quälte. Auf jenem Diwan hatte
Viktorine von Poppen ihre Tage halb verschlummert, halb verwimmert. An jenem
Tisch hatte Frau von Eichel gewitzelt, Frau von Flöte gefrömmelt, Lydda von
Flöte gezimpert. Über tausenderlei Nippsächelchen und Spielereien streifte das
unbestimmte Licht, und mit einer unbeschreiblichen stolzen, fast wilden
Handbewegung wies das Freifräulein Juliane von Poppen, die Letzte ihres
Geschlechts, diese ganze jämmerliche Welt von sich, als sie den Vorhang fasste,
welcher sie von dem Sterbebett der Baronin trennte.
    Noch einmal stand sie still und beobachtete, ehe sie eintrat, und wieder
drückte sie die geballte Hand auf die Brust.
    Elise, die elegante Kammerjungfer, hatte die beiden Fusslichter an dem grossen
Toilettenspiegel angezündet, betrachtete ihre liebenswürdige Figur holdlächelnd
vom Kopf bis zu den Füssen und rückte zu gleicher Zeit das kokette Häubchen
zurecht. Am Ofen rührte die Krankenwärterin, Frau Rosenmeier, nachlässig in
einem Töpfchen; die Kranke stöhnte auf ihrem Lager, aber keines der beiden
Frauenzimmer achtete im mindesten darauf.
    »Wasser, Wasser! Gebt mir doch Wasser!« ächzte Viktorine von Poppen.
    »Gleich, Frau Baronin!« brummte schnaufend die dicke Madam am Ofen.
    »Gleich, gleich, gnädige Frau!« lispelte geziert am Spiegel Mamsell Elise,
ohne sich umzuwenden.
    Auf ihrem heissen Lager warf sich die Kranke hin und her. Ihre
fieberglühenden schwarzen Augen leuchteten verzweifelt, unheimlich in dem
dämmerigen Winkel, wo das Bett stand.
    »Zu trinken! Oh, ihr lasst mich verbrennen!«
    Es dauerte noch eine geraume Zeit, ehe sich eins der Weiber herbeiliess, der
armen Frau das Glas an die Lippen zu halten. Die Lauscherin hinter dem Vorhang
zerbiss fast die Lippen vor Wut.
    Auf ihrer Decke, in ihren Kissen herum griff die Kranke.
    »Ich liege so schlecht - das ist wie Stein - o Elise, so komm doch - Frau
Rosenmeier! - Elise, Elise!«
    »Gleich, gnädige Frau, gleich!« kreischte die Kammerzofe, und die Wärterin
stürzte auf das Bett zu, schüttelte auf die roheste Weise die Kissen auf, warf
die Decke zurecht und behandelte die Leidende nicht anders als ein fühlloses
Stück Holz.
    »Leon, Leon, hilf deiner armen Mutter! Wo bist du, Leon?« rief die Kranke im
Fieberwahn, unter den rohen Fäusten sich sträubend. »Elise, Elise, ich schenke
dir meine rote Samtmantille, wenn du mir hilfst. O sei nicht böse, Elise,
schicke diese weg; ich will dich auch niemals wieder schelten, gewiss niemals!
Bitte, bitte, bitte!«
    Mamsell Elise winkte der Wärterin und hauchte:
    »Aber Rosenmeiern, was machen Sie denn? Sehen Sie denn nicht, dass die
gnädige Frau das so nicht leiden kann - mein Gott, wie gemein.«
    dabei liess sich die Kreatur affektiert seufzend in eine Causeuse sinken;
aber jetzt zerriss auch die Portiere in der krampfhaft zitternden Hand des
Freifräuleins, zur Seite flog der Vorhang, und so unvermutet erschien Juliane in
der Tür, dass die Kammerzofe im jähesten Schrecken mit abwehrenden Händen in die
Höhe fuhr, dass die Wärterin die Tasse, welche sie eben zum Munde führen wollte,
fallen liess. Von ihrem Pfühl hob sich die Kranke und schrie:
    »Da, da - da ist sie, ich fürchte mich nicht mehr vor ihr! Juliane, Juliane,
komm her, du sollst das letzte Wort haben. Komm herein, du lebst, und ich muss
sterben. Treibe die weg - die, die! Sie wollen mich umbringen. Jage sie fort,
komm herein - bald - morgen, wirst du ja doch kommen, und ich werde es dir nicht
wehren können!«
    An die Hand ihrer Schwägerin klammerte sich die sterbende Viktorine, und mit
der gewohnten Energie bemächtigte sich Juliane sogleich der Herrschaft über das
Krankenzimmer. Sie hatte ritterlich schon wildere Geschöpfe gebändigt, als die
Kammerzofe und die Wärterin waren, und so bezwang sie auch diese beiden Tiere.
Die ganze Nacht sass sie am Bette der Verwandten, und die Baronin regte sich
nicht, sondern starrte immer nur ganz fest auf die kleine schwarze Gestalt, das
verrunzelte Gesicht, die spitze Nase. Gegen Morgen schlief die Kranke ein und
erwachte erst, als die Sonne in das Fenster schien.
    Das Freifräulein beugte sich dann über die Kissen der Leidenden und sagte
freundlich und liebevoll:
    »Guten Morgen, Viktorine, Sie haben einen gesunden Schlaf getan, und ich
habe Sie gut bewacht. Sie zürnen mir doch darum nicht?«
    Viktorine von Poppen gab keine Antwort. Sie warf die Arme unruhig umher, sie
fuhr mit den Händen über das Gesicht, als wolle sie allerlei böse Gedanken von
sich scheuchen.
    Mit ihrer sanftesten Stimme fuhr Juliane fort:
    »Bitte, bitte, liebe Viktorine, dulden Sie mich so lange um sich, als Sie
krank sind. Vergessen Sie, was zwischen uns gelegen hat. - Sind Sie durstig?
Hier - nehmen Sie sich Zeit. - Liebe Viktorine, sobald Sie wieder gesund sind,
mögen Sie mich fortschicken. Sie liegen nicht gut, warten Sie, ich will Ihre
Kissen zurechtlegen!«
    Die Kranke liess wie ein Kind alles mit sich geschehen, immer noch starrte
sie das Freifräulein an; aber sie murmelte dabei fort und fort den Namen
Juliane. Da trat die Kammerzofe in das Zimmer, und hinter ihr erschien die
unförmliche Figur, das rote gemeine Gesicht der Wärterin. Beim Anblick dieser
beiden Personen warf Viktorine beide Arme um den Hals der Schwägerin und rief in
höchster Angst:
    »Ich bitte dir alles ab! Verlass mich nicht, verlass mich nicht! Ich bin
schlecht gegen dich gewesen und Leon auch. Leon ist tot, o verlass mich nicht -
geh nicht von mir, solange ich noch lebe. Ich will dir alles abbitten. Schicke
die fort, jage sie aus dem Hause; ich bitte dir alles ab.«
    Das Freifräulein zwang sich, heiter zu lachen, obgleich sie blutige Tränen
hätte weinen mögen.
    »Du hast mir gar nichts abzubitten, liebe Viktorine. Du hast mir nicht mehr
Püffe gegeben, als ich dir gab. Und wenn du es willst, so sollen die beiden auf
der Stelle dein Haus verlassen. Ich bleibe bei dir; habe keine Angst. Um Gottes
willen - Sie - Weib - nach dem Doktor, nach dem Medizinalrat Pfingsten! Sie
stirbt, sie stirbt!«
    Noch starb die Baronin Viktorine von Poppen nicht; aber von Stunde zu Stunde
wurde sie schwächer. Sie verschied erst am Nachmittag, und die Hand Julianes
liess sie bis zum letzten Augenblick nicht los. Sie starb, indem sie flüsterte:
    »Ich bitte dir alles, alles ab!«
    Mit zitternden Händen drückte das Freifräulein Juliane von Poppen die
blinden Augen der Toten zu. Das Gericht kam und versiegelte die Zimmer des
Hauses Nummer fünfzig bis auf das, in welchem die kalte starre Leiche lag. Auf
diese allein machten die Gläubiger keine Ansprüche.
    Tot und öde war das alte Gebäude, wie das Haus gegenüber. Baptiste und Elise
zogen mit reicher Beute und dem Entschluss, gemeinschaftlich einen
Viktualienkeller zu halten, ab. Viele Gläubiger waren auf die Nachricht vom Tode
der Baronin herbeigeeilt, und von dem einst so stattlichen Besitz der Familie
von Poppen konnte das letzte Fräulein von Poppen nur den armen, kleinen,
halbverhungerten Hund nehmen. Sie trug ihn auf dem Arme fort, und dankbar
winselnd leckte er ihr die Hand.
 
                           Fünfunddreissigstes Kapitel
  Es gewinnt den Anschein, dass die Sterne auch ihren Willen durchsetzen werden
Ausführlich und in allen Einzelheiten teilte das Freifräulein dem
Polizeischreiber alle Vorgänge der letzten vierundzwanzig Stunden mit, wenn auch
nicht auf dieselbe Weise, wie wir sie unsern Lesern erzählt haben. Gesenkten
Hauptes ging Helene Wienand neben den beiden Alten; aber sie trug so schwer an
den eigenen Kümmernissen, dass sie nur mit halbem Ohr auf die traurige Geschichte
vom Ende des Hauses Poppen horchen konnte. Ihre Seele war gefangen auf dem Turme
des Sternsehers Heinrich Ulex. Dort sass der kranke Vater neben dem weisen
Freunde und Lehrer des verschollenen Geliebten; nur dort gab es Ruhe für sie,
nur dort fand sie Trost. Die Worte des ehrwürdigen Greises hatten denselben
schmerzstillenden Einfluss auf sie, dessen Macht Robert Wolf vor Jahren so sehr
empfunden hatte. Verhältnismässig heiter konnte sie nur dann sein, wenn sie im
Giebelzimmer des Nikolausklosters sass, die unruhige Hand des Vaters in ihren
Händen hielt, am Nachtimmel still die Sterne ihren Weg durch die Ewigkeit
gingen und der Seher der kleinen ernsten Gemeinde feierlich die erhabenen
Zeichen deutete, welche für alle betrübten, suchenden, zweifelnden
Menschenseelen in dem unermesslichen Raum des Weltalls geschrieben stehen.
    Der Kreis um den Sternseher zog sich immer fester. Wenn in früheren Jahren
die nächtlichen Zusammenkünfte der Alten aus dem Walde nur dann und wann
stattgefunden hatten, so ging jetzt fast kein Abend vorüber, ohne dass man sich
in dem Observatorium des Astronomen zusammenfand. Je tiefer der Lebensabend der
drei Jugendgenossen aus Poppenhagen herabsank, desto mehr fiel alles Nichtige
und Äusserliche von ihnen ab; das Freifräulein verschwand aus der Gesellschaft,
Friedrich Fiebiger wurde nur noch sehr selten in seiner Stammkneipe gesehen.
Lange nicht mehr so häufig wie sonst erging sich der Humorist in sarkastischen
Bemerkungen über die Lebens- und Weltanschauung seines Freundes. Es ist
eigentlich ein bitter Ding, seine Ansicht deshalb aufgeben zu müssen, weil man
zu sehr recht bekommt, weil einem das selbstaufgestellte Axiom von der
lächerlichen Nichtigkeit aller irdischen Dinge an der eigenen Existenz zu klar
demonstriert wird.
    Der Polizeischreiber war aber der Mann, welcher sich dreinfinden konnte; -
er verlor seinen Gleichmut nicht so sehr, dass er aus einem lachenden Philosophen
ein grämelnder weinerlicher Murrkopf wurde. Er warf seine Violine auch nicht
ganz in den Winkel oder an die Wand; er musizierte weiter, wenn auch etwas
dumpfer und melancholischer als sonst. »Eintönig unkte fort der Frosch sein
elendig Sumpflied!« nannte er das mit freier Benutzung eines Verses Virgils.
»Was soll die Kreatur auch anders tun; das Volk hat ganz recht, wenn es meint,
der Mensch sei ein Amphibibichum, könne auf dem Trocknen nicht leben und müsse
im Wasser umkommen«, fügte er dann wohl hinzu und - stopfte eine frische Pfeife.
    Auch jetzt folgte er den beiden Frauen auf ihrem Wege zum Nikolauskloster,
stieg mit ihnen die alte Wendeltreppe hinauf. Sie brauchten nicht mehr
anzuklopfen. Heinrich Ulex öffnete seine Tür, ehe sie die oberste Stufe der
Treppe erreicht hatten.
    Alles unverändert in dem düstern Gemach! Jedes Bild, jedes Buch, jedes
Instrument an seinem Platze! Aber in dem Schatten, welchen die grüne
Studierlampe vergeblich zu verscheuchen strebte, suchte sich jemand zu
verbergen, der beim Beginn unserer Geschichte nicht anders als mit einem
verächtlichen Lächeln auf den Lippen und mit bedauerndem Achselzucken über sein
grosses Hauptbuch weg, aus dem Fenster seines Kontors, drunten gegen Süden, zu
diesem Klostergiebel emporgeblickt hatte. Ja, scheu vor jedem Fusstritt wich der
Bankier Wienand in die Dunkelheit zurück und wagte sich nur dann hervor, wenn
der Sternseher beruhigend sagte:
    »Kommt, es sind Freunde! Kommt, ich will es!«
    Nach dem Wort Julianes hatte der Kommerzienrat jetzt hier Schutz gesucht. In
schrecklichster Weise war die warnende Drohung erfüllt. Verspottet hatte der
grosse Kaufmann die Sterne und war den furchtbaren Mächten, den dunkeln Geistern
der Erde anheimgefallen. Milde und voll Erbarmen sind die Sterne, die lichten
himmlischen Kräfte - zersprengt hatten sie die Fesseln des Unglücklichen und ihn
wieder frei auf den Scheideweg gestellt. Nun hatte er zum zweitenmal im wilden
Trotz die hohen Geister verachtet, und zum zweitenmal war er in die Gewalt der
Dämonen gefallen. Auf Erden war keine Rettung mehr für den Bankier Wienand;
zweimal liessen die Unterirdischen ihr Opfer nicht frei.
    Helene eilte zu ihrem Vater und küsste ihm die Hand, diese Hand, welche noch
immer die kindische Papierrolle hielt, von welcher der Polizeischreiber seinem
Vorgesetzten erzählt hatte. Dem Sternseher berichtete das Freifräulein den Tod
der Baronin Viktorine, und wie Fiebiger sprach auch Heinrich Ulex:
    »Sie ist von einem traurigen Leben erlöst, Natur und Erziehung haben sie
manchen Fehler begehen lassen; bittere Frucht hat sie aus dem Samen, welchen sie
streute, geerntet. Arme Frau! Möge sie sanft ruhen.«
    Nun sassen sie alle nach gewohnter Weise im Kreis, und dicht neben dem
Sternseher kauerte der Irrsinnige und bewachte mit ruheloser Aufmerksamkeit jede
Bewegung desselben.
    Der eigentliche Gedankenaustausch über den Tod der Baronin von Poppen fand
jetzt erst statt, wo jeder der drei Alten aus Poppenhagen seine Meinung darüber
sagen konnte. Es konnte nicht fehlen, dass ein solches Ereignis die
Jugenderinnerungen auf das lebendigste anregte. Sie erwachten auch - traurig und
freudig, trübe und lieblich stiegen sie empor. Das beschränkte, wunderlich
vollgepfropfte Observatorium des Astronomen wurde zu dem grossen Walde, aus dem
die drei Alten stammten; nur von ihrer Jugend und dem, was daraus in den
jetzigen Augenblick herüberklang, sprachen die drei Alten an diesem Abend.
    Ohne Scheu und Scham konnten diese greisen Köpfe jedes Angedenken
zurückrufen; vor keiner Stunde ihrer Jugend mussten sie erschrecken und errötend
zurückweichen.
    »Ich bin nun die Letzte meines Namens«, sagte das Freifräulein, »zugrunde
geht das alte Geschlecht. Als man den letzten Herrn von Poppen tot in das Haus
seiner Mutter trug, hat die Welt die Achseln gezuckt, und viele haben der
Verachtung Spott hinzugefügt. Die närrische Mutter hat sich um den Sohn zu Tode
gegrämt; aber, ihr Leute aus Poppenhagen, den grimmigsten Schmerz habe doch ich,
ich allein, um den letzten Freiherrn von Poppen getragen. O es ist so
schrecklich, so kläglich, das letzte Weib von einem Geschlecht zu sein, dessen
letzten Männern der Hohn und der Spott in die Gruft folgte, denen die
öffentliche Meinung den adeligen ritterlichen Schild mit Lachen am Grabe
zerschlug. Sie lachen! Sie lachen! Das ganze Volk lacht, in seinen Häusern, auf
seinen Märkten, in seinen Gerichtsstuben, in den Versammlungen seiner
Abgeordneten und Vertreter. Weh, und es hat das Recht zu lachen; es kann, es
darf nicht die Unschuldigen, Tapfern und Treuen von den Jämmerlichen und
Erbärmlichen scheiden, wenn es ein starkes, mannhaftes Volk bleiben will. O ihr
Männer von Poppenhagen, beklagt, beklagt das arme Freifräulein von Poppen,
beklagt alle die, welche ihren Namen, ihr Geschlecht, ihren Wirkungskreis,
alles, alles im Hohn des Volkes untergehen sehen und welche sich vor Gott und
ihrem Gewissen auf die Seite der Spötter und Lacher stellen müssen.«
    Die beiden Greise neigten sich gegen die alte Jungfer, wie sich einst
stolze, tapfere, selbstbewusste Vasallen vor einer unglücklichen Lehnsherrin
gebeugt haben würden.
    »Fräulein von Poppen«, sagte der Schreiber, »in unserer Zeit, wo die
bewegende Kraft in die Massen zurückfällt, wo selbst die Grössten nur das wollen
dürfen, was die Allgemeinheit will, in dieser Zeit steht der einzelne, der stets
und mit aller Kraft das Edle und Gute gewollt hat, freier von Verantwortlichkeit
für andere da als in irgendeiner andern Epoche. Geschlechter, Stände mögen im
Lachen der Menge zugrunde gehen; der tadellose, fleckenreine Schild des
einzelnen wird um so heller glänzen.«
    »Juliane«, sagte Heinrich, »an dem Grabe des Sohns der Baronin von Poppen
zerbrach man nicht den Schild des alten Geschlechts; man zertrümmerte nur den
Schild Leons von Poppen. Juliane von Poppen hat ihren eigenen Schild, und der
wird ihr auf den Sarg gelegt werden, und niemand, niemand wird dabei lachen.
Weinen wird man, recht von Herzen weinen, und nicht nach Ständen werden sich die
Freunde um die Gruft drängen. Edelleute, Bürger und arme Proletarier werden der
Geschiedenen Namen mit einer Stimme für rechtedel erklären.«
    »Ich danke euch, Freunde«, rief das Freifräulein, durch Tränen lächelnd. »O
es war doch damals eine schöne Zeit im Winzelwalde, als ich euch das Lesen
lehrte! Wir haben uns gut durchgeschlagen und tapfer zu jeder Zeit
zusammengehalten. Fast ein halbes Jahrhundert ist's her, seit die böse Mamsell
Schnubbe unser Versteck im Eberkamp ausfindig machte und mein Vater mich halb
tot schlug und ihr aus dem Winzelwalde davonlaufen musstet, ihr armen Jungen. Nun
sitzen wir hier, drei Grauköpfe, und sehen nach den Sternen -«
    »Und die Sterne haben uns gut geführt«, sprach Ulex.
    Fritze Fiebiger, der Polizeischreiber, nickte mit dem Kopfe.
    »Zwei Hagestolze und ein - altes Fräulein. Die Sterne haben uns wirklich so
gut als möglich geführt.«
    Noch vieles sprachen Heinrich, Friedrich und Juliane von ihrer Jugend und
den Sternen; der Kranke neben dem Sessel des Sternsehers schlief fest, wenn auch
unruhig. Aus den Betrachtungen des Todes gelangten die drei Alten aus dem Walde
allmählich immer mehr in die freundliche Helle des Lebens zurück; auch von
Robert Wolf sprachen sie, von dem Jüngling aus dem Walde, und lichte Glut flog
nun über Helenes bleiches abgehärmtes Gesicht. Bis jetzt hatte sie auf das
Gespräch der Greise nur halb horchen können. Die eigenen Gedanken liessen sie
nicht los, und wie sie sich auch abmühte, den Geist auf das Nächste zu richten,
ihn in dem Kreise der Freunde, an der Seite des unglücklichen Vaters
festzubannen, immer von neuem wurde ihre Seele widerstandslos entführt,
hinausgewirbelt in die Weite, auf unbekannte Pfade, in fremde Wildnisse, über
unermessliche Wüsteneien von Land und Wasser. Das Brausen und Sausen um den alten
Klostergiebel, jedes stärkere Anschwellen des Windes nach kurzer Ruhepause
erhöhte dieses ahnungsvolle, bange, ruhelos suchende Gefühl. Ach, die Alten,
welche mit dem Leben abgeschlossen hatten, hatten gut die Sterne loben!
    Jetzt aber ahnte der feinfühlende Gelehrte, was im Herzen des jungen
Mädchens vorging. Sanft nahm er die Hand desselben und sprach:
    »Du liebes Kind, fasse Mut! Für jeden, jeden kommt die Stunde, wo er die
Sterne preist - früher oder später, hier oder dort oben. Keiner bleibt ewig
ausgeschlossen; für jeden, jeden kommt der Augenblick, wo alles ausgeglichen,
alles gut ist. Keiner bleibt trotzend oder mit verhülltem Angesicht im Winkel
stehen, während die andern vom liebenden Arm der Mutter warm umschlungen werden.
Hoffe, hoffe, liebes Kind; du darfst es; die Hoffnung der Jugend liegt noch vor
dem Grabe. Gib den Sternen die Deutung der Jugend, solange du jung bist. Ja,
horche nur auf den Fusstritt des Glückes. In jedem Augenblick kann es kommen,
dich in ein neues helles Dasein zu führen.«
    Und während der Alte auf dem Turme so sprach, schritt ein Wanderer schnell
durch die Gassen der Stadt. Der letzte Eisenbahnzug, der von Norden her die
Stadt erreicht, hatte diesen Wanderer herübergeführt; es war Robert Wolf. Ein
Wundarzt, welcher den letzten Teil der Reise mit ihm zusammen machte, hatte ihm
mit aller Gewalt zur Ader lassen wollen, weil er eine Gehirnentzündung oder
dergleichen bei dem jungen aufgeregten Passagier im Anzug glaubte. Eine
Reisetasche mit den Buchstaben R.W. figurierte später im Verzeichnis der in den
Wagen vergessenen Gegenstände.
    Mit einem Satze aus dem Kupee und vorüber an den misstrauischen
Helfershelfern des Polizeischreibers Fiebiger! Mit einem Sprung aus der Halle in
die Gassen. O wie die Pulse klopften, wie es vor den Augen flimmerte, wie die
Gaslichterreihen tanzten!
    Es ist ein weiter Weg vom Hamburger Bahnhof bis in die Mitte der Stadt, bis
zur Musikantengasse, bis zum Nikolaikloster; aber keine Prämiendroschke hätte
ihn schneller zurückgelegt als Robert Wolf. Erst an der Ecke der Kronenstrasse
mässigte er seine Schritte; zwischen der einstigen Wohnung des Bankiers Wienand
und dem von Poppenschen Hause stand er einen Augenblick ganz still. Der holde
Baptiste war nicht mehr beauftragt, ihn zu überwachen; - dunkel waren die
Fenster zu beiden Seiten der Häuser, zwei derselben in der Nummer fünfzig waren
geöffnet, und der Wind hatte die weissen Gardinen hervorgerissen und warf sie
gespenstisch hin und her. Die Strasse war nicht sehr belebt, alle Vorübergehenden
hätte Robert Wolf fragen mögen, ob sie nichts wüssten von den beiden dunkeln
Häusern und ihren Bewohnern. Endlich riss er sich los von der Stelle, die ihn so
gewalttätig bannte; weiter schritt er durch die bekannten Gassen, das Labyrint,
welches ihn vor Jahren so sehr geängstet hatte. Jetzt schreckten die
aufgetürmten Steine, das Drängen des Volkes den Mann nicht mehr, der das Kap
Hoorn umschifft hatte, der über die grossen Prärien geritten war.
    Noch eine Ecke, und da - da war die Musikantengasse, da war das Haus Nummer
zwölf. Ein Heimchen zirpte laut unter der Schwelle; aber nur das mittlere
Stockwerk, in welchem jetzt ein Beamter wohnte, war erleuchtet. Weiter oben war
alles dunkel, der Partikulier Mäuseler befand sich im Roten Bock; der Gatte der
liebenswürdigen Angelika gähnte wahrscheinlich eben auf der andern Seite der
Erdkugel den jungen amerikanischen Tag an. Wo der Polizeischreiber Friedrich
Fiebiger sich befand, wusste Robert Wolf, und so trat er nicht ein in das Haus,
sondern grüsste nur ernst und gerührt nach den höchsten Fenstern desselben
hinauf.
    Da war das dunkle Gässchen und das Fenster der Kammer, in welcher der Meister
Johannes Tellering gestorben war! Da war die niedere Pforte, welche in den
gerümpelvollen Hof des Nikolausklosters führte, da war die steile Wendeltreppe,
der Schleichweg der Mönche, wo der Schüler des Sternsehers sonst drei Tritte für
einen genommen hatte! Heute stieg er Tritt für Tritt empor und hielt sich
krampfhaft an dem baufälligen, knackenden Geländer; gleich einem Trunkenen
schwankte er. Alle Ecken und Winkel am rechten Fleck! Auch die Ecke, an welcher
man sich so leicht das Schienbein zerstiess! Tüchtig rannte Robert Wolf dagegen,
aber er hatte kein Gefühl für den Schmerz. -
    Und im Giebelzimmer des Sternsehers sagte eben Juliane von Poppen: »Es ist
Zeit zu scheiden; wir müssen gehen, Helene!« Da richtete sich Ulex horchend auf,
und Fiebiger sprang empor.
    Welch ein Schritt draussen?!
    Lautlos, regungslos horchte der kleine Kreis, und dann klopfte es an der
Tür, und die Tür öffnete sich. Der Polizeischreiber stiess einen ganz
unpolizeimässigen Schrei aus, der Gelehrte hob die Hände; Helene Wienand erhob
sich geisterbleich, zitternd an allen Gliedern, und das Freifräulein liess den
Krückstock fallen.
    In den Armen hielt Friedrich Fiebiger den Pflegesohn:
    »Da bist du! Da bist du! O jetzt lobe ich auch ohne Vorbehalt die Sterne.
Junge, Junge, mein lieber Junge, da bist du endlich.«
    Er liess ihn nur los, um ihn dem Sternseher hinzuschieben:
    »Da hast du ihn auch! Da habt ihr alle ihn! Er ist es! Die Kannibalen haben
ihn nicht gefressen. Gepriesen seien die Sterne!«
    »Gesegnet sei dein Eingang, liebes Kind!« rief Ulex mit hochbewegter Stimme.
»Wir haben dich mit Sehnsucht erwartet, aber ich wusste wohl, dass du zu rechter
Stunde kommen würdest.«
    Sprachlos, mit überströmenden Augen, blickte Robert umher, er sah auch
Helene und wollte auf sie zu; doch das Freifräulein trat jetzt heran, dicht
heran an den heimgekehrten Wanderer. Sie hatte die Lampe vom Tisch genommen und
liess den Schein derselben ihm voll ins Gesicht fallen und sah ihm aufmerksam und
prüfend in die Augen. Sie sah in das mannhafte Gesicht und sah die hellen Tränen
an den Wimpern hängen, sie setzte die Lampe wieder nieder, reichte dem Jüngling
die Hand und sprach:
    »Du hast dich gut gehalten; - sei willkommen!«
    Seine hohe Gestalt beugte Robert, um der alten Dame die Hand zu küssen; aber
sie fasste ihn um den Hals und küsste ihn auf die Stirn. Dann warf sie in ihrer
alten Weise den Kopf zurück und sagte mit vollständig verändertem Ton und
Ausdruck:
    »Nun, junger Herr, wollen Sie meinem Kinde hier kein Wort sagen? Komm her,
Helene; komm aus dem Schatten, Liebchen; die Sonne will wieder in dein Leben
scheinen.«
    Einen Schritt trat Robert vor, doch dann blieb er stehen, wie eingewurzelt;
aber Helene Wienand breitete die Arme aus, und - nun war alles gut. Der
Sternseher Heinrich Ulex leitete sanft den irrsinnigen Vater zu den beiden
Kindern und legte die Hand desselben auf die verbundenen Hände Roberts und
Helenes. Der Bankier sah nur den Astronomen an, und als dieser das Haupt neigte,
nickte er auch wohl hundertmal hintereinander und lächelte scheu blinzelnd, als
freue er sich, dass er etwas tue, was dem weisen Mann gefalle.
    »Seid glücklich in eurer Liebe, Kinder!« sagte der Sternseher. »Wenn in
diesem Augenblick der Schleier von der Seele dieses Armen fiele, so würde er
nicht mehr trennend zwischen euch treten. Preise die Sterne, Sohn; sie haben dir
ein gutes Teil gegeben, und ein hohes Glück hast du gewonnen; nun halte es fest
und lass es dir durch nichts rauben. Du aber, Tochter, erinnere jenen immer, wenn
es not ist, dass auch hinter der Entsagung das Glück liegen kann; - und deine
Kinder lehre auch, nach den Sternen zu blicken; viel schwerer als den Müttern
wird es jedem andern spätern Lehrer.«
    Wir sind durch alles, was nun noch an diesem Abend auf dem Giebel des
Nikolausklosters besprochen wurde, selbst geschritten. Sie hatten alle im
kleinen Kreise viel erlebt und wohl auch viel erduldet. Viel besser liess sich
das, was in Briefen, die auf der Fahrt ums Kap Hoorn verlorengegangen waren,
gestanden hatte, mündlich sagen. Sie gaben nun ausführlich einander Bericht und
verschwiegen nichts. Die beiden, welche lieber im stürmenden Meer als in einem
hübschen Teich voll Wasserrosen und flüsternden Schilfs versinken wollten,
schwebten durch den Raum, und alle im Kreise bis auf den Kranken grüssten in
gedankenvoller Trauer die Schatten von Friedrich und Eva Wolf.
    Als Robert die Erzählung seiner Abenteuer und Schicksale beendet hatte,
sprach der Polizeischreiber dem König Salomo die Worte nach, welche wir diesem
Buche vorangesetzt haben: »Ein Messer wetzet das andere und ein Mann den
andern.« Mit einem schlauen Blick auf Helene jedoch fügte er hinzu: »Die Weiber
aber wetzen tüchtig mit; - wenn die Sterne ihren Segen geben, so müssen wir am
Ende wohl scharf werden.«
    Von den Plänen, die Robert Wolf schon auf seiner Überfahrt von New Orleans
nach Hamburg in Hinsicht auf den Poppenhof gefasst hatte, sprach er auf dem Turm
des Sternsehers nicht. Erst als er mit dem Polizeischreiber in dem alten
verräucherten Gemach in der Musikantengasse allein war, teilte er sie dem
Pflegevater mit, und nachdem dieser den »jungen Kapitalisten«, den »Glückspilz«
aus Poppenhagen beglückwünscht hatte, fand er den Plan »räsonabel«, und man
beschloss, an Otto Krokisius zu schreiben. »Ja, kaufe das alte Junkernest«, sagte
der Schreiber. »Es liegt eine eigentümliche Gerechtigkeit darin. Führe dein
junges Weib als Herrin an den Ort, welchen der letzte Freiherr von Poppen nicht
behaupten konnte; erhalte dem letzten Fräulein von Poppen die Heimat. Wahrlich,
die Bauern haben diesmal den Rittern das Spiel abgewonnen!« Der Morgen dämmerte
über die Dächer - der Tabaksqualm war undurchdringlich. Man beschloss, gar nicht
mehr zu Bett zu gehen, und Robert kochte, unendlich glücklich und
hoffnungsreich, in alter Weise den vortrefflichen Kaffee, dessen Bereitung ihn
einst der alte Heimatsgenosse gelehrt hatte.
 
                          Sechsunddreissigstes Kapitel
 Die Sterne setzen ihren Willen durch, ihrem Willen befiehlt der Erzähler sich
                                 und sein Buch
Es war ein stiller wolkenloser Tag in jener herrlichen Jahreszeit, wo Frühling
und Sommer sich die Hand reichen. Der Hochwald stand in seiner vollsten,
frischesten Pracht, Dämmerung hier, dort blendendes Licht - dort flimmernd
Gemisch von Licht und Schatten. Glorreich strahlte die Nachmittagssonne; aber
ahnungsvoller Duft verschleierte alle Ferne. Dicht verwachsen war der Waldweg,
der eine Stunde früher als die Kunststrasse, welche im Tal sich um den Kaiserberg
wand, das Dorf Poppenhagen erreichte. Es kostete Mühe, sich auf diesem Pfade
durchzuwinden; aber er war dafür auch mit allem lieblichen und romantischen
Zauber der Wildnis aufs reichste geschmückt. Anmutiges Gerank, knorrige Stämme,
Felsentrümmer, rieselndes Wasser, frischgrünes Moos und Blumen waren wie von
Künstlerhand darauf verteilt; die Glut und der Staub der Heerstrasse gehörten
hier nur in das Reich ungemütlicher Träume.
    »Noch einen Augenblick, Lieb, und wir haben die Höhe erreicht!« rief eine
klangvolle Männerstimme im Gebüsch der Tiefe. »Reiche mir die Hand, armes Kind!«
    Eine andere, lieblichere Stimme antwortete darauf noch ein wenig weiter
zurück:
    »Du beklagst mich wohl noch gar, Robert? Steig nur voran und habe keine
Sorge um mich. Es ist ein wonniglich Atmen hier.«
    Die Männerstimme wiederholte eine einfache, aber hübsche Melodie, die vorhin
ein Waldmädchen den beiden aus der Tiefe Emporklimmenden entgegengetragen hatte;
das Rauschen im Gebüsch näherte sich der Stelle, wo der Pfad den Gipfel des
Berges erreichte; die zwei Wanderer traten aus dem Schatten auf die lichte
Stelle, von welcher man die schönste Aussicht weit über den Winzelwald hatte,
ohne jedoch nach irgendeiner Seite hin das Ende desselben zu erblicken.
    Wir kennen die beiden jungen Leute, die sich aus dem Gebüsch loswanden. Es
waren Robert Wolf und Helene Wienand; letztere in schwarzen Trauerkleidern, aber
doch mit dem rosigen Schimmer wiederkehrender Lebensfreudigkeit auf den Wangen.
    »O wie wunderherrlich!« rief die Braut, an dem Arme des Verlobten atmend
ausruhend von den Beschwerden des Weges. Sie hatte tapfer mit dem Gezweig
kämpfen müssen, mit neckischen Fingern hatte ihr eine mutwillige Ranke den
breiten Hut vom Kopf gezogen und ihr in die Locken gegriffen; auf ihrer Schulter
sass ein Marienkäfer, der sich lieber so anmutig tragen liess als selber ging.
    »Und dort hast du Poppenhagen!« sagte Robert, auf eine Turmspitze zeigend,
welche zur Rechten aus einem Tal hervorlugte.
    Lange blickte das junge Paar stumm nach der angedeuteten Gegend hin, dann
erklärte Robert weiter:
    »Die Felder, welche dort an jenem Berge emporlaufen, gehören zum Poppenhof;
die eigentliche Feldmark des Dorfes kann man von hier nicht sehen. Nun bist du
mitten in meiner Jugendheimat, süsse Braut! Ach wie oft habe ich an dieser Stelle
gelegen, den Wolken nachsehend und unbestimmte Luftschlösser in den Äter
bauend. Welch ein guter alter Bekannter ist jener Baumstumpf dort! Nur jene
Berglehne drüben jenseits der Landstrasse war damals nicht abgeholzt; sonst ist
alles heute, wie es damals war, als ich mich hier zum Robinson Crusoe träumte
oder den Fahrten Sindbads des Seefahrers nachsann.«
    »Der silberne Faden, welcher im Herbst so still und langsam durch die Luft
schwebt, kann vieles überdauern, welchem der Mensch unendliches Dasein geben
möchte. Es ist so traurig, dass der Mensch in sein dunkles Grab gehen muss, wenn
die Welt in so lichtem Glanz daliegt. Sieh, welch ein schöner Schmetterling sich
dort wiegt, wie er sich schaukelt und sich freut - aber immer, immer muss ich an
den toten Vater denken!« seufzte Helene.
    »Da unten auf der Landstrasse kriecht der Wagen«, sagte Robert Wolf. »Er
schleppt langsam die alten Freunde der Heimat zu. Was sollen sie tun, wenn wir
so trübe und tränenvoll in all diese Schönheit blicken?«
    Die Braut küsste den Verlobten:
    »Du hast recht, Lieber; es ist Sünde gegen dich und Gott, jede gute Stunde
durch nutzlose Klagen zu verfinstern. Du musst recht viel Geduld mit mir haben,
Robert; - o deine Heimat ist so schön! Komm, führe mich weiter hinein; glaube
mir, seit wir gestern die Berge erreichten, ist mein törichtes Herz schon um
vieles leichter geworden.«
    »Bald wird es ganz gesunden, du Süsse, Liebe!« rief Robert. »Nimm meinen Arm,
einmal führe ich dich noch recht tief in den Wald, und dann steigen wir hinab in
das Dorf und sehen, was die Freunde daselbst gefunden haben und wie der wackere
Otto für uns gesorgt hat.«
    Sie folgten dem Waldwege noch eine Viertelstunde lang, dann betrat der neue
Herr des Poppenhofes mit seiner Braut einen andern engen Pfad, der wieder weiter
seitwärts abführte. Trotzige Felsen ragten mitten im dunkeln Tannenforst.
    »Das ist der Kaiserstein«, sagte Robert. »Von jenem Vorsprung stürzte einst
Eva Dornblut meinen Bruder. Fürchtest du dich vor der Wildnis, Herz? O du
solltest den Tannenwald im Sturm, in der Winternacht sehen und hören! Das gibt
ein lustig Sausen, Schwirren, Donnern und Krachen, wenn die Windsbraut mit den
Waldgeistern hier ihre Tänze aufführt. Hier links, Liebchen - dort hinaus kommt
Sumpf und Moor, das ist der Eulenbruch. Wart nun, gleich führ ich dich wieder
ins Licht. Wer den Weg nicht kennt und in der Nacht sich hierher verliert, den
können die Irrlichter tüchtig necken und verlocken. Aber die roten Wölfe vom
Eulenbruch kennen den Weg und fürchten die Kobolde nicht.«
    Auf den Tannenwald folgte wieder Buchenwald; plötzlich fasste Robert die Hand
Helenes fester und zog sie schneller vorwärts, einen kleinen Abhang hinan.
Droben stand er still, als schon die Sonne über die Berge im Westen
hinabgesunken war; wortlos deutete er auf ein graues, ärmliches, niederes
Gebäude, welches auf einer kleinen Wiese einsam, fern von allen andern
Menschenwohnungen lag. Nirgends ein lebendes Wesen zu erblicken! Kein Laut
unterbrach die Stille.
    Helene Wienand umschlang den Geliebten fest, und dieser sagte:
    »Da ist der Ort! Da sind alle die roten Wölfe, bis auf unsern Fritz und
mich, untergegangen - verdorben, gestorben in Hunger, Jammer und Elend. Am Yuba
liegt nun auch Friedrich Wolf neben Eva Dornblut; - - mich allein haben die
Sterne errettet, ach und bis ins tiefste Herz hinein fühle ich, wie wenig ich
selbst zu meiner Rettung, meinem Glück beigetragen habe. In tiefster Demut beuge
ich mein Haupt den Sternen; sie haben mir alles erhalten, was Gutes in mir war;
sie haben mir alles gegeben, was ich bedurfte; die höchsten, schönsten Wünsche
haben sie mir erfüllt; o Helene, Helene, meine Braut - dort die Hütte - und dein
Herz schlägt an dem meinigen - und drunten im Tal die Freunde! - o wie hat der
Letzte der roten Wölfe vom Eulenbruch die Sterne zu preisen!«
    »Ich will dir ein gutes Weib sein!« sagt Helene Wienand ganz leise, und dann
fügte sie hinzu: »Sollen wir nun näher dort hingehen; vielleicht ist die Tür
offen?!«
    »Nein, nein!« rief Robert Wolf; »ich kann, ich will nicht in jene Tür
treten, ich will auch nicht durchs Fenster sehen. Ach du weisst nicht, ahnst
nicht, welches namenlose, grässliche Elend jenes morsche Dach verbarg. Die Sterne
haben mich darüber emporgehoben - sie haben mich gelehrt, das fremde Elend in
seinen schrecklichsten Schlupfwinkeln aufzusuchen, und so Gott will, will ich
keine Gelegenheit dazu leichtsinnig vorübergehen lassen. Aber die Stelle, wo ich
selbst, wo meine Eltern, meine Brüder und Schwestern hülflos lagen, ohne dass
sich eine Hand eher nach ihnen ausstreckte, als bis es zu spät war, die Stelle
will und kann ich nicht mehr sehen.«
    Helene fasste den Freund fester und flüsterte:
    »Du hast recht - komm, komm! Lass uns fort, lass uns fort zu den Freunden. Es
wird Abend, sieh, da ist auch schon der Abendstern.«
    »Grad über dem alten Hause!« flüsterte Robert ebenso leise wie die Braut.
»Wie still und friedlich alles! Wie als wenn hier nie um Hülfe geschrien worden
wäre! Über der Hütte der Stern - ich will nie mehr an die eine ohne den andern
denken.«
    Sie gingen zurück durch den Wald, und Stern auf Stern trat am klaren
Abendhimmel hervor. Auf einem breitern Wege erreichten sie kurz vor dem Dorfe
die Kunststrasse. Es war jetzt vollständig Nacht, eine helle warme Nacht. Bei
jedem Schritte vorwärts stiess das heimkehrende Kind von Poppenhagen auf eine
Jugenderinnerung, und auf alles machte Robert die Braut, die er mitbrachte aus
der weiten Welt, aufmerksam. Da rauschte der Brunnen am Eingange des Dorfes noch
grade so wie sonst; wie sonst trieben die Kinder auf der Gänseweide ihre Spiele.
    Es herrschte grosse Aufregung in Poppenhagen, die Männer und Weiber steckten
die Köpfe zusammen; man lief von Tür zu Tür und gestikulierte; es war aber auch
ein Ereignis, die Rückkehr der »Ortsleute«.
    Die drei Alten, Ulex, Fiebiger und das Freifräulein, waren freilich so
ziemlich vergessen; nur ganz wenige Grauköpfe erinnerten sich ihrer. Robert Wolf
vom Eulenbruch aber war noch in jedermanns Gedächtnis, und jetzt - kam der heim
aus der Fremde, so reich, »dass es nicht auszusagen war«. Der Poppenhof gehörte
dem roten Wolf vom Eulenbruch, welchen der Pastor Tanne seliger doch gewiss eine
geheime Kunst aus seinen Büchern gelehrt hatte; sonst wäre so etwas doch gewiss
nicht möglich gewesen!
    Und der volle Mond stieg empor und beleuchtete Berg und Tal, das Dorf, das
aufgeregte Volk, die Kirche und den Kirchhof.
    Auf dem Kirchhof schritt gebückt eine Gestalt unter den Gräbern umher und
suchte alte Namen auf eingesunkenen Steinen und morschen Kreuzen. Wo die Hecken
des Kirchhofs, des Pfarrgartens und des Gartens der Schulmeisterei
zusammenstiessen unter der hohen Esche, wo einst Eva Dornblut mit Fritz und
Robert Wolf Zwiesprache gehalten hatte, lehnte jetzt eine ganz junge
Schulmeisterin mit einem Kind auf dem Arm und beobachtete scheu neugierig den
Greis zwischen den Gräbern, den Mann aus dem Giebel des Nikolausklosters, den
Sternseher Heinrich Ulex aus Poppenhagen. Auch Robert und Helene erstiegen die
ausgetretenen Stufen, welche auf den Friedhof führten. Der Greis trat ihnen
entgegen und seufzte:
    »Ich finde meine Gräber nicht mehr - nicht eines. Es ist wohl gut so, aber
auch sehr traurig. Ach, ich hätte euch doch nicht hierher folgen sollen!«
    Er stützte sich schwer auf den Arm des Schülers und liess sich von ihm führen
wie ein Vater von seinem Sohne.
    Seine Gräber fand Robert Wolf noch und zeigte sie seiner Braut; nur die
Stelle war bereits etwas undeutlich, wo die vier kleinen Särge, die einst im
Laufe einer Woche vom Eulenbruch hergetragen wurden, beigesetzt worden waren.
    Still schritten die drei wieder herab von dem Kirchhof und weiter durch das
Dorf. Unter der grossen Linde fanden sie den Polizeischreiber Friedrich Fiebiger
aus Poppenhagen bereits im vollen lebhaften Verkehr mit der Gemeinde. Er nahm
den Personalbestand des Dorfes an Menschen und Vieh auf und verfehlte nicht, den
jungen Gutsherrn und seine Braut dem Kreise der dörflichen Notabilitäten
vorzustellen. Der Polizeischreiber war ebenso erregt und melancholisch gestimmt
wie die andern, die heute mit ihm gekommen waren; er hielt es aber für seine
Pflicht, in seiner Weise der Stimmung der andern ein Gegengewicht zu geben.
    Er nahm für jetzt Abschied von dem neugewonnenen Bekanntenkreise und schloss
sich dem Sternseher und seinen beiden jungen Begleitern an. In ihrer
Gesellschaft überschritt er den Dorfbach, und ein kurzer Weg brachte alle zum
Einfahrtstor des Poppenhofes.
    Hatte sich im Dorfe wenig verändert, so war hier die Umwandlung desto
augenscheinlicher. Alles lag in der schlimmsten Verwahrlosung, alles war
vernachlässigt und verfallen; an dem Unbedeutendsten sah man, dass lange Jahre
hindurch das Auge des Herrn gefehlt haben musste. In dem Herrenhause standen die
Gemächer leer; zerschlagene Fenster und zerbrochene Dächer gab es bedeutend mehr
als ganze. Düngerhaufen waren über den ganzen Hofraum verzettelt, und ein paar
magere Schweine samt einigen Hühnern trieben sich, wie es schien, vollständig
herrenlos darauf umher. Ein bösartiger Hofhund zerrte laut heulend an seiner
Kette, als habe er die ungeheuerste Verantwortung dafür, dass nichts von dem
Schmutz, dem Dünger, den Trümmern abhanden komme. Ausser einem kretinartigen
Kinde, welches mit einem andern kleinen ähnlichen Geschöpf auf dem Rücken vor
den eintretenden Fremden die Flucht nahm, war niemand von den bisherigen
Bewohnern des Gutes zu erblicken.
    In der Mitte des Hofes stand im Mondenschein neben einem alten wunderlichen,
halb verfaulten Pfosten noch eine Gestalt; aber diese gehörte nicht zu den
bisherigen Bewohnern des Herrenhauses. Eine rostige Kette hing von dem hässlichen
Pfahl, und das Freifräulein Juliane von Poppen hielt diese Kette gefasst. Als die
andern auf sie zukamen, warf sie aber dieselbe von sich, dass sie klirrend um den
alten Pfosten schlug.
    »Was wollen wir hier, Heinrich? Weshalb sind wir hierher zurückgekommen? Gib
mir deine Hand, Heinrich, deine treue, gute, milde Hand; lass uns fortgehen, hier
ist nicht unsere Stelle!«
    Das letzte Fräulein von Poppen gebrauchte fast dieselben Worte, welche der
Sternseher Heinrich Ulex auf dem Kirchhofe des Dorfes gerufen hatte.
    Sie hatten recht, diese beiden Alten; hier war ihre Heimat nicht mehr. Ihre
Füsse waren zu müde geworden von dem langen, weiten, mühsamen Wege durch das
Leben und trugen die Greise nicht mehr in die wilden Verstecke des Winzelwaldes,
wo alle süssen Erinnerungen ihrer Jugend schliefen. Auf dem verwahrlosten
Poppenhofe aber gingen nur unheimliche Gespenster aus der vergangenen Zeit um,
und aus dem Schutt der Jahre sprosste nicht die kümmerlichste Blume.
    »Und doch ist nur eine kurze Zeit vergangen, seit wir Kinder waren,
Juliane!« schloss Heinrich Ulex laut eine lange stumme Gedankenreihe.
    »Eine kurze und doch lange Zeit«, antwortete das Fräulein. »Das ist eben das
Schreckliche, dass sich beides so vermischt: wir stehen hier alt und grau in
einer neuen Zeit, und doch ist es mir, als sei jener Tag, an welchem deine
Mutter hier stand und mein Bruder dich hier misshandelte, erst eben zu Ende
gegangen, als seien jene Sterne dort oben eben jenem Tage gefolgt.«
    Auch Heinrich Ulex legte jetzt seine Hand leise auf den Schandpfahl und das
Halseisen; dann aber blickte er mit feucht glänzenden Augen empor zu den
himmlischen Lichtern und sprach:
    »Es sind dieselben Sterne, welche jenem Tage zu Grabe leuchteten. Sie
lächeln heute, wie sie damals lächelten; sie wussten, dass es damals nicht anders
sein konnte; sie wissen, dass heute alles gut ist, wie es ist.«
    Der Polizeischreiber Fiebiger war seit einigen Augenblicken aus dem Kreise
der andern verschwunden; jetzt kam er zurück, begleitet von dem Rechtsanwalt aus
Löffelhofen, Otto Krokisius, welcher letztere jetzt erst den Freund und dessen
Braut begrüsste. Der Schreiber trug eine Axt und der Advokat eine Erdhacke.
    »Greif zu, Arzt und praktischer Philosoph!« rief Fritz Fiebiger aus
Poppenhagen, seinem Pflegesohn das Beil in die Hand drückend. »Ans Werk, Otto
Krokisius, praktischer Philosoph und beider Rechte Beflissener. Nieder mit dem
Dinge! Herunter damit!«
    »Wohl gesprochen, Polizei! Steigt Ihnen nachher ein Ganzer!« rief lachend
der verlorene Sohn des Konsistorialrats Krokisius. »Wenn Ihr's erlaubt, so
wird's an uns nicht liegen, wenn dieses angenehme antediluvianische Institut
noch länger sich eines aufrechten Daseins freut. Wenn es nicht unkindlich wäre,
so wünschte ich, dass sämtliche Exemplare von meines Herrn Papas sämtlichen
Werken dranhingen.«
    Der neue Herr des Gutes arbeitete mit einer wahren fieberhaften Hast an der
Zertrümmerung des Pfahls, und bald stürzte derselbe zu Boden.
    »Hier wollen wir einen Brunnen graben, roter Wolf«, sagte Fiebiger.
»Hoffentlich wird ein gutes, klares und heilsames Wasser aufspringen.« -
    Otto Krokisius hatte sein möglichstes getan, einige Zimmer des Schlosses
bewohnbar zu machen. Als die Alten und Helene sich dahin zurückgezogen hatten,
sass er mit dem Universitätsfreunde noch eine geraume Zeit zusammen, und sie
besprachen Nahes und Fernes.
    »So hast du nun deinen Willen und das alte Räubernest auf dem Nacken«, sagte
der Jurist. »Du hast viel Geld, vielleicht zu viel in den Kauf gesteckt. Du bist
Arzt, aber die Mutter Erde ist eine gesunde robuste Person, hat den Doktor
selten nötig und begnügt sich mit der Hebamme.«
    »Darüber sorge ich nicht. Ich kenne die Wirtschaft hier im Walde; bis zum
achtzehnten Jahre habe ich hier am Ort selbst tätig mit eingegriffen und weiss so
ziemlich Bescheid und werde das Fehlende leicht ergänzen; auch bin ich für die
ersten schwierigsten Jahre noch anderweitig gerüstet.«
    Otto Krokisius kratzte sich hinter dem Ohr. »Du bist ein Glückspilz, und ich
glaube wahrhaftig, das wird sich auch hier wieder zeigen. Ich habe in meinem
Leben nur einen Schatz gefunden und gehoben - meine Frau. Wann willst du
heiraten?«
    »Wenn die Bauern Hochzeit machen, im Herbst.«
    »Deine Antworten kommen Schlag auf Schlag; das ist gut. Du hast auch darin,
seit wir uns auf jenem Hügel trennten, Fortschritte gemacht. Alter Junge, alles
in allem genommen, freue ich mich unendlich, dass du hier sitzest und sitzen
bleiben willst. Wir wollen hier zusammenhalten in guter und böser Zeit, und
unsere Weiber sollen Rosen um das eherne Band winden.«
    »So soll es sein!« sagte Robert Wolf vom Eulenbruch. - - -
    Es gestaltete sich alles so gut, wie der Mensch eben hienieden unter den
Sternen verlangen kann. Trefflich gedeiht Robert mit seiner Frau und seinen
Kindern auf dem Poppenhofe. Noch leben die drei alten Freunde in der grossen
Stadt; aber Fritz Fiebiger allein vermag es über sich, einen Teil des Jahres im
Winzelwalde zu verleben. Von seinem Dreibein im Zentralpolizeihause - Büro
Nummer dreizehn - ist er heruntergestiegen; ein anderer, aber jedenfalls kein
Besserer, führt die traurigen Folianten. Aus seiner alten Höhle in der
Musikantengasse will aber auch er nicht weichen, obgleich Helene Wolf die
längliche Stube »gar nicht hübsch« findet. Die Kinder müssen zur Stadt kommen,
wenn sie den Sternseher und das Freifräulein sehen wollen, und sie wollen es
oft. Heiter und friedlich geht den drei Alten aus dem Walde die Sonne unter, und
durch den roten Glanz blicken immer deutlicher, klarer die hohen Sterne der
Ewigkeit. Konrad von Faber ist auf seinen Siebenmeilenstiefeln neulich durch den
Winzelwald geschritten und hat einen Brief von Ludwig Tellering auf dem
Poppenhofe abgegeben. Ludwig ist ein angesehener, selbstbewusster Bürger des
Staats Kalifornien, wie das nicht anders sein konnte. Verschollen ist Julius
Schminkert; aber es ist leicht möglich, dass er irgendwo wieder auftaucht. Von
der schönen Angelika wollen wir lieber schweigen, ihr Lebenslauf geht allzusehr
in die Tiefe. Wenn jemand den eigenen Tod notieren und mit anmutigen Randglossen
versehen könnte, so hätte es Fräulein Aurora Pogge gewiss getan; sie verschied
jedoch, ohne dieses äusserste Problem der Kunst, ein Tagebuch zu führen, gelöst
zu haben. Der einstige würdige Vizepräsident des Jockeiklubs, Herr von
Bärenbinder, soll einer Zeitungskorrespondenz zufolge vor einigen Wochen mit
Frau und Schwiegermutter in Rom zum Katolizismus übergetreten sein. Wir halten
das für unwahrscheinlich, sind jedoch nicht berechtigt, es für unmöglich zu
halten. Der Partikulier Schwebemeier begönnert die darstellende Kunst nicht
mehr; in den Bewegungsjahren war er eifriger Bürgerwehrmann und nahm sogar eine
Verhaftung vor. An der Spitze seiner Rotte arretierte er höchst
unmotivierterweise den Partikulier Mäuseler, welcher für seine
generalmarschkranke Haushälterin den Doktor holen wollte. Der Polizeirat Tröster
hat sich pensionieren lassen und spielt jeden Abend Whist; der Sanitätsrat
Pfingsten wird seine grosse Praxis noch lange nicht abgeben und spielt ebenfalls
jeden Abend Whist.
    Die Sterne wandeln ihren Weg und achten auf alle Menschen. Wenige der
Erdgeborenen kümmern sich darum. Ein Messer wetzet das andere und ein Mensch den
andern; die Sterne aber bringen Messer und Menschen zusammen. Nach den Sternen
zu sehen, wenn die Kämpfer aufeinanderdringen und die Klingen
aneinanderschlagen, ist gut und nützlich und ein Zeichen nicht gemeinen Geistes,
das lehren -
                            Die Leute aus dem Walde.
 
    