
        
                              Ida Gräfin Hahn-Hahn
                                  Maria Regina
                        Eine Erzählung aus der Gegenwart
                                   Erster Band
                               Vater und Töchter
Ein milder Sommerabend ruhte auf den heitern, lieblichen Ufern des Mains. Grüne
Hügel, Rebgelände, Haine von Fruchtbäumen, Städtchen und Dörfer drängen sich an
seine krausen Windungen heran. Auf einer Höhe am nördlichen Ufer liegt Kloster
Engelberg, der berühmte Wallfahrtsort, mit seinem Hintergrund von dunkelm
Nadelholz. Die ärmsten Söhne des armen heiligen Franziskus, die Kapuziner,
dienen hier Tag und Nacht Gott und den Seelen. Drüben auf dem südlichen Ufer
erhebt sich auf der Platte eines Hügels, den die Kunst in einen terrassierten
Garten verwandelt hat, das Schloss des Grafen Windeck im Stil der Renaissance
unter uralten Linden und Kastanien. Auf den Zinnen hing das Banner in den
Windecker Wappenfarben schlaff an der Stange herab und auf den Terrassen tanzten
die Springbrunnen wie Elfen und ihr schlanker Wasserstrahl trug spielende
glänzende Kugeln, ohne sie fallen zu lassen: so still war die Luft. Die Blüten
der Orangenbäume dufteten betäubend, und Granaten und Oleander mit ihren
prächtigen Blumen glühten doppelt in der Abendsonne. Breite Steintreppen, deren
Absätze mit grossen Vasen voll Hortensien und anderen Prunkblumen geschmückt
waren, führten von einer Terrasse auf die andere. Die oberste trug zu beiden
Seiten Gruppen von schattigen Linden und in der Mitte ein weites, von
Wasserpflanzen und kleinen Basaltblöcken umgebenes Bassin, aus dem ein starker
Wasserstrahl aufstieg und mit drei Kugeln zugleich spielte. Auf einem der
Felsblöcke sass ein kleines Mädchen und schaute mit stillen grossen Augen
träumerisch die tanzenden Kugeln an. Über den Main schwamm ein Nachen und trug
einen bejahrten Herrn mit schneeweissem Haar und ein junges Mädchen, die so eben
die hohe steile Wallfahrtstreppe herabgestiegen waren, vom Kloster Engelberg
nach Schloss Windeck hinüber. Friedlicher als der Abendhimmel und der stille Fluss
und die ganze ruhende Natur war der Ausdruck, der auf dem Antlitze des Greises
und des jungen Mädchens lag, denn es war der Friede, der nichts gemein mit der
Erde hat.
    In dem reichmöblierten Saal, dessen drei hohe Fenstertüren der Terrasse zu
weitgeöffnet standen, ging Graf Windeck auf und nieder, sofern ihm das nämlich
möglich war. Denn der Saal, obzwar sehr geräumig, war mit Sopha's, Ottomanen,
Lehn- und anderen Stühlen, Tischen in allen Grössen und Formen, Gestellen mit
Blumen, mit Vasen, mit Lampen, mit Büchern, mit Porzellan, mit tausend und aber
tausend modischen Überflüssigkeiten, die alle kreuz und quer standen, dermassen
überfüllt, dass er mehr dem Magazin eines Tapeziers als einem Familienzimmer
glich. So liebte es aber der Graf, denn so war es eben Gebrauch in der Welt,
obschon seine Liebhaberei für das Auf- und Abgehen, was für müssige Menschen eine
Art von Beschäftigung ist, sehr dadurch beeinträchtigt wurde. Er schob auch
ziemlich unmutig bald einen Sessel, bald einen Tisch, einmal sogar das Polster
zurück, auf dem Amour ruhte, Amour, das köstliche Bologneserhündchen, nicht viel
grösser als ein Schneeball, ein höchst seltenes Exemplar dieser fast
ausgestorbenen Race. Amour kläffte empört über diese rauhe Behandlung seinen
Herrn an und ein schöner Aras, aus seiner abendlichen Ruhe aufgeschreckt,
kreischte laut auf und schüttelte voll Entsetzen sein Gefieder. Dann wurde Alles
wieder still.
    Nach einiger Zeit sah der Graf auf die Uhr, trat unter die Türe, die auf die
Terrasse führte, und blickte verdriesslich nach Kloster Engelberg hinüber. Dann
fiel sein Auge auf die Kleine, die zwischen einem hohen Strauss von blühenden
Callas wie die Nymphe des Springbrunnens an dessen Rand sass - und er rief:
    »Corona!«
    Die Kleine sprang auf und eilte zu ihm. Er fragte:
    »Wo bleibt Regina?«
    »Sie wird wohl gleich kommen, lieber Vater.«
    »Woher weisst Du, dass sie gleich kommen wird, wenn sie jetzt noch nicht
zurück ist?« fragte ganz unmutig der Graf.
    »Weil Du gesagt hast, dass sie um sieben Uhr zu Hause sein solle, lieber
Vater,« entgegnete sie unbefangen.
    Da schlug es sieben und Regina trat durch eine Seitentüre in den Saal, küsste
dem Grafen die Hand und nickte freundlich der kleinen Schwester zu.
    »Du kannst wieder in den Garten gehen, Korona,« sagte der Graf, setzte sich
in einen Lehnstuhl, deutete seiner ältesten Tochter an, ihm gegenüber Platz zu
nehmen und fuhr fort: »Ich hab' es reiflich erwogen, Regina, ich schicke Euch
nicht zu den Damen vom Sacré Coeur zurück. Die gute Tante Isabella hat mir
versprochen, uns nicht zu verlassen, und ich behalte Euch bei mir. Du bist jetzt
siebzehn Jahre alt; da muss das Lernen aufhören. Denn entweder hast Du etwas
gelernt - und dann bist Du hinreichend unterrichtet; oder Du hast nichts gelernt
- und dann ist's überhaupt umsonst, dann wirst Du auch nichts lernen. Genug, Ihr
sollt bei mir bleiben und mich unterhalten. Du sollst diesen Winter mit mir in
die Welt gehen und für Korona will ich Gouvernante u. dgl. halten. Aber des
Sacré Coeur bin ich überdrüssig. Seit dem Tode Eurer guten Mutter, also fünf
volle Jahre waret Ihr dort. Ein längerer Aufentalt würde Dir entschieden
schädlich sein, Dich der Welt entfremden, Dich wohl gar auf den Gedanken
bringen, ganz und gar da zu bleiben - und das geht nicht..«
    »Das würde ich auch nie wünschen, lieber Vater,« antwortete Regina, als der
Graf schwieg, um zu hören, was sie erwidern würde.
    »Nicht?« rief er erfreut; - »nun, das ist mir lieb! ich fürchtete schon, Du
hättest Klostergedanken.«
    »Du fürchtetest es, lieber Vater?« sagte Regina, und sah ihn mit ihrem
tiefen klaren Auge ganz erstaunt an.
    »Nun freilich!« fuhr der Graf auf; - »alle romantischen Grillen sind mir
verhasst.«
    »Scheint es Dir eine romantische Grille, dem lieben Gott dienen zu wollen?«
fragte Regina weiter.
    »Was wär' es sonst?« rief er zornig.
    »Ich dachte, es sei eine Pflicht,« sagte sie sanft.
    »Ärgere mich nicht, Regina!« brach der Graf aus. - Da hub auf Kloster
Engelberg das Ave-Maria-Läuten an. Regina stand auf, trat zurück, blickte
hinüber nach dem armen Kirchlein, das - wie einst der Stall von Betlehem den
menschgewordenen Gott aufnahm - so den verborgenen Gott im Tabernakel umschloss,
und betete andächtig den englischen Gruss. Der Graf, unterbrochen in seinem
Zornerguss, sah während der Zeit die Tochter an und sprach zu sich selbst: Wie
schön sie ist! woher hat sie nur die Schönheit? von ihrer armen Mutter gewiss
nicht! - Dieser Ideengang versöhnte ihn etwas, und als Regina nun sanft vor ihm
niederkniete und um Vergebung bat, wenn sie gefehlt habe, antwortete er:
    »Du musst suchen aus den Widersprüchen zu kommen, mein Kind, und Dir selbst
klar zu werden. Eben sagtest Du, Du wünschtest nicht im Sacré Coeur für immer zu
bleiben und gleich darauf schienst Du dennoch mit Klostergedanken umzugehen.«
    »Lieber Vater,« sagte Regina mutig, »mein Wunsch wäre, zu den Karmelitessen
zu gehen.«
    »Zu den Karmelitessen!« rief der Graf, »wer sind die? wo sind die? was weisst
Du von ihnen?«
    »Nichts - als dass ich bei ihnen lernen könnte, recht innig Gott zu lieben
und recht ausschliesslich ihm zu dienen.«
    »Unsinn über Unsinn!« rief er. Da fingen die Glocken auf Kloster Engelberg
an, den morgenden Sonntag einzuläuten und bald stimmten alle Glocken und
Glöcklein der benachbarten Kirchen ein und mahnten wie Stimmen des Himmels die
Menschen im Staube der Erde an das »Sursum Corda«, das so leicht vergessen. Graf
Windeck überhörte den himmlischen Zuruf und sprach weiter:
    »Den Unsinn fetzen Dir die Patres da drüben in den Kopf. Ich will nicht
mehr, dass Du bei ihnen beichtest. Du kannst bei Onkel Levin beichten - und
überhaupt seltener. Ich begreife nicht, was Du jeden Samstag zu beichten haben
kannst! mir fällt nie was ein.«
    Mit einer ganz leichten Bewegung glitt Regina auf ihre Knie, beugte sich
tief zu Boden, küsste die Füsse des Grafen und sagte zärtlich:
    »Desto schlimmer, mein geliebter Vater.«
    Der Graf aber behandelte sie wie sein Bologneserhündchen, stiess sie fort und
sagte rauh:
    »Was erfrechst Du Dich?«
    »O nur aus Liebe,« entgegnete sie und hob immer kniend die gefalteten Hände
zu ihm auf und sah ihn mit demütiger Zärtlichkeit an, während ein rotes Mal auf
ihrer Stirn Zeugnis seiner harten Behandlung ablegte. Er aber sprach mit
steigendem Unmut:
    »Karmelitessen! wer hat denn wieder die erfunden! gehören die auch zu den
neumodischen Anstalten, um Bettelvolk zu verpflegen und Bettelvolk zu erziehen,
als ob es unsereiner wäre! Oder sind sie selbst solch klösterliches Bettelvolk,
wie ich jüngst, als ich Euch aus dem Sacré Coeur abholte, ein Paar von Haus zu
Haus mit einer Büchse für Almosen herumlaufen sah? Man zeigte mir eine, von der
es hiess, sie sei eine Gräfin und reich. Da dachte ich, sie müsste einen Narren
zum Vater haben, der den Skandal erlaubt, dass seine Tochter eine allgemein
bekannte Bettlerin wird.«
    »Lieber Vater,« entgegnete Regina, als er schwieg, um Atem zu schöpfen, »Du
selbst sagtest gestern, es würden jetzt Sängerinnen und Tänzerinnen Gräfinnen
und Fürstinnen. Gilt also in der Welt der Stand so wenig, dass Komödiantinnen ihn
erlangen, warum soll es dann nicht Personen dieses Standes erlaubt sein, ihm
freiwillig zu entsagen?«
    Graf Windeck hätte am liebsten geantwortet: »Weil ich es nicht will.«
Indessen sammelte er sich, nahm eine hohe Miene an und glaubte eine höchst weise
Äusserung zu machen, indem er sagte:
    »Weil nicht ein Skandal den andern gut machen kann. Ich habe gar nichts
gegen die Teaterprinzessinnen, gar nichts! im Gegenteil! auf der Bühne sind sie
charmant; aber sie müssen dort bleiben - gerade so, wie die Gräfinnen und
Fürstinnen in ihren Verhältnissen bleiben - und nicht mit Bettelbüchsen strassauf
strassnieder laufen müssen.«
    »Das gehört auch nicht zur Ordensregel der Karmelitessen, lieber Vater.«
    »Schweige von ihnen! schon diese Benennung ist mir unerträglich.«
    »Ich hänge nicht eigensinnig an ihnen, lieber Vater. Wenn ich wüsste, dass Du
mich lieber zu den Trappistinnen gehen liessest ...« - -
    »Nun ist's genug!« donnerte der Graf. »Nun ist meine Geduld erschöpft und
ich will von all' dem Unsinn keine Silbe mehr hören. Also merk' es Dir, Regina:
Du gehst nicht mehr zur Beicht in's Kloster und Ihr geht beide nicht zurück in's
Sacré Coeur. Ich werde mit Euch reisen, Euch die Welt zeigen. Das wird Deine
Ueberspannung kurieren und Corona davor bewahren. Hast Du mich verstanden?«
    »Ja, mein lieber Vater,« sagte Regina freundlich, küsste zärtlich des Grafen
Hand und entfernte sich so ruhig, so heiter, als ob all diese Anordnungen ihren
Wünschen entsprochen hätten. Er sah ihr nach und murmelte für sich: Im Grunde
ist sie ein prächtiges Mädchen! es tut ihr leid, ich weiss es, nicht in's Sacré
Coeur zurückzukehren und nicht mehr dem alten, kreuzbraven, langweiligen
Graubart da drüben beichten zu dürfen; aber keine Miene verzogen! aber kein Wort
gesagt! aber keine Träne vergossen! keine einzige Träne! O wie hat ihre arme
Mutter mich gelangweilt mit ihren Tränen; - denn was kann man tun einem
weinenden Weibe gegenüber? Nachgeben? - das mag man nicht. Also nicht nachgeben
und sie weinen lassen nach Belieben. Prächtiges Mädchen, die Regina! Soll auch
prächtig bleiben! .... nur nicht fromm sein, nur nicht Betschwester werden, nur
nicht in's Kloster gehen! - Wie mag denn wohl die Kleine gesinnt sein? - - Er
ging die breiten Stufen hinab, die aus dem Saale auf die Terrasse führten. Der
westliche Himmel schwamm in der Rosenglut des Sonnenunterganges, während im
Osten die Nacht aufstieg und mit ihrem bläulichen, von blassen Sternen
durchwebten Schleier mehr und mehr den Horizont umhüllte. Die Landschaft sank in
unbestimmte Schatten hinein; nur Kloster Engelberg lag noch rosig angehaucht auf
seiner einsamen Höhe und schimmernd wand sich der Main durch die dunkelnden
Ufer. Korona lag, gestützt mit beiden Armen, auf der Brustwehr der oberen
Terrasse. Als sie Schritte auf dem Kieswege hinter sich hörte, kehrte sie sich
rasch um, lief dem Grafen entgegen und sagte mit der jubilierenden Stimme der
Kinder, wenn sie so recht froh sind:
    »O lieber Vater, hier ist es schön!«
    »Das freut mich zu hören, Korona! Du willst also nicht, wie Regina, in's
Kloster?«
    »Nein, nicht in's Kloster! ich will in der Welt bleiben! sie gefällt mir gar
zu gut - die Welt!«
    »Närrchen!« sagte der Graf lachend; »was denkst Du denn eigentlich in der
Welt anzufangen?«
    »O,« rief sie, »ich will in der Welt dem lieben Gott dienen.«
    Graf Windecks Angesicht verfinsterte sich wieder. Er ging in den Saal
zurück, in welchen soeben Lampen und Zeitungen gebracht wurden und murmelte für
sich hin: »Was ist das nur für eine fixe Idee bei den Kindern, dass sie Gott
dienen wollen? Gottesdienst - den gibt es, ja! Da wird die Messe gelesen,
Hochamt celebriert und dergleichen. Dem wohnt man bei - wenn man Lust hat. Aber
dann noch ganz extra Gott zu dienen, wie der Knecht dem Herrn, wie der Soldat
dem König dient - das ist ein famoser Einfall der beiden Mädchen, von dem ich
sonst nie das mindeste gehört habe. Was sie wohl darunter verstehen? immerfort
beten? - ob das im Kloster möglich ist, weiss ich nicht. In der Welt ist es aber
unmöglich - das weiss ich - immerfort zu beten.« Und so beruhigt durch diesen
Ausspruch, als habe er sein halbes Leben mit Ergründung dieser Sachen
zugebracht, griff er zu seinen Zeitungen.
    Regina hatte sich nach dem östlichen Teil des Schlosses begeben. Da lag die
Kapelle, die als ein länglich runder Ausbau in eine Gruppe uralter Linden
hineintrat und die mit einem flachen Dach gedeckt war, welches einen geräumigen
Altan vor Reginas Zimmer im oberen Stockwerk bildete. Eine kleine Wendeltreppe,
in der Dicke der Mauer angebracht, verband hier beide Stockwerke, sodass Regina
unbemerkt aus ihrem Zimmer in die Kapelle gelangen konnte. Diese war ihr
Lieblingsplatz im väterlichen Schloss. Kein Blick auf die Schönheiten der Natur,
auf die Werke der Kunst - um wie viel weniger auf Bilder und Schätze der Welt
hatte für sie einen solchen Zauber, als der - auf den Tabernakel dieses
einfachen Altars. In der Kapelle war keine Spur von dem Luxus, womit alle
anderen Räume des Schlosses ausgestattet waren. - Die Lampe, in welcher das
ewige Licht brannte, und die Altarleuchter waren von unedlem Metall; die
Blumenvasen von geringem Glas; nirgends ein heiliges Gemälde oder ein frommes
Standbild; aber Blumen in Fülle, gestickte Teppiche und anderes mehr, was aus
weiblichen Händen hervorging. Für eine würdige Ausstattung der Schlosskapelle
hatte der Graf immer eine leere Kasse, erschöpft durch die ewigen Betteleien von
Müssiggängern und Faullenzern. Dies behauptete er wenigstens, und so nannte er
die Notleidenden und Dürftigen. Regina bekümmerte sich aber nicht über die Armut
der Kapelle; sie sah im Glauben die Stätte von allem Glanz des Himmels erfüllt
und vermisste nicht die irdische Pracht. Jetzt trat sie ein, sorgsam zwei Kränze
tragend, die sie, nachdem sie das Sanktissimum angebetet hatte, zu Füssen eines
Kruzifixes aufhing, vor welchem sie niederkniete und in andächtiges Gebet
versank - in die Betrachtung des Leidens Christi, des Leidens der göttlichen
Liebe, deren mystisches Bild in der Sprache gottliebender Seelen jene Kränze
waren - der eine von Granaten und von blauen Schwertlilien der andere. Der
Granatapfel mit seiner tausendfachen, von harter Schale umflossenen Fülle der
Kerne, welche mit einem scharfen Riss in ihrer Reife die Schale sprengen, ist das
Symbol der bitteren Todesnot des Erlösers und der Gnadenfrüchte, die in
Ueberfülle sein durchwundetes Herz birgt; während die Granatblüte im hochroten
Kelch das Opfer des heiligsten Blutes ohne Unterlass darbringt. Die tiefblaue
Schwertlilie aber ist das Symbol des Leidens um diesen Tod, des Leidens jener
mystischen Lilie, die mit sieben Schwertern im Herzen einst unter dem Kreuze
stand, klagend um den Tod des Einzigen und jede Menschenseele anrufend zur
Teilnahme an ihrer Trauer und zur Busse für das unendliche Weh, das der
Gottessohn für die Sünden litt. Regina verstand diese mystische Sprache, die
nicht sowohl von den Lippen, als aus dem innersten Gemüt quillt, und daher nur
jenen verständlich ist, welche sich nicht von äusseren Dingen einnehmen und
betäuben lassen.
    Regina war nicht allein in der Kapelle. Derselbe alte Mann, der mit ihr im
Nachen von Kloster Engelberg gekommen war, kniete auf einem Betschemel und
betete bei dem spärlichen Lichte eines Wachsstockes, der neben ihm auf der
Armlehne stand, sein Brevier. Aber keiner beachtete den anderen, keiner liess
sich vom anderen stören. Beide waren hier so vollkommen zu Hause, dass jeder sich
einsam fühlte mit seinem Gott. Dieser Mann trug eine schwarze Soutane,
Schnallenschuhe und zwischen den Silberlocken seines Hauptes - die Tonsur. Graf
Windeck hatte ihn im Gespräch mit Regina schon genannt; es war Onkel Levin, wie
die Familie ihn nannte, während man ihn sonst so allgemein und so kurzweg »der
hochwürdige Herr« hiess, als ob er dadurch richtiger bezeichnet werde, als durch
irgend einen Namen.
 
                                  Onkel Levin
Levin war, als der jüngere Sohn, von seinen Eltern dem geistlichen Stande
geweiht worden zu einer Zeit, wo in die Kirche vielfache Verweltlichung
gedrungen war, welche, trotz aller kanonischen Vorschriften, die
Domherrenstellen mit ihren Präbenden fast zum Erbgut der nachgebornen Söhne des
Adels machte. Und der deutsche Adel hat eine tiefe Scharte auszuwetzen, dass von
dem Augenblick an, wo diese Sinecuren im Anfang des Jahrhunderts ihm entgehen,
seine Söhne fast ganz aus dem geistlichen Stande verschwinden; denn dies
Verschwinden beweist, wie nur die Begier nach irdischen Gütern in's Heiligtum
führte, das allein dem himmlischen Sinne geöffnet werden soll. Bei Levin war es
anders. Er trat mit seiner Seele in den geistlichen Stand und suchte mit
heiligem Ernst und mit einer hohen, von allen Gnadenquellen genährten sittlichen
Kraft sich desselben würdig zu machen. Die tiefe Innigkeit seines Gemütes riss
schon eine natürliche Kluft zwischen ihm und der Flachheit der Welt, in deren
Wüsten voll täuschender Luftspiegelungen sein Herz keine Befriedigung finden
konnte. Als der Glaube mehr und mehr wie ein balsamisches Oel das feinste Geäder
seines inneren Lebens durchdrang und all dessen Tätigkeit und Fähigkeit in
Bewegung setzte, vertiefte sich auch jene natürliche Kluft noch mehr. Er sah mit
anderem Auge, hörte mit anderem Ohr, redete mit anderer Sprache, mass mit anderem
Massstab, wandelte nach anderer Richtschnur; denn er folgte seinem Heilande nach
- und die Welt ihren Götzen. Wohl trat auch zu ihm der Versucher, wie zu jedem
Staubeskinde, und bot ihm die Genüsse und die Freuden der Erde um den Preis der
himmlischen Güter an; aber er betrachtete und wog sie im Lichte des Glaubens -
und da fand er sie so hässlich und so gering, dass er sie von Herzen verachtete.
Er war noch sehr jung, als jener Sturm über die Kirche hereinbrach, der
einerseits manches Vermorschte, Unhaltbare aus ihrem unverwüstlichen Bau
hinwegfegte und ihr ewiges Fundament von manchem Wust und Schutt säuberte, und
andererseits die Wogen der weltlichen Macht so hoch wider sie aufbäumte, dass sie
in der zweifachen Drangsal hätte untergehen müssen, wenn sie eine irdische
Anstalt wäre. Dem revolutionierenden, vom Glauben abgefallenen und daher aller
Sittlichkeit fremden Geiste des Jahrhunderts erlagen zuerst die geistlichen
Churfürsten, welche zum Teil selbst diesen Geist gepflegt und begünstigt hatten,
in ahnungsloser Kurzsichtigkeit über dessen Richtung sich täuschend. Als so die
ersten Fürsten des deutschen Reiches gefallen waren, hielten es die weltlichen
Herrscher für angemessen, den weltlichen Besitz aller Kirchenfürsten, der
Bischöfe, der Kapitel, der Stifte und Klöster einzuziehen und Staatsschatz und
Land durch das Kirchengut zu bereichern und zu vergrössern. Sie erfanden für
diesen kolossalen Raubzug ein eigenes Wort: die Säkularisation. Als das Werk
schauerlicher Ungerechtigkeit vollendet und der revolutionierende Geist in
seiner gemeinsten Richtung, durch Antastung fremden Eigentums, so unbefangen
an's Tageslicht getreten war, kam die Vergeltung über die weltlichen Fürsten:
das alte, ehrwürdige, römisch-deutsche Kaisertum ging unter nach tausendjährigem
Bestande und alle Trone krachten und wankten in ihren Fugen vor der
Gottesgeissel, welche der korsikanische Sprössling der Revolution über Europa
schwang, um den Fürsten und den Völkern zu zeigen, was das sei: Macht ohne
Gerechtigkeit.
    Nachdem die Dom- und Stiftsherren wie ausgediente Beamte gleichsam in
Ruhestand und auf Pensionen gesetzt worden waren, kam es vor, dass mancher sich
selbst säkularisierte, nämlich zum Weltgeist sich hielt und nicht bloss in,
sondern auch mit der Welt so gründlich sich einlebte, wie der niedere Sinn es
vielleicht schon längst begehrt hatte. Daraus entsprang mannigfach Ärgernis und
Betrübnis. Wenige mochten mit tieferer Trauer auf diese Missstände, auf diese
Verwüstung des Heiligtums und ihre Verwüster blicken, als Levin. Nach der
Auflösung seines Stiftes hatte er sich zu seiner Mutter begeben, die an
schweren, unheilbaren Leiden langsam dahinsiechte - auch sie eine Verwüsterin
des köstlichsten Heiligtums: ihrer eigenen Seele. Die vielen Verirrungen ihres
Lebens hatten sogar seinem frommen reinen Auge, das so gern mit liebender
Verehrung an ihr gehangen hätte, nicht verborgen bleiben können. Ein Alltagsherz
wäre dadurch erkältet, bei ihm aber ging die natürliche Liebe des Sohnes in die
übernatürliche des Priesters auf, dessen Beruf es ist, alle Tage seines Lebens
für die Sünden der Welt und des einzelnen nicht bloss als Opfernder, sondern auch
als Opfer, unter dem Kreuze nach Kalvaria zu gehen. Die bejahrte, kranke Frau
hing noch immer an allem Tand der Eitelkeit, als ob sie zwanzig Jahre alt sei.
Wenn die Wucht der Leiden ein wenig nachliess, schminkte sie ihre abgezehrten
Wangen mit dem schönsten Karmin und versuchte vor dem Spiegel ein Häubchen nach
dem andern, bis ihre Wahl sich für das jugendlichste und eleganteste entschied.
Dann nahm sie gern solche Besuche an, die von neuen Moden und neuen Romanen zu
erzählen wussten. Eine ihrer Kammerfrauen verstand gut vorzulesen und hatte
dadurch einen schweren Dienst; denn sie musste viele Stunden des Tages, zuweilen
sogar der Nacht, solche Bücher vorlesen, in welchen die Kranke eine Erinnerung
oder Wiederholung der nichtigen Freuden und törichten Leiden ihrer Vergangenheit
fand. Sie hatte ihre Seele dermassen an äussere Dinge gehängt, dass ihr Sinn wie
tot für das Höhere war.
    Levin hatte keine Vorstellung von dieser seelischen Abgestorbenheit seiner
Mutter. Nicht er, sondern sein älterer Bruder, der Stammherr, war der Gegenstand
ihrer Zärtlichkeit und Sorgfalt gewesen, und in diesem Punkt - dem einzigen in
ihrer Ehe - stimmte sie mit ihrem Gemahl überein. Die engen Herzen fassten die
Familie nur in ihrem Zusammenhang mit der Welt auf. Glanz und Ansehen, Reichtum
und Grundbesitz, Vertretung des uralten Namens - alles knüpfte sich an den
Erstgeborenen. Levin war überflüssig, wurde auch immer so behandelt und in den
geistlichen Stand wie in ein Exil geschickt. Vielleicht war es diese irdische
Enterbung, die ihm das himmlische Erbe zuwendete. Die Geringschätzung von Seiten
der Eltern bewirkte, dass er sich selbst von Herzen geringschätzte und sich von
Kindheit auf daran gewöhnte, für nichts zu gelten und seine Wünsche wie seine
Persönlichkeit nie in Anschlag zu bringen. Er hätte kleinmütig, feig und
misstrauisch werden können; aber er hatte die Geisterweihe der Frömmigkeit
empfangen: er wurde demütig. Er traute sich selbst nichts Gutes zu; darum
flüchtete er, wenn das Böse sich ihm nahte, zu der göttlichen Gnade - und sie
erhielt ihn gut. Je mehr er diese Wirkung der Gnade in sich erkannte, desto
entschiedener und inniger hing er sich ihr an, folgte ihr und suchte mehr und
mehr aus seiner Seele zu räumen, was an Eigenliebe und Selbstsucht ihr
entgegenstand. Der ersten, der natürlichsten Liebe, der Elternliebe beraubt,
senkten seine Herzfasern sich überhaupt nicht mehr in eine Erdenliebe ein. Der
Boden war zu kalt und zu arm für sie; sie richteten sich aufwärts; sie fassten
Wurzel im Stamme des Kreuzes; und seine Liebe wurde der Gekreuzigte. Mit dieser
Liebe kam er zu seiner Mutter, betrat er ihr Krankenzimmer und verliess es Jahr
um Jahr nicht mehr. Sie lebte jetzt auf Schloss Windeck, dessen Stille ihren
Leiden wohltat und wo sich immer einige Glieder der Familie aufhielten und ihr
Gesellschaft leisteten, am seltensten ihr Gemahl und ihr ältester Sohn. Levins
Vater hatte sich wenig um seine Frau bekümmert, ihr schon früh das Beispiel
seiner Irrwege gegeben und oft jahrelang von ihr getrennt gelebt. Das ging auch
jetzt so fort. Der älteste Sohn war verheiratet und in der Nähe seiner
Schwiegereltern angesessen; überdies wenig geneigt, die Einsamkeit eines
Krankenzimmers zu teilen. Levin war seiner Mutter kaum willkommen. Sie hatte nie
ein Herz für ihn gehabt und traute ihm daher auch keines für sich zu.
    »Er will mich gewiss bekehren,« sagte sie zu Fräulein Leonore, ihre Cousine
und Busenfreundin, die sich fast immer bei ihr aufhielt und noch oberflächlicher
und weltlicher war, als sie.
    »Bekehren? warum denn?« fragte Fräulein Leonore ganz verwundert. »Ich
dachte, man bekehrte nur die Heiden, die Wilden und solche Völker.«
    Zwischen Fräulein Leonore, einigen anderen Verwandten dieses Schlages und
den Kammerfrauen mit Romanen und Modejournal wollte Levin Fuss fassen, um das
Herz seiner armen Mutter der Welt abzuringen. Für diesen Kampf musste er seine
Festung haben. Die Schlosskapelle war ganz vernachlässigt oder - richtiger gesagt
- vergessen. Man hatte die Erlaubnis, das Sanktissimum darin aufzubewahren;
statt dessen bewahrte man altes Hausgerät darin auf, das man zum eigenen
Gebrauch zu schlecht und für die Armen zu gut fand. Ein Hauskaplan, eine
tägliche Messe - das waren Dinge, die nicht im Gedankenkreise von Levins Eltern
gelegen hatten. In aller Stille und Ruhe machte Levin dem Haushofmeister
begreiflich, dass es sich zieme, die Kapelle in Ordnung zu setzen, damit er nicht
ausserhalb des Schlosses die Messe zu lesen brauche. Der Haushofmeister meinte:
wenn sich gräfliche Gnaden damit bemühen wollten, so sei es allerdings
geziemend, es im Schloss zu tun; und die Kapelle wurde eingerichtet.
Altargerätschaften, Paramente, Weisszeug waren teils verschwunden, teils
unbrauchbar durch lange Vernachlässigung. Levin schaffte alles Notwendige aus
seinen Mitteln an. Aber diese waren beschränkt durch seine unbeschränkten
Almosen. Nur die Gefässe, welche bei der Feier der heiligsten Geheimnisse
dienten, liess er prächtig und kunstreich anfertigen; alles andere konnte nur
ganz schlicht sein. Aber welch ein Frohlocken durchströmte seine Seele, als nun
alles geordnet und bereitet - und er selbst so glücklich war, den »verborgenen
Gott«, wie der Prophet Isaias ihn nennt, »dessen Lust es ist, bei den
Menschenkindern zu sein« - wieder zu dem verlassenen Altar zurückzuführen und
wieder unter dem Dache der Väter zu haben. Er zweifelte nicht, dass diese
göttlich wahrhafte, mystische Gegenwart ein Teich Betesda, ein Born des Heils
und der Genesung für seine arme Mutter sein werde. Sein Leben wurde nun ein
fortgesetztes Gebet, damit sie den Gnadenquell erkennen möge, der in ihrer
nächsten Nähe geöffnet sei; damit sie wenigstens in ihren letzten Stunden den
Gott nicht verschmähe, der mit seinem Blut sie retten wollte; der zärtlich
wartend »vor der Türe stand und anklopfte« - und wieder und immer wieder
anklopfte; und dem das arme Herz sich nicht öffnen wollte. Es gab Zeiten, wo er
Unsägliches litt. Seine in die ewige, göttliche Schönheit verliebte Seele
erschauerte vor der Kälte eines Gemütes, das gar kein Verlangen trug nach
Ewigschönem. Dann seufzte er: »O Herr und Heiland! es ist meine Schuld! wenn ich
in Deine Liebe einzugehen verstünde, wenn ich in Dir lebte und webte, und mich
Dir gleichförmig zu machen wüsste, so weit meine Armseligkeit es vermag: so
würdest Du das Werk Deiner Gnade in mir - an meiner armen Mutter vollenden und
sie könnte Dir nicht widerstehen. Aber ich Sünder stehe zwischen Dir und ihr,
wie eine Mauer, welche der Blume den Sonnenstrahl raubt.« Er hatte anfangs
versucht, zuweilen ein Wort von himmlischen Dingen fallen zu lassen; es war aber
für sie, als ob er arabisch rede. Er schwieg; doch je weniger er von Gott zu ihr
sprach, desto mehr sprach er von ihr zu Gott. Er durchwachte und durchweinte
halbe Nächte vor dem Altar, namentlich dann, wenn die Heftigkeit ihrer Leiden
jeden Augenblick ihren Tod herbeiführen konnte; - und in der österlichen Zeit,
wenn er umsonst vor ihr auf den Knien gelegen und sie beschworen hatte, ihrer
Christenpflicht nachzukommen. Die Zeit war wirklich eine Oelbergsnacht für ihn.
Dann überwog ein Blick auf das heiligste Leiden jedes Bedenken; dann flehte er
die Mutter an, doch nicht denjenigen zu vergessen, der in bitterer Todesnot
ihrer nicht vergessen habe; doch eingedenk zu sein, dass sie ja gleichsam mit den
armen Schächern durch ihre Leiden am Kreuze hinge und sich das Paradies
erschliessen könne durch einen Akt demütiger Liebe. Dann empfing er immer
dieselbe Antwort, die kühle Versicherung, dass sie grosses Vertrauen zur
Barmherzigkeit Gottes - aber gar keines zu kirchlichen Ceremonien habe. Ja, sie
liess sogar nicht undeutlich merken, der liebe Gott sei eigentlich ihr Schuldner
wegen der grossen und langen Marter, die sie ertragen müsse; und Fräulein Leonore
ermangelte nicht, in demselben Sinne zu Levin zu sprechen und ihn mit Vorwürfen
zu überhäufen, dass er durch seinen unkindlichen Fanatismus die Ruhe der kranken
Mutter störe.
    »Gnädige Cousine,« sagte Levin einmal bei dieser Gelegenheit, »käme ein
Arbeiter zu Ihnen und spräche: Gib mir meinen Lohn, denn ich habe den ganzen Tag
schwer gearbeitet; so würden Sie ohne Zweifel, ehe sie ihn bezahlten, fragen:
Hast du denn in meinem Auftrag und für mich gearbeitet? - Und wenn er antworten
würde: Nein, ich habe für andere oder auch nur so auf gut Glück gearbeitet; so
würden Sie sagen: Mein Freund, dann kann ich dich auch nicht bezahlen. Nicht
wahr?«
    »Das versteht sich,« sagte Leonore; »aber was geht das Ihre arme Mutter an?«
    »Nur insofern, gnädige Cousine, als der Dienst der Welt keinen Anspruch
machen darf an himmlische, selige Vergeltung.«
    »Aber doch gewiss an die Barmherzigkeit Gottes, dessen Liebe Sie ja so feurig
preisen,« wandte sie ein.
    »Ja, unter einer Bedingung.«
    »Nein, unter keiner! Das lehrt uns ja ganz deutlich der arme Schächer, von
dem Sie vorhin redeten. Christus verspricht ihm das Paradies.«
    »Denn er bekennt seine Sünde, bekennt die Gerechtigkeit der Strafe, die er
leidet, bekennt seinen Erlöser,« ergänzte Levin ihre Bemerkung.
    »Wie Sie das alles deuten!« rief Leonore.
    »Sie deuten es ja auch, gnädige Cousine.«
    »Aber mit Liebe! und Sie - mit Härte und Strenge.«
    »Wenn das Härte und Strenge ist, so haben Sie, gnädige Cousine, mehr Liebe
als der göttliche Erlöser selbst, der nur dem einen Schächer das Paradies
versprach.«
    »Sie sind freilich ein Schriftgelehrter,« sagte Leonore mit einem Tone, der
deutlich verriet, dass sie im Herzen den Zusatz mache: »und Pharisäer.«
    Levin schwieg. Die Welt versteht die Liebe in ihrem Sinn, nämlich als
Schmeichelei. Sie löst die Wahrheit von der Liebe ab, weil die Wahrheit nicht
schmeicheln kann und erklärt ohne Umstände Denjenigen für lieblos, der Wahrheit
und Liebe vereint in Gott sieht.
    Eine Seele retten ist mehr als Wunder tun: das war Levins Wahlspruch. Wo er
nur konnte, diente er den Seelen. Er hatte sich die Erlaubnis erbeten, in der
Seelsorge aushelfen zu dürfen. Das war seine Wonne! Niemand war eifriger, das
Busssakrament zu spenden; Niemand bereitwilliger, der Jugend Christenlehre zu
halten. Zu diesen Werken geistlicher Barmherzigkeit fügte er auch die
leiblichen. Er ging stundenweit umher und suchte Kranke, Arme, Verlassene,
Witwen und Waisen, Kinder und Greise auf, um ihnen in ihren vielfachen Nöten
beizustehen, um zu helfen, zu trösten, zu retten, um zu sorgen für die
Sorglosigkeit des Elendes, um die irdisch Verlassenen in den Himmel zu ziehen.
Kein Wintertag, keine Regennacht, kein Herbststurm hielt ihn zurück von den
Wegen, auf denen er als ein liebender Nachfolger seines göttlichen Meisters
wandelte, unsäglich dankbar, dass ihm diese hohe süsse Gunst zu Teil werde. Im
Kreise seiner Familie fand man ihn sehr überspannt. Sein Vater fühlte sich
geradezu dadurch beleidigt, als ob es die Würde der Grafen von Windeck verletze.
Sein Bruder, ein höchst gemütlicher aber beschränkter Mann, staunte diese
Liebhaberei für die armen Leute - wie er sich ausdrückte - als eine Kuriosität
an. Seine Mutter krittelte und mäkelte krankhaft an all' seinem Tun und Lassen.
Die Hausbedienten und Untergebenen, eines solchen Mitgliedes der gräflichen
Familie gänzlich ungewohnt, wussten nicht genau, ob er nicht etwa für ein wenig
närrisch zu halten sei. In dem Kreise seiner Pfleg- und Schützlinge fand er
zahllose Undankbare, Zudringliche, Boshafte, Verkommene, die ihm Verlegenheit,
Kummer und Sorge, zuweilen tiefe Betrübnis verursachten. Wohin er sich wendete,
fand er nichts als Kränkungen und Widerspruch; wohin er die Hand legte und den
Fuss setzte, griff er in Dornen, trat er auf Dornen. Das war ihm gerade recht. Er
dachte an die Nichtachtung, die der Heiland in Nazaret fand; an die zehn
Aussätzigen, die der Heiland gesund machte und von denen nur Einer ihm dankte,
und mit demütiger Freude sprach er zu sich selbst: Der Knecht ist nicht über den
Herrn! und wer bin ich, o geliebter Herr, dass ich dein Knecht sein darf? -
Wollte einmal Unlust, Ermüdung, Bitterkeit frostig sein Herz anhauchen: so
gedachte er der Verschmähung, welche der aus Liebe gekreuzigte Gott tagtäglich
erfährt - und wie der nächtliche Reif vor dem Strahl der aufgehenden Sonne von
der Frühlingslandschaft verschwindet: wich jede Kälte aus seinem Herzen und
tausend Blüten der Hingebung, der Opferfreude, der Geduld, der Barmherzigkeit
drängten sich fröhlich und frisch empor.
    So brachte er sieben Jahre hin, die schönsten der Jugend, entsagend und
gottliebend wie der Mönch in der Zelle und der Ascet in der Wüste. Es nahete
wieder die heiligschöne österliche Zeit, die so bedeutungsvoll in die letzten
Winterstürme und den Vorfrühling fällt, gleichsam als Vorbote des
übernatürlichen Frühlings, der mit dem Auferstehungsfest beginnt. Die Gräfin war
so krank, dass die Ärzte ihr höchstens noch einige Wochen - vielleicht nur Tage,
Lebensfrist gaben. Mehr Weh, als sie körperlich litt, fühlte Levin in der Seele.
Die zwiefache Liebe des Sohnes und des Priesters wurde unter den obwaltenden
Umständen zu einem zweischneidigen Schwert, das ihm das Herz durchbohrte. O
Herr! seufzte er auf den Knien vor einem Kruzifix, sieben Jahre diente im alten
Bunde Jakob um Rahel, und als die Zeit um war, hatte er nur Lea gewonnen und er
musste abermals sieben Jahre dienen: also vierzehn Jahre um ein armseliges
Staubesgebilde, an dem nichts schön war, als deine Gnade. Aber er diente mit
Freuden, weil seine Liebe zu Rahel so gross war. Ach, wie ist diese Liebe zu
einem sterblichen Weibe so beschämend für mich! kann ich denn nicht vierzehn
Jahre Dir dienen aus Liebe zu einer Seele? sind mir schon diese sieben Jahre zu
viel? Aber Du weisst es, geliebter Herr: nicht sieben Jahre und nicht siebzig
Jahre - sondern mein Leben lang ist es eine wonnevolle Gnade, Dir dienen zu
dürfen als ein armer Bettler, der ich bin. Vergiss nun aber auch nicht, um welche
Seele ich bettele! - So goss er oft kindlich sein Herz vor Gott aus und bat um
Erleuchtung, wie er es anzufangen habe, um mit seiner heissesten Bitte diesmal
nicht von der Mutter abgewiesen zu werden. Am Mittwoch in der Charwoche beginnt
die Kirche gegen Abend feierlich klagend die Tenebrä zu beten und die
Lamentationen zu singen, die der Prophet Jeremias um Jerusalems Fall weint -
Vorbild der Klagen des Erlösers um gefallene Seelen. Als Levin am Morgen zu
seiner Mutter kam, lag sie geisterhaft bleich und zum Skelett abgezehrt auf
ihrem Bett und die Schatten des Todes schlichen schon über ihre Züge. In ihrem
eingesunkenen Auge glänzte aber ein ganz fremdes, mildes Licht auf, als sie ihn
ansah und sagte:
    »Mein Sohn, lies mir die Passion nach Johannes vor und lass den Pater
Guardian von Engelberg bitten, sich zu mir armen Sünderin zu bemühen.«
    Stumm vor Übermass der Freude sank Levin neben dem Bett auf seine Knie. Die
Gräfin fuhr fort:
    »Vor vielen, vielen Jahren, ehe ich so unglücklich war, mich vom Glauben
abzuwenden, hörte ich sie, am Charfreitag mein' ich, im Dom zu Würzburg lesen.
Es war das letzte der Art, was ich gehört habe - und ich will sie noch einmal
hören, ehe ich sterbe.«
    Auf seinen Knien, das Buch auf den Rand des Bettes gelegt, las Levin, in
Wehmut zerschmelzend, ihr die Passion nach Johannes vor. Dann kam der Pater
Guardian und blieb bei ihr lange, lange Zeit, so dass Fräulein Leonore und die
Kammerfrauen fürchteten, sie könne wohl schon abgeschieden sein und der Pater in
seinem Gebetseifer es nicht bemerken. Als der Pater endlich das Krankenzimmer
verliess, fand man die Gräfin aufgelöst in Tränen. Die ganze Dienerschaft, alle
Hausgenossen mussten sich auf ihren Wunsch um ihr Sterbelager versammeln. Sie bat
alle zusammen und jeden einzeln um Vergebung wegen des bösen Beispiels und des
Ärgernisses, das sie durch Verachtung der Kirche und des Glaubens gegeben habe,
und forderte Alle auf, nicht bis zur Todesstunde mit der Bekehrung und der Busse
zu warten. Zu Levin sagte sie dann:
    »Um Dir den Gram abzubitten, den ich Dir gemacht habe, mein Sohn - dazu
fehlen mir die Worte .... und die Zeit. Bete für mich, bete für unser ganzes
Haus! ein gottentfremdetes Leben ist ein elendes Leben .... und ach! meistens
werden wir das erst dann gewahr, wenn es uns entschwindet. Gott Dank, dass Du es
früh begriffen hast! Also bete, Kind! Du bist so gut, dass der liebe Gott Dir
gewiss nichts abschlägt. Er hat ja auch Dein Gebet für mich erhört! .... Gelange
ich einst zu seiner seligen Anschauung, so dank' ich es Dir.«
    Mit grosser Sammlung empfing die Gräfin die Sakramente der Sterbenden. Ein
Altar war in ihrem Zimmer hergerichtet; im Vorzimmer lagen die Hausbedienten auf
den Knien; katolische Erinnerungen wurden in ihnen wach; sie hatten doch noch
die Ahnung davon, was es sei, wenn sich der König der Ewigkeit herablässt, auf
den ersten Wink eines armseligen Geschöpfes, das ihn so lange verschmäht hat,
beseligend einzugehen.
    Als die ersten Glockenschläge in Kloster Engelberg den Beginn der
Passionszeit mit den Tenebrän anzeigte, trat die Gräfin in die Agonie.
Unsägliche Qualen wechselten mit Bewusstlosigkeit ab. Konnte sie aber einmal bei
Besinnung aufatmen, so küsste sie zärtlich ein Kruzifix, das Levin an ihre Lippen
legte, sah ihn an und breitete ihre Arme in Kreuzform aus. Er verstand sie: am
Kreuz wollte sie sterben; am Kreuz sollte er leben. Er schrak nicht vor diesem
Wunsch, vor dieser Erbschaft zurück. Er verliess seine Mutter keinen Augenblick,
und in Tränen und Gebeten aufgelöst pries er die Barmherzigkeit Gottes, die ihr
solche Gesinnungen schenkte. Am Charfreitag in der Frühe kam sein Vater, der
ohnehin höchst gleichgiltig für die Gräfin - und zu lange daran gewöhnt war, sie
sterbend zu wissen, um nicht ganz vorbereitet zu sein auf ihren Tod. Aber - auf
diesen Tod war er freilich nicht vorbereitet! Diese entsetzliche Agonie, auf
deren Qual das Licht des Glaubens so tröstlich fiel, hatte er nicht erwartet.
Der Eindruck war so erschütternd für Jemand, der lebenslang jeden Ernst gemieden
hatte und der nun plötzlich an den furchtbaren Ernst eines jeden Lebens gemahnt
wurde, welches unwiderruflich so endet, dass der alte Mann am Sterbebett
zusammenbrach. Die Gräfin tat ihren letzten Atemzug am Charfreitag zur Stunde
der Vesper. Der Graf wohnte ihren Exequien bei; dann erkrankte er und genas
nicht wieder - dem Körper nach. Seine Seele aber fand Genesung durch das Brot
des ewigen Lebens, welches der Glaube ihm verhiess und die Kirche ihm
vermittelte. Nach wenigen Wochen stand auch sein Sarg in der Familiengruft zu
Kloster Engelberg und der Friede des Grabes vereinigte dies Ehepaar, das durch
den Unfrieden des Lebens so traurig getrennt gewesen war. Die Welt, in ihrer
oberflächlichen Anschauungsweise, machte einige sentimentale Phrasen: wie
rührend es sei, dass so oft alte Eheleute sich schnell im Tode nachfolgten - und
wie so sehr rührend, dass sich dies auch bei zwei Menschen ereigne, von deren
guter Eintracht man so wenig gewusst habe - und dann wurde dies höchst rührende
Ereignis vergessen. Levin's Bruder, Graf Mattias, der Erb- und Stammherr, kam
nun nach Schloss Windeck. Er war ein Mensch, dessen grosse natürliche Gutmütigkeit
für seinen Mangel an geistigen Fähigkeiten hätte entschädigen können, wenn sie
durch eine feste religiöse Grundlage zur Tugend gemacht worden wäre. Daran
hatten aber seine Eltern nie gedacht; und so sank diese schöne Gabe Gottes zu
Schwäche, Leichtsinn, verkehrter Nachgiebigkeit - zu einem Spielball eigener und
fremder Laune herab. Er fühlte das und war nicht glücklich; am wenigsten in
seiner Ehe mit Juliane, einer reichen und stolzen Erbtochter, die ihm an
Verstand weit überlegen war und es bei jeder Gelegenheit zur Schau trug. Niemand
war weiter davon entfernt, als sie, sich zum Opfer zu bringen; und niemand
suchte mehr als sie die Rolle eines Opfers der Konvenienz zu spielen, indem sie
behauptete, nur zwei Häuser, aber nicht zwei Herzen hätten diese Ehe
geschlossen. Mit einer Frau, die ihn nicht durch ihr Übergewicht erdrückt hätte,
würde Matias sich vielleicht gehoben haben. Julianens verkehrte Art bewirkte
das Gegenteil: er liess sich gehen in Leichtsinn und an Nichtigkeit, an armselige
Beschäftigungen und freudenlosen Lebensgenuss. Die Richtung auf das Himmlische,
die sich so früh und entschieden in Levin aussprach, lag in ihm, dem verwöhnten
Liebling der Eltern, der den Sonnenschein irdischen Glückes genoss - abgestorben
da. Diese Richtung blüht meistens nur in solchen Seelen auf, die, wie im Winter
Hyazinten - hinter gefrorenen Fensterscheiben des Lebens stehen. Mattias hatte
seinen Bruder von Herzen gern, nur aber verstand er dessen in Gott ruhendes
Gemüt gar nicht. Doch sagte er ihm:
    »Levin, Du bist unser Beter! Du bleibst doch immer hier bei uns auf Windeck
- nicht wahr? Du tust uns gar zu sehr not: den Eltern da drüben, und mir und den
Buben hier.«
    »Und Juliane?« fragte Levin bedenklich.
    »Juliane!« sagte Graf Mattias verlegen. »Ja so! .... Juliane! .... ich
vergass sie! Levin, ich bitte Dich - sprich selbst mit ihr.«
    Das tat Levin sehr gern. Er fragte seine stolze Schwägerin ganz einfach und
freundlich, ob sie damit einverstanden sei, dass er als Hauskaplan auf Windeck
bleibe. Er legte Nachdruck auf den Hauskaplan; denn das war eben die Stellung,
die er im Hause seiner Väter zu haben wünschte. Juliane kannte ihn kaum, hatte
nie die mindeste Teilnahme für den bescheidenen, schweigsamen Schwager verspürt,
der gegen jedermann so gleichmässig freundlich war. Sie antwortete äusserst
gleichgiltig:
    »Ach ja, recht gern! Warum sollte ich nicht!«
    Levin aber ging in seine geliebte Kapelle und dankte Gott aus der Fülle
seines Herzens. Wenn er nicht auf Windeck geblieben wäre, so hätte vermutlich
die Feier der heiligsten Geheimnisse dort aufgehört; denn in Mattias lag das
religiöse Bedürfnis brach und Juliane war protestantisch. Er hatte den Gnadentau
vergessen, den das heilige Messopfer im Blute Jesu ausströmt - und sie hatte nie
etwas davon gehört. Levin hoffte, dass dieser Urquell des Heiles den beiden
Kindern seines Bruders zu gute kommen werde.
    Es war die Zeit der französischen Kriege, als Deutschland sich entschloss,
die fremde Zwingherrschaft abzuschütteln. Der Schlachtruf fiel belebend in die
untätige, marklose Existenz des Grafen Mattias. Als die Männer und Jünglinge
sich zum Kampfe scharten, sagte er:
    »Ich gehe auch mit!« - und sagte es mit einer solchen Entschiedenheit, dass
Juliane, die schon den Mund zum Widerspruch geöfnet hatte, zum erstenmale ihrem
Manne gegenüber verstummte. Mattias ordnete seine Geschäfte und
Angelegenheiten, bestimmte im Fall seines Todes Levin zum Mitvormund seiner
beiden Söhne, nahm Abschied von den Seinen und rüstete sich zur Abreise. Da
sagte Levin:
    »Jetzt bitte ich Dich, lieber Mattias, mache noch einen Abschiedsbesuch mit
mir.«
    »Sehr gern,« sagte Mattias; »aber bei wem denn? Ich glaube, bei sämtlicher
Verwandtschaft und Freundschaft gewesen zu sein.«
    Schweigend deutete Levin nach Kloster Engelberg hinüber.
    »Ja!« rief Mattias, »komm' zur Gruft.«
    Während sie über den Main fuhren, sagte Levin innig:
    »Mattias! alles Zeitliche hast Du wohl besorgt für einen möglichen Fall.
Wie steht es aber mit dem Ewigen?«
    »Mit dem Ewigen?« wiederholte Mattias langsam. »Schlecht, Levin! ich
fürchte, sehr schlecht.«
    »Wer das fürchtet, mit dem steht es keinesweges schlecht,« entgegnete Levin
liebevoll.
    Mattias wurde ernst und nachdenkend und sagte nach einiger Zeit:
    »Ich wäre ein grosser Tor, wenn ich das irdische Haus, das ich vielleicht auf
immer verlasse, bestellt, und nicht daran gedacht hätte, mir die Anwartschaft
auf das himmlische zu eröffnen! Pater Seraphin soll mir helfen, die Rechnung in
Ordnung zu dringen, die ich dem lieben Gott abzulegen habe. Ich danke Dir,
Levin, dass Du mich daran erinnert hast. Ich behaupte ja immer, Du seist unser
Beter! Vater und Mutter hast Du in ein seliges Sterbestündlein hinein gebetet;
ich hoffe, Du tust es auch für mich.«
    Levin drückte ihm schweigend die Hand und blieb vor dem Gnadenbilde der
Mutter Gottes in dem Kirchlein von Kloster Engelberg, betend für die
Abgeschiedenen und für die Lebenden, während Mattias mit Pater Seraphin seine
Rechnung machte - wie er es nannte. Als sich die Brüder später zur Heimkehr
zusammenfanden, hatte Mattias rotgeweinte Augen und er sagte zu Levin:
    »Versprich mir Eines! versprich mir dafür zu sorgen, dass die Buben eine
katolische Erziehung und katolische Frauen bekommen - für den Fall meines
Todes. Als Vormund ist das ja ohnehin Deine Pflicht.«
    »Ich fürchte, Juliane wird sie mir schwer, vielleicht unausführbar machen.
Was in meinen Kräften liegt, werd' ich tun. Das brauche ich Dir nicht zu
versprechen.«
    »Hätte ich doch Juliane ganz von der Vormundschaft ausgeschlossen! aber ....
das war nicht wohl möglich; sie ist und bleibt die Mutter! .... die reiche
Mutter.«
    Levin schwieg. Er kannte diese kleinen nachdruckslosen Emancipationsgelüste
vom Weiberregiment bei Mattias. Als sie ins Schloss zurückkamen, empfing Juliane
sie missmutig und sagte:
    »Wie kann man sich denn aber so lange in der feuchten Gruft aufhalten! Du
wirst gewiss den Schnupfen bekommen, Mattias. Du hast ihn schon! .... ich sehe
es Deinen Augen an.«
    »Wer sich vor den Kugeln nicht fürchtet, darf sich auch nicht vor dem
Schnupfen fürchten,« entgegnete Mattias mit grossem Gleichmut. Er hatte geweint
- die Tränen geweint, die aus den Tiefen des Gemütes aufquellen; und Juliane
sprach von seinem Schnupfen; ein solches Verständnis herrschte in dieser Ehe!
    Graf Mattias zog aus - und kam nicht wieder. Er blieb in der Schlacht von
Waterloo. Juliane weinte anstandshalber ein paar Tränen und sorgte mit grosser
Aufmerksamkeit dafür, dass die verschiedenen Grade der Trauer in ihrer eigenen
Kleidung und der ihrer Söhne und ihrer Dienerschaft während des Trauerjahres
pünktlich beobachtet wurden. Sie brachte dies ganze Jahr auf Windeck zu, weil es
sich so schickte. Sie beschäftigte sich mit Lektüre und Handarbeit;
hauptsächlich aber mit der Verwaltung des Vermögens. Das verstand sie aus dem
Grunde; hatte auch nie ihrem verstorbenen Mann gestattet, sich darein zu
mischen. Beide hatten die Übereinkunft getroffen, dass Damian, der älteste Sohn,
das ganze Windeck'sche Vermögen, und Gratian, der nachgeborene, das mütterliche
erhalte, welches sie als eine Stamberg'sche Erbtochter besass. Diesen grossen
Reichtum zu ordnen, zu mehren, den grösstmöglichsten Vorteil zu berechnen und zu
benutzen, umsichtig wie ein Geschäftsmann und sorglich wie eine Haushälterin
dabei zu Werke zu gehen, dies war Julianens liebste Unterhaltung und grösste
Freude. Sie war nicht geizig, sie hielt ihre Untergebenen gut, bezahlte Beamte
und Dienerschaft hinreichend, hatte eine Liste von Almosenempfängern: sie war
nur eben ein so trockenes und kaltes Gemüt, dass diejenigen Interessen, welche
sich in Ziffern ausdrückten, ihr am meisten zusagten. Jeder idealen Richtung,
die etwas anderes begehrt, als die Interessen des Lebens auf ein Rechenexempel
zu beschränken, war sie abhold. Sinn für das Übernatürliche, Neigung zu
himmlischen Dingen, höhere Auffassung der irdischen Verhältnisse nannte sie
Schwärmerei, und sorgsam suchte sie ihre Söhne, die bei des Grafen Mattias Tod
zwölf und dreizehn Jahre alt waren, in dieser frostigen Atmosphäre zu erhalten.
Bei Damian wurde ihr das sehr leicht; bei Gratian schwerer, denn des Vaters Güte
und ursprüngliche Gemütlichkeit war auf ihn übergegangen. Levin war und blieb
für Juliane ein harmloser Schwärmer, der aber doch so nahe an Narrheit streifte,
dass sie ihre Söhne auf's Kräftigste gegen seinen Einfluss zu schützen suchte und
zwar durch ein Mittel, welches bei Kindern und bei Alltagsmenschen selten die
beabsichtigte Wirkung verfehlt: durch Geringschätzung Levin's. Es gehört
Gemütstiefe, oder ein sehr gutes Herz, oder geistiger Scharfblick, oder eine
sehr grosse Liebe dazu, um sich nicht der Geringschätzung anzuschliessen, die eine
Person, welche als Autorität gilt, oder die mehrere Personen, bei denen die
Anzahl die Autorität ersetzt, anhaltend gegen jemand an den Tag legen. Es war
eine ganz besondere Fügung, dass Levin wiederum in häuslichen Verkehr mit einer
Frau kommen musste, die Nichtachtung für ihn empfand. Bei seiner armen Mutter
entsprang diese Nichtachtung aus einer Art von Rache, welche das befleckte
Gewissen an der Tugend zu nehmen suchte; bei seiner Schwägerin aus Stumpfsinn
gegen das, was Tugend überhaupt ist: Selbstverleugnung aus Liebe zu Gott. Für
Jene war Levin ein heimlicher Vorwurf; für Diese - eine Null. Jene fühlte
unwillkürlich, dass sein Leben ganz absichtslos ihr Leben verurteile; Diese hielt
sich für dermassen vollkommen, dass eine Levinsseele neben solcher Vollkommenheit
spurlos verschwand. Aber diese Seele ertrug mit derselben milden und
gleichmässigen Liebe jetzt die Schwägerin wie früher die Mutter. Seine ganze
Sorgfalt richtete sich darauf, dass ihm die Kinder nicht entfremdet würden. dabei
leitete ihn keine egoistische Absicht, nur das Verlangen, dem letzten Wunsche
seines Bruders nachzukommen und die jungen Seelen im Glauben zu schirmen.
Juliane war ganz gleichgiltig gegen alle Konfessionen; da die Windecker nun
einmal katolisch waren, so mussten auch ihre Söhne katolisch sein. Lieber wäre
es ihr gewesen, wenn sie protestantisch hätten sein können; keineswegs aus einem
religiösen Beweggrund, nur weil sie selbst protestantisch und unaussprechlich
zufrieden mit ihrer eigenen Entwickelung und Richtung war. Sie überliess es
Levin, für Hofmeister und Lehrer zu sorgen, denn sie erwartete von seiner
Gewissenhaftigkeit zweckmässige und gediegene Wahlen, und sie wünschte, dass ihre
Söhne eine vortreffliche Erziehung bekämen. Nur verschmähte sie eine religiöse
Grundlage derselben und alle Äusserungen und Einflüsse, die aus der Fülle des
Glaubens in das Leben und in andere Gemüter übergehen. Eine Mutter wirkt
erwärmender oder erkältender auf das Gemüt ihrer Kinder, als alle übrigen
Menschen zusammen genommen. Juliane hielt ihre Söhne in dem Kreise der
Selbstsucht und der Eigenliebe fest, worin sie sich selbst bewegte, und machte
dann häufig bittere Vorwürfe an Levin, dass der Hofmeister sie zu nichts anderem,
als zu kleinen Egoisten erziehe.
    »Ich mühe mich ab in Geschäften, Sorgen und Arbeiten; ich gebe ihnen das
Beispiel eines opferwilligen Lebens; ich kenne kaum eine andere Freude, als die
Erfüllung meiner Pflichten; ich strebe dahin, meinen Söhnen die beste Erziehung,
alle Bildungsmittel, jeden Unterricht zukommen zu lassen, und sehe doch gar
wenig guten Erfolg,« klagte sie missmutig ihren Freunden. Es war aber niemand
unter ihnen, der ihr geantwortet hätte: Ja, das alles tust du; aber hast du
dabei die Ehre Gottes und das ewige Heil deiner Söhne vor Augen? Erflehest du
dir von Gott das Licht der Gnade, um deine Söhne zu tüchtigen Männern zu
erziehen? Schöpfest du deine Opferwilligkeit aus dem Quell jedes wahren Opfers:
aus der Liebe zur göttlichen Liebe? Entnimmst du das Beispiel, das du deinen
Söhnen gibst, der Nachfolge deines Heilandes? - Beantwortest du all' diese
Fragen, getreu der Wahrheit, mit Nein! so höre auf, dich zu beklagen und zu
staunen: du streuest irdische Saat aus und sie trägt die irdische Ernte ein.
    Wie oft hatte Levin versucht, ihr ganz leise solche Andeutungen zu machen!
wie oft ihr vorgestellt, dass ein warmes, aufrichtiges, religiöses Leben der
Boden sei, auf welchem Früchte der Gnade gediehen! Juliane fasste das mit der
höchsten Oberflächlichkeit auf und pflegte zu antworten:
    »Ja, ich weiss schon, welch Gewicht Sie auf das Gebet legen, auf den
Gottesdienst, auf die gemeinschaftliche Andacht; ich sehe aber nicht, dass meine
Söhne dadurch besser werden! Ich meinesteils begnüge mich ganz einfach, Gott so
zu verehren, wie er es haben will: nämlich im Geist und in der Wahrheit.«
    Die Ablösung vom kindlichen gläubigen Geist des Christentums, die
Vereinzelung in nüchterner Verstandesöde nannte Juliane eine Anbetung im Geist
und in der Wahrheit, ohne zu beachten, dass bei diesem gänzlichen Mangel an Geist
und Wahrheit auch die Anbetung zu kurz kommen müsse. Zu jeder Andachtsübung, die
Levin mit ihren Söhnen machte, zuckte sie die Achseln oder lächelte sie
mitleidig oder schaute mit kalter Gleichgiltigkeit zu. Wie ein ertötender Reif
fiel diese Frostigkeit des Gemütes auf jene Keime, die Levin so gern zu Blüten
in den Seelen seiner Neffen entwickelt hätte. Aber er liess sich nicht
entmutigen. Er flüchtete sein einsames, tausendfach betrübtes Herz an das
einsame leidenvolle Herz seines Heilandes und opferte in der Vereinigung mit Ihm
jeden Tag und jede Stunde seines Lebens für diejenigen auf, die so wenig sein
Opfer verstanden. So legte er in anscheinend geringe und von der Welt verkannte
Tat eine Fülle der reinsten, umfassendsten Liebe nieder. Die Knaben konnten sich
einer gewissen Zuneigung für den Onkel Levin nicht erwehren; er war ihnen
angenehmer als die herzlose Mutter, die auch sie immer in kühler Entfernung
hielt. Sie hatten Vertrauen zum Onkel Levin bei ihren kleinen Freuden und
Leiden, denn niemals hatten sie ihn teilnamslos gefunden. Nur ging die Zuneigung
nicht so weit, um seinen Ermahnungen Gehör zu geben und seine Ratschläge
anzunehmen, sobald dieselben Selbstverleugnung von ihnen forderten. Sie fanden
es recht schön, dass er ein solches entsagendes Leben führe; aber sehr unnütz,
seinem Beispiele zu folgen. Juliane erntete im reichen Mass den Egoismus ein, den
sie in den Herzen ihrer Söhne hatte wuchern lassen. Beide machten ihr den
Kummer, den sie am schmerzlichsten empfand: sie brachten ihr als
Schwiegertöchter und ohne sie zu Rate zu ziehen ganz unbemittelte Mädchen. Von
Damian hätte sie sich eine solche Wahl gefallen lassen, da er ja bereits
Besitzer des grossen Windeck'schen Majorates war; aber von Gratian fand sie es
empörend, weil sie fürchtete, er wolle schon bei ihren Lebzeiten den Mitgenuss
ihres Vermögens haben - das nach ihrem Tode ihm zufiel - und dadurch ihr
Einkommen verringern und ihre Stellung in der Gesellschaft möglicherweise
gefährden. Gratian hatte sich allerdings auf das Vermögen seiner Mutter
verlassen und war nicht minder empört über ihre frostige Kargheit, als sie über
seine Rücksichtslosigkeit. Damian wurde in die mütterliche Ungnade verwickelt,
weil beide junge Frauen Schwestern waren und weil Juliane behauptete, Damians
schlechtes Beispiel, eine Frau zu wählen, die nichts habe, als ihr schönes
Gesicht, sei ansteckend für Gratian gewesen. Genug, diese beiden Heiraten
stifteten grossen Unfrieden zwischen Mutter und Söhnen, und niemand litt mehr
darunter, als die jungen Frauen, die immer von der Schwiegermutter und zuweilen
von ihren Männern darüber viel Bitteres hören und leiden mussten. Es waren zwei
sanfte, liebe Wesen, sehr gut erzogen, sehr fromm, jedoch dermassen im Gefühl und
in der Phantasie lebend, dass ihre Männer sie, wenigstens in den ersten Jahren,
als unmündige Kinder betrachteten und ihnen wenig Einfluss einräumten.
 
                                 Familienbilder
So blühte denn abermals ein neues Geschlecht um Levin auf; aber ein solches,
worin er Kinder seiner Seele erkennen konnte. Damians Frau, Gräfin Kunigunde,
schloss sich mit zärtlicher Ehrfurcht ihm an und sah in seinem Auftenhalt zu
Windeck eine besondere Gnade Gottes. Ihre Schwiegermutter hatte sich nach ihrer
Herrschaft Stamberg im Odenwald begeben, richtete das Schloss prächtig ein,
machte grosse Gartenanlagen, neue vortreffliche Bauten und wurde noch kälter
gegen ihre Söhne als früher, indem sie mit der grössten Trockenheit behauptete:
wären Söhne verehlicht, so würden sie gleichgiltig für die Mütter. Gratian, der
als nachgeborner Sohn nur eine unbedeutende Apanage hatte und freilich sehr
leichtsinnig in die Ehe getreten war, würde nicht im Stande gewesen sein, mit
einer Familie zu existieren, da seine Mutter ihm nur das Jahrgeld gab, welches
er schon auf der Universität von ihr empfing, wenn sich nicht Damian sehr
brüderlich benommen und ihm eine seiner Besitzungen ganz in der Nähe von Windeck
gegeben hätte, deren Herr Gratian so lange sein sollte, bis sich seine äusseren
Verhältnisse besser gestalteten. Diese Grossmut Damians rührte Gräfin Juliane
nicht im mindesten; auch nicht die grosse Eintracht, in welcher beide Familien
lebten. Sie äusserte gegen Freunde:
    »Nun ja, es sind ein paar harmlose Geschöpfe, meine Schwiegertöchter, und
ich glaube gern, dass sie ihren Männern nichts in den Weg legen, sondern eher zu
viel Nachsicht mit ihnen haben und ganz gewiss ohne Einfluss auf sie sein werden;
allein mir ist dies zärtliche, empfindsame, weichliche Wesen antipatisch. Ich
finde keinen Berührungspunkt mit ihnen; sie sind unbrauchbar für einen grossen
Wirkungskreis.«
    Unter »grossem Wirkungskreis« verstand Juliane immer den, welchen sie selbst
ausfüllte, und ihr Talent für Verwaltung und Finanzen war freilich den jungen
Frauen fremd. Beide überliessen das ihren Männern. Gratian sagte einst zu seinem
Bruder:
    »Wenn nur die Mama nicht wieder heiratet.«
    »Possen!« rief Damian, »was könnte die Mama dazu bewegen! ein zärtliches
Herz gewiss nicht. Onkel Levin! haben Sie gehört, was Gratian befürchtet?«
    »Eure Mutter war immer eine sehr verständige Frau, die sich in ihrem
Witwenstande vortrefflich benommen hat,« entgegnete Levin mild. »Ich begreife
nicht, weshalb Gratian diesen Scherz macht.«
    »Weil die Mama jemand haben muss, den sie hofmeistern kann, Onkel Levin! Das
ist nun einmal ihr Fach. Das hat sie an dem guten Vater gezeigt und dann an uns.
Sie könnte jetzt freilich unumschränkt ganz Stamberg beherrschen und hofmeistern
und sich damit begnügen; allein was soll sie im häuslichen Leben anfangen? Da
ist eine Lücke und die erschreckt mich; zuerst für die Mama und dann für mich.
Denn wenn sie wieder heiratet, heisst es für mich: Adieu Stamberg!«
    »Aber, lieber Gratian,« unterbrach ihn Levin begütigend, »es ist vor einem
Vierteljahrhundert abgemacht, dass die Herrschaft Stamberg Dir dermaleinst
zufallen soll. Traue doch Deiner guten, verständigen Mutter keinen Schritt zu,
der dies alte Übereinkommen aufheben würde.«
    »Man muss nie mit einer Frau das Wort alt in Verbindung bringen,« sagte
Gratian scherzend mit dem Finger drohend; »das würde der Mama gar nicht
gefallen, obgleich sie eine vernünftige Frau ist und bald Grossmama sein wird.
Ich habe aber gehört, es hätte sich ein entfernter Verwandter, ein Stamberg aus
Schlesien, ein verabschiedeter Leutnant, bei ihr präsentiert.«
    »Es ist doch ganz in der Ordnung, dass ein Neffe aus Schlesien, wenn er eine
Reise an den Rhein oder nach Baden-Baden macht, seine Tante besuche.«
    »Onkel Levin, ein verabschiedeter Leutnant!!! Sie können es nicht fassen,
wie erpicht ein solcher Mensch auf ein gutes Etablissement ist! gerade so, wie
ein zartes Jungfräulein von fünfunddreissig Jahren auf ein eheliches Gespons. Ein
Leutnant im aktiven Dienst würde mich gar nicht erschrecken; der hat Hoffnung,
Feldmarschall - oder totgeschossen zu werden. Aber ein verabschiedeter Leutnant!
was bleibt dem übrig? Um seiner Verdienste willen hat noch nie einer den
Abschied bekommen. Eine andere Laufbahn öffnet sich ihm nicht leicht. Was tut
er? er macht eine reiche Heirat.«
    »Gratian, ich bin es überdrüssig, Deine Possen zu hören!« rief Damian
unmutig. »Ich begreife nicht, wie Dir Deine Spassmacherei bei einer so
ernstaften Geschichte nicht vergeht. Übrigens halte ich es mit Onkel Levin und
glaube nicht, dass sich die vernünftige Mama betören lässt.«
    »Ihr seid beide bewundernswert mit Eurem Vertrauen auf die Vernunft einer
Frau,« entgegnete Gratian, in seinem munteren Tone bleibend. »So lange die Welt
steht, hat man von der noch nichts Tüchtiges gehört.«
    »Aber Gratian,« wendete seine Frau halb weinerlich ein, »wir sind doch auch
vernunftbegabte Wesen.«
    »Du, mein Kind, nur halb und halb - denn sonst hättest Du mich ausreden
lassen und Dinge zu hören bekommen, die Dein Herzchen entzückt hätten - über das
Vertrauen, das man zur Liebe einer Frau haben könne, zur Frömmigkeit einer Frau
etc. etc. Allein zur Strafe dafür, dass Du als ein vernunftbegabtes Wesen mir
Vertrauen einflössen willst, schweige ich.«
    Gratian schwieg, als aber die Familie nach ein paar Tagen wieder beisammen
war, hub er an:
    »Wer hätte je gedacht, dass sich die Mama einer solchen Leidenschaft für das
Faro hingeben würde.«
    Alle starrten ihn an; nur Damian sagte:
    »Du bist unerträglich mit Deinen Spässen.«
    »Mit meinen Spässen - kann sein! Dies ist jedoch ein Ernst, den Du wirst
ertragen müssen.«
    »Dass die Mama Faro spielt?« rief Damian hell auflachend.
    »Und uns ein Paroli biegt,« setzte Gratian hinzu. »Sie heiratet den
Leutnant. Verlasst Euch darauf, ich habe sichere Nachrichten, weil ich bisher
immer zu Stamberg als der zukünftige Herr gegolten habe.«
    So war es wirklich. Nach einigen Wochen zeigte Gratian seiner Mutter die
Geburt seines ältesten Sohnes an, und sie antwortet darauf mit der Anzeige, dass
sie sich ganz in der Stille mit ihrem Vetter, dem Freiherrn von Stamberg,
vermählt habe. Sie habe zu lange nur für andere gelebt, um es ertragen zu
können, nur für sich zu leben. Indem sie einem zweiten Gatten das Opfer ihrer
Freiheit bringe, wünsche sie nicht sowohl Glück zu finden, als vielmehr es zu
bereiten; und mit diesen und ähnlichen Redensarten füllte sie vier Quartseiten
an. Zum Schlusse bemerkte sie: ihre Söhne wüssten ja am besten, dass sich die Ehen
am leichtesten schlössen, wenn man zuvor keine Ratschläge von den Nahestehenden
begehre und alles unnütze Hin- und Herreden vermeide; das habe auch sie getan.
    »Merkt Ihr das Paroli?« rief Gratian. »Nun, Onkel Levin! was sagen Sie jetzt
über die vernünftige Frau?«
    »Ich schweige,« war die Antwort; »und ich glaube, Ihr tätet samt und sonders
gut, so wenig wie möglich über die Sache zu sprechen, die jetzt unabänderlich
ist und die Euch nicht veranlassen darf, Euch von Eurer Mutter zurückzuziehen -
umso weniger, als wir gar nicht wissen, ob dieser Baron Stamberg nicht ein sehr
rechtschaffener und angenehmer Mann ist.«
    »Ich habe gar nichts Böses von ihm gehört,« sagte Gratian in seiner
spottenden Redeweise. »Den Abschied hat er bekommen wegen einer zarten Neigung
für die Weinflasche. Mit der muss die Mama also rivalisieren.«
    »Und die prächtige Herrschaft wird sich ein elender Abenteurer durch die
Gurgel jagen!« rief Damian ausser sich vor Zorn. »Welch' Glück, dass die Mama
protestantisch ist! nun kann sie sich doch von ihrem sauberen Herrn Gemahl zur
rechten Zeit scheiden lassen.«
    Walburg hielt sich schreckenvoll die Ohren zu. Kunigunde sagte sanft zu
ihrem Manne:
    »Lieber Damian, Du machst die Sache noch trauriger.«
    »Das verstehst Du nicht!« fuhr er heftig auf; »für solche Verhältnisse ist
die Scheidung vortrefflich.«
    »Sage doch lieber: für solche Verhältnisse ist die Ehe nicht eingesetzt.«
    »Das sag' ich von ganzem Herzen; allein ich will zugleich eine Abhilfe
haben.«
    »Die bringt der Tod,« sagte Levin. -
    Gräfin Juliane war nunmehr Baronin Stamberg, aber immer dieselbe Juliane.
Sie hatte nicht einen Funken von Neigung für ihren Mann. Er schmeichelte ihr
über alle massen; das war ihr immer angenehm, und da sie fünfzehn Jahre älter als
er war, doppelt angenehm. Von seiner zarten Neigung«, wie Gratian sich
ausdrückte, war Juliane unterrichtet. Sie hatte nicht versäumt, dem ehemaligen
Regimentschef des Barons zu schreiben und sich zu erkundigen, weshalb derselbe
entlassen sei. Sie legte aber keinen Wert auf die Antwort, sondern nahm sich
vor, ihren Mann so vortrefflich zu erziehen, dass er diese Schwäche überwinden
werde. Über das konnte sie ihre Liebhaberei fortsetzen und sich als eine
opferfreudige Seele hinstellen, als ein Rettungsengel und Schutzgeist für den
jungen Mann. Ihr verletztes Muttergefühl und ihr Missfallen an den beiden armen
Schwiegertöchtern legten nicht das kleinste Gewicht in die Wagschale für Baron
Stamberg. Juliane wollte ihren Kindern zeigen, dass sie unbeschränkte Herrin
ihres Vermögens sei und dass dieselben sich mit dem Pflichtteil dermaleinst zu
begnügen hätten, wenn es ihr gefiele, ihren Mann zum Haupterben einzusetzen. Wie
sie es aber halten wolle, darüber schwieg sie. Einstweilen war ihr Mann Herr auf
Stamberg, soweit sie es ihm gestattete, das heisst im Pferdestall, im
Hundezwinger und auf der Jagd. Vielleicht hätte er sich auch noch den Weinkeller
dazu gewünscht; allein er fühlte sich allzu behaglich in der Befriedigung seiner
übrigen Liebhabereien, für welche Juliane glänzend sorgte, um noch andere
Ansprüche zu machen.
    Das Verhältnis zwischen den Söhnen und der Mutter war immer so frostig
gewesen, dass es durch ihre zweite Ehe im Grunde gar nicht frostiger werden
konnte, umso weniger, als Baron Stamberg ein gutmütiger Mensch war, schwach von
Charakter, beschränkt von Verstand, der sich mehr und mehr mit wundersamer
Gefügigkeit von Julianen tyrannisieren liess und von ihren Söhnen weder
Aufmerksamkeit noch Freundschaft begehrte, sondern froh war, wenn sie ihn
ungestört pirschen gehen liessen. Es wurde also der äussere Anstand stets aufrecht
gehalten. Zu Julianens Geburtstag, den sie als Protestantin feierte, machten
ihre Söhne stets die Reise nach Stamberg und hielten sich einige Wochen bei ihr
auf - nicht ungern, weil er mit der Jagdzeit zusammentraf. Für Walburg und
Kunigunde war es aber immer eine schwere Zeit, teils wegen des herben Umganges
mit Julianen, teils wegen der Entbehrung des katolischen Gottesdienstes. Nach
der nächsten Kirche mussten sie eine Stunde fahren. Die meisten grossen
Grundbesitzer im Odenwald sind protestantisch; einige Städtchen katolisch,
andere gemischt, andere vorherrschend protestantisch, so dass sich die Schwestern
in jeder Beziehung zu Stamberg auf einem fremden Boden fühlten.
    »Gott!« seufzte Kunigunde, »wie ist es doch solche Totenstille hier zu Lande
in der Morgenfrühe, weil nie eine Glocke zur heiligen Messe ruft.«
    »Und tagein tagaus kein Ave Maria-Läuten,« sagte Walburg. »Ach, und die
Glocken wollte man schon entbehren, wenn man nur irgendwo einen Kirchturm gewahr
würde, der sich über dem hochwürdigsten Gut erhebt. Aber da ist keiner weit und
breit. Nirgends kann sich das Auge mit seinen Tränen und das Herz mit seiner
Trübsal auf einer Kirche ausruhen, welche das heiligste, teuerste Sakrament
umschliesst, und es ist doch eine wunderbare Erquickung, die man zuweilen aus
einem einzigen solchen Blicke schöpft. Ach, die armen Beraubten! wie sind sie zu
beklagen.«
    »Und nie Nachlass der Sünden,« sagte Kunigunde, und eine Träne engelhaften
Mitleides gab ihrem schönen Auge einen himmlischen Glanz. »Nie die beseligende
Gewissheit der Versöhnung mit Gott, die auf keiner Selbstgefälligkeit, keiner
Täuschung beruht. Nie Empfang des wahren und wesenhaften Leibes des Herrn, also
nie die Vereinigung mit dem liebevollen zärtlichen Gott, der hienieden in uns
seine Wohnung nehmen will, um damit den Keim des ewigen Lebens für den Himmel in
uns zu legen. O Walburg! wenn ich all' die Welterrlichkeit hier in Stamberg
sehe und nirgends ein Kruzifix, nirgends ein Bild der heiligen Gottesmutter,
nirgends ein Weihwasserbrünnlein, so jammert mein Herz über diese von Gott
abgelöste, leichenhafte Pracht, und ich möchte mich vor der armen Mama auf die
Knie werfen und sie anflehen, ein ganz klein wenig an den lieben gekreuzigten
Heiland zu denken.«
    »Dieselbe Empfindung habe ich auch schon gehabt!« rief Walburg lebhaft. »Sie
dauert mich unaussprechlich, die arme Mama! sie ist so kalt - kalt für uns, kalt
für ihren Mann, kalt für ihre Söhne, kalt sogar für meinen kleinen Uriel. Ein
kaltes Herz, kann das glücklich sein? Ach nein, denn es liebt nicht! Liebe ist
warm und innig, denn sie hängt mit dem Herzen Gottes zusammen.«
    Es war ein gar liebliches Bild, wie sie traulich auf einem kleinen Divan
neben einander sassen, die beiden schönen, jungen Frauen, und mit der gedämpften
weichen Stimme sprachen, die eine hohe Seelenbildung verriet und wie ihre Augen
gleichgiltig über den irdischen Reichtum hinwegschauten und Tränen vergossen
über den Mangel an himmlischen Gütern.
    »Was geht denn hier vor?« fragte plötzlich Damian, der durch die offene Türe
des Vorzimmers unbemerkt eingetreten war. »Gundel in Tränen gebadet, Walburg in
Tränen schwimmend. Gab es eine Szene mit der Mama? Habt Ihr kein Geld für Eure
geliebten Bettler? Hat sich Uriel das Näschen gestossen? Was ist geschehen?«
    »Nichts von dem allen, lieber Damian,« sagte Kunigunde schüchtern und
trocknete ihre Tränen.
    »Ihr werdet doch unmöglich weinen vor Kührung über den prachtvollen
Sonnenuntergang!« rief er ungeduldig.
    »Ach nein - wir grämen uns nur so sehr über die armen Protestanten, deren
Seelen so wenig Nahrung haben,« entgegnete Kunigunde zaghaft, weil sie wusste,
dass dies Kapitel ihrem Manne nicht sehr zusagte.
    »Da spart Eure Tränen!« rief Damian unmutig. »Die befinden sich sehr wohl
auf der Welt und haben es im Grunde besser, als wir, brauchen nicht eine Masse
von Rücksichten zu nehmen, haben keine Fastenzeit, keine geschlossene Zeit,
keine österliche Zeit - was alles unter Umständen recht unbequem sein kann.«
    Hätte sich Kunigunde so weit überwinden können, um mit einem leichten Scherz
diese »Unbequemlichkeiten« fallen zu lassen, so hätte sie ihren Mann vor der
Verschanzung im Widerspruch bewahrt und den kleinen Antagonismus vermieden, der
sich auf dem religiösen Gebiete so leicht zwischen der Hingebung des weiblichen
Gemütes und dem Unabhängigkeitsbedürfnis des männlichen Charakters erhebt;
Antagonismus, der jedoch nur auf den unteren Stufen der Seelenentwicklung
stattfindet, nur da, wo man das religiöse Leben zur Sache des Gefühles macht.
Wird es aber als die Sache des Willens erfasst, so geht es in eine höhere Ordnung
über, wo die natürlichen Anlagen zur Hingebung und zur Unabhängigkeit in der
freiwilligen Unterwerfung aus energischer Liebe sich begegnen. Es ist sehr zu
beklagen, dass das religiöse Leben des Weibes dem Manne gar oft als eine Schwäche
des Herzens, als ein Mangel an Kraft entgegentritt, während es den Stempel des
höchsten Adels, der klarsten Energie tragen sollte. Aber die Tränen, aber die
Andachten, aber die Gebetbücher, aber die tausend damit verknüpften
Kleinigkeiten lassen es dem Manne »weibisch« erscheinen und fliehen. Dies war
auch bei Kunigunden zu beklagen. Sie hatte noch nicht die Menschenkenntnis, um
ihren Mann richtig zu behandeln, und auch nicht die Erkenntnis, welche meistens
erst aus einem längeren Leben hervorgeht, dass von der Frau mehr
Selbstverleugnung an einem einzigen Tage, als von dem Manne während seines
ganzen Lebens gefordert wird. Genug - sobald Damian in irgend eine kleine
heterodoxe Behauptung verfiel, verfiel Kunigunde in Tränen, ohne daran zu
denken, dass er durch seine Mutter in der frostigen Atmosphäre religiöser
Gleichgiltigkeit aufgewachsen und deshalb mit Nachsicht und Schonung zu
behandeln sei.
    »O Damian! wie kannst Du so sprechen!« rief sie klagend aus. »Alles, was Du
aufzählst, zeigt ja eben, wie arm an Gnaden man ausserhalb der Kirche ist; denn
jene Zeiten sind Gnadenzeiten, und wer arm an Gnaden ist, der ist wahrhaft arm.«
    Diese himmlische Wahrheit verstand er gar nicht. Er antwortete spöttisch:
    »Ich werde alle Armen unter den Katoliken des Odenwaldes sammeln und zu Dir
bringen. Vielleicht kannst Du ihnen besser als mir begreiflich machen, dass sie
nicht arm sind.«
    »Mancher von ihnen mag wirklich durch den Glauben viel reicher sein als Du,
Damian.«
    »Sieh, wie gut Gott das eingeteilt hat: die einen macht er reich durch den
Glauben ohne Geld und Gut, und die anderen durch Geld und Gut ohne Glauben.«
    »Aber Damian, sage doch nicht kaltblütig solche entsetzliche Dinge!« rief
Kunigunde. »Gott gibt die Glaubenslehre und die Fähigkeit zu glauben den Armen
wie den Reichen .....«
    »Aber Kunigunde, sprich doch nicht so weitläufig über solche langweilige
Dinge!« unterbrach sie Damian, drehte sich auf dem Absatze um und ging von
dannen.
    Kunigunde schlang ihren Arm um den Nacken ihrer Schwester und fragte leise:
    »Ist das nicht herzbrechend?«
    Walburg nickte sanft mit dem Kopfe und sagte:
    »Gratian hat zuweilen auch solche Launen. Sie sind eben die Söhne ihrer
Mutter! wir müssen umso eifriger für sie beten.«
    »Und umso mehr sie lieben,« setzte Kunigunde hinzu.
    Sie war nicht glücklich, die arme Kunigunde; ihre Ehe war kinderlos und
Damian zuweilen ausserordentlich darüber verstimmt; denn er war nicht daran
gewöhnt, unerfüllte Wünsche zu haben. Walburg hatte in den fünf Jahren ihrer Ehe
ihrem Manne drei Söhne geschenkt, und je mehr sich Kunigundens neidloses Herz an
dem Glück ihrer Schwester freute, desto inniger sehnte sie sich, es selbst zu
geniessen.
    »Könnte ich nur einmal zur Mutter Gottes nach Altötting und dort eine
neuntägige Andacht halten,« sagte Kunigunde zu ihrem Ratgeber und Tröster Levin.
»Glauben Sie wohl, lieber Onkel, dass Damian mir die Wallfahrt erlaubt?«
    »Halten Sie hier eine Novene zur heiligen Gottesmutter,« entgegnete Levin
ausweichend.
    »So unmöglich scheint es Ihnen also!« rief sie traurig.
    »Ich meine, Sie sollten alles vermeiden, wodurch kleine Differenzen zwischen
Ihnen und Damian auf dem religiösen Gebiete hervorgerufen werden. Ihr Opfer
zieht vielleicht die Gnade sicherer herab, als Ihre Wallfahrt,« sagte Levin
mild.
    Es war um Mariä Himmelfahrt. Zahlreiche Prozessionen zogen nach Kloster
Engelberg, wo ein Gnadenbild der heiligen Gottesmutter sehr verehrt wird. Der
Main war mit Nachen bedeckt, welche vom anderen Ufer Andächtige hinüber führten,
die sich am Fusse der ungeheuren Treppe hinter ihrem Kreuz und ihren wehenden
Fahnen in Reihe und Glied stellten und betend langsam bergan stiegen, um droben
die heiligen Sakramente zu empfangen und ihre mit Gott versöhnten Herzen voll
Bitten und Klagen und Nöten auszuschütten vor der Trösterin der Betrübten. Nach
mehreren Stunden zogen sie auf der anderen Seite durch den Wald bergab. Von
Windeck aus sah man diese bunten beweglichen Bilder in grösster Deutlichkeit, war
aber zu sehr an ihre Wiederholung gewöhnt, um sie zu beachten. Nur bei Kunigunde
regten sich die Flügel der Sehnsucht, wie bei einem jungen Zugvogel, der sich
dem Schwarm anschliessen möchte, der nach Süden fliegt. Sie fasste ihren ganzen
Mut zusammen und sagte zu ihrem Manne:
    »Lieber Damian, gib mir Urlaub auf vierzehn Tage und schlage mir diese Bitte
nicht ab, weil sie so sehr ungewöhnlich ist. Frage auch nicht, wohin ich gehe,
sondern triff nur Anstalt, dass ich in der ersten Woche des Septembers reisen
kann.«
    »Die Welt kehrt sich um, Onkel Levin!« rief Damian. »Haben Sie es gehört?
Gundel spricht befehlshaberisch; da muss man wohl gehorchen. Und weil ich mich in
der Tat freue, dies Wunder erlebt zu haben, so will ich der Reise auch nichts in
den Weg legen. Ich denke, sie geht zu Deiner Schwester Isabelle,« - setzte er
fragend hinzu.
    »Fragen darfst Du nicht,« sagte Kunigunde errötend.
    »Gut! da ich nun das Meinee getan und Dir Urlaub gegeben habe, so wirst Du
mit demselben Vertrauen mich belohnen und mir das Ziel Deiner Reise nennen.«
    »Es ist Altötting,« sagte Kunigunde unverzagt, und es brach ein solcher
Glanz von Liebe und Zuversicht aus ihrem Auge, dass Damian beinahe gerührt sagte:
    »Reise denn, Kunigunde; aber bitte zuvor Onkel Levin, Dich zu begleiten,
damit er Dich vor allen Andachtsexzessen bewahre.«
    Levin, der Kunigundens schüchterne Zaghaftigkeit kannte, staunte nicht
minder als Damian über die Beherzteit, welche sie aus ihrem übernatürlichen
Vertrauen schöpfte, als Kunigunde plötzlich sich ihrem Manne in die Arme warf
und, nicht zufrieden mit dem, was sie erreicht hatte, noch mehr haben wollte und
ihn bat:
    »Ach, Damian, wenn Du doch auch die Wallfahrt mit uns machen wolltest.«
    »Lieber Engel, wenns einmal dahin kommt, dem Türken mit dem Säbel in der
Faust das gelobte Land zu entreissen, dann werd' ich mich bei der Wallfahrt
einfinden; - aber nach Altötting - das überlasse ich Dir; das ist das Fach der
Damen.«
    »Nun, lieber Damian,« sagte Levin lächelnd, »Du bist sehr grossmütig, das
Vorrecht der frommen Andacht den Damen einzuräumen.«
    »Der Priester hat es durch seinen Stand, bester Onkel. Allein, ich meine die
Idee: auf dem und dem Punkt der Erde sei das Gebet wirksamer als anderswo, könne
sich nur in einem Weiberkopfe festsetzen.«
    »Und warum meinst Du das?«
    »Weil es eine kindische, beschränkte Auffassung von der Allmacht und Güte
des Schöpfers ist, der seine Gnaden überall spenden kann.«
    »Ganz richtig: allüberall! Seine Allmacht wird also nicht durch unsere
Vorstellung begrenzt, sondern gleichsam erweitert, dass er, der über die ganze
Welt die Fülle seiner Gnaden überschwenglich ausströmt, dennoch auf gewissen
Stätten noch reicher, noch verschwenderischer sie spendet; und solche Stätten
sind die Wallfahrtsorte.«
    »Aber, bester Onkel, welche Verbindung kann denn zwischen einer Erdscholle
und einer Gebetserhörung stattfinden?«
    »Welches ist die Bedingung, muss ich zurückfragen, unter welcher der liebe
Gott die Gebete erhören will, die dem Betenden zum Heil gereichen?«
    »Ich denke - es wird frommes Vertrauen sein,« antwortete Damian, der mit
seiner rationalistischen Richtung es vorzog, »frommes Vertrauen« zu sagen,
anstatt »Glaube« und »der Schöpfer« oder »die Vorsehung« anstatt »Gott« oder gar
»der liebe Gott«, und »die Madonna« anstatt »die heilige Mutter Gottes«.
    »Also,« fuhr Levin fort, »an einen kindlichen Akt des Glaubens eine
glänzende Gebetserhörung knüpfen: das ist ihre Verbindung mit der Erdscholle.
Sie ist übernatürlicher Art. Fleisch und Blut verstehen sie nicht; die fünf
Sinne fassen sie nicht; der menschliche Verstand begreift sie nicht. Aber, wie
der Herr, als er auf Erden wandelte, so oft sagte, Dein Glaube hat Dir geholfen;
oder: Dir geschehe, wie du geglaubt hast! und dann seine Gnaden spendete: so
macht er es noch jetzt. Er verlangt einen kindlichen, demütigen, unbedingten,
schwunghaften Glauben, der nicht fragt: Warum da und weshalb dort? wie ihn der
fromme Wallfahrer an den Tag legt - und den krönt er manchmal durch
Gebetserhörung.«
    »Bester Onkel, wenn demnach eine Wallfahrt ein ganz enormer Tugendakt ist,
so muss man wohl annehmen, dass er immer gekrönt werde?« fragte Damian listig.
    »Ja, lieber Damian, immer!« sagte Levin mit einem himmlischen Lächeln, »aber
nicht immer hienieden. Dem Glauben sind auch ewige Kronen aufbewahrt. Übrigens
ist aber unser Glaube immer noch so schwach, so unvollkommen, von so manchen
irdischen Hoffnungen beflügelt, dass er, auch in dem frömmsten Wallfahrer, kein
so enormer Tugendakt ist, wie Du annimmst.«
    »Das muss wohl sein, denn die Wallfahrten sind ja hier zu Lande längere Zeit
verboten gewesen wegen vielfachen, damit verknüpften Skandals.«
    »Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich unter den vielen, vielen tausend
Wallfahrern, die alljährlich ihre gemeinschaftlichen Bittgänge zu den
Gnadenorten machten, auch einige befunden haben werden, welche kein erbauliches
Beispiel, vielleicht sogar ein Ärgernis gaben; aber das ist die Schuld des
Einzelnen und man hat sie nur hervorgehoben, um dadurch die Wallfahrten selbst
zu verdächtigen und diese ächt katolische Lebensäusserung zu unterdrücken, weil
sie mit dem öden Begriffswesen moderner Humanität nicht zusammenstimmen wollte.
In dem Einerlei des mühseligen, sorgenschweren Alltaglebens braucht der Mensch
aber zeitweise eine Erfrischung, eine Aufrichtung, ein Vergessen der irdischen
Nöten und Arbeiten. Er will einmal einige Tage der Freiheit und der Ruhe haben
und ungestört seinen teuersten und höchsten Interessen sich hingeben. Das sind
unstreitig die ewigen, denn sie umschliessen den ganzen Menschen mit allen seinen
Verhältnissen und Pflichten gegen den Nächsten und gegen Gott. Da verlässt er
denn auf einige Tage sein Haus und begibt sich nach einem jener uralten
Gnadenorte, wo seit einem halben oder ganzen Jahrtausend Millionen von Menschen
gebetet und Trost gefunden haben. Auf dem Hinweg sammelt er sich in seiner Seele
und bedenkt all' den Wust, der sie drückt: so viel Sünden, so viel Torheit und
Verkehrteit, so viel Leid und Gram und Kummer, so viele Wünsche, Hoffnungen,
Bestrebungen, Das überlegt er alles und teilt es ein: die Sünden mit ihrem
Gefolge von Reue und guten Vorsätzen für das Busssakrament und die Bitten, die
Klagen, das Flehen für das Altarssakrament; und dann wendet er sich an die
Fürsprache der grossen Freunde Gottes, der seligsten Jungfrau Maria, der heiligen
vierzehn Notelfer, oder stellt sich unter den Schutz und vertraut auf die Kraft
des heiligen Blutes oder der Not Gottes, oder wie sonst das Geheimnis heissen
möge, dessen Verehrung der Gnadenort geweiht ist: und in dieser Stimmung bringt
er dort einen Tag zu oder zwei, manchmal auch nur einige Stunden, und geht dann
heim, versöhnt mit Gott, erquickt in seiner Seele, voll guter Entschlüsse,
getröstet und aufgerichtet - oft für sein ganzes Leben, und macht sich dann
wieder an sein mühseliges Tagewerk. O mein lieber Damian, scheint Dir das
wirklich ein grosser Skandal zu sein? Ich meines Teils wünschte recht oft ihn zu
machen und ihn zu erleben.«
    »Sie sind ein Idealist, Onkel Levin!« rief Damian. »Sie haben immer das
Ideal im Herzen und vor Augen! Aber ich wette darauf, dass all' jene guten
Wallfahrer, die sich da drüben schieben, drängen und stossen, sehr weit davon
entfernt sind.«
    »Gott allein sieht in's Herz, lieber Damian, und so wollen wir ihm das
Urteil über jene braven Leute anheimstellen, die bei ihrer Andacht auch noch das
Unbehagen des Gedränges in den Kauf nehmen müssen. Übrigens hält die Kirche uns
allen, für all' unser Tun und Lassen, in der christlichen Vollkommenheit das
Ideal vor, das wir immer vor Augen haben sollen. Bemühen wir uns nicht, das
Geringste mit möglichster Vollkommenheit zu tun, so werden wir es bald ganz
schlecht machen.«
    »Lieber Onkel!« rief Damian, »warum werden Sie nie ärgerlich, da ich Sie
doch manchmal mit meinen Bemerkungen recht sekkiere.«
    »Weil ich Dich lieb habe, mein Damian.«
    »Ach nein, Onkel, das glaub' ich nicht; sondern weil Sie Gott lieben und in
ihm auch mich.«
    »Das versteht sich: Gott ist der Urgrund jeder wahren Liebe.«
    »Zuweilen denk' ich, wären alle Priester wie Sie, Onkel Levin, so wäre die
ganze Welt, auch die katolische, gut katolisch.«
    »Wären wir Priester dem Ideal des kreuztragenden Heilandes näher, so stände
es ohne Zweifel besser mit der Welt; darin hast Du ganz Recht,« sagte Levin
demütig und freundlich. »Aber die ganze Last lasse ich mir nicht aufbürden. Um
gut katolisch zu sein, muss man es auch sein wollen. Drei und dreissig Jahre
hatten die Juden Christus vor Augen mit all' seinen Wundern und göttlichen
Beglaubigungen, und wie wenige schlossen sich ihm an! Ohne den Willen kein
Glaube und keine Tugend, darauf verlass Dich.«
    Kunigunde reiste nach Altötting, das gewiss eine der merkwürdigsten Stätten
der Erde ist - so irdisch reizlos und so unirdisch reizend. Eine halbe Stunde
vom Inn entfernt, flach, baumlos, unmalerisch, liegt auf der weiten Ebene
zwischen München und Passau der kleine Marktflecken Altötting, der aus ein paar
Strassen und einem freien Platz besteht. An diesem Platz, der weit und
unregelmässig ist, liegen drei Kirchen und verschiedene grössere und kleinere
Häuser: die Pfarrkirche, die Kapuzinerkirche mit dem daranstossenden Kloster, und
Kirche und Haus der Patres Redemptoristen. Das übrige sind Privatäuser. Alles
ist ohne Schönheit der Architektur, ohne Pracht, so ungemein einfach und
schmucklos, dass man, wenn man an Loretto oder Einsiedeln in ihrer grossartigen
Majestät denkt, ganz vergebens nach der Wallfahrtskirche mit dem Heiligtum sich
umsieht, während man dort nichts anderes sieht. Dann liegt mitten auf dem freien
Platz eine kleine Kapelle, achteckig, mit spitzem Dach und vor dem Achteck, das
man auch den Chor nennen kann, ein Langschiff; das Ganze umgeben von einem
schwerfälligen, niederen Bogengang, der Schutz gegen Regen und Sonnenschein
gewährt. Welch ein seltsames kleines Gebäude! Aber sieh! alles Gemäuer des
Bogenganges ist mit Votivtafeln bedeckt und schwere Kreuze, welche büssende
Pilger getragen haben, stehen an den Pfeilern; denn dies unscheinbare, ja
dürftige Gebäude, so unansehnlich und gering wie die Grotte von Betlehem, ist
die Gnadenkapelle. Auch im Innern ist etwas von der Dunkelheit, der Stille, dem
Geheimnisvollen und Feierlichen jener Grotte. Das kleine Langschiff, 36 Fuss lang
und 24 breit, hat zwei Altäre und einige Kniebänke; über der Eingangstür die
Orgelbühne. In der inneren Kapelle, dem Achteck, steht über dem Altare in einem
silbernen Schrein das kleine uralte Gnadenbild: Maria mit dem Jesukinde auf
ihrem rechten Arme und in der Linken den Scepter, aus dem die Lilie hervorblüht.
Maria, als Mutter und Königin; die Liebe in ihrer Zärtlichkeit und in ihrer
Macht, in Allem, was sie Süsses und was sie Grossartiges hat. In der Dicke der
Mauer sind Nischen angebracht und vor ihnen Kniebänke aufgestellt, um den engen
Raum möglichst wenig zu beschränken. Über den Nischen befinden sich auf
schwarzem Grunde hinter Glasscheiben kostbare Votiv- oder auch Liebesgaben,
Hals- und Armbänder, Ringe, Münzen, Kreuze, köstlich gefasste Reliquien. Fünf
herrliche Lampen hängen vor dem Altare und das ewige Licht in ihnen leuchtet
mild durch das Dunkel und wirft hie und da einen Glanzblick auf den reichen
Schmuck. Die Herzen bayerischer Landesfürsten, unter ihnen Kaiser Karl VII., 
1745, und König Maximilian I.,  1825, ruhen einbalsamiert in silbernen
herzförmigen Gefässen an der Wand, welche dem Gnadenbilde gegenüber sich
befindet. Trotz Purpur und Krone betteten sie sich zur letzten Ruhe unter den
Schutzmantel der Mutter Gottes von Altötting. Ein leises Säuseln verhallt nie in
diesem geheiligten Raume, der vom frühen Morgen bis zum späten Abend geöffnet
ist. Das Flüstern des Gebetes, die leisen Seufzer, die Atemzüge der Andächtigen,
das Rauschen eines Kleides, der Fall einer Kugel des Rosenkranzes, das
Umschlagen der Blätter im Gebetbuch - diese Laute, welche man sonst kaum
bemerkt, sind in dieser tiefen Stille hörbar, wie am Abend ein Säuseln durch den
Wald geht, oder wie man in weiter Ferne die Wellen des See's an's Gestade
rieseln hört. In eine wunderbar tiefe Ferne sinkt die Welt und das Leben und das
Treiben der Leidenschaft und der Kampf in der eigenen Brust zurück. Wie man von
einem hohen Berge ringsum den Horizont schaut so weit, so weit, dass Erd' und
Himmel in einander schwimmen, aber Städte und Dörfer nicht mehr zu sehen sind:
so geht es der Seele in diesem Raum, der seit mehr als einem Jahrtausend nichts
gewesen ist, als eine Stätte des Gebetes. Es gibt andere berühmte Orte, wohin
auch seit langer Zeit die Menschen reisen, um Kunstwerke, oder Naturschönheiten,
oder prachtvolle Paläste, Kirchen, Gärten, oder merkwürdige und interessante
Sammlungen und Anstalten zu bewundern, und sie suchen sich dabei zu unterhalten,
zu bilden, zu belehren, oder die Zeit zu töten und das Geld zu verschwenden. Die
Bewunderung bildet eine Art von Glorie um solche Punkte und eine gewisse
geistige Atmosphäre, deren Einfluss sogar stumpfe und äusserst prosaische Menschen
etwas empfinden. Welch eine geistige Atmosphäre muss um einen Punkt sich gebildet
haben, den nie ein Mensch in anderer Absicht betrat, als um zu beten! seit mehr
als tausend Jahren - nur um zu beten, nur um die Tiefen des Herzens vor Gott
auszuschütten. Und dieser Zug des Gebetes vererbt sich von einer Generation auf
die andere, zieht sich durch ein Menschenalter in das andere hinein, lässt sich
nicht stören durch den Wechsel, den ein Jahrtausend in alle Verhältnisse der
Menschheit bringt; wird unterbrochen durch diese und jene Ungunst der Zeiten,
und hebt jenseits derselben gerade so wieder an, wie er notgedrungen diesseits
aufgehört hatte! Seitdem der heilige Rupert im siebenten Jahrhunderte das
Christentum in Bayern gründete und das Mutter Gottesbild nach Altötting brachte,
sind Reiche und Völker auf- und untergegangen, sind Trone und Kronen gesunken
und aufgerichtet; aber die andächtige Wallfahrt zu der Stätte, wo die Mutter
Gottes so gnädig ist, geht jetzt gerade so wie damals fort - ein Strom
lebendiger Einheit in Glauben und Liebe, der aus Millionen von Herzen bricht und
in der kleinen grottenhaften Kapelle sich sammelt, ewig wiederholend die
Wallfahrt der Könige des Morgenlandes und der armen Hirten zum Kindlein von
Betlehem.
    Kunigunde hielt mit grosser Sammlung und Ruhe ihre neuntägige Andacht und
erbaute sich ungemein an den feierlichen Prozessionen, die am Tage Mariä Geburt
sich einfanden und so viel Menschen brachten, dass der ganze Platz belebt war und
jeder nur nach und nach in die Kapelle dringen konnte. Auch an den übrigen Tagen
fehlte es nicht an einzelnen Wallfahrern aus den verschiedensten Ständen. Das
Landvolk war am zahlreichsten vertreten; sehr natürlich, weil es überhaupt die
grösste Zahl in der Bevölkerung ausmacht. Levin brachte das heilige Messopfer in
der Gnadenkapelle dar, und seine Seele wallfahrtete in den Himmel und pries
Gott, der durch das Christentum Glauben und Liebe so tief in das Menschenherz
versenkt hat, dass sie gleichsam als organische Lebensäusserungen daraus
emporwachsen und in dieser zugleich so kindlichen und so grossartigen Form ein
wunderbares Zeugnis der Jahrhunderte für die Glaubenseinheit in der Kirche
ablegen. Am Vorabend der Abreise sagte er zu Kunigunde:
    »Jetzt muss ich Ihnen eine Merkwürdigkeit zeigen, die freilich nicht
unmittelbar zur Wallfahrt nach Altötting gehört, aber doch sehr lehrreich ist.«
    Er führte sie nach der Pfarrkirche in eine Kapelle des Kreuzganges. Auf
einer kleinen Treppe stiegen sie zur Gruft unter der Kapelle herab und standen
vor einem Sarge, auf den Levin deutete und sagte:
    »Hier ruht ein ausgezeichneter Mann, ein grosser Feldherr, ein tüchtiger
Diener seines Herrn, ein wahrhaft frommer Sohn der Kirche, ein tadellos reiner
Mensch, ein so inbrünstiger Verehrer der Mutter Gottes, dass er sein Herz in
silberner Kapsel in der Gnadenkapelle beisetzen liess; ein so demütiger Christ,
dass er nach seinen Schlachten und Siegen vor dem Bilde des Gekreuzigten
hinkniete und Gott um Verzeihung bat für den Fall, dass durch seine Schuld zu
viel Blut vergossen sei. Und welch Andenken, glauben Sie, bewahrt die Geschichte
ihm auf? Als ein blutdürstiger Unmensch, mit dem man schon Kindern in der Schule
Grauen erregt, wird er dargestellt, und wandelt er fluchbeladen seit zweihundert
Jahren durch die sogenannte unparteiische Geschichte. Es ist der berühmte
Feldherr des traurigen dreissigjährigen Krieges: Tilly.«
    »Aber wie kann die Entstellung eines solchen Charakters eine Feder finden?«
fragte Kunigunde.
    Weil manche Feder im Dienste einer Partei, statt im Dienste der Wahrheit
schreibt, und weil die Parteiwut das Auge so krank macht, dass es im Spiegel
seiner eigenen Verzerrteit des Gegners Tugenden als Laster sieht. Ist ein
grosser Gegner ein gläubiger Christ, so können Sie sich leicht vorstellen, dass er
bei den Glaubenslosen keine Gnade findet.«
    »Ach, lieber Onkel, wie schmerzlich ist doch dieser Hass des Unglaubens und
des Abfalles gegen den heiligen Glauben und gegen alles, was wir mit
unsterblicher Liebe lieben.«
    »Bestes Kind, das Kreuz ist ein Zeichen, dem widersprochen werden wird; dies
sagt uns die heilige Schrift. Meinen Sie, es sei nur gesagt für die ersten Tage
des Christentums? nur für jene Zeiten, als die Welt heidnisch war? O nein! jene
ersten Tage werden dauern bis zum jüngsten Tage, denn in der Welt ist immer ein
Stück Heidentum zu finden: die Selbstvergötterung - und auch in unser Herz ist
sie immer bereit, sich einzuschleichen. Manche Zeiten sind ganz besonders von
ihr überwuchert, Zeiten wilder Kämpfe, leidenschaftlicher Aufregung sowohl, als
Zeiten voll materiellem Segen. Jene erhitzen und verwirren, diese erschlaffen
die Gemüter, und solchen ist die Lehre vom Kreuze unwillkommen und der
Götzendienst des Ich's äusserst bequem. Haben sie sich aber recht fest darin
zurecht gesetzt, so kommen Stürme und Erschütterungen und all' die kleinen
Götterchen krachen zusammen und mancher, der sich selbst als seinen Götzen
verloren hat, sieht sich um nach einem Gott, der unverlierbar ist.«
    »Bester Onkel,« sagte Kunigunde, »wenn ich künftig die scharfen, ja oft so
barbarischen Urteile der Welt höre, will ich immer denken an Tillys Herz in der
Gnadenkapelle zu Altötting.« - -
    Im nächsten Jahr war grosse Freude im Schloss Windeck. Der Tag Mariä Geburt
war der Geburtstag eines Kindes, das Kunigunde in zärtlicher Dankbarkeit für die
Gnade der Himmelskönigin Maria Regina nannte. Sie war glückselig! all' die
Innigkeit, die Wärme, die Zarteit der Empfindung, für die sie bei ihrem Manne
kein Verständnis fand, übertrug sie auf das Kind, das freilich jetzt im
Morgenschlaf seines kleinen Lebens bewusstlos diese Liebe hinnahm, aber allmählig
mit den erwachenden Kräften seines Herzens an das Mutterherz sich schlingen
würde. Kunigunde freute sich unsäglich, dass es gerade eine Tochter war. Die
behielt sie immer an ihrer Seite; die ging auf keine Universität, auf keine
Reisen, auf keine Jagden, in keinen Krieg; die gehörte ihr, mit der richtete sie
sich fürs Leben ein. Es gab keine Tugend, keinen Vorzug, kein Talent, womit sie
nicht im Geiste ihre Tochter schmückte - vor allem aber mit jener fleckenlosen
Reinheit, welche vor jeder Beleidigung Gottes zurückschaudert. Deshalb stellte
sie das Kind unter den besonderen Schutz der seligsten Jungfrau Maria und nahm
sich vor, es immer in Weiss zu kleiden, um auch äusserlich an die innere
Lauterkeit zu mahnen. Zwischen Kunigunde und Walburg war jetzt ein beständiger
fröhlicher Streit, wer von ihnen die glücklichste Mutter sei und die
glänzendsten Hoffnungen habe. Wenn Walburg mit ihrem Knabenkleeblatt ein wenig
prahlen wollte, so pflegte Kunigunde zu sagen:
    »Warte nur ein paar Jahre! dann wirst Du gleichsam eine kinderlose Mutter
sein. Dann sind die Bübchen in alle vier Winde verstreut, während ich mit meiner
Regina äusserst behaglich hier sitze und Du zu uns kommst, um zu sehen, wie das
ist, wenn man ein Kind hat. So geht's mit den Söhnen.«
    »Und dann,« sagte Walburg lachend, »kommt eines Tages statt meiner irgend
ein charmanter Jüngling, wirbt um das Töchterchen und führt es nach Oft- oder
Westindien; und das Töchterchen, das bisher nie einen Tag von der Mutter
getrennt war, geht urplötzlich löwenkühn mit dem fremden Mann an's Ende der
Welt. So geht's mit den Töchtern!«
    »Das ist eine schauerliche Vorstellung,« seufzte Kunigunde.
    »Nun, ich will Dir etwas sagen,« fuhr Walburg beruhigend fort, »Uriel muss
Regina heiraten; dann behalten wir beide in unserer Nähe.«
    »Uriel muss ein sehr ausgezeichneter Mensch werden, wenn er Regina haben
will,« sagte Kunigunde höchst ernstaft, obwohl Regina erst sechs Monat alt und
Uriel im sechsten Jahre war.
    »Du sagst wohl mit Schillers Wallenstein: Meinen Eidam will ich mir auf
Europa's Tronen suchen, wenn Du mit meinem Uriel nicht zufrieden bist,« sagte
Walburg scherzend.
    »Die Ehe ist ein herber Stand, liebe Schwester!«
    »Freilich! Aber der ehelose ist noch herber, ist so einsam.«
    Der Ordensstand war zu jener Zeit etwas so Fremdartiges unter den höheren
Ständen, weil man nur solche klösterliche Institute duldete, welche sich dem
Unterrichtswesen oder der Krankenpflege widmeten, dass Kunigunde seufzte:
    »Und wenn sie Ursulinerin oder Salesianerin würde, müsste sie Tag für Tag
Schule halten für fremde Kinder und ich verlöre sie doch! Es wird wohl am Besten
sein, wenn sie Uriel heiratet.«
    Auf diese frohe Zeit folgten Tage schwerer Heimsuchung. Gratian hatte sich
auf der Jagd erkältet und sein Übelbefinden nicht geachtet. Als er endlich den
Arzt rufen liess, war die Krankheit schon bedenklich, wurde bald gefährlich und
steigerte sich zu einem furchtbaren Nervenfieber. Walburg schickte ihre Söhne
nach Windeck, um sie vor der Ansteckung zu bewahren und pflegte Gratian Tag und
Nacht. Damian kam sogleich und stand ihr hilfreich zur Seite, damit sie sich
nicht über ihre Kräfte anstrenge. Levin ging hin und her zwischen den beiden
zagenden, betrübten Frauen und sprach ihnen himmlische Hoffnung zu, je mehr die
irdische schwand. Die Stärke des Fiebers versetzte Gratian gewöhnlich in einen
bewusstlosen Zustand; aber Gott erhörte Walburg's und Levin's heisses Gebet: kurz
vor seinem Ende kam Gratian zu sich und empfing die Sterbsakramente; dann sagte
er fast unhörbar zu seinem Bruder:
    »Nimm Dich meiner armen Buben als Vater an.«
    »Verlass Dich darauf,« erwiderte Damian traurig. »Uriel heiratet Regina und
für die beiden anderen sorge ich auch.«
    Sanft drückte Gratian des Bruders Hand, warf einen zärtlichen Blick auf
Walburg, fiel in's Delirium zurück und verschied ruhig nach einigen Stunden. Die
trostlose Walburg war gar nicht zu trennen von der geliebten Leiche. Als Damian
sie endlich mit Gewalt wegführte, legte sie sich zu Bett - und stand nicht
wieder auf. Binnen neun Tagen riss die Krankheit, die junge kräftige Menschen am
heftigsten befällt, sie in ihr frühes Grab. Kunigunde war aufgelöst von Schmerz.
Die Schwestern hatten ein Doppelleben zusammen geführt und jede die Freuden und
Leiden der anderen so innig geteilt, dass Kunigundens halbes Herz in Walburg's
Sarg sank. Bei ihrer grossen Schüchternheit kam ihr auch die Erziehung der drei
Knaben als eine übermässig schwere Aufgabe vor, und doch fand sie wieder ihren
süssesten Trost darin, den kleinen Verwaisten die Mutter zu ersetzen. Damian
hatte die Knaben so lieb und war so ganz von der Vorstellung erfüllt, in Uriel
den künftigen Majoratsherrn und seinen Schwiegersohn zu sehen, dass er sich
darüber tröstete, keinen Sohn zu haben und die Kinder ganz väterlich in sein
Haus nahm. Ihre Erziehung machte ihm nicht viel Sorgen!
    »Gundel, sei nicht so ängstlich!« sagte er einmal zu der Gräfin, als sie von
den Gefahren sprach, denen junge Leute in der Welt ausgesetzt sind. »Die Welt
erzieht den Mann.«
    »Aber wie!« seufzte Kunigunde.
    »Nun, wie? wie sie ihn braucht, mein Kind. Der junge Mann muss Erfahrungen
machen und hat er die hinter sich, so wird er vernünftig; der eine früher, der
andere später.«
    »Aber er macht diese Erfahrungen gewöhnlich auf Kosten seines besseren
Selbst und zahlt für Niedriges den höchsten Preis.«
    »Das Paradies für einen Apfel - allerdings, das kann geschehen,« sagte
Damian höchst gleichmütig. »Diesen Weg hat der Schöpfer von Adams Zeiten an dem
Menschen zugewiesen.«
    »Der Mensch hat freiwillig den Weg des Abfalls eingeschlagen,« rief
Kunigunde lebhaft, »und für das Paradies, das er aufgab, hat der barmherzige
Gott ihm die Anwartschaft auf den Himmel gegeben. Die Welt nun, die es ihm so
leicht macht, das Paradies zu verlieren, was tut sie, um ihn an seine
himmlischen Ansprüche zu erinnern?«
    »Nichts, mein Kind, gar nichts! ist auch nicht nötig! Man hat ja Grundsätze,
die freilich zuweilen etwas wackeln, aber mit der Zeit sich befestigen. Die
Karriere, in die man tritt, die vortreffliche Frau, die man heiratet, tun denn
auch das Ihre; und so wimmelt die Welt von klugen, rechtschaffenen, gebildeten,
tüchtigen Männern, zu denen unsere Buben ohne Zweifel gehören werden.«
    Kunigunde lächelte traurig und suchte Trost bei Levin. Auch er sagte: »Seien
Sie nicht so zaghaft, Kind!« aber aus anderen Gründen als Damian. »Statt vor der
Zukunft der Knaben zu bangen, benutzen Sie die Gegenwart, um auf dem Wege der
Tugend so fortzuschreiten, dass Sie Ihren Kindern ein liebliches, leuchtendes,
unvergessliches Vorbild der Gottesliebe und der christlichen Vollkommenheit
werden. Daran scheitert manch Blendwerk der Welt.«
    »Aber meine Missgriffe, mein Mangel an Einsicht, meine Schwäche, wie viel
Schaden können sie stiften trotz all' meinem guten Willen.«
    »Dem menschlichen Tun wohnt Gebrechlichkeit inne, und wir alle lassen es an
Missgriffen, auch bei unseren teuersten Angelegenheiten, nicht fehlen. Fassen wir
aber immer wieder und wieder die Richtung auf die Ehre Gottes und das Heil der
Seelen in's Auge, so wird Gott, für den wir das Beste zu tun suchen, ohne
Zweifel viel Besseres für uns tun und den Folgen unserer Missgriffe Schranken
setzen.«
    Damian, der einmal solchem Gespräch beigewohnt hatte, sagte später zu
Kunigunde:
    »Es ist recht seltsam, dass Onkel Levin immer so spricht, als ob die
Vorsehung von unserem Tun und Treiben spezielle Notiz nähme.«
    »Lieber Damian,« antwortete Kunigunde lächelnd, »ob die Vorsehung das tut,
weiss ich freilich nicht. Aber Gott tut es: darauf verlass Dich. Warum sollte er
sich die Mühe genommen haben, jedes Haar auf Deinem Haupte zu zählen, wie wir es
lesen in heiliger Schrift, wenn er keine spezielle Notiz von Dir nehmen wollte?«
    »Liest Du die heilige Schrift?« fragte Damian höchst verwundert. »Ich meine
gehört zu haben, sie sei verboten, weil das ganze künstlich ersonnene und
zusammengesetzte Gebäude der katolischen Kirche über den Haufen fallen würde,
wenn man die Lesung gestattete.«
    Kunigunde lachte herzlich und rief: »Das wäre ja eine ungemein tragische
Begebenheit, wenn eines guten Tages die apostolische Kirche zusammenprasseln
sollte vor dem Echo der heiligen Schriften, die ja in ihr abgefasst, gesichtet
und beglaubigt sind, und die nur ein Leben haben, insofern sie gehören zum
lebendigen Organismus des heiligen Geistes, dessen Bau eben diese Kirche ist.
Einem Denkgebäude, von menschlicher Weisheit ersonnen, könnte es hingegen wohl
geschehen, dass es zusammenstürzte, wenn die mächtige Stimme des Evangeliums
darin erschallte, weil seine Wahrheiten nicht Stand hielten vor der ewigen
Wahrheit der Offenbarung.«
    »Es ist der katolischen Kirche schon oft der Untergang prophezeit worden.«
    »Ja wohl, zu ihrem grossen Trost! denn dies oft beweist, dass es immer falsche
Propheten waren; dass sie nur verkündeten, was sie wünschten, und dass sie
wünschten, was der Antichrist immer wünscht: Christus in seinem Erlösungswerk zu
vernichten.«
    »Gundel, Du sprichst wie ein Professor mystischer Teologie! Hast Du Deine
Freude daran, so sei sie Dir gegönnt. Aber ich bitte mir aus, dass Du sie nicht
unseren Buben einpflanzest; die brauchen vom Antichrist nichts zu wissen und
nicht in den heiligen Schriften zu studieren.«
    Kunigunde war nach und nach erfahrener und vorsichtiger geworden. Sie liess
die Sache fallen und nahm sich um so fester vor, einen kindlichen frommen
Glauben in den Knaben zu pflegen, als sie wohl wusste, dass Damian sie nicht darin
unterstützen würde. Es war ein Donnerschlag für sie, als Juliane plötzlich mit
überraschender Zärtlichkeit schrieb, sie wünsche den zweiten Sohn ihres
geliebten Gratian zu sich zu nehmen, zu erziehen und ihm nach ihrem und ihres
Mannes Tode Stamberg als Fideikommis zu übergeben. Leichenblass sass Kunigunde da,
während Damian den Brief vorlas; ihre Hände waren vom Stickrahmen in ihren Schoss
gesunken und zitterten leise, und mit unaussprechlichem Schmerz sah sie Levin
an, als wolle sie seines Beistandes sich versichern.
    »Der arme Junge dauert mich,« sagte Damian, als der Brief zu Ende war. »So
ganz allein bei der Grossmama, das wird eine traurige Kindheit geben! Dafür
bekommt er denn freilich später ein prächtiges Fideikommis, das somit den
gierigen Klauen der schlesischen Stambergs entrissen wird und unserer Familie
bleibt. Ich bin recht froh, endlich darüber Gewissheit zu haben. Nun, Gundel, was
sagst Du? Du bist ja ganz starr vor Überraschung.«
    »Ich sage, lieber Damian,« erwiderte Kunigunde mit bebender Stimme, »dass ich
auf Deine Zustimmung zähle und das Kind nicht hergebe. Dir hat Gratian seine
Söhne anvertraut und ich habe sie von Walburg geerbt. Sie sind auch ein
Fideikommis, ein viel kostbareres als alle Güter der Welt - und ich denke, wir
vertauschen sie nicht gegen Stamberg - nicht alle und nicht einen.«
    »Kind, es handelt sich um eine Rente von mindestens fünfzigtausend Gulden.
Die wirft man nicht fort wie eine Einladungskarte, welcher man nicht Folge
leisten will. Die erste Jugend des kleinen Orest wird nicht sehr munter sein;
aber im späteren Leben kann er das ja leicht nachholen und ganz andere Freuden
geniessen, als die unbedeutenden der Kindheit. Weigern wir uns aber, nimmt die
Mama unsere Weigerung übel, macht sie ein Fideikommis zu Gunsten der Stambergs,
und Orest erfährt dermaleinst, dass er durch unsere verkehrte Zärtlichkeit es
verloren hat, wird er uns dann keine Vorwürfe machen? und haben wir sie nicht
verdient?«
    »Lieber Damian,« erwiderte Kunigunde, »es ist eine von Deinen glänzenden
Eigenschaften, dass Du als ein ächter Aristokrat sehr grossmütig in Bezug auf Geld
und Gut bist. Das hast Du bewiesen, als Du ein ganz unbemitteltes Mädchen zur
Frau nahmst, und als Du die Existenz Deines Bruders und seiner Familie nicht
einige Wochen oder Monate, sondern acht Jahre hindurch eben so behaglich
machtest, wie die Deine es ist, und als Du ihm auf dem Sterbebette versprachst,
seinen Söhnen Vater zu sein, und bei tausend anderen Gelegenheiten.«
    »Das ist richtig! aus dem Mammon mache ich meinen Götzen nicht,« sagte
Damian, mit heimlichem Wohlgefallen das Lob seiner Tugenden einschlürfend, was
ihm hoffentlich nur diejenigen übel nehmen werden, welche über diese Schwäche
erhaben sind. »Aber, Kunigunde, es handelt sich hier nicht um mich und mein
Vermögen, sondern um ein prächtiges Fideikommis für Orestes.«
    »Würdest Du Regina zur Mama geben, wenn sie deren Erbin sein sollte?«
    »Nicht um die Welt!« rief Damian; »nein, mein einziges Kind geb' ich nicht
her.«
    »Von dem Augenblick an, da Du Deinem Bruder versprachst, seinen Söhnen Vater
zu sein, hattest Du vier Kinder,« sagte Kunigunde, »und ich sehe nicht ein, wie
Du mit gutem Gewissen für einen der Knaben tun magst, was Du um keinen Preis für
Deine Tochter tätest. Der arme kleine Orest ist unglücklich genug, Vater und
Mutter verloren zu haben; o trenne ihn wenigstens nicht von uns und seinen
Geschwistern.«
    Damian hatte sich inzwischen von Kunigundens Schmeichelworten erholt und
sagte: »Dir ist nicht zu trauen, denn Du hast bei der ganzen Sache im Grunde nur
die eine Furcht, dass Orest nicht fromm genug erzogen wird.«
    »Und wäre ich nicht dazu berechtigt?« fragte Kunigunde errötend, weil
Damians Bemerkung ganz richtig war. »Ich will nicht von Deiner guten Mutter
sprechen; ich will annehmen, dass sie Orest erzieht, wie sie Dich erzogen hat;
aber Du hattest doch Onkel Levin und hörtest und sahest doch etwas vom
katolischen Leben und Weben, während Orest in seiner Vereinzelung auf Stamberg
demselben gänzlich entfremdet und gleichsam losgerissen von jeder katolischen
Tradition sein würde. Welch ein unermesslicher Schaden für die Seele des Kindes!
wer ersetzt ihm den Verlust oder auch nur die Schwächung des Glaubens!«
    
    »Nun, so glaubt er etwas anderes, oder etwas weniger,« wendete Damian ein.
    »Oder auch nichts,« sagte Levin mit seiner milden Ruhe in Ton und Blick.
    »Sind Sie Kunigundens Bundesgenosse, bester Onkel?« rief Damian. »Das
wundert mich! Sie pflegten doch sonst, trotz Ihrer transcendentalen Richtung,
einen klaren Blick für alle Verhältnisse zu haben und auch die irdischen Dinge
nach ihrem Werte zu schätzen.«
    Levin lächelte leise zu der transcendentalen Richtung, die Damian ihm lieh,
und antwortete:
    »Dazu sind wir alle verpflichtet und eben deshalb dürfen wir sie nicht über
ihren Wert schätzen. Das Vaterhaus, das Mutterherz, das Familienleben, beseelt
und durchwärmt vom heiligen Glauben, ist ein so unermessliches Gut, dass ein Kind,
welches ohne dasselbe aufwächst, bettelarm ist - und hätte es Millionen! Denn
die Millionen sind zu zählen und alles, was gezählt werden kann, ist armselig im
Vergleiche zum Unermesslichen.«
    »Aber, bester Onkel, vom Unermesslichen lebt man nicht, isst und trinkt man
nicht, wird man nicht Majoratsherr. Ein Vater muss für seinen Sohn ein
Fideikommis bewahren; weshalb also nicht eines erwerben?«
    »Bewahre zuerst für Orest das, was er hat; alles andere findet sich.«
    »Bester Onkel, Sie wissen so gut wie ich, dass der arme kleine Orest, der
nachgeborene Sohn eines Nachgeborenen, nichts hat.«
    »Eben darum, lieber Damian, bewahre ihm sein übernatürliches Gut, damit der
Knabe, den vielleicht schwere und drückende Verhältnisse erwarten, eine Stütze
habe, welche sie tragen hilft. Bewahre ihm das himmlische Fideikommis des
Glaubens, welches Gott Selbst den Eltern anvertraut, damit es ungeschmälert auf
die Kinder, und aus einer Generation in die andere übergehe. Das kann Orest
dereinst von Dir verlangen; Stamberg nicht. Der vernünftige Mensch zieht das
Ewige dem Vergänglichen vor, sowohl für sich selbst, als für seine Kinder.«
    »Wenn man Sie hört, sollte man meinen, Orest müsse über Stamberg geradeweges
in die Hölle laufen,« rief Damian unmutig, »und es ist doch ganz ungewiss, ob er
über Windeck in den Himmel spaziert.«
    Levin liess diese Bemerkung fallen und sagte:
    »Wäre ich ein reicher Mann und könnte ich nicht meine Kinder im Glauben der
katolischen Kirche erziehen, so müsste ich verzweifeln, denn nur dort sehe ich
Waffen, um den furchtbaren Kampf mit dem Leben, der den Reichen so besonders
gefährlich ist, siegreich zu bestehen.«
    »Wo sehen Sie denn die Tugendhelden, die aus dem Kampf als Sieger
hervorgehen,« fragte Damian bitter, »da doch die Waffen allen zu Gebote stehen.«
    »Nur leider braucht sie nicht Jeder,« entgegnete Levin. »Die Waffen fliegen
nicht von selbst jedem in die Hand; sie müssen ausgewählt, ergriffen und geführt
werden. Übrigens, lieber Damian, ist das Heldentum der Tugend etwas, das man
nicht immer auf der Oberfläche und mit dem ersten Blick wahrnimmt.«
    »Ich sehe schon, dass ich keinen Frieden im Hause haben würde, wenn ich nicht
Orest behielte,« sagte Damian nachdenkend; »nur weiss ich nicht, wie ich den
Antrag der Mama ablehnen soll.«
    Kunigunde bog sich tief über ihren Stickrahmen, um ihre hervorquellenden
Freudentränen zu verbergen, da sie Damians Feindseligkeit gegen alle Arten von
Tränen genügend kannte. Levin sagte.
    »Will Deine Mutter sogleich das Kind haben?«
    »Nein, im nächsten Frühling.«
    »Dann würde ich in Deiner Stelle vor der Hand ihrem Wunsche nicht entgegen
treten. Wer weiss, ob sie ihn im Frühling noch hegt.«
    »Wenn der Bube aber ein Taugenichts wird und doch nicht Stamberg bekommt:
wie dann, Onkel Levin?« fragte Damian sinnend.
    »Hast Du Deine Schuldigkeit gegen Gott und Orest getan - und sollte er dann
so unglücklich sein, die seine nicht zu tun: so ist es auch dann besser, wenn er
ein armer als ein reicher Taugenichts ist. Es sehen weniger Augen auf ihn und
folglich geht sein schlechtes Beispiel nicht über einen kleinen Kreis hinaus,
während er, als der Mittelpunkt eines grösseren, entsetzliches Unheil stiften
kann.«
    »Ich bitte Euch, schweigt von so traurigen Möglichkeiten!« sagte Kunigunde
flehend. »Welche Mutter kann ohne Herzeleid solche Voraussetzungen anhören!« -
    Bald darauf wäre der kleine Orest in ganz anderer Weise beinahe seiner
Familie entrissen worden. Er spielte am Ufer des Mains, kletterte in einen
Nachen, verlor das Gleichgewicht von dessen leisem Schaukeln und fiel ins
Wasser. Da er vor Schreck nicht schrie, wurde die Wärterin, die in eine
Handarbeit vertieft war, nicht aufmerksam gemacht und Orest wäre vermutlich
ertrunken, wenn nicht sein Spielkamerad, Florentin der Fährmannssohn, beherzt
ihm nachgesprungen wäre, ihn gepackt hätte und dann, um Hilfe rufend, am Nachen
sich anzuklammern suchte. Es war in der Mittagsstunde und niemand am Ufer. Als
die Wärterin in höchster Bestürzung herbeieilte und beide Knaben aus dem Wasser
gezogen hatte, bedrohte sie Orest heftig, nichts von seinem Unfall verlauten zu
lassen, weil er hart gestraft werden würde, und deshalb müsse auch Florentin
schweigen. So hoffte sie, werde die Gräfin nichts erfahren und ihr jeder
Verweis, vielleicht sogar die Entlassung gespart werden. Sie brachte die Kinder
auf Umwegen ins Schloss, kleidete sie um, und es war weiter nicht die Rede davon,
da Orest wohl wusste, dass es schmerzlich ohne Strafe für seinen Ungehorsam
abgehen würde. Levin hatte aber von der Terrasse aus den ganzen Vorfall gesehen
und sich gefreut, wie herzhaft der kleine Florentin zu Werke ging. Er glaubte,
die Wärterin würde Kunigunden ihre Unaufmerksamkeit gestehen; da aber gar nichts
von der Sache verlautete, teilte er sie nach einigen Tagen der Gräfin mit, um
sie vor der Sorglosigkeit der Wärterin zu warnen. Kunigunde war ausser sich vor
Schreck über Orest und vor Freude über Florentin. Er war das erste Kind, das sie
in Windeck aus der Taufe gehoben hatte. Sie war eine treue Pflegerin seiner
Mutter gewesen, die brustkrank langsam dahinsiechte. Sie hatte der armen
Sterbenden versprochen, immer ein Auge auf Florentin zu behalten. Dessen Vater
hatte wieder geheiratet, und die Stiefmutter war nicht gut gegen Florentin. Sie
schlug ihn ohne Ursache, wenn sie eben übler Laune war, und ihre eigenen Kinder
durften ihn ungestraft quälen. Er war in Uriels Alter und Kunigunde, die ihn
immer gern gehabt hatte, liess ihn jetzt häufig ins Schloss kommen, seitdem die
Knaben in Windeck waren. Kürzlich hatte Florentin auch seinen Vater verloren und
führte nun bei seiner Stiefmutter und seinem alten Grossvater, der dem bösen
Weibe nicht gewachsen war, ein trauriges Leben. Kunigunde wusste ihrer
Dankbarkeit keinen besseren Ausdruck zu geben, als den, dass sie beschloss, ihn
mit ihren Kindern zu erziehen.
    »Er hat uns das Leben eines Sohnes gerettet,« sagte sie zu Damian, »dafür
wollen wir wiederum ihn retten! Bei der Stiefmutter kommt er um an Leib und
Seele.«
    Damian hätte den Knaben lieber in irgend eine Erziehungsanstalt gegeben. Er
fand es bedenklich, ihn in Verhältnissen und Umgebungen aufwachsen zu lassen,
die er später ungern vermissen würde; Fährmannssohn und Grafenkinder dürften
nicht auf demselben Fusse erzogen werden. Dagegen sagte Kunigunde, gerade aus
solcher Verschiedenheit der Verhältnisse könnten sich die schönsten Tugenden
entwickeln: Dankbarkeit, Hingebung, treue Anhänglichkeit in Florentin und in
ihren Söhnen eine richtige Würdigung des Menschen ohne Rücksicht auf Stand und
Herkunft, brüderliche Gesinnung für Arme und Niedriggeborene, vielleicht auch
heilsamer Wetteifer, da Florentin ein sehr intelligentes Kind sei. Onkel Levin
wurde zu Rate gezogen wie immer. Er sagte:
    »Liebe Kunigunde, ich glaube kaum, dass ich Ihren Mut hätte. Es ist nicht
leicht, ein fremdes Kind so zwischen den eigenen Kindern zu erziehen, dass es
sich nicht fremd fühle.«
    »Bester Onkel, Florentin fühlt sich schon jetzt heimischer und behaglicher
bei uns, als bei seiner Stiefmutter, die ihn fast verhungern lässt.«
    »Das glaub' ich schon; aber ich weiss nicht, ob dies Behagen ein Glück für
die Zukunft des Knaben ist.«
    »Ist ganz meine Meinung!« rief Damian. »Was willst Du denn eigentlich mit
ihm anfangen?«
    »Ich denke, Du lässt ihn studieren, lieber Damian,« sagte Kunigunde. »Wie
schön wäre es, wenn er Arzt würde! wie gut könntest Du einen Arzt brauchen, so
recht in der Mitte Deiner Besitzungen ihm einen Wohnort anweisen und alle armen
Leute ihm übergeben. Oder wie schön wär' es, wenn er geistlich würde - ein
frommer Priester, ach, welche Gnade! Den Arzt der Seelen könnten wir eigentlich
noch notwendiger brauchen, als den für die Körper. Oder will Florentin nicht
studieren, so kann er Förster werden, Verwalter, Rentmeister. Du hast eine Menge
Stellen, zu denen Du treue, tüchtige Menschen brauchst.«
    Damian hatte mancherlei Nöten mit seinen Beamten. Der Gedanke, einen recht
tüchtigen, zuverlässigen Beamten in Florentin heran zu bilden, war ihm eine
erfreuliche Vorstellung, und er sagte:
    »Wohlan, Kunigunde, wir wollen Florentin behalten! Es gefällt mir sehr gut
von dem kleinen Patron, dass er so unverzagt und entschlossen ins Wasser sprang;
aber noch viel mehr, dass er kein Wort von seiner Heldentat verlauten liess, der
kleine Schweigende!«
    Mit grosser Freude zog Florentin im Schloss ein und der ganze Kindertrupp
gedieh aufs beste. Im Frühling hatten alle das Scharlachfieber; Juliane konnte
also Orest nicht zu sich nehmen. Im Sommer auch nicht, denn sie musste wegen
ihrer Gesundheit in die böhmischen Bäder gehen. Im Herbst auch nicht, denn sie
fürchtete die rauhe Luft des Odenwalder Spätjahres für den Kleinen. Und endlich
erklärte sie, es sei wohl am zweckmässigsten, wenn er nicht vereinzelt, sondern
mit den übrigen Kindern erzogen werde. Über das beabsichtigte Fideikommis
schwieg sie; aber Damian rechnete dennoch darauf für Orest, weil ja nicht er und
Kunigunde den Erziehungsplan durchkreuzt, wohl aber die Mutter selbst ihn
aufgegeben, also in keiner Weise Widerspruch zu strafen hatte. Uriel bekam
Windeck samt Reginen und für Hyazint war dann sehr leicht zu sorgen. So
richtete Damian in Gedanken die Zukunft der Kinder so sicher im irdischen Glück
und Glanz ein, wie Kunigunde darauf zu hoffen wagte, sie sämtlich zu halben
Wundern der Vollkommenheit aufblühen zu sehen. - Nach einigen Jahren hatte sie
ein zweites Töchterchen, das ihr Mann mit unaussprechlicher Freude empfing, denn
er hatte halb und halb einen Sohn gefürchtet, dermassen hing sein Herz an Uriel.
Und wieder gingen Jahre vorüber mit den Sorgen und Freuden des Familienlebens,
denen sich Kunigunde mit unbegrenzter Hingebung widmete. Da wurde sie von einem
Brustfieber befallen und nach einem kurzen Krankenlager schied diese schöne,
zärtliche, liebevolle Seele vom irdischen Leben. Ein Schrei des Jammers folgte
ihr nach. Damian war fassungslos; Levin nahe daran; sämtliche Kinder in
Verzweiflung. Von einer solchen Trauer hatte kein Mensch auf Windeck je eine
Ahnung gehabt. Als ihr Sarg über den Main geführt wurde nach Kloster Engelberg
in die Familiengruft, standen beide Ufer gedrängt voll Menschen, die ihr
nachweinten und andächtig für sie beteten. In den achtzehn Jahren, die sie auf
Windeck verlebt hatte, war ihr Herz zuweilen recht kummervoll und gedrückt
gewesen; aber nie hatte sie irgend jemand anders als freundlich empfangen und
nie einen Unglücklichen oder Traurigen anders als getröstet entlassen. Dafür
wurde ihr jetzt manche Träne nachgeweint und manches Gebet nachgeschickt. Im
Schloss ging das Leben mechanisch fort, wie sie es geordnet hatte; aber es hatte
einen leichenhaften Anflug. Jetzt erst merkte man, wie sie es in ihrer stillen,
demütigen, freundlichen Weise beseelt hatte. Als Damian seine Töchter zum
erstenmal nicht weiss gekleidet, sondern im Traueranzug sah und dazu ihre
kleinen, blassen, verweinten Gesichter, schloss er sie angstaft in seine Arme
und sagte zu Levin:
    »Was soll aus ihnen werden ohne Mutter?«
    Da umschlang Regina ihn zärtlich und sagte: »Gräme Dich auch nicht zu sehr,
lieber Vater, denn die heilige Mutter Gottes wird jetzt unsere Mutter sein. Eine
andere können wir nicht brauchen.«
    Er beneidete fast das Kind um diese tiefe Zuversicht und um dies Eingehen in
die übernatürliche Welt. Er machte sich tausend Vorwürfe, dass er gerade auf
diesem Punkt Kunigunde so oft betrübt, so häufig die zarteste Blüte ihres
inneren Lebens mit dem kalten Frost seines Indifferentismus verletzt hatte. Er
musste sich eingestehen, dass er das Beste, was er in sich selbst fand, Kunigunden
verdankte, deren milde Liebe immer gegen seine Selbstsucht kämpfte, ohne sich
durch geringe Erfolge entmutigen zu lassen. Da er ihr nicht selbst mehr danken
konnte, so nahm er sich vor, in den Töchtern ihr zu vergelten und sie im Sinne
der Mutter erziehen zu lassen. In Wien bei den Salesianerinnen hatten Kunigunde
und Walburg ihre Erziehung empfangen, und Damian beschloss, seine Töchter
ebenfalls einem klösterlichen Institute zu übergeben.
    »Nach Wien bringe ich sie aber nicht,« sagte er zu Levin, als er mit ihm den
Plan überlegte. »Sie müssen so gütig sein, bester Onkel, und ein Institut der
Dames du Sacré Coeur auskundschaften, von dem Kunigunde zuweilen redete. Gegen
Wien sprechen drei Gründe.«
    »Und das sind?« fragte Levin voll Erwartung.
    »Erstens die grosse Entfernung. Zweitens, dass die liebe Kunigunde im
Französischen keinen Pariser Accent hatte. Drittens möchte ich gerne die Kinder
von einer gewissen kleinen deutschen Sentimentalität fern halten, von einer
gewissen Überschwänglichkeit des Gemütslebens, worin die besten und frömmsten
Frauen leicht verfallen und welche sicherlich in einer deutschen klösterlichen
Erziehungsanstalt ungemein floriert.«
    Levin liess diese letzte Annahme auf sich beruhen und erwiderte: »Alle
klösterlichen Genossenschaften, die sich der Erziehung der Jugend widmen, tun es
im Geiste des göttlichen Heilandes, der da gesagt hat: Lasset die Kindlein zu
mir kommen, und folglich mit der grössten Liebe, Hingebung und Opferwilligkeit,
denn sie haben aus der Nachfolge Jesu im Dienste der Seelen freiwillig ihren
Stand gemacht. Daher erfüllen sie ihre Pflichten in möglichster Vollkommenheit
und verdienen das grösste Vertrauen. Aber, lieber Damian, wo Menschen wirken und
handeln, da gibt es Schwächen, und in den Charakteren der Zöglinge gibt es
Schattenseiten. Du darfst also Deine Erwartungen nicht übermässig hoch spannen
und später die etwaige Unvollkommenheit der Kinder nicht auf Rechnung der
klösterlichen Erziehung bringen. Versprichst Du mir das, so will ich gleich
Erkundigungen einziehen, die ohne Zweifel höchst günstig lauten werden, indem ja
die Dames du Sacré Coeur berühmt sind wegen ihrer brillanten Erziehung für die
Welt.«
    »Das ists gerade, was ich wünsche!« rief Damian. »Seien Sie unbesorgt,
bester Onkel! Geraten die Kinder einigermassen in dieser Richtung, so schwärme
ich für das Sacré Coeur. Aber wie einsam, wie unerträglich einsam wird es hier
werden.«
    Das empfand Levin mit schneidendem Herzweh. Die Beschäftigung mit den
Kindern war seine Wonne; aber er sagte tröstend zu Damian: »Es war ja schon
festgesetzt, dass die ältesten Knaben fort sollten, und wir behalten doch
vorderhand Hyazint.«
    »Ja, den einen, und alle anderen gehen! Mir graut vor der Stille, die hier
eintreten wird.«
    An einem und demselben Tage war allgemeiner Aufbruch in Windeck. Uriel,
Orest und Florentin reisten in Begleitung eines Hofmeisters ab, um
Gymnasialstudien zu machen; und Damian mit seinen Töchtern zuerst nach Stamberg,
um sie noch einmal der Grossmama vorzustellen, und dann zu den Dames du Sacré
Coeur im Elsass. Juliane musste nach ihrer Gewohnheit Einwendungen gegen diesen
Erziehungsplan machen, von dem sie ahnte, dass er mittelbar von Kunigunden
herrühre. Weshalb nicht die Kinder nach Mannheim bringen, in das weltberühmte
Institut, dessen glänzende Resultate man kenne. Oder noch lieber nach
Norddeutschland, wo man überhaupt auf einem viel höheren Stand der Bildung
stehe, nach Dresden zum Beispiel; da könnten künstlerische Anlagen in ihnen
entwickelt werden. Gab es aber irgend etwas, wodurch Damian in seinen Ansichten
und Plänen bestärkt wurde: so war es gewiss der Widerspruch seiner Mutter.
Ohnehin ging er nicht leicht von seinen Ideen ab und so hatte Julianens
Missbilligung nicht die geringste Wirkung auf ihn. Er war ganz gleichgiltig gegen
ihre beständige Krittelei.
    Der Abschied von seinen Töchtern, die Heimkehr nach Windeck, die Verödung
seines Hauses stimmten den Grafen ungemein schwermütig. Er hatte an Kunigunden
die treueste Freundin gehabt, deren Teilnahme zu jeder Stunde, für jede
Kleinigkeit ihm gewiss war und die sorgsam alles zu entfernen oder selbst zu
übernehmen wusste, was ihn belästigte oder verstimmte. Er hatte in Uriel und
Orest schon Gesellschafter gehabt, die mit ihm jagten und ritten, und in den
beiden fröhlichen, kleinen Mädchen eine beständige Quelle des Scherzes und der
Heiterkeit. Er hatte an dem Personal, welches die Erziehung der Kinder bald für
immer, bald zeitweise, ins Haus brachte, eine Unterhaltung gehabt. Hofmeister,
Musiklehrer, Zeichenlehrer, Tanzlehrer, Engländerin, Französin und was sonst
noch die moderne Erziehung erheischen mag, zog auch in Windeck ein und aus.
Zwölf Personen am Familientisch, das war die geringste Zahl; und zwischen ihnen
allen war er der Herr, war er der Mittelpunkt. Ihn wollten alle unterhalten; ihm
- alle gefallen. Um ihn bemühte sich alles, drehte sich alles. Kunigunde gab
allen die Richtung auf ihn, die sie selbst nie verlor. Jetzt hatte er niemand
als den Onkel Levin, den dreizehnjährigen Hyazint und dessen Erzieher, einen
jungen Geistlichen.
    »Seitdem ich keine Frau mehr habe, komme ich mir gar nicht vor wie der Herr
des Hauses,« sagte er oft.
    Levin versuchte Saiten zu berühren, die in traurigen Herzen manchmal Anklang
finden: Ergebung, Entsagung, Hinwendung zum höchsten Gut, das für den Verlust
jedes anderen einen himmlischen Ersatz bietet. Allein dafür war der Graf taub.
Er fühlte sich seiner glücklichen Existenz beraubt und fasste es nicht, wie man
ohne eine solche zufrieden leben könne. Die Selbstsucht war noch immer
übermächtig in ihm.
    »O wie beneide ich den geistlichen Stand um seine ewige, unzerstörbare
Ruhe!« äusserte er einmal in aufgeregter Traurigkeit gegen Levin. »Der Priester
ist der glücklichste Mensch auf Erden. Er fühlt keinen Schmerz mehr.«
    »Die stille Ruhe fliegt ihm nicht an,« entgegnete Levin sanft; »sie will
erkämpft sein. Und der Schmerz flieht nicht von selbst vor ihm; er will
bezwungen sein. Und nicht mit einem Kampf ist die Ruhe auf immer hergestellt und
nicht mit einem Willensakt der Schmerz besiegt! Das dauert fort - durchs Leben.
Aber wir sind freilich wie tüchtige Soldaten darauf eingeübt, uns nicht den
Feind über den Kopf wachsen zu lassen, sondern uns bei Zeiten durchzuschlagen.«
    »Was kann der Priester für Schmerzen haben?« fragte der Graf unbefangen. »Er
hat nicht Weib noch Kind; er verliert sie nicht; er kennt keine Sorge um sie.
Gegen irdische Leidenschaften - denn es versteht sich, dass ich von einem frommen
Priester rede - schützen ihn Stand, Beruf und Gnade; woher soll also für ihn der
Schmerz kommen?«
    »Aus der Sünde, der eigenen und der fremden,« entgegnete Levin und heftete
sein seelenvolles Auge auf Damian. »Aus der Sünde, die den Gekreuzigten, welcher
aus einem Wunder der Liebe für uns stirbt und aus einem anderen Wunder der Liebe
für uns lebt, wieder und immer wieder kreuzigt und die Seelen, die er retten
will, ihm entreisst und in den ewigen Tod stürzt. Der Schmerz um die verschmähte
Liebe Gottes, um das Elend des Sünders, um die Leiden der Kirche, um den Abfall
vom Glauben, um die Anfeindung der Religion bewegt sich in einer anderen Sphäre,
als die der irdischen Verhältnisse, aber er hat auch seinen Stachel, auch seine
Bitterkeit, mein lieber Damian, und wenn wir ihn nicht hinnehmen würden, als
einen Dorn aus der Krone, die Christus trägt, und als einen Anteil an dem Kelch,
den Christus trinkt: so würde kein Menschenherz stark genug sein, um ihn zu
ertragen.«
    »Das ist es ja eben, lieber Onkel: Sie haben immer das Kreuz bei der Hand,
an das Sie sich lehnen.«
    »Ergreife das Kreuz, dann hast Du es auch. Das Kreuz ist ein Gemeingut der
Menschheit und hat für uns alle dieselbe Kraft. Es tut uns weh und heilt all'
unser Weh.«
    Aber das wollte der Graf nicht verstehen! - Um sich zu zerstreuen, reiste er
viel, ging in die Bäder, machte bald in Wien, bald in Paris einen
Winteraufentalt und besuchte alle Jahre einmal seine Töchter, während seine
Söhne - wie er sie nannte - in den Ferien nach Windeck kamen und munteres Leben
mit sich brachten. Durch die oberflächliche und erkältende Berührung mit der
Welt liess sich der Graf mehr und mehr von jeder höheren Ansicht und
Lebensauffassung ablösen. Das Wenige, was ihm Kunigunde allmählig von ihrer
Seelenwärme, von ihrem Seelenadel mitgeteilt hatte, ging wieder unter in der
allgemeinen Welt-Epidemie der Selbstvergötterung - und das war der Moment, in
dem er seine Töchter aus dem Institut des Sacrè Coeur abholte, um sie fortan bei
sich zu behalten.
 
                                   Präludien
»Wie gefällt Ihnen denn eigentlich Regina. bester Onkel,« sagte Damian, nachdem
er jenes Gespräch mit seiner Tochter gehabt hatte. »Sie ist jetzt vierzehn Tage
hier, da kann man schon ein Urteil über sie haben.«
    »Ich denke, ihre gute Mutter würde eine innige Freude an ihr haben,«
versetzte Levin.
    »Und ihr guter Vater?« fragte Damian.
    »Nun, ihr guter Vater hat diese Freude doppelt,« entgegnete Levin lächelnd,
»für sich und für die Mutter.«
    »Ich gestehe Ihnen, dass ich etwas ganz anderes von der Klostererziehung
erwartet hatte! Regina macht mir durchaus nicht den Eindruck eines unterwürfigen
Charakters, einer fügsamen Seele. Sie ist sehr schön, sie hat sehr viel
Verstand, sie hat eine grosse Anmut des Benehmens; aber ihre innere
Entschiedenheit missfällt mir. Ich fürchte, sie hat wenig Neigung zum Gehorsam.«
    »Sie sucht doch alle Deine Wünsche buchstäblich und mit grosser,
zuvorkommender Bereitwilligkeit zu erfüllen.«
    »Das ist richtig - aber! aber! sie hat einen Willen!«
    »Du wirst doch nicht wünschen, dass sie ein Automat sei?«
    »Unter Umständen könnte ich es wünschen! Hat sie noch nicht mit Ihnen über
ihre Klosterideen gesprochen?«
    »Nicht eine Silbe! und ich bitte Dich, darauf kein grosses Gewicht zu legen.
Solche Idee hat manches junge Mädchen, ohne dass ein wahrer Beruf ihr zu Grunde
liegt.«
    »Glaub' es gern! nur fürchte ich, dass äussere Einflüsse sie in ihrer
verkehrten Idee bestärken könnten und deshalb hab' ich beschlossen, sie mit
Uriel zu verloben, sobald er kommt, und das wird ja in den nächsten Tagen
geschehen.«
    »Bester Damian, das ist gefährlich! Uriel und Regina haben sich in fünf
Jahren nicht gesehen, sind als Geschwister aufgewachsen und haben vielleicht
nicht die mindeste Neigung für einander.«
    »O die findet sich! Ich will auch nicht mit der Türe ins Haus fallen,
sondern nur, wenn sie einige Wochen traulich miteinander gelebt haben, ihnen zu
verstehen geben, was ich wünsche. Überdas ist Regina ein Mädchen, in das man
sich leicht verlieben kann; bemerkt aber ein Mädchen, dass sie eine Neigung
weckt, so erwidert sie dieselbe. Das liegt in der weiblichen Natur und darauf
baue ich meine Hoffnung: Uriel muss sich verlieben und die Klosterideen
bekämpfen; ich werde sie unberücksichtigt lassen.«
    »Das ist die klügste Taktik,« sagt Levin einstimmend.
    »Sie wünschen also nicht, dass Regina ins Kloster gehe?« fragte der Graf
etwas verwundert. »Ich dachte, Ordensleute und Priester hätten dafür eine
besondere Liebhaberei.«
    »Hoffentlich,« entgegnete Levin lächelnd, »ist ihre grösste Liebhaberei die,
dass die Ehre Gottes und das Heil der Seelen in grösstmöglichster Vollkommenheit
gefördert werde. Wo aber kein Beruf zum geistlichen Stande ist, geschieht von
beidem das Gegenteil.«
    »Ach, Onkel Levin! Sie sind ein prächtiger Mann!« sagte der Graf erheitert
und klopfte ihm freundlich auf die Achsel; »bei Ihnen wird Regina nicht in ihren
Träumereien Unterstützung finden, und wahren Beruf zum Ordensstande kann sie ja
unmöglich haben. Das sind Schwärmereien junger Mädchen und es beruhigt mich
sehr, dass sie gar nicht mit Ihnen darüber gesprochen hat. Gewiss scheut sie Ihren
klaren Blick in dergleichen Angelegenheiten.«
    Regina sass während dieses Gespräches in einer von dichten Schlingpflanzen
umrankten Veranda am Strickrahmen und stickte zierlich auf einem schweren,
weissen Seidenstoff mit Goldfäden eine Guirlande von Reben und Ähren, die sich um
ein Dorngewinde schlang. Ihr Vater hatte wohl recht zu sagen, sie sei sehr
schön. Ihre feinen edlen Züge waren beseelt durch einen Ausdruck von lieblicher
Kindlichkeit und von hohem Ernst, wie man ihn bei den Heiligen und Engeln der
alten florentinischen Maler findet. Unter ihrer zarten, durchsichtigen Stirn
zogen sich ihre dunklen Augenbrauen fest und gerade mit grosser Entschiedenheit
hin, während ihr klares, glänzendes, graues Auge einen ungemein seelenvollen
Blick hatte, wenn sie ihre langen, schwarzen Wimpern langsam aufhob. Es lag ein
namenloser Friede, eine gänzliche Unberührteit von der Welt auf ihrer ganzen
Erscheinung. Sie stickte emsig und summte dabei, wie junge Mädchen zu tun
pflegen, eine Melodie vor sich hin, die sehr fröhlich klang. Zuweilen stützte
sie aber den Arm auf den Stickrahmen und den Kopf auf die Hand, blickte hinüber
nach Kloster Engelberg und ging aus dem leisen Summen in ein helles,
wunderliebliches Singen der zwei Worte »Venite, adoremus!« über. Es lag in der
Melodie ein Frohlocken, das kein Ende der Freude kennt und in welches Regina's
ganze Seele einstimmte. Dann arbeitete sie weiter. Als sie Männerschritte auf
dem Kieswege hörte, der zur Veranda führte, verstummte sie. Levin war
nachdenkend über sein Gespräch mit dem Grafen in den Garten gegangen. Auch er
hatte sich von jeher mit dem Gedanken vertraut gemacht, Uriel und Regina würden
ein Paar werden. Die Äusserungen des Grafen über Regina beunruhigten ihn, obwohl
er, Damian gegenüber, die Sache unwichtig genommen hatte, um ihn nicht
aufzuregen. Hatte Regina wirklich einen Lebensplan entworfen, welcher mit dem
ihres Vaters nicht übereinstimmte, welchen Stürmen ging sie dann entgegen. Und
war es denn etwas Unmögliches, dass sie, die Tochter einer so frommen Mutter und
ein Kind des Gebetes, andere Wege ginge, als den der Welt? Er trat in die
Veranda und sagte liebreich:
    »Du singst ja wie eine Lerche so fröhlich, Regina.«
    Sie stand schnell auf, stellte einen Gartenstuhl für ihn neben ihren
Stickrahmen und sagte aus vollem Herzen: »Ich bin auch froh, lieber Onkel! Wenn
die Lerche schon so fröhlich singt, weil sie zum blauen Himmel auffliegen kann,
wie müssen wir dann so viel tausendmal fröhlicher sein, weil uns ein Himmel
erwartet, der tausendmal schöner ist, als der Äter um unseren Erdball.«
    »Denkst Du, junges Kind, schon an den Tod?« fragte er.
    »O nein!« sagte sie unbefangen; »nur an das ewige Leben.«
    Mit unsäglicher Liebe ruhte sein Blick auf ihr, während er ruhig sagte: »Ich
wundere mich, Regina, dass Du Dich so leicht in die Trennung von den guten Damen
vom Sacré Coeur findest, bei denen Du es so gut hattest.«
    »Ich hab' es auch hier sehr gut, und so lieb ich die Damen habe und so
innigen Dank ich ihnen schuldig bin, so weiss ich ja doch, dass es nicht meine
Bestimmung ist, bei ihnen zu bleiben; das erleichtert mir die Trennung.«
    »Du bist ja ungemein verständig,« sagte er scherzend.
    »Hab' ich denn nicht meinen Vater hier?« fuhr sie fort, »und Dich hier, mein
lieber Onkel? und da in Engelberg das Grab meiner Mutter, über dem die Mutter
Gottes Wache hält? Tante Isabelle ist auch sehr gütig für mich und Corona ist
mit ganzem Herzen hier. Wie könnte ich wohl unzufrieden sein!«
    »Die Vettern kommen auch nächstens; dann wird es munter werden, und der
Winter noch munterer, da Dein Vater ihn in Frankfurt zubringen will.«
    Es flog ein Schatten von Traurigkeit über Regina's Antlitz, als sie
erwiderte: »Ich freue mich sehr, meine Vettern wieder zu sehen; aber auf einen
Winter, gleichviel in welcher Stadt, freue ich mich gar nicht.«
    »Das kommt daher, weil Dir ein solches Leben ungewohnt ist. Bald wird es Dir
gefallen.«
    Sie schlug ihre Augen gross zu ihm auf und fragte:
    »Hat es Dir je gefallen, lieber Onkel Levin?«
    »Mir, mein Kind!« rief er lächelnd. »Aber Du weisst ja, dass der Geistliche an
den sogenannten Freuden der Welt nicht Teil zu nehmen pflegt und dass ich seit
meinem achtzehnten Jahre geistlich bin. In Worms, wo ich ein paar Jahre Domherr
war, hatte ich übergenug Beschäftigung mit teologischen Studien, und als ich
nach Auflösung des Stiftes hierher zu meiner armen kranken Mutter zurückkehrte,
fand ich ein Sterbebett - aber keine Weltfreuden. Später, zur Zeit meines
Bruders Mattias, Deines Grossvaters, ging es hier freilich ausserordentlich
lustig her. Allein ich war schon bei dreissig Jahren ein solcher Brummbär
geworden, dass ich gar keine Neigung für diese Art von Lustigkeit und Weltfreuden
hatte!«
    Regina ergriff seine Hand, küsste sie zärtlich und sagte: »Was Du geworden
bist, Onkel Levin, das wissen wir besser als Du.«
    Die schmetternden Töne eines Postorns hatten sich schon in der Ferne hören
lassen; jetzt erklangen in der Nähe die gellenden Dissonanzen. Corona flog
atemlos in die Veranda und rief froh in die Hände klatschend und gleich wieder
davonspringend:
    »Sie kommen! eben kommen die Vettern an! Papa lässt Dich rufen, Regina.«
    Regina bedeckte sorgfältig ihren Stickrahmen, nahm Levin unter den Arm und
sagte lächelnd:
    »Ich werde die Buben gar nicht mehr kennen! sie sind in den fünf Jahren ja
sämtlich junge Herren geworden.«
    Als sie in den Saal traten, herrschte darin ein ungeheures Getümmel. Der
Graf, vier junge Männer, Tante Isabelle und Corona sprachen alle auf einmal.
Fragen, Antworten, Begrüssungen durcheinander. Ein riesenhafter Neufundländer
hatte die allgemeine Freude benutzt, um mit einzudringen in den Saal und durch
leises Freudengeheul seine alten Kameraden zu begrüssen und bald an diesen, bald
an jenen hinan zu springen. Hyacint hatte seinen Mops mitgebracht, der ohne
Umstände im Saal erschien und höchst ungnädig von Amour empfangen wurde, welcher
sich allein für salonberechtigt hielt und es in ruhigen Zeiten auch war. Ihm
missfiel diese revolutionäre Bewegung, die ihn vielleicht seines Polsters
beraubte und er kläffte zänkisch gegen den Mops, während der Arras mit seinem
betäubenden Geräusch alle anderen Stimmen von Menschen und Tieren übertäubte.
    »Ah, Onkel Levin!« rief plötzlich in dem Wirrwarr eine klingende Stimme und
einer der Jünglinge brach sich Bahn und küsste zärtlich Levins Hand.
    »Grüss Dich Gott, Uriel,« sagte Levin.
    »Du bist also Uriel?« fragte Regina freundlich. »Ich muss Euch sämtlich der
Reihe nach wieder kennen lernen.«
    »Aber wir sämtlich kennen Dich, Regina,« sagte Uriel.
    Sie gab ihm die Hand; auch an Orestes, auch an Florentin; als sie sich aber
zu Hyacint wendete, nahm sie seine Hand zwischen die ihren und drückte sie
innig und sagte:
    »O Hyazint, mein lieber Hyazint! Dich kenne ich am besten! wir waren ja
immer zusammen bei der lieben seligen Mutter.«
    Der Graf beobachtete Regina mit einer fast ängstlichen Spannung. Nichts wäre
ihm erwünschter gewesen, als in Reginen »den zündenden Funken der Liebe« zu
Uriel wahrzunehmen, von dem zuweilen in Romanen gesprochen wird. Das war aber
unmöglich! sie hielt sich entschieden am meisten zu Hyacint, der nur ein Jahr
älter als sie, und früher ihr unzertrennlicher Gefährte gewesen war. Allmählig
legten sich die Wogen der Aufregung, welche mit einem Wiedersehen nach langer
Trennung verbunden sind, und der Graf sagte:
    »Nun, meine Buben, tut und treibt, was Ihr wollt und amüsiert Euch. Den Weg
zum Pferdestall kennt Ihr und zur Gewehrkammer auch. Die Hühnerjagd floriert!
Bei jedem Schritte durch die Felder knattert eine Kette Rebhühner wie eine
lebendige Rakete in die Höhe.«
    »Als ob ich's geahnt hätte!« rief Orest, ein wütender Jäger. »Vor acht Tagen
erst kaufte ich einen famosen Hund, um schweres Geld freilich! aber er ist's
wert, der Nimrod! dressiert wie ein preussischer Soldat! der soll uns gute
Dienste tun.«
    »Und in acht Tagen,« fuhr der Graf fort, »haben wir einen Ball. Dann ist
Reginens Namens- und Geburtstag, und den wollen wir endlich einmal wieder feiern
und uns freuen, dass wir beisammen sind.«
    »Tanzest Du gern, Regina?« fragte Uriel.
    »Nein!« sagte sie sanft und fest.
    »Frage sie doch nicht, Uriel,« rief der Graf; »darauf kann sie Dir nicht
antworten, denn sie hat ja noch nie einen Ball erlebt.«
    »Und im Kloster zu tanzen, das mag nicht sehr amüsant sein,« bemerkte
Florentin.
    »Im Kloster wird überhaupt nicht getanzt, lieber Florentin,« entgegnete
Regina. »Im Pensionat bekommen die Zöglinge Tanzunterricht so gut wie jeden
anderen.«
    »Nun, dass der himmelweit verschieden von einem Ball ist, versteht sich von
selbst und folglich hat Regina kein Urteil über den Tanz,« sagte der Graf
entscheidend.
    »Vielleicht lern' ich es noch, lieber Vater,« entgegnete Regina. »Mit meinen
Fortschritten im Reiten bist Du ja nicht unzufrieden.«
    »Bravissimo! Du reitest, Regina? - allen Respekt!« rief Orest. »Tanzen kann
jede junge Dame. So gottverlassen ist keine, um nicht einigermassen gut zu
tanzen; aber reiten ....«
    »Reiten ist für eine junge Dame ein übernatürliches Talent,« warf Florentin
hin.
    »Vielleicht weisst Du auch mit dem Gewehr umzugehen?« fragte Orest; »oder
doch wenigstens mit Pistolen?«
    »Warum nicht gar mit der Cigarre,« sagte Uriel unmutig.
    »Ich sehe schon, dass meine Erziehung sehr vernachlässigt ist,« erwiderte
Regina munter.
    »Die Cigarre ist vor der Hand zu viel der Vollkommenheit,« fuhr Orest fort.
»Wir müssen erst sehen, ob Du im Stande bist, die Allüren einer Lionne
anzunehmen.«
    »Einer Löwin!« rief Corona entsetzt und schlug ihre Hände zusammen. »Regina
... und eine Löwin!«
    »Kinder, Ihr seid aber wirklich schlecht erzogen,« fuhr Orest fort; »nun
wisst Ihr nicht einmal, dass eine Lionne keine Löwin ist ...«
    »Sondern was denn?« fragte Corona gespannt.
    »Orest! besinne Dich auf die Antwort!« rief ihm Uriel zu, dem des Bruders
burschikoser Ton mit den Cousinen höchst unangenehm war.
    »Brauch mich gar nicht zu besinnen,« erwiderte Orest, »ist weltbekannt -
ausgenommen im Sacré Coeur. Der modische Kunstausdruck für eine etwas
exzentrische, brillante, hyperelegante, durch allerlei liebenswürdige Torheiten
berühmte Frau - ist Lionne. Verstehst Du jetzt, Corona?«
    »Nein!« sagte die Kleine treuherzig.
    Der Graf belustigte sich über allemassen an diesen Gesprächen. Levin legte
die Hand auf Coronas lockiges Haar und sagte zu ihr:
    »Wer viele Vettern hat, muss viele Neckereien aushalten, Corona. Du kannst
Dich jetzt in der Geduld üben.«
    »Ich werde suchen, mich zu wehren, Onkel Levin,« versetzte sie unverzagt.
    »Brav, Corona!« rief Orest, »aus Dir kann vielleicht eine Lionne werden.«
    »Dann hüte Dich vor mir!« rief sie.
    Seit langer Zeit war es auf Windeck nicht so lustig hergegangen, wie eben
jetzt. In dem allgemeinen Rausch von Vergnügen und Wohlbehagen blieben nur Onkel
Levin und Regina im gewohnten Gleichmute. Regina tat und trieb, was die übrigen
taten und trieben. Man wollte spazieren reiten - sie ritt mit; auf dem Wasser
fahren - sie fuhr mit; Billard spielen - sie spielte mit. Sie war zu allen
diesen Dingen freundlich bereit; aber sie liess sich keinen Augenblick aus ihrem
inneren Gleichgewichte bringen. In der stillen Morgenfrühe, ehe irgend einer von
den Dienstboten sichtbar war, stand sie schon auf und eilte in die Kapelle, die
einzige Stätte des Schlosses, die einsam blieb und wo nur der Unterschied gegen
sonst stattsand, dass Hyazint sehr andächtig dem Onkel Levin bei der Feier des
heiligen Messopfers diente. Im Laufe des Tages wusste sie immer ein paar Stunden
zu finden, um sich unbemerkt zurückzuziehen. Dann schlüpfte sie auf ihr Zimmer,
las, musizierte oder nahm ihren Hut und besuchte kranke und arme Leute, wie sie
das früher mit ihrer Mutter getan hatte. Ihr Vater beobachtete sie mit der
höchsten Spannung; es war ihm unmöglich, etwas Tadelnswertes an ihr zu bemerken.
Sie benimmt sich perfekt, murmelte er zuweilen bei sich selbst; nur scheint sie
kein Herz zu haben, und das ist doch ein grosser Fehler! Auch keine Augen hat
sie! sonst müsste sie doch gewahr werden, dass Uriel nur für sie Augen hat. Welch
ein Kreuz sind doch die Töchter! man wird nie aus ihnen klug! im Grunde freilich
- aus keiner Frau.
    »Ist Uriel nicht ganz geschaffen, um einem jungen Mädchen den Kopf zu
verdrehen?« fragte er einmal Levin.
    »Je nachdem der Kopf ist!« antwortete dieser lachend.
    Uriel war in der Tat ein herrlich begabter Mensch voll Adel der Gesinnung,
Kraft des Charakters und hellem Verstande, noch nicht ganz abgeklärt in den
innersten Tiefen seines Wesens, noch etwas übermannt von der chaotischen Bildung
der Zeit; ganz verschieden von Orest, der um ein Jahr jünger, aber schon ganz
weltfertig in seiner Richtung und sehr entschlossen war, sich das Leben nicht
verkümmern zu lassen. Uriel war nichts weniger als befreundet mit Florentin,
dessen skeptischer und negierender Verstand in der Schule moderner
Aufklärungswissenschaft sein Element gefunden hatte. Orest hatte sich nicht sehr
mit den Studien befasst; umso williger ging er auf die Ansichten ein, die sich
bei Florentin entwickelt hatten und die er ungemein bequem für das Leben fand,
ausgenommen einen Punkt. Florentin bezeichnete kurz und bündig seinen Standpunkt
so: In der Religion - Protestantismus; in der Philosophie - Radikalismus; in den
Rechts- und Naturwissenschaften - Empirismus; in den allgemeinen
Weltverhältnissen - Sozialismus. Zu diesem letzten Punkte vermochte Orest sich
nicht zu erheben. Die Herrschaft Stamberg war das Bleigewicht, welches seinen
Schwung lähmte. Wenn es an den Sozialismus ging, sprang er ab. Florentin hatte
ihm hundertmal bewiesen, das sei unlogisch; untergrabe man das Fundament eines
Hauses, so stürzten Mauern und Dach ein, und es sei unmöglich, auch nur einen
Dachziegel schwebend in der Luft zu erhalten. Man müsse nur den wahren
Sachverhalt allen Gefühlsnebeln entrücken, die Dinge bei ihrem wirklichen Namen
nennen, und die Empfindsamkeitsverbrämungen bei Seite schieben. Die Verwerfung
der Autorität der Kirche im sechzehnten Jahrhundert sei der erste Akt der
Mündigkeit des Menschengeistes und eine Verwerfung derjenigen Lehre gewesen,
welche unter dem Namen Christentum von herrschsüchtigen und heuchlerischen
Pfaffen ersonnen und gehandhabt, während andertalb Jahrtausenden die Menschheit
in krasser Stupidität erhalten habe. Damit sei selbstverständlich der
Christengott über Bord geworfen, dessen Stellvertreterin und Lehrorgan die
Kirche zu sein behauptet habe. Sie und ihr Oberhaupt, der Papst, wurden als
Lügner gebrandmarkt. Da nun seit andertalb Jahrtausenden von dieser alten
Lügnerin jede Autorität auf jedes Gebiet des Lebens im Namen Gottes übertragen
worden sei, so habe ganz folgerichtig jede Autorität durch ihren Sturz einen
tötlichen Schlag auf's Herz bekommen, ob zwar bornierte Köpfe gewähnt hatten, es
sei nur auf den römischen Papst abgesehen gewesen und der König auf seinem
Trone, der Prediger auf seiner Kanzel, der Magister auf seinem Kateder, der
Familienvater hinter seinem Ofen, der Besitzer mit seinem Geldsack übten vor wie
nach ihre alte Autorität. Kindischer Wahn! Der Individualismus habe sich nicht
von seiner andertalbtausendjährigen Knechtschaft erhoben, um nur auf religiösem
Gebiet eine heilsame Revolution zu machen und dann wieder schlafen zu gehen. O
mit nichten! er pflanze das revolutionäre Banner mit demselben Recht auf dem
politischen und sozialen Boden auf und werde auch dort unfehlbar denselben
siegreichen Erfolg haben, denn der Individualismus sei die echte Religion jedes
Menschen, das Grundgesetz seiner Natur, das Ziel seiner Entwicklung, die
Richtschnur seines Willens. Durch ihn gelange die Menschheit zu ihrer
eigentlichen Bestimmung: zu einer erhabenen Freiheit, die keine äusserlich
gegebene, sondern nur eine selbstgewählte Schranke anerkenne. So lange noch von
aussen aufgezwungene Schranken des alten Herkommens, der alten Gesetze, der alten
Familien- und bürgerlichen Einrichtungen existierten, sei die Menschheit
verkümmert in ihrem Recht und in ihrer Grösse, denn innerhalb derselben reibe
sich das Individuum wie ein Sklave an seiner Kette wund und werde verhindert,
die selbsteigen gewählte Schranke sich zu setzen. Wer nur einen Funken von Liebe
zur Menschheit habe, müsse den Sturz der alten Knechtschaft in den bestehenden
Verhältnissen fördern helfen und an der Zertrümmerung der Traditionen von
Religion, von historischem Recht, von Familie, von Eigentum aus allen Kräften
arbeiten.
    Zu dieser Höhe nun, die für Florentins Denkweise ganz folgerichtig ist,
vermochte Orest nicht sich zu erschwingen. Er blieb unerschütterlich bei seiner
Behauptung: der Sozialismus streite wider den gesunden Menschenverstand; wogegen
denn Florentin behauptete, der Menschenverstand von heutzutage sei so krankhaft
borniert durch Vorurteile, dass er nicht wagen dürfe, sich Gesundheit zu
vindizieren. »Findest Du aber in der Tat, dass der Sozialismus gegen den gesunden
Menschenverstand streitet,« setzte Florentin hinzu, »so musst Du auch dasselbe
vom Protestantismus behaupten, denn, wie der Stamm, so der Ast. Dann verfällst
Du der römischen Finsternis, aber Du bist doch wenigstens konsequent.« Orest
hätte allerdings antworten können, dass der Protestantismus den gesunden
Menschenverstand wider sich habe, sobald es sich darum handle, eine allgemeine
Kirche zu stiften; denn der gesunde Menschenverstand ist positiv, verlangt
Positives und lässt sich nicht abspeisen mit der Verneinung. Bevor er sich dazu
versteht, muss er kränkeln durch Einfluss der Leidenschaften, die ihn blenden und
verwirren, und durch Unwissenheit, die ihn angemessener Nahrung beraubt. Aber
Orest wollte durchaus nicht mit Florentin disputieren, dessen Ansichten ihm
soweit zusagten, als sie für seine persönliche Teorie des Individualismus
passten; die genügte ihm. Um Religionslehren kümmerte er sich nicht. Er legte sie
so ziemlich bei Seite, indem er fand, dass der Vorrat, den er in seiner Kindheit
eingesammelt habe, übergross sei.
    Uriel stimmte weder mit ihm noch mit Florentin zusammen und hielt den
Einfluss für schädlich, den Florentin auf Orest übte. Er war froh, dass ihre Wege
fortan sich trennten; Orest wollte die militärische Laufbahn beginnen und
Florentin seine medizinischen Studien fortsetzen, um dann praktischer Arzt zu
werden und - womöglich! als Privatdozent an einer Universität den akademischen
Lehrstuhl zu besteigen, um zur Bildung der Menschheit für den Sozialismus aufs
kräftigste zu wirken. Es waren die gährenden Zeiten des Jahres 1847, voll der
Schwüle, der Unruhe, der Beklommenheit in der geistigen Atmosphäre und der
fieberhaften Spannung und Aufregung in den Gemütern, welche dem herannahenden
moralischen Erdbeben vorangingen. Lehrstuhl und Journalismus beherrschten
despotisch die freiheitsdurstige Welt, jener den werdenden, dieser den fertigen
Staatsbürger, welche mit bewundernswerter Kindlichkeit und mit unverwüstlicher
Zuversicht an der Unfehlbarkeit ihrer Stimmführer hingen, blind dem Anstoss
folgend und die Richtung einschlagend, welche diese angaben. Es ging der grossen
Menge genau so, wie dem guten Orest: es war ihr gar nicht unlieb, etwas
Revolution zu machen gegen Kirche und Könige, gegen Religion und Gesetze; in dem
allen war ja so viel Missbrauch, Verkehrteit, Einseitigkeit, Tyrannei, dass das
Kind in der Wiege es einsehen musste, und dass nur der ein Ehrenmann sein konnte,
der zur Opposition gehörte. Ein wenig antichristlich ging es wohl dabei zu. Das
hatte aber gar nichts zu sagen. Die grossen edlen Männer der Opposition
beabsichtigten ja nur den Fortschritt, keineswegs einen radikalen Umsturz, und
zum Fortschritt gehörte das positive Christentum durchaus nicht, sondern statt
dessen eine grössere Dosis Aufklärung, die dann den Menschen ganz von selbst
äusserst vortrefflich und glücklich machen würde. Wenn man gut wüsste, würde man
gut sein: zu dem Punkte der Bildung hatte sich die Menschheit erhoben; das
durfte niemand bezweifeln; das wäre ein Majestätsverbrechen an der Menschheit
gewesen und vor einem solchen schauderte man. War es aber gegen einen Fürsten
gerichtet, so blieb man gelassen. Dass aber hinter den grossen, edlen Männern der
Opposition andere standen, die noch grösser und edler waren, weil sie eine noch
umfassendere Opposition machten und ein noch erhabeneres Ziel erstrebten,
nämlich radikalen Umsturz und darauf radikalen Neubau der menschlichen
Vergesellschaftung: das wurde die grosse Menge nicht gewahr. Kamen ihr Schriften
in diesem Sinne vor Augen, so belächelte sie die vereinzelte Uebertreibung oder
beklagte die vereinzelte Begriffsverwirrung eines Fanatikers des Fortschrittes,
gerade so, wie Orest bei der letzten Konsequenz von Florentins Teorie
behauptete: diese und nur diese habe den gesunden Menschenverstand wider sich,
weil ja doch unmöglich Revolution gegen den Fideikommisbesitzer von Stamberg gut
zu heissen sei. Auf dieser Höhe stand die grosse Menge, dass jeder Einzelne dachte,
wenn auch nicht sagte: revolutioniert gegen wen ihr wollt, nur nicht gegen mich.
    Nicht ganz so tolerant war Graf Damian. Die Fahne der Freiheit wünschte er
nur gegen die Übergriffe der Kirche, wie er sich ausdrückte, aufgepflanzt zu
sehen und im übrigen möge es beim Alten bleiben. Pressfreiheit, Lehrfreiheit,
allgemeine Volksvertretung schienen ihm überflüssig, da ja das Volk unmöglich
diese Massen von Freiheiten geniessen könne.
    »Aber die Freiheit muss es haben, am Sonntage zu arbeiten, statt in die Messe
zu gehen,« setzte er hinzu, »denn davon hängt manchmal seine Existenz ab.«
    Es war Abend. Die Familie war versammelt, man las Zeitungen und diskutierte.
Regina mischte sich höchst selten ins Gespräch, welches sich meistens um
Gegenstände bewegte, die ihr fremd waren. Nur Angriffe gegen die Kirche suchte
sie zu beseitigen. So antwortete sie auch jetzt dem Grafen mit ihrer lieblichen
Stimme:
    »Der Mensch lebt nicht vom Brod allein.«
    »Sehr wahr, Regina!« rief Orest; »er bedarf auch Beafsteak, Austern und Côte
rotie.«
    »Seit einer Stunde sitzest Du hier, als hättest Du die Sprache verloren,«
sagte der Graf - »und plötzlich ein Orakelspruch? Woher hast Du ihn?«
    »Aus dem Evangelium, lieber Vater. Christus weist damit den Versucher ab;
und ist das nicht eine sehr passende Antwort für alle, welchen die Versuchung
nahe tritt, den Sonntag durch knechtliche Arbeit zu enteiligen?«
    »Das Evangelium hat keine Glaubwürdigkeit mehr vor der modernen Kritik,«
wendete Florentin ein.
    »Das heisst,« sagte Uriel erklärend - denn Regina sah erstaunt Florentin an -
»ein gelehrter Herr hat die historische Tatsache, dass Christus gelebt und
gelehrt hat, zu einer Myte entgeistet, und diese hat bei einigen Leuten, zu
denen auch Florentin gehört, Beifall gefunden. Das Evangelium gilt ihm für ein
Menschenmachwerk, vielleicht in böser und gewiss in beschränkter Absicht
zusammengesetzt, und er verwirft es.«
    »Wie seltsam das ist,« sagte Regina, »lieber an einen Gelehrten zu glauben,
als an die vom Sohne Gottes offenbarte ewige Wahrheit.«
    »Jener Gelehrte,« erwiderte Florentin, »ist nur deshalb glaubwürdig für
mich, weil er das Bewusstsein einer Menschheit ausspricht, die nach achtzehn
Jahrhunderten wohl das Recht hat, Windeln abzuschütteln, welche ihren
Fortschritt immer gelähmt haben und jetzt im grellen Widerspruch mit ihren
Bedürfnissen und Bestrebungen sind.«
    »Wäre die Menschheit wirklich im Widerspruch mit dem Evangelium, was ich
aber durchaus nicht annehme,« sagte Regina, »so wäre sie im Rückschritt und
nicht im Fortschritt begriffen, und müsste geschwind umkehren.«
    »Die Menschheit ist nicht im Widerspruch mit dem Evangelium,« sagte Uriel;
»aber das Böse in jedem einzelnen Menschen sträubt sich, das Evangelium als eine
göttliche Wahrheit anzuerkennen, um nicht von derselben gerichtet zu werden. Das
Böse wähnt, es sei genug, die göttliche Wahrheit zu läugnen, damit sie auch in
der Tat untergehe, und wenn die schlimmen Leidenschaften ein recht arges Getöse
machen, so wähnt man triumphierend, die Wahrheit sei stumm und dumm geworden«.
    »Wäre das Evangelium, wie man sonst sagte, das Wort Gottes,« entgegnete
Florentin, »so müsste es sich notwendiger Weise ein Organ gebildet haben, das
seiner Erhabenheit entspräche.«
    »Nun, das ist die lehrende Kirche, der unter dem Beistande des heiligen
Geistes die Unfehlbarkeit zugesichert ist,« erwiderte Regina.
    »Unfehlbar? der sündhafte Priester?« rief Florentin mit schneidender
Bitterkeit.
    »Sie sollten wissen,« entgegnete Regina kalt und hoch, »dass die
Unfehlbarkeit der Lehre verheissen ist und dem Priester nur insofern, als er sie
verkündet. Wissen Sie das aber nicht, so sollten Sie über die Kirche schweigen.«
    »Mein Gott,« sagte der Graf halb gähnend zur Baronin Isabelle, »welch' eine
Jugend umgibt uns! lauter Doktoren der Teologie und Professoren der Moral! Du
aber, mein lieber Florentin, kannst aus dieser Diskussion auch eine Sorte von
ewiger Wahrheit entnehmen, nämlich die: dass die Damen immer Recht behalten.
Übrigens, meine Kinder, bitte ich recht sehr, solche Gespräche nicht in Onkel
Levins Gegenwart auf's Tapet zu bringen. Zum Glück betet er jetzt sein Brevier
in der Kapelle! er würde sich vielleicht etwas alterieren; er ist nicht à la
hauteur der modernen Ansichten, die ja übrigens, wie ich hoffe, die
Rechtschaffenheit des Charakters und die Geradheit der Gesinnung nicht im
mindesten beeinträchtigen! Nicht wahr, Florentin?«
    »Nicht im mindesten,« versicherte Florentin, »und deshalb müssen sich Alle
in dem heissen Wunsch begegnen, den Georg Forster aussprach, indem er sagte: Wann
wird es doch dahin kommen, dass Menschen einsehen lernen, die Quelle der
edelsten, erhabensten Handlungen, deren wir fähig sein können, habe nichts mit
den Begriffen zu tun, die wir uns vom lieben Herrgott und vom Leben nach dem
Tode machen! Denn wer daran festält, gerät mit der ganzen Zeitrichtung in
Widerspruch; sie will die Tugend üben um ihrer selbst willen, nicht aus
sklavischer Furcht oder aus kaufmännischer Spekulation, die sich im Jenseits
ihren Wechsel zahlen lässt.«
    »Wer war Georg Forster?« fragte Regina.
    »Ein Weltumsegler, Naturforscher und Revolutionär,« sagte Uriel mit leichtem
Spott; »also ein dreifach grosser Mann.«
    »Ein begeisterter Liebhaber der Freiheit,« sagte Florentin.
    »Wie konnte er das sein, wenn er von Gott nichts wissen wollte!« rief
Regina. »Christus hat gesagt: Die Wahrheit wird euch frei machen; und: Ich bin
die Wahrheit, der Weg und das Leben.«
    »Die Urwahrheit wird uns allerdings frei machen,« antwortete Florentin; »nur
nicht die geoffenbarte Wahrheit, wie man sie zu nennen pflegt; sondern die
Erkenntnis, dass die Freiheit das Erbgut jedes Menschen ist und in der Verwerfung
fremder, aufgedrungener Autorität besteht. Mit dieser Freiheit kommt jeder
Mensch auf die Welt, und sie wird ihm später geraubt, indem man ihm eine
verkehrte Erziehung gibt.«
    »Es ist ganz unnütz, dass Du mit Florentin streitest,« sagte Uriel zu Regina.
»Du gehst aus von der göttlichen Offenbarung, welche die Würde und das Glück des
Menschen in seine sittliche Freiheit, in seine freiwillige Anerkennung
göttlicher Autorität setzt; und Florentin geht aus von einem natürlichen Gesetz
in der ungezügelten Menschheit, welche ihren Launen, ihren Bedürfnissen, ihren
Leidenschaften und Ansichten nachlebt und gehorcht, und einen Zustand der
Barbarei, d.h. gänzlicher Ungebundenheit, zum Ideal menschlicher Würde und
menschlichen Glückes macht.«
    »Der langen Rede kurzer Sinn ist dieser,« rief Orest: »Regina spricht
mittelalterlichdeutsch und Florentin jungdeutsch; und dabei hat er den
ungeheuern Vorteil, dass man ihn viel besser versteht. Deshalb sind die
Sympatien der modernen Zeit für ihn.«
    »Denn man weiss sehr gut,« setzte Florentin hinzu, »dass ein Rückschritt in
Barbarei nicht von denen zu fürchten sei, welche den Fortschritt der Menschheit
im Auge haben und deshalb den hemmenden Wust vermorschter Autoritäten bei Seite
räumen.«
    »Aber mit Mass, Florentin, mit Vorsicht und Mass,« rief der Graf. »Von
vermorschten Autoritäten zu sprechen, beweist etwas zu wenig Um- und Rücksicht.
Wir sprachen von den Übergriffen der Kirche - und basta! sonst werden wir
demagogisch und räumen hinweg mit Dolch und Guillotine - was dann freilich etwas
barbarisch ist - wie auch Du finden wirst, hoffe ich.«
    »Sie sind allerdings höchst beklagenswerte Notwendigkeiten, welche der
Widerstand gegen Freiheit und Wahrheit aber selbst hervorgerufen hat. Man muss
hoffen, dass die nächste revolutionäre Bewegung in so begeistertem und
grossartigem Massstab und so allgemein in ganz Europa stattfinden werde, dass
Niemand an Widerstand denkt,« sagte Florentin patetisch.
    »Denn sonst müsste man leider! die Guillotine als Autorität einsetzen,« sagte
Uriel.
    »Lieber Schwager,« rief die Baronin Isabelle, »tun Sie doch diesen
greulichen Gesprächen Einhalt, von denen man ganz nervenschwach wird.«
    »Ei Tantchen,« sagte Orest, »man darf nicht mehr hypersentimental sein,
seitdem der Hypersentimentalsten einer, der berühmte, bewunderte, gefeierte
lyrische Dichter Lamartine, bei dessen poetischen Meditationen Du gewiss vor
zwanzig Jahren süsse Tränen der Rührung geweint hast, seitdem er in höchst
interessanter Weise die tragische Notwendigkeit der Guillotine in seinen
Girondisten dargestellt hat, und seitdem dies Buch einen so rasenden Beifall
findet, dass es weniger gelesen, als verschlungen wird von Männern und Frauen,
Jung und Alt, Vornehm und Gering, Aristokraten und Liberalen - und seitdem ich,
sage ich! kein passionierter Leser, wahrhaftig! - es von Anfang bis zu Ende
gelesen habe.«
    »Da sieht man, wie unwiderstehlich die Wahrheit ist!« rief Florentin. »Sie
ergreift sogar den Mann der Herzensempfindungen und Gefühlsschwärmereien,
eröffnet ihm den grenzenlosen Horizont der neuen Ära - und er, berauscht und
bezaubert, stimmt an das Lied von der Göttin Revolution und zieht Völker und
Nationen unwiderstehlich zu ihrer Huldigung nach sich.«
    »Da gleicht er ja dem famosen Rattenfänger von Hameln,« sagte Uriel, »dem
ganz unwiderstehlich die Kinder nachzogen.«
    »Wo blieben die Kinder?« fragte Corona.
    »Sie gingen unter, man weiss nicht wie«, sagte Uriel.
    »Die grossen Wahrheiten in der Weltgeschichte bereiten hingegen den Aufgang,
nicht den Untergang der Völker,« erläuterte Florentin.
    Hyazint hatte bisher ganz eifrig mit Corona Schach gespielt und sie so eben
durch »Matt!« erschreckt. Nun sagte er: »Heute hab' ich im heiligen Augustinus
die Frage gelesen: Warum wird die ewige Wahrheit der Offenbarung oft so gehasst?
und warum finden ihre Verkünder so viele Feinde? Darauf antwortet der Heilige:
Weil der Mensch eine solche Neigung zur Wahrheit hat, dass er, was er auch lieben
möge, immer behauptet, gerade das sei die Wahrheit. Weil niemand betrogen werden
mag, so mag auch niemand eingestehen, dass er betrogen ward, und die Wahrheit
wird gehasst wegen des Gegenstandes, der statt ihrer geliebt wird. So geht es Dir
wohl auch, Florentin, mit Deinen Revolutionsliebhabereien? Du liebst die
Wahrheit, aber Du lässt Dich täuschen.«
    »Nun, Regina, freut sich wohl Dein Herzchen, da Du von den Heiligen sprechen
hörst,« sagte der Graf. »Aber woran denkst Du denn? Du bist ja mäuschenstill
geworden!«
    »Ich denke an den gekreuzigten Heiland,« sagte sie sanft.
    »Erzähle uns etwas von Deinen Reisen, lieber Uriel,« nahm die Baronin das
Wort; »aber etwas Freundliches, was uns ein angenehmes Bild vorführt und nicht
aufregt.«
    »In England und Schottland,« sagte Uriel, »gibt es eine Menge schöner Ruinen
von Kirchen und Klöstern, die, wie bekannt, im Namen des reinen Evangeliums bei
dem Abfall im sechszehnten Jahrhundert geplündert, zerstört und aufgehoben
wurden. Tintern-Abbei, Melrose-Abbei sind allbekannt durch englische
Stahlstiche, die freilich ihre romantische Schönheit durch einen gewissen
modischen Anstrich abschwächen. In der Umgegend von Edinburg befindet sich eine
Ruine, die an Grossartigkeit zwar jenen nachsteht, aber äusserst anmutig zwischen
grünbelaubten Hügeln liegt. Sie heisst Rosslyn Chapel. Ihre reiche Architektur
nimmt sich in der Zerfallenheit eigentümlich melancholisch aus und trägt so
recht das Gepräge eines verwüsteten Heiligtums. Auf einem Pfeiler dieser Kapelle
stehen in lateinischer Sprache die Worte eingegraben: Stark ist der Löwe;
stärker der König; noch stärker das Weib; am stärksten die Wahrheit. Sieh
Regina, welch' ein Trost für Dich: bist Du im Bunde mit der Wahrheit, so trägst
Du den Sieg davon.«
    »Ach, an meinen Siegen liegt mir nichts!« entgegnete sie gleichgiltig.
Alles, was wie eine Huldigung klang, die ihr dargebracht wurde, verstand sie gar
nicht; davor trat sie zurück in die Region der Kindheit.
    »Das ist gewiss!« rief Florentin, »die Frauen haben bei der Lösung der
sozialen Fragen im Geist des Fortschrittes ein ungeheures Interesse, und deshalb
schliessen sich auch die eminentesten unter ihnen, eine George Sand, eine
Christina Belgiojoso, eine Fanny Wright, derselben als ihre Apostel an und
verbreiten sie durch Schrift und Wort, durch Lehre und Leben. Unter welchem
dreifachen Druck, dreifach gelähmt im Geist, im Herzen, in ihrer Stellung zur
Welt, schmachten die Frauen, so lange die Religion der Vergangenheit, d.h. der
kirchliche Glaube, und die daraus entspringenden Institutionen der Ehe und des
Privateigentums, aufrecht gehalten werden.«
    »Florentin, ich glaube, Du bist berauscht!« rief der Graf verblüfft. »Wir
wollen es zu Deiner Entschuldigung annehmen.«
    »Ich spreche von Tatsachen,« entgegnete Florentin unverzagt, »indem ich
sage, was die ganze Welt weiss und die halbe bewundert: dass Frauen von
genialischem Kopf und grossen Herzen das Banner des Fortschrittes nicht nur
frohlockend begrüssen, sondern in ihren schönen Händen weiter tragen. Ist das
nicht Glück und Ehre, Regina, die Fahne der Wahrheit im Kampf gegen die Lüge zu
schwingen?«
    »Ich habe nie etwas von diesen Frauen und ihrem Tun und Treiben gehört,
denke aber, dass jener Ausspruch des heiligen Augustinus auf sie anzuwenden sei:
sie lieben etwas ganz anderes als die Wahrheit und sind davon so eingenommen und
verblendet, dass sie behaupten, gerade das, was sie lieben, sei die Wahrheit,
denn« .... -
    »O Regina!« rief Orest und klatschte ganz entzückt in die Hände; »wie hast
Du den Nagel auf den Kopf getroffen! O Regina! Du bist ja klug, wie .... wie«
.... -
    »Wie die Unschuld!« ergänzte Uriel.
    »Denn,« fuhr Regina ungestört fort, haben diese Frauen wirklich Kopf und
Herz, wie Sie behaupten, Florentin, so haben sie beides doch nicht auf dem
rechten Fleck, und das ist immer die Folge der Betörung durch Leidenschaften.«
    »George Sand nicht Kopf und Herz auf dem rechten Fleck!« rief Florentin
achselzuckend.
    »Um Namen kümmere ich mich nicht,« entgegnete Regina; »sie heisse A oder Z!
Aber ich kann nicht glauben, dass eine Frau von Kopf und Herz, ohne Verblendung
durch Leidenschaften, freiwillig die himmlische Sphäre der Offenbarung verlasse,
um sich ich weiss nicht in welcher Niedrigkeit zu ergehen. Nein in Ewigkeit
glaub' ich das nicht.«
    »Die Sache der Menschheit nennen Sie niedrig!« brach Florentin aus.
    »Niedrig nenne ich, was sich von Gott abgelöst hat, und das tut die
Selbstvergötterung.«
    »Aber Regina!« rief Orest mit grenzenloser Verwunderung in Blick und Ton;
»woher weisst Du das alles? Wo hast Du das alles gelesen?«
    »Das kann ich Dir so genau nicht angeben, lieber Orest; aber in allen
Büchern über das innere Leben wirst Du die Fülle finden von dem, was ich nur so
ganz unvollkommen sage,« erwiderte sie bescheiden.
    »Eines ist gewiss!« sagte die Baronin, »die religiöse Bildung wird
hauptsächlich von den Frauen in ihrem Verhältnis als Gattinnen und Mütter
getragen und gefördert. Gelänge es, aus ihnen Ateisten zu machen, so stände es
schlimm um das Menschengeschlecht.«
    »Du vergisst, liebe Tante,« wendete Uriel spöttisch ein, »dass Georg Forster
uns belehrt hat, unsere religiösen Ansichten hätten durchaus nichts zu schaffen
mit unserem Leben, und der Adel der Seele beginne erst da, wo der Glaube an Gott
aufhöre.«
    »Das ist aber falsch,« entgegnete sie. »Der Unglaube verwirft Gott und
folglich auch die göttlichen Gebote, welche unserem Wesen und Leben die Richtung
geben. Sind diese aufgehoben, so gibt es keine Schranken für die bösen Neigungen
des Menschen, ausser etwa die seines Willens. Aber in der Stunde der Versuchung
und im Getöse der Leidenschaft wird es sich zeigen, dass sich der Wille, der sich
von Gott abkehrte, auch vom Guten hinweg wendete.«
    »Ist ganz klar!« rief Orest. »Wenn ich nicht glaube, dass die Antastung
fremden Eigentums Diebstahl sei: so nehme ich ganz getrost Anderen das, was ich
brauche oder wünsche, und nicht habe; mit anderen Worten - ich stehle.«
    »Ich weiss wohl,« entgegnete Florentin, »dass die Menschheit der Gegenwart,
noch befangen in allen Vorurteilen, sich teilweise durchaus nicht zu jenem
Standpunkte erschwingen kann, den sie in der Zukunft einnehmen wird. Dazu muss
sie herangebildet werden; und zwar in der Weise, dass sie von der Wiege an eine
vernunftmässige Erziehung erhält, nämlich eine solche, aus welcher jede Spur des
Aberglaubens, den die Priesterherrschaft ihr seit achtzehn Jahrhunderten
einimpft, radikal verschwindet. Das wird nicht schwer sein, sobald man das Licht
der wahren Wissenschaft aufleuchten lässt. Sie gibt ein rationelles Wissen von
der Welt, das auf Erfahrung und auf Wahrnehmung durch die fünf Sinne begründet
ist. Das sind die fünf Tempeltore der ächten Weisheit, der Humanität. Kommt
diese durch die Erziehung im Menschen zur Herrschaft, so erkennt er seine
Bestimmung: die Förderung der allgemeinen Glückseligkeit - und sein Ziel: den
Genuss dieser Glückseligkeit; aber keineswegs in einem nebulosen Jenseits,
sondern auf dieser sichtbaren und einzig wirklichen Erdenwelt. Dann wird es sehr
leicht sein, die vorhin erwähnten neuen sozialen Institutionen einzuführen, die
mir jetzt freilich den Vorwurf zugezogen haben, dass ich im Rausch spräche. Die
vom Aberglauben erlöste Menschheit wird sie mit aller Macht herbei sehnen und
führen, weil sie die höchst unsittlichen Schranken heben, welche um die edelsten
Kräfte, um das Freiheitsbedürfnis in unserem Willen, in unserer Liebe, gezogen
sind; Schranken, welche das, was man jetzt Sünde nennt, zur Sünde stempeln,
folglich die Menschen geflissentlich zu Sündern machen, damit die Priester
absolvieren können. Fallen die Schranken, so gibt es keine Sünde mehr, denn es
kann dann nicht mehr gepredigt werden: rechts von der Schranke steht die Tugend
und links das Laster, und wenn dennoch so gepredigt würde, so lacht der wissende
Mensch über solche Torheit oder knirscht die Zähne über solche Heuchelei. Bevor
aber nicht die Erziehung der sämtlichen Jugend von der Geburt an, und die
Verwaltung des sämtlichen Privateigentums in den Händen des auf neuer sozialer
Basis ruhenden Staates ist, kann die Menschheit nicht in allen ihren Gliedern
aus einer elend gläubigen eine glückselig wissende werden. Die Reaktion
behauptet ihre Verschanzungen in der Familie und im Privatbesitz, in diesen
Bollwerken der alten Finsternis im Kampfe gegen das neue Licht. Daher zittert
der wissende Mensch jetzt vor Verlangen nach einer Revolution, die tabula rasa
mache mit dem Christentume, mit der falschen Religion des Kreuzes, damit
endlich, endlich! das Reich der Wahrheit und des ersehnten Glückes für alle auf
Erden anbreche.«
    Als Florentin endlich in diesem Erguss seiner Begeisterung eine Pause machte
und die ganze Gesellschaft vor Verwunderung über den neuen Propheten verstummte,
stand Regina auf, ging zum Flügel, winkte Hyacint herbei, machte ein brillantes
Vorspiel, eine wahre Schlacht von brausenden widerstrebenden Akkorden, deren
Dissonanzen spät sich lösten; dann fielen Sturm und Wellen auf diesem Meer der
Töne, wie die See zuweilen ruhig wird, wenn der Mond aufgeht, und die zwei
glockenreinen Stimmen huben an zu singen: »O sanctissima, o piissima, dulcis
virgo Maria! mater amata, intemerata, ora pro nobis.« Es war die Antwort, welche
die Kinder des Glaubens dem Sohn des Wissens gaben. Während er dem Erdgeist in
der Menschheit und in der eigenen Brust huldigte, brachten sie ihre Huldigung
der sündenlosen Fürbitterin des gefallenen Menschengeschlechtes dar. Es machte
einen so lieblichen Eindruck, dass der Graf am Schlusse rief:
    »Da capo! singt weiter und singt mehr! es ist, als ob der Hirtenknabe David
vor dem irren König Saul sänge.«
    Nichts tat Regina lieber! Von Melodie und Rhytmus getragen, fand der
Schwung ihrer Seele ein klingendes Flügelpaar, mit dem sie aufstieg und sich
wiegte in den Regionen, wo die ewige Harmonie zu Hause ist. Uriel setzte sich
so, dass er sie im Profil sehen konnte - dies zarte und doch so bestimmte Profil,
das, ganz charakteristisch für ihr Wesen, etwas von der Schönheit und dem
Schmelz der Blume, etwas von der des Edelsteines hatte, Grazie ohne
Weichlichkeit, Kraft ohne Härte, Adel ohne Stolz: ein holdseliges Menschenbild.
Zuerst sah und horchte er auf sie; dann flossen Bild und Stimme in einander, wie
am Horizont das Morgenrot mit den sanft rauschenden Meereswellen zusammenfliesst,
und es ging ihm ein Singen und Klingen durch die Seele, das uralte Lied der
erwachenden Liebe, das uralte Echo aus dem Paradiese, bevor die Schlange es
vergiftete, der uralte Sehnsuchtsseufzer des Menschenherzens nach einem Glück,
dessen Urbild ihn nach Oben, dessen Schatten ihn nach Unten zieht. Uriel kannte
den Wunsch der Familie. Er wusste, dass er dereinst Herr auf Windeck sein werde.
Er fand es ganz in der Ordnung, dass er der Schwiegersohn des Mannes werde, der
ihn mit der innigsten Vaterliebe gehegt und gepflegt hatte und dessen Erbe und
Nachfolger er war. Sein edles Herz hatte früher immer eine Pflicht der
Dankbarkeit darin gefunden. Jetzt, da er Regina nach fünf Jahren wiedersah,
jetzt freilich wünschte er, sie möge ihm erlauben, dankbar sein zu dürfen, und
er gestand sich ein, dass dazu wenig Hoffnung sei. Um sich etwas zu trösten,
dachte er an ihre grosse Jugend, an ihre Erziehung im Kloster, und hoffte auf
unbestimmte himmlische Fügungen, wie man eben hofft, wenn man auf einen
Würfelfall die Erfüllung des Glückes gesetzt hat.
    Nachdem man sich spät getrennt hatte und Regina einsam in ihrem Zimmer war,
dachte sie nach über Florentins Reden und Ansichten. Bittere Tränen traten ihr
in die Augen. Der Unglückliche! dachte sie. Es ist der Weg des Seelentodes, den
er wandelt: er verachtet Gott, er verschmäht die gekreuzigte Liebe. Ach, und er
ist der Pflegesohn meiner Mutter! Ob er wohl betet? .... Könnte er sich so weit
von der Offenbarung verirrt haben, wenn er betete? Sie nahm ihren Rosenkranz und
stieg die enge Wendeltreppe hinab, die aus ihrem Zimmer in die Kapelle durch
eine Seitentür führte, um für Florentin den Rosenkranz zu beten. Als sie leise
die Türe öffnete, sah sie vor dem Altare Hyacint knien. Mit ausgespannten Armen
und mit unaussprechlicher Inbrunst lag er da. Der Schimmer des ewigen Lichtes in
der Ampel fiel auf seine blonden Locken und goss einen goldenen Glanz um sein
Haupt. Überall sonst war es dunkel. Regina trat nicht in die Kapelle ein; sie
fürchtete, diese Gebetsstille zu stören. Sie kniete auf der untersten Stufe der
Treppe nieder und empfahl Florentin der Fürbitte der heiligen Gottesmutter; und
als der Rosenkranz zu Ende war und sie einen Blick in die Kapelle zurückwarf,
kniete Hyazint noch immer im stummen Herzensgebet vor dem Altare.
 
                                Solo Dios basta
Der Balltag kam heran. Der Graf sagte, er habe eigens den Tag dazu gewählt, wo
Regina ihr achtzehntes Jahr antrete, um mit einem Fest, wie es sich für die
Jugend schicke, einen neuen Abschnitt ihres Lebens zu bezeichnen.
    »Und besorge Dir ein Ballkleid, Regina,« setzte er hinzu, »von Flor oder
Krepp, oder wie der Stoff heisst! recht leicht, recht luftig. Es wird wohl am
besten sein, wenn die Tante dafür sorgt.«
    Damit war Regina ganz einverstanden. Sie ging zu Onkel Levin und sagte
kleinlaut:
    »Ach, lieber Onkel, der erste Ball!«
    »Ja, mein Kind, der erste, aber gewiss nicht der letzte,« entgegnete er
scherzend.
    »Ich fürchte mich vor den vielen fremden Menschen.«
    »Ganz unnütz, Kind! sei freundlich zuvorkommend gegen alle Frauen und
freundlich zurückhaltend gegen alle Männer, so bist Du, wie Du sein sollst, und
hast nichts zu fürchten.«
    »Lieber Onkel,« sagte sie errötend, »ich fürchte die Menschen nicht sowohl,
weil ich mich ihnen gegenüber ungeschickt benehmen, sondern weil ich mich in
ihrem Tumult und zwischen all' dem Gerede aus der Gegenwart Gottes verlieren
könnte. Man sagt ja, das geschehe sehr leicht und sehr häufig in solchen
rauschenden Lustbarkeiten.«
    »Freilich ist es leichter, in der stillen Kapelle oder im einsamen Zimmer in
der Gegenwart Gottes sich zu halten, als auf einem Ball! Aber ich hoffe, Du
willst für Gott nicht bloss das tun, was Dir leicht wird. Also hebe in Gedanken
Dein Herz zuweilen von der Nichtigkeit eines Balles zu den Freuden der Ewigkeit
empor und wirf zuweilen einen Blick hinüber nach Engelberg oder nach unserer
Kapelle. Dann wird Dir eitler Tand gewiss nicht lieblicher erscheinen, als das
höchste Gut. Aber munter Kind, heiter, fröhlich! das bitte ich mir aus!« setzte
er hinzu, freundlich mit dem Finger drohend. »Und damit Dir das alles ganz
leicht werde, wollen wir am Morgen in aller Frühe zur ersten Messe nach
Engelberg hinüber fahren und den himmlischen Morgenstern anrufen, der an diesem
Tage der Welt aufgegangen ist, und zu ihm flehen, dass er der Stern unseres
Lebens und dereinst unser Abendstern sei.«
    In der Morgendämmerung des Tages Maria Geburt glitt der Nachen von Windeck
leise über den Main nach Engelberg, wo schon fromme Wallfahrer sich eingefunden
hatten. Mit einer Wallfahrt begann Regina ihren Eintritt ins Leben - ins Leben,
das ja selbst eine höhere Wallfahrt, ein Wandeln nach einer übernatürlichen
Gnadenstätte sein soll. Als sie an den Fuss der grossen Treppe kamen, welche von
vielen Pilgern auf den Knien erstiegen wird, legte Regina plötzlich die Hand auf
Levins Arm und sagte:
    »Lieber Onkel, sieh'! da ist ja Hyazint!«
    Er war unter jenen Pilgern das schönste Bild der Demut, die ein hohes Ziel
erreicht. Unten in der Kapuzinergruft ruhte der Staub der Mütter dieser beiden
Kinder; aber wie mögen sie von den Höhen der Ewigkeit so zärtlich auf diese
jungen Seelen herabgeschaut haben, die sich nicht gefangen gaben an die Gedanken
und Bestrebungen der irdischen Welt.
    Gegen Abend musste Regina in ihrem Ballanzuge vor dem Grafen erscheinen.
»Denn ich muss in ruhe beurteilen, ob Du auch einigermassen präsentabel bist,«
sagte er. Höchst gleichmütig sagte Regina, als sie sich vor dem Vater
hinstellte:
    »Es wird wohl so ganz gut sein.«
    Sie trug ein äusserst einfaches weisses Linonkleid und einen Kranz von
frischen Scabiosen, deren tiefes Violet einen eigentümlich reizenden Kontrast zu
ihrem blonden Haar und ihrem blühenden Antlitz bildete. Der Graf, ganz
überrascht von ihrer Schönheit, vergass, dass er sich vorgenommen hatte, einige
Bemerkungen über die Notwendigkeit der modischen Toilette zu machen und sagte:
    »Es ist sehr gut so.«
    Orest, der leidenschaftlich alles liebte, was Bewegung war - Reiten,
Fechten, Schwimmen, Turnen, Tanzen - war bereits ballmässig gekleidet in
ungeduldiger Erwartung bei dem Grafen. Er sagte in seiner ungenierten Weise, die
Uriel ihm als burschikos vorzuwerfen pflegte, indem er seine fünf Fingerspitzen
an die Lippen legte und leicht küsste:
    »Regina, Du bist zu schön für diese Welt.«
    »Das hör' ich gern,« erwiderte sie munter.
    »O Du Heuchlerin!« rief er. »Wir halten Dich sämtlich für eine Sainte N'y
touche und nun kommt es zum Vorschein, dass das kolossalste Kompliment Dir das
liebste ist.«
    Der Graf dachte bei sich selbst, es würde geradezu ein Verbrechen gegen die
menschliche Gesellschaft sein, wenn eine so schöne und anmutige Person sich im
Kloster vergraben wollte. Das könnten ja die Hässlichen tun, die Dummen und
Krummen, die Lahmen und Kranken, die in der Welt weder Freude hätten noch Freude
machten; für die sei das Klosterleben erfunden, denn einen irdischen Bräutigam
fänden sie nimmermehr und dem himmlischen fielen sie nicht zur Last. Regina aber
sei eine Person, die, sobald sie nur eine andere Wendung nehmen wolle, unfehlbar
von der Welt vergöttert werden müsse; und es sei doch höchst angenehm, der Vater
eines solchen Idols zu sein.
    Wie Regina mit Orest gesprochen hatte, so blieb sie, und diese unbefangene
gleichmässige Munterkeit zeigte am besten, dass nichts von allem, was sie sah und
hörte und tat, ihr Herz berührte. Hyazint tanzte nicht; er sagte, er habe es
nicht gelernt. Orest tanzte mit Leidenschaft, um zu tanzen, nicht wegen dieser
oder jener Tänzerin. Uriel hätte am liebsten nur mit Regina getanzt; da das aber
unmöglich war, so machte ihm der ganze Ball gar kein Vergnügen. Er fand es im
Gegenteil höchst lästig, sich mit einem solchen Schwarm von Damen zu
unterhalten. Florentin tanzte nur mit den elegantesten Tänzerinnen oder gar
nicht. Die Teorie der allgemeinen Gleichberechtigung ging in der Praxis nicht
weiter, als dass er sich für berechtigt hielt, nach Lust und Laune unter dem
Ausgezeichneten zu wählen. Er verlor Regina nicht aus den Augen. Er hatte
Anwandlungen von Hass gegen sie, weil sie mit solcher klaren Entschiedenheit
seine Ansichten verwarf und vielleicht - weil er Neigung gehabt hätte, sie zu
lieben. Es hatte ihn tötlich verletzt, dass Regina ihn nicht mehr mit dem
schwesterlichen »Du« begrüsst und ihm dadurch einen anderen Platz angewiesen
hatte, als ihren Vettern, was doch niemand sonst in der Familie getan. Sie aber
fand es passend, die kindliche Gewohnheit aufzugeben, um nicht in unnütze äussere
Vertraulichkeit zu geraten und den Moment günstig dafür, als sie nach
jahrelanger Entfremdung, beide aus der Kindheit in die Jugend übergetreten, sich
wiedersahen. Florentin nannte in seinem Sinn Regina »aristokratisch und
fanatisch«; was ja nach seiner Ansicht unsäglich verkehrt und schlecht war: und
dennoch! dennoch! hatte er seine innerliche Freude daran, dass Regina gar nicht
Uriels Neigung beachtete. Auch jetzt auf dem Ball, wo so leicht in der
allgemeinen lärmenden Erregung die gewohnte Haltung nachlässt und wo Florentin
immer sein Augenmerk auf beide richtete, fühlte er sich über diesen Punkt
vollkommen beruhigt und in gänzlicher Vergessenheit, dass sein
Glückseligkeitssystem den lieben Gott enttront habe, seufzte er aus tiefster
Brust, als er einmal Regina mit Uriel sprechen sah: Gott Dank! sie liebt ihn
nicht! -
    Dem Grafen mochte sich auf dem Ball dieselbe Überzeugung aufgedrängt haben.
Wenigstens ging diese Angelegenheit nicht so rasch vorwärts, als er es wünschte;
daher nahm er sich vor, sie auf die bündigste Weise zu Ende zu bringen. Er liess
eines Morgens Uriel in sein Schreibkabinet rufen und sagte:
    »Mein lieber Junge, ich sehe, dass Du Regina sehr gern hast. Das freut mich
ausserordentlich, denn ich habe immer Eure Verbindung gewünscht und gewollt. Ich
finde zu meiner Freude Regina so weit über ihre Jahre hinaus vernünftig und
geistig entwickelt, dass mir nichts lieber wäre, als Euch bald verheiratet zu
sehen. Bringe also die Sache in Ordnung. Meinen Segen hast Du.«
    »Aber nicht Regina's Herz,« entgegnete Uriel, auf dessen Zügen Freude und
Trauer kämpften.
    »Larifari! soll sie Dir etwa ihr Herz anbieten?«
    »Sie hat entschieden Hyazint lieber als mich. Sie spricht mehr mit ihm,
beschäftigt sich mehr mit ihm ....« -
    »Lieber Junge, das verstehst Du nicht! das alles kann gerade ein Beweis
sein, wie ungefährlich Hyazint für sie ist, der ohnehin ein pures Kind ist. Ich
begreife Dich gar nicht! Du hast Regina gern - ich freue mich darüber - und Du
siehst aus, als wäre Dir ein Unglück widerfahren! Wie kann ein Verliebter so
zaghaft sein? Solche Schüchternheit überlasse doch den jungen Mädchen. Allons!
heute noch sprichst Du mit Regina, nicht wahr?«
    »Nein, lieber Onkel, das ist unmöglich! sie wird vor Erstaunen aus den
Wolken fallen ...«
    »Und Du wirst sie auffangen in Deinen Armen! das macht sich ja ganz
vortrefflich!«
    »Es ist unmöglich, mit Regina von Liebe und von Ehe zu reden, denn sie denkt
nicht entfernt daran, bester Onkel.«
    »Uriel, mache mich nicht böse! Was soll ich von Dir halten, dass Du nicht im
Stande bist, einem siebenzehnjährigen Mädchen ein paar Liebesgedanken
beizubringen! Es gibt ja nichts Leichteres auf der Welt!«
    »Je nachdem das Mädchen - und der Bewerber ist. Regina ist ein sehr seltenes
Mädchen und ich bin ein ganz gewöhnlicher Mensch.«
    »Du hast wohl nicht Lust zu dieser Ehe?« fragte der Graf unmutig und mit
gerunzelter Stirne.
    »Nur zu dieser Ehe, lieber Onkel,« antwortete Uriel mit grosser Bestimmteit.
    »Gut, mein Junge,« sagte der Graf erheitert. »Da Du aber ein so entsetzlich
blöder Schäfer bist, was, unter uns gesagt, das schöne Geschlecht gar nicht
besonders liebt: so werde ich Deine Bewerbung vorbringen. Glaube mir! unter
fünfhundert Mädchen, die ganz kalt und spröde scheinen, befindet sich kaum eine
einzige, welche einen jungen, charmanten Mann, der zugleich eine gute Partie
ist, ausschlüge. Dafür hat die Natur gesorgt. Geh' jetzt! ich bringe Dir bald
das Jawort der Herzenskönigin.«
    Der gute Graf hatte sich selbst Mut und Zuversicht eingesprochen. Es war ein
Etwas in seiner Tochter, das ihn heimlich ängstigte, sie könne unter jenen
fünfhundert jungen Mädchen eine Ausnahme machen, oder wenigstens machen wollen.
Aber wenn sie auch ihren eigenen Willen hat, wie ich fürchte: so ist sie doch
gehorsam, murmelte er, in seinem Kabinett auf-und niedergehend, schellte, sagte
zu dem eintretenden Bedienten: »Die Gräfin Regina!« und überlegte, in welcher
Weise er am eindringlichsten zu ihr reden könne.
    Regina hatte eben ihre schöne Stickerei vollendet und aus dem Rahmen
genommen. Sie freute sich kindlich ihrer Arbeit, schlug sie in Seidenpapier ein
und nahm sie mit, um sie dem Grafen zu zeigen, als sie zu diesem gerufen wurde.
    »Was bringst Du da?« rief er ihr freundlich entgegen; denn er hatte sich
vorgenommen, ungemein liebevoll zu sein.
    »Einen Umhang um das Ciborium, lieber Vater. Ich hab' ihn gestickt. Gefällt
er Dir?« sagte Regina und breitete froh ihre prächtige Arbeit aus.
    »Ja, ja, ganz gut!« rief der Graf schnell verdüstert, schob die Stickerei so
hastig bei Seite, dass sie vom Tische fiel und setzte hinzu: »Lass jetzt die
Kindereien, wir haben von ernsten Dingen zu reden.«
    Regina nahm ihre Stickerei auf, schlug sie sorgsam wieder ein und sah dann
ihren Vater in unbefangener Erwartung mit ihren strahlenden Augen an.
    »Liebes Kind,« sagte der Graf entschlossen, »ich spreche jetzt nicht als
Vater zu Dir, sondern im Auftrage eines anderen, der eine herzliche Liebe zu Dir
hat und um Dich wirbt.«
    »Bitte, lieber Vater, danke ihm für diese gütige Gesinnung und sage ihm, ich
wünsche nicht, mich zu verheiraten!« rief Regina lebhaft.
    »Weisst Du denn, von wem ich rede?« fragte der Graf.
    »Nein! und ich brauche es auch nicht zu wissen, denn Name und Persönlichkeit
sind mir ganz einerlei.«
    »Aber mir nicht!« rief der Graf mit mühsam bekämpftem Zorn. »Wisse, es ist
Uriel! und wisse, er hat nicht bloss meine Zustimmung, sondern meinen Wunsch, und
den Wunsch Deiner seligen Mutter und seiner Eltern für sich; folglich macht sein
Name einen ganz enormen Unterschied.«
    Regina schwieg, senkte ihr Haupt mit einem Ausdruck von unsäglicher Demut
und legte ihre Hände wie zum Gebet vor der Brust zusammen.
    »Nun, was antwortest Du jetzt?« fragte der Graf.
    »Jetzt und immer dasselbe,« antwortete sie mit einer Stimme, die aus leisem
Zittern allmählig in Festigkeit überging. »Es ist das, was Du schon weisst,
lieber Vater: mein Verlangen geht nicht nach der Welt, sondern nach dem Kloster,
und ich habe meinem Herrn und Heiland das Gelübde der ewigen Jungfräulichkeit
abgelegt.«
    Der Graf sprang auf und rief mit Donnerstimme:
    »Bleib hier sitzen! nicht vom Fleck Dich gerührt! ich komme wieder!« Er
verliess das Kabinett.
    Regina seufzte leise: Liebe Mutter Gottes, stehe mir bei! und drückte innig
einen Rosenkranz an ihre Lippen, den ihre Mutter immer bei sich getragen und
täglich gebetet hatte. In das goldene Kruzifix dieses Rosenkranzes war ein
Partikel vom wahren Kreuz gefasst. Regina betrachtete es zärtlich und sagte zu
sich selbst: Jetzt beginnt mein Kreuzweg, denn ich betrübe meinen Vater. Der
Graf kam wieder. Er hatte sich zum Beistande Onkel Levin geholt. Als Regina ihn
eintreten sah, brach ein Freudenstrahl aus ihren Augen. Sein mildes Antlitz
schien ihr noch milder als gewöhnlich zu sein. Der Graf hatte sich inzwischen
auch gefasst und überlegte, dass es nicht länger geraten sei, Regina
einzuschüchtern und im Stillschweigen über ihre innerste Seelenstimmung zu
erhalten. Er setzte sich mit Levin ihr gegenüber und sagte gelassen:
    »So! nun weiter, Regina! Du hast also das Gelübde der ewigen
Jungfräulichkeit abgelegt. Wann ist das geschehen?«
    »Am Tage meiner heiligen Erstkommunion.«
    »Wie alt warst Du da?«
    »Dreizehn Jahre; und seitdem hab' ich es immer am Jahrestage erneuert.«
    »Wen hast Du dabei zu Rate gezogen?«
    »Niemand.«
    »Ganz für Dich allein hast Du diese Verwegenheit gehabt?«
    »Ich wusste nicht, dass es verwegen sei, der göttlichen Liebe eine
ausschliessliche Liebe zu geloben,« sagte sie so treuherzig, dass Levin
unwillkürlich zum stillen Dankgebet für diese Lauterkeit der Seele die Hände
faltete.
    »War das ein Gebrauch bei den Damen von Sacré Coeur?«
    »Ein Gebrauch ist es ja nie und nirgends, lieber Vater.«
    »Ich meine, hat man Euch im Pensionat direkt oder indirekt zu einem solchen
Gelübde veranlasst?«
    »Niemals.«
    »Haben andere es abgelegt?«
    »Das weiss ich nicht. Ich habe nie darüber gesprochen.«
    »Auch nicht in der Beicht?«
    »O nein! da spricht man von seinen Sünden - und dies ist keine.«
    »Es könnte doch eine schwere Sünde sein, so über sich zu verfügen ohne
Wissen der Eltern! Kennst Du nicht das Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren?«
    »Doch, mein lieber Vater! Aber Christus hat auch gesagt: Wer Vater und
Mutter mehr liebt, als mich, ist meiner nicht wert.«
    »Wie bist Du aber überhaupt auf diesen Gedanken gekommen?«
    »Durch die liebe selige Mutter zuerst!«
    »Das ist nicht wahr,« rief der Graf. »Deine selige Mutter hat nie anders
gedacht, als dass Du Uriel heiraten würdest.«
    »Ich glaube, Dein Vater hat recht, Regina!« sagte Levin. »Besinne Dich,
Kind.«
    »Ich brauche mich nicht zu besinnen, lieber Onkel Levin, ich weiss es ganz
genau! Erinnerst Du Dich nicht, dass die liebe Mutter gar viel ein paar spanische
Verslein der heiligen Terese im Munde führte, die gar lieblich klangen und
deren Schluss war: Solo Dios basta?«1
    »Gewiss!« sagte Levin und der Graf nickte einstimmend.
    »Solo Dios basta! das klang mir so erhaben und lieblich und ich fragte sie
einmal, wie das auf deutsch heisse. Da sagte sie: Es heisst Nichts genügt uns, als
Gott; denn in ihm haben wir Liebe, Glück, Freude, Frieden, wechsellos und
unvergänglich, während das alles ausser Ihm gar schwankend und unsicher ist. Und
dann pflegte sie mir viel zu erzählen von den heiligen Klosterfrauen der alten
Zeiten, wie sie gewirkt hätten für das Reich Gottes auf Erden durch ihr Beispiel
und ihr Gebet, und wie sie durch ihren himmlischen Wandel die Christusliebe
geweckt und genährt hätten in tausend Seelen, und weit hinaus über ihr irdisches
Leben, und wie sie, oftmals von Leid und Trübsal und mancherlei Nöten
heimgesucht, doch immer froh wie die Seligen gewesen wären, weil es für sie wie
für die heilige Terese stets geheissen habe: Solo Dios basta. Bald darauf schied
die liebe Mutter von uns. Aber ich vergass nie ihr Solo Dios basta und was sie
darüber gesagt hatte. Als nun die selige Zeit der heiligen Erstkommunion für
mich kam, als ich mehr und mehr erfuhr von dem Wunder der Liebe Gottes, das er
im eucharistischen Opfer für uns wirkt, um unsere Seelen auf dem Pfad der Gnade
zum Tron der Glorie hinzuziehen, und von der unendlichen Verdemütigung der
ewigen Liebe, die nichts so sehr begehrt, als die armselige Liebe des
staubgeborenen Geschöpfes, und wie sie statt dessen Verschmähung, Beleidigung,
Verlassenheit erfährt, und wie die Seelen, ach, so leicht! alles für Glück
halten, was Gott nicht ist: da kam mir das Solo Dios basta gar nicht mehr aus
dem Sinn. Ich dachte es nicht und wollte es auch gar nicht denken; aber wohin
ich sah und hörte, überall sah und hörte ich Solo Dios basta! Am Tage der
heiligen Feier konnte ich mich gar nicht fassen vor Übermass der Freude, dass
meine Seele mit dem König der Ewigkeit ein himmlisches Brautfest, eine
Vereinigung für die Ewigkeit gefeiert habe und dass ich jetzt, wie die selige
Mutter gesagt hatte, alles Glück, alle Liebe und alle Befriedigung wechsellos
und unvergänglich mein nennen durfte. Als wir am Abend wieder in der herrlich
erleuchteten Kapelle waren, wir Erstkommunikanten in unseren weissen Kleidern,
mit dem Kränzchen im Haar, wie Bräute, alle so froh und glücklich, und die
übrigen so teilnehmend und gerührt, und alles ringsumher so festlich geschmückt:
da fiel mir ein, ich weiss nicht wie! dass wohl manche aus dieser Schar dereinst
ein Brautfest im Sinne der Welt feiern werde. Da schaute ich auf den Tabernakel
und sagte innerlich: Aber ich, Herr, ich werde das nicht tun. Ich bleibe Deine
Braut in Ewigkeit. Ich trage Deinen Brautkranz; keinen anderen! und diesen Kranz
lege ich dereinst vor Deinem Trone nieder, so gewiss ich hoffe, mit Deiner Gnade
meine Seele Dir zu bringen, die ich in diesem Kranz Dir anvermähle, geliebter
Herr, Dir und keinem anderen. Das sagte ich innerlich ganz entschieden und wurde
so froh, als ob ich schon unter den Seligen wäre. Während der Andacht bat ich
unaufhörlich die heilige Mutter Gottes und meine liebe Mutter um ihre Fürbitte,
dass ich der Gnade, eine Braut Christi zu sein, auch recht würdig werden möge,
und als zum Schluss der Andacht der Segen mit dem Sanctissimum gegeben wurde und
einige von uns, unter denen auch ich war, mit dem O salutaris hostia es begrüsst
hatten, da schaute ich auf die Monstranz und sagte: So wahr, wie Du da
geheimnisvoll und wesenhaft in die Gestalt der Hostie Dich verschleiert hast,
und so wahr, wie Du Dich heute geheimnisvoll und wesenhaft im teuersten
heiligsten Sakrament mir geschenkt hast: so schenke ich mich Dir, ohne Rückhalt,
ohne Teilung, für Zeit und Ewigkeit, und will als Klosterjungfrau für Dich leben
und sterben. Und bei dem Entschluss ist es denn geblieben.«
    Regina hatte mit einer so ruhigen Fassung gesprochen, als erzähle sie die
einfachste Begebenheit von der Welt, über die man gar nicht viel Worte zu
verlieren brauche.
    »Ist ein solches Gelübde gültig, lieber Onkel?« fragte der Graf.
    »Gewiss!« entgegnete Levin.
    »Aber der Bischof oder der Papst kann eine Dispense geben, nicht wahr?«
    »Wenn sie verlangt wird, allerdings.«
    »Verlange sie nicht für mich, lieber Vater,« sagte Regina bittend, »denn ich
werde doch nie Gebrauch davon machen.«
    »Dispense für's Gelübde und Dispense für die Ehe wegen der Verwandtschaft,«
fuhr der Graf fort, ohne sich stören zu lassen. »Ich denke, wir betreiben das
persönlich in Rom. Die Grillen eines dreizehnjährigen Kindes fallen nicht in's
Gewicht neben dem Glück einer Familie.«
    »Aber, lieber Vater, zu dieser Familie gehört doch auch dies Kind und sein
Glück, und es ist nicht mehr dreizehn Jahre alt.«
    »Allein es ist ganz unerfahren über sich selbst und Welt und Leben, und weiss
daher nicht, wo sein Glück liegt.«
    »Ich weiss, dass es nicht in der Welt und nicht in mir selbst liegt, sondern
in Gott; und da ich das weiss, weshalb soll ich denn noch Erfahrungen machen, die
mir zu keiner höheren Erkenntnis verhelfen? Solo Dios basta! Wer das weiss, der
weiss genug und hat genug.«
    »Aber begreifst Du denn gar nicht, dass es auch in weltlichen Verhältnissen
Glück geben könne?«
    »Ich begreife das sehr gut für diejenigen Menschen, welche von Gott in die
weltlichen Verhältnisse hineingeführt werden; also für die grosse Mehrzahl. Aber
nicht für mich; denn Gott führt mich aus ihnen heraus.«
    »Und begreifst Du denn gar nicht, dass dereinst bittere Reue, ja Verzweiflung
Dein Los sein können?«
    Regina sah den Grafen mit einem reizenden schelmischen Lächeln an und fragte
zurück:
    »Wirst Du je darüber in Verzweiflung geraten können, lieber Vater, dass Du in
Deinem Leben keinen Mord begangen hast?«
    »Alberne Frage!« brummte der Graf.
    »Sieh, Du selbst hältst es also für unmöglich, Reue zu empfinden über die
Befolgung eines göttlichen Gebotes. Da nun Christus uns über das höchste Gebot
belehrt hat, indem er sagte: Liebe Gott über alles, so begreife ich durchaus
nicht, wie die Befolgung desselben mir je Reue und Verzweiflung zuwege bringen
könnte. Die Nichtbefolgung würde sie hervorrufen, gerade so, wie der Mörder aus
Gewissensangst verzweifelt, weil er ein göttliches Gebot verletzt hat.«
    »Du hast nur die Hälfte jenes Ausspruches Christi gesagt. Der Nachsatz wird
Dir zeigen, dass man nicht in egoistischer Vereinzelung sein Glück verfolgen
darf. Wie heisst es weiter?«
    »Der Ausspruch Christi lautet: Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie
dich selbst. Ich habe also Uriel zu lieben, nicht wie ich Gott liebe, sondern
wie ich mich selbst liebe; und das tue ich, indem ich aus ganzer Seele wünsche,
dass er in den geistlichen Stand treten möge.«
    »Regina!« donnerte der Graf; aber Levin legte ihm besänftigend die Hand auf
die Schulter und sagte:
    »Regina, Du wirst wohl wissen, dass das Gebot, Gott über alles zu lieben,
Weltleute wie Klosterleute angeht und durchaus nicht zum Ordensleben
verpflichtet; und dass grosse Heilige, ja ich möchte sagen, die berühmtesten, die
populärsten, Frauen gewesen sind, die im Ehestand lebten, wie die hl. Elisabet
von Türingen, die heil. Franziska Romana, die heil. Brigitta von Schweden, die
heil. Katarina von Genua, die heil. Johanna von Chantal und viele, viele
Andere.«
    »Ich weiss es, lieber Onkel,« erwiderte Regina, »und ich freue mich, dass es
Seelen gibt, die gross und stark genug sind, um in den ermattenden, zerstreuenden
weltlichen Verhältnissen ihr Herz in unzerstörbarer Vereinigung mit Gott zu
halten. Aber ich weiss auch, dass im Evangelium der jungfräuliche Stand höher
geschätzt wird, als der eheliche, weil er auf einem Rat des göttlichen Heilandes
beruht, und weil es eine vollkommenere Liebe voraussetzt, den besonderen Rat
anzunehmen, als dem allgemeinen Gebot zu gehorchen. Übrigens wirst Du wohl
wissen, dass all' jene heiligen Frauen, teils nach dem Tode ihrer Ehemänner,
teils bei deren Lebzeiten noch, aber mit ihrer Erlaubnis, aus den weltlichen
Verhältnissen sich zurückzogen, um sich durch die Befolgung der evangelischen
Räte desto vollkommener mit Christus zu vereinigen. Was sie also am Ende ihres
Lebens ausführten, weil sie es für das höchste Glück hielten, sie, diese grossen,
herrlichen Frauen, denen es nicht an Erfahrung fehlte, um die Freuden und
Vorteile weltlicher Verhältnisse richtig zu schätzen: das möchte ich im Anfang
meines Lebens tun. Kann das bedenklich sein?«
    »Es ist ein Riss im Familienleben, eine Lücke im Hause, eine Kluft zwischen
traulichem Verkehr, mein Kind.«
    »O lieber Onkel, wenn ein russischer Fürst käme und Corona heiraten wollte
und sie ihn, so würde der gute Vater sie getrost ziehen lassen bis nach
Archangel, ohne die Lücke im Familienleben zu beachten und ohne zu fürchten, dass
ihm seine Tochter im fremden Lande, unter fremden Leuten entfremdet werden
könnte; denn ihr Glück und der Wille Gottes brächten das mit sich. Und mit
welchen Sorgen müsste er doch auf sie schauen! Um mich hingegen braucht er gar
keine Sorgen zu haben, sobald ich bei den Karmelitessen bin. Da kann ich nichts
verlieren! Da tut mir Niemand weh! da gibt's keine Nöten und Ängste des
Irdischen! Solo Dios basta! Wer sich Gott allein in die Arme wirft, der fährt
wohl und wird sicherer getragen, als wenn noch der und der Mensch sich auch
damit abgibt. Glaubst Du das nicht, lieber Onkel Levin?«
    »Ich glaub' es, mein Kind,« sagte er zärtlich, »aber Dein Vater bezweifelt
es.«
    »O mein lieber Vater!« rief sie, und ihre Augen leuchteten in himmlischer
Zuversicht auf; »auch Du wirst es glauben!«
    Sie kniete vor ihm nieder und küsste seine Hand.
    »Es ist gut, Regina, Du kannst gehen; morgen wollen wir weiter sprechen,«
sagte der Graf und versenkte sich stumm in seinen Lehnstuhl, nachdem sie das
Kabinett verlassen hatte. Auch Levin versank in Schweigen und Nachdenken über
den wundersamen mystischen und doch so wahrhaften Zusammenhang im
übernatürlichen Leben; über die Blitze und Funken, die von der ewigen Liebe
entsendet, heimlich in die Menschenherzen fallen, hier in ihrer Finsternis
untergehen, dort in ihrer Kälte erlöschen; aber auch zuweilen, wie auf einem
Opferaltar, das Feuer zum Opfer entzünden. Und an den unberechenbaren Einfluss
heiliger Gesinnung dachte er! Eines der gnadenreichsten Gottesgeschöpfe, das je
auf Erden gelebt hat, die heilige Terese, spricht in drei schlichten Worten den
Kern ihres Lebens, ihrer Vollkommenheit aus, und durch die Jahrhunderte klingen
sie in einer frommen Seele wieder, in einem treuen Mutterherzen, das mit diesen
Worten, ahnungslos wie tief sie greifen, dem geliebten Kinde eine himmlische
Richtung gibt. Die heilige Terese wird Regina schon zum mystischen Karmel
führen, dachte er, wenn sie den langen Atem des Herzens, die heilige
Beharrlichkeit hat. Sein Opferleben, sein Gebet, seine übernatürliche Liebe und
Geduld brachte Levin nicht in Anschlag, dachte gar nicht daran, obwohl gerade
sie zu den wesentlichen heiligenden Einflüssen, zu den Kanälen des göttlichen
Gnadenstromes gehörten, die Regina umgaben.
    Es war so still im Kabinett, dass der Pendelschlag der altertümlichen Wanduhr
ein grosses Geräusch machte. Plötzlich fuhr der Graf aus seinen Träumen auf,
strich mit der Hand über Stirn und Augen und sagte:
    »Lieber Onkel, was hat sie gesagt? was haben wir gehört? was ist das nur?«
    »Das ist die Christusliebe in einem reinen Herzen,« entgegnete Levin.
 
                              Die Sybilla persica
Ein Fluss, der könnte mancherlei erzählen von den Dingen, die er in seinem
rastlosen Laufe durch die Zeit und den Raum an seinen beiden Ufern wahrgenommen
hat, und seine murmelnden Wellen bewegen sich so geheimnisvoll wie Lippen, die
ein Zauberbaum geschlossen hält. Welch ein Wechsel von Bildern aus dem Natur-,
dem Völker- und dem Menschenleben spiegelt sich in seiner Flut. Die
Weltgeschichte und die Jahrtausende rollen sich neben ihm auf und ab. Welch ein
Kontrast, wie der Main aus den rauschenden Wäldern und den dunkeln
Felsenschluchten des Fichtelgebirges in die grünen Wiesen des Frankenlandes und
dann in dessen Rebenhügel sich hinein windet, an alten ehrwürdigen Städten mit
feierlichen Domen, an herrlichen Ruinen gebrochener Abteien, an Dorf und Schloss,
an Kloster und Kapelle vorüber, die alle, alle, ihre Geschichte haben, und oft
eine recht traurige! bis er sich flach und matt, wie lebensüberdrüssig, dem
ehemals »goldenen Mainz« gegenüber in den Rhein gehen lässt, der ihn in rascher
Strömung dahinreisst. Ehe es so weit mit ihm kommt und nachdem sich Kloster
Engelberg und Schloss Windeck längst nicht mehr in ihm spiegeln, fliesst er an
Frankfurt vorüber, der alten Stadt der Kaiserkrönung, und an einem schönen
Garten im englischen Styl, in dessen Mitte eine elegante Villa liegt. Die Stürme
des Spätjahres hatten die Gesträuche bereits entblättert und die spärliche
Belaubung der Bäume in kupferfarbene Schattierungen gefärbt. Die Rasenplätze
waren durch die eisigen Herbstnebel und Nachtfröste bräunlich geworden und von
den Massen der Blumen, die auf ihnen in tausend Farben geprangt hatten, war
nichts übrig geblieben, als hie und da eine vereinzelte halberfrorene Georgine.
Im Hause selbst war es aber sehr freundlich. Die Blumen, die im Garten fehlten,
standen in Fülle in den Zimmern und in den Kaminen glimmte behagliches Feuer. An
den Wänden hingen einige schöne Gemälde; auf den Tischen lagen Litographien,
englische Stahlstiche, Journale, die Tagesliteratur Deutschlands, Frankreichs
und Englands. Totenstille herrschte im Hause. Die Besitzerin war in die Stadt
gefahren, der Salon leer und leer die Zimmer rechts und links. Endlich im
letzten Gemach sass ein junges Mädchen, die Tochter des Hauses, die Tochter des
spanischen Banquiers Miranes, der mehrere Jahre in Paris gelebt und sich jetzt
hier niedergelassen hatte. Das junge Mädchen sass gedankenvoll mit
untergeschlagenen Armen vor einer Staffelei, auf der ein herrliches Gemälde, ein
Frauenbild in orientalischer Tracht, aufgestellt war. Sie betrachtete aufmerksam
das Gemälde. Welch ein Auge! sprach sie zu sich selbst; und welch ein Blick! ein
Blick, der alles zu wissen scheint und doch ist er traurig. Wär' ich allwissend
.... ich wollte nicht traurig sein! - Sie war allerdings das Bild der
Melancholie. Ihre Züge waren von jener edlen regelmässigen Schönheit, die man an
den antiken Statuen bewundert und jener tief tragische Hauch, welcher der Antike
ganz eigentümlich ist - von jener Sphynx an, im Sande der ägyptischen Wüste, zu
Füssen der Pyramiden, bis zu jener Psyche, die in ihren Bruchstücken eine Perle
des Museums zu Neapel und der griechischen Kunst ist - lag auch auf ihren Zügen.
Dieser tragische Hauch der Antike gibt ihrer Schönheit, die oftmals herbe
erscheinen könnte, einen grossen Reiz: sie weckt Sympatie in jedem
Menschenherzen, das, seiner Natur nach, durch stille Trauer gerührt wird. Die
ganze antike Welt, mir ihren Heroen und ihren Göttern, steht unter der Signatur
des Todes: sie ist unerlöst! Wie sollte sie nicht traurig sein? traurig durch
jene Melancholie, die unbestimmt ein höchstes Gut ahnt und es nicht zu finden,
ja nicht einmal zu suchen weiss. Und eine Unerlöste war auch diese schöne,
schwermütige Judit Miranes: sie war Jüdin. Aus ihrem Nachsinnen erhob sie sich
mit einer ungeduldigen Bewegung, sah nach der Uhr und murmelte unmutig: Schon
halb eins! ob der Ernest heute nicht kommen wird? ich wüsste gar gern, was dies
für ein Bild ist! - Sie stand auf, zog graue Vorärmel an, rückte eine zweite
Staffelei herbei, auf der ein Rahmen mit Leinwand überspannt sich befand, nahm
ihre Palette, Pinsel, Zeichenstift hervor und hatte alles in Bereitschaft
gesetzt und wohl zwanzig Mal nach der Uhr geschaut, bis endlich ein Diener die
Türe öffnete und der Erwartete eintrat. Es war ein ältlicher Mann, in einem sehr
abgetragenen Rock, mit einem äusserst wohlwollenden Gesicht, in welchem nichts
Ungewöhnliches war, als ein ungemein klares Auge und eine sehr zart
ausgearbeitete Stirne. Judit sagte stolz und hart, und ihr Ausdruck war nicht
mehr schwermütig, wohl aber hochfahrend:
    »Sie haben mich lange warten lassen, Herr Ernest.«
    »Grüss Sie Gott, mein Fräulein! Verzeihung, wenn ich Sie warten liess,«
antwortete er höchst unbefangen. »Sie hätten sich beschäftigen sollen, dann
würden Sie ein Stündchen früher oder später gar nicht bemerken. Nun, wie gefällt
Ihnen mein Gemälde?«
    Mit beiden Händen in den Rocktaschen pflanzte er sich vor demselben auf und
betrachtete es vergnügt.
    »Es ist wunderschön,« sagte Judit, »und auch wunderschön gemalt. Aber wen
stellt es vor?«
    »Es ist eine Kopie der berühmten Sybilla persica von Guercino, deren
Original sich im Kapitol zu Rom befindet.«
    »Wer war die Sybilla persica?«
    »Die Sibyllen waren, wie man sagt, hehre Frauen des Altertums, die unter den
Heiden den Platz der Propheten im Volke Israel einnahmen und den zukünftigen
Erlöser verkündeten. Die Geschichtsforschung verwirft sie. Poesie und Kunst
lieben sie.«
    »Überall die Spur der Lüge, Herr Ernest!«
    »Überall die Spur der Sehnsucht nach Offenbarung, Fräulein Judit.«
    »Wenn sie die Offenbarung wusste, warum trauert die Sybilla persica?«
    »Sie trauert um die Sünden der Welt, die den Sohn Gottes vom Himmel
herabziehen und an's Kreuz schlagen.«
    »Das verstehe ich nicht, oder eigentlich: das verstehen wir nicht!«
    »Glaub' es! das Kreuz ist Euch ein Ärgernis; uns ein Geheimnis himmlischer
Liebe, voll unsäglich süsser Schmerzen und namenlos herber Wonne, und so hat es
auch die Sybilla persica verstanden, obgleich sie nicht Christin war.«
    »Sind Sie denn ein Christ, Herr Ernest?«
    »Wofür halten Sie mich denn?« fragte er höchst erstaunt.
    »Für einen Papisten,« entgegnete sie unbefangen.
    Ernest brach in ein schallendes Gelächter aus. Judit sah ihn verwundert an
und setzte hinzu:
    »Ich habe gehört, das sei eine Sekte, die ihr Oberhaupt, den Papst, anbete
und mit dem Christentume, aus dem sie hervorgegangen ist, nichts mehr zu
schaffen hätte; und Christen wären nur die, welche vom Papst, als dem
Antichrist, nichts wissen wollten. Da ich nun mit den Christen nichts zu tun
haben mag, so war es mir sehr angenehm, in Ihnen einen Papisten zu finden. Jetzt
bin ich enttäuscht.«
    Ernest lachte dermassen, dass er die Hände in die Seiten stemmte und sich
erschöpft niedersetzte.
    »Werd' ich endlich erfahren, worüber Sie lachen?« fragte Judit halb
lächelnd und halb unmutig.
    »Es wäre zu weitläufig, Ihnen das zu erklären,« sagte endlich Ernest, »und
trotz aller Mühe würden Sie mich doch nicht verstehen. Aber nicht wahr, jene
Erklärung, was das sei, ein Papist, hat Ihnen jemand gegeben, der sich selbst
Christ nannte?«
    Judit wurde noch bleicher als ihr farbloses Gesicht schon war, und
erwiderte: »Ich habe es von einer anderen Person in Paris gehört; denn ich
meinesteils bekümmere mich durchaus nicht weiter um die Christen, als insofern
es die gesellschaftlichen Verhältnisse meiner Eltern erfordern - und ob sie an
den Papst oder an sonst etwas glauben - das ist mir ganz einerlei, und ich
spreche nie mit ihnen darüber.«
    »In letzterem haben Sie vollkommen recht! Der Glaube will nicht im Salon
zwischen einer Tasse Tee und einer Schale Gefrorenem besprochen werden. Er will
gelebt sein, Fräulein Judit, gelebt im Salon wie im Dachstübchen, gelebt in der
Kirche wie auf dem Markte«
    »Erzählen Sie mir lieber von den Sibyllen, Herr Ernest! das freut mich
mehr,« sagte Judit und heftete ihr dunkles Auge sinnend auf das Gemälde.
    »Die Sage spricht, dass die Sibylle von Cumä zum Beherrscher der alten Roma,
zum König Tarquinius kam und ihm ihre prophetischen Schriften über Roms
Geschicke um einen ungeheuren Preis anbot. Der König wollte ihn nicht zahlen; da
warf die Sibylle drei ihrer Bücher ins Feuer und ging von dannen. Nach einiger
Zeit kam sie wieder und bot dem König ihre um drei Bücher verminderten
Schriften, aber für denselben ungeheuren Preis an. Der König fand das unsinnig
und wies sie ab; da warf die Sibylle abermals drei Bücher ins Feuer und ging von
dannen. Und zum drittenmale erschien sie vor König Tarquinius und forderte für
ihre drei letzten Bücher den ungeminderten, ungeheuren Preis. Da kaufte sie der
König und sie wurden auf dem Kapitol niedergelegt; und Tag für Tag war darin
verzeichnet, welche Begebenheiten das heidnische Rom treffen würden, bis es
seinen Untergang fand.«
    »In den verbrannten Büchern stand vielleicht, wie es sich hätte retten
können.«
    »Kann sein. Man soll eben nicht feilschen um die Wahrheit. Und mehrere
hundert Jahre später, gerade am Tage der gnadenreichen Geburt des Herrn, sagt
die Legende, liess Kaiser Augustus die Sibylle von Tibur vor sich rufen und
fragte sie, ob es an der Zeit sei, dass er seinen Platz zwischen den Gotteiten
Roms einnähme? das römische Volk wolle ihm göttliche Ehren erweisen. Da stand
die Sibylle und schaute gen Himmel und sie gewahrte die Sonne umgeben von einem
leuchtenden Zirkel und in der Mitte der Sonne sass eine hehre Frauengestalt, die
hielt auf ihrem Schosse ein zartes Kindlein. Die Sibylle deutete auf dasselbe und
sprach zum Kaiser: Dies Kind ist grösser als Du! bete es an. Da entsetzte sich
der gewaltige Kaiser und liess zu Ehren dieses göttlichen Kindes auf dem
kapitolinischen Hügel einen prächtigen Altar errichten. Später wurde die Kirche
Ara Coeli - Altar des Himmels - dort erbaut und sie steht bis zu dieser Stunde
auf dem Kapitol. Aber auf den reizenden Hügeln von Tivoli, über welche die
berühmten Cascatellen dahin tanzen, steht der kleine, von jonischen Säulen
getragene Tempel, den man den Tempel der Sibylle nennt; denn Tivoli ist das alte
Tibur. Mehr weiss ich nicht von den Sibyllen.«
    »Aber die Kunst, sagten Sie, habe sie verherrlicht.«
    »Und unsterblich gemacht! ja, das ist wahr!« rief Ernest mit funkelndem
Blick. »In des erhabenen Vatikans feierlicher sixtinischer Kapelle, in welcher
nur an den grössten Festen die heiligen Geheimnisse des Glaubens gefeiert werden,
haben Perugino und Michel Angelo, der eine mit seinem holdseligen und der andere
mit seinem gewaltigen Pinsel, das ganze Epos des Menschengeschlechtes, von der
Schöpfung bis zum Weltgerichte, in grossartigen Gemälden an den Wänden und der
Decke geschrieben, und Michel Angelo's Sibyllen, als die Verkünder des Erlösers
in der Heidenwelt, schauen mit den Propheten des Alten Testamentes vom Gewölbe
herab auf den Altar des Neuen Bundes, wo das Lamm Gottes im ewigen Opfer
geschlachtet wird; auf den mystischen Kalvarienberg, den sie am Horizont der
Zukunft mit dem Auge des Glaubens aufsteigen sahen. Und da man in Rom keinen
Schritt tun kann, ohne auf Spuren vom Göttlichen im Menschen nach der
Gnadenordnung zu stossen, Spuren, die sich bald als Genie, bald als Seelenadel,
bald als Liebeskraft, bald als Geistesgrösse aussprechen: so findet man denn auch
eine zahllose Menge von Kirchen, welche fromme Andacht gebaut hat, und welche
daher, mögen sie gross oder klein sein, ihren Schmuck, ihren Reichtum, ihre
Kunstwerke, ja Meisterwerke haben. Ein solches ist in der Kirche Sta. Maria
della pace die Gruppe der vier Sibyllen von Rafael. Das sind Fresken, Fräulein
Judit! die müssen Sie sehen, um eine Idee zu bekommen, wie warm und lebendig
die Freskomalerei auf dem kalten Stein sich ausnehmen kann.«
    »Schade, dass ein solches Kunstwerk in einer Kirche versteckt ist,« bemerkte
Judit.
    »Nicht schade, mein Fräulein! Sehen Sie, die alten Ägypter, ein tiefsinniges
Volk, aber wandelnd in den Schatten der Unerlösung, höhlten die Felsen ihres
Landes zu Palästen aus, mit Hallen und Sälen, mit Treppen und Säulen; und alle
Wände dieser geheimnisvollen Behausung bemalten sie im buntesten Farbenglanz mit
tausend Göttergestalten, mit Kriegsszenen, mit Bildern aus dem Volks- und dem
häuslichen Leben; dann stellten sie in das allerinnerste und letzte Gemach einen
Sarkophag mit der Mumie eines Königs auf, und dann wälzten sie vor den Eingang
dieses Grottenpalastes gewaltige Felsblöcke, entzogen ihre Mühe, ihre Arbeit,
ihre Kunst jedem menschlichen Auge und fanden es höchst geziemend und gar nicht
schade, all' jene Herrlichkeit einer Königsmumie zu weihen. Wie könnten wir den
Schmuck unserer Kirchen beklagen, in denen Gott selbst geheimnisvollerweise
wohnt und weilt? Übrigens sehen in deutschen Landen nicht wenige Kirchen so aus,
als fände man für sie alles gut genug, was der Rumpelkammer angehört, und
Motten-, Mäuse- und Wurmfrass, den die Menschen nicht mehr haben mögen, ist
beinahe noch zu schön für das Haus und den Dienst des lieben Gottes.«
    »Ach, Herr Ernest,« sagte Judit ungeduldig, »Ihre Kirchen, mit oder ohne
Mäusefrass, interessieren mich gar nicht.«
    »Gut!« entgegnete er gleichmütig; »nun an die Staffelei!«
    »Nein, auch das nicht!« rief sie. »Erzählen Sie mir noch etwas von den
Sibyllen. Herr Ernest! ich höre gern von grossen Frauen reden - und höre es nie!«
    »Die Sibyllen sind aber nur dadurch gross, dass sie auf unsere Kirchen und auf
den, der sie gestiftet hat, hinweisen, Fräulein Judit. Ihre Grösse bestand eben
darin, dass sie die Wucht der Offenbarung durch die sündenkranke Welt zu tragen
vermochten, und sie waren begnadete Weiber, weil sie die Gebenedeite unter den
Weibern, die jungfräuliche Mutter Gottes und den menschgewordenen Gott
prophezeiht haben. Diesen Zusammenhang hat die bildende Kunst in einer
weltberühmten Kirche Italiens, in Loretto, wundersam schön aufgefasst und
dargestellt. Der Kern dieser Kirche ist das Häuschen, in welchem die
allerseligste Jungfrau Maria zu Nazaret lebte und welches in einer Weise, die
nur Gott bekannt ist, auf die Höhe des Appenins versetzt wurde. Um dies
Heiligtum läuft eine Kolonnade von prächtigen Marmorsäulen und zwischen ihnen
stehen paarweise die Propheten und Sibyllen, welche die glor- und freudenreichen
Gnaden der Mutter Gottes vorhergesagt haben. Sie bilden gleichsam eine
Prozession durch die Jahrtausende bis zu der Stätte, wo das Wort Fleisch ward
und im feierlichen Reigen schliessen sie sich huldigend dem Gruss des Engels an.
Der unsterbliche Meissel von Cioli, Lombardo, della Porta, Sansovino und von
anderen berühmten Bildhauern hat sie verherrlicht und sie sich selbst in ihnen.«
    »Ich möchte nach Loretto, um das zu sehen!« rief Judit.
    »Ich will Ihnen sagen, wie Sie sich dabei zu benehmen haben, Fräulein
Judit. Zuerst müssen Sie in eine prachtvolle Kapelle sich begeben, in deren
Mitte eine kolossale Schale von Bronze sich befindet, die mit Basreliefs aus der
Geschichte des Alten und Neuen Bundes verziert und von vier Engeln getragen ist.
Vier wunderbar schöne Statuetten, ebenfalls von Bronze, ruhen am Rande der
Schale und sind gleichsam ihrer Tiefe entstiegen. Es sind vier Tugenden und sie
heissen Glaube, Hoffnung, Liebe, Beharrlichkeit. Unter dem Glauben stehen die
Worte: Nescio falli; er wird nicht getäuscht. Unter der Hoffnung: Nescio flecti;
sie wird nicht erschüttert. Unter der Liebe: Nescio scindi; sie wird nicht
geteilt. Unter der Beharrlichkeit: Nescio frangi; sie wird nicht gebrochen. In
dieser Schale ist Wasser, das mystischer Weise dem Blute des Kreuzes beigemischt
ist und die Kraft des heiligen Geistes ruht darauf. Und ein paar Tropfen dieses
Wassers auf Ihrem Haupte bewirken, dass Ihre Seele fähig wird, jene Tugenden in
sich aufzunehmen. Und dann gehen Sie in die Kirche selbst und schliessen Sie sich
den Sibyllen und Propheten an, und dann erst werden Sie verstehen, was Sie
sehen. Denn jene Schale ist das Taufbecken und jene Tugenden sind die, welche
aus der Taufgnade hervorgehen und im grossen Umriss angeben, wie das Leben des im
Wasser und im Geist Wiedergeborenen sein soll. Gehen Sie aber nur als neugierige
Touristin nach Loretto, so ist es in der Tat ganz einerlei, ob Sie dort waren
oder nicht.«
    »Keineswegs, Herr Ernest! ich bilde meinen Kunstsinn aus.«
    »Ist nicht möglich, wenn der innere Sinn des Kunstwerkes selbst Ihnen nicht
aufgegangen ist! Können Sie Ihren Geist an einem grossen Schriftsteller bilden,
wenn Sie nicht im Stande sind, dessen Ideengang zu verfolgen? gewiss nicht!
Irgend einen schlagenden Ausdruck, irgend eine überraschende Wendung können Sie
ihm entnehmen und dieselben in Ihre Brieflein oder Ihre Albums versetzen, wie
exotische Blumen in ein Kartoffelfeld; aber Ihr Geist bleibt arm wie zuvor.
Farbenmischung, Gruppierung, korrekte Zeichnung - ja, das können Sie lernen,
wenn Sie Kunstwerke äusserlich, in ihrer Technik, studieren; doch Ihre Seele hat
nichts davon, und in der Seele werden die grossen Kunstwerke, wie überhaupt alles
Grosse, geboren, denn alles Grosse und alles Schöne ist eine Revelation der ewigen
Schönheit, von der Gott eine Ahnung in die Menschenseele gesenkt hat. Weckt die
Schönheit eines Bildes, eines Gedichtes, eines Buches, einer Statue nicht
himmlische Gedanken im Menschen: so ist entweder der Mensch zu schwach, zu
ungebildet, zu verkommen und roh, oder die Schönheit ist eine falsche,
trügerische, die den Blendwerken der Sinnenwelt angehört. Die wahre Schönheit
soll auf uns wirken, wie der Sonnenstrahl auf die Regenwolke: sie soll auf
unsere trübe, graue, tränenvolle Seele ein Stück Regenbogen zaubern; Sie wissen
ja, Fräulein Judit, dass er ein Symbol des Friedens ist, den Gott nach der
schrecklichen Sündflut mit dem Menschen schloss. Ein Etwas von himmlischem
Frieden, von tief innerster Versöhnung mit Gott, wenigstens der Sehnsucht nach,
soll das Kunstwerk uns geben.«
    »Haben Sie auch eine tränenvolle Seele?« fragte Judit; »man sieht es Ihnen
nicht an, Herr Ernest! Ja, ich meine, der Regenbogen wäre sogar beständig in
Ihnen.«
    »Mensch - und tränenvolle Seele - das gehört zusammen, seitdem unsere
Stammeltern das Paradies verloren haben, Fräulein Judit. Die Schwere des
Staubes lastet auf ihr, die Dornen der Erde verwunden sie, die Ringel der
Schlange bedrohen sie; welche Last, welche Schmerzen, welche Ängste muss sie mit
sich herumschleppen. Siehe, da kommt einer und nimmt ihr all' den Ballast ab,
und heilt all' ihre Wunden, und stellt sich zwischen sie und die Schlange, und
tröstet sie unendlich liebevoll und zärtlich, und trocknet mit linder Hand all'
ihre Tränen ab, und verlässt sie nie und bleibt ihr treuer, ihr ewiger Freund.
Nun, Fräulein Judit, das begreifen Sie gewiss: habe ich jemand, der so grosse und
süsse Dinge für mich tut und mit so unermüdlicher Zärtlichkeit mich liebt, so
frag ich nicht viel nach Tränen und Wunden. Vielmehr freue ich mich ihrer, weil
sie mir immer neue Liebesbeweise des geliebten Freundes bringen, und daraus mag
denn wohl so etwas wie ein Regenbogen in meiner Seele entstehen, zu der sie das
graue Gewölk, und der Freund den Sonnenstrahl der Liebe hergibt.«
    »Aber, Herr Ernest, wen haben Sie denn zum Freunde?« fragte Judit gespannt.
    »Den menschgewordenen und gekreuzigten Gott der Offenbarung, Fräulein
Judit.«
    Sie wendete gleichgiltig ihr schönes Haupt ab und sagte mit eisiger Kälte:
»Graues Haar und eine solche Liebesschwärmerei: reimt sich das Herr Ernest?«
    »Erst recht, Fräulein Judit,« entgegnete er gelassen. »Die irdische Liebe
erstirbt, wenn die Rosenwangen verblühen und wenn auf Rabenlocken der Schnee des
Lebenswinters fällt, und an etwas so Vergänglichem mit Schwärmerei zu hängen,
ist allerdings der Erfahrung und dem Ernst des grauen Haares nicht anständig;
denn wenn das Herz still steht, das von solcher Liebe erfüllt war, so ist es
Staub und bleibt im Staube. Aber mit meiner Liebe ist es ganz anders! die
zerreibt nicht das Herz, sondern lebt und webt darin fort und fort, und immer
flammender und inniger, je weisser mein Haar wird. Und steht das Herz einst im
Tode still, was geschieht? es fliegt ein Schmetterling daraus empor, die Psyche,
die Liebe meiner Seele, die Seele meines Wesens; und der Schmetterling, der noch
mit schwerem Flügelschlag fliegt, weil Erdenstaub ihm die Schwingen beschwert,
sinkt in eine Region von lodernden Flammen hinein, die nicht ihn, sondern nur
das Irdische, das an seinen Flügeln klebt, verzehren und dann ihn frei lassen,
dass er auffahre zu den immerblühenden Rosen der Ewigkeit, zu den verklärten
Wundmalen des gekreuzigten Gottes.«
    Judit schüttelte langsam den Kopf und sagte: »Eine solche Liebe verstehe
ich nicht! aber von der Staubesliebe will ich so wenig wissen, als Sie.«
    »Das ist leichter gesagt als getan,« entgegnete er.
    »Ich habe mir aber fest vorgenommen,« rief sie heftig, »keinen Menschen auf
der Welt zu lieben.«
    »Oho! Fräulein Judit! das ist ja ein formidabler Vorsatz!« sagte Ernest
lachend. »Wie alt sind Sie?«
    »Achtzehn Jahre.«
    »Gut, gut! ein paar Jahre Geduld, und Ihr Vorsatz verschwindet.«
    »Nein!« rief sie noch heftiger und ihr sammetschwarzes Auge sprühte Funken;
»nie! Herr Ernest! niemals. Ich will nicht lieben, denn lieben tut weh - und ich
will nicht, dass ein Mensch mir weh tue; ich will nicht leiden.«
    »Ohne Leid und ohne Liebe lebt man hienieden nicht!«
    »Nun, so mögen andere durch mich leiden, wenn ohne Leid nicht gelebt werden
kann!«
    »Immer bessere Vorsätze, Fräulein Judit! Wenn Sie das alles ausführen,
werden Sie auf einer erstaunlichen Höhe - der Unmenschlichkeit anlangen.«
    »Meine Eltern nehme ich aus,« sagte sie.
    »Das ist etwas Trost,« entgegnete er lächelnd. »Aber nun genug des
Geplauders! Der Unterricht darf nicht versäumt werden.«
    »Es kann Ihnen ja ganz einerlei sein, wofür Sie Ihre Bezahlung bekommen,
wenn Ihr Gespräch mir besser gefällt, als Ihr Unterricht,« sagte Judit mit dem
schneidenden Hochmut, der sie zuweilen abstossend machte.
    »Mit nichten, mein Fräulein,« erwiderte Ernest ruhig. »Ich habe mich gegen
Ihre Eltern verpflichtet, Ihr Talent für die schöne Malerkunst auszubilden, und
eine Verpflichtung ist heilig. Wollen Sie aber nicht länger bei mir Unterricht
nehmen, so sagen Sie es nur. Dann komm' ich nicht wieder. Aber die Sibylla
persica lasse ich Ihnen doch sehr gern zum Kopieren - und wenn sie fertig und
gelungen ist, schicke ich Ihnen auch meine Sibylla cumana, Kopie nach
Domenichino, welche von einigen der persica noch vorgezogen wird.«
    »Sie sind ein prächtiger Mann, Herr Ernest! wir müssen gute Freunde
bleiben!« sagte Judit und die Lehrstunde begann. -
    Judit war ein sehr verwöhntes Kind, besonders seitdem sie das einzige und
ihre ältere Schwester etwa ein Jahr vorher gestorben war. Ihre Schönheit, ihre
Talente waren so ungewöhnlich, dass ihre Eltern die glänzendsten Hoffnungen für
die Zukunft ihrer Tochter hegten und der Vater sich bemühte, derselben eine
solide Basis im Sinn der Welt zu geben, nämlich ein grosses Vermögen. Darauf war
sein ganzes Streben gerichtet. Das Streben seiner Frau ging dahin, sich und
ihrer Tochter die Vorzüge der Genüsse einer glänzenden Existenz zu verschaffen,
und blendend wie ein Meteor in der Welt zu erscheinen. Sie selbst war noch schön
und sie hing mit Leidenschaft an Luxus, Eleganz und allen Arten und Abarten
modischer Verfeinerung. Dies zu bedenken, anzuschaffen, einzurichten füllte ihre
Zeit dermassen aus und nahm alle Stunden, die nicht den Pflichten und Freuden der
Gesellschaft gewidmet waren, so ganz in Anspruch, dass sie sich nur noch mit der
Leitung ihres Hauses, doch unmöglich mit der Erziehung und Bildung ihrer Tochter
abgeben konnte. Sie hielt derselben die besten Lehrer und Meister, gab ihr in
London eine Französin, in Paris eine Deutsche zur Gouvernante, und als Judit
bei sechszehn Jahren fünf Sprachen redete und schrieb, eine ganz brillante
Stimme hatte und ein ungewöhnliches Talent für Malerei entwickelte, frohlockte
die Mutter über ihr Meisterwerk von Erziehung. Die Seele ihrer Tochter war ihr
gänzlich fremd; oder besser gesagt: sie wähnte, dass die Summa des Erlernten,
durch das Urteil des Verstandes gelichtet und geordnet, das geistige Sein ihrer
Tochter ausmache; sie hielt Bildung für Seele. Übrigens liebte sie Judit
zärtlich, kam allen Wünschen zuvor, erfüllte jedes Begehren und bedauerte nur
immer, dass Judit nicht das enorme Vergnügen empfinde, welches sie selbst bei
jeder Art von geselliger Unterhaltung, und bei allem, was Tand und Flitter war,
mit vollen Zügen genoss. Judit war ernst und blieb ernst, im Salon ihrer Mutter,
im Teater, auf dem Ball; sogar bei der Toilette, wenn die reizendsten Kleider,
Blumen und Bänder ihr zur Auswahl vorlagen; sogar bei den Huldigungen, welche
die junge Männerwelt ihr darbrachte. Sie wusste, dass sie schön und dass ihr Vater
reich sei; sie wusste, dass man damit in der Gesellschaft herrscht; sie sah
durchaus nicht ein, weshalb sie sich geschmeichelt fühlen sollte, wenn andere
das anerkannten. Ihr mit äusserem Glück überschüttetes Dasein ermattete sie, ohne
zufrieden zu stellen. Aus dieser bleiernen Windstille konnte wohl ein Sturm der
Leidenschaft jäh auffahren und da, wo ein Charakter jeden inneren Halt entbehrt,
furchtbare Verwüstung anrichten. Judit hatte das erlebt an ihrer Schwester, die
in einem solchen Sturm zugrunde ging und mit zwanzig Jahren am gebrochenen
Herzen starb. Die Tiefe des Jammers und das Wie und Warum war ihr wohl nicht
klar; allein es genügte, um ihr einen Abscheu vor Verhältnissen beizubringen, in
denen so viel Verrat und Lüge zu Hause sein konnten. Judit hatte mit zärtlicher
Liebe an ihrer Schwester gehangen; deren Verlust erbitterte sie, wie der Tod
jeden erbittern muss, der glaubenslos an einem teuren Grabe steht. Kein Funke
eines religiösen Trostes leuchtete ihrem Herzen. Ihre Eltern gehörten dem
Rationalismus an, der sich im Judentum sowohl als im Christentum überall breit
macht, wo der Erdgeist im Menschen gepflegt und wo dessen Wirken und Walten als
die höchste Bestimmung des Menschen verherrlicht wird. Man ist reich, man ist
klug, man ist gebildet, man ist angesehen, man zählt in der Gesellschaft; das
alles hat man erlangt ohne Gott; höheres als das gibt es nicht: also weshalb
sich um Gott bekümmern? Ohnehin ist es so ziemlich erwiesen und abgemacht, dass
nicht bloss der alte, ausserweltliche, persönliche Gott längst von seinem Nimbus
entkleidet und von seinem Tron verschwunden ist, sondern auch, dass er aufgehört
hat, als Weltseele des Alls sein Dasein zu fristen, welches man ihm in dieser
Form eine Zeitlang gönnte, weil man durch sie leichten Kaufs zum Anteil am
göttlichen Sein gelangte, was für manche etwas Schmeichelhaftes hat. Aber auch
die Weltseele ist der Welt entschlüpft und nichts übrig geblieben, als die
Materie, seitdem die Erforschung der Natur, ihrer Kräfte und ihrer Gesetze eine
sehr bewunderte Schule bildet, die es sich zur Aufgabe macht, die Schöpfung von
der Offenbarung abzulösen, die Geschichte der Menschheit, welche deren
Zusammenhang beweist, beiseite legt, mit dem vereinsamten Ich an das Studium des
Universums geht, insofern dieses nicht über die fünf Sinne und deren Erfahrungen
und Schlüsse hinaus reicht, und dann, bewaffnet mit Lupen, mit Seziermesser, mit
Fernröhren, mit Destillierkolben und ungeheurem Apparat der Wissenschaft die
Bildungen der Natur so sicher und fest auf ihren Gesetzen von Mass und Zahl und
Kraft beruhend findet, dass sie in dieser abgerundeten und geschlossenen
natürlichen Vollkommenheit einen Grund zu finden wähnt, um mit dem Astronomen
Lalande zu erklären: »Ich habe den Himmel durchsucht und nirgends die Spur
Gottes gefunden.« Dies ist nun gar nicht überraschend; mit Lupe und Fernrohr
entdeckt man Gott nicht. Sehr überraschend ist aber der Schluss, den jene Schule
daraus macht: Also gibt es keinen persönlichen, ausserweltlichen Gott, Schöpfer
und Gesetzgeber dieser Natur. Ebensogut könnte ein Kind sagen, nachdem es das
Einmaleins durchgerechnet hat: Das ist ganz richtig und keine Spur von Gott ist
darin; also gibt es keinen Gott. Am allerüberraschendsten würde es sein, dass
eine solche Schule gläubige Adepten findet, wüsste man nicht, dass der Erdgeist,
der in jeder Menschenbrust sich regt, wenn er nicht von geheiligter Willenskraft
gebändigt wird, die Brücke schlägt, auf der die Lehren, die ihm zusagen, ins
Menschenherz einziehen. Aber geheiligt wird der Wille nur dadurch, dass er sich
aus freiem Entschluss Gott unterwirft, und solche Unterwerfung bewirkt nur der
Glaube an eine göttliche Offenbarung, weil in dieser eine göttliche Liebe sich
offenbart. Doch von der wusste Judit nichts. Sie lebte unter dem Einflusse einer
tiefen Glaubenslosigkeit, die ihr Innerstes zu einer Felsenöde, starr, kalt und
einsam machte.
    »Haben Sie viel Leid im Leben gehabt, Herr Ernest?« fragte Judit, nachdem
sie eine Weile schweigend gearbeitet und den Schluss des Gespräches überdacht
hatte.
    »Nicht der Rede wert, Fräulein Judit! Das Leid, das vor uns liegt,
erscheint uns hoch wie ein Berg; hinter uns - ist's ein Maulwurfshaufen.«
    »Doch nannten Sie es vorhin eine Lebensbedingung.«
    »Gewiss! Wenn's kein Leid gäbe, woran sollte es sich bilden, das
selbstsüchtige Menschenherz? Leid tut ihm weh und im Weh denkt's an Gott; und je
mehr es eingenommen wird von diesem Gedanken, desto heilsamer ist ihm das Leid
gewesen. Sie meinen aber wohl, weil ich ein Maler bin, so ein Stückchen von
einem Genie, müsst' ich ganz idealische Leiden gehabt haben. Fehlgeschossen! Ein
bisschen Hunger und Kummer, einige Ängste und Nöten - Punktum.«
    »Auch Hunger, Herr Ernest?«
    »Warum nicht, Fräulein Judit? Ich bin ein armer Bauernbube, der älteste von
elf lebenden Kindern, aus Berchtesgaden, wo man gar geschickt ist im
Holzschnitzen. Das trieb auch der Vater und ich half ihm fleissig, suchte aber
immer mein Schnitzwerk zu kolorieren, was mir verboten wurde. Allmählig
entdeckte man Talent in mir; ich fand Gönner und Beschützer; ich kam nach
München, lernte, arbeitete. Ich ging nach Italien, wie es alle Künstler zu
machen pflegen, studierte dort in den verschiedenen Städten die verschiedenen
Malerschulen; schlug mich durch, manchmal mühselig genug, musste Geld verdienen
und in die Heimat schicken, denn ein Schlagfluss lähmte den Vater, die Mutter
konnte mit all' den Kindern nicht ohne meine Hilfe fertig werden, und als sie
starb, die brave, fromme Mutter, konnten's die armen Kinder noch weniger werden.
Da hiess es denn arbeiten, Fräulein Judit, vom Morgen zum Abend, bei knapper
Kost, bis mir die Augenlider und der Arm schwer wie Blei waren, und Gott danken,
wenn ich nur immer Arbeit hatte. Deshalb verlegte ich mich auf's Porträtieren;
die Arbeit geht so leicht nicht aus, denn die Leute sind so erpicht darauf, ihr
Gesicht gemalt zu sehen, als ob sie nie in den Spiegel geschaut und nie die
Wahrheit von ihm erfahren hätten, dass es eigentlich nicht der Mühe wert sei,
solch ein Alltagsgesicht zu verewigen. Nun, ich danke dem lieben Gott für diese
allgemein grassierende Ophtalmie und malte, malte, malte ....«
    »Aber das muss ja sehr Ihr schöpferisches Talent gehemmt haben,« unterbrach
ihn Judit.
    »Ganz recht, mein Fräulein, und das war vielleicht mein grösstes Leid, mein
schwerster Kampf; denn es war ein Etwas in mir, das sich zu höherem Schaffen
erschwingen wollte und sich ducken musste; musste, weil Gott von mir verlangte,
nicht dass ich ein grosser Maler, sondern ein treuer Sohn und Bruder sei. Und
sehen Sie, Fräulein Judit, den Willen Gottes zu tun ist süsser, als des heiligen
Vaters Vatikan mit Fresken auszumalen wie ein zweiter Rafael. Kurz, ich sorgte
für meine ganze Familie und half sieben Brüdern und drei Schwestern zu einem
ehrlichen Fortkommen. Alle sind rechtschaffene Leute geworden und hängen an mir
wie an einem zweiten Vater. Einige sitzen auf einem grünen Zweig, andere auf
einem dürren - wie das so geht in einer zahlreichen Familie! Mein Pinsel tut
noch immer seine Schuldigkeit. Aber meine jüngste Schwester, die Klara, hat mich
auch königlich belohnt.«
    »Das glaub' ich nimmermehr!« rief Judit. »Dann würden Sie nicht in diesem
kalten Nebelwetter ohne Paletot im Sommerrock gehen.«
    »Was Rock! was Paletot! Nein, Fräulein Judit, einen Lohn, der durch
Schneiderhände - unbeschadet dem Respekt vor dem ehrsamen Handwerk! - einen
Umweg macht, hat die Klara zu gering für mich erachtet. O nein! die Klara ist
ein Nönnchen geworden bei den ehrwürdigen Frauen Benediktinerinnen auf dem
Nonnberg zu Salzburg, und betet Tag und Nacht für mich armen Sünder.«
    Judit sah ihn starr an, als erwarte sie einen Aufschluss, eine Erklärung
dieser Worte. Aber Ernest, der immer so sprach, als gebe es auf der ganzen Welt
nur gute katolische Christen - Ernest schwieg und es flog nur ein Blick voll
seliger Freude aus seinem lichten Kinderauge dankbar zum Himmel auf.
    »Sie sind sehr exzentrisch, wie man in der Welt sich auszudrücken pflegt,
Herr Ernest,« sagte sie endlich.
    »Exzentrisch sein, bedeutet ausserhalb des Zentrums oder ohne Mittelpunkt
sein,« erwiderte er. »Es kommt also ganz darauf an, was man zum Mittelpunkt des
Menschenlebens oder Wesens setzt. Die Welt nimmt an, ihre Gesetze, ihre
Vorschriften wären das notwendige Zentrum, um welches man sich zu bewegen habe.
Da ich nun das nicht tue, so mögen Sie mich meinetalben exzentrisch nennen,
Fräulein Judit! ich weiss ja doch, dass ich mein Zentrum, und zwar ein ganz
festes, unerschütterliches, in Gott habe.«
    »Da Sie es so schön finden, dass Ihre Schwester Nonne ward, warum sind Sie
denn nicht Mönch geworden?«
    Ernest lachte hellauf und erwiderte: »Weil es zweierlei ist, etwas schön zu
finden und schön zu sein. Ich mit meiner Wanderlust, mit meinem ungebundenen
Sinn - ein Mönch, der unter dem Gehorsam und nach der Ordensregel lebt! nein,
das ist mir nie eingefallen. In's Heiligtum muss man durch die Gnade berufen
werden, nicht sich hineindrängen.«
    »Und an wen ergeht ein solcher Ruf?«
    »An die, welche Gott so lieben oder so lieben wollen, dass sie sich mit der
Welt und ihren Gestalten nicht befreunden mögen.«
    »Das wäre etwas für mich,« sagte Judit, »wenn ich einen Gott hätte, den ich
lieben könnte. Aber auf solche phantastische Träumereien lass' ich mich nicht
ein.«
    Ein Wagen fuhr vor; Türen öffneten sich. In einen superben persischen Shawl
gehüllt, mit Boa und Muff von Zobel, rauschte Madame Miranes durch die Gemächer
und ins Zimmer ihrer Tochter. Die Lektion war zu Ende. Ernest verbeugte sich
tief vor der prächtigen Dame, die ihm in ihrer Art recht gut gefiel, denn sein
Wohlwollen umschloss alle Geschöpfe Gottes. Sie entliess ihn huldreich und er
dachte auf dem Heimweg bei sich selbst: In einem Gemälde, als die stolze Königin
Vasti, würde sie sich trefflich machen! recht eine Gestalt für den Pinsel des
Veronese!
 
                                   Der Beruf
Nachdem sich Graf Damian von der Verwunderung erholt, in welche Regina ihn
versetzt hatte, überlegte er, was nun zu tun sei. Zwang, Befehl würden
vergeblich sein gegen diesen festen Entschluss, das sah er ein. Auch würde Uriel
darauf nicht eingehen. Widerspruch reizt zum Eigensinn, besonders so einen
kapriziösen Mädchenkopf, der sich einbildet, die Welt müsse nach seiner Pfeife
tanzen. Sie muss dahingebracht werden, von selbst ihre Klosterideen aufzugeben.
Das dauert vielleicht ein Jahr oder zwei und dann lässt sie sich überwinden.
Uriel muss Geduld haben und soll immer in unserer Nähe sein. Wäre der politische
Horizont nicht so wetterdrohend, so ginge man nach Italien oder Paris und Uriel
reiste mit. Es ist aber nicht geheuer in der Ferne und Fremde, man könnte in ein
Wespennest hineingeraten! So mag sich denn Uriel der Gesandtschaft in Frankfurt
attachieren lassen. Ein wohlerzogener Gesandtschaftsattache, aus gutem Hause,
der sein eigenes Geld splendid ausgibt, ist überall willkommen. Wir gehen dann
auch hin. Regina ist wie eine Festung, die man mit dem Glück, den Freuden, den
Zerstreuungen und Unterhaltungen der Welt blockieren, und der man die Zufuhr
religiöser Lebensmittel möglichst abschneiden muss. Mit diesem Plan zu einer
Wetterkampagne gegen seine Tochter war der Graf äusserst zufrieden. Er teilte ihn
Levin mit, welcher erwiderte:
    »Es ist gut, dass sie geprüft werde; Gott wird ihr beistehen. Nicht umsonst
heisst es in der heiligen Schrift: Das Himmelreich leidet Gewalt und nur die
Gewaltigen werden es an sich reissen«
    Als Uriel erfuhr, mit welchem Rival er um Reginas Herz zu kämpfen hatte,
geriet er in heftige Aufregung. Er fand es geradezu empörend. Es gefiel ihm
ausserordentlich gut, dass Regina so fromm war und wie in einer Glorie von
Glaubensglut stand; aber, dass Gott dies gleichsam benutzte, um ihr Herz an sich
zu reissen - nein! das war unerträglich! das ging über die Rechte Gottes hinaus!
ein solcher Eingriff in die heiligsten Verhältnisse und süssesten Empfindungen
war nicht zu dulden! Hätte sie einen anderen geliebt, nun, so resignierte man
sich zum Schmerz; oder niemand geliebt, so hatte man Hoffnung! Aber Gott zu
lieben, Gott allein, Gott ausschliesslich und dabei gar nicht das zerstörte Glück
eines Menschenherzens zu berücksichtigen - -
    »Nein, lieber Onkel!« rief er, »Regina träumt, Regina irrt sich! Erlaube
mir, mit ihr zu sprechen; sie wird gewiss zur Besinnung kommen.«
    »Nichts ist mir lieber!« entgegnete der Graf und rieb sich vergnügt die
Hände. »Ich bin froh, dass Du endlich Feuer fängst und aus Deinem blöden
Schäferstand heraustrittst. Ich erlaube Dir, stante pede zu ihr zu gehen. Du
wirst ein besserer Anwalt Deiner Sache sein, als der Papa ist.«
    Mutig wie ein Eroberer flog Uriel im Sturmschritt die Treppen hinauf. Als er
an ihre Türe klopfte und das: »Herein!« ihrer weichen Stimme hörte, sank ihm der
Mut und beträchtlich herabgestimmt trat er ein und sagte:
    »Verzeih', wenn ich Dich störe! der Vater schickt mich mit einer Frage.«
    Regina liess das Buch, worin sie las, auf ihre Knie sinken und sah ihn an, so
unbefangen - so entsetzlich unbefangen diese Frage erwartend, dass es dem armen
Uriel unmöglich war, eine andere über die Lippen zu bringen, als die:
    »Welch' ein Buch liest Du?«
    »Will der Vater wissen, was ich lese?« entgegnete sie. »Es ist die
Philotea, vom heiligen Franz von Sales; - sieh'!«
    Sie reichte ihm das Buch. Uriel nahm es und sagte, indem er in das Buch
blickte:
    »Ich möchte Dich um etwas bitten, Regina.«
    »Was wünschest Du, lieber Uriel?« fragte sie sanft.
    Er schloss das Buch, legte es auf den Tisch und sagte, indem er zum erstenmal
Regina ins Auge schaute:
    »Dein Herz und Deine Hand.«
    Sie errötete, legte die Hand über ihre Augen und entgegnete mit gepresster
Stimme: »Nach allem, was ich dem Vater gesagt habe, hoffte ich, dass er Dir und
mir diesen Augenblick ersparen und Dir meinen Entschluss mitteilen würde.«
    »Er hat es getan, Regina.«
    Sie liess die Hand sinken und sagte mit ihrer gewohnten freundlichen Ruhe:
»Warum fragst Du mich denn?«
    »Weil ich Dich liebe, Regina!« erwiderte er aus voller Seele.
    Sie schwieg; denn sie fühlte, dass das für Uriel ein giltiger Grund sei.
    »Und weil ich hoffe,« wollte er fortfahren.
    »Nein!« unterbrach ihn Regina, »hoffe nicht!« Sprichst Du von Liebe, Uriel,
so kann ich nur Gott bitten, dass er sie Dir aus Deinem Herzen nehme. Sprichst Du
aber von Hoffnung - die kann ich Dir selbst nehmen!«
    »So lass mich von Liebe sprechen,« entgegnete er; »vielleicht lernst Du sie
verstehen.«
    »Ich verstehe sie wohl - und gerade deshalb weiss ich, dass sie nicht für mich
ist.«
    »Weshalb willst Du Dich seitab von uns allen stellen und Dich zu jenen
Ausnahmen halten, die mehr zu bewundern, als nachzuahmen sind? Denke an unsere
Mütter! Gab es frömmere, liebevollere, edlere Seelen? hätten sie im Kloster
vollkommener sein können, Regina?«
    »Nein, sie nicht! denn Gott rief sie nicht dahin!«
    »Oder glaubst Du, dass eine Frau, wie Deine Mutter - mit einem so grossen
Herzen, dass sie einer Schar verwaister Kinder Mutter wurde - und mit einem so
demütigen Herzen, dass ihr Leben ein beständiges Opfer gewesen war - nicht sehr
wohlgefällig vor Gott gewesen sei?«
    »Möchte ich dereinst so wie sie vor Gott bestehen!« sagte Regina, und zwei
grosse Tränen fielen von ihren Wimpern.
    »Nun, was fürchtest Du denn, Regina? Fürchtest Du, ich könnte Deine
religiösen Überzeugungen nicht teilen? aber Du weisst ja das Gegenteil! Oder ich
könnte Dich in Lebensverhältnisse einführen wollen, die Dir nicht zusagen? aber
ich kann sie ja so gestalten, wie sie Deiner Neigung entsprechen, und das würde
zugleich immer die meine sein.«
    »Ich fürchte das alles gar nicht, Uriel, aber ... ich liebe Dich nicht und
werde Dich niemals lieben.«
    »Und ich liebe Dich so, dass ich Deinen Worten keinen Glauben schenke.«
    »Ein seltsamer Beweis von Liebe!« rief sie lächelnd.
    »Denn ich traue mir zu, in die Schranken zu treten und Dich Gott abzuringen,
ohne das Heil Deiner Seele zu gefährden. Im Kloster kannst Du Dich allein
heiligen; in der Ehe auch mich, und zwei Seelen sind mehr wert als eine. Das
bring' in Anschlag bei Deinen egoistischen Projekten, die Du gewiss in
aufrichtiger Frömmigkeit, aber im Mangel eines gründlichen Verständnisses
gemacht hast. Du bist nicht vereinzelt auf der Welt und hast folglich auch kein
Recht, Dich und Dein Glück in der Vereinzelung zu erfassen. Das tut nur die
Blüte des Egoismus: blinde Leidenschaft.«
    Regina hörte ihn ruhig an: »Es geht mir wie dem grossen Freund Gottes, dem
armen Job,« sagte sie endlich: »ich kann Dir auf Tausend nicht Eins antworten.
Alles, was Du sagst, ist richtig; aber innerhalb gewisser Schranken irdischer
Glücksbedürftigkeit, irdischer Lebensauffassung und der Annahme, dass man Gott
nicht ausschliesslich lieben könne, ja kaum dürfe und dass das Geschöpf ein
höheres Recht an uns habe, als der Schöpfer. Diese Annahme ist aber nicht in
göttlicher Wahrheit begründet, was uns das Evangelium durch den heiligen Apostel
Paulus lehrt, der ausdrücklich den jungfräulichen Stand über den ehelichen
stellt, und zwar deshalb, weil dieser seine Richtung auf das Wohlgefallen des
Geschöpfes, jener auf das des Schöpfers nehme. Wer das Verlangen nach irdischem
Glück spürt, wähle den Stand, der es ihm durch das Geschöpf und durch
menschliche Verhältnisse darbietet; das tun viele Millionen, und wir wollen
ihnen von Herzen wünschen und hoffen, dass sie sich heiligen. Diese in's
Ordensleben zu versetzen, wäre grausam und unsinnig. Wer aber sagt und mit dem
Herzen sagt: Solo Dios basta, und die jungfräuliche Gottesmutter und den
heiligen Apostel Paulus, und Tausende von Heiligen und von frommen Ordensleuten,
und den ganzen Priesterstand der heiligen Kirche für sich hat und leben will wie
sie: der fasst es nicht, lieber Uriel, wie man ihm ein solches Leben als Egoismus
vorwerfen könne, weil, so lange die Welt steht, der egoistische Mensch sein
Glück nicht in Gott gesucht hat, sondern in allem anderen, was Gott nicht ist.«
    »Das geb' ich zu, Regina; aber das opferwillige Herz findet in allen
Verhältnissen Veranlassung zu Entsagung.«
    »Ja,« sagte sie, »es wird sich mannigfachen Entsagungen unterziehen; aber es
macht nicht, wie das Ordensleben, seinen Stand und seine Pflicht aus der
vollkommenen Weltentsagung.«
    »Es ist schwerer zu entsagen inmitten grosser Versuchungen, als hinter
Klostermauern.«
    »Das zu entscheiden ist nicht meine, sondern Gottes Sache, bester Uriel. Ich
denke ja nicht daran, eine Heldin zu werden, nur eine demütige Braut Christi.
Das hab' ich dem Vater gesagt und das wiederhole ich Dir.«
    »Du beraubst den Vater seiner liebsten Hoffnung und zerreisst ein Band,
welches zwei Familien in zärtlicher Übereinstimmung geknüpft haben.«
    »Ich weiss es, Uriel!« rief sie schmerzlich, »und gäbe es nichts Höheres als
den Wunsch der Eltern, o glaube mir, ich gehorchte. Nun aber geht es mir, wie
dem heil. Pionius bei seinem Martertode, als er sagte: Ich fühle wohl die Wunden
und den Schmerz, aber mein Gott ruft mich zu sich.«
    »Du bist eine himmlische Schwärmerin,« sagte er, in ihren Anblick verloren;
»aber die Erde hat auch Rechte an Dich.«
    »Ich entziehe mich ihnen nicht, Uriel; denn ich leide und werde noch viel
mehr leiden. Das ist mein Anteil an den Rechten der Erde.«
    »Leid ohne Liebe, das ist fürchterlich!« rief er in heftiger Bewegung.
    »O Du Tor!« sagte sie lieblich und mit einem seligen Lächeln, »kannst Du
wähnen, dass der göttliche Vielgeliebte keine Liebe zu seiner Braut hat?«
    Uriel schüttelte leise den Kopf und erwiderte:
    »Regina, Du machst mir den Eindruck einer Nachtwandlerin, die mit leichtem
und sicherem Schritt am Rande eines Abgrundes geht, wohin kein menschlicher Fuss
sich wagt. Sie geht sicher, so lange sie nicht sieht; schlägt sie aber ihre
Augen auf und wird den Abgrund gewahr, so ergreift sie Schwindel und sie stürzt
hinab. Deshalb ist es wohl recht wunderbar, sie wandeln zu sehen; aber man
erschauert vor Angst.«
    »Lieber Uriel, die Mondsucht ist eine körperliche Krankheit, durch die ich
weiss nicht was für Kräfte im Menschen geweckt, hingegen seine Willensfreiheit
gefesselt wird. Daher entsetzt sich der Mondsüchtige über seine Wege und Stege,
wenn er plötzlich geweckt wird, denn er hat sie nicht mit Bewusstsein gewählt.
Dein Vergleich passt also nicht auf mich.«
    »Doch!« sagte er traurig; »Du wandelst in Nacht; die Sonne der Liebe ist Dir
nicht aufgegangen.«
    »Du hast so ganz nicht Unrecht mit der Nacht;« erwiderte sinnend Regina.
»Ja, Uriel, ich wandele in Nacht, in der heiligen Sternennacht des Glaubens, und
Du wirst wohl wissen, dass dessen Gestirne lichter und treuer sind, als die Sonne
der Welt.«
    Mit einer trostlosen Bewegung bedeckte Uriel sein Gesicht mit beiden Händen
und seufzte beklommen:
    »Ich fasse es nicht, dass ich Dich verlieren soll.«
    »O nein!« rief sie lebhaft, »nicht verlieren, Uriel! ich bleibe mit Euch
allen in süsser Verbindung.«
    »Mit uns allen!« sagte er bitter. »Hättest Du doch wenigstens gesagt: mit
dir, Uriel! Sag' es, Regina, sage wenigstens das!«
    Regina schwieg. Er liess seine Hände vom Gesicht sinken und sah sie an. Seine
schönen Züge voll Adel und Empfindung wurden noch schöner und seelenvoller durch
den Ausdruck von Trauer und Bitte in seinen Augen.
    »Nun?« sagte er, »sind drei Worte zu viel für mich?«
    »Auch mit Dir, Uriel,« sagte Regina leise.
    »O schweige!« rief er heftig; und nach einer Pause setzte er hinzu: »Regina,
Du bist allzu vollkommen! Lassen wir das; aber hör' mich an. Du glaubst mir
keine Hoffnung, auch nicht die allergeringste, geben zu können; doch ich, ich
lasse sie mir noch nicht nehmen. Du bist erst siebenzehn Jahre alt: ich warte.
Bei siebenzehn Jahren kann jeder Tag sowohl eine Revolution in der inneren Welt
machen, als auch eine allmälige Umgestaltung derselben bewirken. Und darauf
wart' ich.«
    »Uriel,« sagte Regina beängstigt, »wenn Du vergebens wirst gewartet haben,
so gib dereinst nicht mir die Schuld für die verlorenen Jahre. Ich weiss nicht,
wann ich des Vaters Einwilligung bekomme. Hab' ich sie aber, so gehe ich in's
Kloster. Ach Uriel, warte nicht.«
    »Lass mich warten,« sagte er, »das ist schon eine Art von Glück.«
    »Welche Qual bereiten sich die Menschen unter der Firma: Liebe!« seufzte
Regina aus tiefster Brust.
    »So jung und schon so weise!« rief er mit einem Anflug von Spott. Sie
verteidigte sich nicht; als ob sie wisse, dass sie in seinem Herzen ihren
sichersten Verteidiger habe. Er setzte auch gleich zärtlich hinzu: »Du bist bei
den Engeln in die Schule gegangen und hast bei ihnen so viel Himmlisches
gelernt, dass Du wohl die Dinge der Erde richtiger betrachten magst, als wir.«
    »Sage das dem Vater, lieber Uriel!« sagte sie. Er wollte sie nicht
verstehen. Er wollte da bleiben, in dem stillen Zimmer, wo er nichts sah, nichts
hörte, nichts dachte, nichts wusste, als sie! gleichviel ob mit Schmerz, mit
Leid, mit Freude, mit Wonne, nur sie! das war genug. Er liebte sie eben. Da
stand Regina auf, legte ihre Hände bittend zusammen und winkte so leise mit
ihrem Blick nach der Türe, dass man ihr recht tief in's Auge sehen musste, um sie
zu verstehen. Uriel gehorchte der leisen Bewegung ihrer Augenwimpern; er ging;
aber er sagte:
    »Weil Du meine Königin bist, Regina.«
    Der Graf hörte Uriels Bericht gelassen an und sprach tief seufzend: »Wir
müssen uns mit Geduld waffnen. Es ist eine gute Vorschule für Deinen Eintritt in
den Ehestand. Welch ein Mass der Geduld man der Frau gegenüber haben muss, davon
weiss nur der Eheherr ein Lied zu singen! Heute Migräne, morgen Nervenweh,
übermorgen ein Raptus für eine höchst gleichgiltige Sache und übermorgen gegen
eine sehr wichtige! Bald Entusiasmus ohne Ziel, bald Abneigung ohne Grund!
Jetzt Tränenströme um ein Nichts, dann Skrupel um ein Garnichts! Zur Ehre der
Wahrheit muss ich sagen, dass ich von dem allen bis jetzt keine Spur bei Regina
gefunden habe; allein der Trotz, der Eigensinn, die bei ihr zum Vorschein
kommen, zeigen deutlich, dass es Dir an einem Hauskreuz nicht fehlen wird, was
freilich kein Verliebter glaubt! Nun wollen wir aber ihrem Trotzkopf einen so
weiten Spielraum öffnen, dass er vor Ermüdung zusammenbrechen muss. Ich werde ihr
erklären, dass ich ihre Klosteridee auf eine zehnjährige Prüfung setze. Das hält
sie nicht aus! Nichts macht die gespannten Kräfte so gründlich morsch, als
langes Warten in's Blaue hinein. Ein Jahr, auch zwei und sogar drei Jahre warten
auf die Erfüllung des Lebensglückes, das hat etwas Reizendes, davor schreckt
niemand zurück; allein zehn Jahre ....« -
    »Lieber Onkel!« unterbrach ihn Uriel, »ich warte mit Freuden zehn Jahre auf
Regina.«
    »Die Freuden werden doch wohl mit einiger Ungeduld vermischt sein,«
entgegnete der Graf. »Uebrigens findest Du denn doch am Ende von zehn Jahren in
Regina eine Realität; aber was würde sie bei ihren Karmelitessen finden? eine
Chimäre, vor der sie selbst sich entsetzen würde. Das wird sie auch schon
einsehen und zu rechter Zeit Kehrt machen.«
    Er kündigte ihr seinen Entschluss an. »Zehn Jahre sollst Du Dir die Welt und
die Menschen ansehen und Dich besinnen über Glück und Pflicht,« sagte er.
    »Und dann darf ich mit Deiner Einwilligung zu den Karmelitessen?« fragte
Regina gespannt.
    »Ja,« sagte der Graf; »wenn Du uns allen während zehn Jahren das Leben
verbittert hast, anstatt es, wie eine gute Tochter, zu verschönern: dann will
ich Dir erlauben, Deine Verkehrheit in einem beliebigen Kloster zu beweinen.«
    Regina sank vor dem Grafen auf die Knie und bedeckte seine Hände mit Küssen
und Tränen, indem sie rief:
    »O, mein lieber Vater! wie dank' ich Dir! so ist es recht; so muss es sein:
über allerlei Dornen geht mein Weg; aber ich komme zum Ziel .... ich danke Dir.«
    Was war mit einer Person anzufangen, die sich für jedes rauhe Wort bedankte
und in jeder Strenge eine Gnade sah! Dieser Charakter ging über des Grafen
Massstab und Erfahrungen so weit hinaus, dass es ihm manchmal ganz unheimlich war,
der Vater einer solchen Tochter zu sein. Er teilte inzwischen der ganzen Familie
die Parole aus, um einen Chor der Klage über Regina's Entschluss zu bilden: die
Baronin Isabelle, Corona, Orest, Florentin, sogar einige der alten treuen
Dienstboten, deren Leben mit dem Leben der Familie zusammen gewachsen war, und
die mit einem rührenden Gemisch von Stolz und Zärtlichkeit die Kinder des Hauses
»unsere Kinder« nannten; alle sollten bei jeder passenden Veranlassung ein
Klagelied anstimmen über die Kalamität, welche Regina über ihre ganze Familie
verhänge, was natürlich ihrem Herzen sehr wehe tun musste. Und mit seltener
Übereinstimmung gingen alle auf die Absicht des Grafen ein, jeder in seiner
Weise. Niemand machte ihr Vorwürfe, aber niemand - Levin und Hyazint
ausgenommen - sympatisierte mit ihr. Wie mit einer Kranken, deren elenden
Zustand man beweint und auf deren Genesung man sehnlichst hofft, ging man mit
ihr um. Und keineswegs auf Befehl des Grafen, sondern aus eigenem Antrieb! Er
hatte nur die allgemeine Gesinnung gleichsam organisiert und in eine und
dieselbe Richtung gewiesen. Das vollkommene Opfer ist eben die Sache, von
welcher der göttliche Heiland gesagt hat; »Wer es fassen kann, der fasse es.«
Damit ist ausgesprochen, dass wenige es verstehen werden, und eine Sache, die
kein Verständnis findet, leidet Widerspruch. Nur für Hyazint wurde sie die
Veranlassung, seinen Entschluss zur Reife zu bringen und auszusprechen. Er wollte
in den geistlichen Stand treten und bat den Onkel Levin, dem Grafen diese
Mitteilung zu machen. Es geschah.
    »Mein Gott!« seufzte der Graf tief niedergeschlagen, »welch ein Geist
übertriebener Frömmigkeit fährt denn gerade in meine armen Kinder und
fanatisiert sie! .... Hyazint geistlich! der blutjunge Mensch! Es ist ein
wahrer Jammer.«
    »Tröste Dich,« sagte Levin lächelnd; »ich glaube nicht, dass Du um Hayzint
grossen Jammer wirst auszustehen haben!«
    »Lieber Onkel, das verstehen Sie nicht! der gute Junge tut mir
unaussprechlich leid. Zu Ihrer Zeit galt der geistliche Stand noch etwas. Da
fing man mit dem Domherrn an und wurde Churfürst, Erzbischof, Bischof,
wenigstens Weihbischof; aber jetzt! wie gering sind die Aussichten für eine
Karriere! der arme Junge muss mit dem Kaplan anfangen und mit dem Pfarrer enden.
Schrecklich, lieber Onkel, schrecklich! Sagen Sie mir aufrichtig, aber nehmen
Sie die Frage nur nicht übel: ist Hyacint einfältig?«
    »Ich glaube, dass er einen klaren, feinen Verstand hat,« entgegnete Levin.
    »Oder hat er nichts gelernt? mag er nicht studieren?«
    »Ich glaube, dass er mehr Neigung und Talent für ernste Studien hat, als
seine Brüder.«
    »Was in aller Welt bringt ihn denn zu dem desperaten Entschluss! Sollte er
vielleicht eine unglückliche Liebe haben? eine Neigung für Regina z.B., und
geistlich werden wollen, weil sie in's Kloster will? Er ist freilich sehr jung,
um eine so formidable Leidenschaft zu empfinden; aber er muss doch einen Grund
haben.«
    »Lieber Damian, sein Grund ist der: Christus ruft ihm zwei Worte zu: Folge
mir nach! und: Weide meine Lämmer! Orest will Soldat werden, Florentin Arzt; sie
wählen ihren Beruf, wie er ihren Neigungen und Fähigkeiten zusagt. Hyacint tut
dasselbe; nur mit dem Unterschied, dass jene in ihrer Laufbahn sogenanntes
irdisches Glück zu finden hoffen und dass er darauf verzichtet.«
    »Das macht aber einen ungeheuren Unterschied aus!«
    »Allerdings, die Kluft ist gross, ist so gross, wie sie eben besteht zwischen
Seelen, die Gott lieben und Gott nicht lieben.«
    »Man kann recht sehr Gott lieben,« sagte der Graf empfindlich, »ohne
geistlich zu werden.«
    »Gewiss!« entgegnete Levin. »In dem Mass aber, wie man Gott mehr liebt, widmet
man sich ihm auch mehr; und wer ihn ausschliesslich lieben will, widmet sich ihm
ausschliesslich. Das tut Hyazint. Er sagt auch: Solo Dios basta. In ihm, wie in
Regina, ist das übernatürliche Leben, welches aus der Gnade fliesst, so stark,
dass die Bestrebungen und Wünsche absterben, welche auf dem natürlichen Leben und
den irdischen Daseinsbedingungen beruhen. Bei Orest und Florentin ist es
umgekehrt: das Gnadenleben tritt bei ihnen in den Hintergrund und das natürliche
Leben in den Vordergrund. Sie fragen nicht, was gottgefällig sei: sondern leben
nach Lust und Laune, und haben, um ungestört mit allen Segeln der Leidenschaften
fahren zu können, Gott als unbequemen Ballast über Bord geworfen. Hyacint und
Regina fragen hingegen, was am allergottgefälligsten sei und am
allervollkommensten das himmlische Ebenbild in ihnen herstelle; und da das die
Nachfolge und Nachahmung des Gottessohnes, die opferfreudige Wahl der Entsagung
aus Liebe, die Demut der Krippe und das Leiden von Golgata ist: so verschmähen
sie das, was ihnen von den Freuden und Genüssen der Welt erlaubt wäre, weil
dadurch ihre Vereinigung mit Gott gewiss nicht gefördert, aber sehr leicht
gemindert, wohl gar ganz aufgehoben wird.«
    »Könnte der arme Junge sich in seinem kaplanischen Elend wenigstens damit
trösten, dass er heiratete;« sagte der unverbesserliche Graf.
    »Dann dürfte er eben nicht Priester werden,« erwiderte Levin. »Es ist die
Glorie der Kirche, dass sie die unirdische geheimnisvolle Feier des unblutigen
Opfers nur denen anvertraut, welche freiwillig den Stand der Virginität aus
Liebe zu Gott gewählt haben, und es ist ein Zeichen ihrer göttlichen Weisheit,
dass sie diese freiwillige Wahl, als einen Prüfstein, der nicht umgangen werden
kann, vor die Stufen des Altars legt. Der zweifelhafte Beruf, der irdische Sinn,
der schwankende Charakter schrecken vor ihm zurück. Das reine Herz nicht. Die
reinen Herzen aber, mein lieber Damian, sind, so lange die Welt steht, auch die
starken Herzen, und starke Herzen braucht die Kirche in ihren Priestern, in den
Stellvertretern des ewigen guten Hirten.«
    »Es ist freilich nicht schwer einzusehen,« sagte der Graf, »dass das
Entsagungsleben in Permanenz, wie der Priester es führt, ihn zu den grössten
Opfern fähig und tüchtig macht. Allein ich beklage unseren armen Hyazint, dass
er ein solches Leben führen soll.«
    »Nun, Du würdest doch nie wünschen,« entgegnete Levin lächelnd, »ihn als
einen mit Weib- und Kindersegen erfreuten Priester zu sehen. Das Leben der
Kirche ist all' ihren Kindern, wenn dieselben auch nicht übermässig eifrig sind,
nicht wahr, lieber Damian? doch zu sehr in's eigene Leben übergegangen, um ihnen
nicht Misstrauen und Widerwillen gegen die Priesterehe einzuflössen, die nur ganz
verkommenen Subjekten, gleichviel welchen Taufscheines, und den Radikalen in der
Politik, so wie den Rationalisten in Glaubenssachen erwünscht wäre; den einen,
damit der Weltsumpf, der ihr Behagen und ihr Ziel ist, sich um so mehr
ausbreite, als die Tradition von Opfer, von Hingebung, von Lauterkeit, die durch
den Cölibat in jedem Priester auf's neue in's Leben tritt, aus der Welt
verschwände; den anderen, damit ein Eckstein aus dem Bau der heiligen Kirche
gebrochen werde, die in ihren ehelosen Priestern freie Männer zu Dienern hat,
welche nicht zu beugen und nicht zu knechten und nicht in armselige Abhängigkeit
von irdischer Macht hinein zu ängstigen sind. Den Männern des modernen freien
Denkens sind solche Männer des freien Willens verhasst und zwar deshalb, weil
diese mit ihrer unverwüstlichen Selbstständigkeit in dem unverwüstlichen
Fundament des Glaubens an eine geoffenbarte Religion wurzeln, ein Fundament,
welches von jenen gerade bestritten, geleugnet, bekämpft wird, nicht gelten
soll, nicht da sein soll, und dennoch sich nicht hinweg räsonnieren und
revolutionieren lässt. Der ärmste und verlassenste Priester in dem ärmsten und
entlegensten Dörfchen macht durch sein schlichtes Dasein alle Teorien falscher
Wissenschaft zu Schanden. Er lebt ein übernatürliches Leben, dessen Quell und
dessen Ziel der Gottmensch Christus ist, wie der Glaube ihn offenbart, und das
ohne diesen ganzen, vollen, gewaltigen Glauben nicht gelebt werden kann. Wer nun
dies himmlische Prinzip leugnen will, der wird ungemein in seinen Teorien
gestört, wenn er dasselbe in voller Triebkraft wirksam sieht. Was bleibt ihm
übrig? Von zwei Dingen eines; entweder die Verleugnung aufgeben, das himmlische
Prinzip anerkennen und sich unterwerfen; oder es hassen, wie nun einmal die
Finsternis das Licht und Belial - Christus hassen muss, muss - weil das Böse, die
freiwillige Abwendung vom Guten, den Hass des Guten in sich schliesst. So lange
noch ein frommer Priester auf der Welt ist, der mit reiner Hand das ewige Opfer
darbringt, fühlt sich der Unglaube als Lüge gebrandmarkt. Daher seine Neigung,
den Priesterstand zu verdächtigen, zu unterdrücken, zu verfolgen, wo möglich zu
ersticken und auszurotten. Dazu ist ihm jedes Mittel willkommen, wie eben die
Umstände es gestatten! Bald wird er verleumdet, bald lächerrlich gemacht, bald
guillotiniert. Dazwischen sucht man ihn durch heuchlerisches Mitleid zu gewinnen
und ihm das Bild eines Familienvaters als höchstes Ziel alles Glückes hienieden
vorzuhalten, damit er von selbst versinke in die Niedrigkeit der Leidenschaften
und in die Gemeinheit des Alltagslebens.«
    »Bester Onkel, es gibt in anderen Religionsgesellschaften äusserst achtbare
Männer unter den Geistlichen und sie leben, mit wenigen Ausnahmen, sämtlich im
Ehestande.«
    »Lieber Damian, wir sprechen aber nicht von anderen Religionsgesellschaften,
sondern von dem Priesterstand der heiligen katolischen Kirche, dem unser
Hyacint sich anschliessen will. Ausserhalb der Kirche wird, wie Du weisst,
nirgends die Feier unserer heiligen Geheimnisse des Altars begangen, nirgends in
heiliger Messe das unblutige Opfer, diese Fortsetzung jenes blutigen auf
Golgata, in lebendiger Wesenhaftigkeit dargebracht. Wo das Opfer fehlt, kann es
keinen Priesterstand geben, denn der Priester ist eben der unmittelbare
Darbringer des Opfers. Was also ausserhalb der Kirche geschieht oder nicht
geschieht, ist für uns nichts weniger als massgebend, denn sonst könnte man Uriel
mit dem Vorschlag der Vielweiberei beglücken wollen, welche die Sekte der
Mormonen lehrt, was Dir nicht sehr wünschenswert im Hinblick auf Regina
erscheinen würde. Also was draussen geschieht, lassen wir auf sich beruhen. Aber
wir, wir haben das heilige Opfer und dies Opfer ist das Lamm Gottes und der
Darbringer dieses Opfers ist der Priester, der glückselige, der begnadete
Priester, der täglich in die unmittelbare Vereinigung mit dem Allerheiligsten
eingeht, in seiner Hand den heiligen Fronleichnam hält, mit seinen Lippen ihn
berührt, in seinem Herzen ihn aufnimmt. Lieber Damian, für einen solchen
Priester ziemt es sich wohl, sollte ich meinen, dass er im Heiligtum bleibe, die
Kraft und Wärme seines Herzens dem Dienste seines göttlichen Meisters widme und
die Behaglichkeit des häuslichen Herdes denen überlasse, die ihm den Altar
überlassen haben.«
    »Gott hat auch den häuslichen Herd durch das Sakrament der Ehe zu einer
heiligen Stätte erhoben,« wendete der Graf ein.
    »Das ist schon wieder eine Verteidigung, wo kein Angriff geschah,« erwiderte
Levin lächelnd. »Du wirst mir nicht zutrauen, dass ich die heilige Berechtigung
des häuslichen Herdes unterschätze. Aber ich muss abermals sagen: wir sprechen
vom Priester. Die Kirche zwingt niemand geistlich zu werden und geht nicht
voreilig bei der Aufnahme zu Werk. Sie sagt dem Adspiranten: Überlege und
besinne dich. Sie erteilt ihm die niederen Weihen und sagt abermals: Prüfe dich,
denn du kannst noch umkehren, und lockt dich die Welt, so wende dich ihr zu. Hat
er sich aber entschieden und ist er in's Heiligtum eingetreten, so verlangt sie,
dass er in demselben so diene, wie er gewusst hat, dass er dienen müsse: frei von
jenen Leidenschaften, die das, was am Höchsten im Menschen ist - seine Liebe, zu
Gunsten dessen, was am Niedrigsten in ihm ist, in Sklaverei bringen. Nun wirst
Du mich gewiss verstehen, wenn ich wiederhole, was ich vorhin sagte: für den
Priester wäre die hausväterliche Existenz ein Versinken in Erniedrigung, denn er
würde himmlische Verpflichtungen aufgeben, um irdische einzugehen; ein
göttliches Joch, das Christus mit ihm trägt, abwerfen, um ein menschliches
anzunehmen. Er steht nun einmal am Altar, d.h. um ein paar Stufen höher als die
Weltlichen. Was bedeutet das? Glaubst Du etwa, das bedeute, dass er auf sie herab
blicken und sich um so viel höher schätzen soll? O nein! es bedeutet das, was er
täglich in der heiligen Messe betet: Sursum corda! Empor die Herzen! empor du
mein glückseliges Herz und reisse alle die, welche auf dich als ihren Hirten
sehen, mit dir aufwärts zu Gott, der dich in seine gnadenvolle Nähe gestellt
hat, damit du, angeglüht von der Flamme seines Opfers, andere Seelen anfeuerst
und dereinst auf dem Erntefeld der Ewigkeit mit vollen Garben erscheinest, mit
einem Geleit liebentzündeter Herzen, die durch dich für die göttliche Liebe
gewonnen sind. Und er sollte, von der Altarstufe herabsteigend, angeglüht von
der Flamme des Opfers seines Gottes, sie ersticken lassen in der Schwüle
erdentstammter Liebe? Nein! wer dem Priester so etwas wünschen kann, der hat es
entweder schlimm mit ihm im Sinn, oder urteilt, ohne die Sache zu kennen, oder
spricht, wie Du, lieber Damian, unter dem Einfluss übergrosser, natürlicher
Zärtlichkeit, und deshalb verkehrt.«
    »Sie sind nun einmal begeistert für Ihren Stand, weil Sie selbst eine Art
von Ideal desselben sind ....«
    »Da irrst Du sehr!« unterbrach ihn Levin lebhaft; »ich bin ja gar nichts:
nicht Pfarrer, nicht Ordensmann, nicht Missionär! ich bin nur ein unnützer
Knecht. Aber mit Hyazint wird es anders sein; der wird brauchbar werden! und
ist er das, so findet sich die Begeisterung für seinen Stand von selbst, denn
man arbeitet alsdann für Gott und für das ewige Leben, ohne auf besonders grosse
Resultate hienieden zu rechnen und ohne besonders glückliche Erfolge zu
erwarten, und das gibt Freiheit und Freude im Geiste.«
    »Und wenn ihm sein Beruf mit der Zeit zu schwer fiele! Das Leben ist lang,
die Welt ist bunt! Wenn Hyazint ein schlechter Priester würde, bester Onkel,
welch' ein Skandal! Ein schlechter Priester - auf den sind die Augen der ganzen
Welt gerichtet, als ob es nur den einen einzigen auf Erden gäbe! und wenn das
nun ein Windecker wäre!«
    »Du fürchtest nicht, dass Orest von seiner Fahne desertiere, wenns zur
Schlacht geht; so hoffe doch auch für Hyazint den notwendigen Kampfesmut, um
seinem Panier zu folgen. Hat er den, so ist er unüberwindlich, weil die Gnade
noch nie den Beharrlichen verlassen hat. Nur der treulose Feigling verlässt die
Gnade. Das ist richtig: auf einen solchen sieht die halbe Welt. Welch eine
unabsichtliche Glorie für den geistlichen Stand! Tausende fallen in der Welt zur
Rechten, tausende zur Linken, stehen auf, fallen wieder - niemand sieht hin,
kaum die allernächsten, man zuckt die Achseln, man spricht ein paar Worte
schwacher Missbilligung, schwächlichen Mitleids, und man vergisst, eingedenk
eigener Gebrechlichkeit. Aber für den Priester macht man eine Ausnahme. Er ist
dermassen im allgemeinen Bewusstsein anerkannt als der Repräsentant der
Heiligkeit, dass ein sittlicher Makel an ihm mit endlosem schadenfrohen Triumph
von allen Glaubensfeinden bejubelt, mit unsäglichem Schmerz von den Gläubigen
beweint wird. Unsere Glaubenslehre ist etwas so Göttliches, dass die Welt sich
gar nicht der Vorstellung erwehren kann, deren Organ, der Priesterstand, müsse
Anteil haben an deren Erhabenheit; und darin hat sie vollkommen recht! wer sich
vorzugsweise mit Gott und göttlichen Dingen beschäftigt, ohne nach innerer
Heiligung zu trachten, ist seines himmlischen Berufes nicht wert. Darin aber hat
die Welt vollkommen unrecht, dass sie wähnt, der einzelne schlechte Priester sei
ein Beweis für die Ungöttlichkeit seiner Glaubenslehre. Sie vergisst bei einem
solchen Urteil den Verrat des Judas und die Verleugnung des Petrus, d.h. sie
vergisst, dass der Mensch aus Schwäche fallen und aus Bosheit abfallen kann, weil
er keine Maschine ist, die von äusserer Kraft in Bewegung gesetzt wird, sondern
weil er seinen Willen zur Beharrlichkeit im Guten brauchen muss und zur Wahl des
Bösen missbrauchen kann. Sei getrost, lieber Damian, und bedenke eines: das Werk,
welches Hyazint beginnen will, beginnt in ihm die göttliche Gnade, und mit ihr,
der er vertraut, auf die er sich stützt, wird er es zu Ende führen. Ein solcher
Entschluss entspringt nicht aus Gedanken von dieser Welt, und darin liegt seine
weltüberwindende Kraft.«
    »Ja, ja!« seufzte der Graf kopfschüttelnd; »das ist alles sehr gut und
klingt ganz schön. Aber! aber! .... der arme Junge!« -
    Die übrigen Mitglieder der Familie nahmen Hyazints Entschluss sehr
verschieden auf, aber nicht mit der allgemeinen Missbilligung, die auf Regina
ruhte, weil Hyazint nicht anderweitige Pläne durchkreuzte. Unter anderen
Umständen würde sich Uriel herzlich gefreut und in dem Beruf seines Bruders eine
grosse Gnade erkannt haben. Jetzt aber schien es ihm bedenklich, allzu grosse
Zufriedenheit zu äussern - Reginas wegen, die durch Hyazints Entschluss leicht in
dem ihren bestärkt werden konnte. Orest äusserte ein grenzenloses Erstaunen,
Florentin Zorn, die Baronin Isabella zaghafte Freude; Corona beklagte, dass
Hyazint nicht auf der Stelle seine Primiz feiern und sie seine Kerzenträgerin
sein dürfe. Regina lobte Gott.
    »Was fängst Du denn an mit Deinen Hunden?« fragte Orest ganz verblüfft; und
wo lässt Du denn Dein Gewehr? Dem Reiten und Jagen musst Du wohl auf immer Valet
sagen und Burschenlieder darfst Du wohl auch nicht mehr singen?«
    »Du bist aber allzu kurzsichtig, Hyazint!« eiferte Florentin. »Siehst Du
denn nicht, dass es mit der katolischen Kirche zu Ende geht? Siehst Du denn
nicht, dass sie zitternd zusammenbröckelt vor dem klirrenden Schritt und dem
Weckruf der Freiheit? Siehst Du nicht, dass sich Deutschland nimmermehr den
Ultramontanismus wird gefallen lassen, und dass der römische Papst, vom grossen
Geiste des Jahrhunderts ergriffen, in einen Liberalismus verfällt, der,
unvereinbar mit katolischer Finsternis und Knechtschaft, ihn unfehlbar in die
Arme des Protestantismus liefert? Dieser aber bildet die erste Stufe zum
Sozialismus, in dem nicht Religionssysteme, sondern die Ausführung grosser Ideen
ihren Kultus haben werden, dessen Priester jeder Einzelne sein wird! Siehst Du
das nicht?«
    »Nein!« sagte Hyazint gelassen, »das alles sehe ich gar nicht; denn es sind
nur Phantasmagorien: künstliche Fratzenbilder, welche sich ausserhalb der
Finsternis des Unglaubens nicht wahrnehmen lassen. Ich sehe vielmehr, dass nichts
auf Erden Bestand, nichts eine Zukunft hat, als einzig und allein die
katolische Kirche und alles, was aus ihrem Mutterschoss Lebenskraft schöpft.«
    »Bei der Erhabenheit des priesterlichen Berufes würde mich das Bewusstsein
meiner Schwäche ängstigen, ob ich ihm auch immer mit ganzer Treue anhinge,«
sagte Uriel. »Stets das Ewige und Unvergängliche vor Augen haben, scheint mir
übermässig ernst und schwer.«
    »Wenn Du heiratest,« entgegnete Hyazint, »musst Du Deiner Frau ewige Treue
versprechen und bleibst unauflöslich mit ihr verbunden: das müsste Dich dann auch
in Angst versetzen.«
    »O nein!« rief Uriel; »da verbinde ich mich mit meinem zeitlichen und ewigen
Glück, das der Sehnsucht des ganzen Menschen entspricht.«
    »Und ich,« sagte Hyazint, »lasse das unsichere zeitliche Glück ganz und gar
beiseite und wähle das unvergängliche: Gott zu dienen aus Liebe, welches der
ächten Sehnsucht des erlösten Menschen gewiss am allertiefsten entspricht.«
    »Dann bin ich nicht erlöst,« rief Orest, »denn ich erschaudere vor Deiner
Sorte von Glück! Nein, Hyazint! lustig leben gehört auch zum Leben, und eine
Existenz ohne Hühner- und Parforcejagd, ohne Steeple chase und sonstige
Pferderennen, ohne Oper und Ballet, ohne Austern und Champagner - aber
non-mousseux! - die ist zum Totschiessen.«
    »Das ist die Gesinnung der Welt,« entgegnete Hyacint. »Sie behauptet, es
gebe kein anderes Glück als das, welches die fünf Sinne geniessen und der
natürliche Verstand begreift. Das ist aber grundfalsch, denn das Unsterbliche im
Menschen wird durch die Genüsse der Vergänglichkeit nicht befriedigt, sondern
elend gemacht. Tausend Mal ist das gesagt und bewiesen worden; allein Worte ohne
Tat bedeuten nicht viel. Deshalb muss gegen den Ausdruck jener Gesinnung der Welt
ein beständiger tatsächlicher Protest abgelegt werden, und das tun die, welche
mit Gottes Gnade und um Gottes Willen ihr entsagen: Priester und Ordensleute.«
    »Hyazint!« rief Florentin feurig und schlang den Arm um seine Schultern,
»lege ab Deine Gottesideen, mache die Menschheit zu Deiner Gotteit und ihre
Berechtigung zu allgemeiner und allseitiger Beglückung zu Deinem Kultus, so
kannst Du ein ausgezeichneter Mann der Zukunft werden.«
    »Nein, armer Florentin,« entgegnete Hyazint zärtlich, »das ist unmöglich!
Wer Christus erkannt hat, dient in Seinem Namen mit tausend Freuden und so weit
die Kräfte reichen in aller Demut einer Menschheit, die der Gottessohn geheiligt
hat, indem er sich zu ihresgleichen machte und für sie lebte und starb; das
gehört zur praktischen Nachfolge Jesu. Aber aus der Menschheit einen Moloch zu
machen, der, ich weiss nicht was für unsinnige, sakrilegische Opfer verlangt, das
ist unverträglich mit der ewigen Wahrheit. Christus hat die Selbstverleugnung
als den Weg des Heiles gelehrt, als das einzige Mittel zur Beglückung der
Menschheit für Zeit und Ewigkeit. Von einer Beglückungsteorie, welche allen zum
allseitigen Genuss irdischen Wohlbehagens behilflich wäre, weiss die Lehre des
Kreuzes nichts.«
    »Deshalb eben nimmt sie auch nur einen ganz untergeordneten Rang und längst
überwundenen Standpunkt in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit ein!« rief
Florentin. »Sieh'! bereits vor mehr als dreihundert Jahren entwickelte sich in
der Menschheit jene gewaltige Bewegung, welche anzeigte, dass sie der Lehre vom
Kreuz, der Selbstverleugnung, satt sei; es war die Reformation. Alle und jede
Selbstverleugnung konzentriert sich im Gehorsam, und da die Kirche ihn von der
ganzen Welt im Namen des gekreuzigten Gottes forderte, so sagte ihr die
Reformation den Gehorsam auf, um anzuzeigen, dass sie mit der Lehre vom Kreuz
breche. Und das bewies sie tatsächlich. Wer sich zu ihr bekannte, war der
Selbstverleugnung überdrüssig und folgte dem Zug der Freiheit, für die der
Mensch geschaffen ist. Die Fürsten sagten dem Kaiser den Gehorsam auf, die
Bauern den Edelleuten, die Ritter ihren Lehensherren, die Städte ihren Bischöfen
und Äbten, die Priester ihren Oberhirten, die Mönche und Nonnen ihren Gelübden.
Durch den erhabenen Akt, dem römischen Papst den Gehorsam aufzusagen, fiel
selbstverständlich das Joch knechtischer Selbstverleugnung von Millionen, die
nun wieder frei aufatmen und sich ihrer Menschenrechte erfreuen konnten; denn
vom römischen Papst ging ja eben der ganze christliche Lebensorganismus aus, der
während andertalb Jahrtausenden die Menschheit wie ein Spinngewebe umfing. Die
Reformation blieb freilich nicht auf ihrer Höhe. Sie machte klägliche Versuche,
den entfesselten Geist wieder einzufangen und in die Botmässigkeit ihrer Bibel,
die politischen Verhältnisse in die Abhängigkeit von den Fürsten, die sozialen
Verhältnisse in die Fesseln verkehrter, weil auf papistischen Ansichten
beruhender altmodischer Gesetze zu bringen; allein sie erwarb sich doch
unsterblichen Ruhm und den Dank künftiger Jahrhunderte dadurch, dass sie zeigte,
wie verhasst die Lehre vom Kreuz der Menschheit sei, und dass sie jenen Protest
gegen heilige Rechte, von dem Du vorhin sprachst, aufhob, indem sie keine
Priester, keine Ordensleute mehr duldete. Denn kein Mensch will seiner Natur
gehorchen, keiner arm sein, keiner den irdischen Freuden entsagen, und was der
vernünftige Mensch nicht will, das soll er auch nicht.«
    »Wenn er nun aber dennoch will,« entgegnete Hyazint gelassen.
    »So darf er nicht!« rief Florentin.
    »Das wollte ich eben hören!« sagte Hyazint ruhig. »Euerer
Beglückungsteorie hat man zu gehorchen: dann ist man glücklich, und Euerer
Despotie in Durchführung Euerer Ideen sich zu fügen: dann ist man frei. Die
Sprache kennt man, mein Florentin. Deine hochgepriesenen Reformatoren in
Deutschland und England führten sie auf dem Gebiete des Glaubens und sagten:
Glaubt an uns; das ist der wahre Glaube. Deren Nachfolger, die Revolutionsmänner
in England zuerst und dann in Frankreich, sagten auf dem politischen Gebiet:
Nehmet unsere Ideen an; das ist Freiheit. Und wehe denen, welche es wagten, der
neuen Glaubenslehre und den neuen Freiheitsansichten nicht beizustimmen! ihr
Ungehorsam wurde mit Verbannung, gewaltsamer Unterdrückung, Martertum und Tod
von denjenigen gestraft, welche den Ungehorsam gegen die Anstalt Gottes, die
heilige Kirche, hohe Tugend nannten. Das haben wir gelernt in den drei
Jahrhunderten, auf welche Du pochst, und welche in unserem Jahrhunderte nach der
Vervollständigung trachten, die eine Revolution in den sozialen Verhältnissen,
den kirchlichen und politischen Revolutionen geben würde. Wehe denen, die Euerem
Joch verfallen! Ihr macht aus Eueren Ideen ein Bett des Procrustes, in welches
Ihr die Menschheit hineinzwängen wollt und sie zu diesem Zweck verrenkt und
verstümmelt, und dann nennt Ihr diese kläglichen und unvollständigen Gebilde
Ideale von Schönheit und Würde, weil sie in Eure Schablonen passen. Aber eben
deshalb fehlt ihnen in Wirklichkeit beides, denn Ihr gönnt ihnen keine
Selbständigkeit, um zu lieben, und keine Freiheit, um zu gehorchen, da doch die
ganze Schönheit der Menschenseele in ihrer Liebe, und ihre ganze Würde im
Gehorsam liegt.«
    »Was die Liebe betrifft,« entgegnete Florentin, »so geben die Prinzipien des
Sozialismus ihr einen ganz ungeheuren Spielraum.«
    »Keineswegs! sie verflachen und verflüchtigen die Liebe in die Weite und
Breite und berauben sie ihres ewigen Quelles und ewigen Gegenstandes - Gottes.
Ohne Kalvarienberg gibt es keine wahre Liebe.«
    »Und was den Gehorsam betrifft, so ist der nach den Prinzipien des
Sozialismus für das Individuum durchaus überflüssig, indem der Staat, d.h. die
gesamte Vergesellschaftung, alle Verhältnisse so harmonisch ordnet, dass jeder
einzelne in seiner Berechtigung geschützt ist, niemand beeinträchtigen kann und
von niemand beeinträchtigt wird.«
    »Das muss eine Art von idealischem Zuchtaus werden, und die gesamte
Vergesellschaftung muss darin an Ketten liegen, jeder auf seinem Fleck, denn
sonst sehe ich nicht ein, wie diese sämtlichen Gleichberechtigten mit einander
Friede halten werden,« sagte Orest.«
    »Das ist ganz in der Ordnung,« sagte Hyazint; »ja, es muss ein Zuchtaus
werden, aber ein höchst reelles. Wer die Selbstverleugnung verachtet, den
Gehorsam verwirft, in der Losgebundenheit von göttlichen Gesetzen einen
Fortschritt sehen will, der muss durch äusseren Zwang in Zucht und Ordnung
gehalten werden und der Tyrannei eines Despoten verfallen, wie der
sozialistische Staat eben ist.«
    »Ihr vergesst, dass eine nach sozialistischen Prinzipien gebildete und in
deren Schulen unterrichtete Menschheit allmählig eine ganz andere, edlere sein
wird, als die von heutzutage in ihrer Verdummung und ihrer Unwissenheit,«
entgegnete Florentin.
    »Wissen und Wollen sind aber zwei sehr verschiedene Fähigkeiten,« rief
Hyazint. »Entwickelst Du in Deiner Menschheit zuerst und zuletzt das Wissen, so
ist es sehr wahrscheinlich, dass Du sie eher zu Teufeln als zu Engeln bildest;
denn das Wissen nährt den Hochmut und der ist die Schosssünde des Menschen. Unser
Stammvater im Paradiese wusste sehr gut, was verboten und was geboten war; allein
da die Schlange sagte, durch ein noch höheres Wissen würde er wie Gott sein: so
liess er seinen Willen für's Gute durch diese Vorspiegelung lähmen - und fiel.
Und so und noch viel schlimmer wird es der Menschheit gehen, wenn man sie in den
Wahn einlullt, mit dem Wissen des Guten sei dessen Ausübung gleichsam von selbst
verbunden. Ein kleines Kind kann diese Behauptung Lügen strafen: es weiss recht
gut, dass es nicht naschen darf, und dennoch nascht es, als ein kleiner Sklave
der bösen Begierlichkeit, die dem Menschen seit der Erbsünde innewohnt und die
nur durch den Willen zum Guten, d.h. durch Gehorsam aus Liebe zu Gott,
überwunden werden kann. Aber Ihr leugnet einen ausserweltlichen Gott und einen
menschgewordenen Gottessohn und Erlöser, der Euch die Gnade erworben hat, Euren
Willen im Guten zu festigen und von der Knechtschaft der bösen Begierlichkeit zu
befreien. Jedoch wünscht Ihr für sehr vortreffliche und edle Menschen zu gelten,
und da Ihr keinen Erlöser habt, der von Sünde befreit, so leugnet Ihr frischweg
die Sündhaftigkeit des Menschen und lehrt: nur aus Unwissenheit würden
Fehltritte begangen; Aufklärung! Aufklärung! dann sei die Tugend schon
vorhanden.«
    »Deine Barbarei übersteigt alle Begriffe!« rief Florentin mit höchster
Entrüstung. »Tausendfache Erfahrung hat bewiesen, dass die schwersten Verbrechen
von Menschen begangen wurden, die in krasser Unwissenheit und ohne Erziehung
aufwuchsen.«
    »Das ist etwas ganz anderes,« erwiderte Hyazint. »Wir hatten bei Deinen
Bildungsplänen die ganze Menschheit, nicht einzelne Verbrecher im Auge, deren
Missetaten allerdings oft aus trauriger Unwissenheit hervorgehen, indem sie
nichts wissen von den göttlichen Lehren des Christentums und daher keiner
Entwickelung sittlicher Kraft gegen ihre bösen Begierden fähig sind. Das Leben
im Glauben aber und nicht das Wissen vom Glauben, gibt jene Kraft und sie äussert
sich durch Gehorsam gegen die Glaubenslehre. Bildest Du Deine Menschheit
ausserhalb jenes Lebens, so wird sie mit all' ihrem Wissen vom Glauben und von
sonstigen hohen und tiefen Dingen an sittlicher Kraft, d.h. an Widerstandskraft
gegen die böse Begier, so arm sein, dass sie sich blind von ihren Leidenschaften
beherrschen lässt und durch dieselben in Eueren Zuchtausstaat hineintaumelt, für
den sie reif ist, weil sie verschmäht, folgsam in der Freiheit des Christentums
zu leben.«
    »Und folgsam fühlt' ich immer meine Seele am schönsten frei,« sagte auf
einmal mit ihrer sanften Stimme Regina, die in der Tiefe einer Fensternische mit
ihrem Stickrahmen wie in einer kleinen Zelle sass.
    »Was sagst Du da, Regina?« rief Uriel, sprang auf und setzte sich ihr
gegenüber; »es klingt alles, was Du sagst, wie Musik, aber dies ganz besonders.«
    »Es wird wohl die Ansicht irgend eines Heiligen oder eines mittelalterlichen
Skribenten sein,« bemerkte Florentin wegwerfend.
    »Ratet!« rief Regina lachend.
    »Klingt es nicht so gewiss Schillerisch?« fragte Orest.
    »Nein, nein, nein!« rief Florentin, »das ist von Unsereinem nicht zu
erraten! in die Poesien der Heiligen vertiefen wir uns nicht.«
    »Auch nicht in die des heiligen Göte?« fragte Regina schalkhaft.
    »Göte?« riefen alle aus einem Munde.
    »Ja, Göte, meine Herren! Göte in der Iphigenia, Akt. V Scene 3. Schlagt
nach, wenn's Euch beliebt. Ja, Göte, der sein Ideal einer reinen Seele in der
Iphigenia aufstellt, die doch gewiss nicht vom Christentum befleckt ist, nicht
wahr, Florentin? Göte lässt sie jene Worte aussprechen: Und folgsam fühlt' ich
immer meine Seele am schönsten frei. Das gefiel mir so gut, weil es so wahr ist,
dass ich es behalten habe.«
    Uriel, der ein leidenschaftlicher Bewunderer Göte's war, fragte doch etwas
erstaunt:
    »Regina, liest Du Göte?«
    »Onkel Levin hat mir Iphigenia und Tasso gegeben, um mir eine Idee
beizubringen von der vollendeten Schönheit, deren unsere Sprache fähig ist.«
    »Die beiden Tragödien find' ich herzlich langweilig,« sagte Orest. »Aber der
Faust, erster Teil, der gefällt mir.«
    »Und mir Egmont und Götz von Berlichingen!« rief Florentin; »das sind meine
Leute: Kämpfer für die Freiheit!«
    »Nämlich für die Unabhängigkeit von Kaiser und Reich und von der
gesetzmässigen Regierung,« sagte Uriel.
    »Gib doch den beständigen Streit mit Florentin auf«, sagte Regina leise zu
Uriel. »Er setzt sich dadurch mehr und mehr im Widerspruch fest.«
    »Er wirft immer zuerst den Fehdehandschuh hin,« erwiderte Uriel, »und noch
dazu mit Behauptungen, die entweder ganz falsch oder verdrehte Wahrheiten sind.
Er ist überfüllt von jener furchtbaren Intoleranz, die dem Geist der Lüge eigen
ist, weil er weiss, dass er nur durch gewalttätige Unterdrückung der Wahrheit zur
Herrschaft kommen kann. Das darf man sich nicht gefallen lassen.«
    »Ach, Uriel! wie viel Intoleranz muss sich die Kirche gefallen lassen! und
sie schweigt dazu, nach dem Beispiel des göttlichen Heilandes, der auch duldete
durch den Lügengeist und dennoch schwieg. Was wird nur aus dem armen Florentin
werden!«
    »Ein Opfer des freien Denkens, womit er prahlt.«
 
                           Das Paradies und die Peri
Das Spätjahr löste den Familienkreis nach und nach auf. Hyazint ging zuerst
fort - in Seminar. Er musste dem Grafen versprechen, dass keine falsche Scham ihn
verhindern solle, den geistlichen Stand aufzugeben, wenn er denselben nicht als
seinen wahren Beruf erkenne. Levin sagte in seiner schlichten Weise:
    »Wandele vor Gott, bete fleissig, sei wachsam, kreuzige Dich und dann
vertraue der Gnade. Denke an den 77. Psalm: Das Ersehnte gab ihnen der Herr. Er
täuschte nicht ihr Verlangen.«
    »Hyazint,« sagte Uriel wehmütig, »Du magst wohl den besten Teil erwählt
haben! aber folgen könnt' ich Dir nicht. Es ist gewiss eine besondere Gnade
Gottes, dass nun schon so lange ein frommer Priester in unserer Familie ist, und
dass, wenn dereinst Onkel Levin von uns scheidet, das heilige Opfer aus seiner
Hand in die Deine übergeht.«
    Orest und Florentin sprachen anders zu Hyazint; allein die Farben, womit
sie ihm die Welt ausmalten, taten seinem reinen Auge weh, und die Gründe, durch
die sie ihn in der Welt zurückzuhalten suchten, waren eben die, weshalb er sie
meiden wollte, und was sie ihm von Glück und Freude und Genüssen erzählten,
bestärkte ihn nur in seiner Überzeugung, dass darin für ihn nicht der leiseste
Hauch von Befriedigung zu finden sei.
    »O lasst mich gehen,« sagte er schmerzlich, »quält mich nicht. Ich weiss, dass
ich den Weg zum ewigen Leben einschlage; aber ob Ihr nicht auf den Pfaden des
Todes wandelt: ach, das weiss ich nicht.«
    Er war wie der Heiland in der Wüste, dem die Engel dienten, nachdem der
Versucher geflohen war. Regina sagte zu ihm:
    »Hyazint, Du wirst nun ein Nachfolger unseres gekreuzigten Gottes werden,
und ich werde es in anderer Weise auch werden. Wir sind glücklich, wir wissen,
Wen wir lieben. Aber stehe mir bei mit Deinem Gebet; denn Du bringst Dich nach
Aussen in Sicherheit, während ich gleichsam in eine Arena zum Kampf mit wilden
Tieren hinabgestossen werde. Mir graut vor einer Welt, an welcher Orest und
Florentin hängen.«
    »Der heilige Johannes Chrysostomus sagt,« antwortete Hyazint, »eine
Jungfrau, die sich Gott verlobt habe, müsse durch die Welt wie durch eine Wüste
gehen, und während ihr Fuss auf Erden weile, mit ihrem Herzen im Himmel sein.
Sieh', damals gab es viele gottgeweihte Jungfrauen, welche durch diese und jene
Verhältnisse veranlasst wurden, in ihren Familien zu bleiben. Auch später hast Du
ähnliche Beispiele, und zwei der glänzendsten an den beiden Dominikanerinnen
dritten Ordens, die heil. Katarina von Siena und die heil. Rosa von Lima,
welche nie im Kloster lebten und doch die Welt mit dem Glanz ihrer Heiligkeit
bestrahlten. Halte Dich zu ihnen. Dazu haben wir ja die lieben Heiligen.«
    Er zog von dannen, wie ein Seliger, der den Ballast der Erde schon
abgeworfen und seinen Schwung zum Himmel genommen hat. Mit einer Art von Neid
sah Florentin auf ihn; nicht dass er sich gesehnt hätte, wie Hyazint zu sehen,
zu denken, zu glauben, zu sein; aber er missgönnte ihm diese klare Stille, diesen
Frühlingsmorgen in der Seele, den der Glaube mit seinem Gefolge von Frieden und
Liebe in ihr hervorruft. Nachdem Florentin, wie so manche junge Leute, an der
Klippe schlechter Bücher und schlechter Gesellschaft einen traurigen Schiffbruch
der Sittlichkeit gelitten hatte, liess er sich leicht blenden durch
philosophische Systeme und wissenschaftliche Studien, welche eine höhere
Erkenntnis ewiger Grundwahrheiten zu geben versprachen, indem sie die göttliche
Offenbarung als eine abgenutzte Antiquität beseitigten, die für den im
Fortschritt begriffenen Menschengeist ohne Geltung sei: und warf sich mit dem
Heisshunger und dem einseitigen Eifer einer zügellosen Jugend auf alle
antireligiösen Schriften, an denen die Zeit so überreich war, dass sie auf jedem
Gebiet des Denkens, in jedem Fach des Wissens wucherten. Sie entsprachen den
bösen Instinkten, die sich in ihm, wie in jeder Menschenbrust regten, indem sie,
die Abhängigkeit des Geschöpfes vom Schöpfer nicht anerkennend, dem Hochmut und
der Ichsucht schmeichelten, der Genussgier keine Schranken setzten, das
Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen masslos steigerten, und dem Menschengeist
die volle Omnipotenz zusprachen, welche sie dem Schöpfer und Regierer des Alls
absprachen, so dass jedes Individuum sich selbst, als seinen Gott, anbeten
durfte. Weil dies Zugeständnis aber für manche, in denen auch edle Instinkte
sich regten, abstossend gewesen wäre, so wurde die Vergötterung des Ich's
verschleiert durch die Vergötterung der Ideen. Die Freiheit, der Fortschritt,
die Gleichberechtigung aller Menschen, wozu natürlich auch die Emanzipation der
Frauen gehörte, waren die Stichworte, bei denen man in Begeisterung verfiel,
waren die Ideen, welche das Individuum, oder die Kotterie, oder die Partei,
nicht im Zusammenhang mit der ewigen Wahrheit, sondern subjektiv erfasst und
gedeutet, vergötterte. Diese Ideen sollten in der Seele und in dem Leben und
Streben des Menschen denjenigen Platz einnehmen, den bei dem Gläubigen Gott
einnimmt; man sollte sich selbst und andere nach ihnen bilden und für sie
hinopfern. So spann man sich in die Selbsttäuschung ein, ausserordentlich
unegoistisch zu sein, während man in der Tat das liebe Ich im Maskenkleid der
subjektiven Idee anbetete, wohlweislich die Vorsicht gebrauchend, die subjektive
Auffassung immer als die einzig richtige und allgemein anerkannte darzustellen.
Dass in Folge einer solchen Verfälschung der inneren Entwickelung des Geistes,
seines Strebens und seines Zieles, Unwahrheit, Verwirrung und Unruhe in ihm
herrschen, kann nicht befremden. Gott hat den Menschengeist geschaffen für die
Offenbarung und hat die Offenbarung gegeben für den Menschengeist. Es besteht
zwischen beiden eine übernatürliche, geheimnisvolle und doch ganz wahrhafte
Verbindung, wie sie in der Natur zwischen dem Sonnenstrahl und der Blume
besteht, die, vom Licht entfernt, farblos bleibt. Ausserhalb seines
Sonnenstrahls, der aus der Offenbarung auf ihn fällt und den Glauben in ihm
weckt, bleibt der Menschengeist verkrüppelt. Er fühlt es, aber er will es nicht
eingestehen; er sucht vielmehr nach anderen Sonnen, nach anderem Licht, und irrt
dabei immer weiter und weiter von dem Quell alles Lichtes ab und versinkt immer
tiefer und tiefer in jammervolle Finsternis und in unstillbaren Unfrieden. Ein
Zeichen dieses inneren Unfriedens ist es, dass der Glaubenslose den Gläubigen
nicht neben sich, nicht einmal auf der Welt dulden will. Er hat das gemein mit
dem Laster, welches auch gern die Tugend vertilgen möchte, die ihm ein Dorn im
Auge ist. Daher der Grimm des Unglaubens gegen das positive Christentum, das
sich am Bestimmtesten in der katolischen Kirche ausdrückt; daher sein Hass gegen
ihre Institutionen; daher die Verachtung, mit welcher er sie in ruhigen Zeiten
zu ignorieren - daher die Wut, womit er sie in gährenden und aufgeregten zu
vernichten sucht. Das alles wogte durch Florentins Seele. Er hatte mit dem
Glauben auch die Liebe verloren. Er wusste nichts von Dankbarkeit gegen den
Grafen, der ihn, den armen, gequälten, vernachlässigten Fischerbuben, zum Kind
seines Hauses gemacht hatte; nichts von Anhänglichkeit an die jungen Leute, mit
denen er als ein Bruder aufgewachsen war. Wie ein erstarrender Nachtfrost hatte
sich der Unglaube über alle Blütenknospen seines Gemütslebens gelegt. Der Glaube
verbindet tausend Herzen in der Liebe zu Gott; der Unglaube trennt sich von Gott
und vereinzelt somit Tausende, die wie vermauert in ihrem Ich stecken bleiben.
Ich bin ja doch kein Windecker, sagte Florentin bisweilen zu sich selbst; gehöre
ja doch nicht ihrer Kaste an; bin nicht gleichberechtigt, weder in ihren Augen,
noch in denen der Welt; habe nicht ihre Traditionen: deshalb muss ich meinen
eigenen Weg gehen. Im Herzen beneidete er sie alle: Uriel um die Hoffnung auf
Regina's Hand; Orest um die Aussicht auf Stamberg; Hyazint um seinen stillen
Frieden. Oftmals dachte er heimlich, diese drei Dinge müssten eigentlich ihm
gehören, und wenn er nur Regina und Stamberg besässe, würde sich der Friede wohl
von selbst finden. So unersättlich ist der Egoismus! und so wenig
berücksichtigte Florentin, dass Hyazint's Frieden auf Entsagung beruhe und nicht
auf Besitz. Von all' den Hoffnungen, welche die gute Gräfin Kunigunde an
Florentin geknüpft hatte, war noch keine in Erfüllung gegangen.
    Der Graf glaubte nicht, dass es Florentin ernst sei mit seinen
sozialistischen Tendenzen. Überhaupt hielten ja damals sehr viele diese Richtung
für eine solche, welche rein teoretischer Art sei und nur den Anspruch mache,
geschrieben, allenfalls gelesen, höchstens besprochen, doch nimmermehr gelebt zu
werden; er hielt sie eben für unmöglich, was sie freilich hinsichtlich der
Durchführung, doch gewiss nicht hinsichtlich eines Versuches sein mag. So hielten
im vorigen Jahrhundert auch sehr viele, welche sich ungemein an den Vorspielen
der Revolution in Schriften und Reden erfreuten und belustigten, deren Richtung
auf die Guillotine für unmöglich. Der Graf glaubte, Florentins irreligiöse und
sonstige etwas blasphematorische Ansichten wären nur eine Art von Reaktion gegen
die gar zu fromme Erziehung, die Kunigunde ihm, wie allen Kindern gegeben habe,
und jene mache sich Luft, indem sie in den Gegensatz umschlage. Er sagte ihm zum
Abschied, als Florentin zur Vollendung seiner Studien nach Würzburg ging:
    »Klammere Dich nur nicht allzu fest an Deinen Kommunismus und
Republikanismus. Mit den Studentenjahren müssen alle Überschwänglichkeiten
aufhören; denn da hört die Nachsicht auf, die man mit der erfahrungslosen,
hitzköpfigen Jugend hat. Ich verlange wahrhaftig keine Bigotterie von Dir;
allein Du musst Dich hüten, in ein entgegengesetztes und wahrhaft indezentes
Extrem zu verfallen.«
    Florentin versicherte dagegen, er sei äusserst gemässigt, wie sich das ja von
selbst verstehe für eine Richtung, die kein anderes Ziel noch Streben habe, als
wahre Humanität. Der Graf erwiderte:
    »Schon recht! Aber die Mittel, durch welche Du Deine wahre Humanität zu
verbreiten suchst, scheinen mir nicht eben gemässigt, sondern etwas inhuman zu
sein. Revolutionäre Querköpfe machen nirgends Glück, als in Revolutionen, und
die können wir nicht brauchen.«
    Regina gab an Florentin ein ganz kleines Büchlein in violettem Ledereinband
und sagte:
    »Lieber Florentin, wenn Sie einmal mit all' Ihren Weltverbesserungsprojekten
gründlichen Schiffbruch gemacht haben: dann wird dies kleine Buch Ihnen zeigen,
wohin und wie Sie sich retten können.«
    »Sie nehmen also meinen Schiffbruch für eine ausgemachte Sache an?« fragte
er beleidigt.
    »Ich hoffe darauf,« entgegnete sie liebreich. »Ich hoffe, dass das lecke
Schiff ohne Steuerruder und ohne Kompass, mit dem Sie sich in's Lebensmeer
hinauswagen wollen, sich recht bald in seiner Untauglichkeit ausweisen möge.
Dann werden Sie sich flüchten in die rettende Arche, und besseres kann ich Ihnen
nicht wünschen.«
    »Ah, die Nachfolge Christi!« sagte Florentin, das Büchlein aufschlagend;
»ich nehme es zum Andenken an ihren Fanatismus, Regina.«
    »Nehmen Sie es nur, Florentin,« entgegnete sie mild; »es war das
Lieblingsbuch der lieben Mutter.«
    Da führte er es hastig an seine Lippen und drückte einen Kuss darauf. Dann
reiste er ab. So lange er auf Windeck gewesen war, hatte er nicht ein einziges
Mal seine Stiefmutter und Stiefgeschwister besucht. Er vergass nie die schlechte
Behandlung, die er in seiner Kindheit von ihr erfahren hatte; und vergass
gänzlich, dass gerade dies ein Hauptgrund war, der ihn zum Pflegesohn der Gräfin
Kunigunde machte.
    Orest wollte nun auch fort. »Aber,« sagte er, »Soldat im Kriege, oder Soldat
in der Garnison zu sein, ist ein famoser Unterschied. Der Krieg versüsst alles,
auch die Subordination, die strenge Disziplin, das stramme Kommandieren und
Exerzieren, was in unseren philiströsen Zeiten äusserst lästig sein mag. Schade,
dass der Sonderbundkrieg zu Ende ist. Ich hätte ihn als Volontär mit machen und
zum General Salis gehen sollen! Es war hier aber ein recht lustiges Leben, und
darüber hab' ich's versäumt.«
    »Lässt Du Dich denn von gar nichts anderem bestimmen, als von einem lustigen
Leben!« rief Uriel ungeduldig.
    »Weshalb sollte ich das?« fragte Orest so unbefangen, als habe er nie von
einer anderen Richtschnur gehört.
    »Ich bitte doch recht sehr,« sagte der Graf, »dass Du einen bestimmten Beruf
wählst und ergreifst, damit Du nicht mit Deinem Hange zum lustigen Leben ein
charmanter Vagabunde wirst.«
    »Ich - ein Vagabunde! Aber Papachen, woran denkst Du! ich bin ja der
unermüdlich tätigste Mensch unter der Sonne!« rief Orest. »Sieh', jetzt denk'
ich nach Westfalen und nach Mecklenburg zu Parforcejagden zu gehen, zu denen ich
schon im vorigen Jahre eingeladen war. Nein! ein tüchtiger Reiter und Jäger
gehört zu den respektabelsten Menschen auf Erden, ist mutig, ausdauernd, rührig,
abgehärtet. Sind das nicht herrliche männliche Tugenden? Besjetzt sie ein
Vagabunde? In England würde ich vielleicht einen Sitz im Parlament erreiten und
erjagen. Ich - ein Parlaments-Mitglied! Ich - ein Lord vom Wollsack! Was
verlangst Du mehr? Ist es meine Schuld, dass Deutschland nicht so vernünftig wie
Old-England ist? Wärest Du meinesgleichen, so müssten wir uns schiessen, Papachen,
über dem Taschentuch schiessen; jetzt bleibt mir nichts übrig, als Dir zu
verzeihen.«
    »Du bist ganz wie Dein Vater!« sagte der Graf lachend; »der machte auch
immer Spass, und wollte man darüber ärgerlich werden, so spasste er so lange, bis
man über ihn und mit ihm lachen musste. Also amüsiere Dich auf Deinen
Fuchsjagden, Du hochherziger Nimrod, und brich Dir nicht den Hals dabei.«
    So war denn nur Uriel noch auf Windeck, und der Graf wollte, dass er bliebe,
bis die ganze Familie nach Frankfurt ginge. Regina sollte sich durchaus an den
Gedanken gewöhnen, mit Uriel verbunden zu sein und zu bleiben. Sie änderte ihr
Benehmen in keiner Weise; sie war, was sie sein wollte: eine Braut Christi. Sie
legte diese unüberwindliche Entschiedenheit gegen Uriel immer an den Tag, um
keine falsche Hoffnung in ihm zu wecken; gegen ihren Vater aber nie, weil es ihn
erbittert hätte und weil sie ja seine Zusage hatte, nach zehn Jahren sie ziehen
zu lassen. Widerstand und Ungewissheit löschen zuweilen eine Neigung aus und
zuweilen entzünden sie dieselbe zur Leidenschaft; das Letztere geschah bei
Uriel. Regina war für ihn der Inbegriff menschlicher Vollkommenheit; dieser Adel
der Seele, diese Lauterkeit des Herzens, verbunden mit so viel Schönheit, Anmut
und Geist, mit solcher Grazie und Güte, forderten ja recht zur Liebe auf. Wer
würde ein so herrliches Geschöpf Gottes nicht lieben? fragte er oft heimlich
sich selbst. Und dass sie diesen hohen Schwung des Gefühls und dabei diesen
grossartigen, opferfreudigen Willen hatte, um über alles Irdische hinweg zu sehen
und zu gehen - ach! wie gefiel ihm das! wie begeisterte ihn das für sie! wie
trieb das auch ihn an, den Dingen der Erde nicht den ungemessenen Wert
beizulegen, den die Welt ihnen leiht. Aber dass Regina's Besitz zu den Dingen der
Erde gehörte, das wollte ihm nicht einleuchten. Majorat, Vermögen, Karriere
erschienen ihm nichtig, keines Wunsches und keiner Anstrengung würdig, ohne
Einfluss auf sein Glück; doch Regina's Herz zu gewinnen war ein Streben, welches
die edelsten Kräfte seines Wesens anregte; Regina - Sein zu nennen, war eine
unerhörte Befriedigung dieses Strebens, denn er hätte sie ja Gott abgerungen;
mehr noch, er hätte ja den Sieg über Gott in ihrem Herzen davon getragen. So
sang ihm die Leidenschaft ihre bezaubernden Sirenenlieder vor. Der Gedanke an
einen irdischen Nebenbuhler hätte ihn gründlich durchkältet und auch den
leisesten Wunsch unterdrückt, ein Herz zu besitzen, das sich zu einem Anderen
neigte; denn Liebe - ist exklusiv. Aber der Gedanke an den göttlichen Rival gab
ihm Glut und Mut, und geadelt fühlte sich seine Liebe, weil sie gegen
Himmlisches in die Schranken trat. Der Graf freute sich über diese Gesinnung
Uriels; Levin warnte ihn sanft.
    »Wenn ich Dich um etwas bitten dürfte, lieber Uriel, so wär' es dies: lasse
Dich zur Gesandtschaft nach Wien, nach Rom, nach Paris oder wohin sonst Du Lust
hast, schicken; nur nicht nach Frankfurt. Du verbitterst Dir das Leben, und die
Wellen werden Dir so hoch an's Herz gehen, dass Du bald Deine Lage unaushaltbar
finden wirst. Du rechnest unbedingt auf einen günstigen Ausgang Deiner Wünsche;
ist er nun aber ungünstig, was dann?«
    »Was dann?« sagte Uriel befremdet. »Bester Onkel, was nach meinem Tode
geschehen wird, das weiss ich nicht. Ich behaupte nicht, dass ich ohne Regina
leiblicherweise sterbe, aber mein Herz stirbt, das ist gewiss.«
    »Möge es in Gott aufleben,« sagte der milde Greis, der wohl einsah, dass mit
der Leidenschaft nicht ruhig zu überlegen ist.
    Regina trennte sich mit schwerem Herzen von Windeck und von Onkel Levin,
der, wie der Schutzgeist des Hauses, unzertrennlich vom Schloss und der Kapelle
war.
    »Ich bin eine Art von Schnecke geworden, die mit ihrem Hause verwachsen
ist,« sagte er freundlich ablehnend, als alle, vom Grafen an bis auf Corona, in
ihn drangen, nicht so ganz allein auf Windeck zu bleiben. »Hier ist mein
Standquartier, mein Wachposten, gleichviel ob es hier einsam oder gesellig
hergehe. Überdas würde ich in der Stadt gar nichts von Euch allen haben: Uriel
soll diplomatisieren, Regina sich amüsieren, Corona studieren; der Papa und die
Tante müssen ein Haus machen und alle Sorgen des Lebens in der Gesellschaft auf
sich nehmen; was sollte Onkel Levin, der alte Nichtstuer, mitten in Eurer
grossartigen Geschäftigkeit anfangen? Nein! er bleibt hier, in seinem Geleise,
wie es sich für alte Leute schickt.«
    »Und tut alles Gute, wofür wir keine Zeit haben,« ergänzte die Baronin
Isabelle.
    dabei blieb es. - -
    - - - - - - - - - - - - -
    Der November mit seinen Stürmen und seinem ersten Schnee hatten auch Judit
und ihre Mutter aus dem Gartenhause in die Stadt getrieben. Ernest kam eines
Morgens strahlenden Angesichts zu ihr und sagte:
    »Fräulein Judit, ich male jetzt ein Bild, wodurch man versöhnt wird mit der
Porträtmalerei! Ich male zwei Schwestern, Töchter des Grafen Windeck, Mädchen
von zwölf und von siebenzehn Jahren, die anziehendsten Physiognomien, die ich
seit langer Zeit sah. Stellen Sie sich vor die Gestalt einer Hebe und den Kopf
einer Heiligen, das ist die Älteste. Die Kleine aber sieht so romantisch
interessant aus, als ob etwas von einer Mignon, von einer Ophelia in ihr stecke.
Ich hatte beide seit ein paar Tagen in der Siebenuhrmesse im Dom bemerkt. Ganz
einfach gekleidet, in grosse Schäferplaids verhüllt und mit schwarzen Samtüten,
kamen sie zu Fuss, auch bei dem schlechtesten Wetter, mit einer Begleiterin,
Gouvernante, Kammerfrau, was weiss ich! und einem Livrediener. Ich traute meinen
Augen nicht, als ich zum erstenmal sah, dass sich diese grossmächtige Figur im
mauerfarbenen langen Rock hinter ihnen aufpflanzte; denn Sie müssen wissen,
Fräulein Judit, Damen mit Livreedienern sind quasi Phönixe in der
Siebenuhrmesse! Und diese beteten mit einer Andacht, mit einer Sammlung, ohne
die Augen aufzuschlagen, ohne sich zu regen und zu bewegen, immer auf den Knien,
immer so tief geneigt, wie anbetende Engel, dass ich vom blossen Anblick teilweise
ganz andächtig, teilweise ganz zerstreut wurde. Wüssten die Frauen, wie schön
ihnen die Andacht steht, sie würden alle fromm werden wollen! Einstweilen
vertrauen sie mehr der Schönheit, welche das Modejournal, als der, welche das
Gebetbuch gibt. Vorgestern nun kommt ein Graf Windeck zu mir und bittet mich,
seine Töchter zu malen. Ahnungslos sag' ich ja; sie möchten nur kommen. Und wer
tritt gestern in mein Atelier? meine Beterinnen. Sie wissen, Fräulein Judit,
wie es in meinem Atelier aussieht: konfus genug! Kann nicht anders sein. Dazu
war gestern ein extraordinär trüber Tag. Nun, ich sage Ihnen, als sie eintraten,
glitt gleichsam ein Sonnenstrahl mit hinein und machte alles ganz licht und
klar. Die Kleine war rosenfarben gekleidet; die Älteste weiss, und sie trug in
der Hand einen Kranz von Scabiosen. Plötzlich setzt sie sich diesen Kranz auf
und sagt, so wünsche es der Vater. Können Sie sich eine Vorstellung von meinem
grenzenlosen Erstaunen machen?«
    »Nein, ganz und gar nicht,« sagte Judit. »Die Scabiose ist freilich keine
schöne Blume.«
    »Fräulein Judit! unter tausend Frauen, die eines Spiegels mächtig sind,
setzen sich neunhundert neunundneunzig ihre Schlafhaube mit mehr Feierlichkeit
auf, wie dies schöne Mädchen den Blumenkranz, mit welchem ihre Schönheit
verewigt werden soll! O Gott! das ist ein ganz grossartiger Seelenzug!«
    »Alle Welt spricht von dieser Komtesse Windeck,« sagte Judit mit ihrem
Anflug von kaltem Hochmut. »Sehr schön und sehr reich, das ist ja Grund genug,
um die Welt zu elektrisieren. Gestern auf dem Diner bei der Mama war viel von
ihr die Rede und ein paar Herren schienen sehr zu bedauern, dass sie mit ihrem
Vetter verlobt sei. Ich meinesteils kann mir eine deutsche Komtesse gar nicht
anders denken, als langweilig und sentimental, so gewiss veilchenblau, halb
duftig, halb fade.«
    »Ich bin leider zu wenig bewandert unter den deutschen Komtessen,« sagte
Ernest lachend, »um über die Richtigkeit dieses Charakterkolorits urteilen zu
können. Indessen glaub' ich doch, dass Regina von Windeck sich Ihres Beifalls
erfreuen wird. Nach Weihnachten beginnt ja das Leben in der Gesellschaft; dann
werden Sie meinen Phönix kennen lernen.«
    »Leider muss ich in die Welt gehen, da meine Eltern es durchaus verlangen,«
sagte Judit. »Es sollte mich recht freuen, wenn ich jemand in dem
tumultuarischen Wirrwarr fände, der mir gefiele.«
    »Nun, nun! es gibt ja doch gar manche angenehme, gute und kluge Leute in der
Welt! man muss nicht gar zu übergewaltige Ideale haben,« sagte Ernest gutmütig
und munter.
    »Sie sind freilich mit allen Menschen zufrieden; das hab' ich schon
bemerkt,« erwiderte Judit.
    »Bis auf einen gewissen Punkt - ja! sie sind alle geschaffen, wie ich, nach
dem Ebenbilde Gottes, und die Nächstenliebe lehrt mich, bei allen anzunehmen,
dass sie, wie ich, sich bestreben, dies göttliche Ebenbild, welches jeder von uns
durch seine Sünden so sehr verwischt hat, nach Kräften wieder in sich
herzustellen. Eine fix und fertige Vollkommenheit suche ich aber nicht
hienieden.«
    »Es gibt aber böse Menschen, bei denen Sie jenes Bestreben unmöglich
annehmen können. Was halten Sie von denen?«
    »Das lehrt mich der heilige Augustinus, welcher sagt: Glaubet nicht, dass die
Bösen so umsonst auf der Welt seien, und dass Gott nichts Gutes durch sie wirke!
Jeder Böse lebt, entweder damit er gebessert, oder damit der Fromme durch ihn
geprüft werde.« Sehen Sie! ich muss also für ihn hoffen und für ihn beten, damit
sich die Hoffnung erfülle; und daraus wird denn in meinem Herzen ein Etwas, das
im verkleinerten Massstab der Liebe nicht unähnlich ist, welche Gott für uns arme
Sünder hat. Die Bösen werden mir also ganz unabsichtlich zum Mittel, das
göttliche Ebenbild in mir herzustellen.«
    »Ich hasse sie, besonders wenn sie mich kränken,« sagte Judit.
    »Das begreift sich,« sagte Ernest kalt.
    »Warum sehen wir denn aber die Menschen so ungeheuer verschieden an? das
kann ich ganz und gar nicht begreifen,« sagte Judit sinnend.
    »Weil ich an den menschgewordenen und gekreuzigten Gottessohn glaube,«
erwiderte Ernest; »Sie aber nicht.«
    »Und da halten Sie sich denn für unendlich viel edler und besser als mich?«
fragte sie schneidend.
    »Fräulein Judit!« entgegnete Ernest liebreich, »wofür ich mich selbst
halte, das sag' ich unter vier Augen dem lieben Gott, der zu dem Zweck der
Selbsterkenntnis eine heilsame und gnadenvolle Anstalt in seiner Kirche
angeordnet hat, welche das Sakrament der Busse heisst; aber ob ich berechtigt bin,
meinen Glauben für edler und besser zu halten, als Ihren Glauben - oder
Unglauben: das werden Sie sich allein beantworten können.«
    Judit konnte es gar nicht lassen, ernste Gespräche mit Ernest anzuknüpfen,
denn trotz ihrer Jugend hatte sie eine Kraft in ihrem Charakter, die es ihr
unmöglich machte, auf der Oberfläche des Lebens ihr Genügen zu finden; diese
Richtung war eine Reaktion gegen die unsägliche Oberflächlichkeit, welche sie
umgab. Aber ebenso wenig konnte sie es unterlassen, sich zuweilen so scharf und
herb gegen Ernest auszusprechen, als ob sie ihn geflissentlich verletzen wolle;
denn Kraft des Charakters ist noch lange nicht Adel der Seele. Die tiefe Kluft,
die zwischen einer natürlichen guten Anlage und einer Tugend liegt, trennt sie,
und Judit, die mit Stolz auf ihrer selbstbewussten Kraft ruhte, fühlte
instinktmässig, dass ihr in Ernest etwas Edleres und Höheres entgegentrete, was
sie nicht anerkennen wollte und deshalb gering zu schätzen suchte. Sie ertappte
ihn aber nie auf der leisesten Bitterkeit oder Verstimmung, wenn sie ihm herbe
widersprach, und das musste sie denn wieder sehr bewundern. Denn, sprach sie oft
heimlich zu sich selbst, ich bin auch entschieden, aber hart und schneidend, und
er ist mild bei der grössten Entschiedenheit. - -
    - - - - - - - - - - - - - -
    Auf einem Ball bei dem österreichischen Gesandten sollte Regina zum
erstenmal in der grossen Welt erscheinen. Sie hatte sich mit dem Gedanken
vertraut gemacht, dass es für die nächste Zeit ihre Bestimmung sei, in der
Gesellschaft zu leben und sie unterzog sich dieser Pflicht, wie jeder anderen,
mit lieblicher Bereitwilligkeit. Aber ihr inneres Leben liess sie sich nicht
antasten und ihre frommen Gewohnheiten behielt sie bei. Sie hatte den Grafen
gebeten, sie jeden Morgen zur Messe nach dem Dom fahren zu lassen.
    »Warum nicht gar!« erwiderte er; »Sonntag genügt.«
    Sie liess sich auf keine Bitten und Erörterungen ein; aber sie sagte der
Baronin Isabelle, dass sie täglich in den Dom gehen werde, und zwar früh genug,
um hernach vollkommen angekleidet beim Frühstück zu erscheinen, wie der Graf es
liebte. Die Baronin war eine ängstliche Seele, die es weder mit dem lieben Gott
noch mit den Menschen verderben wollte, wobei denn freilich jener häufiger zu
kurz kam, als diese. Sie warnte denn auch jetzt Regina vor dem Zorne des Grafen.
    »Ach,« sagte Regina, »der gute Vater ist ja gar nicht so leicht erzürnt. Er
hat mir auch nichts verboten; nur will er seine Pferde schonen, wie das nun
einmal die Art der Herren ist. Ich gehe auch viel lieber.«
    »Aber Du wirst Dich erkälten,« sagte die Baronin.
    »Abhärten werd' ich mich, liebe Tante, und das ist mir recht notwendig, denn
die Karmelitessen stehen nachts zum Chorgebete auf.«
    »Das wäre ein Grund mehr, Dich zurückzuhalten,« seufzte die Baronin und
Corona rief, die Schwester zärtlich umschlingend:
    »O, das fatale Kloster! dahin gehe ich gewiss nicht mit Dir! aber ausserdem
.... bis an's Ende der Welt und folglich auch alle Tage in den Dom.«
    Der Graf erfuhr keine Silbe von dem Morgengang seiner Töchter. Er fragte
nicht weiter, und obwohl alle im Hause darum wussten, hatte doch niemand das
Herz, Regina zu verraten.
    Am Ballabend klopfte Uriel an die Türe der jungen Mädchen. Corona steckte
den Kopf heraus, und er sagte:
    »Der Papa schickt mich zu Regina.«
    »Du kannst sie nicht sprechen,« antwortete sie leise.
    »Nun, so sage ihr, dass sie sich mit der Toilette nicht zu übereilen brauche;
der Papa macht noch erst ein paar Besuche.«
    »O, sie ist angekleidet, und wunderschön!« flüsterte Corona.
    »Dann darf ich ihr selbst meinen Auftrag ausrichten,« sagte Uriel und wollte
in's Zimmer treten.
    »Nein, nein, Uriel! sie will nicht gestört sein!« rief Corona, immer mit
halber Stimme und stellte sich mit ausgebreiteten Armen in die Türe, um den
Eingang zu verteidigen. »Sie fürchtet nach der Rückkehr vom Ball zu müde zu
sein, um den Rosenkranz aufmerksam beten zu können und deshalb tut sie es
jetzt.«
    »Im vollen Ballanzug?« fragte er.
    »Und in einem allerliebsten!« sagte sie triumphierend.
    Mit einer raschen Bewegung drehte Uriel ganz sanft Corona zur Seite und trat
ins Zimmer; es war leer. Als sich Corona besiegt sah, legte sie einen Finger auf
die Lippen und deutete mit der anderen Hand auf eine Seitentür, die nur durch
Vorhänge geschlossen war. Der Fussteppich machte jeden Schritt unhörbar. Aber
Uriel schlug den Vorhang nicht zurück. Er blieb diesseits desselben stehen, denn
er wollte nichts, als Regina sehen, und da die Vorhänge nicht fest schlossen, so
sah er sie durch deren Spalte gerade vor sich im Profil. Eine
Muttergottesstatuette stand unter einem Bogen von Lilien auf einer Konsole an
der Wand. Regina kniete vor ihr auf einem Betstuhl, die Arme auf dessen Lehne
gestützt, in den zusammengelegten Händen die zierliche Perlenschnur eines
Rosenkranzes von Onyx haltend, den Kopf und das Auge. aufwärts gehoben. Ihr
rosenfarbenes Florkleid wellte sich wie ein Frühlingsmorgengewölk um ihre
schlanke Gestalt. Einige blassrote Teerosen hingen leicht in ihrem Haar, das ganz
einfach mit zwei grossen goldenen Nadeln aufgesteckt war, deren Knopf ächte
Perlen verzierten. Übrigens trug sie keinen Schmuck, nicht einmal ein Armband.
Ein Strauss von frischduftenden Teerosen und ihre Handschuhe lagen neben ihr; sie
war also ganz bereit zum Ball, aber ihre Gedanken wendeten sich nicht ihm zu!
die gingen auf anderen Wegen, als auf dem Parkett eines Tanzsaales, und hörten
andere Melodien, als die eines Galopps, und sahen andere Gestalten, als
ballmässig geschmückte Elegants. Ebenso regungslos wie Regina auf den Knien lag,
stand Uriel hinter dem Vorhang, der sich, wie die Schranke der Irdischkeit über
eine himmlische Vision, herabsenkte und ihm nur gerade einen Durchblick gönnte,
um sie wahrzunehmen. Und als er so dastand und auf dies holdselige Wesen
schaute, das ihm verlobt von der Wiege an und jetzt auf's neue zugesagt und
durch alle Wünsche und alle Verhältnisse mit ihm verkettet war: da wurde ihm das
Herz und schwer immer schwerer, und der namenlose Schmerz stieg in ihm auf, der
sich im Innersten seiner Seele entwickelt, wenn sie durch die Macht der
Leidenschaft gleichsam als Hellseherin in die Zukunft ihrer Liebe schaut und
dort, trotz aller Gunst der Verhältnisse, ihre Hoffnungen unerfüllt sieht.
Solche Ahnungen oder Warnungen fliegen an das Menschenherz, wie Möven an die
Küste: der Himmel lächelt, die Sonne strahlt, das blaue Meer wogt goldbeflittert
vom Sonnenschein in weichen, verrieselnden Wellen; aber der Schiffer weiss, es
gibt Sturm, denn von der hohen See kommen die Möven. Traurig mit seinem
ahnungsvollen Herzen stand Uriel da. Er konnte sich der Stimme nicht erwehren,
die in seiner Brust ihm zuflüsterte, diese Blume im Garten Gottes blühe nicht
für einen Sterblichen. Auch er vergass den Ball und die Welt und die Zeit, und
seufzte still mit einem Anflug von zärtlicher Resignation: Du mystische Rose -
bitte für mich. Da veränderte Regina ihre Stellung, machte das Kreuzzeichen und
begann halblaut die herrliche Antiphone Salve Regina, dies Sehnsuchtslied der
Verbannten nach der himmlischen Heimat. Leise trat Uriel zurück und entwich aus
dem Zimmer.
    Nach einiger Zeit kam sie in den Salon, wo die Baronin, Uriel und der Graf,
der seine Besuche abgemacht hatte, beisammen sassen. In des Grafen Gegenwart
fühlte sich Uriel beschützt in seinem Recht und seiner Neigung, Regina nicht
bloss stillschweigend anzubeten. Er sprang freudig auf, ihr entgegen, beugte ein
Knie vor ihr und rief:
    »Salve Regina!«
    »Wo wäre mein Szepter?« fragte sie und drohte scherzend mit dem Finger.
    »Dein Finger ist's!« sagte er und küsste schnell die Spitze dieses zierlichen
Fingers.
    Sie antwortete nichts; sie zog nur ihre Handschuhe an.
    »Regina,« sagte der Graf, »Du bist aber über allemassen hochfahrend! Da liegt
ein liebenswürdiger Sterblicher vor Dir auf den Knien und Du reichst ihm nicht
einmal Deine Hand, damit er aufstehe.«
    »Warum sollte ich das, lieber Vater?« entgegnete sie lachend; »Uriel hat
sich ja zu seinem Vergnügen in diese höchst malerische Stellung geworfen; ich
würde es für ein Verbrechen halten, ihn darin zu stören.«
    »Wärest Du nicht ein Engel, Regina,« sagte Uriel, »so hättest Du, glaub'
ich, grosse Anlagen zur Bosheit.«
    »Frauenart!« sagte der Graf; »hinter dergleichen Bosheit steckt immer etwas
Koketterie.«
    »Das heisst?« fragte Regina.
    »Das heisst: die Neigung in aller Gemütlichkeit möglichst vielen Männern den
Kopf zu verdrehen.«
    »Aber, lieber Vater, das ist ja abscheulich!« rief Regina. »Das wirst Du mir
doch nicht zutrauen! - Ich bin froh, wenn mir mein eigener Kopf nicht verdreht
wird.«
    »Es ist auch nicht so arg, wie der Vater scherzweise sagt, Regina,« wendete
die Baronin ein. »Zwei oder drei charakterisieren nicht das ganze Geschlecht.«
    »Liebe Schwägerin,« erwiderte der Graf, »man sollte es wohl eigentlich nicht
in Gegenwart eines jungen Mädchens sagen, weil es auf den Einfall kommen könnte,
die Sache auch einmal zu versuchen; aber ich habe die Überzeugung, dass jene
Neigung den Frauen angeboren ist - wie die Eitelkeit.«
    »Darüber will ich nicht streiten,« entgegnete sie; »es mag wohl mit der
Eitelkeit zusammenhängen. Allein gute und vernünftige Frauen suchen ihre
natürliche Neigung zu Eitelkeiten aller Art zu beherrschen. Malen Sie die Welt
nicht schwärzer, als sie ist.«
    »Im Grunde kann man sie gar nicht schwarz genug malen,« sagte der Graf.
»Trüge sie nicht ihr buntes Maskenkleid, das mitunter anmutig ist, man liefe
davon! Überall jetzt in der Gesellschaft diese Juden! das ist unerhört. Und
warum sind sie aufgenommen? Bei dem einen heisst's: er ist enorm reich; bei dem
anderen: er ist ein grosses Genie, ein musikalisches, ein poetisches - was weiss
ich! Aber Geld und Genie haben mit dem Salonleben gar nichts zu schaffen; denn
das beruht auf der Tradition von gutem Ton, und den kann man nicht kaufen und
auch nicht durch Genie erwerben. Daher kommen ganz falsche Elemente in dasselbe,
und es wird in die Höhe geschraubt zu wahnwitzigem Luxus und zu einer
lächerlichen Vergötterung des Geistreichen, des Genialen. Warum? - um mit Juden
zu rivalisieren. Die Welt ist höchst einfältig! sind solche Leute salonfähig, so
werden sie auch nächstens politische Gleichberechtigung begehren und Allianzen
mit unseren Familien für möglich halten, was denn freilich mit Florentins
Glückseligkeitsteorien übereinstimmt, vor denen uns Gott behüte.«
    »Die Juden unserer Tage kommen mir wie die Freigelassenen im alten Rom vor,«
sagte Uriel. »Eben aus der Sklaverei entronnen, häufig voll Talent und Verstand,
ohne Heimat, fremd im Staatsbürgertum trotz ihrer Freilassung, rächten sie sich,
zum Teil unbewusst und unabsichtlich, für die Tyrannei, die auf ihren früheren
Verhältnissen drückte, und für die halbe Gunst, die ihnen in den neuen zu teil
wurde und die ihrem erwachten Ehrgeiz nicht genügte, indem sie Zustände zu
zersetzen und zu zerstören suchten, welche auf einem ihnen feindlichen Prinzip
beruhten. Ihr ränkevoller Verstand, ihre Schlauheit, um tausend Mittel und Wege
zum Ziel ausfindig zu machen, ihre ungezügelte Gier nach Einfluss und Genuss, ihre
Talente, die sich leicht da entwickeln, wo auf die Entwicklung gediegener
Vorzüge und sittlicher Tugend nicht viel Zeit und Mühe verwendet wird, warfen
ein furchtbares Gewicht der Demoralisation in die sinkende Schale des alten Roms
und halfen es reif machen zum Untergang vor den Barbaren. Und so kommen mir in
unseren Tagen die Juden vor, diese Freigelassenen einer Civilisation, welche
ihnen Rechte einräumt, ohne sie als gleichberechtigt zu betrachten und ihnen
eine unvollständige Ebenbürtigkeit zuweist, die ihnen nicht zukommt, weil sie,
als Nichtchristen, auch nicht verwachsen sind mit den Traditionen der
christlichen Vergangenheit. Ihre Traditionen sind so, dass sie uns hassen müssen;
nicht individuell, aber in unserem Prinzip. Denn wir sind die Anhänger und
Nachfolger des Gottes, den sie gekreuzigt haben. Diese Kreuzigung setzen sie
fort, so viel an ihnen ist, indem sie die Lehre vom Kreuze zu vernichten suchen.
In der Literatur und Journalistik, in den schönen Künsten und Wissenschaften
wimmelt es von Juden, die zum Teil mit Genie und Talent, zum Teil mit frecher
Unwissenheit, jeder in anderer Weise, das Christentum zersetzen, verfälschen,
benagen, ignorieren, verleumden, verhöhnen, mit einem Wort: das Ihre tun, um es
zu beseitigen.«
    »Aber wer glaubt ihnen?« fragte Regina.
    »Nicht als Glaubenslehrer treten sie auf,« entgegnete Uriel. »Das tief
Antichristliche ihrer Weltanschauung, das sie auf ihrem Standpunkt haben müssen,
kleiden sie in das blendende Gewand, welches ihr Talent webt und die grosse
Menge, der überhaupt nichts ferner liegt, als einen christlichen Massstab an die
Erscheinungen auf dem grossen Markt des Lebens zu legen, bewundert alles, was
amüsant, pikant, frappant und brillant ist, kümmert sich nicht darum, ob eine
objektive Wahrheit die Flamme ist, an der sich diese Lichter entzünden, sondern
betrachtet sie selbst als Wahrheit, bloss deshalb, weil sie glänzen, und bildet
sich allmählig zu den Ansichten und Urteilen um, die sie, hauptsächlich wegen
der Darstellungsart, so sehr bewundert. Wie einst Voltaire die gröbsten Lügen
und frechsten Verleumdungen mit gewandtem Wort und leichtem Witz vorbrachte,
wütenden Beifall fand und den verderblichsten Einfluss übte, weil die grosse Menge
es für eine Art von Schmach gehalten hätte, ein solches Genie nicht zu
bewundern, und für eine Unmöglichkeit, dass ein solches Genie nicht Wahrheit und
Recht auf seiner Seite habe: so ist es auch jetzt bei einer Menge von Voltaire's
im kleinen Stil, die keineswegs lauter Juden sind, aber mit ihnen das
Antichristliche gemein haben. Darauf beruht die Grösse vieler Sommitäten der
Gegenwart: sie sind das, was man so unmässig überschätzt, sie sind geistreich in
jener oberflächlichen Weise, welche dem Durchschnittsmass der Menge entspricht -
und weil sie es sind, lässt man sich die geistige Falschmünzerei gefallen, die
sie treiben, indem sie Falsches oder Verkehrtes und Halbwahres mit dem Gepräge
ihres Geistes als Wahrheit stempeln und in der Welt in Kurs setzen.«
    »Also überwiegt wohl gar das Antichristliche das Christliche in der Welt?«
fragte Regina.
    »In dem, was man im engeren Sinne die Welt nennt, ganz entschieden!« sagte
Uriel; »und zwar so sehr, dass sie meint, es sei ihr Recht und das Christentum
habe draussen zu sitzen in beliebigen Kirchen und Betäusern, wo es frequentiert
werden könne von unwissenden, ungebildeten, geistlosen Leuten, von
Scheinheiligen und Betschwestern männlichen und weiblichen Geschlechtes. Wer
seinen Fuss in einen Salon setze, müsse auf dessen Schwelle in das
Antichristentum, d.h. in die Vergötterung des Irdischen verfallen und dessen
Kodex zur Richtschnur wählen: also die Gesetze der Selbstsucht und der
Leidenschaften befolgen, welche dem Individuum zur Entfaltung seiner Ansprüche
und zum Ziel seiner Bestrebungen verhelfen.«
    Regina legte ihren Rosenstrauss auf den Tisch, zog ihre Handschuhe aus und
sagte ernst:
    »Lieber Vater, Du kannst mir unmöglich zumuten, meinen Fuss in einen Salon zu
setzen. Ich bin Christin und will es immer und überall sein - in der
Gesellschaft wie zu Hause. Auf die Weltvergötterung lasse ich mich nicht ein.«
    Der Graf, der mit seiner prinzipienlosen Oberflächlichkeit immer nach der
Laune des Augenblickes oder nach persönlichem Wohlgefallen oder Missfallen
urteilte, war höchst verdriesslich, eine Erörterung hervorgerufen zu haben, die
ihn langweilte und die Regina ernstaft nehmen wollte.
    »Welche Torheit, Regina! welcher Professorenton, Uriel!« rief er unmutig.
»Ich spreche von dem Bankier Miranes, den sein kolossaler Reichtum und seine
schöne Tochter salonfähig macht, und davon nimmt Uriel Veranlassung, sich auf
den Kateder zu schwingen und gegen das Weltverderbnis Moralpredigten zu halten,
und Regina glaubt ihm plötzlich, wie einem Evangelisten.«
    »Ich habe Uriels Wahrhaftigkeit nie bezweifelt,« sagte Regina, »und da ich
weiss, dass der Mensch ein gefallener Geist ist, so leuchtet es mir sehr ein, was
Uriel eben sagte, dass nämlich in einer Welt, die von Christus nichts wissen
will, Götzen herrschen müssen, die man nicht anbeten darf.«
    »Kind, nimm die Dinge nicht so langweilig gründlich!« sagte der Graf immer
verdriesslicher. »Du wirst die Gesellschaft doch nicht reformieren. Der Salon ist
keine Kirche und soll keine sein; und wie die Menschen im Salon beschaffen sind
- das geht Dich ebenso wenig an, als wie sie auf der Strasse beschaffen sind. Du
sollst mit ihnen sprechen und tanzen: - basta.«
    »Ich glaube gar nicht, dass Du viel von meiner Wahrhaftigkeit hältst,
Regina,« unterbrach Uriel die Strafrede; »denn wenn ich sage: nimm Deinen
Rosenstrauss wieder in die Hand, dann siehst Du aus wie die Aurora von Guido Reni
- wirst Du mir glauben?«
    »Ich werde glauben,« antwortete sie lächelnd, »dass Du wahrhaft in das
Antichristentum, wie Du es charakterisiert hast, verfallen bist.«
    »Sieh, Regina,« sagte der Graf freundlich, »so ist es recht. So musst Du
sprechen, so musst Du antworten. Glatt wie ein Aal, munter wie eine Lerche, das
ist charmant und ist eine gute Ballstimmung.«
    Die Schule, welche Regina bei ihrem Vater durchmachen musste, war ihr eine
Vorübung für das Leben in der Gesellschaft: dort wie hier eine beständige
Selbstverleugnung ihrer tiefsten Neigungen. -
    Man war gespannt, Regina auf einem Ball zu sehen. Nicht bloss die junge
Männerwelt; das versteht sich von selbst! auch die Frauen waren wenigstens
neugierig. Der Ruf ihrer Schönheit brachte das mit sich. Aber sie war von einer
so seelenvollen Schönheit und dabei so einfach und unbefangen, so ganz ohne
Ansprüche, dass ihre Liebenswürdigkeit gleichsam ihre Schönheit in Schatten
stellte.
    »Sie sieht gar nicht interessant aus,« sagte ein junger Mann, dem die
Überzeugung aus den Augen schaute, dass er selbst mit seinen dunkeln Locken und
seinem marmorfarbenen Antlitz interessant aussehe wie Lord Byrons »Corsar«.
    »Sie sieht aus wie ein harmloses Kind,« sagte ein anderer, ein grosser
Herzenseroberer; und erwog bei sich selbst, ob es der Mühe wert sei, diese
Eroberung zu versuchen.
    »Sie sieht aus wie die persische Anahid,« sagte ein Dritter, ein ungemein
belesener Jüngling. Da natürlich kein Mensch wusste, wer die persische Anahid
sei, so setzte er zur Erklärung hinzu: Ihre Schönheit zog zwei Engel vom Himmel
herab, die ihr von Liebe sprachen. Aber Anahid hörte nicht darauf, sondern liess
sich von den Engeln das geheimnisvolle Wort nennen, das in den Himmel
zurückführte. Und als die Engel es genannt hatten, sprach Anahid es aus,
schwebte vor ihren Augen in den Himmel hinein und wurde in den Morgenstern
versetzt, während die Engel mit goldenen Ketten an den Füssen in einem Brunnen zu
Bagdad aufgehängt wurden bis zum jüngsten Tage.«
    »Was die alten Chinesen sich doch für Unsinn ausdachten,« sagte ein Vierter,
der einzige, welcher die Anahids-Sage zu Ende gehört hatte, dessen Kenntnis vom
Orient sich aber auf China beschränkte, wegen des Opiumkrieges und des
chinesischen Tees.
    Der belesene Jüngling war so betreten über diese Bemerkung seines einzigen
Zuhörers, dass er sich mit kalter Verachtung von ihm wegwendete. Wie würde er
triumphiert haben, wenn er gewusst hätte, dass wirklich etwas von Anahids
Himmelssehnsucht in Regina sei! - Ein Fünfter hatte inzwischen bedachtsam
geäussert:
    »Wenn sie auf der Goldwage der Schönheit nicht besteht, so ist es mit dem
Vermögen auch nicht anders. Es soll alles zum Majorat gehören.«
    »Ist nicht wahrscheinlich! Graf Windeck ist ein sehr guter Wirt, und hat
gewiss gesorgt für seine Töchter.«
    »Ja, in der Weise, dass er sie beide mit seinen Neffen verheiratet.«
    »Und dann ist ja auch noch eine steinreiche Grossmama in irgend einem alten
Schloss des Odenwaldes vorhanden, die freilich in zweiter Ehe vermählt, aber
kinderlos ist.«
    »Welch eine gründliche Kenntnis der Windecker Vermögensverhältnisse!«
    »Tritt man die Winterkampagne eines Karnevals an,« lautete die Antwort, »so
muss man sich gehörig orientieren, um nicht falscher Fährte zu folgen. Zuweilen
sind die Aushängeschilder ungeheuer prahlend und doch steckt nichts Solides und
Reelles dahinter. Wo es Majorate gibt, steht's nie brillant mit den Töchtern; es
sei denn, dass die Mutter eine Erbtochter oder sonst sehr reich sei, was aber
hier nicht der Fall war.«
    »Nun und die schöne spanische Donna, die eben jetzt neben der Gräfin Windeck
steht, wie die Sternennacht neben dem Frühlingstag, um mich poetisch
auszudrücken, bauen ihre spanischen Dublonen eine goldene Brücke über die Kluft
der Alliance mit einer Jüdin?«
    »Es ist etwas mysteriös mit dieser Familie,« erwiderte der Bedachtsame. »Der
Papa soll ein rasender Spekulant sein, und Mutter und Tochter sollen in London
das Mosaische Gesetz verlassen und sich einer der dort wimmelnden Sekten
angeschlossen haben. Vielleicht ist dies aber nur ein Gerücht, wie tausend
andere! und vielleicht breiteten sie selbst es aus, um mit weniger Schwierigkeit
in der haute volée eine Partie für die Tochter zu finden, die wegen ihrer
Schönheit freilich dahin gehört.«
    »Das ist richtig: sie macht alle übrigen Damen tot, diese Judit; aber sie
hat ein Etwas, als ob sie auch allenfalls einem Holofernes den Kopf abschneiden
könnte.«
    »Mais, mon cher! wie können Sie solche gewagte Urteile in die Welt
hineinschleudern. Den Kopf abschneiden! ich bitte Sie, wie wäre das möglich in
der hypereleganten Gesellschaft unserer Tage.«
    »Dass diese hyperelegante Gesellschaft auch eine schauderhafte Kehrseite hat,
ist uns allen im vorigen Sommer bei den grässlichen Scenen im Hotel de Praslin2
in Paris wohl recht klar vor Augen getreten. Übrigens haben Sie ganz recht: man
muss dergleichen zu vergessen suchen und möglichst wenig davon reden.«
    Ungeteilten Beifall fand Regina nur in der Damenwelt; ja, diese bemühte
sich, sie recht hervor zu heben, um dadurch indirekt Judit herab zu drücken,
die von den meisten Männern unmässig bewundert wurde. Sie liess sich bewundern,
äusserlich ganz gleichgiltig, innerlich mit stolzer Selbstgefälligkeit, als
etwas, das ihr zukam. Nur dann, wenn sie sehr lebhaft sich unterhielt, was
äusserst selten geschah, verschwand ihr schwermütiger Ausdruck; ihr Ernst nie.
Nie stieg ihr Lächeln bis in ihre Augen hinauf! es blieb auf den Lippen ruhen,
während aus Regina's seelenvollem Auge ein freundliches Lächeln, gleichsam ein
inneres Licht, nie verschwand. Graf Windeck hörte ausserordentlich viel Schönes
über seine liebliche Tochter, was er in Judits Stil aufnahm. Uriel fühlte sich
mehr und mehr von dem Zauberbann gefangen, den sie so ganz absichtslos durch ihr
Sein und Wesen um ihn wob. Spräche sie nur anders, oder blickte sie nur anders,
oder ginge und stände sie anders - ach! oder wäre sie nur etwas anders - seufzte
er heimlich: so könnte man durch eines dieser Tore ihr entrinnen; aber jetzt, da
alles in ihr und an ihr harmonische Vollkommenheit ist, jetzt ist es eine
Unmöglichkeit. Er konnte nicht nur Judit nicht bewundern, sondern nicht einmal
begreifen, dass andere sie bewunderten: so aufrichtig war er durch Regina
bezaubert.
    
    Wie alle hienieden, ging denn auch dieser Ball vorüber. Um zwei Uhr Nachts
schöpfte Regina Atem in ihrem stillen Zimmer und versenkte sich zur Erholung
ihrer Seele in die andächtige Betrachtung des Gnadenhimmels, der diese Schein-
und Flitterwelt überwölbt und dessen Gestirne die heiligen fünf Wunden des
gekreuzigten Gottes sind. Und Dich über dem Tand vergessen, sagte sie halblaut
und schaute auf ihr Kruzifix, das nennt die Welt Freuden; und an Dir vorüber
gehen und nach buntem Staube greifen, das nennt sie Glück; und Dich und Dein
Kreuz und Deine Nachfolge verschmähen, das nennt sie Vernunft; und alles lieben,
was Du nicht bist, das nennt sie Liebe. O welch eine schauerliche Abwendung von
ihrem Ziel! Und das soll auch ich verfolgen lernen?! Dein bin ich! hilf mir!
rief sie und Ströme von Tränen stürzten aus ihren Augen, die wie friedliche
Sterne über die Unruhe der Welt hinwegschauten, und zu Füssen des Kruzifixes
schmiegte sie sich nieder und gelobte wieder und wieder ihre ungeteilte Liebe
demjenigen, der mit dieser Liebe ihr armes Herz begnadet hatte. Am Morgen war
sie pünktlich in der Siebenuhrmesse, als hätte sie die ganze Nacht, wie Corona,
den Schlaf der Gerechten geschlafen.
    - - - - - - - - - - - - - -
    »Nun wie gefällt Ihnen mein quasi Phönix?« sagte Ernest nach einiger Zeit zu
Judit. »Gehört die Gräfin Regina zu Ihren sentimentalen Komtessen? ist sie
veilchenblau?«
    »Nein! sie ist lilienweiss,« antwortete Judit.
    »Sie sind merkwürdig gescheit!« rief er.
    »Weil ich Ihren quasi Phönix richtig taxiere?« fragte sie spöttisch.
    »O,« sagte Ernest gelassen, »dazu sind Sie trotz all Ihrer Gescheiteit
nicht im Stande. Ich bewundere nur, dass Sie so bereitwillig Ausnahmen machen und
so bezeichnende Ausdrücke wählen.«
    »Kann man durch Klugheit glücklich werden?« fragte sie.
    »Mittelbar, ja! wenn wir die Klugheit anwenden, um zur Selbsterkenntnis zu
kommen, d.h. zur Einsicht unserer Unvollkommenheit und unseres Mangels an
Tugend, woraus dann Demut entspringt, und Demut ist die Wurzel aller
Vortrefflichkeit, also auch des wahren Glückes. Aber unmittelbar und allein
durch Klugheit ist noch nie ein Mensch glücklich geworden und die Welt, die doch
mancherlei Kuriosa erlebt, wird doch das nimmermehr erleben.«
    »Wozu dienen uns denn Geistesgaben, wenn sie uns nicht glücklich machen?«
    »Fräulein Judit, Sie tun Fragen, die mehr als wunderlich sind! Wenden Sie
Ihre Geistes- und sonstigen Gaben so an, wie es der Absicht des lieben Gottes
entspricht, der sie Ihnen verlieh, nämlich zu seiner Ehre und zum Heil Ihrer
Seele, dann werden Sie schon erkennen, wozu Verstand und Talente dienen. Wenn
Sie sich aber einbilden, dass Sie durch ein paar kluge Urteile, oder durch Ihren
Nixengesang, oder durch Ihre Kopie der Sibylla persica mit beiden Füssen in die
Glückseligkeit nur so hinein springen können, so irren Sie sich heftig. Unsere
Glückseligkeit hienieden hält gleichen Schritt mit unserer Opferseligkeit und
beruht nicht darauf, was wir in irdischer Weise besitzen, sondern darauf, was
wir uns mit allem, was unser ist, zu einem lebendigen Brandopfer machen, dessen
Altar unser Herz ist und dessen Flamme unsere Liebe zu Gott ist. Der Liebe wird
man nie überdrüssig. Warum nicht? Weil eine übernatürliche Kraft, die Gnade, sie
nährt; und hat der Mensch sein Genügen in seiner Liebe, so ist er glückselig.«
    Es war nun einmal seine Art, zu allen Menschen zu sprechen, als wären sie
eben so gläubige Christen als er. Er betrachtete sie immer als das, was sie
ursprünglich sind: berufen zur Erkenntnis der Wahrheit, und behandelte sie als
solche, denen nur momentan die Wahrheit verschleiert ist. Dadurch sind sie schon
konfus genug, pflegte er mitleidig zu sagen; ich meinesteils will wenigstens
nicht ihre Konfusion vermehren, indem ich auf ihre Anschauungsweise eingehe,
sondern will ihnen reinen Wein einschenken.
    »Kann der Mensch einen anderen Menschen so lieben, dass er sein Genügen in
dieser Liebe finde?« fragte Judit.
    »Nein, das ist ganz unmöglich, denn das wäre gegen seine Bestimmung. Gott
hat ihn geschaffen zur ewigen Beseligung durch das höchste Gut, das Gott Selbst
ist, also kann das Verlangen seiner Seele auch durch nichts Geringeres
befriedigt werden. Hätte ich eine liebe Frau und ein halbes oder ganzes Dutzend
liebe Kinder, meine Seele würde dennoch nach dem höchsten Gut schmachten, nur
würde ich, in tausendfache Sorgen und Nöten verstrickt und durch tausend
irdische Geschäfte in Anspruch genommen, vielleicht weniger dieser Sehnsucht
Raum geben können und wollen; was denn wahrlich weder ein Vorteil noch ein Trost
für die arme Seele ist. Weil aber das Menschenherz die Beschaffenheit hat, dass
es sich neigt zu seinesgleichen und die süsse Lebensgemeinschaft, den innigen
Zusammenhalt, die trauliche Tätigkeit für einen kleinen, besonderen,
selbstgeschaffenen Kreis gar schwer entbehrt: so hat Gottes weise und zärtliche
Vorsorge ihm eine Sphäre geöffnet, wo diese Neigung ihren Ruhepunkt findet,
indem die freiwillig übernommenen Pflichten ihr zugleich Schranken und Würde
geben und die Weihe des Sakramentes ihr den Gnadenbeistand zu Kraft,
Beharrlichkeit und Selbstverläugnung bringt, deren sie so sehr bedarf.«
    »Wovon sprechen Sie denn eigentlich, Herr Ernest?« fragte Judit gespannt.
    »Von der christlichen Ehe, Fräulein Judit.«
    »Von der Ehe? - so ernstaft feierlich? - Sie haben doch immer Ihre ganz
eigentümliche Art sich auszudrücken!«
    »Von der christlichen Ehe, deren Bürde ohne die Gnade des Sakramentes für
menschliche Schultern zu schwer ist - ja, von der spreche ich! Die Welt spricht
von ihr, wie sie's versteht! Bald oberflächlich, bald schief. Für die jungen
Damen ist die Ehe die Tür, durch welche sie ihren ersehnten Eintritt in die
Gesellschaft machen, oder der Triumphbogen, durch den sie in das Königreich
einer Liebe einziehen, welche der vielbesungenen Schönheit des Monats Mai darin
ähnlich ist, dass sie nur in der Poesie existiert. Für die Mama's ist es eine
Versorgungsanstalt der lieben Töchter. Für die jungen Herren ist sie ein Mittel,
um Schulden zu bezahlen, um eine Karriere zu machen, um ein bequemes Leben zu
führen, um sich anbeten zu lassen, und was dergleichen wichtige Gründe mehr
sind, in welche denn allerdings auch etwas Neigung und die eigentümliche
Entzündbarkeit des jugendlichen Herzens hineinspielen.«
    »Was Sie da sagen, ist ganz richtig und gar nicht übertrieben,« unterbrach
ihn Judit. »Das habe ich schon mehrmals bei Anderen erlebt.«
    »Aber die Stellvertreterin Gottes hienieden, die heilige Kirche, betrachtet
die Ehe anders«, fuhr Ernest fort, »nicht als eine Idylle, nicht als ein Fest
der Herzen, sondern als eine heilige, unauflösliche Verbindung, bei der im
Vorgrund die Übernahme strenger Verpflichtungen und schwerer Last, im
Hintergrund das ernste und unter Tränen lächelnde Glück steht, welches durch
herbe Kämpfe und vielfache Selbstverläugnung gegangen ist. Darum gibt sie der
Ehe den Gnadenbeistand des Sakramentes, und unter diesem Schutz, mit dieser
Weihe und dieser Hilfe ist es denn möglich, dass zwei Menschen sich mit dem
Willen fortlieben, auch nachdem die Leidenschaft verrauscht und die Neigung
verblüht ist. Ihr Genügen werden sie freilich nicht in dieser Liebe finden, aber
sie werden lernen, sich zu begnügen, und da hiezu viel Resignation und
Selbstüberwindung gehört, viel Opfermut und Hingebung an den göttlichen Willen:
so können diese zwei Menschen in der Ehe ganz ausserordentlich glücklich werden,
weil sie, wie ich vorhin sagte, opferfreudig sind. Haben Sie mich verstanden,
Fräulein Judit?«
    »Ich habe verstanden, dass kein Mensch einen Menschen ganz glücklich machen
kann. Aber ob Sie Recht haben, das weiss ich nicht.«
    »Wenn Sie mir nicht glauben wollen, Fräulein Judit, hätten Sie mich ja
überhaupt nicht zu fragen brauchen;« antwortete Ernest. »Ich sage das nicht
meinetwegen, denn meine Überzeugungen werden dadurch nicht bestärkt oder
geschwächt, dass Sie sie annehmen oder verwerfen. Allein Ihretwegen tut es mir
leid, dass Sie kreuz und quer mit Fragen umherfahren, deren richtige Beantwortung
Ihnen am Herzen liegt und überhaupt wichtig ist, und die Sie doch nicht einfach
und kindlich annehmen.«
    »Haben Sie nie versucht, durch ein Menschenherz glücklich werden zu wollen?«
fragte Judit gleichmütig.
    »O ja!« rief Ernest erheitert; »aber mein Versuch scheiterte an einem
schiefen Näschen.«
    »Woran?« sagte Judit lächelnd.
    »Hören Sie nur! es ist eine sehr lehrreiche Geschichte! Als ich zum ersten
Mal in Venedig und vierundzwanzig Jahr alt war, begegnete sie mir. Das ist so
recht das Alter, in welchem das Menschenherz die Neigung hat, sich einem anderen
Herzen anzuschmiegen und zu erschliessen, und die Gegenwart mit allerlei darauf
bezüglichen Hoffnungen zu schmücken, welche dann die Zukunft erfüllen soll.«
    »Herr Ernest!« rief Judit zürnend, »welcher Barbar führt denn das Regiment
über die menschlichen Geschicke, dass Sie in einen solchen Widerspruch
geschleudert werden! Das Herz ist nicht geschaffen, um sein Genügen in der
Kreatur zu finden, und dennoch neigt es sich ihr zu!«
    »Sie müssen hübsch aufpassen, Fräulein Judit, und nicht gleich wieder
vergessen, was man Ihnen eben weitläufig expliziert hat: der Mensch hat nicht
die Bestimmung, hienieden sein volles Genügen zu finden, wohl aber die: sich
begnügen zu lernen in freiwilliger Beschränkung. Durst nach Glück ist das
Prinzip seines Lebens; dadurch und dafür entwickeln sich seine Kräfte. Die
schönste und vollkommenste Form, in welcher ihm das Glück erscheint, ist die
Liebe, weil sie das Leben bereichert, vervollständigt, verdoppelt, abrundet,
also eine Fülle guter und süsser Gaben ihm bringt, die der zärtliche Vater im
Himmel gern seinen Kindern auf Erden gönnt, ja dies Glück erhöht, indem er es
heiligt. Ist das ein barbarisches Regiment? Aber weiter! Der Mensch lebt nicht
für die kurze Spanne Zeit voll Wechsel trüber und froher Tage, sondern für ein
ewiges Leben voll unendlicher, ungetrübter, wechselloser Seligkeit; es muss also
ein Etwas in ihm sein, das nach Unendlichem und Wechsellosem begehrt, und das
sich unmöglich mit Vergänglichkeit und Schwankendem begnügen kann. Ist es
barbarisch, der Seele eine Grösse gegeben zu haben, welche durch die ganze Welt
der Sinne und der Sichtbarkeit, der Gedanken und der Gefühle nicht ausgefüllt
werden kann und zu der Gott durch den erhabenen Propheten Ihres Volkes spricht:
Ich Selbst will dein übergrosser Lohn sein!«
    »Sie werden doch zugeben, Herr Ernest, dass daraus ein beständiger Zwiespalt,
ein quälender Kampf entspringt. Der Durst nach dem Ewigen und die Neigung zum
Vergänglichen in ein und dasselbe Herz gepflanzt und beide mit berechtigten
Ansprüchen, wie Sie selbst sagen, das muss den Menschen in ein Meer von
Schmerzen, von Irrtum, von Täuschungen, ja von Verzweiflung stürzen. Denn er
wird etwas ergreifen und als ungenügend fallen lassen; und anderes ergreifen,
aber als unvollkommen wegwerfen; und abermals anderes ergreifen, und es wird ihm
entschwinden wie Rauch und Schatten. Das kann kein Mensch aushalten! dabei geht
er zu Grunde.«
    »Ganz richtig, Fräulein Judit, sobald dieser Mensch ausserhalb des
Christentums steht; und da stehen leider! gar manche, denen das heilige
Sakrament der Taufe nicht gefehlt hat und die nun kläglich zu Grunde gehen im
Strudel ihrer Leidenschaften, im Taumel ihrer Selbstsucht. Aber die christliche
Offenbarung belehrt den Menschen über den Ursprung dieses tiefen Zwiespaltes,
den jeder in seiner eigenen Brust empfindet und beweint: es ist der Sündenfall,
die Abkehr von Gott, die geheimnisvolle Lust zum Bösen in der gefallenen
menschlichen Natur. Lehrte die Offenbarung nur das, so dürfte man erst recht
desperat werden! Allein sie lehrt auch Mittel und Wege, um jenen Zwiespalt nicht
sowohl zu tilgen, als vielmehr heilsam für uns zu machen. Mittel ist - das Blut
Jesu, das für uns und über uns und in uns mit Gnadenströmen rinnt, und uns Licht
gegen alle Verfinsterung, Waffen gegen alle Versuchungen bringt. Der Weg ist für
jeden sein eigener Kampf. Jeder muss lernen, durch Selbstverläugnung die
Eigenliebe, durch Selbstbeherrschung den unbändigen Willen, ich sage nicht: zu
besiegen; denn so weit bringt es unsereins nicht! aber doch besiegen zu wollen.
Wer diesen Kampf redlich beginnt, Fräulein Judit, der findet den Zwiespalt
nicht so trostlos, als er Ihnen erscheint. Im Gegenteil! er hat eine Art von
heiliger Freude daran, wie der brave Soldat sich freut, in der Schlacht für
seinen König sein Blut zu vergiessen, wenn nur die gute Sache siege. Es ist
herrlich, einen Menschen zu beobachten, der wider sich selbst für Gott kämpft.
Das sind keine welterschütternde Schlachten, das Auge der Mit- und Nachwelt ruht
nicht auf ihnen, kaum ahnt sie der eine oder der andere; aber die ganze
triumphierende Kirche schaut verklärten Angesichts diesen stillen Helden zu, die
doch weiter nichts sind, als ein unbedeutender Mann, ein schwaches Weib, ein
armer Jüngling, eine ringende Seele in irgend einer Hütte oder irgend einem
Palast, wo sie sich wehren bis zu Tränen, bis auf's Blut, aber ohne
Verzweiflung, gegen das Andringen ihrer übermächtigen Selbstliebe und ihres
unbändigen verkehrten Willens.«
    »Mir graut vor solchem Kampfe!« rief Judit.
    »Kann sein!« erwiderte Ernest; »aber Ihr Grauen würde sich steigern, wenn
Sie sehen könnten, in welche Abgründe der Mensch versinkt, der ihn nicht führt,
der hingegen nach seinen Gelüsten und Leidenschaften lebt, und ihnen keine
andere Grenze und Schranke setzt, als die Stimmung des Augenblickes und irgend
einen persönlichen Vorteil. Nein, nein, Fräulein Judit: die Unvollkommenheit
aller Verhältnisse und aller Zustände als den Staubesanhang unseres Bischen
Erdenglücks mit ruhigem Auge betrachten und mit gefriedetem Herzen annehmen, und
die Vollkommenheit, nach der wir solch Verlangen haben, in uns selbst durch
Opferwilligkeit zu erringen trachten, davor darf Ihnen nicht grauen, denn das
ist die Bedingung jedes guten reinen Lebens.«
    »Erzählen Sie mir Ihre venetianische Geschichte,« sagte Judit; »dabei
bekommt man wieder festen Boden unter den Füssen, den man bei Ihren
idealistischen Tendenzen Gefahr läuft zu verlieren.«
    »Lieber Gott!« seufzte Ernest mitleidig, »wie verkehrt reden doch deine
Menschen! die einfache Wahrheit nennen sie nebulose Träumerei, und die platte
Alltäglichkeit nennen sie das Element der Wahrhaftigkeit, in dem sie sich wohl
befinden. Nichts für ungut. Fräulein Judit, aber so ist's! - Also in Venedig
sah ich bisweilen Sonntags bei meiner Hauswirtin ein liebes, hübsches, munteres,
frommes Kind, das mir ungemein gefiel. Es hiess Gianetta, im weichen
venetianischen Dialekt ausgesprochen Zanetta. Wenn sie in diesem allerliebsten
Dialekt ihre Barcarolen sang und ein wenig auf der Guitarre klimperte, oder die
grossen Ereignisse ihres Lebens, z.B. eine Gondelfahrt nach dem Lido, mit
ausführlichster Wichtigkeit, als handle es sich um eine Nordpol-Expedition,
beschrieb: so war sie wirklich wunderlieb und ihr kindliches spielendes Auge
überrieselte mit süssem Glanz mein Herz, wie der Tau aus weichem Frühlingsgewölk
den Blütenbaum.«
    »Welch eine Idylle von Dragant und Rosenwasser!« rief Judit lachend.
    »Ja, ich war damals ungemein idyllisch und hätte für mein Leben gern an den
Ufern der Brenta - denn in Venedig selbst war kein Platz dafür - eine
schäferliche Hütte erbaut und die holde Zanetta als Schäferkönigin und Hausfrau
darin eingeführt. An dergleichen konnte aber so ein armer Tropf von angehendem
Maler nicht denken; er musste sich begnügen, seine Wünsche in den Schoss der
Zukunft zu legen und sich zu sonnen in den hellen Augenstrahlen der
allerliebsten Zanetta - aber nur Sonntags; am Werktag hatte er weder Zeit noch
Gelegenheit dazu.«
    »Herr Ernest,« sagte Judit höchst belustigt, »Ihre Liebesgeschichte flösst
mir unwiderstehliche Lachlust ein.«
    »Warten Sie nur, es kommt gleich tragisch, oder wenigstens elegisch. Zwei
Jahre war ich ein schweigender Anbeter der kleinen Zanetta gewesen. Was hätte
ich ihr sagen können? Die Liebe gibt sich kund, und wenn tausendmal der Mund
stumm ist. Hat man das Rosenöl auch noch so fest im Flacon versiegelt, doch
durchduftet es das Glas; und so geht's dem Herzen mit der Liebe. Die Zanetta
wusste wohl, woran sie mit mir war, und ich glaube, dass sie mich auch recht gern
hatte. Aber, Fräulein Judit, es ist Ihrem liebenswürdigen Geschlecht nun einmal
eigen, in Permanenz kleine Zwiegespräche mit dem Engel Luzifer zu haben.
Erzürnen Sie sich nicht, hören Sie mich weiter. Wir Männer halten leider Gottes
auch diese Zwiegespräche, und zuweilen länger und gründlicher, aber nicht so
permanent. Allen Töchtern Eva's klebt die Neigung ihrer Stammmutter an, die
sogar im Paradiese mit der Schlange Konversation machen musste! Ein Wörtchen,
oder mindestens ein Silbchen muss jede bei jeder Vorkommenheit ihres Lebens mit
besagtem Engel wechseln. So auch Zanetta! Sie wurde ungeduldig, die kleine
Donna, über mein unverbrüchliches Schweigen; sie wurde neugierig, wie es denn
wohl klingen möge das bezaubernde Wort von der Liebe; sie wollte mich
heraustreiben aus meiner Verschanzung durch Stillschweigen, indem sie mir Feuer
ans Herz legte - das Feuer der Eifersucht. Der Sohn meiner Hauswirtin, der in
Padua sein Geschäft trieb, besuchte seine Mutter, und Zanetta, die jeden Sonntag
zu seinen Schwestern kam, bewies sich ungemein freundlich gegen ihn, was mir
natürlich höchst missfiel und mich nur noch stummer, vielleicht sogar etwas
bärbeissig machte. Wie sich nun einmal das Gespräch auf Deutschland wendete, und
wer die Frage an Zanetta stellte: ob sie wohl Deutschland sehen möchte? das weiss
ich nicht mehr, weil ihre Antwort meine ganze Aufmerksamkeit verschlang. Sie
sagte nämlich: Ach nein! das muss ein schreckliches Land sein; ganz bevölkert mit
den schläfrigen deutschen Murmeltieren! Wie sie das sagt, und zwar mit einer
ganz allerliebsten kleinen spöttischen Miene, sehe ich sie höchst gelassen an,
und was entdecke ich! die Spitze ihres Näschens ist etwas links gewendet. Welche
Difformität! welche Beleidigung für das schönheitsdurstige Auge eines Malers!
wie hatte ich das nicht früher bemerkt! Ich schaue hin, ich schaue her - die
Nase ist schief! ich reibe mir die Augen, halte die Hand schirmend vor, um
schärfer zu sehen - die Nase bleibt schief! Bestürzt ziehe ich mich zurück. In
meinem Stübchen suche ich mir Zanettas freundliches Auge, die dunkeln Locken um
ihre heitere Stirn, ihr Lächeln, ihr kindliches Gemüt, ihren Frohsinn, ihre
Lieder und ihre Guitarre vorzustellen - alles, was mich vor wenig Stunden
entzückt hatte; aber umsonst! die schiefe Spitze des zierlichen Stumpfnäschens
warf einen so dunklen Schatten, dass die ganze Zanetta darin verschwand. Ich gehe
schlafen und träume von der schiefen Nase. Ich erwache und denke zuerst an die
schiefe Nase. Wie ein Alp legt sie sich auf meine Brust und nimmt so riesenhafte
Proportionen an, dass sie mir bald ungeheuer lächerrlich, bald ungeheuer garstig,
in jedem Falle aber durchaus unerträglich erscheint. Da fasse ich mir ein Herz
und spreche zu mir selbst: Bist Du nicht im Stande, eine so geringe äussere
Unvollkommenheit an Zanetta zu übersehen, wie wirst Du es denn anfangen, um ihre
tausend Unvollkommenheiten des Herzens, des Charakters, des Geistes, die sie mit
allen Sterblichen gemein hat, zu ertragen und mit freundlicher Nachsicht
hinzunehmen? und wie darfst Du von Zanetta das erwarten, was du selbst nicht zu
leisten vermagst? Gib alle Gedanken an sie für Gegenwart und Zukunft auf, und
danke dem lieben Gott, dass er dich zur rechten Zeit durch die Erkenntnis ihres
schiefen Näschens von grosser Torheit und Elend abgehalten hat. dabei blieb es.
Während drei Sonntagen benutzte ich meine Musse, um an's Festland zu fahren und
die Ufer der Brenta zu betrachten, die mir ganz sumpfig und unidyllisch
vorkamen. Und als ich am vierten Sonntag wieder bei meiner guten Hauswirtin
erschien, stellte sie mir ihren Sohn und Zanetta als glückliches Brautpaar vor,
und ich stattete mit aufrichtiger Herzlichkeit meine Gratulation ab. Später,
wenn je so etwas wie der Wunsch, durch ein Menschenherz glücklich zu werden,
sich in mir regen wollte, warnte mich meine Erfahrung mit Zanetta. Ich gedachte
der hunderttausend Unvollkommenheiten jedes Geschöpfes, und sah somit dessen
Unvermögen ein, mir ein wechselloses Glück zu gewähren. Ein vorübergehendes
schien mir aber nicht der Mühe wert, deshalb mit den schweren Sorgen und
Pflichten des Ehestandes mich zu belasten. So wendete ich mehr und mehr mein
Herz von jeder ausschliesslichen Liebe zum Geschöpf ab; denn wenn diese nicht mit
einem hohen Grad von Resignation gepaart ist - und das ist sie selten - so wird
sie zur Qual. Hingegen bemühte ich mich, alle Geschöpfe, alle ohne Unterschied,
in Gott zu lieben, und dabei wurde mir das Herz leicht und frei, unbeschwert
durch irdischen Ballast. Genügte die Liebe zu einem Menschen mir nicht für die
Ewigkeit, weshalb sollte ich mir von der Leidenschaft die Täuschung vormalen
lassen, als könne sie mir für eine Spanne Zeit genügen?«
    »So besonnen oder so kalt ist aber nicht jeder,« wendete Judit ein. Sie
hätte auch sagen können: »So gottliebend.«
    »Drum übe sich jeder beizeiten in der Entsagung, schlage es nicht allzu hoch
an, wenn er es im irdischen Glück nicht sehr weit bringt, und hüte sich ganz
besonders, auf Kosten anderer glücklich sein zu wollen, wie der rücksichtslose
Egoismus es zu treiben pflegt.«
    »Sie geben mir sehr gute Lebensregeln, Herr Ernest und ich könnte, abgesehen
von der Malerkunst, vieles von Ihnen lernen; aber ....« -
    »Aber Sie werden nichts lernen, Fräulein Judit, gar nichts, auch nicht
malen, so lange Sie immer aber sagen. Denn nur der kindliche Sinn lernt etwas,
nimmt willig an und auf; drum macht der Glaube - der Kindersinn in höchster
Sphäre des Lernens - so ungemein, so überraschend klug. Darum verknöchert nichts
so sehr das Auffassungsvermögen, als der Geist des Widerspruchs, die Negation.
Es ist die Krankheit der Zeit, mit einem aber alles in Frage zu stellen. Darum
begreift und versteht sie denn auch nichts - als Rechenexempel.«
    »Aber,« fuhr Judit fort und sah ihn mit ihren tieftraurigen Augen ruhig an,
»ich habe nicht Ihre inneren Beweggründe, und deshalb kann ich nicht einsehen,
urteilen und handeln wie Sie. Alles, was Sie sagen, kommt mir sehr schön, sehr
edel, auch sehr anziehend vor; gerade wie die Sibylla persica. Doch wie diese
nur ein Bild, nur eine bemalte Leinwand ist, die mich in ich weiss nichtwas für
angenehme Träumereien versetzt, aber nicht mein Leben lenkt und regiert; so geht
es mir auch mit Ihren Worten.«
    Ein feuchter Schimmer, wie von einer zerdrückten Träne, glitt über Ernest's
Auge, als er entgegnete:
    »Ich bin ein Schwachkopf, der das immer wieder vergisst! also verzeihen Sie
mir, Fräulein Judit. Ach, wenn man überall das Wirken und Walten der Erlösung
wahrnimmt, wie es in tausend unsichtbaren Kanälen die Staubeswelt durchrinnt und
beseelt: so will einem gar nicht einleuchten, dass bei so vielen, vielen Menschen
der Blick des Geistes noch nicht aufgegangen ist für dies Wunderwerk, während
doch ihre lechzende Seele dahin getrieben werden müsste, um einen Trunk zu tun
aus jenen Wassern, welche nicht von den dumpfen Zisternen der Menschenweisheit
ummauert sind.«
    »Die Quellen der Tiefe, hab' ich mir sagen lassen, entdeckte die
Wünschelrute,« erwiderte Judit. »Können Sie mir eine solche verschaffen für
Ihre unter- und überirdischen Bronnen?«
    »Sehr leicht! Berühren Sie Ihr Herz und die Welt mit dem Kreuz, so brechen
vor Ihren Augen die gefesselten Bronnen der Tiefe auf und aus dem Abgrund des
liebedurchwundeten Gottesherzens rauscht Ihnen die Flut der Gnaden entgegen, die
jeden Durst stillt, und von jedem Fleck reinigt, und jeden Blick klar wäscht,
und jedes Schifflein an die immerblühende Küste des ewigen Lebens trägt.«
    »Des ewigen Lebens!« wiederholte Judit sinnend. »Welch eine unbegreifliche
Vollkommenheit setzt das voraus, dass unser armseliges Leben übergehen könne zum
ewigen Leben.«
    Madame Miranes unterbrach das ernste Gespräch zum grossen Leidwesen ihrer
Tochter. Sie hatte allerlei Pläne an Ernest mitzuteilen für ein Fest, das sie
geben wollte. Ein gewöhnlicher Ball genügte ihr nicht, auch nicht einmal ein
Ball en costume; der konnte nebenher gehen. Es sollte so recht ein Fest aus
Tausend und eine Nacht sein und alle übrigen Karnevalsfeste weit überstrahlen;
höchst glänzend, aber auch künstlerisch und poetisch sollte es sein.
    »Und dabei soll ich helfen?« fragte Ernest verblüfft.
    »Gerade Sie! Wenn kein Maler die lebenden Bilder stellt, so geraten sie
nicht.«
    »Gott!« seufzte Ernest, »aus Salonfiguren soll ich ein Kunstwerk
zusammenstellen! Das geht über menschliche Kräfte.«
    »Nicht doch!« sagte Madame Miranes; »wir haben in der Gesellschaft einige
sehr schöne Personen, die sich vortrefflich zu einer heil. Cäcilia, heil.
Isabelle« .... -
    »Halt! halt!« rief Ernest; »so hoch wollen wir uns nicht versteigen! Rafael
und Murillo wollen wir aus dem Spiel lassen, wenn's Ihnen gefällig ist; denn da
genügt nicht eine oder die andere schöne Person, da müssen alle Einzelheiten, ja
jede Fingerspitze perfekt sein, sonst wird das Ganze eine Karrikatur. Wir wollen
uns an Genregemälde halten, rokoko Schäferinnen, verzauberte Prinzessinnen,
italienische Bäuerinnen, Goldschmidts Töchterlein, Ezzelin im Kerker und
dergleichen mehr.«
    »O herrlich!« rief Madame Miranes. »Ja! Ezzelin im Kerker mit den beiden
Mönchen, dem alten und dem jungen; das wird ein süperbes Bild geben, sobald die
Beleuchtung desselben richtig getroffen wird. Meinen Sie nicht, dass wir auch in
englischen Keepsakes nachschlagen sollten, Herr Ernest? ich glaube, da würden
wir manch ansprechendes Bild finden.«
    »Ja,« sagte er humoristisch ernstaft, »auf der Höhe des Keepsake-Styls
werden wir uns wohl befinden.«
    Judit nahm ein Buch zur Hand und sagte, indem sie es durchblätterte: Dies
sind illustrierte Gedichte des Tomas Moore, und da würde mir »das Paradies und
die Peri« recht gut gefallen.
    Sie reichte ihm das Buch, und während er die Bilder betrachtete, erklärte
Judit ihm das englische Gedicht und sagte:
    »Die Peri ist nach der indischen Mytologie oder Poesie ein Lustgeist, dem
eines Tages sein Element nicht genügt. Er möchte gern in's Paradies. Aber davor
hält der Engel des Lichtes Wache und weist die Peri ab. Als sie um Einlass bittet
und fleht, sagt er ihr endlich, es gäbe eine Gabe, die köstlichste der Erde, vor
welcher sich die Pforte des Paradieses erschliesse: die möge sie suchen und
bringen. Die Peri fliegt froh zur Erde herab und schaut sich um nach der
köstlichen Gabe. Sie schwebt über einem Schlachtfeld. Ein junger Held hat die
Schlacht gewonnen und durch sie sein Vaterland befreit; aber er liegt da und
stirbt an seinen Wunden. Die Peri fängt den letzten Blutstropfen aus seinem
Heldenherzen auf und kehrt damit triumphierend zur Pforte des Paradieses zurück.
Doch der Engel weist sie ab und heisst sie eine höhere Gabe bringen. Die Peri
findet nun auf der Erde die Heimsuchung durch die Pest, und sieht ein junges
Mädchen, das dem geliebten Jüngling ihr Leben zum Opfer bringt, indem sie ihn
pflegt in der grässlichen Krankheit. Er findet Genesung und sie den Tod. Den
letzten Atemzug dieses treuen Herzens fängt die Peri auf und bietet ihn dar dem
Engel des Lichtes. Allein er öffnet ihr nicht das himmlische Tor, sondern
begehrt eine höhere Gabe. Und zum dritten Mal schwebt die Peri zur Erde herab
und schaut sinnend umher nach einem himmlischen Kleinod. Siehe, da gewahrt sie
in einem Blumengarten ein fröhliches Kind, das plötzlich, als die Abendglocken
läuten, seine Spiele unterbricht, auf die Knie fällt und andächtig betet. Unfern
steht ein Mann, in Sünden ergraut, von Leidenschaften zerrissen. Sein finsterer
Blick fällt auf das betende Kind. Alle Erinnerungen an seine eigene unschuldige
Kindheit erwachen in ihm und bestürmen ihn mit einem so heftigen Schmerz um
seinen verlorenen Seelenfrieden, dass eine bittere Träne sein sonst so kaltes und
hartes Auge füllt. Die Peri aber nimmt die Träne des reuigen Sünders von seiner
Wimper und bringt sie dem Engel des Lichtes. Da öffnen sich die strahlenden Tore
des Paradieses der Peri! eine Reueträne ist die köstlichste Gabe der Erde,
welcher der Himmel nicht widerstehen kann. - Ist das nicht ein liebliches
Gedicht, Herr Ernest?«
    Er hatte inzwischen mit Wohlgefallen die Bilder betrachtet und antwortete
nun auf Judits Frage:
    »Eigentlich hätte die Peri diese Träne nicht bloss bringen, wohl aber auch
selbst weinen müssen, um in den Himmel zu gelangen! Indessen, bei so einer Elfe
oder Fee wollen wir's nicht allzu genau nehmen und die Bilder können sehr schön
werden. Sie, Fräulein Judit, werden die Peri darzustellen haben, und Gräfin
Regina Windeck - den Engel des Lichtes. Alles übrige findet sich.«
    Madame Miranes frohlockte über seine Willfährigkeit und über die Aussicht
auf so ganz ausgesucht schöne Tableaux.
    »Wir wollen auf der Stelle unsere Einladungen an die mitwirkenden Damen
machen,« sagte sie zu ihrer Tochter. »Die Herren kann man zu einem Diner
einladen und ihnen dabei den Antrag stellen; dann nehmen sie ihn um so leichter
an.«
    »Müssen die armen Teufel mit indianischen Vogelnestern gekirrt werden?«
fragte Ernest lachend. »Ich verdenk' es ihnen nicht! All' diese Mummereien sind
eigentlich nur die Sache der Damen, deren Wonne es nun einmal ist, sich in
Flitterwerk zu begraben und sich angaffen zu lassen.«
    Madame Miranes drohte ihm mit huldvollem Scherz, und er setzte hinzu:
    »Sorgen Sie nur dafür, dass die Gräfin Regina willfährig sei! Sie - und nur
sie - ist wie geschaffen für den Engel des Lichtes, und ohne ihre Mitwirkung
müssten gerade diese Bilder wegfallen.«
    »Diese originellen, poetischen Bilder wegfallen? das wäre entsetzlich, Herr
Ernest, das darf nicht sein!« rief Madame Miranes in einem Tone, als handele es
sich um die Wohlfahrt ihres Hauses. »Judit, nimm Hut und Mantel, wir wollen
sogleich zu ihr fahren.«
    »Wenden Sie sich an den Vater, wenn ich raten darf,« sagte Ernest; »dann ist
die Sache gleich abgemacht.«
    »Gut, gut! der Engel des Lichtes soll uns nicht fehlen.« -
    Regina war nicht angenehm überrascht, als der Graf ihr beim Mittagessen
sagte, er habe die Aufforderung der Madame Miranes, zu ihrem Zauberfest als
Engel des Lichtes in einigen Tableaux mitzuwirken, in Regina's Namen angenommen.
Was die Toilette dieses Himmelsbürgers beträfe, so würde Ernest ihr die nötigen
Anweisungen geben, der überhaupt das Ganze dirigiere.
    »Regina - ein Engel des Lichtes! das ist aber schön!« rief Corona mit
leuchtenden Augen; »das freut mich!«
    »Mich auch!« sagte Uriel.
    »O, an Dich kommt auch die Reihe, Uriel!« sagte der Graf. »Du bist
auserkoren, um einen Mönch darzustellen, der den Tyrannen Ezzelin da Romano in
der Gefangenschaft zur Busse bekehren soll, was ich aber nur unter der Hand Dir
sage. Madame Miranes wird es offiziell bei einem demnächst stattfindenden Diner
tun.«
    »Uriel ein Mönch! das gefällt mir!« rief Regina.
    »Mir gar nicht,« sagte Corona. »Uriel in einer dunkeln Kutte, hu!
abschreckend! mich brächte kein Mensch in solchen Habit, auch nur zum Spass
hinein.«
    »Das ist ein sehr guter Geschmack für die Wirklichkeit,« sagte der Graf,
»aber als Karnevalsspiel kann man auch einmal die Kutte anlegen.« -
    Es war nicht zu ändern, Regina musste ihre Rolle in den lebenden Bildern
übernehmen, die Proben mitmachen, ihren Engelsanzug nach Ernests Anweisung
anfertigen lassen. »Ich wundere mich nicht so sehr,« schrieb sie einmal ihrem
geliebten Onkel Levin, dem sie zuweilen ihr Herz eröffnete, »dass man sich einen
Abend bei dem oder dem Fest unterhält. Aber dass man sich zu einem solchen
wochenlang vorbereitet, sich besinnt, überlegt, bespricht, beratschlagt, in eine
Wichtigkeitskrämerei ohne gleichen versinkt und einen Eifer an den Tag legt, als
gelte es ein Menschenleben zu retten: darüber kann ich gar nicht aufhören mich
zu wundern, denn nach drei Tagen fällt irgend etwas anderes vor, und kein Mensch
spricht mehr eine Sylbe von einem Fest, das mit solcher Verschwendung von Zeit,
Mühe und Geld vorbereitet worden ist.« - Ein anderes Mal hatte sie ihm
geschrieben:
    »Lieber Onkel, gestern hatte ich einen frohen Abend! und wo? mitten in einer
glänzenden Soiree! wirst Du es glauben? Ja, es wurde musiziert und zum Teil sehr
gut. Dann verstummt all' das oberflächliche Geschwätz, was mich immer sehr
beängstigt, weil man ja dereinst Rechenschaft vor Gott über jedes unnütze Wort
wird ablegen müssen, und die Salongespräche sind wirklich sehr überflüssig.
Tante Isabelle sagt, die Höflichkeit sei auch eine Tugend, sei eine Art von
Nächstenliebe, und man spräche ja aus Höflichkeit. Aber es drängt sich mir
leider die Bemerkung auf, dass in den Salongesprächen nichts so wenig zum
Vorschein kommt, als die Nächstenliebe. Darum bin ich immer sehr froh, wenn
Musik gemacht wird. Auch macht sie mir die Seele so gewiss einsam frei, und meine
Gedanken gehen ihre Wege, gehen fort aus dieser bunten unruhigen Gesellschaft -
zum stillen Karmel. Das ist nun einmal der Naturzug meines Herzens, wie das
Schwälbchen im Herbst nach Süden fliegt. Gestern Abend nun sang ein junges
Mädchen mit einer wunderbar schönen, grossartigen Stimme und entzückte die ganze
Gesellschaft. Ich hörte sagen, es sei eine ganz seltene Stimme, den berühmtesten
Sängerinnen der Gegenwart überlegen, und das junge Mädchen sei eine zweite
Pasta, deren Namen, Judit, sie auch trage. Sie sang nur Opernarien, etwas
anderes kennt die Welt ja nicht! aber durch den Klang, die Fülle und den
Ausdruck ihrer Stimme trat etwas eigentümlich Ergreifendes in die profane Musik
hinein, etwas tief Tragisches; wenigstens kam es mir so vor, weil ich dies
junge, schöne Mädchen so sehr bedauere: sie ist nämlich Jüdin. Ich musste immer
denken, wie das klingen würde, wen sie Ave verum sänge oder O salutaris und ihre
unvergleichliche Stimme zu Lobliedern der ewigen Liebe anwendete, von der sie
nichts weiss. Ich war schon früher mehrmals aufgefordert worden zu singen, hatte
es aber immer abgelehnt und mir schon Vorwürfe von dem guten Vater deshalb
zugezogen. Es ist mir unheimlich, vor den vielen Leuten mich hinzustellen und
ihre Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Überdas ist mein Singsang wirklich zu
unbedeutend für eine elegante Soiree. Als man mich gestern wieder bat, doch auch
einmal mich hören zu lassen, dacht' ich, nun sei gerade der günstige Moment
gekommen, um den Leuten zu zeigen, dass ich nichts kann, denn mein Gesang verhält
sich zu dem der schönen Judit, wie das Trillern des Finken zum Schlag der
Nachtigall. Und was ich zu singen hätte, das wusst' ich auch gleich und das war
auch nicht auf den Salonton gestimmt. Die Welt singt von ihrer Liebe, ihren
Freuden, ihrem Glück; - nun wohlan! Ich werde von dem meinen singen! Und weisst
Du, lieber Onkel, was ich sang? - Das Wiegenlied der Mutter Gottes von Lope de
Vega. Ich frohlockte es ordentlich aus der Brust heraus, dermassen erfrischte
sich mein Herz an dem Gedanken, dass so ein wenig Himmelsluft in die schwülen
irdischen Dünste hineinwehe:
Heilige Engel,
Die ihr dort flieget
Ueber den Palmen,
Sänftigt den Wind!
Kommet und wieget
Das göttliche Kind.
    Ich sang aber spanisch, lieber Onkel. Das verstand kein Mensch, und dadurch
fühlte ich mich recht geschützt in meinem Liebesgespräch. Man wollte wissen, was
ich gesungen habe. Ich sagte, es sei ein Lied von Lope de Vega, und ich vermute,
dass man sich verpflichtet fühlte, um dieses berühmten Dichters willen meinen
Gesang zu loben. Ach, lieber Onkel! Alles wird gelobt, nur nicht derjenige, der
allein alles Lobes würdig ist. Gott wird verschmäht, ist Null, und was Null ist,
wird verherrlicht. O ewige Liebe, man liebt dich nicht.« - -
    In der Gesellschaft fing man an, Regina ganz ungemein zu bewundern. Mit
ihrer Herzensfrische, ihrem lebhaften Verstande, ihrer anspruchslosen
Einfachheit, ihrer Seelengrazie machte sie zwischen den bis zur Dressur
wohlerzogenen jungen Damen den Eindruck, als trete sie aus irgend einem
paradiesischen Urwald in die Welt hinein. Die kleinen niedrigen Triebfedern,
welche diese beherrschen: Eitelkeit, Gefallsucht, Selbstbespiegelung, berührten
sie gar nicht, denn sie wollte keinem Menschen gefallen. Aber sie hielt sich
deshalb nicht für besser, sondern nur für glücklicher. Sie hatte ihr Herz in
Sicherheit gebracht bei der ewigen Liebe: gab es ein grösseres Glück? Der heitere
Friede, der aus diesem reinen, stillen, sicheren Glücksbewusstsein hervorging,
und der sich durch die liebenswürdigste Freundlichkeit gegen alle Menschen
aussprach, machte sie zu einer äusserst wohltuenden Erscheinung in einer Sphäre,
wo so viel Zerrissenheit und Verwirrung durch traurige Leidenschaften zu Hause
ist. Obwohl niemand weniger als sie mit den Ansichten, Beweggründen und Urteilen
der Welt sympatisierte: so wusste sie diesen Mangel an Sympatie doch so
lieblich zu umschleiern, dass man sich fast zur Übereinstimmung mit ihr gedrängt
fühlte. In jener musikalischen Soiree hatte Judit durch ihren prachtvollen
Gesang, namentlich der berühmten »Gnadenarie« aus Robert dem Teufel, die
Gesellschaft in eine Art von gewitterhafter Aufregung versetzt. Niemand wollte
nach ihr einen Akkord anschlagen, einen Ton singen. Jeder fühlte, dass er Fiasko
machen müsse, und zog sich deshalb zurück. Für Regina war das ein Grund zu
singen. Ihre Herzenslust und ihre innerste Meinung verschleierte sie hinter der
spanischen Sprache und sang so süss und liebreizend, dass es nicht anders war, als
ob die blitzdurchzuckten Wetterwolken, die Judit heraufbeschworen hatte, von
leuchtenden Sternen überraschend durchbrochen würden. Nicht Lope de Vega wurde
am Schluss bewundert, sondern Regina. Das glaubte sie aber nicht. Der Graf sonnte
sich in den Huldigungen, die seiner Tochter dargebracht wurden, und freute sich
seiner luminösen Idee, sie so früh in die Welt eingeführt zu haben. Die Reize
des wirklichen Lebens würden ganz allmälig ihre Träume aus dem Sattel heben,
hoffte er zuversichtlich. Uriel hoffte auch, aber auf seine Liebe, nicht auf die
Welt.
    Die lange und viel besprochenen, probierten und studierten lebenden Bilder
kamen endlich zu Stande. Ernest beklagte aber hundert Mal, seine Hand in dies
Wespennest gesteckt zu haben, wie er sich ausdrückte. Gegen die Aufgabe, aus so
rebellischen Elementen von hölzernen Männer- und gezierten Frauengestalten ein
Bild zusammenzustellen, sei es ein Kinderspiel, ein wandgrosses Gemälde zu
skizzieren. Überdas wollten sich die Damen nach dem Modejournal kleiden, nicht
nach seiner Angabe; und jede war überzeugt, dass er ihr gerade die Stellung und
den Ausdruck angewiesen habe, welche ihr am wenigsten vorteilhaft wären. Die
eine konnte nicht ihren schönen Fuss präsentieren; bei der anderen wurde gerade
ihr schöner Arm beschattet, und bei der dritten keine Rücksicht auf ihr schönes
Haar genommen, womit sie doch ganz gewiss die heil. Genoveva von Brabant hätte
darstellen können! Ferner wollte eine jede, dass gerade ihr Tableau das letzte
sei, den letzten Eindruck mache, durch kein nachfolgendes verdunkelt werde.
Endlich sagte Ernest:
    »Meine gnädigen Damen, wie kunstvoll Sie sich sämtlich in Ihren respektiven
Tableaux gruppieren, und ob Sie auf einen Fuss oder auf keinen sich stellen
werden, das, sehe ich ein, muss ich Ihrer bessern Einsicht überlassen. Da es mir
aber mit dem besten Willen unmöglich ist, jedes Tableau zum letzten zu machen:
so beanspruche ich die Reihenfolge derselben so fest zu halten, wie ich sie von
Anfang an bestimmt habe: das Paradies und die Peri werden den Schluss machen,
weil jenseits des Paradieses Irdisches keinen Effekt mehr machen kann.«
    Keinen Effekt mehr machen kann! - Dieser Ausspruch wirkte Wunder bei den
Damen. Nunmehr wollte keine mit ihrem Tableau auf das Paradies und die Peri
folgen. Judit und Regina waren die einzigen, die sich durchaus fügsam gegen
Ernest bewiesen, und sich genau so kleideten, so stellten, so blickten, wie er
es ihnen angab. Judit dachte, es sei ja genug der Herablassung, dass sie sich
bewundern lasse, und das könne ihr ja gar nicht fehlen, möge sie nun so oder
anders stehen. Regina - gehorchte. Aber die Sache hatte einen geheimnisvollen
Reiz für sie. Ernest hatte ihr gesagt:
    »Gnädige Gräfin, wenn Sie da stehen werden als Engel des Lichtes,
vorgreifend jenem seligen Augenblick, der Sie einst in's himmlische Jerusalem
und unter die Reihen der Auserwählten, durch Gottes Gnade, ruft, so ziehen Sie
ihre Seele ein wenig zurück von der buntgefärbten Aschenwelt, die Sie umgibt,
und beten Sie für die arme Peri Judit, dass diese Tochter der Nacht und der
Finsternis, wie der Apostel Paulus so schön sagt, in ein Kind des Lichtes und
des Tages umgewandelt werde. So kann der himmlische Sinn den ganzen Plunder von
Welt heiligen und nebenbei wird das Ihnen den wahrsten und richtigsten Ausdruck
geben. Diese innere Sammlung würde ich freilich keiner anderen Dame hier
zumuten; da Sie aber derselben fähig sind, so haben Sie die Güte, sie in
Anwendung zu bringen.«
    Regina war so vertraut mit dem Bestreben, sich stets innerlich gesammelt zu
haben, dass ihr Ernests Zumutung gar nicht seltsam oder übertrieben erschien.
Auch wusste sie, dass ein wahrhaft apostolischer Eifer, um Seelen für die
Erkenntnis der ewigen Wahrheit zu gewinnen, ein Grundzug bei den geistlichen
Töchtern der heiligen Terese, und die Gebetsinbrunst für diesen Zweck unter
allen Umständen und in allen Verhältnissen eine Hauptaufgabe der Karmelitesse
sei. Dass dieser Auftrag eine wundersame Huldigung für sie entalte, bemerkte sie
gar nicht. Demütig und dankbar antwortet sie:
    »Wie sind Sie gütig, Herr Ernest, mich an etwas zu erinnern, was man so
leicht in dem betäubenden Getümmel aus den Augen verliert. Nun kommt doch ein
vernünftiger Sinn in den charmanten Unsinn!«
    Die Tableaux kamen zur Darstellung unter ungeheurem Beifall. Einige waren
sehr malerisch, andere sehr elegant, alle im schönsten Lichteffekt und umwogt
von passender Musik- und Gesangsbegleitung. Aber alle erbleichten vor den beiden
letzten, in denen niemand figurierte, als Judit und Regina, die jede in ihrer
Art und für ihre Rolle von idealischer Schönheit waren. Die Peri trug ein
lichtblaues, silberdurchwirktes Florgewand, Schmetterlingsflügel von Silberflor
mit Pfauenfederaugen, und über der Stirn, wo die dunkeln Wellen ihres Haares
sich scheitelten, einen Stern von Saphieren, deren bläuliches Licht mit dem
Schimmer von Schwermut harmonierte, der immer auf ihrem schönen Antlitz lag und
der so passend für ein Wesen war, dem das Paradies verschlossen blieb. Der Engel
des Lichtes trug ein weisses Gewand, mit Saum und Gürtel von Goldstickerei,
grosse, blendend weisse Flügel, in der Rechten einen Palmzweig und um die Fülle
der blonden Locken einen feinen Goldreif, den über der Stirn ein kleines Kreuz
von strahlenden Brillanten zusammenhielt. So stand eine jede unter ihrer eigenen
Signatur, unter dem Schönsten, was die natürliche und übernatürliche Welt
aufzuweisen hat: unter dem Stern und unter dem Kreuz. Im ersten Bilde lag die
Peri flehend vor dem Engel auf den Knien, der verneinend ihr entgegentritt. Im
zweiten nahte sie sich hoffnungsfreudig, und der Engel reicht ihr den Palmzweig
dar. Judit, die für alle Künste Talent hatte, besass ein grosses für die Mimik
und verstand es meisterhaft, sowohl ihren Zügen, als ihrer ganzen Gestalt und
Haltung zuerst den Ausdruck von flehender Bitte und dann von triumphierender
Freude zu geben. Regina mochte wohl keine Spur von mimischem Talent haben;
allein sie nahm sich Ernest's Auftrag so zu Herzen, dass sich ganz natürlich eine
milde Trauer um die arme Judit und eine süsse Wonne bei dem Gedanken an deren
Rettung in den klaren Frieden ihres schönen Angesichts mischte.
    »Ganz wie ein Engel,« flüsterte halblaut Ernest vor sich hin, der sich unter
die Zuschauer begeben hatte. »Wie ein Engel, der die Schwingen zum Fluge in die
himmlische Heimat ausbreiten wird!«
    Es war finster im Saal, wie es eben sein muss, damit die richtige Beleuchtung
der Bilder nicht gestört werde. Ernest wusste nicht, wer ihm ins Ohr sagte:
    »O schweigen Sie von Prophezeiungen des Todes.«
    Ernest sah sich um, erkannte in dem Sprechenden Uriel, der sein Mönchsgewand
wie eine Raupenhülle abgestreift hatte, und antwortete ihm:
    »Sie wissen ja gar nicht, von wem ich spreche.«
    »Nicht?« fragte Uriel; »könnte man wirklich in Zweifel darüber sein, wen Sie
meinen?«
    »Nun, Herr Graf, wenn Sie auch die eine Meinung richtig getroffen haben, so
irren Sie doch in der anderen. Ich dachte nicht an Todesprophezeiungen, sondern
drückte mich nur figürlich aus, um das Schwunghafte in diesem Engel des Lichtes
zu bezeichnen. Ist denn die Gräfin Regina kränklich? fürchtet man für ihre
Gesundheit?«
    »Nein, gar nicht! Aber ich weiss nicht, wie es kommt, diese Bilder machen
mich traurig, und es ist mir, als ob ich meine Cousine im Himmel sähe.«
    »Anticipando - ist das ganz richtig, Herr Graf und ich wünschte sehr, dass
Sie diese Second sight auch von der Peri hätten.«
    »Die Peri,« sagte der vielbelesene junge Mann, der auf der anderen Seite
neben Ernest stand, »die Peri ist und bleibt eine Oreade.«
    Ernest tat ihm den Gefallen, gutmütig zu fragen:
    »Warum denn gerade eine Oreade? könnt' es nicht auch eine Dryade sein, oder
eine Najade? die ich freilich lieber Nixe nenne.«
    »Keineswegs!« sagte der Belesene. »Die Oreade muss es eben sein; denn die
Oreade ist ein Geist, der in Felsen wohnt, und der dadurch so gewiss versteinert
und unnahbar ist, wie diese Peri, d.h. wie ihre Darstellerin.«
    Ernest dachte in seinem Sinn, es sei der Peri kaum zu verargen, wenn sie
diesem Belesenen gegenüber ihren Oreadencharakter recht entschieden
hervorgekehrt habe. Er fragte weiter:
    »Nun, und der Engel des Lichtes? was haben Sie von dem zu bemerken?«
    »Wie es in dem indischen Gedicht Nal und Damajanti heisst: Sie ist an
Schönheit und Huldgeberden - Wie eine Wundersage auf Erden« - war die Antwort.
    »Ei!« rief Ernest, »was Sie nicht alles wissen! Von der griechischen
Mytologie bring' ich wohl allenfalls ein Stückchen zusammen wegen der
allegorischen Manier der bildenden Künste, welche im Zeitalter der Renaissance
und ihres Auswuchses, des Rokoko, in ganz Europa florierte, und von der
unsereiner Notiz zu nehmen hat. Aber indische Poesie - nein! so hoch hab' ich
mich nie verstiegen! und was Sie für ein ausgezeichnetes Gedächtnis haben! das
ist auch beneidenswert.«
    »Mein Gott,« flüsterte Uriel Ernest zu, »er bringt uns ja alle vor
Langeweile um mit seinen Zitaten, und Sie bestärken ihn darin!«
    »Ach,« sagte Ernest, »solch harmlose Leute sind gar nicht übel und etwas
sanftmütige Langeweile bei indischen und sonstigen Zitaten ist meiner Seele viel
heilsamer, als die Unterhaltung durch pikante Bosheiten.« -
    Der Vorhang rauschte zum letztenmale nieder, die Kronleuchter wurden wieder
angezündet, die Darstellungen waren zu Ende, der Ball begann. Die meisten Damen,
die in den Bildern figuriert hatten, blieben in ihrem Kostüme. Regina hatte es
aber für sich höchst unpassend gefunden und ihr Kammermädchen mit einem
Ballanzug nach Judits Zimmer beordert. Als sie dies Zimmer betrat, fiel ihr
Blick auf die Uhr; es war Mitternacht.
    »Genug der Mummerei!« sagte sie zu dem Mädchen, das erwartungsvoll zwischen
Flor, Blumen und Bändern dastand. »Ich kann unmöglich in tiefer Nacht ein
Maskenkleid ablegen, um ein anderes anzuziehen. Packen Sie den Kram zusammen,
Brigitte, während ich meinem Vater in zwei Zeilen schreibe, dass ich nach Hause
fahre.«
    Als ein Diener dem Grafen dies Zettelchen überreichte, stieg Regina mit
Brigitte in einen Fiaker und fuhr von dannen. Der Graf war gar nicht darüber
erzürnt, suchte die Baronin Isabella auf und folgte mit ihr seiner Tochter. Im
Wagen sagte er zu seiner Schwägerin:
    »Es war ein recht unheimlicher Abend! Haben Sie nichts gehört?«
    »Doch! schlimme Gerüchte von einer Revolution in Paris.«
    »Wobei das allerschlimmste, dass die Gerüchte wahr sind! Die Revolution ist
ausgebrochen, Louis Philipp hat seinen Bündel schnüren müssen, und wir wollen
dasselbe tun und unverzüglich nach Windeck zurückkehren. Die Herren von der
Diplomatie und von der Bank hatten die grösste Mühe, ihre bedenklich verlängerten
Gesichter in den stereotypen, nichtssagenden Falten zu erhalten. Besonders der
Festgeber selbst, von dem man behauptet, auch er werde sein Bündelchen schnüren
müssen.«
    »Welche Kalamitäten verhängt doch dies beständig revolutionierende
Frankreich über die Welt, und wähnt sich im Fortschritt begriffen, während es
dem Abgrunde zutaumelt und andere mit hinabreisst!« seufzte die Baronin.
 
                                   Revolution
Die Nachrichten waren ganz richtig, und die revolutionäre Mine, welche am 24.
Februar 1848 in Paris Explosion machte, setzte nach und nach alle Minen voll
lange angesammeltem Zündstoff in ganz Europa in Feuer. Wie weit die Flamme um
sich greifen werde, wusste niemand, und noch viel weniger, wie sie zu löschen
sei. Die gesunde Vernunft liess sich in einer Weise teils überrumpeln, teils
hinter das Licht führen, teils terrorisieren, die vielleicht ohne Beispiel in
der Weltgeschichte ist. Der Geist, der die Geschicke der Menschheit regiert,
liess das zu, um warnend zu zeigen, wohin die Worte Fortschritt und Freiheit
führen, wenn man sie ihres wahren Sinnes, ihres Zusammenhanges mit dem
Christentum beraubt und die edelsten und heiligsten Aspirationen des
Menschenherzens, zu denen die Sehnsucht nach Freiheit und das Streben nach
Fortschritt gehören, durch materialistische Auffassung und egoistische Deutung
verfälscht und missbraucht. Die wahre Freiheit und der wahre Fortschritt des
Menschen führen ihn zu seiner Heiligung, und da es seine Bestimmung ist,
hienieden an seiner Heiligung zu arbeiten, und da zwischen seiner Bestimmung und
seiner Sehnsucht ein geheimer Zusammenhang besteht, so gibt es wohl wenig
Herzen, die bei den Worten: Fortschritt, Freiheit kalt und gleichgiltig blieben.
Aber, wenn nur auf irdischem Gebiet und mit irdischen Kräften und Mitteln jener
sich schrankenlos fortbewegen, diese sich unbegrenzt entfalten soll; wenn der
Begriff der Freiheit zur willkürlichen Ungebundenheit herabsinkt und der des
Fortschrittes ausartet in ein tolles Rennen für materielle Zwecke ohne
übernatürliches Ziel; wenn diese beiden Triebe des Menschen, die dazu bestimmt
sind, ihn zu adeln, indem er sie der Leitung der ewigen Wahrheit und dem Dienste
eines höheren Willens unterwirft, statt dessen von blinder Leidenschaft
irregeführt, in das Netz der Lüge ihn verwickeln: dann gibt es wenig Waffen,
welche dem Geist der Finsternis willkommener wäre, um mit ihnen seinen uralten
Krieg gegen das Licht fortzusetzen, als die falsche Freiheit und der falsche
Fortschritt, d.h. Willkür und Zügellosigkeit auf religiösem, sittlichem und
politischem Gebiet. Dadurch wird die Welt in Barbarei gestürzt, in Nichtachtung
fremden Rechtes und eigener Pflicht, in einen Individualismus, der das Gegenteil
von aller Civilisation ist, weil er jeden einzelnen in einen Ismaël verwandelt,
»dessen Hand gegen alle und aller Hand gegen ihn« sich erhebt.
    Civilisation ist die Bildung der Menschheit nach christlichen Prinzipien.
Das Christentum allein ist bildend, weil sein Lebenskern das Opfer ist, weil
allein es opferwillig macht und die Achtung fremden Rechtes, die Erfüllung
eigener Pflicht und die heilige Notwendigkeit lehrt, den Individualismus zu
beschränken, um die Einheit herbeizuführen, die einst wilde Horden samt ihren
Häuptlingen, und Sklavenvölker samt ihren Neronen in christliche Staaten
umgestaltete. Das Christentum allein erfasst die Freiheit als eine freiwillige
Unterwerfung von gottentstammter Autorität, und den Fortschritt als eine
freiwillige Bewegung in die Richtung auf christlich-sittliche Vollkommenheit.
Dieser übernatürliche Gehorsam, verbunden mit dieser übernatürlichen
Strebsamkeit, entwickelt eine solche Kraft des Geistes und einen solchen Adel
der Seele, dass eine Menschheit, die von diesen beiden Begriffen durchdrungen und
belebt wäre, in die höchsten Bahnen der Civilisation, der harmonischen
Entfaltung und Anwendung aller guten, sittlichen und geistigen Kräfte einlenken,
und ihre politischen, bürgerlichen und sozialen Institutionen zu einem ihnen
entsprechenden Ausdruck machen würde. Da nun ein solches Ideal wohl angestrebt,
aber, vermöge der Unvollkommenheit, die allem, was Mensch ist, durch die Sünde
anklebt - in allen Einzelheiten nicht verwirklicht werden kann: so sucht der
gefallene unruhige Menschengeist den Grund dieser Unvollkommenheit nicht in der
eigenen Schwäche und der eigenen Neigung zum Bösen, nicht in seinem Hochmute und
in seiner Sinnlichkeit, welche die edelsten Institutionen entkräftigen und
unwirksam machen, sondern in den bestehenden Institutionen selbst; und da diese
in ihren Grundzügen aus dem Christentum hervorgegangen sind und der gefallene
Menschengeist wesentlich antichristlich ist: so ist es ihm bei Abschaffung
verhasster Institutionen im letzten Grund um Abschaffung des verhassten
Christentums zu tun, was ohne Revolution, d.h. ohne völligen Umsturz aller
bestehenden Verhältnisse unmöglich ist. Die Worte, die das Christentum so
erhaben deutet und durch sie auf die Bahn des Heiles hinweist und hinzieht,
behält er bei, der gefallene Menschengeist, ja er macht sie recht zu seinen
Losungsworten, weil die Herzen gewöhnt sind, für sie zu entbrennen; nur aber
verfälscht er ihren Begriff dergestalt, dass sie förmlich in ihren Gegensatz
umschlagen, dass Fortschritt genannt wird, was eine unmässige Steigerung der
niederen Fähigkeiten und Tätigkeiten auf Kosten des höheren ist; und Freiheit,
was der Rausch eines Sklaven, der gekettet an subjektive Ansichten und
selbstsüchtige Leidenschaften ist, und Civilisation, was Versumpfung der Seelen
in die Materie ist.
    Dies alles, sophistisch dargestellt, mit halben Wahrheiten vermischt, mit
verwegener Berufung auf grosse Namen geharnischt, deren Träger sich freilich
gegen diesen Missbrauch ihres gewichtigen Zeugnisses empören würden, wenn sie
noch unter den Sterblichen wandelten; dies alles wird durch Trugschlüsse
einleuchtend gemacht, durch Schlagworte scheinbar zu unantastbarer Wahrheit
erhoben, und der Menschengeist, der gleich verdunkelt ist, so wie er aus dem
Licht des Glaubens heraustritt, geht auf die Täuschung ein, die ihm blendend und
schmeichelnd entgegenkommt. Es lebt kein Mensch auf Erden, der nicht irgendwo
Last und Druck, irgendwie Entbehrung und Mangel spürte und in dem sich nicht ein
Etwas regte, um sich davon zu befreien. Aber dies Etwas wird wachgerufen -
entweder durch die Lockung der alten Schlange, die ihm ihr altes Lied vorzischt:
Wie Götter werdet ihr sein, wenn ihr euch aufbäumt gegen Gott; oder durch den
Mund der ewigen Wahrheit, die unablässig zu ihm spricht: Nimm dein Kreuz auf
dich und folge mir nach. Je nachdem der Mensch so viel Selbsterkenntnis hat oder
nicht hat, um den Grund dieser Regungen in sich wahrzunehmen, und so viel
Selbstverleugnung, um seine Last als einen Splitter vom Kreuz zu betrachten oder
nicht - wird er den Weg der Empörung einschlagen, das Kreuz verwerfen und durch
den Umsturz des Gesetzes zur Barbarei und übertünchten Sklaverei gelangen - oder
den Weg der göttlichen Gebote wandeln und die Freiheit finden und geben, von
welcher der Apostel Paulus sagt: »Wo der Geist des Herrn, da ist Freiheit.« Der
Geist des Herrn aber ist Liebe zum Kreuz in solchem Masse, dass dadurch das Kreuz
zum Symbol der höchsten Liebe geworden ist.
    Freilich richtet sich die Revolution öffentlich nicht zuerst gegen das
Kreuz, welches eins und dasselbe mit Christentum ist; denn das würde vielen
Wohlmeinenden, deren Zustimmung, wenigstens der passiven, die Revolution in
ihrem Beginn sehr nötig hat, die Augen öffnen; sondern sie erhebt ihr
Feldgeschrei gegen Absolutismus und Obskurantismus für Menschenrechte, oder
Aufklärung, oder Volksvertretung, oder Pressfreiheit, oder Grundrechte, oder wie
immer die Parole heisst, die aus einem wahren oder eingebildeten Bedürfnis der
Zeit enspringt, dem die Wohlmeinenden gern beistimmen; die aber allmählig
gesteigert und übertrieben durch die Reibung der Massen, die Erhitzung der
Leidenschaften und die sündige Verblendung der Anführer zu etwas Ungeheuerlichem
aufschwillt, das kein Recht und Gesetz über oder auch nur neben sich dulden
will, so dass sich dann, etwas zu spät, die Wohlmeinenden ernüchtert und verstört
die Augen reiben und sagen: Das haben wir nicht gedacht und dahin nicht gewollt!
Lange bevor die Revolution öffentlich, gleichviel mit welchem Schlachtruf und
gegen welche Institutionen auflebt, hat sie aber ihre Empörung gegen das Kreuz
betrieben, und auch da wieder grosse, gangbare Worte gebraucht, deren Begriff sie
fälschte. Geist, Wissenschaft, Forschung, Humanität - alles dies, so gewichtig
für die wahre Bildung der Menschheit, so berechtigt in einer richtigen Anwendung
- musste jener Empörung zur Maske dienen und zur Waffe werden. Der Kalvarienberg
ist der Mittelpunkt und der Schlussstein der Weltgeschichte. Welch ein Hindernis
für diejenigen, welche die Weltgeschichte mit sich beginnen und die Weltordnung
nach ihrem Kopf konstruieren möchten! Um die Freiheit und den Fortschritt auf
ihre Irrbahn zu reissen, müssen diese das Kreuz aus den Augen verlieren, muss der
Kalvarienberg so gut wie jeder andere Berg, der im Wege liegt, mit einem Tunnel
durchsprengt werden, damit die Menschheit durch diesen dunkeln Schacht hindurch
irdischen Seligkeiten entgegen rase, deren Horizont nichts abschliesst, als die
krankhaft und leidenschaftlich gesteigerte Entwicklung des Individuums, und
deren Schranke nichts ist als der Tod, dem Glaube und Hoffnung fehlen auf das
ewige Leben, weil diese Tradition, die vom Kalvarienberg herabklingt, mit ihm
vom Fortschritt überflügelt ist. Der Abfall der Geister von der ewigen Wahrheit
geht dem Ausbruch einer politischen Revolution, die er herbeiführt, lange
vorher, und äussert sich jedesmal durch die neue Phase eines Lichtes der
Aufklärung, das nicht vom »Vater des Lichtes« stammt.
    So ging der grosse Abfall von der Kirche im sechszehnten Jahrhundert der
englischen Revolution vorher, die König Karl I. auf das Schaffot brachte. So war
die materialistische Philosophie der Engländer und die ateistische Literatur
der Franzosen im vorigen Jahrhundert Vorläuferin der Revolution von 1789. So
bereitete Deutschlands panteistische Philosophie, verbunden mit seiner eigenen
und mit Frankreichs Literatur des Kommunismus und Sozialismus, den neuesten
Revolutionen die Wege. Wissenschaftliche und belletristische Werke, Journale,
Gedichte, Flugschriften, Zeitungen, Lehrvorträge, Teater, öffentliche
Vorlesungen: Alles atmete, bewusst oder unbewusst, den Geist der Empörung gegen
politische, oder soziale, oder kirchliche Zustände aus. In der Teorie war
längst die Revolution da. Die geheimen Gesellschaften, gleichviel welchen Namen
sie führen, sind die Laboratorien, wo das Gift dieser Teorien am gründlichsten
destiliert und am begierigsten eingesogen wird. Alles Geheime hat seinen Reiz,
besonders für die Unerfahrenen und für Menschen, deren Leidenschaften in der
gesetzlichen Ordnung nicht den begehrten Spielraum finden. Unerfahren und in
Gährung der Leidenschaften ist hauptsächlich die Jugend. Die Verpflichtungen,
welche die christliche Religion ihr auferlegt, finden diejenigen drückend, die
nicht guten Willens sind, die Leidenschaften zu beherrschen. In den geheimen
Gesellschaften werden sie belehrt, dass die christliche Religion ein schmählicher
Aberglaube und nur erfunden sei, um die grosse Mehrzahl zum Besten einer geringen
Minderzahl zu knechten, und es werden die Mittel ersonnen, um die Sache
umzukehren und um ohne Religion die bisher Geknechteten zu befreien und die
bisher Bevorzugten in Sklaverei zu bringen oder zu vertilgen. Das Hauptmittel
besteht immer darin, Tron und Kirche zu stürzen und Fürsten und Priester aus
der Welt zu schaffen. Das ist das letzte Wort aller geheimen Gesellschaften und
aller Revolutionen.
    Der in tausend Sekten zerfallene Protestantismus mit seinen letzten
erbärmlichen Ausläufern, den sogenannten Lichtfreunden, zu denen sich Freunde
desselben Lichtes, abgesetzte und abgefallene Priester der heiligen katolischen
Kirche voll Sympatie neigen, führen ihre Anhänger, die keine Befriedigung in
der dürren Öde und den ängstlichen Schwankungen der Sektiererei finden, und die
nicht um Rettung vor der Pforte der Gnade flehen, schnurstracks in die finsteren
Abgründe der geheimen Gesellschaften, bei denen sie das finden, was der Mensch
so sehr bedarf: Gemeinsamkeit, Vereinigung der Kräfte; aber zum Faktionsgeist,
diesem blinden und wilden Zerstörer aller Ordnung, aller Gesetzlichkeit, alles
Friedens, aller Freiheit, aller Kultur, der mehr als jeder Missstand die
gedeihliche Entwickelung der Staaten hemmt, indem er eine permanente
Widersetzlichkeit hervorruft und dadurch die Herrschaft gesetzlicher Ordnung
unmöglich macht. Die übernatürliche Einheit der Menschheit in Christus, welche
die katolische Kirche vermittelt und darstellt, wird von dem Faktionsgeist mit
blindem Grimm angefallen, wirklich verzerrt und dann wird diese Verzerrung mit
unerhörter Frechheit für eine wahre Gestalt ausgegeben, die kein vernünftiger
Mensch bezweifeln könne. Dann wird alles begeifert! Der grossartige
Associationsgeist, der dem triebkräftigen Boden des Christentums entwächst,
durch die Kirche geheiligt wird und während andertalb Jahrtausenden Wunder der
Sittigung, der Bildung, der harmonischen Entfaltung aller Kräfte, der
selbstständigen Bewegung auf allen Gebieten des Lebens geleistet hat und immer
und überall leistet, wo man ihm Spielraum gönnt - wird entweder als böser
Missbrauch gehässig gemacht, oder mit verächtlichem Achselzucken kurzweg
abgefertigt als: finsteres Mittelalter! oder man drückt seinen Formen irgend ein
beliebiges Brandmal auf. Das Ordenswesen befördert den Müssiggang, so wird
behauptet; die Bruderschaften verbindet der Aberglaube; das Zunftwesen raubt die
persönliche Freiheit: folglich sind es hassenswerte Institutionen, was zur
Genüge dadurch bezeugt wird, dass sie in der christlichen Kirche wurzeln, welche
die Anstifterin alles Unheils auf Erden ist.
    Bewiesen werden solche Behauptungen gar nicht: sie werden nur so lange und
so laut wiederholt, dass sie in jedes Ohr dröhnen. Laster und Missbräuche gab es
freilich zu allen Zeiten; Missetaten wurden in allen Epochen begangen; aber
zwischen den Frevlern in Tagen des Gaubens und des Unglaubens besteht sogar noch
ein ungeheuerer Unterschied zum Vorteil der Ersteren: sie haben nicht selten die
Kraft, ihre Missetaten durch Reue und Busse zu sühnen. Auf ihrer Seite stehen die
grossen Bekehrungen, während sich auf der Seite des Unglaubens das Zeichen der
äussersten sittlichen Verkommenheit, der Selbstmord, grässlich häuft. Da es nun
nichts Christlicheres gibt für den gefallenen Menschen, als die Busse, und nichts
Unchristlicheres, als die Judastat des Selbstmordes: so wird jene aufs äusserste
verhöhnt vom Antichristentum, damit sich nur niemand einfallen lasse, auf dieser
Notbrücke sich zu retten, wenn ihm die steigende Flut des bösen Gewissens an's
Herz geht. Dem Selbstmord hingegen, als dem Höhepunkt des Abfalles von Gott, hat
die Apoteose nicht gefehlt. Bis zur letzten Masche wird das Netz ausgewebt,
worin die alte Schlange alle diejenigen zu fangen sucht, denen es lockender
klingt »wie Götter« - als »Kinder Gottes und Mitbürger der Heiligen« zu sein.
    Bei diesem Werk hat sie alle bösen Neigungen und verderblichen
Leidenschaften der ganzen Menschheit zu Bundesgenossen. Darum darf sich Keiner
von der Mitschuld freisprechen, wenn ein solcher Krater zum Ausbruche kommt. Es
gibt Stufen in der Mitschuld; es gibt Sandkörner und Felsblöcke im Reiche des
Bösen; aber jeder klopfe an seine Brust und spreche sein »mea culpa«; denn in
ihrem innersten Wesen sind Revolutionen nie etwas anderes, als sittliche
Erkrankungen der Menschheit in Folge der Sünde - und dazu hat jeder in seiner
Weise beigetragen, sei es ein Atom, sei es auch nur negativ, oder durch
Gleichgiltigkeit gegen Wahrheit und Recht, oder durch unbedachtsamen Beifall für
das blendendgeschmückte Böse, oder durch passives Gewährenlassen desselben, das
man Toleranz nennt und das doch nur ein Mangel an Entschiedenheit für das Gute
ist.
    Im heimlichen Bewusstsein dieser allgemeinen Mitschuld erbebte die Welt, vom
Tron bis zur Hütte, und alle Fundamente, die man schon so lange aus ihren Fugen
zu sprengen suchte, schienen wirklich auseinander zu fallen und einen Schutt-
und Trümmerhaufen nach sich zu ziehen, als die Revolution im Jahre 1848 Europa
in Brand steckte. Der Augenblick der Emanzipation aller von allem schien
gekommen zu sein, denn diejenigen, welche nicht in den Schwindel einstimmten,
wurden als Minorität betrachtet und für die, welche ihm entgegentraten, wurde
das Wort »Reaktionär« erfunden, wodurch sie als Verbrecher gegen das erhabene
Werk der Revolution gestempelt und den Folgen einer blindrasenden Aufregung in
den unteren Volksschichten preisgegeben wurden. Die Revolte ging bis in die
Kinderstuben herab: Schulknaben empörten sich gegen missliebige Lehrer. Die
Fürsten aber liessen sich einschüchtern durch Studenten, Literaten, Advokaten,
Journalisten und deren Anhang, flohen oder unterwarfen sich - und die Revolution
regierte.
    Niemand sog ihren Rausch mit volleren Zügen ein, als Florentin! Endlich war
die Ära angebrochen, nach welcher sein vom Stachel des Ehrgeizes in ein
beständiges Wundfieber versetztes Herz so brennend verlangte! Endlich sollte
eine grossartige Demokratie die Ketten Europa's brechen und die befreite
Menschheit aus den widernatürlichen Zuständen erlösen, unter denen sie
schmachtete! Endlich sollte das Individuum zu seiner wahren Geltung kommen und
die ungeheuere Geistes- und Charaktergrösse offenbaren, welche die revolutionäre
Gesinnung in ihren Anhängern entwickelt! Er schwelgte in diesen Voraussetzungen.
Zu welcher Höhe er selbst sich erschwingen werde - ob zu einem Cajus Gracchus,
ob zu einem Brutus, oder Cromwell, oder Washington, oder Danton - das war ihm
freilich nicht klar; das hing ab von Umständen und Verhältnissen. Es galt nur,
sie zu ergreifen und zu benutzen: dann war ihm die Grösse gewiss. Vor der Hand
galt es, mit den grossen Schlagworten Emeute zu machen und zum Schutz derselben
Barrikaden zu bauen. Florentin hätte sich verhundertfachen mögen, um überall
dies hochherzige Werk des Barrikadenbaues zu fördern. woran »die vertierte
Soldateska,« welche so niedrig dachte, ihren Fahneneid zu halten, scheitern
sollte.
    Als ein eifriges Mitglied geheimer Bünde wusste er, dass die Revolution in
ganz Europa organisiert sei. Er wollte daher seine Kräfte der Befreiung
Deutschlands widmen - so sehr ihn auch das Verlangen zog, nach Paris, dem grossen
Babylon der Revolution, zu eilen - oder nach Rom, um diese wichtigste Citadelle
der Völkerknechtschaft und der Geistesverfinsterung stürmen zu helfen. Im
deutschen Vaterlande gab es ja aber eine ganze Kette solcher Citadellen zu
sprengen! Florentin verliess Würzburg und seine Studien. Dort war nicht mehr die
Stätte und das Feld seiner Tätigkeit. Nicht der leiseste Gedanke an Windeck
erschwerte seinen Entschluss. Wie hätte das sein können? Hatte nicht Brutus den
Cäsar umgebracht? Gab es Grösseres als die Taten der alten Römer? War die
aristokratische Usurpation minder fluchwürdig, als imperatorische Kronengelüste?
Nicht Dank war er dem Windecker Grafen schuldig für seine Erziehung, Bildung und
Erhaltung; denn das alles war ihm ja nur infolge einer Laune der bigotten Gräfin
Kunigunde zu Teil geworden, die nichts Höheres kannte, als den Ultramontanismus
zu verbreiten. Wie leicht hätte er demselben verfallen können gleich dem
armseligen Hyacint! Nein! sein Dank gebührte den grossen Männern, deren
wissenschaftliche Forschungen auf dem Gebiete der Natur- und Geschichtskunde
herausgestellt hatten, dass die Natur die ewig aus sich selbst gebärende
Allmutter und Schöpferin - der Geist des Menschen ein Produkt seines Gehirns -
Religion die Erfindung und Politik schlauer Priester - göttliche Offenbarung ein
widersinniges Märchen - ein ausserweltlicher persönlicher Gott etwas Undenkbares
- das Leben ein Tummelplatz für alle Gelüste - der Tod der Eintritt in das
Nichts sei. Sein Dank gebührte den freien Denkern, die nicht nur gänzlich
absahn vom Katolizismus, der ja, seit dreihundert Jahren schon tot, nur noch
als Gespenst mit den Nachteulen und Wehrwölfen zu mitternächtiger Stunde
umherschleiche, und nur von kleinen Kindern und alten Weibern wahrgenommen
werde; sondern auch vom Protestantismus; der ja nichts weiter sei, als eine
Kritik des Katolizismus, viel weniger innere Triebkraft und schöpferische
Befähigung habe, als dieser, um einen Fortschritt der Menschheit zur
Verbrüderung zu erzielen, und allenfalls nur zu dulden sei, weil seine tausend
Sekten ebenso viel Tore öffneten, durch die man dem Christentum entfliehen
könne.3 - Nein, dem Windecker Grafen gebührte kein Dank! Aber mit
unaussprechlichem Wohlbehagen stellte sich Florentin die Möglichkeit vor, dass er
in irgend einem, für die Windecker recht gefährlichen und recht demütigenden
Augenblick als ihr Beschützer vor ihnen auftreten und ihnen beweisen könne,
welch' edles Herz in einer demokratischen Brust schlage.
    So, ohne einen Funken von religiöser Denk- und Willensrichtung, die gänzlich
erloschen war in dem eisigen Egoismus seines Hochmutes und Ehrgeizes, machte
sich Florentin an die Neugestaltung der menschlichen Verhältnisse. In
erfahrungsloser Kurzsichtigkeit und ohne richtige Kenntnis des Menschen und der
Geschichte der Völker brachte er den Mangel an jener Richtung gar nicht in
Anschlag. Er dachte: nur niedergerissen! nur tabula rasa gemacht! dann findet
sich der Aufbau von selbst! Aber nur die religiöse Denk- und Willensrichtung hat
Trieb- und Bildkraft, denn nur sie hat einen Lebensgrund in der Liebe zu Gott
und zum Nächsten, die verbindend wirkt und aus der sie schöpft. Diese
übernatürliche Liebe ist in der Menschheit, was im einzelnen Menschen seine
Seele: sie hält den ganzen Organismus zusammen. Ohne sie - tritt der Tod ein,
die Auflösung, und Totengebein wird zu Staub, wenn nicht, wie in jener Vision
des Propheten Ezechiel, der Geist Gottes es neu belebt. Florentin wähnte mit
sozialistischen Ideen das Nämliche leisten zu können. -
    Auf Windeck war freilich mit der Rückkehr der Familie auch etwas von der
schwülen Stimmung und Spannung der Zeit eingekehrt; aber sie hatte auch ihr
Gegengewicht. Der Graf hegte grosse Besorgnis vor der Gefährdung des Besitzes,
der infolge der Gefährdung des historischen Rechtes allerdings sehr bedroht war,
und mit unaussprechlicher Geringschätzung betrachtete er die Leute, die
plötzlich durch die Wogen der Revolution von unten nach oben gebracht, in ihrer
Weise zu herrschen und ihre Ordnung einzuführen suchten. Die Baronin Isabelle
stand Todesangst aus vor den Forderungen des Landvolkes und den
Zusammenrottungen allerhand Gesindels. Sie hätte sich selbst und ganz Windeck
unsichtbar machen mögen, um nur ja keine scheelen Blicke auf dies
Aristokratennest zu lenken. So wie der Graf aus Frankfurt zurückkam, liess er,
wie immer, wenn er anwesend war, über dem Schloss seine Fahne aufziehen. Nicht
genug, dass dies stolze Banner äusserst aristokratisch da wehte und den
Schlossherrn verkündete, so waren die Windecker Wappenfarben auch noch zum
Unglück die Farben Oesterreichs: schwarz und gelb. Wenn es ein mildes Weiss und
Blau, oder ein freundliches Rot und Weiss gewesen wäre, das hätte doch nicht so
finster, so drohend, so unheilverkündend ausgesehen! Mit Tränen flehte sie ihren
Schwager an, diese entsetzliche Trauerfahne mit österreichischen Färbungen bei
den gegenwärtigen Verhältnissen einzuziehen; sie walle ganz zwecklos über den
Zinnen, denn willkommene Gäste dürfe man in den betrübten Zeitläuften doch nicht
erwarten, und der Heimsuchung durch unwillkommene wünsche man ja sehnlichst zu
entgehen. Aber stolz wies der Graf dies Gesuch ab mit dem Bescheid, sein alter
Brauch habe nichts zu lernen von revolutionärer Insolenz.
    Uriel und Orest waren beide in österreichische Kriegsdienste gegangen. Die
ganze Jugend war kampfesdurstig und bereit, an der allgemeinen Aufregung tätigen
Anteil zu nehmen: die einen im revolutionären Sinn, die anderen im
konservativen. Obgleich Oesterreich für den Augenblick vielleicht mehr gefährdet
war, als irgend ein anderer Staat, da innere und äussere Feinde zugleich ihn
anfielen: so stand dennoch das alte traditionelle Vertrauen zu seiner
Lebenskraft, die sich in den vielfachen Stürmen von mehr als einem halben
Jahrtausend entwickelt und bewährt hatte, in allen denjenigen fest, welche nicht
gesonnen waren, mit der Revolution zu gehen und sich ohne Schwertstreich vor ihr
zu beugen. Als man sah, welche Wendung die Dinge in Deutschland nahmen, erklärte
Uriel gleich:
    »Ich gehe nach Oesterreich in den italienischen Krieg! Welche Wonne, gegen
einen äusseren Feind die Kräfte zu brauchen, die sich in der Untätigkeit
fieberhaft steigern, und die zu edel sind, um sie gegen deutsche Freischaren
anzuwenden.«
    Orest verliess sogleich seine Jagden und seine Berliner Oper- und
Balletfreuden, deren Zauber vor den Barrikaden schwand, und eilte nach Windeck,
um mit Uriel nach der Lombardei zu gehen. Er hatte an Florentin geschrieben und
ihn nach Windeck beschieden, um zu hören, was Florentin jetzt beginnen werde.
Allein von diesem kam weder eine Antwort noch er selbst. Orest ging nach
Würzburg, um ihn zu suchen und bei Hyazint, der dort im geistlichen Seminar
studierte, Erkundigungen über ihn einzuziehen. Aber er war fort und niemand
wusste, ob nach Wien, ob nach Frankfurt, ob nach Paris oder wohin sonst. Während
des ganzen Winters hatte Hyazint ihn ein einzigesmal gesprochen und ihn
aufgeregter, bitterer denn je gefunden.
    »Also einen Revolutionär habe ich unter meinem Dache grossgezogen und mit
aller Liebe und Sorgfalt einen Basilisken ausgebrütet,« sagte der Graf, als
Orest mit diesen Nachrichten zurückkam.
    »Wir wollen Gott danken, dass es von vieren - nur einer ist,« sagte Levin.
    »Und kein Windecker!« setzte der Graf hinzu.
    Levin ruhte mehr denn je am Herzen Gottes. Sein Friede konnte durch den
Unfrieden in der Welt nicht getrübt werden. Seine lange Erfahrung zeigte ihm in
dem immer wiederkehrenden Ausbruch solcher Ungewitter die tiefe Störung im
geistigen Leben der Menschheit, die aus ihrem Gleichgewicht gekommen war, weil
sie in sich dem Niederen die Macht über das Höhere gegeben hatte, und die nun,
taumelnd und berauscht, in Orgien verfiel, welche den einen Untergang, den
anderen aber Ernüchterung bringen mussten. Lange Friedenszeiten, die der
Entwicklung des materiellen Wohlstandes günstig sind, führen die Menschheit
leicht zur Überschätzung ihrer Kräfte, ja, zu einer Vergötterung derselben.
Brechen dann grosse geschichtliche Katastrophen wie Orkane ein, so knicken alle
die überschätzten und angebeteten Kräfte zusammen, zeigen sich in ihrem Nichts,
ja, werden zum Rohr, das zersplitternd die Hand verwundet, die sich darauf
stützt und bringen durch das Bewusstsein tiefer Hilflosigkeit die Menschheit zur
Besinnung über die lange verschmähte Liebe Gottes, die während des
Idolendienstes nicht zur Geltung kam. Dies ist nun freilich nie die Absicht
derjenigen, welche die Katastrophen zum Ausbruch bringen; denn Liebhaber des
Kreuzes machen keine Revolution; aber so ist der Gang der Weltgeschichte! Dem
freien Willen des Menschen ist aller Spielraum gelassen, bis zu einem gewissen
Punkt, den niemand kennt, als Gott allein. Ist die Sündflut bis zu dem Ararat
gestiegen, so sinken die Wasser der Trübsal und mancher Noe richtet den Altar
auf, um Gott ein Dankopfer darzubringen. Je grösser und allgemeiner die
Ueberschätzung des Niederen und die Missachtung des Höchsten in der Welt ist,
umso grösser müssen die Katastrophen sein, die aus einer solchen Verletzung der
göttlichen Ordnung hervorgehen; umso lauter muss der Warnungsruf erklingen, der
die Berauschten aus ihren Orgien wecken soll. Das alles hatte Levin schon in den
gesamten Weltereignissen, und häufiger noch in den Schicksalen einzelner erlebt.
Er war daher ganz ruhig und suchte auch andere zu beruhigen, namentlich das
Landvolk, das durch glänzende Vorspiegelungen geblendet wurde und auf die
Revolution eingehen sollte. Eine so lange, lange Reihe von Jahren hatte Levin
hier gelebt, seine zärtlichste Sorgfalt gerade dem gemeinen Manne zugewendet,
zwischen denen er, wie sein göttlicher Meister, »wohltuend umherging«, kannte
auf den Windecker Besitzungen alle Leute, die Alten - als seine Zeitgenossen und
so abwärts bis zu den Kindern herab, deren Eltern er schon als Kinder gekannt.
Da war kaum einer, dem er nicht irgendwie einen Dienst geleistet, einen Gefallen
getan, einen Rat erteilt - und da waren sehr viele, denen er hilfreich die Hand
gereicht hatte in mannigfachen Nöten und Drangsalen.
    In ruhigen Tagen waren auch alle fest überzeugt, dass niemand es besser mit
ihnen meine und bereitwilliger sei, ihnen mit Rat und Tat zu dienen, als der
hochwürdige Herr; aber durch die feindlichen Aufstachelungen und bösartigen
Verdächtigungen, welche die Umsturzpartei überall ausstreute, um Misstrauen an
die Stelle des Vertrauens zu bringen, kam es denn doch dahin, dass dies Vertrauen
sehr geschwächt und dadurch Levins Einfluss sehr geschmälert wurde. Es wurde den
guten Leuten vorgestellt, er sei zu alt, um auf die neuen Zeiten eingehen zu
können; er hänge deshalb zu fest an den Vorurteilen, welche die Welt
beherrschten, halte zu viel auf die Vorrechte einiger und zu wenig auf die
Rechte aller - und könne daher für die Gegenwart kein guter Ratgeber sein. Die
Gegenwart habe nichts im Auge, als den Vorteil des Volkes. Es sei schwer, ja
kaum möglich, dass einer vom Adel, der noch dazu Priester, als zwiefach beteiligt
sei, das Volk in Unmündigkeit und Abhängigkeit zu erhalten, um es materiell und
geistig zu beherrschen, seine und seines Standes Vorrechte fallen lasse, und
sich aufrichtig mit dem Volk verbrüdere. Es möge sich also nicht blind leiten
lassen von irgend einem Herrn; denn ein solcher werde es immer und immer wieder
zur Ruhe, Ordnung, Gesetzlichkeit auffordern und somit um die Vorteile bringen,
die es eben jetzt durch entschiedene Forderungen sich erringen müsse. - Wer ist
taub gegen die Lockungen persönlicher Vorteile? und wem muss man leichter
verzeihen, wenn er es nicht ist, als dem gemeinen Mann, dessen mühseliges Leben
so arbeits- und sorgenvoll ist! Das Licht des Glaubens muss mit voller Klarheit
auf ein solches Leben fallen, und dessen Verdienste in der Vereinigung mit dem
verborgenen Leben recht hervorheben, welches der Sohn Gottes in der armen Hütte
des geringen Zimmermanns führte, um in solchen Verhältnissen gegen die
Vorspiegelungen von grossen rechtmässigen Vorteilen taub und blind zu machen.
Levin empfing sein volles Mass von Bitterkeit durch die Kälte und das Misstrauen,
die vielfach seiner warmen Treue begegneten; aber er liess sich nicht erbittern!
Lebenslang hatte ja sein göttlicher Meister nichts so reichlich mit ihm geteilt,
als die Myrrhen. Je heftiger der Zorn des Grafen aufbrauste, wenn die neu
erfundenen »Grundrechte« eine Bresche nach der anderen in der Mauer des
historischen Rechtes und einen Raubzug nach dem anderen auf fremden Gebiet
machten, desto milder wurde Levin, so dass der Graf zuweilen auch ihm zürnte und
ihm vorwarf, im Bunde mit der Revolution zu sein. Aber er blieb ruhig bei seiner
Behauptung:
    »Das Volk ist betört, berauscht und irregeleitet durch das Geschrei der
falschen Freiheitspropheten, die ihm goldene Berge der Zukunft vorschwindeln.«
    »Aber diese Schwindelei bringt uns in Wirklichkeit um Hab und Gut,« rief der
Graf aufgeregt; »und was viel mehr ist, bringt uns um unser uraltes Recht, ja
sogar um unsere Ehre, indem wir gezwungen werden, die Erfindungen der
revolutionären Schreier als Gesetze gelten zu lassen - gezwungen durch offenbare
Feindseligkeit und Aufhetzerei des Volkes gegen uns, so dass man eines Tages, man
weiss nicht wie! den roten Hahn auf dem Dach hat. Ebenso gut könnte man einer
Räuberbande gehorchen.«
    »Dahin kommt es mit einer Menschheit, die aus dem Geleise des wohlgeordneten
Gehorsams gewichen ist,« sagte Levin ernst. Der Menschengeist hat sich in jedem
Einzelnen von Gott emanzipieren und der ewigen Weisheit den Gehorsam verweigern
wollen: dafür wird er jetzt ein durch Furcht vor Gewalttaten verschüchterter
Sklave menschlicher Verkehrteit. Der himmlischen Liebe hat er nicht dienen
wollen in edler Freiheit seines Willens, so gehorche er jetzt, furchtgeknechtet,
sündiger Torheit und Bosheit.«
    »Welch ein Trost!« murrte der Graf.
    »Ein grosser, lieber Damian, denn damit schlägt man den Weg der Busse ein.
Nimm hin die Trübsal als heilsame Arznei und bringe die geforderten Opfer nicht
der Revolution, nicht den sogenannten Rechten des Volkes, die sich nicht
urplötzlich dekretieren lassen, sondern bringe sie Gott dar, dessen Hand
unsichtbarer Weise in dieser Revolution die Menschen prüft und wägt, und
denjenigen fallen lässt, den er zu leicht befindet.« -
    Der Graf hatte Frankfurt viel früher verlassen, als er es ursprünglich
beabsichtigte. Daher war das Gemälde, welches Ernest von seinen Töchtern malte,
noch lange nicht vollendet. Der Graf lud Ernest ein, es auf Windeck fertig zu
machen, da auch ihm der Aufentalt in Frankfurt und überhaupt in jeder Stadt
gegenwärtig nicht angenehm sein könne. Freudig nahm Ernest die Einladung an. Ihm
gefielen die Windecker sehr gut, für Regina hatte er eine andächtige
Zärtlichkeit, und da sein Aufbruch von einem Ort keine grosse Anstalten
erheischte, so vollendete er noch einige Porträts und begab sich dann nach
Windeck, wo ihm die Baronin ein kleines passendes Atelier eingerichtet hatte. Er
war allen willkommen. Der Graf, gastfrei wie ein ächter grand seigneur, hatte
gern viele Menschen unter seinem Dach, und freute sich, wenn sie sich behaglich
fühlten und ungeniert bewegten. Belästigen und stören durfte man ihn nicht;
dafür liess er aber auch jeden gewähren. An Ernests heiterem Sinn fand er grosses
Gefallen in der trüben Zeit. Die Baronin sah in jedem männlichen Wesen einen
Beschützer gegen etwaige Attentate. Sie hätte das grosse Schloss voll Gäste haben
mögen, um aus ihnen gleichsam eine Leibwache sich zu bilden. Regina und Corona
fühlten sich mit der Sorglosigkeit der Jugend und dem kindlichen Gottvertrauen
der frommen Seelen persönlich nicht beängstigt durch die Zeitverhältnisse. Ja,
Regina hätte sich freuen mögen, weil sie Uriels Entfernung veranlassten. Aber was
in den öffentlichen Ereignissen sie betrübte, das waren die vielfachen
Gottesbeleidigungen, die sich bei dieser Auflösung von Zucht und Ordnung kund
gaben, und der bittere Hass gegen die Kirche, welcher der Revolution gleichsam
aus allen Poren drang. Das sah sie ein: eine so furchtbare Missstimmung unter den
Menschen, eine so klägliche Verwirrung aller Begriffe über Recht und Pflicht
musste ihren eigentlichen Grund und Ursprung in der Zerfallenheit der Menschen
mit Gott haben, woraus denn die Zerfallenheit des Menschen mit sich selbst und
mit dem Nächsten hervorgeht, und verwirrend und verfinsternd auf alle
Verhältnisse wirkt.
    »Lieber Onkel,« sagte sie einmal traurig und beklommen zu Levin, »sieh', wie
die einen so wild fordern und so blind niederreissen und mit Gewalt ihr Ziel zu
erreichen suchen - und wie die andern so ungern geben und nachgeben, und dennoch
so schwach sich verteidigen, als zweifelten sie an ihrem Recht, der Willkür
entgegentreten zu dürfen! Ach, wo ist da der heilige Geist geblieben, der jener
Erstlingsgemeinde der Christen zu Jerusalem ein Herz und eine Seele gab und
einen himmlischen Kommunismus hervorrief!«
    »Der heilige Geist ist da, wo er immer ist,« sagte Levin, »im Herzen derer,
die ihn auf sich wirken lassen, und die man nicht im Tumult der Faktionen und im
Zank und Streit der Parteisucht suchen darf. Er wirkt in der Stille und bereitet
sich in der Verborgenheit seine Werkzeuge und scheidet die guten Elemente in dem
grossen Schmelztiegel der Gegenwart von den bösen ab, und wie die Saaten gut
gedeihen bei Ungewittern, so werden auch die Blitze und Donnerwolken der Zeit
den Keimen und Pflanzungen nicht schaden, die der heilige Geist gerade jetzt und
ohne dass wir wahrnehmen können, wie - ausstreut und pflegt. Du aber, Kind,
fürchte nicht, dass er, wie ein enttronter König, vor Barrikaden und Freischaren
aus seinem Reich fliehe, und nimmst Du wahr, dass die Weltkinder ihm ihre Herzen
verschliessen, so lichte und reinige Du mehr und mehr das Deine, damit er gern
bei Dir seine Einkehr nehme. Dann lebst Du ja in dem himmlischen Kommunismus des
mystischen Leibes Christi, den die heilige Kirche darstellt, und hast mit allen
ihren lebendigen Gliedern, ihren gläubigen Kindern, die seelenernährende
Gemeinschaft der heiligen Sakramente und die herzstärkende Gemeinschaft des
Gebetes.«
    »Und dennoch, lieber Onkel,« sagte Regina lächelnd, »hab' ich eine grosse
Neigung für den äusseren Kommunismus der ersten Christen, der gewissermassen ein
natürlicher Ausdruck für ihre übernatürliche Gemeinschaft war und ein warmes
Zeugnis von ihrer Christusliebe ablegte. Die Arme und Geringen, die Verlassenen
und Elenden nahmen um Christi willen teil an Hab und Gut der Reichen und Grossen,
und die schreckliche Kluft wurde ausgefüllt, welche zwischen Not und Wohlbehagen
besteht und welche mir wie eine tiefe blutige Wunde am Leibe der Menschheit
vorkommt. Ach, war das nicht schön?«
    »Wohl war es schön!« entgegnete Levin, »wohl war es ein glänzendes Zeugnis
für die Christusliebe, die in den Bekehrten der ersten Jahrhunderte flammte,
wenn sie den Sieg, den das Christentum in ihren Herzen über heidnische
Wertschätzung des Irdischen und über heidnische Genusssucht davongetragen hatte,
dadurch feierten, dass sie freiwillig den Mitteln entsagten, durch die das
irdische Dasein behaglich gepflegt wird und zu einer verkehrten Geltung kommt -
und in die freiwillige Armut eingingen, die um Christi willen die Genüsse der
Sinnlichkeit, die Triumphe des Hochmutes verschmäht. Wunderschön war es, wenn
diese stolzen Patrizier, diese königlich reichen Senatoren, diese mächtigen
Stattalter, die über weite Provinzen geboten, plötzlich ergriffen von dem
wunderbaren Glauben an einen freiwillig leidenden Gott, sich ihrer Glücksgüter,
ihrer Welterrlichkeit schämten, weil dieselben einen schneidenden Gegensatz zu
Golgata bildeten, und ihre Schätze mit ihren armen und bis dahin verachteten
Brüdern teilten. Aber das Schöne in diesem Opfer ist eben dessen Freiwilligkeit.
Niemand wurde bei den ersten Christen gezwungen, es zu bringen. Weder die
Apostel noch die Armen in der Gemeinde forderten so etwas. Christus hatte nur
einfach gesagt: Willst du vollkommen sein, so verkaufe, was du hast, und gib es
den Armen - und hatte es nur als Rat gesagt, nicht als Gebot. Es war also ein
himmlischer Antrieb, aus dem jene Gemeinschaft hervorging: die Liebe Gottes
entzündete edle Herzen zur innigsten Nächstenliebe. Der Kommunismus kam von oben
herab und ist der schlagendste Gegensatz zu dem modernen, unchristlichen, der
durch Zwang und von kommunistischen Gesetzgebern eingeführt werden soll.
Übrigens gab es schon im zweiten Jahrhundert Häretiker,4 welche neben ihrer
Irrlehre auch irrige soziale Verhältnisse und namentlich die allgemeine
Gütergemeinschaft predigten, und bei einigen häretischen Sekten des Mittelalters
tauchte sie ebenfalls auf. Es ist also an dieser Erscheinung in unserer Zeit
nichts neu, als der Name: Kommunismus. Er gibt ihr einen gewissen pedantischen
Anstrich, als sei die Sache im System versteinert, bevor sie sich im Leben als
praktisch bewährt hat, und sie gehört auch zu denjenigen Teorien, welche der
Unglaube ausbrütet, um das Christentum, wie er wähnt, zu überflügeln.«
    »Ja,« sagte Ernest, »der brutale Bursche Kommunismus rächt die Verbannung
der himmlischen Charitas! Wie manche Staaten wähnten sich in der
selbstgefälligen Vorstellung von ihrer Omnipotenz beeinträchtigt, weil die
Charitas reiche, frische, kräftige Blüten auf dem Boden der Kirche trieb. Die
katolische Liebe mit ihren unzähligen Anstalten der Barmherzigkeit nicht unter
Verwaltung des Staates zu sehen, war dieser krankhaften Sucht nach Regiererei
unerträglich. Diese Anstalten wurden eingezogen, zusammengeschmolzen,
umgestaltet, unter ein Heer von Beamten gestellt, die über jeden Kreuzer eine
weitläufige Rechnung, über jedes Stück Brot eine genaue Kontrolle führen mussten
und deren Besoldung einen beträchtlichen Teil der Habe der Armen verschlang. Nun
war man doch sicher, dass nichts verschleudert wurde! Nun hatte man doch der
Kirche diese grossen Geldmittel entrissen, vermöge welcher es ihr so leicht
wurde, das geringe Volk für sich zu gewinnen und ungescheut Übergriffe in die
Rechte des Staates zu machen und ihren Obskurantismus zu verbreiten - während
nun hinter den Bollwerken der Bureaukratie der Staat geschirmt und gesichert für
ewige Zeiten war und die Aufklärung ihre Siege feierte! - Alle engen Herzen und
beschränkten Köpfe stiessen in die Jubelposaune über solche Massregeln von Seiten
der Regierungen. Aber siehe da! die Zuflüsse stockten! vor dem Rauschen der
Schreibfedern in ungeheueren Registern floh die verschüchterte Charitas, die an
den Verkehr mit armen Ordensbrüdern, stillen Nönnchen und einfachen Priestern
gewöhnt war, auf vertrautem Fuss mit ihnen lebte, sie als Verwalter und
Ausspender der Gaben Gottes kannte und deshalb keine ängstlich genaue
Rechnungsablage von ihnen begehrte. An die Stelle jener ungeheueren freiwilligen
Liebesgaben, welches das christliche Europa mit Anstalten der Barmherzigkeit
erfüllten, die im bedürftigen Nächsten Christus den Herrn sieht und ihn demgemäss
behandelt wissen will - trat der Staat mit seiner Verwaltung, seinen
Besoldungen, seiner Armentaxe, seiner Armensteuer, seinem Geschäftsgang, und
machte die leidenden Glieder Christi zu Objekten, für die man fast ebenso gut zu
sorgen habe, als dafür, dass keine Motten in die Montierungskammern kommen. Dies
fühlen die Armen sehr gut; es missfällt ihnen ungemein - was ihnen auch nicht zu
verdenken ist - und Dankbarkeit kann durch diese Sorte von Wohltätigkeit nicht
geweckt werden. Im Gegenteil! vom Staat erwartet jeder vor allem Gerechtigkeit.
Nimmt der Staat also die Sorge für die Armen in die Hand, so möge er doch -
folgern die Armen - etwas mehr für sie tun und sie nicht so kläglich
unterstützen, da es ihm ja doch nie, in ihren Augen, an Mitteln fehlt. In
ruhigen Zeiten lässt sich ihr Murren überhören als bedeutungslos; aber in
unruhigen kann sehr leicht ihr Missvergnügen benutzt und dem Staat gefährlich
werden. Er hat die Charitas unter Vormundschaft seiner Bureaukratie stellen
wollen - wie es hiess, zum Vorteil der Armen; jetzt tritt der grobe Kommunismus
auf und sucht zu beweisen, deren wahrer Vorteil beginne mit ihm, und da man
jetzt dem Fortschritt vor allem und in allem huldige und auf des Volkes Wohl
zuerst und zuletzt bedacht sei: so müsse man nunmehr dem Kommunismus huldigen.
Der Staat hat das uralte, heilige Recht der Kirche überflügelt zu Gunsten seiner
Omnipotenz: der Kommunismus überflügelt diese zu Gunsten der seinigen, die durch
einen furchtbaren Mechanismus im Gesamtgang des Lebens jede frische Blüte und
jede edle Kraft in demselben unterdrückt.«
    »Wie trostreich,« sagte Levin, »nimmt sich neben diesen, so ganz aus dem
Erdgeist hervorgegangenen Bestrebungen das Walten des heiligen Geistes in der
Kirche aus, der nichts untergehen lässt, was zum Leben in ewiger Wahrheit
berechtigt ist. Ein ächter Ableger christlicher Gütergemeinschaft wächst fort
und fort durch die Jahrhunderte und beweist, dass es, wie in den ersten Tagen des
Christentums, so auch in der Gegenwart, Seelen gibt, welchen es ein heiliges und
durch die Christusliebe gerechtfertigtes Bedürfnis ist, in jener zu leben. Der
Ordensstand bringt die Gütergemeinschaft mit sich.«
    »Eigentlich die Armutsgemeinschaft,« sagte Ernest.
    »Allerdings - und das ist denn freilich etwas so Schönes, dass sich der
natürliche Mensch nicht zu dieser Höhe zu erheben vermag. Der natürliche
Kommunismus schreit von unten nach oben: Ihr Reichen, wir sind eure Brüder, wir
wollen mit euch von dem Euren geniessen und schwelgen! - Der übernatürliche
spricht von oben herab: Ihr Armen, meine Brüder in Christus, ich will mit euch
arm sein.«
    »O Gott!« rief Ernest, »wenn das nur von oben herab gesagt würde! Das ist
das Elend in unserer Zeit, dass die Glaubenskälte, wie ein Gletscher, von den
Höhen in die Täler hinabwächst! Damit stand es sonst anders! Da hatte das Volk
wirklich strahlende, erwärmende Bilder heiliger Liebe und frommen Glaubens vor
Augen. Da sah es einen König Ludwig von Frankreich täglich in seinem Palast eine
Anzahl Armer nicht bloss speisen, sondern bei der Mahlzeit bedienen; einen König
Stephan von Ungarn, nicht zufrieden mit diesem Akt der Demut, die Armen in ihren
Hütten aufsuchen - oft zur Nachtzeit, weil sein Tag übervoll an Geschäften war -
und ihnen milde Gaben bringen; eine Isabelle von Portugal die Aussätzigen
waschen und kleiden; eine Elisabet von Türingen im Spital die Kranken pflegen.
Da sah es Kaiserstöchter und Königswitwen herabsteigen von ihren goldenen
Stühlen und in die strengen Orden der heil. Klara, der heil. Teresia eintreten,
deren Mitglieder armseliger leben, als die Allerärmsten, elend gekleidet,
dürftig genährt, Leib und Leben in frommer Busse und heiliger Andacht verzehren.
Das Volk liebt alle armen Orden. Es ist ihm ein Trost, dass andere freiwillig
jene Entbehrungen übernehmen, die es oft nur widerwillig selbst erträgt. Es wird
unwillkürlich zu dem Gedanken hingedrängt, ohne Glücksgüter und ohne
Lebensgenüsse auf Erden zu wandeln, müsse doch nicht so ganz unerträglich sein,
da ja diese alle darauf verzichteten. Es lernt ahnen, dass es eine Liebe gebe,
welche mächtiger und süsser sei, als alle Lieben der Welt; die Liebe zum Leiden,
in der Nachfolge des dornengekrönten, geisselzerrissenen, nägeldurchwundeten,
gekreuzigten Gottes. Gewahrt es nun, dass diese Liebe in den Grossen der Erde
mächtig genug ist, um sie in ein freudiges Schlacht- und Brandopfer der
vollkommenen Entsagung zu verwandeln: so fasst es umsomehr Vertrauen zu solchen
starken, zärtlichen, kreuztragenden Seelen, als die irdische Höhe, von der sie
herabgestiegen, blendender ist. Ein Fürstenkind bei den Karmelitessen oder
Klarissen versöhnt tausend Arme mit den Nöten ihres Daseins, denn sie sehen, dass
die irdische Grösse sich gläubig und liebend in ein Dasein voll tausend Nöten
versenkt. Es ist eine wundersame und gar nicht genug geschätzte Gnade, welch ein
Segen auf dem guten Beispiel eines frommen Glaubens von oben herab liegt; es
wirkt heilsam in die weitesten Kreise! O wenn doch recht bald nach alter Sitte
aus jedem katolischen Fürstenhause zwei oder drei Töchter in ein Kloster
strengen Ordens treten wollten! An diese zwei bis drei Prinzessinnen - fuhr
Ernest zu Regina gewendet fort - würden sich dann zwei bis drei Dutzend
hochadelige Fräulein anschliessen und diese wiederum zwei- bis dreihundert
Jungfrauen bürgerlichen Standes« ... -
    »Halt, Halt! Herr Ernest, Sie entvölkern die Welt!« rief die Baronin
ängstlich.
    »Ja, von Proletariern, gnädige Frau,« entgegnete er gelassen; »und das wäre
in der Tat äusserst wünschenswert, denn es gibt auch ein fürstliches und adeliges
Proletariat, seitdem man sich in diesen Regionen nicht mehr dem geistlichen und
dem Ordensstande widmet.«
    »Man nennt das aber nicht so!« bemerkte sie mit leisem Vorwurfe im Tone.
    »Ach, gnädige Baronin,« rief Ernest, und sah sie freundlich mit seinem
treuherzigen klugen Auge an; mir steckt der unverbesserliche Bauernbube im Blut,
so alt ich auch bin, und Sie werden immer grosse Verdienste sich zu sammeln haben
durch Ihre Nachsicht mit mir. Aber hier darf ich doch wahrlich ohne Scheu von
jenem Proletariat sprechen, das - man möge es so nennen oder nicht - leider in
der Welt ist; denn die Windecker sind davon unberührt. Hier haben wir den
hochwürdigen Herrn, und Graf Hyacint tritt in dessen Fusstapfen ein.«
    »Ja, die Liebe zum Leiden!« sagte Levin sinnend. »Diese himmlische Blüte
entsprosst dem Baum des Glaubens nur, wenn er in voller Kraft steht! Nur da, wo
er ganz tiefe Wurzeln in das Erdreich des Menschenherzens hineintreibt, wachsen
seine Äste so stark und so hoch hinauf, dass sie sich von den irdischen Stürmen
nicht mehr erschüttern lassen; und nur in dieser stillen Höhe entfaltet sich des
Christentums mystische Passionsblume, die zeitweise in früheren Jahrhunderten zu
so prachtvoller Entwicklung kam: die Liebe zum Leiden.«
    »Die ist allerdings heutzutage nicht Mode,« sagte Ernest; »im Gegenteil!
Jedermann hat eine entschiedene Liebe zum Nichtleiden in einem solchen Grade,
dass man sich gar keine Mühe mehr gibt, diese Übermacht des Erdgeistes in der
eigenen Brust zu bekämpfen. Und das ist sehr erklärlich! Man muss anbetend vor
dem Kreuze knien, um es liebend mit all seiner Herbe umfassen zu können. Aber
wovor kniet die Welt? Ein Teil, der panteistische, vor dem Gott, der sich im
All offenbart und dessen Offenbarung nirgends herrlicher zu Tage kommt, als in
dem Individuum A. oder Z. Da beten denn Z. oder A sich selbst an und
beanspruchen für diese Gotteit in ihrer Brust die Glückseligkeitsfülle, die der
Allmacht eigen ist. Ja, ja, Gräfin Regina, sehen Sie mich nur an mit Ihren Augen
voll seraphischem Erstaunen! ich fable nicht! solcher Wahnwitz existiert nicht
bloss in den wilden Phantasien hindostanischer Religionssysteme, die ihn
erfanden, sondern auch in Köpfen, die von christlichem Taufwasser berührt sind -
und er heisst Panteismus. Es werden freilich viele schöne Phrasen und Floskeln
drum und dran gehängt, um zu blenden und zu betäuben; aber die lasse ich bei
Seite und gebe Ihnen des Pudels Kern - um mit Doktor Faust zu sprechen.«
    »Also das sind die Panteisten,« sagte Regina. »Nun und was betet die übrige
Welt an, die nicht panteistisch gesinnt ist, aber auch vom Kreuze nichts wissen
mag?«
    »Fetische, Gräfin Regina! - Der Fetisch ist, wie bekannt, jedes beliebige
Ding oder Unding. Die alten Egypter beteten unter Anderen, nebst Krokodill und
Katze, auch die Zwiebel an, weil sie gern dieselbe speisten. Wenden Sie das auf
die Welt an! Der grösste Fetischdienst wird aber unstreitig mit Papierschnitzeln
getrieben.«
    »Da muss ich auch zuhören!« rief Corona, und legte ihren Bleistift nieder,
mit dem sie bis dahin fleissig gezeichnet hatte. »Das ist ja über allemassen
merkwürdig! - Also, Herr Ernest, Papierschnitzel!«
    »Ja, Komtesschen, mit Zahlen bedruckte. Steht eine Eins darauf, so ist die
Anbetung gering! Zehn - zehnmal höher! Hundert - hundertmal höher! Tausend - nun
dann ist sie enorm! Ein Päckchen solcher mit der Zahl Tausend bedruckter
Papierschnitzel - ja, wenn das da drüben zu Engelberg auf der Stelle läge, wo
die heilige Mutter Gottes steht - und es hiesse: Derjenige bekommt es, der zuerst
auf Händen und Füssen den Berg erklimmt - o mein liebes Komtesschen, welch' eine
Jagd würden wir erleben! Kein Glatteis, kein Regen, kein Schnee, keine dreissig
Grad Hitze - nichts hielte diese Adoranten zurück, sich auf allen Vieren an die
Eroberung ihres gebenedeiten Fetisches zu machen. Knieend die Wallfahrtstreppe
zu ersteigen, andächtig dabei den Rosenkranz zu beten und sich in dieser
kindlichen Weise vor dem göttlichen Kindlein Jesu zu demütigen: das ist in den
Augen dieser Fetischdiener der höchste Grad des Lächerlichen und Törichten. Aber
eine Promenade auf allen Vieren wäre höchst weise, respektabel und durchaus
notwendig, wenn es sich um jene Papierschnitzel handelte; denn das sind
Bankzettel, die Geldeswert haben - oder haben sollen.«
    »Bankzettel!« sagte Corona im Tone getäuschter Erwartung. »Ich dachte
Wunder, was das sein würde!«
    »Sie sind gar nicht auf der Höhe des Jahrhunderts, wenn das Wort Sie nicht
elektrisiert zu brennendem Verlangen. Ja, Bankzettel sind die Idole der Welt,
denn sie verhelfen zum Genuss ihrer Herrlichkeit und darin besteht, nach
vorherrschender Meinung, das Glück und die Würde des Menschengeschlechtes.«
    »O,« rief Regina, »wie notwendig ist es, dass gegen diesen niedrigen Zug, der
durch die Menschheit geht und sie entadelt, ein energischer Protest eingelegt
werde und ein Zug nach dem himmlischen mit Entschiedenheit sich kund gebe! Je
mehr die einen nach den Freuden der Erde schreien und rennen, desto mehr müsse
die anderen ihre Verachtung dieser Nichtigkeiten an den Tag legen und nach
übernatürlichen Gütern seufzen und streben.«
    »Diesen himmlischen und ganz unausrottbaren Zug in der Menschheit, der durch
ihre dunkelsten Epochen wie Sternenlicht schimmert, vertritt eben der
Ordensstand,« sagte Levin. »Sein Dasein ist der energische Protest einer
Menschheit, die nach dem Bilde Gottes sich geschaffen und für ein ewiges Leben
bestimmt weiss; die sich als verbannt aus dem Paradiese führt und sich dahin
zurücksehnt; die, von geheiligter Willenskraft bewogen, eben so entschieden
erlaubtem Erdenglück entsagt, wodurch sie, - wie Atalante durch die goldenen
Äpfel - in ihrem Lauf gehemmt werden könnte, als man sich auf der anderen Seite,
von brutalen Leidenschaften blind getrieben, gierig im Unerlaubten ergeht. Der
Ordensstand ist der entschieden und in bestimmtester, gleichsam handgreiflicher
Form ausgeprägte Protest der Kinder Gottes gegen das Gebahren der Kinder
Belials. Daher der unaussprechliche Grimm dieser gegen jene! sie fühlen sich
gleichsam bei Leibesleben schon verdammt durch die lichte Richtung, welche ihre
finstere doppelt dunkel erscheinen lässt. Haben sie die Oberhand in den
Angelegenheiten der Welt, so ist es regelmässig ihre erste Grosstat, dass Klöster
aufgehoben und Ordensleute verjagt werden. Dies sage nicht ich, dies sagt seit
mehr als dreihundert Jahren die Geschichte. Jede Verbindung in der menschlichen
Gesellschaft, welche irgend einem Zweige des Baalsdienstes huldigt, darf
bestehen. Verbinden sich aber einige Männer oder Frauen, um gemeinsam dem
göttlichen Heiland durch Gebet und Liebeswerke zu dienen, so wird irgend ein
beliebiges Zetergeschrei so hartnäckig und so betäubend von ihren Widersachern
angestimmt, als führten sie den Untergang der Welt herbei. Fahndet man aber auf
die Singvögel wie auf Habicht und Geier, so wird der Wald stumm und öde und der
liebliche Gesang verhallt, der dem Wandersmann das Herz frisch und fröhlich
machte und ihn zuweilen veranlasste einzustimmen in die friedlichen Hymnen. So
sind denn auch wir gar arm jetzt an Klöstern und daher auch bitterarm an Gebet.
Das Kloster ist so recht dessen Heimat. In der Welt bereiten ihm wohl auch
fromme Seelen eine Stätte, allein es ist dort eine Ausnahme; im Kloster ist es
die Regel. Dem Gebetsleben sich widmen: das war in den ersten christlichen
Jahrhunderten der bezeichnende Ausdruck für das klösterliche Leben; er zeigte
an, dass jede Arbeit, jede Beschäftigung, jedes Werk, jede Handlung durch das
Gebet in der Vereinigung mit der Anbetung der Engel geschehen sollte. Das
gemeinschaftliche Chorgebet, das durch Tage und Nächte zu festgesetzter Stunde
anhub - die andächtige stille Betrachtung der heiligen Geheimnisse des Glaubens
- die Anbetung des Sanktissimums, worin sich ununterbrochen, Stunde um Stunde,
in gewissen Klöstern die Ordensleute abwechselten - das höhere, beschauliche
Gebet, das sich versenkt in das Leben, Leiden und Sterben des Gottessohnes - das
alles ist mit den Klöstern verschwunden. Dazu hat in der Welt niemand Zeit,
niemand Lust, auch niemand Anleitung. Die Weltgeistlichkeit ist in viel zu
geringer Zahl, um sogar den notwendigsten Anforderungen der Seelsorge zu
genügen; wie sollte sie höhere Bedürfnisse des Seelenlebens pflegen können! Je
mehr sie sich notgedrungen vielfachem Verkehr mit der Welt und deren Gesinnungen
und Verhältnissen hingeben muss - desto heilsamer wär' es auch ihr, wenn sie die
weltfremde Richtung des Ordenslebens vor Augen hätte und zu heiligem Wetteifer
angespornt würde.«
    »Es gab auch viele Missbräuche in den Klöstern, viel Trägheit, Schwelgerei
und Müssiggang,« bemerkte die Baronin, um Regina herabzustimmen, deren
leuchtende Augen immer heller leuchteten, je länger der Onkel sprach. »Die Zahl
der Klöster war zu gross, als dass der Beruf sie hätte bevölkern können; sie
wurden ein Exil, wohin Eltern unliebsame Kinder schickten, oder ein Zufluchtsort
für Taugenichtse, die dort ihr Behagen fanden.«
    »Das mag alles stattgefunden und der liebe Gott den Klostersturm deshalb
zugelassen haben,« entgegnete Levin. »Wir wissen ja sämtlich, dass der Mensch
alles Gute missbrauchen und jede Gnade in ihr Gegenteil verwandeln kann. Lässt er
sich von Selbstsucht und Eigenliebe bestimmen und leiten, so ist er inner-wie
ausserhalb der Klostermauern ein Kind Belials. Überdies hat das Kloster, als
solches, kein Privilegium, wodurch es hermetisch gegen die allgemein menschliche
Schwäche verschlossen wäre. Jeder Bewohner desselben bringt sein Stückchen
Schwachheit mit und der Reichtum einiger Klöster ist ihnen zum Verderben
geworden.«
    »Nun,« sagte Ernest, »diesen Stein des Anstosses hat man ja mit zarter
väterlicher Sorgfalt fast überall hinweg geräumt.«
    »Wir wollen auch nicht darüber klagen,« entgegnete Levin. »Arm sein ist für
alle Menschen ohne Ausnahme besser, als reich sein, weil die Armut auf
Sinnlichkeit und Hochmut drückt, Reichtum sie nährt. Wer sich der Nachfolge
Christi widmet, freut sich der Armut und nennt sie, wie St. Franziskus
Seraphicus, seine geliebte Braut. Dass wir keine gefürsteten Äbte und Äbtissinnen
haben, wollen wir verschmerzen - ohne doch das Recht anzuerkennen, welches sie
von ihren Stühlen warf. Aber dass man die Engherzigkeit und Kurzsicht so weit
treibt, um dem lieben Gott zu missgönnen, dass ihm einige stille Seelen in
demütiger Zurückgezogenheit, durch geistliche und leibliche Werke der
Barmherzigkeit dienen - das ist wohl sehr schmerzlich. Nie gab es mehr Leid
hienieden, als in unserer Zeit, weil seit achtzehnhundert Jahren noch nie die
Begier nach Genüssen und Freuden und Wohlleben so allgemein verbreitet, so
rasend gesteigert war, und weil sie noch nie einen solchen Schein von
Zugänglichkeit für alle und jeden hatten, als eben jetzt vermöge der vielfach
gesteigerten Mittel der Bildung, der Spekulation, der Tätigkeit, der Verbindung
für kommerzielle Zwecke. Da wähnen denn alle und jeder, sie müssten ihren Sitz
haben bei dem Festgelage des Lebens und sind missvergnügt, wenn sie ihn nicht
einnehmen. Diese massenweise getäuschten Erwartungen der Eitelkeit, des Dünkels,
der Hoffart, der Lüsternheit machen die Menschen unsäglich elend, und sie wird
nicht eher zu ihrem Frieden kommen, als bis sie das gefunden hat, was keine
Revolution, wohl aber die Religion ihr geben kann: Liebe zum Leiden. Dass eine
solche Liebe existiere, würde sie gewahr werden durch die armen Klöster, und
wenn durch deren Beispiel, Anregung und Gebet auch nur hundert Herzen vom
Dienste des Baal abgelöst würden - oder fünfzig, oder nur zehn - welch ein
Gewinn für die Ewigkeit!«
    »Wie würden die aber als Reaktionäre verschrien werden!« rief Ernest
lächelnd.
    »Gerade so wie in der französischen Revolution des vorigen Jahrhunderts
diejenigen als Aristokraten verschrieen wurden, die sich nicht wollten
guillotinieren lassen. Sie waren Reaktionäre gegen die Guillotine, die das
letzte Mittel aller Vergewaltigung durch Revolution ist.«
    »Es ist in der Tat kein übles Monopol, welches sich die revolutionäre Partei
vindiziert, dass nur ihr Tun und Treiben als berechtigte Bewegung und Handlung
gelten soll,« sagte Ernest. »Jede andere Bewegung empfängt das Stigma Reaktion!
was die Bedeutung von Hochverrat gegen die Majestät dieser Partei haben soll,
und was die gedankenlose und verschüchterte Menge ihr nachlallt. Übrigens
gefällt es mir, dass die Demokraten sich somit als Aktionäre der Revolution
bezeichnen; nämlich als solche, die auf dieselbe zum Vorteil ihrer
Aufgeblasenheit spekulieren.«
    »Mir ist das Wort ultramontan noch widerwärtiger!« seufzte die Baronin.
    »Es ist auch - wo möglich - noch hämischer,« sagte Levin. »Jeder Katolik,
der schlecht und recht seinen Katechismus glaubt und demgemäss spricht und
handelt, soll ein Ultramontaner sein. Dies Wort, das nur einen geographischen
Sinn hat, wird von der Revolutionspartei angewendet, um jemand zu bezeichnen,
der Verrat am Vaterlande durch sein Glaubensbekenntnis begehen, während der
Reaktionär diesen Verrat durch politische Institutionen treiben soll. Der
Ultramontane ist selbstverständlich immer reaktionär; aber der Reaktionär - und
wenn er der strengste Calviner oder Altluteraner wäre - muss es sich auch
gefallen lassen, ultramontaner Tendenzen beschuldigt zu werden, sei sein Abscheu
vor der römisch-katolischen Kirche auch noch so heftig.«
    »Wir Windecker,« sagte Korona, »sind Alle ultramontan und reaktionär; bei
Onkel Levin angefangen und bei mir geendet.«
    »Das wolle Gott!« sagte Levin.
    »Ist das schwer, lieber Onkel?« fragte sie.
    »Die Revolution zu hassen und zu bekämpfen ist für jemand, der Herz und
Ehrgefühl hat, nicht schwer; allein der äussere Krieg gegen das Reich der alten
Schlange genügt nicht; er muss auch innerlich gegen die Revolten der Selbstsucht
geführt werden - und das ist schwer; das ist die ächte, wahre, heilige Reaktion
gegen das Böse, die das Fundament jeder anderen sein müsste. Und ultramontan bist
Du noch nicht, weil Du Deinen Katechismus auswendig weisst. O nein! Nur wer ein
in Glauben und Werken lebendiges Glied ist des mystischen Leibes Christi, der
sein sichtbares Haupt zu Rom im Stellvertreter Gottes, dem heiligen Vater, hat -
und wer sich bestrebt zu leben, wie es sich ziemt für ein Kind des Reiches
Gottes: der nur darf sich die Benennung ultramontan als einen Ehrennamen
ausbitten. Dazu aber brauchen wir recht sehr den Gnadenbeistand Gottes.«
    Corona küsste errötend des Onkels Hand und gestand sich heimlich, dass ein
solcher Ultramontanismus seine Schwierigkeiten habe. Levin schlug einen
Spaziergang vor. Der Graf war nach der Besitzung gefahren, wo früher Gratian
gelebt hatte; man wollte ihm entgegen gehen. Die Sonne stand schon zum
Untergang, aber die Hitze war den Tag über so drückend gewesen, dass man sich
nicht im Freien hatte aufhalten können und dass man sich gegen die Einwendung der
Baronin, welche nicht für Spaziergänge auf der Landstrasse in der Dämmerung war,
einstimmig aussprach. Sie ging nicht mit; Levin, Ernest, Regina und Corona
machten sich auf den Weg und freuten sich des lieblichen Abends, der sich recht
wie eine Gabe Gottes, mit seinem heiteren Frieden und stillen Segen über die
Welt legte und all' deren Aufregungen und Leidenschaften für ein paar Stunden
zur nächtlichen Ruhe brachte. Dann schlafen sie alle, die armen Menschen! dann
sind sie alle hilflos, gebunden, still, auf gleicher Stufe, in gleicher
Unfähigkeit, ohnmächtig hingesunken in die Hand Gottes, die ihnen die Erquickung
des Schlafes spendet und sie dann erweckt für einen neuen Tag, der ihnen neue
Gnaden bringt und in den sie ihren Unfrieden, ihren Hass, ihre Unruhe, ihren
Hader bringen.
    Aber diese friedvollen Seelen dachten an keinen Hader! Ernest musste erzählen
von seinen Reisen, von seinem Aufentalt in fremden Ländern, von der wilden
Schönheit des Hochgebirges und den zauberischen Reizen der südlichen Natur.
Regina wollte wissen, ob wohl ein Punkt auf der Erde so schön sei, dass man
darüber die Sehnsucht nach dem Himmel vergessen könne. Corona versicherte, sie
fasse nicht, dass es irgendwo schöner sein könne als gerade hier um das liebe
Windeck herum, hier - wo man Wasser und Berge, Fluren und Wälder beisammen habe.
    »Wasser und Berge schön und gar freundlich gemischt,« entgegnete Ernest.
»Indessen muss ich doch bekennen, Komtesschen, dass mir die mit Kaktus, Aloe und
Myrten umsäumten Felsenküsten der leuchtenden Meere des Südens - und die
Granit- und Gletscherpyramiden des Hochgebirges mit ihren pyrenäischen Tälern
und ihren Schweizerseen - grossartiger, mannigfaltiger und malerischer
erscheinen, als der kleine Main und als die Ausläufer des Odenwaldes hüben und
des Spessarts drüben. Im Ganzen genommen haben Sie aber gar nicht unrecht! die
Elemente der Naturschönheit sind überall dieselben, und das, was sie erst recht
schön macht, die wundervolle Weisheit und Allmacht des Schöpfers, strahlt auch
überall aus ihnen hervor.«
    »So bin ich denn ganz gerechtfertigt in meiner Vorliebe für mein Windeck!«
sagte Corona. »Ich weiss nun, dass es gewissermassen alle Schönheit in sich fasst.«
-
    Sie ging vor den übrigen her und zwar rückwärts nach Kinderart, um alle
ansehen zu können, mit denen sie sprach. Plötzlich stiess sie einen kurzen Schrei
aus, denn sie sah einen Stein von der Seite durch die Luft fliegen, und in
demselben Augenblick sank Levin mit dem dumpfen Seufzer Jesus Maria! zu Boden.
Sie hielten ihn für tot und knieten mit grenzenlosem Schmerz und Entsetzen neben
ihm nieder. Der Stein hatte ihn dicht über der Schläfe verletzt und hätte leicht
die gefährliche Stelle treffen können, da er, nach seiner Gewohnheit, den Hut
abgenommen hatte und in der Hand trug. Das Blut strömte aus der Wunde. Regina
suchte es mit Taschentüchern zu stillen, Corona unterstützte das Haupt des
lieben Onkels Levin; beide zerschmolzen in Tränen. Ernest hatte auch Tränen in
den Augen. Er hätte gern nach dem Frevler umhergespürt, aber er konnte die
jungen Mädchen nicht verlassen und es dämmerte stark.
    »Was fangen wir an?« wehklagte Corona.
    »Wir warten auf den Vater, der ja bald kommen muss,« sagte Regina, »da er nie
die Teestunde versäumt und es nicht weit von neun Uhr sein kann.«
    Da schlug Levin die Augen auf und sagte:
    »Ach, es ist nichts, liebe Kinder! Wir wollen Tücher um den Kopf binden und
heimgehen.«
    Er stand auf. Indem liess sich das dumpfe Rollen hören, das auf einer
Chaussee die Ankunft eines Wagens schon in grosser Entfernung anzeigt.
    »Gott Dank! da kommt der Graf!« rief Ernest. »Nun werd' ich ausschauen, wer
diese Untat verübt hat.«
    »Nicht doch, Herr Ernest,« sagte Levin, »das war ein Zufall! seien Sie ganz
ruhig!«
    »Ja, ein Zufall - der nur Ultramontane trifft!« rief Ernest empört.
    »Genug, es bleibt bei dem Zufall!« entgegnete Levin.
    Der Wagen kam näher. Ernest eilte ihm entgegen und erkannte bald mit
unbeschreiblicher Freude die offene Kalesche des Grafen. Er winkte dem Kutscher
Halt zu und des Grafen Erstaunen über Ernests unerwartete Erscheinung ging in
zornige Bestürzung über, als er die ruchlose Tat erfuhr. Die Kalesche musste die
ganze Gesellschaft aufnehmen und langsam, jede Erschütterung vermeidend, fuhr
der Kutscher heim.
    Im Schlosshof empfing sie neue Bestürzung. Es war eben eine Staffette aus
Stamberg mit einem Brief an den Grafen angelangt, schwerlich eine gute Nachricht
bringend. Die Spannung der Baronin und der Dienerschaft löste sich in Jammern
auf, als man den verwundeten Onkel Levin und Regina und Corona in blutbefleckten
Kleidern sah. Die arme Baronin war ganz fassungslos. Ernest musste ihr zwei-
dreimal das Attentat erzählen, bis sie es verstand. Es wurden inzwischen
Eisumschläge über die Wunde gemacht und Arzt und Wundarzt herbeigeholt. Regina
besorgte alles mit Ruhe und Pünktlichkeit und liess es sich nicht nehmen, die
Nacht bei dem lieben Kranken zu wachen, der fortwährend versicherte, die Wunde
sei unbedeutend, obschon der starke Blutverlust und der brennende Schmerz ihn
sehr abmatteten. Die Staffette hatte einige Zeilen von Baron Stamberg gebracht:
ein Schaganfall bedrohte das Leben der Baronin, doch war sie bei Besinnung und
ihr Zustand noch nicht ganz hoffnungslos. Die vielfachen Gemütsbewegungen der
letzten Zeit erschütterten ihr Nervensystem aufs heftigste. Als eine Erkältung
dazu kam, trat der Anfall ein. Der Graf machte sich reisefertig. Er wollte nur
abwarten, wie der Kranke die Nacht hinbringe und den Ausspruch des Arztes - und
dann in der Morgenfrühe aufbrechen. Er sagte zu Ernest, der bei dem Verwundeten
ab und zu ging und die Eisumschläge bereiten half:
    »Welch eine Beruhigung für mich, dass Sie in diesem Augenblick hier sind, wo
ich meine Töchter auf zwei bis drei Tage verlassen muss! Ich würde sie am
liebsten mitnehmen, aber Regina trennt sich nicht von dem Krankenbett des guten
Onkels.«
    »Darf ich fragen, Herr Graf, weshalb Sie plötzlich so besorgt sind?«
    »Man sagte mir in Jochhausen, es hätten sich dort gesindelhafte Figuren mit
grossen Bärten und Schlapphüten gezeigt. Das Attentat auf den Onkel beglaubigt
ihre Nähe. Dass ich ein Reaktionär bin, versteht sich von selbst - und was ein
solcher zu erwarten hat, auch wenn er sich fern von jeder politischen
Demonstration hält, haben wir gesehen bei der Brandstiftung des Schlosses
Waldenburg in Sachsen. Auf dergleichen muss unsereiner jetzt gefasst sein.«
    »Gott verhüt' es! kommen Sie nur recht bald wieder!«
    »Mir brennt der Boden unter den Füssen, um fortzuziehen und heimzukehren, das
glauben Sie mir! Aber ich muss meine arme Mutter noch einmal sehen. Als ich sie
im Winter von Frankfurt aus besuchte, merkte man ihr nicht im Entferntesten ihre
siebenundsechzig Jahre an - und jetzt! ja, solche Zeiten machen die kräftigsten
Menschen kaput, weil man so tatlos dasitzen und von dieser Legion von Schwätzern
sich tyrannisieren lassen muss. Hätte ich nicht die beiden Kinder, so ginge ich
zu meinen Buben nach der Lombardei, wo man doch im Kampfe mit Ehren leben kann!«
    Der Arzt traf in Begleitung eines Wundarztes ein und beide erklärten die
Verwundung für schwer, aber nicht für gefährlich, vorausgesetzt, dass sich das
Wundfieber nicht steigere; deshalb müsse die äusserste Ruhe und Stille den
Kranken umgeben. Sie legten ihm einen regelrechten Verband an, lobten die
Eisumschläge und empfahlen sich. Levin sagte lächelnd:
    »Nun habt Ihr es von den Sachkundigen gehört: es hat gar nichts zu bedeuten.
Eine Dornenwunde ist es vom Dornenkranz unseres Heilandes.«
    »Das glaub' ich auch,« entgegnete Ernest gerührt.
    Der Graf teilte nun die Erkrankung seiner Mutter dem Onkel mit, nahm
Abschied von allen, versprach möglichst schnelle Heimkehr und reiste ab. Kaum
war er fort, so liess die Baronin Isabelle in aller Stille das Banner einziehen.
Als es von den Zinnen sank, fiel ihr ein Stein vom Herzen. Der Tag verstrich wie
jeder andere und mit Levins Befinden ging es gut. Regina sass mit ihrer Arbeit in
seinem Vorzimmer, während er still im Schlafzimmer ruhte. Zu bestimmten Stunden
gab sie ihm Arznei oder einen kühlenden Trank und in der Zwischenzeit stand sie
zuweilen auf, ging auf den Fussspitzen zur Türe des Schlafzimmers, schaute hinein
und nickte zärtlich dem lieben Onkel Levin zu. Die Baronin, Corona und Ernest
kamen und gingen; zuweilen auch Brigitte, Regina's Kammermädchen.
    Es war gegen Abend, als diese geisterbleich und bebend eintrat und mit
gebrochener Stimme flüsterte:
    »Unsere Leute, die von draussen kommen, sagen, es sei eine Rotte im Anmarsch,
welche den Herrn Grafen um seine Gewehre bitten wolle. O liebster Heiland, was
wird das für eine Bitte sein!«
    Leise öffnete Ernest die Türe des Vorzimmers und winkte Regina zu kommen.
Sie sagte zu Brigitte:
    »Bleiben Sie ruhig hier und fürchten Sie sich nicht. Wir sind ja alle sicher
in Gottes Hand. Ich will selbst mit unseren Leuten reden.«
    Brigitte sank zitternd in einen Sessel und sah im Geiste schon eine
Mordbrennerbande vor das Schloss rücken. Regina ging hinaus und fragte Ernest:
    »Was ist denn Wahres an dieser Geschichte?«
    »Ein Reitknecht, der Pferde frisch beschlagen liess, begegnete auf dem
Heimritt von der Schmiede zwei Männern, die ihn fragten, wie viel Gewehre der
Windecker Graf wohl in seiner Gewehrkammer habe. Der Reitknecht gab zur Antwort,
das wisse er nicht, und ritt von dannen. Er und die übrigen Leute sagen aber, es
munkele schon seit ein paar Tagen von einem ungebetenen Besuch auf Windeck und
Ihr Herr Vater schien gestern in Jochhausen Ähnliches gehört zu haben - nach
seiner eigenen Äusserung zu schliessen und nach denen des Kutschers und des
Bedienten, die ihn begleiteten.«
    Während er so sprach, gingen sie die Treppe hinab.
    Unten in der Halle standen der Portier, der Koch, zwei Bedienten und ein
paar Stubenmädchen und unterhielten sich eifrigst von den Dingen, die da kommen
sollten.
    »Was geht hier vor?« fragte Regina ernst. Aber ehe jemand antwortete, flog
die Türe des Salons auf und die Baronin Isabelle stürzte, von ihrem
Kammermädchen und von Corona begleitet, in die Halle und umfing mit krampfhaftem
Weinen Regina. Nun sprach die ganze Dienerschaft auf einmal, was man alles tun
müsse: das Hoftor und die Fensterladen schliessen; die äusseren Türen verrammeln;
Geld, Silberzeug und sonstige Kostbarkeiten zusammenpacken und dann übersetzen
nach Engelberg; die Gewehre aber sämtlich vor dem Hof niederlegen, damit jeder
Vorwand zum Einbruch in das Schloss entfernt sei.
    »Welche Feigheit!« rief Regina.
    »Ach Gott, ja! nach Engelberg!« seufzte die Baronin.
    
    »Und Onkel Levin?« sagte Regina. »Nein! ich bleibe - und ich denke, wir
bleiben alle, ruhig jeder bei seinem Geschäft und mit geöffneten Fenstern und
Türen - ganz wie gewöhnlich. Kommt irgend jemand mit irgend einer Anfrage, so
rufe man mich.«
    »Regina!« rief die Baronin, »Du wolltest Dich weiss der Himmel welchen
Beleidigungen aussetzen? O nimmermehr leid' ich das!«
    »Liebe Tante, ich bin die älteste Tochter des Hauses und muss in meines
Vaters Abwesenheit dessen Stelle vertreten. Ich tue meine Pflicht, Gott ist mit
mir, und es wird keinem Menschen einfallen mich zu beleidigen,« sagte Regina
sanft und fest.
    »Kind,« sagte die Baronin in grenzenloser Aufregung, »Kaiser und Könige sind
vor diesen Mannern der Volkssouveränetät gewichen und haben ihnen ihre Rechte
abgetreten - und Du willst ihnen ein paar Gewehre verweigern: das ist unerhört
kühn.«
    »Wollen Kaiser und Könige ihre Arsenale von dem souveränen Volk erstürmen
lassen: so ist das ihre Sache; allein in dem unseren hat es nichts zu tun.
Überdies find' ich, dass wir gerade so gut zum souveränen Volk gehören, wie
irgend ein Blousenmann.«
    Regina sagte dies alles so einfach und heiter, dass sich die allgemeine
Aufregung etwas legte - nur nicht bei der Baronin. Sie rang die Hände und rief
klagend:
    »Was fangen wir an, wenn sie mit dem einbrechenden Dunkel kommen?«
    »Halten Sie Windlichter bereit,« sagte Regina zu den Dienern. »Die werden
ganz festlich die Audienz beleuchten, welche wir den Herren von der Blouse auf
dem Perron geben werden, wenn sie heute kommen; was ja ganz ungewiss ist.«
    »Gewiss kommen sie heute,« jammerte die Baronin; »gewiss benutzen sie des
Vaters Abwesenheit.«
    »Sollten sie davon unterrichtet sein?« fragte Regina.
    »Versteht sich! ich liess sogleich die Fahne einziehen.«
    Regina lächelte und sagte zu den Dienern:
    »Also wenn jemand in den Hof kommt, so rufe man mich; aber bei Zeiten, denn
draussen will ich mit dem souveränen Volk sprechen - nicht hier in der Halle. Und
Niemand zeige den ungebetenen Gästen Unruhe oder Misstrauen.«
    »Liebste Regina, ich fasse gar nicht Deine übermenschliche Verwegenheit,«
sagte die Baronin. »Die Leute kommen vielleicht, um das Schloss an allen vier
Ecken anzuzünden und Du willst mit ihnen Gespräche führen!«
    Regina nahm die Baronin unter den Arm, führte sie in den Salon zurück und
sagte:
    »Wer soll denn sonst mit ihnen sprechen, liebe Tante? man muss ihnen doch
Bescheid geben und unsere Leute könnten sich verwirren lassen.«
    »Dass der Rentmeister auch gerade jetzt auf vierzehn Tage Urlaub nahm! der
ist redefertig und dreist!« seufzte die Baronin.
    Regina erwiderte nichts, sondern ging in das Zimmer ihres Vaters, das zur
Rechten neben dem Salon lag. Es war sein Schreibzimmer; sie ging hindurch; auch
durch sein Schlafzimmer. Die dritte Türe, welche sie öffnete, war die der
sogenannten Gewehrkammer, ein sehr geschmackvoll eingerichtetes kleines Arsenal,
die Wände mit Eichenholz getäfelt und die verschiedensten Arten von Waffen
trophäenmässig darin aufgehängt. Eine Sammlung von Pistolen und eine andere von
Dolchen entielt alte, seltene und manche sehr kostbare Exemplare, welche sich
der Graf mit vieler Mühe und grossen Kosten verschafft hatte. Seine Gewehrkammer
war seine Liebhaberei und noch weit mehr die seiner Söhne, die, wie alle junge
Männer, eine wahre Leidenschaft für Waffen hatten. Und dies sollt' ich plündern
lassen? Nimmermehr! sprach Regina bei sich selbst. Sie verschloss die Türe, nahm
den Schlüssel, ging in den Salon zurück und sagte:
    »Jetzt bekommen die Goldfische im Basin einen eisernen Kameraden.«
    Die Baronin starrte sie an ohne sie zu sehen und fragte ganz stumpf, als
Regina auf die Terrasse ging, zu Ernest gewendet:
    »Was sagt sie?« was will sie?«
    »Sie wirft den Schlüssel der Gewehrkammer in das Bassin,« entgegnete Ernest,
der mit grösster Freude Regina beobachtete.
    »Ist Ihnen je ein junges Mädchen von solcher Löwenkühnheit vorgekommen, mit
einem Trupp Blousenmänner es aufnehmen zu wollen!« flüsterte die Baronin mit
versagender Stimme:
    »Gräfin Regina hört alle Tage in heiliger Messe beten: Adjutorium nostrum in
nomine Domini,« erwiderte Ernest. »Da sie glaubt, was sie hört und was sie
mitbetet, so ist sie mutig. Die gnädige Baronin sollten sich darüber freuen und
auch etwas Mut fassen.«
    Regina kam aus dem Garten zurück und sagte:
    »Ich gehe jetzt wieder zu Onkel Levin. Werd' ich aber abgerufen, so bitte
ich Sie, Herr Ernest, mich bei ihm zu ersetzen und dafür zu sorgen, dass er sich
weder erschrecke noch ängstige. Welch Glück, dass er gartenwärts wohnt.«
    »Nein!« rief die Baronin sich ermannend; »dann gehe ich zu ihm und Herr
Ernest bleibt an Deiner Seite.«
    »Wenn Du mir versprichst, Onkel Levin nicht zu beunruhigen, liebe Tante,«
wendete Regina ein und verliess den Salon. Sie ging zuerst in die Kapelle, um
sich daran zu erinnern, wer unter dem Dach ihres Vaterhauses weile. Du bist es,
o göttlicher Heiland, flüsterte sie vor dem Tabernakel niederknieend; und Du
hast gesagt: »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist.«
Aber verwilderte, abtrünnige, ungläubige Menschen nehmen die Rechte, die den
Fürsten gehören, und dass Du, gnadenreicher Herr, noch ganz andere Rechte habest
- und dass sie diese mit Füssen treten: darauf sind sie stolz. Und solchen
Menschen soll man aus Furcht nachgeben? Nimmermehr! Ich fürchte mich nicht »vor
Denen, die nur den Leib töten können,« wenn ich »im Schatten Deiner Flügel
wandele.«
    Als Regina die Kapelle verliess, war es fast ganz dunkel, umsomehr, als sich
ein schweres Gewitter über den westlichen Himmel und den Sonnenuntergang
gelagert hatte. Sie wollte die Treppe hinauf steigen - da trat ein Diener rasch
von Aussen in die Halle und meldete, unten im Hof sei eine Truppe von Männern,
die den Grafen oder sonst jemand im Schloss zu sprechen begehrten.
    »Gut,« sagte Regina, »lassen Sie sie nur kommen; ich werde ihnen auf dem
Perron entgegen gehen.«
    Sie eilte in den Salon und rief: »Nun, liebe Tante, auf Deinen Platz! zu
Onkel Levin.«
    Die Baronin und Corona flogen beide auf sie zu und umschlangen sie, um sie
festzuhalten.
    »Zu Onkel Levin!« sagte Regina dringend und suchte sich los zu machen.
    »Nein, nein, nein!« stammelte die Baronin wie besinnungslos vor Angst.
    »So wollen wir in die Kapelle gehen,« sagte Regina, und zog beide rasch
dahin. Als sie aber eingetreten waren, floh Regina mit einer schnellen Wendung
hinaus und schloss die Türen von aussen zu. Das alles ging blitzgeschwind vor
sich. In der Halle stand Brigitte und warf eine Mantille um Regina's Schultern.
    »Wer ist bei Onkel Levin?« fragte Regina.
    »Herr Ernest.«
    »Ah, das ist gut!« sagte sie und ging durch die Halle auf den Perron, wo sie
stehen blieb, während eine Truppe von zwölf bis fünfzehn Männern durch den Hof
auf den Perron zuschritt. Sie trugen das beliebte Kostüm des Tages, Blousen,
wilde Bärte, Schlapphüte und hatten rohe, gemeine Gesichter. Vor dem Perron
machten sie Halt, denn Regina trat ihnen entgegen und sagte:
    »Sie haben meinen Vater sprechen wollen; er ist verreist. Was wünschen Sie
von ihm?«
    »Wir wollen nach Holstein ziehen,« sagte der eine.
    »Und nach Baden!« rief der andere.
    »Nein, nach Holstein!«
    »Ich bitte allen Lärm zu vermeiden,« sagte Regina, »und möglichst kurz zu
sagen, was Sie von meinem Vater wünschen. Wir haben einen Schwerverwundeten im
Hause, der nicht beunruhigt werden darf und den ich nicht gern verlasse.«
    »Wir wollen also für die Einheit und Freiheit des deutschen Volkes überall
kämpfen, wo sie bedroht wird. Dazu brauchen wir Waffen, Flinten, Säbel, Pistolen
- und da sich hier ein förmliches Waffendepot befindet, so kann es zu gar keinem
besseren Zweck verwendet werden, als zur Volksverteidigung.«
    »Sie sind im Irrtum über ein Waffendepot. Mein Vater besitzt nur
Jagdgewehre, und eine Sammlung von altertümlichen, seltenen, für den Krieg ganz
unbrauchbaren Waffen.«
    »Mit denen aber doch auf das Volk eingehauen und geschossen werden kann!«
    »Mein Vater schiesst auf Wild, nicht auf Menschen.«
    »Da jetzt die Grundrechte dem Volk die Jagd frei gegeben haben: so wird er
seine Gewehre nicht mehr nötig haben und andere können sie besser brauchen -
vorzüglich in den edlen Freiheitskämpfen.«
    »Ich bedauere, Ihrem Wunsche nicht entsprechen zu können, indem mir nicht
das Recht zusteht, über den Besitz meines Vaters zu verfügen - was Sie ganz in
der Ordnung finden werden. Ich darf nichts fortgeben, was mir nicht gehört.«
    »Sie brauchen es auch gar nicht zu geben,« rief derjenige, welcher den
Freischarenzug nach Baden statt nach Holstein führen wollte, und schlug mit der
Faust seinen Hut tiefer auf die Stirn. Wir borgen es!«
    »Auch dazu hab' ich kein Recht.«
    »So nehmen wir es!« schrie der Mensch.
    »Dazu haben Sie kein Recht,« sagte Regina mit unverändert gelassenem Tone,
wendete sich dann wieder zu dem Wortführer und setzte hinzu: »Sie sehen also,
dass ich nicht im Stande bin, Ihren Wunsch zu erfüllen. Da nun die Nacht
einbricht, das Gewitter heraufzieht und unser Kranker mich vermisst ....« -
    »Der alte Pfaff!« rief der badische Freischärler.
    »Woher wissen Sie, dass mein Onkel der Kranke ist?« fragte Regina lebhaft.
    »Wir werden wiederkommen!« rief der Wortführer hastig. »In den nächsten
Tagen kommen wir und zählen darauf, dass die Verteidiger der deutschen Einheit
und Freiheit die notwendige Unterstützung finden werden.«
    »Behüt' Sie Gott!« sagte Regina.
    Statt ihren Gruss zu erwidern, stimmte er mit rauher Kehle an:
»Schleswig-Holstein meerumschlungen« und seine Gefährten fielen ein.
    Schade, dass Ernest nicht da war! er hätte ein recht malerisches »lebendes
Bild« zu sehen bekommen, einen Gherardo della notte mit seinen Lichteffekten in
der Finsternis. Die Halle und einzelne Fenster des Schlosses waren, wie
gewöhnlich, beleuchtet und warfen ihren Schein in einzelnen Lichtstreifen auf
den Hof und auf die Männergruppe, deren Figuren, je nachdem die Beleuchtung sie
traf, bald aus dem Dunkel auftauchten, bald darin verschwanden, und im Ganzen
eine finstere, gestaltlose, unheimliche Masse bildeten. Ihnen gegenüber und
durch die Höhe des Perrons, zu dem sechs breite Stufen hinanführten, über sie
erhoben und von ihnen getrennt, stand Regina. Die Windlichter, ihr zur Seite von
den Dienern gehalten, liessen sie ganz hell erscheinen und ihr weisses Kleid, ihre
hellblaue Taftmantille umflossen sie mit sanftem Glanz. Wie Psyche in der
Unterwelt stand sie da, ein himmlischer seliger Fremdling, zwischen den dunkeln,
verzerrten, traurigen Gebilden des Orkus.
    »Schleswig-Holstein stammverwandt!« brüllte die Bande, machte kehrt und zog
ab. Regina blieb auf dem Perron, bis sie vom Hof herunter waren, das Gittertor
im Rücken hatten und durch die Lindenallee der Chaussee zugingen. Nur einer von
ihnen, der ein besonderer Liebhaber des Steinwerfens war, kehrte sich um und
schleuderte mit kräftiger Faust einen Stein gegen einen der Löwen, die in
Sandstein gehauen auf den beiden Pfeilern des Gittertores lagen, das den Hof
schloss. Der ruhende Löwe, schwarz im goldenen Felde, war das Wappen der
Windecker.
    Als die wüsten Stimmen sich mehr und mehr entfernten, trat Regina in die
Halle zurück und sagte zu dem einen Bedienten:
    »Der Portier soll das Gitter nicht früher schliessen als gewöhnlich.«
    Dann eilte sie zur Kapelle, schloss auf, kniete einen Augenblick vor dem
Tabernakel nieder, nickte freundlich der Baronin Isabelle zu, die halbohnmächtig
auf einem Betstuhl kniete - und ging schnell die kleine Treppe hinauf durch ihr
Zimmer zum Onkel Levin, bei dem sie Ernest und Corona fand.
    »Lieber Onkel,« sagte sie zärtlich, »wie befindest Du Dich? Hast Du mich
auch nicht vermisst? - ich musste ein kleines Geschäft besorgen.«
    Sie kniete neben seinem Bett nieder und küsste seine Hand. Er sah sie mit
unbeschreiblicher Liebe an, legte die Hand auf ihr schönes Haupt und sagte:
    »Sieh', wie die heilige Mutter Gottes Dich lieb hat!«
    »Die Herren Volkssouveränler,« nahm Ernest das Wort, »haben nicht Ihren
schwebenden Schritt, Gräfin Regina, sondern treten auf mit dem vollen Gewicht
selbstbewusster Majestät. Durch die abendliche Stille drang das dumpfe Geräusch
auch in dies Zimmer, und da es den hochwürdigen Herrn beunruhigte, so sagte ich
ihm einfach, um was es sich handle, damit er Sie durch ein Salve Regina der
heiligen Mutter Gottes empfehle; und das hat denn auch seine Wirkung getan.«
    »Es war aber schauerlich!« sagte Corona und schlang den Arm um Reginas
Nacken, als wolle sie die geliebte Schwester noch nachträglich festalten.
    »Wo warst Du denn?« fragte Regina. »Ich schloss Dich ja in der Kapelle ein.«
    »Aber ich lief über die kleine Treppe durch Dein Zimmer zu Brigitte. Da
löschten wir das Licht aus und übersahn den ganzen Hof!« rief sie eifrig.
    »Ja,« sagte Ernest trocken, »das Komtesschen war neugierig! sonst hätte es
wohl zum würdigen Herrn kommen und mich ablösen können! und dann wär' ich zu
Gräfin Regina gegangen.«
    »Ich dachte, Tante Isabelle wolle Sie ablösen, Herr Ernest,« erwiderte
Corona kleinlaut.
    »Ach, die arme Tante!« rief Regina mitleidig. »Ich muss sie holen, damit sie
uns alle beisammen sieht und zur Ruhe kommt.«
    Sie eilte hinab. Ernest sagte zu Corona:
    »Komtesschen! Ihre Schwester ist ein goldenes Herz.«
    »Und will in's Kloster!« platzte Corona heraus.
    »Ah! will sie das!« rief Ernest freudestrahlend. »Das sieht ihr ähnlich! da
hat sie recht.«
    »Aber Papa will es nicht und wir alle wünschen es auch nicht,« entgegnete
Corona; »und so wird wohl nichts daraus werden.«
    »Es wird das geschehen, was Gott will!« erwiderte Ernest, und Levin setzte
hinzu:
    »Amen.«
    Die Baronin erschien, ganz erschöpft auf Reginas Arm gelehnt, und liess sich
von ihr Zuckerwasser à la fleur d'orange bereiten.
    »Willst Du nicht auch etwas nehmen, Kind?« fragte sie. »Bist Du nicht
ungeheuer alteriert?«
    »Gar nicht, liebe Tante!« entgegnete Regina munter. »Ich habe starke Nerven!
- Aber zum Tee wollen wir gehen.«
    »O Himmel!« rief die Baronin, »kommt jetzt erst die Teestunde? Ich dachte,
es sei Mitternacht. Nun so geht nur. Ich kann nichts geniessen und bleibe hier.«
-
    So endigte dieser Tag ruhig am Teetisch, wie jeder andere. Mit dem wilden
Besuch war auch das Gewitter abgezogen. Bis Mitternacht wachte Regina dann noch
in der trauten Kapelle im Frieden ihres Gottes und ihres Herzens. -
Ihr Vater war inzwischen wohlbehalten auf Stamberg angelangt. Er fand seine
Mutter nicht nur nicht in Lebensgefahr, sondern die Aerzte, die aus Darmstadt
und Heidelberg gerufen waren, versicherten sogar, dass sie sich erholen könne,
wenn sie recht gepflegt und geschont werde. Ob ihr Mann sich darauf verstehe,
war dem Grafen zweifelhaft; denn Baron Stamberg, übrigens der harmloseste Mensch
auf Erden, war jetzt in einer permanenten Wut, weil der Gegenstand seines
lebhaftesten Interesses hienieden ihm durch die Erfindung der Grundrechte
beeinträchtigt wurde: die Jagd, die geliebte Jagd! Statt also seine Frau zu
beruhigen, regte er sie doppelt auf - zuerst durch seine zornig gereizte
Stimmung welche die Zukunft für ewige Zeiten rabenschwarz und hoffnungslos sah;
dann durch den Ärger, den sie empfand, weil er so ganz ausser Rand und Band war.
Der Graf konnte nicht umhin, Vergleiche anzustellen zwischen Stamberg und
Windeck, die ganz zu Gunsten Windecks ausfielen; denn, sprach er zu sich selbst,
wenn ich auch - und zwar mit vollem Rechte - über die gegenwärtigen öffentlichen
Zustände wüte und Isabelle ein weniges zu viel lamentiert: so haben die übrigen
doch frische Hoffnung und guten Mut - was allerdings heroisch ist! - und
Hoffnung ist ansteckend. Ohne Hoffnung aber ist das Leben eine Hölle. Ich
meinesteils möchte nicht hier bleiben! - -
    Brigitte sagte am andern Morgen, während sie Regina's schönes Haar flocht,
ganz schüchtern:
    »Haben die Gräfin wohl den Herrn Hauptmann bemerkt?«
    »Warum titulieren Sie den Rädelsführer so feierlich als einen Herrn
Hauptmann?« fragte Regina lächelnd.
    »Den meine ich nicht,« entgegnete Brigitte, »sondern Herrn Florentin, dessen
Zuname ja Hauptmann ist.«
    »Florentin! unser Florentin? Wie käme der unter eine solche Bande!« rief
Regina überrascht.
    »Ich möchte wetten, dass er es war!« sagte Brigitte.
    »Meine Schwester war ja bei Ihnen; hat auch sie ihn erkannt?«
    »Ich glaube nicht! Sie hat wenigstens nichts geäussert.«
    »Und ich glaube, dass Sie träumen, Brigitte! Hüten Sie sich vor solchen
Äusserungen, die ein verkehrtes Geschwätz unter die Leute bringen, dem armen
Florentin viel schaden und meinem Vater sehr wehe tun könnten. In der
unbestimmten Beleuchtung und bei Ihrer Ängstlichkeit haben Sie gewiss nicht
erkannt, welche Gesichter denn eigentlich zwischen Hut und Bart steckten. Es
wird jetzt so viel Falsches und Lügenhaftes in die Welt gesprengt, dass man sich
mehr denn je vorsichtig in Worten zeigen und auch nicht alles glauben muss, was
die Leute erzählen.«
    »Wie hätte die Bande wohl wissen können von der Gewehrkammer des Herrn
Garfen!«
    »Gutes Kind,« versetzte Regina, »ich bin fest überzeugt, dass man auf zehn
Stunden in der Runde ganz genau weiss, wie es hier aussieht und was hier
vorfällt. Das spricht sich herum - auch ohne den armen Florentin.« - -
    Regina nahm ein Buch zur Hand und Brigitte sah sich genötigt, ihr Geschäft
schweigend zu vollenden. Dennoch blieb sie dabei, sie habe Florentin erkannt.
Und sie hatte auch ganz recht. Er hielt sich in Frankfurt auf. Je näher dem
babylonischen Feuerofen der Leidenschaften - desto besser! da konnte er an jedem
Ereignis teilnehmen, zu jeder Bewegung mitwirken. Warum nicht auch in Windeck um
Waffen bitten für die Freiheiltskämpfer der Einheit Deutschlands? Er fand das
sehr erhaben; der Graf selbst musste, trotz reaktionärer Gesinnung und
ultramontaner Umgebung, für Schleswig-Holstein Sympatien haben und die
Freischärler mit offenen Armen empfangen, das war ja gar nicht anders möglich.
Heroisch wollte er den Zug nach Windeck führen. Der Steinwurf, den ein roher
Gesell aus dieser Schar abends zuvor, als er von Ferne einen Priester erblickte,
auf Levin warf, verstimmte Florentin auf's äusserste, denn im unglücklichen Falle
wäre das ein Meuchelmord gewesen - und damit wollte er nichts zu tun haben. Als
er nun gar die Abwesenheit des Grafen erfuhr, wäre er am liebsten wieder
umgekehrt; denn vor wem sollte er seine gracchische Rede halten? Doch Umkehr
liessen seine Kameraden nicht zu; sie wollten nicht unverrichteter Sache abziehen
und Florentin blieb, um den Ausgang derselben zu überwachen. Als aber Regina
erschien, versenkte er sich in die tiefste Dunkelheit und überliess einem anderen
das Wort. Der Moment war doch nicht grossartig genug, um vor ihr in der vollen
Würde eines Volkstribuns auftreten zu können. Vor dem Grafen schon eher! aber
vor ihrem klaren, unbestechlichen Auge - nimmermehr! Wie er sie da sah auf dem
Perron, so unaussprechlich edel in ihrer Ruhe, so umflossen von einer Sphäre von
Licht fielen ihm als schneidender Gegensatz Frauen ein, die er an Barrikaden
gesehen hatte, in karikierter Begeisterung und verzerrter Leidenschaft.
Unwillkürlich musste er sich eingestehen, dass jene Freiheitsheldinnen einen
widerwärtigen Eindruck neben dieser Vertreterin der Reaktion machten. Er war
froh, als der Rädelsführer den Abmarsch antrat und fest entschlossen, einen
zweiten Zug gen Windeck nicht mitzumachen. Die brutalen Bemerkungen seiner
Kameraden über Regina und ihre Schönheit machten alles Blut in seinen Adern vor
Zorn kochen; aber was war da zu tun? - nichts, als in der Liebe für die
Volksfreiheit alles Missbehagen zu ersticken. In der dunkeln Lindenallee kehrte
sich Florentin nach dem Schloss um, das mit seinen abendlichen Lichtern so
friedlich und heimlich da lag, als ob weder Revolution noch Freischaren in der
Welt wären; und der schöne Löwe am Tor, gegen den so eben der grimmige Steinwurf
geschah, liess sich auch gar nicht stören auf seinem Pfeiler und hielt seine
Wache fort. Da dies sich nun alles so entsetzlich aristokratisch ausnahm und
Regina, das versöhnende Element, aus dem Bilde verschwunden war, so fühlte sich
Florentin wieder in seinem Gleichgewichte, d.h. in seinem Hass gegen
traditionelle Vorurteile, Kastengeist etc. und grimmig hob er einen Stein auf,
um ihn seinerseits gegen einen der stolzen Löwen zu schleudern. Aber er liess ihn
fallen und murmelte für sich: Grosstaten der Gassenbuben? - pfui, Florentin! -
    Am dritten Tage kam der Graf zur grössten Freude der Seinen wieder aus dem
Odenwalde zurück, beruhigt über das Befinden seiner Mutter - und ebenso über den
Zustand der Besserung, worin er den Onkel Levin antraf. Natürlich wurde ihm
gleich von allen Seiten der Freischarenbesuch mitgeteilt.
    »Wer weiss, ob ich mich so ruhig benommen hätte wie Regina,« sagte der Graf
liebreich.
    »Drum hat es der liebe Gott gerade so gefügt!« rief sie munter und küsste
seine Hand.
    »Hattest Du denn gar keine Furcht dem wüsten Gesindel gegenüber, das Dich
durch Wort oder Tat hätte beleidigen können?«
    »Nein, gar nicht,« sagt sie.
    »Und hattest niemand, um Dich zu beschützen?«
    »O doch!« rief sie, zog ihren Rosenkranz hervor, küsste das kleine Kruzifix
mit dem Partikel vom wahren Kreuz und setzte hinzu: »Im Schutz des Kreuzes bin
ich gefeit.«
    »Das ist ein Glaube, der Berge versetzt,« sagte der Graf.
    »Und der die Welt überwindet,« bemerkte Ernest. -
    Das Befinden der Baronin Stamberg wurde besprochen, und als der Graf
beklagte, dass sie keine andere Pflege als von Dienerinnen habe, erbot sich
Regina sogleich, zur Grossmama zu gehen.
    »Kind, Du bist allzu vollkommen, das ist auch eine Art von
Unvollkommenheit!« sagte der Graf unmutig, der durchaus nicht gewillt war, sich
der Gesellschaft seiner Tochter zu berauben.
    »Um's Himmelswillen nicht!« flehte die Baronin Isabelle. »Im Badischen
hausen die Freischaren und könnten einmal Stamberg überfallen.«
    »Nun, wegen der bekannten Freischarenbravour könnten sie dort wohl bald
ausgehaust haben,« bemerkte Ernest.
    »Vor der Hand ist nicht daran zu denken,« sagte der Graf. »Ich kann doch
unmöglich ganz allein bleiben? Die Buben sind fort - nun soll ich auch meine
Regina fortschicken? Nein, daraus wird nichts.«
    Die Buben, wie er sie nannte, machten freudig den Feldzug in der Lombardei
mit. Uriel schrieb fleissig, und die Siegesnachrichten von jenseits der Alpen
lichteten die trüben Zustände diesseits derselben.
    »Mailand hätten wir wieder!« rief der Graf froh. »Jetzt nur auch bald Wien.«
    »Wird schon kommen!« entgegnete Ernest zuversichtlich.
    »Ach, aber der heilige Vater!« sagte Regina beklommen. »Das undankbare Rom
misshandelt sein mildestes Herz - und wer weiss, ob ihn die Revolution nicht
verjagt oder Schlimmeres noch begeht.«
    »Daran sind die Stellvertreter Christi gewöhnt,« bemerkte Levin. »Vom ersten
Apostelfürsten an, der auf dem Janikulus kopfabwärts gekreuzigt wurde und dessen
dreizehn erste Nachfolger sämtlich den Martertod für den katolischen Glauben
fanden - bis zur heutigen Stunde haben dem sichtbaren Oberhaupt der heiligen
Kirche Schmach und Geisselung, Dornenkranz, Kreuzigung und Herzenswunde so wenig
gefehlt, als einst dem Gottessohn selbst. Hörte die eine Art von Martertum auf,
so brach die andere an: heidnische Verfolgung, Heimsuchung durch Barbaren,
deutschrömische Kaiser, französische Könige, die furchtbarsten wildesten inneren
Faktionen voll republikanischer Gelüste und Adelstyrannei, Schisma und Häresie
haben sich seit achtzehn Jahrhunderten über und gegen Rom gewälzt und dem
Stellvertreter Christi seinen reichlichen Anteil am bitteren Leiden des Herrn
gebracht; denn in der Siebenhügelstadt liegt mystischer Weise auch der Hügel
Golgata; ja, er ist recht eigentlich das Fundament des Vatikans - und das haben
die Stellvertreter Christi in so vollem Umfang begriffen, dass es dem bittersten
Hass und der feindlichsten Scheelsucht nicht möglich ist, mehr als fünf oder
sechs Päpste ausfindig zu machen, welche die Nachfolge Christi nicht angetreten
hätten - also einer etwa in dreihundert Jahren, bei dem der natürliche Mensch
den übernatürlichen besiegte! Welche lange, lange, wunderbare Reihe von
Heiligen, und wie selten wird sie unterbrochen durch einen armen Sünder!«
    »Man bekommt eine Art von Grauen vor der Heiligkeit,« nahm der Graf das
Wort, »wenn man sie immer und immerfort in einer Sündflut von Leiden und
Bitterkeiten gewahr wird.«
    »O lieber Vater, sind das aber die Bedingungen zur Heiligkeit, wie gern
müssen wir sie annehmen!« rief Regina - und Levin sagte:
    »Das Auge des Glaubens nimmt die Dinge anders wahr, als das sinnliche und
vom Irdischen befangene Auge. Leiden machen gottähnlich - sagt der fromme
Heinrich Suso. Gottähnlich zu werden, das Ebenbild Gottes in der Seele
herzustellen, ist die Aufgabe jedes Christen und ist das ersehnte und
angestrebte Ziel jedes Gläubigen. Was ihm dazu behilflich ist, heisst er
willkommen. Nichts adelt die Seele mehr, als ein mit frommer Ergebung und edler
Geduld getragenes Leiden. Das gibt ihr die Stigmata der Kreuzigung und auf ihnen
ruht das Auge Gottes mit ewiger Liebe. Wer sie trägt, ist Gott wohlgefällig,
denn er ist Christus ähnlich - und in dieser Liebesverbindung mit Gott führt der
gläubigleidende Mensch schon hienieden mitten in seiner Trübsal ein seliges
Leben, weil der Friede der Seligen in ihm ist.«
    Ernest sah ihn an, während er so sprach, und dachte, dass auf diesem zarten
durchschmerzten Antlitz die Stigmata des Kreuzes nicht fehlten - aber auch nicht
die balsamischen Tröstungen der Kreuzesliebe. Er sagte:
    »Kein Tron der Welt ist von so verschiedenen Seiten und so zu allen Zeiten
von Stürmen umbraust worden, als der Stuhl des heiligen Petrus. Der liebe Gott
lässt das zu, um zu zeigen, dass Er ihn halte. Päpste in der Verbannung durch -
und auf der Flucht vor Faktionen, Päpste in der Gefangenschaft - sind ganz
häufige Erscheinungen in der Geschichte, und nicht selten traf die
ausgezeichnetsten das Loos. Leo III. floh vor häretischen Aufrührern nach
Paderborn zu Karl dem Grossen. Gregor VII. starb in der Fremde zu Salerno, von
einem Gegenpapst, den ein deutscher Kaiser wählte und stützte, aus Rom
verdrängt. Bonifatius VIII. starb an den Misshandlungen, welche König Philipp der
Schöne von Frankreich, in Verbindung mit einer Partei des römischen Adels, ihm
zufügte. Dann gerieten die Päpste während siebenzig Jahren unter die königlichen
französischen Kerkermeister, welche die Faktionen in Rom auszubeuten verstanden
- und lebten im babylonischen Exil zu Avignon. Später liess Kaiser Karl V. Papst
Klemens VII. in Rom belagern. Unsere Tage haben Pius VI. von französischen
Republikanern, die Rom als Republik proklamierten - gefangen nach Frankreich
schleppen und in der Gefangenschaft zu Valence umkommen sehen. Und wie das
vorige Jahrhundert schloss, so begann das jetzige! Napoleon Bonaparte vereinigte
den Kirchenstaat mit Frankreich und hielt während der letzten fünf Jahre seiner
Zwingherrschaft Papst Pius VII. in der Gefangenschaft zu Savona und zu
Fontainebleau. Dann wanderte er nach St. Helena und starb auf der Felseninsel im
tropischen Meere - und Pius VII., der gottselige unüberwindliche Greis, kehrte
nach Rom zurück und beschloss auf dem Stuhle Petri sein heiliges, vielgeprüftes
Leben. Die Signatur, unter welcher, nach jener uralten Prophezeiung, sein Leben
stand, hat sich bewährt; sie hiess Aquila rapax der raubgierige Adler. Aber die
Taube hat den Adler besiegt.«
    »Ja, in Wahrheit besiegt!« rief Levin. »Und viel mehr, als man geneigt ist,
ihm zuzugestehen, zwischen den politischen und kriegerischen Ereignissen, die
den korsikanischen Diktator stürzten. Ich erinnere mich lebhaft des ungeheuren
Entusiasmus, der in den katolischen Herzen aufflammte, als Pius VII. auf das
berüchtigte napoleonische Dekret, das im Jahre 1809 den Kirchenstaat mit dem
französischen Reich vereinigte und den Papst mit einer Rente von zwei Millionen
Francs pensionierte - durch die Exkommunikationsbulle antwortete. Alle Monarchen
Europas litten Vergewaltigung durch jene Gottesgeissel; die einen zitterten vor
ihm und die anderen schlossen Freundschaft mit ihm, und die zertretenen Völker
zähneknirrschten in Blut und in Tränen gebadet. Europa erseufzte und erlahmte
unter dem Alp, ohne ihn abzuschütteln. Da schleudert der machtlose, von
französischen Soldaten in seiner eigenen Residenz umgebene und der Tat nach
gefangene Greis die Exkommunikation über alle, welche Gewalttat im Kirchenstaat
ausüben, und lässt die Bulle am hellen Tage, angesichts der französischen
Truppen, an den drei Hauptkirchen Roms anheften. Der Blitz vom Vatikan hatte zu
gut getroffen, als dass Napoleon ihn, ohne Rache zu nehmen, verschmerzt hätte. In
der Nacht zum 6. Juli drang der General Radet mit Gewalt in den päpstlichen
Palast und entführte den heiligen Vater samt dem Kardinal Pacca, dessen Simon
von Cyrene, aus Rom und Italien. An diesem nämlichen 6. Juli besiegte Napoleon
in der Schlacht von Wagram Österreich. Mehr denn je war Europa geknechtet, und
hohnlachend des Bannes schrieb Napoleon spöttelnd an den Vizekönig von Italien,
seinen Stiefsohn: Croitil que ses excommunications feront tomber les armes des
mains de mes soldats?5 Nun, der Tag liess nicht lange auf sich warten, wo der
ewige Gott die Bulle seines irdischen Stellvertreters ratificierte! Zwei Jahre
darauf, im russischen Feldzug, geschah buchstäblich das, was Napoleon im blinden
Wahn seiner Omnipotenz für unmöglich hielt: die Waffen fielen aus den erfrorenen
Händen der französischen Soldaten und der Rückzug aus Russland war eine der
furchtbarsten Niederlagen einer Armee, welche die Weltgeschichte aufzuweisen
hat. Mit ihr begann die Sonnenwende des Napoleonischen Glückes und sie war eine
Tat Gottes - nicht menschlicher Weisheit und Kraft. Könnte der Felsen Petri
pulverisiert werden, wie der Hass der Hölle es seit achtzehn Jahrhunderten
begehrt und versucht: so wäre es längst geschehen. Statt dessen werden ihre
Sendlinge pulverisiert. Die Dynastie des armen Fischers ist unsterblich! Unser
heiliger Vater gehört ihr an. Man kann ihn zu Tode quälen, aber sie lebt fort.«
    »Ist auch über ihn eine Prophezeihung gesprochen?« fragte Corona.
    »Ja wohl!« entgegnete Ernest. »Das Wort der Weissagung über ihn heisst: Crux
de Cruce. Gewiss eine grossartige, gewichtige Verheissung Kreuz vom Kreuze, die ein
Übermass der Leiden andeutet.«
    »Wer hat denn das alles prophezeit?« fragte sie.
    »Ein Bischof Malachias zu Armagh in Irland,« erwiderte er.
    »Welche Rätsel gehen durch die Welt,« sagte Regina, »gleichsam Dissonanzen,
welche erst spät ihre Auflösung finden, und doch so gross und mächtig in der
Harmonie mitwirken.«
    »Ich würde wünschen, dass sich die Dissonanzen der Gegenwart möglichst bald
lösten,« sagte der Graf. »Dies ohrzerreissende Freiheitsgeheul kann nimmermehr
zur Weltarmonie mitwirken.«
    »Doch!« sagte Ernest; »nur nicht für die Gegenwart! Es ist aber geringe
Hoffnung vorhanden, dass sich Ihr Wunsch, Herr Graf, erfülle.«
    »Sie sind ja ein wahrer Unglücksprophet, Herr Ernest!« rief die Baronin
Isabelle. »Ist denn auch über unsere Zeit, wie über die Päpste, eine traurige
Weissagung gesprochen?«
    »Nicht dass ich wüsste,« entgegnete Ernest gleichmütig. »Allein es geht ein
grässlicher Zug durch die Zeit, den jeder wahrnehmen kann, der Augen hat: sie
neigt sich massenhaft der Tiefe zu und diese Massen haben ihre dämonische Freude
daran, dass dem so ist. Es gab Epochen in der Weltgeschichte, die wilder und
ungeordneter waren, als die Jetztzeit, in denen sich mehr Gewalttat, Roheit,
brutale Sinnlichkeit, und auch massenhaft, zeigten.«
    »Nun, das ist beruhigend,« unterbrach ihn die Baronin, »denn Sie geben damit
zu, dass es schlimmere Zeiten gab.«
    »Der Nachsatz folgt!« erwiderte Ernest. »Aber in jenen Epochen sittenloser
Verwilderung, die zu mannigfachen Gräueln führte, fehlte die charakteristische
Signatur der Jetztzeit: heuchlerische Schöntuerei mit Bildung, Fortschritt,
Geist, welche den furchtbaren Abfall von Gott und vom Christentum als einen
Riesenschritt aufwärts anpreist und hinter jenen drei Worten den Kultus des
Materialismus verschleiert. Viel lesen und viel schreiben - ist Geist; viel
Eisenbahnen und Börsenspekulationen haben - ist Fortschritt; viele Opern und
Ballets angaffen und im raffiniertesten Luxus den Nerv der Seele abstumpfen und
das Gehirn schwächen - ist Bildung; und diese drei Zauberworte sollen weiter
nichts bezwecken, als dem Menschen einen möglichst hohen Lebensgenuss zu
verschaffen, der durch die alte fixe Idee der christlichen Menschheit von Gott -
bis jetzt beeinträchtigt wird. In anderen schlimmen Zeiten vergass man nicht
sowohl Gott, als vielmehr seine Gebote und im Sturm tobender Leidenschaften
kümmerte man sich nicht um ihn. Die Sinne sündigten im Taumel; nicht der Geist
mit Überlegung. Roher waren die Frevel - vielleicht! gewiss nicht so
niederträchtig. Das hämische Bemühen, den ewigen Gott vom Tron der heiligen
Dreifaltigkeit herabzureissen, die Weltordnung von seiner Allmacht abzulösen, die
Menschheit von seiner Gnade und Liebe hinweg zu drängen, an die Stelle des
menschgewordenen Gottes den Wechselbalg eines Gottes zu bringen, der in jedem
einzelnen Menschen zum Bewusstsein kommt, in der Gattung Mensch - den
Zwillingsbruder der Gattung Affe zu sehen, der sich von dieser nur durch sein
grösseres Gehirn unterscheidet: und dies Bemühen auszuführen, kaltblütig,
hohnlächelnd, Brill' auf der Nase, Bein' unter dem Schreibtisch, in zahllosen
Werken, Schriften, Vorträgen, Vorlesungen, die sündflutartig aus allen
Weltgegenden, in allen Sprachen, in gebundener und ungebundener Rede, gedruckt
und gesprochen, eindringen und einbrechen und - auf die die Sympatien der
niederen Instinkte in der Menschheit pochend - frech behaupten, dies und nur
dies sei ächte und rechte Wahrheit: diese massenhafte Lüge ist die Signatur
unserer Zeit. Im alten, heidnischen, absterbenden Römerreiche gab sich ein
ähnliches Bemühen kund, den Gott der Christen aus den Seelen der Gläubigen zu
reissen, und schon damals hiess es, das Christentum verdumme die Leute und mache
sie gleichgiltig gegen Philosophie, Wissenschaft, heiteren Genuss des Daseins und
andere hohe Dinge mehr - und um sie aus ihrer Gleichgiltigkeit aufzuwecken, liess
man wilde Bestien gegen sie los und folterte sie mit Feuer und Eisen. Allein
dies Bemühen ging von Heiden aus und die Antwort, welche die Christen darauf
gaben, war der Martertod von Millionen und die Bekehrung von Millionen aus dem
Heidentum zum Christentum. Jetzt aber findet den Bemühungen getaufter Heiden
gegenüber, die so gefährlich sind, weil sie nicht direkt den Abfall vom Glauben,
sondern nur von höherer Erkenntnis, wissenschaftlicher Forschung, Licht der
Aufklärung etc. predigen - keine massenhafte Bekehrung zum wahren Glauben statt:
folglich ist es unmöglich, dass die kreischenden Dissonanzen schnell gelöst
werden. Sie behalten im Gegenteil die Oberhand und werden vermutlich noch lauter
aufheulen.« -
    Ein Jahr vorher hätte der Graf gewiss geantwortet: politische Revolutionen
hätten nicht das mindeste mit dem religiösen Glauben oder Unglauben zu tun; aber
jetzt war ihm doch ein gewisser Zusammenhang derselben nicht unwahrscheinlich
und er begnügte sich mit der Äusserung:
    »Die Soldaten müssten nur mit gehöriger Energie auf sämtliche Demokraten-,
Republikaner-, Carbonari-, Sozialisten-, Freimaurer- und sonstige Nester
losgehen: dann würde es schon besser werden.«
    »Äusserlich vielleicht,« sagte Levin, »aber jene armen Menschen würden
schwerlich dadurch gebessert!«
    »Nun bedauern Sie die noch gar, bester Onkel!« rief der Graf empört.
    »Ich auch!« sagten Ernest und Regina aus einem Munde.
    »Das ist unerhört!« rief der Graf. »Nein! ich hasse sie gründlich.«
    »O lieber Vater!« rief Regina, »auch sie sind als Ebenbild Gottes geschaffen
und machen sich zu seinen Feinden! Kann es etwas Erbarmenswerteres geben? und
wer weiss denn, ob ihr Irrtum nicht grösser ist, als ihre Bosheit.«
    »Das muss man hoffen!« sagte Levin. »Der Irrtum, dem nie das wahre Licht
geleuchtet hat, dem nie die katolische Wahrheit aufgegangen ist - ist
unaussprechlich zu beklagen. Von ihm heisst es in der Tat: er weiss nicht, was er
tut. Der freiwillige, absichtliche Irrtum hingegen, der das Licht hasst, weil
seine Werke böse sind - wie es in heiliger Schrift heisst - der steht in engster
Wechselwirkung mit der Sünde und beide bedingen und verstärken einander. Sünde
befleckt das Herz, und die Nebel, welche aus einem solchen Herzen aufsteigen,
beflecken die Intelligenz und berauben sie tiefer Einsicht und reiner
Erkenntnis. Nicht umsonst hat der göttliche Heiland gesagt: Die reinen Herzen
werden Gott schauen. Je mehr das Menschenherz in Sünden vergraben ist, desto
weniger Erkenntnis hat es von göttlichen Dingen, desto weniger Liebe spürt es
für Göttliches. Dadurch gerät es allmälig in eine, seiner Bestimmung genau
widersprechende Richtung: in die Feindschaft Gottes. Der Verlust der
heiligmachenden Gnade beraubt es des übernatürlichen Lebens. Gibt es ein
grösseres Elend als dieses: der Seele nach eine galvanisierte Leiche zu sein, die
sich regt und bewegt, von äusserem Impuls getrieben, aber ohne den Lebenshauch,
den sie von Gott empfing? Wem würde nicht ein solcher Zustand zu Herzen gehen?
Und ihn nimmt das Auge des Glaubens in denjenigen wahr, welche ihre Lust an der
absichtlichen Empörung gegen Gott finden.«
    »Ich betrachte sie aber schlecht und recht mit meinem Sinnenauge,«
entgegnete der Graf, »und nehme wahr, dass die Lust an Empörung gegen Recht und
Gesetz nicht die revolutionären Herren, wohl aber uns in's Elend stürzt, in's
wirkliche, materielle und reelle Elend; also bitte ich, nicht zu
verschwenderisch mit dem Bedauern für unsere Widersacher zu sein, die sich
ohnehin ungeheuer lustig über Euch alle machen würden, wenn sie Euer zartes
Mitleid ahnten. Wir können sämtlich durch sie an den Bettelstab gebracht werden,
so gut wie der Herr Miranes, von dem es im vorigen Winter hiess, er habe so und
so viele Millionen.«
    »Die schöne Judit an den Bettelstab? ... das kann ich mir gar nicht
vorstellen!« rief Regina.
    »Seit jenem Abend, da sie die Peri darstellte,« sagte Ernest, »hab' ich sie
nur noch einmal gesehen, zur gewöhnlichen Unterrichtsstunde. Da war sie ganz
unverändert und sprach von den Zuständen in Paris so gleichgiltig, wie vom
Wetter. Zwei Tage darauf schickte sie mir ein Gemälde und andere Sachen, die sie
von mir hatte; auch mein rückständiges Honorar und schrieb mir dazu in zwei
Zeilen, sie verreise mit ihrer Mutter auf längere Zeit. Als ich zu ihr eilte, um
von ihr Abschied zu nehmen, war sie fort, verschwunden, Einige sagten nach
Brasilien. Bald darauf brach denn auch für Herrn Miranes eine gründliche
Katastrophe ein; aber die allgemeinen Weltverhältnisse verschlangen alle
Teilnahme. Man sprach kaum von ihm! Einmal hörte ich, er sei tiefsinnig
geworden.«
    »Wie traurig!« sagte die immer mitleidige Regina.
    »Kind!« rief der Graf unmutig, »bedenke das Schicksal, welches das Haus
Habsburg traf, und wimmere nicht um das Haus Miranes!«
    »Revolution!« sagte Ernest gelassen.
 
                               Im Kristallpalast
Im Sommer des Jahres 1851 machte Europa eine Wallfahrt zum Tempel der Göttin,
die sich mit einer bis dahin unerhörten Geschmeidigkeit, Tätigkeit und Umsicht
des ganzen Räderwerkes der revolutionsmüden Welt bemächtigte: der Göttin
Industrie. Eine Ausstellung ihrer Erzeugnisse, auf dem ganzen civilisierten
Erdball eingesammelt, fand in London statt, in dem eigens dazu erbauten Lokal,
das sich unter den herrlichen Eichen und auf der grünen Wiesenflur von Hyde-Park
wie ein Feenschloss im Märchen - aus Glas erhob. Die französische Republik lag in
den letzten Zügen, ganz bereit, wie fünfzig Jahre zuvor, von einem zweiten
Diktator sich in eine Knechtschaft bringen zu lassen, gegen welche die beiden
letzten, durch Emeuten gestürzten Regierungen Frankreichs im hellsten Lichte der
Freiheit aufleuchteten; ein Schicksal, das übrigens, wie die Weltgeschichte
lehrt, nicht die französischen Republiksversuche allein, sondern alle diejenigen
haben, die sich auf den Ruinen einer anderen durch Gewalt und Willkür zerstörten
Regierungsform erheben. Der demokratische Geist, auf dem die moderne Republik
beruhen soll, hat in sich etwas Zersetzendes und Zersplitterndes, weil jedes
Individuum zum Miterrscher in der äusseren Welt berufen wird. Er muss also mit
hoher Tugend gepaart sein, um der Masse von Individuen die Charakterstärke und
die sittliche Reinheit zu geben, welche jeden einzelnen über die Klippe des
Wahnes und des Wunsches hinwegheben, Alleinherrscher zu sein oder zu werden. In
unseren alten monarchischen - jetzt leider! vielfach bureaukratischen Staaten,
in denen sich der demokratische Geist aber nur als Gegensatz zu denselben, ja
eigentlich nur als Gegensatz zu ihren Schattenseiten entwickelt, mangelt ihm
jede hohe, einfache Tugend, welche notwendig wäre, um seinen Deklamationen gegen
Missbräuche, Übergriffe und Untaten der Monarchien einige Würde zu verleihen und
um seine beliebten Worte von Volksbeglückung und Volksbildung in Taten zu
verwandeln. In Europa hat er sich als unfähig zu dieser Aufgabe erwiesen, hat
überall, wo er revolutionierend die Oberhand gewann, in England, in Frankreich,
in Deutschland, die Völker in Verwirrung, Entsittlichung und Elend gestürzt; und
hat sie zuletzt, stumpf und morsch, der Diktatur eines Cromwell, zweier
Bonaparte's überliefert. Dass es in Deutschland nicht zu etwas Ähnlichem kam, hat
man wahrlich dem demokratischen Geist nicht zu danken. Da nun dessen
glänzendstes Produkt, die französische Republik, im Absterben begriffen war, so
verschwand die Hydra Revolution mit ihren tausend Köpfen - aber nur aus der
Öffentlichkeit, und nur auf dem Kontinent. In England und in Amerika züngelten
und zischten die Schlangenzungen dieser tausend Köpfe nach wie vor in giftiger
Frechheit; da man aber keine Barrikaden und keine beblousten Freiheitshelden
unmittelbar vor Augen hatte, und einen in Revolutionsschwindel und Ateismus
verkommenen Teil der Schweiz als zu gering für Ausbreitung giftiger geistiger
Miasmen betrachtet, so frohlockte man in Europa, und mit einer Art von gieriger
Wut warf man sich darauf, »die Segnungen des Friedens« auszubeuten und
herauszustreichen. Diese Segnungen bestanden vorzugsweise in einem ungeheueren
Aufschwung der Industrie, welcher durch die Ausstellung im Kristallpalast zu
London eine Art von europäischer Bürgerkrone aufgesetzt wurde. So etwas hatte
die Welt noch nicht erlebt: aus allen Himmelsgegenden über Land und Meer zu
reisen, um allerhand Fabrikat in geschmackvoller Aufstellung anzusehen. Eine Art
von Völkerwanderung begab sich auf den Zug nach London. Was jeder heimbrachte,
war die Erinnerung an einen fabelhaft bunten Wust, aus dem, wie ein Wrack aus
dem Weltmeer, irgend ein Lieblingsgegenstand auftauchte.
    Wer sich eifrig an dieser Völkerwanderung beteiligte, war Graf Windeck. Im
Grunde war ihm alles Fabrik-, Industrie- und Spekulationswesen äusserst
gleichgiltig, ja zuwider. Er hatte eine entschiedene Abneigung gegen alle
Emporkömmlinge durch Reichtum, weil er in ihrer Stellung und ihren Verhältnissen
keine Garantie des konservativen Elementes fand. Wer so plötzlich reich wurde,
nur durch geschickte Benutzung günstiger Zeitumstände, könne durch deren Ungunst
auch einmal ebenso plötzlich arm werden, und befände sich in einem beständigen
Schaukelzustand, nie in einem zuverlässigen und stabilen, und zu einem solchen
könne er kein Vertrauen haben - pflegte er zu sagen. Zu jeder anderen Zeit hätte
er sich ungemein gewundert, dass man sich mit einer Industrie-Ausstellung so
enorme Mühe gebe und so viel Geld und Teilnahme an sie verschwende; allein
gegenwärtig erschien sie auch ihm als eine Blüte der Segnungen des Friedens, ja
als deren Besiegelung; denn wie musste sich eine Industrie, die es dahin gebracht
hatte, im märchenhaften Kristallpalast überköniglich zu tronen - gegen die
Emeute zur Wehr setzen, deren brutale Erdstösse ihre Feenbehausung samt ihrer
Tätigkeit in Grund und Boden krachen würden.
    »Das Ungeheuer Industrie,« hatte er im Frühling zu den Seinen gesagt, »hält
das Ungeheuer rote Republick im Zaum. Ein Monstrum besiegt das andere! Wir
wollen uns das siegende betrachten und nach England gehen.« -
    Die Verhältnisse in der Familie waren unverändert geblieben; auch die
Gesinnungen. Regina war schöner denn je, denn es legte sich über ihre liebliche
und edle Erscheinung ein Schmelz der Wehmut, wie sie aus einer tiefen
ungestillten Sehnsucht, die nie in Klage ausbricht und nie von schmerzlicher
Unruhe sich bewegen lässt - unwillkürlich entspringt; ein Nachtviolenduft der
Seele, der dem Glanz der Schönheit einen unvergleichlichen Zauber gab. Neben ihr
war Corona zu einem reizenden jungen Mädchen aufgeblüht, mit ein paar Augen so
tief und so dunkel, wie das nächtliche Meer, das über ungeahnten Geheimnissen
geheimnisvoll aufleuchtet. Corona war nicht mehr das spielende, allem Ernst
abholde Kind, das einst ein Ordensgewand sogar als Maskenkleid mit Furcht und
Abneigung betrachtete. Sie verstand jedes ernste Streben und jeden höheren
Aufschwung, aber sie war nicht, wie Regina, durch und durch von einer
weltentfremdeten Sehnsucht ergriffen, sondern sie wünschte ein Stückchen Welt in
ihrem Herzen himmelwärts zu heben, oder ein Stückchen Himmel in die Welt zu
verpflanzen; sie wusste selbst nicht recht wie! sie war eben sechszehn Jahre alt!
und war als die Jüngste - auch der verzogene Liebling der ganzen Familie. Der
Graf adorierte sie, als sie sich so schön und anmutig entwickelte. In Regina war
ein Etwas, das ihm unwillkürlich einen gewissen Respekt einflösste, über den er
sich im Stillen ärgerte. Überdies gab es Punkte, von denen sie, trotz aller
Unterwürfigkeit, nicht abging; sie hatte nicht Coronas unbedingte Fügsamkeit.
    Orest war im Kriegsdienst geblieben. Uriel hatte denselben nach Beendigung
des lombardischen Krieges verlassen und war wieder in die diplomatische Laufbahn
getreten, aber nicht nach Frankfurt zurückgekehrt. Die furchtbaren Ereignisse
der Zeit, die bitteren Erfahrungen, an denen sie so überreich war, die Kriegs-
und Schlachtenbilder, angeschaut in nächster Nähe und in voller Herbe - die auch
den glorreichsten Siegen nicht fehlt; die Ungewissheit des eigenen Daseins und
der eigenen Zukunft: alles stimmte ihn ernst, und er nahm sich vor, seine Tage
nicht in träumerischer Anhänglichkeit an Liebesgedanken zu verschwenden, durch
welche Regina nun einmal nicht zu gewinnen sei. Er war eine Zeit lang in London,
dann in Wien, dann in Florenz. Dazwischen kam er aber immer wieder nach dem
lieben heimatlichen Windeck, und wie bunt, bewegt und regsam sich auch die Welt
mit ihren blendenden Farben, bestechenden Erscheinungen, interessanten Fragen
und gewichtigen Tatsachen vor ihm entfalten und ihn zur Teilnahme auffordern
mochte: Eines war gewiss - sein Herz blieb an Regina gefesselt, seine ganze
Zukunft hatte nur insofern Reiz für ihn, als er hoffte, sie mit Regina zu
teilen, und so oft er sie wiedersah, umso fester stand es in ihm, dass er
ihresgleichen nicht in der Welt gefunden habe. Aber er schwieg und bat auch den
Grafen zu schweigen, der jedesmal, wenn Uriel kam, Regina mit Vorstellungen zu
bestürmen dachte, um sie zu einer günstigen Entscheidung hinzudrängen. Regina
wusste ihm innigen Dank für diese Schonung, allein ihr Herz lag auf der Folter
durch die Peinlichkeit dieses Verhältnisses. Sie wechselten in drei Jahren kein
Wort, welches darauf Bezug hatte. Da - kurz vor Uriels Abreise von Windeck, als
er zufällig allein mit ihr auf der Terrasse auf- und niederging - da blieb sie
stehen, sah ihn sanft und ernst an und sagte mit ihrem innigen Sprachton:
    »Uriel, Du kennst mich! Du kannst Dich verlassen auf mein Wort und Du weisst
es. Nun wohlan, lieber Uriel: Warte nicht!«
    »O Regina,« entgegnete Uriel ebenso sanft und ebenso bestimmt als sie, »von
den festgesetzten zehn Jahren ist noch nicht die Hälfte verflossen und Du wirst
schon ungeduldig, während ich geduldig warte! Wir sind noch lange nicht bei der
letzten Entscheidung!«
    Mit einem Ausdruck von unaussprechlichem Schmerz schloss Regina eine kleine
Weile ihre Augen, als wolle sie vor Uriel verschleiern, wie weh er ihr tue; dann
sagte sie gefasst:
    »Gottes Wille geschehe.«
    »Ist er Dir noch immer nicht klar?« fragte er.
    »Mir - vollommen; aber leider nicht Dir,« sagte sie und setzte rasch hinzu
mit einem schmerzlichen Lächeln: »Wie traurig, dass wir beide solche eigensinnige
Köpfe haben, und wie gut Gott ist, sie gründlich zu brechen.«
    Uriel war nicht so lebhaft von dieser Güte Gottes durchdrungen. Die
Hauptabsicht Gottes in der Lenkung der Schicksale: die Erziehung des Menschen
für das ewige Leben, entschwand sehr oft seinem inneren Auge. Für Regina war sie
immer ganz klar, wie die Feuersäule, welche dem nächtlichen Zuge der Kinder
Israels durch die Wüste vorleuchtete. -
    Baron Stamberg war früher aus diesem Leben abgerufen, als seine Frau.
Während sie sich von ihrem Schlaganfall erholte, begann er zu kränkeln, und
vermochte sich nicht aufzureissen aus seinem Kummer über die verlorenen
Jagdrechte. Die Tiefe der Ungerechtigkeit, welche einer solchen Massregel zum
Grunde lag, war es nicht, die ihn so heftig erschütterte, nur sein persönlicher
Verlust. Er hatte sich während seines Lebens nie über die niedrigste Stufe der
Selbstsucht erhoben und so starb er auch auf ihr. Die Baronin, immer kalten
Herzens - und noch kälter durch das höhere Alter das nur dem himmelwärts
gewendeten Sinn himmlische Innigkeit verleiht, aber die irdische absterben lässt
- war höchst gefasst bei diesem Ereignis und blieb nur ihrer alten Gewohnheit
treu, sich als eine Verfolgte des Schicksals zu betrachten und zu beklagen.
Indessen kam doch auch an sie die Mahnung, dass jedes Leben zu Ende gehe. Sie
erkrankte an einem abzehrenden Leiden. Nun war Regina nicht länger zu halten.
Sie bat ihren Vater so flehentlich und so wiederholt, die Pflege der Grossmama
übernehmen zu dürfen und stellte es ihm als eine so heilige Pflicht vor, dass er
endlich einwilligen und sie nach Stamberg bringen musste. Zum Glück konnte Corona
jetzt vollkommen ihren Platz in Windeck ausfüllen, am Piano, am Billard, am
Teetisch, bei dem Spazierritt; sonst hätte der Graf schwerlich dies Opfer
gebracht. Was es Regina koste, sich von der lieben Kapelle zu trennen und am
einsamen Krankenbett auf alle Tröstungen zu verzichten, die für die gläubige
Seele aus der Nähe des Sanktissimums strömen - das ahnte der gute Graf freilich
nicht. Er sagte zu Levin:
    »Es ist merkwürdig, was das Mädchen für eine Passion hat, sich zu opfern!
Was ihr schwer wird - gerade das sucht sie sich aus! Ich bezweifle sehr, dass die
gute Mama ihr diesen Liebesbeweis danken wird.«
    »Ich auch,« entgegnete Levin, »aber desto besser ist's für Regina. Es gibt
noch immer Seelen hienieden, die das tun, was einst die heilige Katarina von
Siena tat: als der göttliche Heiland ihr zur Auswahl einen Blumenkranz und eine
Dornenkrone darbot, nahm sie die letztere, weil sie sicher war, unter den Dornen
ihren gekreuzigten Gott zu finden - unter den Blumen nicht. Zu diesen Seelen
gehört durch Gottes Gnade auch Regina.«
    »Ja, es muss wohl Gottes Gnade und Ihr Beispiel sein, lieber Onkel! Ich muss
mir das Zeugnis geben, nichts getan zu haben, wodurch Regina in die Nachfolge
der Heiligen hätte geraten können,« sagte der Graf ehrlich.
    »Es beweist zugleich, wie ernst und fest sie an ihrem Klosterberuf und
Gelübde hält,« sagte Levin.
    »Glauben Sie wirklich?« rief der Graf beängstigt. »Sie macht nie die
leiseste Andeutung, und so hab' ich gehofft, die Sache werde allmählig
einschlafen.«
    »Regina - und einschlafen!« rief Levin. »Lieber Damian, kennst Du so wenig
das kräftige Herz Deiner Tochter? Glaubst Du so wenig an die Gnadenwirkung in
einer Seele, die nach Gott verlangt? Das ist richtig: sie schweigt. Aber was
sollte sie auch noch weiter sagen? sie hat uns ja alles gesagt - und dabei
bleibt sie. Ich habe die Überzeugung, dass Regina nicht abfällt von ihrer ersten
Liebe - und dass diese Liebe die erste und die letzte und die einzige bleiben
wird.«
    »Entsetzliche Vorstellung!« seufzte der Graf; »und aufrichtig gestanden - es
ist auch die meine! ich suche sie nur immer zu unterdrücken. Bemerkten Sie wohl,
wie ihre Augen aufleuchteten, als kürzlich von Kloster Himmelspforten bei
Würzburg gesprochen wurde, das früher aufgehoben und in eine gemeine
Schenkwirtschaft verwandelt - nunmehr aber von einer Ordensgenossenschaft
angekauft und ein Kloster von Karmelitessen sei? Wenn diese Illumination in ihre
Augen tritt, dann hat sie eine grenzenlose innere Freude - das kenne ich an ihr!
Gewiss hofft sie als Karmelitesse durch Himmelspforten in den Himmel
einzuziehen.«
    »Es ist mir sehr lieb, dass Du anfängst, Dich mit diesem Gedanken vertraut zu
machen,« entgegnete Levin.
    »Ja, wenn Uriel sich nur statt in Regina - in Corona verlieben wollte,«
versetzte der Graf, »so würde ich mich allenfalls darin ergeben! Aber er ist
leider! gar kein Mensch mit einem beweglichen Herzen.«
    »Welch Unglück Du mit Deinen Kindern hast!« sagte Levin mit gutmütigem
Spott. -
    Regina richtete sich einstweilen auf Stamberg ein und wurde von der Baronin,
die ihr Zimmer nicht mehr verlassen konnte, freundlicher behandelt, als man es
zu Windeck erwartete. Nicht als ob der Liebesbeweis sie rühre; sondern weil sie
sehr bald in Regina eine Eigenschaft erkannte, die sie höher als jede andere
schätzte: Regina war im Stande, die Führung der Geschäfte unter ihrer Leitung zu
übernehmen, Geschäftsbriefe zu schreiben, Rechnungen durchzusehen,
Kostenüberschläge nachzurechnen und die Ordnung des Hauses geradeso aufrecht zu
halten, wie die Baronin es seit fünfzig Jahren zu Windeck erst und dann zu
Stamberg getan hatte. Da Regina immer ganz bei ihrer Pflichterfüllung war, in
welcher sie den Willen Gottes freudig erkannte und vollzog, so war sie
aufmerksam bei den Anweisungen, welche die Grossmama ihr gab und äusserst
pünktlich in deren Vollziehung, so dass die Baronin ihr jedesmal glänzendes Lob
spendete, wenn der Graf bald allein, bald mit Corona und der Baronin Isabelle
nach Stamberg kam. Hatte Regina aber gehofft, durch ihre Liebe und Ergebenheit
die Grossmutter zum Urquell aller Liebe - zu Gott hinzuweisen, so irrte sie sich
gründlich. Das religiöse Leben hatte bei derselben während siebenzig Jahren
unter dem Gefrierpunkt gestanden; sie hatte zu keiner Zeit, nicht in der
Kindheit, nicht in der Jugend, nicht in guten und nicht in schlimmen Tagen die
beseligenden Lehren des Christentums, die Wonne der Erlösung, die Gnaden der
Sakramente in sich aufgenommen, sondern stets auf ein fremdes kühles Wissen vom
Christentum sich beschränkt und mit grosser Selbstgefälligkeit darin ein Genügen
gefunden. Überdies war sie immer höchst tugendhaft gewesen, nämlich so, wie die
Welt es versteht. Der heilige Gregor von Nyssa, welcher sagt: »Tugend ist die
praktische Liebe zu Gott« - würde vermutlich Julianens Tugend minder hoch
geschätzt haben, als sie selbst es tat. Aber von den Heiligen, deren Leben und
Lehren die Ausübung des Evangeliums sind, wusste Juliane nichts; sie begnügte
sich mit ihren Ideen von Gott und Unsterblichkeit und erwähnte zuweilen mit
einer bei ihr höchst seltenen Anwandlung von Ehrfurcht zweier Schriftsteller,
aus denen sie hauptsächlich jene Ideen geschöpft habe: das waren Herder und Jean
Paul. Sie vertraute sogar Reginen an, dass sie, obzwar eine abgesagte Feindin
aller Schwärmerei, dennoch ein wenig für Jean Pauls Romane geschwärmt habe und
bis zur Stunde nichts Rührenderes und Ergreifenderes kenne, als in dessen
»Hesperus« Lord Horions Grabschrift. Regina fragte ganz erwartungsvoll, wie
diese laute? Juliane erwiderte:
    »Eine weisse Marmortafel mit einem blutroten Herzen in der Mitte bildete den
Grabstein, und unter dem Herzen standen nur die zwei Worte Es ruht.«
    »Ich würde es noch schöner finden, liebe Grossmama,« sagte Regina, »wenn zwei
Worte hinzukämen und wenn es hiesse: Es ruht in Gott.«
    »Nein,« entgegnete die Baronin, »gerade dieser Ausdruck der vollkommenen
Einsamkeit in stiller Grabesruhe ist erhaben. Aber freilich! das verstehen nur
wenige! Ich erzählte dies einmal meinem seligen Mann, Deinem Grossvater, und er
gab mir lachend zur Antwort: Ich wünsche nicht ein solches Coer-Ass als Grabstein
zu haben.«
    Regina schwieg; aber heimlich stimmte sie dem Grossvater bei. Fünf Monate
brachte sie auf Stamberg und im Krankenzimmer zu, ohne andere Erholung als die,
jeden Sonntag Morgen zum Gottesdienst nach der nächsten katolischen Kirche zu
fahren und sich dort durch den Empfang der heiligen Sakramente der Busse und des
Altars zu stärken. Dann schied die Baronin vom Leben und verhauchte still ihre
letzten Atemzüge in Reginas Armen. Hätte Regina nicht ihrem brechenden Auge das
Kruzifix vorgehalten und nicht die Gebete der Sterbenden neben ihr gebetet: so
würde niemand geahnt haben, dass dies das Sterbelager einer Christin sei.
    Der Graf war in höchster Spannung wegen des Testamentes seiner Mutter und in
grenzenloser Überraschung, als es geöffnet wurde. Es war in den letzten Monaten
und zwar zu Gunsten Uriels gemacht. Warum Orest nicht Universalerbe - wie das
früher ihre Absicht war; ob sie ein anderes Testament vernichtet hatte; ob sie
ihr Vermögen Reginen zuwenden wollte und in der Voraussetzung, dass diese Uriel
heiraten werde, es ihm vermachte; ob sie nur bis zuletzt zeigen wollte, sie sei
unumschränkte Herrin ihres Vermögens: das alles blieben Fragen ohne Antwort, und
nur die Tatsache bestand: Uriel war Herr auf Stamberg.
    Dies trug sich im Frühling zu, und im Sommer ging Graf Windeck mit seinen
Töchtern nach England. Er fand Zerstreuung und veränderte Luft ganz notwendig
für Regina. Der Anhauch von zarter Schwermut, der sich wie ein leichter Schleier
über ihre Schönheit legte, erschien ihm als Kränklichkeit, als Nervenschwäche.
Aber Regina sagte zu Levin:
    »Lieber Onkel, ich bin nicht krank und fünf Wintermonate an einem teuren
Kranken- und Sterbebett erschüttern meine Nerven nicht. Allein dies Leben und
dies Scheiden vom Leben in tiefer Gottentfremdung, wie ich es bei meiner armen
Grossmutter vor Augen hatte - sieh! das hat mir Herzweh gemacht.«
    Levin war immer bemüht, Regina in der Tugend der Heiligen, in der Demut, zu
üben und lächelnd fragte er:
    »Ah, Du hofftest wohl, Deine arme Grossmutter im Laufe einiger Monate für die
katolische Wahrheit zu gewinnen? O mein liebes Kind, soll Dir so etwas
gelingen, so lerne zuvor leiden. Wer Seelen retten will, vereinige sich mit
Christus in seinem Martertum für die Seelen und teile mit ihm - wenn nicht die
blutige Passion auf dem Kalvarienberge, so doch die stille Passion des Herzens
am Oelberg. Du musst mystischerweise in Dein Herzblut Deine Gebete für Seelen
eintauchen, wenn Gott sie erhören soll. Wie unaussprechlich haben die Heiligen,
die grosse und zahlreiche Bekehrungen bewirkten, unausgesetzt gelitten! Ihre
Liebe und ihre Vollkommenheit haben wir nicht; umso mehr wollen wir uns bemühen,
ihnen im Leiden ähnlich zu werden. Du hast Herzweh um Deine arme Grossmutter? O
Kind, das glaub' ich Dir! aber das Leiden darf kein Zustand - es muss eine Tugend
sein, indem Liebe zum Leiden es zum Opfer macht und die Seele in ein tägliches
Holocaust verwandelt.«
    Mit einem Ausbruch der tiefsten Sehnsucht rief Regina:
    »Ist es nicht auch vermessen, lieber Onkel, wenn ich beteuere: das - gerade
das, nur das begehre ich!«
    »Nun, wenn Du das wirklich begehrst - das kannst Du haben, unter allen
Verhältnissen und zu jeder Stunde,« entgegnete Levin.
    »Aber so recht doch erst unter dem strikten Gehorsam des Ordenslebens, das
zu jeder Stunde den eigenen Willen, die eigenen Absichten, die eigenen Wünsche
abtötet.«
    »Ich sage nicht Nein; aber ich sage: zur vollkommenen Hingebung an den
Willen Gottes brauchst Du das Ordensleben nicht. Dieses übt die Hingebung auf
einer höheren Stufe des inneren Lebens, weil es nach den evangelischen Räten
geordnet ist. Übe Du Dich einstweilen in der Hingebung Deines Willens, die auf
den Geboten Gottes ruht; dann machst Du Dich vielleicht der Gnade würdig, jene
höhere Stufe betreten zu dürfen.« -
    Auch ihn hatte Julianens Tod sehr ergriffen. Sie war seine Zeitgenossin,
wenig älter als er; viele Jahre - und vielleicht die schmerzlichsten seines
Lebens, hatte er neben ihr auf Windeck verlebt und tief die Lähmung empfunden,
die von ihr ausging und auf der höheren Entwicklung ihres Mannes und ihrer Söhne
lastete. Aber immer hatte er es als seine Schuld, als ein Zeichen seiner
Unvollkommenheit betrachtet, dass das wundervolle Licht des katolischen
Glaubens, mit dem Juliane in so häufige Berührung kam, ihr dennoch verschleiert
blieb. Er wendete auf sich selbst an, was der heilige Karl Borromäus einst zu
seinen Provinzialbischöfen auf einer Synode sagte: »Möchte das göttliche Licht,
das in dem Herzen der Bischöfe leuchtet, nie verdunkelt werden von der
Finsternis ihrer sündigen Natur.« Das gilt für uns alle, dachte er bei sich
selbst; das göttliche Licht und die göttliche Liebe sind ja immer bereit, unser
Herz zu entzünden; doch jenes stirbt in der Finsternis - und diese in der Kälte
unserer sündigen Natur - und da Juliane sie nicht in mir, dem Priester,
aufstrahlen sieht, so müssen sie ihr freilich verborgen bleiben. Alles wurde ihm
ein willkommener Anlass, um sich zu verdemütigen. Nun war sie tot, die arme
Juliane! nun war sie eingetreten in die Welt, die von der ewigen Wahrheit
schleierlos durchleuchtet wird! War diese ihr aufgegangen als ein sengender
Blitzstrahl oder als eine überirdische Sonne? - -
    Niemand war im ersten Augenblick so betroffen und im zweiten so gefasst über
Julianens Testament, als der, den es am meisten anging: Orest. Er hatte sich von
Kindheit auf daran gewöhnt, sich als den künftigen Herrn auf Stamberg zu
betrachten; plötzlich war das vorbei! eine sehr unangenehme Überraschung
allerdings; doch nicht heftig genug, um ihn aus seinem Gleichgewicht zu bringen.
Mit der grössten Gemütsruhe beschloss er auf der Stelle, seinen Etat, den er im
Hinblick auf die glänzende Erbschaft gemacht hatte, nicht im geringsten zu
beschränken und Uriel dafür sorgen zu lassen, dass er denselben durchführen
könne. Orest war ganz der Alte: der Ausdruck des genusssüchtigen Egoismus. Da
aber kein Mensch unverrückbar auf einer und derselben Stelle in seiner Richtung
stehen bleibt, sondern entweder mit starker Willensfreiheit aufwärts geht, oder
sich von den Windstössen der Neigungen, der Leidenschaften, der Triebe
beherrschen lässt und unter ihrem Einfluss mehr und mehr abwärts sinkt: so hatten
sich denn auch in Orest die Grundzüge seines Charakters und seiner Richtung
beträchtlich entfaltet und ihn nicht aufwärts geführt. Sein Losungswort hiess:
Lebensgenuss, der ununterbrochen angeregt und ebenfalls ununterbrochen befriedigt
werden musste. Wie er sich das Herz verwüstete und den Kopf verödete, wie alle
höheren Fähigkeiten seiner Seele nach und nach aus Mangel an Nahrung absterben,
aus Mangel an Übung verkommen mussten, das wurde er nicht gewahr, weil sein Leben
sich eben auf der sinnlichen Oberfläche, nicht in der sittlichen Tiefe bewegte.
In den lombardischen und ungarischen Feldzügen war er der bravste,
unermüdlichste Soldat gewesen, immer munter, immer herzhaft, pünktlich im
Dienst, tapfer in der Schlacht, kühn in der Gefahr. Er wurde auch sehr bald
Rittmeister; seine Chefs hatten ihn gern, seine Mannschaft liebte ihn. Dies war
Orests glänzende Seite. Das kriegerische Leben mit seiner Gefahr, seiner
Mühseligkeit, seiner Anstrengung, seiner Beweglichkeit - war das Element, in
welchem sich Orest mit Wonne bewegte; da fühlte er sich immer angeregt und immer
beschäftigt; da konnte er entbehren und sogar grossmütig sein, für andere sorgen,
denken, wachen, denn dies war eben die Richtung und die Gabe seiner Natur. Aber
über seine natürlichen Anlagen reichte seine gute Seite nicht hinaus. Da, wo
jene aufhörten, hörten seine Vorzüge auf. Unter blutigen Wunden gegen den Feind
kämpfen - mit Freuden! Kanonendonner, Waffengeklirr, Pulverdampf, wehende
Fahnen, Hörnersignale, Trommelgerassel, das unnennbare betäubende Getöse der
Schlacht versetzte ihn in eine Art von Jubelrausch. Aber die geringste
Selbstüberwindung auf sittlichem Gebiete, der leiseste Kampf gegen die Laune und
die Stimmung des Augenblickes - nein! das war zu viel! das durfte man ihm nicht
zumuten!
    Nach beendigten Feldzügen kam sein Regiment nach Mailand. Er war
ausserordentlich mit dieser Garnison zufrieden: herrliche Oper, zahlreiches corps
de ballet, die ganze lombardische Ebene, um ein paar Dutzend Pferde darauf tot
zu jagen, und die Tiroler Alpen nahe genug, um im Sommer den Urlaub für die
Gemsjagd zu benutzen. Was brauchte er mehr? - Geld vollauf - das verstand sich
von selbst! daran hatte es Graf Damian bis jetzt nicht fehlen lassen - nur
reichte es immer noch nicht für Orests allernotwendigste Bedürfnisse, wie er
behauptete, aus. Machte Uriel jetzt die Zuschüsse, woran er keinen Augenblick
zweifelte, so lag ihm nichts an dem Besitz des einsamen Schlosses im Odenwald;
denn ein solcher Besitz zieht gewisse Verpflichtungen nach sich und
Verpflichtungen setzen Schranken. Orest aber wollte keine anderen gelten lassen,
als Barrieren - und diese nur, um beim Wettrennen oder auf der Steeple chase
über sie hinwegzusetzen.
    Er kam nach Windeck, um sich mit der neuen Ordnung der Dinge bekannt zu
machen und um seine Verhältnisse durch Uriel regulieren zu lassen; nebenbei
auch, um all' die Seinen einmal wiederzusehen, denn Uriel war auch dort
eingetroffen, bevor er seinen Wohnsitz auf Stamberg nahm. Hätte Uriel die
Aussicht gehabt, Regina als Herrin dort einzuführen, so wäre er sehr glücklich
gewesen. Ihm sagte das Landleben mit seinen ruhigen Beschäftigungen und mit dem
abgeschlossenen Kreise seiner Wirksamkeit zu. Der Reiz der Neuheit, den die
grosse Welt für die Jugend hat, war ihm schnell entflohen, weil er mehr begehrte,
als sie geben kann - vielleicht auch deshalb, weil seine Liebe für Regina ihn zu
ausschliesslich einnahm, um ihn von anderer Seite dauernd befriedigende Eindrücke
zukommen zu lassen. So lange es Krieg gab, war er gern Soldat gewesen; aber
nicht, wie Orest, um Soldat zu sein, sondern um unter Oesterreichs Fahnen für
Recht und Ehre gegen die Revolution zu kämpfen. In die diplomatische Laufbahn
trat er, wie überhaupt seine Standesgenossen, um durch sie in die Gesellschaft
eingeführt zu werden und in dem jugendlichen Wahn, Einblick und Einfluss in die
Geschicke der Völker und Staaten zu erhalten; ein Wahn, der allerdings nur durch
die Unerfahrenheit der Jugend erzeugt und entschuldigt werden kann, da in
unseren Tagen, die freilich überall einen traurigen Mangel an Genie kund geben,
kaum eines seltener ist, als das diplomatische Genie - und da die
Depeschenschreiberei in's bureaukratische Fach gehört, von welchem die
Gestaltung der grossen Weltverhältnisse nun einmal nicht ausgeht. Uriel war
hierüber auch bereits so vollkommen im Klaren, dass er ganz gern seine
diplomatische Karriere aufgab, als das Testament seiner Grossmutter ihm Erbe und
Herrschaft zuwendete. Orest's Wünschen entsprach er bereitwillig und grossmütig;
nur bat er ihn, bei dem Festgesetzten zu bleiben, und Orest, dem ein Versprechen
gar nichts kostete, weil er sich immer fest vornahm, es zu halten - so lange es
eben möglich sei, versprach es froh. Es herrschte die grösste Eintracht unter den
Brüdern, denn Hyazint war mit seinem Pflichtteil vollkommen zufrieden.
    »Und er kann es auch sein!« sagte der Graf, »seine persönlichen Bedürfnisse
sind unglaublich gering, und hat er sich ein paar Bücher angeschafft, so wandert
sein Geld zu den Armen.«
    »Das meine auch, nur im grösseren Massstab,« versicherte Orest.
    »Das hätte ich Dir nicht zugetraut,« sagte der Graf.
    »Wie!« rief Orest, »sind Schuster, Schneider und Handschuhmacher, sind
Traiteur, Cigarrenfabrikant und Pferdehändler, sind Teaterunternehmer und
Kaffeewirt nicht auch arme Leute, die leben wollen? und muss man denn durchaus
mit der Unterstützung warten, bis sie sämtlich zu Bettlern werden und dem
Almosen verfallen? Treib' ich's nicht viel grandioser, indem ich sie vor der
tiefsten Stufe bewahre?«
    »Es ist merkwürdig,« bemerkte Levin lächelnd, »welch blendende Scheingründe
dem Weltsinn zu Gebote stehen.«
    »Onkelchen, Du tust mir himmelschreiendes Unrecht mit Deinen Scheingründen!«
behauptete Orest. »Es ist ja sonnenklar, dass ich drei Fliegen mit einer Kappe
schlage: ich unterstütze die Industrie, ich befördere die Civilisation, ich
wehre dem Proletariat- und bewirke das alles, indem ich in der arbeitenden
Klasse, welche zugleich die arme ist, Geld in Umlauf bringe. Bin ich da nicht
ganz in der vernünftigen Idee des Jahrhunderts - von der natürlich der
Kommunismus auszunehmen ist?«
    »Ja freilich, Du ächter Sohn Deines Jahrhunderts, Du bist in dessen Idee!«
sagte Levin und klopfte ihn freundlich auf die Achsel; »Viel der Bedürfnisse
haben, soll - besonders wenn man sie prompt bezahlt, für Tugend gelten! Aber so
wenig wie das eine Tugend ist, ebensowenig wird das allgemeine Wohl durch sie
gefördert. Dein Cigarrenfabrikant mag ein Millionär werden, aber seine Arbeiter
verkümmern in Armut und Elend an Leib und Seele, während er und Du, Ihr beide,
Euch etwas darauf zu gut tut, in Euren Genüssen. Eurem Überfluss, Eurem Luxus zu
schwelgen - weil Ihr Geld unter die Leute bringt. Glaubst Du wirklich, dass
hierin Ähnlichkeit mit der christlichen Barmherzigkeit ist, die Hyazint übt,
indem er seine Bedürfnisse auf das knappste Mass einschränkt - - nicht um Deinen
Cigarrenfabrikanten reicher zu machen, sondern um dessen dürftige Arbeiter zu
unterstützen, die bei ihrem kargen Tagelohn halb verhungern und, wenn sie krank
werden, ganz hilflos sind!«
    »Nein, lieber Onkel, das glaub' ich keineswegs; aber es war anfangs auch gar
nicht die Rede von christlicher Barmherzigkeit,« antwortete Orest, der immer
gleich nachgab, wenn ihm eine Sache zu ernst wurde. -
    Der Graf schlug ihm vor, die Reise nach England mitzumachen und um
Verlängerung seines Urlaubs zu bitten. Orest besann sich etwas. Er wusste nicht
genau, ob die Reise auch gehörig unterhaltend ausfallen werde. Endlich sagte er
zum Grafen:
    »Ich will's nur gestehen, Papachen - ich fürchte, unser Reisegeschmack geht
weit auseinander! was willst Du denn eigentlich in England sehen?«
    »Alle Merk- und Sehenswürdigkeiten der drei Königreiche: Natur und Kunst,
Fabriken und Parks, Katedralen und Kottages, Kriegsschiffe, Kristallpalast und
alle anderen Kuriositäten - ausgenommen die Gesellschaft in London, weil wir
noch in Trauer sind und auch keine Neugier spüren, einen Schwarm von
langlockigen Ladies und weisskravattierten Gentlemen beisammen zu sehen.«
    »Nun, das alles ist mir recht! aber ich muss einige Zusätze zu Deinem
Register machen und mir meine freien Allküren für dieselben ausbedingen, und
zwar zuerst Epsom, Askot, Tattersal.«
    »Nicht mehr wie billig! dabei bin ich auch.«
    »Dann - die Oper, überhaupt Teater.«
    »Ganz richtig! Etwas davon werd' auch ich in Augenschein nehmen. Aber die
Mädchen sind nicht dazu zu bewegen, d.h. Regina nicht. Corona allein hätte
vielleicht Lust dazu; aber ohne Regina tut sie es nicht und die geht nun einmal
nicht in's Teater.«
    »Originell das! Die ganze elegante und gebildete Welt strömt ja in's
Teater, kann ohne Loge so wenig existieren wie ohne Dach und Fach, hat nichts
zu sprechen und nichts zu denken, wenn sie kein Schauspiel zu sehen hat! Ich
spreche nicht von uns - denn das versteht sich von selbst; sondern auch von den
Damen. Was sagt sie denn eigentlich dagegen - diese sonderbare Regina?«
    »Sie sagt, alle Geistesmänner und Lehrer des innern Lebens erklärten
einstimmig den Teaterbesuch für gefährlich und verderblich, weil das Schauspiel
gefährliche Leidenschaften mit allem Zauber der Kunst und allem Blendwerk der
Phantasie ausstatte und darstelle.«
    »Da hat sie wahrhaftig ganz Recht! aber eben darin besteht der ungeheure
Reiz der Bühne: sie idealisiert dermassen das Verbotene, dass es unwiderstehlich
erscheint.«
    
    »Solche Behauptung würde Regina Sünde nennen, und umsomehr bei ihrer
Weigerung beharren. Sie ist nun einmal aus ganz besonderem Stoff! Weil ein alter
Erzbischof, der Johannes Chrysostomus hiess und vor fünfzehnhundert Jahren in
Konstantinopel lebte, gesagt hat: das Schauspiel sei ein Überrest des
entsittlichten Heidentums und wütende Schaulust verrate heidnische Gesinnung; so
nimmt sie das auf, wie das Evangelium. Im Grunde hat sie Recht! Das Teater ist
nichts für junge Mädchen - nicht einmal die sogenannten klassischen Stücke, wie
z.B. Emilia Galotti. Regina würde es empörend für Vernunft und Herz finden, dass
sich die Heldin von ihrem Vater erdolchen lässt, um nicht in Liebesschlingen zu
geraten; und, beim Licht besehen, muss ich wieder sagen: sie hat Recht.«
    »Ja,« sagte Orest, »das ist mir nicht auffallend, denn Regina ist klug und
so kann sie wohl das Richtige leicht erkennen; dass sie aber nun auch felsenfest
danach handelt, während sie rings umher sieht, dass die ganze Welt es anders
macht - darüber muss ich staunen. In mir ist nun einmal die heidnische Gesinnung
stark entwickelt, nach der Ansicht des alten Johannes - wie hiess er weiter? und
ich bin ein rasender Liebhaber der Bühnenwelt, verspreche mir auch Brillantes
von ihr während einer Season in London.«
    »Sei versichert,« sagte der Graf, »dass ich Dich durchaus nicht in Deinem
Vergnügen stören werde.« -
    Und so war die Sache abgemacht; man ging im hohen heissen Sommer nach London,
wo der Graf in demjenigen Teil des Westendes, der Belgravia genannt wird, und
der fast ganz für Fremde eingerichtet ist, ein komfortables Haus nach englischer
Sitte einnahm und allein bewohnte - eine Sitte, die allerdings etwas
kostspielig, aber ungemein bequem ist. Man ist zu Hause, lebt ruhig und
ungestört ohne Gastofstumult, ohne lästige Zimmernachbarn, ohne das wilde Heer
halbtotgehetzter Kellner, und richtet sich ein, wie man es gewohnt ist. Orest
hatte sich nicht umsonst seine »freien Allüren« ausgebeten. Er fand in London
einen ganzen Schwarm von Bekannten und guten Freunden, mit denen er sich
vortrefflich unterhielt, ohne an »der Besichtigungskampagne aller
Merkwürdigkeiten« - wie er sich ausdrückte, Anteil zu nehmen.
    »Solchen Strapazen für nichts und wieder nichts bin ich nicht gewachsen!«
versicherte er. »Ich kann viel aushalten - aber dies ewige Stehen und Stehen und
zwei Schritte gehen und wieder Halt machen, nein! das macht mich kaput. Und wenn
ich nun im Tower die Kronjuwelen, wie wilde Tiere hinter Eisengitter - und in
der Münze die Prägung eines Sovereigns, der nicht mir gehört, gesehen habe - was
hab' ich davon? mein Herz bleibt leer.«
    Corona lachte und sagte in dem scherzenden Ton, den Orest mit seinen
Cousinen beibehielt:
    »Da erfährt man ja plötzlich, dass Du ein Herz hast.«
    »Und was für eins!« rief er. »Schau', Krönchen, könnte ich die englischen
Kronjuwelen auf Deiner schönen Stirn sehen, so würden sie mir ausserordentlich
gefallen: solch ein Herz hab' ich!«
    »Dies ist nur ein Beweis gegen Deinen Anspruch,« entgegnete Corona; »das
Herz sagt keine Fadaisen.«
    »Was weisst denn Du von der Sprache des Herzens!« rief Orest mit komischem
Erstaunen. »Erst sechszehn Jahr und schon darin bewandert!«
    »Ja gerade deshalb!« nahm Regina das Wort. »Sie betrachtet das Herz als den
Ausdruck des unverfälschten Gefühls. Je jünger man ist, desto leichter kann man
wohl dies Zutrauen haben.«
    »Königin und Krone, beide gegen mich,« sagte Orest mit Anspielung auf ihre
Namen; »dann muss ich freilich die Segel streichen! aber dem Krönchen vergess' ich
nicht den Zweifel an meinem Herzen.« -
    Es fiel Orest nicht im Traume ein, sich anders mit seinen Cousinen zu
beschäftigen, als in dieser munteren Weise. Die Orests bringen ihre Huldigungen
entweder den verheirateten Frauen dar, oder sie begeben sich in eine Sphäre
hinab, wohin man ihnen nicht folgen mag. Seiner erklärten Liebhaberei für die
Bühnenwelt getreu, hatte er sich auch nicht damit begnügt, dem Syrenengesang der
Prima Donna der italienischen Oper von der Loge aus sein Entzücken kund zu
geben, sondern sich mit einem halben Dutzend seiner guten Freunde durch ein
anderes halbes Dutzend ihr vorstellen lassen.
    Einst begleitete er, wider seine Gewohnheit, den Grafen und dessen Damen in
den Kristallpalast, um in einer für London frühen Stunde dessen Schätze mit
einiger Musse betrachten zu können. Als sie sich nach langer Wanderung dem Platz
der Spitzen näherten, welche für alle Damen eine gewisse magnetische
Anziehungskraft hatten, standen zwei sehr elegante Damen bewundernd vor diesen
köstlichen Geweben, und obgleich sie den Ankommenden den Rücken zugewendet
hatten, erkannte Orest sie dennoch und ging auf sie zu. Regina würde dies nicht
weiter beachtet haben, wenn ihr nicht die Stimme bekannt in's Ohr gefallen wäre,
womit die eine Dame Orest's Verwunderungsausruf beantwortete:
    »Wir sind hier noch zu grosse Neulinge, um Geschmack zu finden an dem
Gedränge, welches die obligate Freudenerhöhung des Londoner Vergnügens ist.«
    Indem sie das sagte, wendete sie sich und ging weiter. Orest blieb ihr zur
Seite und Regina flüsterte dem Grafen zu:
    »Das ist die schöne Judit Miranes mit ihrer Mutter.«
    »Wie kommt denn die aus Brasilien her? und wie kommt Orest zu ihr?« sagte
der Graf, der sie nicht bemerkt hatte.
    »Sie war es und schöner denn je,« setzte die Baronin Isabelle hinzu.
    »Orest soll uns Auskunft geben,« sagte der Graf.
    Aber Orest kam nicht wieder. Man war daran gewöhnt und kehrte ohne ihn
zurück. Als er sich gegen Abend zu einem verabredeten Spazierritt einstellte,
rief ihm der Graf entgegen:
    »Woher stammt denn Deine Bekanntschaft mit der schönen Dame im
Kristallpalast?«
    »Wo denn anders her, als von der italienischen Oper, wo Du sie fast täglich
sehen könntest,« sagte Orest.
    »Da bewundere ich ihre Nerven beinahe noch mehr als ihre Schönheit!« rief
der Graf. »Tag für Tag gegen Mitternacht italienische Oper - das prästiere ich
nicht!«
    »Du bist auch keine Primadonna mit einem horrenden Gehalt für die Dauer der
Season.«
    »Ist sie die Primadonna der italienischen Oper?« rief Regina. »Sie - Judit
Miranes!«
    »Ob sie Judit Miranes heisst, weiss ich nicht,« erwiderte Orest; »aber hier
ist sie schwarz auf weiss zu lesen.«
    Er suchte das Tagesblatt, in welchem die verschiedenen Schauspiele angezeigt
waren, und las:
    »Also heute Otello, der Mohr von Venedig. Da ist sie! Desdemona - gesperrt
gedruckt: Signora Giuditta. Eine göttlichere Desdemona gab es wohl nie. Die und
die Norma sind ihre Hauptrollen. Nun, Regina, warum siehst denn Du so betrübt
aus? war sie etwa Deine Pensionatsfreundin im Sacré Coeur?«
    Regina schwieg mit beklommenem Herzen, und der Graf erzählte, was er von
Judit und ihren Eltern wusste.
    »Menschenschicksal!« versetzte Orest äusserst gleichgiltig.
    »Jetzt gehe ich aber gewiss in die italienische Oper!« rief der Graf. »Wollt
Ihr nicht alle mitgehen?«
    »Ich gewiss nicht,« sagte Regina traurig.
    »Ach geht doch alle mit,« bat Orest, »Ihr werdet entzückt sein.«
    »Ist denn diese Oper so besonders schön?« fragte Corona mit leiser Neugier.
    »Versteht sich! das Libretto ist nach der Tragödie von Shakespeare
bearbeitet.«
    »Ach erzähle doch etwas, lieber Orest, bitte!«
    »Die Sache ist in Kürze so: Die Republik Venedig hat einen heroischen
Feldherrn, der Otello heisst und ein Mohr ist. Die Dogentochter Desdemona fasst
eine so heftige Leidenschaft für ihn, dass sie über den Fluch ihres Vaters, der
keinen schwarzen Schwiegersohn haben will, sich hinwegsetzt und Otello
heiratet. Der Mohr liebt nun seine schöne Desdemona auf gut afrikanisch, d.h.
mit einer tüchtigen Dosis Eifersucht gemischt; und als er den falschen Verdacht
auf sie wirft, dass sie einen andern liebe, lässt er sich vom Satan blenden und
ermordet die unschuldige Desdemona. Es ist furchtbar ergreifend, wie sie zuerst
den Fluch des Vaters und dann den Dolch des Gemahls von sich abzuwehren sucht!«
    »Nein!« rief Corona, »solche Entsetzlichkeiten mag ich nicht sehen. Ich
würde mich halbtot ängstigen und halbtot weinen und die schauderhaften Szenen
gar nicht aus dem Gedächtnis bringen. Wie kann man an solchen Vorstellungen
Vergnügen finden.«
    »Wohlan, Papa, so gehen wir allein und bewundern allein die Vereinigung der
dreifachen Kunst Shakespeare's, Rossini's und Giuditta's - eine Vereinigung,
welche meine sublimen Cousinen doch zu Ehren der heiligen Dreifaltigkeit gelten
lassen sollten.«
    »Lieber Orest,« entgegnete Regina mit ihrem schönen Lächeln, »Du bist zu gut
erzogen, um nicht zu wissen, dass sich solche Spässe in unserem Kreise nicht
schicken. Mässige also den Ausdruck Deiner extatischen Bewunderung.«
    »Liebenswürdigste Königin,« rief Orest entzückt und glitt graziös auf ein
Knie vor ihr; »Du bist immer perfekt! Wenn alle Damen einen dummen Spass so
beantworteten, wie Du, bei Gott! wir würden keinen zweiten machen. Gewöhnen wir
uns dergleichen an, so ist das wahrhaftig Eure Schuld, denn Ihr könnt es uns
abgewöhnen. Wie beneidenswert ist Uriel, unter ein solches Pantöffelchen von
Sammt und Perlen zu kommen.«
    »O,« sagte Regina unbefangen, »Uriel ist selbst so perfekt, dass er das gar
nicht nötig hat.«
    »Aber nun hört auch meine Neuigkeit!« sagte Orest. »Ihr habt im
Kristallpalast eine Salonbekannte als Opernsängerin wiedergefunden; aber wem bin
ich begegnet? ratet.«
    »Nein,« sagte die Baronin Isabelle, »da könnte man die halbe Welt der
Bekannten durchraten! Sag' es uns.«
    »Ich begleitete also die Giuditta und ihre Mama auf ihrer Wanderung und
machte dabei die schmeichelhafte Bemerkung, dass das Töchterlein etwas weniger
wortkarg als gewöhnlich war.«
    »Ist sie das noch immer?« fragte teilnehmend Regina.
    »In einer Weise, die noch nicht da gewesen ist!« versicherte Orest. »Deinem
charmanten Cousin gelang es aber, ihr einige zusammenhängende Worte zu
entlocken.«
    »Mein charmanter Cousin,« erwiderte Regina lachend, »ist wirklich recht
bescheiden - für einen fat!« -
    »Nun, wem bist Du begegnet?« fragte ungeduldig der Graf.
    »So geleitete ich sie zum Wagen. Als eben der Schlag geschlossen wird und
ich mit vieler Grazie meinen letzten Kratzfuss mache, schlüpft eine Gestalt an
mir vorüber, die ich sogleich erkenne und die auch mich erkennt - denn sie
wendet ihr Gesicht ab und drängt sich in einen Menschenknäuel hinein, der sich
dem Eingang zuwälzt. Ich springe vom Wagen zurück und mitten unter die Menschen
und schreie aus Leibeskräften: Halt! halt! Alles stäubt entsetzt auseinander,
man denkt, ich setze einem Taschendiebe nach. Eine Miss mit ellenlangen blonden
Locken machte Miene, sich in Ohnmacht vor Schreck legen zu wollen. Mir einerlei!
Wie ein Tiger auf seine Beute springe ich auf die Gestalt zu, die sich trotz des
Tumults rund umher gar nicht umschaut und nur vorwärts eilt. Aber ich nach, und
halte sie beim Kragen! - und wen halte ich - Florentin!«
    Alle waren überrascht und riefen durcheinander Fragen aller Art. Der Graf
sagte:
    »Warum hast Du ihn nicht mitgebracht? hat er seine Revolutionsgrillen noch
immer nicht satt? ich dächte, er könnte nun endlich zur Vernunft gekommen sein
und in guter Ruhe mit uns heimkehren. Ich würde ihm alles verzeihen, Barrikaden,
Freischaaren - alles! denn im Jahr 1848 haben ganz andere Köpfe, als der seine,
sich verdrehen lassen. Es waren revolutionäre Miasmen in der Welt, die das
Gehirn in ein Delirium versetzten. Wie spricht er denn jetzt?«
    »Gerade wie vor vier Jahren, als er zum letzten Mal in Windeck war.«
    »Wie? er hat sich gar nicht gebessert?«
    »Im Gegenteil! grimmig ist er geworden und hat sich, wie man zu sagen
pflegt, in seine Idee verbissen. Ich nahm ihn ohne Umstände unter den Arm,
führte ihn aus dem Kristallpalast hinaus und in Hyde-Park umher. Da musste er
denn erzählen. Wär's nicht alles im Satansdienste der Revolution bis zur roten
Republik gewesen, so könnte man ihn beneiden um sein bewegtes Leben. Er sagte,
als Wien für die Revolution verloren gegangen und wieder kaiserlich geworden
sei, da habe er geahnt, dass alles in Deutschland schief gehen werde. So lange
man nicht Österreich, dies Bollwerk der Stabilität, diese Grundfeste der
konservativen Ideen und des historischen Rechts« ... -
    »Also das erkennt er alles an?« fragte der Graf.
    »Freilich! und darum hasst er es und nennt es weiter: eine Bastille der
Freiheit, die man entweder aus Deutschland herausbeissen, oder es so lange
revolutionär bearbeiten und unterminieren müsse, bis es in sich selbst zusammen
und in so viel Brocken auseinander falle, als es Völker verschiedener Zunge in
seinen Ketten schmachten lasse. Kurz, die erhabenen Ideen der Demokratie sind.
nach Florentin's Meinung, nicht durchzuführen im deutschen Vaterlande, so lange
es mit Oesterreich behaftet ist, und da die Stunde der Vernichtung noch nicht
für dasselbe geschlagen habe, so machte Florentin sich nach Italien auf. In Rom
ging es ja herrlich her! Der Papst war landflüchtig, Mazzini's Republik oben
auf. Er war bei den Opfern zugegen, die Mazzini nach altrömischer, d.h.
heidnischer Weise, im Kapitol den alten Göttern darbrachte und somit die
katolische Kirche absetzte, wie denn auch des Papstes weltliches Regiment
abgesetzt war. Aber, o Jammer! auch im Kirchenstaat war man noch nicht reif für
die rote Republik, und sogar verschiedene, wohl applizierte Dolchstösse, vulgo
Meuchelmorde, wollten nicht die gehörige Überredungskunst üben. Rom war
eingeschüchtert - was sich begreifen lässt! - gewonnen nicht. Die
Banditenwirtschaft, wie wir auf gut deutsch sagen, ging zu Ende, die
Banditenhäuptlinge Mazzini und Garibaldi suchten das Weite; der Papst kam
wieder, die Kardinäle kamen wieder, die katolische Kirche brauchte nicht wieder
zu kommen, denn es zeigte sich, dass sie, trotz der grässlichsten Misshandlung der
Geistlichen, immer dagewesen war - und mein Florentin ging nach Amerika.«
    »Möge er da bleiben!« rief die Baronin Isabelle aufgeregt. »Ich hoffe,
lieber Schwager, Sie nehmen diesen verwilderten Menschen nicht zu Gnaden an.«
    »Hat er Dir das alles wirklich eingestanden?« fragte der Graf.
    »Eingestanden?« rief Orest; »o keinegswegs! Geprahlt hat er mit den
Grosstaten der heroischen Republikaner! geprahlt mit der Hingebung an die
Befreiung der Völker in politischer und religiöser Beziehung! geprahlt mit dem
Hass gegen Kirche und Priestertum!«
    »Auch geprahlt mit dem Meuchelmord?« fragte Regina.
    »Mit jener Kälte davon gesprochen, wie andere Deutsche seiner Farbe im Jahre
1848 von dem Morde Lichnowsky's, Auerswald's, Lamberg's, Zichy's etc. etc.
sprachen. Solche kleine Zufälle haben ja nicht das mindeste bei dem erhabenen
Gange der Revolution zu bedeuten! Was tut's, wenn ein paar armselige
Reaktionäre, die, als solche, Verräter an der Sache des Volkes und der Freiheit
sind, mit einem Stilett bei Seite geschafft werden! Was tut's, dass die halbe
Welt untergeht, wenn nur die andere Hälfte als rote Republik floriert! so redet
Florentin und die Florentine - das kennt man zur Genüge!«
    »Was machte er denn in Amerika?« fragte der Graf.
    »Da gefiel es ihm durchaus nicht,« erwiderte Orest. »Ich fragte ihn, ob er
sich dort nicht recht gut als Arzt habe durchbringen können? Er behauptet Nein!
- Ein Arzt, der zu Fuss seine Patienten besuche - bekäme keine Praxis. Wer
Vermögen habe, oder wer sich auf Handels- und Spekulationsgeschäfte gut
verstände, der könne in Amerika Seide spinnen. Auch der Urwäldler. Aber Geld und
Arbeitskräfte müsse man tüchtig mitbringen. Übrigens habe er gar nicht den
Beruf, im freien Amerika zu leben.«
    »Das glaub' ich!« sagte der Graf; »auf Windeck lebt sich's anders! Nun, was
ist denn sein Beruf?«
    »Europa zur Freiheit zu verhelfen! Jetzt sitzt er hier und wartet auf seine
Zeit - schwört aber darauf, dass sie kommen müsse.«
    »Wovon lebt er denn?«
    »Darüber rückte er nicht mit der Sprache heraus! Ob sie eine Bundeskasse
haben, welche von den Reichen der Partei genährt wird, ob sie kommunistisch
leben, ob er Mitarbeiter an einem Journal ist, ob er Unterricht in der deutschen
Sprache gibt, ob das alles zusammen? ich kann's nicht behaupten! Auch England
schien ihm nicht sehr zu behagen. Er machte wütende Ausfälle gegen die Wucht,
womit die Klasse der Besitzenden, sowohl in der Aristokratie, als in der
Industrie und der Bank, auf der Klasse der Nichtbesitzenden drücke.«
    »Er muss sich in eine Gessner'sche Schäferwelt begeben,« sagte die Baronin,
»wo die ganze Gesellschaft mit weissen Kleidern mit rosenfarbenen Schleifen zarte
Lämmer an himmelblauen Bändern spazieren führt! denn die ganze wirkliche Welt
ist ja zu schlecht für seine erhabene Persönlichkeit.«
    »Einstweilen wünschte er nach Gessner's Heimat zu gehen, nach der Schweiz. In
Ermanglung jener Idylle findet er dort Gesinnungsgenossen. Auch ist er dort
näher an Deutschland, und darauf hat er nun einmal zärtlichst sein Augenmerk
geworfen.«
    »Nun, und wie kamt Ihr auseinander?« fragte der Graf.
    »Hat er sich gar nicht nach Papa und Onkel Levin erkundigt?« fragte Corona.
    »Doch! nach der ganzen Familie.«
    »Gott sei Dank! das ist doch wenigstens menschliches Gefühl!« seufzte die
Baronin aus tiefer Brust.
    »Als ich ihm sagte, Onkel Levin sei heiligmässig wie sonst, der Papa
aristokratisch wie sonst, Hyazint ultramontan wie sonst, Uriel Gentleman wie
sonst, die Damen fromm und andächtig wie sonst, und ich Bruder Lustig wie sonst:
da gab er mir zur Antwort: Ja, ihr seid und bleibt Windecker! - Versteht sich!
rief ich; ächte Windecker! Keine untergeschobenen Wechselbälge! - - Nein, sagte
er darauf, kein einziger ist von dem Stoff, dem die Zukunft gehört. Ich wollte
ihn herbringen; aber durchaus nicht! Unsere Wege sind geschieden - wiederholte
er.«
    »Wenn es so mit ihm steht, hat er recht!« sagte der Graf. »Das ist der Dank,
den Florentin Hauptmann für die Windecker hat!«
    »Und wie trenntet Ihr Euch?« fragte die Baronin.
    »Er schrieb mir seine Adresse in mein Notizenbuch,« sagte Orest, »und ich
gab ihm eine Hundertpfundnote.«
    »Was! bist Du rasend!« rief der Graf.
    »Lieber Onkel, ich sagte ja, dass er gern nach Gessners Heimat wollte,
entgegnete Orest gelassen.«
    »Was Gessner! was Heimat! er ist ein Revolutionär und geht nach der Schweiz,
um von dort aus das Gift seiner Prinzipien bequemer zu uns herüberzuspritzen -
und das erleichterst Du ihm! Er würde uns allen ganz getrost das Fell über die
Ohren ziehen - und Du fütterst ihn dazu auf!«
    »Ja, Onkelchen! so unterscheidet sich Orest Windeck von Florentin Hauptmann!
er hat mir als Kind das Leben gerettet: dafür bleib' ich ihm dankbar, so lange
ich lebe. Windecker Art knausert nicht um ein paar Gulden!«
    »Paar Gulden!« brummte der Graf; »eine Hundertpfundnote sind zwölfhundert
Gulden!«
    »Corpo di Bacco! zwölfhundert Gulden!« rief Orest höchst verwundert. »Das
ist stark! - hätte ich das gewusst! - Aber bei dem unendlichen Ideenreichtum
meines Kopfes kann ich unmöglich das Verhältnis der fremden Geldsorten zu den
unseren immer gegenwärtig haben. Nun, hin ist hin! - Morgen will ich aber den
Florentin besuchen. Vielleicht treffe ich eine ganze rote Bande beisammen.«
    »Nimm Dich in acht!« rief Corona ängstlich; »sie könnten Dich auch
erdolchen!«
    »Ich bin für diese Ehre zu gering,« erwiderte Orest lachend. »Aber wo wohnt
er denn - der Florentin? im Westende schwerlich!«
    Orest zog sein kleines Notizenbuch hervor und durchblätterte es vorwärts und
rückwärts. Plötzlich rief er:
    »Schau! der Florentin! statt seine Adresse einzuschreiben, hat er ganz leise
ein Blatt herausgerissen. Mein Besuch war ihm also nicht angenehm. Servus! die
Sache ist abgemacht. - Jetzt, Königin und Krone, verwandelt Euch in Amazonen! es
wird einen herrlichen Ritt geben in der Abendkühle unter den Eichen von
Hyde-Park.« -
    »Welch eine konfuse Welt!« sprach Regina heimlich zu sich selbst, als sie
später mit Hunderten von Reitern und Reiterinnen auf dem smaragdgrünen Rasen und
unter den kräftigen Eichen von Hyde-Park ihr Pferd tummelte, während in
unabsehbarer Reihe die elegantesten Wagen hinter einander fuhren, lauter ächtes
Equipagen-Vollblut, nirgends unterbrochen durch den gemeinen Eindringling
Fiakre, dessen Räder noch nie Hyde-Parks aristokratischen Boden entweiht haben.
Über diese hochfahrende Herrlichkeit glitt Regina's gedankenvolles Auge hinweg
und sah im Geiste die rote Republik, die dahinter lauert, und den Abgrund, der
daneben gähnt, und in den dieser ganze Weltprunk hineinprasselt, wenn ein Ruck
die künstlich empor geschraubte Maschinerie der modernen Civilisation in ihrer
schwindelnden Steigerung aufhält. Sie dachte an Florentin und an Judit. Was war
aus dem Pflegesohn ihrer Eltern, aus dem brüderlichen Gefährten ihrer Kindheit
geworden - und was konnte noch aus ihm werden? Was war aus dem jungen Mädchen
geworden, das mit ihr gleichberechtigt in der Gesellschaft aufgetreten war und
jetzt, ausserhalb derselben auf der Bühne stand? Florentin lebte und webte in Hass
und Groll gegen diese goldübertünchte Civilisation; Judit lebte und webte durch
sie und von ihr. Er - ein Revolutionär; sie - eine Opernsängerin; beide - durch
Zufall zusammengeführt mit den Windeckern im Tempel dieser Civilisation: im
Kristallpalast! - O heiliger Karmel! eröffne mir deine Einsamkeit, deine Armut,
deine Stille, seufzte Regina aus tiefster Brust. Öffne mir deine ascetischen
Zellen! ich verlange nach ihnen, nicht als nach Zaubergrotten voll überirdischer
Freudenfeste, sondern als nach den Katakomben, in denen die ersten Christen die
Welt besiegten.
 
                           Die Nachtigall von Cintra
Auch Judit war an dem Abend in Hyde-Park und stärkte sich in der erfrischenden
Abendluft gegen die qualmende, drückende Schwüle, die ihrer in der Oper harrte,
wenn sie zum hundertsten Male als Desdemona das Publikum in einen Rausch des
Entzückens versetzte. Sie fuhr in einer leichten, offenen, dunkelblauen
Kalesche, die mit weissem Damast ausgeschlagen und mit zwei brausenden
Apfelschimmeln bespannt war. Sie sass in ruhender Stellung ganz allein im Wagen.
Neben ihr auf dem Sitz stand ein zierliches Körbchen, mit kirschrotem Atlas
weich und warm gefüttert, und darin lag ein brasilianisches Äffchen, nicht
länger als ihre Hand, das sie zuweilen mit grossem Interesse betrachtete. Sie
trug ein ganz einfaches weisses Kleid und statt des Hutes die spanische Mantille,
von schwarzem Tafft mit breiter schwarzer Spitze, die über den Hinterkopf
geworfen und auf der Brust zusammengeschlagen wird. Über dem linken Ohr war,
ächt andalusisch, eine prächtige dunkelrote Nelke angesteckt. Ein grosser
spanischer Fächer, auf dem eine ganze Hirtenwelt aus Arkadien im zierlichsten
Rokoko paradierte, diente ihr zugleich als Spielwerk und als Schirm gegen die
letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Judit war unbeschreiblich schön. Ihr
marmorfarbenes Antlitz ruhte in dem schwarzen Rahmen der Mantille, wie eine
zarte antike Gemme in weissen und dunkeln Onyx geschnitten. Dass ihr Mund schon
nicht mehr die vollkommene Reinheit der Linien hatte, welche ihren Zügen einen
so edlen Charakter gab, dass er schon einen Anflug von dem komödiantenhaften
Etwas hatte, das aus der Gewohnheit hervorgeht, Leidenschaften, heftigen
Empfindungen, fremdartigen Seelenzuständen den entsprechenden mimischen Ausdruck
zu geben, würde höchstens ein Ernest bemerkt haben.
    Wie bei der italienischen Korsofahrt bewegten sich auch hier die Wagen
langsam hintereinander her, hielten auch zuweilen ganz still. Man will nicht
bloss Luft schöpfen, man will auch sehen, auch gesehen werden, auch sich
unterhalten mit den Reitern, die den Inhaberinnen der Wagen - denn selten sind
es Inhaber, oder sie sind doch nicht allein! - ihre Huldigung bezeigen. Zur
Konversation aber hatte Judit nicht die mindeste Lust. Jeden Gruss, den sie
beachtete - und sie beachtete nicht jeden - erwiderte sie mit einer ganz
leichten Neigung ihres schönen Kopfes, ohne eigentlich den Grüssenden anzusehen.
So schnitt sie die Möglichkeit eines Gespräches ab. Man musste die grenzenlose
Unverzagteit eines Orest besitzen, um sich durch ein so frostiges Benehmen
nicht zurückschrecken zu lassen. Orest war an der Wagenreihe hinabgeritten, um
sich die Damen und die Pferde in der Nähe zu betrachten. Als er sich Judits
Wagen nahte, fiel es ihm ein, sie in italienischer Sprache zu begrüssen, und es
schien ihr angenehm zu sein, denn sie erwiderte ihm zwei Worte. Das war ihm
gerade genug, um zu sagen:
    »Welchen Zauber hat denn dieser Fächer, Signora? Sie würdigen Ihres Blickes
nur seine Bilder - aber nicht das grossartige Bild der schönen Welt von Europa.«
    »Grossartig und schöne Welt - sind zwei Worte, die nicht zusammen gehören,«
sagte Judit. »Das Grossartige liegt ausserhalb der schönen Welt.«
    »Nicht immer!« entgegnete Orest.
    »Wenn Sie das ernstaft behaupten wollen, so bin ich wirklich neugierig auf
ein einziges Beispiel.«
    »Die grossartige Schönheit befindet sich mitten in der schönen Welt.«
    »Selten!« sagte sie ablehnend.
    »O Signora!« rief Orest, »Sie haben ein einziges Beispiel haben wollen und
so rede ich auch nur von einer einzigen Schönheit.«
    »Dies passt vortrefflich auf meine Nanko,« entgegnete Judit. »Schade, dass
sie es nicht versteht.«
    »Wer ist Ihre Nanko, Signora?«
    »Hier mein Äffchen,« sagte Judit, nahm es aus dem Körbchen, steckte den
Ring an ihren Finger, der an einem Ende des goldenen Kettchens hing, das um
Nankos Hals geschlungen war, und setzte das kleine graziöse Tier auf ihre Hand.
    »Bei Gott, ein allerliebstes Tierchen!« rief Orest mit so aufrichtiger
Bewunderung, als habe er wirklich Nanko's Schönheit im Sinne gehabt.
    »Sehen Sie, Graf!« sagte Judit, »Nanko schweigt und meine Fächerbilder
schweigen; darin besteht der Zauber, nach dem Sie fragten.«
    Ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen, entgegnete er:
    »Sie haben am allerwenigsten das Recht, dem Schweigen eine Lobrede zu
halten! Ihre Kunst und Ihr Genie sind nicht stumm.«
    Judit schwieg und bettete ihren Affen wieder in den roten Atlas. Orest fuhr
fort:
    »Wenn wir nun aber einmal der Norma und Desdemona gegenüber so stumm wären,
wie Signora Giuditta es uns gegenüber ist - was würden Sie dann sagen?«
    »Dann würde ich sagen, dass man sich in London nicht auf die Kunst versteht,«
antwortete Judit - und da man eben auf einem Punkt angelangt war, wo die Wagen
wendeten, sagte sie zu dem Bedienten: »Nach Hause!« nickte Orest einen kühlen
Gruss zu - und dahin flogen die Apfelschimmel.
    Schau! eine perfekte Komödiantin .... aber im grossen Stil! sagte Orest
vergnügt zu sich selbst; der kleine genre ist auch nachgerade langweilig. Und
munter sprengte er zu seiner Gesellschaft zurück. -
    Einige Stunden später war er mit dem Grafen in der italienischen Oper, wo
die ganze haute volée beisammen war, um Desdemona's tragisches Schicksal zu
bewundern und zu beweinen. Denn auf der Bühne war Judit hinreissend, voll Leben,
voll Feuer, voll Bewegung, voll tiefer Empfindung und auch im Ausdruck heftiger
Leidenschaft immer edel. Ihre mächtige Stimme durchdrang mit einem goldenen
Glockenton den ungeheuren Raum, herzerschütternd im tiefen, gehaltenen Ausdruck
grosser Schmerzen, sinnbezaubernd in den perlenden Fiorituren der Fröhlichkeit,
des Glückes, der Zärtlichkeit. Die Damen zerflossen in Tränen, die Herren
erschöpften sich in Beifallssturm. Seit der Pasta und der Malibran hatte man
keine solche Stimme von solchem Metall und solcher Ausbildung, verbunden mit
einem so hinreissenden teatralischen Genie, in der italienischen Oper gehabt.
Mit Giuditta's goldener Stimme verglichen, hatten die Sontag und die Lind nur
Silberstimmen, und deren anmutiges Darstellungstalent verschwand vor den
Kunstschöpfungen dieser tragischen Muse.
    Man erzählte, sie habe geäussert, die Desdemona mache ihr den Eindruck von
Orangenblütenduft in einer italienischen Sommernacht - so viel Glut und Zarteit
liege in dem Charakter. Das war genug, um einen Regen von Orangenblüten
hervorzurufen, mit dem die Bühne überschüttet wurde, als Desdemona auftrat. Die
krankhafte Exaltation der Zeit für Erscheinungen in der Teaterwelt hatte sich
auch der kühlen, baumwollspinnenden Söhne Albions bemeistert - wenn auch nicht
bis zu dem Grad von Wahnwitz gesteigert, der sich auf dem Kontinent an manchen
Orten kund gab. Der Gegenstand dieser Bewunderungsexplosion blieb auch auf der
Bühne stets in ruhiger Haltung - und das gefiel nur umso mehr. Die
Schicksalswendung, welche Judit getroffen hatte, war nicht geeignet, um ihr
Welt und Menschen in einem lieblichen Lichte darzustellen. Der gänzliche Umsturz
seiner glänzenden Verhältnisse hatte Judits Vater geistig entkräftet. Er fühlte
sich ausser Stande, noch einmal - und zwar bei sechzig Jahren - das Riesenwerk
des Reichwerdenwollens von vorn wieder anzufangen. Madame Miranes, die ihr Leben
lang nichts anderes getan, als Geld ausgegeben hatte, war eine Ausnahme unter
den Töchtern ihres Volkes, verstand nichts von Geschäften, von Einschränkung
ihres Luxus, von einem Leben nach ganz niedrigem Massstab der Finanzen, und
anstatt ihrem Mann seine traurige Lage tragen zu helfen, erschwerte sie ihm die
Last. Judit stand zwischen dem kraftlosen Vater und der verzweiflungsvollen
Mutter, ganz bereit, ihn zu unterstützen und sie zu trösten, denn der Verlust
des Vermögens und der damit verknüpften gesellschaftlichen Stellung berührte sie
nicht tief. Sie war noch jung genug, um zu wähnen, dass man auch ohne das zur
Geltung gelangen könne, und es war ihr ungemein schmerzlich, dass sich die Klagen
ihrer Eltern hauptsächlich um das Unglück drehten, welches die Aussichten der
Tochter betroffen habe. Die Familie ging nach Bordeaux, Vaterstadt der Madame
Miranes, wo ihre Brüder, zwei wohlhabende Männer, lebten. Mit der
Bereitwilligkeit, Verwandten fortzuhelfen und zu dienen, welche sich nicht immer
in christlichen Familien findet, boten beide Schwäger dem Herrn Miranes die
Mittel, um einem befreundeten Hause in Lissabon sich anzuschliessen. Dies war nun
freilich eine ganz beschränkte und untergeordnete Lage im Vergleich zu der
früheren; allein Madame Miranes war herzlich froh, der Heimat zu entrinnen, wo
sie unaufhörlich an den entschwundenen Glanz ihrer Vergangenheit erinnert wurde;
und Herr Miranes fühlte nur zu gut, dass ihm nicht mehr die energische Tätigkeit
früherer Jahre zu Gebote stehe, um nicht mit dem beschränkten Spielraume
zufrieden zu sein. Allein das Glück war ihm nicht mehr hold. Die Geschäfte
dieses Hauses nahmen keine günstige Wendung, Herr Miranes kränkelte mehr und
mehr, Madame Miranes langweilte sich mehr und mehr; Judit litt für ihre Eltern.
Für sich selbst wäre sie recht glücklich gewesen! Sie bewohnten ein kleines
Landhaus in den Citronenhainen von Cintra, das in seiner poetisch bezaubernden
Wildheit vier Stunden landeinwärts von Lissabon an die schroffen Felsenausläufe
der Gebirge von Estremadura sich lehnt. Judit erkletterte diese Felsen,
durchstreifte diese Bergabhänge voll Kastanienwälder, diese Ebene voll
Citronenhaine, wo sich so wenig Spuren von Kultur und Civilisation finden, und
die Natur noch so ungestört einen ursprünglichen Stempel von wilder Schönheit
und melancholischer Poesie trägt. Aber gerade das, was ihr gefiel, verabscheute
ihre Mutter. Madame Miranes begehrte von der schönen Natur nichts weiter, als
einen macadamisierten Weg. um spazieren zu fahren - und den gab es nicht
zwischen Cintra und Lissabon, vielleicht nicht in ganz Portugal. Was lag ihr an
malerischen Bergpartien, die man zu Fuss oder zu Esel mühselig aufsuchen muss!
Auch ihr Landhaus war weit entfernt von der Eleganz ihrer Frankfurter Villa, war
fast ärmlich eingerichtet. Die pyrenäische Halbinsel hat das Glück, mit dem
erdrückenden Komfort des Lebens noch nicht behaftet zu sein, der wie ein Alp auf
Mitteleuropa lastet und es entnervt. Wo die materielle Bedürftigkeit eine so
ungeheure Bagage mit sich schleppt, da müssen höhere Bedürfnisse vorkommen. Das
soll nicht heissen, als würde diese auf der pyrenäischen Halbinsel besonders
gepflegt; dass es nicht geschieht, hängt mit anderen Gründen zusammen, namentlich
mit dem einen, dass die halbe und oberflächliche Bildung gewisser Klassen
verkehrten Fortschrittsideen die Oberhand gibt, und dadurch eine
Revolutionsphase nach der anderen herbeiführt. Unter manchem Druck, der von
England ausgeht, schmachtet die pyrenäische Halbinsel; allein die Bürde des
englischen Komfortes belastet sie noch nicht - und ach! wie sehr seufzte Madame
Miranes gerade danach! - Judit wurde angesteckt von der Niedergeschlagenheit
ihrer Eltern. Sie hing an ihnen mit zärtlicher Ehrfurcht, und der Wunsch, ihrem
späteren Alter den Glanz der äusseren Verhältnisse zurückzugeben, wurde immer
lebendiger in ihr. Sie wusste nur durchaus nicht, was sie dazu tun könne.
    Ein Verwandter des Herrn Miranes berührte Lissabon auf seiner Reise von
Cadix nach Mexiko. Er sah Judit und bewarb sich auf der Stelle um sie. Er besass
ein kolossales Vermögen und die Eltern zweifelten keinen Augenblick an Judits
bereitwilliger Zustimmung. Aber Judit sagte nein! sie habe keine Neigung, sich
zu verheiraten und wünsche bei ihnen zu bleiben. Umsonst wurden ihr alle Vorzüge
dieser brillanten Heirat vorgestellt, umsonst der Luxus ausgemalt, der in Mexiko
sie erwarte, umsonst die Pflicht ihr eindringlich gemacht, auf ihre Eltern
Rücksicht zu nehmen, die plötzlich aus der Armut befreit, an ihrem Reichtum
teilnehmen und mit ihr nach Mexiko gehen würden: Judit blieb bei ihrer
Weigerung. Der Vater kam allein und flehte sie an, aus Rücksichten für ihre
Mutter diese Verbindung einzugehen; und die Mutter kam allein und beschwor sie
um dieselbe Rücksicht für den Vater. Judit weinte - aber sie sagte nein. Eine
Flut von Vorwürfen des Undankes, der Kälte, des Eigensinnes, des Mangels an
kindlicher Liebe bestürmte sie. Judit fiel ihren Eltern zu Füssen und bat um
Verzeihung - aber ihr nein nahm sie nicht zurück. Der Bewerber reiste höchst
beleidigt ab und die Eltern waren geradezu in Verzweiflung, dass ihre Tochter
nichts für sie tun wolle, nachdem sie alles für die Tochter getan hatten. Judit
verfiel in tiefe Traurigkeit. Welche Zukunft stand ihr bevor? Die Eltern
unglücklich und missvergnügt über sie; und sie - um dieser drückenden Lage zu
entrinnen - vielleicht veranlasst, den nächsten Bewerber zu erhören, dessen
Vortrefflichkeit in Reichtum bestehe. Sie hatte nie eine Neigung für einen Mann
gehabt; darum begriff sie nicht, weshalb sie heiraten solle - und sie war fest
entschlossen, es nicht zu tun, bis - ja bis - sie wusste selbst nicht, ob dieses:
bis sie einen Mann liebe, je eintreten werde; denn sie wollte lieben, um
glücklich zu werden, aber Ernest hatte ja einmal gesagt, dass kein Mensch einen
anderen je ganz glücklich machen könne, und ihre Schwester war durch die Liebe
unglücklich geworden; das vergass sie nicht.
    Madame Miranes fand einen Trost darin, Leidensgefährten zu haben. Eines
Tages erzählte sie ihrer Tochter, dass die berühmte Sängerin Sontag, welche seit
einer Reihe von Jahren von der Bühne abgetreten war und mit ihrem Manne in der
elegantesten Sphäre der Hauptstädte Europa's lebte, wieder dem Teater sich
zuwende und eine Kunstreise nach England und Amerika beabsichtige, um das
zusammengeschmolzene Vermögen ihrer Kinder zu vergrössern. Madame Miranes fügte
hinzu:
    »Hätte ich ein solches Talent, würd' ich es auch so machen.«
    Wie ein Blitz flog es durch Judit's Sinn: Vielleicht hab' ich es! - aber
sie äusserte nichts, weil sie ihres Talentes nicht gewiss war und keine
vergebliche Hoffnung in ihrer Mutter wecken wollte. In Lissabon war ein
vortreffliches Konservatorium der Musik, wie man solche Anstalten nennt, in
denen musikalische Talente sowohl für Opern- als Kirchen- und Kammermusik
ausgebildet werden. Die grosse Sängerin aus dem Anfange des neunzehnten
Jahrhunderts, die Catalani, welche zugleich Primadonna und Direktrice der
italienischen Oper zu Lissabon gewesen war, hatte auch auf das Konservatorium
einen grossen bildenden Einfluss gehabt, so dass es nach ihrer Tradition die
musikalische Pflanzschule fortsetzte. Judit wendete sich an den Direktor der
Anstalt, anfangs nur, um sich seinen Unterricht zu erbitten. Er war, als ein
guter Kenner, dermassen entzückt von Judit's Stimme und Schule, dass er ihr
erklärte, sie brauche die Ausbildung im Konservatorium und seinen Unterricht
eigentlich nicht mehr; wolle sie sich aber der Bühne widmen, auf der sie ohne
Zweifel das glänzendste Phänomen der Zeit werden würde, so müsse sie sich für
diesen Beruf unter seiner Leitung eine gewisse Übung und Gewandteit aneignen,
die ihr nicht schwer fallen könne. Dies war gerade alles, was Judit wünschte!
Da sie zu Ende des Sommers das Landhaus in Cintra mit dem Aufentalte in
Lissabon vertauschte, so wurde es ihr ganz leicht, ihre Studien im
Konservatorium zu machen, ohne dass ihre Eltern eine Ahnung von ihrer
eigentlichen Absicht hatten; sie glaubten nur, dass Judit in der Kunst und in
ihrem Talent Zerstreuung suche für ihr einförmiges häusliches Leben. Der
Direktor nahm mit Freude und Stolz wahr, dass Judit's teatralisches Talent
hinter ihrem musikalischen nicht zurückstehe, ja dass beide recht eigentlich
zusammen gehörten, wie der Duft und die Rose, dass ihr Spiel durch ihre Stimme
getragen werde und zugleich ihre genialische Kunstfertigkeit plastisch mache. Er
nannte sie die goldene Nachtigal von Cintra; ihren Namen und ihre Verhältnisse
kannte er nicht. Gegen den Winter fragte er sie, ob sie geneigt sei, für diese
Saison ein Engagement an der italienischen Oper zu Lissabon anzunehmen. Judit
entgegnete mit ihrer gewohnten Ruhe, wenn es glänzend sei, wolle sie es tun; sie
betrete diese Laufbahn, um ihren Eltern ein sorgenfreies Alter zu bereiten, und
da sie ihres Erfolges gewiss sei, müsse ihr pekuniärer Gewinn demselben
entsprechen. Das fand der Direktor ganz in der Ordnung. Er übernahm die
Unterhandlungen mit dem Impressario der Oper, d.h. mit demjenigen, der nach
italienischem Gebrauch Unternehmer der Oper ist und Sänger und Sängerinnen für
eine Winterzett engagiert. Judit wurde die Primadonna. Als das Geschäft
vollkommen abgetan war - und das war nicht ganz leicht, weil der Impressario die
Forderungen dieser unbekannten Nachtigal von Cintra übermässig hoch fand - teilte
Judit den Eltern ihren Entschluss und ihre Aussichten mit und fügte hinzu, sie
hoffe dadurch zu beweisen, dass es ihr nicht an kindlicher Liebe und Dankbarkeit
fehle, denn für sich selbst begehre sie weder Reichtum noch künstlerische
Berühmteit. Herr Miranes war gerührt und Madame Miranes entzückt, doppelt
entzückt, als Judit sagte, sie sei durch eine Äusserung ihrer Mutter zur
Klarheit gekommen über das, was sie zu tun habe, und danke derselben im voraus
ihre Erfolge.
    Da der Impressario sich nun einmal zu dem ungeheueren Wagstück entschlossen
hatte, eine gänzlich unbekannte Primadonna dem Publikum vorzuführen: so tat er
sein Möglichstes, um ihr einen fabelhaften Ruf von Schönheit und Genie voraus zu
schicken. Den Effekt, den sie machen würde, konnte er selbst nicht ermessen,
denn Judit sang in der Probe nur mit halber Stimme und spielte mit kaum halber
Aktion; allein dass sie nicht Fiasko machen werde - und folglich auch nicht seine
Kasse! - das stellte sich denn doch beruhigend für den geübten Beurteiler
heraus. Als Desdemona trat Judit zum ersten Mal auf und so, dass der Impressario
sich eingestand, sie habe ganz Recht, ihre Forderungen hoch zu spannen, und
dieser Winter werde wohl der erste und letzte für Lissabon sein, da eine solche
Sängerin unstreitig bald einen europäischen Ruf geniessen und auf den grossen
Bühnen von Neapel, Mailand, Paris und London glänzen werde.
    Judit lebte nun das Leben, welches die gefeierten Heldinnen der Bühne zu
leben pflegen, bewundert, vergöttert, angestaunt, beneidet, von Kabalen und
Intriguen, von Huldigung und Anbetung umringt - das glänzendste und flüchtigste
inhaltlose Schein- und Schaumdasein, welches ein menschliches Wesen leben kann;
zugleich auch das gefährlichste, weil es alle bösen Neigungen des
Menschenherzens weckt und aufstachelt. Der Glanzpunkt einer solchen Existenz
besteht darin - zu gefallen! Es heisst zwar nicht so! es heisst: durch genialische
Darstellung bezaubern, durch künstlerische Vollendung entzücken. Aber darauf
kann man mit Hamlet erwidern: »Worte! Worte!« Die Tatsache ist: man muss gefallen
- und zwar den Augen und den Ohren der Menschen - und zwar in solcher Weise, dass
sie ganz Auge und ganz Ohr und gleichsam der Sphäre der menschlichen Vernunft
entrückt werden. Die vier- bis fünftausend Personen, welche ein Opernsaal fasst,
müssen durch Ohrenkitzel und Augenverblendung in Wonnetaumel versinken und in
einen entusiastischen Rausch auffahren, die in allerhand Extravaganzen
übergehen: das ist der höchste Triumph, den man in dieser Existenz feiern kann.
Auch Judit errang ihn und musste ihn erringen wollen. Ohne ihn - hätte sie ja
ihre Laufbahn verfehlt. Sie musste es zu einem Gegenstand ihres ernsten Studiums
machen, durch einen Blick, einen Ton, eine Stellung die elektrische Kette des
Beifalls in Bewegung zu bringen. Sie musste die Falte ihres Gewandes, die Haltung
ihres Kopfes, den Aufschlag ihrer Augen, ihr Lächeln, ihren Gang, alles und
jedes, Grosses und Kleines, auf den Effekt berechnen, den sie hervorzurufen
hatte, und musste es dahin zu bringen suchen, dass der Eindruck von Berechnung
hinter dem der einfachsten Natürlichkeit verschwinde, wozu allerdings ein grosses
Talent gehört. Aber weil sie es hatte, so fand sie auch Vergnügen daran es zu
üben. Höchst lästig war ihr hingegen die Huldigung, die man ihr ausserhalb der
Bühne darbrachte. Sie wollte durchaus ihre Person in Schatten und nur ihre Kunst
in's Licht stellen. Allein bei ihrer Kunst macht die Person selbst einen
wesentlichen Teil und Gegenstand derselben aus: wie der Bildhauer seinen
Marmorblock, muss der Schauspieler seine Person behandeln und bearbeiten, und da
Judit diesen Teil ihrer Kunst auch ausserhalb der Bühne beibehielt, so musste sie
es sich gefallen lassen, auch ausserhalb derselben Huldigungen entgegen zu
nehmen, die oftmals ihr stolzes Herz tief verletzten. Niemand glaubte an die
kalte Gleichgültigkeit ihrer Erscheinung im gewöhnlichen Leben; einige hielten
es für Koketterie, andere für Maske, noch andere fanden den Schlüssel - in einer
unglücklichen Leidenschaft, die ja durchaus bei jeder Erscheinung, welche der
Alltagswelt nicht klar ist, eine Hauptrolle spielen muss. Von den Verhältnissen,
welche sie auf die Bühne geführt hatten, sprach sie nie. Nur gelegentlich
äusserte sie einst, dass sie eine spanische Jüdin sei. Sie lebte bei ihren Eltern,
erschien nie öffentlich ohne ihre Mutter, und ihr Vater trieb sein Geschäft nur
nach Lust und Laune, um nicht in die Langeweile der Untätigkeit zu versinken.
    Als der Winter und mit ihm Judit's Engagement in Lissabon zu Ende war, ging
sie nach Amerika. Europa hatte noch nicht wieder das gehörige Gleichgewicht
gewonnen, um sich für die Nachtigal von Cintra zu fanatisieren; es lag noch in
den letzten Krämpfen der momentan gebändigten Revolution. Nach England hätte
Judit freilich gehen können; aber sie wusste, dass sie dort als eine Berühmteit
auftreten musste, wenn sie gefeiert werden wollte. Diese Berühmteit gab ihr das
an der äussersten Grenze von Europa gelegene Lissabon nicht und deshalb wählte
sie Amerika, das geld- und städtereiche, als den entsprechenden Schauplatz für
ihre künstlerischen Grosstaten. Sie gelangen ihr über alle Erwartung. Judit trat
als Opern-und Konzertsängerin auf; wo keine Bühne war - oder keine, die ihr
zusagte - war doch gewiss ein Saal zu finden, und das Konzert bildete sie allein.
Manche hörten sie sogar am liebsten im Konzert, weil man sie dort in ihrer
eigenen Persönlichkeit, anstatt in einer Rolle sah; und dies Sehen gehörte
wesentlich zum Hören! Wenn sie so da stand, immer weiss und einfach gekleidet;
immer in ruhiger edler Haltung, immer mit ihrem melancholischen Ausdruck auf dem
unvergleichlich schönen Antlitz, sah sie aus wie die tragische Muse selbst,
während die Norma, Desdemona, Lucia etc. nur Schöpfungen dieser Muse waren. Sie
konnte auch singen was sie wollte: ihre Stimme, ihr Vortrag machten aus dem
Singen der Skala bald eine Bravourarie und bald ein zauberhaftes Liebeslied.
Eine alte Arie aus einer vergessenen Oper von Zingarelli, die Romeo und Julia
heisst und die heutzutage kein Mensch kennt, war in Judit's Hand gekommen,
gefiel ihr ungemein wegen der seelenvollen, melodischen Musik des einst
berühmten und jetzt verschollenen alten Meisters, und wurde von ihr in jedem
Konzert vorgetragen. Wenn sie Romeo's Nachruf an die geliebte Julia anhub: »
Ombra adorata, aspetta« - so war es nicht anders, als ob eine in tausend und
tausend Herzen versteckte, verschlossene, schlummernde Sehnsucht nach dem
Schatten der Liebe in Judit's Klage ihren Ausdruck gefunden habe; und Amerika,
das Land der Praxis und der Realität, seufzte: »Ombra adorata!« Solche Macht hat
nun einmal das Genie in dieser Richtung. Ihr Vater starb in Amerika. Sie hatte
kaum Zeit ihn zu beweinen. Die Bühne ist auch ein Despot. Aber Judit's Trauer
erhöhte den Zauber ihrer Stimme und ihres Spiels.
    Als nach zwei Jahren ihrer Kunstreise in Amerika der Kristallpalast die
halbe Welt nach London zog, flog denn auch die Nachtigal von Cintra über den
atlantischen Ocean nach Europa zurück und nach England, wo sie den Entusiasmus
wiederfand, dessen sie in Amerika herzlich überdrüssig war. Aber sie musste ihn
hinnehmen; das gehörte zur Handwerksseite ihrer Kunst, und obwohl er ihr nicht
eigentlich Freude machte, begehrte sie ihn doch, wenn und wo sie auftrat: er
verhalf ihr zu einer Art von Betäubung gegen die innere Leere, die sie immer
peinlicher, immer quälender in sich empfand. Wohl waren unter den Millionen
Worten, die sie umschwirrten, auch Worte von Liebe gewesen. Ob sie ihnen
geglaubt hatte? ob sie gewähnt hatte, die Welt des Scheins, die sie umgab, könne
eine Blüte des Herzens erzeugen und hervorlocken? ob sie, um der Langenweile zu
entrinnen, einem Traum von Liebe sich hingab? Es ist nicht immer möglich, allen
labyrintischen Fäden zu folgen, die sich in einem und demselben Herzen
durchkreuzen. Aber gewiss war Eines: hatte Judit einen solchen Versuch gemacht,
so war er nicht schwer in die Schale ihres Glücks gefallen. Hätte sie Zeit
gehabt, über sich selbst nachzudenken: so würde sie sich noch tausend Mal
elender gefühlt haben, als es jetzt der Fall war. Doch sie kam nicht dazu! sie
trieb mit vollen Segeln auf dem hohen Meer der Welt und musste immer Menschen
sehen, sprechen, hören, die sich einerseits zu der gefeierten Künstlerin
drängten, und die andererseits ihr nötig waren und ihr künstlerische
Verbindungen in allen Weltgegenden anknüpfen halfen. Dazu ihre Darstellungen,
ihre Studien, ihre Reisen, um in den grossen Städten Englands Konzerte zu geben -
dies ganze angreifende und aufregende Treiben liess keinen klaren und
entschiedenen Gedanken über ihren inneren Zustand in ihr aufkommen. Sie verfiel
nur zuweilen in einen gründlichen Gegensatz zu ihrem Leben, in ein gewisses
träumerisches Hinbrüten, das aus dem Schlaf der höheren Seelenkräfte hervorging
- wie damals, als sie in Hyde-Park lieber mit dem Affen spielte, als mit Orest
sprach. Warum fuhr sie aber überhaupt nach Hyde-Park und auf dem grossen Wege, wo
jedermann sie bemerken musste und wo von Erholung und Erfrischung keine Rede sein
konnte? - Weil alle Welt da fuhr und weil sie zur Welt gehörte und gehören
wollte! - In ähnlichen Widersprüchen bewegen sich tausend und aber tausend Leben
in der Welt. Man fühlt die Schwere ihres Jochs und weiss nichts mit sich selbst
anzufangen, wenn man es nicht trägt. -
    Einige Damen aus der grossen Gesellschaft bewerkstelligten ein Konzert für
eine Wohltätigkeits-Anstalt, welche sie patronisierten und brachten es dahin,
dass sich Judit darin hören liess; nun waren sie einer guten Einnahme gewiss! man
riss sich um die Eintrittskarten, und der ohnehin nicht grosse Saal von Hanovre
house, wo solche Konzerte stattzufinden pflegen, war überfüllt. Hier hörten auch
Regina und Corona das berühmte »Ombra adorata.« Corona mit ihrem jungen,
frischen, unabgestumpften Gefühl war so hingerissen, dass sie in Tränen
zerschmolz und später zu Orest sagte, sie beneide ihn um das Glück, ein so
herrliches Wesen persönlich zu kennen.«
    »Ja, sie ist ausserordentlich interessant,« entgegnete Orest.
    »Und welch ein Gemüt muss sie haben, um so himmlisch zu singen!« rief Corona.
    »O Du Kind!« erwiderte er; »das ist bei ihr Sache der Kunst - und Du
verstehst das nicht zu trennen, weil Du nie in's Teater kommst. Du würdest
vermutlich jeden guten Schauspieler, der einen edlen Helden darstellt, ohne
Weiteres für einen höchst edlen Menschen halten, während er vielleicht ein
erbärmlicher Wicht ist.«
    »Das würd' ich schwer glauben,« sagte sie.
    »O beneidenswerte Unschuld!« rief Orest in seiner spasshaften Weise. »Über
dies kindliche Vertrauen sind wir hinaus!« -
    Er machte öfter seinen Besuch bei Judit. Immer war sie so umringt, dass der
einzelne es nie zu einem Gespräch mit ihr brachte. Es herrschte immer das
allgemeine Wortgeklingel, das man Konversation nennt. Umsomehr freute sich
Orest, dass er sie endlich einmal allein mit ihrer Mutter - und überdas in
ungewöhnlich heiterer Stimmung fand.
    »Wünschen Sie mir Glück, Graf Orest, ich freue mich!« rief sie ihm entgegen.
Ich gehe endlich in die Heimat der Musik und darf die Nebelatmosphäre verlassen,
die der Stimme so nachteilig ist. Ich gehe nach Mailand, zur Skala.«
    »Da wünsche ich zuerst mir Glück,« entgegnete Orest fröhlich, »denn ich lebe
in Mailand. Ist denn aber die Freude bei Ihnen etwas so Seltenes, dass Sie sich
dazu beglückwünschen lassen?«
    »Ich dächte nicht, dass die Freude für irgend einen Menschen, Kinder
vielleicht ausgenommen, etwas Alltägliches sein könnte,« erwiderte sie. »Ach!
Freude! Ist das nicht ein Stückchen Frühling in der Seele? so etwas wie
Morgenrot und Maientau und Rosenduft und Finkenschlag? so etwas, wovon sie ganz
hell, frisch und leicht wird? - Das begegnet meiner Seele höchst selten, und
wenn ich über die Freude nachdenke: so wird es mir mehr und mehr klar, dass mein
Engagement an der Skala zu Mailand mir im Grunde so wenig Freude macht, wie
irgend etwas anderes in der Welt.«
    »Aber wer grübelt denn auch über die Freude nach!« rief Orest. »Man muss sie
geniessen - basta!«
    »Aber um sie geniessen zu können,« sagte Judit, »muss man sie doch erst
empfinden.«
    »Nicht wahr, meine Tochter ist eine grosse Törin?« sagte Madame Miranes zu
Orest. »Sie besitzt doch gewiss alles, was glücklich macht, und ist dennoch immer
ganz schwermütig.«
    »Besitzen!« rief Judit lebhaft; »was hab' ich denn, wenn ich alles besitze?
Ballast, der das Schiff flott erhält! Nein, mein Lieblingslied ist Ombra adorata
.«
    »Ob dieser Schatten einer untergegangenen Sonne nachsinkt - oder ob er der
Schatten ist, den der Sonnenaufgang zerstreut: das wüsst' ich gern,« sagte Orest.
    »Das glaub' ich!« antwortete Judit; »aber man muss nicht so neugierig sein,
Graf Orest.«
    »Man muss auch nicht mit der Adoration der Schatten kokettieren, Signora
Giuditta.«
    »Wenn es überhaupt etwas Wahres in meinem Leben gibt, so ist es dies!« rief
Judit.
    »Was?« fragte Orest.
    »Gerade das, was Sie Koketterie zu nennen belieben: etwas Wesenloses, etwas
Ungekanntes dem Sichtbaren und Handgreiflichen vorzuziehen.«
    »Da haben Sie sehr Unrecht, Signora!« sagte Orest; »als eine kleine
Koketterie könnte man es sich eher gefallen lassen; aber dass das wirklich Ihr
Ernst ist - das ist unverzeihlich.«
    »Wie häufig mache ich meiner Tochter diesen Vorwurf!« rief Madame Miranes.
    »Wozu wäre sie denn da, diese ganze reiche herrliche Welt der Sichtbarkeit,
mit ihren mannigfaltigen Erscheinungen, wenn man sich nicht ihrer freuen, nicht
sie bewundern und lieben, nicht sich behaglich in ihr fühlen wollte!« rief
Orest. »Das müssen Sie noch lernen; sonst haben Sie ganz vergeblich gelebt, denn
wenn Sie immerfort von Schatten singen und sagen, führen Sie ein Schattendasein
- und das ist grauenhaft. Das haben Sie sich gewiss in Amerika angewöhnt, in dem
Lande der Rechenexempel - nicht wahr? Die Art von Realität war zu trocken, um
Sie nicht in den Gegensatz hinein zu treiben. Ja, ja, das begreift sich! - aber
in Mailand wird das ganz anders werden, und wenn Sie auch etwas für Ihre
schwärmerische Neigung tun wollen, so beziehen Sie im Frühling eine Villa am
Komersee.«
    »Das klingt ja, als ob Sie sagten: Und wenn Sie etwas für ihre Gesundheit
tun wollen, so brauchen Sie im Sommer eine Brunnenkur,« sagte Judit belustigt.
»Ich werde mir Ihr Rezept überlegen.«
    »Nur nicht zu lange und nicht zu viel,« bat Orest.
    »Was sind Sie für ein oberflächlicher Mensch, Graf Orest!« entgegnete
Judit. »Für den Augenblick und von Schaum leben - das ist die Philosophie Ihrer
Existenz.«
    »Und ist die nicht charmant?«
    »Für einen Schmetterling - ja! für einen Menschen - nein!«
    »Nun möcht' ich doch aber auch nach der Philosophie Ihres Daseins zu fragen
mir erlauben.« »O ich habe keine.«
    »Wohlan, Signora, so werden Sie erst meine Schülerin und dann wollen wir
sehen, ob Ihnen meine Schmetterlingsphilosophie, die Sie jetzt so sehr
verachten, nicht ungemein zusagt.«
    »Es wäre möglich, dass ich sie mir aneignete; aber es wäre unmöglich, dass sie
mir genügte.«
    »Versuchen Sie nur erst, sie sich anzueignen und das Weitere findet sich.«
    »Wenn es sich aber nun nicht findet? wenn das Dasein leer bleibt, hohl, öde?
wenn all' die Versuche erst recht deutlich herausstellen, dass man mit ihnen
nicht zum Glück gelangt? wenn man von der vergeblichen Anstrengung doppelt müde
und traurig wird - was dann, Graf Orest?«
    »Nun, dann ist der Moment gekommen, um wieder zu singen: Ombra adorata!«
rief Orest mit lustigem Zorn. »Nein, Signora, vor Ihren Wenn und Aber streich'
ich die Segel und streck' ich die Waffen. Ich bekenne mich überwunden und bin
Ihr Gefangener.«
    »Ich dachte, das wären Sie längst, Graf Orest,« entgegnete Judit mit
stillem Lächeln.
    »O schöne Circe!« rief er entzückt.
    »Mässigen Sie Ihr Entzücken,« entgegnete sie kühl, »und vergessen Sie nicht,
dass Schauspielerei mein Handwerk ist.«
    »Circe erst recht!« erwiderte Orest. - Es kamen Besuche und er ging hinweg,
heimlich frohlockend über die Aussicht, Judit in Mailand zu sehen und nicht
einen Augenblick bezweifelnd, dass es ihm gelingen werde, ihr Herz zu erobern.
Etwas lange wird's dauern und etwas schwer wird's halten - das sehe ich schon,
sprach er zu sich selbst; aber das schadet nichts, sie ist der Ausdauer wert.
All' die leichten Eroberungen verlieren auch eben so leicht ihren Reiz und ihren
Beistand, und lösen sich auf in nichts, man weiss kaum wie. Aber diese Judit mit
all' ihrer abwehrenden Kälte versteht zu fesseln! - - Vier Wochen hatte er sie
gesehen und bewundert; das nannte der gute Orest gefesselt sein! Für jetzt hatte
er nicht mehr das Glück, sich ungestört mit ihr zu unterhalten; er traf immer
Leute bei ihr, die ihn zuweilen so unmutig machten, dass er sie gern zum Fenster
hinausgeworfen hätte; und bald darauf ging Judit nach Liverpool, um dort eines
jener ungeheuern Musikfeste verherrlichen zu helfen, das die Engländer so sehr
lieben und wobei Hunderte von Musikern und von Sängern während vier bis fünf
Tagen täglich ungefähr zehn Stunden singen und musizieren. Vormittags werden
Oratorien und Symphonien ausgeführt, Abends kleinere Musikstücke. Alle
musikalischen Kräfte, die in Grossbritannien einheimisch sind, und alle grossen
Künstler aus der Fremde, welche sich zur Season in London aufhalten, müssen in
der Regel dabei mitwirken. Der Zuhörer - wenigstens der, welcher nicht die
gewisse kühle Unempfindlichkeit eines englischen Ohres für Musik hat - wird
dermassen betäubt von diesem Tonmeer ohne Zusammenhang und ohne Einheitspunkt,
dass er zuletzt ein gewisses harmonisches Ohrenbrausen bekommt und nicht mehr im
Stande ist, eine Melodie klar aufzunehmen. Dem Engländer aber tut das nichts: er
harrt doch vier bis fünf Tage auf dem Posten aus und labt sich an einem
Kunstgenuss, der eine Abstumpfung der Gehörwerkzeuge bewirkt. -
    Während Judit's Abwesenheit verliess auch Graf Damian London und ging mit
seinen Damen nach Schottland; Orest's Urlaub war aber zu Ende und er musste sich,
statt gen Norden zu den Seen des Hochlandes - gen Süden zu den lombardischen
Seen begeben, welche letztere übrigens unvergleichlich schöner sind, da sich an
ihren Ufern die grossen Kontraste des Hochgebirges und der südlichen Vegetation
begegnen, tiefer Ernst und graziöse Anmut sich verbinden und eine Fülle wilder
und weicher Formen von dem Schmelz eines überreichen Farbenspiels umflossen
werden. Diese grossen Gegensätze in Formen und Farben fehlen dem schottischen
Hochlande, überhaupt der Naturschönheit des Nordens; es hat nur eine Farbe: grün
- und dadurch bekommt es einen ganz eigentümlichen Charakter von Schwermut, der
aus dieser stillen, kühlen, einförmigen, wechsellosen Färbung hervorgeht. Es
gibt kaum etwas Melancholischeres, als ein Sommerabend im schottischen Hochland,
an einem dieser stillen Seen, mit grünbewaldeten hügeligen Ufern, wenn der
Abendwind durch die Wälder rauscht und die unbelebte Fläche des See's ein wenig
kräuselt und die eintönige Melodie eines Liedes herüberweht, das ein »Bagpiper«
auf seinem Dudelsack bläst und das einst das Schlachtlied von Clan M'Donald oder
von Clan M'Kenzie war. Graf Windeck behauptete, einen der grössten Liebesbeweise
für seine Töchter habe er ihnen durch diese romantische Reise zu den Seen des
schottischen Hochlandes gegeben; denn man laufe Gefahr, auf derselben einen
Anfall von Spleen zu bekommen. Wenn kein Walter Scott gekommen wäre, würde sich
nie ein Mensch um diese triste Naturschönheit bekümmert haben, die ihm den
Eindruck eines grünen Leichentuches mache. Regina empfand in diesem nebelreichen
und sonnenarmen Lande doppelt schmerzlich, dass auch die warme Liebessonne der
katolischen Kirche hier hatte untergehen müssen. Als sie statt des Kruzifixes,
das die Katoliken gewöhnt sind inmitten ihrer Gottesäcker zu sehen, um zwischen
der Grabestrauer und den Todesschmerzen auf die selige Auferstehungshoffnung in
und mit Christus hingewiesen zu werden - als sie auf dem Gottesacker zu Glasgow
dafür die kolossale Statue, hoch tronend und weit sichtbar, des Apostels des
reinen Evangeliums für Schottland erblickte, sagte sie zu Corona:
    »Sieh, wie die Irrlehre sich unabsichtlich als solche stempelt! John Knox
hat Christus verdrängt! Über unsere Gräber schwingt sich der gekreuzigte
Gottessohn aus seinem Grabe mit der Siegesfahne der Auferstehung empor und im
Glauben an Ihn finden wir das ewige Leben. Diese Armen aber müssen zuerst an
John Knox und dann an das glauben, was er ihnen von Christus übrig gelassen hat,
müssen mit einer verstümmelten Lehre und mit verkümmerten Gnaden sich zufrieden
geben - und müssen sich endlich im Grabe zu seinen Füssen betten. O, auf dem
Karmel! wie will ich da beten für die armen irrenden Brüder. Die heilige Terese
stiftete ihre betenden und büssenden Klöster der unbeschuhten Karmeliten für
Männer und Frauen, gerade zu der Zeit, als hier ein John Knox und in anderen
Ländern Brüder seines Geistes gegen die heilige Kirche wüteten und die weltliche
Macht auf ihre Seite rissen, so dass die guten Katoliken verfolgt, unterdrückt,
martyrisiert und ausgerottet - die lauen aber angesteckt, wankelmütig und
eingeschüchtert wurden, und die Irrlehre in der Welt die Oberhand zu gewinnen
schien - wie denn hier im Lande eine Maria Stuart unterlag und eine Elisabet
triumphierte. Und sieh! plötzlich trat ein ungeheurer Umschwung ein: der Strom
der verderblichen Lehre wurde nicht bloss eingedämmt, sondern zurückgedrängt und
der wiedergewonnene Boden aufs neue und kräftiger als zuvor von der heiligen
Kirche angebaut und bestellt. Diese Gnadenkräfte hat nur das Gebet vom Himmel
herabgezogen, und wo konnte mehr gebetet werden, als in den Klöstern, deren
Ordensgenossenschaften damals entweder neu sich bildeten oder neue Zweige
trieben, indem sie in ursprünglicher Strenge hergestellt wurden. O Corona, wenn
dereinst die schwere Erdenbinde von unseren Augen fallen wird, welche
wundervolle Dinge werden wir schauen! .... und eine Schönheit erster Ordnung
wird es sein, das fromme beharrliche Gebet um Rettung der Seelen wahrzunehmen -
dies Gebet, das gleichsam ein Perlennetz und eine goldene Angel nach den armen
Fischlein auswirft, welche in den bitteren Wassern der Glaubenstrübung
schwimmen; dies Gebet, das die heilige Terese mit ihren Söhnen und Töchtern vom
Karmel so gut verstand.«
    »Wenn ich Dich so sprechen höre, Regina, möcht' ich auch gern in's Kloster,«
sagte Corona; »aber ich habe nicht den Mut dazu.«
    »Bitte Gott darum,« entgegnete Regina, »und er wird Dir Mut geben.«
    »Aber ich habe auch nicht einmal den Mut, den lieben Gott recht aufrichtig
um einen solchen Heldensinn zu bitten,« erwiderte Corona zaghaft.
    »Nun, dann wird das Kloster wohl nicht Deine Bestimmung sein!« sagte Regina
lachend.
    »Hoffst Du es denn wirklich bei dem Papa durchzusetzen, dass er Dich gehen
lässt?« fragte Corona.
    »Wenn ich nicht zuvor sterbe - gewiss! Gott wird es schon so fügen! Er gibt
den Dingen plötzlich eine Wendung, die kein Mensch ihnen geben - ja, nicht
einmal ahnen konnte, und das Ziel, das wir tausend Meilen fern von uns wähnten -
liegt nahe vor uns.«
    Und wenn es vor uns liegt und uns unerreichbar ist, trifft es sich zuweilen,
dass wir inzwischen anders geworden sind und - statt vorwärts zu gehen, umkehren
möchten! von so wandelbarer Gebrechlichkeit ist der Mensch.
 
                                  Auf Stamberg
Es war ein wunderschöner Herbsttag. Die Sonne schien so golden vom blauen Himmel
herab, als wolle sie durch ihren Glanz ihren Mangel an Wärme ersetzen. Die
Laubholzwaldungen leuchteten in ihren bronzefarbenen Schattierungen, je nach Art
der Bäume, vom hellen Citronengelb bis zum tiefen Blutrot. Einzelne Tannen
sprangen schwarz und finster aus diesem goldenen Meer auf, das mit ungeheuren
Wellen von Laub über die Abhänge des Odenwaldes bis zu den Wiesen an ihrem Fuss
hinabstieg. Einzelne kahle Felsen erhoben sich hier und da über diese Waldungen,
und auf anderen Punkten war der Kamm der Berge mit Nadelholz wie mit einer
schwarzen Linie eingefasst, die eine scharfe Grenze zwischen dem Blau des Himmels
und der schillernden Bronzefarbe des Laubholzes zog. Auf den Wiesen blühte in
Menge die Herbstzeitlose und auch hier, wie bei den Bäumen, zeigte der Mangel an
frischem Grün, dass das Spätjahr und nicht der Frühling die Herrschaft führe,
denn statt mit üppigem Graswuchs war der ganze Boden mit diesen kleinen
lilafarbenen Blumen, wie mit Urnen von Ametysten übersäet.
    Auf einem Felsenvorsprung des Berges, umrauscht von wogenden Wäldern, lag
Schloss Stamberg mittelalterlich hoch und herrisch, wie ein Leuchtturm auf einer
Klippe im Meere. Juliane hatte es vortrefflich in Stand gehalten, hatte es nicht
mit sich alt werden lassen nach Art der meisten alten Leute. Was sie auf Erden
vielleicht am herzlichsten liebte, war eben Stamberg, denn es gehörte ganz und
ungeteilt ihr, sie konnte damit schalten und walten und fand nie einen
Widerspruch. Dafür war es denn auch gepflegt wie ein Schmuckkästchen, prächtig
und doch nicht überladen eingerichtet, grossartig und doch bequem. Das Ganze
hatte einen anziehenden Charakter von romantischer Einsamkeit; die bewaldeten
Hügel und Kuppen des Odenwaldes, von Wiesentälern durchbrochen, stiegen herab
bis an die Bergstrasse, und jenseits derselben breitete sich die weite Ebene, das
Stromgebiet des Rheins aus, am westlichen Horizont begrenzt von dem bläulichen
gewellten Streif der Vogesen.
    Hyazint brachte einen Teil der Vakanzen in Stamberg zu. Während der ersten
Wochen war er bei Onkel Levin gewesen. Uriel hatte gewünscht, der verehrte Onkel
möge dann mit Hyazint nach Stamberg kommen; aber Levin entgegnete:
    »Die Nahrung der sinkenden Flamme meines Lebens ist das heilige Messopfer.
Seitdem ich geistlich bin, war ich so glücklich, keinen Tag zu verleben, ohne es
darzubringen. Es ist mir notwendiger geworden, als das tägliche Brot. Wenn Du
auf Stamberg eine Kapelle haben wirst und wenn Gott es so fügt - dann komme ich
und lese dort die heilige Messe. Aber bis dahin weiche ich nicht von hier.«
    »Du bist hier aber so einsam, lieber Onkel,« sagte Uriel zärtlich, »dass ich
mir fast eine Gewissenssache daraus mache, Dir den Hyazint zu entführen.«
    »O lieber Sohn,« sagte Levin lebhaft, »wähne das nicht! ich bin unter einem
Dach mit dem lieben Gott im hochheiligen Sakrament - wie könnte ich mich einsam
fühlen! - Bedenke doch die lange Gewohnheit von fast fünfzig Jahren!« setzte er
hinzu, um nach seiner Weise vor jedem menschlichen Auge die Glut und Innigkeit
seiner Andacht zu verschleiern.
    So waren denn die Brüder auf Stamberg und beide froh eines Beisammenseins,
das sie seit Jahren nicht genossen, weil Uriels Urlaubszeiten nie mit den
Vakanzen des Seminars zusammengestimmt hatten. Uriel freute sich, in Hyazint
gleichsam eine neue Auflage von Onkel Levin zu sehen, dieselbe Reinheit,
dieselbe Einfachheit, dieselbe Geistesstille bei intensivstem inneren Leben,
dieselbe Bereitwilligkeit zu jedem Opfer, zu jeder Hingebung, dieselbe frohe
Verzichtung auf alles, wodurch das Reich Gottes, weder in eigener Seele noch in
fremden, gefördert wurde. Hyazint freute sich wohl auch über Uriel - aber mit
gemischter Freude. So lange Uriel eisenfest an dem Glücksprogramm hielt, welches
er sich verfasst hatte, war er da auf dem Wege zu Gott? Und wenn es im Plane
Gottes lag, dies Programm nicht zur Ausführung kommen zu lassen, wie würde Uriel
die Vereitelung seiner Wünsche und Hoffnungen aufnehmen? Es war beängstigend für
Hyazint, zu sehen, in wie hohem Grade Regina den Schlussstein in Uriels
Glücksgebäude bildete. Das sollte nicht sein! sprach er oft mit heimlicher
Trauer zu sich selbst. dabei kommt die Hingebung in den Willen Gottes und der
heilige Gleichmut offenbar zu kurz! - Der gute Hyazint bedachte nicht, dass die
Leidenschaft in ihrem eigensüchtigen Durst nach Glück eine Art von Verachtung
gegen jenen geheiligten Gleichmut empfindet, welcher nur in solchen Seelen
wohnen kann, deren selbstloses Glück darin besteht, den Willen Gottes zu tun.
Der gute Hyazint dachte ganz einfach, was vermutlich manche Leserin höchst
prosaisch finden wird: wenn es Uriels Bestimmung sei, in den Ehestand zu treten
und die Last des Familienlebens für die Windecker auf seine Schultern zu nehmen:
so sei es nicht durchaus notwendig, dass gerade Regina, und nur sie, dies Leben
mit ihm teile; es gebe ja noch andere liebe, fromme Mädchen in der Welt, mit
denen er glücklich werden könne. Hyazint hatte einmal bei passender Gelegenheit
eine derartige Andeutung gemacht, die aber mit einer so souveränen Verachtung
von Uriel aufgenommen worden war, dass Hyazints Bekümmernis stieg. Er war jetzt
im Begriff, in den nächsten Tagen nach Würzburg zurückzugehen; und zwar zum
letztenmal in's Seminar, da er im nächsten Frühling die Priesterweihe empfangen
sollte. An jenem schönen Tage sassen die Brüder in einem Erker von Uriels Zimmer,
der die schönste Aussicht gewährte und mit kühnem Vorsprung aus der Mauer über
dem still rauschenden Walde schwebte, der in der Umgebung des Schlosses zu einem
herrlichen Park umgeschaffen war. Sie betrachteten Zeichnungen zu einer Kapelle,
welche Uriel bauen und dazu einen alten Turm benützen wollte, der vielleicht in
katolischer Zeit dazu gedient hatte, jetzt aber zu den Stallgebäuden gehörte.
Uriel hatte schon andere Pläne und Zeichnungen anfertigen lassen, und Hyazint
sagte mit einiger Verwunderung:
    »Aber warum zögerst Du mit Deiner Wahl? Die Kapelle könnte beinahe fertig
sein, wenn Du gleich den ersten Plan ausgeführt hättest.«
    »Das doch wohl nicht!« sagte Uriel etwas verlegen, und setzte nach einer
Pause hinzu: »Ich werde den Plan ausführen, den Regina wählen wird. Sie müssen
nun doch endlich wieder nach Windeck zurückkehren; sie sind fast vier Monate
abwesend! - Regina hat einen so feinen Geschmack und sieht jetzt manche schöne
Bauwerke, da kann sie mir einen guten Rat geben .... umsomehr, als ich ja doch
nur für sie baue.«
    Hyazint legte das Blatt sanft auf den Tisch, nahm zärtlich Uriels Hand und
sagte:
    »Baue Schlösser, wenn Du willst, für Regina, aber die Stätte, wo der Altar
stehen wird, auf dem das Lamm Gottes sich schlachten lässt, baue für Gott.«
    »Du hast recht!« entgegnete Uriel und fuhr mit der Hand über die Stirne;
»aber mir scheint ja auch, dass ich alles für Gott tue, was ich für Regina tue:
so verbunden mit Gott ist sie in meinem Herzen.«
    »Eigentlich steht es so mit Deinem Herzen: es vergisst Gott, es vergöttert
Regina, und dann sucht es sich selbst zu täuschen, als ob diese Anbetung eines
vergötterten Geschöpfes eins und dasselbe mit der Anbetung Gottes sei; nicht
wahr, so ist's?«
    »O Hyazint!« rief Uriel, »dem Verstande nach wirst Du immer in diesen
Sachen Recht haben. Aber ich muss mit dem heiligen Augustinus ausrufen: Gebt mir
einen Liebenden und er wird mich verstehen!«
    »Wie Du schlau bist!« entgegnete Hyazint mit sanftem Lächeln; »jetzt
berufst Du Dich sogar auf den grossen heiligen Augustinus, der allerdings jenen
Ausruf gemacht hat. Aber ebensowenig wie ein anderer bekannter Ausruf: Liebe!
und dann tue, was Du willst! sich auf die Liebe zum Geschöpf bezieht, sondern
auf die Liebe zu Gott - ebensowenig wird er mit Dir über die Anwendung
einverstanden sein, die Du von seinen Worten machen willst. Nein, lieber Uriel,
alle Heiligen kämpfen mit aller Kraft, welche sie aus der Gnade schöpften, gegen
die parasytische Pflanze leidenschaftlicher Zuneigung, die allmählig das Herz
dermassen überwuchert, dass für die heilige Liebe kein Platz darin bleibt.«
    »Sobald ich meines Glückes sicher sein werde,« entgegnete Uriel, »sollst Du
mit mir zufrieden sein, Hyazint! dann werde ich anfangen, Gott zu lieben!
Freude und Dankbarkeit werden das mit sich bringen. Aber jetzt, in dieser
jahrelangen Spannung, Erwartung, Ungewissheit und Sehnsucht - jetzt bin ich wie
ein Jäger auf dem Anstand, der für die ganze übrige Welt taub und blind ist.«
    Hyazint legte mit einer tiefschmerzlichen Bewegung die Hände zusammen und
rief: »O ewige Liebe, so wirst du behandelt von deinen Geschöpfen! Wenn du ihren
Willen tust, sind sie geneigt, dir zu danken; bis du ihn erfüllt hast, denken
sie nicht an dich, und wenn du ihn nicht erfüllst - - ja, was dann, Uriel?«
    »Das weiss ich nicht,« erwiderte Uriel. »Zürne mir nicht, es ist nun einmal
so! Alle Hoffnungen meiner Zukunft sind mit Regina verwebt, und mir muss durch
sie unsägliches Glück oder unsägliches Leid zuteil werden. Sie ist kein Wesen,
das man lieben - und dann vergessen könnte! Von Kindheit auf habe ich mich daran
gewöhnt, unser Leben als ein gemeinsames - unsere Existenz als eine unauflöslich
verbundene zu betrachten. Mit dieser stillen ungestörten Gewohnheit ist später
die Liebe mir ins Herz gedrungen und ist umso heftiger geworden, als zugleich
auch heftige Störungen eintraten. Kein Mensch auf Erden lässt sich gleichgültig
sein teuerstes Kleinod entreissen. Je höher er dessen Wert schätzt, desto
lebhafter wird er sich gegen den Verlust sträuben und sein Anrecht behaupten.«
    »Hier ist aber nicht die Rede von einem Schatz, den Räuber und Diebe zu
stehlen trachten,« sagte Hyazint, »sondern von einem willensfreien Wesen, das
mit demselben Rechte wie Du Anspruch macht an Glück, - und zwar an ein solches,
welches dem Deinen entgegen steht. Das weisst Du! seit vollen vier Jahren siehst
Du, dass Regina bei ihrem heiligen Entschlusse bleibt, und dennoch kannst Du es
nicht über Dich gewinnen, zu dem Deinen zu kommen. Ist das nicht feig?«
    »Ich bin nicht feig!« rief Uriel aufgeregt; »aber ich liebe sie und so lange
es liebefähige Herzen auf Erden gibt, werden sie Dir sagen, dass es möglich sei,
keine Furcht vor Not und Tod, vor Armut und Elend zu haben und zu gleicher Zeit
den Verlust eines geliebten Herzens bitterer als alle Todesschmerzen zu
fürchten. Einem solchen Todesschmerz aber - das begreifst Du doch? - wirft man
sich nicht freiwillig in die Arme. Man wartet, bis er kommt.«
    »Und lässt sich das Herz zerbröckeln, anstatt es mit kräftigem Schnitt von
seinen Fesseln zu befreien und die Wunde zu heilen!« sagte Hyazint. »Willst Du
denn wirklich noch sechs Jahre hier auf Stamberg einsam sitzen und warten, bis
die zehn Jahre um sind und Regina ihre Freiheit errungen hat und in's Kloster
geht? Ach, Uriel, verschwende doch nicht Dein Leben, Deine Kräfte, Deine Gaben,
Deine Jugend an einen Traum von Glück. Gib Deine Ansprüche an Regina auf! ...
umso leichter lässt der Vater sie ziehen und ihre schöne Seele kommt dann in
Ruhe.«
    »Liebst Du Regina so sehr, dass Du sie keinem andern gönnst?« fragte Uriel
scharf.
    »So sehr, dass ich sie nur Gott gönne - ja!« antwortete Hyazint; »aber dass
mich dazu keine persönlichen oder irdischen Wünsche bestimmen, brauche ich Dir
nicht zu versichern. Ich denke nur an Euer beiderseitiges wahres Glück.«
    »Ich glaub' es! ich danke Dir!« rief Uriel herzlich; »aber, Hyazint ....
ich liebe sie! Für sie und mit ihr will ich dies Stamberg zu einem Paradiese
umschaffen, wo alles zu finden sein soll, was hienieden gut ist und glücklich
macht; ohne sie ..«
    »Nun? ohne sie?« fragte Hyazint gespannt, da Uriel stockte. »Du hast also
doch bereits an diese Möglichkeit gedacht?«
    »Ohne sie ... fällt der Vorhang!« versetzte Uriel. -
    Er ahnte nicht, wie nahe die geliebte Regina ihm sei!! Als Graf Windeck auf
dem Heimwege in Frankfurt ankam, erklärte er plötzlich zu Regina's grösstem
Schrecken:
    »Jetzt überraschen wir Uriel! darauf hab' ich mich schon lange heimlich
gefreut. Wir müssen doch sehen, wie der gute Junge auf seinem Bergschloss einsam
wie ein verzauberter Prinz sitzt.«
    »O herrlich!« rief jubelnd Corona.
    »Er ist nicht einsam,« wendete Regina schüchtern ein; »nach den letzten
Briefen ist Hyazint noch bei ihm.«
    »Desto besser! dann sehen wir sie beide!« sagte der Graf entschieden. -
    So ging es denn am andern Morgen gen Stamberg. Nach einigen Stunden
verliessen sie die Eisenbahn und fuhren bergwärts in's Tal hinein und langsam
steigend, in weiten bequemen Windungen zum Schloss hinauf. Die Brüder hatten ihr
Gespräch abgebrochen und sassen schweigend im Erker. Jeder hing seinen Gedanken
nach. Beider Blick ruhte auf der schönen Landschaft - und keiner nahm sie wahr!
Uriels schwärmerisches dunkles Auge glitt über Wälder und Hügel, über Täler und
Ströme in eine Zukunft hinein, aus der Regina's edle und holde Gestalt beseelend
und beherrschend aufstrahlte; und Hyazint's klares, stilles Auge flog über alle
Gebilde und Erscheinungen der Erde zu demjenigen auf, der das Wesen dieser
Schattengestalten ist und ihnen ihre vergängliche Schönheit, den matten Abglanz
seiner unvergänglichen und wechsellosen gibt. Das grosse Erkerfenster war weit
geöffnet und rahmte ein Stück des leuchtenden blauen Himmels ein, aus dem der
Sonnenstrahl, wie ein goldener Strom, in's Gemach quoll. Ein Nachzügler des
Sommers, ein verspäteter Schmetterling, gaukelte durch die warme Luft und suchte
umsonst nach den entblätterten Rosen. Eine Schwarzdrossel, verspätet auf ihrem
Wanderzug, schlug zuweilen ein paar süsse Töne an, Erinnerungsklänge an ihren
vergessenen Liebesfrühling. Ein rötliches Blatt, müde von Regen, Wind und
Sonnenglut, löste sich leise vom Zweig und rieselte zur Ruhe herab auf das
weiche Moos, das die mächtigen Wurzeln der Eiche bedeckte, in deren Wipfel es im
Frühling gesäuselt hatte. Eine bezaubernde Stille herrschte in der ganzen Natur,
eine Stille, welche das unruhige Menschenherz bald als etwas Ersehntes
beschwichtigt, bald als etwas Fremdartiges bedrückt.
    »Ohne sie .... fällt der Vorhang über alles, was erdenschön ist: das steht
fest!« sagte Uriel halblaut zu sich selbst, als das Ergebnis seines Nachsinnens.
    »Und gerade dann geht die übernatürliche Schönheit auf,« erwiderte Hyazint
und blickte mild in das schwärmerische Auge seines Bruders. »Du führtest vorhin
Worte des heiligen Augustinus an; vergiss nicht, dass er auch gesagt hat: Keine
irdische Schönheit und keine irdische Freude konnte mich je glücklich machen.
Müde machte sie mich, aber nie ruhig. Ein glückseliges Leben ist die Freude an
der Wahrheit - ist die Freude an dir, o mein Gott, und in dir, denn du bist die
ewige Wahrheit.«
    »Augustinus hat auch keine Regina geliebt,« erwiderte Uriel.
    »Er hat, wie Du, ein Geschöpf geliebt,« sagte Hyazint, »und Adeodat's
Mutter hatte das in ihrer Seele, was aus grossen Sündern grosse Heilige macht: sie
begriff das Opfer. Als sie sah, dass sie ein Hindernis für Augustins vorteilhafte
Verehelichung sei, trennte sie sich von ihm, ging nach Afrika zurück und
verzehrte ihr Leben in Busse und Tränen. Gewiss hat er sie sehr geliebt; aber er
gesteht, dass sein Herz erst dann Ruhe fand, als es in Gott ruhte.«
    Uriel schwieg und sank in seine Träumerei zurück. Da trat rasch ein Diener
in's Zimmer und meldete, dass ein bepackter Wagen den Schlossberg hinauf fahre;
und er glaube den Kammerdiener des Windecker Grafen zu erkennen. Der Ausdruck
einer so unaussprechlichen Freude ergoss sich über Uriels schönes Antlitz, dass
Hyazint mit einem Seufzer erkannte, des heiligen Augustinus Anatema gegen
irdische Freude und Schönheit habe wenig Eindruck auf Uriel gemacht. Er folgte
dem Bruder, der mit zwei Sätzen die Treppe hinabflog und im Hof dem Wagen
entgegensah, der möglicherweise die Königin seiner Seele unter sein Dach führte.
Als der Wagen durch das Schlosstor in den Hof fuhr, und Uriel in dem Kammerdiener
erkannte, dass wirklich Regina komme, schloss er einen Moment die Augen, um sich
zu sammeln und nicht ganz fassungslos seine Gäste zu bewillkommnen. Da hörte er
auch schon die Stimme des Grafen, der ihm fröhlich zurief:
    »Schau, da sind wir, mein Junge! wir müssen sehen, wie's dem Grafen von
Stamberg geht! das ist uns viel wichtiger als der Kristallpalast und alle
sonstigen Herrlichkeiten Grossbritanniens. Sind wir Dir auch willkommen?«
    Uriel sah so strahlend glücklich aus, dass er keine Antwort zu geben brauchte
- und es auch wirklich nicht tat.
    »Du hast wohl die Sprache verloren in Deiner Einsamkeit - armer verzauberter
Prinz Uriel!« sagte Corona schalkhaft.
    »Die kleine Fee Corona wird mir die Sprache schon wiedergeben,« antwortete
Uriel, dem es am leichtesten wurde, scherzend zu sprechen, weil das Überwallen
des Herzens dadurch in Schranken gehalten wurde.
    »Grüss Dich Gott, lieber Uriel,« sagte Regina mit der ihr eigentümlichen
Innigkeit in Blick und Ton, indem sie ihm die Hand bot.
    Wie war sie so schön! wie stand ihr die Halbtrauer so gut und der einfache
Reiseanzug von hellgrauer Seide! und der kleine weisse Tafftut mit dem
Halbschleier von schwarzer Spitze! - Corona und die Baronin Isabelle waren genau
ebenso gekleidet. Davon bemerkte Uriel so wenig, dass er es gar nicht geglaubt
haben würde! Er war verloren in Regina's Anblick. Ihm war zu Sinn, als nehme sie
Besitz von Stamberg, als könne er sie nimmermehr wieder ziehen lassen, als habe
sie sich jetzt in die Gefangenschaft seiner Liebe begeben, als sei nun alle
Ungewissheit vorüber und selige Erfüllung nahe, als müsse er in diesen Tagen die
Siegesfahne auf den höchsten Zinnen seiner Wünsche aufpflanzen. Wie bei Gewitter
Feuerflämmchen aus den Kelchen gewisser elektrischer Blumen aufsteigen, brach in
Uriels Herzen die tiefe Glut der Leidenschaft zu lichter Flamme aus. Der Graf,
dem Glut der Leidenschaft lebenslang ein unentdecktes Land geblieben war, ahnte
nicht, welchen Sturm er über Uriel herauf beschwor und hoffte nur Regina etwas
mit der Vorstellung vertraut zu machen, bald als Herrin und Hausfrau auf
Stamberg einzuziehen. Sie benahm sich ja so vernünftig und so weltvertraut, als
sei sie ganz bereit, auf ihre kindlich schwärmerischen Grillen zu verzichten.
Man musste ihr nur den Übergang zu den Realitäten des Lebens erleichtern, und das
konnte möglicherweise durch diesen Besuch geschehen. Regina fühlte die Absicht
ihres Vaters und den Eindruck auf Uriel und beschloss, sich eben hier und eben
jetzt mit solcher Entschiedenheit auszusprechen, dass beide über ihre
unveränderte Gesinnung klar würden. Uriel's Wunsch kam ihr entgegen; die
spannende Ungewissheit wurde ihm unaushaltbar. -
    Hyazint ging jeden Morgen in grauer Dämmerung des Oktobers eine starke
Stunde, um dem heiligen Messopfer beizuwohnen, und Regina bat ihn, sie
mitzunehmen.
    »Wenn Du fort bist und wir noch länger hier bleiben, bin ich wieder auf den
Sonntag beschränkt - wie ich es auf der ganzen langen Reise war,« setzte sie
hinzu.
    »Fürchtest Du nicht die kühle Frühe?« fragte er.
    »O Hyazint!« rief sie, »unser Gott und Heiland senkt sich vom Himmel auf
den Altar - und mir sollte der Weg zu weit sein von Stamberg zum Altar?«
    »Ich fragte auch nur! ich glaubte es nicht,« entgegnete Hyazint einfach.
    Am anderen Morgen, als das ganze Schloss noch in Morgenträumen lag, gingen
sie still von dannen.
    »So!« sagte Regina froh, »jetzt wollen wir denken, wir zögen mit den
heiligen drei Königen nach Betlehem zum Jesukindchen! Gold und Weihrauch haben
wir Armen nicht darzubringen; aber desto mehr Myrrhen, die schönen heiligen
Myrrhen der Abtötung.«
    »Oder wir gehen mit den Jüngern und den heiligen Frauen zum Grabe des Herrn,
trauernd um die Sünde, die ihn dort in seinem Blut gebettet hat,« sagte
Hyacint.
    »Und mit den zwei Jüngern können wir gen Emaus wandern,« nahm Regina das
Wort; »o möchten wir dem Herrn begegnen und möchten wir mit liebentbranntem
Herzen zu ihm sagen: Bleibe bei uns, denn es will Abend werden! - - der Abend,
Hyazint, der eine gottentfremdete Finsternis ist, die jeden bedroht, der nicht
mit Gott und seiner Gnade wandelt.«
    »Und all' dieser süssen und göttlichen Mysterien, von der Menschwerdung, vom
bittern Leiden und Sterben, von der Auferstehung, vom geheimnisvollen und
wesenhaften Verbleiben bei den Seinen - feiern wir in heiliger Messe!« rief
Hyazint, »und ich Glückseliger werde nun bald, trotz all' meiner Unwürdigkeit,
die himmlische Vollmacht erhalten, diese überirdische Feier zu begehen und mich
ausschliesslich dem Dienste des göttlichen Heilandes zu widmen. O Regina, welch'
ein Beruf für den staubgeborenen Menschen! kein Engel hat einen höheren! Dem
Wort des Geschöpfes gehorcht der Schöpfer und zum mystischen Kalvarienberg des
Altars kommt das Lamm Gottes. Ecce! venit! ruft staunend der Prophet Malachias.
Siehe, Er kommt.«
    »Wie freue ich mich zu Deiner Primiz im nächsten Frühling, Hyazint! zuerst
für Dich und dann für mich; denn da muss mir Deine Bitte die Zelle des Karmels
öffnen.«
    »Und wenn Du dann heimisch bist auf dem stillen Karmel, als die Taube in
Felsenklüften des Hohen Liedes, dann zähle wiederum ich auf Dein Gebet, Regina;
denn alsdann bist Du geborgen vor dem Nebelanhauch der Welt und ich muss in ihr
leben, ohne mich von ihr berühren zu lassen.« -
    In solchen Gedanken waren ihre Seelen zu Hause und in traulichem Gespräch
oder in sinnender Stille wanderten sie unbedrückt durch die Schwere eines
erdwärts gesenkten Sinnes, wie selige Geister zu ihrem Ziel. Regina empfing die
heiligen Sakramente und so wurde es so spät, dass die Stunde des
gemeinschaftlichen Frühstücks vorüber war, als sie mit Hyazint zurückkehrte.
Uriel kam ihnen schon am äussern Schlosstore entgegen und sagte bittend:
    »O Regina, ich hätte Dich ja so gern zur Messe fahren lassen! Jetzt ist der
Papa ungehalten über Deine Promenade in Nacht und Nebel - wie er sagt.«
    »Sei ruhig, lieber Uriel, er wäre es auch über die frühe Fahrt gewesen; Du
kennst ihn ja!« versetzte Regina lächelnd. »Ich aber wollte es mir heute nicht
nehmen lassen, den Tag der heiligen Terese zu feiern und vor dem heiligsten
Sakrament mein Gelübde zu erneuern - Solo Dios basta.«
    Uriel wurde leichenblass. Regina sagte:
    »Komm' ein wenig in den Park« - und schlug aus dem Hof den Weg dahin ein,
während sie Hyazint zuwinkte, ins Schloss zu gehen, was dieser sehr gern tat und
heimlich seinem Gotte dankte, dass er kein solches Gespräch zu führen und zu
hören habe, wie jetzt Regina. Sie ging schweigend durch eine Kastanienallee zu
einem freien, sonnigen Platz auf einem Hügelvorsprung, wo unter einer herrlichen
alten Eiche Gartenstühle um einen Tisch standen; ein allgemeiner Lieblingsplatz
wegen seiner schönen Aussicht. Da setzte sie sich nieder und Uriel setzte sich
schweigend zu ihr.
    »Lieber Uriel,« hub sie mit fast zitternder Stimme an, »es tut mir
unaussprechlich leid, dass ich hier bin; aber Du weisst, dass der Vater seinen Gang
geht.«
    »Ich weiss, dass Du mir keinerlei Freude gönnst,« entgegnete er finster.
    »Du irrst, lieber Uriel! Stände es in meiner Macht, Dir Glück und Freude zu
bereiten, es sollte Dir nicht fehlen.«
    »Wozu die leeren Versicherungen, da Du ja sehr gut weisst, dass es in Deiner
Macht steht, und nur in ihr, mich glücklich zu machen.«
    »Du vergisst, dass ich gebunden bin.«
    »Das Band ist zu lösen!«
    »Dass mein Herz gebunden ist und bleibt, Uriel, wenn mein Gelübde auch
tausend Mal gelöst würde.«
    Er machte eine ungeduldige Bewegung und rief:
    »Genug und übergenug! ich warte!«
    »Und was ist Deine Absicht dabei?«
    »Du sollst nicht glücklich sein ohne mich, so lange ich es hindern kann!«
rief er heftig.
    »Ist das edel gedacht, Uriel? O verleumde Dich nicht! Nein, Deine Absicht
ist nur, Deine Hoffnung auf eine unmögliche Erfüllung zu nähren. Du hoffst mich
treulos zu sehen, damit ich Dir Treue versprechen könne. Schlechte Bürgschaft
für Dein Glück! Möchtest Du eine Frau, die zehn Jahre geschwankt hätte in ihrer
Wahl zwischen Dir und einem anderen Mann? - schwerlich! Um wieviel weniger, wenn
sie schwankte zwischen Gott und einem Menschen! Welch' eine armselige Charakter-
und Herzensschwäche würde das verraten! Lass mich also ganz sein, was ich sein
kann und sei auch Du es ganz. Dadurch, dass Du und nicht Orest, wie wir alle
glaubten, Stamberg geerbt hast, sind Deine Verhältnisse ja ganz verändert. Du
wirst hier leben, findest hier den Kreis Deiner Wirksamkeit Dir zugewiesen und
Haus und Herd bereit. Nun, so nimm sie in Besitz, aber ganz und vollständig!
Mache Dir den häuslichen Herd lieblich und traut, schmücke Dein Haus mit Deinen
eigenen Tugenden und denen einer lieben frommen Frau, erfülle Deine schöne,
segensreiche Bestimmung und lass mich die meine erfüllen - dann wirst Du mehr und
mehr Deinen Frieden finden, weil Du Dein Leben ordnest nach dem Willen Gottes,
anstatt es zu verschwenden an leere Leidenschaft. Einsam darfst Du nicht
bleiben! Du würdest Dein Herz hängen an Hunde und Pferde, an Bauten und
Parkanlagen, vielleicht an den Mammon - was weiss ich! die Einsamkeit mitten in
weltlichen Verhältnissen ist Vereinzelung und tut weh, weil das Herz durch sie
abstirbt oder verknöchert. Ach, Uriel, Du kannst ja ein so schönes Leben haben!
wolle nur!«
    Während sie sprach, schwand der finstere Ausdruck von Uriel's Zügen, und er
sagte in ihren Anblick verloren:
    »Ja, Regina, es ist alles ganz richtig, was Du sagst, und ich könnte ein
schönes Leben haben, aber nur durch Dich und nur mit Dir! und ich begreife
nicht, wie Du so fest auf dem Wege Deiner Liebe wandeln - aber zugleich mir
raten kannst, den meinen zu verlassen.«
    »Weil das ein Unterschied ist wie Himmel und Erde - den Schöpfer zu lieben
.... oder ein Geschöpf! Die Welt wimmelt von Reginen, aber der Geliebte meiner
Seele ist nur einer. Du kannst ohne mich eine tausend Mal bessere Wahl treffen;
ich würde durch jede andere Wahl ein elendes Loos ziehen.«
    »Meine Liebe lässt sich nicht beliebig auf irgend ein Individuum - gleichviel
welches! - des weiblichen Geschlechtes übertragen, Regina. Bei einer so ernsten,
so heiligen, so verantwortungsschweren Verbindung wie die Ehe, die
unwiderruflich über das Lebensglück von zwei Menschen entscheidet, genügt das
allgemeine Wohlwollen und die christliche Nächstenliebe nicht. Da muss zugleich
tiefe Übereinstimmung über die höchsten Angelegenheiten - und ausgleichender
Gegensatz in den Charakteren herrschen. Da muss das Etwas sein - die Sympatie,
die Neigung, der unerklärliche und unleugbare Zug des Herzens, den man Liebe
nennt, der ein Wesen ausscheidet aus tausenden, ja aus allen übrigen - und der
durch dies eine Wesen alle Hoffnungen, alle Wünsche, alle Träume, alle Sehnsucht
zugleich geweckt und erfüllt sieht. Sage mir nicht, dass man sich irren kann, dass
man getäuscht wird, dass man statt Glück - Elend findet; oder sage es, denn ich
leugne es nicht, und das Alles beruht auf unserer Schwäche, unserer
Unvollkommenheit, unserem Mangel an Selbstbeherrschung. Aber dennoch, so lange
Menschenherzen hienieden schlagen, wird die Liebe, die ausschliessliche Neigung
zu einem Wesen, heimatberechtigt in ihnen sein - und mögen sie dieselbe kennen
durch Schmerzen und Opfer oder durch Wonnen und Trost - sie finden eine
unausfüllbare Kluft zwischen dem einen geliebten Geschöpf und den Millionen
nicht geliebten. Ich weiss, man schliesst Ehen ohne eine solche exklusive Neigung,
und diese Ehen fallen ganz gut aus. Ach, warum nicht? Die Menschennatur ist
schmiegsam in jeder Beziehung, siedelt sich auch in einem Kamtschatka an und hat
Freude an ihrer Ansiedelung, weil es eben die ihre ist. So kann sich auch das
Herz in einem Kamtschatka zurechtfinden, wenn es nie im blauen duftenden Süden
selig war, oder wenn Pflicht oder was weiss ich für Rücksichten es an den Nordpol
in's Exil schicken. Aber, Regina, dann ist man eben glücklich durch mancherlei,
was nicht Liebe ist und wodurch nicht jeder glücklich werden mag und kann. Das
liebende Herz empört sich gegen die Zumutung, seine Neigung auf einen anderen
Gegenstand übertragen zu sollen. Das meine ist Dir anvermählt und bleibt es für
Zeit und Ewigkeit.«
    »Nein, Uriel!« rief Regina erbleichend, »das darf nicht sein! das wäre
Torheit, Sünde vielleicht.«
    »Hast Du allein das Recht, Gelübde abzulegen, die anderen als Torheit
erscheinen?« fragte er.
    »Ja!« sagte sie fest; »denn meine Torheit ist die des Kreuzes und mein Wille
ist kein Eigensinn, sondern ist eingesenkt in die zärtlichste und schönste
Absicht Gottes mit seinen Menschen - während der Deine dem göttlichen Willen
widerspricht.«
    »Wenn ich es nur fassen könnte, dass es wirklich unmöglich ist, Gott und
einen Menschen zu lieben!« brach Uriel aus. »O glaube mir, Du würdest hier einen
viel grösseren Wirkungskreis für Deine Liebe zu Gott finden, als im Kloster!
Wünschest Du ein Krankenhaus, eine Schule, irgend ein Asyl für menschliches
Elend - Du sollst es haben! ja, unter Deinem Dach haben. Sieh', wie gross das
Schloss ist! Sieh', die Stallgebäude werden verlegt und deren Flügel, der an die
Kapelle stösst, wird ausgebaut nach Deinem Wunsche und Deiner Angabe für Christus
in den Armen. Sage nur ein Wort! sage nur - Ja! und es geschieht.«
    »Ich glaub' es, Uriel,« entgegnete Regina und sah ihn mit unaussprechlicher
Freundlichkeit an. »Aber wenn Du es unmöglich findest, mit Deiner Liebe im
Herzen eine Frau zu heiraten, welche Du nicht liebst, wie soll ich es denn
möglich machen, einem ungeliebten Mann mein Jawort zu geben, während mein Herz
in den stillen Flammen einer Liebe steht, die, wie Naphtaquellen, unsichtbar
und unauslöschlich brennt. Gewiss, es stünde schlimm um die Welt, wenn man nicht
Gott und einen Menschen zugleich lieben könnte! allein ich bin in meiner Meinung
gerade so exklusiv, wie Du in der Deinen. Ich überlasse es anderen, jene
schwierige Aufgabe zu lösen, ohne dass Gott dabei zu kurz komme - und halte mich
einfach an der meinen: Solo Dios basta. Wir stehen, wie mir scheint, auf einem
Wendepunkt Deines Lebens, wohin die Hand Gottes Dich geführt hat, damit Du
klarer als bisher den Weg überschauen könnest, welchen Du zu wandeln hast.
Deshalb hab' ich es für meine Pflicht gehalten, Dich mit aller Entschiedenheit
daran zu erinnern, dass mein Entschluss jetzt so fest ist, wie er vor vier Jahren
war und wie er, mit Gottes Gnade, in sechs Jahren sein wird. Auf diese Weise
nehmen ich keinen Teil an der Peinlichkeit, welche unser Zusammenleben
vielleicht für Dich hat.«
    Sie wollte aufstehen. Heftig ergriff Uriel ihre Hand und rief:
    »Bleibe noch! ist hier ein Wendepunkt in meinem Leben, so kann ich unmöglich
zugeben, dass er schon jetzt erreicht - dass ich schon jetzt verdammt sei, auf der
Nachtseite des Erdenglückes zu gehen. Du musst mich hören.«
    »Und was hast Du noch zu sagen?« fragte sie.
    Uriel sah sie an und sagte langsam:
    »Ich liebe Dich.«
    Sanft und traurig wendete Regina ihre Augen von ihm ab und liess sie auf der
lieblich beleuchteten Landschaft ruhen. Auch Uriel schwieg und blickte auf das
zarte Profil ihres Angesichtes, das sich von dem blauen Himmel abschnitt und auf
das Ganze ihrer edlen Erscheinung, die im Goldglanz der Morgensonne schwamm, wie
ein Heiligenbild in der Glorie.
    »Ich liebe Dich!« fuhr er fort; »und nach Deinem Beispiel richte ich mein
Leben für meine Liebe ein. Alle Äusserlichkeiten haben nur insofern Wert für
mich, als ich sie in Zusammenhang mit Dir bringen kann. Kann ich das nicht, so
fallen sie von mir ab, wie Dinge, die mich nichts angehen, denn mein Herz kennt
sie nicht. Ich liebe Dich! nun wohlan, Regina, gehe Deinen Weg - ich gehe den
meinen.«
    »Zu Gott, Uriel?« fragte sie mit gepresster Stimme.
    »Was Du so nennst - schwerlich!«
    Um ihre eigene Bangigkeit zu unterdrücken, sagte sie im scherzenden Tone:
    »Denke an Göte's Prometeus: Ich sollte das Leben hassen, in Wüsten
fliehen, weil nicht alle Blütenträume reiften?«
    »Mit der Götemanie ist's aus, Regina! die taugt nur für junge und für alte
Kinder, die aus dem Leben nichts zu machen verstehen, als eine Schaubühne, auf
der sie Komödie spielen sehen, oder selbst Komödie spielen. Für eine solche
Manie ist mein Herz nicht mehr kindisch genug und noch nicht altersschwach
genug.«
    »Desto besser, Uriel! Dadurch bist Du der ewigen Wahrheit um einen Schritt
näher. Jeder zertrümmerte Götze ist eine Huldigung für Gott. Wie Du jetzt Deine
Götemanie mitleidig belächelst, so wirst Du auch einst Deine Reginamanie
belächeln.«
    »Kann sein! Doch zu meinem Heil wäre das nicht, denn in Dir liebe ich die
Offenbarung von etwas Himmlischem. In Göte sah ich nur das leuchtende Genie,
die vollendete Intelligenz, und ich bewunderte seine Schöpfungen und Gebilde,
aber nicht ihn als Gottesgeschöpf. Aber was geht er mich an? was geht die ganze
Welt mit ihren Genie's mich an? .... Ich liebe Dich, Regina!«
    Regina stand lebhaft auf und sagte entschieden:
    »Genug, Uriel! Du kennst mich nun bis in's Herz hinein. Was Du tun willst
oder zu tun hast, muss ich Dir überlassen. Aber eines verspreche ich Dir
feierlich: nach Stamberg komm' ich nicht wieder! - nie wieder! und sollte ich
noch zwanzig Jahre warten, ehe die Klosterzelle mich aufnimmt - Uriel, ich komme
nicht wieder.«
    Auch Uriel war aufgestanden. Er blickte über die sonnig glänzende Flur und
sagte:
    »Der Vorhang sinkt! - lass uns gehen.«
    Sie sah ihn an; ein Silberlicht schimmerte in seinem Auge, aber er deckte es
mit seinen dunkeln Wimpern zu und die Träne zerschmolz. Wie schön er ist! dachte
unwillkürlich Regina. Schweigend gingen sie in's Schloss.
    Der Graf sass auf dem grossen Balkon, rauchte Zigarren und las Zeitungen. Er
hatte mit Zufriedenheit das Gespräch unter der Eiche aus der Ferne bemerkt und
schmeichelte sich mit der kühnen Hoffnung, Regina werde sich ihm als Braut
vorstellen. Aber nicht sie erschien auf dem Balkon, sondern Uriel allein und
zwar so ernst, dass der Graf erschreckt fragte:
    »Bringst Du eine Trauerbotschaft?«
    »Wenigstens keine neue, lieber Onkel! Regina ist unüberwindlich in ihrem
alten Entschluss!«
    »Ist's möglich!« rief der Graf; »hat sie eine solche Selbstbeherrschung, nie
eine Silbe zu äussern, in der Welt zu leben wie unsereiner - oder doch ungefähr
so! und dabei die Klostergrillen festzuhalten?«
    Der Graf tat ein paar tiefe Züge aus der Zigarre und sah gedankenvoll die
kleinen bläulichen Rauchwolken an, die geschlängelt seinen Lippen entquollen und
in der Luft zerflossen.
    »Hör', mein Junge,« sagte er nach einiger Zeit, »nimm Du Vernunft und guten
Rat an, gib Du Deine Grille auf, lass Regina fahren und heirate Corona; dann ist
uns allen geholfen. Dann wird Corona die Erbtochter, Du wirst mein
Schwiegersohn, und wenn Regina es denn durchaus nicht anders will, so gehe sie
in's Kloster. Seitdem die Kleine herangewachsen und - wie alle Welt sagt! -
bildhübsch geworden ist, flog mir schon öfter dies glückliche Auskunftsmittel
durch den Kopf; allein ich hoffte immer noch, dass sich Regina besinnen werde -
namentlich hier, wo es ihr so recht anschaulich werden müsste, welch' ein
glückliches Leben mit Dir ihrer harrt. Ist sie aber eigensinnig, so sei Du es
nicht! Du ziehst vielleicht mit Corona ein glücklicheres Los. Was sagst Du zu
meinem Vorschlag?«
    »Dass ich die Königin liebe und nicht die Krone!«
    »Ach, mein Junge, sei nicht romanesk! Tausend Männer würden sich glücklich
schätzen, wenn ihnen ein solcher Antrag gemacht würde!«
    »Und auch ich könnte es sein, wenn ich nicht Regina liebte.«
    »Nun, so vergiss Regina, denke nicht an sie, beschäftige Dich nicht mit ihr:
dann dauert es nicht lange und schau! Du liebst sie nicht mehr. Und dann dauert
es wieder nicht lange und schau! Du liebst Corona. Diese kleinen
wunderniedlichen Persönchen haben einen eigenen Reiz, womit sie sich in die
Herzen stehlen - wenn man nur nicht wie ein Bramarbas das Herz gegen sie
panzert. Leg' ab Deine Rüstung, lass es getroffen werden von dem Liebespfeil des
kleinen Gottes Amor ...«
    »Lieber Onkel, es ist ja bereits durch und durch getroffen!« unterbrach
Uriel traurig lächelnd.
    »Überlass doch den Eigensinn dem schönen Geschlecht!« rief der Graf. »Gott
weiss, wie gern ich Regina als Deine Frau gesehen hätte! aber wir werden doch
beide wahrhaftig nicht so töricht sein, uns durch sie unsere Zukunftspläne
stören zu lassen? Bisher hoffte ich sicher auf Regina's Bekehrung zum Ehestande,
und ich habe in diesen vier Jahren alles getan, wodurch ich hoffen konnte, sie
für die Welt zu gewinnen. Umsonst! Nun wohlan, so müssen wir die Sache anders
anfangen. Ich bin jetzt runde fünfzig Jahre alt. Niemand sieht mir's an, nicht
wahr? .... aber Anno Eins geboren, macht fünfzig Jahre wohlgezählt. Es verlangt
mich, junge Sprossen an meinem Stamm zu sehen, Windecker Nachkommenschaft. Habe
drei Söhne und zwei Töchter, und noch immer keine Aussicht dazu! Das ist
verdriesslich und muss aufhören. Nicht umsonst hat es sich so fügen müssen, dass Du
Herr auf Stamberg wurdest und so früh eine glänzende selbständige Stellung
bekamst. Es ist augenscheinlich der Wille Gottes - um mit Regina zu sprechen! -
dass Du Dich als der Stammhalter der Windecker gerierst, und da das törichte
Mädchen davon nichts wissen will, so wollen denn auch wir sie nicht weiter
bitten und uns Corona erwählen. Was sagst Du dazu?«
    Uriel war so tief in seine eigenen Gedanken versunken, dass er des Grafen
Betrachtungen gar nicht gehört hatte. Jetzt weckte ihn dessen Frage und er rief:
    »Ja! Corona!«
    »Also Du willigst ein?« fragte der Graf erfreut. »Bravissimo! - Bei der
Kleinen machen wir die Sache kürzer und vernünftniger. Sie wird weiter nicht
gefragt, sondern ich kündige ihr an, sie sei Uriels glückliche Braut und in vier
Wochen seine Frau; - nicht wahr?«
    Uriel rief lebhaft: »Meine Frau? Corona? .... lieber Onkel, ich muss Zeit
haben und mich besinnen. Vorderhand kann von dem allen gar keine Rede sein; aber
sei fest überzeugt, dass ich alles tun werde, was Deinen Wünschen entspricht. -
Bist Du mit den Zigarren zufrieden?«
    »Mehr als mit Euch allen zusammen!« murrte der Graf kopfschüttelnd. »Welche
Nöten steht man doch mit seinen Kindern aus! Wahrhaftig, ich sehe nicht ein,
weshalb ich mit meinen miserablen Erfahrungen sie noch durch Enkel zu
vervollständigen wünsche! aber das ist die Verpflichtung, welche der alte Name
und das Ansehen der Familie aufbürdet. Wäre man von gestern, ohne Ahnen und ohne
Erbgut, so würde man kein besonderes Verlangen nach Enkeln haben.« -
    Es vergingen noch einige Tage recht angenehm, denn Regina war wieder ganz in
ihrer unbefangenen Haltung und Uriel beherrschte sich meisterhaft. Nur als der
Graf von der nahen Abreise sprach, zuckte ein grässlicher Schmerz, wie ein
Todesstich durch Uriels Herz, weil er wusste - Regina kommt nicht wieder her.
Jetzt ist sie noch hier, noch einen Tag, noch ein paar Stunden, noch einige
Augenblicke; dann ist's aus und vorbei! sie kommt nicht wieder.
    Am letzten Morgen, als sich alle zur Abreise rüsteten, ging Regina schon
reisefertig auf den grossen Balkon und blickte auf das wogende Nebelmeer, welches
die Landschaft bedeckte, Himmel und Erde mit farblosem Grau verhüllte und
einzelne kalte Tropfen, wie schwere Tränen, fallen liess. Es war so recht ein
trüber Herbstmorgen, dem zuweilen ein schöner Tag folgt. Ein Bild des Lebens!
dachte Regina; wir wandeln in Wolken, so lange wir hienieden wandeln; der
ungetrübte Sonnenschein bricht erst mit der Ewigkeit an. - Uriel folgte ihr auf
den Balkon.
    »Regina!« sagte er und seine sonst so klingende Stimme sank durch die
Übermacht der Herzensbewegung zu einem Flüstern herab; - »wirst Du
wiederkommen?«
    Sie verneinte schweigend und ohne ihn anzusehen.
    »Besinne Dich wohl!« fuhr er fort; »dieser Augenblick entscheidet über Deine
und meine Zukunft - und wer weiss über welches Schicksal! Es liegt in Deiner
Macht, das schönste, edelste Glück hier einzuführen, hier auf dieser Stätte
heimisch zu machen - ein Glück, worauf Gottes Wohlgefallen und Segen ruht, ein
Glück, das die Seelen adelt und die Herzen verklärt, ein Glück, woran sich eine
Kette von Gnaden knüpft und das in weite und ferne Lebenskreise wohltätig
hineinwirkt. Sieh Dich um, sieh Dir diese Stätte genau an, sieh mich an, sieh
mir in's Herz hinein - - dann sprich! und bedenk' es wohl: was Du jetzt sagst,
musst Du verantworten in der Ewigkeit.«
    Regina blickte geradeaus und leise bewegten sich ihre Lippen, dann sah sie
Uriel an und eine übernatürliche Zärtlichkeit verschmolz mit tiefer Trauer in
ihrem unergründlich schönen Auge und sie sagte:
    »Solo Dios basta.«
    Es glitt ein solcher Schmerz über Uriels Züge, dass sie ihre gefalteten Hände
lebhaft an die Brust drückte und ausrief:
    »O mein Gott! wandle du diesen Schmerz in Gnade um, und diesen Dorn der Erde
in himmlische Rosen.«
    Der Graf, die Baronin Isabelle, Corona und Hyazint traten soeben alle
reisefertig in den Salon und gingen auch auf den Balkon, und der Graf fragte
Regina:
    »Du nimmst wohl Abschied von Stamberg?«
    »Nein, lieber Vater, von Uriel,« sagte sie ruhig.
    Hyazint ging rasch auf den todesbleichen Uriel zu, legte zärtlich den Arm
auf dessen Schulter und sagte:
    »Auf Wiedersehen zu meiner Primiz, Uriel.«
    »Ja, auf Wiedersehen!« entgegnete Uriel gedankenlos.
    Der Wagen fuhr vor - und fuhr dahin! Uriel sah ihm nach, horchte ihm nach -
und als er nichts mehr von ihm sah und hörte, war ihm zu Mut, als habe er die
ganze Welt besessen - und verloren.
                                 Die Versuchung
Der Winter mit seinen Freuden der Geselligkeit hatte den Grafen wieder nach
Frankfurt geführt. Diesmal sollte auch Corona in der Welt erscheinen. Die
schauerliche Katastrophe, durch die vor vier Jahren der Fasching unterbrochen
wurde, war so ziemlich seinem Gedächtnis entschwunden: ein übergrastes Grab, wie
es deren so zahllose und mannigfache hienieden gibt. Die Welt mit ihrem
unverbesserlichen Leichtsinn und Heisshunger nach berauschenden und blendenden
Genüssen und materiellem Wohlbehagen machte es genau, wie Graf Windeck, liess
sich durch keine warnende Vergangenheit und durch keine schwankende Zukunft aus
ihrem Opiumtraum von allgemeinem Frieden und Fortschritt aufwecken und versenkte
sich immer tiefer in die öden Freuden eines krankhaft gesteigerten Luxus und in
die schwindelnden Reigen einer Civilisation, die auf Dampfmaschinen beruht.
Damit der allmächtige Faktor der Zeit, Dampf - in seiner Tätigkeit und
Wirksamkeit nur beileibe nicht gestört werde, schrie die Welt nach Frieden und
überredete sich, dass das Brodeln der Dampfkessel und das Schwirren der Maschinen
Grundlage und Unterpfand eines Friedens wären, dessen Dauer die hohe und
allgemeine Bildung der Menschheit verbürge. Und so hatte denn die Welt ihre Art
von Frieden, d.h. es gab keinen Krieg.
    Mit grosser Selbstgefälligkeit führte der Graf seine beiden schönen Töchter
in die Gesellschaft ein. Regina's erstes flüchtiges Auftreten war im Laufe der
Jahre und der Ereignisse vergessen. Sie war eine ebenso neue Erscheinung als
Corona, ja neuer, insofern ihre Eigentümlichkeit entschiedener und nicht
salonmässig war. Sie ging und stand und sprach und tanzte zwar mit allen übrigen,
aber sie tat es nicht wie sie. Sie trug zwar die Farbe der Welt, aber in einer
besonderen Nüance. Man hielt sie allgemein für Uriels Braut und man zerbrach
sich den Kopf, weshalb wohl noch immer nicht die Dispense aus Rom gekommen sei,
welche die Verehelichung gestatte. Corona aber wurde die gefeierte Schönheit des
Tages. Sie war auch schön wie der Tag, mit ihren bezaubernden goldbraunen Augen,
die schwärmerisch und schalkhaft zugleich, halbverschleiert hinter schwarzen
Wimpern lagen - und mit ihrer feinen nymphenhaften Gestalt, die sich so edel
bewegte und so graziös das liebliche, braungelockte Haupt trug. Sie unterhielt
sich vortrefflich; alles machte ihr Verngügen: der Tanz, die Musik, die
verbindlichen Menschen, die geschmackvollen Kleider, die glänzenden Feste; auch
die Huldigungen, deren Gegenstand sie war; auch die dadurch erhöhte Zärtlichkeit
ihres Vaters, bei dem die Wertschätzung seiner Töchter in dem Masse stieg, als
die Welt ihnen huldigte. Wie ein Blumengarten lag das Leben vor Corona und sie
wähnte, sie brauche nur die Hand auszustrecken, um sich tausend duftende Blüten
zum Strauss zusammenzubinden. Zu anderer Zeit würde Regina sorgenvoll Corona's
Richtung beobachtet haben; allein Regina's innerstes Wesen stand selbst in den
Flammen eines Scheiterhaufens, und sie wusste nicht, ob ihr Herz darin zu Asche
verbrennen oder zu jenem Gold von vierundzwanzig Karat ausglühen werde, über
welches keine Flamme mehr Gewalt hat. Sie litt und schwieg - und kämpfte ihren
Kampf nach ihrer Art, still vor Gott, ohne zu klagen und zu fragen. Aber sie
litt so sehr, dass die frische Blüte ihrer Gesundheit davon angehaucht wurde. Sie
suchte es zu verbergen; je bleicher sie wurde, um desto freundlicher lächelte
sie, und dass sie sichtlich abmagere, schob sie den durchtanzten Nächten zu. Aber
Corona hörte sie zuweilen in stillen Nächten beten und weinen und sagte es der
Tante Isabelle mit dem Zusatz:
    »Sie vergeht vor Sehnsucht nach dem Kloster.«
    Und die Tante sagte es dem Grafen und bat ihn, einen Arzt zu Rat zu ziehen,
ob der Gram nicht wirklich Regina's Gesundheit zernage. Der Graf hatte
seinerseits nicht ohne Sorgen Regina's Zustand wahrgenommen, aber sich, nach Art
der Egoisten, darüber zu täuschen versucht, indem er alles für bare Münze nehmen
wollte, was sie von den Anstrengungen des Faschings vorschob. Nun aber brach er
gegen die Baronin aus:
    »Beste Isabelle! bin ich nicht ein beklagenswerter Vater! Alles tue ich für
meine Kinder - alles! In die schottische Romantik begebe ich mich mit ihnen und
in die Faschingslustbarkeiten - und was ist mein Lohn? Regina vergrämt sich in
wahrhaft stupider Sehnsucht nach dumpfen Klostermauern, und Uriel - statt
herzukommen und frischweg Corona zu heiraten, sitzt auf Stamberg und bebrütet
Gott weiss was für Pläne. Ehe er sich aber nicht entschieden hat, kann ich doch
unmöglich Regina ziehen lassen. Das wäre zu früh, da ich ihr eine zehnjährige
Frist gestellt habe. Das hiesse meinem Ansehen als Vater etwas vergeben. Liesse
ich mir meine Einwilligung von ihr abtrotzen - wer weiss, was der Kleinen
einfiele.«
    »Davon reden wir ja nicht,« entgegnete die Baronin, ängstlich wie immer.
»Lassen Sie nur einen Arzt für Regina rufen. Es wäre doch besser, sie ihrem
Klosterberuf folgen - als sie sterben zu sehen.«
    »Sterben! meine prächtige Regina sterben!« rief der Graf aufgeregt; »das
darf nicht sein. Es soll auf der Stelle ein Arzt gerufen werden.«
    Er ging in das Zimmer seiner Töchter. Beide sassen am Flügel und spielten
vierhändig Beetovens Symphonie aus C moll. Sie wollten ihr Spiel unterbrechen,
als er eintrat; aber er hiess sie fortfahren und setzte sich ihnen gegenüber, um
sie zu beobachten und zu vergleichen. Corona's Gesichtchen glühte von Eifer und
Aufmerksamkeit; sie spielte die erste Partie, und ihre hellrosigen Wangen, ihre
leicht geöffneten Lippen, der feste Blick, womit sie auf ihre Noten sah,
verrieten, wie vertieft sie in ihrer Aufgabe war. Regina spielte mit viel
grösserer Leichtigkeit, gab gewandt hie und da der Schwester nach, schlug die
Notenblätter um, verriet gar keine Anstrengung; warum brannte denn aber ein so
scharfes abgezirkeltes Rot auf ihren Wangen? und warum hatten ihre Augen solchen
auffallenden Glanz? Sie wird doch nicht hektisch sein! murmelte der Graf
beängstigt. Nach dem Schlussakkord rief er:
    »Bravo, Kinder! Corona muss sich noch tüchtig üben, Du aber, Regina, solltest
Dich nicht anstrengen; Du siehst leidend aus - und zwar so sehr und so lange
schon, dass wir denn doch einen Doktor konsultieren wollen.«
    »Du bist so gut, lieber Vater; aber weshalb der Doktor?« sagte Regina und
küsste zärtlich des Vaters Hand.
    »Weshalb? wunderliche Frage! weil ich nicht will, dass Du dahinsiechen und
sterben sollst.«
    »O mein lieber Vater, sei ganz ruhig! ich glaube nicht, dass mich jetzt schon
der liebe Gott in die Ewigkeit ruft,« sagte Regina mit sanfter Wehmut.
    »Du wärst im Stande, das zu bedauern!« rief der Graf fast zornig, weil er
sich von ihrer Sanftmut gerührt fühlte. »Aber daraus wird nichts - das sage ich
Dir! lieber lasse ich Dich in's Kloster gehen. Gestehe mir aufrichtig: bist Du
krank vor Sehnsucht nach Deinen Karmelitessen?«
    Regina legte die Hand flüchtig über ihre Augen; dann sah sie ihren Vater mit
zärtlichster Dankbarkeit an und sagte fest:
    »Nein, mein lieber Vater.«
    »Nein? - Du sagst Nein, Regina! Hättest Du Ja gesagt, so würde ich Dir
antworten: Geh in's Kloster.«
    »Ich kann keine Unwahrheit sagen, lieber Vater.«
    »Aber Du bist doch leidend, Regina?«
    »Ich leide wohl etwas; nur kann kein Arzt mir helfen.«
    »Das wollen wir erst erleben!« sagte der Graf.
    Der Arzt kam, fragte, fühlte den Puls, tat, was seines Amtes ist, sprach von
Aufregung der Nerven und erklärte endlich, er müsse die Gräfin mindestens acht
Tage beobachten, bevor er sich aussprechen könne. Man fand das ganz in der
Ordnung. Er kam täglich, bald zu der einen Stunde, bald zu der anderen. Er
beobachtete Regina und unterhielt sich mit ihr. Er liess sich von der Baronin und
von Corona deren Bemerkungen unter vier Augen mitteilen. Endlich erschien er bei
dem Grafen und sagte nicht ohne Verlegenheit, er sei etwas betroffen über seine
Entdeckung und der Graf möge es nicht übel nehmen, wenn eine unangenehme Sache
zur Sprache komme; aber nach Pflicht und Gewissen könne er nicht anders. Der
Graf starrte verblüfft den Doktor an und rief endlich ungeduldig:
    »Nur heraus mit der Sprache! ist sie hektisch?«
    »Nicht im geringsten!« erwiderte mitleidig lächelnd der Doktor. »Es ist
allerdings eine gewisse Spannung des Nerven- und Erregung des Blutsystems bei
Ihrer Gräfin Tochter wahrzunehmen, allein dies ist nicht mit anderen
Krankheitssymptomen verbunden, sondern steht vereinzelt da. Deshalb muss ich
schliessen, dass es Folgen von Gemütsleiden sind, und ich glaube mit allem Recht
behaupten zu dürfen, dass die Gräfin eine unglückliche Liebe im Herzen trägt -
vielleicht für jemand, der unter ihrem Stande ist. Ich bin noch nicht ganz
darüber im Klaren. Auch Sie scheinen es nicht zu sein - fuhr er fort, als ihn
der Graf sprachlos vor Erstaunen ansah - und es tut mir wahrhaftig herzlich
leid, eine wunde Stelle zu berühren. Aber ich habe allen Grund, bei der Diagnose
stehen zu bleiben und die heisst - unglückliche Liebe.«
    »Welchen Grund haben Sie denn aber eigentlich dafür?« fragte der Graf, der
sich von diesem Ausgang nichts hatte träumen lassen.
    »Einen solchen, der Ihnen einleuchten wird, Herr Graf! denn er ist schwarz
auf weiss,« erwiderte der Arzt und zog triumphierend ein Billet hervor. Sehen Sie
hier .... einen poetischen Liebesbrief.«
    »Einen Liebesbrief von Regina! Herr Doktor, Sie faseln!« rief der Graf
lachend, indem er das Blatt ergriff. Überdas ist das nicht Reginas, sondern
Coronas Handschrift. Was? Verse!«
    »Nun, das versteht sich, Herr Graf! eine so zarte und noble Dame, wie Gräfin
Regina, drückt ihre Herzensempfindung auch zart aus.«
    Kopfschüttelnd las der Graf:
                                 Mein Erbteil.
O wohl sind sie dunkel die Nächte,
Die schwarz um den Pfad sich geballt,
Wenn Irrwisch und trügende Mächte
Verlocken in Gauckelgestalt;
Wenn immer ein Stern zu erspähen,
Wenn strauchelt der Fuss - ach, wie oft!
Doch Du wachst auf seligen Höhen:
Ich weiss, in Wen ich gehofft.
O wohl sind sie dunkel die Nächte,
So Innen die Seele umziehen,
So schwarz, dass das Wahre, das Rechte,
Nicht kräftig und frisch kann erblüh'n.
Doch sind auch die spärlichen Saaten
Der segnenden Sonne beraubt,
Du wachst und sie können geraten:
Ich weiss, an Wem ich geglaubt.
O wohl sind sie dunkel die Nächte,
Worinnen das Herz versinkt,
Wenn dürstend nach Liebe, die ächte,
Ach fern, ach verloren ihm dünkt,
Wenn zitternd im schmachtenden Bangen
Nicht Labsal noch Tröstung ihm gibt;
Doch Du wachst und stillst sein Verlangen:
Ich weiss, Wer mich ewig geliebt.
O wohl sind sie dunkel die Nächte,
Die Erde, durch Leid und durch Lust!
Das Leben, ein Dornengeflechte,
Zerreisst und verödet die Brust,
Es birgt auch in Rosen nur Herbe,
Weil Dauer überall fehlt,
Doch Du bist mein ewiges Erbe:
Ich weiss, Wen ich mir mir erwählt.
Der Graf hatte laut gelesen und der Doktor, ganz versunken in seine vorgefasste
Meinung, hatte aufmerksam zugehört.
    »Was sagen Sie nun, Herr Graf?« rief er selbstzufrieden; »ist das nicht klar
genug? Dies ewig wache, angebetete Wesen, das in einer anderen Sphäre weilt, ist
eben der Geliebte, der unerreichbare - nur etwas mystisch ausgedrückt.«
    »Sehr mystisch,« antwortete der Graf lakonisch.
    »Lesen Sie nur gefälligst weiter; es wird deutlicher im zweiten Gedicht.«
    »O Gott!« seufzte der Graf, »jetzt lese ich sogar Gedichte, meine Horreur!
.... Alles für meine Kinder! Ich bin wirklich ein halber Martyrer.« Er las:
                                Seliges Genügen.
Der Abend sinkt, zur Ruhe geht die Erde,
Es bricht die Nacht mit kaltem Schauer an,
In Asche stirbt die Flamme auf dem Herde,
Zur Heimatshütte eilt der Wandersmann.
Unheimlich starrt das Reich der Finsternisse,
Wo weilt die Sonne? wo das gold'ne Licht? - -
»O frag' nicht mich, ob ich das Licht vermisse,
Ich habe Ihn - ich brauch' die Sonne nicht!«
Das Leben sinkt! es fliehen Tag' und Jahre
Die Wolkenzüge über Himmels Blau.
Wo Jugend blühte - steht die Totenbahre,
Wo Rosenflor - ein fahles kahles Grau.
Ist das noch Leben, wenn der Tod es endet?
Ist's Tag noch, wenn er stirbt im Abendrot?
»O frag' nicht mich! mir hat sie nichts gewendet,
Ich habe Ihn - ich weiss von keinem Tod!«
Das Herze sinkt! - es hat sich matt gerungen,
Im blut'gen Kampf nach dem geträumten Glück.
War's je zum heissersehnten Ziel gedrungen -
O weh! es fiel in Sehnsucht heiss zurück.
Ist Liebe nicht ein Schattenspiel für Toren?
Ein kläglich Blendwerk mit des Glückes Schein? -
»O frag' nicht mich! ich habe nichts verloren!
Ich habe Ihn - die ew'ge Lieb ist mein.«
»Ist das nicht sehr rührend, Herr Graf?« fragte der Doktor. »Ich an Ihrer Stelle
würde dieser tiefen innigen Liebe alle Standesvorurteile zum Opfer bringen.«
    »Auch dann, Herr Doktor,« fragte der Graf mit leichtem Spott, »wenn der
Geliebte niemand anders wäre - als der liebe Gott?«
    »Wieso?« entgegnete der Doktor höchst verblüfft.
    »Ja, meine Tochter will ins Kloster und deshalb verschmäht sie jede irdische
Liebe.«
    »Ah,« sagte der Doktor gedehnt, »mit dieser Sorte von Sentimentalität bin
ich freilich weder bekannt noch einverstanden, da ich gottlob! Protestant bin.
Indessen versteht es sich wohl von selbst, dass ein guter Vater einer solchen
Grille seine Zustimmung versagt.«
    »Die Mesalliance mit dem lieben Gott wäre allzu schreiend, nicht wahr?«
fragte der Graf spitz.
    »Solche Zustände liegen ausserhalb des Horizonts meiner Wissenschaft und
meiner Erfahrung,« antwortete der Doktor und empfahl sich. -
    Der Graf ging zu seinen Töchtern. Corona knüpfte rosenfarbene Bandschleifen,
die sie am Abend tragen wollte; Regina sass am Schreibtisch, als er eintrat.
    »Schreibst Du Verse, Regina?« fragte er.
    »Ich bringe nur ein paar Reime zusammen,« entgegnete sie leicht errötend
    »O Papa! sie ist eine Minnesängerin - aber der himmlischen Liebe!« rief
Corona über ihre rosenfarbenen Bänder hinweg.
    »Darf ich lesen?« fragte der Graf und blickte über Regina's Schulter.
    Sie reichte ihm willig, aber verlegen, das Blatt und sagte entschuldigend:
    »Verzeih, lieber Vater! es wird Dir wohl nicht gefallen und ist ja auch nur
ganz armselig. Aber Du weisst: Solo Dios basta! darauf bezieht sich alles bei
mir.«
    Der Graf las:
                            Die Lampe im Heiligtum.
Das ewige Licht
Ist die Flamme, die aus dem Herzen bricht.
Das ewige Licht
Ist die Stimme, die still zum Geliebten spricht.
Das ewige Licht
Ist die Rose, die ihn bräutlich umflicht,
Das ewige Licht
Ist ein bezauberndes Liebesgedicht.
Das ewige Licht
Macht alle Lichter der Welt zunicht
Das ewige Licht
Ist die Seele betend vor Gottes Angesicht.
O ewiges Licht
Mir leuchte Dein Glanz, wenn mein Auge bricht.
»Wie monoton!« rief der Graf.
    »Nicht wahr?« sagte sie freundlich.
    »Regina,« fuhr er fort, »hier sind ein paar Deiner Reimereien, die Corona,
weil sie Dich für eine Minnesängerin hält, abgeschrieben und dem Doktor gegeben
hat. Dieser stellte sie mir so eben zurück und bemerkte dabei, er könne Dich
nicht eigentlich krank finden! nur müsstest Du Dich schonen.«
    »Das fühle ich auch, lieber Vater,« entgegnete sie, »und deshalb erlaube
mir, nach Windeck zu Onkel Levin zu gehen. Wenn Du dann in einigen Wochen
kommst, werd' ich mich gewiss ganz erholt haben und Dir keine Sorge mehr machen.«
    Was war zu tun? der Graf liess sie reisen.
    »Wir müssen uns darauf vorbereiten, sie in's Kloster gehen zu lassen,« sagte
er zur Baronin und zu Corona. »Diese Trennung ist eine kleine Vorübung.«
    »Willst Du es wirklich erlauben, Papa!« rief Corona.
    »Sie zwingt mich ja,« sagte er unmutig. »Der Doktor, obzwar er auf ganz
falscher Fährte war, riet mir doch, den Widerstand nicht auf's Äusserste zu
treiben. Von Dir, Corona, hoffe ich auf Ersatz für alle Sorgen, die ich um Deine
Schwester habe.«
    »Und sie ist doch tausend Mal besser als ich!« rief Corona, zärtlich an
ihren Vater sich schmiegend.
    Mit froher Überraschung, doch nicht ganz ohne Besorgnis, empfing Onkel Levin
die Tochter seiner Seele, seine geliebte Regina. Seit ihrer Rückkehr aus England
hatte er eine leise Verstörung in dem Gleichmut ihres inneren Lebens
wahrgenommen. Er kannte aber ihre schweigende Art und mochte nicht fragen, bevor
sie nicht Veranlassung dazu gab. Wie der Pflanzenleim seine Zeit braucht, ehe er
das Erdreich durchbricht, so will auch das Wort seine Zeit haben, bis es sich
vertrauend ausspricht. Als Regina den lieben Onkel Levin wiedersah, und wieder
in der trauten Kapelle vor dem Allerheiligsten auf den Knien lag, und wieder ihr
stilles Zimmer betrat, das in schlichter Einfachheit einer Zelle glich und eher
einem Kloster als einem gräflichen Schloss zu gehören schien - da drängte sich
all' ihr Weh über ihr Herz hinaus, und sie ging raschen Schrittes zum Onkel,
nachdem sie am ersten Morgen seiner Messe beigewohnt hatte.
    »Ich erwartete Dich,« sagte er liebreich zuvorkommend, »denn Du sahest
verweint aus. Was betrübt Dich, Kind? Sprich'! der liebe Gott wandelt auch
unsere bittersten Tränen in Gnadentau um.«
    Er blickte sie an mit seinen seelenvollen verklärten Augen, die über seinem
edeln, blassen, vielfach durchschmerzten und tief gefriedetem Antlitz strahlten,
wie stille Sterne über einer Winterlandschaft. In einem Strahl der Morgensonne
ruhte sein Haupt mit den Silberlocken. Er sah aus wie jemand, der heimisch ist
in einer besseren Welt. Regina sank zu seinen Füssen nieder und bedeckte seine
Hände mit Tränen und Küssen. Er liess sie gewähren und betete still für sie.
Endlich erhob sie sich und sagte mühsam gefasst:
    »Ich bin abgefallen von meiner ersten Liebe.«
    »Das glaub' ich nicht!« erwiderte Levin freundlich.
    »Ich bin es! mein Herz geht nicht mehr geradesweges zu Gott; meine Gedanken
wenden sich nicht mehr ungeteilt dem höchsten Gut zu; meine Liebe strebt nicht
mehr einzig und allein zur ewigen Liebe. Ein Mensch ist mir in den Weg getreten
und sucht mein Herz an sich zu reissen; und dies törichte Herz neigt sich ihm zu
- und nur mit meinem Willen hefte ich es an das Kreuz meines Gottes. So sieht es
mit mir.«
    »Nun, bestes Kind, dann steht es ja sehr gut mit Dir. Deine Liebe ist aus
der Region des Gefühls in die des Willens übergegangen. Die blosse Neigung hört
auf und die Tugend beginnt. Aus der natürlichen Ordnung wandert Deine Liebe aus
und strebt heimisch zu werden in der Ordnung der Gnade. Und Du weinst? und Du
zitterst? O falle auf Deine Knie und danke Gott, dass endlich die Stunde des
Kampfes für Dich geschlagen hat.«
    »Er reibt mich auf, dieser Kampf! ich kann nicht leben unter der Last meiner
Treulosigkeit!«
    »Ja Kind, wenn Du stolz bist, dann kann es leicht von Dir heissen: Wie bist
Du vom Himmel gefallen, schöner Morgenstern! - Nimm in Demut Dein Kreuz auf Dich
- das schwerste Kreuz: Deine Armseligkeit - und wandele damit weiter; dann
findest Du Gott, denn der kreuztragende Heiland und Millionen von heiligen
Liebhabern des Kreuzes geleiten Dich. Bist Du aber stolz, so sagst Du Dich von
ihnen los.«
    »Lieber Onkel! Du weisst, welch' ein Entschluss mir aus der Kindheit in die
Jugend gefolgt ist und wie ich deshalb die Wünsche meines Vaters nicht erfüllen
konnte. Von meiner Familie, von Uriel, von der ganzen Welt mich zu trennen, war
mir kein Opfer; denn ich lebte in einer überirdischen Freudenwelt, und es wäre
mir wie ein Gottesraub erschienen, hätte ich mich mit vergänglichem Glück
beschäftigen wollen. Seit dem vorigen Herbst ist es anders geworden - anders,
seitdem ich in Stamberg auf immer von Uriel Abschied nahm. Warum? das weiss ich
nicht! - aber seitdem erscheint mir Uriel sehr liebenswürdig und das Leben mit
ihm auf Stamberg sehr glücklich; und eine Stimme sagt mir, es wäre Gott sehr
wohlgefällig, wenn ich meinem Vater gehorchte und meine liebe selige Mutter
würde im Himmel meine Verbindung mit Uriel segnen. Und das alles spricht so
mächtig zu meinem Herzen und lähmt dermassen meine Verteidigungswaffen, nämlich
mein Gebet und die Hingebung meines Willens an Gott, an Gott allein - dass ich
nicht weiss, auf welche Seite der Sieg sich neigen wird und nicht weiss, ob ich
nicht tausend Tränen weinen werde, wenn er sich auf die Seite Gottes neigt.«
    »Wohlan, Regina, Dein Gelübde ewiger Jungfräulichkeit kann gelöst werden. Es
ist gültig. aber nicht unauflöslich. Hast Du alles wohl erwogen, viel gebetet,
viel um die Erleuchtung des heiligen Geistes gefleht« ... - -
    »Das habe ich getan, lieber Onkel; doch in der Absicht nie, o nie! ich will
nicht die Lösung meines teuren Gelübdes! ich will nicht mit Gott angefangen
haben, um kläglich mit einem Menschen zu enden! ich will nicht mein Herz in zwei
Lieben und zwei Treuen zerspalten und verkleinern! sondern ich will dies: mein
Herz unberührt von jeglichem Anhauch aus den Niederungen des Lebens zu Füssen des
Gekreuzigten hinlegen. Das möchte ich erbitten und erflehen. Deshalb durchwache
ich halbe Nächte in Tränen und Klagen. Aber Gott erhört mich nicht - denn wieder
und immer wieder werden betörende Stimmen laut, nach denen ein Etwas in meinem
Herzen hinhorcht, weil sie süss und schmeichelnd klingen, obschon sie wehe tun.«
    »Ah, nun verstehe ich!« nahm Levin mit unaussprechlicher Milde das Wort; »Du
möchtest dem lieben Gott vorschreiben, auf welche Weise er Dich in's Himmelreich
führen soll. Durch ein Triumphtor möchtest Du einziehen, nicht wahr? das frohe
Selbstbewusstsein Deiner Stärke sollte Dir eine goldene Rüstung anlegen, von der
jeder friedliche Pfeil abprallte, nicht wahr? in stolzer Zuversicht
unverwundbar, möchtest Du über Schlangen und Nattern schreiten und lächelnd den
Drachen besiegen, nicht wahr? O weh, meine arme Regina! das ist die Art des
Erzengels, aber nicht des Menschenkindes! Als der heilige Apostel Paulus sich zu
Gott bekehrte, sprach eine Stimme: Ich will ihm zeigen, wie viel er um Meines
Namens willen leiden soll. Sieh', das ist Menschenart! Gekreuzigt dem Leibe und
der Seele nach - mit Wundmalen am Körper und am Herzen - zermalmt von innerem
Leid über seine Schwachheit - gequält von allen Versuchungen, denen der Sohn des
Staubes durch seinen Zusammenhang mit der Irdischkeit ausgesetzt ist - wandelte
dieser gewaltige Kreuzträger, zum tröstlichen Vorbild für uns alle, immer
gedemütigt und immer tapfer, durch die furchtbare Schlacht des Lebens. Und wie
er sich hindurch gekämpft hatte, so kämpften ihm nach die grossen Heiligen aller
Jahrhunderte, ein Basilius, ein Augustinus, ein Bernardus, ein Franziskus, ein
Alphonsus - diese Wundermenschen an Glauben, an Liebe, an Genie und an Demut.
Sie alle bauten sich keine Triumphbogen und schwangen nicht zuversichtlich ihre
Siegesbanner. Sie alle sprachen mit Paulus: Wenn ich schwach bin, dann bin ich
stark - um anzudeuten, dass sie im Gefühl ihrer Schwäche sich zu Gott wendeten
und von ihm Stärke empfingen. Sie alle gingen vorsichtig, gebeugt und wachsam
auf dem schmalen Wege und durch die enge Pforte, die zum Himmel führen. Nicht
auf ihren herrlichen natürlichen Gaben, und nicht auf ihrer frischen,
ungebrochenen, menschlichen Kraft ruhte das Gebäude ihrer Vollkommenheit,
sondern auf ihrer unüberwindlichen Demut. Sie suchten auch nicht den
selbstgefälligen Genuss ihrer eigenen Vollkommenheit in ihrer Hingebung an Gott.
Sie baten ihn nicht, ihr Herz auf einem Höhepunkt zu erhalten, der über dem
Niveau alles Menschlichen ist; sie baten ihn nur, ihr armes, elendes Herz nicht
zu verschmähen; es zu verbinden, wenn es wund; es zu reinigen, wenn es befleckt
wurde; es in Gnaden anzunehmen mit seinen Krankheiten und seinen Narben. Und wie
die grossen Heiligen, so machen es Millionen von guten schlichten Kindern Gottes.
Willst Du es anders haben und anders machen, Regina? o, dann liefest Du Gefahr,
eine Tochter Lucifers zu werden.«
    Regina's Tränen waren versiegt und ihre schmerzliche Aufregung hatte sich
gestillt. Mit geschlossenen Augen sass sie ruhig da; sie blickte nach Innen.
Levin schaute mitleidig auf ihr schönes bleiches Antlitz, das noch von einem
Anhauch von Schmerz überschattet war und fragte liebreich:
    »Tue ich Dir weh, bestes Kind? soll ich schweigen?«
    »O sprich, lieber Onkel, sprich noch mehr zu mir!« sagte sie sanft und ohne
ihre Stellung zu verändern. »Deine Stimme klingt mir wie die, welche einst
sagte: Ich will ihm zeigen, was er um Meines Namens willen leiden soll.«
    »So heisst es auch in der Tat für jeden, der sich aus ganzem Herzen zu Gott
bekehrt; denn Welt und Fleisch und Blut, die ihm wahrlich seine Bekehrung nicht
eingegeben haben, fühlen, dass sie durch dieselbe zu kurz kommen, setzen sich zur
Wehr, verbinden sich mit der überall geschäftigen alten Schlange und rücken mit
einem Heer von Versuchungen in's Feld. In dem Masse, als diese bekämpft und
überwunden werden, vermehren sich die Siege, und je grösser der Sieger, desto
glänzender seine Kronen. Willst Du keine Versuchungen haben, so verzichtest Du
aus Feigheit auf den Siegespreis. - Sieh'! als Du auf Stamberg von Uriel
Abschied nahmst und Dich vielleicht recht stark wähntest mit Deiner Entsagung,
und recht sicher gegen jeden Angriff von Seiten der menschlichen Schwäche, da
trat der Versucher zu Dir, wie einst zu dem Herrn - und zeigte Dir von der Höhe
herab die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit. Und Du blicktest auf sie, wie
jemand, der sich gewaffnet wähnt gegen einen feindlichen Überfall, aber die
Schlange vergisst, die ihn in die Ferse sticht. Die böse Natur hast Du stets zu
überwinden gesucht - dies Zeugnis geb' ich Dir gern. Aber Regina, das genügt
nicht dem Menschen, der sich ausschliesslich der Liebe und dem Dienste des Herrn
widmen will. Der muss auch seine edle und gute Natur abtöten, um ganz in der
Gnade, durch sie und für sie, zu leben; denn die Natur ist nun einmal
betrügerisch! Mit tausend Faden hängt sie zusammen mit der Welt, mit dem
Nächsten, mit unseren guten und schlimmen Eigenschaften, mit unseren Vorzügen
und Talenten - und beständig sucht sie diesen Zusammenhang zu ihren Gunsten
auszubeuten und der schönsten Seelenblüte, der reinen Absicht auf Gott, die
Spitze umzubiegen und sie in die Richtung der Selbstsucht zu bringen. Die groben
und dicken Faden lösen wir wohl allenfalls ab; aber es bleiben Millionen feine
Fädchen übrig, die zuweilen weich wie Seide und schimmernd wie Gold sind und
die, wenn wir sie nicht recht vorsichtig ablösen, abstäuben und, in Gnade
getaucht, an ihren Platz zurückbringen - ein Netz von feiner Selbstgefälligkeit
knüpfen, welches den Fortschritt der Seele kläglich hemmt. Wohlan, Regina,
betrübe Dich nicht, dass Deine Natur um kein Haar anders ist, als die von uns
anderen armen Sündern; aber liebe und lobe Gott, der Dir den Willen und die
Gnade gibt, sie in ihren letzten Verschanzungen abzutöten und der für die
durchwundetsten Herzen auch wundervolle Tröstungen hat.«
    »Welch' ein wunderbarer Tausch das ist: Gottes Trost für vergängliches
Leid,« sagte Regina mit einem seligen Lächeln.
    »O Kind, irre nicht wieder ab vom geraden Wege,« sagte Levin sanft und
schwermütig und durch seine Stimme, seinen Blick, sein Lächeln schimmerte eine
Welt voll namenloser heiliger Schmerzen. »Gottes Trost findet der, der mit dem
heiligen Apostel Paulus gestorben ist, um in Gott zu leben.« Was war denn Gottes
Trost für den hinsterbenden Gottessohn? Essig, Myrrhen, Verhöhnung, Desolation.
Der Wille Gottes muss Dir so süss und lieblich werden, dass er allein Dein Trost
ist, und wenn dieser Wille auch darin bestände, dass Du die mystische Todesnot am
Ölberg und die innere und äussere Verlassenheit am Kreuze Zeit Deines Lebens zu
erdulden hättest. Willst Du Meisterin werden in der vollkommenen Liebe, so fange
damit an, Schülerin zu werden im vollkommenen Leiden - im unausgesetzten
mühseligen Kampf gegen die Welt in und ausser Dir, gegen Deine sündhafte Natur,
gegen Hölle und Teufel. Diese alle werden wider Dich streiten, werden ganze
Heere von Versuchungen - immer andere, immer neue, immer überraschende - wider
Dich in die geistige Schlacht führen. Und Du wirst sie nicht bloss zu jeder
Stunde und unter allen Umständen schlag- und ringfertig bekämpfen müssen,
sondern auch die beklemmende Angst zu ertragen haben, nicht zu wissen, ob Du
deinen Kampf in gottgefälliger Weise führst - nicht zu wissen, ob Du, wie die
heilige Schrift es nennt, »des Hasses oder der Liebe würdig« bist. Sieh'! einen
Tropfen aus diesem Kelch mystischer Prüfung ist Dir jetzt zu Teil geworden - und
schon warst Du dem Verzagen nahe, und schon schmachtest Du nach Gottes Trost,
wie ihn die weichliche Natur versteht! O Kind, besinne Dich! das Leben nach den
evangelischen Räten ist ein beständiges und allseitiges Opferleben, das nur die
reinste Christusliebe antreten und durchführen kann. Wo bleibt aber die Liebe
zum gekreuzigten Christus, wenn Du Lohn für sie, in Trost ausgezahlt, erwartest?
Mit einer Hand bist Du an's Kreuz genagelt und begehrst schon sie abzulösen? O
reiche auch die andere hin und lass sie annageln, und hänge nackt und bloss und
schmerzzerrissen geduldig an den drei Nägeln; denn das und nichts anderes sind
die drei Gelübde - und vermagst Du jenes nicht, wenigstens dem Willen nach,
auszuhalten: so darfst Du diese nicht ablegen.«
    »Welch' eine Welt eröffnest Du mir, teurer Onkel,« sagte Regina sinnend und
trocknete ihre Tränen.
    »Die Welt des mystischen Leidens, des Leidens aus Liebe zu Gott,« entgegnete
er, »die sich früher oder später allen erschliesst, welche sich wahrhaft, aus
innerstem Herzen und aus ganzem Gemüt zu Gott bekehren. Es versteht sich, dass es
tausend Stufen in ihr gibt. Zu der niedrigsten sind wir alle berufen; zu der
höchsten sind es die grössten und heiligsten Seelen, die in Wahrheit mit dem
Apostel ausrufen: mortuus sum, ut Deo vivam!«
    »Also die Lieblinge Gottes müssen am meisten leiden und ihr Trost wird erst
in der Ewigkeit beginnen?« fragte Regina.
    »Nichts anders, Kind! der Herr selbst preist selig in Ewigkeit die Armen,
die Leidtragenden, die Verfolgten, die Weinenden. Leiden um Jesu willen macht
den Menschen liebenswürdig vor Gott, denn der leidende Mensch ist Jesu ähnlich.
Im vierzehnten Jahrhundert lebte in Schwaben ein ganz wundersamer Liebling
Gottes, der in der Welt Heinrich Suso - im Kloster Bruder Amandus hiess. Er war
ein Sprössling jenes übernatürlichen Baumes, den St. Dominicus in der heiligen
Kirche gepflanzt hat - ein Baum, durch dessen Gezweig das süsseste Gebet säuselt,
welches Menschenlippen je gesprochen haben und welches St. Dominicus
zusammengestellt hat: der Rosenkranz. Als lebendige Blüten dieses Rosenkranzes
glänzen, duften und schimmern Seelen von unübertrefflicher Schönheit im
Dominikanerorden: ein Tomas von Aquin, genannt der Engel der Schule, der die
Teologie bezaubernd macht. Eine Katarina von Siena, die mit himmlischer
Beredsamkeit das Schisma von Avignon zu Ende - und Papst Gregor XI. nach Rom
zurückführt. Eine Rosa von Lima, die sich zärtlich in die Leiden des göttlichen
Vielgeliebten mitleidend versenkt und extatisch aus ihnen hervorgeht. Ein
Angelico von Fiesole, der stille Maler, den sogar die stumpfe Welt Beato, den
Seligen nannte, weil seine Bilder, die er auf den Knieen malte, ein Abglanz
himmlischer Herrlichkeit, geschöpft aus seliger Anschauung Gottes, zu sein
schienen. Ein Seelenbruder dieser Auserwählten war diesseits der Alpen Heinrich
Suso, ein in die Wunden Jesu ganz verliebter und ganz versunkener Ordensmann,
der mit so lieblichen, herzzerschmelzenden Worten, als ob sie vom Kreuz herab
tönten, von den Leiden heiliger Liebe in seelendurchwundeter Erfahrung schreibt.
Dieser sagt einmal - und ich sage es Dir als Antwort auf Deine Frage: Es gibt
nichts Peinlicheres, als Leiden; aber nichts Erfreulicheres, als aus Liebe zu
Gott gelitten zu haben. Leiden tut dem Menschen hier wehe, droben wohl. Wären
aller Menschen Herzen nur ein Herz, so könnte es auf Erden doch nicht den
kleinsten Lohn ertragen, den der Herr in der Ewigkeit für das geringste Leiden
geben wird, das aus Liebe zu ihm gelitten ist. Leiden - ist der sicherste und
kürzeste Weg zum Himmel; ist die Rute der Liebe für Gottes Auserwählte; mindert
die Freuden, aber vermehrt die Gnaden. Alle Heiligen im Himmel sind Freunde und
Beschützer eines leidenden Menschen, denn sie haben es selbst empfunden, wie
bitter und doch wie heilsam der Trank der Leiden ist. Geduld in Leiden ist
grösser, als Tote erwecken oder andere Zeichen tun; es ist ein lebendiges Opfer,
ein edler Balsamduft, der mächtig zu Gottes Angesicht dringt. Es macht zu
Genossen der Martyrer und führt mit sich den Sieg wider alle Feinde. Wer nicht
gelitten hat, was weiss der! Im Himmel singt die leidende Seele ein neues Lied,
das alle Engelscharen nie singen konnten, weil sie nie gelitten haben. - Sieh',
Regina, etwas so Königliches im Reiche Gottes ist das Leiden. Es ist ein
Purpurmantel, den unser Herzblut webt.«
    »Lieber Onkel,« sagte sie, und ihr gewohnter heiterer Friede lächelte wieder
aus ihrem schönen Antlitz; »ich hatte dennoch Recht zu sagen: O wunderbarer
Tausch! Gottes Trost für vergängliches Leid! - nur darf ich diesen Trost nicht
in dem vergänglichen Leben hienieden erwarten. Nun wohlan! um desto sicherer ist
er mir in der Ewigkeit aufbewahrt! Meine Glücksbegriffe sind ja noch sehr eng
und niedrig, denn ich bin ungeübt und unerfahren. Gehört aber die ganze Summe
von menschlichen Elendserfahrungen dazu, um standhaft in der vollkommenen
Hingebung an Gott zu werden: so will ich sie in gelassener Unterwerfung annehmen
und mit dem heil. Augustinus beten: Gib mir Kraft, o Herr, zu tun, was du
gebietest, und dann gebiete, was du willst.«
    »Ja, Kind! halte Dich möglichst in heiliger Gelassenheit. Kommen Dir
Ruhezeiten und Tröstungen, so preise die Barmherzigkeit Gottes; bleiben sie aus,
so preise seine Gerechtigkeit. Begehre nie, einen Genuss in Deinem geistlichen
Leben zu finden, denn ein solcher ist leicht mit Selbstgefälligkeit gemischt;
sondern sprich mit dem heil. Bonaventura: Gibst du mir Freuden, so verwunde mein
Herz; und gibst du mir Leiden, so verwunde mein Herz - damit es deinem Herzen,
mein Heiland, ähnlich werde!« - Und nun genug, geliebtes Kind! tritt ein in die
Schule des Kreuzes mit vieler Demut und vieler Grossmut, sieh gänzlich ab von Dir
und schaue einzig und allein auf den Gekreuzigten, dem Du nachfolgen willst. Nur
das ist der Weg, auf dem Du die Welt überwinden kannst. - Ich habe jetzt einen
Krankenbesuch zu machen,« fuhr er in verändertem Tone fort. »Wendel ist vor ein
paar Tagen aus Amerika zurückgekommen, schwer krank, ohne Frau und Töchter, mit
seinen drei Buben. Ich liess ihm sagen, ich würde ihn besuchen.«
    »Der Wendel ist wieder da?« rief Regina erstaunt; »ist er vom
Republikanismus geheilt?«
    Nimm Hut und Shawl und begleite mich. Unterwegs erzähle ich Dir, was ich
weiss. Er wohnt jetzt bei seiner braven Schwester.«
 
                          Gottes Mühlen mahlen langsam
Sie gingen einem Bauernhof zu, der etwa eine halbe Stunde vom Schloss am Fusse
eines bewaldeten Hügels lag. Die freundliche Märzsonne milderte mit ihrem warmen
Strahle schon etwas die scharfe Luft. Die Äcker wurden bestellt und lagen mit
ihren umgebrochenen Furchen in langen schwarzen Streifen neben den lichtgrünen
der jungen Wintersaat, die unter der eben geschmolzenen Schneedecke kräftig
gediehen war. Die Lerchen fuhren von den Feldern auf und in den blauen Himmel
hinein und frohlockten ihr ewig junges Lied vom Lob Gottes und vom erwachenden
Frühling. Scharen von Tauben rauschten auf und nieder mit ihrem klingenden
Flügelschlag und schimmerten wie Silberflocken im lichten Blau. Der Fink sass am
Waldessaum in unbelaubten Bäumen und schlug sorglos seinen süssen Schlag; und aus
der Waldestiefe tönte dumpf und taktmässig die Axt des Holzschlägers. Die Hähne
krähten schallend von einem Gehöft zum andern. Hie und da bellte ein Hund, der
eine einsame Hütte zu bewachen hatte, in welcher kleine Kinder ihrem Schutzengel
und seiner Obhut von den auf Arbeit ausgehenden Eltern anvertraut waren. Aus den
Schornsteinen stiegen kerzengerade feine geschlängelte Rauchsäulen auf und
zerflossen in der Höhe. Wohltuender Friede war der Grundzug dieses schlichten
Stilllebens in der Natur- und der Menschenwelt
    Als Regina mit Levin in den frischen Tag hinaus trat, sog sie diese Bilder
und diese Klänge durstig ein und sagte dann mit einem langen Atemzuge sehr
fröhlich:
    »Ach, lieber Onkel! hörst Du wohl, dass die Lerche singt: Dir! Dir! Dir! Dir,
Herr, sei Ehr'! - und dass der Fink schlägt: Wie lieb', wie lieb', wie lieb' ich
Dich!«
    »Ja, Kind,« erwiderte er gerührt, »wer gern an Gott denkt, der findet ihn
überall - und wer aus ganzem Herzen nach ihm verlangt, dem begegnet er überall.«
    »Aber wo ist denn die Wendelrose geblieben?« fragte sie teilnehmend.
    »Das weiss ich nicht! wir werden es ja bald von dem Vater erfahren.«
    »Und wie ist er denn zum Kreuz gekrochen, der böse Wendel?«
    »Wie der verlorene Sohn. bestes Kind! Er schrieb mir im vorigen Herbst einen
verzweiflungsvollen Brief aus New-York und bat um Reisegeld zur Heimkehr für
sich und seine Söhne.«
    »Wie frech! Du hast ja früher so viel für ihn getan!«
    »Und doch nicht genug - nicht genug für ihn gebetet! Ueberdies gestand er
ein, dass er sich der Unterstützung von meiner Seite umso unwürdiger fühle, als
er einst in seinem blinden Hass gegen die Priester mit einem Steinwurf mich
schwer verletzt habe. Dies freiwillige Bekenntnis rührte mich sehr. Ich sorgte
für Reisegeld - und jetzt ist er da.«
    Sie hatten das Gehöft erreicht. Bei ihrem Eintritt in den Hof balgten sich
drei Buben in armseligen Kleidern mit dem grossen Hofhund herum, der von ihnen
abliess, um durch heftiges Bellen Fremde anzukündigen. Die Bäuerin eilte aus der
Küche herbei, begrüsste mit ehrfurchtsvollem Handkuss den hochwürdigen Herrn und
Regina mit bescheidener Vertraulichkeit und seufzte, in Tränen ausbrechend:
    »Ach, mein armer Bruder! Nichts als das nackte Leben, Gram und Krankheit und
die Buben da - hat er heimgebracht!«
    »Aber vielleicht ein bekehrtes Herz: und das ist die Hauptsache,« sagte
Levin tröstend.
    Die Bäuerin führte den Besuch in die Stube, die mit vielen Heiligenbildern -
den Schutzpatronen der ganzen Familie - mit Kruzifix und Muttergottesbild von
Engelberg, mit Weihwasserbrünnlein und geweihtem Palmzweig - der freilich nur
Buxbaum war - sauber und freundlich sich ausnahm. Tische und Bänke waren so rein
und glatt abgewischt, dass sie wie poliert aussahen. Die buntbemalte
Schwarzwälderuhr ging mit ihrem schweren Pendelschlag. Daneben hing der
Kalender; - in ungesuchter und richtiger Zusammenstellung an den Wert und die
Flüchtigkeit der Zeit erinnernd. In einer Ecke stand ein Nussbaumschrank, hinter
dessen Glasfenstern allerlei Kostbarkeiten vor Kindern und Fliegen bewahrt
wurden. Da standen uralte Gläser mit goldenem Rande; bunte Tassen; ein
Jesukindchen von Wachs; ein Osterlämmlein von schneeweissem Zucker, mit einer
Siegesfahne von rosenfarbenem Tafft; zwei verblichene Blumensträusse, welche
einst Gräfin Kunigunde vom Altar der Schlosskapelle entfernt - und welche sich
die Bäuerin zum Andenken ausgebeten hatte; zwei hellgrüne Pappkästchen, worin
sich die Goldkrönchen verbargen, die bei der heiligen Erstkommunion die Kinder
getragen hatten; einige Rosenkränze und bemalte geweihte Kerzen, Andenken an
Wallfahrten zum heiligen Blut nach Walldürn in schweren Zeiten und grossen Nöten.
Kurz, die Freuden und Leiden von ein paar Generationen waren in verständlicher
Zeichensprache hier eingeschrieben. Nichts war unbehaglich in der Stube als die
furchtbare Hitze, die aber der Bauer liebt, um sich eben so gründlich zu
erwärmen, als er bei seinen Feldarbeiten gründlich durchkältet wird. Trotz
dieser Hitze war der Grossvaterstuhl am Ofen nicht leer. Da sass ein Mann von
stämmigem Wuchs, aber abgezehrt bis auf die Haut, die welk und gebräunt an
seinen derben Händen hing, während sein Gesicht, ganz zerrissen von
Blatternnarben, und seine roten geschwollenen Augenlider, seinen erbärmlichen
Anblick erhöhten.
    »Wendel! der hochwürdige Herr besucht Dich, und Gräfin Regina!« sagte die
Bäuerin freundlich.
    »Gott vergelt's, hochwürdiger Herr, Gott vergelt's tausendfach, was Sie an
mir armen Sünder tun! und bin ich auch nicht Ihrer Güte würdig, so kommt sie
doch meinen armen Buben zu gut, die es Ihnen, will's Gott! besser danken werden,
als ich!« rief Wendel mit zitternder Stimme und am ganzen Körper so heftig
zitternd, dass er, der aufgestanden war, um Levin und Regina zu begrüssen, sich
gleich wieder setzen musste. Aber er ergriff deren Hände und küsste, drückte und
schüttelte sie, und seine groben vernarbten Züge nahmen den Ausdruck innigster
Dankbarkeit an. Und die Bäuerin stand daneben und klopfte zum Ausdruck ihrer
Liebe immerfort ganz sanft mit der rechten Hand auf Reginas Schulter, während
sie in der Linken den Saum ihrer Schürze hielt und sich zuweilen die Augen damit
abtrocknete.
    »Armer Wendel! bist Du krank gewesen?« fragte Levin und setzte sich
teilnehmend zu ihm an den glühenden Ofen. Hast Du kein Gold gegraben in
Kalifornien - oder wo Du sonst warst?«
    »Zwei Gräber hab' ich gegraben - für eine Tote und für eine Lebende, sonst
nichts!« sagte Wendel mit dumpfer Stimme und fuhr mit der Faust über seine
geschwollenen Augenlider.
    »Wir wollen Gott danken, dass Du wieder bei uns bist,« sagte Levin mild
ablenkend, »und die Toten der Barmherzigkeit Gottes empfehlen. Dann wollen wir
sorgen, dass Du wieder gesund wirst und arbeiten kannst. Ich besorge Dir den
Arzt, Medikamente und Wein zur Stärkung; Regina schafft einige Kleidungsstücke
für Dich und die Buben an; Deine brave Schwester gibt Euch Obdach und Nahrung;
und mit der Sommerszeit bist Du ein neuer Mensch geworden - gelt?«
    »Und wie hat er mir zugesetzt, der Wendel, auch nach Amerika zu gehen!« rief
die Bäuerin. »Da wären Ländereien, gross wie eine Grafschaft, um nichts zu haben
und keinen Heller Steuern dürfte gefordert werden - und Prinzen heirateten
Bauernmädel und Bauernbuben Prinzessinnen - und alle wären ein Herz und eine
Seele.«
    »Hat mir alles der Florentin erzählt, der Florentin Hauptmann, hochwürdiger
Herr!« sagte Wendel. »Aus dem hat sich der Herr Graf eine Natter auferzogen! ja,
eine Natter für viele von uns! In den bösen Jahren schlich er hier umher, und
tat so schön und sprach so klug, dass es in der ganzen Welt jetzt vorwärts!
hiesse, so dass die geringen Leute obenauf kämen. Denn die, welche den Erdboden
bebauten, die müssten ihn auch von Rechts wegen besitzen. So wär's in Amerika;
leider aber in Deutschland nicht, denn die Fürsten und Edelleute verhinderten
das, und die Pfaffen unterstützten sie in ihrer Bosheit, indem sie dem gemeinen
Mann Gehorsam vorpredigten. Darum müssten sie sich alle zusammentun, die das Herz
auf dem rechten Fleck, Liebe für die Befreiung des deutschen Vaterlandes und
Sinn für den Fortschritt hätten; und sie müssten es durchaus dahin bringen, dass
Deutschland nicht hinter Amerika zurück und nicht in der Knechtschaft sitzen
bliebe. Das wär' eine Schande, sagte er. Und in diesem Ton ging das fort. So
sprach er, so las er aus allerhand Schriften vor. Wer ihm glaubte - das war ich!
besonders dann, hochwürdiger Herr, wenn er den Schoppen dazu setzte. Ich hatte
ja immer einen unruhigen Kopf, wie Sie ja wissen, und meinte, ich wäre zu was
Besserem geboren; ich wusste nur nicht zu was. Aber der Florentin steckte mir ein
Licht auf - nur leider ein Irrlicht! Ich wollte in Deutschland ein freier
Amerikaner werden, und hasste deshalb Fürsten und Herren und Priester, und half
Barrikaden gegen sie bauen. Ich warf grimmig den Stein gegen Ihr weisses Haupt,
hochwürdiger Herr, als ich durch die Flur strich, um meine Kameraden
aufzusuchen, mit denen ich, unter Florentins Anführung, den Marsch auf Windeck
und die Plünderung der Gewehrkammer des Herrn Grafen verabreden wollte. Es kam
aber nicht dazu! Florentins Stirn war nicht eisern genug, um vor dem Schloss
Stich zu halten, und Gräfin Regina liess uns durchaus nicht herein. Aber,
hochwürdiger Herr, da der Florentin, der doch auf dem gräflichen Schloss in Sammt
und Seide und aller Gelehrsamkeit aufgewachsen und fast ein Grafensohn geworden,
und dennoch statt mit seinem Schicksal zufrieden - mit der ganzen Welt
missvergnügt war: musste ich da nicht leicht irre geführt werden und glauben, es
gehe verkehrt auf der Welt zu?«
    »Es war eine Versuchung, armer Wendel, und Du hättest ihr wohl widerstehen
können.«
    »Freilich, hochwürdiger Herr! aber ich war wie ein Mensch, der im Rausch
umherrast, um etwas zu ergreifen, was in seinem verkehrten Hirn sitzt, aber
sonst nirgends.«
    »Ach, Wendel!« jammerte die Bäuerin, »hättest Du auf mich gehört und auf
Dein armes Weib, so wärst Du nimmer in dies Elend geraten.«
    »Ich weiss! ich weiss, Bärbel! Ihr war't beide brav und gottesfürchtig und
habt mir tausendmal gesagt: Wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen
nicht; und habt mich bitterlich weinend gebeten, mich mit dem lieben Herrgott
durch würdige Beicht und Kommunion zu versöhnen. Dafür hab' ich Euch verlacht
und verspottet, und mich trotzig abgewendet von Gottes Gnade und Herrlichkeit,
und mein armes Weib' in's Elend geschleppt, wo sie vor Hunger und Kummer
umgekommen ist ohne Priester und Sakrament - und die Rosel verloren für Zeit und
Ewigkeit - und den siechen Leib, den Bettelstab und die hungernden Buben in Dein
Haus zurückgebracht, weil ich auf Gottes weiter Welt sonst nicht weiss wohin. Ja,
Bärbel: Gottes Mühlen mahlen langsam, langsam, aber trefflich fein; was durch
Langmut er versäumet, holet er durch Schärfe ein. Das war ein Kernspruch von der
Mutter selig; weisst Du's noch, Bärbel? ich vergass ihn Zeit meines Lebens. Als
ich drüben blind und krank an den Pocken lag - ein armer Lazarus vor des reichen
Mannes Tür - da fiel er mir ein und kommt mir nicht mehr aus dem Sinn. Ja, ja,
Bärbel! Gottes Mühlen mahlen langsam, langsam, aber trefflich fein!«
    »Wenn Du das einsiehst, armer Wendel,« sagte Levin mit zärtlichem Mitleid,
so ist Dein Herz ja in der Tat trefflich fein ausgemahlen.«
    »Und ich wollt' es schon aushalten, hochwürdiger Herr, wenn nur nicht der
Gram um mein Weib und die Rosel wäre! mir hat der Florentin den Kopf verdreht -
der Rosel das Herz.«
    Regina hatte bisher schweigend zugehört. Jetzt stand sie auf und sagte mild
wie der Engel der Barmherzigkeit: »Wendel, ich kann's nicht aushalten, eine so
traurige Geschichte von der armen Rose zu hören. Ich will hinausgehen und die
Buben ein wenig im Katechismus examinieren.«
    »Im Katechismus?« sagte die Bäuerin, indem sie Regina begleitete; »dass Gott
erbarm! Die Buben sind wie die Wilden, gnädige Gräfin, und wissen vom
Katechismus so wenig, wie die Krähe vom Sonntag.«
    »Wo ist denn die Rose? kann man ihr nicht helfen?« fragte Levin, als er mit
Wendel allein war. »Sie kann ja nicht im Bösen verhärtet sein; sie ist ja so
jung.«
    »Auf Georgi neunzehn Jahre, hochwürdiger Herr. Sie war von Kindesbeinen an
ein sauberes Mädel, aufgeweckt und klug - aber hoffärtig! den Sparren im Kopf
hat sie richtig von mir geerbt: sie wollte hoch hinaus. Das grämte ihre arme
Mutter; mich freute es. Als der Florentin hier herum scharwenzelte, war sie
blutjung; aber sie suchte immer dabei zu sein, wenn er mit mir sprach, und
begriff alles so gut, dass sie mir manches erklärte, was ich nicht begriff, so
z.B. das Selbstregiment, welches das Frauenzimmer in der neuen Freiheit führen
würde; und die edle freie Liebe, die jede glücklich machen würde, wenn sie der
Neigung ihres Herzens freien Lauf liesse. Ich meine, sie war damals schon in ihn
vernarrt. Da ich aber meinen eigenen Grillen nachging und auch sah, dass der
Florentin, trotz seiner glatten Reden, viel zu hochnasig war, um nicht lieber
mit einer amerikanischen Prinzessin, als mit einem deutschen Bauernmädel zu
charmieren: so kümmerte ich mich nicht weiter darum und arbeitete für die
deutsche Freiheit, die mich und Rosel zu hohen Ehren bringen sollte. Statt
dessen ging das Ding schief. Die Fürsten brauchten ihr Recht, wie ich jetzt
sage; damals sagte ich: Gewalt! und liessen tüchtig auf die Revolutionäre
schiessen, was sie von Anfang an häten tun müssen, um die Rädelsführer zu ducken
und die Betörten zu belehren, dass man sich beim Barrikadenbau ganz umsonst die
Fäuste blutig arbeite. Bei dem Maiaufstand in Dresden im Jahre 1849 war ich
noch; denn ich zog umher, bald hier und bald da, und liess mein Weib auf unserem
Hofe wirtschaften, und liess mir jeden Kreuzer schicken, den sie, Gott weiss wie
sauer! erarbeitete. Aber in Dresden bekam ich's satt. Da hiess es freilich, nun
müssten alle tüchtigen Männer nach Holstein ziehen und den Dänenkönig aufs Haupt
schlagen. Aber ich ging nicht mit; sondern heim, verkaufte in der Stille meinen
Bauernhof und erklärte dann meiner Frau, wir wären jetzt Auswanderer, die sich
in Amerika ein Stück Paradies aussuchen würden. Ihr Jammergeschrei klingt mir
noch in den Ohren! - Der Hof war verschuldet, dass von der Verkaufsumme nicht
einmal unser Reisegeld übrig blieb. Der Herr Graf und Sie, hochwürdiger Herr,
mussten eine Beisteuer geben, die ich durch mein armes Weib erbitten liess, wobei
Sie noch sagten: es tue Ihnen recht leid wegen der guten Frau. Endlich musste
auch noch die Bärbel mit ihrem Sparpfennig herausrücken, damit wir nur
fortkämen. Das war eine erbärmliche Reise, ein Stück vom Fegfeuer, hochwürdiger
Herr! mein jüngstes Kind starb auf der Überfahrt; ein herziges Kind, die Teres,
sechs Jahre alt, der Mutter Augentrost. Es konnte die Stürme und die
Seekrankheit und das Elend der Zwischendeckspassagiere nicht aushalten; es bekam
ein Fieber, das immer stärker und stärker wurde und am neunten Tage war es tot.
Unter den Passagieren der ersten Kajüte befand sich der Florentin, der
inzwischen in Italien Revolution gemacht hatte - aber auch nicht auf die Dauer.
Er war ja ein studierter Arzt und er besuchte auch die kleine Teres; allein er
sagte, gegen einen so heftigen Typhus sei nichts zu machen. Das Kind war kaum
verschieden und noch nicht kalt, da schrie das ganze Schiff, man müsse es gleich
über Bord werfen, damit es aus dem Wege komme und nicht Ansteckung verbreite.
Sie hätten es schon gerne bei lebendigem Leibe über Bord geworfen, glaub' ich!
Meine Frau wollte schier verzweifeln. Ach, erbarmt euch, ihr Leute, erbarmt
euch! schrie sie, und schafft mir einen Priester, dass er den letzten Segen über
mein Kind spreche. Es war aber kein Priester auf dem Schiff, und die Leute, die
umherstanden und hörten, wie sie nach einem Priester jammerte, brummten in den
Bart oder grinsten höhnisch und einer sagte, man müsse nicht so viel Umstände
machen mit dem Stückchen Fischfrass. Als nun meine Frau fortwimmerte: erbarmt
euch meiner, ihr Leute! es ist ja ein christliches Kind! ein im heiligen Blut
Jesu getauftes, unschuldiges Kind! das kann man ja nicht dahinwerfen ohne
priesterlichen Segen! da trat die Rose auf sie zu, schüttelte sie am Arm und
sagte ganz rot und verlegen: Mutter, schreit doch nicht so! die Leute sehen Euch
an und wundern sich, was ihr mit dem Priester wollt! man muss sich ja schämen für
Euch! - Starr blickte die arme Frau die Rose an und sagte kein Wort mehr; aber
sie schluchzte, als ob ihr das Herz brechen wollte. Und nun nahm sie das Beste,
was sie ihrem Kinde zu geben hatte, ihren Rosenkranz nahm sie vor, der am
heiligen Blut zu Waldürn geweiht war, den sie manches Jahr in der Tasche bei
sich getragen und hundert- und tausendmal gebetet hatte. Den zog sie hervor und
küsste ihn andächtig, und küsste einzeln den lieben Herrgott und die
Muttergottesmedaille, die daran hingen. Dann schug sie ihn um den Hals des
Kindes und steckte das Kreuzchen mitten auf der Brust des Kindes mit einer Nadel
ganz fest am Hemdchen an. Dann schlug sie die kleine Leiche von Kopf bis zu Fuss
in eine ihrer Schürzen sauber und sorgsam ein und trug sie vorsichtig auf ihren
Armen zu den Matrosen, welche sie in ein altes Stück Segeltuch wickelten, mit
Stricken auf ein schmales Brett festschnürten, an dessen Fussende eine eiserne
Kugel hing. Das sah sie alles mit an, die arme Mutter, und die drei Buben und
ich sahen es auch mit an; und darauf sagte sie: Nun kommt, ihr Kinder! nun
wollen wir fünf Vaterunser und fünf Gegrüsst seist du, Maria für unsere liebe
kleine Teres beten, damit sie bald zur seligen Anschauung Gottes gelange;
kniete nieder mit ihren Buben und betete laut. Und ich betete mit, hochwürdiger
Herr, aber leider nur ganz leise. Und ich kniete auch nicht; mir waren die Knie
steif von Trotz gegen Gott und von Menschenfurcht. Die Rose aber war gar nicht
mitgegangen, hatte sich in ein Eckchen gedrückt und weinte da still vor sich;
denn nicht aus Bosheit hatte sie so hart zur Mutter geredet, sondern aus
Menschenfurcht, besonders wegen dem Florentin; und Sie sehen, hochwürdiger Herr,
dass sie von mir auch den Sparren im Kopf geerbt hatte. Endlich hoben die
Matrosen das traurige Brett auf. Da stiess mein armes Weib einen dumpfen Schrei
aus und fiel wie tot zu Boden. Ich aber schaute starr aufs Meer und sah Etwas in
die Wellen hineinschiessen, die sich spalteten und wieder zusammenrauschten; und
es wurde mir schwarz vor den Augen.« - -
    Wendel schwieg erschöpft, drückte seine Hände krampfhaft an die Stirn und
sagte nach einer Weile:
    »Ich will es kurz machen, hochwürdiger Herr, und Sie nicht ermüden mit der
Erzählung von allem, was wir drüben gelitten haben. Es waren nur zwei Jahre,
aber man könnte dicke Bücher davon schreiben. Das Schiff war ein Stück Fegfeuer;
ja! aber da hoffte ich! Drüben kam die Hölle, wo man nicht mehr hofft. Geht man
hinüber, ledige Leute, kräftig, zu jeder Arbeit willig; oder Vater und Mutter
noch rüstig und mit erwachsenen rüstigen Kindern - nun ja, dann schlägt man sich
durch unsägliche Mühsale durch, und muss auch die eine Hälfte darüber ins Gras
beissen, so kommt die andere doch wohl auf einen grünen Zweig. Aber wir! - wir
waren unserer sechs, von denen die drei Buben nicht arbeiten konnten, weil der
älteste erst zwölf Jahre alt war. Ich ging nicht nach Amerika, um zu arbeiten;
hätte ich das gewollt, so hätte ich daheim bleiben und Weib und Kinder ernähren
können. Die Rose war ebenso arbeitsscheu wie ich, alle Untugenden hat sie von
mir geerbt. Da war also niemand, der sich auf die Arbeit verlegte, als meine
Frau. Essen und Obdach haben - wollten wir aber alle sechs. Es gibt auch gar
keine Arbeit in den grossen Seestädten für die armen Auswanderer. Die müssen
gleich in die Landstrecken des Westens ziehen und ein kleines Betriebskapital
mitbringen, um sich das Notwendigste an Lebensbedarf, Gerätschaften und was eine
Niederlassung und Ackerwirtschaft in der Wildnis erfordert, zu kaufen. So
machtens ein paar Schwaben, Vater und Sohn, brave Leute, mit denen wir zufällig
den ersten Tag zusammentrafen. Der Sohn freite auf der Stelle um die Rose.
Weibsbilder sind rar in Amerika; da bleibt keine ledig. Aber Rose rümpfte
gewaltig die Nase und meinte, es verlohne sich nicht der Mühe, nach Amerika zu
gehen, um dort einen schwäbischen Bauern zu heiraten; den könne man auch in
Europa haben. Sie war wie behext von dem Florentin. Auf der Reise hatte das
angefangen und es nahm zu, je mehr Florentin erkannte, dass in New-York die
amerikanischen Prinzessinnen nicht herumliefen, die sich ihm in die Arme werfen
würden. Da stieg denn das Bauernmädel ganz gewaltig in seinen Augen, und da er
sich auch recht verlassen fühlen mochte, so tat's ihm wohl, dass sie ein Herz für
ihn hatte. Es ging ihm schlecht, ich sah es an seinem abgetragenen Rock; und er
fing auch bald an, auf Amerika zu schimpfen, obgleich mehr und mehr von seinen
Leuten, den Revolutionsmännern, herüber kamen. Es hatte aber jeder vollauf zu
tun, um sich nur durchzubringen; denn alles, was zum Lebensbedarf gehört, ist
furchtbar teuer da drüben. Was man anschaut, kostet einen Dollar. Da kann nicht
so leicht einer dem andern beistehen, wenn er auch wollte, und wenn er Zeit
hätte, an einen andern zu denken, als an sich selbst. Jeder muss zugreifen und
das Stück Arbeit, das er eben findet, geschwind verrichten; sonst schnappts ihm
ein anderer vor der Nase weg. Mit seinem Pulsfühler wird er sich den Geldbeutel
wohl nicht sehr gespickt haben, der Florentin! Kurz, er fing an von Kalifornien,
dem Goldlande, zu sprechen; denn er kam immer fleissig zu uns - versteht sich
wegen der Rose. Mir aber fielen vor dem amerikanischen Paradiese die Schuppen
von den Augen. Wir schmachteten im grässlichsten Elend und ich glaubte auch an
sein Goldland nicht. Ein Wort gab das andere; und endlich verbot ich ihm, den
Fuss je wieder über meine Schwelle zu setzen. Er ging - und am anderen Morgen war
die Rose verschwunden. Wir haben sie nicht wieder gesehen!«
    »Stelltet Ihr denn gar keine Nachforschungen an, Wendel?«
    »Ach, lieber hochwürdiger Herr! ein blutarmer Mann kann in Amerika keine
anderen Nachforschungen anstellen als die, dass er Tag und Nacht Strass' auf
Strass' nieder rennt und sein Kind sucht. Nachforschungen von den Behörden kosten
viel Geld! Der wackere Geistliche, bei dem mein Weib in die Messe und zur Beicht
ging und an den sie sich in ihrem Herzeleid wendete, tat, was er konnte, um die
Verlorene aufzuspüren; er selbst und andere barmherzige Leute. Aber nirgends die
geringste Spur! sie wird sich eben mit dem Florentin auf ein Dampfschiff oder
die Eisenbahn gesetzt haben und in die weite Welt - oder zur Hölle gefahren
sein! Mein Weib wurde ein Jammerbild. Hunger, Sorge, schwere Arbeit hatten ihr
nicht so zugesetzt, wie der Gram um Rosel. Schau', Wendel! sagte sie und sah
mich an mit ihren hohlen eingesunkenen Augen; schau', wohin der Mensch kommt,
der den Glauben verliert. Für unsere kleine Teres' hat die Rosel damals den
priesterlichen Segen verachtet; jetzt verachtet sie ihn für sich selbst und geht
in blinder heidnischer Weis' zu einem Mann, der sie in Schande und Unglück
stürzen wird. - Es ging mir durch Mark und Bein, denn ich hatte ja auch den
Glauben verloren und das hatte mein armselig Mädchen ebenfalls von mir geerbt!!
- Der brave Geistliche hatte grosses Erbarmen mit uns, das ich wahrhaftig nicht
verdiente, denn trotz meines Elendes hatte ich mich nie im Gottesdienste, nie
bei den heiligen Sakramenten eingefunden. Ein Farmer, der alle Jahr zur
österlichen Zeit nach New-York kam und dreihundert englische Meilen nicht
scheute, um seine Christenpflicht zu erfüllen, hatte den Pfarrer gebeten, ihm
einen tüchtigen Knecht zu verschaffen. Der Pfarrer empfahl mich und stellte dem
braven Farmer, der sein Weib verloren hatte und sich nicht zur zweiten Ehe
entschliessen konnte, so dringend vor, wie nötig ihm eine Magd sei, dass er ganz
gern auch mein Weib als Haushälterin nahm; und als er so weit war, da erklärte
ihm der Pfarrer, die drei Buben müsse er obendrein nehmen - und so lange sprach
er ihm zu und so innig verhiess er ihm die Seligkeit, welche die Barmherzigkeit
erwartet, dass sich der gute Farmer endlich willig fand uns alle aufzunehmen. Wir
zogen mit ihm in die Wildnis. Wäre meine Arbeitsscheu nicht mürbe geworden vom
Hunger, hochwürdiger Herr, so hätte ich mich billig entsetzen dürfen vor der
rauhen, schweren, mühseligen Arbeit, die mich erwartete. Hier war ich zu faul
gewesen, um als Bauer meine Ackerwirtschaft zu bestellen, dass ich meine, ich
hätte zuweilen Blut geschwitzt. Doch gleichviel! der Herr war gut und teilte
alles mit uns, das rohe Obdach und die grobe Kost; wir konnten leben. Ein Stück
Wald sollte in urbares Land verwandelt werden; da musste man alle Bäume und
Sträuche nicht bloss fällen, sondern auch Wurzeln aus der Erde graben. Das war
mein Geschäft; die Frau besorgte die Küche, die Milchwirtschaft und was es im
Hause zu tun gab. Die Buben gingen ihr und mir zur Hand, hüteten Pferde, Kühe
und Hühner und halfen dem Herrn, der mit der Feldwirtschaft, der Jagd, dem in
Stand halten seiner Gerätschaften vollauf zu tun hatte. Ein neues und grösseres
Blockhaus wurde gebaut. Das alte war zu eng und ganz vermorscht; der Farmer
hatte es bereits halb zerfallen vorgefunden. Als das neue fertig war, kam es uns
vor wie ein Schloss so stattlich - und bestand doch nur aus Wänden von
Baumstämmen mit Moos verstopft und aus dem natürlichen Estrich der Erde, nur
festgestampft. Es war recht feucht, dies Schloss und wir liessen, als wir es
bezogen, am ersten Tage das Feuer gar nicht in unserer Kammer ausgehen. Es
brannte in einer Art von Kamin auf einem niedrigen Herd von Lehm. Zu beiden
Seiten des Kamins waren Schlafstätten bereitet: rohe Bretter lagen auf dem
nackten Boden, ungegerbte Tierfelle bedeckten sie und darauf war eine dicke
Streu von dürrem Laub gehäuft. Hier bei uns hat kein Taglöhner ein so elendes
Lager. Nun, ich war froh, dass wir wenigstens dies hatten und ich streckte meine
totmüden Glieder recht bequem zur Ruhe aus. In der Nacht fuhr ich halb und halb
aus meinem bleiernen Schlafe auf. Mir war, als hätte ich dumpfes Geräusch
vernommen und tiefes Seufzen. Was gibt's! rief ich schlaftrunken. Sei ruhig! ich
bin bei den glimmenden Kohlen; antwortet mein Weib und ich schlafe wieder fest
ein. Mit dem Tage erwache ich und was muss ich sehen, hochwürdiger Herr! schwarz
im Gesicht, steif gestreckt, liegt mein Weib tot am Boden - und in der Asche des
Herdes eine zusammengeringelte Schlange! Neben mir stand ein Holzklotz, auf dem
wir das Brennholz spalteten. Ich hob ihn auf und warf ihn mit aller Macht auf
die Schlange, die er zermalmte, und dann hieb ich ihr mit der Axt den Kopf ab.
So waren die Buben gerettet - aber mein liebes, frommes Weib war dahin, kläglich
umgekommen, ohne Priester und Sakrament. Wir huben ein Geheul an, dass es die
Steine hätte erbarmen mögen. Der Farmer kam und weinte mit uns. Er war kreuzbrav
und sehr fromm, wie die meisten Irländer sind. Er sprach viele Gebete bei ihrer
Leiche und, nachdem wir sie armselig verscharrt hatten, an ihrem Grabe; und er
zimmerte ein Kreuz und steckte es darauf. Die Schlange hatte vermutlich halb
erstarrt in ihrer Höhle unter der Erde und in der Nähe des Kamins gelegen, war
durch das Feuer erwärmt und geweckt worden und hatte sich einen Ausweg gesucht,
um in dessen Nähe zu kommen. Das geschieht nicht selten. Vermutlich hatte mein
armes Weib bei den glimmenden Kohlen das Untier gesehen. Hätte sie es ruhig
liegen lassen, so wäre es vielleicht nach einigen Stunden ohne Schaden zu tun
fortgekrochen; denn diese Art pflegt nur dann zu stechen, wenn man ihr irgendwie
in den Weg kommt. Sie ist aber so giftig, dass der Mensch augenblicklich von
ihrem Stich aufschwillt, stirbt und schnell in Verwesung übergeht. Wir glauben,
dass mein armes Weib aus Angst um die Buben, die auf der anderen Seite des Kamins
schliefen, den Kopf verlor und die Schlange zu erschlagen versuchte mit einem
dicken Knüttel, den wir neben dem Herde fanden, und dass sie dadurch das Tier zum
Stich aufreizte. So erkläre ich mir das dumpfe Geräusch, das mich weckte. Aber
noch in ihrem Todesstöhnen dachte sie an mich und die Buben! Sei ruhig! sagte
sie. Hätte sie mich geweckt, wie leicht hätten die Buben erwachen und Lärm
machen und die gereizte Schlange uns alle in der Dunkelheit um's Leben bringen
können. Sie war nun dahin, die gute Seele, und der liebe Gott schenke ihr die
ewige Ruhe. Auf Erden hat sie nicht viel gute Tage gehabt - durch meine Schuld!
Mein Farmer vermisste sie sehr und sagte mir eines Tages, es ging nicht gut im
Hause ohne Frau; er müsse sich entschliessen, ein Weib zu nehmen. Mir wurde das
Herz ganz schwer bei dieser Rede! ich weiss nicht warum! aber ich konnte ihm nur
denselben Rat geben. Er vertraute mir die Farm an, ritt von dannen und kam erst
nach zwei Monaten wieder mit einer schönen jungen Frau und zwei Schwägern,
stämmigen Burschen, die mich scheel ansahen und meine Buben noch mehr. Nach drei
Tagen erkrankte die junge Frau und die Pocken brachen so furchtbar bei ihr aus,
als sei sie nie geimpft worden. Wer in der Wildnis krank wird, muss von selbst
gesund werden oder sterben! Ärzte sind unerreichbar. Die Frau starb. Der Farmer
hatte sie treu gepflegt und dabei das Pockengift eingesogen. Er wurde ebenfalls
krank und starb in grossen Qualen, der brave Mann; die Schwäger aber sagten, nun
hätten sie die Farm geerbt und sie brauchten keinen Knecht mit drei Kindern. Sie
gaben mir das Notwendigste, um nach New-York zurückzukehren und so stand ich
denn im vorigen Spätjahr wiederum bettelarm vor der Türe des braven Pfarrers. Da
konnt' ich aber die Last meiner Leiden und meiner Sünden nicht mehr ertragen.
Der liebe Gott musste sie mir tragen helfen. Ich erleichterte mein Herz durch
eine reumütige Lebensbeicht und dann schrieb ich Ihnen, hochwürdiger Herr, und
bat Sie um Reisegeld zur Heimkehr, und der brave Pfarrer schrieb Ihnen auch. Ehe
das Geld aber ankam, ergriffen mich die Pocken und ich war so geschwächt von
all' meinem Elend, dass die heftige Krankheit mich fast um all' meine Sinne
brachte. Ich lag drei Monate im Spital, fast blind, halb taub, zitternd an allen
Gliedern, und so bin ich denn, wie Sie mich jetzt sehen, aus dem amerikanischen
Paradiese heimgekehrt.« -
    Es wurden Stimmen im Hofe laut und Männerschritte liessen sich vernehmen.
Wendel blickte mit seinen kranken Augen scheu nach dem Fenster und Levin stand
auf, um zu sehen, was vorfalle. Da flog die Türe auf und die Bäuerin stürzte mit
den Geberden höchster Verzweiflung in die Stube und schrie:
    »Wendel! sie sagen, die Rose sei eben gefunden, erstickt im Kohlendampf. O
Jesus Maria! ist sie denn nicht in Amerika geblieben, Wendel!« -
    Zwei Gerichtsdiener folgten der Bäuerin; die Buben drängten sich ängstlich
herein und in eine Ecke; Regina eilte schreckenvoll zu Levin und umfasste seinen
Arm; Wendel rührte sich nicht; alle sahen gespannt die Gerichtsdiener an. Diese
grüssten höflich Levin und der eine sagte zur Bäuerin:
    »Heule Sie nicht, Frau, und komm' Sie mit uns. Ist Ihre Nichte wirklich in
Amerika, so kann sie freilich nicht bei uns erstickt im Kohlendampf liegen. Da
aber die Leute sagten, es sei die Wendelrose, die vor drittalb Jahren mit ihren
Eltern ausgewandert sei und wir möchten uns bei Ihr, Frau, Auskunft holen: so
sind wir gekommen, um Sie mitzunehmen.«
    »Wendel, hörst Du nicht!« schrie die Bäuerin ganz ausser sich. »Die Leute
sprechen ja, Deine Tochter sei da - aber tot.«
    »Seine Tochter!« rief der Gerichtsdiener erstaunt. »Ist denn der Wendel auch
aus Amerika zurückgekommen? Hätt' ihn nimmer erkannt! er sieht ja aus wie sein
eigener Grossvater. Nun Wendel, sprecht: kann das eure Tochter sein?«
    »Gottes Mühlen mahlen langsam,« sagte Wendel stumpf, tat seine kranken Augen
weit auf und blickte mit blödsinnigem Lächeln umher.
    »Auch das noch! er ist irr!« ächzte die Bäuerin und fiel auf die Bank. -
    Regina unterstützte sie und rief nach Essig und kaltem Wasser. Der
Gerichtsdiener sagte ehrerbietig zu Levin, der den unglücklichen Wendel in
seinen Armen hielt:
    »Hochwürdiger Herr, reden Sie der Frau zu, dass sie mit uns gehe. Der arme
Mann ist ja seiner nicht mächtig. Vielleicht ist's auch nicht die Wendelrose.
Die Bräuerin aus dem roten Ochsen kann sich ja irren. Man muss nur Gewissheit
haben, ob Ja, ob Nein.«
    »Hat die Bräuerin aus dem roten Ochsen gesagt, dass es die Wendelrose sei: so
ist sie es;« nahm die Bäuerin mit schwacher Stimme das Wort; »denn die ist aus
der Verwandtschaft meiner Schwägerin selig. Wer von uns zur Stadt geht, kehrt
bei ihr ein. Die kennt die Rose wie ihr eigen Kind.« -
    Man kam endlich dahin überein, dass die beiden ältesten Buben mit den
Gerichtsdienern in das benachbarte Städtchen gingen. In einer Oberstube des
Postalterhauses lag auf dem Bette, völlig angekleidet und in einen schottischen
Shawl gehüllt, eine weibliche Gestalt. Die Fenster des Zimmers waren geöffnet
und die Türe verschlossen. Ein Gerichtsdiener hielt vor derselben Wache. Unten
in der Wirtsstube drängten sich die Leute und besprachen das grausige Ereignis.
Als die beiden Buben anlangten und die Treppe hinauf geführt wurden, wälzte sich
ein Menschenstrom ihnen nach, und kaum öffnete sich ihnen die Zimmertür, so
stürzten Beide mit dem Jammergeschrei: »Rosel! ach Rosel!« dem Bette zu. Nun
wusste man, dass es die Wendelrose sei!
    Das Gericht nahm ihren armseligen Reisesack in Verwahrung. Es fand sich
darin kaum das Notdürftigste an Wäsche, ihr Pass, der vor einigen Tagen in London
ausgestellt war, und ein kleines Buch von der Nachfolge Christi, in welchem der
Name Kunigunde Windeck stand. In diese Hände war Regina's fromme Gabe an
Florentin geraten!
    Tags zuvor in aller Frühe war aus dem Post-Omnibus, der zwischen
Aschaffenburg und Miltenberg fährt, in diesem Städtchen ein junger Mann und eine
junge Frau ausgestiegen, die man für Engländer hielt, denn sie sprachen englisch
und trugen blaue Brillen. Er forderte ein Zimmer und Frühstück. Man hörte sie
lebhaft, ja heftig sprechen - wohl eine Stunde lang. Dann ging der Mann fort und
sagte zu der Magd in der Küche: wenn die Frau zu Mittag noch da sei, was er aber
nicht glaube, so möge man ihr eine Suppe bringen. Sie war noch zur Mittagszeit
da und die Magd brachte ihr etwas Essen. Sie lag auf dem Bette, hatte ihre blaue
Brille abgelegt und die Magd bemerkte, dass sie furchtbar geweint habe. Gegen
Abend ging sie aus und blieb ein paar Stunden fort. Als sie wiederkam, war es
ganz finster und sehr kalt. Sie zitterte am ganzen Körper und begehrte Feuer im
Ofen und einen Kasten voll Kohlen. Als die Magd das Feuer angezündet hatte und
das Mittagbrot unberührt auf dem Tische sah, fragte sie, ob sie vielleicht
warmes Abendessen bringen solle. Nein, war die Antwort, aber Bier; ich
verschmachte vor Durst, denn ich habe ein Fieber. Als die Magd das Bier brachte,
dankte sie ihr und schloss die Türe hinter ihr zu. Am anderen Morgen um neun Uhr
war es noch immer ganz still bei der Fremden. Die mitleidige Magd horchte,
klopfte leise an und versuchte die Türe zu öffnen. Alles blieb still. Sie wurde
ängstlich, lief zur Wirtin und bat diese, die Fremde zu wecken. Aber umsonst.
Die Stille war so unheimlich, dass die Postalterin den Schlosser rufen und die
Türe sprengen liess. Kohlendunst erfüllte das Zimmer, denn die Klappe des Ofens
war zugedreht - und die Fremde lag tot auf dem Bette. Neben dem leeren Bierkrug
lagen zwei Zwanziger auf dem Tische. Dies war das Ende der Wendelrose: Hoffart,
die in Gemeinheit unterging; zuerst der Rausch der Sinnlichkeit, zuletzt der
Rausch des Biers; - Schmach im Leben, Schmach im Tode. Abseits an der
Kirchhofsmauer wurde sie in aller Stille beerdigt, und kein Priester sprach den
Segen über ihrem Grabe. Als die Begebenheit bekannt wurde, erzählte ein
Reitknecht: es sei an jenem Abend ein Frauenzimmer im Windecker Schlosshof
erschienen und habe sich scheu umgesehen. Er habe sie für eine Art von Bettlerin
gehalten und sie gefragt, ob sie den hochwürdigen Herrn zu sprechen wünsche.
Nein! habe sie gerufen, den Priester will ich nicht! aber die Gräfin Regina! Auf
seine Antwort, dass diese abwesend sei, habe sie sich gleich entfernt. Eine
Stunde später sei Gräfin Regina angekommen; so dass er bei sich selbst gedacht
habe: Schade, dass die arme Person nicht gewartet hat! - Noch da, gleichsam in
ihrer letzten Stunde, bot ihr die göttliche Barmherzigkeit Versöhnung und Gnade
durch seinen Priester an. Der hätte sie grettet an Leib und Seele. Sie schlug
ihn aus; sie begehrte menschliche Hilfe; als sie diese nicht fand - ging sie
unter an Leib und Seele. -
    Florentin war verschwunden. Leichten Herzens ging er nach der Schweiz. Hatte
er nicht das Äusserste für Rose getan und sie zurückgebracht auf die Schwelle
ihrer Heimat, nachdem er sie dem Elend in New-York entrissen und seine Armut in
London mit ihr geteilt? Um welchen Preis, das brachte er nicht in Anschlag. Es
war ja ihr Wille, ihre Leidenschaft für ihn, welche sie zu seiner Sklavin
machten. Sie war ja glücklich durch ihn, so lange er sie liebte - und dass er sie
nicht ewig lieben werde, hätte sie sich doch wohl vorstellen können. Er hatte
ihr ja tausend Mal gesagt, das wahre Glück beruhe nur auf freiwilligen
Verhältnissen und Neigungen und ersterbe in jeder Art von Zwang. Zwang des
Herzens sei ein Verbrechen, ein Selbstmord, den der Mensch an seiner Liebe
begehe; und weil die Ehe diesen Zwang auf zwei Leute für immer werfe, die
vielleicht nach sechs Monaten gründlich gleichgültig für einander wären: so
müsse man die Ehe verabscheuen. Mit dem allen war sie einverstanden gewesen, so
lange er sie liebte - und dann plötzlich nicht mehr! Schwäche des weiblichen
Kopfes, der jeder Logik unzugänglich ist, weil er von den falschen Schlüssen des
Gefühls übermeistert und konfus wird, sprach Florentin zu sich selbst. Alle
Frauen scheitern an ihrem Subjektivismus! Zur hohen objektiven Anschauung und
Beurteilung grosser allgemeiner Verhältnisse, denen man sich mit voller Kraft und
Begeisterung hingeben muss, erschwingt sich keine! - nämlich keine Rosel. Die
bleibt im Gefühl stecken .... und Punktum! - Aber das Gewissen liess sich nicht
ganz übertäuben. Wer steckte denn tiefer im praktischen Subjektivismus, nämlich
im Egoismus, als er? In stiller Nacht, in den Augenblicken, welche dem Schlaf
vorhergehen, wenn die geheimnisvolle Macht, die einen Riesen an geistigen und
leiblichen Kräften in unsichtbare unwiderstehliche Fesseln schlägt, seine
richtige oder falsche Logik durch das Einschlafen unterbrach: dann stiegen
andere Bilder in Florentin's halbträumenden Gedanken auf. Ja! ihre Leidenschaft
hatte sie zu seiner Sklavin gemacht; aber auf dem Bauernhof ihrer Eltern, auf
dem Auswandererschiff, in dem Elend von New-York hatte er diese Leidenschaft
geweckt und genährt durch seine giftigen Lehren, seine verderblichen Ansichten.
Warum hörte sie hin? warum nahm sie dieselben an? Ja, das war freilich ihre
Schuld: sie gab Gehör dem Zischen der alten Schlange! Aber warum schmeichelte er
ihr mit seiner Bewunderung, dass ein schlichtes Bauernmädchen eine so feine
Fassungsgabe besitze, und warum ging diese Bewunderung mehr und mehr auf ihre
Persönlichkeit über, und warum fand er einen solchen Reiz in der Wahrnehmung,
dass ihr Herz, welches er so geflissentlich vom Glauben an Gott und an göttliche
Gebote ablöste, ihn zu einem Gott machte, an den es glaubte? Ich bin kein Gott!
rief Florentin aus seinen Bilderträumen sich aufreissend und wach schüttelnd. Ich
bin kein Gesetzgeber für andere! warum glaubte sie an mich? warum folgte sie
mir? - - Ein Grauen überfiel ihn, dass er die Verantwortung seiner Grundsätze und
ihrer Folgen für sich selbst und für andere übernehmen solle; und doch wollte er
behaupten, diese Grundsätze wären die einzig wahren, und an ihrer Verbreitung
und Durchführung hänge der Fortschritt der Menschheit. Und immer, wenn er
einschlafen wollte, kamen diese quälenden Vorstellungen. Sein eitler Triumph,
als sie, alle weibliche Zurückhaltung verlierend, ihre Eltern floh und zu ihm
kam - und für ihn arbeitete und sich abmühte, was ihr sonst ein Gräuel war - und
für ihre Person mit dem Armseligsten sich begnügte, während sie sonst an eitlem
Tand übergrosses Wohlgefallen hatte - und ihm nach London folgte und auch dort
mit übermenschlicher Anstrengung zu jeder Arbeit, zu jedem Dienst bereit war, um
ihr Leben zu fristen, damit sie ihm nur nicht zur Last falle und um wohl gar
seinen Bedürfnissen abzuhelfen! Und wie sein eitler Triumph bald verrauschte und
überging in Widerwillen, ja, in grimmigen Hass, weil sie ihm fürchterlich zur
Last fiel mit ihrer Person, mit ihrer Opferwilligkeit, mit ihrer Liebe, die er
verachtete, weil sie sich misshandeln liess. Die Unglückselige, was sollte sie
beginnen? Lieben muss das Menschenherz; dazu ist es geschaffen, dazu wird es von
der Natur gedrängt, dazu geheiligt von der Gnade; das ist sein höchstes,
irdisches und göttliches Gesetz. Aber die Unglückselige! sie hatte die Liebe zu
Gott verlassen, den einzig ächten Quell jeder Liebe hienieden, welche Anspruch
machen darf auf diesen himmlischen Namen; sie klammerte sich an die Kreatur, und
umso fester, als sie keinen anderen Halt hatte - und das nannte sie Liebe. Mit
einer Ausdauer, welche unter anderen Verhältnissen und um Gottes Willen geübt,
die schönste Tugend und die lichteste Glorie des weiblichen Herzens ist, ertrug
sie Florentins schneidende Behandlung, die Ausbrüche seines Zorns, seines
Widerwillens, seine Vorwürfe über ihre lästige Gegenwart. Sie suchte sich
unsichtbar zu machen, um ihm nur nicht in den Weg zu kommen. Sie wünschte gar
nicht von ihm beachtet zu werden; und all' diese unsäglichen Ängste und
Erniedrigungen nahm sie hin, damit er sie nur in seiner Nähe dulde und sie nicht
ganz verstosse. Wenn er damit drohte, ja, dann geriet sie ausser sich und in einen
solchen Wahnwitz von Verzweiflung, dass er sich fürchtete. Hättest Du einen Hund,
sagte sie, den Du nicht zu füttern brauchtest, würdest Du ihm nicht den Platz im
Winkel Deines Zimmers gönnen? verlange ich mehr als ein Hund? In welchem Roman
hast Du das gelesen? fragte er höhnisch. Sie hatte es allerdings in einem Roman
gelesen, den er ihr mit grossen Lobsprüchen gegeben hatte. Aber sie schwieg, denn
das hatte er vergessen. In seinen Träumen fiel es ihm wieder ein. Als Orest ihm
in London die Hundertpfundnote gab, warf er ihr ein paar Goldstücke hin und
sagte kalt: Iss Dich einmal satt! Sie tat es buchstäblich einmal. Das übrige Geld
hob sie auf, um es ihm zu geben, wenn er später nichts mehr haben würde, wenn
die Redaktionen der Journale seine Artikel unbenutzt zurückschickten und wenn es
ihn langweilte, ungelehrigen Kindern Unterricht in der deutschen Sprache zu
geben. Mit Frohlocken fand er zu Ende des Winters die kleine Summe auf seinem
Tisch. Er fragte nicht, er dankte nicht; er rief nur: Jetzt reisen wir! Sie
wagte nicht zu fragen, wohin? Er reiste mit ihr ab und fort bis zu jenem
Städtchen, wo er ihr erklärte: hier könne sie sich zu ihren wohlhabenden
Verwandten begeben oder sich anderweitig leicht ihr Brot verdienen, und hier
trennten sich ihre Wege für immer; sie sei der Fluch seines Lebens und den möge
er nicht länger mit sich herumschleppen. Sie bat und flehte; er drohte und
zürnte. Da sagte sie, sie werde sich das Leben nehmen; er lachte - und ging von
dannen. Aber in seinen halbwachen Träumen fiel ihm ein, dass sie das sagte, und
er fuhr zähneknirschend auf: Bah! wollten sich alle Weiber aus Liebesgram ein
Leid antun, so wäre die halbe Welt entvölkert. Und endlich schlief er denn doch
ein. -
    Der arme Wendel aber murmelte ununterbrochen.
    »Gottes Mühlen mahlen langsam.« Das war der Gedanke, der sich am tiefsten
seines Gemütes bemächtigt hatte und der ihm Stich hielt, als sein von Leiden
aller Art geschwächter Organismus unter dem letzten furchtbaren Schlag seine
geistigen Fähigkeiten, sein klares Bewusstsein verlor. Seine brave Schwester
gönnte ihm gern den Platz im Grossvaterstuhl hinter dem Ofen im Winter - und im
Sommer auf der Bank unter dem alten Birnbaum im Garten, wo die Bienen so munter
summten. Im Hause tappte er still herum, tat nichts, sprach mit niemand. Seine
Buben zog die Bäuerin ebenso rechtschaffen und fromm auf, wie sie ihren eigenen
Sohn erzogen hatte, der ihr im Spätjahr eine liebe willkommene Schwiegertochter
ins Haus brachte. Regina und Levin besuchten öfters den Bauernhof und seine
guten Menschen. So wie Wendel Levin erblickte, pflegte er lebhaft auszurufen:
»Gottes Mühlen mahlen langsam« und die Bäuerin pflegte betrübt beizusetzen:
    »Ach, hochwürdiger Herr! hätte die arme Rosel das bedacht, so hätte sie Busse
tun und vielleicht noch eine Heilige werden können.«
    »Ja,« sagte Levin, »Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich
bekehre und lebe.«
 
                                  Brautkränze
Hyazint hatte das wunderbare Erbe angetreten, das niemand durch irdische
Begabung beanspruchen und durch irdische Berechtigung in Besitz nehmen kann; das
wunderbare Erbe, welches dem Auserwählten himmlische Begünstigung zuwendet, an
die zugleich irdische Entsagung geknüpft ist, damit er eingedenk bleibe, dass
diese höchste Gunst von oben komme und keine Naturgabe sei; Hyazint hatte die
Priesterweihe empfangen. In seiner zärtlichen Andacht zur Mutter Gottes wählte
er den Tag Maria-Hilf, um seine Primiz, seine Erstlingsfeier des heiligen
Messopfers, zu begehen. Ganz Windeck war in einem Freudenrausch; sogar der Graf -
obgleich er behauptete, er werde nur durch die übrigen mit fortgerissen, ihm
blute eigentlich das Herz, da ja nun der gute Hyazint in sein kaplanisches
Elend hineingehen müsse. Dennoch tat er alles, um in seiner Weise das Fest zu
verherrlichen. Das Schloss wurde von oben bis unten bekränzt, bewimpelt und
beflaggt, die Böller aufgestellt, die ganze Verwandtschaft und Freundschaft
eingeladen, die Kapelle glänzend geschmückt. Ein wunderschöner Kelch sollte sein
Angebinde für Hyazint sein. Die Baronin Isabelle, Regina und Corona hatten jede
ein Messgewand für ihn gestickt und Regina ihm den Kranz gewunden.
    »Denk' an mich, wenn Du ihn trägst und bitte Gott, dass ich bald einen
ähnlichen Brautkranz tragen dürfe,« sagte sie, als sie ihm den Kranz reichte.
    »Die heilige Gottesmutter vergisst Dich nicht,« entgegnete Hyazint.
    Es kamen viele Verwandte. Uriel fehlte nicht. Sogar Orest traf aus Mailand
ein; Uriel hatte darauf gedrungen.
    Am Tage Maria-Hilf trug die ganze Natur den bräutlichen Frühlingsschmuck;
die Erde lachte im Blütenkranze des Mai und der blaue Himmel unter seiner
Sonnenkrone. Die Schlosskapelle glich einer Blumenlaube mit Kerzenlicht
durchwebt; der Altar war strahlend. Hyazint im weissen, goldgestickten
Messgewande, den mystischen Brautkranz auf der reinen Stirn, ging zum Altar;
neben ihm die mystische Braut, die ihm die brennende Kerze trug, ein kleines
sechsjähriges Mädchen, die jüngste unter allen Verwandten. Levin und Pater
Atanasius von Kloster Engelberg, Hyazint's Beichtvater von Kindheit auf,
assistierten. Ein wunderbares Fest! auf Erden wird es gefeiert, aber es gehört
dem Himmel an. Die Weihe, das Opfer, der Gegenstand, die Bestimmung - alles ist
himmlisch, alles ist Gnade, alles betrifft den übernatürlichen Menschen. Da
wandelt ein Jüngling zum Altar, verliebt in die göttliche Liebe und dem
geheimnisvollen Opfer, das seine gebenedeite Hand als reines und demütiges
Werkzeug vollzieht, schliesst er das Opfer seiner vollkommenen Hingebung an und
da, wo der süsse Wohlgeruch des heiligsten Blutes zum Trone Gottes emporwallt,
da steigt auch aus der zartesten Blüte des Menschenwesens ein Arom von
unirdischer Lieblichkeit und Schönheit auf. Der Jüngling, der da zum Altare
wandelt, der meint es ernst mit Gott - und Gott mit ihm. Gott hat ihn aus der
Welt auserkoren und geheiligt; dafür soll er die Welt geheiligt an Gott
zurückgeben. Er hat den Zuruf des Apostels im vollen Umfange verstanden: »Was
droben ist, habet im Sinn; nicht was hienieden;« und deshalb wandelt er zum
Altar, er selbst ein geschmücktes Opferlamm, um sich für jetzt und für immer mit
seinem Opfer in das Opfer seines Gottes zu verabgründen, um - das Droben mit dem
Hienieden zahlend - in die Gnadenwelt einzugehen, die der Priester der
Menschheit vermittelt und durch die er der Fortsetzer des Erlösungswerkes, der
Stellvertreter und Mitarbeiter Gottes ist. Eine Feier, die holdseliger und
erhabener, rührender und grossartiger wäre als eine Primiz, gibt es auf Erden
nicht, denn nirgends sonst erscheint der Mensch in so idealischer Verklärteit,
nirgends sonst steht er auf so lichter Höhe des Tabor und nirgends sonst ist ihm
ein Getsemane so gewiss. Die Seelen lieben, die Christus geliebt hat, den Seelen
dienen, denen er gedient hat, - das bringt Leiden mit, die er gelitten hat, und
die leiden nur Seelen, die sich ihm verähnlichen.
    Wie ein Engel, in demütige Anbetung Gottes versunken, ganz weltvergessend,
ganz aufgelöst in die Gnadenfülle, die sich um ihn, in ihn, über ihn ausgoss,
vollzog Hyazint die Feier der heiligsten Geheimnisse, ohne sich auch nur einen
Augenblick aus der Gegenwart Gottes zu verlieren. Mit heiliger Andacht und
tiefer Rührung dienten ihm seine Assistenten, beide - Meister und Vorbilder
seines inneren Lebens, beide - treue Glieder der lehrenden und streitenden
Kirche, beide - wohlgeübt in der Schule des Kreuzes, beide - betend, dass er
gewürdigt werde sie zu durchwandeln. Levin sah so strahlend von seliger Freude
aus, dass Regina den Greis Simeon zu sehen glaubte, nachdem er »das Heil Israels«
geschaut hat und in Frieden heimzugehen wünscht. Stille Wonne durchschauerte sie
bei dem Gedanken, dass diese beiden Erwählten, der Greis und der Jüngling, ihr
die Hand reichten, um sie in die Chöre der Bräute Christi einzuführen. Ihrer
Ängste und Versuchungen achtete sie seit jenem Gespräch mit Levin nicht mehr,
als der Wandersmann, der einen hohen Berg ersteigen will, der Nebel achtet, die
sich zuweilen um ihn zusammenziehen; er schreitet rüstig weiter. Wer »dem Lamme
folgen will, wohin immer es geht,« muss die Siegespalme tragen, sprach sie bei
sich selbst; und sie hatte Uriel mit der klaren Stille empfangen, die ihm
deutlicher als tausend Worte sagte: Solo Dios basta.
    Das heilige Opfer war dargebracht und der fromme Gebrauch vorüber, nach
welchem sich die Andächtigen den Segen des Priesters, der seine Primiz gefeiert
hat, geben lassen. Sie knien vor ihm nieder und er spricht, indem er ihnen die
Hände auf das Haupt legt: »Durch die Auflegung meiner Hände segne dich der Vater
und der Sohn und der heilige Geist;« und macht das Kreuzzeichen über sie.
Frommer und lieblicher, aus tiefer Andacht zum heiligsten Fronleichnam
entspringender Gebrauch! wie sollen die Hände nicht segensreich sein, die zum
erstenmal so glücklich waren, dass sich unter ihrer Segnung die gnadenvolle
Wandlung vollzog! Graf Damian, der sich noch nie um eine Primiz bekümmert hatte,
weit weniger je dabei anwesend war, kannte den Gebrauch nicht und wusste nicht,
was geschehen solle, als seine Töchter, die Baronin und die übrigen Damen zum
Altare vorgingen und dort niederknieten. Als er es aber gewahr wurde und die
schlichten Worte hörte - und Hyazint so demütig in seiner priesterlichen Würde
- und die knienden Frauen so würdig in ihrer demütigen Unterwerfung sah: so ging
ihm der Anblick dermassen zu Herzen, dass er ebenfalls aufstand und vor Hyazint
niederkniete, vor dem Jüngling, den er sonst gar nicht anders, als mit einem
gewissen Gefühl von Mitleid und Protektion zu betrachten pflegte. Orest tat
dasselbe - keineswegs aus Andacht oder Ehrfurcht, sondern weil er glaubte, das
gehöre mit zu einer Primiz. Uriel verliess nicht seinen Platz; er war zu einem
starren Abschluss mit Herz und Leben, nicht zu frommer Ergebung in den Willen
Gottes gelangt; deshalb ging er auf keine Äusserung froher und gerührter Andacht
ein. Er hielt sich knapp auf der Grenze des Schicklichen. Allein Hyazint schien
zu ahnen, was in seinem geliebten Bruder vorgehe, und er ging zu Uriel, legte
ihm die Hände auf und sprach den Segen über ihn.
    Am Abend liess der Graf den Garten illuminieren und auf der unteren Terrasse
ein prächtiges Feuerwerk abbrennen, welches Raketten und Leuchtkugeln wie
fliegende Sterne zum Himmel hinaufschickte und in dem stillen Main das Rosen-
und Silberlicht des bengalischen Feuers abspiegelte. Tausende von Menschen waren
zusammengeströmt, um in Nachen oder von den Ufern aus an dem prächtigen
Schauspiel sich zu ergötzen. Die Meisten dachten gar nichts dabei; sie gafften
nur. Einige freuten sich aufrichtig, dass einer der Windecker Grafen geistlich
geworden sei und dass all' der Jubel zu Ehren seiner Primiz stattfinde; und
andere fanden es unbegreiflich, dass man für eine Primiz solche
Freudenbezeugungen verschwende, da sie ja den jungen Mann zu einem
beklagenswerten Leben und zu einer beständigen Heuchelei verdamme. Ja, wenn's
eine Hochzeitsfeier gewesen wäre - daran könnte man teilnehmen! aber eine
Primiz!! - Regina sagte zu Hyazint:
    »Da Deinetwegen heute auf Erden schon solch Frohlocken ist, wie mag dann
erst der Himmel jubilieren!«
    »O Regina!« rief Hyazint sehr bewegt, »nach ein paar Tagen oder Jahren
kommt ein Stündlein, da ist alles ganz still auf Erden, denn ich liege auf dem
Sterbebett und alle Freudenfeuer sind erloschen und es brennt nur meine
Sterbekerze, die Brautfackel für's ewige Leben. Bitte für mich, dass alsdann im
Himmel ein Jubilieren sei.«
    Corona sagte, als man auseinander ging:
    »Ach, wie schade, dass solche Tage ein Ende haben und dass man zuletzt äusserst
prosaisch schlafen geht.«
    »Ich meinesteils,« rief Orest, »fühle mich von der vierundzwanzigstündigen
Rührung dermassen erschöpft, dass mir jene Prosa höchst willkommen ist.«
    Als nach einigen Tagen die gewohnte Ruhe und Ordnung wieder eingetreten war,
begab sich Uriel zum Grafen und bat ihn, den Onkel Levin rufen zu lassen, da er
ihnen beiden etwas mitzuteilen habe. Uriel war in dieser Zeit so ernst und
abgeschlossen gewesen, dass der Graf ganz betroffen sagte:
    »Onkel Levin? ja, sehr gern! aber Du wirst doch kein wunderlicher Kauz sein
und uns ankündigen, Du wollest geistlich oder Ordensmann oder dergleichen
werden.«
    »Sei ruhig, lieber Onkel, so hochfliegende Ideen hab' ich nicht,« entgegnete
Uriel mit Bitterkeit.
    »Ich müsste sie mir auch recht sehr verbitten und Onkel Levin würde
gleichfalls keine Freude daran haben. Nun komm' zu ihm!« sagte der Graf und nahm
vergnügt Uriel unter den Arm, denn er zweifelte nicht, dass es jetzt ein
Brautpaar geben werde.
    »Uriel will uns eine gute Nachricht bringen, lieber Onkel!« rief er, bei
Levin eintretend.
    Levin warf einen fragenden Blick auf Uriel und sagte liebreich: »Möge sie
zur Ehre Gottes gereichen.«
    Uriel nahm das Wort und sagte zum Grafen:
    »Im vorigen Spätjahr machtest Du mir auf Stamberg einen Vorschlag, den ich
in Erwägung zu ziehen versprach. Er betraf meine Verehelichung mit Corona,
welche zur Erbtochter eingesetzt werden, während Regina die Freiheit erhalten
sollte, ins Kloster zu gehen. Ich habe ihn während dieser langen sieben Monate
überlegt und bin zu einem festen Entschluss gekommen, der Dir hoffentlich genehm
sein wird, bester Onkel, und dessen Ausführung ich schon begonnen habe.«
    »Und der wäre?« fragte der Graf gespannt.
    »Ich trete Stamberg an Orest ab und er heiratet Corona.«
    »O nimmermehr!« rief Levin schmerzlich.
    »Und Du? was wird mit Dir?« fragte der Graf.
    »Ich gehe nach Kopenhagen, wo man soeben ein Schiff ausrüstet, das eine
Reise um den Erdball machen soll. Es ist nicht auf Handel und Wandel dabei
abgesehen, wenn er auch nicht ausgeschlossen wird. Man will der Reiseliebhaberei
unserer Tage eine Weltumsegelung, und den Gelehrten, den Naturforschern, den
Künstlern die Möglichkeit anbieten, den Horizont ihrer Wissenschaft und ihres
Studiums durch eigene Beobachtungen und Anschauungen, und durch praktische
Erfahrungen in Länder-, Völker- und Sprachenkunde zu bereichern. Ich bin nun
freilich kein Gelehrter, kein Künstler und kein Tourist; aber ich werde die
ganze Welt in lebendigen Bildern an mir vorüber ziehen sehen und werde
vielleicht etwas entdecken, wofür es sich der Mühe lohnt zu leben, nachdem ich
nicht für Regina leben kann. Im nächsten Monat reise ich ab und in zwei Jahren
komme ich zurück: so lange dauert die Reise.«
    »Uriel, ich glaube Du hast in Deinem Bergschloss den Verstand verloren!« rief
der Graf und setzte sich zurecht, um eine lange Rede zu halten. Doch Uriel
unterbrach ihn:
    »Ich habe mich, mein Wollen und mein Können nach allen Seiten betrachtet und
gründlich erwogen. Um freiwillig die schweren Verpflichtungen des Welt-und
Familienlebens zu übernehmen, und sie mit einiger Geschicklichkeit und Ausdauer
zu erfüllen, dazu könnte mich nur mein Herz bestimmen, meine Neigung, meine
Liebe. Ich müsste ein Wesen an meiner Seite haben, bei dem ich sicher wäre, dass
das Alltagsleben mit seinem Einerlei, seinen Forderungen, seinen Bedürfnissen,
seinen Gewohnheiten, kurz mit seiner ganzen Wucht von Irdischkeit ein
Gegengewicht fände in der Richtung auf Himmlisches, und in dem Streben, das
Irdische mit diesem Himmlischen zu durchgeisten. Mein Glück ruht nicht auf Geld
und Gut; ruht nicht darauf, eine blinde Leidenschaft zu empfinden und
einzuflössen. Lieben will ich - und geliebt sein, edel, rein, geheiligt: das ist
mein Ideal von Glück, und hätte Regina mich lieben können, so hätte ich es mit
ihr verwirklicht und dann keine Pflicht zu streng und keine Aufgabe zu schwer
gefunden. Ohne Regina - ist aber die Last zu gross für meine Schultern, und da
ich es weiss - lege ich sie nieder. Ich darf es. Stamberg kommt mir nicht
eigentlich zu; es sollte ursprünglich eine Sekundogenitur sein und hat während
eines halben Jahrhunderts dafür gegolten. Eine Laune der guten Grossmutter
wendete es zu unserer aller höchster Überraschung mir zu; mir, weil sie glaubte,
Regina würde dann Herrin auf Stamberg. Aber Regina wird es nicht. Sie kommt
nicht wieder dahin. Folglich hab' ich nicht das mindeste Anrecht an Stamberg,
und freudig trete ich es an Orest ab, dem es nach Billigkeit gehört. Die
gerichtlich notwendigen Schritte habe ich bereits getan. So kommt alles in's
richtige Geleis - Orest in sein Erbe, Regina in's Kloster und Corona wird
Erbtochter - oder Orest tritt auch für Windeck in die Rechte der Primogenitur
ein.«
    »Halt! mit nichten!« rief der Graf ganz ausser sich. - »Das hängt von mir ab!
ich nehme diese Veränderungen nicht vor. Willst Du Stamberg an Orest abtreten -
gut! Willst Du die Welt umsegeln - gut! beides ist Unsinn, aber ich kann's nicht
hindern. Willst Du Regina aufgeben - das ist verständig, denn sie lässt sich
nicht überwinden und Zeit, Geduld und Mühe sind bei ihr verschwendet. Aber was
Corona betrifft - hab' ich ein Wörtchen mitzureden. Sie heiratet binnen zwei
Jahren nicht, und kehrst Du heim von Deiner Weltumsegelung, so reden wir
abermals von der Sache. Weisst Du, wie sie diesen Winter genannt wurde? Die Krone
des Bundes nannte man sie, symbolisch, als die schönste Person in Deutschland.
Warum bist Du nicht nach Frankfurt gekommen? was kalmäuserst Du auf Deinem
Odenwäldischen Bergschloss mutterseelenallein sieben lange Monate? Da muss man ja
mit Gewalt melancholisch werden und das Leben verabscheuen, nämlich solch ein
Leben zwischen Eulen und Raben! Sei kein Tor! führe Corona nach Stamberg und Du
wirst bald aus einem anderen Ton sprechen. Bist so untröstlich um Regina, dass Du
zwei Jahre der Weltumsegelung brauchst, um Dich zu fassen, so segle ab und komm'
vernünftig wieder. Ich bin sehr froh, wenn ich Corona noch zwei Jahre behalte.«
    »Lieber Onkel,« sagte Uriel entschieden und eine helle Glut flog über seine
Stirn, »so wahr ich ein Windecker bin, ich heirate Corona nicht! sie ist
Regina's Schwester und würde mich an die geliebte Regina erinnern. Das darf
nicht sein!«
    Der Graf setzte sich im Lehnstuhl zurück, liess die Hände ermattet auf die
Knie sinken und sagte tief niedergeschlagen zu Levin:
    »Bester Onkel, haben Sie es gehört? Uriel fällt auch in einen Raptus von
sublimen Gefühlen und will Corona nicht heiraten.«
    »Ja, es gibt noch immer zarte Herzen auf der Welt,« entgegnete Levin.
    »Was zarte Herzen!« fuhr der Graf auf. »Überspannte Gehirne gibt's - und die
wuchern in meiner Familie! aber nun hab' ich's satt, nun schieb' ich einen
Riegel vor. Diese Influenza soll nicht weiter grassieren! Corona heiratet Orest,
lieber heute als morgen - so wahr ich ein Windecker bin! Basta.«
    Als Uriel erfreut seine Hand küsste, wendeten sich seine Gedanken aber wieder
diesem, seinem Lieblingsneffen zu, den er seit so langen Jahren als seinen Erben
und Schwiegersohn geliebt hatte, und er sagte kopfschüttelnd:
    »Wenn Du aber nach zwei Jahren wiederkehrst - was willst Du beginnen? Aus
der diplomatischen Karriere bist Du ausgetreten, Stamberg hast Du abgegeben.
Also was bist Du, was hast Du dann? Sollte ich bis dahin sterben, so bekommst Du
freilich Windeck mit allem, was dazu gehört, und damit kannst Du schon in der
Welt bestehen. Aber ich sollte meinen, dass ich noch so zwanzig, dreissig Jahre
leben und Kinder meiner Enkel sehen könnte.«
    »Ich habe mir eine kleine Apanage vorbehalten, die der Besitzer von Stamberg
mir alljährlich zahlen wird und die mir genügen soll.«
    »Du hast aber immer wie der Sohn eines reichen Mannes gelebt!«
    »Ja, bester Onkel, Dank Deiner Güte. Aber - so gewiegt zu werden im
Wohlleben, so aufzuwachsen in allem Behagen, so zu geniessen die Vorzüge des
weltlichen Glücks - darin liegt ein Etwas, das die Entwickelung des inneren
Menschen hemmt, seine sinnlichen Bedürfnisse ins Unglaubliche steigert und seine
geistigen nicht befriedigt. Nie war die Welt in einem so rasenden Rennen nach
eben diesem Zustande begriffen: Glücksgüter erringen und geniessen ist ihr Ideal.
Ein sehr brutales - man muss es gestehen! Darum ist sie denn auch selbst ungemein
brutal unter ihrem glatten, blanken Bildungsfirniss; oberflächlich der Verstand,
schwach der Charakter, trüb das moralische Bewusstsein, lahm der Sinn für
Höheres, Null - das Verlangen danach. Im kläglichsten Subjektivismus zerfällt
die grosse Einheit der Menschheit, wie ein toter Körper in widerliche Atome sich
zersetzt. Ich habe nicht wie ein Blinder und Tauber diese letzten
verhängnisvollen Jahre durchlebt. Ich hab' mich umgeschaut, ich habe
aufgehorcht; ich bin da gestanden, wo es genug zu sehen und zu hören gab. Eines
ist mir klar: in ihrem tiefsten Grunde ist die Welt ratlos. Sie hat die Wahrheit
nicht. Hinter all' der pomphaften Prahlerei mit Civilisation und Aufklärung, mir
Wissensdurst und Freiheitsdrang, mit Völkerglück und Bildungsfortschritt liegt
eine ungeheuere Leere. Bildungsfortschritt? - und die Gefängnisse, die
Zuchtäuser, die Strafanstalten vergrössern sich mehr und mehr, und die
statistischen Tabellen weisen nach, dass diese Vergrösserung nicht Schritt hält
mit der wachsenden Zahl derer, für welche diese Anstalten bestimmt sind.
Völkerglück? und das Proletariat und das Elend des Fabrikwesens wächst in
monströser Progression. Freiheitsbedürfnis? und Niemand will das edle Joch der
Selbstbeherrschung tragen, und jeder spricht sich das Recht zu, Selbsterrscher
- über andere zu sein. Wissensdurst? - ja: freche Neugier und Forschungen auf
der Oberfläche der Dinge und Erscheinungen. Aufklärung? - ja: Bankrott an
gesundem Menschenverstand, an Sinn für Recht und Unrecht, an klarer Einsicht und
Beurteilung der Verhältnisse und entschiedene Sympatie für jede Art von
Marktschreierei und Charlatanismus. Civilisation? - ja: Eisenbahnen, Telegraph,
Schreibfedern, Papiergeld, Zeitungen, stehende Heere, Büreaukratie,
Branntweinschenken, allgemeine Begier nach materiellen Freuden und Genüssen,
allgemeines Missvergnügen, weil sich Keiner auf dem Punkt befriedigt fühlt. So
sieht es aus in der Welt! Weil sie die Wahrheit nicht hat, wird sie wehrlos
sein, wenn der Umsturz kommt. Und er wird kommen, denn es ist unmöglich, dass die
Fiktion oder, deutsch gesprochen, die gleissende Lüge dauernd die Menschheit
beherrsche. Frei muss sie werden von der Lüge; dann kann die Wahrheit sie retten.
Ich will suchen nach dieser rettenden Wahrheit und deshalb brechen, so weit ich
vermag, mit der grossen Lüge der Zeit, mit der Überschätzung von Geld und Gut.«
    »Uriel!« rief der Graf, »Du wirst ja ein leibhafter Don Quixote: ziehst aus
für Deine Dulzinea - Wahrheit!«
    »Uriel!« sagte Levin, »wenn Du alles, was Du tun willst, aus übernatürlichen
Beweggründen tätest und die Wahrheit mit dem Auge des Glaubens suchtest: so
würde sich Dir ein seliges Leben erschliessen, und - wenn nicht die Welt, so doch
gewiss Deine Seele fände sicher ihren Rettungshafen.«
    »Ich suche die Wahrheit, weil ich die Liebe verloren habe und weil ich ohne
etwas Göttliches nicht leben kann,« sagte Uriel kalt.
    »O sage doch: nicht ohne Gott leben kann!« rief Levin. »In ihm hast Du die
ewige Wahrheit vereint mit der ewigen Liebe - und folglich das, was Deine Seele,
was jede Seele begehrt.«
    »Nicht doch!« sagte Uriel und blieb bei seiner abwehrenden Kälte; »wer nur
mit dem Auge des Glaubens sucht, verliert gar leicht die Liebe aus dem Gesicht
und gerät auf Irrwege.«
    Levin schwieg. Er hatte Mitleid mit diesem wunden Herzen. Der Graf sagte
gelangweilt:
    »Um auf die praktische Wahrheit, nämlich auf das wirkliche Leben zu kommen,
Uriel: willst Du denn gar nicht heiraten? Auch ohne Stamberg bist Du als
Windecker Erbgraf eine brillante Partie.«
    »Hu! schrecklicher Gedanke, eine brillante Partie zu sein!« rief Uriel
scherzend. »Da sehe ich im Vordertreffen die heiratslustigen Augen von hundert
Komtessen - und im Hintertreffen die nicht minder heiratslustigen, aber im
zweiten Grade, von hundert Mama's. Nein! da schlag' ich Chamade über den Ocean.«
    »Wenn Du schon auf dem Punkt des Scherzes angelangt bist,« sagte der Graf,
»so bleibt mir freilich nichts übrig, als die neuen Verhältnisse in Gang zu
bringen, damit sie endlich einmal zum Abschluss kommen und damit jeder wisse,
woran er ist. Ich bin von der langen Ungewissheit schon ganz morsch geworden.«
    Orest wurde zuerst vorgerufen.
    »Was geht hier vor?« rief er in seiner lustigen Weise. Warum seht Ihr so
feierlich aus? Wollt Ihr mich in den Freimaurerorden aufnehmen! Papachen bist Du
Meister vom Stuhl?«
    Aber zum ersten Mal in seinem Leben wies der Graf entschieden Orest's
Scherze zurück, eröffnete ihm die neue Lage der Dinge, durch welche nunmehr
Orest der Stammhalter der Windecker werde und setzte hinzu, er hoffe alle
Freude, die er durch Uriel und Regina nicht gefunden habe, jetzt doppelt durch
Orest und Corona zu finden. Orest war mehr überrascht als erfreut. Der Gedanke,
in die Ehe zu treten, hatte ihm stets ganz fern gelegen und erschien ihm nur als
eine Bürde und Schranke - besonders jetzt, da er in Judits Zauberfesseln
gefangen war. Indessen schmeichelte es doch seiner Eitelkeit, plötzlich zu
solcher Geltung in der Familie zu kommen, eine viel eminentere Stellung in der
Gesellschaft einzunehmen und ein so liebliches Mädchen wie Corona als Gattin
heimzuführen. Er nahm sich vor, sich auf der Stelle in sie zu verlieben - was in
der Tat recht leicht war - und erklärte sich dankbar einverstanden mit dieser
Wendung seines Schicksals. Der Graf liess die Brüder beisammen, die Hyazint
aufsuchten, während er mit Onkel Levin zu seinen Töchtern ging und während des
Gehens sagte:
    »Corona wird sich doch nicht weigern? was meinen Sie?«
    »Armes Kind!« sagte Levin; »ich glaube, der frühere Besitzer von Stamberg
wäre ihr lieber als der gegenwärtige.«
    »O Gott!« rief der Graf, »nur nicht abermals eine unglückliche Liebe.«
    »Das behaupte ich nicht,« entgegnete Levin, »dazu ist sie noch zu jung. Aber
der Keim ist da.«
    »Den wollen wir geschwind ausrotten! Die exaltierten Gefühle meiner Kinder
machen mich ganz nervenschwach.«
    Er trat bei seinen Töchtern ein und rief ihnen fröhlich zu:
    »Nun, Kinder, kommt her und wünscht mir Glück! ich habe zwei Bräute unter
meinem Dach! eine für den Himmel - das ist Regina, und eine für Orest - das ist
Corona. Nun sind wir alle auf unserem Platz.«
    Beide Schwestern erbleichten - Regina vom Affekt der höchsten Freude, Corona
von einem leisen Schmerz, der durch ihr Herz glitt. Sie hatte es sich wohl nie
eingestanden und es war auch nie ein bestimmter Wunsch gewesen; aber
unwillkürlich waren ihr liebliche Bilder vor die Seele getreten, als ob sie, an
Reginen's Stelle, sehr glücklich auf Stamberg sein könnte; doch in diesen
Bildern hatte Orest nie einen Platz eingenommen. Regina sank ihrem Vater zu
Füssen, bedeckte seine und Levin's Hände mit Küssen und Tränen und sprach ihm
Dank, Liebe und Freude in abgebrochenen einzelnen Worten aus.
    »Also endlich hat es der Papa denn doch recht gemacht!« sagte der Graf mit
dem Ausdruck inniger Zufriedenheit. »Es ging nicht anders! ich musste erst die
Standhaftigkeit Deines Entschlusses prüfen. Da Uriel und ich uns nunmehr
überzeugt haben, dass Du eine uneinnehmbare Festung bist, so siedle Dich an auf
Deinem Karmel! Ich hätte Dich vielleicht noch länger zappeln lassen, aber
Uriel's Entschluss brachte alles in's Reine und macht jetzt meine Corona zum
Trost meines Alters.«
    Schweigend und mit niedergeschlagenen Augen hatte Corona sich in die
Fensternische zurückgezogen. Als der Graf das Wort an sie richtete, schlug sie
die Augen zärtlich zu ihm auf und zwei schwere Tränen fielen von ihren Wimpern.
    »Kind, weine nicht!« sagte der Graf liebevoll; »Du gehst einer schönen
Zukunft entgegen, Du machst uns alle glücklich und Orest wird Dich auf den
Händen tragen.«
    »Ach, ich möchte lieber noch etwas warten,« sagte sie schüchtern.
    »Larifari! das sagen alle jungen Mädchen. Spürst Du etwa auch den
Klosterberuf?«
    »Nein, lieber Vater, dazu bin ich nicht fromm genug,« erwiderte sie
aufrichtig und unbefangen.
    »Möchtest Du etwa in der Welt eine alte Jungfer werden?«
    »Das wäre just nicht meine Liebhaberei,« sagte sie mit der Munterkeit ihrer
siebzehn Jahre.
    »Weshalb wolltest Du also warten? Ein Sprichwort sagt: Jung gefreit, hat
niemand gereut. Deine selige Mutter war ein Jahr älter - und Orest's Mutter ein
Jahr jünger wie Du, als sie heirateten. Also habe nur guten Mut. Du bleibst in
der Familie, Du kommst in alte wohlbekannte Umgebungen - das erleichtert den
Schritt.«
    Nach ihrer Neigung fragte der Graf durchaus nicht. Er würde auch nichts
anderes von ihr gehört haben, als dass sie für Orest schwesterlich gesinnt und
immer bereit sei, die Wünsche ihres Vaters zu erfüllen.
    Regina eilte in die Kapelle, zum Tabernakel ihres himmlischen Bräutigams -
und ihrem äusserst irdischen wurde Corona vom Grafen zugeführt. Die Baronin
Isabelle, die ihren Gatten kaum ein Jahr nach ihrer Verheiratung verloren und
ihn schwärmerisch geliebt hatte, beurteilte den Ehestand nach den Erfahrungen
ihrer eigenen Rosenmonde und fühlte grenzenloses Bedauern, dass Regina eines
solchen Glückes verlustig gehe. Es tat ihr aber auch sehr leid, in Corona nicht
die leiseste Spur der schwärmerischen Gefühle wahrzunehmen, in denen sie einst
geschwelgt hatte, und sie sagte beängstigt, wie sie leicht war, zum Grafen:
    »Bester Schwager, wenn nur Corona's Herz mit Ihrer Wahl übereinstimmt! sie
sieht so gewiss melancholisch aus, wie sonst nie.«
    »Beste Isabelle,« unterbrach sie der Graf, »verschonen Sie mich mit
melancholischen Beobachtungen, denn ich bin endlich einmal in Jubilo und mein
Haus ist es mit mir. Solch' ein Bräutchen weiss nicht recht, was es für ein
Gesicht machen soll, halb freundlich, halb verlegen; das nennen Sie
melancholisch. Bedenken Sie doch, dass Corona, die von Kindesbeinen an den guten
Orest gekannt hat, unmöglich stante pede in heftige Liebe zu ihm verfallen
kann.«
    »Das bedaure ich eben, weil ich nicht einsehe, wie sie ohne Liebe die
schweren Pflichten, die ihrer harren, erfüllen soll.«
    »Und ich justement nicht! Bei solcher gewaltigen Liebe sind gewaltige
Enttäuschungen unvermeidlich und diese machen viel unglücklicher, als das
bisschen Liebe glücklich gemacht hat. Aber je weniger man erwartet, desto mehr
findet man. Also trösten Sie Sich!« -
    Corona ging inzwischen zu dem, an den sich alle wendeten, die Rat oder Trost
suchten; - zu Levin, und fragte ihn mit grosser Entschiedenheit:
    »Nicht wahr, lieber Onkel, Orest ist doch ein guter katolischer Christ?«
    »Gott sieht in's Herz, mein Kind! wir aber hoffen es.«
    »In London ging er nie Sonntags mit uns zur Messe.«
    »Vielleicht ging er zu anderer Stunde! Nicht selten ist es den Männern
unangenehm, gerade von den nächsten Verwandten bei ihren Andachtsübungen
beobachtet zu werden. Hier in Windeck fehlt Orest nie.«
    »Lieber Onkel,« sagte sie beklommen, »ach bitte, frage ihn doch, wie es mit
seinem Glauben steht.«
    »Es ist viel besser, wenn du selbst, liebes Kind, Dich darüber mit ihm
aussprichst. Habt Ihr Euch erst in den höchsten Interessen zusammen gefunden, so
ordnen und gestalten sich alle übrigen befriedigend.«
    »Ich fürchte einen Ton anzuschlagen, der keinen Wiederhall findet!« rief sie
schmerzlich.
    »Welch' Misstrauen, Corona!« sagte Levin und drohte freundlich mit dem
Finger. »Es findet sich gewiss recht bald eine Veranlassung, um Dich darüber mit
Orest auszusprechen, und ich hoffe, Du wirst dann beruhigt sein.«
    Da trat Orest ein, um im Namen des Grafen zu fragen, ob Levin schon wegen
der Dispense von der Verwandtschaft nach Rom geschrieben habe.
    »Ich war damit beschäftigt, als Corona mich unterbrach,« entgegnete Levin.
»Sage mir, Orest,« fuhr er fort, um ein Gespräch anzuknüpfen, welches Corona
dann in ihrem Sinne fortsetzen konnte - »ist die Kapelle im Stamberger Schloss
fertig? und hat Uriel vielleicht eine Messe daselbst gestiftet?«
    »Ich weiss von nichts, lieber Onkel, von gar nichts - als dass ich unerhört
glücklich bin! glücklicher noch wie Saul, der Sohn Cis, der ausging, seines
Vaters Eselinnen zu suchen und eine Krone fand; denn ich suchte nichts und fand
doch eine Krone.«
    »Du bist ja sehr belesen in der heiligen Schrift,« sagte Corona lächelnd.
    »Lasst mich jetzt schreiben, meine Kinder!« unterbrach sie Levin und Corona
sagte scherzhaft:
    »Komm' ein wenig auf die Terrasse mit mir, Orest! der Abend ist herrlich.«
    Levin nickte ihnen freundlich zu und sie gingen hinab; Orest seelenfroh,
endlich einmal mit seiner Braut allein zu sein, der er doch unmöglich vor allen
Leuten sagen konnte, wie lieblich, wie reizend, wie bezaubernd er sie finde; und
sehr geschmeichelt, dass auch sie mit ihm unter vier Augen zu sein wünschte, weil
sie ihm vermutlich etwas Ähnliches zu sagen hatte. Sein Erstaunen war daher
grenzenlos, als Corona sich auf einen Basaltblock an dem plätschernden
Springbrunnen setzte, ihm mit ihrem lieblichsten Lächeln tief in's Auge sah und
mit ihrer süssesten Stimme eindringlich fragte:
    »Orest, wie steht es mit dem Glauben?«
    Er prallte förmlich zurück vor Überraschung; doch schnell gefasst rief er
scherzend:
    »Aber Krönchen, Du irrst im Wort! Du willst wohl sagen: Wie steht's mit der
Liebe!«
    »O nein! danach brauch' ich nicht zu fragen!« antwortete sie mit einem
Anflug von Selbstbewusstsein, der sie so anmutig machte, dass Orest meinte, er
habe nie ein holdseligeres Wesen erblickt, und am Rande des Bassins neben ihr
niederkniete.
    »Ah!« rief sie, »das ist gerade die Stellung, in der ich Dich haben will.
Nun beichte! also: wie steht's mit dem Glauben?«
    »Ich glaube, dass Corona ganz dazu geschaffen ist, angebetet zu werden, und
ich bekenne, dass ich auf gutem Wege dazu bin,« entgegnete Orest.
    »Lass uns nicht mehr scherzen, lieber Orest,« sagte sie sanft und ein milder
Ernst trat in ihr Auge; »lass uns von dem Höchsten und Heiligsten reden, wie es
sich geziemt. Sieh, ich habe öfter sagen hören, die junge Männerwelt unserer
Tage sei recht ungläubig, verachte die Lehren der heiligen Kirche, welche doch
nichts anderes sind, als Gottes Gebote - und verschmähe die Sakramente, deren
Ausspenderin die Kirche ist. Nun ist es Gottes Wille und der Wunsch unseres
Vaters, dass wir in die Ehe treten. Nun musst Du mir sagen, dass Du nicht zu der
ungläubigen Männerwelt gehörst, sondern gläubig für wahr hältst, was die Kirche
lehrt und gläubig hinzutrittst zu den heiligen Sakramenten. Verachtetest Du sie:
so würdest Du ja auch die Ehe als Sakrament verachten und sie ohne die
Mitteilung der Gnade Gottes schliessen. Woher sollten wir dann aber die
Zuversicht nehmen, dass unsere Ehe gottgefällig wäre, dass die göttliche Gnade uns
beistehen werde? und wie könnte ich mich auf Dich verlassen, wenn Du Dich nicht
auf Gott und seine Gnade verlässt?«
    Diese tief wahren, einfachen Worte trafen Orest in seinem Gewissen. Er
dachte an die bunte Kette von gottentfremdeten Freuden, welche sich durch sein
Leben schlang, an die tausend Fäden, welche seine Seele umspannen und von denen
auch nicht einer den inneren Menschen an Höheres knüpfte - an Judit, die eine
unerklärliche Macht über ihn ausübte, eine Macht, die ihm so zauberisch lockend
erschien, dass er, auf welchen Punkt der Zukunft er sein Auge heftete, überall in
sie hineinschaute, wie in eine blendende Sonne. Wenn er an Judit dachte, so kam
er sich in seinen gegenwärtigen Verhältnissen wie das Opferlamm seiner Familie
vor, obzwar er eingestehen musste, dass sein Opfer mehr ein Empfangen als ein
Geben sei. Er empfing die schöne Braut, die grosse Herrschaft, das bedeutende
Vermögen; aber er opferte doch sein ungebundenes, zwangloses Dasein. Freilich
war mit Judit an keine Ehe zu denken und er konnte doch unmöglich ihr zu
Gefallen unter den gegenwärtigen Umständen ehelos bleiben und das alte edle
Geschlecht der Windecker aussterben lassen. Und gab es nicht tausend Ehen, neben
denen eine Judit stand? Ich muss mir das alles aus dem Sinne schlagen, Judit
gar nicht wieder sehen und jetzt mein Bestes tun; dachte er bei sich selbst,
während Corona sprach. Als sie schwieg und ihn fragend ansah, antwortete er:
    »Ich wusste gar nicht, dass Du so enorm fromm wärest, Corona! aber das tut
nichts. Fromme Frauen - allen Respekt! Ich werde Dich nie in Deiner Frömmigkeit
irgendwie beeinträchtigen; Du aber musst auch nie verlangen, dass ich in diesem
Punkte genau mit Dir sympatisiere.«
    »Ich verlange es nicht - ich hoffte es nur,« antwortete Corona traurig und
sah dabei so lieblich aus, dass Orest ganz hingerissen ausrief:
    »Du bist ja wahrhaftig ein kleines himmlisches Geschöpf, Dich zu grämen,
weil ich nicht die Sakramente zu empfangen pflege.«
    »Ah, Du empfängst nicht die Sakramente?« fragte sie.
    »Nein,« sagte er unbefangen, »diese Gewohnheit habe ich nicht; aber in die
Messe geh' ich - zuweilen.«
    Corona stand von ihrem Basaltblock auf, warf einen Blick voll
unaussprechlichem Ausdruck auf Orest und ging ernst und schweigend von dannen.
Seine erste Bewegung war, ihr nachzueilen. Aber nein! sprach er zu sich selbst,
ich rede lieber mit Onkel Levin und schütte ihm mein Herz aus. Ganz aufgeregt
eilte er zu dem frommen Vertrauten aller verstörten Gemüter und rief:
    »Bester Onkel, ich bin im höchsten Grade betroffen! ich scheine Corona sehr
betrübt und verletzt zu haben. Als es sich in unserem Gespräch herausstellte,
dass wir nicht vollkommen harmonierten, sah sie mich an - mit einem Blick ....
einem unbeschreiblichen, sagte kein Wort - und verliess mich.«
    »Und wie entstand Eure Disharmonie?«
    »Bester Onkel, es war ein unerhörtes Gespräch. Es steht gewiss einzig im
Jahrhundert da, dass Verlobte, zum ersten Mal unter vier Augen, ein solches
Gespräch führen!«
    »Um welchen Gegenstand drehte sich denn dies merkwürdige Gespräch?«
    »Um die Lehre von den Sakramenten.«
    »Ah so! um die Lehre! - nicht wahr, um die praktische Ausübung dieser
Lehre?«
    »Richtig getroffen, lieber Onkel. Es ist doch wahrhaftig unmöglich, dass
unsereiner in dem Punkt Schritt halten soll mit einem Geschlecht, das nicht nur
das schöne, sondern noch ganz extra das fromme heisst! Der Soldat dient Gott in
anderer Weise, mit Blut und Leben, in Gefahr und Ungemach, in Schlacht und
Krieg. Da bekommt er denn ganz natürlich aus gewissen Gewohnheiten heraus.«
    »Wenn ich nicht irre,« unterbrach ihn Levin, so werden die Soldaten
pünktlich dazu angehalten, sich jeden Sonntag beim Gottesdienste und alljährlich
zur österlichen Zeit zum Empfang der heiligen Sakramente einzusinden.
    »Versteht sich, bester Onkel, das gehört zum Reglement!« rief Orest eifrig.
»Ordnung muss sein und der Offizier muss sorgen, dass sie von den Mannschaften
beobachtet werde.«
    »Ich kann nicht glauben, dass sich das militärische Reglement nur auf die
Mannschaften beziehe; aber das weiss ich gewiss: das kirchliche Reglement macht
keine Ausnahme für Offiziere, bei dem Leutnant angefangen, und bei Kaiser und
Königen aufgehört, welche die obersten Anführer ihrer Heere sind. Und da Du so
besorgt bist, das erstere aufrecht zu halten, mein' ich, Du könntest doch auch
für das zweite etwas Eifer bewahren.«
    »Wenn Du wüsstest, lieber Onkel, wie ungeheuer beschäftigt ich gerade immer
in der österlichen Zeit war, wie ungeheuer viel Gedanken mir im Laufe eines
einzigen Tages durch den Kopf wirbeln, so dass man gar nicht zur Besinnung kommt
und das Aufgeschobene nicht mehr nachholen kann ....«
    »So würd' ich Dir raten,« unterbrach ihn Levin, »all' diesen
Ungeheuerlichkeiten auf eine Zeit Valet zu sagen und Dich als ein guter Soldat,
der nicht bloss treu seinem Kaiser, sondern treu dem Herrn aller Kaiser dient -
um das kirchliche Reglement zu kümmern.«
    »Werde ich dadurch mit Corona meinen Frieden stiften?«
    »Mit Corona auch; aber zuerst mit Gott, und das ist es eben, was Corona von
Dir mit Recht verlangt. Liebe, Achtung und Vertrauen kann eine Frau nur zu dem
Manne fassen, mit dem sie eine und dieselbe aus dem gemeinsamen Glauben
entspringende Lebensrichtung hat. Ist diese Richtung bei dem einen Teile der
Ehegatten unchristlich, so führt sie beide ins Unglück.«
    »Unchristlich! ach, lieber Onkel, ich bin ein sehr guter Christ - nur nicht
immer strikt kirchlich. Aber das mag wohl nur eine schlechte Gewohnheit sein;
und kurz, um mit Corona - ich wollte sagen mit Gott, meinen Frieden zu machen,
will ich mein pater peccavi beten. Es ist wahrhaftig kurios, was man alles lernt
als Bräutigam.« -
    Corona aber nahm die Sache nicht so leicht, wie Orest, und tröstete sich
nicht so schnell über seinen Mangel an strikter Kirchlichkeit, wie er es nannte.
Sie erkannte, dass sein Glaubensleben unter dem Gefrierpunkt stehe und sie fühlte
mit dem richtigen Instinkt des reinen Herzens, dass diese Kälte nicht die Folge
von Orest's Tugenden sei. Nun, so muss ich Gott doppelt lieben! sprach sie zu
sich selbst und trocknete ihre schönen Augen, die noch nie so bittere Tränen
geweint hatten und die ihrem Vater gegenüber heiter sein sollten. Sie wäre gern
glücklich gewesen, ihr junges Herz hatte unbestimmte Träume von Glück gehabt und
Bräute pflegen ja glücklich zu sein; aber sie war es nicht! Regina war es. -
    »Jetzt hast Du, was Du verlangst,« sagte Hyazint freudestrahlend zu ihr.
    »Und was Du schon besitzest,« erwiderte sie. »Ja, Hyazint, jetzt beginnt
das Leben schön für uns zu werden: jetzt beginnt das Leiden aus Liebe, das
vollkommene Opfer ohne irdischen Trost.«
    »Bist Du so leidensdurstig?« fragte er.
    »O nein!« sagte sie; »mich will zuweilen grosse Furcht übermannen, dass ich
von Euch allen auf immer getrennt sein soll, und das enge Menschenherz zittert
und bebt vor dem nahen Opfer - und dennoch geht mir ein unsägliches Frohlocken
durch die Seele; denn ich denke, Hyazint, dass die Nahrung der Liebe hienieden
im Leiden für Gott und mit Gott besteht - und liebe ich nur immer vollkommener -
was frag' ich dann nach Leid!«
    »Droben wird's anders sein, Regina! droben nährt sich die Liebe von ihrer
Seligkeit und die steigert sich in dem Mass, als wir im irdischen Leben gelitten
haben.«
    »Ich hörte einmal,« sagte sie, »die vollkommene Liebe dächte nie an die
vergeltenden Wonnen der Ewigkeit und es sei ein jüdischer Handel, etwas zu geben
und zu tun, um viel zu erlangen.«
    »Das klingt ja ungemein erhaben und ist doch nur halb wahr,« entgegnete
Hyazint; »denn wenn die vollkommene Liebe gewiss niemals an eine Vergeltung
denkt, die ihr in der Form dieser oder jener himmlischen Freudengenüsse
ausgezahlt werden müsste: so ist es doch eben so gewiss, dass sie mit all' ihrem
Denken und Empfinden, Wollen und Handeln, mit jeder Fähigkeit und Tätigkeit
ihres Wesens zu jeder Zeit den Gegenstand ihrer Liebe umschlingt und die Kluft,
welche das Gnadenleben vom Leben in der Glorie trennt, auch als Trennungsschmerz
von dem göttlichen Geliebten empfindet. Der Uebergang in die Ewigkeit schliesst
diese Kluft, das weiss sie. Da gibt es keine Trennung, keine Schleier mehr. Da
besitzt sie auf ewig, ungeteilt und unzertrennlich, nicht diese oder jene ewigen
Güter, sondern das eine Gut, das Urgut, ihren Gott, den einziggeliebten, und in
ihm - die Fülle der Seligkeit. Das ist kein niedriger Handel; denn um Gott zu
besitzen, müssen wir das Ich fallen lassen. Wucher treiben können wir ebenso
wenig mit der vollkommenen Liebe, als diese bestehen könnte ohne die beständige
Sehnsucht nach Vereinigung mit Gott.« -
    Zu Uriel, der mit kalter Abgeschlossenheit auf all' die bewegten Herzen sah,
sagte Regina:
    »Gott vergelt's, Uriel! ich weiss, dass ich des Vaters Nachgiebigkeit Deinem
grossmütigen Entschluss zu danken habe.«
    »Ich hoffe,« sagte Uriel finster, »dass Gott Dir vergelten werde, wie Du es
verdienst: mit dem Kreuz - weil Du mein Herz gekreuzigt hast.«
    »Sein Wille geschehe!« entgegnete sie sanft.
    Immer zerschmolz ihm das Herz in unsäglicher Liebe, wenn er in ihres Auges
klare Stille sah.
    »Sieh'!« sagte er in verändertem Tone, »Du wirst gekreuzigt werden
innerlich; denn das fehlt Dir zu Deiner Vollkommenheit. Also, Regina, wenn Du es
wirst, so werde es für mich.«
    »Wenn Gottes Wille mir Kreuz schickt, Uriel, so werd' ich es vereinigen mit
dem Kreuz auf Golgata. Christus litt nicht für Dich allein, nicht für mich
allein! Er litt für alle, ohne Ausnahme, ohne Bevorzugung. In Seine Hände geb'
ich mich ohne Rückhalt.«
    »Deine Herzenskälte ist schauerlich!« rief er.
    Sie lächelte und schwieg. »Ah, Du lächelst, als ob Du es besser wüsstest!«
fuhr er fort. »Nun, wohlan, Regina, Du bist aufrichtig, also sage mir: hast Du
eine Ahnung davon, wie sehr ich Dich liebe?«
    »Ja!« sagte sie einfach.
    »O dann,« rief er freudig, »werd' ich immer einen besonderen Platz in Deiner
Erinnerung haben.«
    »So lange es Gott gefällt!« erwiderte sie ruhig. »Ich habe zu viel in der
Welt leben müssen, um nicht einige weltliche Eindrücke im Gedächtnis zu haben
....«
    »Weltliche Eindrücke!« rief Uriel zürnend. »Du nimmst eine Liebe wahr, die
so tief, so stark. so umfassend ist, dass sie mein ganzes Schicksal über den
Haufen - und mich selbst, Gott weiss in welche Bahn wirft - und das macht Dir
einen weltlichen Eindruck!«
    »Lieber Uriel,« antwortete Regina, »wir beide dürfen uns auf keine
Erörterungen einlassen. Wir sprechen jeder eine Sprache, von welcher der andere
nur einzelne Worte versteht; da sind denn Missverständnisse ganz unvermeidlich -
und die tun weh. Ich wiederhole Dir: Gott vergelt's! - und dabei wollen wir es
lassen.«
    »Wann wirst Du eingekleidet?« fragte er finster.
    »Ich hoffe am Tage der heiligen Maria vom Karmel,« sagte sie mit strahlendem
Blick.
    »Deinen Kalender kenn' ich nicht!« entgegnete er hart. »Den Datum will ich
wissen - um vorher abzureisen.«
    »Ende dieser Woche gehe ich nach Himmelspforten, um, wie es üblich ist,
einige Wochen in weltlichen Kleidern im Kloster zu leben. Finden die Oberen, dass
ich mich ins Klosterleben schicke - und finde ich mich darin heimisch: so darf
ich mein Noviziat und mit ihm die ernste und gründliche Prüfung meines Berufes
beginnen. Die Einkleidung bezeichnet den Eintritt ins Noviziat; ich vertausche
dann die weltlichen Gewänder mit dem geweihten Ordenshabit und empfange den
weissen Schleier der Novizen. Hoffentlich findet diese heilige Handlung am 16.
Juli statt. Erst nach einem Jahre werde ich zur Ablegung der heiligen Gelübde
zugelassen und dann erhalte ich den schwarzen Schleier, der da bedeutet, dass die
Ordensfrau tot und begraben für die Welt ist.«
    »Und wenn sie es nicht ist, Regina?«
    »So betet sie, dass sie es mehr und mehr werde, Uriel.«
    »Und wie lange betet sie so?«
    »Lebenslang! denn das Stück Welt in uns muss täglich von neuem sterben.«
    Jedes ihrer Worte tat ihm weh und doch wollte er immer sie hören und sehen,
und sehen und hören, weil sie jenseits dieser paar Tage fürs Leben ihm verloren
war. Die ganze Familie wollte Regina nach dem Karmelitessenkloster
Himmelspforten bei Würzburg begleiten; nur Uriel nicht! er hätte das Kloster in
Brand stecken mögen: so hasste er es. Corona war fast ebenso traurig, wie er.
Häufig umschlang sie die geliebte Regina, legte den Kopf auf ihre Schulter und
weinte bitterlich.
    »O,« sagte Regina zärtlich, »weine nicht um mich. Die Bräute Christi haben
es besser, als die weltlichen Bräute.«
    »Das fühl' ich nur zu gut!« seufzte Corona, »und doch kann ich Dir nicht
nachfolgen.«
    »Nein, Gott will es nicht! Deine Aufgabe ist, Dich in der Ehe zu heiligen -
und Orest mit Dir.«
    »Ich werde der Aufgabe erliegen!« jammerte Corona; »sie ist allzuschwer.«
    »Sie wäre es, wenn Du mit Deinen menschlichen Kräften sie lösen solltest.
Aber die Gnade des Sakramentes steht Dir bei und Deine Last trägt Gott ebenso
gut mit Dir, wie er die meine mit mir teilt.« -
    Der Graf war dermassen erfreut über die Verheiratung der einen Tochter, dass
er den Klosterberuf der anderen darüber verschmerzte. Was Uriel betraf, so hegte
er die Hoffnung, die Weltumsegelung werde ihn von seinem Liebesleid herstellen
und dann sei es ja noch immer Zeit, sich nach einer passenden Partie für ihn
umzuschauen.
    Drei Wagen standen im Hof. Der eine sollte gen Westen fahren und die beiden
anderen nach Osten. Um die Wagen, auf dem Perron in der Vorhalle des Schlosses
war die ganze Dienerschaft versammelt und viele Leute aus den Besitzungen des
Grafen, um von Regina Abschied zu nehmen. Man hatte zwar schon längst gesagt,
sie sei so fromm, dass ihr Sinn nach dem Kloster stehe; der Graf wolle es jedoch
nicht erlauben. Nun ging sie wirklich in das arme, strenge Kloster - die junge,
schöne, reiche, liebenswürdige und geliebte Regina! nun verliess sie wirklich das
Vaterhaus und die Familie und den jungen Mann, der sie anbetete! in welcher
übernatürlichen Liebe zu Gott musste das Herz entbrannt sein. Sie hatte in der
Frühe zu Kloster Engelberg die heiligen Sakramente empfangen, Abschied genommen
von der Gruft ihrer Mutter, von dem Gnadenbilde der Mutter Gottes, von den
frommen Patres, die ihre Seele gepflegt hatten; dann Abschied genommen von dem
lieben Windeck, von jedem Zimmer im Schloss, von jedem Plätzchen im Garten, ach!
und von der trauten Kapelle. Jetzt trat sie in Onkel Levin's Zimmer, bleich,
verklärt, wie ein Geist, der - wie einst Ernest von ihr gesagt hatte - die
Schwingen entfaltet zum Aufflug in die Heimat der Geister.
    »Mein Herz stirbt, geliebter Onkel!« sagte sie leise und sank zu seinen
Füssen nieder.
    »Wohl Dir, teures Kind! in dem durchwundeten Herzen unseres Gottes findet es
sein Leben wieder! Nimm nur getrost alle Kronen von Deinem Herzen ab, auch die
der Kraft, auch die der freudigen und stolzen Zuversicht; setze keine Grenzen
Deiner inneren Verdemütigung und Selbstentäusserung - verlange auch die
Dornenkrone nicht, denn das könnte Dich stolz machen; aber nimm sie selig an,
wenn Dein Herr und Heiland sie mit Dir teilen will - und nun komm'! die Stunde
ist da.«
    Er segnete sie, hob sie von der Erde auf und sagte mit unaussprechlicher
Zärtlichkeit:
    »Nicht hier nehme ich Abschied von Dir. Ich gehe auch mit nach Würzburg. Ich
will selbst das Kleinod meines Herzens im Schrein Gottes niederlegen.«
    Sie verliessen Levin's Zimmer. Da stand Uriel an eine Säule gelehnt.
    »Regina!« rief er und trat ihr entgegen; »ist's denn wirklich ein Lebewohl
für immer?«
    »O nein, Uriel!« sagte sie gefasst, »nur für die Erde - ein kurzes Lebewohl.
Und dann: auf Wiedersehen, lieber Uriel!«
    Sie ging vorüber mit Onkel Levin. Uriel folgte ihr gedankenlos. Wie durch
einen Schleier sah und hörte er, was um ihn her vorging. Er hörte sprechen, er
hörte weinen; er sah sich umringt von der ganzen Familie, die ihm tausend Liebes
und Herzliches sagte und ihm glückliche Reise und glückliche Heimkehr wünschte.
Onkel Levin sagte:
    »Der Engel Raphael geleite Dich zu uns zurück.«
    Das verstand Uriel, sonst nichts. Er antwortete auf alles ganz gedankenlos:
»Ja, ja!«
    Der Graf, Onkel Levin, Regina und Hyazint stiegen in den ersten Wagen; die
Baronin Isabelle mit Corona und Orest in den zweiten. Kinder und junge Mädchen
warfen den beiden Schwestern Blumen zu. Die Wagen rollten vom Hof.
    »Dahin ist mein Glück!« seufzte Uriel. Er sprang in seinen Wagen, schloss die
Augen und sein Kammerdiener sagte zum Postillon:
    »Fort nach Frankfurt! von da geht's weiter nach Hamburg und rund um die
Welt.«
 
                                  Zweiter Band
                               Die Villa Diodati
Es war ein herrlicher Oktober. Dieser Monat ist der schönste am Genfersee, ist
so sommermässig, dass die Abende sogar noch warm sind, und verbindet damit die
Vorzüge des Herbstes: gleichmässige Witterung, klare Luft und einen
unvergleichlichen Schmelz der Farben auf dem Gebirg und dem See. Die Villa
Diodati, berühmt durch den Aufentalt, den einst Lord Byron dort machte, liegt
auf dem Ufer von Savoyen, eine Stunde von Genf, in einem terrassierten Garten,
unmittelbar am See, der seinen strahlenden Spiegel wie eine lichtblaue, mit
Goldfunken durchblitzte Emaille vor ihr ausbreitet. Auf dem entgegengesetzten
Ufer steigen die Rebgelände des Waadtlandes auf, unterbrochen von Schluchten und
Hügeln mit reicher Bebaumung und übersäet mit Städten, Dörfern, einzelnen
Schlössern und Campagnen. Im Osten schliesst das Hochgebirge des Walliserlandes
den See ab, schickt ihm aber aus den gewaltigen Gletschern am Fusse der Grimsel
und Furka die reissende Rhone zu, die im Westen, bei Genf, an dem Becken des
See's im ungeduldigen Jugendmut herausbricht und sich ihre eigenen Wege sucht,
hinab zur Küste des mittelländischen Meeres. Die Krone des See's und der ganzen
Landschaft ist der gewaltige Montblanc; er liegt da wie ein weisser Marmorblock
in einem Blumengarten.
    Es war gegen Abend; die Sonne sank und zog einen rosenfarbenen Schleier über
alle Berge, während der ewige Schnee des Montblanc im feurigsten Rosenlicht
aufflammte. Mitten auf dem See, da, wo man die volle Ansicht des Montblanc hat,
schwamm eine Barke, leise gewiegt von den rieselnden Wellen, denn die Schiffer
hatten die Ruder eingezogen. In der Barke sassen einige Männer und eine Frau. Sie
hatte sich in einen weissen Burnus eingewickelt, der ihre hohe schlanke Gestalt
hervorhob, nicht verhüllte, und dessen Kapuze über den Kopf gezogen. Sie blickte
mit ihrem ernsten schwarzen Auge unverwandt auf den Montblanc und kümmerte sich
nicht im mindesten um die Herren und ihre Gespräche. Zwei dieser Herren waren
übrigens ebenso schweigsam wie die Dame, obschon sie nicht, gleich ihr, in den
Anblick des zauberhaften Naturgemäldes versunken waren. Endlich sagte der eine
zu ihr:
    »Signora Giuditta!« - aber er musste es wiederholen, bevor sie die Kapuze ein
wenig zurückschob und, ohne nach ihm umzublicken, sagte:
    »Was wünschen Sie, Graf Orestes?«
    »Sie zu hören, da Sie uns das Glück nicht gönnen, Ihr Antlitz zu schauen.«
    Als ob diese Aufforderung ihrer Stimmung einen Ausdruck gegeben hätte,
begann Judit sogleich jenes Lied vom Wanderer zu singen, das durch Schuberts
Komposition so berühmt geworden ist: »Ich komme vom Gebirge her - Es ruht das
Tal, es rauscht das Meer.« Sie sang alle Strophen durch. Kein Atemzug war in der
Barke zu hören; auch die Schiffer lauschten. Als sie zu Ende war, blieb alles
still.
    »Hat Ihnen das Lied nicht gefallen, Graf Orestes, oder klingt meine Stimme
tonlos über der Tiefe?« fragte Judit.
    »Das Lied ist so fürchterlich melancholisch, dass man davon angesteckt wird,«
entgegnete er.
    »Ein deutsches Lied!« antwortete sie mit leichtem Achselzucken.
    »Ganz recht, Signora!« rief der zweite der schweigsamen Männer; »ein
deutsches Lied - das muss melancholisch sein! Deutschland hat nicht genug
Stimmen, um zu weinen und zu klagen über seinen tiefen Verfall.«
    »Warum ziehen Sie es nicht empor - Sie und Ihre Gleichgesinnten?« fragte
Judit kalt. »Sie klagen über die mark- und tatenlose Zeit; aber was haben Sie
denn aufzuweisen an Kraft im Willen und im Handeln?«
    »Barrikaden, Signora!« erwiderte nicht der Gefragte, sondern statt seiner
Orest mit scharfem Hohne. »Es gehört sehr viel Kraft an Leib und Geist dazu, um
den Pferden eines Omnibus in den Zügel zu fallen - die bekanntlich so wild sind,
als ob sie eben auf den Steppen der Ukraine eingefangen wären - um den
Omnibuskutscher von seinem Sitz herabzureissen, der bekanntlich erhabener als ein
Tron ist, um den Omnibus quer über die Strasse zu werfen, mit der Intention,
also sämtliche Trone Europa's in den Gassenkot zu schleudern, und um dann einen
Fetzen, welcher Fahne der Freiheit tituliert wird, nicht eigentlich auf den
zerschmetterten Tronen, wohl aber auf dem zerschmetterten Omnibus, dem Bollwerk
der modernen Freiheit, aufzupflanzen.«
    »Die Freiheit ist das Gut des Volkes!« rief der Verhöhnte schneidend zurück.
»Schlimm genug, wenn Ihr sie im Gassenkot unberücksichtigt lasst, anstatt sie
aufzunehmen in Euren goldenen Sälen.«
    »Müssen Sie denn immer wieder Streit anfangen mit Fiorino, Graf Orestes?«
rief Judit.
    »Aber, Signora, er ist ein ehrlicher Deutscher und heisst Florentin!« rief
Orest. Tausendmal schon sagt' ich es Ihnen! Florentin Hauptmann heisst er.«
    »Ach, ich weiss es ja sehr gut,« erwiderte sie gleichgültig. »Er ist ja seit
drei Jahren mein treuer Sekretär und Geschäftsführer; allein der Name Fiorino
gefällt mir besser und ist leichter auszusprechen. Setzen Sie nur Ihre
Jeremiaden über Deutschland fort, Fiorino! ich finde sie ganz richtig. Ein
englischer Schriftsteller hat die Deutschen ein Volk von Denkern genannt. Ob er
ihnen ein Kompliment damit machen wollte, weiss ich nicht. Mir aber fällt bei
diesem ewigen deutschen Grübeln, Philosophieren und abstrakten Spekulieren der
Prinz Hamlet ein mit seinem berühmten Monolog. Aller Tatkraft der Deutschen wird
des Gedankens Blässe angekränkelt - um mit besagtem Hamlet zu sprechen - und
dadurch die Energie des Willens und die Originalität des Charakters gebrochen,
welche beide die Basis der Tatkraft sind.«
    »Welche Studien machen Sie über die Deutschen infolge von Florentins
Jeremiaden!« rief Orest.
    »O nein!« entgegnete Judit lächelnd, »die haben mit meinen Beobachtungen
wenig gemein! Sie wissen ja, Graf Orestes, dass ich von jeher Studien der
Menschen und Charaktere machte. Je älter ich werde, desto lieber und umfassender
mache ich sie. Überdies gehören sie zur Bühnenkunst.«
    »Mir scheint aber,« sagte Orestes, »dass Ihnen durch diese Studien von Jahr
zu Jahr mehr des Gedankens Blässe angekränkelt wird.«
    »Darin können Sie recht haben,« sagte sie abbrechend, - und dann zu
Florentin: »Wie heisst sie weiter, Ihre Lamentation um Deutschland?«
    »Einst war es gross, kräftig, mächtig!« rief Florentin. »Einst stand es an
der Spitze der Weltbewegung, der Civilisation, des Fortschrittes. Einst lag es
in seiner Hand, die Gesetze einer neuen Bildung unserem Weltteile
vorzuschreiben. Es war bei seinen Gaben und Kräften das erste Volk der Erde.
Aber von dem Augenblick an, wo es sich nur teilweise, nicht gemeinsam in die
Bahn eines bis dahin unerhörten Fortschrittes schwang, da ging es in Splitter
und seitdem verkommt es.«
    »Das verstehe ich nicht,« sagte Judit. »Wenn ein Teil von Deutschland einen
grossartigen Fortschritt machte, so hätte er ja den anderen Teil mit fortreissen
müssen, oder wenigstens, wenn das über seine Kräfte ging, allein zu einem
glänzenden Resultate gelangen müssen.«
    »Und gerade derjenige Teil von Deutschland,« rief Orest, »der nach
Florentin's Ausdruck einen grossartigen Fortschritt machte - oder, wie ich mich
ausdrücke, Deutschlands religiöse und politische Einheit zerriss, durch welche es
fast ein Jahrtausend an der Spitze der Civilisation gewesen war: gerade der Teil
verband sich mit allen Völkern, welche gegen das alte grossartige, macht- und
kraftvolle Deutschland feindlich gesinnt waren - und mit allen Tendenzen, welche
das Streben und Verlangen nach Einheit hintertreiben. Gerade der Teil hat mit
seinem freien Forschen und freien Denken, mit seinen philosophischen und
metaphysischen Systemen und mit den tausend Scharteken, welche zum Apparat hoher
Bildung und Wissenschaft gehören, dermassen die Tatkraft des deutschen Volkes
gelähmt und dermassen seinem gesunden Sinne des Gedankens Blässe angekränkelt,
dass es wirklich teilweise in den gebildeten und halbgebildeten Schichten marklos
geworden ist. Ob übrigens ein markloses Geschlecht ein Volk von Denkern und im
Stande sein könne, einen klaren Gedankenprozess durchzumachen, bezweifle ich. Mir
scheint, die Verwirrung der Begriffe stehe in üppigster Blüte, besonders auf dem
Gebiete der sozial-politischen Teorien. Aber die Söhne Albions möchten nicht
bloss Deutschland, sondern Europa - ja den ganzen Erdball in das Gebiet des
Gedankens hinein schmeicheln, damit sich möglichst wenig Hände ausserhalb
Englands an die allerdings furchtbar gedankenlose Praxis der Baumwoll-Spinnerei
und Weberei begeben.«
    »Ich staune, Graf Orestes!« rief Judit. »Sie stehen ja ganz auf der Höhe
des Jahrhunderts und halten Reden wie ein Kammermitglied, so dass alle Hoffnung
vorhanden ist, auch Ihnen könne noch des Gedankens Blässe angekränkelt werden!
Aber jetzt beruhigen Sie Sich durch einen Blick auf den Montblanc.«
    Die Sonne war nicht nur schon unter den Horizont hinabgesunken, sondern der
westliche Himmel hatte bereits die glühenden Färbungen verloren, die aus lichtem
Goldglanz in feuriges Rosenrot, dann in zarten Purpur und Violet allmälig
verschwimmen, bis sie endlich zu einem bläulichen Duft verbleichen, der den
ganzen Himmel umflort und der nur im Westen mit einem leichten, grünlich gelben
Anhauch gemischt ist. Das Gebirg, das allen Schattierungen des Sonnenunterganges
und des Abendhimmels folgt und, wie ein Geschmeide von Topasen, Rubinen und
Ametysten für den König der Erdgeister, prächtig und anmutig in glänzenden
Farben aufstrahlt, wird ebenfalls in die bläuliche Umflorung gehüllt, welche vom
Himmel zur Erde herabsinkt, nimmt jedoch durch seine Masse und Schwere ein
stumpfes, hartes Grau an, das selbst die schwerste Wolke nicht hat, und sieht
ganz tot und leichenfahl aus. In solchem Moment tritt zuweilen - und am
häufigsten im Herbst - das wunderliebliche Alpglühen ein. An die totesstarren
Spitzen des Hochgebirges mit ewigem Schnee fliegt plötzlich ein rosiges Licht
und eine zauberhafte Illumination flammt auf zwischen Himmel und Erde. Die
höchsten Spitzen der Schneeberge bilden über der grauen Tiefe und unter dem Grau
in der Höhe eine Kette von rosigen Flammen oder von glühenden Rosen, die im
Äter zu schweben und ohne Zusammenhang mit der Erde zu sein scheinen.
    Dies wunderschöne Naturschauspiel fand so eben am Montblanc statt: seine
drei eisgrauen Häupter strahlten im Rosenfeuer des Alpglühens. Das dauerte ein
paar Minuten; dann sank das Feuer, verglomm mehr und mehr, die Schatten krochen
aufwärts, nur eine Kohle glimmte noch auf der äussersten Spitze - nur ein Funke
noch - nun erlosch auch der und das Gebirg trat in seine tote Starrheit zurück
und die Schatten der Nacht machten es doppelt finster und kalt. Judit wickelte
sich ströstelnd in ihren Burnus, wendete sich plötzlich zu den Männern hin und
sagte:
    »Meine Herren, warum ist die hässliche Erde zuweilen so wunderschön?«
    Einer der Herren, ein russischer Fürst, entgegnete verbindlich:
    »Die Rätsel der Sphynx löst nicht jeder Sterbliche.«
    Zwei Engländer, Vater und Sohn, wütende Touristen und geschworene Bewunderer
aller Merkwürdigkeiten und aller Berühmteiten, sagten aus einem Munde:
    »Oh! Ah! No! very well!«
    Ein junger Franzose rief lebhaft:
    »Weil Sie, Signora, über die Erde wandeln.«
    Florentin sagte: »Weil in den Stoffen der Natur auch diejenigen Kräfte
liegen, welche im harmonischen Zusammenwirken die Schönheit bilden.«
    »Was sagt Graf Orestes?« fragte Judit ihn; denn er schwieg.
    »Er sagt nichts!« rief Orest ungeduldig. »Ich bitte, verschonen Sie mich mit
solchem hohlem Gerede! Sie selbst sind ein solches Rätsel, dass Sie mir
wahrhaftig keine neuen aufzugeben brauchen.«
    »Nun aber müssen Sie uns auch die Lösung geben,« sagte der Fürst.
    »Es war kein Rätsel, es war nur eine Frage,« erwiderte Judit; »und ich
fragte ganz ehrlich, weil ich durchaus nicht begreifen kann, weshalb diese Erde,
die ja weiter nichts als ein immenser Klumpen von Moder ist, in welchem alles
Leben sich auflöst, weshalb und woher diese garstige Masse zuweilen eine
Schönheit erhält, welche das Herz rührt und die Seele erschüttert.«
    »Die ganze Schöpfung ist von Gott - die Natur, wie das Menschenherz,« sagte
der junge Franzose; »und um dieses auch durch die Sinnenwelt an Gott zu
erinnern, nehmen die Werke der Allmacht zuweilen den Schmuck der Schönheit an.«
    »Ah, Sie sind gläubig!« sagte Judit. »Es überrascht mich immer von Neuem,
dass es für den Glauben eigentlich gar keine Rätsel gibt.«
    »Man muss sehr genügsam sein,« rief Florentin, »um sich mit den Auflösungen
zufrieden zu geben, die der Glaube gewährt.«
    »Ich sage nicht, dass er die Rätsel löse; das ist Sache der Intelligenz, die
sich bei diesem Bemühen tausendmal für inkompetent erklären muss, wenn sie
aufrichtig ist - und das ist sie selten. Ich sage aber: es gibt kaum Rätsel für
den Glauben. Er legt das, was für unsereins unverständlich und unbegreiflich
ist, gleichsam in einen Lichtstrahl, der von der Hand Gottes ausgeht und im
Wiederscheine dieses Lichtes sieht er klar.«
    »Dann stände ja der Glaube höher als die Intelligenz,« sagte der Fürst, »und
das kann doch nicht sein, denn er muss durch sie geprüft und gesichtet werden.«
    »Vielleicht um ihn in seinen Äusserungen und Tätigkeiten zu regeln,« sagte
Judit. »Mir scheint aber, als stehe wirklich die Fähigkeit des Menschengeistes
am höchsten, die das Rätsel der Welt auf eine übernatürliche Einheit
zurückführt.«
    »Ah! Oh! No!« hub der jüngste Engländer an; » die Fähigkeit ist die höchste,
welche Signora besitzen: der Zaubergesang.«
    »Sie denken wohl, der Villa Diodati gegenüber, an Lord Byrons Zauberlied: 
When the moon is on the wave,« sagte Judit und rezitierte zum höchsten
Entzücken der Engländer, worin der Russe und der Franzose pflichtschuldigst
einstimmten, das Gedicht. Es war inzwischen ganz finster geworden und aus den
tausend Wohnungen rings an den Ufern flammten Lichter auf, diese stummen Zeugen
und Zungen von Menschentreiben, Menschenunruhe, Menschenleid, Menschenglück.
    Judit liess die Barke der Villa Diodati zuwenden. Sie hatte sich dort für
einige Wochen niedergelassen, um sich von der furchtbaren Anstrengung zu
erholen, in den grossen Opernhäusern Europa's als Primadonna das Publikum zu
entzücken. Obschon sie auch in diesem idyllischen Aufentalt nie allein war und
Tag für Tag Besuche empfing, so führte sie doch vergleichsweise ein sehr ruhiges
Leben, da sie von keiner Verpflichtung abhängig und Herrin ihrer Zeit und ihrer
Beschäftigungen war. Letztere bestanden darin, dass sie stundenlang auf dem See
fuhr, viel las, etwas sang und etwas auch mit ihren Hausgenossen - und mit den
Fremden, den Bekannten und den Verehrern, die sie umlagerten, sich unterhielt.
Ihre Hausgenossenschaft bestand aus ihrer Mutter, aus einem italienischen
Musiker Namens Lelio, den sie bei ihren musikalischen Studien zum
Akkompagnieren, zum Transponieren, dann zur Durchsicht von musikalischen
Manuskripten, die man ihr widmen wollte, und von Opernpartituren, die sie auf
die Bühne bringen und berühmt machen sollte - ganz notwendig brauchte; und aus
Florentin, der ihre pekuniären Geschäfte und ihre offizielle Korrespondenz
führte - zwei Dinge, die ihr ein Gräuel waren. Lelio und Florentin hatten sich
zuerst bei der Revolution in Rom als feurige Gesinnungsgenossen kennen gelernt.
Als aber die Beschäftigung in diesem Fache durch die momentane Rückkehr zur
bürgerlichen Ordnung unterbrochen wurde, widmete sich Lelio wieder der Musik,
bekam eine Stelle im Orchester der Skala zu Mailand und lernte dort Judit
kennen, die auf seine Brauchbarkeit schnell aufmerksam wurde, als sie zum ersten
Mal nach Mailand kam, und ihn leicht bewog, eine Stellung in ihrer Umgebung
einzunehmen. Sie fühlte damals, dass sie Jemand nötig habe, der firm in der
italienischen Musik und Schule sei und den italienischen Geschmack gründlich
kenne. Sie wusste, dass kein Beifall in Amerika und in England genüge, um ihr den
gültigen Stempel einer grossen Sängerin aufzuprägen, und dass die Sängerinnen
erster Ordnung sich in Italien entweder ihre Bildung holen oder ihre Probe
durchmachen müssen. Sie war fest entschlossen, eine Sängerin erster Ordnung zu
werden, und versäumte nichts, was ihr dazu behilflich sein konnte.
    Florentin war durch seinen verkehrten Freiheitstrieb eine Art von Vagabunde
geworden. Er schweifte umher, er ging nach Amerika, er ging nach Europa zurück
und nach England; er fand nirgends eine Stätte, nirgends einen Wirkungskreis,
nirgends Ruhe. Seine innere Haltungslosigkeit machte ihn unfähig zu jeder
beharrlichen und anstrengenden Tätigkeit. Die höchste Blüte menschlichen
Hochmutes, der Subjektivismus, verschlang all' seine guten Kräfte oder
vertrocknete dasjenige Erdreich seines Wesens, auf welchem sie sich gedeihlich
hätten entfalten können. Für einen Menschen, der nichts kennt, nichts begreift,
nichts will, als eine schrankenlose Entwickelung und Durchlebung seines Ichs,
ohne andere Richtschnur als die, welche aus dem falschen System einer absoluten
Freiheit entspringt, für einen solchen gibt es keinen Platz auf der Welt, so
gross sie auch ist. Es flossen ihm freilich überall einige Unterstützungen aus
den Mitteln seiner Partei zu, die in Verbindung mit allen geheimen
Gesellschaften und eigentlich nichts anderes ist, als deren in der
Öffentlichkeit tätige rechte Hand. Diese Gesellschaften und Verbrüderungen,
welchen Namen und welche Zeichen sie führen mögen, haben alle einen und
denselben Hauptzweck: die Ausrottung aller positiven Religion - oder mit einem
anderen und deutlicheren Wort: die Vertilgung der katolischen Kirche von der
Erde. Aber nicht alle Mitglieder dieser Verbrüderungen legen öffentlich Hand an
das Werk des Umsturzes und der Zerstörung. Das verbieten Verhältnisse und
Rücksichten, Stellung und Charakter. Umsomehr sind sie bereit zu derjenigen
Unterstützung, welche für alles, was einen Fortgang auf dieser irdischen Welt
haben soll, mehr oder minder notwendig ist: sie spenden Geldmittel. Die Männer
der öffentlichen Revolution sind gleichsam die Kriegstruppen der geheimen
Revolution und werden als solche von dieser auf jede Weise unterstützt. Die
einen werden zu Stellen und Ämtern befördert; die anderen erhalten Jahrgelder,
um Reisen oder Studien im Sinne der Aufklärung und des Unglaubens zu machen;
noch andere werden besoldet als Journalisten und Verfasser von Tendenzschriften;
wieder anderen macht man einen erstaunlich grossen Ruf hinsichtlich ihres
Wissens, ihrer Talente, um auf diese Art ihr Fortkommen zu begünstigen; und so
wird diese Armee der Revolution in stillen Zeiten durchgebracht, um in unruhigen
alsbald auf ihrem Platz und dienstbereit zu sein.
    Florentin empfing also wohl einige Unterstützung, allein sie entsprach nicht
seinen Bedürfnissen, noch konnte sie seinen Ehrgeiz befriedigen! daher fühlte er
sich mehr erbittert als verpflichtet, was von seinem kommunistischen Standpunkt
aus nicht anders sein konnte. Nachdem er die unglückliche Wendelrose in ihre
Heimat zurückgebracht und verschiedene Wanderungen durch Deutschland gemacht
hatte, um den Stand seiner Partei nach so langer Abwesenheit zu rekognoszieren,
ging er nach der Schweiz, deren Gletscher in einen Krater der Revolution
verwandelt zu sein schienen, und stiess in Chamouny auf Lelio, der Judit's
Kreuz- und Querzüge mitmachen und sie auf ihren Kunst- und Erholungsreisen
begleiten musste. Lelio freute sich sehr, seinen alten Genossen am Fusse des
Montblanc wiederzufinden, nachdem er ihn am Fusse des Kapitols verlassen hatte -
und da Judit einen gewandten und gebildeten Sekretär in ihrer Umgebung zu haben
wünschte, der die neueren Sprachen geläufig schreibe, und da Florentin von
Kindheit auf die praktische Übung dieser Sprachen hatte: so schlug Lelio ihn in
der zwiefachen Eigenschaft seines Freundes und eines höchst brauchbaren
Geheimschreibers ihr vor. Er liess auch die Bemerkung fallen, Florentin sei ein
Italianissimo, habe als solcher viele politische Verfolgungen ausstehen müssen
und sei eines Ruhehafens recht bedürftig. Judit erwiderte mit ihrem kühlen
Indifferentismus, Lelio wisse ja, dass sie sich für den politischen Fanatismus
ebensowenig wie für den religiösen interessiere; dass sie aber gern einem
Hilflosen, der brauchbar für ihre Absicht sei, einen Platz in ihrer Umgebung
anweisen wolle, vorausgesetzt, dass er es verstehe, sich auf diesem Platz zu
halten. Am anderen Tage bestieg sie den Montanvert und besuchte das grosse
Eisfeld, das unter dem Namen mer de glace ebenso berühmt als sehenswürdig ist.
Florentin hatte sich seinerseits zur mer de glace begeben; und auf diesem Punkt,
einem der interessantesten in Europa, liess er sich durch Lelio einer der
berühmtesten Frauen von Europa vorstellen, deren Schönheit und Genialität ihn
versöhnte mit der untergeordneten Stellung, die er bei ihr einnehmen sollte.
Hätte Graf Windeck ihm den Vorschlag gemacht, sein Privatsekretär zu werden: so
hätte Florentin ihn mit der äussersten Verachtung zurückgewiesen; aber
Privatsekretär bei einer italienischen Primadonna, das war etwas ganz anderes!
sie gehörte zu den Celebritäten des Jahrhunderts, sie war ein grosses Genie, und
Florentin betrachtete jedes Genie als einen gekrönten Sprössling der Freiheit -
einesteils, weil es die breitgetretene Bahn der Alltäglichkeit verlasse und
eigene Wege einschlage; andernteils, weil es mannigfache Kämpfe gegen
eingerostete Vorurteile und mit dem Stumpfsinn der unempfänglichen Masse zu
bestehen habe. Da Florentin sich selbst als einen Freiheitssprössling ansah, der
durch die Ungunst der Verhältnisse noch nicht gekrönt sei, so fand er eine
gewisse Verwandtschaft seines Geistes mit allen grossen Genies, wenn auch nicht
in der Begabung, so doch in der Richtung. Judit war indessen mit seinem
Benehmen und seinen Leistungen zufrieden und behielt ihn.
    »Wie lebt man denn mit der Signora Judit?« fragte er seinen Freund.
    »O sehr gut!« entgegnete Lelio. »Sie ist sehr ungeniert und gönnt Jedem
seine Freiheit; sie behandelt alle Leute, die mit Huldigung, Verehrung etc. etc.
zu ihr kommen, über einen Leisten - und Gott weiss, wer nicht zu ihr kommt!
Prinzen und Journalisten, Banquiers und Künstler, Neugierige und Touristen,
Bettler und Krösusse! - Sie nimmt, wie eine marmorne Göttin, jeden Ausdruck der
Bewunderung an, möge er zu Tage kommen durch einen Blumenstrauss oder ein fades
Gedicht, durch eine Liebeserklärung oder einen Diamantenschmuck. Zuweilen aber
ist sie launenhaft, und dann nicht selten insolent.«
    »Wer ist der primo amoroso?« fragte Florentin.
    Lelio zuckte die Achseln bis zu den Ohren hinauf und stiess das
unnachahmliche »Eh!« der Italiener aus.
    »Du wirst doch nicht mit mir den Verschwiegenen spielen wollen?« rief
Florentin. »Ich frage ja nur, um mich auf meinem Platz zu orientieren und um
nicht in Verlegenheit zu kommen und zu bringen.«
    »Niemand kann das verraten, was er selbst nicht weiss,« erwiderte Lelio
kaltblütig. Als Florentin ihm aber mit spöttisch fragendem Blick in die Augen
sah, gab er lächelnd zur Antwort:
    »O nein! - Ich kann Dir nur sagen, dass ich mich um ihre intimen Verhältnisse
gar nicht bekümmere und kann Dir nur raten, in dieser Beziehung meinem Beispiel
zu folgen. Ein gemeines Weib ist sie nicht! aber ....« -
    »Nun - aber?« rief Florentin gespannt.
    »Aber vielleicht ein böses!«
    »Bah! sie wird doch nicht mit Gift und Dolch umgehen?«
    »Nein; doch mit eiskalter Koketterie. Sie verlangt grosse Triumphe. Leute wie
Dich und mich beachtet sie gar nicht.«
    Lelio's Aufrichtigkeit verdross Florentin ungemein und er gab seine Fragen
hinsichtlich Judit's aus Empfindlichkeit auf. Wie nun auch seine eigenen
Beobachtungen ausfallen mochten, er blieb ihr Privatsekretär und war bereits
drei Jahre in dieser Stellung, als sie ihren Aufentalt in der Villa Diodati
nahm.
    Judit's Schönheit hatte in dieser Zeit verloren und gewonnen; verloren -
alle Frische und Weichheit der Jugend, allen Schmelz der ersten,
unwiederbringlichen Blüte; gewonnen - eine gewisse tragische Ruhe in Ausdruck
und Haltung. Sie schien beständig zu denken: Es ist nichts anzufangen mit dem
Leben! ich weiss es aus Erfahrung! - -
    Sie trat jetzt mit dem ganzen Schwarm ihrer Begleiter in den eleganten, hell
erleuchteten Salon der Villa Diodati, wo Madame Miranes sie erwartete, und ihr
entgegen rief:
    »Lelio ist endlich zurückgekehrt!«
    »O glückliche Nachricht!« rief der russische Fürst.
    »Jetzt wird mir vielleicht die Wonne zu Teil Casta Dia zu hören.«
    »Bester Fürst,« sagte Judit, »ich begreife gar nicht diese Marotte. Sie
haben ja unzählige Male die Norma gehört.«
    »O welch ein Unterschied, sie zu hören auf der Bühne, als Oper und mit dem
ganzen Publikum - oder im Salon, und gerade diese eine Arie! das ist ein Genuss,
der nur wenigen Lieblingen des Glückes zu Teil wird.«
    »Diese Sucht nach dem Besonderen ist eben das, was ich Ihre Marotte nenne,«
erwiderte Judit.
    Aber der Fürst fuhr fort: »Ich flehe Sie an, Signora, lassen Sie den Herrn
Lelio rufen, dass er seinen Platz am Pianino einnehme und die Casta Dia
akkompagniere. Legen Sie Ihren Burnus nicht ab! er drappiert Sie unvergleichlich
und bildet ganz ungesucht das Gewand der Druidin.«
    Da alle Herren die Bitte des Fürsten unterstützten, sagte Judit endlich zu
Florentin:
    »Hätten Sie wohl die Güte, uns den Lelio zu holen?«
    Ein Sturm des Entzückens brach aus und der junge Engländer wurde gesprächig
vor froher Erwartung und sagte:
    »Von den Druidinnen, die in meiner Heimat Wales recht eigentlich zu Hause
waren, erzählt die Sage: sie hätten Lieder von so wundersamer Schönheit
gesungen, dass sie die Meeresstürme damit bezaubert und zur Ruhe gebracht hätten.
Das fällt mir immer ein, wenn ich Signora Judit die Norma singen höre.«
    »Nur mit dem enormen Unterschied,« fiel der Fürst ein, »dass die Signora
Stürme erregt, nicht beschwichtigt.« -
    Florentin trat so eben mit einem ganz verstörten Gesicht wieder ein und
berichtete dem erwartungsvollen Kreise, Lelio lasse sich entschuldigen, er liege
bereits im Bett.
    »Desto besser!« sagte Judit und warf ihren Burnus ab. »Sie brauchen über
dies Missgeschick nicht fassungslos zu sein, Fiorino.«
    »Aber ich desto mehr!« rief der Fürst. »Seit vierzehn Tagen bin ich hier
festgehalten durch ...«
    »Ihre Marotte!« warf Judit lächelnd ein.
    »Gut also! durch meine Marotte; werde von einem Tag auf den anderen
vertröstet: Wenn Lelio kommt! - Er kommt, der Unglückliche, und legt sich mitten
im Tage - denn es ist ja wohl kaum sieben Uhr - legt sich zu Bett!«
    »Morgen ist auch noch ein Tag,« sagte Judit.
    »Nicht mehr für mich!« rief der Fürst klagend aus. »Meine Passerlaubnis ist
bis zur äussersten Grenze abgelaufen; ich muss fort.«
    »Welche Sklaverei!« rief Florentin.
    »Nun ja,« entgegnete der Russe kalt, »ohne einige Sklaverei lebt sich's
nicht auf dieser sublunarischen Welt. Ketten von Oben und Unten, von Innen und
Aussen sind unser aller Los. Der eine gehorcht dem Czar, der andere dem Volk, der
dritte einem geheimnisvollen Alten vom Berge, der vierte einem schönen
Augenpaar: Ketten allüberall! Nur ein Mensch ohne alle Beziehungen könnte sich
ihrer entledigen; damit würde er jedoch aufhören, Mensch zu sein.«
    »Dennoch ist es sehr hart,« rief unbesonnen der Marquis d'Avallon, »von
solchen Beziehungen umsponnen zu sein, die für eine geringe Überschreitung
polizeilicher Ordnung nach Sibirien führen.«
    »Oder nach Cayenne,« entgegnete der Fürst mit seinem verbindlichsten
Lächeln.
    Madame Miranes machte es sich zur besonderen Aufgabe, allen Gesprächen, die
eine scharfe Wendung zu nehmen drohten, die Spitze abzubrechen. Bei den vielen
und verschiedenartigen Menschen, die zu ihrer Tochter kamen, wachte sie darüber,
dass sich alles in Ruhe und Harmlosigkeit bewege und unterhalte, und dass vor
allen Dingen nie eine politische Diskussion geführt werde, von der nichts zu
erwarten sei, als Erbitterung für die Redner und Langeweile für die Zuhörer.
Jetzt rief sie lebhaft:
    »Was Sibirien und Cayenne! ich sage etwas ganz anderes! ich sage Clarens!
wir wollen morgen mit dem Dampfboot eine Exkursion an das Waadtländische Ufer
machen und in Clarens die bosquets d'Héloise durchwandeln.«
    Alle gerieten wieder in gute Laune. Marquis d'Avallon sagte triumphierend,
der Genfersee trage eine wahre Krone von berühmten Namen; aber die glänzendsten
unter diesen gehörten doch der »grossen Nation« an: Voltaire, Rousseau, Madame de
Staël. Dagegen behaupteten die Engländer, Lord Byron mit seiner schwunghaften
Poesie überwiege bei Weitem die beiden Letzteren, und Gibbon's skeptische
Intelligenz dürfe sich mit Voltaire messen.
    »Das Schloss von Chillon hat durch Lord Byron gleichsam eine unsterbliche
Seele bekommen,« sagte der junge Engländer.
    »Rousseau hat dasselbe für Clarens getan,« versetzte der Franzose.
    »Welches Land schickt denn jetzt seinen kostbarsten Edelstein für die Krone
des Leman?« wendete sich der Fürst an Judit.
    »Mein Vater war ein Spanier,« antwortete sie, »und meine Kindheit verlebte
ich in Cadix.«
    »O herrlich!« rief Florentin. »Diese grossen Genies, die sämtlich für das
höchste Gut der Menschheit, für die Freiheit, schrieben und wirkten, haben nicht
bloss ihren Schatten und ihren Namen an diesen Ufern zurückgelassen. Der Genius
der Freiheit, der jetzt über der Schweiz sein Banner schwingt, ist
hervorgegangen aus ihren Mühen, ihren Anstrengungen, ihren Studien, ihren
Nachtwachen. Wahrlich, sie verdienen die Pilgerfahrt zu den Stätten, die sie
unsterblich gemacht haben. Aber wenn der Erinnerung Rousseaus in Clarens
gehuldigt wird, und Voltaire's in Fernei, der Frau von Staël in Coppet, Gibbon's
in Lausanne und Lord Byron's auf dem ganzen See: so ist doch auch Vevay nicht zu
vergessen. Dort ist das Grab eines Mannes der Tat, eines politisch grossen
Mannes.....« - -
    »Oh! No!« unterbrachen ihn die Engländer, Vater und Sohn, die ihr
Reisehandbuch auswendig wussten.
    »Wer war der Mann?« fragte Judit gespannt.
    »Es war Ludlow - einer jener Männer, die Carl von England auf's Schaffot
schickten.«
    »Wir sind Whigs,« sagte der alte Engländer, »aber wir lieben nicht das
Schaffot für die Könige.«
    »Ein sehr guter Geschmack, Mylord!« versicherte Madame Miranes. »Der Signor
Fiorino hat Sympatien, vor denen man schaudert.«
    »Ich meinesteils,« sagte Judit, »schaudere vor all diesen prunkhaften
Sympatien mit Leuten, die doch weiter nichts getan, als eine Masse Bücher in
die Welt geschleudert haben, welche von Millionen, ohne den mindesten Nachteil
für Leib und Geist - nicht gelesen - hingegen von Tausenden zu ihrem grössten
Schaden gelesen werden. In die Bewunderung des Genies legt man eine lächerliche
Übertreibung.«
    »Aber was soll man bewundern, wenn nicht das Genie - diese göttliche Flamme
des menschlichen Geistes!« rief der Fürst verwundert.
    »Das ist es eben,« entgegnete Judit, »man weiss nicht, was man bewundern
soll, und deshalb verfällt man auf diesen Kultus, bei welchem unausbleiblich ein
paar Weihrauchkörner für den Adoranten selbst abfallen, indem sich jeder -
versteht sich in tiefster Stille des Herzkämmerleins - eine gewisse Ähnlichkeit
oder Beziehung, oder Verwandtschaft mit dem Genie zuspricht.«
    Der junge Franzose, der bei der Wasserfahrt gesagt hatte, die Schöpfung sei
das Werk Gottes, besann sich, ob er nicht einen Mann nennen solle, der
gleichfalls an dem Ufer dieses Sees, in dem kleinen Städtchen Tonon, in grosser
Mühsal und Demut seine glorreiche Laufbahn begann und von dessen Schriften das
Gegenteil von Judits Behauptung galt: denn es ist ein Schaden für die Seelen,
die Werke des heiligen Franz von Sales nicht zu kennen. Aber wenn sich auch der
französische Mut bis zu der Verwegenheit erhob, Gott als den Schöpfer der Natur
zu bekennen, so ging er doch nicht so weit, um auf Gottes übernatürliche
Schöpfung, die Gnadenwelt - und auf deren übernatürliche Genie's, die Heiligen -
Judit mit ihrem ungestillten Bewunderungsverlangen hinzuweisen. In der
Gesellschaft von zwei Jüdinnen, zwei Hochkirchlern, einem Russen und einem
Kommunisten den heiligen Bischof von Genf als überebenbürtig von Voltaire und
Gibbon zu nennen - nein! zu dieser Grosstat des Glaubens erschwang der Marquis
d'Avallon sich nicht und er, der einzige, der von dem grossen und liebenswürdigen
Heiligen hätte sprechen können, er nannte ihn nicht.
    Endlich empfahlen sich die Herren und begaben sich nach Genf zurück. Als
Judit mit ihrer Mutter allein war, sagte sie zu Florentin:
    »Was ist denn dem Lelio widerfahren? Sie kamen ja in einem entsetzlichen
Zustand von ihm zurück.«
    »Das wird er Ihnen selbst sagen!« brach Florentin aus. »Mir fehlen die
Worte, um eine solche Schmach zu bezeichnen.«
    »Hat er gestohlen?« rief Madame Miranes beängstigt.
    »Oder ein anderes Verbrechen begangen?« fragte Judit, ihrerseits
beunruhigt.
    »Er hat gebeichtet!« sagte Florentin dumpf.
    »Nun, was denn?« fragte Madame Miranes neugierig. »Hat er Ihre oder seine
Geheimnisse ausgeplaudert?«
    »O Gott! Sie verstehen das nicht!« rief Florentin ungeduldig. »Er ist ein
Apostat der Gewissensfreiheit geworden! er ist zum Kreuz zurückgekrochen! er hat
das Joch der Pfaffenherrschaft auf seine Schultern genommen! Ha! so sind diese
Italiener: unzuverlässig bis in's Mark hinein!«
    »Aber, bester Fiorino, weshalb wüten Sie so?« sagte Judit gelassen. »Sie
predigen ja Gewissensfreiheit für jedermann. Nun, so lassen Sie doch auch dem
armen Lelio das Recht, die Freiheit seines Gewissens zu wahren und zu üben, wie
es ihm zusagt.«
    »Wenn es ihn von der Sache der allgemeinen Geistesbefreiung abtrünnig macht
- nein! und abermals nein!«
    »Das ist leeres Gerede! warum soll er seine Idee von Freiheit der Ihren -
oder der Idee von Millionen opfern? Wo ist das Richtige? wo ist die Wahrheit?
wer bürgt dafür? auf diesem Gebiet beweisen grosse Zahlen gar nichts! Millionen
können irren und einer kann ihnen gegenüber das Rechte und Richtige verteidigen
und die Wahrheit behaupten. Also nicht über Lelio hergefallen, mein Bester!«
    »Sie sind ein grosses musikalisches Genie, Signora,« rief Florentin empört,
»und haben überhaupt manche eminente Fähigkeit. Geht Ihnen aber nicht das wahre
Licht der Erkenntnis auf und bemühen Sie sich nicht, für dasselbe zu wirken -
was einer geistreichen Frau in einer bewunderten Stellung so leicht ist - so
werden Sie nie mitzählen unter den Grössen des Jahrhunderts.«
    Er stürmte hinaus und Madame Miranes sagte:
    »Das fehlte noch! eine Barrikadengöttin für den Signor Fiorino! Liebes Kind,
ich habe andere Wünsche für Dich. Du hast jetzt ein grosses Vermögen und eine
grosse Berühmteit erworben; es wird nun Zeit, an eine glänzende Heirat zu
denken. Wie gefällt Dir der russische Fürst?«
    »Gar nicht,« sagte Judit trocken.
    »Es wäre doch nicht übel, Fürstin - - wie heisst er denn eigentlich? - zu
werden. Nach so vielen Teaterkronen würde sich eine solide Fürstenkrone gar
passend auf Deiner Stirn ausnehmen und Dein Streben wahrhaft krönen.«
    Madame Miranes küsste die Stirn ihrer Tochter und verliess den Salon. Judit
legte sich matt in einen Sessel zurück und sagte halblaut:
    »Welch' eine Menagerie - von Menschen umgibt mich!«
    Da öffnete sich die Balkontüre, die Vorhänge rauschten und Orest trat in den
Salon. Judit sah ihn befremdet an und sagte:
    »Was fällt Ihnen ein, Graf Orestes! wir sind beide zu alt, um Versteckens zu
spielen.«
    »Ich spiele nicht, Signora,« erwiderte Orest und setzte sich ihr gegenüber;
»und ich wünschte sehnlichst, dass auch endlich einmal das Spiel von Ihrer Seite
aufhören möge.«
    »Zu dieser, wie es scheint, höchst ernsten Unterhaltung - denn Sie sehen
finster wie die Nacht aus - wollen wir doch eine gelegenere Stunde wählen,«
sagte Judit und wollte aufstehen. Aber Orest ergriff ihre Hände, hielt sie fest
und sagte:
    »Mit nichten, Judit! glauben Sie, ich hätte drei Stunden auf dem Balkon
gewartet, um mich jetzt fortschicken zu lassen? um Sie morgen wieder nicht
allein, sondern in Ihrer Menagerie zu finden? um von Tag zu Tag, von Jahr zu
Jahr, in der immer gesteigerten Qual der Ungewissheit zu verharren? Nein, Judit!
das geht nicht mehr! Sie müssen mir Rede stehen.«
    »Gut!« sagte sie, schob ihren Lehnstuhl zwei Schritte zurück, legte die Arme
über einander und sah ihn an mit ihren wunderschönen, wie schwarze Diamanten
glänzenden Augen, über welche lange Wimpern einen zarten, dunkeln Schleier
warfen. Sie sah bezaubernd aus.
    Orest betrachtete sie eine Weile, drückte dann heftig beide Hände vor's
Gesicht und sagte halbleise:
    »Judit! .... ich liebe Dich!«
    »Darauf hab' ich nichts zu antworten!« sagte sie.
    »Ha!« rief er, sprang auf und stampfte wild mit dem Fuss auf den Boden; »wenn
Sie nicht darauf antworten können, so dürfen Sie es auch nicht anhören.«
    »Wer hört es nicht gern, das süsse Wort von der Liebe?« entgegnete Judit mit
so weichem Ausdruck in Ton und Blick, dass Orest wieder gefangen und entwaffnet
wurde und zärtlich bat:
    »Aber das Wort werde erwidert, Judit!«
    »Ich bin von wenig Worten, Graf Orestes, das wissen Sie ja längst.«
    »Wie Sie mich foltern!« rief er.
    »O armer Martyrer der Liebe,« entgegnete sie lächelnd.
    »Und wenn ich des Martertums überdrüssig werde?«
    »So verleugnen Sie mich!« sagte Judit in einem Tone, der mit tausend
Schlingen sein Herz umspann; »aber erwarten Sie nie von mir, dass ich je zu Ihnen
von Liebe sprechen könnte! Dadurch wird das Weib des Mannes Sklavin; er weiss
sich geliebt - und triumphiert. Das Weib hingegen findet keinen Triumph in der
Gewissheit, geliebt zu werden - sondern ein Glück. Er kann sprechen; schweigen
muss sie.«
    »Bis auf einen gewissen Punkt können Sie recht haben. Allein das Schweigen
darf nicht lange genug währen, um Zweifel zu wecken.«
    »Graf Orestes! ich habe Ihnen einmal vor Jahren ein Wort gesagt. Wissen Sie
es noch?«
    »Ob ich es weiss! ob es mir nicht Tag und Nacht das Herz durchklingt! Judit!
Alles für alles - so lautete das Wort.«
    »Das ist doch gewiss klar und verständlich; und Sie haben es dennoch
missverstanden. Als Sie zuerst in Mailand um meine Liebe warben, da sprach ich:
Alles für alles! - und Sie? was taten Sie, Graf Orestes? - Sie gingen hin und
vermählten sich mit Ihrer schönen Cousine. Kaum waren die Flitterwochen vorüber,
so lagen Sie wiederum zu meinen Füssen. Konnte ich anders, als diese - Liebe kann
ich unmöglich sagen! - als diese Sorte von Liebe tief zu verachten? Wer auf die
Zusage: Alles für alles - so antwortet, der versteht sich nicht auf die Liebe
des Weibes, überhaupt nicht auf die Liebe des Herzens - und eine andere mag ich
nicht! - Damals sprach ich Ihnen unumwunden meine Verachtung aus und stieg bei
Ihnen im Preise, als Sie erkannten, dass ich so leichten Kaufes nicht zu gewinnen
sei. Sie wurden erzürnt, gekränkt, Sie gaben Ihre Liebesversicherungen nicht auf
und sprachen viel vom Drang der Umstände und von schuldiger Berücksichtigung der
Familienverhältnisse - was mich natürlich nicht im mindesten von Ihrer Liebe zu
mir überzeugen konnte. All' die heftigen Szenen, all' die bitteren Vorwürfe,
welche ich Ihnen hätte machen können, machten Sie mir unter dem Vorwand Ihrer
glühenden Leidenschaft - was mich natürlich, als eine armselige Komödie, sehr
langweilte. Und so trennten wir uns, wie ich glaubte - auf immer! Aber Sie kamen
wieder, Sie suchten mich von neuem auf, Sie drängten sich an mich; meine Kälte,
meine Gleichgültigkeit stiess Sie nicht zurück; Sie behaupteten, nicht von mir
lassen zu können - und dies haben Sie allerdings bewiesen, denn seit drei Jahren
sind Sie, bald nach längeren, bald nach kürzeren Pausen, nach Paris, nach der
Insel Wight und wieder nach Paris mir gefolgt. Diese Beharrlichkeit würde mich
rühren und ich könnte sie wohl als einen Beweis von aufrichtiger Liebe
betrachten, wenn ich nicht wüsste, dass versagtes Glück reizender für das
Menschenherz ist, als erlangtes; denn um die Hoffnung schwebt stets ein Abglanz
von der Unendlichkeit und auf der Erfüllung liegt stets ein Schatten des Todes -
die Endlichkeit. So sind Sie nicht allein; so ist der Mensch, so ist sein
melancholisches Schicksal. Aber weil ich das weiss, so betrachte ich die
Extravaganzen Ihrer Leidenschaft und Ihr Beharren bei derselben auch noch nicht
als die wahre Liebe. Die muss sich aussprechen in einer Tat, einer entscheidenden
lebenumfassenden Tat; und deshalb sage ich heute, wie damals: Alles für alles.
Nur sage ich es jetzt mit noch grösserer Entschiedenheit, denn Sie sind mir jetzt
eine Ehren erklärung für die tötliche Beleidigung schuldig, eine frivole
Liebelei bei mir gesucht zu haben.«
    »Das hab' ich nie!« rief Orest und liess die Hände sinken, mit denen er, so
lange Judit sprach, sein Gesicht bedeckt hatte. »Das nie! ich habe immer
gefühlt, dass Sie die Herrin meines Schicksals sein würden und habe niemals
begehrt, den Zauberbann zu lösen, der mich an Sie fesselte. Zu Ihren Vorwürfen,
dass ich mich mit meiner Cousine vermählte, muss ich schweigen - denn ich hab' es
getan! ich wusste, dass mein Glück in dieser Ehe nicht liege - und ging sie
dennoch ein. Ich war ein leichtsinniger Tor, der sich von den Verhältnissen
überrumpeln liess, oder besser gesagt, der vor ihnen erlag. Sie haben keine
Ahnung davon, was das ist: die Familientradition, dies Forterben des Standes,
des Namens, des Vermögens, der Erinnerungen, der Wirksamkeit, von einem
Geschlecht auf das andere. Sie ist so mächtig, dass ich mich ihr gegenüber
gefangen und wehrlos fühlte.«
    »Kann sein!« erwiderte Judit. »Indessen mag doch auch die Schönheit der
Gräfin Windeck diese Gefangenschaft nicht reizlos gemacht haben.«
    »Eifersucht, Judit?« rief Orest freudestrahlend. »O wenn das ist, so werden
Sie begreifen, in welchem Kreuzfeuer ich stehe, wenn ich sehen muss, wie man
Ihnen huldigt - und wie ich zittern muss bei dem Gedanken, dass einer unter den
vielen Ihr Herz gewinnen könnte - und dass ich dieser Eine vielleicht nicht bin!
O dann werden Sie Mitleid mit mir haben, nicht wahr, Judit?«
    »Wer hat denn Mitleid mit mir, Orest?« sagte sie sanft. »Sie gehen zurück zu
Gräfin Windeck ....« -
    »Ein Wort von Ihnen, Judit, und ich bleibe!«
    »Alles für alles! - Ist dies das Wort, Graf Orestes, welches Sie nicht hören
möchten?«
    »Judit!« sagte er mit gepresster Stimme, »Sie sind ein dämonisches Weib.«
    »Das sagen die Männer sehr leicht, sobald man nicht mit ihnen einverstanden
ist,« erwiderte sie kalt. »Und das muss abwechseln mit dem Ausruf: herzloses
Weib!«
    »O könnte ich Sie doch hassen, Judit!« rief Orest, sprang vom Stuhl auf,
hielt mit beiden Händen seinen Kopf und eilte auf den Balkon.
    »Stürzen Sie sich nur nicht in den See! - er ist sehr kalt!« rief ihm Judit
nach. »Armer Orest!« setzte sie nach einer Weile mit ihrer Sirenenstimme
halblaut hinzu. Als er nicht kam, folgte sie ihm auf den Balkon. Er hatte sich
auf einen Stuhl gesetzt, die Arme auf das Eisengeländer - und den Kopf auf die
Arme gelegt.
    »Kommen Sie doch herein, Orest!« sagte Judit und berührte ganz leise sein
gesenktes Haupt. »Die Luft ist feucht und der nächtliche Tau schädlich.«
    Er stand auf und folgte ihr in den Salon, willenlos wie ein Kind.
    »Ich kann Sie nicht hassen, Judit!« seufzte er.
    »Graf Orestes,« nahm sie wieder mit ihrem kühlen Tone das Wort, »Sie
veranlassen immer Gespräche mit mir, bei denen Sie ganz Feuer und Flamme werden
und Gefahr laufen, in ein kaltes oder ein hitziges Fieber zu verfallen, je
nachdem die Wagschale mit Hass oder Liebe sich mir zusenkt. Ist das vernünftig?
ist das liebenswürdig? was kann man mit einem zu solchen Excessen geneigten Mann
anfangen?«
    »Ihn lieben, Judit.«
    »Vor der Hand nicht! sondern ihm Gute Nacht wünschen,« antwortete sie
scherzend, schellte und sagte zu dem eintretenden Diener: »Graf Windeck's
Wagen.«
    Orest machte Anstalt, den Befehl zu überhören, indem er sich in einen tiefen
Lehnstuhl versenkte und drei Journale auf einmal zur Hand nahm. Da öffnete und
schloss sich leise eine Seitentüre des Salons; und als er aufblickte, war Judit
verschwunden und er allein. Ohne mir Gute Nacht gesagt zu haben! murmelte er und
blickte ihr zornig nach. dabei fiel sein Auge auf den Burnus, der über dem
Lehnstuhl hing, in welchem Judit ihm gegenüber gesessen hatte. Er sprang auf,
ergriff den unschuldigen Burnus, zerriss das feine Gewebe von oben bis unten,
drückte es an seine Lippen - und eilte zu seinem Wagen.
    Als er fortrollte, kehrte Judit in den Salon zurück, fand ihren Burnus
zerrissen am Boden liegen, hob ihn auf und sagte für sich: »Du armer Mantel! auf
dem Webstuhl zu Marocco träumte dir vielleicht davon, in die Klauen eines Tigers
oder eines Löwen des Atlas zu fallen und zerfetzt zu werden - und jetzt erfüllt
sich Dein Schicksal nicht in Afrika's Wüste durch wilde Bestien, sondern am
eleganten Genfersee durch ein Menschenkind!« Sie wickelte sich in ihren
zerrissenen Burnus ein und ging auf den Balkon, und ging auf demselben auf und
nieder, eine Stunde, und noch eine Stunde - und fand nicht einmal die Ruhe der
Ermüdung in diesem rastlosen Wandeln: so unruhig waren ihre Gedanken.
    Immer drängten sich diese Gedanken der Zukunft zu; aber nicht, um sich über
freundliche und glänzende Bilder hingleiten zu lassen; nicht, um bei
Phantasiegebilden von Freuden und Genüssen zu verweilen, oder um
Lebensverhältnisse mit lieblichen Farben auszumalen. O nein! - Lechzend,
atemlos, durstig, standen ihre Gedanken vor der dunkeln Zukunft und fragten: Was
birgst du mir? Was bringst du mir? Bist du die Sphynx, die das Rätsel meines
Lebens mir vorlegt? und muss ich unter deinem steinernen Griff umkommen, wenn ich
es nicht löse? Gelöst hab' ich meine Aufgabe nicht, denn ich habe keine
Befriedigung gefunden. Und doch hab' ich alles erreicht, was ich damals in den
Citronenhainen von Cintra mir zu erreichen vornahm. Ich habe Gold, Ruhm und
Bewunderung eingeerntet; ich habe Welt und Menschen in bunten und glänzenden
Gestalten, in fesselnden und interessanten Erscheinungen - nebenbei auch in
allen ihren Niedrigkeiten kennen gelernt; ich habe Freude gehabt an der Kunst,
an der Ausübung meines Talentes, an den Studien, die damit verbunden sind, an
der Begegnung mit anderen, die eines Weges mit mir gingen. Ich habe mit stolzem
Selbstgefühl die Huldigung der einzelnen und der Massen empfangen. Ich habe
Triumphe gefeiert - aber sie verrauschen, und die alte Leere und die alte Unruhe
sind wieder da. Es war zuweilen wohl still in meiner Brust, aber die Stille der
Ermüdung, die Stille dumpfer Resignation, wenn ich zu mir selbst sprach: Lass sie
dahinrollen, die Welt und das Herz und die Zeit und das Leben! lass sie gehen,
wie sie wollen und können! das Menschenschicksal ist nun einmal ein Ringen ohne
Sieg! und wenn ich so zu mir selbst sprach, so kroch mir ein Etwas wie
Verzweiflung durch alle Adern, alle Nerven, alle Fibern - und ein anderes Etwas
stemmte sich dagegen und schrie in mir: Nein! das Leben muss etwas anderes sein,
als ein Ringen aus dem Nichts, für das Nichts, in das Nichts! gerade dies Ringen
beweist, dass es ein Ziel habe und dass es folglich auch einen Sieg gebe - und in
dem Siege Befriedigung! Aber wo ist sie - die Befriedigung? Sphynx meines
Schicksals, habe ich dich noch immer nicht verstanden mit deinem geheimnisvollen
dunkeln Blick? Meinst du die Liebe? - Ja, die grosse Leidenschaft, von der man
zuweilen hört und liest, mag wohl solchen Zauber haben, dass sie, wenn sie mit
vielen Schmerzen und Bitterkeiten Hand in Hand geht, das Herz befriedigt. Aber
die kommt, man weiss nicht wie und woher; die kann man nicht erringen, man fühlt
sie nur. Empfunden hab' ich sie nie. Ob ich sie einflösse? ich weiss es nicht. Die
armseligen Lieben aber, durch welche der frische Schmelz des Herzens, der
Blütenduft des innersten Wesens trüb' und matt wird - und welche sich doch
wiederholen, weil sie einem Opiumrausch gleichen, der des Menschen Träume
lieblicher macht als seinen wachen Zustand - nein! für sie bin ich nicht mehr
jung und noch nicht alt genug. - - Und sie verfiel in trübes Sinnen über diese
traurigen Lieben, an die auch sie gestreift war und die ihr Herz gepanzert
hatten mit einer so kalten und gründlichen Verachtung von allem, was man Liebe
nennt, dass sie - mit sich selbst allein - auch sich selbst verachtete. Aber dann
erwachte der Stolz und schüttelte diese Bürde ab, hob trotzig das Haupt und
schaute nach anderen Triumphen aus. Orest liebt mich - fuhr sie fort in ihren
Gedankenzügen. Er soll mich lieben. Er hat mich für eine leichte Eroberung
gehalten: dafür will ich eine grosse Genugtuung. Gräfin Windeck will ich werden.
Ja, ich will in den Kreis dieser Hochgeborenen hinein; aber nicht als die
berühmte Sängerin, der sie eine Ehre zu erzeigen meinen, wenn sie ihr ein paar
bewundernde Worte zuwerfen und die sie als eine exotische Merkwürdigkeit, für
die Dauer einer Soiree, in ihrem Salon aufweisen möchten, um am anderen Abend
mit leichtem Augenblinzeln hinter Fächer und Lorgnette über sie hinweg zu sehen.
O man kennt diese Hochgeborenen! Und gerade in ihrem Kreise will ich Platz
nehmen, gerade zu ihnen will ich gehören, als ihresgleichen will ich durchs
Leben gehen. Dies gehört nicht zu den Vorsätzen von Cintra! die sind erreicht
und abgetan. Dies ist ein neuer Vorsatz: noch ein paar Jahre, höchstens, meines
glanzvollen Kunstlebens und dann mitten aus dem Glanz der Öffentlichkeit in ein
glänzendes Privatleben. Sphynx meiner Zukunft, ist das dein Rätsel? und wird
dessen Lösung mir besser Stich und Farbe halten, als der Erfolg meiner Pläne von
Cintra? - Da flog ihr durch's Gedächtnis, dass sie vor wenigen Stunden zu Orest
gesagt hatte: auf jede Erfüllung eines ersehnten Glückes falle ein Todesschatten
von Endlichkeit. Sie schauerte in sich selbst zusammen und strich das Haar von
der Stirn, als ob sie die quälenden Gedanken verscheuchen wolle und blickte über
den See hinweg, einen Gegenstand suchend, der wenigstens ihr Auge fesseln möge.
Da fuhr der Nachtwind auf und blätterte im Osten das Gewölk auseinander, das wie
eine silbergraue Rose über das Gebirg herauf schwebte und sanft sich öffnete und
immer tiefer unter der aus ihr aufsteigenden Mondessichel zurücksank. Und mit
dem vollen Glockenton ihrer goldenen Stimme hub Judit zu singen an: »O casta
dia;« und niemand blickte in ihr Auge, als das melancholische Licht des Mondes
im letzten Viertel - und niemand begleitete ihren Gesang, als die leise
plätschernden Wellen des Genfersees - und einsam stand sie da, wie der Genius
dieser nächtlichen Natur, der an die Schatten gebannt ist und die Flügel zu
regen sucht, um ihnen zu entfliehen und immer tiefer und tiefer in sie
zurücksinkt und sich sehnt nach Erlösung.
 
                                     Lelio
Am anderen Morgen befahl Judit, dass ihre Tür bis zum Abend für jedermann
verschlossen bleibe. Sie wollte mit Lelio sprechen, den Grund seiner befremdend
langen Abwesenheit erfahren und ihm sein Benehmen des vorigen Abends verweisen.
Lelio erschien auf ihr Begehren - ein kleiner schwarzer lebhafter Italiener, mit
feurigen römischen Augen und mit der vollkommensten italienischen desinvoltura -
ein Wort, welches in deutscher Sprache nicht wiederzugeben ist, wahrscheinlich
deshalb, weil der Deutsche die Sache selbst nicht hat. Man könnte etwa sagen:
zwangloses Benehmen - vorausgesetzt, dass sich keine brutale, bengelhafte
Schattierung in diese Zwanglosigkeit mische.
    »Nun, Signor Lelio, sind Sie von den Toten auferstanden!« rief ihm Judit
entgegen und reichte ihm freundlich die Hand zum Willkommen.
    »Ecco, das ist's! just was Sie sagen!« rief Lelio vergnügt und schüttelte
ihre Hand.
    »Waren Sie wirklich lebensgefährlich krank?«
    »Oh!« sagte Lelio mit einem Ausdruck, als fände er keine Worte für seine
Gefahr und mit einer Geberde namenlosen Entsetzens.
    »Ich bitte, Lelio, erzählen Sie mir Ihre Reiseabenteuer nicht bloss durch
Seufzer und Geberden, sondern recht ausführlich. Sie wissen ja, wie viel Anteil
ich an Ihnen nehme.«
    »Ich weiss es, Signora, und ich will Ihnen gern alles erzählen. Nur fürchte
ich zwei Dinge.«
    »Und die wären?«
    »Erstens: von meiner Seite, Mangel an Worten; - zweitens: von Ihrer Seite,
Mangel an Verständnis.«
    »Das ist freilich übel,« entgegnete Judit lächelnd, »denn damit fehlt auf
beiden Seiten die Hauptsache! aber fangen Sie nur an! wir wollen uns Mühe
geben.«
    »O Judit, teure Signora! denken Sie an Petrarca, der einst klagte: Non ti
conosco il mondo, mentre ti ha!6 und doch nur von der Laura, von einem
sterblichen Weibe sprach!«
    »Aber, guter Lelio, es wird Ihnen doch nicht eine Unsterbliche begegnet
sein?«
    »O Judit, das Göttliche ist in der Welt und die Welt kennt es nicht und
verachtet es und geht vorüber zu ihren Festen, die nach Moder duften; zu ihren
Freuden, die nach Moder schmecken; zu ihren Klügeleien, die um Moder sich
bewegen; zu ihren Bestrebungen, die in Moder untergehen.«
    »Sehen Sie, Lelio, das verstehe ich sehr gut!« warf Judit mit einem
schwermütigen Lächeln ein und legte sinnend ihre Stirn in die aufgestützte Hand.
    »Es mögen wohl schon sechs Wochen sein,« fuhr Lelio fort, »denn wir waren
noch in Venedig und Sie hatten noch eine Reihe von Vorstellungen in der Fenice
zu geben - da bat ich Sie um einen Monat Urlaub. Ich wollte in der Schweiz eine
Zusammenkunft mit politischen Gesinnungsgenossen haben und dann nach Regensburg
gehen, um den Gregorianischen Kirchengesang in Deutschland kennen zu lernen, der
am dortigen Dom am tüchtigsten ausgeführt werden soll. Ich reiste ab. Ich fand
meine Freunde in Genf ganz in unserer Art und Weise beschäftigt, Systeme zu
ersinnen, Teorien zu verbreiten, Verbindungen zu schliessen, Faden anzuknüpfen,
Lehren zu predigen, Taten auszuführen, Adepten zu gewinnen - alles zu dem einen
Zweck: die bestehende gesellschaftliche Ordnung von ihrer Basis und aus ihren
Fugen zu drängen, um dann, in einem günstigen Augenblick, durch den heftigen
Stoss einer Revolutions-Bewegung das wankende Gebäude über den Haufen zu werfen
und darauf den Neubau der gesellschaftlichen Ordnung nach dem Programm:
Völkerfreiheit! Geistesfreiheit! auszuführen. Hierin stimmen alle Männer der
Zukunft überein. Dies ist Plan und Ziel aller geheimen Bünde, mögen sie
Carbonari, Illuminaten, Freimaurer, Italianissimi oder sonst wie heissen. Was nun
jeder einzelne unter Völker-, Geister-, Gewissens- und sonstiger Freiheit
versteht, wie weit er sie verallgemeinert, wie gross er ihr den Spielraum lässt -
das ist seine Sache und hängt mit seiner Persönlichkeit und seiner Spezialität
zusammen und man gönnt es ihm, insofern das bundesgemeinsame Wirken nicht
dadurch beeinträchtigt und gehemmt wird. Wir Italianissimi wollen die Zeiten der
alten Roma wieder haben - die Zeiten der Republik, mit ihren Volkstribunen,
ihren Grosstaten und ihrer Besiegung aller Kartaginensischen Nebenbuhler um die
Welterrschaft.«
    »Ich weiss es,« unterbrach ihn Judit; »Sie haben sich oft mit höchster
Begeisterung über diese Gestaltung der Zukunft gegen mich ausgesprochen, und da
ich nun einmal glaube, dass jeder Mensch seine fixe Idee, seine Chimäre, seine
Marotte hat: so hab' ich mich über die Ihre nicht weiter gewundert. Ginge ich
aber nicht von einer allgemeinen, einer Ur-Marotte aus, so würde ich Sie für
verrückt halten müssen, denn kein vernünftiger Mensch unternimmt es in
Wirklichkeit, die Weltgeschichte um zwei bis drei Jahrtausende zurück zu
schleudern. Ich bitte Sie, was fangen Leute unseres Schlages in Ihrer
altrömischen Republik an! Wir müssen uns für die Göttin Roma schlachten lassen,
sonst kommen wir um vor Hunger und Beides wäre nicht nach meinem Geschmack.«
    »Ich weiss nicht,« fuhr Lelio lächelnd fort, »soll ich es dem ernüchternden
Einfluss Ihres Umganges, Signora, oder irgend einem feindlichen Gestirn
zuschreiben, genug, ich fand im Kreise meiner Freunde und Bundesbrüder nicht die
Begeisterung früherer Tage. Manche Ansicht kam mir hohl vor, mancher Weg schief,
manche Teorie unhaltbar, mancher Plan unausführbar. Disharmonien innerer
Widersprüche gellten mir in die Ohren, und Dissonanzen mit Wahrheit und Recht
wollten sich durchaus nicht lösen lassen. Ich fühlte mich etwas verstimmt, etwas
ernüchtert, etwas abgekühlt - und um wieder in meinen Freiheitsschwung zu
kommen, beschloss ich, von dem hyperkultivierten Leman, wo nichts mich an die
altrömische Republik erinnerte, an den Vierwaldstättersee zu gehen. Ich tat es!
aber! aber! - auch die kleinen Kantons, die Urschweiz, die Wiege der
schweizerischen Freiheit - sie wollten mir nicht gefallen. Diese Löwenkühnheit
in der Verteidigung ihrer politischen Unabhängigkeit gegen fremde Herrschaft,
von den Tagen ihres ersten Bündnisses bis zu den Tagen der französischen
Republik - als die Weiber von Schwyz die Kanonen herbeizogen, um die Männer im
Kampfe gegen die Franzosen zu unterstützen; und dagegen diese hündische Treue,
einem Ludwig XVI. den Fahneneid zu halten, auf der Seite eines Königs wider ein
Volk zu stehen....« -
    »Lelio!« fuhr Judit heftig auf, »fühlen Sie nicht, dass Sie sich ein
Brandmal auf Stirn und Herz durch Verachtung des Fahneneides drücken?«
    »Ich fühlte es nicht!« erwiderte er gelassen und fuhr fort: »Und dagegen
diese mehr als hündische Unterwürfigkeit vor einer Religion, welche die
heftigste Gegnerin aller Freiheit ist und von ihrem ersten Anbeginn das edelste
und beste, was der Mensch hat: die Freiheit seines Willens - nicht sowohl in
Ketten, als in Windeln legte: ich konnte einen so schreienden Widerspruch nicht
begreifen und kaum ertragen. Als ich vom Rigi herabsteigend das grüne Alpenland
des Kantons Schwyz durchwanderte, fand ich nach und nach eine Menge von
Reisegefährten, Männer und Weiber, die mit einem Bündel auf dem Rücken, mit
bestaubten Schuhen, manche mit der Perlenschnur des Rosenkranzes in der Hand,
andere auf einen Stab sich stützend, des Weges zogen. Einige gingen in grösseren
Scharen, einige in kleinen Häuflein, bekümmerten sich weder um die Gegend, noch
um Reisebegebenheiten, beteten Litaneien und Rosenkranz und knieten oftmals vor
den Kruzifixen nieder, welche dort so häufig sind, dass sie naturwüchsig zu sein
scheinen. Fragte ich den einen oder anderen: Wohin des Weges? - so antwortete
jeder: Nach Einsiedeln, zur Engelweihe. - Ha! dacht' ich, das kommt dir gerade
recht! da gehst du auch hin und schaust dir einen Aufzug der Farce mit an,
welche von der katolischen Kirche zum besten der leichtgläubigen Menschheit
aufgeführt wird. Ich ging noch über ein paar Berge und durch eine Strecke grünen
stillen Hirtenlandes - dann durch einen grossen Flecken, dessen Häuser von aussen
förmlich mit Wirtshausschildern tapeziert sind - und war in Einsiedeln. Im
Hintergrund des weiten Tales, gelehnt an einen mächtigen, mit Schwarzwald
bedeckten Bergrücken, erhebt sich das grossartige, majestätische Kloster, das mit
seiner von zwei Türmen überragten Kirche zwischen zwei langen Seitenflügeln ein
stattliches Gebäude im Stil des vorigen Jahrhunderts bildet und von den Häusern
des Fleckens durch einen grossen freien Platz abgesondert ist. In der Mitte
desselben steht eine Muttergottesstatue auf einem Springbrunnen, der beständig
in zwölf Strahlen Wasser speit und rings herum liegen kleine unansehnliche
Boutiken, in denen Kruzifixe, Medaillen, Rosenkränze, Heiligenbildchen und
dergleichen Gegenstände, welche die Andacht liebt, feilgehalten werden.
Verstehen Sie mich, Signora?« fragte Lelio, plötzlich abbrechend.
    Halb mit leisem Lächeln, halb mit leichtem Achselzucken neigte Judit
bejahend ihr schönes Haupt - und Lelio fuhr fort: doch mit so verändertem
ernsten Ausdruck, dass auch sie unwillkürlich ganz ernst wurde.
    »Vor dreizehnhundert Jahren lebte ein Jüngling, der hiess Benedikt, und der
wurde von einer ganz wundersamen Liebe ergriffen - von einer Liebe, welche die
Welt nicht begreift, weil sie nicht mit Fleisch und Blut zusammenhängt - von der
Liebe zu Gott, zu dem menschgewordenen, leidenvollen, gekreuzigten Gott der
christlichen Offenbarung. Er war jung und von hoher Geburt; aber er vergrub
seine Jugend und ihre Ansprüche in einer Felsenhöhle - denn von einer ganz
anderen Höhe stieg der Herr des Himmels und der Erde in die Felsenhöhle von
Betlehem hinab. Weil der Gegenstand seiner Liebe ein gekreuzigtes Leben führte,
wollte Benedikt es nicht anders haben. Das ist Urgesetz der Liebe: alles teilen
mit dem Geliebten, ähnlich sein dem Geliebten, um unzertrennlich zu sein vom
Geliebten! Das begreift jedes Herz; das stellt auch die griechische Myte
lieblich und tiefsinnig in den Brüdern Castor und Pollux dar. Pollux war ein
Göttersohn, Castor der Sohn eines Sterblichen, und als nun Castor sterben musste
und, gemäss dem Menschenschicksal, in den Orcus versinken sollte, da erklärte
Pollux, der unsterbliche, er wolle zeitweise mit seinem geliebten Bruder in der
Unterwelt weilen; dafür solle dieser dann zeitweise die Wonnen des Olymps mit
ihm teilen. Das ist Liebe. Die Griechen dichteten von ihr; Christus übte sie;
aber - da er Gott war, so übte er sie als Gott, immer und für alle. Auch darin
suchte Benedikt ihm ähnlich zu werden und die Ströme der Liebe, welche sich in
seinem für die Irdischkeit abgestorbenen Herzen angesammelt hatten, für die
Menschen, seine Brüder, auszugiessen. Was braucht der Mensch zu seinem Glück? -
die richtige Erkenntnis Gottes. Sie ist der klare Born, aus dem der Trunk der
Ruhe geschöpft wird, der Ruhe, die über alle Unruhe der Welt tröstend
hinweghilft. Die richtige Erkenntnis Gottes wollte Benedikt in der Menschheit
fördern, das Apostelamt fortsetzen und ausbreiten. Es sammelten sich
gleichgesinnte Männer zu ihm, um ihren guten Willen an seiner höheren
Erleuchtung und Kraft zu stärken, um durch Gemeinschaft ihre Unvollkommenheit zu
ergänzen. Benedikt lehrte sie zuerst, die sinnliche Natur zu besiegen durch
Selbstverleugnung, Gebet und Arbeit; und dann dem Nächsten zu dienen, wie Gott
es fügen würde. Und Gott nahm grosse Dienste von diesen Männern aus Benedikts
Schule an! Was Europa von Kultur und Civilisation besitzt, hat es ihnen zu
danken. Sie drangen aus Italien immer weiter gen Norden; sie hielten in der
vielfach vermorschten, und mit dem Christentum häufig nur übertünchten,
römischen Gesittung das christliche Ideal aufrecht und zündeten wie auf einem
Leuchtturm das Licht an, das ein Signal der Rettung für alle war, welche
zwischen den Wellen und Stürmen jener unter- und aufgehenden Zeit gefährlich
schifften. Sie zogen zu den barbarischen Völkern Galliens und Germaniens und
weiter noch, über Nord-und Ostsee, predigten das Evangelium, siedelten sich an
unter dem rauhen Himmel, in weiter, wilder Ferne von ihrer Heimat und ihrer
Sprache, unter fremden Menschen, von denen sie gehasst, verfolgt, gemartert,
gemordet wurden; und zum Dank dafür brachten sie diesen barbarischen Horden
nicht nur das Licht, sondern auch die Liebe des christlichen Glaubens und
machten ihnen das zeitliche Leben leicht, nachdem sie ihnen das ewige Leben
gerettet hatten. Die Glaubensboten wurden Holzschläger, Ackersleute, Handwerker.
Sie rodeten Wälder aus, sie legten Sümpfe trocken, sie bebauten das Feld, sie
trieben Gartenbau, sie pflanzten den Weinstock; sie führten Kapellen und Kirchen
auf, daneben enge Räumlichkeiten zu ihrer Wohnung, und grössere, um Kinder und
Jünglinge aufzunehmen, zu unterrichten und auszubilden. Sie wussten Männer
herbeizuziehen, von Jagd- und Kriegszügen abwendig zu machen und für das
gesittete Leben des Feldbaues und des Handwerkes zu gewinnen. Diese siedelten
sich auf den urbar gemachten Stätten rings um die Kirche an, bildeten Familien
und die Familien bildeten eine christliche Gemeinde; so entstanden Dörfer, dann
Städte. Das ging nicht schnell, das währte Jahrhunderte; aber Benedikts Schüler
waren nicht ungeduldig, denn sie wirkten nicht, um sich an ihren Erfolgen zu
freuen, sondern um das Werk Gottes unter den Menschen fortzusetzen: Pertransivit
benefaciendo. Eine ihrer Generationen starb nach der anderen, und eine
Generation übertrug die Fortsetzung dieses Werkes der anderen; sie lehrten und
lebten das Evangelium. Je wilder die Zeiten wurden, je trüber die Gährung
brodelte, die bei dem Untergang und der Neubildung grosser Epochen die Menschheit
zerwühlt, je feindlicher äussere Stürme, Fehden, Kriege, barbarische Invasionen,
räuberische Einfälle die Keime der christlichen Kultur mit Untergang bedrohten,
und alle Bildung, alles geistige Leben in den Nöten und Drangsalen des
Augenblickes begruben, um so eifriger waren Benedikts Schüler, das Werk der
Finsternis zu hemmen und der Zerstörung des geistigen Lebens der Völker ein
Bollwerk zu setzen. Immer grösser, zahlreicher, umfassender wurden ihre
Bildungsanstalten für die Jugend. Das zarte Knäblein fand bei ihnen die Pflege
der Mutterliebe; der wissbegierige Jüngling die Lehre der Wissenschaft; der
weltentfremdete Sinn die Meister in der erhabenen Ascese, der höchsten Blüte des
Menschengeistes. In ihrem gemeinschaftlichen Leben unter einem Dach, spärlich
genährt, einfach gekleidet, waren ihre persönlichen Bedürfnisse gering. Alle
Mittel, welche dem Notleidenden, dem Kranken, dem Reisenden, dem Pilger nicht
zuflossen, wurden darauf verwendet, Biblioteken von Manuskripten anzulegen, und
diese zu erhalten, zu vervollständigen, abzuschreiben, mit unsäglicher Mühe zu
entziffern, bildete einen grossen Zweig der Tätigkeit für diese demütigen Männer.
Sie verlangten nicht die armselige Ehre, ihren Namen auf ein Manuskript
verzeichnet zu sehen. Sie verlangten die Ehre Gottes, die durch alles gefördert
wird, was den Menschen in seiner Erziehung für ein übernatürliches Ziel - ich
meine für ein solches, das ausserhalb der Grenzen dieses Erdballes liegt - bilden
hilft. So waren sie; so sind sie.«
    »Aber wer sind sie, diese Männer der grossen Taten und der demütigen Herzen?«
rief Judit.
    »Es sind Männer, die heutzutage verachtet, verhöhnt, verfolgt, verleumdet,
angefeindet werden und über die ich, von der vollen Höhe meines Ichs herab,
längst den Stab gebrochen und sie unwürdig erklärt habe, in der Lichtwelt
unserer Tage zu existieren.«
    »Bester Lelio, Sie reden irre.«
    »Keineswegs, beste Judit! diese Männer sind ja Mönche! Mönche des
Benediktinerordens.«
    »Es sind Mönche!« sagte Judit gedehnt. »Wie konnten sie dann doch so viel
Gutes stiften?«
    »O Du ächte Tochter Deiner Zeit!« rief Lelio. »Ja, sehen Sie, Judit: weil
es Mönche sind, deshalb stiften sie so viel Gutes. Es sind Jünger, es sind
geistige Söhne von jenem Benedikt, den eine wundersame Liebe ergriff: die Liebe
zu Gott; und Söhne erben die Neigungen und Eigenschaften ihrer Väter - das
müssen Sie bedenken.«
    »Welch ein Erbe von Liebe für die Menschheit, um nach dreizehnhundert Jahren
nicht erschöpft zu sein!« sagte Judit sinnend. »Warum gehen denn Ihre modernen
Volksfreunde und Weltverbesserer nicht bei diesen Mönchen in die Schule, Lelio?«
    »Das will ich Ihnen sagen: weil die modernen Apostel die Abtötung, die
Verdemütigung und die Selbstverleugnung des Kreuzes ebenso sehr hassen und
fliehen, als die Söhne Benedikts sie suchen und lieben; und weil ihre heilige
und segensreiche Wirksamkeit ganz absichtslos unsere unheilige und verderbliche
verdammt, deshalb verfolgen wir diejenigen, welchen wir nicht nachahmen wollen.
- Dies ist aber alles nur die Einleitung, um zu sagen, dass Einsiedeln eine
Benediktinerabtei ist, und die frommen Mönche jetzt, wie vor dreizehnhundert
Jahren, Gott in dem Nächsten dienen: sie beten für ihn, sie studieren für ihn,
sie unterrichten ihn. Sie lichten keine Wälder und trocknen keine Sümpfe mehr;
dafür aber lichten sie die Herzen und retten sie die Seelen aus dem Sumpf der
Sünden. Einsiedeln empfing den Namen nach einem Einsiedler und nach der Mutter
Gottes. Im neunten Jahrhundert floh Meinrad, ein schwäbischer Grafensohn, in
diese Waldeswildnis, an den Rand dieser Quelle. Nichts nahm er mit von den
Schätzen seines Hauses, als eine kleine Muttergottesstatue, vor welcher er seine
Gebete verrichtete. Er übte gegen sich selbst, nach Art der Heiligen,
unerbittliche Bussstrenge, und gegen andere, welche bei ihm Rat und Trost in
ihren Drangsalen suchten, liebevolle Barmherzigkeit. Himmlische Erleuchtungen
wurden ihm zu teil; er wendete sie an, um das Reich Gottes in den Seelen zu
fördern. Böse Buben haben zu keiner Zeit, nicht im ersten, nicht im neunten,
nicht im neunzehnten Jahrhundert, die Heiligen geliebt. Böse Buben erschlugen
Meinrad, der sie gastfreundlich beherbergt hatte. Die Legende - diese poetische
Arabeske um ein historisches Gemälde - berichtet: zwei Raben, die Gefährten
Meinrad's in der Einöde, wären den Mördern auf Schritt und Tritt mit wütendem
Geschrei und wilden Flügelschlägen durch Berg und Tal, über den See bis in ein
Gastaus der Stadt Zürich nachgeflogen; und dadurch sei die Missetat entdeckt
worden. Das Gastaus heisst bis zur Stunde zu den beiden Raben, und die Abtei hat
sie in ihr Wappen aufgenommen. Meinrad's Zelle mit dem Muttergottesbilde blieben
in hoher Verehrung und andächtige Menschen kamen von nah und fern, um auf der
Stätte zu beten, wo er so viel gebetet hatte, und um in geistiger Gemeinschaft
mit ihm und mit allen Seligen, unter denen die allerseligste Jungfrau Maria
obenan steht, um Gottes Gnade zu weinen und zu flehen, und für Gottes
Barmherzigkeit zu preisen und zu danken. So wurde die Meinradszelle ein
vielbesuchter Wallfahrtsort, wo auf Fürbitte des Heiligen und der Muttergottes
grosse Gebetserhörungen stattfanden. Bald fand sich ein frommer und reicher Mann,
der sein ganzes Vermögen dazu verwendete, den geistigen Bedürfnissen der Pilger
entgegen zu kommen. Er kaufte diesen Landstrich, baute Meinrad's Zelle zum
Kloster, Meinrad's Oratorium mit dem Muttergottesbild zu einer Kirche aus, fand
gottselige Genossen, welche bereit waren, den Seelen zu dienen, nahm mit ihnen
die Benediktinerordensregel an, und nannte das Kloster von Unserer Lieben Frau
zu Einsiedeln, woraus denn der gegenwärtige Name entstanden ist. Dieser Mann
hiess Eberhard und wurde der erste Abt des Klosters. Als der Bau vollendet war,
bat Eberhard den Bischof Konrad von Konstanz, die feierliche Einweihung der
Kirche vorzunehmen und die Stätte zu segnen, wo fortan die göttlichen
Geheimnisse des Glaubens vollzogen werden sollten. Bischof Konrad kam und
brachte die Nacht vor der grossen Zeremonie mit Gebet und Wachen hin. Plötzlich
hört er einen wundersüssen Psalmengesang, der aus der Kirche zu kommen scheint.
Er horcht, er verlässt seine Zelle; der Gesang dauert fort. Er eilt zur Kirche,
öffnet die Türe - ein Meer von Licht flutet ihm entgegen und in diesem Licht
sieht er Gestalten, welche freilich unsere trüben, von irdischen Bildern
verdunkelten Augen nicht wahrnehmen können. Auf dem festlich erleuchteten Altar
steht die Mutter Gottes von Strahlen umflossen, und vor dem Altare, bekleidet
mit den hohenpriesterlichen Gewändern, bringt Christus der Herr das heilige
Opfer dar. Die vier Evangelisten assistieren; St. Petrus hält den bischöflichen
Hirtenstab, St. Gregorius die Mitra, St. Ambrosius bringt den Opferwein dar und
St. Augustinus den Weihrauch; St. Stephanus liest die Epistel, St. Laurentius
das Evangelium und Erzengel Michael, der Anführer der himmlischen Heerscharen,
singt mit allen Engeln, welche Palmenzweige und Rauchfässer schwingen, das
Offizium der Kirchweihe.«
    »Das ist ja wunderschön, Lelio! das sieht ja aus wie eine jener himmlischen
Visionen, die Fra Angeliko gemalt hat!« rief Judit. »Nur schade, dass diese
Arabeske die historische Wahrheit überwuchert!«
    »Ich erfinde nichts! ich berichte nur die Tradition,« erwiderte Lelio; »aber
die Tradition bildet ein grosses und wahrhaftes Stück Weltistorie, denn sie fasst
immer den Zusammenhang der natürlichen Weltordnung mit der übernatürlichen auf,
ohne welchen Zusammenhang alle Wahrheit aus der Weltgeschichte verschwindet und
sie zu einem öden Schattenspiel herabsinkt. - Bischof Konrad teilte dem Abt
Eberhard am anderen Morgen die nächtliche Feierlichkeit mit und weigerte sich,
die Einweihung der Kirche vorzunehmen. Aber man hielt ihn für einen frommen
Visionär und bestand auf die Einweihung. Nachdem er lange umsonst Widerstand
geleistet hatte, musste Konrad nachgeben und die Zeremonie sollte beginnen, als
plötzlich eine Stimme, die alle hörten und die allen unbekannt war, ihm zurief:
Halt ein! sie ist geweiht. Diese wunderbare Begebenheit erlebten tausende; die
Zeitgenossen glaubten sie, die Tradition bewahrte sie, päpstliche Bullen
bestätigten sie - und Einsiedeln wurde mehr und mehr eine Stätte, auf der es
Gott gefiel, grosse Gnaden und ungewöhnliche Gebetserhörungen an die Verehrung
der allerseligsten Jungfrau Maria zu knüpfen. Kein Tag verging, der nicht Pilger
nach Einsiedeln geführt hätte. In ungeheuren Massen strömten sie herbei am
Jahrestage des wunderbaren Ereignisses, das die Benennung die Engelweihe
empfing. Ohne recht zu wissen wie, war ich am Vorabend dieses festlichen Tages,
der auf den 14 September fällt, zwischen Scharen von Wallfahrern nach Einsiedeln
gelangt - ich, ein feuriger Jünger und Apostel der Offenbarung des neunzehnten
Jahrhunderts, deren Glaubensbekenntnis für jeden einzelnen lautet: Es ist kein
anderer Gott als Gott - und der bin Ich! Glänzender Fortschritt gegen das
Glaubensbekenntnis des Islams, welches auch sagt: Es ist kein anderer Gott, als
Gott; aber dann ganz bescheiden hinzusetzt: Und Muhamed ist sein Prophet! also
noch eine andere Autorität festsetzt, als die des Selbsterrschers Ich Aber
Fortschritt muss sein, und da das erste Jahrhundert zum siebenten und das
siebente zum neunzehnten fortgeschritten ist, kann die Menschheit doch unmöglich
beim Glaubensbekenntnis der Apostel Christi und der Anhänger Muhamed's stehen
bleiben. Darin sind wir ja längst übereingekommen, nicht wahr, Judit? Moyses,
Solon, Confutse, Christus, Zoroaster, Muhamed - haben wir glücklich überwunden!
Wir laborieren für den Augenblick ein wenig an Fourier, Proudhon und Brigham
Young; aber das alles liegt doch schon in den letzten Zügen und nicht lange
währt's, so herrscht in der fortschreitenden menschlichen Gesellschaft die
absolute Subjektivität. Jeder sitzt auf dem Tron, den er sich selbst baut -
trägt eine Krone, die er sich selbst flicht - empfängt den Kultus, den er sich
selbst darbringt - lebt nach den Gelüsten seines Herzens, die natürlich ebenso
erhaben sind, wie dies Herz es ist - und nebenbei wird Italien glückselig und
Rom der Mittelpunkt der modernen Götterherrschaft.«
    »Diese und ähnliche Hochgefühle schwellten meine Brust, und im stolzen
Bewusstsein meiner Würde und meiner Weisheit wanderte ich, wie ein verkappter
Göttersohn, zwischen den armseligen und einfältigen Menschenkindern umher, die
sich zu meinem Fortschritt nicht erschwangen und die sich wie eine
Völkerwanderung über Einsiedeln ausgossen. In den verschiedensten Trachten, hier
ländlich, da städtisch, dort national eigentümlich, wogten tausend Gruppen, in
besonderer Färbung und geschiedener Originalität, zu einer Masse verschmolzen,
durch die Gassen dem grossen freien Platz zu, wo sie sich sonderten und trennten,
am Springbrunnen tranken, die Kaufläden besichtigten, am Bergesabhang sich
lagerten oder die breiten Stufen zum Portal der Kirche hinanstiegen. Da waren
Leute aus allen katolischen Kantonen und aus allen Nachbarländern der Schweiz:
aus Oberbayern, Schwaben und dem badischen Oberland; aus dem Elsass und dem
fernen Lotringen; aus Deutschland und Welschtirol. Da hört man italienisch,
französisch, deutsch, romanisch in den verschiedensten Mundarten reden, und da
sah man Gesichter und Trachten, die eine ebenso grosse Verschiedenheit der
Sitten, der Gewohnheiten, der Lebensverhältnisse andeuteten. War es nicht sehr
seltsam, dass so viel tausend Menschen aus allen Weltgegenden, von einem und
demselben Gedanken bewogen, sich hier zusammenfanden in aller Stille, Ruhe und
Ordnung! und was war es für ein Gedanke? wollten sie einen Karnevalszug sehen, -
oder ein Pferderennen - oder die Eröffnung einer Eisenbahn - oder den Einzug
einer Prinzessin? wollten sie Gold graben, wie in Kalifornien, oder Diamanten
suchen, wie in Peru? - Ach nein! sie wollten hier beten. Keiner störte den
anderen, keiner beeinträchtigte den anderen; keiner beobachtete den anderen;
jeder war wie versunken in seine innere Welt, und alle waren in vollkommener
Eintracht in der äusseren. Signora, ich muss gestehen, diese idealische
Geistesverbrüderung frappierte mich ungemein, besonders weil sich mir gewisse
patriotische Feste in's Gedächtnis drängten. die wir vor sechs, acht Jahren in
Rom feierten, und weil diese Zusammenstellung nicht zum Vorteil unserer
Bacchanalien war. Nun warf ich mich, um gegen alle milde Eindrücke hieb- und
schussfest zu sein - in die Frechheit. Das hab' ich schon oft mit Glück getan.
Ich ging umher, Händ' in den Taschen, Cigarre im Munde, Lorgnon in der
Augenhöhle - und sah mir die Leute an. Es waren wirklich kräftige Männer dabei.
frische Burschen, hübsche junge Mädchen, - keineswegs lauter Krüppel, Greise und
alte Hexen. Aber bei den jungen Mädchen dachte ich: Ah, ihr wollt hier um einen
Ehegatten bitten; und bei den Jünglingen: und ihr um die Gunst eurer Liebsten;
und bei den Männern: und ihr um das grosse Los, oder um den Tod eures verblühten
Weibes; und Tagediebe seid ihr alle miteinander. Traf ich aber auf ein altes
Weiblein oder einen müden Greis, die erschöpft von der Wallfahrt hastig und
zerstreut einige Gebete murmelten, dann dacht' ich frohlockend: Ihr seid der
echte und rechte Wallfahrertross! Euch grinst der Tod an; da erschreckt ihr und
nennt die Freuden eurer Jugend - Sünden. Und eure Feigheit lässt sich's weiss
machen, dass ihr eurem Gott ein X für ein U machen und aus Sündern - Heilige
werden könnt, wenn ihr gerade hier auf dieser Stätte fünfhundert Ave Maria
murmelt. Ja, ja, ihr seid mir die Rechten. euch kennt man! In Gedanken von
solcher Stupidität, solcher Bosheit und solcher Gemeinheit erging ich mich con
amore. Endlich begab ich mich in die Kirche, die nach einer Feuersbrunst im
vorigen Jahrhundert im reichsten, ornamentiertesten, italienischen Stil, mit
einer Fülle von Gemälden, Statuen und Fresken gebaut und geschmückt ist. Meissel
und Pinsel stellen durch Marmor und Farben die Geschichte der Menschheit in
jenen grossartigen Umrissen dar, welche aus dem Alten und dem Neuen Bunde
geschöpft werden, und an den majestätischen Gewölben rollen sich die Geheimnisse
des Christentums und das Leben des Gottessohnes von Betlehem bis Kalvaria, dem
himmelwärts gewendeten Blick auf. Unfern vom Eingang, mitten im Hauptschiff,
steht eine kleine offene Kapelle, deren Kuppel von schwarzen Marmorsäulen
getragen wird. Unter der Kuppel steht über dem Altar eine schwärzliche
Mutter-Gottesstatue mit dem Jesukinde. Goldene Strahlen bilden ihr den
Hintergrund und vor ihr schwebt eine Lampe mit dem ewigen Licht. Mit meinem
Lorgnon im Auge gaffte ich alles an, und zum Glück durfte ich mir, als Künstler,
erlauben, diese ganze Schöpfung der christlichen Kunst zu bewundern. Dass sie ein
Sprössling des christlichen Glaubens sei, liess ich bei Seite. Es waren viele
Leute in der Kirche, aber es herrschte eine lautlose Stille. Die Meisten knieten
um die Mutter Gottes-Kapelle herum, denn die kleine Statuette ist St. Meinard's
uraltes Gnadenbild, und der Altar, über dem sie sich erhebt, ist derjenige, an
welchem Bischof Konrad die himmlische Erscheinung wahrnahm. Dort ergiessen sich
seit tausend Jahren die Menschenherzen in Gebet und Tränen; dortin wenden sich
zuerst die Pilger. Ich aber, als ein Neugieriger, schlenderte auf und nieder in
den breiten Schiffen der Kirche und besichtigte alle Seitenkapellen. In einer
derselben kniete eine einsame Frau. Sie fiel mir auf, denn in ihrer edlen
Haltung war etwas, das mich an meine Mutter erinnerte. Auch in deren Alter
mochte sie sein; aber sie trug noch die Spuren einer so ausgezeichneten
Schönheit, dass es mich verdross, solch ein edles Menschenbild in dem
Verdummungsprozess des Rosenkranzgebetes zu sehen. Ich pflanzte mich seitswärts
vom Altar, vor dem sie kniete, auf und starrte sie an.«
    »Aber Lelio, Sie sind unerträglich!« unterbrach ihn Judit. »Gönnen Sie doch
den Leuten das Gebet - besonders den Frauen! Wer weiss, in welchen Schmerzen es
die einsame Beterin getröstet hat.«
    Nein, Signora, das dürfen wir nicht dulden. Die Apostel des Lichts müssen
Licht verbreiten und Finsternis erhellen! Ich nahm meine ganze Frechheit
zusammen und sagte auf italienisch ganz laut zu der Beterin: Nicht wahr? du bist
eine perfekte Magdalena? Sie schlug ein paar grosse, milde, müde Augen zu mir auf
und sagte im reinsten Italienisch mit einem unaussprechlich friedlichen und
sanften Lächeln: »Nicht in der Busse, mein Sohn! bete ein Ave Maria für mich.« -
Judit! mein Gefühl war ungefähr das von Don Juan, als die Marmorstatue des
Komturs ein vernehmliches Ja! sagt; nur mischte sich in meinen Schreck eine
grenzenlose Beschämung. Ich hätte mich unsichtbar machen und aus der Kapelle,
aus der Kirche, aus ganz Einsiedeln verschwinden mögen. Ich fand mich auf dem
freien Platz wieder, ohne Lorgnon vor dem Auge. Wie ich hinaus gekommen, weiss
ich gar nicht! mir schien, alle Blicke müssten auf mich gerichtet gewesen sein.«
    »O wie gönne ich Ihnen die Beschämung!« rief Judit und klatschte in die
Hände. »Sie waren ja von einer ganz giftigen Insolenz.«
    »Es scheint, die heilige Atmosphäre habe die Macht gehabt, alle Herzen zu
öffnen, und als das meine sich auftat - sieh'! da kam Gift heraus! Und hätten
Sie nur die Frau gesehen mit dem schönen Blick und der schönen Sprache und wie
sie so mild sagte: Figlio mio! so würden sie sich noch mehr meiner Beschämung
freuen! In der frischen Luft und im heitern Sonnenschein, der die bunten
bewegten Bilder glänzend umrahmte, kam ich wieder zu mir und kehrte in die
Kirche zurück, als zur Vorfeier des festlichen Tages die Vesper begann. Die
Menschenmasse war so gross, dass sich Kopf an Kopf und Schulter an Schulter
drängte; doch kein profanes Wort wurde laut und keine profane Neugier gab sich
kund. Ich fand gar keinen Stoff für meine Beobachtungen und horchte deshalb auf
die Musik. Das Magnifikat wurde prachtvoll gesungen, mit einer Würde, einem
Schwung, einer Ruhe, einem feierlichen Ernst, dass jedes Wort und jeder Ton wie
Perlen in Gold gefasst dahin rollten und in mein Ohr fielen. Was das für eine
seltsame Verheissung ist, dachte ich bei mir selbst: Die Mächtigen stösst er vom
Stuhl und erhöhet die Niedrigen. Sollte Gott wirklich mit den Republikanern
gemeinsame Sache machen, die Fürsten und grossen Herren wegjagen und das Volk auf
den Tron bringen wollen? Dann kämst du auch auf den Tron, Lelio! - Aber du
hast schon deinen Tron, inwendig in dir! - Am Ende gehörst du zu Denen, welche
gestürzt werden sollen, und die kleinen niedrigen Geschöpfe rings um dich her
kämen dann in die Höhe! Ja, klein und niedrig von Gesinnung wie jene Frau, die
zu dem bösen Buben, der sie zu beleidigen versucht, mild sagt: Mein Sohn, bete
für mich! Solche kuriose Gedanken hatte ich bei dem Magnifikat. Nach der Komplet
mit ihren wunderbaren Tönen, die wie Abendglocken zur Ruhe läuten, wurde es
still in der Kirche und dämmernd. Die Kerzen erloschen. Vor dem Tabernakel hing
eine Lampe mit dem ewigen Licht und vor dem Gnadenbild eine andere. Wie selige
Gestirne flimmerten sie in die Schattenwelt hinein. Ein Teil der Pilger hatte
sich in die Gallerie begeben und umlagerte die Beichtstühle so massenhaft, so
ausdauernd, wie unsereiner die Aspiranten zu einer anderen Gallerie vor der Türe
des Opernhauses zu sehen pflegt - wenn Judit die Norma oder die Desdemona
singt. In der Kirche, um die Beichtstühle, allüberall, Stillschweigen, Sammlung,
Ruhe und keine andere Bewegung als die, welche durch das leise Kommen und Gehen
vieler Menschen verursacht wird. Ich fragte einen Kirchendiener, der am Eingange
ein paar Lichter anzündete, damit die Dunkelheit nicht überhand nehme, ob später
noch irgend eine Zeremonie statt fände. Er verneinte es mit dem Zusatz, dass die
Beichten bis Mitternacht fortdauerten und dass am anderen Morgen um vier Uhr die
ersten Messen gelesen würden. Ich fing an mich zu langweilen. Ich hatte genug
gesehen, gehört, mein Mütchen gekühlt; ich dachte an meinen Rückzug. Aber ich
blieb wie eingewurzelt auf meinem Platz, denn es erhub sich plötzlich ein ganz
eigentümliches Getön, flüsternd erst, wie das Laub im Winde, wie ein Bächlein,
das über Kiesel und Moos behende fortrieselt; dann steigend, anschwellend,
rauschend wie ein gewaltiger Sturm - brausend wie die Meeresbrandung -
unmelodisch und doch voll übernatürlicher Harmonie - regellos, und doch zur
übernatürlichen Einheit gesammelt. Es quoll aus allen Teilen der grossen Kirche
hervor, aus den Stufen der Altäre; es stieg und sank - und erhob sich wieder -
eine Flut, ein Orkan von Gebet, das aus dem Herzen und von den Lippen von
zehntausend Pilgern kam. Jeder betete halblaut seine Gebete in seiner Sprache,
weinend, klagend, frohlockend, flehend, angstaft, zuversichtlich, jammernd,
lobpreisend - der eine ein Pater, der andere ein Miserere, der dritte ein Salve
Regina, der vierte ein De profundis, der fünfte ein Te Deum, der sechste ein
Veni sancte. Und einige beteten mit ihren Tränen und andere mit ihren Seufzern
und andere mit gebrochenen Worten: alle Leiden und Schmerzen, alle Nöten und
Trübsale, alle Kämpfe und Qualen, alle Liebe und Hoffnung, welche über den
Erdball ausgebreitet sind, drängten sich auf diesem einen Punkt der Erde
zusammen, und schrieen auf in diesem einen ungeheuern, Mark und Bein
erschütternden Akkord: es war der Geist der Menschheit, der sehnsüchtig an das
Herz Gottes flüchtete. Es überfiel mich, ich weiss nicht was für ein Verlangen,
einzustimmen in diese wunderbare Hymne der betenden Menschheit; aber ich
verteidigte mich auf's äusserste und dachte an unsere Hymnen auf den Barrikaden,
auf den Gassen, bei Volksbanketten, im Teater, bei unseren Orgien; was fangen
die? Ja, was singen die! Blut, Mord, Lustgier, Wahn und Rausch. Ein namenloser
Ekel wandelte mich an. Ich stiess sie fort - mit dem Fuss. Hinweg mit euch! ihr
seid nicht die Stimme eines höheren Geistes in der Menschheit; denn was ist euer
Grundton? Trotz! - Trotz gegen Gott und seine Offenbarung. Nennt's wie ihr
wollt! .... aber das ists: Trotz gegen Gott und seine Offenbarung. Ihr seid
gerichtet!! - - Judit, verstehen Sie mich?«
    »Ich weiss nicht!« flüsterte sie. »Erzählen Sie weiter.«
    »Aber ich!« fuhr Lelio fort, »ich sollte einstimmen in die Hymnen des
Gebetes zu Ehren eines menschgewordenen, eines gekreuzigten Gottes und Erlösers?
ich glaubte ja nicht an ihn! Mein Glaube lag ja begraben unter jenen Disteln und
Dornen, die mir das weisse Kleid der Gnade zerrissen hatten. Wer nicht glaubt,
kann nicht beten! Da fiel mir die Frau mit dem schönen liebreichen Blick ein und
ihr Wort: Figlio mio, bete ein Ave Maria für mich! Nun schloss ich einen
Kompromiss mit mir selbst ab und sprach heimlich: Ich habe die Frau gekränkt;
dafür will ich ihr den Gefallen tun und ein Ave Maria für sie sprechen. Auf
diese Weise war halb und halb mein Verlangen befriedigt, halb und halb meine
Ehre gerettet. Es gibt nichts Elenderes unter der Sonne, als ein Kompromiss mit
der Wahrheit. Dann verliess ich die Kirche, begab mich in meine Herberge und
suchte zu schlafen. Es ging aber nicht recht. Teils hielten mich wahre
Gedankenstürme wach; teils störten mich die Pilger, die in neuen Scharen
herbeikamen und ohne Obdach zu suchen geradesweges zur Kirche gingen und auf den
Stufen gelagert, Rosenkranz und Litaneien beteten und geduldig harrten, bis sich
um zwei Uhr Morgens die Türen öffneten und sie zum Teich Betesda der Seelen -
zum Busssakrament eingehen liessen. Schlief ich aber ein paar Minuten, so war mir
unaussprechlich wohl, denn das unbeschreibliche und unvergessliche Nachtgebet der
Pilger säuselte über mich fort wie ein Wiegenlied. Um drei Uhr läuteten alle
Glocken. Ich sprang so eilig auf, als dürfe ich keinen Moment des Festtages
verlieren und eilte in die Kirche; nicht aus Andacht, aber wir Künstler lieben
allerhand Emotionen, nicht wahr, Judit? Wie das aber zu gehen pflegt: sucht man
sie, so findet man sie nicht. Um vier Uhr begann der Gottesdienst. Die ganze
Kirche und alle Kapellen waren erleuchtet. Am Hochaltar feierte der Abt das
heilige Messopfer und an den übrigen Altären die Mönche und fremde Geistliche.
Dann wurde die heilige Kommunion ausgeteilt - an tausende und tausende. Zuweilen
trat eine Pause in der heiligen Ausspendung ein. Dann flutete aber wieder ein
Menschenstrom zum Tische des Herrn und wieder erschien der Priester und brach
das Vrod des Lebens. Um zehn Uhr wurde ein prachtvolles Pontifikalamt celebriert
und zwar vom Nuntius des Papstes - was mich denn wieder in meine allergiftigste
Stimmung versetzte. Der alte schwache Priesterfürst in Rom hat seine Gesandten
überall, bei Kirchenfürsten, bei weltlichen Fürsten und wie sie; und die
Oberhäupter des ächten, des republikanischen Roms, ein Mazzini, ein Garibaldi,
werden als Revolutionäre verbannt, gehasst und missachtet! Überdies missfiel mir
die frohe Stimmung des Volkes, das sich nach dem Hochamt wie ein bunter,
beweglicher, tausendsarbiger Teppich über den Platz und den Bergabhang und die
Gassen hinzog. Und ach! was war das doch für eine unschuldige Fröhlichkeit! sie
waren mit Gott ausgesöhnt, sie waren mit der Speise der Engel erquickt: nun
lagerten sie sich traulich zusammen, die Familien, die Freunde, die Gemeinden -
auf dem Rasen, um den Brunnen, in den Gaststuben, wo sie eben ein Plätzchen
fanden - und genossen das Wenige, was sie mitgebracht hatten, oder was sie mit
knapper Not sich kauften. Und wer etwas hatte, der teilte es mit dem Dürftigen
und labte den Krüppel und den Armen. Wie hätten die nicht froh sein sollen! Da
waren ja alle beisammen, die Christus auf Erden geliebt und denen er im Himmel
die Seligkeit versprochen hat: die reinen Herzen, die Armen im Geist, die
Leidtragenden, die Barmherzigen. Aber ich - ich gehörte nicht in das Reich
dieser guten Kinder Gottes und deshalb grollte ich ihnen.
    Um mich zu zerstreuen, geriet ich auf einen seltsamen Einfall. Ich ging in
die Sakristei und bat um Erlaubnis, die Orgel spielen zu dürfen, da ja jetzt
während einiger Stunden kein Gottesdienst stattfinde; ich sei ein Musiker aus
Rom, und die Orgel mein eigentliches Fach. Sie wissen, Signora, dass dies die
volle Wahrheit ist, dass meine Eltern mein Talent für die Kirchenmusik ausbilden
liessen und dass sogenannte Freunde mich später in das Bühnenorchester und so
weiter! und so weiter lockten! aber die Orgel blieb mein Lieblingsinstrument,
und in Einsiedeln überfiel mich das Verlangen, sie zu spielen. Mein Wunsch wurde
gewährt; doch mit kluger Vorsicht. Man kannte mich ja nicht! ich konnte ein
Stümper sein oder ein Böswilliger, der durch schlechtes Orgelspiel die
Andächtigen verletzte oder ärgerte. Man führte mich auf eine Orgelbühne, die zu
einem Oratorium gehören mochte; und da fand ich ein herrliches Instrument. Ich
war ganz allein, ganz ungestört. Durch die Fenster, die mehr als mannshoch vom
Fussboden angebracht waren, schaute der reine Septemberhimmel wie ein tiefblaues
Augenpaar auf mich herab. Ausserdem sah und hörte ich nichts von der ganzen Welt.
Ich setzte mich an die Orgel. Die Anklänge des gestrigen Abends gingen mir noch
durch die Seele. Ich entfesselte eine Welt von Tönen. Alle Klagen der
Menschenbrust, vom Jammerschrei bis zum Todesseufzer rief ich wach und liess ihre
Wogen steigen, wachsen, schwelen, bis sie mir selbst über dem Kopf
zusammenschlugen und nicht ich mehr sie beherrschen konnte, sondern ein höherer
Meister; und wer? Pergolese! an seinem himmlischen Stabat mater brach sich die
steigende Flut. Erinnern Sie sich, Signora, wo Sie zuletzt das Stabat sangen und
ich Ihren Gesang begleitete? In der letzten Charwoche war's, zu Paris, in der
Kapelle der Klosterfrauen von Notre-Dame-de-Sion - da war's! da sangen Sie mit
Ihrer Erzengelstimme, grossmütig wie immer, für den Zweck dieses Ordens: die
Bekehrung der Juden in Jerusalem. Seitdem hatte ich nicht an das Stabat gedacht.
Nun fiel es mir ein. Nun tauchte aus den Schmerzen einer Welt - das Kreuz auf,
und alles irdische Wehegeschrei verstummte vor der übermenschlichen Klage eines
Herzens, das unter dem Kreuze stand pertransivit gladius. Ich weiss nicht, wie
lange ich spielte. Ich schwamm, ich badete in diesen Melodien einer höheren
Sphäre; ich durchwob sie mit meinen Phantasien, ich liess alle Verzweiflung der
Erde und alles Wutgeheul der Hölle in sie hineingellen; aber nur um so mächtiger
rauschten die Ströme himmlischer Harmonie auf sie herab, und wie ein stiller
silberweisser Schwan zog das Stabat durch die tobende See und stellte das Kreuz
immer fester, immer leuchtender auf ein zermalmtes Mutterherz.
    Endlich kam ein dienender Bruder mit der Bemerkung, dass der Abend sinke, und
dass ich doch ja nicht die Prozession versäumen möge, welche beginne, sobald es
ganz dunkel sei. Ich riss mich mühsam von meiner Orgel los und eilte in's Freie.
Ich hatte die Absicht, einsam auf den Bergen umher zu schweifen, um der
langweiligen Prozession aus dem Wege zu gehen; da bemerkte ich Anstalten zu
einer Beleuchtung und die Beleuchtung der St. Peterskirche in Rom, diese Wonne
meiner Kindheit, fiel mir ein. Ich blieb, um zu sehen, ob hier etwa eine
Nachahmung stattfinden solle. Je mehr die Nacht einbrach, desto mehr versammelte
sich die Menschenmasse auf dem freien Platz. Er war zuletzt wie gepflastert mit
Köpfen. Da ich etwas kurzer Statur bin, verwünschte ich hundertmal die
langgewachsenen Söhne der Alpen, zwischen denen ich eingekeilt stand, und
verfiel in eine höchst grimmige Stimmung über die stupide Neugier, welche so
viel tausend Menschen hier zusammenführe, während ich vielleicht der einzige
stupid Neugierige unter ihnen war. Endlich entstand in der Kirche eine grosse
Bewegung; die Orgel erklang, die Kerzen auf allen Altären wurden angezündet,
feierlicher Gesang ertönte, die Glocken huben an zu läuten, die Prozession
setzte sich in Bewegung. Eine Doppelreihe von Mönchen und Geistlichen, jeder mit
einer brennenden Kerze in der Hand, zog vom Hochaltar aus durch die Kirche, aus
der Türe, die Stufen hinab, um den Platz. Am Schluss der Doppelreihe ging der Abt
unter einem Baldachin, von Weihrauchwolken umwogt, das Sanktissimum tragend. Als
es ausserhalb der Kirche erschien, flammte über dem Portal ein koloslales
Lichtkreuz und rings um den Platz, in gewissen Zwischenräumen, Bündel von
Fackeln auf, und im feierlichen Reigen wandelte die Prozession dahin. Wie die
Wellen des roten Meeres sich teilten, um dem Volke Israels Durchgang zu lassen:
so wich die Menschenmasse und stand zu beiden Seiten wie eine Mauer, und kniete
nieder, wenn die kleinen Glöckchen und die Weihrauchwolken sich näherten, und
erhob sich wieder, wenn das Sanktissimum weiter zog. Ich aber kniete nicht
nieder, sondern reckte mich so hoch ich konnte, und stand mit verschränkten
Armen, Lorgnon vor dem Auge, Hut auf dem Kopf, in der vordersten Reihe
kerzengerade, als sich das Sanktissimum meinem Platze nahte und alles neben mir,
hinter mir und gegenüber auf die Knie sank. Ich stand im stolzesten Bewusstsein
meiner Würde und Freiheit; aber mein Hut fiel! ein ernster dunkeläugiger Tiroler
nahm ihn mir ganz ruhig ab, mit dem Ausdruck eines Vaters, der seinem Bübchen
zeigt, was schicklich sei. Ich riss ihm empört meinen Hut aus der grossen sehnigen
Hand, die mit ungewöhnlicher Behendigkeit das Kreuzzeichen machte, und drängte
mich, von Zorn gekräftigt, nach der anderen Seite des Platzes, wo man unfern der
Kirche zum Behuf dieser Feierlichkeit einen Altar errichtet hatte, der wie ein
Meteor im nächtlichen Dunkel aufstrahlte. Er war um viele Stufen erhöht und von
einer säulengetragenen Kuppel überwölbt, und alle Umrisse des kleinen Gebäudes
waren mit ungemein glänzenden Lampen, wie mit Schnüren von Diamanten eingefasst.
Das Innere war ganz mit Blumen austapeziert und an der Hinterwand ein grosses
transparentes Gemälde angebracht, jene Vision, die Johannes auf Patmos hatte:
das wunderbare Weib mit den zwölf Sternen um das Haupt und der Mondessichel zu
ihren Füssen. Nach diesem Altar zog die bewegliche Lichtlinie der Prozession.
    Trotz meiner kritisierenden Stimmung fand ich das Schauspiel grossartig. Es
war nichts zu sehen, als eine tiefdunkele, von einzelnen Lichtgruppen
erleuchtete Erde: das Kreuz in der Höhe, Altar und Fackelbündel im Vorgrund, in
der Tiefe des Bildes der Flecken Einsiedeln illuminiert von tausend Lichtlein -
einer kleinen Welt von Leuchtkäfern ähnlich. Die Menschen - still, ernst,
gesammelt, ruhig auf einem Fleck, kein Gedränge, keine Schaulust, und doch zu
tausenden beisammen. Im Hintergrund die gewaltigen Berge, die sich in ihrer
Massenhaftigkeit ganz schwarz zum Nachtimmel erhoben. Dazu die grossartigen
Stimmen, welche dem Bilde einen Ausdruck von Seelenleben gaben, Orgelklang,
Chorgesang, Glockenton - und über dem allen der starke Wind, der von den
Gletschern kam und über den Wald sauste und die Spitzen der hohen Tannen umbog
und mit ihren Ästen wie mit Fahnen wehte. Der Abt war zum Altare hinaufgestiegen
und nun erklangen diese wunderbaren eucharistischen Hymnen, welche von den
Heiligen geschaffen sind und vielleicht von den Engeln gesungen werden. Dann hob
er hoch auf das goldene Haus, in welches die überhimmlische Dreifaltigkeit,
verschleiert von der heiligen Hostie, sich herabgelassen hat, hielt es einige
Augenblicke fest und hoch vor allem Volk und bewegte sich dann langsam, im
Kreuzzeichen, segnend über die Menge. Alle Gebete waren verstummt; die Orgel
schwieg; nur die Kanonen donnerten in den Choral der Glocken hinein; alle
Stirnen senkten sich zu Boden; denn nicht der Priester - Gott der Herr segnete
sein Volk. Und ich? - o ich stand aufrecht, als der Abt die Monstranz erhob und
hoch hielt und darzeigte; und stand aufrecht, als die Kanonen krachten und die
Menge auf die Knie fiel und der Abt die beiden ersten Bewegungen mit der
Monstranz machte. Und als er sie nach meiner Seite wendete und ich sie fest und
kalt ins Auge fassen wollte, da ging von ihrem Mittelpunkt ein goldener Strahl
aus - und der traf mich, war's in's Herz, auf die Stirn, im Blick - ich weiss es
nicht! genug, er traf mich besiegend. Meine Stirn sank zur Erde, meine Seele
flog in den Himmel, ich lag im Staube und ich betete an.«
    »Was ist das, Lelio!« rief Judit gespannt und aufgeregt. »Was war das für
ein Strahl?«
    »Nichts Irdisches war's, Signora, nichts Materielles. Kein Blitzstrahl war
es, und kein Spiel der Lichter auf den Diamanten der Monstranz. Aber auch eine
Vision war es nicht, wie die Heiligen sie wohl haben; kein Flammenpfeil, wie er
der heil. Terese das Herz durchbohrt und zu seraphischer Liebe entzündet ...«
    »Nun denn,« rief Judit beinahe heftig, »was war's?«
    »Die Gnade war es, Signora!« sagte Lelio sanft. »Der Hebel war es, der
seinen Stützpunkt im Herzen des Erlösers hat, und der ein elendes Menschenherz
aus dem Abgrund der Sünde emporhebt.«
    »Das verstehe ich nicht,« sagte Judit kalt.
    »Ich prophezeihte es,« erwiderte er lächelnd.
    »Nun weiter!« rief sie.
    »Ich bin zu Ende, Signora! ich habe in der ganzen Zeit Einsiedeln nicht
verlassen, gründlich in meinem Gewissen aufgeräumt und komme nun, um meine
Vorsätze auszuführen.«
    »Aber Ihre unbekannte Beterin werden Sie doch erkundschaftet haben?«
    »O nein! die ist mir unbekannt geblieben. Komme ich aber einst in den
Himmel, so werd' ich sie schon erkennen - unter den Heiligen oder zwischen den
Engeln.«
    Das Geschlecht, welches »das schöne« und »das fromme« genannt wird, hat eine
Eigenschaft, welche seine Schönheit und Frömmigkeit sehr beeinträchtigt: es
verträgt nicht gut das Lob einer anderen Frau. Bei Judit, die nicht den
mindesten Anspruch an Frömmigkeit machen konnte, wird es also nicht auffallen,
dass sie von ihrer Höhe herab entgegnete:
    »Nun was ist denn darin so grossartig, einen armseligen Menschen zu
verachten, der uns beleidigen will? es fliegt Staub an den Saum unseres Kleides:
wir schütteln ihn ab - und gehen weiter. Das ist doch eine allzu unbedeutende
Handlung, um einen Pass in die Heimat der Engel zu erwirken.«
    Lelio machte eine lebhafte verneinende Geberde.
    »Tag und Nacht!« rief er, »Himmel und Erde! Sie verachten den Menschen, der
Sie beleidigt: heidnischer Stolz! die Unbekannte bittet ihn: Mein Sohn, bet' ein
Ave für mich: katolische Demut!«
    »Und gaben Sie sich gar keine Mühe, diesem Mirakelwesen auf die Spur zu
kommen? Schade, dass es nicht ein Vierteljahrhundert jünger war!«
    »Signora,« sagte Lelio ernst, »dies verstehen Sie wirklich nicht.«
    »Und weshalb nicht, Signor Lelio?«
    »Weil sich die Welt nach der Ordnung der Gnade Ihnen noch nicht erschlossen
hat.«
    »Und was ist das für eine neue mystische Weltordnung, Signor Lelio?«
    »Es ist die, in welcher die Liebe zu dem gekreuzigten Gott der Offenbarung
des Menschen höchstes Gesetz und heiligste Richtschnur ist. Es ist die, in
welcher der Mensch, erlöst von der Wucht seines Ichs und von dessen
unerträglicher Sklaverei, in den freiwilligen Dienst der göttlichen Liebe tritt
und dadurch ein Werkzeug Gottes wird.«
    »Und für ein solches halten Sie Ihre Unbekannte?«
    »Allerdings, Signora. In der Gnadenwelt sind höhere Kräfte tätig, als in der
natürlichen Welt, darum üben sie auch einen höheren Einfluss. Lebt und webt eine
Seele in der Gnade, so gehen auch Gnadenwirkungen von ihr aus. Die höchste ist:
eine Seele zu retten. Die Unbekannte hat den Grund zur Rettung meiner Seele
gelegt; aber so recht wie ein unscheinbares Werkzeug Gottes: sie wusste es nicht,
sie wollte es nicht. Sie übte nur einen kleinen Akt von Demut und Liebe - so
klein, dass die Weisheit der Welt ihn nur beachtet, um ihn zu verachten; aber er
war gottgefällig und darum folgte göttlicher Segen ihm nach. Ahnungslos hat sie
meinem verhärteten Herzen den ersten Ruck zu seiner Bekehrung gegeben. Gottes
Barmherzigkeit tat das Weitere. Jetzt muss ich das Meine tun.«
    »Was wird das sein!« rief Judit erwartungsvoll.
    »Nicht wahr, den Montblanc in den Leman stürzen - oder eine neue Sonne
entdecken - oder einen neuen Weltteil erobern - darauf sind Sie gefasst? Nein,
teure Judit! ich gehe schlecht und recht zu meinen Eltern zurück, bitte sie um
Verzeihung, dass ich so viele lange Jahre so bitter sie betrübt habe, und suche
fortan ein guter Sohn zu sein, mit der festen Überzeugung, dass die wahre
Befreiung Italiens sehr gefördert wird, wenn ein Italianissimo daran geht, sich
vom Unglauben und von der eng damit zusammenhängenden hochmütigen Selbstsucht zu
befreien.«
    »Wie, Lelio! Sie verlassen mich?« fragte Judit traurig.
    »Stabat mater, teure Judit! Auch meine Mutter steht unter ihrem Kreuz und
weint! - ach! um ihren verlorenen Sohn. Was wären Entschlüsse, wenn wir sie nur
fassten, um unserem aufgeregten Gefühl eine momentane Befriedigung zu geben, und
wenn sie mit unserer Erregung verschwinden würden! Nein! heute noch reise ich
nach Rom ab.«
    »Unmöglich! Sie wissen, wie unentbehrlich Sie mir sind!«
    »Ich weiss, dass Sie einen Musiker brauchen, ja! - doch hier nicht, denn hier
ruhen Sie aus von Musik. Singen Sie dem Fürsten X., dem Marquis Y., dem Lord Z.
die Skala vor, so brauchen Sie niemand zum Akkompagnement und die Herren sind
ebenso entzückt, als hätten Sie die Casta dia gesungen. Überdas kommen Sie ja
auch bald und für den Winter nach Rom. Da hoffe ich Ihnen einen brauchbaren
Musiker aufgefunden zu haben.«
    »Also auch in Rom wollen Sie nicht mit mir zusammen bleiben? Hindere denn
ich Sie daran, ein guter Sohn zu sein? Oder überlassen Sie mich meiner
Verdammung, nachdem Sie sich gerettet haben?«
    »Ich muss meine Seele retten, nicht die Ihre! das überlasse ich vollkommneren
Menschen. Was aber Ihre Verdammung betrifft, so hoffe ich genau das Gegenteil!
ich hoffe, dass Ihnen hienieden das Gnadenleben - und droben die ewige
Herrlichkeit zu Teil wird.«
    »Werden Sie für mich beten, Lelio?« fragte sie und reichte ihm die Hand. Er
drückte sie herzlich und rief:
    »Gewiss! ich - und Bessere als ich!«
    »Nun, so beten Sie für mich, dass ich zu meinem Ziel komme und Gräfin Windeck
werde.«
    Lelio schleuderte ihre Hand fort und sprang zurück, als habe ihn eine Natter
gestochen, und rief heftig:
    »Wissen Sie denn nicht, dass der Mann verheiratet ist.«
    »Ja, sehr unglücklich.«
    »Unglücklich oder glücklich, das gilt gleich! Sie werden doch nicht in ein
Serail gehen wollen?«
    »Signor Lelio, ich bitte, mässigen Sie Ihre Ausdrücke. Ich will Graf
Windeck's rechtmässige Frau werden.«
    »Ganz richtig, Signora! dem Muhamedaner sind vier rechtmässige Frauen
erlaubt; Sie müssen sich also mitsamt Graf Windeck zum Islam bekennen, wenn Sie
ihn heiraten wollen - denn eine rechtmässige Frau hat er bereits.«
    »Haben Sie denn nie gehört, dass man unglückliche Ehen auflöst, um eine
glücklichere zu schliessen?«
    »Judit, Sie wissen nicht, was Sie sagen - nicht, was Sie anstiften!« rief
Lelio mit dem Ausbruch tiefsten Schmerzes. »Ich ahnte wohl die Leidenschaft des
Grafen für Sie, doch nicht diese Wendung. O erbarmen Sie sich des Unglücklichen
und treiben Sie ihn nicht zum Äussersten! Er kann Sie nur dann heiraten, wenn er
abfällt vom Glauben und in eine Sekte ausserhalb der Kirche, kalvinische,
luterische, evangelische - was weiss ich, wie sie sich nennen! eintritt - und
Sie, Judit, mit ihm.«
    »Wozu die enormen Anstalten, Lelio! Bleibe er doch katolisch, wenn er es
ist, der arme Orest. Dass ich getauft sein muss, um ihn zu heiraten, weiss ich.
Europa's Civilisation steht noch auf einer so niedrigen Stufe, um die Giltigkeit
der Ehe an eine so leere Ceremonie zu binden. Mir ist es aber gänzlich einerlei,
nach welchem Ritus es geschieht, und ich kann ebenso gut katolisch als
kalvinistisch oder luterisch mich nennen lassen.«
    »Ach, arme Judit, in welchem Wahn sind Sie befangen! Die katolische Kirche
betrachtet die Ehe als einen unauflöslichen Bund, welcher der Gnadenordnung,
nicht den Gelüsten der wandelbaren menschlichen Natur angehört. Im Blut Jesu
haben die Eheleute das Sakrament empfangen, sind sie verbunden zu einer Einheit,
die nur der Tod scheidet. Dawider gibt es keinen menschlichen Richterspruch, und
so lange Graf Windeck's Gemahlin lebt, ist eine Ehe mit einem anderen Weibe für
ihn unmöglich.«
    »Die Sekten aber gestatten sie?«
    »Ja! denn sie beruhen auf Irrlehren! und eine solche ist es, welche die Ehe
ihres sakramentalischen Charakters beraubt, und gerade sie, welche mehr wie
jedes andere menschliche Verhältnis des Beistandes der heiligmachenden Gnade
bedarf, zu einem lockern Vertrag herabsetzt, über dessen Dauer der Rausch der
Leidenschaft entscheiden darf. Judit! Judit! den Bund der Ehe dürfen Sie nicht
anrühren. Sie dürfen es nicht!«
    »Also auf Wiedersehen in Rom!« sagte Judit abbrechend. »Reisen sie
glücklich, lieber Lelio. Ich halte Sie keinen Augenblick zurück, denn ich sehe
wohl, dass der Lelio, den ich vier Jahre lang gekannt habe, durch vier Wochen in
Einsiedeln mir fremd geworden ist.«
    »Und gerade jetzt möcht' ich bei Ihnen bleiben, möchte wachen und
warnen....« -
    »Sie werden langweilig, Lelio! ich brauche keinen Mentor. Ich will jetzt
noch einige Wochen Nachsommer in Genua oder Nizza geniessen; dann komme ich nach
Rom. A rivederlo!« Sie winkte ihm freundlich mit der Hand zu und verliess das
Zimmer.
    Lelio sah ihr traurig nach und seufzte heimlich: O die Arme! sie stürzt in
den Abgrund und reisst ihr Opfer mit sich hinab. Niemand geht allein in den
Himmel, allein in die Hölle. Die Seelen hängen zusammen - im Abfall, in der
Heiligung. Das erste Menschenpaar verwickelte die ganze Menschheit in den
Sündenfall; Christus zieht die ganze Menschheit am Kreuz empor.
 
                             Drei Jahre im Ehestand
Während der Genfer See in Sonnenglanz und Farbenpracht funkelte und strahlte,
hingen graue Wolken über den Odenwald; am Morgen lagen schwere Nebel auf den
Tälern und am Abend sauste der Sturm durch die entlaubten Wälder und drehte
kreischend die Wetterfahne des Schlossturms von Stamberg. Im Schloss herrschte
tiefe Stille, kein Laut war zu hören, keine Bewegung zu sehen, kein Gehen und
Kommen von Dienern und Untergebenen wahrzunehmen. Kein Pferd stampfte im Stall,
kein Hund spielte im Hof. Ein trübes Gestirn schien über dem Schloss zu walten,
so dass sich seit den Tagen der Gräfin Juliane kein frisches Leben darin
entfalten konnte. Und doch war es mit Luxus und Komfort eingerichtet! von der
Eingangshalle bis zum Speisesaal - und vom Salon bis zu den Zimmern für Gäste -
allüberall Behagen und Eleganz! die weichsten Teppiche, die bequemsten Polster,
die ausgesuchtesten Möbel, um in behaglichster Weise zu sitzen, zu liegen, zu
lesen, zu schreiben, zu essen, zu ruhen - kurz, um dem Körper schlafend und
wachend ein Nonplusultra des Wohlseins zu bereiten. Überdies arbeitete der Koch
im weissen Baret und mit der weissen Schürze äusserst tätig in der Küche und der
Haushofmeister sass mit der Feder in der Hand und führte Buch über den Inhalt des
Weinkellers, und die Kastellanin wandelte mit einem Federwedel in der Hand durch
die unbewohnten Gemächer, um sie zu lüften und von jedem Stäubchen zu befreien.
Es war also nicht ausgestorben, das stattliche Schloss - und doch so tot! denn es
fehlte in diesen prächtigen Räumen das etwas, das Leben hervorruft: das
häusliche Glück.
    In einem runden Turmkabinet befand sich die Herrin des verzauberten
Schlosses - Corona Windeck, mit ihrer kleinen Tochter Felicitas. In diesem
Gemach war Leben - ja, gleichsam ein Brennpunkt alles Lebens: eine traurige Frau
und ein fröhliches Kind. Das Kabinett war mit der höchsten Eleganz eingerichtet;
die Wandtapeten, die Vorhänge vor den beiden Spitzbogenfenstern und vor der
Türe, der Möbelbezug, alles war dunkelblauer Damast. Die Tische und die in der
Dicke der Mauer eingelassenen Wandschränkchen mit zierlichen gotischen Türen
waren von der schönsten eingelegten Holzarbeit mit feinen Metallstreifen und
Perlmutterverzierungen. In dem weissen Marmorkamin brannte ein munteres Feuer,
und auf dessen Gesims stand eine Garnitur Vasen von Meissener Porzellan in Blau
und Gold, unter einem prächtigen Spiegel. In dem einen Fenster stand Corona's
Schreibtisch, ganz überladen mit den Millionen von Sächelchen, welche einen
Schreibtisch höchst elegant - und höchst unbequem zum Schreiben machen. Überdas
hatte sie eine kleine Gemäldegallerie von Familienportraits, sehr schön in
Aquarell ausgeführt, darauf eingerichtet. Im anderen Fenster stand ihr
Stickrahmen und daneben auf besonderem Gestell zwei grosse chinesische
Deckelkörbe voll Seide, Wolle, Garn, Stickmuster und allem, was die weiblichen
Arbeiten erfordern. Ein ganz niedriges Kindertischchen, mit Spielzeug und
Bildern dermassen überladen, dass die Hälfte davon auf dem sammtweichen Teppich am
Boden lag, verriet - auch wenn sie beide nicht dagewesen wären - dass Corona's
Kabinett auch das Zimmer ihres Kindes sei. Sie sass am Schreibtisch und hielt
einen Brief in der Hand, den sie überlas, um ihn zu beantworten. Aber es traten
oft Tränen in ihre Augen und dann blickte sie über das Blatt hinweg mit
namenloser Zärtlichkeit auf Felicitas. Zwischen den Fenstern stand ein breites
Sopha, und auf demselben hatte sich die Kleine mit ihren Puppen häuslich
niedergelassen und eingerichtet. So oft Corona's Blick auf das Kind fiel, flog
ein Sonnenstrahl über ihr Antlitz; allein er verschwand, wenn er wieder in den
Brief fiel. Er war aus Genf und lautete:
    »Da ich in diesen Tagen mit einigen lieben Freunden nach Genua gehen und
dort Seebäder brauchen will, so leidet unser Reiseplan eine kleine Veränderung,
liebe Corona. Ich kann unmöglich nach Stamberg zurückkehren, um Dich abzuholen,
was ja auch ganz überflüssig ist, da Du an dem guten Papa einen besseren
Reisemarschall hast, als an mir. Ich gehe von Genua direkt nach Rom,
wahrscheinlich Ende November. Du wirst am besten tun, wenn Du Dich sogleich nach
Windeck begibst, und wenn Ihr von dort aus die Reise nach Rom antretet, wie und
wann es Euch genehm ist. Schreibt nur vorher an Hyazint, dass er Quartier mache,
Piazza di Spagna, Via Condotti - oder da so herum. Lass Dir vom Rentmeister Geld
geben, wenn Du es notwendig brauchst. Ich meine aber, der gute Papa könnte die
sämtlichen Reisekosten zahlen. Kurz, möglichst wenig Geld lass Dir geben, denn
ich gebrauche enorm viel. Ich habe mir ein paar superbe Reitpferde gekauft und
will sie mitnehmen nach Genua und Rom. Du darfst auf keinen Fall einen Diener
mitnehmen. Für die Reise genügt der des Papa - und in Rom der meine. Adieu,
gutes Kind! Befiehl im Stall, dass die Pallas nie über eine halbe Stunde täglich
spazieren geführt werde, damit es sich erhole, - das pompöse Tier; und küsse
Felicitas. Dein Orest.«
    So schrieb der Gatte dieser Frau und der Vater dieses Kindes - immer
derselbe Orest von Jugend auf; nur fortschreitend - aber auf seiner Bahn; und
immer rascher und gesteigerter, je fester er sie verfolgte. Ein Ruf vom Himmel
zieht das Menschenherz aufwärts; die Stimme des Erdgeistes - abwärts. Die ersten
Schritte nach beiden Richtungen hin gehen langsam, schwankend, mit Ungewissheit,
ja mit Rückschritten sogar: der Zug zum Himmlischen lässt nach; der Zug zum
Irdischen begegnet besseren Einflüssen. Die Kämpfe, welche hieraus entspringen,
stählen entweder den Willen, der das köstlichste Gut, seine Freiheit, bewahrt
und mit ihr auf der Bahn des Lichtes mehr und mehr aufwärts steigt; oder die
Willenskraft lässt sich besiegen vom verlockenden Bösen, lässt sich von den
Leidenschaften in Fesseln schlagen, wird immer ohnmächtiger zum Guten und lässt
das Menschenherz mehr und mehr einem Abgrunde zurollen, dessen Tiefe das
sterbliche Auge nicht ermisst. Auf diesem Wege flieht der Mensch alles, was seine
Genüsse und Freuden stören und ihn an seine Pflicht erinnern könnte. Er verliert
den Sinn für himmlische Dinge; er schätzt nur die Irdischkeit, kennt nur
materielle Interessen, versteht nur die Neigungen, die Bestrebungen, die von der
Erde stammen. Er ist gefesselt an die Gebilde des Staubes, er ist der Knecht der
Sünde. Dieser innere Zustand des Menschen wirft einen furchtbaren Schatten auf
ihn, den Schatten des ewigen Todes, der langsam, frostig, vernichtend an der
Seele hinaufkriecht und sich zwischen sie und Gott ausbreitet. Davor weichen
alle Ströme der Gnade zurück! daran erlöschen alle Strahlen höheren Lichtes!
dadurch vertrocknet allmählig das übernatürliche Leben nicht bloss - sondern auch
alle höheren Fähigkeiten des Menschen. Seine Intelligenz verdunkelt sich, sein
Herz verhärtet sich, sein Verstand schwächt sich. Jeder Erkenntnis, welche über
die Materie hinausliegt, wird er unfähig. Er begräbt seine entwürdigte Seele in
dem Kerker seiner gefallenen Natur. So stand es mit Orest. Sein Wahlspruch:
froher Genuss des Lebens! hatte ihn dahin gebracht, dass er des schönsten Lebens
nicht froh wurde und all sein Glück nicht zu geniessen verstand. Dass das Glück
Opfer fordere und dass aus den Verhältnissen Pflichten hervorgehen, fand er über
allemassen lästig, und was ihm lästig war, dem wich er aus. Selbstverleugnung,
Selbstbeherrschung hatte er nie geübt, nie zu einem kräftigen gesunden Willen
sich erhoben. Von seinen Launen und Einfällen, von seinen Neigungen und
augenblicklichen Eindrücken liess er sich wiegen und tragen, bestimmen und
hinreissen. So geriet er auch manchmal an ein gutes Wollen; aber es hielt nicht
Stand. Durch gute Aufwallungen wird der Mensch nicht gut! der Wind ist zu
schwach, um sein Schifflein flott zu machen, wenn es auf eine Sandbank gelaufen
ist. Nur ernster Beharrlichkeit und unermüdlicher Selbstüberwindung ist die
Tugend erreichbar; denn Tugend ist Beschränkung des Ich's nach allen Richtungen
hin. Orest aber pflegte sein Ich nach allen Richtungen wie eine äusserst kostbare
und edle Pflanze, und so wurde denn dieses Ich in der moralischen Welt zu einem
Upasbaum, der alles Leben tötet, das in seine Nähe kommt. Einen Augenblick war
er von Corona's Lieblichkeit ergriffen genug gewesen, um verschiedene gute
Vorsätze zu fassen und seinen Ehestand mit dem Entschluss zu beginnen, Judit
nicht wiederzusehen. Aber wie das immer zu gehen pflegt: hat man grosse
Entschlüsse gefasst, so treten stets eine Menge Umstände ein, um sie wankend zu
machen. Das ist ganz in der Ordnung; denn wie könnte sich ein Entschluss bewähren
ohne Prüfung. Wer aber nicht geneigt ist, ihnen treu zu bleiben, klagt über sein
unerhörtes Schicksal und die zwingende Gewalt der Umstände - und gibt sie auf.
So machte es Orest. Gleich nach seiner Vermählung trat er mit Corona eine Reise
in's Berner Oberland an und traf in Interlaken - auf Judit, auf seine schwarze
Sonne, wie er sie nannte. Aber sie liess kalt und stolz keinen Strahl auf ihn
fallen. Sie übersah ihn bei jeder öffentlichen Begegnung, und als er ihr seinen
Besuch machen wollte, nahm sie ihn nicht an. Dies war ganz genug, um seine
Eitelkeit zugleich zu verwunden und zu befriedigen. Sie war verletzt, oder
wenigstens beleidigt; folglich war er ihr nicht gleichgültig. Je frostiger sie
sich zeigte, desto heftiger wurde der Reiz, eine Kälte zu überwinden, die nur
der Schild vor ihrem Herzen war - wie er hoffte und wie Judit es ihn zuweilen,
wie durch ein leises Wetterleuchten, ahnen liess. Noch in Interlaken, kaum drei
Wochen seine Frau, sah Corona ihn in Judits Fesseln und sich selbst in der
Vernachlässigung, welche fortan ihr Los blieb. Es könnte befremden, dass ein so
oberflächlicher Charakter wie Orest, dem es hauptsächlich nur darum zu tun war,
den Schaum vom Lebensbecher zu schlürfen, in eine solche verzehrende
Leidenschaft verfiel; aber einesteils war er sehr hartnäckig, wenn es galt, das,
was er sein Glück nannte, zu verfolgen - wie es Jäger gibt, die auf der Jagd
voll Feuereifer, übrigens aber ganz phlegmatisch sind - und anderenteils zeigt
leider die traurige Erfahrung, dass nicht selten Menschen, welche in jedem
geheiligten Verhältnis eine Last finden und eine Sklaverei sehen, durch
unheilige Verhältnisse in ganz erstaunlicher Weise sich binden lassen. Es ist
die natürliche Strafe ihrer Verkehrteit: sie wollten nicht die edle Freiheit
ihres Willens üben, drum sind sie unfrei - und in einem solchen Grade, dass sie
ihre Gefangenschaft für die rechtmässigste und natürlichste Sache von der Welt
halten.
    Corona war zu unerfahren und zu rein, um von diesen traurigen Verirrungen
eine Vorstellung zu haben. Sie hatte, ohne die mindeste Neigung für Orest, dem
Wunsche ihres Vaters, der Fügung Gottes gehorcht und, war je ein Traum von Liebe
durch ihr junges Herz gezogen, so war es nicht Orest, der ihn hervorgerufen
hatte. Aber sie reichte ihm mit dem festen Entschluss die Hand am Altar, dass sie
ihn lieben wolle, wie es sich für eine christliche Ehefrau ziemt. Orest machte
es ihr sehr schwer. Für die Feinheit ihrer Empfindung, für die zarte
Jungfräulichkeit ihres Herzens fehlte ihm durchaus jedes Verständnis. Tausendmal
verletzte er sie, quälte er sie durch seine Scherze, durch seine Bemerkungen,
durch seine Handlungsweise, durch seine Auffassung von Welt und Leben; sie litt
und schwieg. Sehr selten erlaubte sie sich eine Einwendung, aber so bittend und
demütig, dass Orest, der ohnehin schon, vermöge seiner Selbstsucht, vielmehr ihr
Herr als ihr Gatte sich fühlte, dadurch in seiner Despotenlaune bestärkt wurde.
Ihr Ton hätte sehr ernst und äusserst bestimmt sein müssen; dann würde sie ihm
imponiert haben - wie ihm das zuweilen bei Regina geschehen war; aber diese
unüberwindliche Entschiedenheit, die, auf dem innersten Grunde von Regina's
geistigem Sein beruhend, ihre ganze Wesenheit gleichsam illuminierte - war nicht
in Corona. Bei ihrem Vater hatte sie gehorchen gelernt! an ihre Schwester hatte
sie sich gelehnt wie an eine zärtliche und weise Mutter; einem Orest war sie
nicht gewachsen. Aber sie hatte die Tradition ihrer frommen Mutter und das
Vorbild ihrer frommen Schwester! Die Baronin Isabella und Regina hatten ihr
oftmals erzählt, wie diese Mutter durch Milde, durch Stillschweigen, durch
Opferwilligkeit dem Egoismus des Vaters begegnet sei und wie sie ihn damit
gewonnen habe. Die Mutter, die kaum in ihrer Erinnerung lebte - lebte umso mehr
in ihrer Gegenwart als ein Vorbild stiller, unscheinbarer Tugend und an dem
Streben, diesem Beispiele nachzufolgen, entwickelte sich die tiefe Frömmigkeit,
die von der Wiege an ihrem Gemüt eingesenkt, aber nicht entfaltet war und jetzt
aus einer grünen Knospe in voller Blüte hervorbrach. Corona erkannte schnell,
dass sie in ihren Verhältnissen himmlischen Beistand nötig habe, denn kein
irdischer genügte ihr, noch bot er sich ihr. Ihr Vater hatte nun einmal
beschlossen, dass Orest und Corona miteinander glücklich zu sein hätten. Der arme
Vater! sprach Corona zu sich selbst; hat er nicht bei Regina, Hyazint und Uriel
sich an seinen Hoffnungen getäuscht gesehen und auf seine Wünsche und
Erwartungen verzichten müssen! ich will ihm, so viel an mir liegt, keinen Kummer
machen; ich werde glücklich sein, glücklich - die Bestimmung zu erfüllen, die
Gott mir angewiesen hat. Und so machte sie sich denn an das Heldenwerk der
Heiligen: in übernatürlicher Weise glücklich zu sein.
    Zu Orest's quälenden Eigenschaften gehörten auch die, dass er, wenn er nicht
in irgend einer Spannung und Erregung war, sich beständig langweilte. Die
soldatische Disziplin, dies und das und jenes zu der und der Stunde pünktlich
verrichten zu müssen, war ihm anfangs äusserst lästig, allmählig aber ganz lieb
gewesen; denn sie gab ihm täglich die Befriedigung, die aus einer, wenn auch
noch so geringen Pflichterfüllung hervorgeht. Überdas machte es der ganze
Schwarm der Kameraden, unter denen sich doch mancher rebellische Kopf und
störrische Nacken befand, genau so wie er, weil die Unannehmlichkeiten, welche
der Mangel an Disziplin nach sich zog, doch am Ende noch lästiger waren, als die
militärische Subordination. Aber auf Stamberg gab es keine Lebensregel für ihn.
Er konnte schalten und walten wie - tun und treiben, was ihm beliebte. Hatte er
heute ein Geschäft begonnen, so zwang ihn niemand, es morgen fortzusetzen. Er
konnte es ganz liegen lassen, oder es nach acht Tagen wieder aufnehmen, oder es
dem Rentmeister, dem Förster, oder sonst dem betreffenden Beamten zur
Fortsetzung zuschicken. Letzteres geschah denn auch regelmässig! Er fand alle
Geschäfte, die Art sie zu führen, den Gang, den sie gingen, tötlich langweilig,
und da die Beamten nun einmal auf diese Langeweile eingeübt waren und dafür
bezahlt wurden, auch die Sache viel pünktlicher und schneller machten: so gab er
es sehr bald ganz auf, sich um seine Geschäfte, seine Verhältnisse, den Zustand
der Herrschaft, die Verwaltungsart seiner Beamten, um das Gute, das zu tun, um
die Missbräuche, die abzustellen waren, zu bekümmern. Drei Arten von
Beschäftigungen hatte er auf Stamberg, und die trieb er abwechselnd mit einer
Art von Wut: jagen, reiten, lesen. Die Jagdzeit war seine Lieblingszeit; da
trieb er sich vom frühen Morgen bis zum späten Abend in Flur und Wald umher und
ermüdete sich dergestalt, dass seine etwaige üble Laune bei der Heimkehr - in
Schlaf unterging. Reiten war seine zweite Liebhaberei, nämlich Pferde
zuzureiten. Das verstand er meisterhaft, und je böser das Pferd war, desto
lieber übernahm er dessen Erziehung und »brachte die Bestie zur Raison« - wie er
es nannte. Das war denn aber auch der Hauptspass! war einmal das Pferd
zugeritten, so hatte er keine Freude mehr daran. Deshalb verschwendete er
Unsummen für den Ankauf junger roher Pferde, die er zuritt und dann für ein
Billiges verkaufte, um sie nur wieder los zu werden und Platz in den Stallungen
für neue Zöglinge zu gewinnen. Endlich, wenn er bis zur äussersten Abspannung im
Walde ein Nimrod und in der Reitbahn ein Rossebändiger gewesen war - pflegte er
zu sagen: »Jetzt erhole ich mich an Leib und Geist bei den schönen
Wissenschaften;« legte sich auf einen breiten, niedrigen Divan von braunem
Saffian, rauchte ein orientalisches Nargileh und las dutzendweise französische
Romane greulichster Art. Dermassen war er dann in seine Lektüre versunken, dass er
nicht selten bei Tisch mit seinem Buch erschien und, da Corona sich seine
Vorlesung verbat, während des Essens still für sich las. Diese Bücher trugen
natürlich nicht dazu bei, ihm Lust und Liebe zum häuslichen Herd und zu dessen
Freuden und Beschäftigungen zu geben. Missmut überfiel ihn; die Bücher wurden ihm
verhasst; Corona sollte ihn unterhalten. Wie gern hätte sie das getan! allein er
fand sie nicht munter, nicht ausgeweckt genug.
    »Als Kind hattest Du Anlagen zu einer Lionne!« rief er einmal höchst
missmutig; »aber die fromme Erziehung hat sie bis auf's letzte Fünkchen
ausgelöscht. Du bist eine ganz alltägliche Person geworden.«
    »Darin hast Du recht, lieber Orest,« sagte sie demütig. Und sie hatte doch
einen feinen Verstand und eine liebenswürdige Munterkeit; aber freilich,
einbalsamiert in geistige Grazie, so dass alles Scharfe, Exzentrische,
Leidenschaftliche - alles, was nicht bestehen konnte neben zarter Sitte und
heiliger Wahrheit - dem Kreise ihrer Anschauungen und Urteile, dem Gang ihrer
Gedanken fern blieb. Ein solcher Geist war nicht nach Orest's blasiertem
Geschmack. Er machte den Versuch, sie in seinem Sinn höher zu bilden und sie mit
einer gewissen traurigen Richtung des Geistes in literarischen Erzeugnissen
bekannt zu machen, an welche manch' grosses Talent sich wegwirft. Er brachte ihr
solche Bücher und empfahl ihr dringend, sie zu lesen. Sie las den Namen der
Autoren, machte die Bücher zu und sagte:
    »Ich danke Dir tausendmal, aber lesen kann ich diese Bücher nicht.«
    »Was ich Dir gebe, darfst Du lesen!« fuhr Orest auf.
    »Gewiss - insofern es nicht gegen Glauben und Sittlichkeit ist. Onkel Levin
hat mir aber eben diese Autoren als solche genannt, die gegen beides verstossen
und mich vor ihnen gewarnt.«
    »Onkel Levin! ... ich bitte Dich, rede doch nicht so kindisch! der
siebzigjährige Greis hat andere Ansichten über Lektüre, als die siebzehnjährige
Frau.«
    »Andere - aber richtigere,« lieber Orest.«
    »Höre, Corona, Du tust mir leid, dass Du mit Deinem bisschen Verstand
fortwährend zwischen den Scheuklappen vegetieren sollst, die Onkel Levin Dir
anbindet. Darum stelle ich Dir die Bücher hier in's Wandschränkchen und schenke
sie Dir erb- und eigentümlich. In einem Augenblick von Langeweile nimmst Du sie
doch vielleicht zur Hand und guckst neugierig hinein, und hast Du das nur erst
getan, so wirst Du auch schon weiterlesen. Schau', wie sie gut eingebunden sind
- dunkelblauer Saffian, ganz in Harmonie mit Deinem Kabinett! eine wahre Zierde
Deiner Bibliotek!«
    »Da Du mir die Bücher schenkst, lieber Orest, so sage ich Dir meinen
schönsten Dank,« sagte Corona.
    Die Bücher blieben unverändert auf ihrer Stelle! Orest, der eine Ahnung
hatte, als ob sie vielleicht verschwinden könnten, öffnete von Zeit zu Zeit das
Wandschränkchen; aber da standen sie in Reih' und Glied. Weiter brachte er es
jedoch nicht bei Corona. Fragte er, ob sie gelesen habe, so verneinte sie es. Da
rief er einmal zornig:
    »Nun! willst Du sie nicht lesen, so sollst Du sie hören!« und griff ein Buch
heraus. Es klappte in seiner Hand zusammen, denn es war nur ein Deckel: das Buch
selbst war herausgeschnitten. Corona sagte ungemein freundlich:
    »So sind sie alle. Du hast sie mir geschenkt, folglich durfte ich über sie
verfügen, und sie sind längst dem Feuer übergeben. Den Einband liess ich stehen,
weil er Dir gefiel und unschädlich ist.«
    »Warum gabst Du mir nicht meine Bücher zurück, wenn Du sie durchaus nicht
haben wolltest« - murrte Orest.
    »Weil ich keine schlechten Bücher verschenke und gern alle, die je
geschrieben wurden, von der Erde vertilgen möchte.«
    »Das ist einmal ganz à la Regina gesprochen! sie - im Fanatismus für den
Glauben; Du - im Fanatismus für die Tugend!« rief er spöttisch. Allein er
versuchte nicht wieder, sie mit dergleichen Büchern zu belästigen. Weil er aber
immer in unzufriedener Laune war, so mäkelte er an ihr vom Morgen bis zum Abend.
    »Was machst Du für Toiletten, Corona! bist Du denn ein altes Weiblein von
dreissig Jahren? was helfen schöne Stoffe, wenn man sie nicht zu tragen
versteht!«
    Corona kleidete sich sehr gut und standesmässig elegant, wie sie das bei
ihrem Vater gewohnt war. Sie war aber ein durchaus edles Wesen; deshalb kam ihr
ein Herausschmücken ihrer Person, ein Geltendmachen ihrer Schönheit nie in den
Sinn, und sie kleidete sich, wie es sich schickt für die züchtige vornehme Frau.
    »Corona, Dein Gesang ist eben nicht Deine glänzendste Seite - umsoweniger,
als Deine Aussprache des Italienischen auch Vieles zu wünschen lässt.«
    »Lehre mich die richtige,« sagte sie bittend.
    »Sprachmeister meiner Frau zu sein - horrender Gedanke! kolossale Zumutung!
Nein, gutes Kind, willst Du durchaus singen, so singe deutsch.«
    Und sang sie deutsch, so klagte er über die unmelodische, ächt Odenwäldische
Musik! Jeder dieser kleinen Nadelstiche war für Corona ein Schmerz, den sie zu
überwinden hatte. Ihre feine Natur fühlte die leiseste Verletzung und empfand
sie tief; das war ihre schwächste Seite, und weil sie es war, so sorgte Gott,
der alle Menschen für das ewige Leben erziehen und sie stark machen will, dafür,
dass gerade auf dem schwächsten Punkte die Angriffe nicht aufhörten. Auf Windeck
war sie das verzogene Kind gewesen. Wie das oft in zahlreichen Familien geht:
das jüngste Kind wird allgemeiner Liebling. Für ihn lassen die Eltern nach von
früherer Strenge oder von allzu grossen Ansprüchen. Für ihn haben die übrigen
Geschwister, die sich zuweilen schroff genug gegenüber stehen, ein Herz. Ein
solcher Liebling des ganzen Hauses war Corona und - so weit sie in der Welt
erschienen war - auch dort. Ihrem Vater hatte sie gehorchen müssen; allein dafür
trug er sie auch auf den Händen. Jetzt musste sie lernen, sich ihrem Mann zu
fügen, ohne je die Genugtuung zu haben, dass er zufriedengestellt sei. Und wäre
es nur bei den kleinen Nadelstichen geblieben!
    Corona's heisester Wunsch stand nach Hausgottesdienst. Noch als Braut hatte
Orest ihr die Zusage machen müssen, die Kapelle zu vollenden und einzurichten,
welche Uriel begonnen hatte, eine Messe zu stiften und einen Hausgeistlichen
anzustellen; damals hatte Orest zu allen diesen Wünschen Ja gesagt. Als sie sich
nun aber auf Stamberg niederliessen und Corona ihren Mann an das Notwendigste:
den Ausbau der Kapelle erinnerte, da hiess es, im nächsten Frühling solle er
vorgenommen werden. Aber im nächsten Frühling hiess es: die Kasse sei eben leer.
Corona, die von ihrem Vater ein reichliches Nadelgeld erhielt, bat Orest, zu
gestatten, dass sie die Kosten des Ausbaues bestreiten dürfe.
    »Und die Einrichtung, soll die vom Himmel fallen?« rief er unmutig. »Die
kostet enorm viel und eines zieht das andere nach sich. Besser der Ausbau
unterbleibt. Mir liegt nichts an der Kapelle, ich möchte lieber die Stallungen
erweitern, und Du fährst ja so pünktlich jeden Sonntag zum Gottesdienst, dass Du
dich an den Werktagen schon mit dem Gebet in Deinem Zimmer begnügen kannst.«
    »Ich kann es freilich! aber es quält mich, dass ich es nicht möglich machen
kann, sämtliche katolischen Dienstboten Sonntags dem Gottesdienst anwohnen zu
lassen. Bei der Entfernung der Pfarrkirche geht der Vormittag darauf; da können
sie nicht alle fort. Hätten wir Kapelle und Hausgeistlichen - ach, welch ein
Trost!«
    »Hausgeistlichen! das fehlte noch, um die Langeweile des Hauses komplett zu
machen! Nein! den Gedanken lass total schwinden. Ich - mit einem Schwarzrock
unter einem Dache!«
    »Lieber Orest, vergiss nicht, dass Onkel Levin und Hyazint geistlich sind und
dass dies eine Gnade und Ehre für uns alle ist.«
    »Nun ja, die gehören einmal zur Familie - und was in der Familie geschieht,
wird gut geheissen. Da ist ein esprit de corps, wie im Soldatenstande. Da lässt
auch keiner irgend etwas auf sein Regiment kommen. Doch von den beiden ist hier
nicht die Rede! Übrigens möchte ich keinen von beiden hier auf Stamberg anders
haben, als zum Besuch. Um wie viel weniger einen anderen von diesen schwarzen -
Diamanten! Denn wahrhaftig! rar wie schwarze Diamanten sollen ja diese Herren
sein, weil kein vernünftiger Mensch geistlich werden mag. Das kann Dich trösten:
der Bischof würde uns keinen Hausgeistlichen geben.«
    »Hast Du ihn denn darum gebeten?«
    »O nein! ich bitte nicht um Dinge, von denen ich weiss, dass man sie mir
abschlägt.«
    »Es kommt darauf an, wie man die Bitte stellt und mit welchen Gründen man
sie unterstützt. Ich wollte sie gleich wagen - wenn ich nur Deine Genehmigung
hätte.«
    »Zuerst müsste denn doch eine Kapelle vorhanden sein - und diese hier ....
wird wohl eingehen müssen wegen notwendiger Erweiterung der Stallgebäude!« sagte
Orest und begab sich zu seinen Pferden.
    Corona's Herz wollte auswallen und heisse Tränen hingen an ihren Wimpern.
Aber da kam ihr der Gedanke, sie sei der Gnade nicht wert, dass unter ihrem Dache
die Feier der heiligsten Geheimnisse begangen werde. Und die Aufwallung des
jungen raschen Herzens legte sich. Sie trat in die Schule der Demut ein und übte
sich mehr und mehr in der Kunst der Heiligen, welche der Psalmensänger in dem
Wort zusammenfasst: »Drücke dein Herz nieder und leide.«
    Orest hatte in Interlaken gehört, Judit werde den Winter an der
italienischen Oper in Paris singen. Im Karneval erklärte er plötzlich seiner
Frau, er müsse sich jetzt vierzehn Tage in Paris amüsieren und sie könne während
der Zeit nach Windeck gehen. Corona zuckte schmerzlich zusammen. So wenig froh
ihr Leben an Orest's Seite war, so fühlte sie doch instinktmässig, dass es besser
für sie und für ihn sei, wenn er sich nicht daran gewöhne, sich fern von ihr in
den Strudel der Welt zu stürzen. Überdas hatte sie sich noch nicht so recht auf
Stamberg eingewohnt. Das junge Ehepaar hatte viele Besuche gemacht und
empfangen; vielen Festen beigewohnt, die ihm zu Ehren von den Nachbarn gegeben
wurden. Es hatte sich am Hof des Landesfürsten vorgestellt und das
Weihnachtsfest im Vaterhause zu Windeck zugebracht. Corona sehnte sich nach
Ruhe. Sie war leidend. Alle Hoffnungen der Erde sind mit Leiden gemischt; auch
die auf Mutterglück. Sie wäre gern auf Stamberg geblieben und sie sagte ihrem
Mann, sie hoffe die Einsamkeit von vierzehn Tagen aushalten zu können. Er aber,
der in seinem Sinn schon an eine Abwesenheit von sechs bis acht Wochen dachte
und sie doch nicht so lange ganz allein wissen wollte, drang darauf, dass sie
nach Windeck gehe. Sie tat es - und ihr vierzehntägiger Besuch dehnte sich auf
drei Monate aus - denn Orest blieb in Paris. Da setzte sich Graf Damian hin und
schrieb ihm: »Lieber Sohn! ich kenne Dich; also wundere ich mich nicht, dass Du
nicht urplötzlich mit beiden Füssen zugleich in den vernünftigen Ehestand
hineinspringst, sondern noch ab und an ein Stückchen Junggesellenleben
fortlebst. Lieber wär' es mir freilich, wenn Du - um mit jenem Holländer zu
sprechen - bereits ausgerast hättest. Da dies aber nicht der Fall ist, so sehe
ich mich veranlasst, Dir eine väterliche und freundschaftliche Bemerkung zu
machen. Und das ist diese: man lässt seine Frau nicht allein in einer
Katastrophe, die ihr das Leben kosten kann, um sich in Paris zu amüsieren. Das
ist gegen Anstand, Gefühl und Gebrauch. Diese Katastrophe wird des nächsten für
Corona eintreten. Deshalb begleite ich sie morgen mit Tante Isabelle nach
Stamberg zurück, wo wir Dich sämtlich mit Ungeduld erwarten.« Dieser kurze
trockene Brief tat seine Wirkung: Orest kam. Er kam mit sehr guter Laune, denn
er hatte sich mit Judit ausgesöhnt. Ihre Pläne lauteten freilich ganz anders
als seine Wünsche. Vorderhand aber war er froh, dass sie den Bann von Interlaken
von ihm zurückgenommen hatte. Deshalb liess er sich auch gar nicht durch Damians
etwas kühlen Empfang aus der Fassung bringen und benahm sich wie jemand, der das
Recht hat, seine höchst wichtigen Interessen selbständig zu verfolgen. Corona
empfing ihn mit liebenswürdiger Freude und Freundlichkeit. Sie hoffte das Herz
des Vaters - wenn auch nicht das des Gemahls zu gewinnen.
    Der Tag Maria Hilf war der Geburtstag der kleinen Felicitas. Corona war
selig - selig über ihr Kind! selig, dass es im Muttergottesmonat an einem
Muttergottesfeste auf die Welt kam! Sie weihte und schenkte es tausendmal der
heiligen Jungfrau Maria und rechnete auf sie, wie auf eine Mutter, für die
Erziehung des Kindes. Alle edlen und schönen Seelen haben in der Jugend einen
Schwung zu den Höhen des Lebens, ein uneigennütziges Verlangen nach Hingebung
und Opfer, eine Phantasie, welche den Himmel ohne Wolken, die Vortrefflichkeit
ohne Mangel, den Horizont ohne Grenzen, die Rosen ohne Dornen sieht Darin
besteht ihr Adel und ihre Schönheit, dass sie sich nicht aufhalten in den
Niederungen des Daseins, und - wenn ihnen die Erfahrung später auch zeigt, dass
sich an dem Strauch mehr Dornen als Rosen befinden - sie mit umso grösserer
Freude und tieferer Treue die Rosen pflegen. So machte es Corona. Ihr stiller
Durst nach Glück, der in jedem Menschenherzen so wach ist, wie die Unruhe in der
Uhr, fand nun seine Labung: sie hatte einen Gegenstand für ihre Liebe. Gott hat
der Mutterliebe eine Ähnlichkeit mit der göttlichen Liebe gegeben: sie liebt
durch das, was sie gibt, nicht durch das, was sie empfängt. Mutterliebe ist von
allen Lieben hienieden die einzige, die genügsam ist, und die, ohne an Dank oder
Erwiderung zu denken, fort und fort liebt. Dadurch zeigt sie sich eben als etwas
Himmlisches, und je mehr das Übernatürliche in ihr vorherrscht, desto mehr sieht
sie im Kinde das Kind Gottes, der es ihr für eine Spanne Zeit anvertraut, damit
sie es ihm für die Ewigkeit zurückbringe. So begrüsste, so empfing, so umfing
Corona ihr Kindlein: sich selbst heiligen, um Felicitas heiligen zu können - das
wurde ihre Idee von Mutterpflicht, Mutterfreude, Mutterglück.
    Orest blieb sich gleich. Sein erstes Wort an Graf Damian war:
    »Leider kein Sohn, Papa!«
    Eigentlich war dem Grafen das kleine Mädchen auch nicht willkommen; indessen
fand er doch Orest's Äusserung so rücksichtslos, dass er ihm ironisch erwiderte:
    »Tröste Dich! man erlebt häufig mehr Freude an den Töchtern, als an den
Söhnen.« -
    So lange Graf Damian auf Stamberg war, nahm sich Orest mehr zusammen und war
freundlicher gegen Corona, als er aber wieder allein mit ihr war, begannen die
alten Quälereien aufs neue. Er sann nur darauf, Judit nachzureisen, und da er
fühlte, dass dies im Grunde unmöglich sei, so wurde ihm seine Lage unerträglich
und die arme Corona verhasst. Warum war sie ohne Zauber für ihn? Das war doch
offenbar ihre Schuld! Niemand hat anziehender, pikanter, reizender zu sein, als
gerade die Ehefrau, damit sie eine siegreiche Nebenbuhlerin aller übrigen Frauen
sei; vermag sie das nicht, so hat sie die Folgen ihrer Unvollkommenheit sich
selbst zuzuschreiben. Warum hatte sich Corona überhaupt in seinen Weg gedrängt
und ihn einer Laufbahn entführt, auf welcher er sich froh und zufrieden bewegte
und welche ihm mehr zusagte, als das stupide Landjunkertum! Jetzt stand sie
zwischen ihm und seinem Glück, während sie sich mit ihrem Kinde unsäglich
beglückt fühlte! Welche Härte des Schicksals! ja, welche Ungerechtigkeit, welche
Grausamkeit des Schicksals gegen ihn - den beklagenswerten Orest. Dann trat
Judit in seine Gedanken hinein, mit dem zwiefachen Reiz stolzer Kälte und
feiner Koketterie; Judit, die Bewunderte, die Gefeierte einer Welt, deren
Huldigung sie spröde hinnahm; Judit, mit dem abstossenden Benehmen und dem
anziehenden Blick; und diesen Gedanken gab er sich so gern, so häufig, so
widerstandslos hin, dass sie die Meister seines Lebens wurden und ihn, wie
Schlingpflanzen den Baum, umrankten und überwucherten und das Mark seiner Kraft
zum Guten aufsogen. Tausendmal war er willens, sich aufs Ross zu schwingen, bei
Nacht und Nebel davon zu reiten und Weib und Kind, Haus und Hof zu verlassen;
und er staunte seine hohe Tugend an, dass er noch immer nicht diesen Entschluss
ins Werk setze. Einmal wird es aber doch geschehen! sagte er dann tröstend zu
sich selbst; alle Tugend hat ihre Grenze da, wo die Leidenschaft übermächtig
wird; und auf diesem Punkte angelangt, ist der Mensch nicht mehr Herr seines
Schicksals, sondern das Schicksal ist Herr über ihn! - Von dieser Romanteorie
durchdrungen, war es denn ganz in der Ordnung, dass sich Orest aus allen Kräften
nach jenem Punkt hinarbeitete, wo das Schicksal Herr über ihn werden müsse.
    Corona kannte nicht den Schlüssel zu seiner für sie so rätselhaften
Verstimmung. Sie ahnte wohl, dass eine so gründliche Unzufriedenheit mit einer so
glücklichen Lebenslage nur aus Orest's Unzufriedenheit mit sich selbst und aus
einem geheimen Zwiespalt zwischen Pflicht und Neigung entspringen könne. Aber
seine Leidenschaft für Judit ahnte sie nicht. So etwas lag unter dem Horizont
ihrer Gedanken und Gefühle. Sie hatte damals in London Orest im Rausch des
Entzückens über Judit gesehen; dann in Interlaken abermals in diesem Rausch;
allein sie schrieb dies auf Rechnung der Huldigung, welche die Männerwelt den
gefeierten Heldinnen der Bühne darbringt. Hatte ihr Vater bei einer solchen
Veranlassung doch einmal ganz gleichmütig gesagt: »Ja, das ist heutzutage nicht
anders! zwischen den jungen Männern unseres Standes gibt es nicht viele, die
nicht in der Region der Teaterprinzessinnen ihren ersten Kursus der Liebe
gemacht hätten.« Daher kam es denn, dass Corona zu jenen »Hochgeborenen« - wie
Judit sich ausdrückte - gehörte, welche die ganze Bühnenwelt mit ihren
sämtlichen Berühmteiten als etwas betrachteten, das in ihre Sphäre nicht gehöre
und nur der unerfahrenen männlichen Jugend gefährlich sei. Nach ihrer Ansicht
konnte eine Primadonna für Orest eine Unterhaltung sein - doch keine Fessel. Was
sie aber auch versuchen oder vorschlagen mochte, um ihm sein Haus lieb und
traulich zu machen - es scheiterte an seinem schroffen Widerstand gegen jeden
guten Einfluss, der sich durch einen peinigenden Geist des Widerspruches gegen
all' ihr Tun und Treiben äusserte. Zuweilen war er so bitter in seinen
Bemerkungen, so hart in seinen Äusserungen, so abstossend in Worten und Benehmen,
dass er selbst darüber erschrak, besonders wenn er sah, wie Corona es aufnahm.
Sie wurde nie heftig oder ungeduldig. Es ging ihr wie den Kindern, wenn ihnen
irgend etwas sehr leid tut: sie erröten und ihre Augen füllen sich mit Tränen.
Das rührte ihn zuweilen einen Augenblick und er sagte dann freundlicher:
    »Ich quäle Dich, Krönchen, vergib es mir! Du glaubst nicht, wie verstimmt
ich bin! ich reibe mich auf in der Untätigkeit und im Ärger über mein verfehltes
Leben.«
    Wollte sie ihm aber begreiflich machen, dass er einen schönen Kreis für
tätige Wirksamkeit haben und in seinem Alter und seinen Verhältnissen nicht von
einem verfehlten Leben reden dürfe: so verfiel er gleich wieder in unbändige
Aufregung und erwiderte:
    »Du verstehst nicht, was mir not tut und weisst nicht, was ich bedarf.«
    Auch den zweiten Winter brachte er in Paris zu; aber er nahm Corona mit.
Einerseits war es ihm lästig, da er sie doch nicht der vollkommenen
Verlassenheit übergeben durfte. Andererseits war ihre Anwesenheit ihm, der Welt
gegenüber, eine Art von Rechtfertigung. Warum sollte sich ein junges Ehepaar
nicht einen Winter in Paris aufhalten? Corona fügte sich seinen Anordnungen und
hoffte, dass Orest sich besser unterhalten und vielleicht dadurch besser gestimmt
werde. Für sich selbst hoffte sie nichts. Da wie dort musste Gott ihr Trost,
Felicitas ihre Freude sein. So war es auch. Orest führte sie in einige Häuser
der guten Gesellschaft ein und begleitete sie knapp so viel, als es der Anstand
erheischte. Da sie fühlte, wie schwer die Stellung in der Welt für eine junge
Frau ist, um welche ihr Mann sich gar nicht bekümmert, und welche Gefahren dies
Alleinsein mit sich bringt, da die Männer nicht ermangeln, einer schönen
Verlassenen ihre Huldigungen darzubringen: so zog sich Corona leise so viel wie
möglich zurück und schob auf ihre schwache Gesundheit, die allerdings nicht sehr
fest war, ihre ungesellige Neigung. Orest liess sie gern gewähren. Blieb sie zu
Hause, so war er um desto freier, seine Tage bei Judit und seine Abende in der
italienischen Oper zuzubringen. Corona sah ihn kaum; wenn sie ihn aber sah, war
er munter, gesprächig und augenscheinlich fühlte er sich hier zufriedener, als
auf Stamberg.
    Judit hatte ihn in die Reihen ihrer Verehrer aufgenommen und gesagt:
    »Es bleibt aber, wohlverstanden, bei der Verehrung, der Bewunderung, Graf
Orestes, und von Liebe ist keine Rede zwischen Ihnen und mir.«
    Orest hatte erwidert: gerade das sei sein Tema. Judit antwortete kalt:
    »So werden Sie sich darüber mit Ihrer Frau Gemahlin unterhalten.«
    Wenn Judit in dieser Weise sprach, war er immer auf dem Punkt, auch sie zu
hassen, und dennoch hatten solche Worte die Wirkung von Wassertropfen, die man
ins Feuer spritzt: die Flamme brennt um desto heller auf.
    Wer mit Zorn und Groll Orest wieder zu Gnaden bei Judit aufgenommen sah -
das war Florentin. Das Wort seines Freundes Lelio: An Leute wie Dich und mich
denkt Judit nicht! hatte um so tiefer seine Eitelkeit verletzt, als er bald
gewahr wurde, wie richtig es sei. Während sein Herz von Ehrgeiz zerfressen war,
machte er ihr heimlich einen Vorwurf daraus, dass es mit ihr nicht anders stehe.
Ehrgeiziges, eitles Weib! murrte er zuweilen, wenn sie ihn eben ganz wie ihren
Sekretär behandelt und fortgeschickt hatte, um ihre Geschäftsbriefe zu
schreiben, während sich die eleganteste Männerwelt um sie versammelte; Triumphe
will sie - nichts als Triumphe! und in welchen niederen Regionen bewegen sich
diese Triumphe! Den Ehrgeiz der Künstlerin lasse ich gelten; denn durch ihr
Genie hängt sie mit dem ganzen Volk zusammen, das sie bezaubert, und indem sie
den Beifall des ganzen Volkes begehrt und erstrebt, wird sie von ihm abhängig,
so dass ihre Triumphe ohne ein Buhlen um des Volkes Gunst unmöglich sind. Das
lasse ich gelten, denn da huldigt sie meiner Gotteit! Aber sie ist ausserdem von
niederem Ehrgeiz besessen. Irgend einen hochtönenden Namen will sie erobern, der
nicht im goldenen - sondern im schwarzen Buch der Menschheit, auf vergelbten
Pergamenten verzeichnet steht. Sie ist kalt und klug - sie wird es durchsetzen.
Dass aber Orest derjenige sein könnte, auf den ihre Wahl fiele, dass Orest von dem
gefeierten Wesen bevorzugt werde, von dem er, Florentin, gar nicht beachtet
wurde: das war ihm ganz unerträglich. Überdas verdross es ihn bitter, dass Orest
ihn bei Judit wieder in einer ganz untergeordneten Stellung fand, nachdem er
ihn in London schon in einer armseligen getroffen hatte. Müssen mir denn überall
diese Windecker in den Weg kommen! murrte er. Als er hörte, dass Corona in Paris
sei, frohlockte er: Sie soll alles erfahren. Sie weiss nichts, davon bin ich
überzeugt, denn sie würde nicht gekommen sein, wenn sie wüsste, welcher Magnet
Orest nach Paris zieht. Sie muss es wissen! Warum denn aber? fragte ihn heimlich
sein Gewissen; warum der armen Frau diesen Kummer bereiten? Um irgend ein Übel
zu verhüten, das in solchen Verhältnissen nie ausbleibt; murmelte er seinem
Gewissen zu. Er ging zu Corona, um sich als ihr Pflegebruder und
Kindheitsgefährte vorzustellen, zu dessen Wahrhaftigkeit sie Vertrauen fassen
dürfe. Aber vor dem Hause kehrte er wieder um. War Orest nicht auch sein
Pflegebruder und Jugendgefährte? Sie ist vielleicht nicht allein! besser ich
schreibe ihr! so beschwichtigte er abermals die Regung seines Gewissens. Und
wirklich schrieb er an Corona und setzte sie unter dem Schleier innigster
Teilnahme von Orest's Leidenschaft für Judit in Kenntnis, die schon vor seiner
Verehelichung in Mailand begonnen habe. Aber er setzte seinen Namen nicht unter
den Brief. Sie könnte an der Wahrheit zweifeln, da ich ja in ihren Augen ein
Verlorener bin, sprach er ironisch zu sich selbst. Der eigentliche Grund war: er
schämte sich dieses Schreibens. Anonym kam es in Coronas Hände. Sie las es und
warf es in's Feuer. Welche Bosheit, mir diese Sache zu schreiben - möge sie
Wahrheit und Verleumdung sein! rief sie empört. Aber ach! wenn es Wahrheit wäre!
Sie sank zusammen wie gebrochen von der Wucht solcher Sünde, solcher Schmach.
Herr, erbarme dich unser und unseres Kindes! betete sie, zitternd vom Scheitel
bis zur Sohle. Neben der kleinen Wiege kniete sie nieder. Da schlief Felicitas,
da wachten die Engel, da fand Corona eine übernatürliche Ruhe. Was hat der zu
fürchten, der sein ganzes Herz voll Liebe, voll Wünsche, voll Sehnsucht in
unbedingter Hingebung dem Willen Gottes aufopfert? Offenbar - nichts! denn was
auch geschehen möge - es wird immer aufgenommen als Gottes anbetungsvoller
Wille, Fügung oder Zulassung. Nur da, wo es eigenen Willen gibt, gibt es auch
Furcht: Furcht vor dem Opfer. Ist es gebracht, tritt Ruhe ein. Der Schmerz hört
nicht auf; der gehört zum Menschenleben. Aber Ruhe im Schmerz sprosst zu Füssen
des Kreuzes.
    Wenn es Wahrheit wäre? sagte Corona zu sich selbst; wenn er in der Todsünde
lebte, mein Mann, der Vater meines Kindes - an den wir gewiesen sind fürs Leben,
als an unsere irdische Stütze, unseren Freund, Ratgeber und Beschützer - wie
dürfte ich es dulden als christliche Ehefrau und Mutter! und ach! wie könnte ich
es hindern? Ist es nicht Mangel an Liebe für Orest, wenn ich den Inhalt dieses
Briefes für Wahrheit halte? und halte ich ihn für Verleumdung - ist das nicht
eine heimliche moralische Feigheit? So sprach sie mit sich selbst und mit Gott,
und betete und flehte um Kraft, Einsicht und Gnade, damit sie das Rechte treffen
möge und litt den bittersten Schmerz, der auf Erden gelitten werden kann: den
Schmerz um eine schwere Gottesbeleidigung, verübt von einem geliebten Menschen.
Denn sie liebte ihn, - aber nicht wie der Mensch den Menschen zu lieben pflegt,
aus Neigung des Herzens, aus blinder Leidenschaft, aus selbstsüchtigem
Wohlgefallen; sondern als eine nach dem Ebenbilde Gottes geschaffene Seele.
Orest bemerkte nicht ihr stilles Leid, das sie freilich immer hinter einem noch
sanfteren Lächeln und noch sanfteren Wort zu verbergen suchte. Hätte er es aber
auch bemerkt - er würde es doch nicht beachtet haben: so wenig zählte sie in
seinem Leben.
    Der Fasching war längst vorüber, der grösste Teil der Fastenzeit auch. Da
sagte Corona eines Tages, als Orest mit ihr zu Mittag gegessen hatte - was nicht
oft geschah:
    »Lieber Orest, die österliche Zeit hat begonnen. Willst Du Deine Andacht
hier oder zu Hause halten? Im vorigen Jahre waren wir getrennt: Du hier, ich auf
Stamberg. Ich bitte Dich, lass uns in diesem Jahre vereint sie halten.«
    Orest hatte im vergangenen Jahre nicht im entferntesten an seine
Christenpflicht in der österlichen Zeit gedacht; und auch jetzt sah er in dieser
heiligen Zeit nichts anderes, als den entsetzlichen Moment, der ihn von Judit
trennte, indem sie sich Ende April zur italienischen Oper nach London begab und
ihm erklärt hatte, sie schicke ihn dann zurück in seine odenwäldische Wildnis,
da sie in ihrem Salon auch für andere Leute Platz machen müsse und da es viel
angenehmer sei, wenn er sich nach einer längeren Abwesenheit wieder bei ihr
einfinde. Orest hatte ihr eine empfindliche Antwort gegeben; darauf sagte sie
denn in ihrer Weise, die nichts bestimmtes verhiess und doch viel zu verheissen
schien:
    »Wie kann Sie das verletzen, Graf Orestes? Was wäre der Frühling, wenn er
beständig dauerte? gibt es ein traurigeres, stumpferes Grün, als das Immergrün?«
    So verfiel er stets aufs neue unter ihre Bezauberung. Jetzt sprach Corona
von der österlichen Zeit und wie alle leichtsinnigen Menschen, die stets das
Unangenehme aus ihrer Gegenwart in die Zukunft zu schieben suchen, sagte er:
    »Zu Hause! natürlich!«
    Ein heller Freudenstrahl blitzte in Corona's Augen auf. Sie hatte keine
Ahnung von einem so verdunkelten Gewissenszustand, dass er, wenn's notwendig war,
seiner Frau mindestens diese kleine Freude zu machen, auch allenfalls mit ihr
seine Andacht halten wollte. Nur wusste er gar nicht, um was er sich anzuklagen
habe! sein Verhältnis zu Judit war ja eine ganz unglaublich platonische Liebe!
Vielleicht liess sich auf Stamberg auch noch ein Mittel finden, dieser
kirchlichen Zeremonie zu entkommen. Er glich, der Seele nach, jenen Totkranken,
die gar nicht glauben wollen, dass sie in Lebensgefahr sind. Es ist eine der
fürchterlichsten Wirkungen des Weltgeistes das Gewissen einzuschläfern, ihm in
dieser Schlaftrunkenheit die Pflichten, die Verhältnisse, die inneren Zustände
in ein trügerisches Licht zu stellen und dann diese geistige Verblendung und
moralische Erschlaffung zu benutzen, um es zuerst verwirrt über Wahrheit und
Recht - und dann gleichgültig gegen beides zu machen.
    Freudig kam Corona nach Stamberg zurück; Orest - in halber Verzweiflung.
    »Ich sterbe an der Monotonie des häuslichen Lebens!« rief er und umbaute
seinen Divan mit einem Wall von französischen Romanen.
    Corona mahnte ihn mild an seine Zusage; die österliche Zeit sei fast
verflossen. Sie bat ihn flehentlich, auf ein paar Tage wenigstens mit etwas
anderem, als mit dieser Literatur sich zu beschäftigen, die, ebensowenig als die
Welt, der sie entstamme, ihm Frieden und Freuden geben könne. Er blieb auf
seinem Divan, rauchte und las - und versicherte, er habe noch Zeit genug.
Endlich sagte Corona, der nächste Sonntag sei der letzte in der österlichen
Zeit, und fügte hinzu:
    »An Deine arme Seele willst Du nicht denken, lieber Orest; ach! so denke
mindestens daran, dass Du Deinen katolischen Dienstboten und Untergebenen kein
Ärgernis geben darfst durch Verletzung dieses heiligen Kirchengebotes.«
    »An meine arme Seele soll ich denken? nun, wenn sie auch nicht so
schwanenweiss ist, wie Du die Deine wähnst, so ist sie doch auch gewiss nicht so
rabenschwarz, als Du es Dir einbildest: das denke ich von ihr.«
    »Lieber Orest,« sagte sie sanft, »auf unsere Einbildungen kommt es nicht an;
die täuschen uns. Der heilige Franz von Assisi sagt: Wir sind das, was wir vor
Gott sind.«
    »Diese Seccatur!« rief Orest, sprang auf, lief in den Pferdestall, schwang
sich auf den Mars, das unbändigste seiner Pferde, und jagte von dannen. Er blieb
den ganzen Tag aus, kam spät abends wieder und sagte, er sei drüben in
Oggersheim bei den Minoritenpatres gewesen. Ob es sich so verhielt? ob er bei
ihnen war, um das heilige Busssakrament zu empfangen? Corona erfuhr es nicht. Sie
bat Gott, dass es so sein möge und dass sich Orest bei dem Empfange der heiligen
Kommunion keines Gottesraubes schuldig mache. Bei dem Gedanken schwand ihre
Ruhe, ihre Ergebung. Sie bot sich ganz zum Opfer für Orest dar - mehr noch: sie
bot ihr Kind, ihr einziges, ihre Wonne auf Erden Gott dar, wenn nur Orest in den
Abgrund nicht sinke. »O süsses Kind,« sagte sie zärtlich zu Felicitas, die mit
ihren seraphischen Augen sie anlachte; »Dich würde ich ja nach ein paar
armseligen Erdentagen im Himmel und für die Ewigkeit wiederfinden! Du gehst mir
ja nicht verloren, Du wirst mir nur in Sicherheit gebracht, wenn der liebe Gott
Dich zu sich ruft. Aber wenn ich Deinen armen Vater nicht wiederfände! Bete,
süsses Kind, bete!« Und sie legte die Händchen der Kleinen zusammen und nahm sie
in ihre Hände und hob sie vereint zu Gott auf.
    So lebte Corona; ein Marterleben, der Seele nach - immer verwundet durch
eine Waffe, die bis aufs Blut geht; lieblose Demütigung; und immer verwundet auf
dem Punkt, welcher der empfindlichste für eine Frau ist: im Herzen ihres
Bewusstseins als Gattin und Mutter. Sie brachte einen Teil des Sommers auf
Windeck zu - gern und doch auch ungern. Dort fühlte sie sich zu Hause, denn dort
war sie geliebt; aber in der weichen Luft der Liebe wird auch gar leicht das
Herz weich und öffnet sich zur Klage. Das wollte Corona nicht. So weit es in
ihrer Macht stand, sollte weder ihr teurer Vater, noch der liebe Onkel Levin
eine Ahnung haben von ihrer traurigen Ehe, und deshalb verteidigte sie immer
Orest, wenn Graf Damian zuweilen seine Missbilligung nicht verhehlte. Er sagte
einmal ganz mürrisch:
    »Corona, Du bist allzu demütig! Ich glaube gar, Du bedankst Dich, wenn Dein
Mann Dir das Herz zermalmt.«
    »Der Tymian duftet am stärksten, wenn er zertreten wird,« sagte Levin in
seiner milden Weise. Ihm brauchte Corona nichts zu sagen, nichts zu
verschweigen. Er hatte die Schule der Demütigung zu gründlich durchgemacht, um
nicht ihre Wirkung in anderen Seelen zu erkennen.
    »Das ist stark, lieber Onkel!« rief der Graf. »Wir sind es nicht anders
gewohnt, als erhabene Ansichten und Lehren von Ihnen zu vernehmen; allein dies
ist die Erhabenheit zu weit getrieben. Was müsste sich denn, nach Ihrer Meinung,
die Frau gefallen lassen, ehe sie sich gegen den Mann empört?«
    »Alles - nur nicht die Sünde. Alles andere, in Demut getragen, kann dazu
dienen, ihn zu Gott zurückzuführen. Lässt sie sich aber seine Sünden gefallen, so
nimmt sie teil an seiner Schuld, und statt ihm die Hand zu reichen, die ihn aus
dem Abgrund ziehen könnte, stösst sie ihn hinein.«
    »Ich bitte Dich, lieber Vater,« rief Corona flehend, »lass Dich nicht irre
machen durch Orest's Benehmen! Du weisst ja, dass er von jeher alle Verhältnisse
etwas leicht zu nehmen und zu behandeln pflegte.«
    »O ja! das weiss ich zur Genüge,« sagte Graf Damian bitter. »Nichts war ihm
wichtig, als seine hohe Person, sein liebes Ich.«
    In seiner Tochter fühlte sich Graf Damian sehr verletzt durch die
Selbstsucht, die ihm nie auffiel, wenn er selbst sie übte.
    »Ja, Väterchen, Du hast den armen Orest sehr verzogen,« sagte Corona und
drohte lieblich mit dem Finger; »Du darfst am allerwenigsten ungehalten sein,
wenn er ist, wie er ist.«
    »Er wäre vielleicht in der scharfen Zucht meiner armen Mutter besser
geraten,« sagte der Graf nachdenklich; »aber das wollte ja Deine selige Mutter
nicht, Corona.«
    »Lass ruhen die wenn und die aber!« nahm Levin das Wort. Die liebe Kunigunde
hat nur ihre Schuldigkeit getan, indem sie Orest nicht fortgab. Jede Erziehung,
auch die beste, hat einige Mängel, da sie von unvollkommenen Menschen ausgeht;
und es ist die Sache des Zöglings, solche Mängel zu ergänzen und solche Lücken
auszufüllen. Das ist überhaupt nicht die Aufgabe der Erziehung und kann es nicht
sein, eine junge Menschenseele fest und fertig für alle Ewigkeit im Guten zu
machen. Die Tugend wird dem Menschen nicht angetan; er muss sie selbständig sich
zu eigen machen. Und deshalb kann die Erziehung keine andere Aufgabe haben, als
ihm durch Beispiel und Belehrung Liebe zur Tugend einzuflössen, seine Füsse auf
den Weg zu ihr zu stellen und in seine Hände einen sicheren Wanderstab zu geben.
Dass er am Ziel anlange, ist seine Sache. Dafür ist er Mensch und dazu empfing er
von Gott die Freiheit des Willens. Kunigunde hat ihren Kindern das Evangelium
nicht bloss gelehrt; sie hat es ihnen auch vorgelebt. Mehr kann keine Mutter
tun.« -
    Orest war nach Ostende gegangen. Er behauptete, angegriffene Nerven zu
haben, welche durch Seebäder gestärkt werden müssten. Er war auch ein paar Tage
dort; dann fuhr er hinüber nach der Insel Wight, wo sich Judit von der Saison
in London etwas erholte. Sie empfing ihn sehr freundlich.
    »Sie sind ein recht treuer Mensch, Graf Orestes,« sagte sie und gab ihm
huldreich ihre schöne Hand. »Ich wüsste nicht, was ich im Menschen höher schätzte
als die Treue. Man nennt die Männer so oft treulos! Sie sind eine glänzende
Ausnahme und ich darf stolz sein, einen so treuen Freund zu haben.«
    Sie fürchtete zuweilen, er könne seines Joches überdrüssig werden und es
abschütteln; darum legte sie hie und da Freude an ihm und Freundschaft für ihn
an den Tag; aber mehr nicht. Dann rief Orest:
    »Bei Ihnen ist mir wohl, kann ich leben, atmen, denken, wollen, wünschen,
hoffen - kann ich Mensch sein!« rief er und atmete tief auf und fuhr mit den
Händen über seine Stirn und durch sein Haar, wie jemand, der sich von schwerer
Anstrengung erholt.
    »Ist Ihnen wirklich so zu Mut oder spielen Sie mir eine kleine Komödie vor?«
fragte Judit nachlässig. »Wir Schauspielerinnen denken gar leicht an Komödie.«
    »Wie soll ich Ihnen die Überzeugung beibringen, dass es keine sei?« rief er
aufgeregt.
    »O Graf Orestes,« erwiderte sie kalt und hoch, »es ist nicht an mir, sondern
an Ihnen, dieses Wie ausfindig zu machen.«
    »Ich werde Sie entführen, Judit, in irgend eine Wüste Asiens oder Afrikas.«
    »Mit nichten, Graf Orestes! ich hänge ungemein an dem europäischen Luxus und
Komfort,« erwiderte Judit eisig und sang eine Roulade, die mit einem graziösen
Triller endete. »Passt so etwas in Ihre Wüstenphantasie?« setzte sie hinzu.
    »O Judit, wie wird dies enden!« seufzte Orest und warf sich in einen
Lehnstuhl. Die Wellen seines Schicksals, wie er es nannte, brausten über ihn
zusammen. Er fühlte sich grenzenlos elend.
    »Sie sind ein Tor, Graf Orestes,« sagte Judit frostig und achselzuckend.
»Man muss im Stande sein, einen Entschluss zu fassen und auszuführen; dazu hat man
seinen Willen.«
    Die wildesten Gedankenstürme gingen ihm durch den Sinn. Sollte er sich von
Corona trennen? sollte er sie bitten, ihm seine Freiheit zu lassen? war seine
Ehe auch gültig, auch rechtmässig, so dass er wirklich durch sie gebunden war?
wäre es denn gar nicht möglich, Judit zu vergessen? Nein! sprach er zu sich
selbst, das ist unmöglich. Alles andere ist möglich - aber das nicht! - - So
lagerten sich die Schatten immer tiefer über Recht und Pflicht und so wurde der
böse Wille immer mehr der Beherrscher in diesem Reich der Finsternis.
    Mit Judits Aufentalt auf der Insel Wight ging auch der seine zu Ende. Bis
die italienische Oper in Paris eröffnet wurde, machte sie eine Kunstreise durch
Belgien und Norddeutschland, wo sie noch nie gewesen war. Orest wünschte
sehnlichst sie zu begleiten. Sie sagte trocken:
    »Ich glaube, Sie sind wahnwitzig, Graf Orestes. Was soll denn das bedeuten?«
    »Florentin und Lelio begleiten Sie doch!«
    »Florentin und Lelio sind in meinem Dienst, gehören zu meiner Umgebung. Ich
brauche den einen im Fach meiner Geschäfte, den anderen im Kunstfach. Jeder hat
seine Stellung und die ist abhängig von mir; also ist sie durchaus vor der Welt
gerechtfertigt. Aber wenn Sie, ein verheirateter Mann, aus einer bekannten
Familie, meine Kunstreisen mit mir machen wollten: das gäbe einen enormen
Skandal, und ich wüsste nicht, weshalb ich einen solchen hervorrufen sollte. Auf
Wiedersehen in Paris.«
    So trennten sie sich. Judit ging nach Brüssel, Orest nach Windeck. Dort war
auch Hyazint. Einen schneidenderen Gegensatz, als diese beiden Brüder, gab es
vielleicht nie! so ganz Welt der eine, so ganz Gnade der andere; jener - durch
und durch im Irdischen wurzelnd, dieser - im Himmlischen. Orest durch
selbstsüchtige Zwecke und Hoffnungen in die gefallene Menschennatur gebannt;
Hyazint durch gänzliche Hingebung an seinen Beruf, getragen von der göttlichen
Kraft, welche die gefallene Natur besiegt. Orest so seelenmatt, dass er ohne
Schwertstreich der Gegenwehr von Leidenschaften sein Herz zerfleischen liess, und
so unfähig zu jeder höheren Auffassung des Lebens, dass ihm die reiche
Blütenfülle seines Daseins nicht genügte, weil sie den Gelüsten nicht entsprach,
deren Befriedigung sein Ziel war; und Hyazint, ein ringfertiger Kämpfer gegen
die leiseste Versuchung und dabei so unerschütterlich ruhend in den Verheissungen
des Glaubens, dass ihm alle Mühen und alle Dornen seiner anstrengenden,
schmerzen-, sorgen- und arbeitsreichen Laufbahn in Paradiesesblumen umgewandelt
wurden. Orest ein leibhafter Vertreter des Materialismus der Zeit; Hyazint ein
lebendiger Protest gegen ihn. Der Gegensatz war so auffallend, so schlagend, so
ausgeprägt in der Gesinnung und in den Worten der beiden Brüder, so ausgeprägt
in ihrer äusseren Erscheinung, in Ton und Blick, in Haltung und Geberden, dass
Corona, wenn sie die Brüder beisammen sah, immer ganz heimlich eine gewisse
schmerzliche Beschämung für Orest empfand, und sich wunderte, wie er, der sein
Lebenlang in der eleganten Welt, der grossen Welt, der künstlerischen Welt sich
bewege, so roh und alltäglich aussehen könne neben Hyazint, der als ein armer
Kaplan zwischen Bauern verkehre. Aber das ist's: der Mensch ist nicht bloss der
Sohn des Staubes, er ist auch der Mitbürger der Heiligen; und dies Bewusstsein
himmlischer Heimatberechtigung, das unabhängig von jedem Stand, von jeder Lage,
von jedem Ort, von jedem Verhältnis ist, machte Hyazint zu einem Flüchtling aus
der Region des Staubes, während Orest, in dem es erloschen war, der Sklave des
Staubes wurde. Diese innerliche Abkehrung von allem Höheren, die mehr und mehr
in Orest um sich griff, erfüllte Hyazint mit nagendem Kummer. Corona hatte ihn
und Onkel Levin gebeten, sie möchten Orest zu bewegen suchen, dass er die Kapelle
ausbaue und sich um einen Hausgeistlichen bemühe. Beide fanden diesen Wunsch
durchaus gerechtfertigt, aber Orest wollte nichts davon hören.
    »Eine Frau muss nicht immer ihren Willen durchsetzen!« entgegnete er.
    »Immer nicht,« antwortete Levin; »aber doch zuweilen, wenn er so gut ist,
wie in diesem Falle.«
    »Ich mag keinen Dritten in meiner Häuslichkeit haben.«
    »Ist auch nicht nötig!« sagte Hyazint. »Je weniger der Geistliche mit euch
- was das äussere Leben betrifft - zu tun haben wird, desto lieber wird es ihm
sein.«
    »Das ist Deine Gesinnung, aber nicht die allgemeine. Die Priester wollen
überall die Ersten sein und herrschen.«
    »Wir müssen durch Orest geistliche Gesinnung kennen lernen, lieber
Hyazint,« sagte Levin lächelnd.
    »Bester Onkel, verzeih!« rief Orest; »Du und Hyazint - Ihr seid Ausnahmen
von der Regel.«
    »Und wo hattest Du denn Gelegenheit, die Regel kennen zu lernen?«
    »Nun da, wo alle Welt sie kennen lernt: in der Geschichte.«
    »Sage lieber, in den Geschichten; dann bezeichnest Du Deine Quellen etwas
richtiger.«
    »Der grösste Teil der Bevölkerung in der Herrschaft ist protestantisch; da
würde ich in den Verdacht der Proselytenmacherei kommen.«
    »Ich glaube, dass Du in diesen Verdacht nicht so leicht kommen wirst,« sagte
Hyazint.
    »Du willst mir dadurch kein Lob spenden, ich weiss es!« entgegnete Orest;
»aber ich betrachte es dennoch als ein solches. Ich will mit wildem Fanatismus
blinder Bekehrungswut nichts zu tun haben, und meine Pflicht als Ehemann ist es,
Corona vor solchem Verdacht zu schützen. Ich kann es aber nicht, wenn mein Haus
eine Kapelle und einen Priester umschliesst. So etwas würde den konfessionellen
Frieden stören. Das darf nicht sein! darin darf ich kein schlechtes Beispiel
geben.«
    »Du sprichst ja, als wärst Du Mitarbeiter an gewissen Zeitungen,« sagte
Hyazint, »die alsbald ein Zetergeschrei über Störung des konfessionellen
Friedens erheben, wenn sich irgendwo und irgendwie eine katolische
Lebensäusserung kund gibt. Willst Du Dich denn mit diesen Rittern Don Quixote auf
einer und derselben Rosinante tummeln? und würdest Du nicht durch Ehrfurcht und
Liebe für Deinen Glauben und dessen kirchliche Ausübung der protestantischen
Bevölkerung ein sehr gutes Beispiel geben?«
    »Larifari, Hyazint! Du bist ja nur Corona's Organ! Priester und Frauen
machen immer gemeinschaftliche Sache zu demselben Zweck.«
    »Und der wäre?« warf Levin ein.
    »Herrschaft!« rief Orest. »Frauen und Priester wollen herrschen - und wollen
es um so eifriger, durstiger, heisser, als sie es nur heimlich dürfen.«
    »Du irrst, lieber Orest, wenn Du annimmst, dass die Frau und der Priester nur
heimlich herrschen dürften,« sagte Levin gelassen. »Beide haben von Gott die
Mission zu einer ganz öffentlichen und anerkannten Herrschaft empfangen. Zum
Priester hat der Herr selbst gesprochen: Wie mich der Vater gesandt hat, so
sende ich euch. Der Priester kommt als Stellvertreter Christi, um über die
Seelen der gläubigen Gemeinde zu herrschen, eine Herrschaft, die ganz Liebe,
ganz Dienstbarkeit, ganz Opferwilligkeit ist. Er kommt als der sichtbare
Schutzengel der Gläubigen, belehrt, warnt, heilt, rettet, tröstet, belebt und
beseelt sie. Für sie betet er, für sie opfert er. Ein solches Amt gibt eine
Herrschaft, die der Priester nicht zu verheimlichen braucht, mein Sohn, denn er
braucht sich ihrer nicht zu schämen. Sein Scepter ist das Kreuz, besonders
dasjenige, welches er unsichtbar auf seiner Schulter und in seinem Herzen trägt.
Und was er in der Gemeinde, das ist die Frau in der Familie. Indem Gott sie an
die Wiege des Kindes stellte, hat er sie zum Schutzengel des Hauses gemacht. Da
übt sie ihr häusliches Priestertum, da wacht und warnt, da belehrt und beseelt,
da betet und opfert sie. Der Priester ist ein Mitarbeiter Gottes, sagt der
heilige Apostel Paulus; aber die Frau ist die Mitarbeiterin des Priesters für
das Reich Gottes. In dieser übernatürlichen Weise herrschen sie und sollen sie
herrschen; nicht aus ihrer Machtvollkommenheit, sondern im Auftrag Gottes; nicht
verstohlen, sondern offen vor der ganzen Welt.«
    »Bester Onkel,« beteuerte Orest, »Du siehst alles im idealen Licht und
fassest es auf von der idealen Seite, weil Du selbst ein Ideal bist.«
    »Lieber Gott!« sagte Levin demütig; »ist man schlecht und recht ein
armseliger Priester, aber ganz durchdrungen von seinem Beruf, so soll man für
ein Ideal gelten.«
    »Aber das müsst Ihr doch zugeben,« rief Orest, »dass der priesterliche Beruf
oft zu herrschsüchtigen Zwecken missbraucht worden ist.«
    »Lieber Bruder!« sagte Hyazint und legte seine beiden Hände auf Orests
Schultern. »Du hast ja Deinen ganz guten Verstand! also wende ihn doch an, ich
bitte Dich flehentlich, um einen anderen Einwand oder Vorwurf aufzufinden, als
jene klägliche Redensart: der Beruf kann missbraucht werden! - Das bedeutet gar
nichts, denn das kann man von allem Guten, sowohl in der materiellen, als in der
geistigen Schöpfung sagen.«
    »Es ist aber nirgends empörender, als im geistlichen Beruf!« sagte Orest,
»und deshalb will ich keinen Hausgeistlichen auf Stamberg.«
    »Mit dem Vordersatz bin ich vollkommen einverstanden,« entgegnete Hyazint;
»allein der Nachsatz ist keine richtige Folgerung.«
    »Basta! ich will es nicht!« rief Orest heftig. »Ich muss wissen, was ich in
meinem Hause zu tun und zu lassen habe.« Damit stürmte er fort. -
    Levin und Hyazint hatten beide grenzenloses Mitleid mit Corona, und als sie
allein waren, fragte Hyazint den Onkel, ob es nicht seine Pflicht sei, sich so
auf Stamberg niederzulassen, wie Levin auf Windeck. Aber Levin entgegnete:
    »Das waren andere Verhältnisse. Ich ging in mein elterliches Haus, nachdem
ich meiner Stellung in der Welt beraubt war, und zu meiner totkranken Mutter.
Der Platz konnte mir nicht wohl streitig gemacht werden; er gehörte mir. Der
Sohn des Hauses ist schwer zu entfernen. Du aber hast keine Heimatberechtigung
auf Stamberg, und sobald Dein Bruder Deine Anwesenheit daselbst nicht wünscht,
bist Du ein Eindringling und um so weniger auf einem haltbaren Platz, als Orest
seinen Groll mit Dir gegen Corona auslassen würde. Sie hat es schwer - das arme
Kind! aber Gott steht ihr bei. Sie leidet und lächelt und schweigt: untrügliches
Zeichen, dass sie sich heiligt.«
    Es blieb wie es war! - Gleich nach Weihnachten begann Orest zu Corona von
der Reise nach Paris zu sprechen. Sie machte keine Einwendungen. So quälend der
dortige Aufentalt für sie war, schien es ihr doch besser, mitzureisen, als ihn
allein gehen zu lassen. Sie war aber ausserordentlich leidend und der Arzt
erklärte, in Rücksicht auf ihre Mutterhoffnung müsse er ihr jede Reise in so
rauher Jahreszeit und jede Unruhe streng untersagen. Corona bat den Arzt, er
möge selbst sein Verbot ihrem Mann kund tun, damit Orest nicht wähne, dass sie es
sei, die ein Hindernis in seinen Plan lege.
    »Wie unangenehm!« rief Orest; »nun .... dann muss ich allein reisen!«
    »Der Herr Graf werden doch die Reise etwas abkürzen, nicht wahr?« sagte der
Arzt, ein ältlicher, trockener Mann, der gewohnt war, seine Meinung unverholen
zu sagen.
    »Wie so? warum?« rief Orest.
    »Weil die Frau Gräfin sehr leidend - und so ein einsamer Winter sehr lang
für eine Leidende ist.«
    »O, meine Frau liebt ganz ausserordentlich die Einsamkeit!« rief Orest und
traf seine Reiseanstalten.
    Corona kämpfte einen schweren Kampf mit ihrer Schüchternheit, bevor sie
einen Entschluss fasste, zu dem sie sich durch ihre Pflicht gedrängt fühlte. Sie
nahm als kleinen. Bundesgenossen Felicitas bei der Hand und ging eines Morgens
mit ihr zu Orest, der eben beschäftigt sein Portefeuille zu ordnen und sehr
guter Laune war.
    »Ah, Lili!« rief er und nahm die Kleine auf den Arm; »was soll ich Dir aus
Paris mitbringen? eine Puppe, so gross wie Du selbst bist, nicht wahr? und eine
Unmasse von Bonbon!«
    »Lieber Orest,« nahm Corona mit leise bebender Stimme das Wort, »Lili und
ich - wir möchten Dich um etwas ganz anderes bitten.«
    »Und das wäre?« fragte er ziemlich gleichgültig.
    »Dass Du bei uns bliebest und für diesen Winter auf Deine Reise nach Paris
verzichtest.«
    »Ah bah!« sagte er im wegwerfenden Ton; und zum Kinde: »Nicht wahr, Lili, Du
willst Bonbon aus Paris haben?«
    »Bitte, bitte!« sagte die Kleine und klatschte in die Händchen, froh über
die Aussicht auf Bonbon.
    »Siehst Du, Lili ist auf meiner Seite!« rief Orest.
    »Lieber Orest,« entgegnete Corona mit schmerzlichem Lächeln, »wüsstest Du,
wie mir zu Mute ist, so würdest Du nicht Deinen Scherz mit Lili treiben.«
    »Ich bitte Dich, lass Dich doch nicht durch den Doktor hypochonder stimmen!«
sagte Orest unmutig. »Es ist ja der Vorteil dieser Herren, die Menschen
ängstlich über ihr Befinden zu machen damit man sich desto mehr an sie wende.«
    »Du tust dem guten Doktor und mir Unrecht, lieber Orest. Er hat nur seine
Schuldigkeit getan, indem er mich von der Reise zurückhielt, und ich bin
wahrlich nicht besorgt um mein Befinden, das körperlich und vorübergehend ist,
sondern nur besorgt um Dich und Deinen Seelenzustand.«
    »Die Sorge überlasse mir!«
    »Aber, lieber Orest, Du behandelst ihn nicht mit Sorgfalt! Du stehst unter
irgend einem unglücklichen Einfluss, dem Du Dich willenlos, besinnungslos
überlässt, und der Dich Deiner Frau, Deinem Kinde, Deinem Hause, Deiner Familie,
Deinem Wirkungskreis - mit einem Wort: Deiner Pflicht entfremdet. Von wem dieser
Einfluss ausgeht, weiss ich nicht und verlange ich nicht zu wissen; ich sehe nur
seine traurige Wirkung auf Dich, denn er versetzt Dich in einen innerlich
verkehrten und verwirrten Zustand, der Dich elend macht und der nicht nach dem
Willen Gottes ist. Wie soll das aber werden, lieber Orest, wenn Du auf einem
Wege bleibst, der so entschieden der Bahn zuwiderläuft, welche Gott Dir
zugewiesen hat.«
    »Ich tue nichts Böses,« sagte Orest finster; »ich habe mir nichts
vorzuwerfen, als dass ich mich auswärts besser unterhalte, als hier. Ich bin
nicht für das Kartäuserleben geschaffen, nicht für den Ehemann, nicht für den
Hausvater, nicht für die Einförmigkeit des ländlichen Aufentaltes.«
    »Das hättest Du bedenken sollen, bevor Du dich in diese Lage begabst. Aber
ich glaube, wenn Du Dich nur ein wenig gegen den bösen Einfluss stemmen wolltest,
von dem Du dich beherrschen lässt, so würdest Du anfangen, weniger unglücklich
Dich zu fühlen. Du würdest nach und nach zur Besinnung über Deine Lage kommen,
sie würde Dir in einem freundlicheren Licht erscheinen, und was Dir jetzt
schwer, ja unerträglich vorkommt, würde Dir leicht und immer leichter werden.
Ach, lieber Orest, nur ein wenig guter Wille - und Gott hilft nach! Nur der
Versuch zum Widerstand - und Du überwindest die inneren oder äusseren Feinde! Und
deshalb flehe ich Dich an: gehe nicht nach Paris! bleibe bei uns! bleibe hier.«
    Sie hob die Hände bittend zu ihm auf und schwere Tränen rollten über ihre
zarten bleichen Wangen. Als Felicitas die Mutter weinen sah, verzog auch sie,
nach weicher Kinder Art, ihr Gesichtchen zum Weinen, schlang beide Arme um
Orests Nacken und sagte:
    »Papa, hier bleiben.«
    »Jetzt ist Lili auf meiner Seite!« rief Corona.
    Orest stellte finster das Kind auf den Boden und sprach:
    »Ich begreife nicht, weshalb Du mir diese Scene machst. Ich sage Dir ja, dass
ich mir nichts vorzuwerfen habe; ich amüsiere mich nur mit - Freunden. Es gibt
nichts Unerträglicheres, als eifersüchtige Launen.«
    »Gott sieht in mein Herz,« antwortete Corona sanft. »Ich hoffe, er spricht
mich frei von unedler Eifersucht und gibt mir das Zeugnis, dass ich keine andere
Absicht habe, als Dich zufrieden - und mit Dir selbst, mit Deiner Lage und mit
Gott versöhnt zu sehen.«
    »Und woher weisst Du denn, dass ich es nicht bin?«
    »Weil Deine Pflichten Dir eine so unerträgliche Bürde sind, dass Du sie
fliehst, lieber Orest,« sagte sie schüchtern. »Ach, sie können uns ja schwer
werden und wir dürfen ja ihre Wucht empfinden; aber wenn Gott sie tragen hilft,
so harren wir aus. Versuch' es, lieber Orest, ach, versuch' es! harre aus. Ich
bitte nicht für mich! um mein eitles und selbstsüchtiges Herz mehr und mehr zu
verleugnen, fügt Gott es so, dass ich in Deinem Herzen nichts gelte: also bitte
ich nicht meinetwegen! aber ich bitte für Dich selbst und für Deine Kinder.«
    Sie sank ihm zu Füssen mit strömenden Tränen, aber ohne Leidenschaft, ohne
Aufregung. Sie weinte mit seinem Schutzengel, um ihn, nicht um sich. Felicitas
brach aber in lautes Weinen aus und schmiegte sich an die knieende Mutter. Orest
rief in äusserster Ungeduld:
    »Auch das noch! muss man da nicht aus dem Hause getrieben werden!
Weibertränen und Kindergeschrei - das ist einem Menschen zu viel zugemutet,
davon werden die Nerven ganz erschüttert.«
    »O lieber Orest!« bat Corona immer auf den Knieen, »sage das nicht,
verleumde Dich nicht! nicht Deine Nerven werden erschüttert, sondern Dein Herz.
Vergib uns die Tränen! Du kannst sie ja so leicht stillen. Sprich nur: ich
bleibe! - und wir weinen nicht mehr.«
    Sie ergriff seine Hand und küsste sie. Da trat er zurück und rief heftig:
    »Steh auf! all' solche Scenen sind mir verhasst. Ich kann es nun einmal nicht
jahraus jahrein hier aushalten; ich muss im Winter und im Sommer kleine Reisen zu
meiner Erholung machen. Du wirst doch nicht verlangen, dass ich hier umkommen
soll.«
    »Ich verlange gar nichts, lieber Orest, ich bitte nur.«
    »Da ich Dir aber meine Gründe gesagt habe, so mein' ich, Du solltest Deine
Bitten einstellen.«
    »O vergib mir, dass ich dennoch bitte. Ach, Du sagst, Du müsstest eine
Erholungsreise machen; nun wohlan, reise! aber reise nach Venedig, oder Wien,
oder wohin Du willst - nur nicht nach Paris.«
    »Nun ist's genug!« brach Orest im heftigsten Zorn aus; »nun hab' ich's satt!
nun kommt Dein Eigensinn zutage! Ja, reise! .... nach Kamtschatka reise! nach
Marokko reise! .... nur nicht nach Paris. Und warum nicht nach Paris? .... eben
weil ich dahin will!«
    »Ganz recht, lieber Orest, eben um Dir einen Anlass zu geben, Deinen Willen
zu verleugnen.«
    »Du bist sehr gütig, Dich zu meiner Gouvernante machen zu wollen; allein ich
rate Dir, dies Amt bei Lili anzutreten und ihr das Weinen abzugewöhnen.
Übermorgen gehe ich nach Paris.«
    Corona hatte noch immer auf den Knien gelegen; jetzt stand sie auf und sagte
zu Felicitas, indem sie ihr die Tränen von den langen Wimpern trocknete:
    »So, meine Lili! jetzt küsse dem Papa die Hand und bitte ihn um Verzeihung,
dass wir geweint haben.«
    Zaghaft gehorchte das Kind, küsste Orests Hand und sagte ängstlich:
    »Papa, nicht böse auf Lili.«
    »Geh' nur, geh'!« erwiderte er rauh.
    Corona nahm die Kleine auf den Arm und verliess schweigend Orest, der mit
beiden Händen seinen Kopf ergriff und hielt und bei sich selbst murmelte: »Die
Weiber sind ganz darauf eingerichtet, einen ehrlichen Mann um den Verstand zu
bringen!«
    So wirkt die Leidenschaft: sie entnervt den Menschen und sie macht ihn
barbarisch.
    Orest ging nach Paris, Corona blieb allein; aber Gott war mit ihr. Sie war
wochenlang auf ihre Gemächer beschränkt, so leidend, dass sie sich kaum mit etwas
Handarbeit - und gar nicht mit Musik und Lesen beschäftigen durfte; und dass es
ihr nicht einmal möglich war, Sonntags zum Gottesdienst zu fahren. Sie verlor
nie die Geduld bei so herben Entbehrungen; sie klagte nie, dass sie ihr zur Last
fielen. In ihrem freundlichen Turmkabinet verbrachte sie meistens ihre Tage.
Zuweilen ruhte ihr Blick lange auf der winterlichen Landschaft, die sie aus
ihren Fenstern weit und breit übersah. Das weisse Leichentuch des Schnees lag auf
Berg und Tal, auf Wald und Flur - so kalt, so schauerlich, so ertötend. O Winter
meines Lebens! seufzte wohl einmal Coronas Menschenherz mit seinen zwanzig
Jahren. Und der Frühling kommt doch! der ewige Frühling! setzte sie entschlossen
hinzu und zog mit himmlischer Energie ihr Herz höher, über seine zwanzig Jahre
und seine Erdenwünsche hinauf. Und fiel ihr Auge gar auf Felicitas, so rief sie
froh: Mein Gott, wie undankbar ich bin! hab' ich nicht im Erdenwinter mein
Schneeglöckchen, mein süsses Kind! O du Seele meines Kindes - in dir besitze ich
ja das Paradies! - - Graf Damian besuchte sie und fand sie so leidend, so übel
aussehend, dass er der Baronin Isabelle schrieb und sie bat, nach Stamberg zu
kommen. Grenzenlos war Coronas Freude, als sie nicht allein kam; Onkel Levin
begleitete sie. Seit vielen langen Jahren hatte er Windeck nicht verlassen. Aber
er dachte: Vielleicht ist sie reif für die Ewigkeit; vielleicht ruft der gnädige
Gott eine Seele, die durch reine edle Schmerzen früh geläutert ist, aus diesem
Tal der Tränen. Und sie hat niemand, der ihr in schwerer Stunde mit geistlichem
Trost und mit den göttlichen Gnadenmitteln der Kirche zur Seite stehe. Er erbat
und erhielt die bischöfliche Erlaubnis, in einem Saal, der an die Wohnzimmer
stiess und nicht benutzt wurde, eine Kapelle einrichten und die heiligsten
Geheimnisse feiern zu dürfen.
    »Heute ist meinem Hause Heil widerfahren!« frohlockte Corona, als Onkel
Levin eintraf und diese Nachricht mitbrachte. Ihrem Vater gegenüber war sie
immer fröhlich, mitteilend, gesprächig - und ganz ungesucht, ganz einfach. Sie
litt nicht, dass er auch nur eine Silbe der Missbilligung über Orest's Benehmen
äussere. Von diesem Zwang, der ihm sehr lästig war, erholte er sich bei Levin.
    »Ich möchte dem Jungen, dem Orest, den Hals umdrehen!« rief er zuweilen.
    »Lieber das Herz!« entgegnete Levin.
    »Ja freilich - das Herz! aber hat er ein Herz, wenn er keines hat für diesen
Engel von Frau? sie ist meine Tochter und es ist wider den Anstand, das eigene
Kind zu loben; aber ich kann mir nicht helfen! Sehe ich ihr liebes, sanftes
Gesicht an, so muss ich immer denken: O du lieber Engel!« -
    Mit Levin sprach Corona anders, als mit Graf Damian. Sie sagte:
    »Lieber Onkel, wie gut ist Gott! wie erbarmt er sich meiner! Ich war ein
kleines, eitles, launenhaftes Mädchen, mit allen Anlagen zur Selbstsucht und zur
Selbstgefälligkeit - und dabei verzogen und verwöhnt wie Eine! Wäre das so
fortgegangen, hätten mich die äusseren Verhältnisse immer so weich und warm
gewiegt und getragen - wer weiss, ob ich nicht ein recht schlimmes Weltkind
geworden wäre.«
    »Wohl Dir, dass Du es erkennst, geliebtes Kind,« erwiderte Levin. »Irdisches
Glück erschlafft und erkältet uns oft gegen unsere himmlische Bestimmung. Das
Herz des Menschen ist wie ein Rauchfass, in welchem allerhand Weihrauchkörner
liegen und aus welchem dennoch kein Wohlgeruch aufsteigt - denn der Weihrauch
brennt nicht. Da fallen Kohlen auf ihn, entzünden ihn, entwickeln seinen Arom,
der sich zu lieblichem Duft und in zartem Gewölk ausbreitet und zum Tabernakel
emporsteigt, in welchem unser Gott unter uns wohnt. Die zündende Kohle im
Menschenherzen, Kind - das ist der Schmerz. Wer möchte ihn missen, da durch ihn
unser kaltes trockenes Herz verwandelt wird in eine Schale, die vor Gott süssen
Wohlgeruch aushaucht.« - -
    Corona war sehr krank. Zwei Ärzte waren im Schloss. Ein Telegramm ging nach
Paris und benachrichtigte Orest von ihrer Gefahr. Er war aber nicht in Paris,
sondern in Lyon, wo Judit ein Konzert gab. Corona sagte zu den Ärzten:
    »Ich habe von Fällen gehört, in denen es möglich sein soll, Mutter und Kind
am Leben zu erhalten. Es könnte ja sein, dass sich dieser Fall für uns ereignete;
denn ich weiss, es steht nicht gut mit mir. Tritt er ein - dann vergessen Sie
nicht, dass es sich handelt um eine unsterbliche Seele. Ich habe so eben die
heiligen Sterbsakramente empfangen und darf hoffen, dass der liebe Gott meine
Seele in Gnaden aufnehmen werde; also ich kann sterben. Aber das Kind muss leben
- denn es muss die heilige Taufe empfangen.«
    Der eine Arzt dachte bei sich selbst: die Logik verstehe ich nicht. Der
andere, Coronas Hausarzt, der trockene Mann, sah sie an mit feuchtschimmernden
Augen und sagte im barschen Ton:
    »Gnädige Gräfin müssen nicht so sprechen! davon wird einem ja ganz unnützer
Weise das Herz weich. Man ist ja auch ein Christenmensch und hat ein Gewissen.«
    »Gut, Herr Doktor!« sagte Corona; »auf Ihr Gewissen lege ich die Seele des
Kindes.« - -
    Namenloser Jubel brach im Schloss aus: Corona lebte und ihr Sohn lebte auch;
schwach und schwankend zwar, aber er lebte.
    »Wie soll er heissen?« fragte Levin; »ich taufe ihn gleich.«
    »Gott war mit uns!« sagte Corona strahlend vor Wonne; »Emanuel soll er
heissen.«
    Alles an ihr war übernatürlich: ihre Freude wie ihr Leid; ihre Gedanken wie
ihre Liebe. Und abermals ging ein Telegramm mit diesen Nachrichten zu Orest und
traf ihn nicht; denn er war noch in Lyon bei einem prächtigen Fest, das man zu
Ehren Judits gab. Tags darauf ging sie nach Paris zurück. Man war in der
Charwoche und sie hatte versprochen, am grünen Donnerstag in der Kapelle der
Klosterfrauen von Unserer Lieben Frau von Sion zu singen; Pergoleses »Stabat
mater«, zum besten des Klosters. Auch ihr Konzert in Lyon war für einen Zweck
der Barmherzigkeit gewesen und nie schlug sie eine solche Bitte ab. Mit Orest
zugleich traf ein drittes Telegramm aus Stamberg ein, so dass er auf seinem Tisch
drei telegraphische Depeschen fand. Trotz seines Leichtsinns entsetzte er sich
und öffnete die letzte zuerst. Sie meldete ihm den Tod seines Sohnes. Das
schwache Lebensflämmchen war nicht zu erhalten gewesen und nach vierundzwanzig
Stunden still erloschen. Orest war vernichtet. Er hatte einen Sohn gehabt und
verloren - und ihn nie gesehen! Er sauste mit dem Schnellzuge durch die Nacht
und war am andern Vormittag auf Stamberg, ausser sich, verzweifelnd, mit Gott und
Menschen hadernd, denn einen Sohn hatte er gewünscht, einen Träger des Namens,
einen Erben des Vermögens, einen Vertreter des Hauses Windeck; und nun fand er
ihn - aber als Leiche. Auf Frühlingsblumen gebettet und in Spitzen eingehüllt
lag die kleine Leiche in dem Saal, der zur Kapelle umgeschaffen war, und
Felicitas sass, mit Blumen spielend, so ruhig und ahnungslos neben dem kleinen
Sarge, als ob es die Wiege ihres entschlafenen Brüderchens sei. Dies Bild eines
Friedens, der Zeit und Ewigkeit umschloss, trat so überwältigend in die wilde
Gewitternacht seines Innern, dass Orest ohnmächtig neben den beiden Kindern
zusammensank. Dies entwaffnete etwas den Graf Damian, der einen beträchtlichen
Vorrat von Groll gegen seinen Schwiegersohn in sich aufgespeichert hatte, und
der Hausarzt sagte zu Levin:
    »Ja, ja! so sind die Leute! Nichts wollte der Herr Graf davon hören, seine
Reise abzukürzen, obgleich es ja auf der Hand liegt, dass bei einer so zarten
Gesundheit, wie die Frau Gräfin hat, die Dinge leicht eine schlimme Wendung
nehmen. Und nun ist er desperat, das Bübchen nicht mehr am Leben zu treffen, und
hat nicht übel Lust, uns alle dafür verantwortlich zu machen.«
    Corona hatte ihr Kind in die Hand Gottes zurück gegeben, aus der sie es
empfangen hatte. Bei solcher Gesinnung verliert der Schmerz seine Herbe und
seinen Stachel; aber weh tut er doch! Das Herz blutet sich leise nach innen aus.
Sie suchte Orest zu trösten und zu beruhigen und bat ihn, dass das Kind in der
Familiengruft zu Kloster Engelberg beigesetzt werde.
    »Dort sind wir im Sarge zu Hause,« sagte sie, »und viele heilige Messopfer
und Gebete erheben sich über unsere Gruft und schlingen die Toten in den Verband
des ewigen Lebens hinein.«
    Was sie wünschte, geschah. Es war, als habe sie einen Blick in ihre Zukunft
getan. Allmählig senkten sich wieder die Wellen in den aufgeregten Gemütern, und
das Alltagsleben kehrte in das gewöhnliche Geleise zurück. Graf Damian, Levin
und die Baronin Isabelle verliessen Stamberg. Corona erholte sich; doch so
langsam, dass sie im Laufe des Sommers eine Kur in Ems brauchen musste und dass die
Ärzte erklärten, sie müsse den nächsten Winter in Italien zubringen, in Rom oder
Pisa; ihre Brust scheine angegriffen.
    »Also nach Rom!« rief Orest.
    »Ja, nach Rom!« sagte Graf Damian. »Ich gehe mit. Das habe ich mir schon
lange gewünscht.«
    Er war auch in Ems mit Corona; er konnte sich kaum mehr von ihr trennen, so
sehr fühlte er die Verpflichtung, in ihrer Verlassenheit ihr beizustehen.
Hyazint war bereits im Frühling nach Rom gegangen, um dort ein Jahr
teologische Studien zu machen. Der Grund, weshalb Orest sich für Rom entschied,
war kein anderer, als weil Judit dahin ging. Diese hatte erklärt, ihr Ruhm sei
jetzt begründet; sie brauche London und Paris nicht mehr; sie wolle fortan nur
in Italien singen - und diesen Winter in Rom. Als Orest's Schmerz um sein Kind
sich gelegt hatte, schlief auch sein Gewissen wieder ein und der Schmerz ging
schnell vorüber, denn er hatte doch eigentlich nur einen künftigen Orest in
seinem Sohn ersehnt, geliebt, betrauert. Ein solcher Schmerz ist nicht die
glühende Kohle, die das Innere entzündet; ist nur ein dürftiger Funke, der in
der kalten inneren Finsternis schnell erlischt. Mit brennender Ungeduld harrte
er auf den Augenblick, wo Judit am Genfersee sich ausruhen werde; dann wollte
er zu ihr, sein Verschwinden aus Paris und ohne Abschied von ihr - gleichviel
wie erklären und dann nach Stamberg zurückgehen, um mit Corona die italienische
Reise anzutreten. Die Ärzte hatten freilich geraten, Corona möge nicht den
Oktober diesseits der Alpen abwarten; aber Judit war ja im Oktober in der Villa
Diodati! da musste Corona schon Geduld haben! Endlich kam statt seiner jener
Brief, der ihr anzeigte, dass sie die Reise allein mit Graf Damian zu machen
habe.
 
                                  Die Heimkehr
In Sinnen verloren sass Corona am Schreibtisch, den Brief in der einen Hand und
in die andere den Kopf gestützt - so lieblich in ihrer Erscheinung, ihrem
Ausdruck, ihrer Haltung, dass die volle ehemännische Gleichgültigkeit dazu
gehörte, um eine andere Frau ihr vorzuziehen. Ihr lichtbraunes Haar war à la
Valois in weichen Wellen zurückgeschlagen und liess die Stirn ganz frei, die weiss
wie Alabaster, an den Schläfen ein feines bläuliches Geäder, zart wie auf
Blumenblätter getuscht, durchschimmern liess. Vom zartesten Schnitt waren ihre
Züge, vom zartesten Rosenhauch ihr Kolorit und mit einer ihr eigentümlichen
Grazie hoben und senkten sich ihre langen, gebogenen Wimpern über ihr mildes,
aber melancholisches Auge. Sie trug ein Kleid, wie es sich für die Jahreszeit
passte, von schwerem Seidenstoff, perlgrau mit korallenfarbenen Ramagen, und
Broche und Ohrringe von geschnittenen Korallen und eine Fülle von Spitzen fiel
von ihren schmalen weissen Händen zurück. Sie sah aus, wie eine wunderschöne
Blume aus einem fremden Himmelsstrich - fein und zart organisiert an Leib und
Seele, an Herz und Geist. Ein Ausruf des Kindes weckte sie aus ihrem Nachsinnen.
    »Mama!« sagte Felicitas im Tone des Erstaunens und zeigte mit dem Finger
nach der Türe, die aus dem Kabinett in den Salon führte. Corona wendete sich
nach der Türe um: da stand Uriel. Sie streckte ihm beide Hände entgegen, aber
sie zitterte so heftig, dass sie nicht aufstehen konnte. Die Erinnerung an den
Abschied damals in Windeck - und an alles, was zwischen dem Damals und Jetzt
lag, überwältigte sie und sie brach in Tränen aus.
    »Corona, Du weinst! .... und ich freue mich!« rief Uriel, und drückte und
küsste ihre Hände.
    »O, ich freue mich auch,« sagte sie, trocknete ihre Augen und suchte sich zu
fassen; »aber Du hast mich erschreckt. Sieh', Uriel, dies ist Felicitas.«
    Die Kleine hatte bei dem Eintritt eines Fremden ihre Puppenwelt verlassen
und sich zur Mutter geflüchtet. Uriel hob sie auf, stellte sie vor sich auf den
Tisch und sagte zärtlich:
    »Also Du bist Felicitas! Sei willkommen! und sei das Glück Deiner Eltern, Du
liebes Kind! .... Wo ist Orest?« setzte er in einem Tone hinzu, der die
Erwartung verriet, er werde die Antwort bekommen: Auf der Jagd.
    »Er ist verreist - er braucht die Seebäder in Genua,« entgegnete Corona
beklommen.
    »Orest - Seebäder des Südens!« rief Uriel in höchster Verwunderung. »Wenn Du
es wärest!«
    »O nein,« sagte sie abbrechend, »ich bin wohl und brauche desgleichen nicht.
Aber nun sprich von Dir, nun erzähle, Du Weltumsegler! Was hast Du gesehen,
gehört, gedacht, getan!«
    »Gesehen: wie schön Gott die Erde geschaffen - und wie hässlich die Menschen
sie und sich selbst gemacht haben. Gehört: mehr Worte als Wahrheit. Gedacht:
eines; nämlich - das Menschenherz ist grösser als der Erdball. Getan: nichts.«
    »Du bist ein lakonischer Berichterstatter,« sagte Corona lächelnd.
    »Ich habe Dir die Quintessenz meiner Reiseerfahrungen gegeben; ist das nicht
die Hauptsache? Allerlei Bilder lassen sich wohl später ausmalen und dienen mehr
zur Unterhaltung, als dass sie der Teilnahme genügten. Und deshalb ist jetzt an
Dir die Reihe, mir einen Abriss Eures Lebens zu geben.«
    Corona legte sanft ihre Hand auf das lockige Haar ihres Kindes und sagte
himmlisch freundlich:
    »Felicitas.«
    »Du bist aber doch noch lakonischer als ich!« entgegnete Uriel gerührt.
    »Ich habe auch keine Weltfahrten gemacht!« rief sie heiter.
    Dann fragte er nach dem Vater, nach Onkel Levin, nach Hyazint, nach Tante
Isabelle, nach ganz Windeck. Nach Regina fragte er nicht. Aber Corona erzählte
von allen und allem und auch von der geliebten Schwester: dass dieselbe den
Klosternamen Terese trage - und dass sie alle einmal im Jahre von Windeck aus
sie in Himmelspforten besuchten und im Sprachzimmer sie sehen und sprechen
dürften. »Das heisst, wir sehen sie hinter dem Gitter und sie schlägt nie ihren
Schleier auf. Auf Wiedersehen im Himmel! sagte sie am Tage ihrer feierlichen
Einkleidung, und als der Vater sie vor der Ceremonie noch einmal zu sehen und zu
sprechen verlangte. Sie war, wie es üblich ist, noch in dem glänzenden
weltlichen Anzug, den sie gleich darauf mit dem groben braunen Habit der
Karmelitessen vertauschen sollte. Wie eine Königin stand sie da, in dem weissen
Seidenkleide und mit den herrlichen Perlenschnüren von der seligen Mutter um den
Hals - wie die Königin einer höheren Welt, in welcher Diamanten als
Staubeskörner gelten. So stand sie da und das Gitter im Sprachzimmer war weit
geöffnet. Der Vater hatte durchaus verlangt, sie im letzten Augenblick zu
sprechen und wir waren alle dabei. Alle Verwandten waren gekommen zu der
heiligen Feierlichkeit, die der Bischof vollzog. Papa sagte ihr vieles und Onkel
Levin auch ein paar Worte; aber sie erwiderte nur: Der Bräutigam ruft, ich muss
ihm folgen! und ähnliches mehr, ganz sanft, ganz bestimmt - wie sie immer war.
Endlich kniete sie am Gitter nieder und bat Papa und Onkel Levin um ihren Segen
- und als sie dann aufgestanden war und uns alle und jeden einzelnen ansah mit
ihrem tiefen unvergesslichen Blick, da sagte sie: Auf Wiedersehen im Himmel! und
wie eine wandelnde Lilie verliess sie das Zimmer. Jetzt, wenn wir kommen, ist sie
immer von einer ganz herzzerschmelzenden Liebe, als ob sie ihr Leben aushauchen
möchte, um Seelen zu Gott hinzuziehen. Diesen Sommer fragte ich sie: Kommst Du
vom Kalvarienberg, um so zu lieben? Da antwortete sie so recht nach alter Art,
damit nur niemand sie für etwas Besonderes halten möge: Ach nein! aus meiner
Zelle! Wir gehen dann immer in die Klosterkapelle, um sie singen zu hören; am
Abend nach der Vesper ein Salve Regina oder Regina coeli, laetare. Die
Karmelitessen singen wunderschön, mit gedämpfter Stimme, nach der Tradition der
heiligen Terese, welche gesagt hat, die laute Stimme, der weitin tönende
Gesang schicke sich nicht für Klosterfrauen, bei denen alles das Gepräge der
Abtötung, nicht der natürlichen Gabe, tragen müsse. Und so singt denn auch
Regina wie vom Himmel herab. Die Leute kommen aus der Stadt, um sie zu hören.
Ihre Stimme schwebt gleichsam über den anderen Stimmen, wie ein Balsamduft über
Blumen. Ach, Uriel, von Regina gilt das Wort unseres Heilandes: Sie hat den
besten Teil erwählt!«
    »Für sich selbst - gewiss!« sagte Uriel.
    »Auch für uns!« entgegnete sie. »Regina ist unsere Beterin. Es gibt in den
Familien einige Glieder, die zahlreichsten, welche für irdischen Bestand und
irdische Wohlfahrt der Familie sorgen. Damit sich diese nicht zu tief und zu
ausschliesslich in das Irdische versenke und verliere, hat sie auch andere
Glieder, welche ihr himmlische Gnaden zuwenden. Das Gebet des Gerechten vermag
viel: so lehrt und beweist uns die heilige Schrift. Wir sind reich an betenden
Seelen: Onkel Levin, Hyazint, Regina.«
    »Und was haben sie denn für Dich erbeten?« fragte er bewegt und blickte in
ihr melancholisches Auge.
    »Das, was mir not tut, lieber Uriel,« sagte sie mild.
    »Nun aber sprich von Orest!« rief er.
    »Diesen Brief erhielt ich soeben von ihm; der sagt Dir alles, was ich selbst
weiss,« entgegnete sie ausweichend und reichte ihm das Schreiben. »Daraus wirst
Du sehen, dass ich am Vorabend einer Reise nach Italien bin. Morgen werden die
Koffer gepackt, übermorgen gehe ich nach Windeck und mit dem Papa gen Süden,
nach Rom - wo ich Orest finde.«
    Uriel war über allemassen durch den Inhalt dieses Schreibens betroffen. Orest
brauchte enorm viel Geld - Corona sollte nichts brauchen! Er reiste mit
Reitpferden - sie sollte ohne Diener reisen! Zuerst nannte er sein Pferd - dann
sein Kind! Er fing an, ihre melancholischen Augen zu verstehen. Sie sprachen den
ganzen Abend traulich und offenherzig wie Geschwister mit einander; aber Coronas
eheliche Verhältnisse berührten sie nicht. Corona schwieg darüber und Uriel
fühlte alles, was in diesem Schweigen lag. Als er ihr seine Verwunderung
aussprach, dass sie ihr Söhnchen nicht in ihrer Nähe habe beerdigen lassen, sagte
Corona:
    »Sieh', ich bin hier nicht recht heimisch!« Aber gleich setzte sie erklärend
hinzu: »Ringsumher alles protestantisch - das macht mir den Eindruck von
unüberwindlicher Fremdheit.«
    »Und die Kapelle?« fragte er.
    Corona kramte tief in ihrem grossen chinesischen Arbeitskorb, um ihr Erröten
zu verbergen und wo möglich die Frage im Eifer der Geschäftigkeit zu überhören.
Als Uriel sie aber wiederholte, schlug Corona ihm zierlich mit einer Häkelnadel
von Elfenbein auf die Finger und erwiderte:
    »Warum hast Du sie nicht ausgebaut? Wir haben kein Geld dazu.«
    Ihn überfiel ein unsägliches Mitleid mit dieser Frau, die in der Blüte der
Jugend und Schönheit, und umringt von Reichtum und Wohlbehagen dennoch ein
verzichtendes Leben zu führen hatte, dessen Entbehrungen grell abstachen gegen
den äusseren Glanz. Sie rührte ihn umso mehr, als sie sehr heiter war. Ihre
Kindheit und ihre erste Jugend wachten in tausend Bildern und Erinnerungen in
ihr auf, als sie Uriel wiedersah; die zehn Jahre, die er vor ihr voraus hatte,
trugen dazu bei, jene aufzufrischen und zu vervollständigen; und dass er darauf
einging, dass er es nicht langweilig fand, wie Orest, von der Vergangenheit zu
sprechen; dass er nicht vergessen hatte diese Kinderei und jenen Scherz und dass
er gar noch mehr wusste als sie - das stimmte sie so froh, wie sie lange nicht
gewesen war, die arme Corona. Diese Freude traulicher Mitteilung war ein
seltener Gast bei ihr; denn derjenige, auf den sie von Gott und durch die
natürlichen Verhältnisse gewiesen war, stiess sie rauh zurück, und bei allen
anderen fürchtete sie, bald wehe zu tun, bald schmerzlich berührt zu werden. Bei
Uriel fühlte sie eine gewisse wohltuende Sicherheit. Aber so zart hatte ihr
demütiges Gebets- und Leidensleben ihr Gewissen gemacht, dass sie, als sie später
allein war und vor Gott Rechenschaft über ihren Tag ablegte, mit heiliger
Wachsamkeit - mit diesem Gnadenlicht, das um so heller brennt, je reiner die
Luft des inneren Lebens ist - ihr Herz durchleuchtete. Und sie dachte daran, dass
früher ein leiser, ihr selbst unbewusster Zug von Neigung für Uriel wie ein
warmer Hauch ihr Herz berührt habe. Sie verschloss nicht ihr Auge gegen die
kleinste Gefahr. Sie verliess sich nicht auf ihr schwesterliches Verhältnis zu
ihm; nicht auf ihren reinen Willen. Sie betete um himmlischen Schutz und fasste
ihren Vorsatz. »Heilige Mutter Gottes, beschirme Du mein Herz! ich will mich
nicht so sehr über Uriel freuen!« - So heiligt man sich. -
    Auf Windeck war sie zwiefach willkommen, da sie Uriel mitbrachte. Graf
Damian rief vergnügt:
    »Geh' nur gleich mit uns nach Rom!«
    »Ich bleibe erst noch etwas bei Onkel Levin,« sagte Uriel; »aber ich komme.
Es ist recht seltsam, dass ich trotz meiner Weltfahrten noch nie in Rom war.« -
    Graf Damian betrieb rasch die notwendigen Reiseanstalten, umsomehr, als
Corona täglich nach Kloster Engelberg hinüberfuhr. Er brach gegen Uriel in
heftige Klagen über Orest aus.
    »Was sagst Du zu einem solchen Benehmen? Ist's nicht empörend? Die Hälfte
des Jahres sitzt er bei dieser Sängerin, dieser Judit Miranes - Du weisst ja
deren Geschichte! und wenn er auf Stamberg ist, würde man wünschen, dass er nur
lieber fortginge - so missmutig, so verstimmt, so gelangweilt, so lebenssatt, so
durch und durch unerträglich benimmt er sich und besonders gegen Corona. Hätte
sie nicht eine übermenschliche Geduld, so wäre sie längst davongelaufen! Wer
hätte je eine solche Geduld von der kleinen lebhaften Corona erwartet - und je,
dass Orest so ausarten könne! Leichtsinnig war er zwar immer; allein solche Leute
werden oft die allerbesten Ehemänner. Früher war er doch munter, guter Laune,
auch so gewiss gutmütig und gescheut. Jetzt - alles fort! aber alles!
untergegangen in Egoismus, verschlungen von verrückter Leidenschaft. Ich sag'
Dir, verrückt! denn wenn Du mit ihm sprichst, wie ich es einmal getan habe, so
antwortet er Dir: höchst edle Freundschaft - platonische Liebe - etc. etc.
Stelle Dir dies vor: Orest und platonische Liebe! - Was hab' ich von seinem
Platonismus, wenn er all' seine Standespflichten versäumt, Frau und Kind
verlässt, der Welt Skandal gibt! Aber die Sache ist so: die Donna ist klug! sie
weiss, wie sie ihn fesseln kann. Ich weiss nur nicht, wie lange das währen soll!«
    »Mein Gott,« sagte Uriel niedergeschlagen, »wie schwer ist die Kunst,
glücklich zu sein! für Orest sind doch wahrlich alle Elemente, alles Material
dazu vorhanden und er benutzt es nicht und macht sich selbst und Corona
unglücklich.«
    »Mein Trost ist der,« sagte Graf Damian mit einer an ihm ganz ungewöhnlichen
inneren Erhebung, »dass Corona sich wirklich zu einer kleinen Heiligen bildet.
Ich war diesen Sommer mit ihr in Ems. Sie ist ja eine ganz charmante Person und
einer solchen fehlt es in der Welt nie an Leuten, die ihr das sagen oder zu
verstehen geben. Aber es war als ob sie von dem Mann im Mond oder zu ihm
sprächen! Ich habe sie oft in der Stille bewundert wegen ihres unvergleichlich
taktvollen Benehmens. Und das weiss ihr leichtfertiger Patron von Mann gar nicht
zu schätzen.« -
    Am Tage nach Allerseelen reiste Graf Damian mit Corona und Felicitas gen
Italien.
    »Du bleibst bei uns alten Leuten!« sagte die Baronin Isabelle freundlich zu
Uriel. »Du magst auch recht müde von dem rastlosen Umherschweifen dieser
viertalb Jahre sein! Was willst Du denn nun beginnen?«
    So hatte auch Graf Damian gefragt und Onkel Levin ebenfalls. Ja - wusste er
es denn? Was er nicht wollte, das wusste er. Aber was er wollte? -
    »Lieber Onkel,« sagte er einmal in einem stillen Gespräch zu Levin, »ich
weiss durchaus nicht, was ich auf der Welt anfangen soll. Ich bin ausgereist, um
etwas zu suchen, das ich hier nicht fand; ich habe mir in fernen Weltteilen das
menschliche Treiben und Wirken betrachtet und überlegt, das mir in dem unseren
so fürchterlich missfiel. Es ist dort wie hier. Ich bin nach Europa zurückgekehrt
- vielleicht mit der leisen Hoffnung, es werde mir jetzt einen besseren Eindruck
machen. Aber im Gegenteil! ich habe dies letzte Jahr fast ausschliesslich in
Petersburg, London und Paris zugebracht, und zwar nicht in dem Teil der
Gesellschaft, welche sich exklusiv die Gesellschaft nennt. Die kenne ich aus
früherer Zeit! die ist so blasiert, so entsittlicht, so verkommen im brutalsten
Materialismus, dass der Duft von Essbouquet und Patchouly, in welchem sie
schwimmt, ihren eigentümlichen Verwesungsgeruch nur zurückdrängt, aber nicht
verscheucht. Die kenne ich mit ihrer moralisch versunkenen Männerwelt und ihrer
durch Eitelkeit sinkenden Frauenwelt, und deren Losungswort, das zu allem
hintreibt und alles entschuldigt, es sei noch so gemein und noch so schlecht:
geniessen wollen! gefallen wollen!
    Der Ekel vor ihr hat mich recht eigentlich damals aus Europa vertrieben, als
ich mein Gegengewicht gegen ihren furchtbar verderblichen Einfluss mit der
Hoffnung auf häusliches Glück verlor. Aber das öffentliche Leben in Europa, das
Leben der Staaten und Völker, die grosse allgemeine Gesellschaft, die wollte ich
in's Auge fassen, wollte beobachten, was es denn sei, das die Menschen treibt
und bewegt auf der ungeheueren Flut einer rast- und ruhelosen Anstrengung, die
augenscheinlich, wie aus unsichtbaren geöffneten Schleusen, den Weltteil so
gewaltsam überstürzt, wie die Menschheit es noch nie erlebt hat. Ähnlich war es
bei dem Untergang des alten Römerreiches vor den nordischen Barbaren. Ähnlich
auch, tausend Jahre später, als Byzanz vor dem Islam fiel. Aber nur ähnlich im
kleinen Massstab. Nicht zu einer solchen Ausbreitung über Weltteil und Erdball
hatte sich das tausendgliederige Wesen, welches man Civilisation nennt und
welches doch keine ist, zerdehnt. Nicht brauchte sie ein China und ein
Kalifornien, den Hindu und die Rotaut zu ihrer Tätigkeit; nicht ein Netzwerk
von Eisenschienen zu ihrer Bewegung; nicht einen Flug des Gedankens mit
Blitzesschnelle über Länder und Meere zu ihrer Mitteilung, wie sie das alles
jetzt hat und jetzt braucht. Aber zu welchem Zweck hat die menschliche
Gesellschaft diese unerhörte Bewegung zu einem so wichtigen Faktor ihres
Bestehens gemacht? welche Bildung wird durch sie errungen, welche Wahrheit durch
sie verbreitet, welche Tugend durch sie gepflegt, welche sittliche Grösse durch
sie erlangt? welche Würde bringt sie in die Verhältnisse des Menschen, welchen
Adel in seine Gesinnung, welche Grundlage in seine Handlungen? - - Null, lieber
Onkel, unter Null! Wenn man sich einen Kreis denkt, ausgeweitet bis zur
äussersten Spannung, und Millionen von Radien schiessen aus der Mitte dem Umkreis
zu und drängen und treiben ihn immer noch mehr und mehr auseinander - aber der
Punkt, von dem sie auslaufen, hat keine Schwerkraft, um sie zu halten und zu
binden, ist kein Centrum, ist Nichts, ist Null: sieh, lieber Onkel, das ist ein
Bild der Zeit. Die Radien aber blitzen und schiessen und spielen in tausend
Farben, wie ein Nordlicht, blendend, überraschend, fort und fort dem Umkreis zu
und ziehen alle Blicke von der Leere des Mittelpunktes ab - und auf sich. Und
die Blicke lassen sich fesseln durch dies Sinnenschauspiel und das, was es
bietet - und die Augenlust zieht die Gier nach Genuss und die Gier nach Besitz
nach sich - und das ist das Ende der hochgepriesenen Civilisation! da sinkt sie
zusammen im Moder ihrer eigenen Zersetzung. Wenn sie etwas Höheres zu geben
vermöchte, so würde ja nicht eine so kolossale Lüge, wie wir sie erleben, das
öffentliche Leben beherrschen.
    Alle Zustände sind hohl. Die Verhältnisse von Staat zu Staat, von Fürst zu
Volk, von Volk zu Fürst - sind hohl, sind ohne gegenseitiges Vertrauen, sind
ohne Wahrheit, stehen im Kreise jener Radien ohne Centrum. Alle fühlen es, jeder
weiss es von sich selbst und von dem anderen, und keiner will es sich merken
lassen. Daher wird denn jetzt eine Komödie aufgeführt, die in der Welt umsonst
ihres Gleichen sucht - eine Komödie, an der Europa untergeht; die Komödie vom
Fortschritt. Ich kann sie nicht mitspielen! ich kann und kann nicht für und
durch die Lüge leben und sterben! Schau' auf das Völkerleben, ob je so grosse
Worte im Schwange waren, und so wenig - ja, das Gegenteil, hinter ihnen steckte!
Freilich, das grosse Wort führen die grossen Herren in den Kammern, die, in
Parteien geteilt, herrliche Reden halten über alles Gute und Vortreffliche - die
einen, was sie bereits tun, die anderen, was sie tun wollen. Da grünt und blüht
Friede und Gerechtigkeit, Bildung und Betriebsamkeit; da geht alles am
Schnürchen, von der Dorfschule bis zum Staatshaushalt. Aber schau' auf den
gemeinen Mann, wie ihm die Schuldenlast des Staates, die man dessen Reichtum zu
nennen beliebt, seine paar Pfennige abquält, die er im Schweiss seines
Angesichtes mühselig verdient hat und gern sparen möchte für schlimme Zeit oder
seine alten Tage. Wie er, während die grossen Herren in Papieren spekulieren und
mit einem Bankerott so leicht fertig werden, als mit einer Flasche Champagner,
und endlich denn doch den geliebten Mammon erschwindeln - wie er an diesen
Eisenbahnen, an diesen Fabriken, die den Spekulanten, den Besitzer mit Gold
mästen, seine Gesundheit opfern, sein Leben wagen muss für geringen Tagelohn, der
für die knappsten Bedürfnisse nicht ausreicht; wie er seine Kinder in die
Fabriken schicken muss, wo sie entarten an Leib und Seele, aber dafür doch einige
Kreuzer heimbringen und ihre armselige Existenz fristen helfen; wie er dabei
beständig zittert vor Stockung im Handel und Wandel, vor Krankheit, vor
Herabdrücken des Arbeit- oder Tagelohnes, vor Erhöhung der Preise der
gewöhnlichen Lebensbedürfnisse. Schau' ihn an, wie er marklos wird vom
unausgesetzten Kampf gegen die bitterste Not, die ihn täglich aus den hohlen
Augen von Weib und Kind, aus ihren Lumpen, von ihrem Strohlager, von ihrem
kalten Herde angrinst; wie er in leiblicher Schwäche und seelischer Ermattung
diese stumpfe Folter nicht mehr erträgt - und zum Branntwein greift, in
Ausschweifung hineintaumelt, die Arbeit hasst, Vernunft und gesundes Urteil
verliert und die ungeheuere Zahl der Betörten vermehrt, welche jetzt wähnen,
republikanische Verfassungen nach kommunistischen und sozialistischen Teorien
eingerichtet, oder ihnen sich nähernd, brächten das Heil der Welt. Die Arbeit in
der Wildnis ist schwer und rauh und mehr als einer erliegt ihr. Aber die Arbeit
in unserer Civilisation ist entsetzlich, saugt das Mark aus den Knochen, das
Gehirn aus dem Kopf, das Herz aus der Brust, macht zu einer besinnungslos
schwirrenden Maschine. Und diese zählen nach Millionen!! Ist es denn möglich,
ohne Erröten vom hohen Zustand unserer Kultur zu sprechen? Da heisst es denn
freilich: Der gemeine Mann vegetiert doch nicht mehr in krasser Unwissenheit; er
wird unterrichtet, er lernt, er kann sich fortbilden und jede Laufbahn steht ihm
offen - allerdings zum Ersticken überfüllt von Nebenbuhlern. Ja, er lernt in den
Schulen mancherlei, was er bald vergisst, sei's in der Werkstatt, bei dem
Feldbau, in der Fabrik oder wo er sein Brot verdient. Indessen etwas behält er
doch! er kann lesen. Was liest er? welche Bücher sind ihm erreichbar? -
schlechte Zeitschriften, von denen es in der Welt wimmelt, die darauf berechnet
sind, den unentwickelten Menschengeist in die Dämmerung eines falschen Wissens
zu versetzen, um ihn dort für Parteizwecke zu gewinnen; und Bücher der
gemeinsten Art, Romane und Erzählungen auf Löschpapier gedruckt, in
Winkelbiblioteken für ein Geringes leihweise zu haben - Gift und Pest für Moral
und Sittlichkeit, die sich in Dachkammern und Kellerlöcher, wo Hunger und Kummer
hausen, wie Schlangen einstehlen, von Hand zu Hand gehen und ebenso gierig
verschlungen werden, wie die Zeitschriften in der Schenke und in der Werkstatt.
Das liest er; denn das findet er gleichsam von selbst und mundrecht ihm gemacht,
auf den Wegen und Stegen seines Lebens; und das soll für Bildung gelten!! Nein,
die Epoche stirbt an der Lüge!«
    Mit dem Ausdruck trostloser Entmutigung lehnte Uriel seine Stirn in die Hand
und setzte hinzu:
    »Es ist der Weg des Todes, den wir schreiten! - Das ist von unserer Zeit
gesagt. Sie stirbt an ihrer eigenen Lüge.«
    Levin hörte still diesen Klagen zu. Er dachte an jenen himmlischen Retter,
der die hinsinkende Welt, wie der Pelikan seine erschmachtende Brut, mit seinem
Herzblut errettet; allein er sagte es nicht.
    »Du armer Sturmvogel!« sagte er liebevoll, »hast Du versucht, Dir ein Nest
zu bauen auf den Wellen der Zeit und bist Du müde geworden von dem vergeblichen
Bestreben? Dann bleibt Dir nichts übrig, als Dich loszusagen von dem treulosen
Element und einen Aufflug zu versuchen. Du bist müde von den Erscheinungen der
Zeit. Das war auch ein grosser Teil der menschlichen Gesellschaft im vierten und
fünften Jahrhundert, als die Überreste der alten heidnischen Welt, welche sich
in mumienhafter Starrheit dem beseelenden Einfluss des Christentums widersetzte,
von dem Andrang der barbarischen Völker mehr und mehr bedroht, dann überschwemmt
und endlich hinweg gefegt wurden. Damals klammerte sich auch die sieche Welt, im
heimlichen Bewusstsein ihrer Ohnmacht, an den Glanz und die Überfeinerung, welche
die innere Vermorschung der Verhältnisse äusserlich übertünchte. Damals suchte
sie auch eine Beschirmung ihrer Unhaltbarkeit in grossen Worten und in grossem
Reichtum. Die Göttin Roma stand noch im Sitzungssaal des Senates zu Rom und die
Tempel der Götzen hatten noch ihre Priester und ihre Verehrer. Die Vermögen der
konsularischen und senatorischen Geschlechter waren so gross, dass deren
Besitzungen unseren Fürstentümern glichen. Die Sklaven der alten Civilisation
zählten ebenso wie die der modernen - nach Millionen, und die Gladiatorenspiele,
blutiger zwar, doch nicht entsittlichender als die Schauspiele der modernen
Bildung, bestanden noch immer. Und die Macht des heidnischen Geistes mit seinem
Hochmut, mit seiner Überschätzung des Ichs und der äusseren Vorzüge, mit seiner
Sucht zu prahlen und zu schwelgen, war so gewaltig, dass die Entwickelung des
christlichen Geistes in den Massen durch ihn gehemmt wurde. Er war taub und
blind; er wollte die Signatur der Zeit nicht verstehen; er wollte beharren bei
seinen Wollüsten, in seinen Traumbilden, bei den Ausgeburten seiner stolzen
Gesinnung, gepaart mit niedrigen Begierden.
    Da öffneten sich, wie Du von der Jetztwelt sagst, unsichtbare Schleusen und
aus ihnen quoll und schwoll eine Sündflut auf, welche nicht bloss die
abgestorbene, kraft- und marklose heidnische Kultur, sondern auch die frischen
Saaten, die sprossenden Keime, die duftenden Blüten der christlichen zu
vernichten drohte. Verwüstend wie Wildwasser brausten die Völker aus den Wäldern
des Nordens und den Steppen des Ostens heran, überschwemmten den Süden und
Westen Europa's und setzten nach Afrika über, als ob sie begierig wären, allen
Spuren der alten römischen Bildung zerstörend nachzugehen. Jahrhunderte lang
standen sie wogend und wallend auf dem Schutt und den Trümmern; dann sanken sie
allmälig, die Wildwasser verliefen sich, und es zeigte sich, dass der Geist
Gottes über dem Chaos geschwebt und seine Schöpfung, das Christentum, behütet,
entwickelt, gefestigt hatte. Der menschliche Wille, möge er zum guten oder bösen
sich wenden, ist nicht der einzige Faktor in der Weltgeschichte. Der Geist
Gottes, der nie aufhört zu wehen, ist ein anderer - und konnte der die Barbaren
der Wildnis zu seinem Werk gebrauchen, so kann er auch die Barbaren der
Civilisation zur Zerstörung des modernen Heidentums, das den christlichen Geist
zu ersticken sucht, verwenden. Im vierten und fünften Jahrhundert schlich,
gerade wie jetzt, ein geheimnisvolles Grauen durch alle Seelen, welche in dem
Schattenspiel des öffentlichen Lebens und in den brutalen Genüssen der
Sinnlichkeit keine Befriedigung fanden, sondern wie Du, von dem Atem des Todes,
den die Lüge aushaucht, sich angeweht fühlten. Sie wollten diesen Göttern und
diesen Kaisern so wenig dienen, als ihrem eigenen Ich; sie suchten einen
grösseren Herrn. Aber nicht suchten sie ihn auf der Oberfläche des Daseins, nicht
am Rande des Kreises, den die blitzenden und schillernden Radien wirbelnd
ausdehnen. Sie suchten im Centrum; sie suchten das, was jeder Menschengeist
finden soll: Wahrheit - die eine, von der alle Wahrheiten ausgehen, wie die
Planeten ihr Licht von der Sonne empfangen. Sie suchten mit Ernst, mit
Beharrlichkeit. Sie fragten nicht hie und da, oberflächlich wie Pilatus; was ist
Wahrheit? - Sie gingen ihr nach, sie spürten ihr nach, aufmerksam, gespannt, wie
der Bergmann, der in den Felsenmassen des Schachtes unverwandt die Goldader
verfolgt, die durch das Gestein läuft. Aus dem Heidentum, aus dem Judentum, aus
der Häresie, aus dem lauen Christentum, aus der Barbaren-wie aus der Römerwelt -
kamen suchende Seelen; und unter ihnen mancher Sturmvogel, wie Du, der die
halkyonischen Tage der Fabel auf den Wellen der Zeit nicht gefunden hatte; aber
dafür fanden sie die Wahrheit, die eine, die ewige, die göttlich offenbarte:
Gott ist die Liebe! - und dann sprachen sie mit Philippus: Das genügt uns. -
Jene so wilden, so stürmischen, so gedrangsalten Zeiten waren zugleich die der
grossen Bekehrungen. Wir wollen hoffen und beten, dass es auch jetzt so sei und
wollen damit anfangen, uns selbst zu bekehren.«
    »O sprich nicht von Dir, lieber Onkel!« rief Uriel.
    »Gerade von mir, denn mich selbst kenne ich am besten. Und zu uns allen
spricht der Engel der Offenbarung, den Johannes auf Patmos hörte: Wer gerecht
ist, werde noch gerechter, und wer heilig ist, werde noch heiliger. Wir sind
alle bekehrungsbedürftig.«
    »O ja!« rief Uriel, »es gibt auch jetzt grosse Seelen. Aber in einer Sphäre,
die mir unzugänglich ist.«
    »Die Seelengrösse hängt von keiner Sphäre des Lebens ab und ist an keine
gebunden. Ihr Wesen ist: das Opfer des natürlichen Menschen - und das kann, mit
Gottes Gnade, überall geübt werden.«
    »Nur fehlt leider überall diese Opferliebe so sehr in der Welt, dass man
versucht wird anzunehmen, sie sei an eine gewisse Sphäre gebunden,« sagte Uriel.
»Die grossen Seelen, von denen ich spreche, steckten in der Kutte des Mönchs und
in der Soutane des Priesters. Missionäre muss man sehen in anderen Weltteilen:
dann bekommt man wieder Achtung und Liebe für das Menschengeschlecht. Bei dem
Missionär ist so recht anschaulich das Apostolat des Evangeliums. So gingen die
Zwölf aus, die von Christus unmittelbar ihre Weihe und Sendung empfingen - und
so gehen sie jetzt aus, von demselben Christus mittelbar geweiht und gesendet.
In welcher Armut und Entblössung, unter welchen Entbehrungen, Gefahren und
Drangsalen der Missionär sein apostolisches Werk vollführt - davor schaudert die
menschliche Natur zurück. Das ist eine Marter von Mühsal, die jede Fiber
zerreisst und jeden Nerv aufreibt, und die er nur ertragen kann, weil Christus in
ihm lebt. Mit natürlichen Kräften ist es unmöglich. Die Phantasie erlahmt, wenn
sie sich die Anstrengung vorstellen will, die einen Missionär in den ungeheueren
Öden von Nord-und Südamerika erwartet. Hunger, Ermüdung, Krankheit, feindliches
Klima, wilde Tiere, wilde Menschen - alles das steht ihm bevor; alles das
erträgt und überwindet er, um in tief gesunkenen, halb tierischen und halb
blödsinnigen Racen das Ebenbild Gottes herzustellen und sie zum Bewusstsein über
ihre Bestimmung zu bringen - oder um in einer kleinen Herde von bereits
gewonnenen, aber hirtenlosen Schäflein das Reich Gottes zu befestigen. Und in
welcher Einsamkeit und Weltabgeschiedenheit vollführt er sein Werk! wie getrennt
von allem, was Trost und Stütze gibt! Vaterland, Vaterhaus, Muttersprache,
Familie, Jugendfreude - alles ist fern. Aber auch sein Ordenshaus, seine Brüder
nach der Gnadenordnung, seine Wirksamkeit in der Heimat hat er verlassen. Mit
einigen Gefährten, zuweilen mit einem einzigen, zuweilen ganz allein, zieht er
über Eis- und Schneegefilde, durch Savannen und Wüsten, durch Urwälder und
Sümpfe, über Gebirge und Ströme - allein! und wenn er in tropischen oder
arktischen Nächten das Auge zum Himmel aufschlägt, ist er so einsam, dass er
nicht einmal die Gestirne seiner Heimat wiederfindet. Und welch' ein Tod krönt
dieses Leben? - Ist's der Martyrertod mit seinen raffinierten Qualen, unter dem
Wut- und Triumphgeheul seiner Glaubensfeinde? - Oder siecht er im Kerker dahin,
auf dem langsamen Folterbett der Gefangenschaft? Oder reisst ihm ein Tiger das
Herz aus der Brust? Oder fällt er unter dem Skalpiermesser eines Wilden? Oder
verschmachtet er langsam am Fieber, das sein Blut verbrennt, sein Mark verzehrt
und ihn endlich niederwirft im Schatten eines Felsens oder eines Baumes, wo er
sich ausstreckt zum Sterben, wo kein Gefährte da ist, um ihm die heilige
Wegzehrung zu reichen und ihm den Todesschweiss von der Stirne zu trocknen, wo er
über sich selbst das Totenoffizium betet und wo sein kaum erkalteter Leichnam
eine Beute der Raubvögel oder der Tiere des Waldes wird! - Und solch ein Leben
und solch ein Tod - weshalb werden sie gewählt? frei gewählt? so fragte ich
einst einen Missionär. Um dem gekreuzigten Christus in aller Demut nachzufolgen,
anwortete er freundlich und einfach. Das ist Seelengrösse! Aber die Welt geht an
ihr vorüber, wie die Juden am Kalvarienberg - gleichgültig oder verachtend oder
lästernd. Hätte jedoch einer von den ihren ein weniges von diesen Dornen und
Myrrhen genossen, um die Wissenschaft zu fördern, oder aus ehrgeiziger Neugier,
oder um ein Vermögen für die Seinen zu erwerben - ja, dann hat sie nicht Kränze
genug, nicht Lob und Bewunderung genug, um diese Verdienste zu krönen. Mögen es
Verdienste sein! ich taste sie nicht an. Von übernatürlicher Seelengrösse sind
sie jedoch weit entfernt. Solche Menschen dienen ihrem Ich, ihren
vorherrschenden Neigungen oder Talenten und somit auch der Welt; das schmeichelt
ihr. Der Missionär geht an ihr vorüber wie an sich selbst und dient einem
höheren Herrn; das nimmt sie übel. Sie will nichts von Höherem wissen, als von
sich selbst. Ich aber habe immer den Missionär beneidet, gerade weil er einem
höheren Herrn dient.«
    »Nun, lieber Uriel,« sagte Levin lächelnd, »ich hoffe, Du wirst ihm auch
noch einmal als Missionär dienen.«
    »Nein, lieber Onkel,« rief Uriel und stand lebhaft auf, »ich habe nicht die
mindeste Anlage zu solcher Seelengrösse und keine Neigung zu solchem
übernatürlichen Heldenmut.«
    »Die fremde Seelengrösse erkennen und bekennen, gleichviel in welcher
geringen Gestalt man sie antrifft, ist der erste Schritt, um sie zu erwerben.«
    »Aber um sie in einem so heroischen Grade zu üben,« rief Uriel, »dazu fehlt
mir die Lebendigkeit des Glaubens.«
    »Ganz richtig,« entgegnete Levin. »Du trägst Deinen Glauben in festen
Goldbarren mit Dir umher, so dass er Dir manchmal beinahe eine Last ist. Zur
Münze ausgeprägt, flüssig gemacht für den täglichen Gebrauch, für alle Umstände,
für alle Verhältnisse, in allen Nöten, wider alle Prüfungen - besitzest Du ihn
nicht. Er ist Dir noch ein toter Schatz.«
    »So ist's!« sagte Uriel trübe. »Er leuchtet mir vor, aber er leuchtet nicht
in mir. Meine Vernunft folgt allen Lehren der Offenbarung, die so fein und so
logisch ausgezweigt sind, dass es ein Genuss für meinen Verstand und eine
willkommene Übung für meinen Scharfsinn ist, ihnen nachzugehen. Und dennoch ist
mein Herz nicht ergriffen; dennoch ist eine geheimnisvolle Scheidewand zwischen
mir und Gott.«
    »Das kann auch gar nicht anders sein,« entgegnete Levin. »Du hast die
Weltteile durchpilgert und die Ozeane durchmessen und draussen das Etwas gesucht,
mit menschlichen Kräften und menschlichen Mitteln gesucht, was grösser sei, als
Dein Herz - wie Du damals bei Deiner Abreise sagtest - das Etwas, welches Dir
eine dauernde Befriedigung geben könnte; und hast es nicht gefunden und konntest
es nicht finden. Denn die Schöpfung, dies wundervolle Werk Gottes, steht unter
dem Gotteswerk der Erlösung. Dieser gehört die christliche Seele an, hier soll
sie zu Hause sein. Sucht sie ihre Heimat in der Schöpfung, so ist sie abgeirrt
von ihrer Bestimmung, mein armer Uriel, und dann sind die Lehren der Offenbarung
dem Geist ein feines, tiefsinniges System, dessen Logik ihn überwältigt; aber
sie sind kein Trost für das Verlangen seines Herzens. Nur in Gedanken lösen sie
ihn ab von der Erde; das Herz bleibt an ihr haften, hört nicht auf himmlische
Einsprechungen und erkennt nicht himmlische Fügungen, die alle, alle mahnende
Boten Gottes sind, durch die er zu uns spricht: Kind, gib mir dein Herz. Aber
was willst Du denn anfangen, Uriel, mit dieser Last Deines an der Erde haftenden
Herzens?«
    »Haftet es denn an ihr, lieber Onkel?« fragte Uriel ernst und sinnend. »Hab'
ich nicht den Ballast des Mammon über Bord meines Schiffleins geworfen, um nicht
in die Schlingen dieses Götzen zu fallen, dessen Kultus mehr als irgend einer -
den Materialismus fördert? hab' ich mich je verloren in die brutale Genusssucht
der Zeit? oder an den Ehrgeiz? oder an die Sucht der Eitelkeit, etwas gelten zu
wollen, ein Mann der Partei zu sein? Und meine Reisen - hab' ich denn Gemeines,
Niedriges, Alltägliches von ihnen begehrt? sollten sie vorwitzige Schaulust und
einen unbestimmten Drang nach Bewegung befriedigen? Mir scheint, ich dürfe all'
diese Fragen mit Nein beantworten. O wie oft habe ich gerade auf diesen Reisen,
gerade diesen wunderbar schönen Naturbildern gegenüber die ganze Nichtigkeit des
Erdendaseins empfunden! O, in stillen Nächten unter dem leuchtenden
Sternenhimmel und auf den leuchtenden Meeren des Südens - o, in der rosigen
Morgenfrühe der paradiesischen Überfülle tropischer Länder, mit ihrem
unvergleichlichen Zauber von Farbe und Form, von Licht und Luft - o, bei dem
feierlichen Sonnenuntergang in der Savanne und der Wüste mit ihrer grenzenlosen,
bis zum Entsetzen majestätischen Einsamkeit - hat dies göttliche Schweigen,
diese göttliche Stimme mich je anders berührt, als dass ich empfunden hätte, es
gebe noch etwas Höheres - und das sei so hoch und so gross und so wundermächtig,
dass alle Erdenschönheit sich dazu verhalte, wie ein Sandkorn gegen das
Himalajagebirg. Und dann hätte ich die Erde mit einem Fussstoss von mir schleudern
mögen, um mich aufzuschwingen zu jener nur geahnten Herrlichkeit. Nennst Du das
an der Erde haften, teurer Onkel?«
    »Der heil. Augustinus schreibt in seinen Bekenntnissen: In mehr als einer
Weise schliesst man sich den gefallenen Engeln an;« entgegnete Levin. »So gibt es
auch mehr als eine Weise, in welcher das Herz an der Erde haften kann. Es kann
begraben sein in ihrem Moder, verstrickt in ihren Dornen. Es kann aber auch so
fein mit ihr zusammenhängen, wie manchmal Blumenblätter an fliegenden
Sommerfädchen schweben. Eines ist gewiss: Du hast Gott nicht gefunden. Mit Deiner
Intelligenz hast Du das Dasein Gottes ausserhalb seiner Schöpfung begriffen; mit
Deinem Gefühl hast Du ihn über der Schöpfung geahnt. Aber Dein eigen, Dein
Centrum - ist er nicht geworden, weder der menschgewordene Gott, noch der
gekreuzigte Gott, noch der eucharistische Gott! und deshalb bist Du auch keinen
Augenblick Deiner selbst sicher und der nächste kann Dein Herz begraben in den
Aschengrüften der Erde. Dass es bis jetzt nicht geschah, hast Du, nächst der
Gnade Gottes - Deiner Liebe für Regina zu danken. Du betrachtest sie als Dein
Leid - aber sie ist Dein Heil gewesen! Die Liebe ist etwas so Himmlisches, so
Gottverwandtes, dass sogar die natürliche im Stande ist, dem Menschen eine
Zeitlang einen edlen Impuls zu geben und in edler Richtung ihn zu halten. Aber
in dem wechselvollen Dasein hienieden, zwischen tausend neuen Eindrücken und
abertausend neuen Erfahrungen, verliert diese Liebe allmählig ihre Triebkraft,
vermag nicht mehr Schwung und Ausdauer zu geben, und lässt das Herz nach und nach
so öde zurück, so leer, so traurig, so arm, dass ihm die Bilder und Erscheinungen
der Erde wünschenswerter vorkommen, als seine Erstorbenheit. Das ist die
allgemeine Geschichte jeder Liebe, die nur aus dem natürlichen Gefühl
hervorgegangen ist: sie keimt, sie wächst, sie blüht, sie verblüht - wenn man
sie nicht in das Erdreich der Gnade verpflanzt und in das übernatürliche selige
Liebesleben hineinschlingt, welches die mystische Braut Christi mit ihrem
göttlichen Geliebten fühlt. Dein Herz haftet an der Erde, mein armer Uriel! Du
hast die ewige Wahrheit noch nicht gefunden, denn Du hast sie noch nicht
gesucht.«
    »Aber wo - aber wie - soll ich sie suchen?« fragte Uriel tief in Sinnen
verloren.
    »Wo? - in der Krippe von Betlehem und am Kreuz von Golgata. Wie? - durch
Gebet. Bete, Uriel! wie es jetzt mit Dir steht, kann und darf es nicht bleiben.
Du bist flügellahm. Es ist mehr Welt an Dir vorüber gerauscht, als Du - als
irgend jemand mit der blossen Beobachtung überwältigen kann. Das Übermass der
Tätigkeit, deren Zuschauer Du bist, betäubt Dich und bringt Dich um die, welche
Dir von Gott bestimmt ist.«
    »Lieber Onkel,« unterbrach Uriel ihn sehr lebhaft, »Du wähnst doch wohl
nicht, dass es mir je einfallen könnte, Missionär zu werden, weil ich gesagt
habe, ich hätte bei ihnen Seelengrösse gefunden und ich beneidete sie, weil sie
einem so grossen Herrn dienten? Missionär will ich durchaus nicht werden! und
käme mir je ein solcher Gedanke, so würde mein eifrigstes Gebet gegen ihn sein.«
    »Sei unbesorgt!« erwiderte Levin lächelnd, »zu so kühnen Hoffnungen
erschwingt mein altes Herz sich nicht. Das war eine grosse Gnade, wenn Du die
Welt abermals durchpilgertest - nicht um die Wahrheit zu suchen, sondern um sie
anderen zu verkündigen; nicht zu Deiner Befriedigung, sondern aus Liebe zum
gekreuzigten Christus. Aber eine solche Gnade senkt sich nur in ein ihr
entsprechendes Herz. Vorderhand bin ich froh, dass Du in Kalifornien kein
Goldgräber geworden bist.«
    Es war ein unvergleichlicher Zauber von Würde und Huld um den
fünfundsiebenzigjährigen Greis. Er war so stark bei seiner heiteren Milde, so
nachsichtig bei seinem heiligen Ernst, so lächelnd bei seiner tiefen Einsicht, -
der Geist so offen, das Herz so warm, die Seele so licht, dass Uriel oft in
seiner Nähe dachte: die Verklärung des Tabors sei schon über dies Leben
ausgegossen, das mehr als ein halbes Jahrhundert in der Verschattung des Kreuzes
verharrt sei. An Onkel Levins Seite, in Gesprächen und im traulichen Verkehr mit
ihm fühlte sich Uriel zufriedener, als sonstwo auf Erden. Aber eine leise
Unruhe, ein unausgesetztes Vibrieren des inneren Menschen mahnte ihn stets
daran, dass er seinen Schwerpunkt noch nicht gefunden habe. Es tat ihm leid, an
Graf Damian versprochen zu haben, dass er ihm nach Rom folgen wolle; leid, den
geliebten Greis zu verlassen.
    »Komm' mit mir nach Rom!« bat er ihn einst. »Die Griechen hielten es für ein
Unglück, das Götterbild ihres Zeus, das Meisterwerk des Phidias, nicht gesehen
zu haben. Ist es nicht ein ganz anderer Schmerz für einen Priester, den
Stellvertreter des Erlösers und den Nachfolger des Petrus nicht gesehen zu
haben?«
    »Ja, lieber Sohn, ganz anders! er ist ein Glied in der langen Kette der
Entsagungen; aber die löst sich mit dem Tode. Die armen Griechen hatten schon
recht, ihren Zeus zu betrachten; denn seine Marmorstatue war doch mehr - als das
Nichts, welches sie vorstellte. Aber für uns, Kind, ist es gerade umgekehrt: wir
sehen hienieden nur Bilder, aber droben das Wesen. Deshalb hab' ich mich nie
danach gesehnt, mich viel umzuschauen in der Welt. Scheide ich von ihr - dann
werden meine Augen ihre Wonne haben und mein Herz seine Lust. Kommst Du aber
nach Rom, so grüsse mir eine traute Stätte: das Koliseum, wo die Martyrer sich
verbluteten und wo St. Ignatius von Antiochien unter den Zähnen der Löwen rief:
Meine Liebe ist gekreuzigt! lasst mich ein Nachfolger der Leiden meines Gottes
sein! Um das Koliseum schwebt in meiner Phantasie eine Glorie von Purpurfarbe.«
    »O diese Martyrer,« rief Uriel, »haben in Wahrheit die streitende Kirche zur
triumphierenden gemacht!«
    »Darum stirbt auch dies heilige Geschlecht nie in ihr aus. Sie soll
triumphieren - trotz Ketten und Banden, trotz Schmach und Verfolgung, über den
Satan und seinen Anhang! Und das tut sie, bald auf diesem, bald auf jenem Punkt
der Erde. Sieh' die Christenverfolgungen in China, in Japan - überall wiederholt
sich die alte Tatsache: Christus der Gekreuzigte lebt in den kämpfenden Gliedern
seiner Kirche. Sie werden mit ihm gemartert, gehöhnt und getötet; sie werden
begraben und Steine vor die Gruft gewälzt und Wächter bestellt; und wenn das
alles sicher besorgt ist, dann kommt der Ostertag, und mit den Hingewürgten ist
die Kirche, die man erwürgt und begraben wähnte, auferstanden. Das sind ihre
unvergänglichen Geschicke. So hat sie es auf Kalvaria gelernt. Dazu lebt und
webt in ihr der heilige Geist. Deshalb umfängt und trägt sie durch die
Weltzeiten den eucharistischen Christus. Solche Gottesanstalten überdauern den
Anprall Luzifers und seiner Legionen.«
    »Ja wohl, Legionen!« rief Uriel. »Von allen Ecken und Enden der Welt strömen
eben jetzt die hochgehenden Fluten des Unglaubens und des Irrglaubens mit voller
Wut gegen den Felsen Petri und die revolutionären Stürme, die aus allen Gegenden
der Windrose, von Tron und Kateder, aus Schenkstube und Presse, aus
Kammerverhandlungen und geheimen Gesellschaften zusammen brausen, toben gegen
nichts und niemand so rasend, als gegen das Schifflein des galiläischen
Fischers. Ich habe in England und Deutschland Leute gekannt, von denen es heissen
konnte, wie in Schillers Wallensteins Lager: Es sind Tiefenbacher, Gevatter
Schneider und Handschuhmacher - so behaglich schmausten sie ihr Beefsteak mit
obligatem Porter; so friedlich kannegiesserten sie bei der Tabakspfeife und dem
Schoppen; Damen hab' ich gekannt, gebildete, kunstsinnige, schöngeistige,
romanesk poetische: nun! diese ganze Gesellschaft - so philisterhaft der eine
Teil und so hypergebildet der andere - verfiel in eine Art von Berserkerwut,
wenn die Rede auf den Papst und die katolische Kirche kam. Rom, als Mittelpunkt
der antiken Welt und der modernen Kunst, liessen sie gelten. Über Rom, als
Hauptstadt der Christenheit, waren sie rabbiat. In den Kreisen der
Freiheitsmänner, der Licht- und Volksfreunde versteht sich so etwas von selbst,
weil Rom das unüberwindliche Bollwerk der Wahrheit - also der wahren Freiheit,
des wahren Lichtes, des wahren Rechtes ist: aber bei meinen Tiefenbachern und
bei meinen Geistreichen hab' ich mich immer verwundern müssen, dass sie nicht
einsahn, wie Beefsteak und Bildung nicht zu retten sind, wenn es möglich wäre,
dass das Schifflein Petri unterginge. Ein gesellschaftliches Chaos würde
beginnen. Es gehört mit zu den greulichen Lügen der Zeit, die geschichtlichen
Ereignisse und Charaktere zu Parteizwecken zu verfälschen und schon dem Kinde in
der Schule Zerrbilder statt Vorbilder in die junge Seele zu prägen.«
    »Und damit zieht sie, wie das von der Lüge auch nicht anders zu erwarten
ist, einen so traurigen und furchtbaren Hass gross, dass, wenn jetzt heftige
Katastrophen ausbrächen, der giftigste Gram sich gegen die Vertreter und Diener
der Kirche entladen würde. Lies die vertilgungswütigen Verfolgungen, welche der
treue und standhafte französische Klerus in der Revolution des vorigen
Jahrhunderts zu erdulden hatte. So würde es jetzt überall sein, wo
Revolutionsmänner an die Spitze kämen. Der Priesterhass wächst, je mehr Luzifers
Scharen wachsen.«
    »Das wäre ein Grund, um Priester zu werden! Was Satan hasst, muss Gott
lieben!« rief Uriel.
    »Und doch sind die Bestrebungen des Hasses dem Priester vielleicht nicht so
quälend, als die der sogenannten Humanität,« sagte Levin. »Ich habe in meinem
langen Leben schon manche Phase der Geschicke der Kirche durchgemacht. Zu Ende
des vorigen Jahrhunderts ging man mit der Guillotine und Deportation auf sie
los; das hat ihr nichts geschadet; im offenen und entschiedenen Martertum liegt
eine Art von übernatürlicher Lockspeise, die ihr gut bekommt. Aber nach den
napoleonischen Kriegen brach in Deutschland eine entsetzliche Zeit, eine
nüchtern-schwärmerische Epoche aus, die mit Deutschtümelei und allerhand
Bruderliebe seltsam herausgeputzt war. Da sollte die Kirche deutsch sein und
human und jedermanns Freund; den Quell ihres Lebens sollte sie verstopfen und
von Rom sich lossagen; und dafür die Vorteile geniessen, die der Zeitgeist ihr
aufzuzwängen suchte: Lockerung heiliger und heilsamer Disziplin, Verblasenheit
ihres Dogma's, Fraternität mit allerhand unkirchlichen und widerkirchlichen
religiösen und philosophischen Systemen. Statt der katolischen Kirche sollte
eine Allerweltskirche organisiert werden, ohne Offenbarung Gottes, ohne
festbestehendes Dogma, ohne positiven Glauben, folglich ohne wahres Christentum
und zwei Mittel schienen vorzugsweise geeignet, dies zu bewerkstelligen: die
Aufhebung des Cölibates und die Sanktionierung der gemischten Ehen. Das
verehelichte Individuum, welches den katolischen Priester ersetzen sollte,
lehrt, was der Staat oder ein beliebiges Oberhaupt seiner Sekte von ihm begehrt:
das beweist die Erfahrung aller Zeiten; und in einer Mischehe ist von einem
frischen und kräftigen Familienleben im positiven Glauben keine Rede; das sieht
man alle Tage. Diese Mauerbrecher sollten die Kirche zersprengen. Aber unbewegt
hielt sie den Stoss aus - die heilige Kirche! die gemischten Ehen wurden nicht
sanktioniert - nur traurig geduldet; und der priesterliche Cölibat nicht
aufgehoben. Ich erinnere mich noch sehr wohl, wie meine Schwägerin Juliane,
Deine Grossmutter, mich oftmals fragte, ob ich schon mein Augenmerk auf eine
künftige Gattin geworfen habe; worauf ich ihr regelmässig antwortete: man dürfe
sich nicht voreiliger Hoffnung hingeben. Als nun das Projekt zu Wasser wurde,
sagte Juliane, ich hätte sehr weise getan, nicht zu früh zu hoffen. Da lachte
ich und sagte: Ihre Hoffnungen hab' ich voreilig genannt. Das war ihr aber nicht
genehm. Ja, es war sogar manchem Katoliken nicht genehm! Aber kurz! die
Allerweltskirche kam nicht in Deutschland zu Stande. Dagegen wurde die Braut
Christi in Zucht und Vormundschaft genommen, musste knappe Haushaltung lernen,
durfte ohne Genehmigung betreffender Behörden keine Kerze auf dem Altare
anzünden, kein Messgewand des Priesters anfertigen; musste lernen, wie sie zu
lehren habe, sie - die Christus selbst zur Lehrerin der Völker eingesetzt hat;
musste in Staatsdienst treten und sich besolden lassen, sie, die uralte
Ernährerin und Haushälterin jener zahlreichen Familie der Armen Christi, welche
gerade an sie gewiesen, ihrer frommen Fürsorge anvertraut sind. Das alles und
viel tausendmal mehr musste sie sich gefallen lassen, und Du darfst mir glauben:
manches treue Priesterherz hat darüber so viel Gram und Kummer ausgestanden, dass
man wohl sagen darf: es habe freilich nicht für und mit dem Heiland den Tod
gelitten, allein es habe die unblutige Passion von Getsemane mit ihm
durchgemacht. Das alles gehört zum Leben der Kirche. Es hat kein Leid, keine
Bitterkeit, keinen Schmerz gegeben, welche der Sohn Gottes auf Erden nicht
gekostet hätte. Könnte seine heilige Braut es wohl anders haben, als er? Darum
haben alle, welche in Wahrheit erkennen, was es heisse, den mystischen Leib zu
bilden, einen unüberwindlichen, langatmigen Mut. Sie wissen, wem der endliche
Sieg gehört, sie fürchten nicht die Legionen von gefallenen Geistern, die auf
den Felsen Petri Sturm laufen.«
    »Fünfundsiebenzig Jahre - und kampfesfreudig wie St. Michael?« rief Uriel.
»O lieber Onkel, welchem grossen Herrn musst Du dienen?«
    »Ach und immer als ein unnützer Knecht!« entgegnete Levin lebhaft und
faltete seine Hände als wolle er seinen Herrn um Verzeihung bitten.
    »Wäre ich doch ein solcher unnützer Knecht!« seufzte Uriel.
    »Wozu hätte ich fünfundsiebenzig Jahre und über ein halbes Jahrhundert im
geistlichen Stande gelebt,« entgegnete Levin, »wenn ich kein mutiges Vertrauen
zu dem allmächtigen Herrn gewonnen hätte, dem ich diene? Das Leben des Priesters
ist ein Leben im Glauben und in der Gnade. Sie sind die himmlischen Stützen
seiner gebrechlichen Natur. Er verlässt sich auf sie: das ist Vertrauen. Und dies
Vertrauen auf göttlichen Beistand sollte er nur in Bezug auf seine armselige
Person und nicht für seine vielgeliebte Mutter, die heilige Kirche, besitzen?
Nein, das wäre ein Widersinn! O schwanke du nur, du Schifflein Petri! lass sie
heulen - die Orkane! lass sie tosen - die Wellen! lass sie brüllen - die
Meeresungeheuer! du trägst deinen Hort: Christus schläft. Er wird erwachen und
dann werden die Stürme fallen. Aber, mein Sohn, wir wollen nicht zu jenen
gehören, zu denen er sagen wird: O ihr Kleingläubigen!«
 
                                 Himmelspforten
Es war die schöne, heiligstille Adventzeit - dieser Vorfrühling im
übernatürlichen Jahr, welches die Kirche durchlebt; der Vorfrühlung unserer
Erlösung. Uriel hielt sich noch immer in Windeck auf. Was sollte er in Rom? was
überhaupt in der Welt? Die Baronin Isabelle quälte ihn ein wenig mit ihren
verschiedenen Ratschlägen, was er alles versuchen und unternehmen könne; und mit
ihrem leisen Bedauern, dass er nicht Herr auf Stamberg geblieben sei. Er nahm es
ruhig hin und sagte:
    »Liebe Tante, dieser Entschluss war eine höhere Fügung und ich harre jetzt
wieder auf eine solche.«
    »Aber, lieber Uriel,« erwiderte sie, »man muss dem lieben Gott doch
gewissermassen Vorschläge machen und Spielraum geben, damit seine Fügungen irgend
einen festen Boden vorfinden.«
    »Ich wüsste ihm in der Tat keinen Vorschlag zu machen,« entgegnete Uriel
lächelnd.
    »Nun, zum Beispiel!« rief sie; »lass Dich auf Jochhausen nieder, wo Deine
guten Eltern gelebt haben. Das wäre so eine Art von Andeutung, welche der liebe
Gott verstehen und Dir häusliches Glück schicken würde.«
    Uriel lachte und sagte: »Das wäre eine entsetzliche Überraschung! Hätte ich
das gesucht, liebe Tante, so wär' es allerdings vernünftiger gewesen, auf
Stamberg zu bleiben - und dass ich dies nicht tat, betrachte ich eben als eine
höhere Fügung.«
    Sie schüttelte zweifelnd den Kopf und entgegnete:
    »Ich bitte Dich, Uriel, sei vorsichtig! Du stehst in einem bedenklichen
Lebensalter.«
    »Doch weniger als vor zehn Jahren, sollt' ich meinen!« entgegnete er immer
noch lachend.
    »Ach, Kind!« rief sie, »lache nicht; es ist sehr ernstaft! Sieh': ist ein
Mann über dreissig Jahre alt geworden und unverheiratet - ja sogar ohne den
Wunsch und Willen zu heiraten, geblieben, da er es in seiner Lage doch könnte,
so droht ihm von Tag zu Tag immer mehr die Gefahr, in Verhältnisse zu geraten,
in Schlingen sich zu verwickeln, die ihn nicht glücklich und nicht gut machen,
in die er aus Langeweile fällt und in denen er aus Trägheit bleibt - zuweilen
für immer, zuweilen lange Jahre. Es gibt Frauen genug, deren Eitelkeit es
schmeichelt, einen solchen Gefangenen mit sich durch's Leben zu führen; und
Männer genug, die sich so mitführen lassen, weil sie dabei gehätschelt und
verzogen werden - bis sie alte Hagestolzen und vollkommen unerträglich sind.«
    »Eine furchtbare Perspektive, liebe Tante!« sagte Uriel scherzend, »und ich
begreife,« setzte er ernst und liebevoll hinzu, »dass Dein wahrhaft mütterliches
Auge sie für mich nicht ertragen kann. In ein solches Verhältnis gerät man, wenn
man niemand liebt und doch gern geliebt sein möchte. Bei mir ist es aber gerade
umgekehrt: ich liebe jemand - und will von niemand sonst geliebt sein.«
    »Ach!« seufzte die Baronin, »wie konfus ist das Leben mit all' seinen
Erscheinungen! Hört man von der Treulosigkeit der Männer, so seufzt man. Und
findet man einmal die Treue - so seufzt man auch.« -
    Am anderen Morgen erschien Uriel nicht zum Frühstück und Levin sagte der
Baronin, dass er nach Himmelspforten gefahren sei.
    »Und Sie hielten ihn nicht zurück?« rief sie.
    »Er hat mich nicht gefragt, sondern nur gesagt, er gehe. Warum sollte er
aber auch nicht gehen?«
    »Warum? mein Gott, warum will er denn durchaus in Regina's Nähe kommen, da
es nur seinen Schmerz erneuert! Ich interessiere mich lebhaft für alle liebende
Herzen, aber nicht für ihre Torheiten.«
    »Das ist doch recht schwer zu trennen,« antwortete Levin heiter,
»Leidenschaft ist Torheit. Nun, wer weiss, ob Regina ihm nicht die Pforte des
Himmels aufschliesst, die enge Pforte, durch welche wenige gehen.«
    »Dann wäre es freilich eine höhere Fügung - und nach einer solchen verlangt
er,« sagte die Baronin. -
    Uriel hatte lange mit sich selbst gekämpft, ob er Regina aufsuchen solle -
oder nicht. Er fürchtete nicht die Aufregung des Schmerzes; aber sehr, den
Stachel von Bitterkeit gegen Gott und Menschen, der ihm so viel zu schaffen
gemacht hatte und dessen er sich noch immer nicht ganz erwehren konnte. Doch
vielleicht nimmt sie mir gerade diesen Stachel aus dem Herzen, sprach er zu sich
selbst; wer weiss, welche Gnaden eine solche Seele mitteilen kann.
    Zur Stunde der Vesper war er in Kloster Himmelspforten und ging in die
Kapelle, die geöffnet - jedoch hinter dem Altar durch Gitter und Laden
abgeschlossen gegen den Chor, war, in welchem die Ordensfrauen gemeinschaftlich
die kanonischen Stunden beteten. Es war ein grauer milder Nachmittag, die Luft
so seltsam lau, wie sie zuweilen im Dezember auf ein paar Tage oder Stunden
eintritt; man denkt dabei an erfrorene Rosen. In der Kapelle herrschte schon die
Dämmerung des Abends und die Vesper hatte begonnen, als Uriel eintrat. Also hier
in diesem trüben, frostigen Dunkel verblüht die leuchtende Lilie! sprach er zu
sich selbst; in dieser Schattenwelt ist ihr energisches Leben untergegangen, in
dieser Grotte des Karmels ihr Herz eingesargt! Ein namenloses Weh zerschnitt ihm
die Seele; das Weh, welches jeder empfindet, der in der Opferflamme des Altars
ein blutendes Menschenherz langsam verzehren sieht und nicht weiss, dass es darin
auf der Hand Gottes liegt. Er horchte auf die betenden Stimmen; sie waren zu
einem und demselben Ton eingeübt: er konnte nicht Regina herausfinden. Begraben!
begraben! jammerte sein Herz. Er hoffte auf die Antiphone; es war ja unmöglich,
die Singstimme ganz ihres eigentümlichen Gepräges zu entäussern. Die Antiphone
des Advents »Alma redemptoris« wurde gesungen; aber ohne Regina. Er hätte ihre
Stimme mit dem ihr eigenen seeleninnigen Klang unter Tausenden erkannt.
Begraben! begraben! jammerte sein Herz; und wie es so jammerte, fiel ihm ein,
dies sei vielleicht keine figürliche Redensart und sie sei in der Tat tot oder
sterbend. Er floh aus der Kapelle, eilte zur Klosterpforte und schellte hastig.
Die Pförtnerin erschien am kleinen Fenster und mit stockendem Atem sagte Uriel:
    »Ich wünsche die Schwester Terese vom Lamm Gottes zu sprechen.« Dies war
Regina's vollständiger Klostername; es konnte jetzt keine Verwechselung mit
irgend einer anderen Schwester Terese vorfallen.
    »Sie ist im Chor,« sagte die Pförtnerin, und setzte ein paar Worte hinzu,
welche bescheiden andeuteten, dass die späte Stunde ungelegen sei.
    »Also komme ich morgen vormittag,« erwiderte Uriel und ging ruhiger in die
Kapelle zurück, die ihm plötzlich nicht mehr so finster und frostig vorkam, denn
- sie war im Chor und wo sie war, da wurde es sonnenhell und sonnenwarm. Er
fühlte sich beglückt, in ihrer Nähe zu atmen, von denselben Mauern umschlossen,
von demselben Dach beschirmt zu sein. Nichts trennte sie - als der Altar mit dem
Tabernakel; als Gott! Und trennt denn Gott die Seelen? fragte er sich heimlich.
Sind sie nicht süss und fest geheimnisvoll in ihm verbunden? .... viel sicherer,
viel unzertrennlicher in dieser göttlichen Lebensgemeinschaft, als in einer
irdischen? .... Und doch! und doch! das Menschenherz hat nicht sein Genügen in
ihr! - Und er dachte mit einer so unerhörten Freude, dass ihm die Brust davon
beklemmt wurde: morgen werde ich sie sehen, sie hören, mit ihr sprechen! und
dann? .... - Ihm war zu Sinn, als ob dann sein Herz still stehen werde.
    Es war ganz dunkel geworden, nur das ewige Licht verbreitete seinen ruhigen
Schimmer durch die Kapelle und stimmte ihn friedlich. Er schlug das Auge zur
Lampe auf und sagte leise: So zu leuchten im Heiligtum, und vor Gott und für
Gott, das Los hat Regina sich gewählt und vielleicht ist es das süsseste, welches
uns hienieden zu Teil wird, weil es über dem Wechsel und dem Wandelbaren ist.
Dies Schwanken zwischen Wonnen und Qualen, dieser Wechselgesang von Lust und von
Weh, diese zitternde Sehnsucht und dies trostlose Ungenügen, diese
himmelstürmenden Wünsche und diese grässliche Nichtigkeit in ihrer Erfüllung:
dies Alles, das draussen liegt, ausserhalb des Gottesfriedens - ist's eine
Entbehrung, wenn man es nicht kennt? ist's ein Verlust, wenn man es aufgibt? - -
- Da hub das Angelusgeläute an. Ihm war, als bewege die Glocke sein Herz. Er
kniete nieder, barg das Gesicht in den Händen und betete: Mutter Gottes, bitte
für uns arme Sünder! - Dann klirrten Schlüssel in seiner Nähe. Er entwich wie
ein Schatten aus der Kapelle, deren Türe hinter ihm geschlossen wurde, und ging
nach der Stadt zurück.
    Die Nacht verging wie alle Nächte. Für Uriel aber hatte sie hundert Stunden
und jede Stunde hundert Minuten. Er ging wieder zum Kloster. Der helle frische
Wintermorgen mit dem stillen blauen Himmel und der feinen weissen Decke, welche
der nächtliche Schnee über die Erde gebreitet hatte, tat ihm wohl und kühlte den
Scirocco, der ihm durch den Kopf und die Brust ging. Ist das denn Freude? fragte
er sich selbst. Ich freue mich - und die vorherrschende Empfindung ist - Qual!
An der Pforte fragte er, ob die Schwester Terese jetzt zu sprechen sei. Es
wurde bejahet und er in das Sprachzimmer gewiesen. Es war von äusserster
Einfachheit: weisse Wände, einige hölzerne Stühle, ein schwarzes Gitter, hinter
welchem sich ein geschlossener Laden befand, und dem Gitter gegenüber ein grosses
schönes Kruzifix. Nach seinem Namen war er nicht gefragt worden und er hatte ihn
nicht genannt. Als ein Unbekannter, ein Namenloser sollte er vor sie treten!
Jenseits des Gitters lag das innere Sprachzimmer. Es währte nicht lange, so
öffnete sich eine innere Tür. Es trat jemand ein und sagte, zum Gitter
vorgehend: »Gelobt sei Jesus Christus.«
    »In Ewigkeit, Amen!« erwiderte Uriel mit versagender Stimme - denn das war
Regina!
    »Uriel! grüss Dich Gott!« sagte sie so herzlich, als ob sie beide in Windeck
wären.
    »Weisst Du denn noch von mir? hast Du mich nicht vergessen?« rief er
überwältigt.
    »Wähnst Du, wir vergässen die Unseren?« fragte sie zurück. »Das wäre ja
treulos, herzlos. Gott zerreisst keine Bande des Herzens: er heiligt und verklärt
sie.«
    »Ja, das ist Regina!« sagte er seufzend.
    »Wie kommst denn Du zu unserem Karmel?« fiel sie ein.
    »Ich möchte von Dir wissen, ob Du glücklich bist,« entgegnete er. »Du wirst
es bejahen; das weiss ich! Hat der Mensch sich ein ungewöhnliches Schicksal mit
freiem Willen bereitet, so ist er oft zu stolz, um später zu gestehen, dass es
mit seinem geträumten Glück kaum mittelmässig beschaffen sei. Darum bitte ich
Dich, mir zu sagen, warum oder wodurch Du glücklich bist; das gibt mir
vielleicht einen richtigeren Massstab, und ich werde Dein Leben besser
verstehen.«
    »Ich bin glücklich, weil ich das höchste Gut liebe und gemäss dem Drang
dieser Liebe leben darf.«
    »Und wohin drängt diese Liebe Dich?«
    »Zum Opfer, Uriel. Ich bin glücklich, weil ich mich in jedem Augenblick und
mit jedem Atemzug in gottgefälliger Weise der göttlichen Liebe opfern kann.«
    »Woher weisst Du, dass sie gottgefällig ist?«
    »Weil sie auf den evangelischen Räten beruht, welche durch die drei Gelübde
besiegelt werden. Das ist die höchste Gnade, welche dem Menschen zu Teil werden
kann. Wie gern folgt man nicht in weltlichen Verhältnissen dem Wunsch, dem Wink
eines geliebten Wesens, ohne im mindesten zu betrachten, ob sich eine solche
Folgsamkeit rechtfertigen lasse vor der Vernunft und der Wahrheit und ob man sie
nicht dereinst bereuen werde. Wir aber sind sicher vor solcher Täuschung. Wir
folgen einem Wink, der so zart ist, dass Millionen ihn nicht verstehen, und
wissen dennoch, dass wir keinem selbstgeschaffenen Wolkengebilde folgen, denn der
menschgewordene Gott Selbst winkt uns zur Nachfolge.«
    »Und worin besteht diese Nachfolge?«
    »Im Leiden aus Liebe.«
    »Leidest auch Du, Regina?«
    »Wer die drei Gelübde abgelegt hat und treu zu erfüllen sucht, ist gleichsam
durch die drei Nägel Jesu mit ihm an das Kreuz geheftet, denn Armut, Entsagung
und Gehorsam allzeit geübt, kreuzigen den natürlichen Menschen auch allzeit. Das
tut freilich weh, aber dem göttlichen Heiland haben auch die Nägel weh getan,
als er an ihnen in seinen Wunden hing.«
    »Wie fängst Du es aber an, um dies Bild so fest Dir einzuprägen, dass es Dein
Vorbild wird?«
    »Man denkt an ihn.«
    Uriel hätte fast gelächelt über diese Antwort.
    »Darin liegt eben das Schwierige,« sagte er.
    »In der bunten, lauten, zerstreuenden Welt - ja!« antwortete Regina. »Da hat
man weder Zeit noch Lust noch Aufforderung, anders als ruck- und stossweise an
den göttlichen Geliebten zu denken - wenn's überhaupt geschieht! Aber für uns
heisst es: Was droben ist, habet im Sinn, nicht was hienieden. Wir sind ja da, um
uns in die Betrachtung seines Lebens und Leidens, seines Todes und seiner
Herrlichkeit, seiner Lehre und seiner Liebe zu versenken; sind ja da, um es nach
unseren Kräften mitfühlend nachzuleben; sind ja da, um ihm zu sagen, dass wir ihn
lieben; dass wir verlangen, ihn so zu lieben, wie er geliebt sein soll und sein
will; dass wir wünschen, der ganze Erdkreis möchte ihn erkennen und lieben; dass
wir begehren, jeden Blutstropfen zu vergiessen, jeden Atemzug zu verhauchen, um
zu bewirken, dass sein Name verherrlicht und sein Reich verbreitet werde. Er will
hören, dass sein Geschöpf ihn liebe. Zwischen den Millionen von Worten, die eine
armselige Liebe verherrlichen, und zwischen den Millionen von Beleidigungen,
welche sein göttliches Herz durch sündige Liebe empfängt, will er doch auch ein
paar Worte hören, die zu ihm allein von Liebe sprechen und denen der Beweis
nachfolgt, dass es keine leeren Versicherungen sind. Dazu sind wir da; das ist
die Bestimmung unseres mystischen Karmels. Uns erwartet nicht ein grosser Kreis
von frommer Tätigkeit, der anderen Orden zugewiesen ist; nicht die unmittelbare
Wirksamkeit auf die Seelen, welche man in der Armen-, Kinder-, Gefangenen- und
Krankenpflege übt. Wir sind nur da, um den göttlichen Liebhaber der Seelen zu
lieben und es ihm zu sagen - betend, leidend. Wer das will - der denkt an ihn!
und wer einmal angefangen hat, an ihn zu denken - o, der findet das nicht mehr
so schwierig, wie es Dir erscheint. Aber anfangen musst Du! Du musst an ihn denken
wollen, ihn lieben wollen.«
    »Ich will aber nicht Karmelit werden!« versicherte Uriel eifrig.
    »Was soll denn eigentlich aus Dir werden?« fragte sie, als habe sie seine
innere Unruhe erkannt.
    »Ich weiss es nicht!« brach Uriel aus. »Ich weiss nur dies: ich kann nicht
mein Herz der Welt vor die Füsse werfen; nicht lieben, wie sie liebt; nicht
begehren, was sie begehrt; nicht dienen, wem sie dient! ich kann in nichts mit
ihr Schritt halten.«
    »Gott Dank!« rief Regina; »ist das Herz gründlich von der Welt abgewendet,
so kehrt es sich leicht dem Himmlischen zu. Aber, Uriel, zur Welt gehört auch
die Welt Deines Ichs; und der Abschied von ihr ist nicht so leicht, als von der
äusseren Welt.«
    »Ich meine,« entgegnete Uriel, »ich hätte auch die verabschiedet.«
    »Suchst du kein Glück irgend einer Art zu erringen und zu geniessen?«
    »Doch!« rief er lebhaft; »die Seele ringt nach Glück. Allein sie will nur
ein übernatürliches geniessen.«
    »Sieh! das ist noch Welt, Uriel: Genuss finden wollen im übernatürlichen
Leben! Begehrst Du den, so bist Du ja gleichsam ein Lohndiener. Als der
göttliche Heiland am Kreuz hing, durchströmte ihn ohne Zweifel eine
unbegreifliche Seligkeit, das Werk der Erlösung vollbracht zu haben; allein er
empfand so gar nicht den Trost, der doch in überschwänglicher Weise daraus
hervor hätte strömen müssen, dass er wehklagte: Mein Gott, warum hast du mich
verlassen! So müssen auch wir unser Glück einzig und allein in der vollkommenen
Hingebung an den Willen Gottes - ohne Beimischung von Genuss und Trost suchen.«
    »Ich bin aber nicht so vollkommen!« rief Uriel.
    »Ich auch nicht!« entgegnete Regina. »Dass wir es werden, ist Gnadensache;
dass wir uns alles Ernstes daran machen, es werden zu wollen, ist unsere Sache.
Übrigens bleibt Dir keine Wahl! da Du dein Herz nicht der Welt vor die Füsse
werfen willst, musst Du es an's Kreuz heften. Eine Zwischenstation gibt es
nicht.«
    »Allein es gibt ein Mass in der Kreuzigung, Regina! Du hast immer das Leben
nach den evangelischen Räten mit seinen drei entsetzlichen Nägeln im Sinn.«
    »O,« fiel sie lebhaft ein, »Du nennst sie entsetzlich; ich nenne sie unser
Brautgeschmeide. Mit ihrem Schmuck sind wir des Bräutigams wert, denn sie
verähnlichen uns ihm. Schlagen sie den natürlichen Menschen an's Kreuz, so heben
sie dafür den übernatürlichen zum Himmel hinauf. Sie machen es ihm möglich,
seinen Reichtum in Gott allein, seine Freuden in Gott allein, seinen Willen in
Gott allein zu suchen und zu finden. Ja, nur sie machen ihm die vollkommene, die
Christus ähnliche Hingebung an Gott möglich. Unter dem Gelübde des Gehorsams,
welches die beiden anderen sicher stellt, führt der Mensch ein Abbild vom Leben
des Gottessohnes, der dreissig Jahre lang in der Hütte und der Werkstatt von
Nazaret sterblichen Menschen untertan war. Nein, Uriel! göttlich ist das ganze
Evangelium! aber die drei Nägel sind seine Krone und seine Glorie. Die bilden
büssende Seelen, jungfräuliche Seelen, Martyrerseelen. Nimm diese hinweg - was
bleibt übrig im Leben des Christentums? nur die Gebote, nur das Alltagsbrot,
während das himmlische Manna verschwindet. Den Vater behalten wir, aber den
Bräutigam verlieren wir. Die evangelischen Räte sind das eigenste Eigen des
Christentums. Das Jesukindchen hat sie vom Himmel herunter gebracht; um die
Krippe von Betlehem sind sie aufgeblüht. Und weil sie diese wundervolle Abkunft
haben, deshalb sind sie so edel, dass sie mit Geld und Gut und irgend einem
Besitz von geschaffenen Dingen sich nicht vertragen! so geistig, dass sie die
innerste Freiheit von jeder Kreatur, die Trennung von dem Liebsten auf Erden,
die Losschälung der feinsten Bande von Fleisch und Blut begehren; so erhaben,
dass sie mit den gewöhnlichen Wegen der Menschen nichts zu schaffen haben und nur
den Weg gehen, den sie vom Jesukind gelernt haben gehorsam bis zum Tode am
Kreuz. Uriel! ein einziger Mensch, der in der Vollkommenheit nach den
evangelischen Räten lebt - und aus ihnen drei Nägel macht, mit denen er sich an
das Kreuz des Herrn heftet, überwiegt weit alle Grösse aller Menschen zusammen
genommen, welche die Welt gross nennt; denn der himmlische, nach Christus
gebildete Mensch ist grösser in ihm. Und davor grauet Dir? und das flösst Dir
Entsetzen ein? Ach, Uriel! ich will Dir sagen, woher das kommt: Du denkst nicht
an die Menschwerdung Gottes, an dieses süsse, liebeselige Geheimnis, welches die
Kirche jetzt im Advent andächtig betrachtet und welches gleichsam der
immerblühende Rosenstrauch ist, aus dem sich fort und fort alle anderen heiligen
Glaubensgeheimnisse wie göttliche Rosen entwickeln. Dem Gottessohn, der sich
liebebesiegt durch unser Elend, zum Sohn der seligsten Jungfrau macht, und als
das gebenedeite Jesukindchen zu Betlehem auf unserer armen Erde erscheint: dem
müssen wir zuerst, zum gerührten Dank für eine so göttliche Liebe, unser Herz
schenken - und ist das geschehen, ach! wie weiss er es dann festzuhalten, und
wieder zu gewinnen, und sich darum zu bewerben, und es an sich zu ziehen, und es
zu berauschen mit seinen Myrrhen und seinem Blut, so dass sich das Herz endlich
auch liebebesiegt ihm anschmiegt und dann sein Genügen hat - für die Ewigkeit.«
    »Dazu muss das Herz besonders begnadet sein, Regina!« wendete Uriel ein.
    Das Herz bildet sich allmälig um nach seiner Liebe; das ist deren Gesetz, so
mächtig ist sie. Liebt der Mensch irdisches Gut, so wird er irdisch. Liebt er
gemeine Genüsse, so wird er gemein. Liebt er Schlechtes an Menschen und Dingen,
so verschlechtert er sich und wird mehr und mehr unfähig zum Guten. Liebt er
Gott, so vergöttlicht er sich, so geht aus dem trauten und beständigen Umgang
mit dem unendlich Schönen und Guten auch etwas Gutes und Schönes in seine
Gedanken, Gefühle, Bestrebungen und Handlungen über. Je besser das Herz wird, um
so mehr liebt es Gott, und je mehr es ihn liebt, desto grössere Gnaden empfängt
es. Er ist ein Herr von unendlicher Milde und Grossmut und kommt der leisesten
Liebesregung zärtlich entgegen.«
    »Dennoch, Regina, muss das Herz besonders begnadet sein, um sich innerlich
und vollständig von allen Geschöpfen - und von dem Glück und den Freuden, welche
sie bringen, abzutrennen. Es gibt sündlose Freuden und Verhältnisse voll
geheiligtem Glück.«
    »Gewiss!« entgegnete sie lebhaft. »Nicht Jeden beruft Gott zum vollkommenen
Aufgeben des Irdischen; allein er verlangt von jedem, dass dasjenige, was in dem
sündlosen Glück und den erlaubten Freuden irdisch ist, durch Beziehung auf Gott
mehr und mehr gereinigt und verklärt werde. Willst Du also Irdisches besitzen
und in Deiner Freude darüber das rechte Mass inne halten und Dich nicht
besinnungslos darin verlieren; willst Du Menschen lieben und in ihnen Dein Glück
finden: so darfst Du es doch nur als etwas von Gott Geliehenes besitzen, das Du
allzeit bereit bist, mit Gleichmut ihm zurück zu geben. Tust Du das nicht, so
wirfst Du dein Herz der Irdischkeit zu Füssen. Tust Du es aber, so lebst Du
gewissermassen auch nach den evangelischen Räten, arm im Geiste, bereit zur
Entsagung, willig zum Gehorsam - und in dieser Weise heiligen sich unzählige
Seelen.«
    »Und warum, Regina, hast Du diesen leichteren Weg nicht gewählt?«
    »Weil ich ihn für einen gefährlichen und mühseligen Umweg halte. Mein Ziel
ist Gott: danach verlange ich. Mein Ende ist Gott: darüber frohlocke ich.
Weshalb sollte ich bei der Kreatur mich aufhalten? Überdas setzt es ein Streben
nach höherer Vollkommenheit voraus, wenn man den Entschluss nach den
evangelischen Räten zu leben, durch die Klostergelübde besiegelt und sich durch
sie, an Hand und Fuss himmlischer Weise gebunden, wehrlos das süsse Joch und die
sanfte Bürde Jesu auflegen lässt.«
    »Immer der alte, hohe, energische Schwung!« rief Uriel.
    Sie unterbrach ihn, wie sie jedesmal tat, wenn sie fürchtete, dass er von Lob
oder von Liebe sprechen wolle, und fragte:
    »Bist Du denn wirklich all diese Jahre in der Welt umher geschweift?«
    »Ja!« erwiderte Uriel. »Ich wollte die eine Liebe vergessen und eine andere
finden; dazu braucht man Zeit und allerhand Kenntnis.«
    »Im Grunde nur - Erkenntnis!« sagte Regina. »Nun, wohin bist Du denn mit
Deinen Kenntnissen gelangt?«
    »Dass ich nichts habe finden können, das grösser als mein Herz und folglich
meiner Liebe würdig wäre. Die Höhen des Tschimborasso, und die Weiten der Wüste
und die Tiefen des Ozeans und der Donnersturz des Niagara füllen die Abgründe
meines Herzens nicht aus - und all das Lebensgewimmel voll Tätigkeit und
Geschäftigkeit, voll Klügeleien und Betrügereien, voll Berechnung und Täuschung,
voll Anstrengung und Nüchternheit gibt meinem Herzen auch nicht einen einzigen
rascheren Schlag.«
    »Das begreift sich!« sagte Regina. »Das Menschenherz ist ein goldener Kelch,
den Gott mit Opferwein gefüllt haben will. Soll er den schalen Wein der
täglichen Mahlzeit oder der irdischen Feste aufnehmen, so entspricht er nicht
seiner Bestimmung. Er wird entweiht - und das Herz, das ein lebendiger Kelch
ist, wendet sich ab von der Entweihung - wenn es sie begreift - und bleibt
lieber leer. Weisst Du wohl, dass dies eine grosse Gnade ist?«
    »Zu der Erkenntnis hab' ich es noch nicht gebracht,« antwortete Uriel mit
einem Anflug von Bitterkeit.
    »Der Trank aus trüben Cisternen genügt Dir nicht; aber Du verschmachtest,«
entgegnete Regina. »Nun wohlan, Uriel! wende Dich zu den Wassern des ewigen
Lebens, wende Dich zu dem Born, aus dem sie in unergründlicher Fülle strömen.
Durchschweife nicht länger den Erdball. Geh' in das erste beste Kirchlein, knie
nieder vor dem Tabernakel. Sieh! dort in dem engen, dunkeln, kleinen Raum, dort
wohnt der, der einzige, welcher grösser ist, als Dein Herz und folglich dessen
Leere füllt. Dann hast Du, was Du brauchst, was Du ersehnst, was Dir genügt.
Meinst Du, dass uns die Klostermauern und die enge Zelle süsser wären, als das
liebe Vaterhaus, wenn Er nicht im Tabernakel unter uns wohnte? Er ist der
göttliche Magnet, der uns fesselt! er ist der himmlische Kompass, der unseren Weg
bestimmt. Der geheimnisvolle Gott im Tabernakel ist die Vervollständigung des
Jesukindchens in der Krippe und des bittern Leidens auf Golgata: so liebt uns
Gott - der König der Ewigkeit. Wer das erkennt, dem wird eine namenlose
Seligkeit das Herz durchfluten, so geliebt zu sein. Dann werden sich die Fluten
senken und das Herz in seiner eigenen Armseligkeit zurücklassen und traurig wird
es sprechen: Ach Herr! zu lieben verstehe ich dich nicht, dazu bin ich zu
gering! aber dienen will ich dir alle Tage meines Lebens bis zum letzten Atemzug
auf dem stillen langen Kreuzweg von Betlehem bis zum Tabernakel. Und dann sei
versichert, Uriel, Du hast den gefunden, der Dein Herz erfüllt. In der Enge, in
der Stille, in der Abgeschiedenheit begegnest Du dem Gott, den Du auf Deinen
Weltfahrten nicht begegnet bist.«
    »Regina! Regina!« rief Uriel, »in diese Enge, in diese Stille muss man ein
wunderbar reines und friedliches Herz bringen; sonst reibt es sich auf.«
    »Ach!« sagte sie, »es bringt jeder sein elendes Herz mit, das unruhig ist,
weil es in menschlicher Brust schlägt. Beginnt nur erst seine stille Kreuzigung
durch die praktische Ausübung der evangelischen Räte, so wird es nach und nach
gefriedigt. Jeder hat seine Kämpfe zu bestehen, seine Versuchungen zu
überwinden, in seinen Prüfungen sich zu läutern..«
    »Und das alles ohne das erleichternde Gegengewicht grosser Tätigkeit!«
    »Ach, Uriel, wir haben hier mehr zu tun, als je die Tante Isabelle, Corona
und ich auf Windeck zu tun hatten.«
    »Ist Gebet - Tat?« fragte er.
    »Meinst Du nicht?« fragte sie zurück. »In stiller Nacht geht der göttliche
Heiland in die Einsamkeit der Berge und betet für die sieche Menschheit. Ist das
weniger Tat, als wenn er am Tage ihre Gebrechen heilt? In stiller Nacht kniet
Franziskus, der seraphische, vor einem Kruzifix und betet: Mein Gott und mein
Alles. Das war vielleicht mehr Tat, als seine ergreifendsten Predigten, durch
die er Tausende zur Busse bekehrte. Das Gebet ist eine ungeheuere Tat, Uriel, ist
das Fundament von allem, was auf Erden zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen
geschieht. Nur setzt sie, statt der Hände und Füsse, die höchsten geistigen
Kräfte in Bewegung. Sie ist der Atemzug des Gedankenlebens. Die Wissenschaft mit
ihren Entdeckungen und Erforschungen, die von so unberechenbarem Einfluss auf die
Menschheit sind, wirkt in der Sphäre des Verstandes etwa so, wie das Gebet in
der höheren und umfassenderen geistigen Sphäre: sie erfindet, was andere
ausführen. Das Gebet lenkt und unterstützt, was anderen frommt. Am jüngsten Tage
wird es dereinst offenbar werden, was wir dem Gebet frommer Seelen zu danken
haben. Unser Gebet hier ist nun freilich zu gering, um grosse Erfolge zu haben.
Wir sind sehr unvollkommen und gehören nicht zu jenen Lieblingen Gottes, deren
Bitten und Wünsche er gern hört und gern erfüllt. Wir sind jedoch in äusserer
Praxis auch nicht so untätig, wie Du zu glauben scheinst! In einer armen Familie
hat jedes Mitglied das Seine zur Erhaltung des Hauswesens beizutragen, der eine
verrichtet dies und der andere jenes. Wir bilden eine arme Familie mit einer
geistlichen Mutter und zwölf Töchtern. Die Zahl ist festgesetzt zu Ehren des
göttlichen Meisters und seiner heiligen Apostel. Sie ist gross genug, um allen
Verpflichtungen nachzukommen; sie ist klein genug, um ohne Lärm und Tumult das
stille Grottenleben des Karmels führen zu können. Die eine hat die Haushaltung
zu besorgen, die andere die Bedürfnisse der Sakristei. Die dritte ist
Krankenwärterin, die vierte spielt die Orgel und leitet den Gesang. Alle stehen
auf zum gemeinsamen nächtlichen Chor und beten die Horen zu den bestimmten
kanonischen Stunden. Ist das nicht alles eine höchst geziemende Beschäftigung?
in stiller Zurückgezogenheit, die überall den Frauen so wohl ansteht, werden die
häuslichen Pflichten des geistlichen Familienlebens erfüllt - und erfrischend
und beseelend, wie ein schöner Strom durch einförmige Fluren, schlingt und
windet sich das Gebet durch all unser Tun und lässt uns nicht allzuweit aus der
Gegenwart Gottes uns verlieren. So vergehen Tage, Wochen, Jahre. Können wir
nicht in Wahrheit mit König David selig ausrufen: Kommt vor Sein Angesicht mit
Jubel. Wir sind Sein Volk und die Schäflein Seiner Weide. Gehet ein mit
Frohlocken in Seine Tore. Preiset Ihn, lobet Seinen Namen; denn lieblich ist der
Herr. Und zu einer so süssen Gegenwart gesellt sich eine noch süssere Hoffnung.
Dereinst kommt ein Stündlein, ach, das gebenedeite, glückselige Sterbstündlein.
Dann heisst es: Der Bräutigam kommt! Dann spricht die Seele: Tritt ein, o Herr,
bei deiner Magd! längst hat mein Herz zu dir gesagt: Dein Antlitz such' ich! -
Und dann spricht er, der unendlich milde und liebliche Herr: Stehe auf, meine
Freundin, und komm'. Der Winter ist vorüber! - Sieh, Uriel, so lebt man und
stirbt man auf dem Karmel.«
    Er hörte ihr zu. Sie hätte stundenlang sprechen können und er würde des
Zuhörens nicht müde geworden sein. Ihm zerschmolz das Herz vor diesen
Frühlingslüften aus einer übernatürlichen Welt. Sie sagte das alles mit einer
Einfachheit und Geistesstille, welche deutlich zeigten, wie heimisch sie in
jener war. Wie von lindem Balsam überflossen und geschmeidigt löste sich die
Spannung, die Unruhe, die ihm die Brust zerkrallten. Er vergass, dass er sie
geliebt, dass er sie verloren hatte. Er war bei ihr, er war glücklich.
    »Regina, Königin meiner Seele!« rief er mit einem Ausbruch von namenloser
Wonne.
    »Willst Du zur Königin der Seelen sprechen,« entgegnete sie sanft, »so musst
Du sie nennen Maria Regina, die gebenedeite Gottesmutter. Die Regina, welche Du
im Sinne hattest, ist ja längst tot. O wende Dich doch nicht den Schatten und
dem Tode zu, wenn ein göttliches Leben Dich ruft und Deiner harrt. Lerne Gott
lieben, indem Du ihm dienst: das ist mein Wunsch und mein Gebet für Dich.«
    Er hörte, dass sie vom Stuhle aufstand.
    »O warte noch!« rief er in heftiger Bewegung; »erfülle mir erst eine Bitte!
sie ist gering. Du hast am Tage Deiner Einkleidung hier am Gitter zu der ganzen
Familie gesagt: Auf Wiedersehen im Himmel! aber ich war nicht dabei. Wohlan,
Regina, öffne das Gitter, schlage den Schleier vom Antlitz zurück, damit ich
Dich noch einmal auf Erden sehe, Dich - die Du alles bist, was ich je geliebt
habe! und dann sprich auch zu mir: Auf Wiedersehen im Himmel.«
    »Es geht nicht,« antwortete sie zögernd; »ich tue es nie.«
    »Ich will es nicht verraten,« sagte Uriel flehend, »nicht dem Vater, nicht
an Corona, nicht an Hyacint.«
    »O, Hyazint wünscht so etwas nicht!« rief sie. »Er war nie hier - und es
wäre doch ihm und mir ein Trost gewesen. Aber er will nicht den irdischen Trost.
Sein Herz ist so recht ein Opferkelch. In den heiligen fünf Wunden bin ich immer
mit ihm vereint; denn nichts verknüpft die Seelen so innig, Uriel, als die
Entsagung.«
    »Ja, er ist eben Hyazint,« sagte Uriel sanft. »Wirf mir nicht vor, dass ich
anders bin. Einmal, nur ein einziges Mal lass mich Dich sehen in dem wunderbaren
Leben, das Du von himmlischen Geistern gelernt haben musst. Einmal tritt heraus
aus den Wolken, Du Morgenstern meines Lebens - und dann bleibst Du mein
Polarstern. Einmal, Du seliges Geschöpf, lass mich den Abglanz Deines Glückes
schauen und meiner Seele einprägen.«
    »Genug,« sagte sie. »Warte hier, ich komme wieder.«
    Sie kam wieder und sagte:
    »Uriel! es war eine besondere Eingebung Gottes, dass ich mir vornahm, als ich
den Schleier empfing, er solle mir nun auch wirklich alle Gestalten der Erde
verschleiern. Aber heute ist's ein besonderer Fall!«
    »O Dank, Regina! Gott Dank!« frohlockte er.
    »Versprich mir aber eines,« sagte sie feierlich. »Der Vater und Corona
dürfen nie erfahren, dass Du mich gesehen hast. Versprich es mir bei dem
gekreuzigten Herrn und Heiland.«
    »Bei dem gekreuzigten Herrn und Heiland!« wiederholte Uriel mit einer
Stimme, die vor Bewegung zitterte.
    Der innere Laden wurde aufgeschlossen, der dunkle Vorhang zurückgeschoben,
endlich das Gitter weit geöffnet. Da standen drei Karmelitessinnen in ihrem
dunkelbraunen Habit mit dem weissen Skapulier und dem schwarzen Schleier. Zwei
von ihnen hatten ihn tief über das Antlitz herabgesenkt. Die dritte hatte ihn
ganz zurückgeschlagen; nur weisses Linnen umgab ihr Gesicht. Das war Regina;
schlank und hoch stand sie zwischen den Ordensschwestern und blickte ruhig zu
Uriel hinüber. Er hielt die Augen geschlossen, bis all die Vorbereitungen
gemacht waren; dann schlug er sie zu Regina auf. Als habe er einen Todesstoss
mitten im Herzen empfangen - so taumelte er vom Gitter zurück, brach zusammen,
sank auf die Knie, schlug beide Hände vor's Gesicht und rief mit einem ächzenden
Schrei:
    »Ah! Ah! Regina - ist das die Milde und Grossmut Gottes!«
    »Seine Barmherzigkeit ist's, die mir schon auf Erden mein Purgatorium -
seine Liebe ist's, die mir Anteil am Kreuz gönnt,« entgegnete sie ruhig.
    Leichenblass und abgezehrt waren ihre Züge, eine fürchterliche Wunde klaffte
an ihrer linken Wange und zog sich zu der Schläfe hinauf - und wie Kerzen in
einer Gruft standen ihre Augen, noch grösser, noch strahlender als sonst, mit
stillem Glanz über der grausigen Zerstörung.
    »Das Gitter zu! den Schleier herab!« rief Uriel in namenloser Verzweiflung.
»Ich halt es nicht aus! ich sterbe vor dem Anblick.«
    Der Vorhang rauschte zusammen und sie sagte:
    »Sieh, Uriel, das ist die Regina, die Du geliebt hast - und Du schauderst
vor ihr zurück! Wirst Du nun die Fügungen Gottes preisen?«
    »Nein!« rief er, und seine Verzweiflung löste sich in Tränenströmen - das
ist sie nicht! Das Lamm Gottes, das Opfer, das sich lächelnd und selig langsam
am Kreuz schlachten und verbluten lässt: das ist die Regina, die ich liebe. O Du
gottbegnadetes Geschöpf, welch einem grossen Herrn dienest Du!«
    »Es ist der, welcher gesagt hat: ich liebe, die mich lieben; und der mir zum
Beweis seiner Liebe seine Dornenkrone aufgesetzt hat.«
    Uriel drückte mit beiden Händen die Tränen aus seinen Augen, nahm alle Kraft
zusammen, um seine Aufregung zu bemeistern, blickte auf das Kruzifix, das ihm
noch nie so verständlich, so lebendig gewesen war, sammelte sein Herz in seinem
Willen und sagte gefasst:
    »Wohlan, Schwester Terese vom Lamm Gottes, der Herr, der Deine Liebe mit
einem solchen Lohn auf Erden vergilt, dessen Liebe muss etwas über alle Begriffe
Grosses, Süsses, Göttliches sein, welches das Mass meines Herzens überfüllt. Das
hab' ich verlangt, das hab' ich gesucht! nun ist es gefunden: dem Herrn will ich
fortan dienen.«
    Da teilte sich der Vorhang. Regina erschien in ihre Schleier verhüllt und
nichts von ihrem Antlitz war sichtbar, als ihre Augen, die wie aus dem Jenseits
schimmernd ihn anblickten. Mit unbeschreiblicher zärtlicher Freude sagte sie:
    »Auf Wiedersehen im Himmel!« und verschwand. -
    Am Abend dieses Tages suchte Uriel in der Stadt den Superior der
Karmelitessen auf, nannte sich ihm und fragte ihn, nachdem er in einigen Worten
den Vorgang mitgeteilt hatte, wie denn eigentlich dies furchtbare Leiden über
die blühende kräftige Regina gekommen - und ob nichts zu ihrer Herstellung
versäumt sei.«
    »Letzteres ist gewiss nicht der Fall,« erwiderte der Geistliche. »Wir haben
hier äusserst geschickte Aerzte und keine Mittel, auch die schmerzlichsten nicht,
sind unversucht geblieben. Aber dies Übel ist ja fast immer unheilbar! - Als die
Gräfin bei den Karmelitessen eintrat, siechte eine Laienschwester daran hin und
die demütige Novize bat um Erlaubnis, die Kranke pflegen zu dürfen. Ansteckend
ist es nicht; nur heisst es, dass der Krankheitsstoff, wenn er auch nur durch ein
Minimum in das Blut des Gesunden übergehe, dieses vergifte. Die Gräfin empfing
mit Freuden die Erlaubnis und besorgte ihr Geschäft mit solcher Andacht, dass die
Oberin mir sagte, ihr fielen dabei die Legenden von der heiligen Elisabet von
Türingen und der heiligen Katarina von Siena ein. Kaum war die Laienschwester
tot, so zeigte sich das Übel bei der Gräfin; aber sie kannte dessen Entstehung
nicht und beachtete es nicht, hielt es für vorübergehend, vielleicht erzeugt
durch die veränderte Lebensweise und mochte nicht davon reden, aus Furcht, man
werde sie, die noch Novize war, zurückschicken, damit sie sich im Vaterhause
herstellen lasse. Bemerken konnte es niemand, da der Halsschleier die Wangen zur
Hälfte bedeckt, da sie immer ganz heimlich die Linnen wusch, welche sie auf die
Wunde legte und nie die leiseste Unruhe oder Bekümmernis kund gab. Nachdem sie
Profess abgelegt hatte und somit ganz sicher war, dass man sie behalten müsse -
wie sie unbefangen sagte - da sprach sie denn endlich von dem Übel und sogleich
wurde ein geschickter Arzt zu Rate gezogen. Er meint, sie könne einen
Nadelstich, einen feinen Riss an der Hand gehabt - und durch denselben, bei dem
Verbinden der Laienschwester, den Giftstoff im Blut aufgenommen haben.«
    »Und so ist sie verloren - rettungslos verloren!« sagte Uriel tonlos.
    »Nur für die Erde, Herr Graf, von der sie ja, der Sehnsucht nach, längst
abgeschieden ist; droben ist ihr ein herrlicher Platz bereitet. Die heilige
Terese sagt: Nach dem Mass der Liebe, mit der wir unserem guten Jesus
nachgefolgt sind, werden uns die himmlischen Wohnungen eingeräumt. Da ist denn
wohl zu hoffen, dass der gute Jesus die Schwester Terese vom Lamm Gottes
liebevoll empfangen werde, wenn sie vor seinem Tron erscheint. Ein
Blutbräutigam, wie die heilige Schrift ihn nennt, ist er ihr hienieden gewesen;
in seinen Wunden hat er sie sich anvermählt; zu einem lebendigen Schlachtopfer
hat er sie auserkoren; und sie hat, wie das Lamm, das zur Schlachtbank geführt
wird, gänzlich dem Willen des göttlichen Bräutigams sich hingegeben, nie den
Mund zur Klage, viel weniger zum Widerspruch geöffnet und so gelitten, in
stiller, schweigender Liebe, wie die ganz guten Kinder Gottes leiden. O Herr
Graf! das gibt eine selige Sterbestunde - und wenn wir uns einer solchen
erfreuen, so haben wir ja unsere Bestimmung erfüllt und unser Ziel erreicht.«
    Uriel liess sich noch mancherlei erzählen von ihrer heldenhaften Geduld, von
ihrer grossmütigen Ergebung. Der Arzt hatte ihr jede Anstrengung untersagt - auch
Orgelspiel und Gesang, auch das gemeinschaftliche Chorgebet; gerade alles, was
ihre süsseste Beschäftigung war. Die schlaflosen Nächte wurden ihr zuweilen so
lang und gern hätte sie sich dann zum Tabernakel geflüchtet und Kraft gesucht in
der wesenhaften Gegenwart Gottes; aber sie durfte nachts nicht die Zelle
verlassen: so wollte es der Arzt - und sie fügte sich mit einer
Bereitwilligkeit, als habe sie auf Genesung gehofft. Uriel fragte, ob sie noch
ein langes Leiden vor sich habe? Der Geistliche erwiderte, das könne der Arzt
nicht bestimmen. Es gehöre Zeit dazu, bis eine so kräftige Natur aufgerieben
sei. Manchmal trete ein Stillstand in der Krankheit ein - und das sei eben jetzt
der Fall - dann erscheine sie, der Stimme und den Bewegungen nach wie eine
Gesunde. Aber nach solchen Pausen im Leiden erhebe es sich jedes Mal mit
verstärkter Gewalt.
    »Ich war ahnungslos über ihren Zustand, bis ich sie sah,« sagte Uriel.
    »Ja, sie ist eine Heldin im Leiden,« entgegnete der Superior. »Sie ist viel
näher bei Gott, als bei sich selbst. Sie hängt mit Christus am Kreuz und
schweigt, wie er. Nur dauert ihre Passion länger, als von der Sext bis zur Non.
Betrüben Sie sich nicht, Herr Graf! den Auserwählten sollen wir nachahmen, nicht
nachweinen.«
    Das fühlte Uriel. Ihm war zu Mut, als sei der Nachen seines Lebens vom Ufer
und von dessen Untiefen und Klippen weit hinweg und auf die hohe See
geschleudert, damit er endlich mit vollen Segeln gehen und den Gestaden der
übernatürlichen Welt zusteuern lerne. Ein Orkan war durch seine Seele in wenigen
Minuten geflogen und hatte sein Inneres zu einem Chaos gemacht; aber so, wie
einst die Sündflut die Schöpfung verheerte, damit eine neue Erde aus ihr
hervorgehe. Die Taube mit dem Ölzweig schwebte ihm zu. Alle Bitterkeit war
geschwunden, alle Härte zerschmolzen - denn die sind irdisch und Himmlisches
hatte sich ihm genaht. Martyrer sind Wundertäter. Das empfand er. Er dachte
daran, dass er einst vor Jahren zürnend zu Regina gesagt habe, sie müsse für ihn
leiden, weil sie ihm so viel Leid bereite. Das war nun geschehen. Er sagte, wie
der heilige Johannes von Gott vor einem Kruzifix zu sagen pflegte: »Deine Dornen
sind meine Rosen und Deine Leiden mein Paradies.«
    So kam er nach Windeck zurück. Die Baronin empfing ihn wie eine zärtlich
besorgte Mutter. Er sagte ihr nur, dankbar und beruhigend:
    »Es ist alles gut, liebe Tante, alles gut - mit ihr und mit mir!«
    Aber in Levins Arme sank er und sagte:
    »Ich habe gefunden, was mein Herz ausfüllt: Liebe zum Leiden, aus Liebe zu
Gott.«
 
                                  Der Kreuzweg
»Also dies ist die berühmteste Ruine der Welt!« sagte Judit und blickte sinnend
umher.
    »Ja! dies ist die Weltruine!« entgegnete Lelio.
    »Dies ist die Ruine, welche Tyrannenmacht verherrlichen sollte - und ihrer
spottet!« rief Florentin.
    »Sie ist höchst malerisch!« bemerkte Madame Miranes.
    Sie standen im Koliseum zu Rom.
    »Was sagt Graf Orestes?« fragte Judit, zu ihm sich wendend.
    »Nichts,« erwiderte er. »Er hört und sieht - Sie.«
    Das war begreiflich! Von Kopf zu Fuss in schwarzen Sammt gekleidet, mit dem
dunkeln Auge in dem schönen farblosen Antlitz, glich sie jenen Statuen aus
hadrianischer Zeit, die freilich nicht mehr im reinen Stil der Antike, aber
vielleicht umso überraschender - nicht geistiger, aber sinnlich lebendiger sind:
deren Gewandung ist aus dunkelm Marmor; Hände, Füsse, Antlitz - aus weissem Marmor
und das Auge aus schwarzer Emaille.
    »Sie sehen aus wie ein Götterbild, das aus alter Zeit vergessen hier stehen
geblieben wäre,« setzte er hinzu.
    »Nein!« rief Lelio; »sondern wie eine ächte Tochter Sions, die im
Trauergewande auf dieser Stätte stehen muss. Hier erfüllte sich das Schicksal
Ihres Volkes in seiner ganzen Herbe. Während hier 12000 gefangene Juden auf
Kaiser Vespasians Geheiss Block auf Block zu diesem Riesenbau hinwälzten und
zusammentürmten und bei der Anstrengung und Mühsal umkamen, wurde ihr eigener
Tempel von den Römern zertrümmert, so dass kein Stein auf dem andern blieb. Sie
mussten sklavisch zur Verherrlichung der Göttin Roma beitragen, während Rom das
Volk Gottes samt dem Gottestempel vernichtete. Seitdem ist es
auseinandergefallen in wandernde Stämme, an denen sich noch nicht die Verheissung
des Propheten erfüllt: Israel zieht hin zu seiner Ruhe.«
    »Wie das schön klingt!« sagte Judit: »Israel zieht hin zu seiner Ruhe!«
weit schöner als Opernarien und Freiheitshymnen! Wer spricht so, Lelio?«
    »Ein Mann Ihres Volkes; aber keiner von denen, welche die modernen Opern
komponieren und die modernen Freiheitshymnen dichten. Der Prophet Isaias spricht
so, ein Gottgesandter, der die Ankunft des Messias und die Erlösung verkündete
und den ein gottloser König ums Leben brachte, weil göttliche Wahrheit dem
irdischen Sinn verhasst ist.«
    »Warum kennen wir nicht die Schriften unserer grössten Männer?« fragte Judit
ihre Mutter.
    »Bestes Kind,« erwiderte diese, »woher sollten wir Zeit nehmen, uns mit der
alten Literatur zu beschäftigen, da wir ja an der modernen in vier bis fünf
Sprachen übergenug haben.«
    Lelio lächelte und Florentin nahm das Wort:
    »Wie wär' es möglich, sich mit dergleichen Antiquitäten zu befrachten, da
jetzt unsere ganze Gegenwart eigentlich eine Weissagung ist.«
    »Welche sich durch tanzende Tische ausdrückt, nicht wahr?« warf Judit ein.
    »Oder durch Brigham Young, den Mormonenhäuptling und Konsorten!« rief Lelio.
    »Nein, nein! Durch Jung-Deutschland und Jung-Israels Zeitungsblätter!« sagte
Orest.
    »Genug!« rief Florentin triumphierend, »durch Millionen Stimmen, die Ihr
verhöhnt, weil Ihr sie nicht widerlegen könnt - und gegen die Ihr aufschreit,
weil Ihr Euch vor ihnen fürchtet.«
    »O nein,« sagte Lelio, »wir wissen, dass es von Anbeginn falsche Propheten
gegeben hat, und dass sie grossen Zulaufs sich erfreuten; denn sie reden zur Welt
vom Weltgeist. Sie schauen sich um in den niederen Geistesschichten der Epoche
nach der vorherrschenden Strömung und Richtung derselben und nach welchem Punkt
hin diese die Fahne des Zeitgeistes drehen, die eben eine Wetterfahne nur ist
und kein edles Banner von bestimmter Farbe, das seinen Ehrenplatz einnimmt.
Jenen Punkt fassen die falschen Propheten in's Auge, erzählen Wunderdinge von
ihm, zünden bengalisches Feuer um ihn an, streuen Weihrauch in dasselbe und
machen sich zu dessen Priester. Die Luft weht irdisch schwül in jenen
Niederungen. Da bläht sich eine falsche Wissenschaft auf, da fächelt sich die
Selbstvergötterung mit Pfauenfedern, da spreizt sich der Hochmut, da flattert
die Neugier umher, da schwelgt die Sinnlichkeit, da haucht jede böse Lust ihre
giftigen Dämpfe aus; und in diesen Niederungen sind die falschen Propheten zu
Hause, oder siedeln sie sich an. Da sind sie willkommen; da werden ihre
Verheissungen gierig aufgenommen. Es sind ja die Spiegelbilder der eigenen
Begierden! Der falschen Wissenschaft wird die Herrschaft ihres Idols:
Erkenntnis, verheissen; der Selbstvergötterung die Herrschaft ihres Idols:
Emanzipation von jeder höheren, heiligen Schranke; der Neugier ihr Idol: den
Einblick in schauerlich interessante Mysterien; dem Hochmut: einen Tron für das
Individuum; der Sinnlichkeit wird das uralte Wort zugerufen: wie Götter werdet
ihr sein! So hört jeder von dem falschen Propheten das, was seine Begier
verlangt, labt sich an dieser Zusage, hofft auf deren Verwirklichung, treibt und
drängt nach seinen Kräften zu ihr hin, schwelgt in der Verheissung und preist
den, der sie gemacht hat - so dass sich um ihn, nicht selten zu seinem eigenen
Erstaunen, lawinenartig ein immenser Anhang bildet und mehr und mehr seinen Ruhm
erhöht.«
    »Aber worin besteht denn der Unterschied zwischen dem wahren und dem
falschen Propheten - zwischen Isaias und Joe Smit, von dem ich gelesen, dass er
das Buch Mormon, die nordamerikanische Bibel, aufgefunden haben wolle und, auf
sie sich stützend, behaupte: seine Anhänger wären die Heiligen der letzten Tage
und mit besonderen Kräften und Gaben ausgerüstet,« fragte Judit.
    »Darin, dass die falschen Propheten die Idole in der Menschenbrust hegen und
pflegen, schmeicheln und bereichern und dadurch ihren Weissagungen Eingang
verschaffen - und dass die wahren Propheten diese Idole zu stürzen und eine
höhere Geistesströmung in die Niederungen des Lebens zu lenken suchen. Die
falschen Propheten fabeln von Menschenwitz und Menschentat; die wahren
verkündeten eine Gottestat. Als diese sich erfüllte und Gott - Mensch wurde,
brauchte die Welt keine Propheten mehr, denn ihr wurde fortan durch das
Evangelium Weg und Ziel gewiesen. Heilige Seher hat es seitdem noch im
Christentum gegeben, welche durch eine besondere Kraft die Dinge der Zukunft in
der Zeit wie in der Ewigkeit in wunderbaren Gesichten schauten und ihnen Worte
gaben. Allein diese Gesichte, diese Prophezeihungen des Zukünftigen wurzelten
immer in der Offenbarung und waren im tiefsten Einklang mit dem Evangelium. Eine
neue Wahrheit verhiessen sie nicht; ein neues Wort Gottes wie Joe Smit sein Buch
Mormon, erfanden sie nicht; und deshalb bildeten sie auch keine neue Sekten,
sondern blieben schlichte, einfache Glieder der heiligen katolischen Kirche.
Ausserhalb derselben wimmelt es von Propheten - bei Muhamed anzufangen, bei Joe
Smit und seinem Nachfolger Brigham Young vor der Hand zu endigen. Da sie eine
neue Offenbarung oder eine neue Deutung derselben zu bringen vorgeben, so
drücken sie sich selbst den Stempel der Unwahrheit auf und erweisen sich weniger
klug, als die Orakel der vorchristlichen Welt, die, nach glaubwürdigem Zeugnis
gleichzeitiger heidnischer Schriftsteller, verstummten, als Christus geboren
wurde.«
    »Mit jemand, dessen kategorischer Imperativ die katolische Kirche ist,«
versetzte Florentin achselzuckend, »ist freilich nicht zu streiten.«
    »Das kommt mir auch so vor,« sagte Judit gedankenvoll.
    »Denn er sieht,« fuhr Florentin fort, »in dem Geistesrauschen, das über die
Welt hinfegt, um einer neueren, besseren Ära die Bahn zu brechen, nur einen
Orkan, der sein Idol stürzen wird.«
    »Der Orkan der Zeit kann die Rechte, die Besitztümer, die freie Bewegung der
Kirche hinwegfegen - wie das schon oftmals geschehen ist,« entgegnete Lelio
ruhig. »Aber das Ewige in ihr wird vom Vergänglichen nicht gestürzt!«
    »Idole sind Scheingötter, d.h. Götzen; und diese stürzen zusammen. In der
katolischen Kirche aber ist Gott - und Er ist Der, der da ist. Der Urgrund
alles Seins kann nicht gestürzt werden. Sein Geist beseelt, lenkt und führt die
katolische Kirche, hat schon oft vom Zeitgeist ausgelöscht werden sollen, wurde
aber immer fertig mit ihm und wird es auch werden mit dem Geistesrauschen, das
sich, wie Graf Orestes sagt, in Jung-Deutschlands und Jung-Israels Zeitschriften
vernehmen lässt. O!« fuhr er lebhaft fort, zu Judit gewendet, »muss man nicht auf
dieser Stätte von unerschütterlicher, in göttlicher Verheissung wurzelnder
Überzeugung ergriffen werden, dass das Evangelium und die Kirche, welche es
bewahrt und verkündet, göttlichen Ursprunges und voll übernatürlichem Leben sein
müssen? Hier wüteten während dreihundert Jahren alle Mächte der Welt und der
Unterwelt gegen das Christentum. Hier wollten es die Imperatoren vertilgen, und
die Philosophie es mit der Ferse zertreten, und das Volk es in Blut ertränken;
und siehe da! nach drei Jahrhunderten hatte das Christenblut die heidnische Welt
überflutet, so dass nur noch deren schwarze Trümmer aus dem rauchenden Meer von
Blut und von Tränen aufstarrten. Hier vollzog sich der Untergang Israels; hier
der Untergang des heidnischen Roms. Die Legionen besiegten die Juden und die
Martyrer die Legionen. Für beide Siege blieb als Denkmal das Koliseum zurück;
drum nannte ich es vorhin die Weltruine! und sehen Sie, Signora, die Trophäe des
letzten Sieges: - dort!«
    Lelio zeigte auf das schlichte hölzerne Kreuz, das von einigen Stufen
umgeben, mitten in der Arena des Koliseums sich erhebt. Sie waren sämtlich zum
Podium hinauf gestiegen, dem breiten Umlauf vor den Sitzen der Zuschauer bei den
Gladiatorenspielen - und blickten von hier über eingestürztes Mauerwerk und
grüne Schlingpflanzen in das schöne edle Oval der Arena hinab. Judit liess sich
von Lelio die Einrichtung des Gebäudes und die Art der Spiele, die hier
stattfanden, beschreiben. Madame Miranes schauderte. Judit sagte:
    »Welch' eine Entnervung des Charakters gehört dazu, um in eine solche
Verwilderung zu fallen.«
    »Ich kann sie begreifen!« sagte Orest. »Es ist ja unmöglich, in permanenter
Bewunderung des Ballets zu bleiben. Das Auge stumpft sich ab; das Herz nimmt es
übel, dass es durch das Auge keinen Eindruck mehr empfängt, der es zu einem
rascheren Schlage anspornt, und mag nicht in der faden Mattigkeit verbleiben. Da
gerät man denn in den Gegensatz, um die Sehnerven wieder zu beleben und dem
Herzen wieder Spannkraft beizubringen. Beständig Honig ist der Zunge widerlich.
Drum indischen Pfeffer her! So ging's den alten Römern - und wer weiss, was uns
noch passiert.«
    »Besser doch zum Schwarzbrot des Lebens greifen,« rief Judit.
    »Um an der Kost Behagen zu finden, muss man eine sehr gesunde Natur haben,«
bemerkte Lelio.
    »Ich wundere mich aber sehr, Graf Orestes,« sagte Judit, »dass Sie solche
affröse Neigungen dem Herzen zuschieben wollen! Schieben Sie es auf Erziehung,
Beispiel, rohe Umgebung, schlechte Sitten oder sonst etwas - nur nicht auf's
Herz.«
    »Die höchst edlen Herzen leben und handeln nicht höchst brutal,« entgegnete
Orest. »Das Ding, das in der Menschenbrust Tiktak macht, stellt den Zeiger auf
unsere Handlungen.«
    »O, er hat recht, Signora!« rief Lelio; »der Graf hat ganz recht! im Herzen
sitzt der Wille des Menschen und macht ihn göttlich oder teuflisch oder gemein -
je nachdem er das Herz mit seinen Neigungen zur Höhe treibt, zur Tiefe drängt.«
    »Könnt' ich nur begreifen, Lelio,« sagte Judit fast ungeduldig, »wie Sie in
so wenig Wochen sich ganz haben verwandeln können! Früher sprachen Sie in
Fiorino's Styl und lebten in dessen Anschauungsart - allerdings schwunghafter!
und jetzt ist das spurlos verschwunden, wie mit einem feuchten Schwamm von der
Schiefertafel hinweg gewischt!«
    »Das verspricht Dauer!« rief Florentin verhöhnend.
    »Sie müssen bedenken, Signora,« sagte Lelio gelassen, »dass ich eine
vortreffliche katolische Erziehung genossen und bis zu meinem achtzehnten Jahre
in dem Kreise einer Familie aufgewachsen bin, die, so einfach bürgerlich sie
ist, durch ächt christliche Bildung sich auszeichnet. Nichts macht den Geist so
empfänglich für schöne und grosse Ideen, nichts hebt das Gefühl zu einer solchen
Höhe, als die Kultur der Seele durch Religion. Unter diesen Einflüssen verlebte
ich meine Kindheit, meine erste Jugend. Ein Bruder meines Vaters ist Pfarrer an
der Kirche Maria della pace; ein Bruder meiner Mutter ist Benediktiner zu Sta.
Scholastica, droben im Gebirg; eine ihrer Schwestern Klosterfrau bei den vive
sepolte« .... -
    »Grässlich!« rief Judit; »bei den Lebendig-Begrabenen! o grässlich!«
    »So nennt sie der Volksmund - ja Signora!« fuhr Lelio ruhig fort. »Was ist
denn darüber zu lamentieren? Begraben zu sein für die Bosheit und Gemeinheit der
Welt, ist doch wahrlich kein Unglück! Trösten Sie sich, Signora! meine Mutter
hat noch drei Brüder und zwei Schwestern, die sämtlich in glücklicher Ehe leben
und zusammen wohl zwei Dutzend Kinder haben: die Welt stirbt nicht aus! aber die
Seelen, die sich von ihr zurückgezogen haben, erhalten in der Familie durch ihr
Gebet und ihr Beispiel ein gewisses himmlisches Element, ein übernatürliches
Gut, das auch Denen zu gut kommt, die im Strome der Welt schwimmen. Als ich
jetzt zu meinen Eltern zurückkam, brauchte ich mich nur unterzutauchen in die
Erinnerungen meiner Jugend - und der ganze Ballast sündhafter Verkehrteit fiel
mir wie eiserne Bande von der Stirn, von der Brust, vom Auge. Ich wurde frei -
denn ich trat aus der Luft des Todes in die des Lebens - aus der Knechtschaft in
die Erlösung zurück.«
    »Ja,« sagte Judit gedankenvoll, »es mögen geheimnisvolle Einflüsse um uns
tätig sein und wir bemerken es nicht! oder wir fliehen wohl gar die heilsamen
und suchen die unheilvollen auf.«
    »So hab' ich es damals gemacht, als ich es vorzog, meinen Leidenschaften den
Zügel schiessen zu lassen, anstatt sie zu bändigen,« entgegnete Lelio.
    »Signora,« sagte Orest unmutig, »Sie scheinen nach Rom gegangen zu sein, um
sich ausschliesslich mit Signor Lelio zu unterhalten.«
    »Man folgt gern den Schicksalswendungen eines alten Freundes nach,« sagte
sie.
    »Jetzt wollen wir uns aber aus dem Staube machen!« rief Florentin. »Da kommt
eine Prozession mit ihrem plärrenden, ohrenzerreissenden Gebet! das ist
unaushaltbar.«
    Durch den grossen Eingangsbogen, vom Forum her, trat ein Kapuzinerpater, ein
grosses Kruzifix tragend, in die Arena, und eine Menge Menschen folgte ihm laut
betend.
    »Ah, die Kreuzwegandacht! es ist heute Freitag,« sagte Lelio.
    »Was beginnen diese Leute?« fragte Judit; »weshalb knieen sie alle dort
nieder und was bedeuten die blassen Gemälde, die ich eben jetzt erst an der
inneren Ringmauer der Arena bemerke?«
    »Nachdem das Koliseum seine erste Bestimmung verloren hatte und kein Zirkus
für Gladiatorenkämpfe mehr war - Dank dem frommen Einsiedler Telemach, der vom
Geist christlicher Liebe aus seiner Felsenzelle getrieben, sich mitten in die
Arena flehend und weinend warf« ... -
    »In was sich diese Mönche nicht überall einmischen!« unterbrach Florentin
Lelio's Bericht. »Die Civilisation hätte diese Spiele ja von selbst ersterben
lassen!«
    »Und dass bis dahin noch ein paar tausend Menschen von anderen Menschen und
zum Vergnügen von abermals Menschen hingewürgt wurden, hat freilich in den Augen
der Civilisation gar nichts - für den armen Einsiedler aber sehr viel zu
bedeuten;« entgegnete Lelio. »Die entmenschte Roheit war in diesem Punkte so
hoch gestiegen, dass kein Gesetz des Kaisers Teodosius die blutgedrängte Arena
in Rom zu schliessen vermochte und noch weniger gelang es seinem Sohn, dem Kaiser
Honorius. Telemach brachte es zu Stande, indem er sich opferte. Er stürzte sich
zwischen die Kämpfer, um sie zu trennen, und rief die Zuschauer an, ihm
beizustehen in diesem Bemühen. Allein die Gladiatoren, im Blutrausch des
wütenden Kampfes, metzelten denjenigen nieder, der ihnen das Leben retten
wollte, und Telemach's zerfleischter Leichnam lag vor den blutigen Schwertern
beider Parteien. Da entsetzte sich das Volk über eine solche Barbarei, und nun
wurde es dem Kaiser Honorius leicht, die Gladiatorenspiele aufzuheben. Wenig
Jahre später wurde Rom von den wilden nordischen Völkern mehrmals bedroht und
belagert, erobert und geplündert. Sie machten das Koliseum zu ihrer festen Burg
und ihrem Lagerplatz. Als sie abzogen, war Rom verwüstet und durch Feuersbrünste
verheert. Da wurde das Koliseum ein Steinbruch: aus seinen Blöcken erbaute man
ganze Paläste. In eine unzerstörbare prächtige Ruine verwandelt stand es nun da,
bis im Mittelalter die wilden Parteien des römischen Adels teils dem Papst,
teils sich untereinander die Herrschaft der ewigen Stadt zu entreissen suchten
und in blutigen Fehden, welche die fremden Könige zu ihrem Vorteil unterstützten
und ausbeuteten, grässliches Elend, Not und Schmach über die ewige Stadt
brachten. Die Orsini und Colonna, Roms stolzeste Söhne, hausten schlimmer als
Goten und Vandalen, und das Koliseum musste auch ihnen als Feste und Warte
dienen, worin sie sich verschanzten und die Campagna überschauten. Dann wurde es
wieder still um diese wunderbare Ruine, an die jeder Sturm in der Weltgeschichte
heranbrauste, ohne ihre Schönheit zu beeinträchtigen.
    Im vorigen Jahrhundert lebte ein grosser apostolischer Missionär, der selige
Leonardo von Porto Mauricio, Franziskanerordens. Der erwog in seinem von
Christusliebe glühenden Herzen, es gezieme sich, dass diese Stätte, über welche
Martyrerblut in Strömen geflossen war, eine heilige Weihe empfange. So viele
Kirchen Roms waren über den Gräbern derjenigen Martyrer erbaut, deren Namen,
Taten und Leiden zur allgemeinen Kenntnis gekommen waren; aber die Armen, die
Namenlosen, die Unbekannten, die hier ihre Seele in ihrem Glaubensbekenntnis
aushauchten und deren Grab niemand kennt als Gott: sie waren es wohl wert, dass
das Leid, welches sie hier geduldet - hier auch mit dem göttlichen Leiden in
Verbindung gebracht werde, welches allein ihre Kraft und Stärke war. Der heilige
Vater Papst Benedikt XIV. genehmigte die Bitte und den Vorschlag des seligen
Leonardo. Es wurden jene kleinen Kapellen an der inneren Ringmauer errichtet,
die so unscheinbar sind, dass sie den Charakter des Koliseums nicht stören, aber
ihm gleichsam eine christliche Seele geben. In jeder der vierzehn Kapellen ist
ein Gemälde, welches einen Moment aus dem bitteren Leiden und Sterben des Herrn
darstellt: seinen Kreuzweg; also für jeden Christen der Weg und der Wegweiser
zum Himmel, daher sehr heilsam zu betrachten und im Herzen zu erwägen und
deshalb eine der beliebtesten Andachtsübungen des christlichen Volkes. Sehen
Sie, Signora, vor jedem Bilde wird Halt gemacht - Station gemacht, ist der
kirchliche Ausdruck - werden einige kurze Gebete gebetet, die sich auf den
Moment des heiligen Leidens beziehen und eine kleine Nutzanwendung auf uns
selbst machen. So wandelt die Seele an den vierzehn Stationen vorüber, im Geist
den Herrn begleitend, von seiner Verurteilung bis zu seiner Grablegung,
gekräftigt in ihrer Trübsal und zu ihren Kämpfen durch das leuchtende, rührende
Vorbild ihres göttlichen Erlösers. Fiorino behauptet freilich, die stupiden
Mönche mischten sich unnützer Weise in eine Menge von Dingen, die auch ohne sie
zu Stande kommen würden; aber ich glaube nicht, dass die liebliche
Kreuzwegandacht hier von selbst aus Sand und Steinen aufgeblüht wäre. Ein armer
Mönch musste kommen und sie aus seinem liebeflammenden Herzen hierher
verpflanzen.«
    »Armseliger Spott,« rief Florentin erbittert, »der meinen und Ihren gesunden
Menschenverstand, Signora, nicht trifft. Aber das behaupte ich: ob diese Andacht
hier oder im Mond gehalten wird, das ist für das wahre Wohl der Menschheit
durchaus gleichgültig und deshalb hätte dieser erbärmliche Mönch sie in seinem
Herzen oder in seinem Kloster behalten dürfen.«
    »Wie denn überhaupt die beste Lebensäusserung der katolischen Kirche und die
beste Kundgebung innigen Glaubens in Deinen Augen, Fiorino, die wäre - dass sie
sich unsichtbar machten; nicht wahr?« sagte Lelio.
    »Und ich bin der Ansicht,« sagte Judit, »dass das wahre Wohl der Menschheit
ausserordentlich gefördert wird, wenn man ihr durch Andachtsübungen Trost und
Kräftigung beibringen kann. Das ist ein edles, einfaches Mittel und es freut
mich viel mehr, Fiorino, die Kreuzwegandacht im Koliseum gehalten zu wissen, als
im Monde.«
    »Wenn Sie das Menschenwohl im stumpfen Dulden erblicken, Signora, so
begreift sich Ihre Freude. Nur entadeln Sie den Menschen dadurch und berauben
ihn seiner Würde,« entgegnete Florentin.
    »O nein!« rief Lelio; »der betende Mensch ist sich mehr als ein anderer
seiner Würde bewusst: er spricht mit Gott, als ein Kind zum Vater.«
    »Lelio, ich bitte Dich, hör' auf mit Deinen Faseleien!« rief Florentin mit
steigender Heftigkeit. »Es ist entsetzlich, einen vernünftigen Menschen - denn
Du warst noch vor drei Monaten ein sehr vernünftiger Mensch, von hellem Kopf und
klarer Einsicht - in einer so traurigen Verwirrung seiner Begriffe zu sehen. Der
Mensch ist ein aus ewigen Naturgesetzen hervorgehendes, in sich selbst
abgeschlossenes, selbstständiges Individuum, das sich innerhalb der Schranken
jener Gesetze frei bewegt. Er kann sich nicht unsterblich machen, kann nicht
immer zwanzig Jahre alt bleiben, kann nicht auf einem anderen Planeten sich
ansiedeln und was dergleichen Schranken mehr sind, welche eine Bedingung seines
Daseins ausmachen. Aber in die Abhängigkeit von einem sogenannten höheren Wesen
ihn bringen, zu einem unmündigen Kinde ihn machen wollen, das jenem Wesen
gegenüber zu bitten, zu danken, zu wünschen, zu jammern hätte, um es sich
geneigt zu machen - ja, das ist eben ein Märchen, womit man die Völker in den
Tagen der Unwissenheit am Gängelbande führt. Ein solches höheres Wesen kann
schon deshalb gar nicht für uns existieren, weil kein Zusammenhang zwischen ihm
und uns besteht.«
    »Was wäre denn das Leben Deines Geistes und Deine unsterbliche Seele?«
fragte Lelio.
    »Der Geist ist ein Erzeugnis der Tätigkeit des Gehirns,« erwiderte
Florentin, »entwickelt sich mit dem Gehirn und stirbt mit ihm dahin. Das lässt
sich beobachten von der Wiege bis zum Grabe, vom Kinde bis zur Leiche.
Unsterbliche Seelen hat die Wissenschaft noch nicht entdeckt. Sie fallen mitsamt
jenem höheren Wesen, jenem ausser- und überweltlichen Gott, in die Kategorie der
Fabel. Spricht also ein Mensch zu diesem Wahngebilde, so macht er den Eindruck
eines Fieberkranken, der seine Phantasien für Wahrheit hält. Wie kann da von der
Würde des Menschen die Rede sein? Ein aufrichtiger Mensch, der nicht mit sich
selbst und nicht für andere geflissentlich Komödie spielt - was könnte der wohl
in einer solchen betenden Situation sagen?«
    »Vergib uns unsere Schuld,« erwiderte Lelio ernst.
    Florentin erbleichte und schwieg. Orest rief:
    »Allons, Florentin, Antwort! Soll der römische Katolik das letzte Wort
haben gegen Jung-Deutschlands freien Forscher?«
    Madame Miranes aber, die eine grenzenlose Langeweile bei solchen Gesprächen
empfand und gar nicht begriff, wie Judit ihnen stets mit Interesse folgen möge
- benutzte den günstigen Augenblick und rief:
    »Barmherzigkeit! wir werden hier auch zu Martyrern! wir erfrieren in diesen
Steinmassen, denn die Sonne ist fast untergegangen und die feuchte Novemberluft
ist so schädlich.«
    Die Gesellschaft brach auf, durchwanderte noch die übrigen Gänge und Räume
des Koliseums und stieg dann wieder in die Arena hinab. Die Kreuzwegandacht war
zu Ende. Der selige Leonardo von Porto Mauricio hat nicht bloss die Errichtung
der vierzehn Stationskapellchen im Koliseum bewerkstelligt, sondern auch eine
Bruderschaft gegründet, welche die Verpflichtung übernahm und bis zur Stunde
erfüllt, jeden Freitag daselbst die Anbetung des Gekreuzigten öffentlich zu
verkünden. Ihr schliessen sich gewöhnlich andere Andächtige an; und einige von
diesen knieten noch betend an verschiedenen Stationen. Auch zwei Kapuziner, von
denen der eine einen Sack über die Schulter gehängt trug. Als Judit an ihnen
vorüberging, stockte ihr Schritt unwillkürlich und Florentin rief laut genug, um
von den Kapuzinern gehört zu werden:
    »Der Auswurf der Menschheit: Tagediebe, Faullenzer, Bettler und Heuchler in
einer Person!«
    »Die Blüte des Christentums und deshalb von den modernen Heiden gehasst!«
rief Lelio ebenso laut.
    Die Kapuziner befolgten den Rat, den ein alter ägyptischer Einsiedler einem
Jüngling gab: sich gegen Lob und Tadel der Menschen wie eine Bildsäule zu
verhalten. Judit sagte im Weitergehen:
    »Fiorino, Sie machen es mir unmöglich, Sie hier in meiner Begleitung
aufzunehmen. Solche rohe Äusserungen will ich nicht hören - und umso weniger, als
der eine Kapuziner ein Mann ist ... o ein unvergleichlicher Mann! Hast Du ihn
nicht erkannt, liebe Mutter? Ernest war es!«
    »Bestes Kind,« entgegnete Madame Miranes, »glaubst Du, Ernest werde hier auf
seine eigene Hand lebende Bilder aufführen?«
    »Ernest war es!« wiederholte Judit; »älter geworden, wie man eben wird in
acht Jahren, verändert durch die Tracht .... aber er war es. Damals in
Frankfurt,« sagte sie zu Orest, »war ich seine Schülerin in der Malerei. Jetzt
ist er Kapuziner und ich bin Opernsängerin! - welche Kluft! ich möchte ihn nicht
wiedersehen.«
    »Bravissimo, Signora!« rief Florentin.
    »Wenn Sie mich loben, Signor Fiorino,« entgegnete sie kalt, »so fürchte ich
Unrecht zu haben. Was sagt Graf Orestes?« wendete sie mit ihrem bezaubernden
Lächeln zu diesem sich hin.
    »Diesmal hat Florentin recht,« erwiderte Orest. »Die Kapuziner sind äusserst
respektable Männer, ich kenne sie von meiner Heimat und Kindheit her und in
ihrem Kloster am Main ist die Begräbnisgruft meiner Familie; aber mit Ihnen,
Judit, und mit dem Leben haben sie nichts gemein.« -
    Sie fuhren nach dem Corso, wo Judit eine grosse, elegante Wohnung hatte.
Dort angelangt, verabschiedete sich Orest, setzte sich auf sein Pferd, das im
Hof des Palastes ihn erwartete, und ritt der Porta del popolo und der Milvischen
Brücke zu - denn auf der Strasse sollte heute Graf Damian mit Corona von Florenz
nach Rom kommen.
    Orest schien keine Eile zu haben, die Seinen wiederzusehen. Er ritt im
Schritt, nichts weniger als heiter war sein Ausdruck und das schlanke
Vollblutpferd fühlte mit Unbehagen und mit nervosem Unwillen die Verstimmung des
Reiters an dessen unstäter Hand. Orest dachte bei sich selbst: O hätte ich eine
Wünschelrute! ich versetzte den Schwiegerpapa von dem ponte molle nach Windeck
zurück! Corona allein - würde der Vernunft Gehör geben, aber er! aber er!
Hyazint ist freilich auch da .... als Moralprediger - aber als Prediger in der
Wüste! auf einen Bruder hat man nicht Rücksicht zu nehmen, wenn es das
Lebensglück gilt - und Hyazint hat das zuerst bewiesen, als er, ganz gegen
meinen Rat und meine Ansicht, geistlich wurde. Uriel will auch kommen -
schreiben sie. So wäre dann die Familie ziemlich beisammen! allein Uriel macht
auch Extravaganzen .... in seiner Art! drum ist mir niemand lästig als der Papa.
Schwiegervater, Pflegevater, Onkel und Vormund in einer Person - das gibt eine
Respektsperson sondergleichen ab, wenn man auch längst der Vormundschaft
entwachsen ist. - - Orest fühlte sich dem Grafen Damian gegenüber deshalb unfrei
in seinen Projekten, weil er voraussah, dass derselbe sie ganz kalt und ohne die
mindeste Berufung auf religiöse Grundsätze und einen übernatürlichen Standpunkt
abfertigen werde. Seinen Brüdern war er entschlossen zu antworten, dass sie mit
ihren exzentrischen und schwärmerischen Ideen nicht im Stande wären, die
Herrschaft der grossen Leidenschaften zu begreifen; allein dem Grafen Damian, der
mit ihm, was den Egoismus betraf, ungefähr auf gleicher Stufe stand - dem
scheute er sich, Rechenschaft ablegen zu sollen. Seine Hoffnung war Corona. O!
seufzte er aus tiefster Brust, die Jagd nach dem ersehnten Glück ist etwas
Verzehrendes! Wäre nicht Judit mein Ziel und erreichte ich es nicht bald - ich
weiss nicht, ob ich noch lange die Folter des Lebens aushalten könnte. - - Unfern
des ponte molle traf er die Reisenden, stieg zu ihnen in den Wagen und gab sein
Pferd seinem Reitknecht.
    Graf Damian war seinem Schwiegersohn nicht sehr gewogen; es trafen zwei
selbstsüchtige Naturen aufeinander, welche beide Rücksichten forderten, aber
nicht nahmen, und welche beide geneigt waren, im Universum nur sich selbst und
ihre Persönlichkeit zu sehen. Diese überwiegende Wertschätzung seiner
Persönlichkeit hatte sich bei Graf Damian durch seine Liebe für Corona nur
gesteigert, gleichsam ausgedehnt. Er zog seine Tochter in den Kreis seines Ichs
hinein und verlangte, sie glücklich zu sehen, um ihr Glück zu geniessen. Dahin
liess es aber Orest nicht kommen und so fühlte er sich beeinträchtigt in seinen
so äusserst edlen Glücksansprüchen, die ihm umso rechtmässiger erschienen, als sie
ja nur das Glück der Tochter verlangten. Der Mensch hat immer allerhand
Scheingründe, um seine Schwächen - und gerade sie! als Tugenden darzustellen;
denn seine Schwächen - sind seine Schosskinder! seine grossen Fehler wäre er wohl
meistens selbst gerne los. - Eine gewisse Spannung zwischen dem Schwiegervater
und Schwiegersohn ergab sich aus diesen Verhältnissen, und Corona, zwischen
beiden stehend, musste noch gar die Vermittlerin abgeben und das Öl ihrer
schonenden Milde über die bitteren Fluten der Gereizteit und des Trotzes
sänftigend ausgiessen.
    Hyazint, der zur Vervollkommnung seiner teologischen Studien auf ein Jahr
nach Rom gegangen war und dort im deutschen Priesterhause Santa Maria delle
anime lebte, hatte für die Ankommenden eine Wohnung am spanischen Platz genommen
und erwartete sie in derselben. Sie war sehr freundlich und empfing die müden
Reisenden mit behaglichem Kaminfeuer und Lampenlicht.
    »Guter Hyazint!« rief Graf Damian und rieb sich vergnügt die Hände, »bei
Dir ist's warm und häuslich. Bisher war es recht frostig!«
    »Du bist hier bei Dir und nicht bei mir, lieber Onkel!« entgegnete Hyazint.
    »Ich weiss! ich weiss!« rief der Graf. »Es war nur, um Dir zu sagen, dass Du
Deine Sache vortrefflich gemacht hast.«
    Die Koffer wurden gebracht und die Zimmer verteilt. Als der Graf in den
Salon zurückkam, sagte er:
    »Es ist aber ein Zimmer zu wenig, Hyazint! Du hast wohl nicht auf Lili und
ihre Bonne gerechnet. Wo Orest sein Unterkommen finden soll, weiss ich nicht.«
    Orest sass am Kamin und Felicitas auf seinen Knien. Mit einem Anflug von
Verlegenheit sagte er:
    »Da diese Wohnung sehr hübsch ist und bequem liegt, so riet ich Hyazint zu
ihrer Wahl. Eine Stallung für meine Pferde hat sie aber nicht, und da ich diese
nicht einzig und allein der Obhut eines englischen Jockeis überlassen kann, der
zwar exzellent ist, doch kein anderes Wort spricht, als Yorkshire-Englisch: so
hause ich mit ihnen im Hotel Meloni - ganz in der Nähe.«
    »Unbequeme Einrichtung!« brummte der Graf; »da muss immer ein Diener auf den
Beinen sein, um mit Aufträgen, Anfragen etc. etc. hin und her zu laufen!«
    Sein Missmut würde zugenommen haben, wenn er gewusst hätte, dass das Hotel
Meloni mit nichten in der Nähe lag, sondern an der Piazza del popolo und durch
die ganze lange Strasse del Condotti vom spanischen Platz getrennt. So hatte
Orest es sich ausgedacht, um freier in seinen Bewegungen zu sein. Corona ahnte
nichts Gutes aus dieser Einrichtung; Orest aber sagte:
    »Du wirst für Dich und Lili gewiss mit dieser Wohnung zufrieden sein, Corona,
denn davon abgesehen, dass sie eine angenehme und gesunde Lage hat, brauchst Du
nur die sogenannte spanische Treppe hinaufzusteigen, so bist Du auf der
herrlichen Promenade des Monte Pincio und stehst zugleich vor der Kirche Trinità
dei Monti, welche den Damen vom Sacre Coeur gehört.«
    »Das ist gut!« sagte sie, »das werden wir benutzen, das brauchen wir.«
    Es war etwas so Eisiges in Orest's Ton und Benehmen, dass sich ihr Herz
erschauernd zusammenzog und dass sie, als ob ihre Seele prophetisch gewesen wäre,
zu sich selbst sprach: Hier werd' ich recht den Kreuzweg zu gehen haben!
Geheimnisvolles Vermögen des inneren Menschen, dass er zuweilen am Vorabend
schwerer Geschicke oder auf dem Wendepunkt seines Schicksals Andeutungen
vernimmt, die vielleicht sein Schutzengel zur Warnung oder zur Vorbereitung ihm
gibt! Hyazint fragte viel nach Uriel und nach Onkel Levin und musste viel von
Rom erzählen und von allem, was man hier zu tun und zu sehen habe. Orest war
einsilbig und fragte wenig. Noch weniger fragte man ihn, was er getrieben, wie
und mit wem er am Genfersee und in Genua gelebt habe. Die Leidenschaft ist eine
Mauer, welche den Menschen umgibt, vereinzelt, und allem unzugänglich macht, was
nicht sie ist. Er fühlte sich elend zwischen denen, welche seinem Herzen die
Nächsten - und dessen Glück und Freude hätten sein sollen; ein Fremdling am
häuslichen Herd, ohne Sympatie für das reine, friedliche und doch so
reichhaltige Leben, welches ihn umblühte. Er langweilte sich bei diesen
Gesprächen, bei diesen Fragen nach Personen und Dingen, die ihm, durch die
fürchterliche Kälte, welche die Leidenschaft für alles äussert, was ihren
Gegenstand nicht betrifft, tief gleichgiltig waren.
    Die Leidenschaft ist etwas Entsetzliches und doch verwechselt die Welt sie
häufig mit der Liebe! Leidenschaft ist der von Gott ab- und der Kreatur
zugewendete Hunger des Herzens, ein unstillbarer, nagender, wütender Hunger,
der, ähnlich dem physischen, den Menschen so entmenscht, dass er ihn fähig macht,
wenn er den höchsten Grad erreicht hat, den Nächsten zu schlachten, den Bruder
zu morden und von dessen Fleisch und Blut das Leben zu fristen. Dasselbe tut in
der sittlichen Welt die Leidenschaft; sie verlangt ihre Befriedigung, ohne zu
achten auf die Tränen, auf das Herzeleid, auf den Jammer, welche sie denen
bereitet, die ihr im Wege stehen und die sie gleichgiltig beseitigt; ohne zu
achten der Schmach, der Entwürdigung, der Entmenschung, welche ein solches
Verfahren nach sich zieht. Sie ist eine Feuersbrunst: auf einem Punkt wilde,
zügellose, gierige Flammen und rings umher Verwüstung und Elend, Klage und
Trauer und zerstörtes Glück. Sie ist die vollkommenste Blüte des Egoismus; sie
isoliert den Menschen in seinem Ich - gegenüber der wundervollen Gemeinschaft
der Liebe, die Gott gewollt und angeordnet hat, indem er den Seelen sein
Ebenbild gab. Gott ist die Liebe: darum liebt die Seele; darum ist Liebe - ihr
Leben, ihr Wesen, ihr Zusammenhang mit Gott und durch ihn mit aller Kreatur,
folglich ist sie der Leidenschaft geradezu entgegengesetzt. Die göttliche Liebe
befriedigt in übernatürlicher Weise den Hunger des Herzens, das ein
übernatürliches Ideal von Glück in sich trägt. Die göttliche Liebe entzündet in
übernatürlicher Weise die Flamme des Herzens, das sich sehnt zu verlodern im
heiligen Feuer des Opfers. Die göttliche Liebe entfaltet in übernatürlicher
Weise die Kräfte und Neigungen des Herzens zu einer solchen Blüte, dass ein
Paradies von Tugenden darin aufgeht. Und das ist nun das wunderbare Geheimnis,
dass der von der Erbsünde angehauchte und von der eigenen Sünde befleckte Mensch
dennoch aus freier Wahl der übernatürlichen Liebe sich zuwenden kann. Das
Urgeheimnis von der Freiheit der Liebe, die im Paradiese an egoistische
Leidenschaft sich gefangen gab, wird jedem Menschen zur Lösung vorgelegt. Um es
richtig zu lösen - dazu hat der Mensch seinen Willen, der, wenn's ein guter
Wille ist, von der göttlichen Gnade unterstützt wird. Nicht jeder löst es bei
dem ersten Versuch zu seinem Heil. Auf einen Hyazint, dem es gelang, von der
Wiege an in dem leidenschaftslosen Frieden einer übernatürlichen Liebe zu
wandeln - kommt mancher, ach mancher Uriel, der eine Welt braucht, mit ihren
Bitterkeiten und Schmerzen, ihren Erfahrungen und Enttäuschungen, ihren Kämpfen
und Stürmen, um sich zu besinnen auf das verlorene Gut der übernatürlichen
Liebe, das den Hunger seines Herzens stillen kann. Und auf einen Uriel kommen
viele, ach viele Orests, die es vergessen haben, dass die Liebe in der
Leidenschaft ihnen verloren ging und dass es, um den Hunger des Herzens zu
stillen, etwas anderes gibt, als die Speise im Trog der Tiere.
    Während Corona dachte, jetzt beginne ihr Kreuzweg, dachte Orest, jetzt sei
der Augenblick gekommen, der durch einen kühnen Schritt seinem Leben eine
glückliche Wendung geben könne. Als die Familie auseinander ging, war es noch
nicht zu spät, um zu Judit zu eilen, die bis Mitternacht Menschen bei sich aus-
und eingehen liess. Es waren an diesem Abend ihrer so viele, dass er sich unmutig
in das letzte Zimmer zurückzog, wo er um niemand sich zu kümmern brauchte und
ziemlich gedankenlos ein Album durchblätterte. Nach einiger Zeit gesellte sich
Florentin zu ihm und fragte:
    »Weisst Du, dass Hyazint hier ist?«
    »Gewiss! längst! er studiert hier schon seit einem halben Jahr.«
    »Und was sagt er dazu, Dich in dieser Gesellschaft in Rom zu treffen?«
    »Da er nicht Deine Insolenz hat, so schweigt er.«
    »O,« sagte Florentin, »Du und ich, wir sind Seelenbrüder - Du kannst mir
sagen, was Du willst - ich nehme Dir nichts übel - und um so weniger, als ich
Dich aufrichtig bedaure, denn Du verlierst bei der stolzen Judit Deine Zeit und
Deine Mühe.«
    »Wer gibt Dir das Recht in diesem Tone zu mir zu sprechen?« fuhr Orest mit
brausendem Zorn auf.
    »Unsere alte Freundschaft, unsere gemeinsame Kindheit und erste Jugend,
unsere frühere Vertraulichkeit. Wir hatten ja nie Geheimnisse vor einander.
Freilich ist diese Vertraulichkeit geschwunden, seitdem Du mich bei Judit
gefunden hast....« -
    »Sage lieber, seitdem Du auf politischem Gebiet einen Weg betreten hast, den
ich verabscheue und der mir jeden Gedanken an Vertraulichkeit in der Brust
erstickt,« unterbrach ihn Orest.
    »O nein!« erwiderte Florentin; »damals in London lag es nur an mir, unsere
alte Vertraulichkeit wieder anzuknüpfen. Doch waren meine Verhältnisse damals
so, dass ich nicht Lust dazu hatte.«
    »Und jetzt hab' ich keine Lust dazu!« sagte Orest abbrechend; denn es war
ihm in der Tat äusserst unangenehm, gerade Florentin in Judit's nächster
Umgebung sehen zu müssen; teils weil er ihn zu genau kannte, um Florentins
Umgang für irgend ein weibliches Wesen wünschenswert zu finden; teils weil er
sich durch Florentin jeden Augenblick an Windeck und an seine Familie erinnert
fühlte. Die gemeinste aller Eigenschaften, der Neid, sprach dann auch noch ganz
leise sein Wörtchen mit: Florentin war immer in Judits Gesellschaft und er so
selten.
    »Ich beklage Dich unaussprechlich!« fuhr Florentin mit einem Ton fort, der
keine Spur von Teilnahme durchklingen liess. »Zwiefache Fesseln zu tragen - hier
am Herzen, dort an der Hand: das muss mehr sein, als ein Mensch aushalten kann.«
    »Darin hast Du Recht,« sagte Orest dumpf; »aber warum sprichst Du so?«
    »Um Dich zu fragen, weshalb Du nicht die eine Fessel sprengst und dann der
anderen ungehindert folgst?«
    Orest entsetzte sich, seine geheimsten Absichten von Florentin erraten zu
sehen - und schwieg.
    »Sieh!« fuhr dieser fort, »Du bist nicht umsonst nach Rom gekommen. Bei der
römischen Kurie ist mit Geld - alles möglich und dann auch wieder unmöglich zu
machen. Lass Deine Ehe für null und nichtig erklären, so bist Du frei. Wie das zu
bewerkstelligen ist, weiss ich natürlich nicht; aber möglich ist's! versteht sich
für Geld. Du weisst, wie ich von jeher über die Ehe gedacht habe, dass sie nämlich
nicht als ein äusserer Zwang, sobald die Weihe der Herzenszustimmung fehlt,
haltbar sei. Ich wünsche sehr, dass Du meinen Grundsatz in Ausübung bringen
mögest. Als ich heute zufällig an Hyazint vorüberstreifte, schlug mein Hass
gegen diese Vertreter der Finsternis einmal wieder in hellen Flammen auf. In der
politischen Welt ist in diesem Augenblick nichts zu machen gegen das
Nachteulengeschlecht. Tatlos muss man dasitzen und zusehen, wie sie Einfluss
gewinnen und Herrschaft an sich reissen. Da nahm ich mir vor, mit erneutem Eifer
auf jedem Gebiet sie zu bekämpfen, wo ich ihre Gesetze finden würde. Und wo
findet das mehr statt und wo sprechen sie der menschlichen Freiheit mehr Hohn,
als in der Ehe. Das Wörtchen muss sollte eigentlich gar nicht existieren im
Wörterbuch der civilisierten Menschheit. In Verbindung gesetzt mit der
Herzensneigung, ist es ein Widersinn; denn die Neigung hängt nicht von uns ab,
ist durchaus unwillkürlich und schaudert heimlich vor der Vorstellung zurück,
gerade nur diese eine Frau, diesen einen Mann bis zum letzten Atemzug
ausschliesslich lieben zu müssen.«
    »Und doch gibt es ein muss in der Liebe!« sagte Orest. »Man ist nicht darauf
ausgegangen, diese oder jene Person zu lieben; allein sie besitzt den Zauber -
und man muss sie lieben. Von der Cleopatra wird erzählt, sie habe einen
orientalischen Talisman besessen, der die Wirkung hatte, dass man sie lieben
musste und nie vergessen konnte.«
    »Dieses Muss ist ein anderes!« rief Florentin; »es entspringt aus einer
inneren Nötigung, aber nicht aus einem äusseren Zwang.«
    So redeten sie sich immer tiefer in die Verkehrteit hinein, ohne zu
bedenken, dass allerdings das Erwachen einer Neigung unwillkürlich - hingegen
ganz dem Willen anheim gegeben ist, ihr zu folgen oder ihr zu widerstehen - und
dass der Widerstand deshalb so selten mit aller Kraft erfolgt, weil die Neigung
den Gelüsten der verderbten Natur schmeichelt. Florentin verfolgte seine
Teorie. Orest seine Wünsche; und obgleich Orest sonst bei jeder Gelegenheit
Florentins Ansichten mit Spott und Geringschätzung abfertigte und seine Teorien
zuweilen lächerrlich und immer unhaltbar fand, so hörte er ihm doch jetzt mit
Wohlgefallen zu, weil Florentin im Sinn seiner Leidenschaft sprach und seinen
Gedanken Worte lieh. Endlich wurde es still im Salon; die Stimmen verhallten,
die Türen öffneten und schlossen sich; Orest stand auf und sagte zu Florentin:
    »Heute Abend ist mein Schwiegervater gekommen .... mit Corona.«
    »Und Du bist hier!« rief Florentin staunend.
    »Ja, ich habe noch mit Judit zu sprechen.«
    Da trat sie ein und sagte:
    »Hier ist sie! was wünscht Graf Orestes? Ach, ich bin recht froh, noch ein
paar stille Augenblicke mit Ihnen zu sprechen. Man wird so betäubt von all dem
leeren sinnlosen Gerede, dass der Kopf schmerzt und schwindelt.«
    »Auch der Ruhm hat seine Bürden,« sagte Florentin, »und die Lorbeerkränze,
die, von Tausenden gesucht und nicht errungen, Ihre schöne Stirne krönen, sind
Ihnen zur Last. Sie sollten fortan nur Rosenkronen tragen, Signora.«
    »Als ob die Rosen keine Dornen hätten!« sagte Judit schwermütig lächelnd
und nickte ihm freundlich zu, als er das Zimmer verliess. Dann sprach sie:
    »Nun, Graf Orestes, was haben Sie mir zu sagen? Sie sehen bewegt aus. Ist's
Leid, ist's Freude?«
    Sie behandelte ihn ganz anders, als an jenem Abend in der Villa Diodati;
traulicher, inniger und doch mit edler Zurückhaltung. Sie wollte eben Gräfin
Windeck werden und glaubte seiner sicher genug zu sein, um nicht mehr nötig zu
haben, ihn durch den Wechsel von Abstossen und Anziehen zu fesseln. Orest
schöpfte tief Atem und sagte:
    »Judit, ich muss mit Ihnen über die Zukunft reden - die Ihre und die meine.
Bleiben Sie bei Ihrem Wort: alles für alles?«
    »Ich bleibe dabei.«
    »Werden Sie mir angehören, wenn ich in voller Freiheit um das Glück werbe,
Sie zu besitzen?«
    »Als Gräfin Windeck - ja!«
    »Werden Sie nicht zurückschrecken vor Kämpfen, Stürmen, Widerwärtigkeiten,
Quälereien, peinlichen Auftritten ...«
    »Aber warum das alles!« unterbrach sie ihn.
    »Weil meine Ehe gelöst werden muss und weil meine Frau jetzt hier ist.«
    »Sein Sie unbesorgt,« entgegnete sie lächelnd; »ich habe Mut und
Beharrlichkeit, wenn das Ziel es wert ist. Ich erschrecke nicht vor
Unannehmlichkeiten und Hindernisse zu überwinden ist ein Sporn des Willens. Ich
will auch einmal glücklich sein! ich will nicht umsonst gelebt haben! ich bin
dieser Existenz hinter Schminke und Lampen und unter stupidem Beifallsgetöse
satt und übersatt! ich habe sie nicht zu meinem Vergnügen gewählt, bin nicht für
sie erzogen worden, habe nur durch sie Kindespflicht erfüllen wollen und habe
nie - aber auch nie! eine wahre Befriedigung in ihr gefunden. Die Eitelkeit
feierte ihre Triumphe; die Huldigungen, die mich in Wolken von Weihrauch
hüllten, gaben mir zuweilen eine süsse Berauschung; allein es war und blieb - ein
Rausch und er liess eine Leere zurück, die mein Herz tief und immer tiefer
durchgräbt und meine Sehnsucht nach Glück mehr und mehr steigert. Und fragen Sie
mich, Orest: Was ist das - Dein Glück? so antworte ich Ihnen: Es ist der ruhige
und ungestörte Besitz eines treuen Herzens. Ihres Herzens, Orest! Sie sind treu!
Sie zwingen mich, diese Zuversicht zu Ihnen zu fassen. Wer Jahre lang so um
Liebe geworben hat, wie Sie - und jetzt so bereit ist, alles wegzuwerfen, was
sie vom Ziel zurückhält, der ist nicht flatterhaft, nicht leichtsinnig, nicht
schwankend. Der ist treuer Liebe fähig und die findet immer Gegenliebe.«
    Nie hatte Judit so zu Orest gesprochen; aber sie erkannte, der Augenblick
sei nun da, der über ihre Zukunft entscheide und Orest müsse, nicht bloss von
seiner, sondern auch von ihrer Liebe getrieben, seine Ketten brechen. Als er zu
ihren Füssen niedersank und keine Worte fand, um die Wonne auszusprechen, die ihn
überströmte, sagte sie zärtlich:
    »Stehen Sie auf, Orest! ich müsste Ihnen zu Füssen fallen und Sie um Vergebung
bitten, dass ich so lange Sie gequält und in Ungewissheit gehalten - dass ich
scheinbar ein kokettes Spiel mit Ihnen getrieben habe. Allein jetzt bin ich vor
Ihnen gerechtfertigt, nicht wahr? und Sie selbst werden diese Prüfung, die Ihnen
oft weh getan hat, jetzt billigen, nicht wahr? Überdas,« setzte sie lächelnd
hinzu, »ist es besser, die allgemeine Regel inne zu halten, dass die Herren den
Damen zu Füssen liegen. Weicht man von ihr ab, kommt selten ein glückliches
Verhältnis dabei heraus.«
    Unwillkürlich tauchte jener Moment in seinem Gedächtnis auf, als Corona mit
der Liebe der Engel vor ihm gekniet und ihn gebeten hatte, seine Seele zu
retten. Diese Erinnerung kam zu höchst ungelegener Zeit, denn Orest war längst
über den Punkt hinweg, wo noch ein Kampf zwischen dem Guten und Bösen geführt
wird und wo folglich eine heilsame Erinnerung die gute Sache kräftigen kann.
Jetzt störte sie ihn nur und er rief:
    »Wie sehr verstehen Sie sich auf weibliche Würde und auf die richtige
Behandlung des männlichen Charakters! Sie sind geschaffen, um angebetet zu
werden und deshalb ist es mir eine quälende Vorstellung, Sie durch meine
unglücklichen Verhältnisse in eine Menge von Verdriesslichkeiten zu stürzen.«
    »Was steht mir denn eigentlich bevor?« fragte sie.
    »Nun, zuerst und auf jeden Fall müssen Sie sich taufen lassen, arme Judit.
Dem höchsten Wesen, das von uns verehrt wird, ist es selbstverständlich äusserst
gleichgültig, in welcher Religionsform der Mensch diese Verehrung kund gibt. Da
aber in Europa die christliche so vorherrschend ist, dass sich die bürgerliche
Gesetzgebung grossenteils auf dem Boden ihrer Gesetze entfaltet hat: so sind
gewisse Bedingungen für gewisse Verhältnisse unumgänglich zu erfüllen, um diese
giltig zu machen; und dazu gehört, dass die Ehe von Christen eingegangen werde.«
    »Orest!« sagte Judit finster, »es ist mir in meinem Leben noch kein Christ
vorgekommen, der besser, edler, reiner gewesen wäre, als ein Jude. Ich nehme
Ernest aus. Muss ich also eine christliche Religionsform annehmen: so wünsche
ich, dass es die katolische sei, denn er war Katolik.«
    »Das muss sich nach den Umständen richten, teure Judit. Die katolische
könnte uns Verlegenheit bereiten. Es wird sich herausstellen, was Sie zu wählen
haben: ohne Taufe geht es nicht!«
    »Wohlan, Orest! Sie bringen Ihre Opfer und ich werde das meine bringen. Aber
es ruft in mir eine fürchterliche Erinnerung wach. Ich hatte eine ältere
Schwester, ein so schönes, liebenswürdiges, talentreiches, gutes und kluges
Mädchen, dass sie ihren königlichen Namen Ester zu tragen verdiente. Es war in
Paris und ich damals noch zu jung, um in die Welt zu gehen. Ein junger Mann aus
einer vornehmen Familie fasste eine heftige Neigung zu ihr, die sie leider!
erwiderte. Da er von seiner Verbindung mit ihr sprach, so erklärte er, es könne
nicht mit einer Jüdin geschehen und sie müsse sich taufen lassen und Christin
werden. Ester und meine Eltern willigten ein. Ester wurde Christin; aber die
Ehe fand nicht statt! ich habe nie dies traurige Geheimnis ergründet; aber ich
weiss, dass der Christ sich von Ester zurückzog, sich auf eine diplomatische
Mission begab und dass Ester am gebrochenen Herzen starb, während einige Herren
und Damen dann und wann bei ihr erschienen, welche sich um ihre Taufe und um den
Unterricht, der dabei stattfinden musste, bekümmert hatten - und welche ihr immer
die Bibel empfahlen. Die müsse sie lesen und glauben müsse sie, dass sie durch
den Tod Christi vor Gott gerechtfertigt sei. Und wenn die arme Ester
versicherte: das glaube sie sehr gern und von ganzem Herzen; aber sie sterbe vor
Gram und ein Buch könne sie nicht trösten, nicht beruhigen; so gab man ihr zur
Antwort, dann fehle ihr der rechte Glaube und sie möge nur Sonntags in die
Predigt gehen. Sie tats einige Male; aber sie kam stets traurig zurück und sagte
mir zuweilen: Ach Judit! das ist keine Religion für ein schwaches leidendes
Mädchenherz! da ist kein Stab, um es zu stützen, da ist keine Kraft, die ihm
überwinden hilft, da ist kein Balsam, der seine Wunden heilt! Nun, sie grämte
sich zu Tode, die arme, geliebte Ester! bei neunzehn Jahren sank sie in's Grab
- ganz das, was die Dichter nennen: eine geknickte Rose. Mir aber hat ihr
Schicksal etwas Hartes gegeben, Eisen ums Herz. Ich trat nach zwei Jahren in die
Welt ein, mit Hass und Groll gegen eine Welt, in welcher für ein Wesen wie Ester
kein Platz war; mit Hass und Groll gegen die Christen, von denen einer ihren Tod
auf dem Gewissen - und keiner sie getröstet hatte. Was sind das für Diener und
Lehrer einer Religion, die damit trösten wollen, dass sie sprechen: Lies die
Bibel! Sei sie geschrieben von Gott und seinen Heiligen - ich wills glauben!
aber jeder Leser macht die Deutung, die Anwendung nach dem Mass seines Geistes
und trägt folglich seine Leidenschaften, seine Neigungen, ja sein ganzes Ich in
deren Verständnis hinein; und was hat er dann gewonnen? Vielleicht die
Wahrheiten, die er eben finden will. Aber ist das die Wahrheit, welche die
Offenbarung verkündet? Ach, es wäre mir entsetzlich, wenn ich protestantisch
werden müsste, jetzt, da die Erinnerung an Ester mir so lebendig geworden ist!
Ach, Orest, dies ist eine schlimme Vorbedeutung! Auch ich werde unglücklich
werden und trostlos dahin schmachten!«
    Tränen standen in Judits Augen und die tiefste Bewegung malte sich in ihren
Zügen. So gewaltig war die Erschütterung, die ihr junges Herz durch das
Schicksal der Schwester erfahren hatte, dass sie noch jetzt, nach mehr als zehn
Jahren in die schmerzlichste Aufregung geriet. Orest aber, der nie eine Träne in
ihren diamantenen Augen gesehen hatte, war davon so ergriffen, dass er es sich
als eine Grausamkeit vorwarf, diesen edlen Charakter, dies grosse schöne Herz mit
den Formalitäten der christlichen Religion belästigen zu müssen. Er rief:
    »O Judit, ist Ihre Abneigung gegen den Protestantismus so gross, dass Sie
davon traurig werden, so lassen Sie sich katolisch taufen! aber hüten Sie sich,
Ihre Ansichten und Ihre Handlungsweise von irgend einem Priester abhängig zu
machen! Verbannen Sie alle schwermütige Furcht und fassen Sie das Vertrauen zu
mir, dass ich für Ihr dauerndes Glück einstehe. Wenn Sie an mir zweifeln, woher
soll mir die Kraft kommen, das Meer von Hindernissen zu durchschwimmen, welches
sich vor mir ausdehnt. Lächeln Sie Judit! lächle, Du schwarzes Sonnenauge, ich
bedarf Deines Lichtes.«
    Er kniete vor ihr und nahm ihre Rechte in seine Hände. Sie legte die Linke
leicht und leise auf sein Haupt und sagte lächelnd und lieblich:
    »Welche Torheit von mir! auf diesen bösen Kopf setz' ich all mein Glück.«
 
                                 Stille Dornen
Coronas erster Ausgang am anderen Morgen war die spanische Treppe hinauf zur
Messe in der Kirche Trinità del Monte. Mehr denn je fühlte sie sich machtlos
ihren Verhältnissen gegenüber und gedrückt durch die Verstimmung zwischen ihrem
Vater und ihrem Mann, die hier aufs peinlichste zum Vorschein kommen musste, wo
beide, auf längere Zeit und durch die Fremde mehr als sonst an einander
gewiesen, zusammen leben mussten. Und was konnte sie tun, um die beständige
Reibung zu verhüten? sich aufreiben lassen; sonst nichts. Sie bat Gott um Kraft
zum vollkommenen Opfer und um himmlische Klugheit, um in jedem Augenblick das
Richtige zu erkennen, zu sagen, zu tun. Als sie nach beendeter Messe die Kirche
verliess, fand sie draussen Orest, der vor derselben auf- und niederging und
sagte:
    »Ich war schon bei Dir und erfuhr von Justine, dass Du hieher gegangen
wärest. Komm nun, ich bitte Dich, mit mir ins Hotel Meloni, in meine Wohnung.
Ich habe an Justine gesagt, Du würdest bei mir frühstücken. Lili schlief noch.«
    Er gab ihr den Arm und sie gingen den Monte Pincio entlang und dann die
prächtigen Rampen hinunter zur Piazza del Popolo, an welchem das Hotel Meloni
liegt. Sie sprachen von der Peterskirche, die sich dem Monte Pincio gegenüber in
gigantischer Grossartigkeit erhebt - ein Felsendom, die ewige Stadt so weit
überragend, wie diese alle Städte der Welt - und wenn sie ihre Einwohner nach
Millionen zählen - an Grossartigkeit weit überragt; ein Felsendom, sinnbildend
den Felsen Petri, in dem die Kirche Christi, göttlicher Verheissung gemäss,
unerschütterlich wider die Pforten der Hölle gegründet ist. Von An- und
Aussichten, von Palästen, Kirchen und Ruinen sprachen Orest und Corona so
gleichgültig, als ob sie nicht zwei Monate getrennt gewesen wären. Aber hinter
dem gleichgültigen Ton klopften unruhige Herzen, und Orest war in so fiebernder
Aufregung, dass er kaum sein Zimmer betrat, als er sich auf ein Sofa fallen liess
und sagte:
    »Corona, Du musst mich retten!«
    Sie legte ihre Hände wie zum Gebet vor der Brust zusammen und sagte innig:
    »Gott wolle mir diese Gnade geben.«
    »Ja, Du musst mich retten, Corona!« fuhr Orest fort; »Du kannst, Du wirst es!
meine ganze Hoffnung ruhet auf Dir. Sage, dass Du es auch willst!«
    »Lieber Orest,« erwiderte sie traurig, »hättest Du nur die leiseste Ahnung
von den Sorgen, die ich um Dich trage, so würdest Du mich nicht fragen, ob ich
Dich retten wolle. Überdas ist es ja meine Pflicht, alles für Dich zu tun, so
weit meine Kräfte reichen. Also sprich! ich sehe ja, dass Du leidest.«
    »Ich werde Dir wehe tun!« rief er in äusserster Aufregung, und ging heftig im
Zimmer hin und her.
    »O daran bin ich gewöhnt,« antwortete sie ruhig, wie jemand, der nicht den
geringsten Anspruch an eine andere Behandlung hat. »Sprich nur ohne Scheu.«
    »Wohlan, Corona!« sagte Orest, indem er vor ihr stehen blieb, »sei
barmherzig und gib mir meine Freiheit.«
    Sie schlug erstaunt die Augen zu ihm auf und fragte:
    »Hab' ich je versucht, Deine Freiheit zu beschränken?«
    »Nein, nein! in Kleinigkeiten nie! aber meine Freiheit ist im Ganzen
verloren, weil Du meine Frau bist.«
    Corona legte mit einem Ausdruck von stillem, namenlosem Schmerz die Hand
über ihre Augen und sagte:
    »Nur ein paar Jahre noch, lieber Orest, und ich denke - dann bist Du frei.«
    »Ach, nur nicht solche unsinnige Todesgedanken! davon ist keine Rede! Du
sollst ja nicht sterben, sondern nur meine Freiheit mir geben.«
    »Und was verstehst Du darunter?« fragte sie.
    »Dass unsere Ehe für ungiltig erklärt werde, indem Du erklärst, Du seist zu
derselben gezwungen worden. Ich habe mir sagen lassen, auf den nachweislichen
Grund des Zwanges hin könne eine Ungiltigkeitserklärung bewirkt werden, so dass
beide Teile zu ihrer vollkommenen ungeschmälerten Freiheit gelangen und eine
andere Ehe eingehen dürfen. Da nun wirklich eine Art von Zwang bei Dir
stattgefunden hat, so mache davon Gebrauch zu meinen Gunsten und gönne mir das
Glück - eine Frau glücklich zu machen, die ich seit Jahren grenzenlos liebe und
die viel zu edel ist, um eine Liebe zu erwidern, welche ihre weibliche Würde
auch nur durch einen Hauch verletzte. Ich gehe zu Grunde bei diesem Verhältnis
und Du bist auch nicht glücklich; fasse also einen grossmütigen Entschluss - und
drei Menschen richten sich auf von einem vernichtenden Druck.«
    »Lieber Orest,« entgegnete Corona ruhig, »auf diesen Vorschlag war ich
freilich nicht gefasst; aber mein Entschluss ist dennoch reif. Zu Deiner Rettung
biete ich mit Freuden die Hand - bis zum höchsten Opfer. Aber nicht zu Deiner
Entwürdigung.«
    »Und so willst Du an mir haften als der Fluch meines Lebens!« rief er
knirschend.
    »Ich will, was Gott will: bis zum Ende die Fessel tragen, die er geheiligt
und unauflöslich gemacht hat.«
    »Ich sage Dir aber, dass die Ehe freilich nicht aufgelöst, allein für null
und nichtig erklärt werden kann. Da die Kirche das tut, deren Autorität Dir ja
über alles geht, so wirst Du ihr Recht dazu und die Rechtmässigkeit ihres
Verfahrens nicht in Abrede stellen.«
    »Durchaus nicht!« entgegnete Corona mit unerschütterlicher Ruhe. »Die
menschliche Verkehrteit und Bosheit ist so gross, dass es der uralten Schlange
möglich wird, in jedes Verhältnis ihr Gift zu spritzen, und da mag es denn wohl
zu trostlosen Zuständen kommen, welche eine ausnahmsweise Behandlung erfordern.
Ein solcher Fall liegt aber bei uns durchaus nicht vor. Dass sich in der Ehe der
eine Teil durch traurige Verblendung einer verbotenen Liebe hingibt, ist leider,
ach leider! in unserer Zeit und unserer Welt nicht so selten, um die Kirche zu
veranlassen, jenes Mittel, das auf ganz unheilbare Zustände berechnet ist, auf
heilbare anzuwenden.«
    »O wollte man doch weniger von dieser Heilbarkeit faseln,« rief Orest, »und
mehr jenes Mittel anwenden! es würde dadurch viel Skandal vermieden und viel
menschliche Schwäche von dem Brandmal der Treulosigkeit befreit bleiben, die
sich auch in das edelste Herz einschleichen kann.«
    »Und der Mensch den Gelüsten der gefallenen Natur preisgegeben werden, gegen
welche das edle Herz sich bis aufs Blut verteidigt, wenn es so unglücklich
gewesen sein sollte, ihnen irgendwie Gehör zu geben,« sagte Corona. »Nein,
Orest! jede Schwäche, jeder Fehltritt, jede Versündigung, jede Wunde an der
Menschenseele ist heilbar. Daran darf man nicht zweifeln; man muss nur Geduld
haben, wie Gott mit uns Geduld hat. Noch in der elften Stunde kann Reue erwachen
und zur Umkehr vom bösen Wege mahnen und drängen; kann der Pflichtvergessene
sich besinnen, auf seine Pflicht und in ihren Kreis zurücktreten und den Kummer
gut machen wollen, den er auf Weib und Kind gehäuft hat. Ist dann die Brücke
hinter ihm abgebrochen, gähnt dann eine unausfüllbare Kluft zwischen ihm und
seiner Vergangenheit, ist er neue Verpflichtungen eingegangen, die ihm ebenso
lästig werden, wie die alten - weil es Verpflichtungen sind, die auf der
verderbten Natur drücken und drücken sollen: so schleppt er den Stachel in der
Todeswunde mit sich umher, ungesühnt, ungebüsst. Nein, Orest, wir wollen Gott
danken, dass die heilige Kirche von göttlicher Weisheit erleuchtet und geführt,
ihr letztes Mittel nur in ganz seltenen Fällen anwendet und statt dessen den
einen Teil zu Liebe, Geduld und Gebet - den anderen zu Reue und Busse
auffordert.«
    »Es muss charmant sein für einen Flüchtling vom häuslichen Herde, sich wieder
bei demselben einzufinden als Büsser und sich dessen Asche aufs Haupt streuen zu
lassen.«
    »Lieber Orest,« entgegnete Corona mit himmlischer Liebe in Blick und Ton,
»ein solcher Flüchtling würde aufgenommen werden, wie der göttliche Heiland den
Petrus nach seiner Verleugnung aufnahm: er vertraut ihm die Leitung seiner Herde
an; und wie der Vater den verlorenen Sohn empfing: er eilt ihm entgegen und
richtet ein Festmahl für ihn an.«
    »Ach, Krönchen!« rief Orest, »könnt' ich Dich nur lieben! Du bist wirklich
ein seelengutes Geschöpf, zu gut für mich. Darum hab' ich ja das Vertrauen zu
Dir, dass Du mir ein Opfer bringen werdest ...« -
    »Du verlangst Unmögliches!« unterbrach sie ihn mit grosser Bestimmteit.
»Mich selbst, mein Kind, Dich, meinen Vater, alles was mir teuer ist, kann ich
zum Opfer bringen, wenn der anbetungswürdige Wille Gottes es verlangt. Aber Dich
Deiner Leidenschaft zum Opfer bringen, wenn der Satan es verlangt - nein, Orest,
das kann ich nicht, denn ich will es nicht. Ich kann es nicht! ich kann nicht
lügen! es hat nicht der leiseste Zwang stattgefunden bei meiner Verheiratung.«
    »Hättest Du mich gewählt, wenn der Vater nicht unsere Verbindung angeordnet
hätte?« fragte er.
    »Als ich Dich heiratete,« erwiderte sie, »war ich zu jung, um je vorher an
die Ehe oder die Wahl eines Gatten gedacht zu haben. Nach meiner Verheiratung
hab' ich nie gedacht, dass ich anders hätte wählen können.«
    »Es ist doch gewiss, dass der Vater die Sache abmachte, ohne uns so recht zu
fragen. Er kündigte sie an und erwartete Gehorsam.«
    »Ja, das ist so seine Art. Aber wir haben an Regina und Hyazint das
Beispiel vor Augen, dass sie ihm nicht gehorchten, wenn die Stimme Gottes anders
zu ihnen sprach, als die Stimme des Vaters - und dass er es sich gefallen liess.
Du und ich, wir hätten beide es machen können wie unsere Geschwister. Wir taten
es nicht. Wir gaben freiwillig unsere Zustimmung.«
    »Der Wunsch, den ein geliebter Vater mit der grössten Zuversicht ausspricht,
ist auch ein Zwang, ein moralischer, für ein gutes Kind.«
    »Wenn Du Gehorsam aus Liebe - Zwang nennen willst, lieber Orest! Aber ein
solcher ist gewiss nicht darunter verstanden, wenn auf den Grund hin eine Ehe
ungültig erklärt werden soll. Aus Rücksicht für den Wunsch der Eltern werden
gewiss sehr viele Ehen geschlossen, welche glücklicher sind, als jene, die von
blinder Neigung geschlossen werden. Ja, wenn ich ebenso sicher wüsste, dass Du in
einer anderen Ehe Dein geträumtes Glück fändest, als ich jetzt weiss, dass Du es
nicht finden wirst, so könnte ich es Dir doch nimmermehr verschaffen um den
Preis einer Lüge.«
    »Entsetzliches Schicksal!« rief Orest und warf sich in trostloser Aufregung
in einen Lehnstuhl. »Wodurch hab' ich es bewerkstelligt, dass ein ungeliebtes
Weib sich so fest an mich klammert!«
    »Du hast mir freilich nicht das Leben an Deiner Seite so lieblich gemacht,«
entgegnete Corona sanft, »dass es mir, menschlich gesprochen, sehr schwer fallen
sollte, mich davon zu trennen. Aber die Ehe gehört nicht der menschlichen Denk-
und Empfindungsweise, sondern dem Gnadenleben an. Die Würde des Sakramentes
ruhet auf ihr und das verbindet uns für dies irdische Leben zu einer höheren
Gemeinschaft als die ist, die auf verflatternder Neigung und verrauschender
Leidenschaft beruht. Sie soll uns im Wechsel von trüben und heiteren Stunden,
von bald lieblichen und bald schweren Pflichten, uns und unsere Kinder für den
Himmel erziehen. Das ist der Zweck der Ehe; zu dieser erhabenen Bestimmung haben
wir uns verbunden; wir müssen suchen, sie zu erfüllen. Hattest Du, als Du sie
eingingst, mit frevelhaftem Leichtsinn eine andere Absicht: so musst Du das vor
Gott verantworten. Das ist aber kein Grund, um die Ehe ungültig zu machen.
Hingegen sollte es ein Grund sein, um die Vergangenheit gut zu machen. Ach,
vergib mir, dass ich so zu Dir spreche, lieber Orest! Glaube mir, ich tue es ohne
Selbstsucht, ohne Empfindlichkeit. Ich denke nicht daran, mich an Dein Herz zu
drängen oder irgend einen Anspruch an Deine Liebe zu machen; allein ich muss den
Platz behaupten, auf den Gott mich gestellt hat und Dich anflehen, dasselbe zu
tun!«
    »So sind diese frommen Frauen!« brach Orest aus. »Immer im Kanzelton
geredet! immer den lieben Gott als Larve vor ihrem Eigensinn! immer ihre
Herzenskälte verbrämt mit tötenden Phrasen! unfähig zu jedem Opfer! unfähig zu
erkennen, wo ihre Würde liegt. Du siehst ja, dass das Leben mit Dir eine Folter
für mich ist, dass ich es fliehe, und, wenn ich es nicht fliehen kann, unter
dessen Bleigewicht zusammenbreche. Wie ist es möglich, dass ein zartfühlendes
Weib so etwas aushalten mag, und nicht lieber tausendmal sich von dem Mann
trennt, der ihr nichts sein kann, da sie ihm nichts ist. Ich fasse das nicht!
ich begreif' es nicht; aber ich muss ein Wesen verabscheuen, das aus starrem
Egoismus mich um mein Glück bringt.«
    Der heftige Kampf streitender Gefühle wogte in Coronas Brust, und drückte
sich in dem Wechsel ihrer Farbe und in dem schmerzlichen Zittern ihrer Lippen,
ihrer Hände und ihrer Stimme aus, als sie mit der Gewohnheit der
Selbstbeherrschung sagte:
    »Wollte ich meinem Egoismus folgen, so würde ich meine Tochter bei der Hand
nehmen und, statt unter Dein Dach zurückkehren, mit ihr in mein Vaterhaus gehen.
Aber ich darf nicht, ich muss bei Dir ausharren. Ich muss vor der Welt Deine Ehre
in meinen Schutz nehmen und vor Gott Deine Seele, für die auch ich
verantwortlich bin - denn wir sind Eins.«
    Sie stand auf, tauchte ihr Taschentuch ein wenig in ein Glas Wasser und
drückte es an ihre bebenden Lippen, nahm dann ihren Hut und sagte mit einer
Stimme, die - wie das oft bei seelenzarten Personen der Fall ist - durch
Gemütsbewegung zu einem leisen Flüstern herabgedämpft war, während die Roheit in
solchem Falle lärmt und schreit; sie sagte:
    »Ich bitte Dich, lass einen Wagen kommen und mich zu Hause fahren.«
    »Und Du fragst gar nicht?« rief Orest; »nicht nach einem Namen oder einer
Person? nicht nach meinem ferneren Plan oder Entschluss?«
    »Es gibt Dinge, von denen es sich nicht schicken würde, dass ich sie mit Dir
bespräche, und andere Dinge, von denen es gut ist, wenn Du sie so wenig wie
möglich besprichst,« entgegnete Corona mit Fassung.
    »Wähnst Du denn, alles sei abgetan mit Deiner wahnwitzigen Weigerung!« rief
Orest mit solchem Zorn in Ton und Geberde, dass Corona wieder in ein nervöses
Zittern verfiel und nichts erwiderte als: »Um Gotteswillen, einen Wagen, Orest!«
    Aber er beachtete ihre Bitte gar nicht. Er fuhr fort, mit den heftigsten
Ergüssen von Zorn, von Klagen, von Vorwürfen sie zu überschütten und sie
förmlich unterzutauchen in das Meer von Bitterkeit, das sich in seinem Herzen
bloss deshalb gegen sie angesammelt hatte, weil er ihr so viel zu Leide getan.
Denn geradeso, wie der Mensch eine Zuneigung für diejenigen spürt, denen er wohl
tut, ebenso fasst er eine Abneigung, die sich bis zur härtesten Ungerechtigkeit,
ja bis zum Hass steigern kann, gegen Personen, die nicht etwa ihm, sondern denen
er wehe getan. Corona schwieg, sammelte sich vor Gott und liess den Sturm brausen
- bis es ihm einfiel, ihr die unsinnigsten Vorwürfe zu machen über den Tod ihres
Sohnes. Wäre der am Leben, so wüsste man doch, weshalb diese ganze unselige Ehe
geschlossen sei! Das konnte sie nicht mehr hören. Das Muterherz drohte zu
brechen. Sie stand auf, verliess schweigend das Zimmer, das Hotel Meloni,
verhüllte sich in Shawl und Schleier und ging die via Condotti hinauf zum
spanischen Platz, ganz allein in der grossen fremden Stadt. Ihr war zu Mut, als
könne ihr von keinem Menschen Schlimmeres begegnen, als von ihrem Mann. Neben
der spanischen Treppe erkannte und erreichte sie glücklich ihre Wohnung.
Felicitas stand am Fenster und rief:
    »Da kommt Mama!«
    »Endlich!« sagte Graf Damian, trat zum Fenster und sah mit grenzenlosem
Erstaunen Corona ohne irgend eine Begleitung über den Platz gehen. Er ging ihr
in das Vorzimmer entgegen und fragte:
    »Wo kommst Du denn her? wo ist Orest? wo sind seine Leute? warum gehst Du
denn mutterseelenallein in der wildfremden Stadt spazieren? gibt es keine Wagen
in Rom?«
    »Doch, lieber Vater! aber ich wollte gehen!« antwortete sie und ging in ihr
Zimmer, wo sich die übermässige Spannung von Leib und Seele in Tränen auflöste
und im Gebet sänftigte. Graf Damian fuhr zu einigen der fremden Gesandten, mit
denen er bekannt war, und so war Corona allein, als Hyazint kam. Sie sah so
angegriffen aus, dass er teilnehmend sagte:
    »Bist Du müde von der Reise, liebe Corona? oder bist Du krank?«
    Sie verneinte schweigend; als ihr aber Tränen in's Auge quollen, sagte sie
entschlossen:
    »Orest ist krank - an der Seele! und ich bin ratlos. Deshalb muss ich mit Dir
sprechen, Hyazint, nicht um zu klagen. Ich möchte ja am liebsten seinen Zustand
vor mir selbst verbergen; es geht aber nicht mehr, dass wir so fortleben wie
bisher. Er treibt es zum Äussersten.«
    Und sie erzählte an Hyazint klar und einfach ihr ganzes Leben, seitdem sie
Orest's Frau geworden war, mit der grössten Schonung für Orest und mit der
grössten Bereitwilligkeit ihren Anteil an dem traurigen Verhältnis anzuerkennen,
obzwar ihre Schuld höchstens in Unerfahrenheit bestand, wie sie den siebenzehn
Jahren eigen ist. Zum Schluss sagte sie:
    »Die Szene von heute früh hat mir gezeigt, wie tief das Übel bei Orest um
sich gegriffen hat. Es haben weder meine Bitten noch die Geduld, die ich drei
Jahre übte, den geringsten Eindruck auf ihn gemacht; und obgleich ich, wenn es
Gott so fügt, bereit bin, mein Lebenlang in Geduld auszuharren, wie das ja meine
Pflicht ist: so muss ich doch fürchten, dass Orest durch dies Verfahren nicht zur
Erkenntnis kommt. Er ist blind und taub für alles, was nicht mit seiner
Leidenschaft zusammenstimmt.«
    »Das sind eben die Schatten des Todes,« sagte Hyazint, »von denen die
heilige Schrift so ergreifend spricht. In der Finsternis der Sünde, im dunkeln
Schattental sitzen die Menschen, geblendet, gelähmt, betäubt - und ahnen nicht,
dass die Nacht des geistigen Todes mit dem Verlust der heiligmachenden Gnade über
sie eingebrochen ist. Ach, Corona! einem so schrecklichen Zustand gegenüber sind
wir alle macht- und ratlos; denn Orest will nicht hören, will nicht sehen, will
nicht verstehen - und wenn wir uns alle zu Tode reden und bitten, ermahnen und
flehen. Wir müssen Gott bitten um Erleuchtung für uns und für ihn. Wir müssen
uns bereit machen, nicht bloss Opfer zu bringen, sondern uns selbst durch die
stets erneuerte Hingebung unseres Willens an Gott als ein lebendiges Holocaust
ihm darzubieten. Wir müssen leiden, Corona! und zwar so, dass uns die Liebe zum
Leiden in freudige Opfer verwandelt. An die Ausführung von Orest's wahnwitzigem
Plan, die Ehe für ungiltig erklären zu lassen, ist gar nicht zu denken! aber dass
er so lange schon in dieser jämmerlichen Leidenschaft befangen ist und dennoch
daran denkt, seine Ketten immer fester zu schmieden - ist ein böses Zeichen.«
    »Glaubst Du,« fragte Corona beklommen, »was der anonyme Brief in Paris
sagte: die spanische Sängerin, Judit Miranes, habe ihn gefesselt?«
    »Ich glaub' es, denn unser Vater hat mir ähnliche Andeutungen gemacht.«
    »Also weiss es der Vater!« rief sie erschreckt.
    »Liebe Corona,« sagte Hyazint traurig lächelnd, »in der Welt weiss man
alles, was zur Welt gehört. Mit Dir spricht Niemand darüber, das versteht sich!
aber der arme Vater, der so viele Menschen kennt und mit so vielen in Verbindung
ist, weiss gewiss alles, was Orest betrifft. Ich habe aber immer diese
Mitteilungen vermieden; denn es war mir ein grenzenloser Schmerz, meinen Bruder
auf solchem Wege und Dich in solchem Leid zu wissen, ohne Euch helfen zu
können.«
    »Ach, und stelle Dir nur vor, wie grässlich das ist: diese Circe ist eine
Jüdin - ungetauft, unerlöst, gnadenlos, nie eingetreten in's übernatürliche
Leben.«
    »O die Unglückselige!« rief Hyazint schmerzlich. »Bedauere sie, Corona,
verdamme sie nicht. Das Gewissen und das natürliche Licht des Verstandes könnten
ihr freilich sagen, welch Unrecht sie begeht. Aber ach! wie leicht werden die
von der Leidenschaft gefälscht und ausgelöscht, wenn man nicht höheres Gesetz
und höheres Licht zu Rat ziehen kann, welche sich nicht der Leidenschaft
anbequemen, sondern ihre ewige, unwandelbare, objektive Geltung haben. Davon
weiss sie nichts, diese Circe! sie sitzt, wie jener gefesselte Mensch des Plato,
in einer düsteren Höhle, mit dem Rücken dem hellen Eingang zugewendet, und sieht
vor sich an der Wand nur die Schatten, welche die Gestalten werfen, die sich
hinter ihr im Licht bewegen. Der Wahrheit in's Auge - sieht sie nie! hat sie nie
gesehen! o arme Circe!«
    »Aber Orest ist noch viel unseliger!« rief Corona. »Er weiss, was wir wissen,
Hyazint, und ach! er lebt, als wisse er es nicht. Mir grauet vor jeder
Erörterung über diesen Gegenstand mit dem guten Vater, und doch fürchte ich, dass
es unmöglich sein wird, länger in dieser Weise fortzuleben - denn Orest will
keine Rücksicht mehr nehmen. Ach, Hyazint! darf man sich den Tod wünschen? wenn
mich der liebe Gott in die Ewigkeit riefe, so wäre all' die Trübsal zu Ende und
Orest frei.«
    »Das wäre die Auflösung eines Romans und nicht so pflegt Gott seine Menschen
zu führen. Er will sie an sein Ziel, nicht an das ihre bringen. Orest wird nicht
frei, wenn er sich ungehindert seiner Leidenschaft hingeben darf - und Du hast
nicht Zeit, Dich zu heiligen, wenn Du vor der Zeit vom Leben scheidest. Aber
sieh! Dorn, wohin der Fuss tritt, wohin die Hand greift! Wermut, was die Lippe
berührt: das ist uns heilsam! das löst uns ab von unserer sündigen Natur, die so
selbstsüchtig ist, dass sie in jedem Verhältnis ganz heimlich, wenn auch
uneingestanden, Freude und Trost begehrt; und so betrügerisch, dass sie, möge man
noch so innig Gott in's Auge und in's Herz fassen, all' Augenblick sucht, ihm
das Geschöpf vorzuschieben. Es ist aber kein irdisches Verhältnis ohne Trübsal,
ohne Verwirrung, ohne Bitterkeiten, und nur in dem Mass, als wir das erkennen,
suchen wir unseren Trost in dem einzigen Verhältnis, das ohne Trübsal für uns
ist - in dem, zu unserem göttlichen Heiland. Deshalb müssen wir uns mehr über
Dorn und Wermut freuen, als über Nektar und Ambrosia.«
    »Statt dessen grämt man sich!« sagte Corona schmerzlich; »statt dessen
verlangt man immer wieder ein wenig blauen Himmel und Sonnenschein - ein wenig
Glück!«
    »Und ganz besonders: Genuss des Glücks,« entgegnete Hyazint lächelnd; - und
damit sind wir denn wieder bei unserer selbstsüchtigen Natur angelangt, der wir
auf jedem Schritt und Tritt begegnen.«
    »Was fang' ich an, Hyazint? ich meine immer, ich müsse etwas tun für
Orest!« rief Corona und rang schmerzlich ihre Hände.
    »Lass Dich mit unüberwindlicher Geduld demütigen und kreuzigen, so tust Du
genug,« entgegnete Hyazint. »Bete viel, opfere viel, hoffe viel - mit einem
Wort: liebe viel; damit brachten die Heiligen grosse Dinge zu Stande. Aber
freilich, das unruhige Menschenherz findet eine Erleichterung in äusseren
Handlungen, und lässt sich gern zu ihnen hinreissen! Bleibe Du in der Stille und
Ruhe Deines Herzens. Sieh, die Christenheit feiert jetzt den Advent, die Ankunft
des Herrn. Wie kommt der Herr? mit welchen Taten tritt er auf? wie bekehrt er
die Menschheit? wie erlöst er die Welt? Die seligste Jungfrau bereitet ihm ein
Kripplein im elenden Stall, und das Kindlein in Windeln ist der menschgewordene
Gott und er friert in kalter Winternacht und er weint. So erlöst er die Welt. Er
lässt sich demütigen; und dann - lässt er sich kreuzigen. Weshalb wollten wir es
anders machen - da doch gerade dies uns vorgezeichnet ist?«
    »Vielleicht, weil gerade dies am schwersten ist,« erwiderte Corona.
    »Sieh, wie gut es Gott mit Dir meint! Du sollst es nicht anders haben, als
er es hienieden hatte. Weine nicht, Corona, blicke in Dich und über Dich mit dem
Auge des Glaubens und Du wirst frohlocken mit jenem heiligen Sänger: Mir ist das
Los auf's Lieblichste gefallen, mir ist ein herrliches Erbteil geworden.«
    »Bete für mich, bete für uns!« sagte Corona. Sie fühlte sich ermutigt durch
Hyazints Zuspruch, und gefasster sah sie einer Zukunft entgegen, von der sie
nicht ahnte, wie drohend sie sich gestalten werde. Auch Hyazint ahnte es nicht
und wusste nicht es anzufangen, um einen klaren Blick in Orests Seele zu werfen;
denn dass dieser ihn nicht eher in seine Pläne einweihen werde, als bis er auf
ihre Durchführung hoffen könne - das war zu erwarten. Ihm Vorstellungen machen,
hiess aber weiter nichts, als Wasser auf heisses Eisen giessen. Es zischt, es
raucht - und bleibt heiss wie zuvor. Er beschloss, Orest mit der grössten Liebe zu
behandeln und dadurch, wenn nicht Einfluss auf ihn, doch vielleicht sein
Vertrauen zu gewinnen. Als Orest sich bald darauf bei den Seinen einfand,
übersah Hyazint gänzlich dessen Verstimmung und äusserte nicht das leiseste
Zeichen von Erstaunen über das Auffallende in seinem Benehmen und in der ganzen
Art und Weise, wie er den Zuschnitt seines Lebens gemacht hatte. Er liess ihn
gewähren und bot sich ganz ungesucht zu Corona's Begleitung an, um die
zahlreichen Kirchen zu besuchen, in welchen wahre Schätze von Gemälden, von
Fresken, von Bildhauerarbeit, von köstlichem Material, von Kunst- und von
heiligen Gegenständen aufgehäuft sind - während Orest mit der ernstaftesten
Miene von der Welt die Behauptung aussprach: er könne die Kirchenluft nicht
vertragen. Sie sei dumpf, feucht, beklommen, durchräuchert - kurz, sie mache ihn
nervös.
    »In der Beziehung halte ich mich zu Dir, Orest,« sagte Graf Damian, der
inzwischen von seinen Besuchen heimgekehrt war. »Ich glaube, man kann hier ganz
angenehm im diplomatischen Kreise leben, in welchem sich auch immer einige
ausgezeichnete Fremde vorfinden, ohne die ermüdende Unterhaltung aufzusuchen,
die mit der Besichtigung so vieler Merkwürdigkeiten verbunden ist. Die
Hauptkirchen, die Hauptruinen, die Hauptpaläste und basta - für mich. Sehr
unterhaltend ist es in der Stadt selbst sich umzusehen; da hat man merkwürdige
Überraschungen! Ein Platz ist ganz übersäet mit abgebrochenen, umgestürzten,
verstümmelten Säulen, die wie ein Kegelspiel aussehen, welches von Riesen
aufgerichtet und verlassen worden wäre. Zwischen ihnen erhebt sich eine
prächtige, mit Bildwerken bedeckte himmelhohe Säule. Trajans Forum - nannte es
der Lohndiener. Ein anderer Platz sieht aus, als wäre er unter Wasser gesetzt,
so enorm und zu ebener Erde ist das Bassin, an welchem die Tritonen so ungeniert
sitzen, als würden sie sich nächstens aus ihrer Versteinerung aufmachen und auch
ihr Wort mitreden zwischen den übrigen Leuten, die da zirkulieren. Fontana de
Trevi, nannte es der Lohndiener. Solche Wassermasse in einem Springbrunnen ist
grossartig. Und der Venetianische Palast - welch' ein herrliches Gebäude! halb
Kastell, halb Schloss - ein Adlerhorst! ich freue mich, dass Österreichs Adler
drin horstet! Die österreichische Botschaft ist drin, sagte er erläuternd zu
Corona, die sich an seinem Interesse für Rom erfreute. Ich habe doch wahrlich
die grössten Hauptstädte Europa's gesehen und abermals gesehen und lasse mich
daher nicht so ganz leicht durch Häuser und Strassen und was drum und dran hängt,
verblüffen; aber in diesem Rom komm' ich mir vor, wie ein Krähwinkler in der
Residenz. Er sperrt Mund und Augen auf über die ungeahnte Herrlichkeit. Und das
tue ich redlich. In anderen Städten gibt's auch Herrlichkeiten an schönen
Gebäuden, öffentlichen Plätzen und dgl. mehr. Aber es ist alles so berechnet, so
wohlgeordnet, so gemacht, so fremd, so eingewandert, so - ich weiss nicht was.
Hier ist es naturwüchsig und eingeboren. Das hab' ich noch nie gesehen! ich
schwärme für Rom.«
    »Gewiss die erste Schwärmerei Deines Lebens, Papa!« sagte Orest.
    »Nun, das will ich doch nicht behaupten,« entgegnete Graf Damian. »Früher
hatte ich eine grosse Vorliebe für Paris - wie Du sie jetzt hast. Das begreift
sich. Es ist die Stadt des eleganten Lebensgenusses, und der Mensch hat Epochen,
in denen er für denselben schwärmt. Damit scheint es hier nicht splendid
auszusehen. Die Kaffeehäuser und die Kaufläden sind nicht luxuriös ausgestattet
und zur Schau gestellt, und ob es hier einen guten Restaurant gibt, ist wohl
sehr die Frage. Als ich mich bei meinem Lohndiener nach einem solchen
erkundigte, sagte er betreten, es gäbe recht gute Trattorien in Rom. Aber eine
Trattorie ist auf gut deutsch - eine Garküche! Wie sieht's denn mit dem Diner
aus, Corona? - das wird wohl auf Windeck besser sein.« -
    Nachdem die ersten Tage der Niederlassung an einem fremden Ort, die stets
etwas Unbehagliches für alle haben, welche nicht in langer Gewohnheit des
Reisens sind, vorüber waren, schien die Familie in's rechte Geleise gekommen zu
sein. Man wohnte sich ein, man lebte sich ein. Graf Damian ging in die Welt,
machte Besuche, fand alte Bekannte, ritt mit ihnen in der Campagne umher, ging
auf die Jagd und unterhielt sich vortrefflich. Corona trank Eselsmilch, fuhr
spazieren und nahm mit Mass Roms unerschöpfliche Herrlichkeiten in Augenschein.
Mit der grossen Gesellschaft befasste sie sich nur gerade so viel, als sie es
ihrem Vater nicht abschlagen mochte, der zu behaupten pflegte, er werde
freundlicher empfangen, wenn Corona an seiner Seite erscheine.
    »Die Welt,« sagte er, »bedarf des Schmuckes der Jugend und Schönheit.
Ältliche Leute - zu denen ich leider anfange gezählt zu werden, aber mich selbst
keineswegs zähle - sieht sie gern nur unter drei Bedingungen. Entweder: sie sind
europäische Berühmteiten - oder sie geben ungeheuer gute Diners - oder sie
haben schöne Töchter. Das erste bin ich nicht; das zweite kann ich in Rom nicht
bewerkstelligen! dazu muss man mich in Windeck aufsuchen. Doch die dritte
Bedingung - die erfülle ich und zwar in höchster Potenz: mein feines Töchterlein
ist vermählt. Folglich kann man ihr in aller Gemütsruhe huldigen, ohne Furcht,
sich deshalb in Hymens Fesseln begeben zu müssen - was bei der bekannten
Ehescheu, die jetzt wie eine Grippe bei den jungen Männern unseres Standes
grassiert - ein grosser Vorzug ist.«
    »Lieber Vater,« sagte Corona in dem heiteren Ton, womit sie immer zu ihm
sprach, auch wenn sie ernste Dinge sagte, weil er auf diese Weise sie anhörte;
»Deine Welt ist ein Babylon, mit König Baltassars Festmahl. Die Geisterhand
schreibt ihre geheimnisvollen Zeichen an die Wand des Königssaales; der
Perserkrieg steht vor der Tür; aber sie achtet es nicht und taumelt dahin in
ihrem Rausch und ihrem Frevel.« Sie dachte an Orest - dem ächten Sohn dieser
Welt. Graf Damian erwiderte:
    »Kind, warum nennst Du sie meine Welt? Ich habe sie nicht geschaffen und bin
recht froh darüber, denn ich würde mich tot ärgern, sehen zu müssen, wie sie
jeden Augenblick - bald nach der verkehrten Seite sich umdreht, bald wieder
schief ins Blaue hinein fliegt, bald einen ungeschickten Burzelbaum macht. Die
Welt ist Gottes Welt. Er hat sie geschaffen, er muss für sie sorgen, dass sie wie
ein Stehauf immer wieder auf die Beine kommt, wenn sie auch tausendmal auf die
Nase fällt. Ich sehe bei dem Spektakel nur ganz vergnüglich zu und wälze alles
getrost auf seine Schultern. Das ist meine Philosophie. Ist sie nicht sehr
christlich?«
    »So ganz wohl nicht,« sagte sie lachend.
    »Nicht ganz?« rief er verwundert. »Ei, Kind, was fehlt denn noch?«
    »Von dem, was fehlt, wollen wir gar nicht reden, mein Väterchen! nur von
dem, was zu viel ist.«
    »Zu viel Christlichkeit! sieh, das überrascht mich.«
    »Der vergnügliche Zuschauer, lieber Papa, der dem Weltbankerott zusieht und
die Hände reibt, und auch wohl einmal Beifall klatscht - der ist zu viel in
Deiner christlichen Philosophie.«
    »Ja, Kindchen!« sagte Graf Damian und streichelte liebevoll ihr weiches
Haar, »Du bist aus Onkel Levins Schule! mit Euch ist für unsereinen nicht
Schritt zu halten.«
    Orest beobachtete einigermassen den äusseren Anstand Corona gegenüber -
hauptsächlich auf Judit's Wunsch. Als sie sicher war, ihr Ziel zu erreichen,
hatte sie zu ihm gesagt:
    »Wähnen Sie nicht, Graf Orest, mir einen Gefallen zu tun oder mir eine
Huldigung darzubringen, indem Sie ihre Leidenschaft für mich zur Schau tragen,
oder Aufsehen erregen, oder Ihre Gemahlin beleidigen. Für eine gewöhnliche
Schauspielerin könnten Sie dergleichen tun, denn die hat Freude daran. Aber ich
bin keine gewöhnliche Schauspielerin und alles, was an eine solche erinnert, ist
mir zuwider. Ich will ruhig und ohne komödiantenhaftes Gepränge und Getöse den
Platz in der grossen Welt einnehmen, den Ihre Liebe mir bereitet. Dass dazu die
Trennung von Ihrer Gemahlin gehört, tut mir leid, ist aber unvermeidlich.
Umsomehr müssen Sie schonend und rücksichtsvoll verfahren, und wenn es Sie auch
einige Monate Ihres Glückes kosten sollte! wir haben ja das ganze Leben vor uns,
um glücklich zu sein.«
    »Aber wie lang ist denn überhaupt das Leben,« fragte Orest, »dass Sie die
Versäumnis von einigen glücklichen Monaten nicht als Verschwendung betrachten?«
    »Ich werde mich freuen, wenn Sie in zehn Jahren auch noch so gesinnt sind,«
erwiderte Judit. -
    Orest hatte in seinem Gespräch mit Corona erkannt, dass sie nie ihre
Zustimmung zu seinem Vorschlag geben werde.
    »Sie liesse sich lieber umbringen als dazu bewegen,« sagte er zu Florentin,
der plötzlich, er wusste selbst nicht wie! sein Vertrauter geworden war. Neigung
zum Bösen ist kein dauerhaftes, aber zuweilen ein sehr starkes Band zwischen den
Menschen, die sich ihm hingeben. Einer stützt den andern, so lange es gilt, das
gute Prinzip zu bekämpfen. Später verfolgt dann jeder seinen besonderen Zweck
und dann verwandelt sich die Freundschaft nicht selten in bittere Feindschaft.
Florentin hatte schon früher durch den vollen Cynismus seiner Grundsätze einen
verderblichen Einfluss auf Orest geübt. Dieser fand zwar immer, dass Florentin zu
weit gehe, aber er merkte nicht, dass er ihn nur in der Teorie, nicht in der
Praxis bekämpfe und dasjenige bereitwillig annehme, was mit seinen
Leidenschaften übereinstimme. Als Florentin ihm jetzt erwiderte, es sei nun an
der Zeit, endlich Anspruch an seine volle Freiheit zu machen und sich den
abgeschmackten Gesetzen der katolischen Kirche gründlich zu entziehen,
entgegnete Orest:
    »Das ist mein fester Entschluss! ich werde protestantisch und lasse mich
scheiden.«
    »Vortrefflich!« jubelte Florentin. »Ja, Du musst protestantisch werden! das
ist der erste Schritt zur geistigen Befreiung, dadurch widersagst Du der
priesterlichen Vormundschaft und nimmst Deinen Platz ein zwischen denjenigen,
welche ihre Selbstberechtigung beanspruchen, ihre höchsten Angelegenheiten nach
ihrem eigenen Gewissen zu gestalten. Einen Grund zur Scheidung findet man sehr
leicht und der beste wird sein - dass Du protestantisch wirst. Dann kommt auch
wieder ein protestantischer Herr auf Deine protestantische Herrschaft Stamberg!
Vortrefflich! nach welcher Seite hin man es betrachten möge - ganz
vortrefflich!«
    »Ich wusste nicht, dass Du ein so wütender Protestant geworden seist, um
sogar auf ein harmonisches Verhältnis zwischen Herr und Untertanen Rücksicht zu
nehmen, Du Sozialist und Kommunist!« erwiderte Orest, immer spottend über
Florentins Ansichten und immer bereit, ihnen zu folgen, wenn sie seinen
Projekten zusagten. »Was bist Du denn eigentlich? calvinisch, luterisch,
anglikanisch, high church, low church, presbyterianisch? nennst Du Dich
evangelisch oder reformiert? gehörst Du zu den Mennoniten, den Irvingianern, den
Anabaptisten? bist Du der geschworene Anhänger irgend einer Landeskirche? oder
wie oder was?«
    Florentin antwortete mit verächtlichem Achselzucken:
    »Der grosse Wilhelm von Oranien sagte: Ich weiss nicht, ob die
Prädestinationslehre grau oder blau ist. Aber ich weiss, dass Oldenbarneveldt's
Kopf und der meine nicht unter einen Hut gehen. Der Kampf für und wider diese
Lehre, in den sich natürlich politische Meinungen und Interessen verwebten,
zerriss damals Holland in zwei wütende Parteien und Oranien war der Führer der
einen, nicht um die Prädestinationslehre siegen - sondern um Oldenbarneveldt um
einen Kopf kürzer zu machen. Schlaue Politiker und sonstige kluge Köpfe haben es
immer als etwas höchst gleichgültiges betrachtet, ob die religiösen Lehren grau
oder blau sind; sie haben sie benutzt für ihre Zwecke. Und so mache ich es auch,
obschon ich nichts weniger als ein kluger Politiker bin. Aber das ist ja
handgreiflich klar: religiöse Lehren und Ideen sollen in irgend einer Weise den
Menschen beglücken. Tun sie das nicht, so haben sie weder Sinn noch Zweck. Der
Mensch besitzt seine Vernunft, um zu erkennen, ob sie zu seinem Glück beitragen
oder nicht - und seinen freien Willen, um andere Lehren aufzusuchen und
anzunehmen, welche mit seinen Glücksbedürfnissen in Einklang sind.«
    »Hyazint würde sagen,« warf Orest ein, »das sei kein Akt des freien -
sondern des von Gelüsten und Begierden geknechteten Willens.«
    »Sophistik! Priesterart!« rief Florentin. »Hyazint haben wir hinter uns!
der Wille ist frei, wenn er wählen kann nach seiner Lust: das versteht jedes
Kind; aber der Priester verdreht die Auslegung. Genug! dass kein denkender
Mensch, wenn er zugleich aufrichtig und unegoistisch ist, im Protestantismus
sitzen bleibt, das ist so gewiss, wie zweimal zwei - vier ist. Dass der
Protestantismus noch immer als Landeskirche oder Bekenntnis, oder wie man das
Ding nennen soll! existiert - beweist, wie selten jene drei Eigenschaften in
einem und demselben Menschen vereinigt sind. Hingegen als Sauerteig in der
politischen Welt, und als ein getreuer Eckart der Revolution gegen Tiare und
Krone - da wird er bestehen, so lange diese zu bekämpfen sind. Das ist seine
Glorie - und darum lieb' ich ihn. Seine Sekten verachte ich; und wenn ich Dir
rate, Dich an eine derselben zu schliessen, so geschieht das nur, um Dich von Rom
abzulösen und in der Hoffnung, dass Du vom Protestantismus nach und nach zu
irgend einem anderen - ismus fortschreiten werdest, denn er ist mit ihnen allen
verwandt. Auch macht es mir Vergnügen, mir den Schreck vorzustellen, den die
aristokratische ultramontane Partei in der Heimat wegen Deines sogenannten
Abfalles bekommen wird. Dies Geschrei der Priester! dies Geschnatter der
Betschwestern, die sich ihre letzten drei Haare ausreissen werden! Ah, denen
gönn' ich besonders diesen Schlag.«
    »Judit hat einen grossen Widerwillen gegen den Protestantismus,« bemerkte
Orest.
    »Judit ist stolz und tief ungläubig,« entgegnete Florentin. »Welcher
Religionsgesellschaft sie sich zuwenden möge - es ist für sie eine Sache der
Form. Es liegt ein gewisser Schmelz auf der katolischen Kunst und dem
katolischen Gemütsleben, das ihre Phantasie anspricht; aber sie beugt ihren
Geist vor keinem fremden und deshalb ist es ziemlich gleichgültig, ob sie auf
katolische oder protestantische Weise die Zeremonie der Taufe durchmacht. Ist
sie einmal Gräfin Windeck, so hoffe ich noch viel von ihr und von Dir. Bis dahin
verfolgt Ihr beide ganz selbstsüchtig eure persönlichen Bestrebungen und es ist
nichts mit euch anzufangen.«
    »Seid ihr denn noch immer damit beschäftigt, die euren zu verfolgen und die
Welt zu revolutionieren?« fragte Orest.
    »Bedarf sie es etwa nicht?« rief Florentin. »Sitzt hier nicht der Papst im
Regiment, als ob das ewig dauern sollte?«
    »Ich bekümmere mich ja wenig um diese Angelegenheiten,« erwiderte Orest,
»aber ich höre von Männern, die im Stande sind, es gründlich wissen zu können,
weil sie sich um die Tatsachen bekümmern, dass dies Regiment nichts weniger als
schlecht sein soll; dass man Reformen beginnt, Freiheiten gibt, auf Neuerungen
eingeht wie überall, und dass die Staatsschulden und die Abgaben geringer sind,
als irgendwo.«
    »Und wenn die Zustände paradiesisch wären - sie taugten doch nichts! ja, sie
taugten gerade dann am wenigsten, denn durch sie würde sich ja das päpstliche
Regiment rehabilitieren - und es soll untergehen,« rief Florentin; »durchaus
untergehen! Das Haupt der katolischen Kirche ist das Haupt der gegenwärtigen
Weltordnung, denn es stellt eine moralische Macht ohnegleichen dar, eine Macht,
die Fürsten und Völker miteinander und mit diesem Oberhaupt der Kirche
verbindet. Drum ist es die Zielscheibe unserer Bestrebungen. Verbesserungen,
Freiheiten, Reformen, Erleichterungen - wir wollen sie nicht; denn wir wollen
nicht die Hand, die sie erteilt.«
    »Ihr seid wahnwitzig!« rief Orest; »Ihr verabscheut die Herrschaft eines
Lammes und sehnt Euch nach der Herrschaft von Tigern.«
    »Und Du wirst das noch ganz in der Ordnung finden, wenn Du etwas logisch
denken willst,« entgegnete Florentin hohnlachend. »Tust Du nicht dasselbe? nur
in enger egoistischer Sphäre und nach kleinem Masse. Corona - ist sie nicht ein
Lamm? duldend, friedfertig, lieblich, zur Erfüllung jedes Wunsches bereit. Was
helfen ihr die Tugenden und Gaben! Du liebst sie nicht, Du sagst Dich von ihr
los, Du willst Dein Leben nicht mit ihr teilen. Und Judit - ist sie nicht so
etwas, wie das schöne, stolze Tigertier der Wüste in wilder, königlicher
Freiheit? und ihr huldigst Du! und ihr bist Du bereit, allerhand Opfer zu
bringen! und von ihr erwartest Du die Wonne Deines Lebens! Und was Du tust für
ein sterbliches Wesen und es gerechtfertigt findest durch Deine Liebe - und wenn
Dich tausendmal die Welt deshalb verdammt! - Das nennst Du wahnwitzig, wenn es
gilt, die Liebe zu einer unsterblichen Idee in Taten auszuprägen? wenn es gilt,
die wonnige Braut der Menschheit, die Freiheit, in ihrer vollen, wilden,
ungeschminkten Schönheit zu erringen! wenn es gilt, mit ihr eine neue Aera zu
begründen - nicht für ein Haus und an einem Herde! sondern für die grosse Familie
der Nationen, die nach ihr schmachtet und der sie schon so lange verheissen ist.
Ich sehe, Orest, dass ich auf Dich noch geraume Zeit werde warten müssen.«
    »Ja,« entgegnete Orest kaltblütig; »und um so länger, je glücklicher ich
sein werde. Kein glücklicher, mit seinem Schicksal zufriedener Mensch macht
Revolution. Drum habt ihr bei den euren immer Banditen und Leute dieses Schlages
bei der Hand, die ihr Glück erst machen wollen und in ruhigen Zeiten und
geordneten Zuständen nicht dazu kommen können. Also auf mich rechne nicht.« - -
    Hyazint hatte Coronas Mitteilungen mit um so grösserem Schmerz aufgenommen,
als er vor ihr verbergen musste, wie tief sie auch ihn erschütterten. Corona
verlangte von ihm in Geduld und Kraft bestärkt und zu edler Ergebung ermuntert
zu werden. In dem Sinn musste er zu ihr sprechen und von demselben beseelt vor
ihr erscheinen, denn das ist der ächt christliche Sinn: er ist gefasst in den
Willen Gottes - nicht aus Stumpfheit, sondern weil er ein St. Christophorus des
Geistes, ein Riese in der himmlischen Liebe ist, und durch die brausenden Wellen
des reissenden Lebensstromes zärtlich und unerschütterlich den Heiland der Welt
auf seinen Schultern trägt. Wohl stand Hyazint mit seinem Willen auf diesem
Gipfelpunkt des inneren Lebens; aber er sah zugleich auch in den Abgrund hinab,
in welchem die Sünde, die tötliche Beleidigung Gottes fort und fort geboren wird
und sah diesen Abgrund geöffnet im Herzen seiner Familie, unter dem Dach seines
Hauses. Welche Strafgerichte konnten da nicht einbrechen! auf welche
Gottesgeissel musste man da nicht gefasst sein! Wird die Ehe nicht in ihrer vollen
Heiligkeit hoch und unangetastet gehalten, so durchschleicht ein geistiges Gift
nicht ein Herz allein, sondern es ergiesst sich, wie die übervolle Schale eines
Springbrunnens in ein weiteres Becken - in die Familie, und geht aus ihr, in
tausend Kanälen, deren Zusammenhang das Menschenauge freilich selten entdeckt,
in die ganze menschliche Gesellschaft über. Denn der Mensch ist nicht ein
abgerissenes Einzelwesen, das ohne Zusammenhang mit seinesgleichen und mit den
Höhen und den Tiefen, die ihn umgeben, sein Dasein für sich allein hat, wie eine
Kugel dahin rollt. Durch das Gnadenleben, welches Christus der Menschheit
gebracht hat, ist sie in eine übernatürliche Gemeinschaft eingetreten und zu
einem mystischen Leibe geworden, an welchem die Schönheit und Vollkommenheit
jedes einzelnen Gliedes dem Ganzen zur Zier gereicht. Indem jeder einzelne an
seiner Vervollkommnung arbeitet, dient er zugleich der übernatürlichen
Gemeinschaft und trägt, nach dem Mass, das ihm geworden, sein Sandkorn oder
seinen Edelstein zu ihrer Vervollkommnung bei. Wer es nicht tut, reisst eine
Lücke in sie; seine Arbeit fehlt; der Platz ist leer, den er ausfüllen sollte,
und alsbald zeigt sich und vergrössert sich der Schaden. Wo eine Lücke war,
bröckelt mehr und mehr die Mauer ein, bis sie zusammenstürzt und aus einem
schönen Gebäude einen Schuttaufen macht, worin hässliches Getier wohnt. Je mehr
der Mensch von der Wahrheit und Wärme dieser übernatürlichen Lebensgemeinschaft
durchdrungen ist, welche durch die Menschwerdung Gottes begründet und durch die
Sakramente erhalten wird, desto schärfer erkennt er den Frevel gegen diese
göttliche Liebesordnung, der in der Sünde liegt; desto schmerzlicher beweint er
die Vereitlung göttlicher Liebesabsicht, welche sich der Frevler in sündiger
Verblendung zu Schulden kommen lässt. Und das war Hyazints untröstlicher Gram:
die Sünde hatte sich eingenistet in seinem Hause! sein Bruder vergass Gott und
seine Pflicht und huldigt einem Götzen und seiner Leidenschaft; und wie weit der
innere Abfall ihn auch äusserlich noch stürzen werde - das war nicht zu berechnen
und liess den schlimmsten Befürchtungen Raum. Ihm war zu Mut, als müsse er sich
vor den Abgrund werfen, dem Orest zutaumelte, und den Berauschten auffangen und
festalten - sollte er auch unter der Last zusammenbrechen. Mit
unaussprechlichen Ängsten und mit grenzenlosem Vertrauen bat und flehte, weinte
und seufzte er vor Gott um die Rettung seines Bruders, und indem er sein Kreuz
an das des göttlichen Erlösers lehnte, begehrte Hyazint sein Opfer mit dem
Opfer des Gottessohnes zu vereinigen und die Seelen zu lieben, wie Christus sie
geliebt hat: für alle sein Blut zu vergiessen, für die fremdeste, die geringste,
die unbekannteste - nicht für Orest allein.
    So lebten sie alle ein Doppelleben, wie das bei den meisten Menschen der
Fall ist; äusserlich - rosenrot, Sammt und Seide, gefälliger Umgang, genussreiche
Unterhaltung. Trat dann jeder in sein Kämmerlein zurück, so war es anders! da
fand sich jeder gegenüber seinem Herzen, das die Folge und Strafe der Sünde, der
eigenen und der fremden - einen Dornenkranz trug.
 
                               Das Auge der Welt
Es gehörte zu Florentins grössten Peinen, dass Judit nach wie vor eine treue
Freundschaft für Lelio bewahrte. Die kleine Missstimmung, die sie am Genfersee
gegen ihn äusserte, war längst verschwunden - um so mehr, als er sich wohl
hütete, ihren liebsten Plänen wieder mit der Schärfe von damals, die sie ja auf
ihrem Standpunkte durchaus nicht verstehen konnte, entgegenzutreten. Das lässt
sich niemand gefallen ohne Erbitterung - ausgenommen die vollkommenen, der
Selbstsucht abgestorbenen Seelen. Die nehmen auch den schärfsten Widerspruch,
der sich nicht etwa gegen ihre Fehler, wohl aber gegen ihre Tugenden erhebt,
mild und liebevoll hin. Judit hatte Lelio gern, wie sie früher Ernest gern
hatte: es lag auf beiden der Schmelz des katolischen Gemütslebens - wie
Florentin es nannte. Ernest machte ihr einen so tiefen Eindruck, weil er das
war, was man nächst dem Vogel Phönix am seltensten in der Welt findet: er war
aus einem Stück; denken, wollen, handeln stimmten bei ihm überein; immer, nicht
ausnahmsweise. Die meisten Menschen sind aus Bruchstücken von diesem und jenem
Denken, Wollen, Handeln, zufällig und äusserlich, planlos zusammengesetzt; die
einen mehr, die anderen minder. Sind die Bruchstücke schön, so gibt es das, was
man nennt, interessante Menschen. Bei Lelio kamen jetzt solche Bruchstücke zum
Vorschein. Er war nicht aus einem Guss wie Ernest; Judit selbst hatte ihn ja
noch vor kurzem auf einem ganz anderen Wege, mit einem ganz anderen Streben
gekannt. Um so mehr interessierte sie sich für seine Umwandlung, die
augenscheinlich aus seinem innersten Wesen hervorging. Florentin versicherte
zwar, er folge einem fremden Impuls. Einmal wollte er gehört haben, ein sehr
reiches junges Mädchen habe sich zum Sterben in Lelio verliebt; aber von ihrem
Beichtvater die Weisung erhalten, unter keiner Bedingung mit einem Menschen sich
zu verehelichen, der zu den geheimen Gesellschaften, zu einer Venta oder einer
Loge gehöre; nun könne Lelio doch unmöglich diese schöne reiche Person vor Liebe
umkommen lassen! Ein anderes Mal hatte Florentin gehört, dass die Jesuiten, deren
fabelhafte Reichtümer ja immer eine sehr grosse Rolle bei allen Gegnern der
katolischen Kirche spielen, Lelios Bekehrung erkauft haben sollten. Ein drittes
Mal sollte seine bigotte Familie ihn dermassen mit Schilderungen der
Höllenstrafen geängstigt haben, dass er durch Grauen zur Apostasie von der Sache
der Freiheit und des Fortschrittes getrieben sei. Aber all diese Angaben machten
nicht den mindesten Eindruck auf Judit, obschon eine Menge Menschen, vielleicht
die meisten, in ähnlichen Fällen ähnliche Motive voraussetzen. Sie war zu
selbständig, um nicht an eigene, innere Beweggründe zu glauben, und zu stolz, um
nicht zu begreifen, dass man ihnen rücksichtslos folgen könne. Sie sagte
kaltblütig zu Florentin:
    »Geben Sie sich keine Mühe, mich durch das Wutgeheul Ihrer Partei zu
betäuben, Fiorino. Ich glaube das, was Lelio mir gesagt hat. Er lügt nicht.«
    »Darf man wissen, was er gesagt hat?«
    »Die Gnade hat ihn bekehrt.«
    »Und das begreifen Sie, Signora?«
    »Nein, das hab' ich nicht gesagt; wohl aber, dass ich an Lelios
Aufrichtigkeit glaube.«
    »Die Gnade? .... ja, was ist denn das für eine mystische oder mytische
Person? Wie gibt sie sich kund? wodurch wirkt sie? wie ergreift sie den
Menschen? was ergreift sie in ihm?«
    »Fragen Sie doch lieber: was isst sie, was trinkt sie? dann stehen Sie
vollkommen auf der Höhe von Sir John Falstaff!« unterbrach Judit ihn unmutig.
»Ist das Genie nicht auch eine mystische oder mytische Person, wie Sie höhnend
fragen - und ist es deshalb etwa nicht? Wer versteht die geheimnisvolle Flamme
zu erklären, die z.B. über der Stirn eines kleinen Bauernbuben so wunderbar
leuchtet, dass sie ihm die Augen öffnet für die Schönheit, die im Stein verborgen
ist, ihn antreibt, den Meissel zu ergreifen und die schönen Götterbilder aus
ihrer Versteinerung heraus zu arbeiten; und die ihn endlich zu einer der grossen
Berühmteiten macht, die man unsterblich zu nennen pflegt. Ich finde es nicht
seltsam, dass Lelio von der Gnade - als dass ein Canova vom Genie ergriffen wird.«
    »Nur haben beide äusserst verschiedene Folgen! das Genie wirkt schöpferisch,
die Gnade ertötend.«
    »O nein!« rief Judit, »auch die Gnade ist schöpferisch; aber nach innen.«
    »Sie sind hellsehend, Signora!« rief er spöttisch.
    »Und Sie sind blind, armer Fiorino,« sagte sie kalt.
    »Das muss wohl sein,« entgegnete er; »denn ich nehme nichts wahr von dieser
wunderbaren Schöpfung in Lelio. Er ist ein Abtrünniger einer heiligen Sache
geworden, ein Deserteur von der Fahne der Freiheit, ein Überläufer ins Lager der
Finsternis. Er ist treulos gegen seine besten Freunde, er entsagt der Kunst, die
das Leben lieblich schmückt. Nein, Signora, ich entdecke keine goldenen Früchte,
welche seine Gnade ihm trägt.«
    »Sie macht ihn gut, Fiorino; rechnen Sie das für nichts? Er ist ein guter
Sohn geworden, er lebt in dem Kreise seiner einfachen Pflichten, er ist die
Wonne und der Herzenstrost seiner Eltern, er hat sich losgesagt von dem wüsten
Sinnenleben, in dessen Schwelgereien er sich berauschte; er begnügt sich mit
einer ganz unscheinbaren Stellung, mit einem äusserst bescheidenen Lose, um nicht
in der Strudel der Welt zurückgeschleudert zu werden; er verzichtet auf den
Beifall und die Bewunderung, die seinem herrlichen musikalischen Talent folgen
würden, auf diesen gewissen Kunstrausch, dem man schwer entsagt, wenn man ihn
genossen hat. O es ist eine ganz wunderbare Veränderung mit Lelio vorgegangen,
und so wie er jetzt ist, ist er besser und edler, als er früher war. Ich nehme
vorlieb mit den Menschen, wie sie eben sind, guter Fiorino! allein deshalb
dürfen Sie nicht wähnen, dass ich den Massstab für höhere Naturen verloren hätte.
Er rostet mir nur ein wenig ein, weil ich so äusserst selten ihn an jemand
anlegen kann.« -
    Florentin wütete heimlich bei solchen Äusserungen Judits und hatte zuweilen
Lust, auf irgend eine Weise rächerisch störend einzugreifen in ihr Verhältnis zu
Orest. Aber abgesehen davon, dass ihm bei Orests Leidenschaft für Judit die
Unmöglichkeit einer Störung einleuchtete, versprach er sich durch ihre Ehe doch
noch einen viel höheren Triumph seiner Ideen. Eine Apostasie, ein zerrissenes
Eheband, eine jüdische Sängerin - und das alles im Hause der Windecker - welche
Elemente des Fortschrittes, nach seinen Ansichten, waren nicht darin entalten!
Vorderhand musste er sich in sein Schicksal ergeben, bei den Ausflügen, die
Judit in Roms Umgegend machte, und bei der Besichtigung der Altertümer, der
Kirchen und Kunstwerke immer Lelio an ihrer Seite zu sehen. Dieser hatte ihr
einen Musiker empfohlen, wie sie ihn für ihre Studien brauchte und auf ihre
Einladung, sie oft zu besuchen, geantwortet:
    »Nein, Signora, die Welt, die Sie umgibt, ist meine Welt nicht mehr. Ich
suche die Sprache zu vergessen, die man dort spricht; der Gedanken mich zu
entschlagen, die dort herrschen; den Bestrebungen mich zu entziehen, die dort
verfolgt werden. Kann ich Ihnen aber als Cicerone dienen, so bin ich gern dazu
bereit und hoffe Ihnen etwas von der Langweile zu ersparen, welche Sie bei einem
gemieteten Cicerone unfehlbar ausstehen müssten.«
    Judit nahm gern den Vorschlag an und setzte hinzu:
    »Desto mehr geniesse ich Ihre Unterhaltung.«
    Florentin sagte erbittert: »Signora, Ihr kaprizioser Kopf macht es wie Ihre
Stimme: beide suchen umsonst ihres Gleichen! Sie haben jahrelang Lelio zum
Hausgenossen gehabt und nie eine Vorliebe für seine Unterhaltung geäussert. Kaum
verlässt er Ihr Haus, so wird er Ihnen unentbehrlich.«
    »Unentbehrlich nicht,« entgegnete Judit, »aber lieb und angenehm, und ich
finde meine Kaprizen durchaus gerechtfertigt.«
    »O das finden die Damen immer!« rief Florentin.
    »Dann bin ich ja vollends in meinem Recht,« sagte Judit lachend, »wenn ich
es mache, wie mein ganzes Geschlecht.« -
    Sie fuhr eines Tages mit Madame Miranes, Lelio und Florentin zum Grabe der
Cäcilia Metella - dieser Frau, welche das seltsame Schicksal hat, dass ihr Name
und ihr Grabmal durch die Jahrtausende gehen, ohne dass man irgend etwas von ihr
selbst weiss.
    »Und dann ist man noch stolz auf seine Berühmteit!« rief Judit. »Und dann
freut man sich des Gedankens, dass die Nachwelt unsere Namen aufbewahren werde!
Eine gänzlich unbekannte Frau geniesst diese Ehre in weit höherem Grade, als sie
unsereinem je zu teil wird, nur weil ihr Name, in eine Marmortafel geschnitten,
ihr Grab anzeigt und weil dies Grab eine Art von festem Turm ist, der den
Jahrtausenden trotzt. Rom kühlt ungemein gegen den Durst nach irdischer
Unsterblichkeit ab. Man sieht hier so recht, wie die verschiedenen Epochen in
der Geschichte auf einander folgen, wie eine jede ihre Grössen hat und wie sie
alle nach und nach untergehen. Rom ist ein ächtes elysisches Gefilde im Sinn des
Altertums: eine Schattenwelt! und ist melancholisch, wie eine solche sein muss.«
    »Ist es nicht recht eigentümlich,« sagte Lelio, »dass gleichsam ein
verlorener Ton aus uralter Offenbarung in die Fabelwelt sich versenkt hat und
einen leisen Anklang der grossartigen Harmonie angibt, die im Christentum zur
vollen Erhabenheit sich entfaltet? Die christliche Lehre vom Dasein nach dem
Tode - im Himmel für die Heiligen, in der Hölle - für die Verlorenen, im
Purgatorium für die, welche dereinst in den Himmel übergehen werden, findet
sich, gleichsam durch einen Hohlspiegel verzerrt, in der griechischen Fabel vom
Olymp, vom Orkus und von den elysischen Gefilden.«
    »Der Hohlspiegel ist die Sinnlichkeit, in welche die Griechen versunken
waren,« sagte Judit. »Die verzerrt alles Grosse! die Schönheit wird weichlich,
die Kraft brutal und ich habe nie begreifen können, wie vernünftige Menschen
unserer Tage für die griechische Götterlehre und für das griechische Kunstideal
schwärmen konnten. Das Technische der Kunst, die Vollendung und Harmonie der
Form, die Behandlung des Materials ist unvergleichlich; aber ein Herkules als
Ideal der Kraft, oder eine Venus als Ideal der Schönheit genügen mir nicht.«
    »Sie stellen das Menschliche idealisiert dar,« sagte Florentin. »Was
verlangen Sie denn noch mehr, Signora?«
    »Dass sich Göttliches in ihnen darstelle.«
    »Mit der Anforderung geraten Sie abermals in eine Fabelwelt.«
    »Oder in die christliche Kunst,« ergänzte Lelio.
    Wie ein guter und ein böser Geist standen diese beiden Menschen beständig
neben Judit und jeder redete zu ihr in seiner Sprache und suchte sie zu
gewinnen für das Reich, das er vertrat. Aber um jeden Menschen, wenn auch nicht
in so ausgeprägten Gestalten, regen und bewegen sich ähnliche Einflüsse.
    Während sie das Grabmal betrachteten, das ein Rundbau von so enormer Grösse
ist, dass er in Roms mittelalterlichen Bürgerkriegen als Festung diente - und
nach allen Seiten ihn umgingen, kam von der Stadt her ein Wagen gefahren, in
welchem Graf Damian, Corona, Hyazint und Felicitas sassen. Orest machte eine
grosse Jagdpartie mit, sonst würde er zwar nicht seine Familie, wohl aber Judit
begleitet haben. Florentin erkannte schon von Weitem die Ankommenden und rief:
    »Da ist die ganze Familie von Graf Orest.«
    »Wer ist der junge Geistliche?« fragte Lelio.
    »Sein jüngster Bruder - ein Schwärmer erster Ordnung! vielleicht kein
Betrüger, doch ganz gewiss ein Betrogener.«
    »Du machst eine Einteilung und einen Unterschied, als ob Du von den
verschiedenen Graden der Eingeweihten in irgend einer geheimen Gesellschaft
sprächest,« entgegnete Lelio mit grosser Bestimmteit. »Das passt aber nicht für
den katolischen Priesterstand und ich bitte Dich nicht zu vergessen, dass ich
Katolik bin und folglich eine Gleichstellung vom Grand-Orient und von der
heiligen Kirche nicht dulden kann.«
    »Warum denn nicht!« rief Florentin. »Der Priesterstand ist gleichsam die
Miliz einer Sache, die er heilig nennt und er schart sich zu gegliederter
Ordnung um seine Anführer, die Bischöfe, welche die Parole erteilen. Wir sind
auch eine Miliz, haben auch eine heilige Sache und empfangen auch von unseren
Führern die Parole. Aber an uns ist es, uns jeden Vergleich mit der Kirche zu
verbitten.«
    »Kommen Sie, Lelio!« rief Judit ungeduldig; »wir wollen zum Zirkus des
Maxentius gehen - so nannten Sie ihn ja wohl? - dessen Trümmer man schon von
hier gewahr wird.« Und rasch schlug sie den Weg dahin ein, ohne einen Blick auf
den Wagen zu werfen.
    Madame Miranes blieb etwas zurück, nahm die Ankommenden in Augenschein und
sagte dann zu Florentin:
    »Das ist aber nicht die Gräfin Regina Windeck.«
    »Nein, es ist die jüngste Tochter von Graf Damian. Die älteste ist im
Kloster.«
    »O Himmel! warum denn das?«
    »Fanatismus! Sucht nach besonderen Dingen! Es hiess, sie wolle Fürstin werden
und die Heirat sei nicht zu Stande gekommen.«
    »Und dafür suchte sie Ersatz im Kloster?«
    »Ersatz, Trost, was weiss ich! Unglückliche Liebe ist ja immer der Grund, der
junge Mädchen in's Kloster treibt.«
    »Was ist denn aus dem Graf Uriel geworden, der damals in Frankfurt lebte und
ein bildschöner und sehr angenehmer junger Mann war.«
    »Nichts! ein Herumtreiber! ein hochgräflicher Vagabund!«
    »Hat er sich auch auf die unselige revolutionäre Seite gelegt?« rief Madame
Miranes unbefangen.
    »O nein,« entgegnete Florentin, äusserst entrüstet über diese naive Frage;
»der ist und bleibt ein Ultra unter den Aristokraten. Aber es ist eben nichts
Tüchtiges aus ihm geworden, man hat ihn im Staatsdienst nicht brauchen können
und so hat er sich auf die ächte faule Seite gelegt: er reist in der Welt umher,
ohne Zweck, ohne Geschäft, ohne Sinn.«
    »Schade um ihn! er war schon damals eine brillante Erscheinung in der
Gesellschaft.«
    »Freilich schade! aber was liess sich von einer Windecker Erziehung anders
erwarten! Wo eine so bigotte Mutter und ein so fanatischer geistlicher Onkel den
Ton angaben, mussten Kirchenblumen erzielt werden, ohne Farbe und Duft.«
    »Welch ein Glück, dass Sie und Graf Orest diesem traurigen Einfluss sich
entzogen haben.«
    »Ja!« rief Florentin jubilierend, »da kann der Mensch den rechten Gebrauch
seines freien Willens an den Tag legen, wenn er sich über die Missgriffe, die
Fehler, die fesselnden Gewohnheiten seiner Erziehung hinaus schwingt und eine
neue Bildung sich zu eigen macht.« -
    Als die eine Gesellschaft mit der Besichtigung der Zirkusruine und die
andere mit dem Grabmal der Cäcilia Metella fertig war und jede zu ihrem Wagen
zurückkehrte, rief plötzlich Hyazint:
    »Da kommt der heilige Vater! o seht, er kommt des Weges! er geht zu Fuss! in
der weissen Soutane - das ist er.«
    »Welch ein Glücksstern waltet über uns!« rief Graf Damian vergnügt.
    »Diese Wonne! Lili bekommt seinen Segen!« jubelte Corona.
    Sie hatte einen herrlichen Blumenstrauss von Rosen und Orangenblüten in der
Hand; sie riss ihn auseinander, gab die einzelnen Blumen an Felicitas und
unterrichtete das Kind, was es zu tun habe. Dann warteten alle in frohbewegter
Spannung, dass der heilige Vater sich nahe. Er ging zwischen zwei Herren seines
Gefolges; andere hinter ihm; in einiger Entfernung fuhren die Wagen langsam
nach.
    Lelio hatte mit ebenso grosser Freude wie Hyazint seiner Gesellschaft die
Ankunft des heiligen Vaters angezeigt, aber nicht dieselbe Teilnahme gefunden.
    »Weltlicher Fürst und Priesterkönig!« rief Florentin; »zwiefachen Hasses
wert! o könnt' ich ihm diesen Hass ausdrücken.«
    »Nahest Du dich ihm oder sagst Du eine Silbe, so schlag' ich Dich zu Boden!«
rief Lelio zornesbleich.
    »Ruhig, Lelio!« sagte Judit; »Fiorino weiss, wie er sich in meiner
Gesellschaft zu benehmen hat. Sie können aber nicht von uns Ihre papistische
Adoration verlangen.«
    »Ein fremder Souverän geht uns gar nichts an,« sagte Madame Miranes; »und
was den Glanz betrifft, so haben wir schon ganz andere gekrönte Häupter
gesehen.« -
    Sie bildeten eine eigentümliche Gruppe! Judit stand da, hoch aufgerichtet,
kalt und stolz, wie jemand, der gewöhnt ist, Huldigungen zu empfangen, nicht
darzubringen. Madame Miranes sah neugierig dem Kommenden entgegen und zugleich
verwundert, weshalb Lelio eine solche Verehrung für den alten Herrn äussere. Mit
finsterem Trotz in Blick, Mienen und Haltung stand Florentin neben Judit. Aber
Lelio löste sich von der unfreundlichen Gruppe ab, die unbeweglich stehen blieb,
während er niederkniete, um den Segen zu empfangen, den der heilige Vater im
Vorübergehen mild ihm erteilte. Lelio hätte gern den Staub unter seinen Sohlen
geküsst, so zerschmolz ihm das Herz vor Reue bei dem Gedanken, dass er in diesem
gütigen, liebevollen Greise je einen Tyrannen, ein schädliches, unheilbringendes
Wesen habe sehen können. Er folgte ihm mit den Blicken und sah, wie aus der
Gruppe der Windecker ein Kind ihm entgegen lief, das in Weiss gekleidet einen
himmelblauen Gürtel und beide Hände voll Blumen trug. Mit der unnachahmlichen
Grazie der kleinen Kinder, die noch von keiner Eitelkeit und Ziererei etwas
wissen, streuete Felicitas ihre Blumen auf den Weg und kniete dann neben ihnen
nieder. Und der heilige Vater legte einen Augenblick zärtlich seine Hand auf das
Haupt des Kindes und erteilte dann mit grosser Freundlichkeit an Corona, Graf
Damian und Hyazint seinen apostolischen Segen. Dann ging er weiter des Weges.
Auf der kurzen Strecke hatte sich ein getreues Abbild von dem Urbild aufgerollt,
das der Evangelist Marcus von dem Heiland mit den Worten malt: »Und Er war in
der Wüste, bei den wilden Tieren; und die Engel dienten ihm.« Wie der göttliche
Heiland, so steht auch die Kirche, die sein Werk fortsetzt, hienieden in der
Wüste der Welt - einerseits umheult und umtobt von der Wut des Satans und von
der Bosheit wilder, verderblicher, frecher Leidenschaften - während andererseits
alles Gute, alles Heilige, alles Himmlische und Übernatürliche ihr huldigt. Und
je ähnlicher des göttlichen Heilands Stellvertreter, als Oberhaupt der
sichtbaren Kirche, in Liebe und Leid Ihm ist: desto mehr wird sich auch in
seinem Leben dieser Zug herausstellen und Niedriges und Böses wird wider ihn
wütend die Zähne fletschen, das Edle und Reine verehrend ihn lieben.
    Corona schloss Felicitas zärtlich in ihre Arme und sagte mit
feuchtschimmernden Augen:
    »Nun hab' ich eine Ahnung davon, wie jenen Müttern um's Herz war, deren
Kinder der Heiland segnete.«
    »Und nun kannst Du auch mit beruhigtem Gewissen auf unsere Audienz im
Vatikan Dich freuen!« sagte Graf Damian mit freundlicher Neckerei. »Es war Dir
doch immer ein Schmerz, nicht wahr, dass Lili als audienzunfähig davon
ausgeschlossen und ohne apostolischen Segen bleiben sollte. Jetzt hat sie den
besten Teil von uns allen bekommen.«
    »Wie gut ist Gott!« rief Corona gerührt; »mit welcher himmlischen Liebe
erfüllt er unsere Wünsche!«
    »Ja, die himmlischen!« sagte Hyazint und froh beglückt setzten sie ihre
Spazierfahrt fort. -
    In Judits Wagen herrschte nicht dieselbe freudige Stimmung. Florentins
Groll äusserte sich durch finsteres Schweigen. Er hatte die Windecker Gruppe aus
der Ferne wohl bemerkt und genau beobachtet, und ihr einfach demütiges Benehmen
bildete einen so schlagenden Gegensatz zu seinem grimmigen Hass, dass ihm sein
ganzes Herz davon durchstachelt wurde. Die Gesinnung, die sich in jenem Benehmen
aussprach, griff ihn absichtslos in seinem innersten Selbst, in allem, was er
liebte und erstrebte, an und deshalb empfand er ein Weh, als sei ihm eine
schwere persönliche Kränkung absichtlich zugefügt. Dies merkwürdige, wenn auch
geläugnete innere Bewusstsein der Bosheit, des Unglaubens, der Sünde und
überhaupt aller Laster, dass sie durch das blosse Dasein der Tugend, der
Gottesfurcht, des heiligen Wandels, der himmlischen Gesinnung - gleichsam
verurteilt und gebrandmarkt sind, beweist, welche ungeheuere Macht die Tugend
ausübt, wie unausrottbar die Stimme des Gewissens in der Menschenbrust ist und
erklärt die Wut, mit welcher das Böse, wenn es in den Weltgeschicken die
Oberhand gewinnt, sich an die Vernichtung des Guten macht. Es kommt aber nicht
weiter, als dass es einzelne Träger des Guten vernichtet; denn das Prinzip des
Guten ist in Gott, und somit in Sicherheit gestellt vor Dolch, Stilet und
Guillotine.
    Lelio hing seinen Gedanken nach und verfolgte die labyrintischen
Höhlengänge, mit denen der Geist einer von Gott abgefallenen Menschheit nun
schon seit mancher Generation die allgemeine Vergesellschaftung unterminiert
hat; diese Krater, in denen alle Lava zügelloser Leidenschaften, welche
göttlichem Gesetz und heiliger Ordnung den Gehorsam aufgesagt haben, brodelt und
gährt; diese Vulkane, die finstere Rauchwolken und schädliche Dämpfe aushauchen
und durch diese Vorboten schon genugsam die Gesellschaft bedrohen - bis irgend
ein unerwartetes Ereignis sie schüttelt und die Feuerströme aus ihrer Tiefe auf
die Oberfläche bringt und verheerend ergiesst. Er dachte, dass die Lava, die dort
kocht, und die Asche, die sich dort absetzt, in ihrem Ausbruch manch Herkulanum
zerstören, manch Pompeji verschütten werde, sei es in einzelnen Seelen, sei es
in den Massen, im Leben des Glaubens wie in den äusseren Verhältnissen. Er
dachte, dass auch er seinen Anteil zu dieser unsichtbaren Höllenmaschine
beigetragen habe, dass auch er von der fixen Idee des Satans, nichts Höheres über
sich anerkennen zu wollen - behaftet gewesen sei, und unwillkürlich drückte er
mit einer Geberde voll namenlosem Schmerz seine gefalteten Hände vor die Stirn.
    »Was fehlt Ihnen, Lelio?« fragte Judit, die ihm gegenüber im Wagen sass.
»Sie haben als ein ächter Papist Ihr Idol angebetet und sind dennoch traurig!«
    »Er ist ein bussfertiger Sünder,« nahm Florentin das Wort; »und einem solchen
ist immer schlecht zu Mut.«
    »Der Tag wird kommen, wo dem verstockten Sünder noch viel schlimmer zu Mut
sein wird,« entgegnete Lelio. »Aber Du hast ganz Recht, Fiorino! ich bin
bussfertig bis in's Mark meines Herzens hinein und Sie erlauben mir wohl,
Signora, Ihnen einen Auftritt zu erzählen, der sich vor sieben Jahren hier in
Rom ereignet hat und der Ihnen erklären wird, weshalb man hier Busse, und zwar
massenhaft, tun, d.h. das Unrecht bereuen, sich bessern und Genugtuung leisten
sollte. Der heilige Vater machte damals zum Minister einen Mann, welcher sagte:
Das Papsttum ist die letzte lebensfähige Grösse Italiens und die Sache des
Papstes ist die Sache Gottes. Diese Sprache missfiel der Revolution und
derjenige, der so redete, noch viel mehr, denn er war der Mann dazu, um zu
handeln, wie er sprach. Er hätte Freiheiten und Reformen gegeben und befestigt,
die weltliche Macht des Papstes zu Ansehen gebracht und dadurch der Revolution,
die nach zeitgemässen Verbesserungen brüllte, den Mund gestopft. In Wahrheit gab
es für die Patrioten - wie hier die Revolutionsmänner sich nannten - nur eine
zeitgemässe Verbesserung, nämlich: den Untergang der weltlichen Macht des
Papstes, keineswegs deren Herstellung; denn sie hoffen, wenn der Papst nur erst
in Abhängigkeit von irgend einem Monarchen ist, wie ehedem der Patriarch von
Constantinopel es von den griechischen Kaisern war - wenn er nur erst heimatlos
und machtlos geworden ist, ein Werk- und Spielzeug fremder Politik: dann habe
die Kirche ebenfalls den Todesstoss bekommen und das lichte Auge der Welt sei
geschlossen und das frische Herz der Welt stehe still. Darauf arbeiten sie hin;
das ist ihr letztes Ziel: die Kirche soll untergehen. Die weltliche Macht des
Papstes bildet ihr ein Bollwerk - darum falle sie! - Nun kam dieser Graf Rossi
und erklärte, sie retten, sie befestigen zu wollen und auf gesetzmässigem Wege,
den die Konstitution ihm vorzeichnete, die Revolution dämpfen und beruhigen zu
wollen. Deshalb wurde Graf Rossi grenzenlos von den Patrioten gehasst. Sie hätten
ihn bekämpfen können auf konstitutionellem Wege, mündlich, schriftlich, ihn
stürzen können, wenn's möglich war! Aber nein! die Politik der Venta hat einen
anderen Ausdruck, als den der Rede und der Feder. Sie hat das Stilet. Auf der
Treppe der Cancelleria vecchia wurde Graf Rossi durch einen einzigen,
wohlangebrachten Dolchstoss in den Nacken ermordet. Eine Menge von Menschen war
gegenwärtig, auch Nationalgarden und Gensdarmen; keiner rührte sich, keiner
versuchte den Mörder festzuhalten. Sie waren also entweder mit ihm einverstanden
oder gleichgültig gegen die grässliche Tat und der Diener des Grafen fand kaum
Beistand genug, um den Entseelten in ein benachbartes Zimmer zu tragen. Am Abend
durchrasten wütende Banden mit brennenden Fackeln die Strassen, tanzten unter den
Fenstern der unglücklichen Witwe ihres Schlachtopfers und sprachen ihr
Einverständnis mit dem Meuchelmörder unverholen aus. Sie sangen ein Lied, das
den Dolch heilig nannte, der einen Verräter traf. Sie wollten Beifall hören -
und die abgestumpfte Masse klatschte Beifall. Sie wollten Freudenbezeugungen
sehen, zwangen mit Drohungen die Strassen, durch welche sie zogen, zu
Illumination - und man illuminierte.«
    »O genug und übergenug!« rief Judit. »Das erweckt Grauen am hellen Tage.
Sie waren doch nicht bei diesen schauderhaften Szenen, Lelio?«
    »Nein, Signora! um solche Auftritte wussten nur die Häupter der Patrioten und
deren geheime Agenten. Unsereiner erfuhr nur nachträglich die Tatsache und zwar
so, dass der Höllenpunsch zu einer Limonade abgeschwächt erschien. Ein
beklagenswertes Ereignis - einige Exzesse - gerechtfertigtes Misstrauen der
Patrioten: so glitt die ganze Begebenheit in den Strom der revolutionären
Bewegung hinein. Aber Sie begreifen, Signora, dass man Angesichts einer solchen
Tat mit einigem Recht an Sühnung derselben denken kann.«
    »Die Geschichte weist dergleichen Taten in Masse auf,« sagte Florentin kalt.
    »Nur mit dem Unterschied,« entgegnete Lelio, »dass sie in gesetzlich
geordneten Zeiten von einem Einzelnen und unter dem Abscheu der grossen Menge -
hier aber unter massenhafter Teilnahme verübt wurden. In revolutionären Zeiten
erlebt man freilich überall, dass ein Teil der Menschheit an edlem Mut und
Rechtsgefühl kläglich bankrott macht und mit den Wölfen heult, um nicht für ein
Lamm zu gelten und von den Wölfen zerrissen zu werden.«
    »Dahin kommt man mit Ihren Teorien, Signor Fiorino,« sagte Madame Miranes.
»Das sehen Sie ja selbst ein und läugnen es auch gar nicht. Aber weshalb sagen
Sie sich denn nicht davon los? das fasse ich nicht. Es muss Ihnen ja ganz
unheimlich sein in Verhältnissen zu stehen, die jede Untat gut heissen, wenn sie
in ihr System passt.«
    »Ja, Fiorino!« sagte Judit, »Sie können am Ende Ihr Rechtsgefühl so
abstumpfen und Ihr Gewissen so verfälschen, dass Sie selbst in Ruchlosigkeit
verfallen. Machen Sie es wie Lelio: treten Sie zurück.«
    »Sie sind eingeschüchtert durch eine Tat, die in der hohen Politik, welche
zuweilen der Geist eines Volks in gewichtigen Momenten ausübt, nicht
ungerechtfertigt erscheint,« sagte Florentin eiskalt.
    »Und Sie sind unverbesserlich!« rief Judit.
    »Hörten Sie nicht, Signora,« fuhr Florentin fort, »wie Lelio vorhin sein
Idol, Papst und Kirche - denn das fällt bei ihm zusammen - Auge der Welt und
Herz der Welt nannte? Mit diesem Auge soll man übereinstimmend sehen, mit diesem
Herzen übereinstimmend fühlen - und wer das nicht tut, soll als ein Verworfener
gelten. Muss man sich nicht einem solchen Absolutismus gegenüber zur Wehr setzen?
und wer tut das, wenn nicht die Männer, welche in allen Jahrhunderten die
geistige Freiheit und den Fortschritt der Menschheit verteidigt und gerettet
haben!«
    »Die Kirche ist das Auge und das Herz der Welt,« sagte Lelio, »weil sie der
Menschheit das Licht des göttlichen Glaubens und die Kraft der heiligen Liebe
vermittelt, durch welche die Menschheit in Wahrheit frei, in Wahrheit auf die
Bahn des Fortschrittes geführt wird. Das beweist die Geschichte des
Christentums. Es hat sinkende und aufsteigende Epochen, Perioden der Blüte und
des Verfalles im Leben der Völker. Spürt man dem Grunde nach, weshalb die Zeiten
untergehen, so ist es immer, weil das feindliche Element des hochmütigen
Individualismus bald auf dem Gebiet der Politik, oder der Religion, oder der
Literatur - aber immer da, wo eben ein schwacher Punkt sich zeigt, den Einfluss
des religiösen Lebens hemmt, stört oder sogar ganz lähmt. Wie gefallene Engel,
grosse Gaben elend verwüstend, bäumen sich dann manche Geister gegen die Kirche
auf und nennen diesen Abfall - Befreiung! und augenblicklich, als würden die
Pforten des Himmels hinter ihnen zugeschlagen, erlischt in ihnen das
übernatürliche Licht des Glaubens und erstirbt in ihnen die übernatürliche Kraft
der Liebe; denn sie haben sich freiwillig von dem Auge der Welt und dem Herzen
der Welt losgesagt. Verworfene, wie Fiorino sagt, sind sie nicht; die Kirche
verwirft niemand, der ihr anhangen will. Aber sie sind Fremdlinge und
ausgeschlossen von den Rechten der Kinder des Hauses - bis zu ihrer Bekehrung,
welche Gottes Gnade einem jeden möglich macht; wie Sie das an mir erlebt haben,
Signora.«
    Judit antwortete nicht; sie hing ihren Gedanken nach und hörte nicht auf
Lelios und Florentins fernere Gespräche. Sie war trübe gestimmt. Die Begegnung
mit Corona, mit dem heiligen Vater hatte sie peinlich aufgeregt. Sie dachte mit
Unbehagen an diese Frau, an die Mutter dieses engelgleichen Kindes, welche sie
aus dem Hause des Gemahls verdrängen wollte; mit Unbehagen an diesen milden
Priesterkönig, der nur einen kleinen irdischen Staat und doch ein unendlich
grosses geistiges Reich beherrschte, in welchem sie ein Fremdling war, und sie
fragte sich im Stillen wieder und wieder: Könnte ich denn nicht auch in das Auge
der Welt schauen? Sie nahm sich vor, mit Lelio darüber zu sprechen, und als sie
nach einigen Tagen mit ihm allein war, sagte sie:
    »Haben Sie für mich gebetet, Lelio? In der Villa Diodati versprachen Sie es
mir.«
    »Und ich habe Ihnen Wort gehalten, Signora.«
    »Und Erhörung gefunden, Lelio; denn ich werde jetzt Gräfin Windeck.«
    »Das müssen wri erst abwarten, Signora.«
    »Es handelt sich jetzt meinerseits darum, dass ich die christliche Taufe
empfange und ich wünsche, es möge nach dem katolischen Ritus geschehen; dann
habe ich das meine getan und werde nicht lange mehr zu warten brauchen, mein
armer Lelio. Es wird mit jener Ceremonie ein gewisser Unterricht verbunden:
kennen Sie einen Geistlichen, der mir denselben erteilen könnte?«
    Lelio unterdrückte mit Gewalt den Ausdruck seiner grenzenlosen Freude und
sagte gelassen:
    »Ich werde mich umschauen, Signora.«
    »Halten Sie es für möglich, dass ich nach dem Empfang des Unterrichts Ihre
Ansichten von der katolischen Kirche bekäme?«
    »Für sehr möglich, Signora.«
    »Das wäre mir lieb, ausserordentlich lieb - bis auf einen gewissen Punkt. Das
geistige Leben des Menschen nimmt ab und erstirbt, wenn es beständig von seinem
eigenen Fond zehren und aus seinem eigenen Ich schöpfen muss. Hingegen bereichert
und entfaltet es sich, wenn es sich um eine objektive, über allen vernünftigen
Widerspruch erhabene Wahrheit, wie um eine Sonne bewegt. Diesen Mangel empfinde
ich schmerzlich - und noch schmerzlicher die geistige Vereinzelung, in welche
man ohne eine solche Centralsonne verfällt. Man schliesst sich an Kunstgenossen
oder an Gesinnungsgenossen an; man versucht es wenigstens. Aber ach! bei solchen
Verbindungen spielen Laune, Leidenschaft und menschliche Schwäche eine so grosse
Rolle, dass sie nicht von Dauer sein können. Ich sehne mich nach etwas
Unvergänglichem, Lelio, und ich möchte meine trübe, unsichere Erkenntnis durch
Untrügliches gesichert wissen. Ich möchte mich anstrahlen lassen vom Auge der
Welt, Lelio.«
    »Ich glaub' es, teure Signora.«
    »Nun sagt man aber, dass die katolischen Priester sich in alle persönlichen
Verhältnisse zu mischen und sich um alles Mögliche und Unmögliche zu bekümmern
suchen. Davon kann denn natürlich bei mir keine Rede sein. Dem Hofmeister bin
ich entwachsen und meine weltlichen Angelegenheiten besorge ich allein. Sie
wissen ja, wie ich durch mein Schicksal dem meine Neigung entsprach, selbständig
geworden bin. Den überweltlichen Geist, der in der katolischen Kirche lebt,
wünsche ich kennen zu lernen, aber keineswegs den vormundschaftlichen
Bestrebungen ihrer Priester ausgesetzt zu werden.«
    »Sein Sie unbesorgt, Signora,« entgegnete Lelio lachend, »mit dieser Bürde
wird sich keiner zu befrachten suchen. Was spricht denn aber Graf Orest zu Ihrem
Plan?«
    »Lieber wär' es ihm, wie mir scheint, wenn ich protestantisch getauft würde.
Aber ich kann mich nicht dazu entschliessen und weiss weshalb. Und da auch Graf
Orest es weiss, so lässt er mir freie Hand, denn er legt wenig Gewicht auf die
äusseren Formen des einen wie des anderen christlichen Bekenntnisses. Das wird
einen wunderbaren Kontrast geben, nicht wahr, Lelio? Abends sing' ich in der
Oper und Morgens studiere ich den Geist des Christentums. Ich liebe solche
Kontraste.«
    »So lange, bis sie in Konflikt mit einander geraten - nicht wahr, Signora?«
    »Zum Konflikt kommt es nicht, Lelio! ich trete mit Freuden von der
Bühnenwelt in's Privatleben zurück. Mit dem Beginn der Fastenzeit hören meine
Verpflichtungen hier auf. Hat Graf Orestes bis dahin seine Verhältnisse ordnen
können, so steht unserer Verbindung nichts im Wege, und dann ist's auf ewig aus
und vorbei mit der berühmten Sängerin Judit Miranes! Sie müssen mir dazu Glück
wünschen, Lelio, denn ich freue mich darauf, wie auf eine Erlösung. Bringen die
Verhältnisse des Grafen noch eine Zögerung mit sich, so muss man sich fügen; und
in dem Fall will ich nach Neapel gehen - doch nur aus Liebhaberei. Jetzt aber
wollen wir Rafaels berühmte Sibyllen bewundern, die ja Ihre Kirche Santa Maria
della pace schmücken.«
    Orest stellte sich ein, Madame Miranes erschien, und sie fuhren nach jener
Kirche, die ein so wunderschönes Kunstwerk umschliesst, wie die Gruppe von vier
Sibyllen ist, welche Rafaels Pinsel mit der ganzen Fülle seines Seelenzaubers al
fresco an den Bogen einer Kapelle gemalt hat. Da ruhen sie in stiller Sammlung
und lassen den Strom des Lebens unbeachtet an sich vorüber rauschen und schauen
über ihre Gegenwart und über die kleinen Geschicke der Menschen mit ihren
wunderbaren, nicht bloss sehenden, sondern wissenden Augen, in den göttlichen
Lebenskeim, den die Zukunft ihnen entschleiert hat, klar hinein. Nie ist das
Heidentum edler, schöner, tiefsinniger aufgefasst und dargestellt worden, als
durch diese Sibyllen. Die Ahnung von einem Erlöser, einem göttlichen Sühnopfer,
einem Hineintreten des Göttlichen in das Menschliche, um dieses zu einer
verlorenen Glückseligkeit, zu einer höheren Stufe des Seins zurückzuführen,
durchzittert die ganze antike Welt, wie die Schwingung einer Seite, die nur
klingt, aber keinen bestimmten Ton anschlägt. Und dies Ahnungsvolle in der
antiken Welt, das in ihren grössten Menschen, in einigen ihrer Kunstschöpfungen,
in manchen Myten, in einzelnen geheimnisvollen Lehren sich äussert, um dann
wieder in einem Meer von wüsten Fabeln des Geistes, von wilden Orgien der
Phantasie unterzugehen, gibt ihr einen eigentümlichen Reiz, etwas
Tragisch-Anziehendes. Wie ein Gestirn aus einer anderen Hemisphäre, das nur am
Horizont aufleuchtet, um sogleich wieder unter denselben zu verschwinden, steht
diese Ahnung von der Offenbarung einer übernatürlichen Liebe tief am Horizont
der heidnischen Welt, und deren Wolken und Nebel fluten über sie dahin - ohne
sie zu vernichten. Sie bleibt unerschüttert in den höheren Naturen. Der
Baalsdienst, das Molochopfer, die bacchischen Geheimnisse gleiten an ihren Augen
vorüber, wirbeln die Wolken ihres Taumels, ihrer Berauschung, den Duft ihrer
Blumenkränze, das Licht ihrer Fackeln zu ihnen empor; aber sie bleiben
unberauscht, unbetäubt, unbeirrt und halten fest an der Ahnung, dass sich die
göttliche Wahrheit in anderer Weise offenbaren werde. Und zu diesen erhabenen
Naturen in der heidnischen Welt gehören Rafaels Sibyllen. Er hat einen
Schönheitscharakter für sie erfunden! Das sind nicht Musen, Grazien, Göttinnen
der antiken Kunst; das sind aber auch nicht Fiesole's und Luini's selige
Jungfrauen, nicht Perugino's und Francia's weltentfremdete Heilige; es sind
Gestalten, in denen sich die Hoheit ausspricht, welche der gefallenen Menschheit
vom Ebenbild Gottes aufgeprägt bleibt, wenn sie, um dies Bild zu bewahren, von
den Scheingebilden der Erde sich abwendet. Es liegt eine überirdische Schönheit
auf diesen Sibyllen; aber übernatürlich ist sie nicht; sie ist noch nicht von
der Gnade verklärt.
    »O, das ist aber etwas unvergleichlich Schönes!« rief Judit vor dem
Gemälde; »man möchte dem Blick dieser Augen nachgleiten, tief und immer tiefer,
in die Zukunft hinein, um das zu schauen, was sie schauen; denn das muss etwas
Grosses sein, weil es ihnen diesen erhabenen Ausdruck gibt.«
    »Ja,« sagte Lelio, »sie schauen in das verschleierte Auge der Welt.«
    »Und warum entschleiert es sich nicht vor solchen Seelen?«
    »Warum wandeln wir zwischen Wiege und Grab? warum wechseln Tag und Nacht mit
einander ab? Es gibt Fragen, Signora, welche nur durch andere Fragen zu
beantworten sind.«
    »Rafael ist unvergleichlich in der Gruppierung,« sagte Madame Miranes. »Wie
schwierig war sie hier! Vier Frauengestalten über den Bogen! aber sie treten so
natürlich zusammen, als gäbe es gar keinen anderen Platz für sie auf der Welt.«
    »Ich finde, dass die Sibylla Samia Ihnen etwas ähnlich ist, Judit,« sagte
Orest.
    »Ich wünschte die Ähnlichkeit läge im Ausdruck,« erwiderte sie - und
unwillkürlich trat das Gespräch über die Sibylla persica, das sie einst mit
Ernest hatte, vor ihre Seele, als er ihr sagte: die Grossartigkeit der Sibyllen
bestehe darin, dass sie das Geheimnis von der Menschwerdung Gottes im Geist
geschaut hätten.
    So fand jeder vor dem Bilde das, was seine Seele beschäftigte, und lange
verweilten sie dabei. Als sie endlich sich entfernten, bemerkte Lelio, dass Orest
flüchtig einem jungen Geistlichen seinen Gruss zuwinke, der abseits sein Brevier
betete. Lelio begleitete Judit zum Wagen und kehrte in die Kirche zurück, und
kniete mit seinem Gebetbuch auf einem Platz nieder, von wo er den Geistlichen im
Auge behielt. Die Kirche der Deutschen, Santa Maria dellé anime, mit ihrem
Priesterhause, das nach altchristlicher Sitte eine Herberge für fremde deutsche
Geistliche bietet - liegt unmittelbar neben der Kirche Maria della pace.
Hyazint pflegte häufig die letztere zu besuchen und Lelio hatte schon öfter den
jungen Abbate bemerkt, der mit der Andacht eines heiligen Aloysius betete; hatte
ihn auch sogleich erkannt, als Florentin am Grabmal der Cäcilia Metella sagte,
das sei Orests Bruder. Nun fand er diesen Bruder eben hier vor dem
allerheiligsten Sakrament, wahrscheinlich in Gebeten für Orest begriffen und
schmerzlich bewegt durch diese Begegnung. Sollte er vielleicht das Werkzeug
Gottes zu Judits Bekehrung, zu Orests Rettung sein? Lelio war so ergriffen
durch Judits Entschluss, von einem katolischen Geistlichen sich unterrichten
und taufen zu lassen, dass er fortan alles hoffte von der Barmherzigkeit Gottes,
und als Hyazint aufstand, um die Kirche zu verlassen, ihm folgte und demütig
sagte:
    »Signor Abbate, ich möchte die Ehre haben mit Ihnen zu sprechen, weil Sie
ein Bruder des Grafen Orest sind, der vor einer halben Stunde hier war. Ich
spiele die Orgel hier an der Kirche und wohne ganz in der Nähe bei meinen
Eltern.«
    »Können Sie nicht zu mir kommen?« fragte Hyazint befremdet.
    »Sehr gern!« entgegnete Lelio unbefangen; »nur muss ich Sie allein und, wo
möglich, ganz unbemerkt sprechen, denn es betrifft die Bekehrung der Dame,
welche Graf Orest so eben begleitete.«
    »Ich folge Ihnen, Signor!« sagte Hyazint äusserst überrascht durch diese
unerwartete Nachricht; und bald befanden sich beide in Lelio's stillem Zimmer,
wo dieser Hyazint in Kenntnis von seinem Verhältnis zu Judit und von allem
setzte, was er über sie und Orest als Augenzeuge wusste.
    »Heute nun,« so schloss er seinen Bericht, »hat sie mir erklärt, dass sie sich
mit dem Geist des Christentums bekannt machen wolle. Das ist ihre Art sich
auszudrücken. In unserer Sprache heisst es: sie will sich in der Lehre der Kirche
gründlich unterrichten lassen - und das heisst so viel, als sich bekehren.«
    »Doch nicht ganz, Signor,« entgegnete Hyazint; »Stolz und Ehrgeiz sind von
je her ein paar gefährliche Feinde der christlichen Lehre von der Demut gewesen
und das scheinen ja Grundzüge ihres Charakters zu sein. Sie verlangt mehr eine
belehrende und anregende Unterhaltung für ihren Verstand, als dass sie sich nach
der Offenbarung einer Wahrheit sehnte, von der sie im innersten Wesen zugleich
erleuchtet und ergriffen genug würde, um sich mit all' ihren hochfliegenden
Plänen ihr zu opfern.«
    »Man kann das nicht ersehen, was man nicht kennt, Signor Abbate, und sie
steht ja ausserhalb der Gnaden des Christentums, kennt also nur ein natürliches
Licht, natürliche Gaben, natürliche Empfindungen. Wer kann sagen, welche Wünsche
nach himmlischen Dingen in ihr erwachen werden, wenn sich die himmlische Licht-
und Gnadenwelt vor ihr auftut. Ich meine, Signor Abbate, Sie sollten zu ihr
gehen, und ihr sagen, Sie wären der Geistliche, den sie begehrt habe und Sie
wären mit mir befreundet. Ich weiss wohl, dass ich dieser Ehre nicht wert bin,
aber ich weiss auch, dass Sie um des bitteren Leidens willen, welches der
göttliche Erlöser für mich geduldet hat, mir befreundet sind.«
    »Wird sie nicht misstrauisch werden, wenn sie meinen Namen erfährt.«
    »Den darf sie vor der Hand nicht wissen! Sie brauchen ja nur, wenn sie
fragen sollte, Ihren Taufnamen zu nennen.«
    »Und wenn ich meinen Bruder dort träfe!«
    »In den Morgenstunden treffen Sie ihn nie. Dann ist sie immer allein, mit
musikalischen Studien und mit Lektüre beschäftigt.«
    »Was in aller Welt kann aber meines Bruders Absicht sein, da es unmöglich
ist, seine Ehe für ungiltig zu erklären!«
    »Judit selbst scheint es nicht zu wissen. Sie macht sich nur ihrerseits
bereit, damit sie keine Verzögerung in die Angelegenheit bringt, sobald diese
eine günstige Wendung nimmt.«
    »Entsetzlich!« rief Hyazint, »mit einer solchen Kaltblütigkeit ein heiliges
Verhältnis zu zerreissen.«
    »Sie wähnt das Glück des Grafen Orestes zu begründen.«
    »Ja, sie! aber er! aber er! Ach, ich fürchte fast, er wird noch schwerer zu
bekehren sein, als sie. Ihr ist die Gnadenwelt verschlossen gewesen; aber er
gehörte derselben an und verlässt sie! und verachtet sie! sein Zustand ist viel
gefährlicher.«
    »Allerdings!« entgegnete Lelio; »allein uns stehen augenblicklich keine Wege
zu Gebot, auf denen wir an seine Seele heran kommen könnten, während sie bei
Judit geebnet sind. Ist das nicht eine höhere Fügung, dass sie katolischen
Unterricht begehrt?«
    »Ich muss mich besinnen, was ich zu tun habe,« sagte Hyazint. »Ich muss
beten, um den Willen Gottes zu erkennen. Ich muss mich mit so vollkommener
Hingebung als Werkzeug ihm anbieten, dass meine Armseligkeit seine grossen,
liebevollen Absichten nicht vereitelt. Neun Tage muss ich Zeit haben, Signor,
schliessen Sie sich meiner Novene an.«
    »Mit Freuden!« rief Lelio. »Neun Tage hindurch werde ich die seligste
Jungfrau Maria mit dem Gebet der Verbannten im Tal der Tränen, mit dem Salve
Regina anrufen, damit auf ihre Fürbitte Judit's Verbannung aufhöre. Glauben Sie
mir, Signor Abbate, wenn sie zuweilen mit ihrem tief melancholischen Ausdruck in
schweigendes Sinnen sich verliert, so fallen mir die Töchter Israels ein, die
ihre Harfen an die Weidenzweige gehängt haben, trauernd an Babylons Flüssen
sitzen und weinen, wenn sie Sions gedenken. Nur ist bei ihr der israelitische
Typus gänzlich in der Frivolität moderner Allerweltsbildung untergegangen und
das Sion, nach welchem sie weint, liegt nicht in ihrer Vergangenheit, wohl aber
in ihrer Zukunft.«
    »Hat sie denn keine Zuneigung für meinen Bruder? Erwiderte sie seine
Leidenschaft nicht? Wäre das der Fall, so müsste sie sich ja beglückt und
befriedigt fühlen durch die ungeheueren Opfer, die er ihr bringt. Hat sie aber
keine Neigung für ihn und handelt sie nur aus Stolz und Ehrgeiz, so werden diese
Disteln und Dornen das Wort von der Wahrheit in ihrer Brust ersticken.«
    »Signor Abbate, ein Frauenherz ist für unsereinen unergründlich! Sie wissen
besser Bescheid in der menschlichen Seele, als ich, und werden leichter
erkennen, wie es mit Judit beschaffen ist. Ich glaube, dass sie gerührt ist
durch die Anhänglichkeit, welche Graf Orest seit Jahren für sie hat; aber ich
glaube auch, dass sie weniger davon gerührt sein würde, wenn er nicht reich und
nicht Graf wäre. Der Flitter der Bühnenwelt ist ihr unerträglich, aber der Glanz
im Privatleben scheint ihr unerlässlich. Ihr muss ein Licht aufgehen, in welchem
Glanz und Flitter ersterben und, so Gott will! werden Sie es ihr bringen.«
    »In neun Tagen geb' ich Ihnen Antwort,« sagte Hyazint. »Beten Sie
einstweilen, dass das geschehe, wodurch Gott am meisten verherrlicht werde, und
dass er sich ein passendes Werkzeug dazu erlese. Ich fühle mich dieser Aufgabe,
an welcher für Zeit und Ewigkeit so ungeheuer viel hängt, nicht gewachsen.«
    Sie trennten sich. Lelio frohlockte bei sich selbst: Und er wird es doch
sein! gerade er! die Demut ist ein David, welcher den Goliat des Stolzes
besiegt. Als Judit ihn nach einigen Tagen fragte, ob er noch keinen Geistlichen
gefunden habe, sagte er ernst:
    »Signora, es ist nichts Geringes, was Sie wünschen und solche Wünsche sind
nicht auf der Stelle zu erfüllen. Ich suche und bete.«
    »Lelio! Sie sind mein wahrer Freund!« rief sie. »Wäre nur erst alles
vorüber! Graf Orest ist sehr verstimmt; er sagt nichts, allein ich fürchte, er
kämpft mit grossen Schwierigkeiten. Fiorino ist von einer unerträglichen
Bitterkeit. Ich möchte ihm täglich, ja stündlich den Laufpass geben und ich täte
es, wenn ich nicht fürchtete, dass er sich dann bei Graf Orest einnisten würde,
was mir nicht lieb wäre, und wenn ich nicht wüsste, dass sich ja in einigen Wochen
oder Monaten seine Stellung bei mir von selbst auflöst. O wär' es so weit! wär'
ich doch getauft, mit Graf Orest vermählt und fort von hier - weit fort, damit
die Judit vergessen werde.«
    »Geduld! Geduld!« entgegnete Lelio; »es wird sich schon alles entwirren und
lichten, wenn man sich nur den himmlischen Führungen überlässt. Suchen Sie nur
Graf Orest recht sanft zu stimmen.«
    »Ach, Lelio!« erwiderte sie, »das geht über meine Kräfte. Er ist, wie die
guten englischen Wettrenner, die, je näher dem Ziel, desto rascher laufen, bis
sie ohne Atem und Besinnung anlangen und selbst von ihrem Reiter nicht mehr
gezügelt werden können.«
    »Diese Eigenschaft ist besser für ein Rennpferd als für einen Menschen,«
bemerkte Lelio trocken.
    »Freilich wohl! der arme Orest ist überreizt durch den Druck seiner
Verhältnisse, für die er kein Gegengewicht hat.«
    »Und an der Seite eines solchen Mannes rechnen Sie auf Glück, Signora?«
    »Warum nicht, Lelio? sobald der Druck aufhört, findet er von selbst sein
Gleichgewicht.«
    »Teure Signora,« sagte Lelio und schüttelte sanft den Kopf, »der Druck, der
auf dem Menschen - auf jedem Menschen - lastet, hat die Bestimmung, ihn höher zu
heben, als er ohne denselben steigen würde. Sehen Sie den Vogel an: auf der Erde
sind ihm seine Flügel lästig und hindern ihn, seine Füsse zu brauchen. Aber seine
Last gibt ihm Schwung und er fliegt hoch zum Himmel hinauf. Sehen Sie die Quelle
an, wie sie sich bequemen muss, ihr natürliches Bett zu verlassen und in die
Tiefe hinabgedrückt zu werden. Aber als ein schöner, kräftiger Wasserstrahl
steigt sie im Springbrunnen auf, ein kristallner Baum mit perlenden Zweigen; der
Druck erhebt und verschönert sie. Das soll auch seine Folge in den menschlichen
Charakteren sein. Gerade der Druck soll unseren Willen im Gleichgewicht mit
unserer Bestimmung erhalten. Spüren wir keine Last, so gleitet das Leben
behaglich dahin und versumpft in den Niederungen der Irdischkeit, wo die edle
geistige Natur der Seele zu kurz kommt. Gönnen Sie dem Grafen Orest ein wenig
Druck.«
    »Seit Ihrer Bekehrung, Lelio, haben Sie eine ganz idealische Auffassung des
Lebens bekommen, die mir sehr gefällt, die ich sogar recht gut verstehe und die
ich doch nicht zu der meinen machen möchte. Ist das nicht ein wunderlicher
Widerspruch?«
    »Er ist leider ein sehr gewöhnlicher, Signora! die sinnlich stolze Natur
hängt an ihrem egoistischen Wohlbehagen und bekämpft die höhere Erkenntnis des
Geistes!«
    »O wie wahr!« rief Judit; »o wie haben Sie Recht! Aber, Lelio, was ist es
denn, das die sinnlich stolze Natur in der Menschenbrust besiegt?«
    »Signora! das ist das Geheimnis des Kreuzes.«
    »Werd' ich es je erkennen, Lelio?« fragte sie mit ihrem schwermütigen
Ausdruck.
    »Ja!« sagte Lelio zuversichtlich; »durch das Auge der Welt.«
 
                         Der Weg zu beiden Schicksalen
In der grossartigen Wohnung, welche Judit in einem der prächtigsten Paläste auf
dem Corso genommen, hatte sie sich ein Zimmer mit der freundlichen Behaglichkeit
eingerichtet, welche den römischen Palästen nicht eigen ist. Sie machen den
Eindruck von Wohnungen für ernste, edle, hochherzige Geschlechter, deren Leben
in grossen Gedanken und wichtigen Taten verläuft, die zur Erholung wohl prächtige
und feierliche Feste und einen Luxus im grossen Stil, Hallen mit Marmorsäulen,
Säle voll Freskobilder, Sammlungen von Gemälden, Statuen und Vasen kennen, aber
keine Ahnung haben von der luxuriösen Eleganz, welche so übertrieben und so
kleinlich in der Mode der Gegenwart zum Vorschein kommt. Die meisten Menschen
fühlen sich sehr unbehaglich in einem solchen Palast, wo ein Saal zuweilen
grösser ist, als eine ganze modische Wohnung in Paris oder als ein ganzes
elegantes Haus im Westende Londons. Judit hatte sich, um diesem Unbehagen zu
entfliehen, ein Zimmer nach elegantem Komfort einrichten lassen. Schwere
Vorhänge verhüllten die Türen, ein weicher Teppich bedeckte den Fussboden; ein
Marmorkamin erfüllte seinen Zweck und gab Feuer - keinen Rauch; ein Pianino und
anderes modisches Mobiliar füllte den Raum. Dies Zimmer hatte Judit für ihre
Einsiedelei erklärt. Niemand durfte es betreten ausser Madame Miranes, und diese
tat es nicht, weil sie auf alle Launen ihrer Tochter bereitwillig einging -
überdas in ihrem eigenen Zimmer denselben Komfort hatte. Es war ein seltsamer
Kontrast zu diesem Zimmer und zu Judit selbst, dass sie zuweilen arme Leute, die
sich mit Bittschriften an sie gewendet hatten, gerade hier empfing. Sie war sehr
wohltätig, ja mehr als das! sie war teilnehmend für fremde Not. Weil sie in Gold
schwamm, beklagte sie die tausend Entbehrungen der Armen. Sie machte es nicht
wie so viele, welche ihre Gedanken von den Dürftigen abwenden, um nur ja nicht
im Vollgenuss des Wohlbehagens durch ein trübes Bild gestört zu werden.
    Eines Morgens hatte Judit eine arme Witwe, die traurige Mutter von vier
kleinen Kindern, erfreut und getröstet entlassen. Die Frau ging die Nebentreppe
hinunter, welche zu diesem Teil der Gemächer führte und stiess am Fuss derselben
auf einen Geistlichen, der zu ihr sagte:
    »Ich finde keinen Diener, um mich zu melden. Wie komme ich zu der Signora,
die hier im ersten Stock wohnt? oder ist es noch zu früh?«
    »Zu früh für Diener und Gesellschaft; aber nicht zu früh, wenn Sie ein
Anliegen bei der Signora haben. Nur hier hinauf, Signor Abbate! da finden Sie
eine Tür; da klopfen Sie an - und die seligste Jungfrau Maria verhelfe Ihnen zu
Ihrem Anliegen, wie sie mir zu dem meinen bei der edlen Seele verholfen hat,«
entgegnete die Frau und trocknete die Tränen ihrer kummervollen Augen.
    Das ist eine gute Vorbedeutung! dachte Hyazint und folgte der Weisung.
Judits Kammerfrau öffnete die Tür, an die er klopfte, nahm ohne weiteres an,
dass jemand, der so früh und in so demütiger Haltung auf diesem Wege vorgelassen
zu werden wünsche, ein Bittender sein müsse, führte ihn durch ihr Zimmer, machte
eine zweite Türe auf, teilte einen Vorhang von dunkelrotem Damast und hiess ihn
eintreten. Judit sass am Kaminfeuer auf einer niedrigen Causeuse. Neben ihr auf
einem Tisch von florentinischer Mosaik stand ein wunderschöner Kasten von
Schildkrot mit Silberfäden eingelegt und mit weissem Atlas gefüttert, worin sich
eine Menge Schmucksachen befanden, welche sie musterte. Sie trug eine weite
Jacke von violettem Sammt mit Zobel besetzt, in die sie sich hüllte, denn es war
ein kalter Wintertag. Ein starker Arom von allerlei Wohlgerüchen erfüllte dies
Zimmer mit einem Duft, welchen die kaum bemerken, die an ihn gewöhnt sind, und
welcher anderen oft unerträglich erscheint. War es der Arom, oder eine gewisse
orientalische Pracht des ganzen Bildes, oder Judit selbst und das, was er von
ihr wusste - und hoffte: genug, Hyazint dachte unwillkürlich an Maria Magdalena
vor ihrer Bekehrung. Er blieb ruhig an der Türe stehen, als Judit sich von der
Causeuse erhob und auch ganz ruhig sagte:
    »Was wünschen Sie, Signor?«
    »Für mich - nichts!« entgegnete er, »aber ....« -
    »Ich verstehe!« unterbrach sie ihn freundlich; »für irgend ein Werk der
Barmherzigkeit!« und sie schloss ein Schränkchen auf.
    »Aber ich bitte für Gott um Ihre Seele, Signora,« sagte Hyazint.
    »Ah, Sie sind von Lelio zu mir gewiesen!« rief Judit und wendete sich rasch
ihm zu. »Sein Sie willkommen! .... Sind wir uns schon irgendwo begegnet?« setzte
sie hinzu, als sie ihn ins Auge fasste.
    »Das kann wohl sein,« entgegnete Hyazint gelassen. »Ich war neulich in der
Kirche Maria della pace, als Sie dort mit Lelio die Sibyllen bewunderten.«
    »Aber Sie sind kein Römer?« fragte sie wieder, als müsse sie eine Erinnerung
verfolgen.
    »Das beweist meine Aussprache zur Genüge,« sagte Hyazint lächelnd.
»Indessen ist die Veranlassung, die mich hierher führt, zu wichtig, als dass sich
die Signora bei meiner armseligen Persönlichkeit aufhalten dürften -
vorausgesetzt immer, dass Lelio recht hatte.«
    »Was sagte Ihnen Lelio, Signor?«
    »Sie wünschten die katolische Kirche kennen zu lernen und getauft zu
werden.«
    »Hauptsächlich aber wünsche ich Gräfin ...« - Sie stockte, deutete Hyazint
an, Platz zu nehmen, setzte sich wieder auf ihre Causeuse und nahm einen grossen
grünen Tafftfächer mit Stäben von Sandelholz zur Hand, mit dem sie spielte und
den sie zuweilen als Schirm gegen die Flamme vor das Gesicht hielt. Sie fühlte
sich verlegen und suchte nach Worten. Als sie aber schwieg, sagte Hyazint nach
einer Weile sanft und ruhig:
    »Sie wünschen Gräfin Windeck zu werden. Lelio hat mich auch davon in
Kenntnis gesetzt. Erlauben Sie mir aber zu fragen: weshalb wünschen Sie es?«
    »Um glücklich zu werden.«
    »Sie wissen also, dass Sie in dieser Verbindung Ihr Glück finden werden?«
    »Ich hoffe es.«
    »Und worauf gründen Sie diese Hoffnung?«
    »Auf die Liebe des Mannes, mit dem ich mich zu verbinden denke.«
    »O Arme!« sagte Hyazint mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes und des
innigsten Mitleides.
    »Er ist geprüft und bewährt, Signor! es ist eine jahrelange Neigung - oder
Leidenschaft! es ist kein verfliegender Rausch. Mein Leben war von der Art, dass
ich den Unterschied wohl kennen gelernt habe und dass nichts mir wünschenswert
erscheint, als der Besitz eines treuen Herzen.«
    »O Arme!« wiederholte Hyazint.«
    »Nicht doch, Signor!« sagte Judit bewegt; »ich bin ja reich. Ich habe ja
alles, was Tausende umsonst ersehnen und was sie beneiden: Naturgaben und
Vorzüge glänzender Art. Ich werde bewundert, angebetet; wo ich erscheine,
erwarten mich Triumphe und Feste; ich versetze grosse Massen in einen Taumel von
Wonne und Entzücken, weil ich die Kunst verstehe, die Saite in der Menschenbrust
anzuschlagen, die am stärksten vibriert: die Leidenschaft. Ich herrsche über
diese Massen; ich stimme sie auf meinen Ton. Das ist ein grosser Genuss. Das ist
die Art, wie das Weib am feinsten seine Herrschaft üben kann und herrschen - ist
nun einmal eine Wonne! Ich habe auch Gold und bin durch mein Vermögen vollkommen
unabhängig. Sie sehen also, dass ich reich bin. Nur macht dieser Reichtum mein
Herz nicht glücklich. Das hab ich erkannt in den sieben Jahren meines
Kunstlebens und deshalb will ich all' die schimmernde Herrlichkeit verlassen und
da mein Glück suchen, wo das Menschenherz es findet - in der Liebe.«
    »O Arme!« wiederholte Hyazint.
    »Schweigen Sie, Signor, mit Ihrem entsetzlichen: o Arme!« rief Judit
heftig. »Wenn Sie das sagen mit diesem Blick und diesem Ton: so verwandeln Sie
mir die Marmorwände in Tonscherben und Sammt und Seide in Spinnweben - und diese
Juwelen in Kieselsteine - und meine Kleider in Lumpen - und meine Hoffnung auf
Glück in Fiebertraum - und mich selbst in eine Bettlerin.«
    »O Arme!« sagte Hyazint. - - -
    »Wer ist denn in Ihren Augen reich, Signor?« fragte Judit nach einer Pause
des Nachdenkens mit Fassung.
    »Wer Gott besitzt.«
    »Dann haben Sie ganz Recht, mich arm zu nennen, denn Gott gehört weder zu
meinem Reichtum, noch zählt er mit in meinem Glück.«
    »Aber Sie glauben an ihn? an einen persönlichen, ausserweltlichen Gott?«
    Ich habe einmal gehört, sagte Judit sinnend, »ein gewisser Fixstern sei so
weit von unserem Planeten entfernt, dass sein Licht drei Millionen Jahre brauche,
bis es zu uns komme. Da die Astronomie das berechnet hat, so nehm' ich es als
eine ausgemachte Wahrheit an - und glaube es. Allein dieser Fixstern mit seinem
drei Millionen Jahre alten Licht ist mir so fern, so fremd, so unerreichbar, dass
er mich, wie man zu sagen pflegt, nicht warm noch kalt macht. Ich habe nichts
mit ihm zu schaffen noch zu teilen, er hat auf mein Dasein keinen Einfluss, ich
denke nie an ihn. Und so ungefähr geht es mir auch mit Gott. Es gibt ja eine
Gotteskunde, wie es eine Sternkunde gibt. Ich nehme an, dass auch sie die
Wahrheit lehrt und glaube an einen Gott, der ausserhalb seiner Schöpfung steht
und von ihr unabhängig ist. Aber ich bin so wenig mit ihm in Verbindung, wie mit
jenem Fixstern, und die ganze Welt rollt zwischen ihm und mir auf und ab.
Versuche ich es, an ihn zu denken, so erlahmt der Geist oder irrt in der
Zersplitterung der Gedanken umher. Ich finde keine Leiter, die mich zu ihm
führte, keinen Faden, der mich an ihn fesselte. Jeder Aufschwung dazu macht mich
mutloser, weil ich auf dem nämlichen Punkt mich immer wiederfinde, und da in
meiner Familie von dem religiösen Leben, wie es bei den altgläubigen Israeliten
existieren soll, nie eine Spur war, so hab' ich auch nie ein Beispiel vor Augen
gehabt, dass es anderen anders gehen könne, als mir.«
    »Aber Sie sahen Christen, Signora; und Sie sollten bei denen nie etwas
anderes wahrgenommen haben?«
    »Signor!« sagte Judit und schlug ihre Augen fest und klar zu ihm auf; »Sie
merken gewiss, dass ich mich bemühe, aufrichtig Ihre Fragen zu beantworten.
Vergeben Sie mir also, wenn ich etwas sage, das Sie verletzen könnte. Ja, ich
habe Christen gesehen, habe immer unter ihnen gelebt und verkehrt. Aber Sie
wissen, in dem Weltverkehr und in dem gesellschaftlichen Treiben sucht man
Unterhaltung, Zerstreuung, eitle Freuden, auch schlimmeres noch; und was man
sucht, findet man. In Ball- und Opernsäle verirrt sich das Glaubensleben nicht
hinein, oder - sollte es ausnahmsweise geschehen, so trägt doch jedermann viel
zu wohlerzogen die Toilette der grossen Welt, um ahnen zu lassen, was in seiner
Seele vorgeht. Und so kenne ich denn unter den Christen nur zwei Menschen, in
deren Leben Gott wirklich mitzählt - und es sind die beiden einzigen Männer, vor
denen ich Achtung habe.«
    »Ohne Zweifel ist der eine von ihnen - Graf Windeck und Sie setzen deshalb
ein so grosses Vertrauen in ihn?« fragte Hyazint.
    »Nein, Signor!« entgegnete Judit gelassen. »Graf Windeck nimmt, vermöge
seiner treuen Liebe für mich, einen ganz besonderen Platz ein. Der eine jener
Männer ist unser Freund Lelio, der mir von dem Augenblick seiner Bekehrung an so
lieb und achtungswert geworden ist, wie ich früher nie geahnt habe, dass er mir
sein könne. Der ander ist Ihnen unbekannt und ist auch gänzlich aus meinem
äusseren Leben verschwunden. Aber zuweilen, wenn ich recht menschenmüde bin,
denke ich an ihn, und das erfrischt meine Seele. Er war der schlichteste,
einfachste Mensch von der Welt, kindlich unter seinen grauen Haaren. Ernest hiess
er und Maler war er. Ich habe ihn hier im Kapuzinerhabit von fern gesehen. Auf
diese beiden Menschen beschränkt sich meine Kenntnis von den Christen, die Ihnen
bei Ihrer Frage im Sinn lagen.«
    »Und haben Sie nie gewünscht, im Denken und Sein diesen Männern ähnlich zu
werden?«
    »Ganz ausserordentlich,« entgegnete Judit mit feinem Lächeln, »wenn es
möglich wäre es zu werden, ohne meine Eigentümlichkeit aufzugeben.«
    »Über den Punkt seien Sie ausser Sorge, Signora!« sagte Hyazint lächelnd.
»Niemand liebt die Mannigfaltigkeit mehr, als der liebe Gott! das beweist seine
Schöpfung im allgemeinen wie im einzelnen - und jede Eigentümlichkeit, das
grösste Genie, wie die beschränkteste Intelligenz - die begeisterte, wie die
nüchterne Seele - das volle schwunghafte, wie das mässig begabte Herz: alle ohne
Ausnahme gelangen zu der ihnen möglichen Stufe der Vollkommenheit nur dadurch,
dass sie Gott zum Mittelpunkt ihres Lebens machen.«
    »Gelangen viele zu der Stufe von Vollkommenheit, die ihnen erreichbar war?«
    »Das kann allein der allwissende Gott entscheiden. Wir wissen nur, dass die
Mittel dazu einem jeden zu Gebot stehen.«
    »Es werden aber grosse Opfer verlangt, um sie zu erreichen; und an der
Eigentümlichkeit wird so viel geschliffen und gemodelt, dass wenig davon übrig
bleiben mag.«
    »Signora, ich sehe da in Ihrem Schmuckkasten einige wunderschöne Smaragden.
Ehe sie geschliffen waren, mögen sie noch einmal so gross gewesen sein, als sie
jetzt sind, und dennoch sind sie jetzt ungleich schöner und kostbarer als zuvor,
denn das Licht spiegelt sich in all ihren Facetten und lockt den glühenden Glanz
ihrer Farbe funkelnd hervor. So soll von der Eigentümlichkeit des Menschen, von
seinem Charakter, seinem geistigen Wesen, welche ihm sein besonderes Gepräge
geben, nur das verschwinden, was dessen Schönheit beeinträchtigt und was das
Licht hindert, den spielenden Farbenzauber erstrahlen zu lassen.«
    Judit hatte die Smaragdnadel in ihre Hand gelegt, betrachtete sie
nachdenkend und fragte:
    »Aber was ist das für ein Licht, welches dem geistigen Sein des Menschen
seine Schönheit gibt?«
    »Das ist der menschgewordene Gott, Christus, der Erlöser der Welt. Auf jeder
Facette unseres Wesens sollen wir sein Abbild tragen: dann sind wir schön! Da
wir aber statt dessen unser eigenes Bild oder die Abbilde der Welt tragen,
welche durch die Sünde verzerrt und entstellt sind, so muss das erst
abgeschliffen werden, bevor die Spiegelung eintreten kann.«
    »Die Sünde!« rief Judit im Ton des Vorwurfes; »aber es begehen doch nicht
alle Menschen Sünden, welche den Charakter entstellen und das Herz verderben.«
    »Ich weiss nicht, welchen Sünden Sie das Privileg erteilen, Signora, den
Charakter zu verderben.«
    »Nun, zum Beispiel dem Geiz, der Heuchelei, der Lüge.«
    »Nicht wahr, Signora,« fragte Hyazint mit sanftem Lächeln, »Sie sind
grossmütig? und Sie sind des Komödienspiels so überdrüssig, dass Sie die Komödie
der Welt im Fach der Heuchelei und Lüge nicht mitspielen mögen?«
    »Sie können Recht haben, Signor.«
    »So macht es der Mensch: diejenigen Fehler und Leidenschaften, die er nicht
hat oder die seinen guten Eigenschaften entgegengesetzt sind - nur die nennt er
Sünde. Was er aber bei sich selbst findet ....« -
    »Nennt er Schwäche, traurige Schwäche, die seiner irdischen Natur anklebt,«
unterbrach Judit ihn ruhig. »Und was nennen Sie denn Sünde, Signor?«
    »Ich bin nur das Organ der lehrenden Kirche und sie spricht: Die Sünde ist
eine Übertretung des göttlichen Gesetzes. Gott schuf den Menschen nach seinem
Bilde mit einer liebenden Seele, welcher die Liebe zu ihrem Urbild innewohnt;
aber nicht als Zwang, nur als Neigung, denn die Liebe hat nur dann Wert, wenn
sie auf besonnener freier Wahl beruht. Sie ist kein Feuer, das den ersten besten
brennbaren Gegenstand ergreifen und verzehren darf; sie soll das suchen, was
ihre Flamme dauernd nährt, ohne Zerstörung um sich her zu verbreiten. Gott liess
dem ersten Menschenpaar die Wahl, ob es seiner himmlischen Bestimmung gemäss in
der Liebe und Anbetung der göttlichen Schönheit alle Kräfte seines Wesens
entfalten und in ihrer Entfaltung selig sein wolle; oder ob es zum Gegenstand
seiner Liebe etwas machen wolle, was Gott nicht ist. Wie unsere Stammeltern
wählten - das wissen wir! sie missbrauchten die himmlische Gabe ihrer Freiheit zu
einem beweinenswerten Akt ihres Willens, sagten ihrem Schöpfer den Gehorsam auf
und wendeten sich dem Bösen zu, das er verboten hat. Darum sagt einer unserer
grössten heiligsten Kirchenlehrer, St. Augustinus, mit energischer Kürze: Die
Sünde ist die Verachtung der Liebe Gottes.«
    »Ah, Signor!« rief Judit, »wenn das Sünde ist, ach! dann gibt es viel Sünde
auf Erden! denn wer denkt überhaupt an die Liebe Gottes!«
    »Bei jedem von uns wiederholt Gott die Prüfung, welcher er unsere
Stammeltern unterworfen hat, und wie wir dieselbe bestehen, das kann jeder sich
selbst am besten beantworten. Die göttliche Liebe, die uns selig machen will in
Ewigkeit, wenn wir mit kindlichem Gehorsam ihr anhangen - sie wird verschmäht
und gedankenlos, wie ein um sich fressendes Feuer, werfen wir unsere Liebe auf
Dinge, die unserer sinnlichen Natur schmeicheln und ziehen unserem Gott - einen
Apfel vor.«
    »Das ist grässlich wahr!« rief Judit und schlug die Hände ineinander. So
macht es der Mensch. Aber sind das wirklich seine uranfänglichen Geschicke? sind
es nicht Parabeln? nicht Myten?«
    »Und wenn es der poetische Ausdruck für eine allgemeine Wahrheit wäre, so
hätte Ihr Ausruf, so gut wie die innere Geschichte jedes Menschen, ihm
beigestimmt. Allein Sie werden wohl wissen, Signora, dass es wirklich und
wahrhaft die uranfänglichen Geschicke der Menschheit sind, welche in den
heiligen Büchern der Offenbarung von dem gotterleuchteten Moses aufgezeichnet
wurden. Sie sagten ja vorhin, dass Sie der Gotteskunde Glauben schenkten. Nun,
ein solcher Gotteskundiger war Moses gewiss. Kommen Ihnen Zweifel, so ist das nur
die Folge der Schwankungen, welche im menschlichen Verstande, in seiner
Fassungsgabe und Urteilskraft vor sich gehen. Auf der Höhe der Intelligenz ruhet
der Glaube, wie die Krone auf einer Geisterstirn. Bei Ihnen vielleicht erst im
Keim, als Glaubensbedürfnis, oder als Wunsch und Verlangen zu glauben; aber der
Keim ist vorhanden, wie in jedem Menschen, der mit Vernunft begabt ist. Der
Glaube ist das Band zwischen der Seele und ihrer Heimat. Er gibt ihr die
Anwartschaft auf ein Bürgerrecht, welches Sie, Signora, gewiss nicht im Staube
des ärmlichen Erdenlebens suchen.«
    »Wenn wirklich in jeder vernünftigen Seele der Glaubenskeim ruht, warum
entwickelt er sich nicht? warum bleibt der Mensch in seinen Zweifeln, in seinen
Verneinungen? warum wendet er sich von der göttlichen Offenbarung ab und seinen
eigenen Ideen zu, an die er mit Fanatismus glaubt, während sie anderen durchaus
verkehrt erscheinen?«
    »Weil der Mensch seinen freien Willen hat. Wie er der Liebe eine verkehrte
oder rechte Richtung geben kann: so kann er den Glaubenskeim entwickeln oder
ersticken. Glaube und Liebe werden ihm nicht wie etwa Seh- und Gehörwerkzeuge
ein für allemal äusserlich gegeben. Wenn das wäre - wo bliebe seine sittliche
Freiheit? und fehlte ihm die, wo wäre dann seine Würde, seine Tugend? Gab Gott
dem Menschen die Vernunft und die Fähigkeit, das göttliche Gesetz mit dem
Glauben annehmen und mit der Liebe umfassen zu können: so musste er es dem Willen
des Menschen anheim stellen, beides auch verwerfen zu können. Christus sagt: Ich
stehe vor der Tür und klopfe an. Diese Türe kann verschlossen bleiben und kann
geöffnet werden. Zum Öffnen - treibt die Gnade an; zum Verschliessen - die Sünde;
oder die Neigung zu ihr.«
    »Und wenn wir öffnen, Signor?«
    »So tritt Christus bei uns ein, der verheissene Erlöser, und nimmt Wohnung
bei uns. Er richtet die gefallene Natur wieder auf, er stellt die Kraft der
sündensiechen Seele wieder her, er bringt ein himmlisches Leben da hervor, wo
schon der Verwesungsqualm des ewigen Todes brodelte. Er giesst ein
übernatürliches Licht dort aus, wo schon die Regionen der ewigen Finsternis
herauf dämmerten - und dies Licht erleuchtet und verklärt die Seele, befähigt
sie zu hoher Erkenntnis, zu reiner Liebe und zur Beharrlichkeit in der
Kindschaft Gottes.«
    »Bin ich kein Kind Gottes, Signor?«
    »Doch, Signora, denn Sie sind sein Geschöpf - und zu jedem seiner Geschöpfe
hat er gesagt durch den Mund des Propheten: Mit ewiger Liebe lieb' ich dich;
darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte. Aber er trauert noch um Sie.
Sie haben sich noch nicht unter seine schirmenden Flügel geflüchtet, die er
ausbreitet, wie eine Henne für ihre Küchlein. Das Licht Christi, die
heiligmachende Gnade, ist noch nicht in Ihre Seele eingedrungen und diese ist
noch nicht zu gottgefälliger Schönheit gelangt.«
    »Und das alles - weil ich Ihren Christus nicht kenne?« rief Judit scharf.
    »Mein Christus ist Ihr Christus und der Christus der ganzen Welt,« sagte
Hyazint gelassen. »Was wäre die Erlösung, wenn sie nicht einen erlösenden
Einfluss auf die Seele übte, der sie zu teil wird, und sie edler und besser
machte, als sie zuvor war! Könnte die gefallene Menschheit ohne den Erlöser zur
gottgefälligen Schönheit sich entwickeln und durch ihre natürlichen Gaben und
Kräfte sich zum Hass der Sünde und zur Liebe Gottes erheben: so wäre freilich der
Erlöser etwas ganz Überflüssiges im Leben der Menschheit. Der moderne Unglaube
hat ihn auch dafür erklärt; denn der moderne Unglaube liebt die Sünde, schwimmt
in Sünde, trinkt die Sünde wie Wasser und wünscht durchaus nicht mit ihr zu
brechen und sich vom Luzifersdienst zur Anbetung Gottes hinzuwenden. Ihm ist
Christus unbequem; darum nennt er ihn eine Fiktion, eine Priestererfindung, um
die Gewissen zu schrecken und um in seinem Namen die Seelen zu beherrschen. Und
etwas der Art ist Ihnen durchs Gedächtnis geflogen, als Sie im Ton des Vorwurfs
sagten: Ihr Christus!«
    »Wenn Sie sich mit mir vergleichen,« fragte Judit, »halten Sie sich dann
nicht für ein unsäglich bevorzugtes Wesen?«
    »Was die Gnade betrifft - unsäglich bevorzugt, denn ich bin im Christentum
geboren und bei meinem Eintritt ins natürliche Leben empfingen mich alle Gnaden
des übernatürlichen Lebens, welche Christus, der menschgewordene, der
gekreuzigte, der eucharistische - uns erworben hat, und fort und fort uns
spendet. Was aber mein Verdienst betrifft - ach, Signora, da fürchte ich, dass
ich, trotz so grosser Gnaden, doch keinen Vorzug vor Ihnen habe.«
    »Glauben Sie nicht, dass Gott mit besonderem Wohlgefallen auf Sie
herabschaut?«
    »Wie könnte ich das glauben, Signora! jeder Blick in mein Herz zeigt mir -
nach innen ein Gewimmel von bösen und sündhaften Neigungen und nach aussen -
Fehler und Flecken auf all meinem Tun.«
    »Das alles sehen Sie in sich, Signor?« rief Judit staunend; »und ich - ich
nehme nichts der Art in mir wahr!« - Sie legte ihr Gesicht in ihre Hände und
setzte nach einer Pause hinzu: »Das Licht der heiligmachenden Gnade, wie Sie es
nennen, ist mir noch nicht aufgegangen, und ob es geschehen wird, weiss ich
nicht! ich fürchte mich.«
    »Durch den Mund des Propheten ruft Gott auch Ihnen zu: Fürchte dich nicht,
ich bin mit dir. Ich habe dich erlöst und dich bei deinem Namen gerufen; du bist
mein.«
    »Es muss ein entsetzlicher Moment sein, zu entdecken, dass man in sich,
gleichsam mit seinem Herzblut, ein Schlangengewimmel nährt, und ich begreife
nicht, wie Sie davon so gelassen reden können, Signor. Ich würde darüber
verzweifeln. Ich kann es nicht ertragen, den Menschen - sowohl mich selbst als
andere - in solcher Erniedrigung zu sehen.«
    »Und zu dieser Erniedrigung des gefallenen Menschen hat sich der Erlöser
herabgelassen, Signora, hat ihr ins Auge und ins Herz geschaut, hat gesehen, dass
er rettungslos unheilbar sei, wenn nicht die Todeswunde des Bösen, welche die
Sünde ihm schlug, geschlossen werde; hat im wunderbaren Geheimnis seiner
Menschwerdung, der menschlichen Natur die Vereinigung mit der göttlichen - und
die Teilnahme an einem göttlichen Leben gebracht und hat der Majestät Gottes
gegenüber seine heiligste Menschheit zu einem Sühn- und Schlachtopfer für den
Abfall der unheiligen gemacht. Und dieser Christus steht jetzt auch vor Ihrer
Tür, Signora, und klopft an und ist bereit, Ihnen die Teilnahme an seinem
göttlichen Leben zu gönnen.«
    »Was wird aus uns, wenn wir ihn aufnehmen?«
    »Der neue Mensch, Signora! Der Mensch ist jetzt nicht mehr in dem Zustand,
in welchem er einst aus der Hand Gottes hervorging. Er bringt auf die Welt das
Stigma des Sündenfalles mit, in welchen der Stammvater seine ganze
Nachkommenschaft bis zum Ende der Zeit verwickelt hat. Das ist die Erbsünde -
dies unergründliche Geheimnis, welches das Gemisch von Erhabenheit und
Niedrigkeit in jedem Menschen erklärt. Er hat etwas vom Engel und etwas vom
Tier: Himmelssehnsucht und gemeine Begierden, einen erhabenen und einen groben
Instinkt, edle und brutale Neigungen. Er trägt das Ebenbild Gottes an der Seele
- und dem Leibe nach, von Staub und Asche, von Fleisch und Blut, steht er in
einer Reihe mit den unvernünftigen Kreaturen. Daraus entspringt eine zwiefache
Sympatie, die von zwiefachem Gesetz angezogen wird; die eine - für das Schöne,
das Geistige, das Ewige, das Unsterbliche; die andere - für Sinnliches und für
rohen Genuss. Das göttliche Gesetz begehrt vom Menschen Gehorsam und
Unterwerfung. Das Gesetz der gefallenen Natur macht denselben Anspruch und die
böse Begier bäumt sich gegen Gott auf. Folgt ihr der Mensch, so begeht er eine
Sünde - und je mehr er ihr folgt, desto schwächer wird seine Kraft für das Gute
und für den Widerstand gegen die böse Begier. Welche Kämpfe aus dieser
Doppelrichtung, aus diesem Streit von zwei entgegengesetzten Elementen, welche
in der menschlichen Natur begründet sind - für jeden Menschen hervorgehen,
welche Niederlagen er leidet, mit welchen Anstrengungen er sich aufrichtet, wie
er sich verzweiflungsvoll zu einer Bahn gedrängt fühlt, die er verabscheut, wie
er sehnsuchtsvoll nach lichter Schönheit verlangt, die ihm in den Höhen
vorschwebt und zu der er sich nicht zu erheben vermag: das hat der Apostel
Paulus in den zwei Worten ausgedrückt: Das Gute, das ich will - tue ich nicht,
und das Böse, das ich nicht will - das tue ich. Unser himmlischer Instinkt ist
nicht stark genug, um die Neigung der sündigen Natur zu den Dingen der Erde zu
besiegen; das lehrt uns jeder unbefangene Blick, den wir in uns selbst werfen.
Er sollte triumphieren, aber ach! er wird von ihr erstickt, wenn die Gnade ihm
nicht zu Hilfe kommt und ihn in Tugend verwandelt, indem sie ihn zur Richtung
des Willens auf das Gute, auf Gott, macht. Hinter der starren, rauhen Rinde
eines Baumes steigt ein wunderbarer Lebenstrieb auf und ab, der ihn mit
überraschender Schönheit, mit Laub, Blüten und Früchten schmückt. So steht die
himmlische Pflanze des übernatürlichen Menschen hinter der groben Rinde der
gefallenen Natur, und Christus muss kommen und den übernatürlichen Menschen in
seinem Blut baden, mit seinem Fleisch nähren, mit seinem Licht erleuchten, mit
seinem Geist heiligen, so dass dieser nicht mehr von der groben Rinde sich
überwuchern lässt, sondern in Blüten des Lichtes und Früchten der Gnade
ausbricht. Das Leben Christi in uns ist der neue Mensch; der zweite Mensch - wie
der Apostel Paulus mit grossartigem Ausdruck sagt. Der erste Mensch ist der
gefallene Stammvater, der die Menschheit mit sich abwärts reisst und ihr
Repräsentant ist. Der zweite Mensch ist der Erlöser, der die Menschheit in die
Gnadenordnung einführt und sich zu ihrem Stellvertreter macht.«
    »Nun weiss ich, was mit Lelio vorgegangen ist!« rief Judit. »Die Gnade hat
die sündige Natur überwunden und deren Übermacht von dem himmlischen Menschen
hinweggenommen, der in ihr schmachtend gefangen lag. Christus ist in
geheimnisvoller Weise in ihn eingegangen und lebt geheimnisvoll in ihm fort.
Lelio ist ein Christusträger geworden, ein Christ geworden! .... denn Christ und
übernatürlicher Mensch ist ja eins und dasselbe - wenn ich Sie recht verstehe,
Signor?«
    »Ganz recht, Signora,« entgegnete Hyazint, »und all unser Elend rührt
daher, dass die Christen das Christentum als etwas äusserliches betrachten und
ihre Verpflichtung vergessen, so zu leben, wie es sich für Christusträger - um
Ihren Ausdruck zu brauchen - geziemt. Sich zur Ebenbildlichkeit Gottes in der
praktischen Nachfolge Jesu auszuleben: das soll das Charakteristische, das
Wesentliche des Christen sein; dazu empfängt er die Gnade durch die heiligen
Sakramente, die wie unsichtbare Kanäle durch die übernatürliche Welt laufen und
seiner Seele das Blut Jesu zuführen, worin sie den Quell und die Kräftigung
ihres Lebens findet. So verstanden es die ersten Christen alle. Sie waren
bekehrte Heiden und Juden. Sie waren aufs tiefste von der Überzeugung
durchdrungen, dass ihre Bekehrung zum Christentum keine andere Folge haben dürfe,
als die: sich nach dem Beispiel ihres Erlösers ganz und ohne Rückhalt Gott
hinzugeben. Sie betrachteten den Christen als einen himmlischen Menschen, der
wie ein wandernder Fremdling auf Erden weilt; dem es zwar gestattet ist, sich
Hütten zu bauen und sich darin niederzulassen mit denen, die Gott ihm ans Herz
gelegt hat und die er die Seinen nennt - der aber bereit sein soll, von den
Ansiedelungen seines Glückes zu scheiden, wenn der Wille Gottes es verlangt,
oder wenn höhere Fügungen es gebieten; als einen himmlischen Menschen, der zwar
zu seiner heilsamen Demütigung und täglichen Prüfung mit seiner sündigen Natur
und deren Trieben und Begierden verbunden bleibt, aber nicht mehr auf sie hören
und noch weniger ihnen folgen darf; der sich hingegen ganz den Anregungen der
Gnade hingibt, ganz sich leiten lässt vom Geist Gottes, ganz sein Leben
gestaltet, seine Ansichten bildet, sein Urteil bestimmt, seinen Massstab der
Dinge führt nach übernatürlichen Grundsätzen, welche die christliche
Glaubenslehre ihm darbietet. Für die ersten Christen war die Taufe eine ewige
Scheidung zwischen ihnen und Welt und Teufel, eine unbedingte Aufopferung an
Gott und Verzichtung auf ihr Ich, ein unwiderrufliches Bündnis mit dem
übernatürlichen Leben, das ebenso unwiderruflich die Abwendung von der Sünde in
sich schloss; eine Liebesvereinigung mit Christus. So gingen sie aus der Taufe
hervor, und in dieser Reinheit des Gewissens und der Absicht suchten sie sich zu
erhalten durch grossen Eifer zum Gebet, zum Empfang der Sakramente, zum Anhören
der Auslegung des Evangeliums, zur pünktlichen Ausübung aller christlichen
Tugenden. Kam dann der Tod, gleichviel in welcher Gestalt - ob in den Martern
der Verfolgung, ob in dem bekannten Kleide von Alter und Krankheit - so schieden
diese, den Genüssen der Welt und den Leidenschaften des Herzens abgetöteten
Menschen freudig von einer Erde, die ihnen nichts gewesen war, als eine
Schranke, welche sie von dem Gegenstande ihrer einzigen Liebe - von Gott
trennte.«
    »Und dies Geschlecht ist ausgestorben?« fragte Judit traurig.
    »Nein, Signora,« entgegnete Hyazint, »das stirbt nicht aus! das Blut Jesu
hat nicht seine reinigende und heiligende Kraft verloren. Nur kamen damals seine
Wirkungen in gedrängter Fülle in dem, verhältnismässig zur Jetztwelt, kleinen
Häuflein der Christen und bei den Bekehrten zum Vorschein, die mit vollem
Bewusstsein das Christentum als die höchste, die göttlichste Gabe empfingen;
während jetzt, wo es über die ganze Erde ausgebreitet und durch beweinenswerte
Irrlehren vielfach gefälscht ist, der Weltgeist sich auch vielfach hinein
gedrängt und die Menschen stumpf gemacht hat für das eigentliche innerste Wesen
des Christentums. Aber Gott Dank! es fehlt auch nicht an Seelen, denen es sich
in seiner himmlischen Schönheit erschliesst und die mit dem Apostel Paulus
verlangen, sich selbst abzusterben, um in Gott wieder aufzuleben.«
    »Dies Verlangen also ist eine unerlässliche Bedingung, Signor, um nicht dem
Namen - sondern dem Wesen nach ein guter Christ zu sein?«
    »Eine unerlässliche, um den Weg der christlichen Vollkommenheit zu betreten
und auf demselben fortzuschreiten.«
    »Und davor soll sich das Menschenherz nicht fürchten? vor dieser Bedingung
kein Grauen empfinden? Seine Wünsche, Neigungen, Bestrebungen, seine Liebe,
seine Hoffnungen, sein innerstes Eigentum - alles soll es opfern, um zu einer
geheimnisvollen Lebensgemeinschaft mit diesem, wenn auch nicht unbekannten, so
doch verborgenen Gott zu gelangen, der nicht seines Gleichen ist und der in
seiner seligen unzerstörbaren Ruhe folglich auch nicht den tausend Aspirationen
des warmen und beweglichen Menschenherzens entsprechen kann! Nein, Signor! das
ist zu viel begehrt. Eine aufrichtige Seele darf keine Verbindlichkeit eingehen,
bei der sie die Überzeugung hat, ihre Verpflichtungen nicht erfüllen zu können.«
    »Das ist, vom natürlichen Standpunkt aus, eine ganz begreifliche
Verzagteit;« erwiderte Hyazint. »Aber Sie vergessen, dass in Ihnen, unter all
dem Schutt, der sich in Ihrem Herzen angehäuft hat, in Folge seiner
abgestorbenen Wünsche, Hoffnungen und Liebe - der himmlische Mensch auferstehen
soll, wie ein verschüttetes Götterbild zwischen Tempelruinen. Und dieser aus dem
Blut Gottes geborene, vom Lebensatem Gottes durchseelte, in die Liebe Gottes
untergetauchte Mensch - ist dem Gott nicht fremd, der sich durch seine
Menschwerdung zum Bruder - durch sein Leiden und Sterben zum Opfer - durch seine
eucharistische Gegenwart zum Liebhaber jeder menschlichen Seele gemacht, und ihr
für niedrige Entsagung einen überaus prächtigen Ersatz, für vergängliche und
dürftige Freuden eine grenzen- und endlose Wonne verheissen hat. Nicht müde
werden die Propheten Ihres Volkes, diese Verheissung in immer neuen Wendungen zu
wiederholen. Bald spricht der Prophet im Namen Gottes: Ich, ich Selbst will euch
trösten! Bald verkündet er: Ruhe wird dir geben der Herr auf immer und deine
Seele mit Glanz erfüllen. Oder er spricht: Nicht wird fortan deine Sonne
untergehen und dein Mond nicht mehr abnehmen; denn der Herr wird dein ewiges
Licht sein; und weiter sagt er: Wie der Bräutigam sich freuet seiner Braut, so
wird sich freuen dein Gott über dich. Sind das nicht prachtvolle Verheissungen?
Durchweht sie nicht die Luft von den Höhen der Ewigkeit? Breiten sie nicht einen
immerblühenden Liebesfrühling vor dem liebedürstenden Auge aus? Umwogen sie
nicht mit leuchtenden Wellen das Herz, das ihnen vertraut, um es durch einen
Ozean der Liebe hinüber an das Gottesherz zu tragen?«
    »Signor!« rief Judit und stand lebhaft auf, »ich kann das nicht ertragen!
ich habe nicht gewusst, dass Gott mich so liebt. Versenke ich mich in diese
Bilder, die keine bemalte Leinwand, sondern Gottesverheissungen, sondern
Offenbarung göttlicher Wahrheit sind, so schreit mein Herz auf: Das ist's! das
hab' ich gewollt, das hab' ich ersehnt, danach verlangt meine Seele! das ist die
Liebe ohne Grenzen, ohne Wechsel, ohne Ebbe und Flut, immer gleich und doch
immer neu, die das Geschöpf mir nicht zu bieten vermag, weil es selbst begrenzt
und wandelbar ist. Dass ich von dieser Liebe geträumt, oder sie geahnt hätte -
ich kann's nicht behaupten, obwohl es gewiss ist, dass ich mich immer mit der
Liebe wenigstens für eine irdische Ewigkeit einzurichten suchte, und jede andere
als einen Irrtum beweinte. Aber Signor! während Sie eben von den Liebestaten und
Liebesverheissungen Gottes sprachen, da war es mir, als sei das verschüttete
Götterbild in meinem Herzen nichts anderes, als die im Wust der Irdischkeit
begrabene Liebe der Seele zu Gott.«
    »Und was nun weiter, Signora?« fragte Hyazint immer in demselben Ton
sanfter Milde, mit dem er das Gespräch begonnen hatte; »werden Sie dem Gott, dem
König der Ewigkeit, der wie ein Bettler vor Ihrer Tür steht und um nichts
bittet, als um Ihre Seele - werden Sie ihm Ihre Liebe schenken? Unsere Liebe ist
unser Wesen. Unserer Liebe folgt unsere Seele, unser Herz, unser ganzer innerer
Mensch nach.«
    »Weil das so wahr ist, Signor, so muss ich mich besinnen!« entgegnete Judit.
»Ich weiss nicht, ob nicht die Liebe für das Geschöpf zu kurz kommt, wenn man
sich mit ganzer Seele in die göttliche Liebe versenkt. Und das darf nicht sein.
Ich will auch das Geschöpf lieben.«
    »O, Sie sollen es auch lieben!« rief Hyazint. »Auch diese Liebe soll in den
Strahl der Gnadensonne hineintreten, die bereit ist, über Ihnen aufzugehen, und
soll daraus eine Kraft und eine Reinheit schöpfen, die jeder natürlichen
Empfindung eine höhere Weihe gibt.«
    »Das beruhigt mich - denn Graf Orest hat mein Wort, und ein Wort ist heilig;
nicht wahr, Signor?«
    »Ein Wort, das mit voller Erkenntnis und Freiheit in einer gottgefälligen
Sache gegeben ist - ist heilig; von seiner Seite sowohl, als von der Ihren,
Signora.«
    »Wohlan, dies ist gewiss eine sehr gottgefällige Sache. Eine solche Treue
verdient ihren Lohn und das Wort, das ich dem Grafen seit Jahren wiederholt
habe: Alles für alles! soll endlich zur Tat werden. Nur muss ich Zeit haben, mich
zu besinnen, meine Gedanken zu ordnen, meine Verpflichtungen als Christin zu
überlegen« .... -
    »Zeit haben, um ein wenig zu beten,« setzte Hyazint hinzu; »beten um den
Beistand des heiligen Geistes, dass er Sie erleuchte; beten um treue Befolgung
dessen, wozu die Gnade treibt; beten um grosses Verlangen, die unendliche Liebe
Gottes zu erkennen.«
    »Ach, Signor!« unterbrach Judit ihn traurig, »ich verstehe nicht einmal, an
so hohe Dinge zu denken; wie könnte ich Worte finden, um sie zu erbitten?«
    »Es war einmal in den ersten Jahrhunderten des Christentums eine Tochter
Babylon's, die Taïs hiess, und die sich auf die dringenden Vorstellungen eines
heiligen Greises von der Welt zu Gott bekehrte. Sie hatte ihm gesagt, sie
verstehe nicht zu beten. Da riet der Greis ihr, weiter nichts zu sagen, als: O
Herr, der du mich erschaffen hast, erbarme dich meiner! Das tat sie mit solcher
inbrünstigen, demütigen, vertrauensvollen, reuigen Gesinnung, dass sie in dem
Mass, wie sie zuvor Gott verachtet hatte, nun ihn lieben lernte und unter den
grossen heiligen Büssern der alten Tage ihren Platz einnimmt. Ohne Sie in irgend
einer Weise, weder vor noch nach Ihrer Bekehrung mit der heil. Taïs zu
vergleichen, könnten Sie doch auch beten mit wenigen Worten und mit um so
grösserer Inbrunst.«
    Judit ging unruhig im Zimmer auf und nieder, während Hyazint sprach.
Endlich blieb sie vor ihm stehen und rief:
    »Sie haben grosse Dinge in der kurzen Zeit gesagt - grössere, als ich je im
Leben gehört habe. In den wunderbaren Geheimnissen von der Liebe Gottes zu
seinem Geschöpf, die ihn antreibt, sich mit dem Menschengebilde von Staub und
Asche zu vereinigen und in die Erniedrigung einzugehen, um diesem armseligen
Menschengeschlecht ein etwas von seiner göttlichen Natur mitzuteilen und ihm die
verlorene Anwartschaft auf das ewige selige Leben zurückzubringen: darin öffnet
sich mir die Perspektive in eine ganz neue Welt. Aber Signor, wer sind Sie denn,
dass ich Ihnen Glauben schenke?«
    »Ich bin ein ganz geringer und unbedeutender Priester, noch jung, wie Sie
sehen, Signora, und ohne irgend ein Verdienst, so dass meine Persönlichkeit nicht
geeignet sein kann, Ihnen das mindeste Vertrauen einzuflössen; das ist in der
Ordnung. Aber als ein Priester der heiligen katolischen, von Christus Selbst
auf den Felsen Petri gegründeten und von den Aposteln ausgebreiteten Kirche,
habe ich, trotz meiner Unwürdigkeit, die Gnade, das Glück und die Ehre, zu den
Nachfolgern und Mitarbeitern der Apostel bei der Verkündigung des Evangeliums zu
gehören, denn ich habe die Weihe und die Sendung zum Priester und zum Lehramt
vom rechtmässigen Oberhaupt der Kirche, auf meinen Bischof übertragen, erhalten -
und bin Ihnen Bürge mit dem ganzen Priesterstande der heiligen katolischen
Kirche, dass jedes meiner Worte, insofern es die Lehre des Evangeliums betrifft,
Ihren vollen Glauben in Anspruch nehmen darf und muss, weil es die volle,
ungefälschte, göttliche Offenbarung verkündet, an der, in ihrer ewigen,
objektiven Wahrheit, kein Deuteln und kein Feilschen gestattet ist. Lassen Sie
sich von zehn verschiedenen Nationen und Zungen Priester rufen, und befragen Sie
dieselben über ein beliebiges Dogma: alle Zehn werden Ihnen dieselbe Antwort
geben, denn alle sprechen nicht ihre Ansicht oder Meinung oder Erklärung -
sondern die Lehre der Kirche aus, diese wunderbare Lehre, die der heilige Geist
hoch über alle Schwankungen und Verirrungen des menschlichen Geistes, für alle
Zeiten der Welt in ungetrübter, göttlicher Reinheit erhält.«
    »O wie hat Lelio die Kirche so richtig das Auge der Welt genannt,« rief
Judit. »Wie von allen Gliedern des Körpers nur das Auge das Licht schaut,
besitzt, umschliesst: so besitzt die Kirche ganz allein auf Erden die Fülle der
göttlichen Wahrheit und teilt dies himmlische Licht allen denen mit, die sich
aus ihrer Finsternis zu ihr hintappen und Erleuchtung begehren!«
    »In der Religionslehre der alten Parsen kommen, wie mehr oder minder bei
allen orientalischen Völkern, neben gräulichen Karikaturen ganz wunderbar schöne
Anklänge einer höheren Offenbarung, wie eine halbverschollene himmlische Sage
oder wie ein Bruchstück der Tradition, die aus dem Paradiese stammt, vor;« sagte
Hyazint. »Sie lehrten ein Lichtreich, in dem das Gute und Schöne ein Reich der
Finsternis, in dem das Böse und Hässliche heimisch sei. Jeder Sieg des einzelnen
Menschen über das Böse verstärkte das Lichtreich und jede Niederlage des Guten
minderte es; und je nachdem sich der Mensch zu Ormuz oder Ahriman gehalten
hatte, ging er im Tode mit diesem in das finstere - und mit jenem in das lichte
Reich ein. Drum nannten sie das menschliche Leben: den Weg zu beiden
Schicksalen. Jeder hatte die Wahl, welchem Gott und welchem Schicksal er folgen
wollte. Es treten Momente ein, wo auch im christlichen Sinn für jeden von uns
das Leben vor uns liegt, als der Weg zu beiden Schicksalen, und ein solcher
Moment ist für Sie gekommen. Die Nacht dämmert, das Licht bricht an.«
    »Möge es Tag werden!« rief Judit feurig. Dann setzte sie mit ernster
Fassung hinzu: »Genug für heute, Signor! ich danke Ihnen. Ich muss jetzt in die
Alltagswelt hinabsteigen. Lelio wird Sie in meinem Namen bitten, Sich später
wieder einmal zu mir zu bemühen.« -
    Auf demselben Wege, wie Hyazint zu Judit gekommen war, verliess er sie und
sein nächster Gang war in die nächste Kirche, um vor dem Tabernakel den
verborgenen Gott anzuflehen, Sein begonnenes Werk der Gnade in Judits Seele zu
vollenden. Denn eine Bekehrung ist eine geistige Schöpfung; ein geistiges Leben
bricht aus dem geistigen Tode hervor; der verwesende Lazarus erhebt sich
lebendig aus seinem Grabe; das ist eine Gottestat. Und davon war Hyazint so
fest durchdrungen, dass er jeden Blick auf sich selbst - den verzagten sowohl als
den selbstgefälligen - gänzlich aus dem Auge verlor und sich hingebend versenkte
in die unendliche Liebe des Gottes, der von sich gesagt hat: Er gehe als ein
guter Hirt jedem verirrten Schäflein nach. War Judit gewonnen, so konnte auch
Orest gerettet werden.
    Durch Judit's Seele brausten heftige Stürme. Sie hatten es so leicht und so
gleichgültig genommen, sich taufen zu lassen; so gar nicht geahnt, dass ihr
innerstes Wesen dadurch erschüttert werden könne, dass ihre Auffassung von Welt
und Leben, von Bestimmung und Ziel eine Veränderung erleiden würden. Und jetzt?
Sie sass unbeweglich in ihrer Causeuse, mit geschlossenen Augen, die Stirne in
die aufgestützte Hand gelegt. So nahe ist mir das Göttliche, sprach sie zu sich
selbst, und in das Menschliche hab' ich mich vertieft und verloren. So weit bin
ich abgeirrt von meinem Ziel. Nun verstehe ich, weshalb das Leben mir als eine
Sphynx erschien, deren Rätsel ich nicht zu deuten vermochte und an dem ich mich
müde riet: die göttliche Offenbarung ist der Schlüssel zu dieser Hieroglyphe.
Der Abfall des ersten Menschen - die Erbsünde, welche das Ebenbild Gottes in
unserer Seele verletzt - die eigene Sünde, welche es zerstörend verwüstet und
dem Bösen in uns die Oberhand gibt - der grässliche Zwiespalt zwischen der
erstrebenden höheren Natur und der niederen, welche über sie triumphiert - das
Erbarmen der göttlichen Liebe, die sich demütigt, um das Niedrige wieder zu sich
zu erheben, die himmlischen Arzneien und himmlischen Bande in göttlich
geheimnisvoller Weise bereitet, um die siechen, hinsinkenden Seelen zu heilen
und zu fesseln - und die nichts begehrt, als die Gegenliebe der Geretteten -
eine Liebe, die den Hass des Bösen und die Widersagung der Sünde in sich
schliesst, und das verwüstete Ebenbild Gottes wieder rein und klar zu machen
sucht - o wie ist das verständlich, wie ist das einfach! Wie befriedigt das alle
Fragen, welche rastlos in der höheren Natur kommen und wiederkommen; Fragen,
welche sie zuweilen in den Regionen der niederen Natur sich beantworten lässt,
wenn sie nicht fest an der göttlichen Offenbarung hält; Fragen von jener
furchtbaren Wichtigkeit, wie jene sind, um die sich das Menschenleben bewegt und
entfaltet, ja - die Lebensfragen für jeden Menschen sind: Was ist die Liebe?
.... Was ist das Glück? Was ist Wahrheit? .... Klar wie der Tag wird mir das
alles, wenn ich glaube, dass die göttliche Offenbarung, welche Christus vom
Himmel gebracht und der katolischen Kirche zur Verkündigung und Aufbewahrung
anvertraut hat, all' diese tausend Fragen mit einer himmlischen Entschiedenheit
löst, welcher die Fähigkeiten meiner höheren Natur beistimmen. Dass die niedere
Widerspruch erhebt, ist ein Beweis mehr für die göttliche Wahrheit der
Offenbarung: die niedere Natur fühlt sich gerichtet und zum Tode verurteilt; sie
will nicht sterben, sie wehrt sich, sie verleumdet die Offenbarung und nennt die
göttliche Wahrheit - Lüge! .... Weshalb? .... Um das Lügengewebe der
Sinnlichkeit und der Leidenschaft, welches die Wahrheit zu zerreissen trachtet,
ungestört fortzuspinnen. Wollte ich mich ihr hingeben, so würde auch ich die
Offenbarung verwerfen und an der Liebe Gottes, die sich in ihr kund gibt,
verachtend vorüber gehen. So macht es der Unglaube. Da liegt für jeden Menschen
die Gefahr, die Versuchung, die Lockung zum Abfall; da - sein unvergänglicher
Kampf; da - der Punkt, auf dem der Weg zu beiden Schicksalen sich spaltet. -
    Die Zeit verging; sie achtete es nicht. Mehrmals hatte ihr Diener an die Tür
geklopft, die in den Salon führte, zum Zeichen, dass man sie zu sprechen wünsche;
sie hörte es nicht. Rasche Schritte eilten jetzt durch das Zimmer ihrer
Kammerfrau; sie bemerkte es nicht. Die Tür flog auf, der Vorhang zurück - Orest
erschien auf der Schwelle und rief, als er sie ins Auge fasste:
    »Judit! aber Judit, was ist geschehen!«
    Und er lag zu ihren Füssen und bedeckte ihre Hände mit Küssen, um sie zu
wecken aus ihrem Traum, ihrer Ohnmacht, ihrer Meditation. Er wiederholte:
    »Aber was ist geschehen? was ist Ihnen widerfahren? warum sperren Sie sich
ab zu dieser Stunde, wo man gewohnt ist, Sie zu sehen? woher diese krankhafte
Blässe? was beschäftigt Sie? woran denken Sie? - Sehen Sie mich an!« rief er
herrisch.
    Judit zog ihre Hände aus den seinen und legte sie auf seine Schultern,
schaute ihn an mit dem tiefen ernsten Blick ihres dunkeln Auges und fragte:
    »Sind Sie ein guter Christ, Graf Orestes?«
    »Wenigstens ein besserer als Sie!« rief er.
    »Ich habe soeben ernstaft daran gedacht, es zu werden und mich taufen zu
lassen, damit meinerseits dasjenige geschehen sei, was unsere Verbindung
beschleunigt. Da dürfen Sie sich nicht wundern, wenn ich mich in Nachsinnen
versenke. Die Komödie meines Lebens hört auf - die Wahrheit beginnt.«
    »O dass es so weit wäre!« rief Orest; »dass endlich! endlich! der Wonnetag
anbrechen, die Stunde des Glückes schlagen möge, die uns auf ewig verbindet, auf
ewig in Liebe aneinander knüpft! O Judit! ich reibe mich auf an der Kette, die
mich an ein anderes Weib fesselt, und wenn ich sie auch zerreisse, so wird es
doch noch lange währen, bis ich deren Bruchstücke abgestreift habe, die ich
vorderhand mit mir umherschleppen muss. Deshalb, Judit, wollen wir uns in
nächster Zeit vor all' dem Wirrwarr flüchten und in der Einsamkeit, fern von der
Welt, unserer Liebe leben. Nach dem Orient wollen wir gehen, nach Damaskus! da
ist das Dasein leicht und lieblich, da verfliegt nicht die schönste Zeit im
Tretrad europäischer Konvenienz und Langweil! da wollen wir in ungestörter Ruhe
das Glück geniessen, nach dem wir uns schon so lange sehnen und das wir nur da
finden können, wo uns keine Erinnerung an frühere Verhältnisse stört. O Judit,
zu flüchtig ist die Jugend, zu kurz ist das Menschenleben, um Tag auf Tag mit
nichts anderem auszufüllen, als mit der Hoffnung.«
    »Gerade so denke auch ich!« entgegnete Judit. »Es muss im Dasein einen
Inhalt, einen Kern, eine Wahrheit geben, welche Ersatz gewähren für die
unsägliche Leere, welche die glänzendste Existenz elend macht, sobald sie eine
liebelose ist. Ja, Orest, nach dem Orient wollen wir gehen und in dem
paradiesesduftenden Damaskus - wie die orientalischen Dichter es nennen, in den
Feenhäusern von Marmormosaik und vergoldetem Cedernholz, welche von den
Reisenden so bezaubernd dargestellt werden, unter Citronenbäumen am
plätschernden Springbrunnen, in süssen Gefühlen und grossen Gedanken unser Leben
zu seinem Ziel führen.«
    »O Geliebte!« rief Orest beseligt, »lass uns fliehen, jetzt! gleich! O glaube
mir, die verhasste Kette wird leichter gesprengt durch einen so energischen
Schritt, der zugleich eine unausfüllbare Kluft zwischen der Vergangenheit und
Gegenwart reisst, als durch tausend Schritte, die wir hier unter zahllosen
Hemmnissen und Störungen tun könnten. O komm! o vertraue meiner Liebe!«
    »So nahe dem Ziel - und die alte Torheit sollte uns besiegen?« sagte Judit
traurig. »Nein, Orest! ich glaube, dass weder Ihre Empfindungen, noch Ihre
Absichten hinsichtlich meiner dadurch eine Änderung erleiden würden. Aber ich
kann diesen Schritt nicht tun! Judit Miranes, die Jüdin, kann nicht den Grafen
Orest Windeck auf seinen orientalischen Streifzug begleiten, ohne durch eine so
verkehrte Nachgiebigkeit sich in seinen Augen herabzusetzen. Und merken Sie es
wohl, Graf Orest: es mag nicht schwer sein, die Missachtung einer Welt zu tragen,
die durchaus keinen Massstab hat und gibt für das, was zu achten und zu verachten
ist und deren Beifall man ganz geschwind wieder erkaufen kann durch eine
Gänseleberpastete und ein paar Flaschen Champagner. Aber schwer, ja unerträglich
wäre es, die Missachtung eines geliebten Mannes ertragen zu müssen. Sie wollen
auffahren, Sie wollen Beteuerungen machen! armer Orest, was sind Ihre
gutgemeinten Worte gegen die Tatsache der Erfahrung! Ich kenne das Menschenherz:
es will eine Glorie um seine Liebe sehen. Je heller die - um desto seliger ist
es, wenn es auch mit Schmerzen und Nöten zu kämpfen hat.«
    »Judit, meine Göttin, Du bist in der Glorie!« rief Orest. »Nun so bleibe
darin, Du unvergleichliches Geschöpf! .... Ich will jetzt einen anderen
energischen Schritt tun.« -
    Er stürmte fort und zu Corona. Sie war nicht daheim. Sie war nach St. Peter
gefahren. -
    Es gibt Menschen - versteht sich, höchst selten, hie und da einmal einer!
die sind von so wundervoller Vollkommenheit, dass man dieselbe gar nicht recht
gewahr wird und ganz treuherzig wähnt, das sei ein Mensch wie unsereiner, bis
man allmälig im näheren Umgang und nach längerer Beobachtung herausbringt, dem
sei nicht so; ihre Vollkommenheit falle nur nicht in's Auge, weil ein
wunderschönes Gleichgewicht sie nach Innen harmonisch ordne und ihnen nach Aussen
das Gepräge friedlicher Einfachheit, ohne hervorstechende Züge, verleihe. So
ungefähr ist es mit der St. Peterskirche zu Rom. Ihre Verhältnisse sind von so
herrlicher Harmonie, dass man durch ihre ungeheuere Grösse anfangs gar nicht
frappiert wird und nur nach und nach, wenn man in ihr auf Entdeckungen ausgeht,
das Riesenhafte des Baues erkennt, anstaunt und bewundert. Die Engelchen, welche
die Weihwasserschalen halten, sind sechs Fuss lang; der Hochaltar ist so hoch wie
der Palast Farnese - einer der grossartigsten in Rom; die Gemälde über den
Altären sind alle in Mosaik und über Lebensgrösse ausgeführt, ohne dass man es
bemerkt. Man muss manchen Besuch in St. Peter wiederholen, bis man sich in seiner
Welt von Kunst und Schmuck, von Reichtum und Grösse, von Grabmalen und
historischen Erinnerungen heimisch fühlt. Wie immer und überall, so hat auch da
die Andacht es am besten und leichtesten. Die geht vor bis zu der Balustrade,
welche den Einblick in die Krypta umschliesst, kniet nieder und betet. Denn da
ruhen die Reliquien eines Menschen, an dem Gott die Wundertaten seiner Gnaden
seit achtzehnhundert Jahren in einem Mass aufleuchten liess und lässt, wie an
keinem anderen Staubgeborenen: Petrus, der Fischersmann aus Galiläa, der Hirt,
dem Christus Selbst die Führung seiner Heerde anvertraut hat, der Nachfolger des
Gottessohnes in diesem heiligsten Amt, der Stammvater aller Stellvertreter des
Herrn als Oberhaupt der Kirche auf Erden: Petrus ruht da.
    Corona's Lieblingsausflug war immer nach St. Peter und ihr Lieblingsplatz
dort war am untersten Pfeiler des linken Seitenschiffes, nächst dem Eingang;
denn von dort blickt man gerade auf Rafaels Transfiguration, die in einer
Mosaikkopie über dem Altar des Kreuzschiffes sich erhebt. Die hohe majestätische
Marmorhalle bildet eine lange Perspektive vor dem grossartigen Gemälde, in
welchem Rafaels Genie allen Jammer der Erde und alle Seligkeit des Himmels wie
in einer wunderbaren Vision zusammengestellt hat. Während sich der göttliche
Heiland auf dem Tabor vor seinen drei auserwählten Jüngern in himmlischer
Verklärung zeigt, leuchtend, schwebend, strahlend, Mittelpunkt und Spitze eines
überirdischen Lichtglanzes, angebetet von Moses und Elias, die in einer
niedrigeren Region schweben; stehen am Fuss des Berges die übrigen Jünger ratlos,
angstaft und niedergeschlagen dem trostlosen Vater gegenüber, der den
besessenen Knaben in seinen Armen hält, der verzweiflungsvollen Mutter
gegenüber, die ihnen zürnend vorwirft, dass sie ihr Kind, ihr einziges, ihr
vielgeliebtes, nicht retten können, dem Volk gegenüber, das von ihnen dieselben
Wunderheilungen wie von ihrem Meister verlangt. Aber der Meister ist nicht bei
ihnen und deshalb vermögen sie nichts! ohne Christus keine Rettung, keine
Heilung, kein Trost, kein Sieg über den Geist des Bösen. Ohne Glaube ist der
Mensch tot in sich und unbrauchbar zum Gnadenwerk. Aber hoffet nur, ihr
Geplagten, ihr Leidenden, ihr Hilflosen! der Herr ist nah. Glaubet nur! er
selbst steigt aus seiner Verklärung, von seinen übernatürlichen Taborshöhen in
eure Finsternis und euer Elend herab. Glaubet nur! bittet nur! Er kommt, um euch
zu retten und euch von der Übermacht des bösen Geistes zu befreien! Ein
göttliches Bild, jeder Menschenseele verständlich! aber für Corona ganz voll
lebendigster Anklänge, für die jammervolle Gegenwart sowohl, als für die
Hoffnung, die der göttlichen Barmherzigkeit vertraut, und umsomehr, wenn die
Menschen ratlos sind, welche man sonst als gute Ratgeber kennt. Corona brachte
immer einen Strahl des Trostes in ihrer Seele von der Transfiguration zurück. So
war es auch heute - und sie konnte ihn brauchen.
    Als Orest ihren Wagen über den Platz fahren sah, eilte er hinab, hinderte
sie auszusteigen, während er Felicitas, die ihre Mutter immer in Obhut ihrer
Bonne begleitete, schnell aus dem Wagen hob und dabei zu Corona sagte:
    »Man kann hier im Hause keinen Augenblick vor Störung sicher sein, bald
kommt der Papa, bald Hyazint - also lass uns nach der Villa Borghese fahren; ich
habe verschiedenes mit Dir zu sprechen.«
    Er setzte sich zu ihr und sie fuhren der porta del popolo und dem
grossartigen Park zu, den der Fürst Borghese dem Publikum geöffnet hat. Seit
jenem traurigen Gespräch am ersten Morgen ihrer Anwesenheit in Rom war Corona
nur auf Augenblicke mit Orest allein gewesen, da er jedes besondere Gespräch mit
ihr vermied. Aber die Erinnerung an jenen Morgen war so lebhaft in ihr, dass ihr
Herz unwillkürlich erhebte bei dem Gedanken, dies könne vielleicht dessen
Fortsetzung sein. Sie faltete ihre Hände unter der Mantille und bat um den
Beistand des heiligen Geistes, dass er sie stark zum Hören und sanft zum Reden
machen möge. Sie harrte schweigend auf das, was ihr Mann ihr sagen werde. Er sah
finster aus und wurde es noch mehr, als er anhub:
    »Bei Deiner Ankunft in Rom hab' ich Dich gebeten, Corona, mir behilflich zu
sein, unsere Ehe für null und nichtig erklären zu lassen, indem ich
voraussetzte, es müsse dem weiblichen Zartgefühl willkommen sein, aus einem
Verhältnis herauszutreten, in welchem zwei Herzen keine Befriedigung finden. Ich
habe mich aber in dieser Voraussetzung getäuscht. Dadurch hast Du mich zu einer
anderen Massregel gezwungen. Damals bat ich um Deine Zustimmung, Deine
Mitwirkung; jetzt zeig ich Dir nun meinen Entschluss an. Ich werde mich einem
protestantischen Bekenntnis anschliessen. Da sind Ehescheidungen nichts seltenes,
weil man nicht die wahnwitzige katolische Idee hat, aus dem Ehebund ein
unauflösliches Sakrament zu machen. Man betrachtet ihn als einen bürgerlichen
Vertrag, der seine Gültigkeit verliert, wenn die Herzen erkalten, und man kann
sich ohne Umstände zwei-, dreimal wieder verheiraten. Übrigens sind ja die
Protestanten ebensogut Christen wie die Katoliken und so steht mein Entschluss
unwiderruflich fest: ich werde protestantisch, verlange die Ehescheidung und
heirate Judit Miranes, die aus ihrem jüdischen Glauben oder Unglauben zum
Christentum übertritt. Auf diese Weise ordnet sich alles und drei Menschen - Du
selbst bist mit einbegriffen - finden ihren Frieden und ihr Glück.«
    Orest sprach mit eisiger Ruhe, wie jemand, der entschlossen ist, sich mit
seinem Gewissen abzufinden. Das fühlte Corona. Ihr Schmerz war zu gross, um Worte
oder Tränen zu finden: Orest wollte seinen Fall durch seinen Abfall krönen und
besiegeln! es war unmöglich, tiefer zu sinken, unmöglich, mit der Leidenschaft
einen höheren Götzendienst zu treiben.
    »Du bist überrascht, wie es scheint,« nahm er nach einer Pause das Wort;
»denn Du kennst die Liebe nicht! Du hast keine Ahnung, mit welcher Gewalt sie
den Menschen ergreift und antreibt, all' die Schranken von Menschenmachwerk zu
durchbrechen. Ich kann nicht anders, ich habe jahrelang gekämpft und gelitten!
ich halte das nicht mehr aus. Einen anderen Ausweg finde ich nicht - ich wende
mich dahin, wo ich Rettung sehe.«
    »Und glaubst Du wirklich,« fragte Corona bebend, »treulos allen Pflichten
gegen Deinen Schöpfer und seine Geschöpfe - und dennoch glücklich sein zu
können?«
    »Die Treue folgt der Liebe nach. Dem geliebten Weibe bin ich treu.«
    »Und Gott? .... und seine Heilsanstalt, die heilige katolische Kirche?«
    »Vor deren Übertreibungen hatte ich immer einen Abscheu! umsomehr jetzt, da
mir die Unmöglichkeit klar geworden ist, ihre Forderungen zu erfüllen. Die
Überspannteit stösst zurück; nennst Du das treulos sein?«
    Corona barg ihr Gesicht in den Händen, so grenzenlos fühlte sie sich
niedergebeugt und beschämt, dass Orest zu einer solchen Gesinnung habe
herabsinken - so ganz aus dem Gnadenleben habe heraustreten können. Aber wo kein
Glaube ist, da ist auch keine Gnade; da ist der Mensch der sündigen Macht seines
von Gott abgelösten und dem Wirbelwind der Leidenschaften preisgegebenen Herzens
elend unterworfen; da wird er für alles höhere und namentlich für die
Pflichterfüllung, die ja immer mehr oder minder ein Opfer ist, dermassen
abgestumpft, dass er keine andere Pflicht mehr anerkennt, als die - der
Selbsterhaltung, wenn nicht leiblicher, so doch geistiger Weise, und auf deren
Rechnung die Befriedigung all' seiner Neigungen schreibt; da heisst sein Programm
fürs Leben kurz und bündig: mein Ich soll glücklich sein! Corona fragte mit
mühsam erzwungener Fassung:
    »Lieber Orest, solltest Du wirklich so abgestumpft sein, um keine Ahnung von
der Schmach zu haben, welche Du auf Dich, auf Deine Familie, auf Deinen Namen
herabziehst, wenn Du einer jüdischen Sängerin zuliebe die heiligsten Bande mit
Füssen trittst und Dich zugleich vom Glauben und von Weib und Kind lossagst?«
    »Für den Augenblick wird die Sache allerdings einiges Aufsehen machen und
für ein Jahr oder zwei wird meine oder Judits Stellung in der Gesellschaft
nicht eben angenehm sein. Das hab' ich wohl erwogen und deshalb beschlossen,
mich mit ihr für einige Zeit in weiter Ferne niederzulassen. Aber die Welt
vergisst schnell und ist zur Nachsicht geneigt für alles, was Liebesverhältnisse
betrifft; denn sie besteht aus Individuen, die sehr wohl wissen, dass ihnen in
der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft ähnliche Nachsicht willkommen
war, ist, oder sein wird. Deshalb ist nach einigen Jahren alles vergessen und
vergeben und meine Stellung in der Welt ganz die alte. Auch meine Familie wird
sich versöhnen lassen; denn wozu wäret Ihr alle so enorm fromm, wenn Ihr Euch
nicht mit dem Gedanken vertraut machen könntet, dass Gott mir andere Wege
zugewiesen hat als Euch.«
    »Keine Gotteslästerung, Orest! die will ich nicht hören!« rief Corona
lebhaft. »Du hast, was wir haben: Gottes Gnade und Deinen freien Willen.
Stürzest Du Dich ins ewige Verderben, indem Du göttliche Gesetze verachtest, um
den Gesetzen Deiner sündhaften Natur zu folgen, so ist das nicht Gottes Fügung,
sondern Dein Widerspruch gegen seine Fügungen, sondern derselbe Ungehorsam, der
einst Luzifer aus dem Himmel und Adam aus dem Paradiese stürzte. Und mit der
entsetzlichen Vorstellung, Dich in der Feindschaft Gottes, Dich auf dem Wege zum
ewigen Tode, Dich ausgeschlossen von Gottes Gnade und Herrlichkeit zu wissen,
darf und wird Deine Familie sich nie versöhnen. Sie muss darüber untröstlich sein
und bleiben. Was die Gesellschaft betrifft, und ob sie die niedrigen Ansichten
hat, die Du ihr zuschreibst - bleibe dahingestellt. Eines aber weiss ich: hat sie
allzu grosse Nachsicht mit sträflichen Liebesverhältnissen, so ist sie doch
unerbittlich in Bezug auf diejenigen Ehebündnisse, welche nur geschlossen werden
konnten, indem ein Teil oder beide vom katolischen Glauben abfielen. Diese sind
für immer von der Gesellschaft - ich spreche von der katolischen -
ausgeschlossen und tragen das Brandmal der Bigamie. Bei jedem strafbaren
Liebesverhältnis darf man die Hoffnung hegen, dass die Beteiligten zur Besinnung
kommen, von ihrer Schwäche sich aufraffen und die entsetzliche
Gottesbeleidigung, die sie sich zu Schulden kommen lassen, erkennen, bereuen und
sich zu ihrer Pflicht bekehren werden. Ist aber der Abfall vom Glauben
geschehen, um das Eheband, das sie als ein unauflösliches kennen, scheinbar zu
beseitigen und scheinbar ein neues zu knüpfen, so beweist dieser Schritt, dass
sie sich mit Besonnenheit und Überlegung entschlossen haben, für's Leben der
Zeit und der Ewigkeit in der Trennung von Gott, welche durch die Todsünde
bewirkt wird, zu verharren.«
    »Die protestantische Welt ist vernünftiger!« erwiederte Orest gelassen.
    »Hast Du Achtung vor ihrer Auffassung der Ehe?«
    »O, das ist gar nicht nötig! ich will, dass sie vor mir Achtung habe und
Judit als meine rechtmässige Frau anerkenne. Und das tut sie, wenn ich
protestantisch werde. Mehr verlang' ich nicht. Sie öffnet mir die Arme; Ihr
sprecht Bann und Interdikt wider mich: da ist es ganz natürlich, wenn ich mich
dahin wende, wo ich liebevoll aufgenommen werde.«
    »Ja!« sagte Corona grenzenlos traurig, »so macht es die gefallene Natur: sie
wendet sich dahin, wo ihr geschmeichelt, wo ihr der herbe Kampf der
Selbstverläugnung erspart wird. Das ist gerade so, wie wenn ein Kind das
Vaterhaus verliesse, um sich leichtsinnigen Kameraden anzuschliessen, und dann
behauptete, diese meinten es besser mit ihm, als seine Eltern, denn sie hiessen
seine Torheiten gut, hingegen wollten die Eltern sie nicht dulden.«
    »Es gibt unter den Protestanten höchst rechtschaffene und vortreffliche
Menschen,« sagte Orest.
    »Das ist kein Grund, um vom Glauben abzufallen,« entgegnete Corona, »denn
wenn er gültig wäre, so könnte man auf denselben Grund hin ein Renegat des
Christentums werden: es soll unter den Muhamedanern ebenfalls sehr
rechtschaffene Menschen geben.«
    »Daraus geht hervor, dass alle Religionsformen vollkommen gleichgültig sind,«
sagte Orest. »Da der Christ nichts voraus hat vor dem Muselman und dem
Buddhisten - wie könnte dann wohl im Christentum selbst die eine Konfession sich
über die andere erheben wollen?«
    »Lieber Orest,« sagte Corona, »bedenk' es wohl! Es ist jetzt mit Dir dahin
gekommen, dass Du die göttliche Offenbarung der christlichen Glaubenslehre, auf
welcher die christliche Sittenlehre beruht, verwirfst - und zwar deshalb, weil
dies himmlische Sittengesetz, das den Menschen zur Heiligkeit führen soll, in
der katolischen Kirche gelehrt und aufrecht gehalten wird, während sie zugleich
die Mittel der Gnade aufbewahrt und spendet, die den Fortschritt zu diesem Ziel
ermöglichen. Du hast Dich von demselben abgewendet; Du entsagst dem Streben nach
himmlischen Gütern, dem Kampf für Pflicht und Tugend; Du verwirfst die erhabene
Glaubenslehre, welche Dir in dem Streit zwischen Gutem und Bösem, der in keiner
Menschenbrust rastet, übernatürliche Waffen bietet; Du lässt Dich besiegen von
irdischer Leidenschaft; und dann sprichst Du von rechtschaffenen Menschen
ausserhalb der Kirche, als ob Du nach einer Vortrefflichkeit strebtest, die
innerhalb derselben nicht zu finden wäre - und fast in einem Atem von der
Gleichgültigkeit aller Regionen. Kannst Du bei einer solchen inneren Verwirrung
denn überhaupt einen Entschluss fassen wollen?«
    »Du machst mich verwirrt mit Deinen Widersprüchen und Einwürfen!« rief Orest
zürnend. »Ich weiss, was ich tun will und Du weisst es jetzt auch. Hättest Du mir
die Hand geboten zur friedlichen Lösung unseres traurigen Verhältnisses, so
hättest Du mir einen Gewaltschritt erspart. Der komme auf Dein Gewissen. Du
treibst mich in die Arme des Protestantismus!«
    »Gerade so, wie Gott Dich auf den Weg des Verderbens führt - nicht wahr?«
sagte Corona mit trübem Lächeln. »Das gehört zusammen! Gott und der Nächste
müssen unsere Schuld tragen, wenn wir anders nicht mit ihr fertig werden
können.«
    »Willst Du die Verantwortung nicht übernehmen,« rief er, »wohlan! so bleibe
sie mir! Ich fürchte mich nicht davor. All' diesen kirchlichen Gesetzen
gegenüber hat das Menschenherz seine unverlierbaren Rechte; die nehme ich in
Anspruch - und mit ihnen werde ich mich vor Himmel und Erde ohne Scheu
verantworten.«
    »Orest!« rief Corona flehend, »erbarme Dich Deiner Seele! Du wirfst die
Religion von Dir, wie eine lästige Kette, weil sie Deine bösen Leidenschaften in
Fesseln halten will. Ach, Orest! Du wirst untergehen als das Opfer dieser
Leidenschaften, denen Du den Zügel schiessen lassen willst.«
    »Bah! untergehen! .... Das könnte mir in dem verzweiflungsvollen Druck der
Gegenwart geschehen; aber nie in meiner Freiheit!« rief Orest. Plötzlich setzte
er hinzu: »Adieu!« sprang über den Wagenschlag hinweg, ohne sich Zeit zu nehmen
halten zu lassen, und eilte einem Seitenwege zu, weil er in der einsamen
Frauengestalt, die dort wandelte - Judit zu erkennen glaubte. Corona
erschauerte vor einer solchen Gefangenschaft aller höheren Seelenkräfte. »Er ist
ja willenlos gebannt an diese Judit!« seufzte sie und liess den Heimweg
einschlagen. »Ob sie auch eine solche Leidenschaft für ihn hat? ob sie sich aus
Überzeugung taufen lässt? und wenn das sein sollte - könnte sie nicht dahin
gebracht werden, ihm als Christin zu entsagen?« -
 
                                Sonnenuntergang
Uriel war noch immer zu Windeck. Er konnte sich nicht entschliessen, Onkel Levin
zu verlassen. Dankbarkeit, Verehrung und Liebe fesselten ihn an den Greis. Ihm
war zu Sinn, als müsse er die ganze Familie in dem Ausdruck zärtlichster
Ehrfurcht vertreten und als bleibe sie dennoch eine ewige Schuldnerin dieses
Greises, der ihnen allen, seit vier Generationen, das schönste Beispiel in
eindringlichster Weise gepredigt hatte: demütige Selbstverläugnung; nie durch
Worte, immer durch die Tat. Welch' ein Opfergeist gehörte dazu, um ein ganzes,
langes Leben freiwillig in der Abhängigkeit zuzubringen und in der
untergeordneten Stellung zu verharren, welche der Weltgeist ihm anwies! welch'
eine übernatürliche Liebe, um gerade von dieser Stellung aus, mit
unerschütterlicher Energie einer in Gottes Langmut wurzelnden Geduld, den
Weltgeist zu bekämpfen! welch' eine Kette von Seelenschmerzen, von Sorgen, Mühen
und Arbeiten um und für Seelen wickelte sich aus jeder Stunde, jedem Tage, jedem
Jahre dieses Lebens ab! Und niemand hatte ein Auge für diese unvergleichliche
Selbstverläugnung! Keinem fiel es ein, dass dazu eine himmlische Tugend gehöre!
Dass die Glücklichen der Welt ihres Glückes überdrüssig und ihrer Freuden müde
werden: man begreift es, man findet es in der Ordnung, denn der Mensch ist nun
einmal so geschaffen, um den Wechsel zu lieben und im einerlei - selbst des
Glückes - zu erschlaffen. Dass aber Onkel Levin je seiner Opfer, seiner
Entsagung, seiner Verdemütigung hätte müde werden können, daran hatte man nie
gedacht und daher war ihm auch nie die Anerkennung seiner Vollkommenheit zu Teil
geworden. Man brauchte ihn zu Rat und Tat, dann vergass man ihn, und er war so
gleichgültig gegen sich selbst, dass er sich mild alle Vernachlässigung gefallen
liess, um stets, als stiller Schutzengel des Hauses, Gnadenstrahlen auf dasselbe
herab zu ziehen durch das hochheiligste Opfer, durch das unermüdliche Gebet.
Mehr und mehr erkannte Uriel, dass die demütige Seele die grosse Seele ist; denn
die Demut macht den Menschen leer von sich selbst und dadurch fähig, die
Gnadenkraft, die von Gott kommt, die aufwärts hebt und gross und stark macht - in
sich aufzunehmen. Und die Welt hält die christliche Demut für niedrige
Gesinnung, seufzte Uriel bei sich selbst; ach, sie ist ja die Grundlage der
wahren Grösse, der ächten Würde! ach, wie voll muss die Welt von sich selbst und
wie leer von Gott sein, um in der Demut Kriecherei und Heuchelei zu sehen!
Vielleicht sind wir alle es dem heiligen Greise schuldig, seinem Opferleben,
seiner Fürbitte, seinem Beispiel, seinen Lehren, dass wir nicht in die Gemeinheit
solcher Gesinnungen und entsprechender Handlungen versunken sind. Und immer
klarer sah Uriel ein, dass er sich nicht damit begnügen dürfe, ein solches
Beispiel untätig zu bewundern. Immer deutlicher vernahm er eine innere Stimme,
die ihm zusprach: Trinke du aus demselben Kelch; dann hast du dein Genügen. -
    Mit tiefer Erschütterung hatte Levin Regina's Zustand erfahren. Mit ihm
durfte Uriel ja darüber sprechen; er konnte es aushalten. Dem Vater und der
Schwester wollte Regina die herbe Mitteilung ersparen.
    »Sieh!« sagte Levin, »das sind so recht die unergründlichen Schickungen
Gottes, an denen der Unglaube solchen Anstoss nimmt und worin wir ein Geheimnis
voll himmlischer Liebe ahnen. Wodurch belohnt er das freudige Opfer, das Regina
ihm bringt? durch ein schauerliches Leiden, durch einen martervollen Kreuzgang,
dessen Ende der gewisse und nahe Tod ist. Er konnte sie leben und im Schatten
seiner Gnade friedlich blühen lassen, wie eine Blume des Waldes, zu seiner Ehre
und anderen zum Trost und zur Erbauung. Statt dessen wendet er ihr das volle
Licht, ja die Flammenpfeile seiner Gnade zu - und kränzt sie mit grausamen
Dornen. Das ist die ächte Braut Christi.«
    »Ja,« sagte Uriel, »den Eindruck hab' ich für's Leben empfangen: denke ich
an den gekreuzigten Heiland, blutüberströmt unter seiner Dornenkrone, so trägt
er Regina's Züge.«
    »Sieh, wie gut Gott auch für Dich ist,« entgegnete Levin zärtlich; »so
lieblich zieht er Dich hin zum Kreuz!«
    »Ich fühle es,« erwiderte Uriel, »ich weiss es. Der Opferstahl liegt auf dem
Altar; es ist das Kreuz. Aber die Natur erschauert bei dem Gedanken, es in
solchem Mass umfassen zu müssen.«
    »Das Mass wird nicht jedem gleichförmig gemessen, nicht genau die eine Seele
wie die andere behandelt. Es gibt Stufen in der Liebe, Stufen in der Prüfung.
Wer hat den göttlichen Heiland mehr geliebt als Maria Magdalena! mit welcher
übernatürlichen Demut, mit welcher herzzerschmelzenden Selbstverläugnung nahet
sie sich ihm bei jenem Gastmahle, wo sie beweist, dass ihr die Welt unter- und
der Himmel aufgegangen ist. Und wie behandelt sie der Herr, der gütige, milde,
zärtliche Heiland, der für den hochmütigen Pharisäer so liebevoll ist und die
grössten Sünder so tröstend behandelt? Man sollte meinen, er werde die Magdalena
mit der innigsten Liebe empfangen. Aber nein. Er schenkt ihr kein Wort, keinen
Blick, keine Beachtung. Auf einen Akt der rührendsten Demut sieht er gar nicht
hin, und wie einen wesenlosen Schatten lässt er sie vorüber gleiten. Dies
Schweigen, diese abwehrende Nichtachtung hätten nicht alle ertragen. Magdalena
aber ertrug es. Dafür steht sie denn unter dem Kreuz mit der Gottesmutter und
dem Liebesjünger - und ihr zuerst erscheint der Auferstandene! und sie ruft er
bei ihrem Namen! Jede Seele, die sich von der Welt zu Gott, von dem Irrtum zur
Wahrheit bekehrt, gleicht der Magdalena, indem sie bis dahin Ungöttliches dem
Göttlichen vorgezogen hat. Ach, wir alle gleichen ihr; denn in uns allen ist
Anhänglichkeit an unser so sehr ungöttliches Ich - und wir alle müssen deshalb
darauf gefasst sein, so vom Herren empfangen zu werden, wie sie. Allein der
Empfang ist dennoch verschieden, weil wir nicht ihre welt- und totverachtende
Liebe haben.«
    »O, hätte ich sie!« rief Uriel.
    »So spricht wohl mancher,« entgegnete Levin lächelnd, »und macht doch nicht
seine Anstalten dazu! Die vollkommene Hingebung an den Willen Gottes, ohne
Rückblick und Hinterhalt für uns selbst - ist eine Hauptbedingung. Unterwirf
Dich ihm bedingungslos; mache Dein Herz zu einem Reich, in welchem er nach
seinem Wohlgefallen herrschen soll; und siehe! dann schickt er Dir die Liebe,
als die Königin dieses Reiches zu, die wonnestrahlend Dich zur Huldigung ihres
Herrn und Herrschers hinzieht. Sie kommt auf zwei Wegen, die Königin Liebe. Im
heiligsten Sakramente des Altars sucht sie Deine Seele auf. Im Gebet sucht Deine
Seele nach ihr. Das ist eine mystische Ebbe und Flut, sinkend und steigend im
Wechsel der innersten Lebensbeziehung auf das ewige Gesetz, dass der Mensch
selbsttätig zu seiner Heiligung mitwirken soll. Auf einige verfliegende Wünsche
und Seufzer kann die ewige Liebe nicht hören. Sie ist Wahrheit, und darum
begehrt sie Wahrheit. Hingebung, Unterwerfung - das ist Wahrheit, denn da hören
alle Selbsttäuschungen alle Gefühlsschwelgereien, alle Phantasiegebilde
urplötzlich auf. Das ist der unerbittliche Prüfstein, an dem der Wille als
ächtes Gold oder als unedles Metall zum Vorschein kommt. Hingebung und
Unterwerfung heiligen die Seele mehr und schneller, als die grössten Taten für
Gott getan; und haben auch das noch für sich, dass man sie überall üben kann,
während die grossen Taten Zeit und Ort haben wollen. Fange nur an, Dich zu
heiligen, Uriel, und Dich mit und aus allen Kräften Deiner Seele Gott als ein
unbedingtes Werkzeug darzubieten, und die himmlische Liebe wird schon kommen und
Wohnung bei Dir nehmen.« -
    Nicht Uriel's Kämpfe, nicht Regina's Leiden, nicht Corona's Prüfungen waren
es, welche Levin's Herz sorgenschwer machten. Diese gehörten ja zu jenen
Schäflein der Herde Christi, welche die Stimme des guten Hirten kennen, auf sie
hören und ihr folgen wollen; und bei solchen Seelen ist das Amt des
stellvertretenden guten Hirten, des Priesters, nicht schwer. Mit einem Wink
seines Hirtenstabes, mit einem Zuruf aus seinem Munde sammelt er sie gleich
wieder auf den immergrünen Auen und an den silberklaren Wassern des christlichen
Lebens, wenn sie zu einer dürren Weide abgeirrt sein sollten; und sein einziger
Kummer ist der, dass ihr Fortschritt auf dem Wege der Vollkommenheit noch viel
grösser sein könnte, als er bereits ist. Wohl ist es ein Kummer, neben der
unbegrenzten Gnade Gottes immer die unvollständige Mitwirkung des Menschen, auch
des edelsten, gewahr zu werden; aber wie anders, wie bitter und nagend ist der
Kummer, welchen die Schäflein hervorrufen, die den guten Hirten nicht kennen
wollen und sich von ihm abwenden. Da muss er durch Wüsten von Traurigkeit und
über Dornen von Ängsten im Gebet den Verirrten nacheilen und nachweinen, nie die
Hoffnung auf deren Rettung aufgeben, von keiner Enttäuschung sich entmutigen
lassen und ach! oftmals erst dann sie erreichen, wenn sie vom Wolf zerfleischt
ihr Leben aushauchen, von Dornen umstrickt sich verbluten oder gar in den
Abgrund stürzen, welcher der ewige Tod, der Untergang der Seele heisst.
    Je näher sich Levin dem Ende seiner Tage fühlte, um desto sorgenvoller sah
er auf die kleine Herde, für welche er in besonders inniger Weise ein guter Hirt
hatte sein sollen; und zogen auch die einen mit fliegenden Fahnen zur Eroberung
des Himmelreiches aus - und folgten auch die anderen gemässigteren Schrittes
nach: so waren doch Orest und Florentin entflohen der schirmenden Hürde und in
eine Wildnis geraten, die ihnen den Untergang nahe legte. Ein Brief von Corona
versetzte ihn in den tiefsten Schmerz. Sie teilte ihm den Inhalt ihres letzten
Gespräches mit Orest mit. »Die Gefahr ist so gross, so dringend, dass ich die
himmlische Hilfe des heiligen Gebetes in Anspruch nehmen muss,« schrieb sie;
»wenn das nicht wäre, so würde ich schweigen, wie ich bisher geschwiegen habe,
weil ich die Überzeugung hege, dass alles, was man an Orest sagen mag, nur dazu
beitragen würde, ihn in seiner jammervollen Verblendung zu bestärken und in
seiner verkehrten Liebe zu befestigen. Ich schwieg, so lange diese traurige
Sache gleichsam nur die meine war; ich hatte sein Herz verloren: das betraf mich
allein. Aber jetzt soll seine Seele verloren gehen durch den Abfall vom Glauben:
das ist die Sache Gottes! dagegen trete ich ganz in den Hintergrund, und nicht
mehr für mich, sondern für Orest allein ruf' ich um Hilfe. So lange meine Augen
offen stehen, habe ich in tiefster Aufrichtigkeit meiner Seele vor Gott auf
alles und jedes verzichtet, was Glück, was Freude, was Trost, was Erquickung
hienieden ist - wenn nur der grässliche Abfall verhindert wird. Wir alle müssen
uns mit ausgebreiteten Armen zwischen ihn und die Hölle werfen, der er im
Wahnwitz der Leidenschaft zutaumelt.« - -
    Nachdem Levin diesen Brief gelesen hatte, faltete er die Hände und rief:
    »Den Kelch, o Herr, erspare mir!« Aber sogleich setzte er hinzu: »Wenn er
Dir, o Herr, erspart sein soll! Wenn nicht - so gib mir die Gnade, ihn in der
Vereinigung mit Dir zu leeren, diesen bittersten Myrrhentrank!«
    »Ich muss nach Rom!« rief Uriel. »Der Unglückselige soll wenigstens von all
den Seinen den Schrei des Entsetzens über sein Beginnen wie aus einem Munde
hören. Corona hat Recht: wir müssen uns alle ihm in den Weg werfen. Vielleicht
hemmen wir seinen Sturz.«
    »Geh, mein Sohn, Gott segne Dich und stehe Dir bei!« rief Levin lebhaft.
»Corona schreibt, sie habe die Sache auch an Regina mitgeteilt, um sie zum
Gebetseifer zu entflammen. So werden wir beide, sie und ich, denn unablässig
unsere Hände zum Gebet erheben, während Ihr in Rom vielleicht die Möglichkeit zu
einem kräftigen Handeln findet.«
    Mit unsäglich schwerem Herzen entschloss sich Uriel zur Trennung von Levin.
Der Greis war ganz allein, denn die Baronin Isabelle war verreist, war soeben an
das Sterbebett ihrer teuersten Freundin, der einzigen Schwester ihres
verstorbenen Mannes gerufen. Und nun sollte er diese qualvolle Zeit der
Spannung, der Erwartung, der Sorge - einsam bleiben, ohne Mitteilung, ohne
Zuspruch, auf Briefe beschränkt, deren Nachrichten stets unvollkommen und
folglich ungenügend sind!
    »Darüber gräme Dich nicht,« entgegnete Levin, als Uriel ihm seine
Bekümmernis aussprach. »Es war mir bis jetzt ein grosser Trost, Dich bei mir zu
haben, allein nun ist es mir ein grösserer Trost, Dich zu entbehren - zuerst,
weil ich denke, dass Du in Rom mehr nötig bist, als hier; und dann, weil es mir
ein Opfer ist, Dich gehen zu sehen. Dem lieben Gott in irgend einer Weise ein
Opfer bringen zu dürfen, ist aber immer das glückseligste, was einem Menschen
widerfahren kann. Reise getrost, mein Sohn.« -
    Uriel war schnell zur Abreise gerüstet und Levin blieb allein auf Windeck
zurück. Ein schwererer Schlag als Orest's Abfall hätte ihn nicht treffen können!
jeder andere hätte ein paar Dornen mehr auf den Erdenweg gestreut; aber über sie
ging Levin hinweg, als wär' es Blütenschnee, der vor der Frühlingsluft
herabrieselt. Dieser Schlag ging über die Erde hinaus. Die namenlosen Schmerzen,
die er einst um seine arme Mutter ausgestanden hatte, erneuerten sich auf eine
noch unheilvollere Weise, um eine noch drohendere Gefahr. Die Verachtung der
Liebe und Gnade Gottes, die vor einem halben Jahrhundert seinen jungen Augen so
viel tausend Tränen gekostet hatte, drängte ihm auch jetzt wieder sein Herzblut
in bitteren Zähren aus den Augen. Und hätte er noch ein halbes oder ganzes
Jahrhundert gelebt, und noch eines, und abermal eines, und so fort bis zum
jüngsten Tage: so würde er fort und fort das nämliche Herzeleid zu tragen,
denselben Jammer zu beweinen haben: die Beleidigung der ewigen Liebe durch die
Sünde des Geschöpfes! Dann gedachte er des furchtbaren mystischen Leidens,
welches der göttliche Erlöser am Ölberg ausgestanden, gerade weil er im Geist
das grenzenlose Elend überschaute, das er mit seinem heiligen Blute heilen
wollte - und das sich dennoch, dennoch! so vielfach gegen die himmlische Arznei
sträubt, dass sie ach! nicht für alle ihre Wirkung tun, nicht allen die Genesung
der Seele bringen kann. Ja! seufzte Levin aus tiefster Brust, zur vollkommenen
Vereinigung mit Gott gehört die willige Annahme dieses Leidens, das über alle
menschliche Grenzen von Gram und Kummer hinausreicht! Dann dachte er an Regina,
wie sie die Schreckensnachricht aufnehmen - ob sie in ihrer Gelassenheit bleiben
werde. Ein grosses Verlangen, gemeinsam mit ihr die Mutter Gottes vom Karmel
anzurufen, erwachte in Levin. Er hatte nie gewünscht, sie zu sehen; er wusste ja,
dass er sicherer und ungestörter am Fuss des Kreuzes - als im Sprachzimmer zu
Himmelspforten sie finden könne. Aber jetzt war ihm zu Sinn, als ob die Hand
Gottes ihn zu Regina führe. Er fuhr nach Würzburg und ging sogleich zum Kloster,
wo er auf seine Frage nach ihr den Bescheid erhielt, sie sei krank und könne
nicht im Sprachzimmer erscheinen. Da nannte er sich und liess die Oberin bitten,
ihm nähere Auskunft zu geben. Die Oberin kam eilends und verhehlte ihm nicht,
dass Regina sterbend sei. Levin faltete die Hände und sagte sanft:
    »Also darum hat Gott mich hergeführt.«
    Er begab sich zum Bischof und bat um Erlaubnis, in die Klausur eintreten zu
dürfen, um die Sterbegebete über die Tochter seiner Seele zu sprechen. Der
fromme Bischof gab die Erlaubnis mit gerührter Teilnahme, dass der Tod an dem
fünfundsiebenzigjährigen Greise vorübergehe und die junge Lebensblüte
dahinraffe. Als Levin nach Himmelspforten zurückkam, war es schon spät Abends;
aber die Tür öffnete sich ihm, wie das die Regel ist, als er des Bischofs
schriftliche Erlaubnis vorzeigte. Die Oberin empfing ihn und setzte ihn von
Regina's Zustand in Kenntnis, während sie ihn zu der Zelle der Kranken führte.
Bis zum Weihnachtsfest hatte sich Regina trotz ihrem Leiden ziemlich wohl
befunden und die heilige Christnacht und die Ankunft des göttlichen Kindes in
der Krippe mit frohlockender Freude gefeiert. Seitdem aber war es reissend bergab
gegangen und das Fieber mit solcher Heftigkeit eingetreten, dass sie seit sechs
Wochen weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe hatte und gänzlich davon aufgerieben
war. Der Arzt zweifelte, dass sie den Morgen erleben werde. Die Oberin öffnete
eine Tür; Levin trat in die armselige Zelle, an deren weiss getünchter, kalter
Wand ein Kruzifix zwischen den Bildern der Mutter Gottes von der unbefleckten
Empfängnis und der heil. Terese hing. Ein Strohstuhl und ein brauner Tisch, auf
dem ihr Brevier und einige Andachtsbücher lagen, bildeten das Mobiliar dieser
Zelle, die an Armut, wenn nicht mit dem Stall von Betlehem, so doch mit der
Hütte von Nazaret wetteiferte. Regina lag im Bett; ihr Antlitz, halb verhüllt
von weissen Linnentüchern, war weisser als sie, denn das Fieber hatte ihr
Lebensmark verzehrt; die krankhafte Glut war eingesunken; sie verglimmte wie
eine Kohle, die sich nach und nach mit Asche bedeckt - mit der Asche, welche der
Tod auf sie streute. Zu Häupten des Bettes brannte die Sterbekerze; zwei
Karmelitessen knieten daneben und beteten abwechselnd die Gebete der Sterbenden.
Als Levin eintrat, hatte Regina ihre Augen geschlossen und ihre langen dunkeln
Wimpern warfen einen breiten Schatten auf die geisterbleichen Wangen. Ihre Hände
lagen auf der Decke und hielten ein kleines Kruzifix. Aber im Gegensatz zu
dieser Ruhe flog ihre Brust kampfhaft und unregelmässig auf und ab durch die
schweren, hastigen Atemzüge. Auf den ersten Blick sah Levin, dass es zu Ende
gehe. Mit gebrochener Stimme sagte er:
    »Gelobt sei Jesus Christus!«
    »In Ewigkeit! in Ewigkeit! .... lieber Onkel Levin«, erwiderte Regina und
schlug ihre grossen müden Augen mit einem Blick von rührender Freude und
Dankbarkeit zu ihm auf.
    »Nun bist Du bald am Ziel, geliebtes Kind! die Braut Christi eilt dem
himmlischen Bräutigam zu.«
    »Möge er mich nur als seine ächte Braut anerkennen und nicht allzu unwürdig
finden,« sagte sie. »Ich habe ihm sein gebenedeites Kreuz gar schlecht
nachgetragen.«
    »Fandest Du es schwer, geliebtes Kind, so denke, dass Dein Erlöser auch
seinen Kelch bitter gefunden hat.«
    Das äussere Kreuz war nicht das schwerste! das innere war es. Ach, die
Desolationen von Getsemane und die Finsternis von Kalvaria - die wollten mir
zuweilen die Seele so überfluten, dass ich vergass, wie gerade sie die Hauptpunkte
sind in der Nachfolge des himmlischen Bräutigams.«
    »Umsomehr musst Du seiner Gnade vertrauen, die so barmherzig für uns arme
Sünder ist, wenn wir nur ein wenig guten Willens waren.«
    »Ja!« sagte sie, und ein Freudenstrahl trat in ihr Auge, »ich schmücke mich
mit dem Purpur und den Rubinen seines heiligsten Blutes. Das wird mir zum
Königsmantel und zum Brautgeschmeide.«
    »Hast Du je bedauert, der Welt und dem Erdenglück entsagt zu haben?« fragte
Levin nach einer Pause.
    »Niemals!« entgegnete sie. »Die Gottverlassenheiten waren meine Prüfung.«
    »Die gehören gerade zum vollkommenen Opfer. Wer den Gott alles Trostes
besitzt, muss dessen Tröstungen entbehren können,« sagte Levin ernst.
    »Ach bitte für mich,« sagte sie schmerzlich, »dass der liebe Gott nicht nach
seiner Gerechtigkeit mit mir verfahre und mich auf ewig von seinem Angesicht
verbanne; in seinem strengen Gericht könnte ich nimmermehr bestehen. Jetzt sehe
ich freilich ein, dass meine geringen Leiden ein Maientau für meine elende Seele
waren und sie zum Grünen gebracht haben.«
    »Im Himmel wird sie aufblühen,« sagte er.
    »Wäre nur nicht das lange Purgatorium,« seufzte Regina.
    »Gott war immer so gnädig für Dich, dass er Dir vielleicht Deine schwere,
lange Krankheit als Purgatorium anrechnet und Dich bald in den Himmel ruft!«
    »Ja, wenn Du recht viel für mich betest und mir die Gnadenströme des
heiligen Messopfers zuwendest, und wenn auch hier alle Schwestern für mich
beten.«
    Die Oberin zerdrückte still ihre Tränen, und die beiden Schwestern weinten
bitterlich. Regina fragte, was es an der Zeit sei, und als Levin erwiderte, es
gehe auf Mitternacht, sagte sie mitleidig:
    »Ach, lieber Onkel Levin, so bricht die Fastenzeit noch einmal für Dich an,
während ich mein seliges Genügen finde!«
    Es war nämlich die Nacht vor dem Aschermittwoch. Sie atmete immer mühsamer,
stossweise und ächzend; ihre Hände liessen das Kruzifix sinken und machten auf der
Decke jene seltsamen Bewegungen des Haschens, die den Sterbenden eigentümlich
sind. Die Anwesenden beteten und sie bewegte bisweilen die Lippen, als ob sie
ihnen folge. Plötzlich sagte sie:
    »Dürfte ich nicht den Leib des Herrn empfangen?«
    Die Oberin erwiderte, dass er ihr vor kaum zwei Stunden gespendet sei. Da
sagte sie:
    »So vergisst man die Zeit, wenn die Ewigkeit naht.«
    Auf die Bemerkung der Oberin, dass sie gleich nach der ersten heiligen Messe,
die um fünf Uhr gelesen wurde, mit dem Brot der Engel gestärkt werden dürfe,
antwortete sie mit einem seligen Lächeln:
    »Ach, wenn meine Sünden es nur nicht hindern, so könnte ich Ihn dann
vielleicht schon schauen, wie Er ist.«
    Sie fiel in die Agonie zurück und verlor die Sprache, aber nicht das
Bewusstsein. Schlug sie einmal die Augen auf, so war ihr Blick klar, liebevoll
und dankbar auf ihre Umgebung gerichtet; und verstummte einmal deren Gebet vor
Wehmut und Herzeleid, so gab sie durch Zeichen zu verstehen, dass man es
fortsetzen möge. Eine schmerzenreiche halbe Stunde ging auf diese Weise vorüber.
Da hub Regina zu aller Überraschung mit ganz kräftiger Stimme an:
    »Lieber Onkel! jetzt bete die Commendatio anima! die Mutter Gottes holt
mich, der Bräutigam kommt.«
    Und sanft wendete sie ihr Haupt, machte das heilige Kreuzzeichen, schloss die
Augen und entschlief mit immer leiseren Atemzügen wie ein müdes unschuldiges
Kind, während ihre Seele zu dem Gott flog, den sie von dem Augenblick an, wo ihr
junges Herz zu lieben anfing, mit unerschütterlicher Liebe geliebt hatte. Da lag
sie nun tot in der dürftigen Zelle, auf dem armseligen Lager, aufgerieben von
entsetzlicher Krankheit, fern von den Nächsten, die keine Ahnung von ihrem
Scheiden und Leiden hatten - diese Regina, dies Kind des Gebetes, die bei ihrem
Eintritt in die Welt mit einem Jubelruf der Freude von zwei Familien begrüsst,
von zwei Müttern als Tochter geliebt und gleichsam in goldener Wiege gewiegt
wurde. Da lag sie nun tot zwischen den kahlen Wänden - diese Regina, der alles
zu Gebot stand, was man auf Erden Glück nennt, was man begehrt, ersehnt,
beneidet - und die alles gelassen beiseite legte, als Dinge, die für den Himmel
keinen Wert hatten. Jetzt stand sie auf der Höhe, wo der wahre Standpunkt für
die Würdigung des irdischen Glückes ist und wo die vergänglichen Freuden im
Licht der Ewigkeit ihre wahre Beleuchtung finden. Jetzt stand sie mit ihrem von
jungfräulicher Christusliebe durchflammten Herzen, das von keiner Neigung zu den
Staubesgebilden beschwert war, vor dem Tron ihres Gottes, dessen Kelch sie zu
ihrem Erbe und Anteil für hienieden gewählt hatte, und Levin, dem all diese
Bilder am inneren Auge vorüberzogen, während er die Nacht neben ihrer entseelten
Hülle betend durchwachte, konnte nicht anders, als wieder und immer wieder
sagen: O Kind, du bist nicht vergeblich der heiligen Gottesmutter, der
Himmelskönigin Maria, geweiht worden! Als deine Mutter es tat, hat sie nicht
geahnt, dass du bei sechsundzwanzig Jahren als Klosterjungfrau von hinnen
scheiden würdest, und alle weltlichen Verhältnisse waren ja auch dagegen. Aber
die Mutter Gottes, die mächtige Königin, rang dich ihnen ab, wählte dein Los,
liess es vor dir aufleuchten, ebnete deinen Weg, zeigte dir dein hohes Ziel, gab
dir ein Herz, das der Höhe des Zieles entsprach, und hat dich jetzt geholt zum
himmlischen Brautfest. O Kind, geliebtes, warum wein' ich denn! Und langsam
schlich Träne um Träne über seine bleichen eingefallenen Wangen - -
    Früh um vier Uhr las er für die teuere Abgeschiedene eine Seelenmesse,
diesen Balsam für die schmerzlichste Trauer. Nicht bloss den Lebenden gehört der
ewigströmende Gnadenbronnen des Blutes Jesu an; nicht bloss für sie öffnet er
wieder bei der Feier der heiligsten Geheimnisse seine Wunden, um ihnen alle
Gnaden zuzuwenden, welche an seinen Versöhnungstod geknüpft sind. Sein
göttliches Blut gehört allen Seelen an und die Abgestorbenen sind ja so recht -
Seelen! arme Seelen, die durch dieses Blut reinigende und heiligende Kraft von
den Makeln und Flecken befreit werden, welche langsam das Purgatorium tilgt;
Makel und Flecken, welche die Seele nicht zur Seligkeit gelangen lassen, denn
»nichts Unreines kann in den Himmel eingehen« - heisst es in heiliger Schrift.
Wie süss ist also die Hoffnung, wie wahrhaft der Trost, welche die Leidtragenden
aus der Darbringung des hochheiligen Messopfers schöpfen. Ein Tröpflein vom Blut
Jesu der geliebten Seele zugewendet, vermag mit seiner unendlichen Kraft sie zu
reinigen und sie zur Anschauung des höchsten Gutes zu führen! Levin gewann all'
seine Fassung wieder, nachdem er sich in heiliger Kommunion mit Gott vereinigt
hatte und ein namenloser Trost überströmte sein Herz bei dem Gedanken, dass
Regina vor allem Wechsel und Wandel geborgen, in Sicherheit gebracht und einem
Leben entronnen sei, welches dem Menschen nie die Gewissheit gibt, dass sein
nächster Schritt ihn nicht bergab führe. Sie lag nun im Sarge, im braunen Habit
der Karmelitessen, mit einem Kranz von weissen Rosen über dem schwarzen Schleier
- ein unaussprechlich schönes Bild, rührend in seiner Erhabenheit. Der schwarze
Schleier, der sie umrahmte, war die Folie des Kranzes, den ihr Haupt wie eine
Glorie von leuchtenden Sternen trug. Ein seliger Friede lag auf ihren Zügen, ihr
eigentümlich schönes Lächeln war ihnen noch eingeprägt. Sie sah aus, als sei
ihre Seele frohlockend von der Erde geschieden.
    »Requiescat in pace,« sagte Levin, als er zum letzten Mal mit Weihwasser die
schöne Hülle segnete. Dann nahm er Abschied von Himmelspforten.
    »Der Aschermittwoch,« sprach er scheidend zur Oberin, »hat uns
eindringlicher als das Aschenkreuz auf unserer Stirn gepredigt: Memento, homo,
quia pulvis es et in pulverem reverteris!« -
    Von Windeck aus schrieb er an Graf Damian, dass ein Zehrfieber Regina's Leben
ein Ende gemacht und Gott ihn wunderbarer Weise an ihr Sterbebett geführt habe.
Ausführlich beschrieb er ihre letzten Stunden, deren Zeuge er gewesen war, und
setzte viel Liebliches und Trostreiches hinzu, was ihm die Oberin, der Superior
und der Beichtvater aus ihrem Ordensleben erzählt hatten. Wie früher in der
Welt, so jetzt im Kloster führte sie ihren Wahlspruch »Solo Dios basta«
tatsächlich durch; darum dürfe um ihre frühe Seligkeit kein trostloser Jammer
ausbrechen; diese Lilie des Carmels blühe ja ihnen allen zum Troste leuchtend im
ewigen Frühling fort.
    Er aber sehnte sich nach diesem Frühling! Fünfundsiebzig Jahre, die der
übernatürliche Mensch im Kerker des Leibes gelebt hat, sind lang, auch für die
demütigste Ergebung. Aber keine Schwäche des Alters, keine Stumpfheit der Sinne,
keine Abnahme des Gedächtnisses, kein Versagen der inneren oder äusseren
Fähigkeiten stellte sich ein; das Unsterbliche herrschte in ihm vor. -
    Ein tosender Schneesturm, wie er zuweilen im Februar, besonders wenn milde
Tage vorhergehen, als Mahnung an den Winter ausbricht, umsauste eines Abends
Schloss Windeck mit solcher Gewalt, dass die Fenster stossweise klirrten und die
mächtigen Aeste der Linden und Kastanien auf der Terrasse erkrachten. Die
Wetterfahne drehte sich angstvoll kreischend über den ungestümen Tanz, den sie
mit dem Sturm machen musste, und Käuzlein und Uhu, verstört in ihrem sonst so
behaglichen nächtlichen Treiben, schrieen und seufzten um die Wette und
flatterten mit ungeschicktem Flügelschlag verwirrt und betäubt gegen die
Fenster, hinter denen Licht schimmerte. Der Aberglaube spricht: Fliegt ein
Käuzlein mit seinem scharfen Schrei: komm mit! komm mit! gegen ein Fenster, so
muss in dem Hause ein Mensch sterben. Im ganzen Schloss war es still und dunkel,
die Mitternacht fesselte alle Bewohner im ersten Schlaf. Nur Levin wachte.
Plötzlich schien ihm, dass am Gittertor des Schlosshofes die grosse Glocke heftig
gezogen werde. Aber der Sturm war eben in seiner Flut und sauste betäubend. Nach
einigen Minuten fiel er; Levin horchte - und hörte genau hastige Glockenzüge. In
solcher Nacht! ein Kranker ruft mich! das war sein erster Gedanke. Er zündete
Licht an, kleidete sich schnell, wartete nicht, bis der Portier erwache und ihn
rufe, warf seinen Mantel um und ging eilig hinab. Als er sein Zimmer verliess,
flog ein geblendetes Käuzlein gegen sein helles Fenster und schrie: komm mit!
komm mit! Unwillkürlich dachte Levin an den Volksaberglauben, aber nicht für
sich besorgt, sondern für den Kranken. Vielleicht stirbt ein Mensch, ehe du zu
ihm gelangst! seufzte er. Inzwischen kam ihm unten der Portier verstört entgegen
mit der Meldung, des Wendels ältester Sohn sei draussen und jammere nach dem
hochwürdigen Herrn, denn der Wendel selbst liege in den letzten Zügen, sei aber
vollkommen klar im Kopf und begehre ihn zu sprechen.
    »O du grundgütiger Gott! du lässt den Armen nicht in seinen Sünden
dahinfahren!« rief Levin.
    »Befehlen der hochwürdige Herr, dass die kleine Kalesche angespannt werde?«
    »Ja, sie kann mich abholen,« sagte er, eilte in die Kapelle, versah sich mit
dem heiligen Öl und mit dem heiligen Altarssakrament, ging dann nach dem
Portierstübchen, wo der junge Mensch mit einer grossen Laterne wartend und
beängstigt sass, und rief ihm zu:
    »Komm jetzt! lass uns eilen.«
    Da stürzte sein Kammerdiener ihm entgegen und bat:
    »O nur ein wenig Geduld, gnädiger Herr! die Pferde werden schon angeschirrt
....« -
    »Keine Sekunde!« unterbrach ihn Levin; »es stirbt ein Mensch!« -
    Und mit Jugendkraft eilte er durch die Nacht von dannen, nicht achtend den
wütenden Sturm und das tolle Schneetreiben.
    Wendel hatte seit vier Jahren in dem stillen Blödsinn gelebt, in den die
Schreckensnachricht von dem grässlichen Selbstmord seiner Tochter ihn versetzte.
In der letzten Zeit war ein körperlicher Marasmus eingetreten, der sein Ende
herbeiführen musste. Sein Geist aber blieb in der Stumpfheit. Noch vor einigen
Tagen, gleich nach seiner Rückkehr aus Würzburg, hatte Levin ihn besucht, ihm
und der braven Bäuerin, seiner Schwester, Reginas Abscheiden mitgeteilt. Während
die gute Frau in Tränen zerfloss, wiederholte Wendel nur seinen alten Spruch:
Gottes Mühlen mahlen langsam. Umso überraschender war es, dass die Krankheit
jetzt eine Wendung und einen akuten Charakter nahm, der Geist aber, gleichsam
aufgestachelt durch die nahe Gefahr, aus seiner Stumpfheit plötzlich erwachte
und sich nach einer Vorbereitung auf den Eintritt in die Ewigkeit sehnte.
    Bis zur Ohnmacht erschöpft und von heftigen Stichen in die Brust gepeinigt,
kam Levin im Bauernhof an. Er hatte den ganzen Weg fast im Lauf zurückgelegt,
obgleich er Sturm und Schnee gegen sich hatte und der Schnee fusshoch auf dem
Wege lag. Der Gedanke: es stirbt ein Mensch! es verlangt eine Seele nach
Versöhnung und Vereinigung mit ihrem Gott, ohne die kein ewiges Leben ihrer
harrt - gab ihm Flügel, die Flügel der heiligen Liebe, welche der heilige Glaube
in Schwung setzt. Wie ein Bote des Himmels wurde Levin auf dem Bauernhofe
empfangen. Er war es ja auch! er kam ja mit der himmlischen Arznei und der
himmlischen Speise. Während man ihn bei dem Kranken allein liess, der mit einem
von Neue zermalmten Herzen alle Sünden seines Lebens an sich vorüberziehen liess,
um sich ihrer anzuklagen, weckte die Bäuerin alle im Hause und hiess sie sich
festtäglich kleiden und sich bereit halten, der heiligsten Feier beizuwohnen,
welche Gott den Herrn unter ihr Dach bringe. Knecht und Magd, ja ihr kleines
Enkelchen, ein dreijähriges Kind, mussten aus dem Bett und in andächtiger
Sammlung sich freuen der Ehre und des Heiles, die in dieser Nacht ihrem Hause
widerfuhren.
    »Das Kind versteht's noch nicht!« sagte die Schwiegertochter, aus Besorgnis,
dass die Kleine eine Störung machen könne.
    »Tut nichts!« entgegnete die Bäuerin; »der liebe Gott hat die Kindlein gern
gehabt und die Unmündigen gesegnet. Er soll auch unser Kind segnen.«
    Dann bereitete sie einen kleinen Tisch, umhing und bedeckte ihn altarmässig
mit feinen weissen Linnentüchern, stellte ein Kruzifix darauf, das sie als ein
uraltes Erbstück in ihrer Familie ganz besonders in Ehren hielt, daneben zwei
Wachskerzen, die sie just auf Maria Lichtmess hatte weihen lassen, endlich ein
kleines Weihwasserbrünnlein mit dem Zweige von Buxbaum, und harrte dann, still
ihren Rosenkranz betend, bis Levin sie ins Kämmerlein rufen werde.
    Der arme Wendel hatte einen schweren Kampf zu bestehen! er konnte sich nicht
entschliessen, dem unglücklichen Florentin seine Missetat zu vergeben. Es schien
ihm, er sei ein Rabenvater, wenn er den Mann nicht hasse, der sein Kind für Zeit
und Ewigkeit elend gemacht habe. Levin widerholte ihm umsonst, dass die Rose ja
freiwillig ihm Gehör gegeben und in des Satans Fallstricke eingegangen sei. Da
wollte er denn einen Teil ihrer Schuld auf sich nehmen, auf sein schlechtes
Beispiel, seinen ungläubigen Wandel; aber den anderen sollte Florentin tragen
und dafür wollte er ihn hassen, so lange, wie die unglückliche Rose von der
Seligkeit des Himmels ausgeschlossen sei: also vermutlich auf ewig. Endlich
sagte Levin:
    »Aber Wendel, Ihr betet ja im heiligen Vaterunser, das der liebe Heiland
selbst uns gelehrt hat: Vergib uns unsere Schuld, so wie wir vergeben unseren
Schuldigern. Da hört Ihr ja die Bedingung, die ganz ausdrückliche, unter der Ihr
Vergebung findet. Ihr müsst also auf Gottes Barmherzigkeit verzichten und ihn,
den mildesten Herrn, zu Eurem Feinde machen, wenn Ihr in Feindschaft mit irgend
einem Menschen verbleiben wollt.«
    »Ich will es nicht, hochwürdiger Herr,« seufzte Wendel; »aber es macht sich
von selbst so! ich kann nicht anders.«
    »O bedenkt doch Wendel, dass die arme Rose nicht bloss Euer Kind, sondern auch
ein Kind Gottes war; dass der himmlische Vater sie viel mehr geliebt hat, als Ihr
sie je lieben konntet; dass Er nicht damit zufrieden war, wie Ihr sein Kind
erzogt und was Ihr aus seinem Kinde machtet; und obwohl Ihr sein göttliches
Vaterherz noch tiefer betrübt und noch grössere Schmach ihm angetan habt, als der
Florentin Euch: so will Er Euch dennoch vergeben, wenn Ihr auch die Beleidigung
von ganzem Herzen verzeihet.«
    »Sei es drum, hochwürdiger Herr,« sagte Wendel nach einer Pause, in welcher
er leiblich und geistig schwer rang nach Atem und Selbstüberwindung; hab' ich
dem lieben Gott wegen der Rose so bitteres Herzeleid zugefügt, wie der Florentin
mir, und verzeiht er mir dennoch: so ist es recht und billig, dass ich keinen Hass
gegen den Florentin trage, und so will ich denn recht aufrichtig beten: vergib
uns unsere Schuld, so wie wir vergeben unseren Schuldigern. Ist nun alles in der
Ordnung, hochwürdiger Herr?«
    »Alles, guter Wendel,« sagte Levin gerührt; »und nun folgt auf Eure
Demütigung die Gnade und auf Euer Opfer der Trost.«
    Und er öffnete die Türe nach der grossen Familienstube, wo alle Bewohner des
Bauernhofes still beisammen sassen. Die Bäuerin hatte den Altartisch so gestellt,
dass Wendel von seinem Bett aus ihn sehen konnte; sie zündete die Kerzen an,
Levin begann die Gebete, alle knieten nieder und er gab ihnen den Segen mit dem
Sanktissimum. Wendel hatte sich von seinem ältesten Sohn etwas aufrichten lassen
und sass, mit dem Kopf an dessen Brust gelehnt und von dessen Armen unterstützt,
auf seinem Lager, unverwandten Blickes allen Bewegungen Levins folgend. Als
dieser mit der heiligen Hostie die Schwelle des Kämmerleins betrat, nahm Wendel
alle seine Kraft zusammen, faltete seine matten Hände und sagte mit dem Ausdruck
demütigster Freude:
    »Mein lieber Herr Jesus, kommst Du wirklich zu mir armen Sünder!«
    Nach dem Empfang der heiligen Wegzehrung schloss er die Augen und streckte
sich ruhig aus zum Sterben.
    »Bleib Du in ihm, auf dass er in Dir bleibe,« betete Levin und spendete ihm,
da Wendel durchaus bei Besinnung war, die letzte Ölung, die den Leib des Staubes
für den Todeskampf stärkt und ihm die Weihe bringt für die dereinstige
glorreiche Auferstehung. Vom ersten Atemzug ihrer Kinder bis zum letzten sorgt
die übernatürliche Mutter, die Kirche, für deren übernatürliches Leben; und mit
der äussersten Kraftanstrengung bemeisterte Levin seine steigende Schwäche, damit
kein Atom der Gnade, welche an die heiligen Sakramente geknüpft ist, durch seine
Schuld dem Sterbenden verloren gehe. Als alles beendet war fiel Wendel in seine
frühere Bewusstlosigkeit zurück und die Seinen priesen den barmherzigen Gott, der
ihm die paar leichten Stunden geschenkt hatte. Jetzt erst kam Levins Wagen und
der Kammerdiener erzählte, sie kämen so spät, weil dies die zweite Ausfahrt sei.
Bei der ersten gerieten sie vom Wege ab in einen überschneiten Graben; der Wagen
fiel und es brach ein Rad.
    »Wie gut und notwendig war es, dass ich mich zu Fuss aufmachte!« antwortete
Levin. »Ich wäre untröstlich, wenn durch meine Zögerung der arme Wendel nicht
mehr die heiligen Sterbsakramente empfangen hätte.«
    Er nahm die Stola ab, das Zeichen des Priesteramtes, welches er übt, indem
er dies Symbol des Joches Christi auf seinen Nacken legt; und gleichsam als
überliesse der übernatürliche Mensch jetzt den natürlichen seiner Hinfälligkeit,
sank Levin in die Arme seines Dieners, während sich die Schmerzen seiner Brust
in einem Strom von Blut Luft machten. Alle gerieten in die furchtbarste
Bestürzung; niemand wusste, was gegen einen solchen Anfall zu tun, wie dessen
Wiederkehr zu verhüten sei. Levin fühlte sich totesmatt; aber im Bauernhof war
er ja den guten Leuten zur höchsten Last. Er liess sich also zum Wagen tragen,
der ihn ganz langsam, um jede Erschütterung zu vermeiden, nach Windeck zurück
fuhr. Zwar hatte ihn die Bäuerin in warme Decken eingehüllt, aber mit jedem
Atemzuge in der kalten Luft sog seine wunde Brust den Tod ein, und als er
anlangte, war er ein Sterbender, der nur noch mit ganz leisem Flüstern den Pater
Guardian von Englberg begehrte. Die trostlose Dienerschaft schickte auch zum
Arzt und die Haushälterin und sein Kammerdiener wollten ihm einstweilen durch
Hausmittel einige Linderung verschaffen. Doch er bewegte sanft verneinend die
Hand und sagte nur: »Pater Guardian!« Der war schnell zur Stelle und ein
freudiger Blick empfing ihn, als er an Levins Bett trat. Dieser hatte soeben
einen zweiten und noch heftigeren Blutsturz gehabt und war der Sprache fast
nicht mehr mächtig; darum sagte der Pater, er müsse sich zuvor erholen und nicht
jetzt beichten. Aber Levin erwiderte:
    »Ich habe keine Zeit zu verlieren!« und obgleich er mit der grössten
Anstrengung sprach, und der Pater sich tief zu ihm herabneigen musste, um die
flüsternde Bewegung seiner Lippen zu verstehen, so ging er doch mit ruhiger
Sammlung alles in seinem Leben durch, was ihm als Beleidigung Gottes erschien.
Das war ihm in diesem Augenblick der Schwäche und Erschöpfung nur deshalb
möglich, weil er sich seine Sünden immer vor Augen hielt, immer von neuem bereit
war, sich vor Gott anzuklagen und Busse zu tun. Vor wenigen Stunden hatte er die
heilige Wegzehrung gespendet; jetzt empfing er sie. Sein Auge hatte dabei einen
Glanz, als spiegelte sich schon die Glorie des ewigen Lichtes darin ab. Was er
für Wendel gebetet hatte, betete er jetzt für sich selbst:
    »Bleib Du in mir, auf dass ich in Dir bleibe.«
    Das ist das ganze Geheimnis des christlichen Lebens, der Inbegriff seiner
Vollkommenheit hienieden, seiner Verherrlichung im Jenseits. Das innere Leben
des Christen ist - das Leben Jesu in ihm, und diese ebenso wahrhafte als
geheimnisvolle Verbindung beruht auf dem würdigen Empfang des wahren Leibes und
Blutes des Herrn in heiliger Kommunion. Diese Verbindung gibt sich kund nicht
durch äusserliche Glanz- und Grosstaten, sondern durch eine wundervolle Schönheit
der Seele, die sich in tausend Tugendstrahlen entfaltet. Diese Tugenden sind
Gnadenblumen, gehen nur aus der Vereinigung der menschlichen Natur mit der
göttlichen Natur, deren Träger und Mittler Christus ist - hervor, schöpfen durch
ihn ihre Lebenskraft aus dem Wesen Gottes selbst und wenn der Tod den Leib von
Staub zum Staube legt, schlagen sie ihre volle Schönheit erst recht in der Seele
auf, und was die Gnade gewirkt hat, entfaltet die Glorie.
    »Bleib Du in mir, auf dass ich in Dir bleibe,« sprach Levin.
    »Wie ist Ihnen denn zu Mut, hochwürdiger Herr?« fragte der Pater Guardian,
der keinen Augenblick den gottseligen Greis verlassen wollte.
    »Ich hoffe die Güter des Herrn zu schauen im Lande der Lebendigen,«
antwortete Levin mit dem Psalmenverse aus dem Officium für die Abgestorbenen.
    »Das glaub' ich,« erwiderte gerührt der Pater. Er liess noch zwei Kapuziner
aus Englberg holen, um mit ihnen im Gebet abzuwechseln für den Fall, dass die
Agonie lang sein werde.
    Auch der Arzt kam und verordnete dies und das, wie jemand, der da weiss, dass
die Verordnungen vergeblich sind. Auf seine Frage an den Kranken, ob er sehr
leide, da seine Brustbeklemmung auf grosse Qual schliessen lasse, erwiderte Levin
abermals mit einem Psalmenverse aus dem Totenofficium:
    »Der Herr regiert mich, nichts mangelt mir. Auf einem Weideplatz am Wasser
der Erquickung hat er mich gelagert.«
    Er sprach nichts Irdisches mehr. Fragte man ihn, so gab er Antwort aus den
heiligen Schriften. Da der Guardian sah, dass er seine Seele ganz in das erhabene
Totenofficium versenkt hatte, so begann er es mit den beiden Patres zu beten,
als diese aus Engelberg sich einstellten. Das machte dem Kranken eine unsägliche
Freude. Manches, was ihm besonders lieb war, oder was besonders auf ihn passte,
betete er mit.
    »Um eines hab' ich gebeten den Herrn; dass ich weile im Hause des Herrn alle
Tage meines Lebens.« -
    »Mein Herz hat zu Dir gesagt: Es suchet Dich mein Angesicht.« - -
    »Mein Vater und meine Mutter haben mich verlassen, der Herr aber nimmt mich
auf.« - -
    »Er zog mich aus der Grube des Elendes und er stellte auf einen Felsen meine
Füsse.« - -
    Aber nur an der Bewegung seiner Lippen merkte man, dass er mitbete, denn
sprechen konnte er zuletzt nicht mehr, so qualvoll arbeitete seine Brust. Das
währte so lange, bis der Tag sich neigte. Da wurde er still und immer stiller,
und als eben der Pater Guardian in der siebenten Lektion an die Worte kam: »Nach
der Finsternis hoffe ich auf Licht« - machte plötzlich ein Lungenschlag sanft
seinem Leben ein Ende, so sanft, dass niemand den Augenblick seines Abscheidens
bemerkte. Sein ganzes Leben war ein friedliches Hinüberwallen aus der Unruhe der
Zeit in den Frieden der Ewigkeit gewesen, und so war auch sein Tod. Und wie er
einsam unter den Menschen gestanden und nur am Herzen Gottes Zuflucht und Trost
gefunden hatte, so starb er auch einsam, ohne Freunde, ohne Verwandte, und nur
die frommen Männer waren bei ihm, die sich, wie er, arm im Geist und arm im
Herzen gemacht hatten, um reich in Gott zu sein. Eine hehre Stille erfüllte das
Sterbezimmer und das ganze Schloss. Die Nachricht von seiner gefährlichen
Erkrankung hatte sich blitzschnell in der ganzen Gegend verbreitet, und es kamen
Leute stundenweit herbeigeeilt, um zu hören, wie es mit ihm stehe. Die meisten
hatten sich in die Kapelle begeben und beteten; andere sassen unten in der grossen
Halle und in den Zimmern der Dienerschaft und harrten. Niemand konnte sich
entschliessen, fortzugehen. Da kam der Pater Guardian ernst von der Treppe herab
und sagte zu den Leuten gewendet, die in der Halle versammelt waren, mit
feierlichem Ton:
    »Herr, gib ihm die ewige Ruhe.«
    »Und das ewige Licht leuchte ihm« - sprachen alle aus einem Munde und fielen
auf die Knie.
    »Er ruhe im Frieden. Amen,« sagte der Pater.
    Nun wusste man, dass er am Ziele sei! In alle Augen traten stille Tränen, auf
alle Lippen stille Gebete, in alle Herzen stille Wehmut! man gönnte ihm die
selige Ruhe.
    »Er ist sicher vom Munde auf in den Himmel gegangen,« sagte der
Haushofmeister, der fast ebenso alt wie Levin, und aus den Zeiten von dessen
Eltern war.
    »Kann irgend eine Seele ohne Fegfeuer durchkommen, so ist das gewiss die
seine!« rief die Haushälterin.
    Einer von Wendels Söhnen war von der Bäuerin ins Schloss geschickt, um Kunde
über Levin zu holen, und um anzuzeigen, dass Wendel in seinem bewusstlosen
Zustande ruhig verschieden sei. Der arme Bube wurde nicht freundlich von der
Dienerschaft empfangen. Der Portier sagte mürrisch:
    »Dein Vater hat den Tod des hochwürdigen Herrn auf seinem Gewissen.«
    »Ja!« rief der Kutscher in stiller Wut über seinen Unfall, umgeworfen zu
haben, was ihm noch nie auf Windeck geschehen war. »Ein Unwetter, wo man keinen
Hund vor die Türe jagen mag, eine pechrabenschwarze Nacht, in der keine Eule
Hand vor Augen sehen kann, da den hochwürdigen Herrn aus dem Bette zu holen: das
nenn' ich unverschämt.«
    »Der Vater jammerte nach ihm,« sagte der arme Bursche niedergeschlagen.
    »Und wärs noch ein anderer gewesen!« rief der Portier; »aber gerade der
Simpel und Taugenichts Wendel!«
    »Für den musste sich der hochwürdige Herr den Tod holen!« setzte der Kutscher
ergrimmt hinzu.
    Der Bursche hub laut und kläglich zu weinen an.
    »Zank im Trauerhause!« sagte die kräftige Stimme des Pater Guardian, der
jede Veranlassung benutzte, um den Leuten ins Gewissen zu reden, und jetzt mit
ernster Miene in das Portierstübchen trat. »Was heulst Du denn wie ein altes
Weib?«
    »Sie sagen, mein Vater wär' ein Taugenichts gewesen und nicht wert, vom
hochwürdigen Herrn versehen zu werden, und gleichsam sein Mörder,« erwiderte der
Bursche schluchzend.
    »Was schwatzt Ihr da für Unsinn, Ihr Taugenichtse!« sagte der Guardian in
der Redeweise, die ihn bei den Leuten äusserst beliebt machte, und drohte mit
seinem langen hageren Finger dem Kutscher und dem Portier dicht vor den Augen.
»Für wen ist der Herr Jesus vom Himmel gekommen? Gerade für die Taugenichtse -
Euch, mich, uns alle inbegriffen, denn wir alle taugen nichts vor Gott. Für wen
hat er sein bitteres Leiden und Sterben geduldet? für die Taugenichtse! Für wen
sein heiligstes Blut vergossen und die heiligen Sakramente eingesetzt? für die
Taugenichtse! Für wen den Priesterstand geordnet und gesendet? für die
Taugenichtse! Er will sie ja alle selig machen, alle im Himmel haben. Nun, das
seht Ihr doch ein: hat Christus der Herr bereitwillig für die verkommenste Seele
sterben wollen, so muss der gute Priester auch dazu bereit sein. Einen besseren
Priester als unseren lieben hochwürdigen Herrn hat unser Herrgott selten gehabt.
Der hatte so ganz den hochgeborenen Grafen ausgezogen, um ein Diener der Seelen
zu werden, wie nicht jeder von uns den alten Adam auszieht. Der war immer
bereit, dem Herrn Christus nachzufolgen, und die Fusswaschung, welche dieser an
seinen Aposteln übte, geistiger Weise an allen armen Sündern zu vollziehen. Ihm
war Seele - Seele! Punktum. Ihr meint, wenn ein Kaiser da im Bauerhof gelegen
hätte - oder zum mindesten ein König: dann wär's der Mühe wert gewesen in tiefer
Mitternacht durch Sturm und Schnee hinaus zu traben und sich den bitteren Tod zu
holen. Allein der Sohn Gottes war nicht Euerer Meinung, und sein frommer
Priester, der liebe hochwürdige Herr auch nicht. O, Ihr Leute! seht doch ein,
wie schön das ist und welchen Edelstein in seiner Krone das gibt: er hat nicht
bloss für einen gewöhnlichen armen Sünder, sondern so recht, wie der liebe
Heiland, sein Blut für einen Menschen hingeströmt, der ihn einst um's Leben zu
bringen versuchte. Seht! solche Dinge zu üben, das bietet der liebe Gott denen
an, die sich heiligen wollen, und wenn sie dieselben annehmen, so heiligen sie
sich. Übrigens, Ihr Taugenichtse, ob Ihr dermaleinst so bussfertig in Euerem
letzten Stündlein sein werdet, wie ich höre, dass der arme Wendel gewesen ist,
das wollen wir seiner Zeit erst erleben.«
    »Ich hoffe, der hochwürdige Herr Pater werden das nicht gerade bei mir
erleben,« sagte der Kutscher ehrlich, im Hinblick auf seine dreissig, und auf die
sechszig Jahre des Guardians.
    »Ah, ich verstehe schon!« rief der Pater, und sah ihn freundlich mit seinen
guten klugen Augen an. »Ich soll Euere bussfertige Gesinnung früher kennen
lernen! Recht so! das ist brav! dazu haben wir die gnadenreiche heilige
Fastenzeit. Sonntag Invocavit liegt hinter uns; habt Ihr vergessen, Gott den
Herrn anzurufen - nun wohlan! Sonntag Reminiscere ist vor der Tür! da seid
eingedenk, dass nolens volens Euer letztes Stündlein über Euch kommt, mög' es
auch noch hundert Jahre währen, und dass mit jedem Jahr Euere Rechnung im
himmlischen Schuldbuch grösser wird. Du aber, mein Wendelbub', lass das Heulen und
schreib' Dir's hinter die Ohren, was Du eben gelernt hast: lebe so fromm und
rechtschaffen, dass niemand Dir bei Deinem Absterben mit Wahrheit nachsagen
dürfe, Du seist ein Taugenichts gewesen.«
    Ein Postillonshorn unterbrach schmetternd den Guardian; ein Wagen rollte in
den Schlosshof. Die Baronin Isabelle war es. Sie kam, um mit Levin Regina's Tod
zu beweinen. Sie weinte jetzt neben seiner entseelten Hülle.
    Mir ist, als wären zwei gute Sterne für Windeck untergegangen,« sagte sie in
Tränen zum Pater Guardian.
    »Ja,« sagte er, »aber um im Himmel schöner aufzugehen.«
 
                                 Sonnenaufgang
Auf der Grenze zwischen Frühling und Winter pflegen heftige Stürme auszubrechen,
und nicht ohne starke Erschütterung geht die Natur aus toter eisiger Erstarrung
zum warmen blühenden Leben über. Auf dem sittlichen Gebiet finden dieselben
Erscheinungen statt; das eingeeiste erfrorene Herz taut nicht vom ersten
Sonnenstrahl gründlich auf. Judit konnte eine gewisse stille Angst nicht
überwinden, dass ihre Bekehrung zum Christentum Opfer von ihr fordern werde, die
sie nicht zu bringen geneigt war. Hatte Lelio nicht vom Augenblick seiner
Bekehrung an sein ganzes Leben verändert? Hatte nicht Ernest ein Leben voll
ununterbrochener Entsagung geführt? Freilich behaupteten Beide, sie wären sehr
zufrieden. Aber diese Zufriedenheit, die aus einer immerwährenden Überwindung
aller Neigungen hervorgeht, ist doch nicht die, welche man sich wünscht, sagte
Judit zu sich selbst; oder sollte es eine Wirkung der Gnade sein, welche das
Christentum mitteilt, im Opfer der Neigungen ein höheres Glück zu finden, als in
ihrer Befriedigung? .... Und habe ich denn so böse Neigungen zu opfern? ....
Habe ich überhaupt eine andere, als die - zu mir selbst? als die - glücklich
sein zu wollen? Besteht aber das Gnadenglück, das christliche Glück - wie soll
ich es nennen? im Opfer: so brauchte ich nur meine Neigung zu mir selbst zu
opfern und sieh'! ich wäre glücklich, nämlich so, wie die ersten Christen es
verstanden. - - Dazwischen fiel ihr ein, ob dieser junge Geistliche nicht
vielleicht sehr exaltiert sei und zu hohe Forderungen an die Menschen mache; ob
es nicht geraten sei, sich an einen Akatoliken zu wenden. Dann dachte sie aber
an die Herren im schwarzen Frack mit weisser Kravatte, welche die arme Ester
besucht hatten und welche zuweilen die Bibel und zuweilen ihre Gattinnen
mitbrachten, und dann sprach sie mit energischer Entschiedenheit zu sich selbst:
Nein: göttliche Offenbarung will durch geheiligte Organe verkündet werden und
himmlische Wahrheit von geweihten Lippen fliessen! Ich hasste jene armen
protestantischen Prädikanten, weil sie meiner geliebten Ester keinen Trost
gewährten. Daran hab' ich vielleicht sehr Unrecht getan, denn niemand kann etwas
anderes geben, als was er hat, und sie haben ihr Buch und ihre Frauen - aber die
Weihe zum Apostolat haben sie nicht. Sie sind vielleicht sehr rechtschaffene
Hausväter - aber Priester, aber Lehrer einer übernatürlichen Weltordnung können
sie nicht sein! dazu gehört eine volle Hingebung an dieselbe, und sie haben ja
Wurzel gefasst in der Alltagswelt. Zu Priestern braucht Gott Männer mit einem
ganzen Herzen; diese - geben ein gutes Stück davon an Weib und Kind. Der
Priester ist fremd, und sie sind heimisch im Irdischen. Der Priester steht über
mir: sie sind meines Gleichen; er ist der geweihte Verkündiger der ewigen
Wahrheit und gibt sich bedingungslos allen Anforderungen seines Berufes hin; sie
sind ... ja, ich weiss nicht, ob sie ausser Familienvätern, Staatsdienern und
Bürgern noch etwas sind ... noch etwas sein können. Genug, das steht fest für
mich: ich will nichts zu tun haben mit einer Religionsgesellschaft, die ohne
geweihten Priesterstand ist! Dem Priester glaub' ich, dem Menschen nicht! den
Priester verehre ich, den Hausvater nicht. Nur der, welcher im Namen Gottes und
als berufener, geweihter und gesendeter Diener Gottes zu mir spricht, flösst mir
Glauben und Verehrung ein. Aber warum? .... Täusche ich mich nicht? Weil er vom
Altar Gottes kommt - vom Opfer; und mich zu ihm hinführt - zum Opfer; während
der Hausvater kommt - was weiss ich woher! und mich führt - zum häuslichen Herde!
Mein Gott! .... und Orest will sich ihnen zuwenden um unseres häuslichen Herdes
willen! Wird denn Gottes Gnade darauf liegen? - -
    In heftiger Beängstigung ging sie im Zimmer umher, ratlos, gequält eilte
dann zu ihrer Kammerfrau und sagte
    »Geben Sie mir Ihren Hut und Ihren Shawl; ich will zu armen Leuten.«
    »Doch nicht gehen?« fragte die erstaunte Zofe.
    »Nein! ich will im Fiakre inkognito fahren.«
    An dergleichen Einfälle war die Kammerfrau gewöhnt. Judit entschlüpfte
unbemerkt ihrer Wohnung, stieg auf dem Korso in den ersten besten Fiakre, fuhr
zur Kirche Maria della pace, entliess ihn dort und hielt Nachfrage nach dem Hause
von Lelio's Eltern. Sie fand es schnell, traf Lelio's Mutter allein und hörte
voll Schreck, er sei nicht daheim. Die obligate Phrase: er werde aber gewiss bald
zu Hause kommen, hielt Judit fest, um so mehr als ihr einfiel, sie könne ja
eben so gut der Mutter wie dem Sohne einige Fragen vorlegen und vielleicht von
ihr noch bestimmtere Antwort erhalten.
    »Signora,« hub sie an, »ich weiss durch Ihren Sohn, dass Sie eine fromme Frau
und eine treue Mutter sind; da ich nun keine Mutter habe, an die ich mich mit
meinen Anliegen wenden könnte, so führt mich Gott zu Ihnen. Ich bin nämlich eine
Jüdin, die sich zum Christentum bekennen will.«
    Signora Pasqualina hatte Judit etwas kühl empfangen. Wer war diese schöne
Person, die so ganz ohne Umstände und ohne sich zu nennen auftrat und nach
Lelio, wie nach einem guten Bekannten fragte? Kühl hatte sie den Anfang von
Judit's Rede vernommen; aber bei den letzten Worten trat ein warmer
Freudenausdruck in ihr ganzes Wesen. Sie hub Hände und Augen zum Himmel, indem
sie rief: »O welche Gnade! welche Gnade!« und als sie wieder auf Judit blickte,
fielen ein paar Tränen von ihren Wimpern.
    »Freuen Sie sich so sehr über meine Bekehrung?« fragte Judit überrascht und
gerührt; »ich bin Ihnen ja ganz fremd.«
    »O, was tut das!« rief Pasqualina. »Es wird eine Seele gerettet! das Blut
Jesu kommt zu Ehren an einer Seele! der süsse Name Jesu wird in Ewigkeit
verherrlicht durch eine Seele! das Reich Jesu wird ausgebreitet, der Wille Jesu
vollzogen auf Erden wie im Himmel, durch eine gerettete Seele! und ich sollte
nicht frohlockend Gott loben und preisen für solches Glück, für solche Freude,
an der die ganze streitende und triumphierende Kirche samt allen himmlischen
Heerscharen teil nimmt? O, meine liebe Signora darüber können Sie sich nur
deshalb wundern, weil Sie noch nicht wissen, welche Gnadenschätze Ihnen zu Teil
werden, und welche Liebe alle durchströmt und verbindet, die mit Ihnen diese
Schätze geniessen!«
    »Und wer sind die?« fragte Judit.
    »Alle, die zur heiligen Kirche gehören.«
    »Ach,« sagte Judit, »ich bin ja noch ganz unwissend und habe nichts, als
meinen guten Willen. Vergeben Sie mir also meine Frage: Was ist die Kirche?«
    »Die Kirche,« entgegnete Pasqualina, »ist die Gemeinde aller Christen auf
Erden, die durch das Bekenntnis desselben Glaubens und durch die Teilnahme an
denselben Sakramenten vereinigt sind unter einem gemeinsamen Oberhaupt, dem
Papst, als dem Nachfolger des heil. Petrus und den ihm untergeordneten
Bischöfen, den Nachfolgern der übrigen Apostel.«
    »Und wer hat diese Kirche gestiftet und ihr diese Einrichtung gegeben?«
fragte Judit weiter.
    »Der Sohn Gottes, unser Erlöser, Jesus Christus, der alle Menschen bis zum
Ende der Welt selig machen wollte, und deshalb diese Heilsanstalt gründete,
welcher er seine Lehre, seine Gnadenmittel und seine Gewalt anvertraut, und ihr
den Beistand des heiligen Geistes verliehen hat, um sie in den Stand zu setzen,
den Auftrag auszuführen.«
    »Was würden Sie sagen, Signora, wenn ich mich einer der Sekten zuwendete,
welche nicht den Papst als ihr Oberhaupt anerkennen?«
    »Täten Sie das, bevor Sie mit der heiligen Kirche bekannt geworden wären: so
würde ich traurig sagen, es habe Ihnen unfreiwilliger Weise die Erkenntnis der
göttlichen Wahrheit gefehlt. Täten Sie es aber mit voller Erkenntnis, so hätten
Sie sich freiwillig ausgeschlossen von Gottes Gnade in der Zeit und Gottes
Glorie in der Ewigkeit und wären abgefallen zum Geist der Lüge. Aber ein so
furchtbares Unglück widerfährt denen nicht, die, wie Sie von sich sagen, einen
guten Willen haben. Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören - und wer in
reiner Absicht, nicht um irdischer Vorteile willen, die Offenbarung der
göttlichen Wahrheit sucht, der findet sie auch. Das hat der göttliche Erlöser
uns versprochen, indem er sagte: Suchet, und ihr werdet finden. Die heilige
Kirche ist nicht etwas Unsichtbares, woran man vorübergehen könnte. Sie steht
da, klar und einheitlich, immer dieselbe in der ganzen Welt. Welche Lehren der
Liebe, welche Taten der Liebe hat sie aufzuweisen! Sie ist ein übernatürliches
Spital für alle Leiden der Seele; der liebe Heiland ist der Arzt; die
Sakramente, die er aus seinem Blut bereitet - sind die Arzneien; die Lehre, die
von seinen gebenedeiten Lippen fliesst - ist der Labetrunk; seine Diener und
Helfer, die Priester, sind die Krankenwärter; die Kranken - das sind wir alle!
Einige lebensgefährlich, andere in der Agonie, andere genesend, frischer und
kräftiger denn zuvor. Einige sind gesund: das sind die Heiligen! die haben des
heiligsten Blutes Wunderkraft in sich wirken lassen. Ein Genesender ist mein
Lelio. Sie aber, Signora, wenn Sie das Sakrament der Taufe empfangen, dann
werden Sie in Christo geheiligt, zum ewigen Leben wiedergeboren und durch die
heiligmachende Gnade und die göttlichen Tugenden geistiger Weise umgeschaffen,
ein Kind der Kirche, eine Tochter Gottes, ein Erbe des Himmelreiches; das ist
das Höchste, was der Mensch werden kann, und Dem entsagt keine gute, vernünftige
Seele, um sich einer unvollkommenen Sekte anzuschliessen.«
    »Es ist eine schwindelnde Höhe,« sagte Judit und schloss unwillkürlich ihre
Augen. »Kann man sich dort halten?«
    »Die Heiligen konnten es! Durch das heilige Busssakrament reinigten sie fort
und fort ihr Gewissen von jedem Stäubchen und wurden mehr und mehr darüber
erleuchtet, wie notwendig diese unausgesetzte Reinigung sei. Und durch das
Sakrament des Altars empfingen sie in ihrer gereinigten Seele wahrhaft und
wesenhaft den Leib des Herrn mit seiner Gotteit und verklärten Menschheit-und
der brachte ihnen dann alle Gnaden, alle Kräfte welche sie nötig hatten, um in
ihren Kämvfen zu siegen. Denn kämpfen mussten sie mit den heiligen Waffen der
Abtötung und des Gebetes, tüchtig kämpfen, da es in heiliger Schrift heisst: Nur
die Gewaltigen reissen das Himmelreich an sich. Unsereiner steht ja nun freilich
ganz niedrig neben der Höhe der lieben Heiligen; allein uns stehen ganz
dieselben Gnadenmittel zu Gebot, um uns nach unserem Massstab zu heiligen. Ist
unsere Seele befleckt durch Sünde, so wascht der barmherzige göttliche Samaritan
sie im Busssakramente wieder rein; und wird sie schwach und hinfällig in den
tausend Prüfungen und Versuchungen, so speist er sie im Altarssakrament durch
sein Fleisch und Blut; und dass wir alle, die Heiligen wie die armen Sünder, an
diesem heiligen Gastmahle Teil nehmen, wo unser Gott sich zur Speise unserer
Seelen macht: das, Signora, stiftet eine so wundersame Liebesgemeinschaft
zwischen ihm und seiner Kirche, dass man für ihn, den König und den Bräutigam,
mit Freuden lebt und stirbt und Opfer bringt.«
    »Lelio hatte wohl Recht zu sagen, seine Mutter sei eine fromme,
vortreffliche und kluge Frau.« sagte Judit.
    »Ob ich gut und fromm bin, weiss Gott allein!« erwiderte Pasqualina. »Bin
ich's - so wolle Gottes Gnade mich so erhalten bis zu meinem seligen
Sterbestündlein. Klug aber bin ich gar nicht, Signora! meine Klugheit steckt im
Katechismus und in der Betrachtung des bitteren Leidens und Sterbens des Herrn.
Im Katechismus stärke und erleuchte ich meinen Glauben und in der Betrachtung
kräftige und erwärme ich meine Liebe. Das kann jeder haben!«
    »Der danach verlangt!« setzte Judit hinzu. »Aber nun noch eine Frage teure
Signora! Wenn ich katolisch bin - darf ich dann einen Akatoliken heiraten?«
    »Bei uns zu Lande kommt, Gott Dank! so etwas nicht vor! Es muss ja etwas
Entsetzliches sein, eine Ehe zu schliessen, in welcher der eine Teil ausserhalb
der Glaubens- und Liebesgemeinschaft der Kirche stände. Es scheint mir
unmöglich, dass eine solche Ehe anders, als aus frevelhaftem Leichtsinn
geschlossen werden könnte! Welche Gefahr für ihre Nachkommenschaft, in
Gleichgültigkeit gegen den Glauben zu geraten, die Sakramente zu missachten, oder
wohl gar - o seligste Jungfrau! der Gnadenmittel beraubt zu werden! Welch'
katolisches Herz wäre im Stande, eine Ehe zu schliessen, die arme unschuldige
Kinder um die Seligkeit brächte, den Leib des Herrn zu empfangen, der unser
Trost, unser Glück, unser Heil, unsere Liebe, unser ein und alles ist. O teuere
Signora! der Leib des Herrn in unseren Tabernakeln, auf unseren Altären - ist
nicht bloss der Mittelpunkt unserer Glaubensgeheimnisse; er ist der Grund unserer
Liebe zu unserem Glauben und zu Dem, der vom Himmel kam, um ihn uns zu
offenbaren. Wer an das hochheilige Geheimnis der Eucharistie glaubt, fühlt ein
solches Erbarmen mit denen, welche nicht daran glauben, dass er ihnen diesen
Glauben mit seinem Blut erkaufen möchte; aber seinen Freund, aber seinen Gatten
wählt er nicht unter ihnen sich aus, denn er weiss ja, dass sie die ewige
Wahrheit, die uns zu unserem Heile und unserer Heiligung durch die Zeit in die
Ewigkeit leitet, nicht besitzen. Und wer sie nicht besitzt - was hat der? was
weiss der? was vermag der? was liebt der?«
    »Nichts!« sagte Judit. »Er hat sein Ich, er weiss von seinem Ich, er liebt
sein Ich - und das ist Nichts, wenn Gott selbst ihn nicht belehrt, was damit
anzufangen sei! Und diese Lehrerin der Menschheit ist die Kirche; deren Mund ist
der Priesterstand; er verkündet die ewige Wahrheit! O mein Gott! ich werde auch
in der ewigen Wahrheit leben und gerettet werden aus meiner Existenz des
Scheines, der Verblendung und des Irrtums.«
    »Dann werden Sie aber auch den Gedanken fahren lassen, einen Akatoliken zur
Ehe zu nehmen, nicht wahr, teure Signora?« rief Pasqualina und ergriff innig
Judit's Hand. »Das müssen Sie mir versprechen! Nein, nicht mir! der heiligen
Mutter Gottes von den sieben Schmerzen müssen Sie es versprechen! O, welche
Gnade, Signora! Sie sind eine Tochter des Volkes, aus dem Maria, die Gebenedeite
unter den Weibern, als eine Lilie zwischen Dornen entspross! des Volkes, dem die
Magdalena angehörte, die als eine grosse Sünderin dem Heiland zu Füssen fiel und
als eine grosse Heilige wieder aufstand, gerechtfertigt durch ihre büssende Liebe.
O, wie werden diese beiden Wunder der Gnade jetzt am Trone Gottes bitten für
Sie, die Tochter Israels, die zu ihnen auf den Kalvarienberg sich flüchtet! Aber
auf den Kalvarienberg zu Jesus und Maria, zu Johannes und Magdalena kommt man
nur durch das Kreuz - und das Kreuz ist Sinnbild jedes Opfers, welches aus
heiliger Liebe gebracht wird. Also bringen Sie nur getrost Ihr kleines Opfer dem
Gott, der ein so grosses für Sie am Kreuz bringt; und in dem Augenblick, wo Er
Ihre Seele in seinem Blut rettet, betrüben Sie ihn nicht so sehr, um diese
gerettete Seele eine Verbindung eingehen zu lassen, in welcher dies göttliche
Blut verachtet und die Ehe nicht als ein Sakrament betrachtet wird. Das können
Sie nicht tun! das dürfen und werden Sie nicht tun! Ach, versprechen Sie es der
Mutter Gottes. Tut's Ihnen weh? Ach, es hat auch der seligsten Jungfrau wehe
getan, unter dem Kreuz zu stehen und ihren liebsten Sohn der Gerechtigkeit
Gottes zum Opfer zu bringen. Gibt es Ihnen einen Stich durch's Herz? Ach! ihr
Schmerz war so gross, als ob ihr sieben Schwerter auf einmal das Herz
durchbohrten. Das sollte so sein, damit sie Mitleid habe mit dem Jammer der
ganzen Welt. Die Königin der Schmerzen musste sie sein, um die Trösterin der
Betrübten werden zu können. O, fürchten Sie nicht das Herzeleid eines Opfers!
Maria steht Ihnen bei! Maria hält Sie und lehnt Sie sanft an das Kreuz ihres
lieben Sohnes .... und das rosenfarbene Blut aus den heiligsten fünf Wunden
überrieselt Sie und heilt wie Balsam alle Wunden Ihres Herzens zu.«
    Immer inniger und zärtlicher, und endlich unter strömenden Tränen hatte
Pasqualina gesprochen und so mütterlich schaute sie mit ihrem seelenvollen Auge
Judit an, dass diese ganz überwältigt von einer so neuen, so ungeahnten Liebe,
ihre Arme um Pasqualinas Nacken schlang und ihre Stirn auf deren Schulter lehnte
und leise sagte:
    »Ach, wie ist mir bei Ihnen so wohl!«
    »Ich habe heute auch den Leib des Herrn empfangen,« entgegnete Pasqualina
freudig gerührt und demütig.
    »Diese Liebe zu den Seelen, diese Teilnahme für Seelen, dies Verlangen,
Seelen für Gott zu retten, öffnet mir den Einblick in eine ganz fremde Welt,«
sagte Judit und richtete sich nachdenkend auf.
    »In die Welt der Erlösung,« setzte Pasqualina hinzu, »in der man an allen
Seelen das Ebenbild Gottes und das Blut Jesu gewahr wird - oder werden möchte.«
    »Nun muss ich fort!« sagte Judit tief erseufzend; »aber ich habe noch einige
Bitten. Geben Sie mir das Buch, das Sie so himmlisch klug macht.«
    »Den Katechismus? gern!« erwiderte Pasqualina und holte ein kleines Buch aus
dem Auszug des Tisches, auf dem ihre Näharbeit lag. »Dies kleine Buch entält
die geoffenbarten Wahrheiten unserer heiligen Religion, wie die Kirche Christi,
die vom heiligen Geist regiert und erleuchtet wird, sie lehrt.«
    Judit schlug das Büchlein auf und las auf der ersten Seite die Frage:
    »Wozu bist du auf Erden?« -
    Und darunter die Antwort
    »Um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und dadurch in den Himmel
zu kommen.«
    Judit machte das Buch zu und rief:
    »Damit ist alles gesagt! dadurch erfährt man, was Wahrheit - was Liebe - was
Glück ist. Und wahrlich, Signora! das spricht der heilige Geist! denn so lange
die Welt steht, hat der Menschengeist so nicht gesprochen.«
    Sie steckte das Buch zu sich, nahm ihre Börse und sagte:
    »Signora, ich bin hier fremd! Sie werden gewiss einige Notleidende kennen,
denen man mit Gold helfen kann. Wollen Sie das tun?«
    »Ich werde die Börse unserem Herrn Pfarrer bringen,« entgegnete Pasqualina;
»der versteht sich auf's Almosengeben und wird Sie in ein frommes Gebet
einschliessen. Ich werde ihn bitten, Maria della pace für Sie anzurufen, damit
der unzerstörbare Friede des Glaubens Ihre Seele erfülle.«
    »Endlich, bitten Sie Ihren Sohn, dass er mir seinen Freund zusende, den
jungen Geistlichen.«
    »Meinen Sie den Abbate, Don Cintio?«
    »Ich weiss seinen Namen nicht! es ist ein hoher schlanker, blonder junger
Mann«
    »Ganz recht! mit einem engelhaften Ausdruck und einem fremden Accent - Don
Cintio!«
    »Ich lasse also Don Cintio zu mir bitten.«
    »Aber zu wem, Signora?«
    »Zur Judit! das Übrige weiss Ihr Sohn! Und beten Sie für mich!«
    Sie umarmte Pasqualina und eilte fort - fort zur Kirche Maria della pace;
doch nicht um Raphaels Sibyllen zu bewundern, sondern um zu überlegen, was sie
gehört, und was sie zu tun habe. Was sie gehört? o wie war das schön, lieblich,
klar! wie quoll das in ihre durstige Seele, als ein warmer Mairegen in sprödes
Erdreich, als weiche Frühlingsluft um den starren Baum! Welch ein Reichtum des
Daseins, welche Fülle des Lebens tat sich vor ihr auf in dieser Liebe die von
der Liebe Gottes entzündet - in dieser Wahrheit, die von dem Geist Gottes
durchleuchtet - in diesem Glück das in der Vereinigung mit Gott gefunden wird.
Das ist's! das ist's! das ist's! frohlockte ihr Herz in einem Jubel, der nicht
enden wollte. Und was sie zu tun habe? .... o das war zuerst auch ganz einfach
und leicht: die Taufe empfangen im Blut Jesu! Aber dann? Sie schauderte. Nicht
weil sie ein Opfer zu bringen hatte; denn es schien ihr kaum ein Opfer zu sein,
einen Menschen aufzugeben, um Gott zu gewinnen. Aber weil sie nicht wusste, wie
sie sich von Orest losmachen sollte. Sie hatte ihn so weit gebracht, dass er
gleichsam einen Todessprung machen wollte, um zu ihrem Besitz zu gelangen - und
nun sollte sie ihm Halt! zurufen und sagen: Es ist aus und vorbei zwischen uns.
Wie wird er das aufnehmen - jetzt, wo alles für ihn auf dem Spiele steht und wo
er in einer Spannung und Aufgeregteit sich befindet, wie der Spieler, über
dessen ganzes Vermögen der nächste Würfelfall entscheidet. Und wenn es mich das
Leben kostete, sagte Judit schaudernd zu sich selbst, ich kann nicht Gräfin
Windeck werden - und ich muss mich von Orests Seite auf alles gefasst machen. O
nur erst die Taufe! die Taufe, dass mich die heiligmachende Gnade zu einem Kinde
der Kirche, einer Tochter Gottes und Erbin des Himmelreiches mache: dann ist
meine Seele gerettet! und bringt Orest mich um's Leben, wie ich das verdient
habe, so weiss ich doch, dass ich im Blut Jesu von meinen Sünden gereinigt und
eine erlöste und für die Ewigkeit gerettete Seele bin. Wie hat jene grosse
Büsserin Tais gebetet? O du, der du mich erschaffen hast, erbarme dich meiner!
Ihr Herz brach in Tränen und mehrmals wiederholte sie: Erbarme dich meiner! Ihr
ganzes Leben zog an ihrem inneren Auge vorüber. Was sah sie? kalte Selbstsucht!
kalten Hochmut! Nie habe ich etwas anderes geliebt, als mich selbst - oder
anderes .... meinetwegen! wimmerte sie leise; nie ein Opfer gebracht, nie
fremdes Glück höher angeschlagen als das meine! Vor dem Altar des heiligsten
Sakramentes war sie auf die Knie gesunken. Da lag sie auf dem Marmorboden und
hob weinend ihre Hände empor und streckte die Arme aus zum Tabernakel und
seufzte: Wohnst du da, du Gott der ewigen Wahrheit und der ewigen Liebe, so
erbarme dich meiner und lass mich dich finden denn ich verschmachte nach Liebe
und Wahrheit, und weiss nicht, wo auf Erden ich sie suchen könnte, als bei dir.
Niemand störte die Beterin; niemand sah hin zu ihr. Der warmherzige Südländer
begreift, dass die Andacht ebenso gut wie jede andere lebhafte Empfindung - ihre
Sprache ihren Ausdruck, ihre Geberden habe. Ein junger Geistlicher, der häufig
vor diesem Altar sein Brevier betete, zog sich leise zurück. Er glaubte Judits
Gestalt trotz ihres einfachen Anzuges zu erkennen. Ihr Gesicht war verschleiert.
Vor dem Mutter-Gottesaltar kniete er nieder und flüsterte in seliger
Hoffnungsfreude: »Wenn sie es ist, so ist sie gerettet .... denn sie betet ....
und betet in Tränen. Heilige Maria, Königin des Friedens bitte um Frieden für
diese arme ruhelose Seele.«
    Nach einer dreistündigen Abwesenheit kam Judit gefasst zu Hause; aber ihre
Kammerfrau stürzte ihr entgegen und rief
    »Gott Dank, da sind Sie! Hat der Herr Graf Sie gefunden? er streift in der
Stadt umher, um Sie zu suchen. Die Villa Borghese hat er schon durchjagt und kam
verzweiflungsvoll vorgefahren, um zu fragen, ob Sie inzwischen vielleicht
angelangt wären.«
    »Der Herr Graf ist allzu gütig!« unterbrach Judit den Strom der Mitteilung.
»Ist sonst nichts vorgefallen?«
    Die Kammerfrau gab ihr einen Brief und setzte hinzu, das kleine Mädchen, das
denselben gebracht habe, werde im Laufe des Nachmittags die Antwort holen.
Judit ging mit dem Brief in ihr Zimmer und erbrach ihn ziemlich gleichgültig.
Er war in französischer Sprache, Handschrift und Papier höchst elegant - und
ohne Unterschrift. Sie las mit wachsender Spannung:
    »Signora! Da Sie dem höchsten Glück entgegen gehen, welches einem Menschen
zu Teil werden kann, indem Sie das Sakrament der Taufe empfangen: so glaube ich,
dass Sie umsomehr von fremdem Leid gerührt sein werden. Meine Verhältnisse sind
der Art, dass ich Sie nicht aufsuchen kann und doch das heisseste Verlangen habe,
Sie zu sprechen. Das Ungewöhnliche meiner Bitte sagt Ihnen deutlicher als
tausend Worte, wie wichtig mir ein Gespräch mit Ihnen wäre. Ich bitte also,
Signora, dass Sie die Güte haben möchten, mir Tag und Stunde zu bestimmen, wo ich
Sie im Kloster der Damen vom Sacre Coeur zu Trinità dei Monti auf dem Pincio
erwarten dürfte. Ihr Name, an der Pforte genannt, wird Ihnen Einlass geben. Je
näher der Tag und je früher die Stunde, desto lieber wär' es mir. Ich bitte nur
um zwei Worte mit Ihrer Bestimmung, Signora; aber ich bitte um des Blutes Jesu
willen, das Ihrer Seele, zur Freude aller Kinder der heiligen Kirche, die Fülle
der Gnaden bringen wird.«
    Judit las den Brief dreimal von Anfang bis zu Ende durch; da ihr aber nicht
die leiseste Ahnung kommen wollte, wer die Schreiberin sein könne, die von ihrem
Vorhaben wisse und sich eben so sehr darüber freue, wie Signora Pasqualina, so
setzte sie sich rasch hin, schrieb die Worte:
    »Morgen früh um sieben Uhr wird I. M. an der Pforte des bezeichneten
Klosters sein;« siegelte das Blatt ein und gab es ihrer Kammerfrau für die
kleine Botin.
    Kaum war sie damit fertig, so hörte sie im Salon Orests hastigen Schritt.
Sie eilte ihm entgegen, gab ihm die Hand und sagte freundlich:
    »Ich danke Ihnen gar nicht für Ihre Sorge, denn Sie werden ja ganz dadurch
verstört.«
    Er sah in der Tat so leichenblass und verstört aus, dass sie Mühe hatte, ihre
heimliche Angst zu unterdrücken.
    »Woher kommen Sie denn eigentlich? und was dachten Sie überhaupt?« fragte
sie beklommen, da er gar nichts sagte, sondern nur ihre Hände hielt und küsste
und an seine Stirn und auf seine Augen legte, wie um sich zu überzeugen, dass sie
wieder da sei! dass sie es sei.
    »Werd' ich nicht erfahren was Sie in diesen Zustand von Aufregung versetzt
hat?« fragte sie abermals.
    »Judit verschwindet - und ich soll nicht aus der Fassung kommen!« rief
Orest.
    »Verschwindet! .... ich hatte armen Leuten Geld zu geben und war in einer
Kirche; nennen Sie das - verschwinden!« entgegnete Judit.
    »Der Morgen verging - und Sie kamen nicht wieder! da suchte ich Sie in der
Villa Borghese und als ich Sie nicht fand - in der Villa Pamfili, weil ich ja
weiss, dass Sie dort gern unter den Pinien wandeln. Aber Sie waren auch da nicht -
und nun kam mir der grässliche Gedanke in den Sinn .... Sie wären entführt, wären
mir entrissen.« ..
    »Welche Torheit, teurer Orest!« unterbrach ihn Judit; »Entführungen sind
nicht römische Sitte! man muss doch immer bei Besinnung bleiben.«
    »Nicht bei dem Gedanken, dass ich Dich verlieren könnte!« brach Orest
stürmisch aus. »Was wäre die Liebe, wenn das Herz dabei kalt bliebe! ... wenn es
sich nicht sträubte, wie gegen den Tod, gegen einen solchen Verlust. O Judit!
Geliebte! die ganze Welt hat sich wider unser Glück verschworen! ich kann hier
freilich protestantisch werden; allein meine Ehescheidung muss ich in meiner
Heimat betreiben. Das gibt unabsehbare Verzögerungen. O lass uns fliehen! lass uns
auf irgend einer paradiesischen Stätte des Orients die Welt vergessen.«
    »Gott will es nicht!« unterbrach sie ihn. Aber sie, die doch sonst so mutig
war, hatte nicht den Mut, ihm zu sagen, welchen Umfang sie diesem Ausruf gab.
Sie fürchtete sich vor Orest. Sie, die Stolze, die ihren Triumph darin gefunden
hatte, seine Leidenschaft so zu steigern, dass er nicht mehr deren Herr war; die
gewähnt hatte, sie sei jetzt die Königin und Beherrscherin seines Glückes und
seines Schicksals, weil sie sein Idol war: ach, sie musste jetzt erfahren, dass
sie gerade dadurch abhängig von ihm und die beängstigte Sklavin seiner
entfesselten Leidenschaft geworden sei.
    »Kaltes Herz!« rief Orest vorwurfsvoll.
    »Man liebt wie man kann!« sagte sie kühl.
    »Sei es! liebe mich wie Du kannst ... aber liebe mich, Judit!« rief Orest
zu ihren Füssen sinkend.
    »O, ich fange wirklich an, Sie zu lieben!« sagte sie mit einem so
eigentümlichen Ausdruck, dass Orest sich über deren innerste Bedeutung täuschte
und jubelnd rief:
    »Dann werde ich selig sein.«
    »Ich habe vor einiger Zeit mit einem Geistlichen hinsichtlich meiner Taufe
gesprochen;« nahm Judit das Wort, um alle Liebesbeteuerungen abzuschneiden, die
auf Orest's Lippen schwebten. »Jetzt, da meine Verpflichtungen an hiesiger Oper
zu Ende sind, will ich mich etwas gründlicher mit der Lehre beschäftigen, der
ich mich zuwende.«
    »Nur nicht zu viel!« rief Orest. »Die Hauptlehre in allen Religionen ist
die: Gott ist die Liebe. Das muss man festalten und alles, was dem widerspricht
- wegwerfen.«
    »Ja,« sagte Judit ernst, »so habe auch ich den Kern des Christentums
verstanden.«
    »Und bleib' dabei, Geliebte! lass Dich nicht ein auf dogmatische
Auseinandersetzungen, auf scholastische Erklärungen, welche dieser einfachen,
verständlichen, unserem Begriff vom höchsten Wesen entsprechenden Lehre, eine
teils übertriebene, teils verkehrte Anwendung geben möchten, um die Gewissen in
ängstlicher Abhängigkeit zu halten! Gott ist die Liebe: damit kommt man durch
die Welt.«
    »Aber wohin?« fragte Judit gedankenvoll und ihr Sinn flog weit hinweg über
die Staubeswelt.
    »Wohin?« rief Orest, sie missverstehend. »Nun, zum Ziel! zum Glück .... zum
Glück der Liebe.«
    »Das ist ein grosses Wort!« sagte sie: »Glück der Liebe - unser Ziel!«
    So sprach jeder von seinem Standpunkt aus und keiner verstand den anderen.
Es war eine Kluft zwischen ihnen aufgetan.
    Am Abend fand sich bei Judit mit einigen anderen Personen auch der Marquis
d'Avallon ein, der sie in der Villa Diodati besucht hatte.
    »Das ist ja die verkehrte Welt, nach dem Karneval in Rom einzutreffen!«
sagte Judit ihn begrüssend.
    »Dann hab' ich ja ganz absichtslos etwas sehr Passendes getan,« entgegnete
er; »Verkehrtes schickt sich in unsere verkehrte Welt! Geschieht einmal etwas
Vernünftiges, so findet es keinen Platz, keinen Anklang, keine Heimat, keine
Sympatie.«
    »Ah, Sie haben gewiss etwas enorm Vernünftiges getan, seit wir uns am
Genfersee sahen, Herr Marquis!« rief Judit lächelnd.
    »Dies Glück .... oder Unglück hatte ich nicht, Signora; aber ich hab'
inzwischen jemand gesehen, der es hatte und der mir allerdings interessanter
war, als die höchst interessanten Ruinen römischer Baukunst im südlichen
Frankreich, die ich so eben studiert habe, um sie mit den Ruinen Roms zu
vergleichen.«
    »Abermals eine Verkehrteit!« warf Judit ein. »Rousseau vergass die Huldin
seines Herzens über dem Pont du Gard: Marquis d'Avallon vergisst den Pont du Gard
über? ....«
    »Über einen unbeschuhten Karmeliten, Signora.«
    Ein herzliches Gelächter antwortete von allen Seiten dem Marquis.
    »Dies ist beispiellos in der Geschichte der Menschheit!« sagte Madame
Miranes.
    »Wenn es eine Karmelitesse wäre!« rief Orest.
    »So wäre das freilich keine Verkehrteit,« sagte der Marquis. »Aber es ist
nun einmal ein Karmelit! und sollten Sie, Signora, nie etwas von diesem Pater
Augustin vom heiligen Sakrament gehört haben?«
    »Keine Silbe! und weshalb denn ich?« sagte sie erstaunt.
    »Als auf der Sonnenhöhe der Berühmteit Liszt in Europa seine Kunstreisen
machte, begleitete ihn zuweilen ein junger Mensch von brillantem musikalischen
Talent, der Herrmann hiess.«
    »Ich erinnere mich seiner aus Paris!« rief Madame Miranes. »Ja, ja!
Herrmann! ein junges, ziemlich insolentes Bürschlein, aber ein Lieblingsschüler
Liszt's, wegen seines eminenten Talents!«
    »Mit seinem vollen Namen hiess er Herrmann Cohen und war der Sohn eines
jüdischen Kaufmanns aus Hamburg,« sagte der Marquis. »Er - und der unbeschuhte
Karmelit, Pater Augustin vom heiligen Sakrament, sind eine und dieselbe Person;
und ich hörte ihn in Bordeaux predigen. Er machte einen merkwürdigen Eindruck
auf all' seine Zuhörer. Er stellte in seiner Predigt, die er am Tage der
Bekehrung des Apostels Paulus hielt, viel lebendiger noch durch sich selbst, als
durch seine feurigen und beredten Worte die Bekehrung des Saulus zum Paulus dar.
Zum Zeichen seiner Macht über die widerstrebendsten Geister unter den Kindern
Israels stellt Gott solche Menschen wie Denksteine in der Welt auf. Welch eine
übermenschliche Seelenstärke und Liebe zur Tugend gehört dazu, um einen Menschen
aus dem ungebundenen Rausch eines glänzenden, vielfach bewegten Lebens in den
Habit und die Zelle des Karmeliten zu führen.«
    »Was muss Gott sein .... für die, die ihn lieben!« sagte Judit.
    »Das ist's!« rief der Marquis überrascht. »Signora, Sie verstehen alles ....
wie eine gewiegte Katolikin!«
    »Es gibt nun einmal solche Menschen, die ihre Freuden da finden, wo wir
verzweifeln müssten,« sagte Orest. »Ich habe ja ein solches Beispiel an meiner
Cousine erlebt. Ein bildschönes, liebenswürdiges Mädchen begräbt sich bei
zweiundzwanzig Jahren im Kloster der Karmelitessen. Man fasst, man begreift so
etwas gar nicht.«
    »Wenn man den Grund dafür matematisch - oder durch Wahrnehmungen der fünf
Sinne bewiesen haben will: dann freilich ists nicht zu fassen,« sagte der
Marquis.
    »Und kann irgend etwas vor der Vernunft Geltung haben,« fragte Florentin,
»was sich nicht auf jenem Wege beweisen lässt?«
    »Wenn Sie alles verwerfen, was die Sinne nicht wahrnehmen und was die
empirische Wissenschaft nicht beweist,« entgegnete der Marquis, »so verwerfen
Sie das ganze höhere Geistesleben des Menschen, die ganze sittliche und
intellektuelle Welt, alle Lehren und Grundsätze, auf denen die Menschheit ruht.
Aus ihrem chemischen Schmelztiegel geht nicht Gott, nicht die Offenbarung, nicht
das Gewissen hervor. Leugnen Sie aber das alles - womit füllen Sie dann den
furchtbaren Abgrund aus, der sich im Innern einer Seele auftut, welche von allen
übernatürlichen Traditionen abgelöst, an nichts sich hält, als an der sichtbaren
Welt; also am Nichts! .... denn die vergeht! In allen grossen Gesetzen und hohen
Ideen der Menschheit, in ihrem ganzen Leben und Weben verrät sich die Ahnung
einer übernatürlichen Welt, mit welcher der Menschengeist in geheimnisvoller
unleugbarer Verbindung steht.«
    »Dieser Behauptung kann vielfach widersprochen werden,« sagte Florentin,
»zum Beispiel durch den Zustand, in welchem sich der grösste Teil der Menschheit
befindet. Die wilden Völker wissen nichts von solcher Ahnung.«
    »Weil der Geist bei ihnen in jenen Stumpfsinn gefallen ist, der ihm die
Überwucherung durch die Materie bereitet,« erwiderte der Marquis.
    »Und das ist auch der Grund,« rief Judit, »weshalb die Wilden unter den
gesitteten und gebildeten Nationen jene Ahnung verloren haben und jenen
Zusammenhang leugnen: ihr Geist ist geknechtet vom Materialismus. Sprengt ein
Geist diese Fessel, so erwacht das Gottesbewusstsein in ihm - unklar, schwankend,
entstellt: aber es erwacht! das beweist der Geisteszustand aller
nichtchristlichen Völker alter und neuer Zeit, sobald sie die unterste Stufe der
Wildheit überwunden haben und durch dies Gottesbewusstsein treten sie in den
Zusammenhang mit einer Welt, die ausser und über der Sichtbarkeit liegt. Der
christlichen Offenbarung ist es vorbehalten, dies dunkle Bewusstsein in lichte
Erkenntnis zu verwandeln.«
    Indem sie so sprach, sah sie wunderschön aus: die Statue bekam eine Seele
und ging aus der Traumbefangenheit zur Erkenntnis über. Es fiel allen auf. In
Orest's Gehirn kreuzten sich die abenteuerlichsten Pläne, um Judit zu entführen
und nach Damaskus zu bringen. Das mittelländische Meer, Libanon und Antilibanon
zwischen ihm und der europäischen Welt - und er gleichsam allein im Universum
mit Judit: das wurde seine fixe Idee. Der Marquis d'Avallon fragte sich
heimlich, ob Judit etwa auf Herrmanns Wegen gehe, was ihn, wo möglich, in noch
grösseres Staunen versetzen würde. Florentin dachte zähneknirrschend: sollte denn
wirklich ihr skeptischer Verstand, der nach allem fragte und alles gleichgültig
beiseite legte, in die Klauen eines Boten der Finsternis gefallen und von ihm
umgarnt sein! Ohne ihren Einwurf zu beachten, sagte er zum Marquis:
    »Das Studium der Naturwissenschaften gibt unseren Tagen das Licht der
Erkenntnis. Es durchmisst und durchforscht das Universum und enträtselt die
Gesetze, welche dessen Stoffe verbinden und trennen, dessen Kräfte in Bewegung
setzen; und eben weil sie das Universum umschliesst und begreift, so schliesst sie
es auch ab - und hat somit das letzte Wort, denn über das Universum hinaus -
liegt nichts; das ist klar!«
    »Für den, der im Chaos der Stoffe und Kräfte bleibt,« sagte der Marquis.
»Wer aber zur Schöpfung übergeht, - findet den Schöpfer und somit wieder die
übernatürliche Welt.«
    »Und prahlen Sie nur nicht, Signor Fiorino, dass Ihre Wissenschaften die
Gesetze ergründen, welche den Erscheinungen in der Natur zum Grunde liegen!
Trotz all Ihrer Physik und Chemie gibt es tausend Warum? die Sie so wenig
beantworten können, als ich - der ungelehrtesten eine!« rief Judit.
    »O bitte, Signora, ein Warum! damit wir das Vergnügen haben, Signor Fiorino,
der es beantworten wird, anzustaunen,« sagte der Marquis.
    »Warum,« sagte Judit lächelnd zu Florentin, »hat das adriatische Meer Ebbe
und Flut, da es ein Busen des mittelländischen Meeres ist und dieses keine Ebbe
und Flut hat?«
    »Dies ist eine ganz vereinzelte Erscheinung, über welche man vermutlich nie
physikalische Beobachtungen angestellt hat,« entgegnete Florentin nachlässig.
    »Mit anderen Worten: man weiss es nicht,« sagte Judit. »Ja, man kennt
überhaupt nicht den Grund dieses wunderbaren Phänomens der Ebbe und Flut, das
man am Ocean täglich vor Augen hat. Ihre Physik kann es nicht erklären, obgleich
es durchaus dem Bereich der sinnlichen Wahrnehmungen angehört; sie weiss nicht,
welche Kräfte und Einflüsse dabei tätig sind. Und nach einem solchen Fiasco
sollte man ihr vertrauen, wenn sie übersinnliche Fragen lösen und etwa beweisen
wollte, es gebe keine unsterbliche Seele, denn sie entdecke weder mit dem
Seziermesser im menschlichen Organismus, noch mit dem Teleskop im Universum den
Platz und den Himmel, wo diese Seelen leben könnten! Nein, guter Fiorino, Ihre
Lieblings- und Fachwissenschaft kann zwar Salze, Säuren und Gase zersetzen und
kombinieren, aber nicht einmal den Urgrund dieser Stoffe erklären. Wollte die
Vernunft von ihr die Lösung gewisser Fragen begehren, welche sich auf
übersinnliche Erscheinungen beziehen: so würde sie aufhören - Vernunft zu sein.
Wähnen Sie aber nicht, Herr Marquis,« fuhr Judit zu diesem gewendet fort, »dass
Signor Fiorino allein über mein Warum? Fiasko gemacht hat! O nein! ich war
einmal mit einer grossen naturforschenden Celebrität bei einem Diner; wo? das
sag' ich nicht! Dieser Herr geberdete sich in seinen Reden nicht anders, als
habe der Schöpfer ihn bei der Erschaffung der Welt zu Rate gezogen. Da rief ich
ihm über den Tisch die Frage zu: Warum hat das adriatische Meer Ebbe und Flut
etc.? Alles verstummte und sah erwartungsvoll das Orakel an. Aber siehe da! auch
das Orakel verstummte.«
    »Entsetzliches Schicksal für eine Celebrität!« rief Marquis d'Avallon
munter. »Judit fragt - die Menge harrt - und sie verstummt.«
    »Signora waren aber auch sehr boshaft, sich gerade diese Frage auszudenken,«
sagte ein guter, stiller, deutscher Baron, der selbst nicht recht wusste, wie er
in diese Gesellschaft geraten war.
    »Das geb' ich zu,« erwiderte Judit. »Ich erzählte es aber, um Fiorino zu
trösten.«
    »Und zwar durch eine zweite Bosheit,« ergänzte der Marquis.
    »Kommt es häufig in der Welt vor,« fragte Madame Miranes den Marquis, dass
man die mosaische Religion aufgibt, um die christliche anzunehmen?«
    »Es geht mir wie jener Celebrität,« erwiderte er; »ich kann diese Frage
nicht beantworten. Das Grossartige ist ja immer selten; also steht auch die
Bekehrung des Pater Augustin ziemlich vereinzelt da. Doch hat sich gerade hier
in Rom vor etwa zehn, zwölf Jahren eine andere zugetragen, von der man auch sehr
viel gesprochen hat, weil sie so plötzlich und doch so gründlich war; nämlich
die des Herrn Alphons Ratisbonne aus Strassburg. Er kam nach Rom, um sich zu
amüsieren, keineswegs, um zu konvertieren. Er ging eines Tages mit einem Freunde
nach der Kirche S. Andrea delle fratte. Während der Freund in die Sakristei
geht, um mit einem Geistlichen zu sprechen, bleibt er allein in der Kapelle der
Muttergottes, und als der Freund zurückkommt, erklärt er demselben, er wolle
katolisch werden. Das geschah denn auch - und nach einigen Jahren stiftete Herr
Ratisbonne von seinem Vermögen die Congregation von Unserer Lieben Frau zu Sion;
eine weibliche Genossenschaft, welche die Bestimmung hat, durch Erziehung und
Unterricht jüdische Kinder für den christlichen Glauben zu gewinnen und
namentlich in Jerusalem dies fromme Werk zu betreiben. Er hat in der heiligen
Stadt den Platz des alten römischen Prätoriums gekauft und zu einer
Niederlassung für seine Töchter Sions eingerichtet, während sie in Paris ihr
Mutterhaus - und zum Generaloberen der Congregation den Abbé Teodor Ratisbonne
haben, den älteren Bruder ihres Stifters, der schon früher konvertiert und sich
dem geistlichen Stande gewidmet hat.«
    »Und in der Kapelle,« rief Judit, »die ein bekehrter Sohn Israels für die
fernere Bekehrung des Volkes Israels gestiftet hat - habe ich in der Charwoche
des vorigen Jahres das Stabat mater gesungen, um diesem Werk einige Geldmittel
zuzuwenden - ich, eine Tochter dieses Volkes!«
    »Die Kinder dieses Volkes müssen sich aber vor der Bekehrung zum Christentum
hüten,« bemerkte Florentin giftig, »denn nach allem, was wir heute hören,
verfallen sie durch dieselbe in den grauenhaftesten Fanatismus. Der eine wird
Mönch, der andere wird Pfaffe, der dritte verschwendet sein Vermögen, um durch
bigotte Nonnen arme Judenkinder um ihren Glauben zu bringen. Wahrhaftig, ein
solches Delirium des Fanatismus kann nur abstossend wirken.«
    »Signor Fiorino,« sagte Marquis d'Avallon sehr verlegen, »vergeben Sie mir
.... ich wusste nicht .... ich hätte diesen Punkt vielleicht besser unberührt
gelassen ....« -
    »Was wussten Sie nicht, Herr Marquis?« fragte Judit höchst verwundert über
seine plötzliche Verlegenheit.
    »Aus Signor Fiorinos Bedauern, dass jüdische Kinder im Christentum erzogen
werden, sehe ich, dass er ein eifriger Anhänger der mosaischen Religion ist - und
das wusste ich nicht.«
    Orest lachte hellauf und rief, immer bereit, an Florentin einen Hieb zu
geben:
    »Corpo di Bacco! dies ist ein höchst interessantes Quiproquo - denn es ist
eine Entüllung der geheimen Verwandtschaft zwischen Jung-Israel und
Jung-Deutschland. Hass gegen das Christentum ist das rosenfarbene Band, welches
sie verbindet. Von jeher war Heide, Ketzer, Türk in dem Punkt des Juden
Bundesgenosse. Jetzt ist es der Sozialist. Trösten Sie sich, guter Marquis!
Signor Florentin ist gerade so gut von einem katolischen Priester getauft
worden, wie Sie und ich.«
    »Das wäre ein Grund, um mein Bedauern auf einen anderen Grund zu richten!«
rief der Marquis.
    »Nein, nein! Trösten Sie sich nur ganz gründlich, Herr Marquis!« rief
Florentin hochfahrend. »Meine Gotteit und mein Kultus haben mit mosaischen,
christlichen und islamitischen Glaubensbekenntnissen nichts zu tun; haben diese
Eierschalen, welche auf eine niedrige Abkunft deuten, von ihren Flügeln
geschüttelt, und sind weder in Dogmen zu beschränken, noch in Kirchenmauern
einzusperren. Der Geist, der sich zu freier Selbstbestimmung, über tausend
Lug-und Truglehren, Vorurteile und Täuschungen erhebt: das ist meine Gotteit,
und sie wohnt in jeder Menschenbrust. Der Kultus, der ihr wohlgefällig ist,
besteht darin, dass alles weggeräumt werde, was die freie Selbstbestimmung hemmt:
der ganze Kram von Dogmen, der ganze Apparat teologischer Wissenschaft, das
ganze Agglomerat kirchlicher Formen und Zeremonien, Vorrechte und Gebräuche -
alles! Wer von diesen Fesseln, Ketten und Windeln des Geistes auch nur ein Atom
hinwegnimmt, hat dadurch ein Weihrauchkorn der Huldigung für die ewige Gotteit
gestreut, die von Anbeginn in der Menschheit gewohnt hat - aber verkannt.«
    »Sehr verkannt!« sagte der Marquis trocken. »Man hat diese ewige Gotteit -
Satan genannt.«
    »Das haben die Priester Ihres Gottes zuwege gebracht!« fuhr Florentin fort.
»Um die freie Selbstbestimmung des Menschengeistes zu hindern, nannten sie
dessen Bewegung in jener Richtung: Abfall zum Bösen - und gaben diesem Bösen, um
es für Kinder an Geist möglichst abschreckend zu machen, die Gestalt eines
Teufels, eines Undings, das nirgends existiert, als in der Phantasie eines
Pfaffen, aus dessen entmenschtem Herzen es in sein verbranntes Gehirn
übergegangen ist ...« -
    »Herr Marquis,« sagte Judit mit ruhigem Ernst, »jetzt ist es an mir, Ihnen
meine Entschuldigung zu machen, weil Sie, ein Katolik und, wie ich hoffe, ein
guter Katolik - gerade bei mir einen Emanzipierten vom katolischen Glauben
treffen mussten. Ich bin keine Katolikin; aber eine Versicherung kann ich Ihnen
mit aller Aufrichtigkeit geben: die Bilder, welche Sie uns heute abend in
Menschen vorgeführt haben, die sich zum katolischen Glauben - und infolge davon
zu einem weltentsagenden Opferleben bekehrt haben - stellen sich neben dem Bilde
des abgefallenen .... oder emanzipierten Menschen, welches Signor Fiorino uns
vorführt, nicht anders dar, als das Paradies neben der Hölle.«
    Der Marquis, dessen Glaubenstemperatur durch Judits Beifall um einige Grade
stieg, erwiderte:
    »Das haben Sie ganz richtig charakterisiert, Signora. Der Katolik ist
infolge seiner Glaubenslehre im Besitz der vollen übernatürlichen Wahrheit, die
ihn, wenn er sie praktisch ersasst und übt - zum höchsten Ziel, zur Seligkeit
durch Heiligkeit führt: und das erstreben die Menschen, von denen ich sprach.
Der Katolik, der die Offenbarung der übernatürlichen Wahrheit, und folglich
auch das Ziel, wohin sie führt, verwirft - hält sich zu ihrem Gegensatz und
langt bei deren Ziel an: Unseligkeit! Also: der eine zum Himmel und zur Hölle
der andere.«
    »Und so wäre ich richtig zur Hölle verdammt!« rief Florentin höhnisch
lachend.
    »O mit nichten!« entgegnete verbindlich der Marquis; »diese Vermessenheit
hat keiner von uns. Sie haben sie freiwillig gewählt, Signor. Der Weg des
Abfalles und der Weg der Unterwerfung - die Hingebung an den Geist Gottes wie an
den eigenen Geist - die Liebe zu übersinnlichen Dingen wie die Versenkung in
Materialismus sind in unsere Hand gelegt. Wir wählen frei. Das ist ja eben die
Selbstbestimmung, auf die Sie so stolz sind.« - -
    Judit brach auf. Ihr waren Herz und Kopf voll und übervoll von allem, was
sie im Laufe des Tages gehört - und innerlich gelebt hatte. In ihrem einsamen
Zimmer sank sie auf die Causeuse am Kamin und seufzte erschöpft: Bin ich endlich
erlöst von meiner Menschenmenagerie! Aber nach einer Pause setzte sie hinzu: ich
muss mir diese Verachtung der Menschen abgewöhnen! sie haben ja Seelen, für
welche das Blut Jesu vergossen ist! - -
    Florentin nahm Orest unter den Arm, begleitete ihn zum Hotel Meloni und
sagte:
    »Orest, nimm Dich in acht vor den Dunkelmännern. Judit läuft Gefahr, in
ihre Schlingen zu fallen. Wer hätte je so etwas gedacht! Stupide, unbedeutende
Gänschen, denen man einredet, sie würden Heilige werden, Wunder tun und
prophezeien und dadurch zu Ansehen und Geltung kommen - ja, dass die sich von den
Pfaffen fangen lassen, ist begreiflich. Aber Judit, die übergenug an
Berühmteit - und ausserdem Urteil und Besonnenheit trotz ihres Genies und einen
energischen Charakter hat - es ist unbegreiflich! unbegreiflich! unbegreiflich!«
    »Was ist unbegreiflich!« fuhr Orest auf; »dass sie an Deinen Predigten über
die freie Selbstbestimmung keinen Geschmack findet; nicht wahr? Nein, Freund!
diesem Idol können nur ganz verkommene Weiber huldigen - oder solche, die auf
gutem Wege dazu sind. Mit dieser Sorte hat Judit nichts gemein, und ich freue
mich darüber. Gibt es eine Horreur unter der Sonne, so ist es ein brutales Weib;
und brutal ist jede, die Deinen Teorien huldigt.«
    Florentin zündete höchst gelassen seine Cigarre an und sagte: »Warte nur!
wird Judit eben so fromm wie Corona, so langweilt sie Dich auch.«
    »Judit hat bis jetzt ein einziges Mal mit einem Geistlichen gesprochen,«
sagte Orest; »daraus kann man unmöglich auf übertriebene Frömmigkeit schliessen.«
    »Woher weisst Du, dass es nur einmal geschah?«
    »Judit hat es mir gesagt - und sie lügt nicht.«
    »Sage lieber - sie log nicht! Unter der Leitung der Pfaffen muss man auf
alles von ihr gefasst sein. Ich bin überzeugt, es ist eine Intrigue in vollem
Gange.«
    Orest machte eine Bewegung, als ob er Florentin packen und schütteln möchte,
fasste sich aber und sagte:
    »Du bist so grenzenlos gemein, dass Dir die Niederträchtigkeit der Gesinnung
gleichsam aus allen Poren dringt.«
    »Ich habe ja nicht von einer Liebesintrigue gesprochen,« hohnlachte
Florentin.
    Orest sprang drei Schritte zurück und in seinen Wagen, der hinter ihm her
fuhr, rief: »Gute Nacht« - und fuhr von dannen. Florentin tat einige gemütliche
Züge aus seiner Zigarre und sprach zu sich selbst: Ich werde aufpassen! das
fehlte noch, dass Judit eine fromme Katolikin würde! das muss man stören - und
das kann man am besten durch Eifersucht.
    Orest langte höchst aufgeregt im Hotel Meloni an. Als sein Diener ihm sein
Zimmer öffnete - sass Uriel da. Die Brüder fielen einander in die Arme. Seit fast
vier Jahren hatten sie sich nicht gesehen. Jeder fand den anderen über alle
Massen verändert.
    »Wann bist Du angekommen?« fragte Orest.
    »Gegen Abend! Ich ging gleich nach dem spanischen Platz und fand den Vater
und Corona in tiefster Trauer, denn eben war ein Brief von Onkel Levin angelangt
mit der Nachricht .... von Regina's Tod.«
    »Tot!« rief Orest erbleichend; tot .... diese schöne, diese herrliche
Regina! Tröste Dich, Uriel! für Dich war sie ja doch schon mehr als tot ... sie
war Dir unerreichbar. Das regt auf! Der Tod beruhigt.«
    »Es können freilich im Leben Ereignisse vorkommen, die schmerzlicher sind,
als das Abscheiden einer edlen Seele von der Erde,« sagte Uriel und blickte
Orest sanft und traurig an.
    »Ich verstehe Dich!« rief Orest, »aber schweige! ich beschwöre Dich ....
schweig'! Du weisst alles durch Corona .... ich sehe es Dir n .... aber schweige,
Uriel, denn Dein Reden ist ganz vergeblich. Mein Entschluss steht fest: ich lasse
nicht von Judit. Macht, was Ihr wollt .... ich will geschieden sein. Ich gehe
nach Stamberg, werde protestantisch und betreibe die Lösung dieses trostlosen
Ehebandes. Ich hatte gehofft, Corona zu bewegen, die Sache in Güte abzutun,
indem unsere Ehe, als durch Zwang geschlossen, für ungültig erklärt würde - was
sich ja hier bewerkstelligen lässt; aber sie geht nicht darauf ein; sie drängt
mich zu einem grossen Skandal, den ich verabscheue .... und Judit noch mehr.
Willst Du also von dieser Angelegenheit sprechen, so sprich mit Corona und mache
ihr die geeigneten Vorstellungen, um sie zur Vernunft zu bringen. Mit mir ist
jedes Wort unnütz. Ja, ich kann's nicht aushalten darüber zu sprechen .... es
macht mich krank .... in einer so fieberhaften Spannung bin ich.«
    »Armer Orest!« rief Uriel; »in diesem krankhaften Seelenzustand rennst Du
jeder Art von Verderben zu.«
    »Es sei! mit Judit .... nehm' ich es an.«
    »Auch die Reue?«
    »Die fürchte ich am allerwenigsten! Judit ist ein Wesen, bei dem man Himmel
und Erde vergisst.«
    »Auf wie lange?«
    »Bis zum Ende des Lebens.«
    »Nun, so ist doch immer noch für die letzte Stunde, wenn nicht früher -
verzweiflungsvolle Trauer über Dein verwüstetes Leben zu erwarten.«
    »Komme, was will! ich will zuerst glücklich sein .... und der Inbegriff
meines Glückes ist Judit.«
    »Und Deine Frau? .... und Dein Kind?«
    »Schweig, Uriel! .... Es gibt nun einmal Schickungen, deren wir nicht
Meister sind. Eine solche war meine Heirat mit Corona: ich gab mich den
Umständen hin. Eine solche ist meine Liebe für Judit; nur dass die Leidenschaft
viel gebieterischer drängt, als jene Umstände.«
    »Orest!« rief Uriel zürnend, »spricht so ein Mann - ja, spricht so ein
vernünftiges Wesen? Kein Kind würde wagen, sich auf diese Weise zu
entschuldigen.«
    »Ich entschuldige mich gar nicht!« rief Orest. »Ich sage, wie es ist. Lasst
mich meinen Weg gehen. Ihr geht ja den Euren, Du, Hyazint ... und hat nicht die
arme liebe Regina sich auf dem ihren in die Arme ihres frühen Todes recht
mutwillig geworfen?«
    »In die Arme Gottes hat sie sich geworfen, und er hat sie früh der Erde
entrückt. So, lieber Orest, steht es mit Regina. Ich glaube, Du tust
schnurstracks das Gegenteil von dem, was sie getan hat.«
    Orest fuhr mit einer verzweiflungsvollen Geberde mit beiden Händen in sein
Haar und sagte dann:
    »Willst Du vielleicht noch zu Nacht essen? ich muss schlafen gehen. Es ist
mindestens Ein Uhr.«
    Uriel gab ihm die Hand. Da umarmten sie sich doch wieder, die beiden Brüder!
aber Orest schlief mit dem Gedanken ein: Ich gebe sie alle auf, alle und alle,
für Judit.
 
                                 Tag und Nacht
Zur bestimmten Stunde stand Judit am anderen Morgen an der Pforte von Trinità
dei Monti, schellte, wurde eingelassen, als sie ihren Namen nannte, und in ein
Zimmer geführt, wo sich bereits eine Dame befand. Diese hatte ihren dichten
schwarzen Schleier herabgelassen, so dass es unmöglich war, ihr Gesicht zu
erkennen. Als Judit eintrat, ging sie ihr entgegen, reichte ihr die Hand und
sagte mit einer bewegten sanften Stimme:
    »Ich danke Ihnen, Signora, dass Sie gekommen sind.«
    In ihrer Haltung, ihren Bewegungen, ihrem Ton lag etwas so Edles, dass Judit
sich heimlich fragte: Bin ich an eine verbannte Königin geraten? Dieser Frau
kann ich unmöglich Geld anbieten .... und wenn es Millionen wären!
    »Und ich werde Ihnen danken, Signora,« erwiederte sie, »sobald ich weiss,
womit ich Ihnen dienen kann.«
    »Ich habe erfahren, dass Ihnen das überschwängliche Glück zu Teil werden
soll, das heilige Sakrament der Taufe zu empfangen. Da ich nun nicht zweifle,
dass Sie in dem Augenblick, wo ein göttliches Lösegeld für die Rettung Ihrer
Seele von unserem Heiland mit seinem Blut gezahlt wird - erkennen werden, wie
kostbar eine Seele ist: so flehe ich Sie an, Signora, die Hand zur Rettung einer
armen verirrten Seele zu bieten, die in der Verblendung einer traurigen
Leidenschaft ihre Würde, ihre Pflicht, ihre Ehre mit Füssen tritt, ihrer Familie
Schmach bereitet und der Welt ein furchtbares Ärgernis gibt.«
    »Aus ganzem Herzen biete ich dazu die Hand!« rief Judit. »Die Liebe zu den
Seelen, zu den unbekanntesten, den fremdesten, den elendesten Seelen, ist etwas
so Himmlisches, dass der Heiland sie ganz gewiss vom Himmel herab gebracht hat und
durch himmlische Mittel in den christlichen Herzen entzündet; denn die Welt weiss
nichts von dieser Liebe. Sie ist dem Christentum eigentümlich: so liebt der
Erlöser die Seelen und so liebt sie der Erlöste. So werde auch ich lieben und
dann erst wissen, was Liebe ist! .... Also, Signora, was hab' ich zu tun?«
    »Darf ich fragen, ob Sie sich an einen katolischen Geistlichen gewendet
haben?«
    »Gewiss!« rief Judit, »an einen Priester hab' ich mich gewendet, der von der
Kirche, also aus dem Herzen Gottes heraus, Weihe, Sendung und Vollmacht zum
Apostolat hat.«
    »Gottes Gnade lenkt sichtbar Ihre Schritte,« sagte die Dame gerührt. »Sie
wissen also auch, dass der Sohn Gottes selbst die Kirche gestiftet hat, als er zu
Petrus sprach: Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten
der Hölle werden sie nicht überwältigen! und zu allen Aposteln sprach: Wer euch
höret, der höret mich; und tausend andere Verheissungen gab, welche seine
Heilsanstalt zu einem göttlichen Werk machen, das unwandelbar und
unerschütterlich die ewige Wahrheit offenbart.«
    »Ich weiss und glaube es.« entgegnete Judit.
    »Glaubt der Mensch überhaupt an den Erlöser, so muss er auch glauben dürfen,
dass er eine untrügende Kunde über das Erlösungswerk irgendwo auf Erden finden
könne. Kann niemand ohne den wahren Glauben selig werden - und ist der Zweck des
Erdenlebens, nach der Seligkeit zu ringen: so wird der Gott, der aus Liebe zu
den Menschen am Kreuze starb, nicht so lieblos oder so unweise gewesen sein,
ihnen die ächte Glaubenskunde in einer Reihe mit menschlichen Lehren
vorzuführen. Göttliche Weisheit und Liebe stiftete die Kirche auf Erden, und der
Geist Gottes, der ihr blieb, als der menschgewordene Sohn Gottes von ihr schied,
bewahrt die Lehre in ungetrübter Reinheit, so dass die Kirche nichts hinzutun,
nichts hinwegnehmen darf. Sie verkündet die göttliche Lehre; aber sie erfindet
sie nicht. Das glaube ich.«
    »Nun, Signora,« sagte die Dame, »die arme Seele, von der ich rede, will sich
von dieser göttlichen Heilsanstalt losreissen, weil der himmlische Glaube von der
irdischen Leidenschaft ein Opfer begehrt; will die Absicht Gottes vereiteln,
seine Liebe, die ihn an's Kreuz gebracht hat, verachten; will mit dem Abfall vom
Glauben den Abfall zur Sünde zudecken.« .... -
    »Ha, das ist's, was der Abbate sagte!« rief Judit; »Sünde ist die
Verachtung der Liebe Gottes« .... und einer Liebe, die ihn gekreuzigt hat! Der
Abfall vom Glauben vereitelt auf ewig die Absicht Gottes, den Menschen durch die
ewige Wahrheit zur Seligkeit zu führen. Es ist ein freiwilliges Aufgeben der
Gnade, ein freiwilliger Übertritt zu allem, was nicht von Gott und aus Gott ist:
zur Sünde, zur Lüge, zum Untergang. O, Signora, wir müssen diese arme, arme
Seele retten!«
    Das Gespräch war bisher französisch geführt worden. Jetzt schlug die Dame
ihren Schleier zurück und sagte in deutscher Sprache und mit zärtlicher Bitte in
Ton und Blick:
    »Wohlan, Signora, retten Sie Orest.«
    Judit hatte Corona in Interlacken wohl öfters von Ferne gesehen, war auf
Spaziergängen an ihr vorüber gestreift und bewahrte keine andere Erinnerung von
ihr, als das Bild einer ganz jungen, wunderhübschen, unbedeutenden Frau. Es ist
ja auch nicht selten, dass Personen, welche zu einer wirklichen, tiefen
Seelen-und Charakterbildung gelangen, in der Jugend - und namentlich bei ihrem
Auftreten in der Welt, zuerst den Eindruck von Unbedeutendem machen. Das
Weltleben ist ihnen etwas Fremdes und Neues, das sie nicht auf der Stelle
bewältigen können, weil sie sich nicht, wie die wirklich Unbedeutenden,
gedankenlos von der allgemeinen Strömung ergreifen und treiben lassen, und nicht
auf der allgemeinen Höhe des Stromes schwimmen. Ihr Wesen ist noch unreif, noch
unentwickelt, eine grüne Knospe. Nur Geduld! sie wird sich entfalten, diese
Knospe, zu einer schönen duft-und farbenreichen Blume - und um so schöner, je
weniger sie von Aussen dazu gedrängt wird. So war es mit Corona. Ihre
Seelenbildung fand innerlich statt: der Schmerz war deren Wurzel und der Glaube
ihre Sonne. Corona glich einer Passionsblume, die das Kreuz umrankt: so zart, so
geistig edel war sie. Dazu ihre verweinten Augen, ihre Blässe, ihr Traueranzug -
und Judit, die sich die Gräfin Windeck als eine höchst alltägliche Frau
ausgemalt hatte, begriff nicht, wer vor ihr stehe.
    »Orest!« sagte sie überrascht.
    »Ich bin Corona Windeck,« sagte Corona sanft und glitt vor Judit auf die
Knie; »und um des Blutes Jesu willen bitte ich Sie, retten Sie Orest's Seele.«
    Mit einem Ausdruck, der an Entsetzen gränzte, schlug Judit ihre Hände in
einander und rief:
    »Corona Windeck! .... und Sie sprechen liebevoll zu mir .... und bitten mich
.... und knieen vor mir .... und flehen um Rettung einer Seele! O, was muss das
sein, Liebe zu den Seelen - die eine so himmlische Demut gibt.«
    »Ach,« sagte Corona, »denken Sie an unseren göttlichen Erlöser, der am Kreuz
für seine Peiniger betete: Vergib ihnen! sie wissen nicht, was sie tun! - Auch
Sie haben es bis jetzt nicht gewusst.«
    »Gnädige Gräfin,« sagte Judit, und hob ehrerbietig Corona auf; »als mir die
Ahnung dämmerte, was das Christentum sei, da sagt' ich: Christen müssen dem
Herzen nach Christusträger sein. Ich sehe an Ihnen, dass ich Recht hatte. Sie
hassen mich nicht, Sie verachten mich auch nicht, Sie lassen sich mild zu einer
Person herab, die das Glück Ihres Lebens zerstört hat und ferner es bedroht.
Ach, ich weiss nicht, ob es möglich ist, in aller Stille hochherziger zu sein.«
    »Signora!« unterbrach Corona sie lebhaft, »es handelt sich um die Rettung
einer Seele - und diese Rettung soll von Ihnen ausgehen. Dagegen verschwindet
meine arme Person gänzlich.«
    »Immer und immer diese wunderbare Liebe zu den Seelen!« entgegnete Judit
sinnend. »Ach, sie ist ansteckend! Könnte ich mit meinem Blut Graf Orest vom
Abfall zurückhalten - ich tät' es.«
    »O, es muss auch andere Wege geben!« rief Corona.
    »Ja, einen weiss ich,« entgegnete Judit: »ich muss für Graf Orest
verschwinden. Das kann ich - und das will ich. Vorstellungen fruchten nichts bei
ihm; das werden Sie so gut wissen, als ich. Er muss tatsächlich einsehen, dass die
Erfüllung seiner Wünsche an der Unmöglichkeit scheitert. Ich kann nicht
behaupten, dass er dann ein guter Gatte und Vater sein werde; allein er wird den
grässlichen Gedanken des Abfalles aufgeben, und dadurch gewinnt hoffentlich die
Gnade wieder Macht über ihn. Seien Sie getrost, gnädige Gräfin, die Judit
verschwindet! Es war längst mein Wunsch, dass sie verschwinde - nur freilich in
anderer Weise. Ich will nicht umsonst die Gnade empfangen, im Blut Jesu meine
Sünden abzuwaschen. Ich will auch, dem Herzen nach, ein Christusträger werden.
Ich will auch die Seelen lieben, wie der göttliche Erlöser meine Seele geliebt
hat.«
    Ein milder Glanz von zerschmelzenden Tränen trat in ihr dunkles mächtiges
Auge. Corona breitete die Arme zu ihr aus, und überwunden von dieser Welt neuer,
starker, grosser Empfindungen, sank Judit weinend an das Herz dieser Frau, der
sie ein so namenloses Weh bereitet hatte. Der Engel des Lichts öffnete die
Pforten des Paradieses - und die Peri trat ein.
    »Und wohin wollen Sie gehen?« fragte Corona.
    »Ich weiss es nicht,« entgegnete Judit, und legte die Hand an ihre heisse
Stirn. »Mein erster Schritt muss jetzt zum Sakrament der Taufe sein. Ich sehne
mich - Christin zu werden und mit meiner Vergangenheit zu brechen.«
    »Sie müssen eine Taufpatin haben; darf ich es sein?« fragte Corona.
    »Ein neuer Trost!« rief Judit.
    »Aber Orest darf nichts von unserer Zusammenkunft ahnen; es würde ihn
erbittern,« sagte Corona.
    »Ich nehme alles auf mich,« entgegnete Judit. »Ich bin eingetreten in das
wunderbare Reich, welches man das der Gnade nennt. Da begegnen uns Wunder und da
geschehen Wunder an uns, die unberechenbar sind. Das hat Graf Orestes nicht
bedacht. Ich aber habe es bis jetzt nicht gewusst. Man wird nicht Christin, wie
man sich eine neue Rolle für die Oper einstudiert und wie ich es in meiner
Unwissenheit wähnte. Graf Orest selbst hat auf meine Taufe gedrungen; er muss die
Folgen hinnehmen. Heute oder morgen kommt ein Priester zu mir, mit dem ich den
letzten Schritt überlegen will, und dann, gnädige Gräfin, lasse ich Ihnen
Nachricht zukommen, wann und wo meine Taufe stattfinden soll.«
    »Ich habe Ihnen hier ein Vermächtnis zu übergeben,« sagte Corona mit
bebender Stimme. »Gestern Abend kam die Trauerbotschaft vom Tode meiner
geliebten Schwester« .... -
    »Der Karmelitesse! .... gestern Abend!« rief Judit. »Ach, gestern Abend
sprach man bei mir von grossen Opfern aus Liebe zu Gott - und da wurde auch sie
genannt.«
    »Sie ist nun in der Heimat der Seelen,« sagte Corona. »Als Orest mir seine
schreckliche Absicht mitteilte und zugleich auch Ihr Vorhaben, teure Signora,
die Taufe zu empfangen, da schrieb ich meiner lieben Schwester und bat sie um
ihr Gebet, dass diese trostlose Verwirrung zur Ehre Gottes und zum Heil der
Seelen sich lösen möge. Dieser Brief kam in Regina's letzten Tagen an, und von
ihrem Sterbebett schickt sie Ihnen dies Andenken, das ich ebenfalls gestern
Abend erhielt.«
    Judit öffnete das kleine Kästchen und nahm die Perlenschnur eines
Rosenkranzes von Onyx, woran ein goldenes Kruzifix hing - dann ein versiegeltes
Blatt heraus. Sie erbrach es. Die Handschrift war kaum zu entziffern, so hatte
Regina's Hand von Fieber und Schwäche gezittert. Judit las beklommen:
    »Geliebte Seele! Auf Erden sind wir uns flüchtig begegnet, um uns nie wieder
zu sehen. Aber die Gnade umfängt und trägt Sie, und dereinst, hoffe ich,
begegnen wir uns vor dem Trone Gottes und singen ein endloses Alleluja dem
Lamme, in dessen Blut wir das Kleid unserer Seele weiss gewaschen haben. Nicht
wahr, so wird es sein? Ich kann nicht glauben, dass eine vom Strahl der Gnade
berührte Seele diese Gnade benutzen könnte, um Gott zu beleidigen. Nein! sie
wird ihn verherrlichen, indem sie ihr Opfer bringt und ihr Kreuz annimmt. Dazu
stehe ihr bei Maria, die Königin der kreuztragenden Seelen. Der Rosenkranz aber
erinnere sie an die Dornen, die der göttliche Vielgeliebte für uns getragen hat,
damit aus unseren umdornten Herzen die Rose der heiligen Liebe erblühen könne.
Mit dieser Liebe umfange ich Ihre Seele und sage: Auf Wiedersehen unter den
Seligen. Schwester Terese vom Lamm Gottes.«
    »Vom Himmel und aus dem Grabe und wohin ich auf Erden sehe und höre,
erklingt dies wunderbare Lied von der Liebe der Seelen zwischen all dem
Schellengeklingel menschlicher Torheit,« sagte Judit erschüttert. »Wehe mir,
wenn ich es überhören wollte!« Sie kniete vor Corona nieder und sagte unter
sanften Tränen:
    »Ich kann nicht fort, ohne Ihre Vergebung erhalten zu haben, gnädige Gräfin,
und Sie sehen so gut und liebevoll aus, dass ich wirklich zu hoffen wage, Sie
werden mir von Herzen vergeben.«
    »Ach, ich hab' es vergessen, dass ich Ihnen etwas zu verzeihen hatte!« sagte
Corona lieblich und umarmte Judit, die nun rasch ihrer Wohnung zueilte, in der
Hoffnung, dass der Abbate Don Cintio, wie Pasqualina ihn genannt hatte, im Laufe
des Morgens zu ihr kommen werde. Als sie durch das grosse Tor in ihren Palast
eintrat, kam Florentin ihr entgegen und rief im Ton höchster Überraschung:
    »Ganz allein? zu so früher Stunde schon heimkehrend! Signora, woher kommen
Sie?«
    »Da ich nicht frage: Signor, wohin gehen Sie? so sind wir quitt!« entgegnete
Judit und ging kalt an ihm vorüber die Treppe hinauf, durch die öden Gemächer,
deren Luft sie frostig anwehte. In ihr Zimmer. Da stand Hyazint am Kamin.
    »Das ist gut!« rief Judit, hastig Hut und Shawl abwerfend; »Signor Abbate,
seitdem ich mit Ihnen gesprochen habe, dreht sich mir die Welt nach der andern
Seite um. Ich will nicht mehr Gräfin Windeck werden, allein ich möchte gern eine
recht gute Katolikin und lieber heute als morgen getauft werden.«
    Hyazint sah bleich und angegriffen aus; aber jetzt verklärte sich sein
Antlitz und mit dem Freudenausruf:
    »O heilige Mutter Gottes!« faltete er dankbar seine Hände. Dann setzte er
besonnen hinzu: »Ihr Entschluss scheint mir sehr schnell gereift zu sein. Ist er
in der Tat reif, Signora?«
    »Fragen Sie mich nicht zu viel, Signor Abbate! ich weiss nur eines: ich will
katolisch werden, weil ich zur Kirche gehören will, die der gekreuzigte Gott
zur Beseligung und Heiligung der Menschheit gestiftet hat; in der er fortwirkt
durch den heiligen Geist und fortlebt durch die heilige Eucharistie; und in der
sein göttliches Leben in den Menschenseelen geheimnisvoll aufblüht als Liebe zu
den Seelen. Dies weiss ich! alles übrige glaube ich - und will es glauben; ....
denn Gott selbst hat es gelehrt.«
    »Das genügt!« sagte Hyazint. »Das ist das Bekenntnis des Petrus: Ich
glaube, dass du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! und sein Ausruf:
Wohin anders könnten wir gehen? Du, Herr, hast Worte des ewigen Lebens.«
    »So ists!« sagte Judit.
    »Wer hat es bewirkt?« fragte Hyazint.
    »Die Gnade,« erwiderte sie; »und sie bediente sich dazu der verschiedensten
Werkzeuge! In der allerersten Zeit war es Ernest; aber ich hörte nicht hin.
Dann, im vorigen Herbst, kam Lelios Bekehrung; ich hörte nur halb hin. Vor drei
Wochen kamen Sie, Signor, und da hörte ich zu viel, um es übertäuben - viel
weniger es vergessen zu können. Gestern kam ich statt zu Lelio, den ich
aufsuchte - zu seiner Mutter. Sie sagte himmlische Dinge. Aber dies Himmlische
war das Eigentümliche, das Natürliche, ich möchte sagen, der gesunde Pulsschlag
des katolischen Glaubens: Liebe zu den Seelen. Dann kam die Welt zu mir! Wovon
sprach sie? von himmlischen Dingen im katolischen Leben, von grossen Bekehrungen
aus Liebe zu Gott - und von deren Frucht: Liebe zu den Seelen. Lelios Mutter
hatte mir einen Katechismus gegeben. Ich nahm ihn spät abends zur Hand - und
durchwachte die Nacht mit ihm. Signor! ich habe in meinem Leben ungeheuer viel
gelesen, ernste Bücher, von klugen, geistvollen, denkenden Männern geschrieben;
aber etwas so Kluges, das die höchsten und zugleich die wissenswürdigsten Fragen
so einfach und genügend - aber auch mit jenem logischen Zusammenhang, der den
Stempel unverwüstlicher Wahrheit trägt, beantwortete; so himmlische und hohe
Ideen, die in dem Dogma eine so tiefsinnige Begründung und eine so himmlisch
klare Lösung finden, hab' ich nie gelesen. Den Katechismus sollten die modernen
Weltverbesserer studieren und danach sich selbst und die Menschheit zu bilden
suchen. Lebte sie so, wie dies kleine Buch es lehrt, so wäre sie im wahren
Fortschritt begriffen. Aber die Seelen, die Gott durch so himmlische
Vorschriften, Veranstaltungen und Mittel zur Seligkeit führen will, sucht der
Satan durch die Sünde zu verblenden und in seinen Abgrund zu stürzen. Nun,
Signor, ich fing an, zu verstehen, was Gott von mir verlangt. Und jetzt eben
komme ich von einer Frau, bei der es mir ganz klar geworden ist. Ich habe mit
der Gräfin Windeck gesprochen.«
    »Mit Corona?« rief Hyazint froh überrascht.
    »Mit ihr, Signor! aber wer sind Sie, dass Sie, Lelios Freund, die Gräfin bei
ihrem Namen nennen?« fragte Judit gespannt.
    »Verzeihung, Signora! ach, ich bin Orests Bruder,« erwiderte Hyazint
bewegt.
    »O ihr Windecker!« rief sie; »auf der einen Seite stehen die Himmlischen
unter euch und reichen mir die rettende Hand; auf der anderen Seite die
irdischen, um mich in den Untergang zu ziehen. Jetzt verstehe ich den Weg zu
beiden Schicksalen. Der meine ist gewählt: ich folge dem Kreuz, das Regina von
ihrem Sterbebett mir geschickt hat.«
    Sie reichte ihm den Brief und den Rosenkranz. Mit tiefer Wehmut sagte
Hyazint:
    »Reginas Gebet hat vielleicht all' die Gnaden erwirkt, welche über Sie
zusammengeströmt sind, Signora. Regina hat den Kern des Glaubenslebens gründlich
erfasst: das Opfer. Dem Opfer folgen Gnaden; das ist eine so tiefe Wahrheit, eine
so unleugbare Tatsache, dass die ganze vorchristliche Welt dies geheimnisvolle
Gesetz einer höheren Macht anerkannte und sich davor beugte. Die Wiedergeburt
der Menschheit ging aus dem Opfer hervor, das der Sohn Gottes zur ewigen Sühne
darbrachte - und alles Gute, Grosse und Schöne, was seitdem auf Erden geschieht,
ist eine Neugeburt dieses Opfers in dem Menschen, der es ausführt. Das Beste,
Grösste und Schönste, was hienieden geschehen kann, ist die Rettung der Seelen.
Darum erheischt sie die grössten Opfer. Darum muss der Hirt der Seelen, der
Priester - ein Opfernder sein. Darum muss der Missionär, der Ordensmann, die
Klosterfrau, die sämtlich den Beruf zur Rettung der Seelen haben und ihre
Aufgabe durch äussere und innere Tat vollziehen: darum müssen sie ein Opferleben
führen. Darum müssen ganze Epochen in der Weltgeschichte oder grosse
Erscheinungen in der Epoche den Charakter des Opfers tragen. Das Christentum war
tötlich bedroht in den ersten Jahrhunderten durch heidnische Verfolgung; die
Martyrer, die nach Millionen zählen, opferten sich mit Blut und Leben: und es
siegte. Es war tötlich bedroht durch die wütenden Häresien des Orients; und eine
ganze Welt von Asceten erhob sich zum stillen Opfer der Irdischkeit: es war
gerettet. Tötlich bedroht war es Jahrhunderte hindurch von den barbarisch
vernichtenden Stürmen und Zügen der Völkerwanderung; da erschienen die grossen
Glaubensboten und Ordensmänner, dreifach sich opfernd, als Apostel, Martyrer und
Asceten, streuten, schützten, pflegten himmlische Saaten - und das Christentum
war gerettet. Tötlich bedroht war es im Mittelalter teils durch häretische
Sekten, die im Gewande falscher Heiligkeit ihr Gift versprjetzten, teils durch
die gewaltige Neigung der Welt zu den Lüsten der Erde und den breiten
behaglichen Genüssen der sinnlichen Freuden. Ein Heer von opferfreudigen Seelen
erhob sich in solcher Masse, dass der Jüngling die Braut nicht fand und die
Jungfrau keinen Gatten; so waren die Herzen entbrannt in Liebe zur Armut und zur
Entsagung, wie St. Franziskus, der Seraphische sie lehrte und übte. Das
Christentum fand durch sie seinen Nerv und seine Kraft wieder. Und abermals war
es bedroht durch den grausigen Abfall des sechzehnten Jahrhunderts, den der
Welt- und Erdgeist in Verbindung mit der Häresie stifteten; und abermals wurde
es gerettet durch Scharen von Heiligen, die das Kreuz ins Herz und in die Hand
nahmen und mit einer alles überflügelnden Opferliebe die Tage des Apostolats und
des Martertums durch sich selbst, ihre Zöglinge und geistlichen Söhne erneuerten
und auf dem ganzen Erdball das Christentum teils retteten, teils verbreiteten.
Auf jedem Kampfplatz erschienen sie, auf jede Bresche sprangen sie, jeden
schwachen Punkt verteidigten und befestigten sie. Der grosse Erzbischof von
Mailand Karl Borromäus, in dem die Seele des Johannes und des Paulus
verschmilzt, beginnt die Reform der Kirche bei den geistlichen Hirten selbst,
während der liebenswürdige Bischof von Genf, Franz von Sales, durch den Zauber
seiner seelenvollen Beredsamkeit in Controverse und Predigt tausend Betörte von
Calvins Irrlehre befreit. Loyola stiftet die glaubens- und todesmutige Schar
seiner Söhne, die man St. Michaels Söhne nennen müsste - so kämpfen sie auf der
Welt für das Reich Gottes gegen den uralten Lügengeist. Franz Xaver gewinnt in
Asien Völker und Länder für das Christentum; Franz Solano in Südamerika. Vinzenz
von Paulo ruft in Paris die barmherzigen Schwestern ins Leben; Johannes von Gott
in Granada die barmherzigen Brüder. Terese von Jesu führt gottliebende Seelen
in die Gebetsstille des mystischen Carmels ein; Katarina Fiesco-Adorno, die
Dogentochter, dient im grossen Spital zu Genua - und beide verfassen Schriften,
in denen die Kirche eine himmlische Weisheit, gepaart mit himmlischer Liebe
anerkennt. Alle Orden erneuern sich und treiben frische Sprossen. Neue
Kongregationen erblühen, neue Genossenschaften treten zusammen. Wo eine Lücke im
kirchlichen Leben ist, wo ein geistiges Bedürfnis sich kund gibt - da ist auch
schon eine opferwillige Seele zur Hand, die mit der Erfindungsgabe, welche der
heiligen Liebe eigen ist, gerade das trifft, was eben zur Abhilfe not tut. Und
wozu das alles? wozu diese grenzenlose unermüdliche, heroische, demütige
Hingebung an ein langes, langes Opferleben? um Seelen für Christus zu retten,
die durch Sünde, Irr- und Unglauben ihm verloren gingen! Wieder wurde das
tötlich bedrohte Christentum durch das Opfer gerettet. Und jetzt? ist es denn
jetzt anders? wir stehen mitten im Gewühl und im Staube des Kampfes, wo wir nur
das allernächste schauen können; sind auch viel zu kurzsichtig, um unseren Blick
über den Tag von heut und morgen zu erheben; viel zu armselig, um Grosses von
einer Zeit zu hoffen, in der die Menschheit von unserem Schlage ist; viel zu
kleinmütig, um mit unwandelbar hochherzigem Vertrauen die Spuren des Lebens
unter den Zuckungen des Todes zu verfolgen. Aber wir wissen seit achtzehn
Jahrhunderten und durch sie: für das Christentum sind Zeiten des Kreuzes -
Zeiten der Gnade; Tage der Drangsal - Tage der Heiligung. Heiligen aber kann
sich niemand, der nicht aus voller Seele das Opfer umfasst - das Opfer, aus
dessen Flamme das Christentum fort und fort als ein unsterblicher Phönix
hervorgeht. Schrecken Sie davor nicht zurück, Signora?«
    Sie sah ihn fest an und sagte ruhig lächelnd:
    »Nein, denn ich werde mich an das Kreuz meines Gottes schmiegen.«
    »Und wollen Sie das ganze Christentum umfassen mit seinen wonnevoll
trostreichen Glaubenslehren und seinen unerbittlich herben Sittenlehren; mit
seinen lieblichen Tugenden und seinen mühseligen Kämpfen; mit seinen himmlischen
Kronen und seinem irdischen Dornenkranz?«
    »Mit Kronen und Dornenkranz, Signor! Aber lassen Sie mich zum Bade der
Wiedergeburt eilen! lassen Sie mich mein Opfer bringen! Jede Minute der Zögerung
ist ein unermesslicher Verlust für mich - lassen Sie mich ein Kind Gottes werden
.... und dann fliehen, mich begraben in irgend einer Einsamkeit und beten, ach
beten, dass Ihres Bruders Seele gerettet werde.«
    »Und Ihre Mutter?«
    »Gott wird sie trösten. Ich kann sie nicht in mein Geheimnis ziehen; sie
begreift es nicht. Den grössten Teil meines Vermögens lasse ich ihr. Nach Jahren,
wenn alle Gefahr für Orest vorüber ist, wird sie mich wiederfinden.«
    »Also wirklich - begraben mit Christus?« fragte Hyazint gerührt.
    »Ja! Leben für Leben!« sagte sie entschieden. »Ach,« rief sie plötzlich mit
schmerzlicher Erinnerung, »habe ich dem armen Orest nicht versprochen: Alles für
alles!«
    »Er darf Ihnen nicht alles bieten, nicht seine Hand, nicht sein Wort; denn
beides gehört ihm nicht mehr;« erwiderte Hiazint. »Er hat es Gott verpfändet,
als er das Sakrament der Ehe empfing. Sein Taufgelübde, das er bei dem Empfang
der heiligen Erstkommunion wiederholte und bestätigte, war schon zuvor an Gott
verpfändet für die Gnade, im katolischen Glauben leben und sterben zu dürfen.
Also auch darüber darf er nicht mehr schalten und walten, und folglich hat er
Ihnen nicht das alles anzubieten, wofür Sie alles versprochen haben. Er kann
freilich sein zwiefaches Versprechen brechen, denn er ist keine Maschine, die
von der Gnade getrieben wird, wie das Mühlrad vom Bach. Er kann der Gnade
Widerstand leisten und sich in die ewigen Abgründe stürzen, aber nur um den
Preis schwerer Beleidigung Gottes und freiwilliger Verzichtung auf das ewige
Leben. Und wenn er dann wagte, Ihnen alles anzubieten, ach! wie müssten Sie
gerade dann erst recht ihm antworten: alles? - aber du hast ja nichts! .... denn
was hat der, der Gott nicht hat! Und Sie selbst, Signora, Sie haben nicht das
Recht, irgend einem Geschöpf alles zu versprechen. In jedem Verhältnis, in jeder
Lage muss Gott zu Rate gezogen werden: dazu gab er seine Gebote, dazu erteilte er
seine Ratschläge. Wenn das unmündige Kind seinem lieben Spielgefährten sagt: ich
schenke dir die Güter meines Vaters; so hat ein solches Versprechen keinen Sinn.
Ihr unmündiger Geist wähnte ein Recht zu haben, nach Belieben schalten und
walten zu dürfen, weil er nichts Höheres kannte, als das Ich, dem er diente.
Aber die Bestimmung Ihres Geistes, Ihres Herzens, Ihres ganzen Wesens ist: Gott
zu dienen und - in welches Verhältnis Sie eintreten mögen, Ihr höchstes Gut,
welches zugleich das Gut Ihres himmlischen Vaters ist - Ihren Willen! an Gott
hinzugeben. Sie können ihn Gott entziehen und dem Geschöpf dienstbar machen;
aber um denselben Preis, wie Orest: um den Preis der Sünde. Alles für alles!
dürfen Sie getrost nur zu Ihrem Herrn und Heiland sagen, denn nur Er, der das
unerhörteste Liebesopfer bringt, versteht das Opfer des liebenden Herzens
anzunehmen und zu vergelten. Das Geschöpf versteht es nicht. Es ist etwas so
Himmlisches im Menschenherzen, dass es das Gottesherz braucht, um sich daran
auszuleben und auszulieben. Dann hat alles für alles einen ächten Sinn - und
dann dürfen Sie gewiss sein, dass die Kreatur dabei nicht zu kurz kommt. Ströme
von Liebe werden aus dem Liebesmeer der Gnade in ein solches Herz sich ergiessen
und überfliessen .... auf Vater und Mutter, auf Gatte und Kind, auf Sünder und
Heilige, auf Feind und Freund .... in Wort und Tat, in Gebet und Tränen, in
unscheinbaren Werken und heroischen Handlungen. Gott ist der Ursprung dieser
Liebe, Gott ist ihr letztes Ziel; in der Mitte liegt die Liebe zu den Seelen.«
    »Ach, gibt es denn Seelen, die sich nicht entzünden lassen von der Liebe
Gottes?« rief Judit in Tränen.
    Hyazint lächelte traurig und entgegnete:
    »Ich dächte, Sie hätten ein lebendiges Beispiel vor Augen .... an Orest.«
    »Und an Florentin,« setzte sie hinzu; »an Ihrem Jugendgenossen, der, vom
Wahnwitz des Radikalismus ergriffen, an die Verwirklichung wilder und blutiger
Teorien seine Kräfte vergeudet und in dem Schiffbruch seiner besseren
Verhältnisse seit Jahren schon mein Privatsekretär ist. Da aber Lelio, der ganz
auf seinem Standpunkt sich befand, sich zu Gott bekehrt hat, so kann dasselbe ja
auch an Orest und Florentin geschehen«
    »Werden Sie so fromm, dass der liebe Gott Ihnen nichts abschlagen kann,«
erwiderte Hyazint freundlich; »aber wähnen Sie nicht, dass das die Sache von ein
paar Tagen oder Jahren - oder dass es überhaupt Menschensache sei. Die Bekehrung
vom Irrtum zur Wahreit, von der Sünde zur Tugend ist immer eine geistige
Schöpfung, also mehr als irgend etwas hienieden - eine Gottestat. Wir können
nichts dabei tun, als uns Gott zum Werkzeug anbieten durch Hingebung unseres
Willens. Aber wenn wir das auch in einer Vollkommenheit täten, wie wir es, ach
leider! nicht« tun: so würden wir darum doch nicht immer den gewünschten Erfolg
haben. Das Atom unserer Arbeit am Werk Gottes geht nicht verloren, wenn wir es
in die unendlich wirksame Kraft des Blutes Jesu eingetaucht hatten; aber in der
grossen Einheit der christlichen Kirche kann dies Atom, nach Gottes verhülltem
Ratschluss, ihn mehr verherrlichen an einer Seele, die uns unbekannt ist; oder er
will uns prüfen, ob wir beharrlich hoffen und glauben - auch ohne durch äussere
Erfolge gestärkt zu werden, und das ist eine heilsame Prüfung, denn sie erhält
uns in Demut. Und endlich gibt es ja auch Seelen, die der Gnade widerstreben
wollen.«
    »Ach, man muss viel leiden, wenn man die Seelen liebt!« sagte Judit; »ich
fange schon an, das zu begreifen. Wer sich damit abgibt, setzt das Leiden des
Erlösers fort; und da diese Liebe das Merkmal und der Stempel ist, den Christus
mit seinen Wunden ihr aufgeprägt hat: so zeigt sie sich gerade in diesem Leid
als seine Stellvertreterin.«
    Judit sagte Hyazint, dass Corona ihre Taufpatin sein wolle und fragte, ob
es nicht möglich sei, dass diese heilige Handlung durch Coronas Vermittlung zu
Trinità dei Monti stattfinden könne; dort hätten sie ja auch ihre Zusammenkunft
gehabt. Hyazint erwiderte, das sei sehr wohl möglich. Corona, in einer Anstalt
des Sacre Coeur erzogen, habe hier eine der Damen wiedergefunden, welche die
Lehrerin ihrer Kindheit gewesen sei - und er zweifle nicht an der
Bereitwilligkeit der Damen, in ihrer Kirche die heilige Feier von ihm vornehmen
zu lassen und alle nötigen Vorkehrungen zu treffen.
    »Nur möglichst still und schnell,« bat Judit. »Es wäre mir am liebsten,
morgen in aller Frühe, in den ersten Stunden des Tages - damit Orest vorher
nichts erfahre.«
    »Wie soll ich Ihnen eine Antwort zukommen lassen, Signora?«
    »Durch Lelio - er ist zuverlässig,« sagte sie.
    Hyazint ging auf demselben Wege zurück, auf dem er gekommen war: die kleine
Treppe hinab und zur Nebentüre des Palastes, die in ein Seitengässchen führte,
hinaus. Auf den untersten Stufen der Treppe lag ein Facchino und schlief.
Hyazint ging vorsichtig an ihm vorüber, um ihn nicht zu stören, und eilte zu
Corona. Von seinem ersten Besuch bei Judit hatte er ihr nichts gesagt, um keine
voreilige Hoffnungen in ihr zu wecken und ein ähnliches Gefühl hatte auch sie
geleitet, da sie ihm ihre Absicht, mit Judit eine Zusammenkunft zu haben, nicht
mitteilte. Wie freute er sich jetzt auf ihre Überraschung, und wie dankte er
Gott, der ihnen beiden das Vertrauen gegeben hatte, sich an Judit zu wenden,
deren Seele, wie eine zusammengebogene Springfeder, geradeauf schnellte, als sie
den Druck der Leidenschaft, der eigenen und der fremden, von sich abschüttelte.
Reginas Abscheiden warf keinen Schatten mehr in seine stille Seligkeit. Leben
und Tod schienen ihm eine und dieselbe Hymne von dem Triumph des Lichtes und der
Gnade über Nacht und Sünde anzustimmen.
    Bei Corona waren sie alle versammelt, Graf Damian, Uriel und Orest. Mit
Tränen im Auge rief Graf Damian ihm entgegen:
    »Hyazint, Onkel Levin ist Regina schnell gefolgt! Hier ist das Telegramm
vom Pater Guardian. Blutsturz und Lungenschlag machten binnen zwölf Stunden
seinem Leben ein Ende.«
    »Ruhe in Frieden, heiliger Greis!« sagte Hyazint gefasst; aber seine Stimme
brach in Tränen.
    »Mir ist zu Mut, als müsse Unheil über Windeck einbrechen, jetzt - da Onkel
Levin es nicht mehr bewacht!« rief Graf Damian; »und deshalb, Kinder, reise ich
zurück! Sind es diese beiden Donnerschläge aus heiterem Himmel, oder ist es
sonst etwas .... aber es drängt mich fort von hier. Ich meine, es müsse alles
drunter und drüber gehen. Onkel Levin war ein lebendiger Teil meines eigenen
Lebens. All' dessen Phasen hat er durchgemacht, inniger und treuer als ein
Vater, unzertrennlich von Windeck! es ist eine Ruine ohne ihn.«
    Niemand versuchte ihn zu trösten. Uriel war ausser sich vor Schmerz, den
Onkel Levin gleichsam im Tode verlassen zu haben. Corona beweinte ihren
zärtlichen und treuen Ratgeber und Tröster. Orest war von stumpfer
Niedergeschlagenheit zerdrückt. Der Tod .... und wieder der Tod! und er
behandelte das Leben und dessen Erscheinungen, als ob diese Welt voll
vergänglicher Schatten - eine ewige Welt wäre! Aber der schneidende Gegensatz
brachte ihn nicht zur Besinnung! War das Leben so flüchtig und der Tod so
überraschend nah, dachte er, welch ein Wahnsinn dann, auch nur eine Stunde des
Glücks - ja, nur eine Minute zu versäumen! So dachte auch Judit. Aber jeder
dachte so auf dem Wege seines Schicksals! Corona bat den Vater inständigst,
seine Abreise zu verschieben; sie könne ihn unmöglich in dieser rauhen
Jahreszeit zurückbegleiten und er werde, allein bei Tante Isabelle, in dem
vereinsamten Windeck auch keinen Trost finden.
    »Onkel Levin war die Seele des Hauses,« sagte sie; »er belebte es und machte
es traulich, und wenn er ganz allein da war, so hatte Windeck nie die kalte Öde
eines verlassenen Schlosses. Jetzt wird es Dir sehr unheimisch vorkommen,
liebster Vater.«
    »Ja, Kind, ich weiss! Aber ich würde .... ich weiss nicht was! drum geben,
wenn ich mich stante pede mit euch allen samt und sonders nach Windeck zaubern
könnte. Bei Trauerfällen, wie sie uns eben heimsuchen, ist es am passendsten und
sozusagen am sichersten, sich in seinen eigenen vier Wänden aufzuhalten. Da hat
man gewissermassen Stütze und Verteidigung in den ruhigen und gleichförmigen
Gewohnheiten, Geschäften und Umgebungen. Die unhäusliche Fremde passt gar nicht
für ein trauriges Gemüt. Ach, meine Regina, mein herrliches Mädchen! wie hab'
ich sie gequält! wie hab' ich so gar nicht den Schatz erkannt, den ich, den wir
alle an ihr besassen.«
    »Es geschah ja aus Liebe, mein guter Vater,« erwiderte Corona und küsste
zärtlich seine Hand.
    »O Kind, die Selbstliebe war vorherrschend,« entgegnete er mit grosser
Aufrichtigkeit.
    Er ging in sein Zimmer, um Briefe zu schreiben. Orest ging fort. Niemand
fragte wohin. Uriel sagte:
    »Ich will zum Kalvarienberg gehen, den man Vatikan nennt. Da wird man Herr
über jeden Schmerz.«
    Als Hyazint mit Corona allein war, setzte er sie von seinen Erlebnissen mit
Judit in Kenntnis und fügte hinzu:
    »Sieh, wie gut ist Gott, über unsere vergängliche Trauer eine ewige Freude
aufgehen zu lassen und unsere Tränen durch einen solchen Trost zu stillen. Dies
Ereignis gehört zu den magnalia Dei, zu den wunderbaren Grosstaten Gottes, wie es
in der Apostelgeschichte heisst - die so ganz ausserhalb aller menschlichen
Berechnung und Voraussicht liegen.«
    »Sie muss ein starkes, gerades Herz haben, diese Judit,« sagte Corona, »um
mit einer solchen Entschiedenheit und Opferwilligkeit dem Stern der Gnade zu
folgen. Sie geht so recht mit den heiligen drei Königen der armen Krippe von
Betlehem zu .... diese Königin aus dem Morgenlande.«
    Dann beratschlagten sie, ob Judits Wunsch zu erfüllen und sie in der
nächsten Morgenfrühe zu taufen sei.
    »Warum nicht? sie glaubt ja! und ist erst das Licht der Gnade in ihre Seele
gegossen, so wird sie leicht lernen und fassen, was sie jetzt noch nicht
versteht. Lass uns zu Trinità dei Monti hinaufgehen und die Oberin um ihre
Einwilligung und um Verschwiegenheit bitten.«
    Sie gingen hinauf und trugen ihr Anliegen vor, ohne Namen und Verhältnisse
der Katechumene zu bezeichnen. Es war auch nicht nötig, um die lebhafteste
Teilnahme der Oberin zu erregen, die es als eine grosse Gnade betrachtete, dass
eine Tochter Israels in ihrem Hause das Sakrament der Taufe empfangen solle; und
so kam man überein, um fünf Uhr morgens die heilige Feier zu vollziehen. Um vier
Uhr sollte Judit sich einstellen und Corona wollte sie empfangen. Gegen fünf
Uhr wollte Hyazint kommen und den treuen Lelio, der mehr als alle auf Judit
gewirkt hatte, mitbringen. Die Oberin erklärte sich gern bereit, die Neophitin
länger im Hause zu behalten, für den Fall, dass diese wünschen sollte, einige
Tage in vollkommener Zurückgezogenheit von der äusseren Welt und in stiller
Sammlung und Betrachtung zu leben; und man trennte sich unter seligem Frohlocken
über Gottes unergründliche Barmherzigkeit. Hyazint begleitete Corona bis an
ihre Türe und ging zu Lelio.
    Als Orest Judits Palast betrat, ersuchte ihn der Portier, sich zum Signor
Fiorino zu bemühen, der schon zwei Stunden auf den Herrn Grafen warte.
    »Wo bleibst Du denn heute!« rief ihm Florentin höchst aufgeregt entgegen;
»ich habe Dir äusserst wichtige Nachrichten mitzuteilen.«
    »Von der Central-Venta oder aus dem Grand-Orient?« fragte Orest schneidend.
»Ich habe auch Nachrichten bekommen. Onkel Levin ist tot.«
    »Den Verlust wirst Du doch leicht verschmerzen,« erwiderte Florentin kalt.
»Die religiösen Schwärmer können unmöglich Deine Freunde sein! Also ist er tot,
der alte Mann! wie er sich betrogen hat im Leben durch diese schwärmerische
Verschmähung alles Schönen, das es bietet!«
    »Das ist noch die Frage, die wir nicht lösen können! .... Du gewiss nicht! -
Auch Regina ist tot!«
    »Regina!« rief Florentin erbleichend und mit versagender Stimme; »o Jammer
um sie!« Doch schnell gefasst setzte er hinzu: »Da siehst Du es: dem finsteren
fanatischen Geist der katolischen Kirche ist sie als Opfer gefallen. Orest!
Orest! rette Judit! ich sage Dir: es gibt eine Sorte von Weiberköpfen und - man
muss es leider gestehen - auch von Männerköpfen, die sich, trotz einer
entschiedenen Tendenz zur Unabhängigkeit und trotz einer lebhaften Neigung für
Wahrheit, Schönheit und Grösse, dennoch von den Schlingen der Dunkelmänner
einfangen und umspinnen lassen. Hast Du nicht bemerkt, was sie gestern Abend für
katolische Ansichten aussprach?«
    »Nein, gar nicht! ich hörte nicht was .... nur wie sie sprach. Sie sah
unbegreiflich schön aus.«
    Florentin schwieg eine Weile, legte dann mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns
seine Hand auf Orest's Schulter und sagte:
    »Vergib' mir, Orest, ich werde Dir wehe tun .. aber Du musst es wissen.«
    »Ha, Deine Nachrichten!« rief Orest misstrauisch.
    »Sind zu beachten, lieber Freund! Judit hat geheime Zusammenkünfte. Heute
morgen gegen acht Uhr kam sie ganz allein, raschen Schrittes zu Hause. Ich
selbst begegnete ihr im Tor. Um so früh heimzukehren .... wann muss sie
ausgegangen sein .... und weshalb? Ich war dermassen überrascht, dass ich einen
Facchino, der sich hier herum zu treiben pflegt, einen braven Kerl« ... -
    »Späher der Venta, ohne Zweifel!« warf Orest ein, um seiner Aufregung etwas
Luft zu machen.
    »Ein sehr brauchbares Subjekt!« fuhr Florentin gleichgültig fort. »Ich trug
ihm auf, etwas Acht zu geben, wer allenfalls zu Judit komme - und es mir
mitzuteilen. Um halb zehn Uhr erschien er bei mir mit der Nachricht: so eben
habe ein Priester Judit verlassen, sei durch das Zimmer ihrer Kammerfrau
vorsichtig die Nebentreppe hinab und dann schnell zur kleinen Tür des Palastes
hinausgegangen - ein grosser schlanker Mann, mit jugendlich leichten Bewegungen.
Mehr konnte Gaëtano, der sich schlafend stellte, nicht wahrnehmen. Da er seit
acht Uhr auf seinem Posten war und jenen schwarzen Jüngling nicht in den Palast
kommen sah, so ist es klar, dass sich derselbe schon vor acht Uhr in ihrem
Zimmer, ihrer Einsiedelei - wer weiss seit wann! befunden habe.«
    »Es ist nicht wahr!« rief Orest wütend.
    »Diese Tatsachen verbürge ich Dir,« entgegnete Florentin kalt und bestimmt.
»Ob das nicht wahr ist, was Du denkst .... oder fürchtest - weiss ich nicht!
allein ich rate Dir als treuer Freund, Judit auf die Probe zu stellen, auf eine
entscheidende.«
    »Ja!« rief Orest mit kochendem Zorn, »ich will sie fragen .... sie soll sich
verteidigen« .... -
    »Ah bah!« unterbrach ihn Florentin. »In der Kunst der Verteidigung sind die
Weiber Meisterinnen! die ist ihnen angeboren. Stellt man sie auf den Punkt, so
behalten sie immer Recht. Wäre der Advocatus diaboli an heiliger Rota ein Weib:
so würde keine Kanonisation von sogenannten Heiligen zu Stande kommen - so
geschickt würde dieser Advocatus die Sache des Teufels verteidigen.«
    »Ich könnte Dich erwürgen,« sagte Orest dumpf.
    »Ah bah!« wiederholte Florentin hämisch; »dann hättest Du deinen besten
Freund verloren. Nein, folge meinem Rat und bitte Judit um einen ganz geringen
Beweis ihrer Liebe.«
    »Und der wäre?« -
    »Bitte sie, sich nach dem protestantischen Ritus taufen zu lassen. Willigt
sie ein, so darfst Du ruhig sein; dann hat sie ihre geistige und sittliche
Freiheit noch nicht verloren. Schlägt sie es ab - so weisst Du, wie es mit ihr
steht und dass Du dich fortan nicht mehr auf sie verlassen kannst. Sie ist dann
ein Werkzeug, welches den Plänen, Zwecken etc. etc. der Dunkelmänner blindlings
gehorcht; ist um so gefährlicher, als sie klug und brauchbar ist - und Du hörst
dann auf, ihr Herr und der Deine zu sein.«
    »Ja!« rief Orest, »das ist eine gute, einfache, vernünftige Probe! ich danke
Dir, Florentin, ich will sie sogleich anstellen.« -
    Judit war noch in ihrem Zimmer. Sie schrieb an ihren Banquier in Paris
gewisse Bestimmungen über ihr Vermögen, das sich grösstenteils in der Londoner
Bank befand. Orest schob den Diener beiseite, der ihn melden wollte, klopfte an
und wartete kaum Judits »Herein!« ab, um einzutreten. Sie sah befremdet über
ihren Schreibtisch hinweg ihn an, schloss ruhig ihr Portefeuille, nickte ihm zu
und sagte, ohne ihren Platz zu verlassen:
    »Wie kommt es, Graf Orestes, dass Sie mich schon zum zweiten Male in diesem
Zimmer aufsuchen, in welchem ich mich doch nur dann aufhalte, wenn ich allein
sein will?«
    »Da Sie in diesem Zimmer den Herren Geistlichen Audienz erteilen, so darf
ich doch wohl dasselbe Recht beanspruchen,« entgegnete Orest gereizt.
    Auf Judit's Lippen schwebte eine stolze Antwort; allein sie bemeisterte
sich und sagte sanft:
    »Wenn Ihr Anliegen eine so ungestörte Besprechung mit mir erfordert, wie das
meine mit dem Geistlichen, so sein Sie willkommen!«
    Sie stand auf, setzte sich auf die Causeuse am Kamin und sagte, mit ihrem
grossen grünen Fächer spielend, aber innerlich beklommen:
    »Ich bin ganz Ohr, Graf Orestes.«
    Er ging im Zimmer auf und nieder, blieb plötzlich vor ihr stehen und rief:
    »Judit! es ist mir ein wahrer Greuel, dass die Religion bei unserer Liebe
ein Wort mitsprechen will. Könnte ich um meinen beabsichtigten Übertritt vom
Katolizismus zum Protestantismus herum kommen: ich würde mein halbes Vermögen
drum geben, denn ich spiele nicht gern religiöse Farcen und sehe sie auch nicht
gern. Aber, Judit, es ist der Weg, der einzige, zu Ihrem Besitz. Ich gehe ihn
.... und führte er durch die Hölle .... oder zu ihr. Deshalb ertrage ich nicht
die Vorstellung, dass dieser religiöse Wirrwarr vergrössert werden soll, indem Du,
Geliebte, gerade dem Katolizismus, den ich verlasse, Dich zuwendest. Ach
Judit, es ist ja schon so vieles vorhanden, das uns trennt, - wozu denn auch
noch das Glaubensbekenntnis? Ich weiss, dass wir dies früher anders besprachen;
dass ich leicht meine Zustimmung gab. Doch jetzt, wo für uns Beide der Schritt
nah und näher kommt, jetzt quält mich alles, was wie eine Kluft zwischen uns
aussieht. Und deshalb, geliebte Judit, bitte ich auf den Knien um den geringen
und einfachen Liebesbeweis, dass Du dich nach irgend einem akatolischen Ritus
taufen lässt. Es gibt hier anglikanische Geistliche genug; ich selbst kenne
einige von meinen Jagdpartien her - vortreffliche Schützen! Sie werden mit
Freuden diesem Wunsch entgegenkommen.«
    Während Orest sprach, fühlte Judit, dass die Stunde ihres Bekenntnisses und
die Strafe ihrer Sünden da sei. Aber sie sprach zu sich selbst: Ich werde meinen
Glauben nicht verläugnen, nicht Orest vierundzwanzig Stunden täuschen! Gott will
es nicht. Wär' es sein Wille, so wäre Orest nicht gerade heute mit dieser Bitte
gekommen. Morgen soll ich getauft werden und heute hintergehen! ... das kann ich
nicht .... breche über mich ein, was da wolle.
    »Teurer Orest,« entgegnete sie mit einer weichen Innigkeit, die sonst
durchaus nicht in ihrem Wesen lag, »ich bin auf dem Wege des Glaubens zu nah an
die ewige Wahrheit heran getreten, um jetzt wieder umkehren zu können. Ich halte
die Glaubenslehre der katolischen Kirche für die einzig wahre göttliche
Offenbarung. Hat man diese Überzeugung, so ist es Feigheit, sie zu verläugnen;
Sünde .... sie aufzugeben.«
    »Also richtig! also wirklich!« ächzte Orest. »Betört, umgarnt, verloren!«
    »Das alles war ich!« entgegnete Judit sanft. »Gottes Barmherzigkeit rettet
mich .... und will auch Sie retten.«
    »Ha, Schlange!« rief Orest ausser sich. »Schlange, der ich mein Herz, mein
Leben, mein Glück hinwarf! ist dieser Verrat der Lohn meiner Treue!«
    »Ich verrate Sie nicht, Graf Orestes. Sie haben gewünscht - nicht ich! - dass
ich die christliche Taufe empfangen möge. Wir knüpfen beide irdische Hoffnungen
daran; ... ich hatte ja keine Ahnung von himmlischen! Die göttliche Liebe
gewährt mir diese, indem sie jene zerstört. Ist das Verrat?«
    »O Schlange, die dem Priester Gehör gibt, seiner Weisung folgt, ihm
gehorcht, ihm glaubt - mir aber den kleinen armseligen Wunsch versagt,
demjenigen religiösen Bekenntnis sich anzuschliessen, dem ich, aus grenzenloser
Liebe zu ihr, folgen will.«
    »Wehe mir, wenn es dahin mit Ihnen käme, teurer Graf. Ich bin so unglücklich
gewesen, Sie der heiligen Kirche zu entfremden - o lassen Sie mir die Hoffnung,
Sie zurückzuführen.«
    »Wissen Sie denn nicht, dass wir dann auf immer getrennt sind?«
    »Teurer Orest, wir sind es in jedem Fall,« sagte Judit mild aber bestimmt.
    Er fasste ihre beiden Hände über dem Gelenk in seiner Hand wie in eiserner
Klammer zusammen, riss sie von der Causeuse empor und rief mit einem so wilden
Ausdruck: »Wiederhole das und ich töte Dich!« dass Judit voll Entsetzen
innerlich seufzte: O Herr, erbarme dich meiner! und dann gefasst sagte:
    »Wohlan, Orest, töten Sie mich! ich hab' es verdient.«
    Grimmig rief Orest, indem er immer ihre Hände festielt und zuweilen wütend
schüttelte:
    »Schlange, die mich Jahrelang mit ihrem Blick bezaubert, mit ihren Windungen
umringelt hat .... Schlange, die klug nie Gewährung gab, nie Hoffnung nahm ....
Schlange, die endlich, endlich! ihre Zusage halten, ihr Versprechen erfüllen
soll, und nun mir entschlüpfen will. Ich träume von Paradiesen in irgend einem
entlegenen Winkel der Welt .... paradiesisch nur durch ihren Besitz; ich habe
keinen anderen Gedanken, als den, mich mit ihr aus dem wüsten, langweiligen
Menschengewühl zu flüchten und von ihr allein mein Glück zu verlangen; mir
brennt der Boden unter den Füssen, so lange zwischen ihr und mir verhasste
Schranken gezogen sind; ... und in dem Augenblick, wo sie fallen sollen, da will
die Schlange sich glatt und kühl mir entwinden?! Nein, Signora! das lässt sich
der Orest nicht gefallen.«
    »Was denken Sie also zu tun, Herr Graf?« fragte Judit ruhig.
    »Ich lasse nicht von Dir!« rief er in einem anderen Ton, doch nicht weniger
stürmisch.
    Sie schüttelte sanft den Kopf und sagte:
    »Ich verdiene Ihren Hass, Ihre Verachtung, Ihren Zorn! Ich sage nicht eine
Silbe, um mich für meine Vergangenheit bei Ihnen zu entschuldigen; aber, teurer
Orest .... fortan trennen sich unsere Wege.«
    »Judit!« rief er und sank ihr zu Füssen, »wie ist es denn möglich, einen so
grässlichen Treubruch zu begehen, weil man ein paar Worte von einem Priester
gehört hat!«
    »Ach, Orest, es sind ja Worte, die plötzlich dem Leben einen neuen Inhalt,
eine neue Bestimmung, ein neues Ziel geben! ich wusste ja nichts von der
gefallenen Natur, die durch die Sünde von dem höchsten Gut, von der ewigen
Liebe, der göttlichen Liebe getrennt ist; nichts von dem zärtlichen Erbarmen
Gottes, der dieser dahingesunkenen Menschheit Gnade schickt durch des
eingeborenen Sohnes Opfer im Leben, im Leiden, im Sterben - als Gott-Mensch, als
Erlöser; nichts von der Kirche, welche für alle Weltzeiten der Menschheit diese
Gnade vermitteln soll; nichts von der reinigenden und heiligenden Kraft seines
göttlichen Blutes in den Sakramenten; nichts von seiner beseligenden
eucharistischen Gegenwart; nichts von der Wonne des Opfers; nichts von der
Herrlichkeit der himmlischen Liebe; nichts von der Sünde, als Beleidigung
Gottes; nichts von der Tugend, als Verähnlichung mit Gott; nichts vom Leid, als
Nachfolge Gottes; nichts von Christus! Begraben in dem Kerker des Staubes
vegetierte meine Seele nach den Instinkten und für die Leidenschaften der
gefallenen Natur - und immense Kräfte hab' ich verschwendet, suchend,
versuchend, traurig, unbefriedigt, rastlos, ohne glücklich zu sein oder
glücklich zu machen. So haben Sie mich gekannt. Ich hatte keine Richtschnur, die
höher gelegen hätte, als mein Ich. Jeder glaubenslose Mensch ist sein eigener
Gesetzgeber - ganz logisch; der letzte Grund der hohen Gesetze, die das Opfer
des Ichs, die Selbstverläugnung, die Entsagung vorschreiben, ist in Gott - und
fallen weg, wenn der lebendige Glaube an ihn wegfällt. Ich wollte durchaus
glücklich sein. Ich hoffte es mit Ihnen zu werden. Achtung vor fremdem Recht,
wenn es meinen Egoismus beeinträchtigte, hatte ich nicht. Ich versprach. Ihre
Frau werden zu wollen, und ich versichere Sie, ich wollte es mit der äussersten
Entschiedenheit. Einen edlen Instinkt hatte ich .... zwischen vielen unedlen;
und das war meine Neigung zur Wahrheit. Nur wusste ich durchaus nicht, ob es denn
auch eine absolute objektive Wahrheit gebe, die unabhängig sei von allem
Menschenwitz. Sie ist mir aufgegangen wie eine übernatürliche Sonne, in deren
Licht ich mich selbst und das All zu erkennen beginne. Aus der Schattenwelt
meines Individualismus trete ich in den Tag der Offenbarung - aus meinem
subjektiven Denken und Meinen an die überwältigende Majestät der katolischen
Glaubenslehre heran; und da sollte mein Leben in seinem früheren Geleise
fortgehen.... gottbeleidigend, sündhaft, weltlich? da sollt' ich nicht suchen,
gemäss meiner Erkenntnis zu leben? da sollte meine Handlungsweise die Wahrheit
verläugnen, die mein Herz anbetet? Sie sehen wohl ein .... das ist unmöglich!
Die paar Worte, die ich von dem Priester gehört habe, sind keine anderen, als
die, welche vor achtzehnhundert Jahren die glaubenslose Welt zu Füssen des
Kreuzes niederwarfen.«
    »O sprich! .... sprich weiter! sprich noch mehr, Du angebetetes, Du
göttliches Geschöpf!« rief Orest. »Was Du sagst, verstehe ich! was Du glaubst,
will auch ich glauben, wohin Du gehst, folge ich Dir - aber mit Dir, Judit!
nicht ohne Dich. Mit Dir will ich in Deinen Himmel, zu Deinem Gott! Mit Dir ....
will ich vor dem Kreuz knien, das Du anbetest! Mit Dir .... soll kein Opfer mir
zu hoch, zu schwer sein! Aber Judit! ohne Dich - fahre die Welt zur Hölle ....
und ich zuerst. Weisst Du jetzt mehr von den Dingen der Ewigkeit als zuvor, so
wirst Du auch wissen, dass man einen Menschen, dem man Glück verheissen hat, nicht
in ewiges Elend stossen darf. Weisst Du mehr von einer höheren Liebe, so wirst Du
um desto bereitwilliger sein .... Opfer zu bringen .... ein geringes Opfer. Knie
vor dem Kreuz, bete Deinen Erlöser an; aber tue es als Protestantin! Da ist ja
für Dich, was Deinen Glauben betrifft, gar kein Unterschied; und Deine Liebe
bewegt sich in grösserer Freiheit, also in schönerer Entfaltung, denn sie
schliesst auch mich in ihren Kreis ein.«
    »Und Gott aus, teurer Orest!« sagte Judit. »O begreifen Sie denn nicht, dass
der Glaube seine Verpflichtungen nach sich zieht? Als Sie Soldat waren - genügte
es da etwa, dass Sie sagten: Ich diene meinem Kaiser! oder: Mein Kaiser ist der
grösste Kaiser der Welt! Keineswegs! Sie mussten Ihre Ergebenheit durch Gehorsam
und Hingebung äussern, und Blut und Leben für Ihren Kaiser in die Schanze
schlagen - und gerade da, wo Ihr Dienst es erheischte. Sie durften nicht sagen:
Vor den Mauern von Wien - oder in der ungarischen Pusta will ich ihm dienen;
nein! es musste geschehen in den Gefilden der Lombardei. Und dies Gesetz im
natürlichen Leben: Gehorsam dem höchsten Herrn; sollte im übernatürlichen nicht
gelten? Ich glaube, dass der Sohn Gottes für mich am Kreuz gestorben ist, um mich
auf dem Wege seiner Nachfolge zur ewigen Seligkeit zu führen, für die er mich
geschaffen hat. Glaube ich das, so muss ich mich den Lehren und Vorschriften
unterwerfen, die Er zu diesem Zweck gegeben hat. Verfehle ich mich aus Schwäche
oder unvollkommener Erkenntnis gegen sie: so findet die demütige, bussfertige
Reue Vergebung. Widersetzt sich aber mein Wille aus böser Leidenschaft seinen
Lehren und Geboten: so treib' ich Spott mit meinem Gott - und zwar einen ganz
anderen Spott, als wenn Sie etwa sagen würden: Ich liebe meinen Kaiser innigst,
und um ihm das zu beweisen, trete ich aus seinem Dienst und gehe zum türkischen
Sultan - der jetzt auch Krieg hat und schlage mich für dessen Sache; ein Spott,
der Sie entweder dem Irrenhause oder der allgemeinen Verachtung überweisen
würde. Nein, Orest, wir müssen Dem dienen, der unser rechtmässiger Herr ist. Da
nun zu den Glaubenslehren, die unser göttlicher Herr offenbart hat, auch die von
der Unauflöslichkeit der Ehe gehört: so müssen wir dieselben mit allen übrigen
Offenbarungslehren - entweder annehmen oder verwerfen. Ich nehme sie als ein
Ganzes an, wie das nicht anders sein kann, da sie aus Gott geboren, von Gott
gegeben ist. Was Sekten annehmen oder verwerfen, betrifft mich nicht! sie sind
Menschenwerk, und ich habe mit Gott zu tun. Widersprechen sie seiner Lehre, so
sind sie im Irrtum: das ist sonnenklar.«
    »Sonnenklar ist es,« rief Orest mit verzweiflungsvoller Geberde, »dass der
finstere Geist des Priestertums sich mit satanischer Schlauheit Ihrer
bemächtigt, Ihren Verstand umwölkt, Ihr Urteil umnebelt hat. Dem lichten Geist
der letzten Jahrhunderte, mit seiner Bildung, seiner Wissenschaft, war es
unmöglich, mit einer Lehre sich zu befremden, die in den dumpfen Hörsälen des
Mittelalters von der scholastischen Teologie ausgebrütet ist.«
    »Teurer Orest,« unterbrach Judit ihn lächelnd, »verlieren Sie sich nicht in
Florentins Phrasen und Floskeln. Sein Ingrimm gegen die katolische Kirche hat
nicht wenig dazu beigetragen, mich auf ihre Vortrefflichkeit aufmerksam zu
machen; denn das können Sie mir glauben: nicht um seiner - sondern um ihrer
Tugend willen hasst er die Kirche.«
    »Das weiss ich!« rief Orest.
    »Und doch leben Sie auf vertrautem Fuss mit ihm, gönnen ihm Einfluss!« sagte
Judit warnend.
    »Er ist ja auch Ihr Hausgenosse!«
    »Mein Gott!« erwiderte sie schmerzlich, »die jüdische Sängerin muss vorlieb
nehmen! Als Lelio sich bekehrte, verliess er mich; Leute von Florentins Schlag
aber drängen sich an mich! Übrigens habe ich nie dem armen Florentin - und zwar
zu seinem grössten Verdruss - auch nur den geringsten Einfluss zugestanden und
deshalb staune ich, dass Sie mit seinen hohlen Worten reden mögen. So unbewandert
in der Kulturgeschichte soll niemand sein, der auf Bildung Anspruch macht, um
nicht zu wissen, dass an der Lehre der katolischen Kirche Geister sich
entwickelt haben, die wie Titanen die Pygmäen der neueren Zeit überragen. Teurer
Orest! die Lehre, welche dem Genie eines Dante Grundlage und Nahrung gab -
welche seiner Wissenschaft von menschlichen und göttlichen Dingen nicht als
Beschränkung erschien: die Lehre wird der Entwickelung unserer geistigen
Fähigkeiten auch keinen Schaden tun. Ich bin weder betört, noch umgarnt. Ich
habe nur Das getan, was viele, viele Millionen vor mir getan haben: ich habe die
frohe Botschaft des Evangeliums angenommen. Diese Botschaft auszubreiten, ist
die heilige Sache des Lehramtes in der Kirche, das Christus gestiftet und ihm
die Verheissung gegeben hat, bei ihm zu sein alle Tage bis an's Ende der Welt -
und das jener Erzbekehrte meines Volkes, der Apostel Paulus: die Säule und
Grundfeste der Wahrheit nennt. Der Priester ist der gottgesandte Verkündiger des
Evangeliums.«
    »Also ein höheres Wesen, dem man blind zu vertrauen hat, nicht wahr?« fragte
Orest zitternd vor Zorn.
    »In Sachen des Glaubens hat man ihm zu vertrauen - ja,« entgegnete sie
ruhig.
    »Ist er jung oder alt .... Ihr Priester!« rief Orest, der sich um so weniger
mässigen konnte, als Judit sich nicht aus ihrer Gelassenheit bringen liess.
    Sie entgegnete mit der stillen Einfachheit, die eine Beleidigung gar nicht
an sich heran kommen lässt:
    »Der Priester ist der übernatürliche Mensch. Er hat kein Alter.«
    »O Schlange, die mir ausweicht!« brach Orest aus.
    »Genug!« rief Judit entschieden. »Lassen wir dies Gespräch fallen, teurer
Orest. Es kommt nicht auf Worte an, sondern auf die Tat. Gott zeigt mir meinen
Weg .... und der führt mich von Ihnen fort. Könnte ich mit meinem Blut die
Judit aus Ihrer Vergangenheit verwischen - so würde ich es mit Freuden
vergiessen! vielleicht nimmt der barmherzige Gott statt dessen meine Tränen an.
Unsere Trennung aber ist unerlässlich. Der Gatte einer anderen Frau kann nicht
der meine sein. Und wenn Sie zu einer akatolischen Sekte abfallen und sich nach
deren Prinzipien von Ihrer Gemahlin scheiden wollten: so könnte dadurch weder
die objektive Wahrheit der kirchlichen Lehre, noch meine Überzeugung die
Veränderung eines Atoms erleiden. Christus lehrt die Unauflöslichkeit der Ehe,
die Kirche ist nur sein Organ! In welcher zügellosen Empörung der bösesten
Leidenschaften, in welcher trostlosen Verkehrteit des Verstandes und Willens
muss sich ein Menschengeist befinden, um die Ehe aus der himmlischen
Gnadenordnung, die Christus ihr angewiesen hat, heraus zu reissen und sie zu
berauben der sakramentalischen Weihe, des edlen Purpurgewandes, das sein Blut
ihr gibt. Nein, Orest, wir wollen nicht zu diesen Unseligen gehören!«
    »Und Sie bilden sich wirklich ein,« fragte er mit finsterem Hohn, »dass die
Sache damit abgetan wäre?«
    »Keineswegs! für mich beginnt die Busse.«
    »Welch Gaukelspiel bezeichnen Sie mit diesem Wort?«
    »Die Umkehr der Seele zu Gott. Was ich verachtet habe, will ich lieben:
Gott. Was ich geliebt habe, will ich verachten: mich selbst.«
    »Judit!« rief er, immer von Neuem unter ihren Zauber zurückfallend, »Du
bist und bleibst ein göttliches Geschöpf!«
    »Das wird mir nicht leicht werden,« fuhr sie fort, ohne seinen Ausruf zu
beachten. »Ich habe mich sehr lieb gehabt - und gemäss dieser Liebe - hatte ich
mir die Zukunft ausgemalt. Das ist nun vorbei .... Sie dürfen mir glauben, meine
Busse wird kein Gaukelspiel sein.«
    Tränen traten in ihre Augen; aber sie schüttelte sie von den Wimpern und
rief: »Heil mir! ich darf das Kreuz umfangen!«
    »Nein!« rief Orest, »wirf es weg! es kostet Dir Tränen!«
    »Es hat meinem Erlöser sein Blut gekostet: ich behalte es ... und ich hoffe,
Orest, es kommt der Tag, wo auch Sie es annehmen werden.«
    Er hub bitter zu lachen an. Judit machte eine Bewegung, in den Salon zu
gehen. Er stürzte ihr in den Weg und rief:
    »Barmherzigkeit! verlass mich nicht .... nicht so plötzlich .... nicht
gleich! Versprich mir das!«
    »Ich verspreche nichts, Orest, ich weiss ja selbst noch gar nicht, was aus
mir wird.«
    »Ha!« rief er, »Du weisst es nicht - aber ein anderer wird es wissen ... Dein
Priester, nicht wahr? Der soll über Dich bestimmen, und Du, der Unabhängigsten
eine, willst ihm folgen, wie ein unmündiges Kind! Liebst Du ihn denn so
grenzenlos?«
    »Man muss gewiss eine grenzenlose Liebe zu Gott haben,« entgegnete sie sanft,
»um auf Kundgebung des göttlichen Willens zu harren, wenn man gerne einen
raschen Entschluss fassen möchte.«
    »Mich zu verlassen - schon heute - nicht wahr?« rief er in fürchterlicher
Aufregung.
    »Nein,« sagte sie, »heute nicht .... gewiss nicht. Und jetzt begleiten Sie
mich in den Salon.«
    Er folgte ihr. Aber er ging hindurch und zu Florentin.
 
                                   Die Taufe
Judit hatte an Lelio sagen lassen, sie wünsche am Nachmittag die Katakomben von
St. Sebastian in seiner Begleitung zu besuchen und sie werde ihn abholen. Um
zwei Uhr empfahlen sich die Leute, die bei ihr waren, und ihr Wagen fuhr in die
Einfahrt an die Treppe. Als sie mit Madame Miranes hinabgehen wollte, stürzte
Orest ihr aus Florentins Zimmer leichenblass und aufgeregt entgegen und rief:
    »Wohin, Judit? .... wohin?«
    »Nach den Katakomben. Wollen Sie uns nicht begleiten?« erwiderte Judit.
    »Nein, ich danke Ihnen! ich kann nicht! aber wann kommen Sie wieder?«
    »Gegen sechs Uhr, zur Essstunde.«
    »Gut!« sagte er und trat in Florentins Zimmer zurück.
    »Was fehlt dem Grafen Orestes? er sieht zum Erschrecken aus,« sagte Madame
Miranes.
    »O! er ist sehr zu beklagen!« seufzte Judit.
    Da Madame Miranes die unterirdischen Expeditionen, wie sie sie nannte, und
den Qualm der Pechfackeln verabscheute, so liess sie sich von ihrer Tochter zu
einer Bekannten bringen, so dass Judit zu ihrer grössten Freude mit Lelio allein
war und ihm ungestört alles mitteilen konnte, was seit gestern ihr begegnet war
und was sie unwiderstehlich zum Entschluss drängte.
    »Hab' ichs Ihnen nicht prophezeit!« rief er frohlockend; »durch das Auge der
Welt erkennen Sie die göttliche Wahrheit.«
    »Ja,« sagte Judit mit einem Anflug von Traurigkeit, der noch der gefallenen
Natur angehörte; »ja, die Erkenntnis des Göttlichen erheischt Bekenntnis. Kein
edles Herz verleugnet seine heiligsten Überzeugungen ... denn kein edles Herz
lügt. Aber Lelio, es kostet mich mein Erdenglück. Ich spreche das nicht gegen
Graf Orestes aus, denn er würde darauf fussen, um mich zu bestürmen - und das ist
vergeblich, also vermeid' ich es. Aber ich gestehe es, ich hab' mich so daran
gewöhnt, in ihm ein treues, zärtliches Herz zu besitzen und in der Verbindung
mit ihm die Befriedigung meiner Ansprüche an das Leben zu erhoffen, dass mir vor
dem Schuttaufen graut, in den die Erkenntnis der göttlichen Offenbarung mein
Schicksal verwandelt. Mir ist zu Sinn, als habe ein Wetterstrahl einen hohen
festen Turm zu Boden geschmettert.«
    »Den stolzen Turm irdisch-selbstischen Glückes; ja, Signora, das ist ganz
richtig und das zeigt uns an, dass wir ein anderes Glücksgebäude aufführen
sollen, als ein solches, welches zusammenbricht, wenn die Wahrheit in unseren
schwülen Horizont hinein wetterleuchtet. Den irdischen Schmerz werden Sie mit
Ihrem kräftigen, unter dem Kreuz sich heiligenden Herzen tapfer durchkämpfen und
in diesem Kampf zu der beseligenden Gewissheit gelangen, dass Befriedigung des
Herzens ohne Sünde, und Befriedigung der Vernunft ohne Irrtum hienieden nirgends
als in der christlichen Kirche gefunden werden kann. In dem Kampf stehen Sie
nicht allein! er ist keine Ausnahme; er ist allgemein gültiges Gesetz. Millionen
vor Ihnen, neben Ihnen, nach Ihnen bestehen ihn. Darum heisst die Kirche auf
Erden: die streitende. Sie streitet nicht bloss im allgemeinen gegen den Geist
des Irrtums, der Sünde und Verkehrteit auf jedem Gebiet der menschlichen
Vergesellschaftung, sondern jedes ihrer Kinder hat diesen Streit für seine
Person, oft bis aufs Blut, immer bis aufs Mark, fortzusetzen .... sobald es
nicht dem Siegespreis entsagt. Dieser Streit entwickelt heroische Tugenden,
bildet heroische Seelen, christliche Seelen, die mit Christus die Welt
überwinden, weil Christus in ihnen lebt, mit seinem Fleisch, mit seinem Blut,
und ihnen seine göttliche Natur mitgeteilt hat, indem er die menschliche Natur
annahm. Teure Judit, es ist nicht der Mühe wert, das Leben zu durchkämpfen,
wenn es auch nur wäre, um die Wonne zu kennen, dass wir uns nicht auf uns selbst,
sondern auf unseren göttlichen Kampfgenossen zu verlassen haben? O Judit! die
Menschen wollen immer so hoch hinaus und wollen immer die ganze Welt zu ihren
Füssen sehen; und auch Sie wollten es. O, wenn doch die Menschen die wahre
Erkenntnis ihrer Hoheit und das Bewusstsein ihres göttlichen Geschlechtes hätten,
dann würden sie in Wahrheit die Welt zu ihren Füssen - nämlich als etwas so
geringes sehen, dass ihre Freuden nicht eines Lächelns - ihre Schmerzen nicht
eine Träne wert sind. So haben es auch die Martyrer verstanden, die in den
Katakomben ruhen. Sie waren meistens im Heidentum aufgewachsen, oft in den
glücklichsten, glänzendsten Verhältnissen. Da rührte die Gnade ihr Herz an, sie
erkannten die Wahrheit, sie legten ihr Zeugnis für sie ab; und wo? auf der
Folterbank, auf dem Scheiterhaufen, vor den wilden Tieren. So stark waren sie in
dem Gott, an den sie glaubten, auf den sie hofften, den sie liebten.«
    »Ach Lelio!« rief Judit, »mir kommt die Welt zuweilen wie eine Arena voll
wilder Tiere vor und gewiss hat die christliche Seele in ihr manches Martyrium zu
bestehen, das der Siegespalme würdig ist.«
    »Gott Dank dafür!« sagte Lelio. »Es wäre ja sehr traurig, wenn uns die
Martyrer nichts übrig gelassen hätten.«
    Dann teilte er ihr mit, was Hyazint und Corona hinsichtlich der
Tauffeierlichkeit abgemacht hatten, und setzte hinzu, er werde sie in der Frühe
um vier Uhr abholen.
    »Aber heimlich! aber in aller Stille!« sprach Judit. »Ich weiss nicht warum
- allein ich schwebe in zitternder Angst, dass Graf Orest auf den Einfall kommen
könnte, meine Taufe zu hindern - mich gewaltsam fortzuschleppen.«
    »Solche Ängste hat man immer, wenn man der Erfüllung eines grossen Glückes,
eines heissersehnten Wunsches nahe ist,« erwiderte Lelio beruhigend. »Das
Menschenherz weiss instinktmässig, dass das Glück auf Erden äusserst flüchtig ist;
da fürchtet es denn leer auszugehen.«
    »Nein,« entgegnete Judit, »meine Angst entspringt aus Angst um Orest. Er
sieht das Sündhafte unseres Verhältnisses nicht ein; er fühlt sich tötlich
verletzt und bei seiner unbezähmbaren Leidenschaftlichkeit liegt es nahe, Rache
nehmen zu wollen. Möge sie mich treffen .... aber als Christin.«
    »Ah! Sie möchten auch Martyrin werden und wegen Ihres freudigen
Glaubensbekenntnisses Verfolgung und Tod zu leiden haben!« rief Lelio heiter.
»Seien Sie getrost, Judit: das Leid wird Ihnen nicht fehlen! dies prophezeie
ich abermals und mit grosser Sicherheit. Machen wir ernst mit Gott: so macht er
ernst mit uns. In dem Mass, wie wir ihn lieben, legt er uns Kreuze auf.«
    »Und meine Natur hat einen solchen Abscheu gegen das Leid!« rief sie.
    »Art der Natur überhaupt,« entgegnete Lelio gelassen, »und bleibt auch ihre
Art. Der heilige Johannes Chrysostomus bezeugt es, indem er schreibt: Die Gnade
ändert nicht unsere Natur, wohl aber unseren bösen Willen; er will Ihnen damit
sagen: Die Gnade gibt dir die Kraft, Gott zu lieben und durch diese Liebe den
Willen, das Kreuz - diesen Ausdruck für die Quintessenz jedes edlen Leidens -
demütig anzunehmen.«
    »Ich werde pünktlich um vier Uhr bereit sein,« sagte Judit; »aber Sie
dürfen nicht vorfahren, sondern lassen den Wagen in einiger Entfernung auf dem
Corso halten und kommen dann zu Fuss an die kleine Pforte, wo ich auf Sie warte.«
    »Diese Heimlichkeit hat ja in der Tat etwas Ähnlichkeit mit jener Zeit, wo
die heidnische Verfolgung wütete und wo die Christen sich zur Feier des
heiligsten Messopfers und zum Empfang der Sakramente bei nächtlicher Weile in den
Katakomben versammelten, ja sogar zeitweise in ihnen lebten. Die Verfolger
kannten weder die Ein- und Ausgänge dieses unterirdischen Labyrintes, noch die
Wege und Stege innerhalb desselben; und so wurden die Grabkammern der Toten
zugleich die Wohnstätte der Lebenden. Mancher, der in den Katakomben das Bad der
Wiedergeburt im Blut Jesu empfangen hatte, verliess sie nur, um in der Arena sein
Blut für das Bekenntnis eines Glaubens zu verspritzen, dessen höchste Gnade,
Vergebung der Sünden und Teilnahme am eucharistischen Opfer, ihm soeben geworden
war.«
    Sie durchwandelten die Katakomben, die sich unterhalb der Kirche von St.
Sebastian befinden - diese dunkeln, kellerhaften, unregelmässigen Gänge, die
zuweilen eng und niedrig, zuweilen breit und hoch fortlaufen, und in deren Wände
sich die zugemauerten Grabnischen der Christen befinden, welche diese
unzugängliche Stätte zu ihrem Dom und zu ihrem Gottesacker machen mussten, weil
die heidnische Welt sie nicht auf der Erde dulden wollte.
    »Wie ist es möglich, an der göttlichen Stiftung der Kirche zu zweifeln, wenn
man die Geschicke der ersten Jahrhunderte erwägt!« rief Judit, nachdem Lelio
ihr Einzelheiten über die Grausamkeit der Verfolgung und die Standhaftigkeit der
Martyrer mitgeteilt hatte. Was nur irgend zerstörend und auflösend wirkt: die
Macht des Trones, der Hass des Unglaubens, der Druck der Masse, die Verachtung
der sogenannten Gebildeten - alles wälzt sich auf sie und zwar mit den
gewalttätigsten und giftigsten Mitteln. Aber sie wich keiner Gewalt und jedes
Gift schied sie aus - und mit demselben Glauben, mit dem sie in die Katakomben
hineingegangen war, ging sie nach drei Jahrhunderten aus ihnen hervor. So etwas
ist ohne die Leitung des heiligen Geistes und ohne die Gründung auf eine
übernatürliche Basis ganz unmöglich. Mir däucht, es müsste sich jeder, der guten
Willens ist und diese Geschicke bedenkt, zu ihr bekehren; denn nur in ihr ist er
auch objektiv sicher, die Lehre zu besitzen, welche die ersten Christen geglaubt
haben, weil ein Lehrgebäude, das auf übernatürlichem Felsen ruht und vom
heiligen Geist in Unantastbarkeit erhalten wird, notwendig ein unfehlbares sein
muss - und das Unfehlbare ist ewig unveränderlich; während es doch ganz unmöglich
ist, von einem menschlichen Lehrsystem so etwas zu glauben oder zu behaupten.
Ich finde diese Unveränderlichkeit der Lehre in einer veränderlichen Welt, deren
Strömungen ja auch auf die menschlich-schwachen Glieder der sichtbaren Kirche
nicht ohne Einfluss sind - etwas so Göttliches, ein solches Wunder über alle
Wunder, eine solche Beglaubigung als himmlische Stiftung, dass ich eher
Florentins rohe Negation aller göttlichen Offenbarung begreife, als Orests
Vorschlag, eine Offenbarung ausserhalb der katolischen Kirche anzunehmen. Jener
sagt: es gibt keine objektive ewige Wahrheit, denn meine Sinne empfinden sie
nicht, und mein Verstand verwirft sie. Gut! das ist der Ausdruck der gefallenen
Natur in höchster Potenz, auf der äussersten Stufe der Brutalität. Aber Orest!
welche Verwirrung des Verstandes und Verirrung der Vernunft, um die ewige
Wahrheit irgendwo anders zu suchen oder zu glauben, als dort, wo der Welteiland
sie niedergelegt hat. Ach, Lelio! was wird aus Orest werden!«
    »Gram um unsere irrenden Brüder - das ist katolisch, teure Judit,«
entgegnete Lelio. »Den werden Sie nicht los bis zu Ihrem letzten Atemzug und
umso weniger, je mehr Sie die Kirche als Wunder aller Wunder Gottes erkennen und
in dem eucharistischen Christus, den sie liebend und anbetend im süssen
hochheiligen Opfer auf ihren Altären hegt, die Besiegelung dieses Wunders
umfassen. Die Kirche, die den eucharistischen Christus besitzt - ist die ewig
lebende Stiftung der göttlichen Liebe, denn ihr Mittelpunkt ist sein ewig
lebendiges, wahrhaft und wesenhaft gegenwärtiges Herz. Und weil sie das ist und
das hat, so ist sie - und nur sie! für alle Zeiten der Welt ihrer Fortdauer
gewiss und ihr - nur ihr! gehört die Zukunft an. Das wussten die alten
todesfreudigen Martyrer. Der eucharistische Christus war der Nerv ihres Lebens,
ihres Todes. Sie starben mit ihm für uns. Sie glaubten nicht im Stande zu sein,
die namenlosen Schrecknisse der vervielfältigten Folterqualen aushalten zu
können, wenn sie nicht zuvor mit ihm durch die heilige Kommunion sich vereinigt
hatten. Daher wendeten die Anverwandten und die Priester alle Mittel an, die
grössten Geldsummen auf, um in den Kerkern, wo die Verurteilten schmachteten, das
heilige Messopfer zu feiern und ihnen den Leib des Herrn zu spenden. Und wir,
Judit, wir ihre Nachfolger in der grausigen Arena der Welt, wie Sie sagen, wir
sollen ja auch Martyrer am Herzen werden, indem wir ihm durch die Flammen der
heiligen Liebe alles Ungöttliche und Irdische langsam, langsam, lebenslang
ausbrennen lassen. Wir sind ja auch Gefangene im Kerker des Leibes, Verurteilte
zum Tode, Verurteilte, die zuvor Meere von Trübsal und Drangsal durchschwimmen
müssen und immer Kopf und Herz höher behalten müssen, als ihre Wellen und
Fluten. Was gibt uns dazu den Nerv und den langen Atemzug? der eucharistische
Christus! Er bevölkerte die alte Welt mit Martyrern und die späteren Tage mit
Martyrern - immer mit der Art, die am meisten die Verherrlichung Gottes
förderte. Und so wird es bleiben bis zum Ende der Zeiten; denn die heilige
Liebe, Judit, ist ein Martertum und muss es sein, weil sie am Kreuz geboren ist
und vom Herzen Jesu sich nährt.«
    »Wie göttlich wird das Leben im Licht des Glaubens!« rief Judit entzückt.
Ihr zusammengekrümmtes, staubumwölktes Herz erhob sich gerade und frisch vor der
Gnadenluft, die vom göttlichen Opfer auf dem Altar sie anwehte. Jeder edle
Instinkt ihrer Seele und jeder hohe Aufflug ihres Geistes fand Mass, Schwung,
Ziel. »Ich habe,« fuhr sie fort, »nicht die leiseste Ahnung, wie sich mein
ferneres Leben gestalten und auf welchem Punkt unseres Erdballs ich mein Zelt
aufschlagen werde; ich muss brechen mit meinen Freunden und Freuden, mit meinen
Beschäftigungen, ja, mit meinem Talent, damit ich tot für Orest sei; aber ich
weiss eines: der grässliche Druck ist von meinem Herzen genommen, unter dem ich
erlag, der sich unter allen Formen und Gestalten auf mich wälzte, den Stempel
des Todes auf alle Erscheinungen prägte und der in dem Gedanken liegt: ich finde
nichts, was der Mühe des Lebens wert ist! Ich glaube, Lelio! und nun kann ich
leben!«
    Er fragte sie, ob sie gesonnen sei, den Vorschlag der Oberin anzunehmen und
in Trinità dei Monti zu bleiben. Sie antwortete:
    »O hätte ich jemand, der sich ausserhalb all meiner tumultuarischen
Verhältnisse befände und gleichsam von Oben herab in sie hineinblickte und zu
mir spräche, wie von Oben herab: dem wollte ich folgen! Ich bin bis jetzt immer
sehr schnell zu irgend einem Entschluss gekommen. Ich ging nur mit mir selbst zu
Rat, und je nachdem eine Sache mir zusagte oder nicht, entschied ich mich für
oder gegen sie. Allein wenn ich bedenke, wohin ich auf diese Weise geraten bin
und dass unser höchstes Opfer darin besteht, unseren egoistischen Eigenwillen zu
opfern: so sehne ich mich nach erleuchteten Ratschlägen, die mich über das
Richtige und das Beste aufklären und denen ich vertrauend folgen dürfte.«
    »So heiligt man sich!« erwiderte Lelio. »Ja, das Leben im Licht des Glaubens
ist göttlich, Judit! doch nicht, weil es unserem Geist göttliche Geheimnisse zu
betrachten gibt, nicht, weil es unser Herz durch göttliche Gefühle beflügelte;
das alles ist Genuss, Heiligung nicht! sondern weil es uns gottähnlich machen und
in all die Tugenden einführen soll, die der Gottmensch von Betlehem bis
Kalvaria geübt hat und die sich in dem einen Wort zusammendrängen: demütiger
Gehorsam .... Gehorsam aus Liebe! Dies himmlische Wort will die Welt nicht
verstehen. Das ist ihre Krankheit, ist die tiefe Wunde, an der sie ihre besten
Kräfte verliert: sie will nicht gehorchen, keiner Autorität, keinem Gesetz. Der
Grund, weshalb die heilige Kirche so viel Feinde und Gegner hat, ist freilich
zuerst die Heiligkeit ihrer Lehre und ihre Bestimmung, die Seelen zur Heiligkeit
zu führen; allein der nächste Grund ist: Abneigung gegen den Gehorsam, die in
Folge einer verkehrten, auf materialistischen Grundsätzen beruhenden Erziehung,
unsere Welt von oben bis unten zerwühlt und verstört. Die Kirche aber lehrt
unermüdlich Ehrfurcht vor rechtmässiger Autorität - und muss es tun, weil Christus
es getan hat, als er sprach: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott was
Gottes ist. Heutzutage hat weder Kaiser noch König den Mut, zu den Völkern zu
sagen: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist. Die revolutionären Bewegungen, die
seit einigen Generationen Europa erschüttern, und fort und fort vom Partei-und
Faktionsgeist aufgestachelt und angespornt werden, haben eine solche Hefe von
Unbotmässigkeit in der Gesellschaft zurückgelassen, dass Kaiser und König nur mit
vielen Umschweifen und unter mancherlei Schmeicheleien zu verstehen geben: die
rechtmässige Herrschaft sei zu respektieren - Schmeichelei, für welche sich der
eine und andere durch Gewalttat, Heuchelei und Tyrannei zu entschädigen weiss.
Immer müssen sie darauf gefasst sein, dass die Revolution, trotz aller Vorsicht,
ihnen antworte. Nun kommt die Kirche und sagt zu diesem unbotmässigen Geschlecht,
das Kaiser und König einschüchtert, höchst bestimmt und ohne alle Verbrämung:
Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, nämlich Gehorsam; das ist euere
Schuldigkeit; und sagt weiter, zu Fürsten und Völkern, als eine Erläuterung
dieses Gebotes: Und gebt Gott, was Gottes ist! Sie fürchtet sich nicht vor
Hohnlachen und Achselzucken, nicht vor Steinwürfen, Dolchstichen,
Höllenmaschinen, Revolutionen. Sie hat ihre Vorschule hier in den Katakomben
gemacht. Sie spricht, nach dem Ausdruck der heiligen Schrift, wie jemand, der
Gewalt hat; und ich weiss es ja leider! aus Erfahrung: die ruhige Würde, welche
dies Bewusstsein gibt und welche charakteristisch für das Wesen der Kirche ist,
flösst dem Revolutionär einen namenlosen Ingrimm ein, denn mit denjenigen
irdischen Majestäten, die sich seinem Wunsch gefügt und Szepter und Krone, ihm
zu Lieb', nicht mehr von Gottes Gnaden haben, hofft er recht bald fertig zu
werden. Aber ob mit dieser geistigen Majestät, die von Gottes Gnaden den
heiligen Hirtenstab führt - das ist ihm im Grunde seines Herzens höchst
zweifelhaft; und wenn er ihren Untergang so laut ausposaunt, wie wir das
erleben: so tut er das hauptsächlich, um sich selbst in seinen Hoffnungen zu
bestärken. Der Gehorsam ist ein ewiges Gesetz für jede gute Erziehung.
Eivilisation ist die gute Erziehung der menschlichen Gesellschaft; folglich
bedarf auch sie jenes ewigen Gesetzes und der Ausübung desselben. Da nun die
Kirche, und sie allein! es aufrecht hält, so ist sie die Bannerträgerin, welcher
die Civilisation folgt - wie sie das genügend bewiesen hat, seitdem sie die
Katakomben verliess - und ihren Feinden bleibt nichts übrig, als sich in Taten
und Worten des Hasses zu erschöpfen. Ihre Feinde sind alle, welche jenem ewigen
Gesetz nicht gehorchen wollen, nicht das Leben in der Zeit als eine Erziehung
für das ewige Leben betrachten wollen. Auf dem Punkt steht der arme Graf
Orestes. Dass Sie, Judit, aus allen Elementen der Rebellion und der
Gegnerschaft, in Ihnen und um Sie, heraustreten - und dass Sie das süsse Joch des
Gehorsams aus Liebe frei annehmen, beweist einmal wieder, wie keine Seele ihr zu
fern, zu fremd, zu empörerisch, zu unbändig ist, um nicht ein Reis des
himmlischen Ölbaumes, Christus, auf diesen Wildling zu verpflanzen.«
    »So wird man ein Christusträger; nun verstehe ich es,« sagte Judit.
    »Wir nennen es Kreuzträger,« entgegnete Lelio lächelnd. »In der Kreuztragung
erscheint Christus uns am leidenvollsten und am demütigsten. Es ist billig, dass
die dankbare Liebe sich ihm in dieser Gestalt verähnliche.«
    »Wie schön ist das Kreuz!« rief Judit; »es setzt einen Dämpfer auf das
Instrument unserer Seele, damit alle Töne in Milde zusammen- und dahinfliessen.«
    »Ja, ja! das Kreuz ist ein vortreffliches Werkzeug der Abtötung!« rief
Lelio. »Kann auch nicht anders sein, da Gott selbst es dazu erfunden hat.« - -
    Judit ahnte, dass das christliche Leben neue Horizonte vor ihr entrollen
werde. Sie freute sich, gerade am Vorabende der hehren Feier, welche sie dem
mystischen Leib Christi einverleiben sollte, in den Katakomben gewesen zu sein.
    »Möchte ich hier die Liebe der Martyrer eingeatmet haben,« sagte sie, als
sie die erhabene Stätte verliessen.
    Am Abend waren sehr viele Menschen bei ihr. Das war ihr lieb! nun brauchte
sie nicht viel zu sprechen. Doch nahm sie sich zusammen, um sich nicht allzu
sehr ihren Gedanken hinzugeben, denn Orest beobachtete sie scharf. Er sah
finster wie die Nacht aus und fieberhafte Unruhe gab sich in seinem Äussern kund.
Als man um Mitternacht auseinanderging, wollte Judit auch Orest entlassen, aber
er sagte:
    »Ich bitte um einen Augenblick Gehör, Judit, und um Beantwortung einiger
Fragen.«
    Sie neigte zustimmend ihr schönes Haupt.
    »Werden Sie heute wieder eine nächtliche Exkursion machen?« fragte er.
    »Da Sie, wie es scheint, Florentin als Spion brauchen,« sagte sie kalt,
eingedenk ihrer Begegnung, »so hätte er Ihnen mitteilen müssen, dass ich um
sieben Uhr ausgegangen und um acht Uhr heimgekehrt bin.«
    Orest freute sich, trotz Florentins hämischen Warnungen, über diese
Auskunft. Er konnte es nicht lassen, an Judits Aufrichtigkeit zu glauben. Er
fragte weiter:
    »Werden Sie meinen Bitten Gehör geben und sich nach einem akatolischen
Ritus taufen lassen?«
    »Nein.«
    »Warum nicht?«
    »Weil Christus, der Erlöser, in der katolischen Kirche ist und ich ihn
nicht verleugnen kann.«
    »Und wir sollten getrennt werden?«
    »Gott will es.«
    »Der Priester will es!« fuhr Orest mit einem schneidenden Lachen auf.
    »Hat je ein Mensch meinen Willen bestimmt?« fragte sie kalt.
    »Welche Pläne für die Zukunft haben Sie?«
    »Gar keine.«
    »Und das soll man glauben?«
    Judit schwieg. Orest wiederholte nach einer Pause:
    »Und das soll ich glauben?«
    »Das hängt von Ihnen ab. Ich sage die Wahrheit.«
    »Werden Sie mir zu entfliehen suchen?«
    »Ich bin nicht Ihre Gefangene, dass ich wüsste! Aber es wird gut sein, dass
sich ein Stückchen Land oder Meer zwischen uns lege.«
    »Denken Sie nur nicht an heimliche Flucht!« drohte er.
    »O,« seufzte sie aus tiefster Brust, »ich denke an nichts, als das Gewand
der heiligmachenden Gnade in der Taufe für meine Seele zu erwerben!«
    »Also Sie denken nicht daran, sich heute oder morgen auf die Flucht zu
begeben?«
    Judit besann sich und sagte: »Nein.« Es schien ihr am geratensten,
vorderhand in Trinità dei Monti zu bleiben.
    »Also noch ein paar Tage der Hoffnung!« rief Orest. »Schweige!« setzte er
hinzu, als sie eine verneinende Bewegung machte; »o schweige! so lange ich Dich
sehe, hoffe ich.« - -
    Er ging zu Florentin, teilte ihm das lakonische Gespräch mit und sagte
zuletzt:
    »Sie hat also noch keinen Plan für die Zukunft; das tröstet mich. Vielleicht
kann ich sie dennoch gewinnen.«
    »Du bist einzig mit Deinem hyperkindlichen Vertrauen!« rief Florentin, der
ausser sich vor Erbitterung bei dem Gedanken war, dass seine zwiefachen Hoffnungen
als Demokrat und freier Denker an Judits Übertritt zur katolischen Kirche
scheitern sollten. »Kennst Du denn nicht die Art der Frauen? sie lügen nicht und
sagen Dir doch nicht die Wahrheit, die Du wissen willst.«
    »Deine Erfahrungen mögen Dich zu dieser Behauptung drängen,« entgegnete
Orest verächtlich. »Judit ist anders.«
    »Judit ist ebenso!« sagte Florentin mit kaltem Cynismus. Er war sittlich so
tief gesunken, dass er jeden Glauben an edle Gesinnung und reine Absicht verloren
hatte. »Judit hat keinen Plan für ihre Zuknuft gemacht - versichert sie Dir.
Gut! es mag sein. Aber sei fest überzeugt: der Priester - natürlich ist es ein
Jesuit! hat längst seinen Plan gemacht und darauf muss sie eingehen, die
Unglückliche! Dazu wird sie durch die Tortur der Beicht gezwungen.«
    »Mit dem Unsinn bleib' mir vom Halse!« rief Orest. »Ich gehe nicht zur
Beicht, weil ich nicht will. Aber Tortur und Zwang in sie hineinzulügen ist über
allemassen dumm und lächerrlich. Mit solchen Behauptungen kannst Du nur im
Feuilleton schlechter Zeitungen Glück machen.«
    »Hat Judit nicht gesagt, es sei der Wille Gottes, dass Ihr euch trenntet? -
oder ähnliche Floskeln?« fragte Florentin äusserst gleichgültig gegen Orests
Vorwurf, da er zu gemein geworden war, um noch Schamgefühl zu besitzen.
    »Das hat sie.«
    »Da nun Gott unmöglich in höchsteigener Person ihr diesen Willen
ausgesprochen haben kann, so muss es ja der verruchte Jesuit gewesen sein; denn
sonst redet ja niemand in diesem Sinn zu ihr. Und da sie entschlossen ist zu
dieser Trennung, so musst Du doch einsehen, dass der Jesuit mehr Macht über sie
hat, als Du, trotz Deiner langen, glühenden, treuen Liebe. Es ist entsetzlich,
dies Reich der Unterwelt in das schöne frische Leben eindringen zu sehen!«
    »Es ist entsetzlich!« rief Orest, in seine Verzweiflung zurückfallend;
»schauderhaft und entsetzlich!«
    »Ist es noch möglich, die herrliche Judit für Dich zu retten, so reisse sie
um jeden Preis von jenem Jesuiten los. Schiess Dich mit ihm, schlage Dich mit ihm
auf Tod und Leben ....« -
    »Ah! mit Wonne!« rief Orest feurig. »Aber tut das ein Jesuit?«
    »Versteht sich - wenn man ihm gründlich zu Leibe geht.«
    »Ah! ich schöpfe Atem, ich lebe auf! ein Pistolenduell! der blosse Gedanke
schon erfrischt mein Herz. Ja, Florentin, so soll es sein: ich rette Judit! Das
war ein guter Rat, alter Freund!«
    Mit traulichem Händedruck schieden sie. Orest ging ins Hotel Meloni.
Florentin rief Gaetano herbei, der sich als eine Art von allgemeinem Diener
aller Bewohner des Palastes in irgend einer Bodenkammer angesiedelt hatte, mit
Florentin aber schon seit den Revolutionsjahren her bekannt war. Florentin legte
ein Goldstück auf den Tisch und sagte:
    »Gaetano! zu welcher Stunde es auch sei, dass die Sigonra den Palast
verlassen sollte, Du gehst ihr nach und bringst mir dann schleunigst Nachricht.
Benimmst Du Dich klug, so erhältst Du dieses Goldstück.« Gaetano antwortete nur
mit einem verschlagenen Blick und ging auf seinen Posten. -
    Judit sagte zu ihrer Kammerfrau, als sie dieselbe entliess:
    »Ich muss in aller Frühe ausgehen, Fanny! Holen Sie mir den Schlüssel zur
kleinen Pforte vom Portier und sagen Sie ihm zur Beruhigung, ich würde den
Schlüssel nicht aus meinen Händen geben. Ich werde Sie nicht wecken, sondern
mich allein ankleiden.«
    Fanny erfüllte ihren Auftrag, zog sich zurück und Judit war allein. Obzwar
sie auch die vorige Nacht durchwacht hatte, so war sie in einer viel zu
lebhaften geistigen Spannung, um körperliche Ermüdung zu empfinden. Auf der
Schwelle der Wiedergeburt ihrer Seele trat sie so nahe an das übernatürliche
Leben heran, dass dessen Kräfte ihr leibliches Leben überwogen. Wie eine Selige
fühlt sie nicht dessen Druck. Sie versank in eine unaussprechliche Dankesfülle
für die wunderbare Gnade, welche sie, die Jüdin, die Teatersängerin, das
Weltkind, den zweifelnden Geist - ergriffen, und über eine Welt von Hemmnissen
hinweg, gleichsam auf einen anderen Stern versetzt habe, auf welchem die Gesetze
der heiligen Liebe herrschten. Sie ruhte so innig in der Gnade, dass sie auf
Orest's Bekehrung und ein still glückliches Familienleben für diese holde Corona
hoffte. Als die Stunde näher kam, kleidete sie sich bräutlich und festlich in
weisse Seide, und einen Schleier von schwarzen Spitzen warf sie verhüllend um
Haar und Schultern. Regina's Rosenkranz schlang sie als Armband um und küsste
zärtlich das kleine Kruzifix, dies Zeichen der Gnade, des Heiles, der
Versöhnung, unter das sie sich flüchtete, um es dann in ihr Herz aufzunehmen.
Was Hyazint von den ersten Christen gesagt hatte: »Begraben mit Christus!« das
klang durch ihre Seele. Es kann nicht anders sein, sprach sie zu sich selbst;
wer das Geheimnis der Erlösung erfasst hat - nicht in seiner Tiefe und Grösse,
denn das vermag kein geschaffener Geist! aber nach dem Mass seiner Erkenntnis;
für den muss es heissen: Liebe um Liebe, Opfer um Opfer, Kreuz um Kreuz. Gegenüber
einer Gottesliebe! die der menschlichen Natur eine himmlische Würde und
Bestimmung gibt, um durch solche Gaben ihr Herz in den Himmel zu ziehen: da kann
der Mensch, dem das Licht des Glaubens in der Seele sagt, nicht in seiner
Selbstsucht und in seinen Leidenschaften bleiben. Er muss sie zu überwinden
suchen, sie müssen absterben - am Kreuz. So wird er mit Christus gekreuzigt und
begraben, um in übernatürlicher Weise mit Christus zu leben. - -
    Durch die Totenstille der ersten Frühe hörte Judit einen Wagen kommen. Sie
sah nach der Uhr: es war gleich vier. Der Triumphzug meines Lebens beginnt, mit
dir, für dich, zu dir, mein Erlöser! mein Herr und mein Gott! frohlockte ihr
Herz. Sie hüllte sich in einen dunkeln Mantel, zündete einen kleinen
Handleuchter an, nahm den Schlüssel und verliess ihr Zimmer. Als sie durch das
ihrer Kammerfrau ging, sagte sie zu Fanny, die schlaftrunken auffuhr:
    »Schlafen Sie ruhig fort: in einigen Stunden bin ich wieder da.«
    Dann ging sie die Treppe hinab der kleinen Tür zu, hörte ausserhalb ein
leises Husten, schloss auf, fand Lelio und ging mit ihm durch das Seitengässchen
dem Wagen zu, der in einiger Entfernung vom Palast auf dem Korso hielt. Sie
stiegen ein und fuhren gen Trinità dei Monti. Mit ihnen, auf dem Lakaiensitz -
fuhr Gaetano.
    Er hatte gut aufgepasst! Als er das ferne Wagenrollen hörte, spitzte er die
Ohren, und als er in Judit's Zimmern Türen sich öffnen und schliessen hörte,
verliess er seinen Wachposten auf der kleinen Treppe, um sich hinter einen
Pfeiler des inneren Hofes zu stellen, indem er das Licht in seiner Blendlaterne
verdunkelte. Kaum sah er Judit die Treppe hinabgehen und den Weg zur kleinen
Tür einschlagen, so sprang er mit katzenhafter Behendigkeit und schnell die
Umstände im Zusammenhang auffassend, in die Portierloge, ergriff den Schlüssel
zum grossen Eingang, schloss mit gewandter Behutsamkeit auf und wieder zu, und
erreichte früher als Judit den Platz, wo der Wagen hielt Da drängte er sich in
den Schatten einer vorspringenden Säule, und erst als der Wagen dahinrollte,
sprang Gaetano ihn nach und schwang sich hinten auf. - -
    Als es vier Uhr schlug, trat Hyazint in der Kirche Santa Maria dell' anime
zum Altar, um das heilige Messopfer darzubringen. Er war so erschüttert und
bewegt durch die verschiedenen Ereignisse, die in seiner Familie zusammentrafen,
und die doch so scharfe Gegensätze bildeten, dass auch er wenig Schlaf gefunden
hatte. Onkel Levin's und Regina's Tod gingen ihm schneidend durch's Herz. Ihnen
hatte er auf Erden am nächsten gestanden; mit Regina's und an Levin's Seele
hatte sich seine Seele entwickelt; Regina's Entschluss hatte den seinen gereift
und über jede Schwankung und jedes Bedenken hinweg gehoben; Levin's Vorbild zog
ihn tief und immer tiefer in das geistliche Leben hinein. Mit ihr betrat er die
Tempelschwelle und mit ihm wandelte er zum innersten Heiligtum. Und jetzt waren
Beide auf einmal von der Erde verschwunden! das geistige Band, das ihn mit
Beiden verknüpfte, war so innig, dass ihm zu Sinn war, als müsse er ihr seliges
Leben auf Erden führen - aber selig, wie der Mensch selig sein kann: nicht in
den Wonnen und Freuden der überströmenden Liebe, sondern in ihren heissesten
Opfern. Mehr denn je fühlte er sich entflammt zur unbedingten Hingebung seines
Herzens, seiner Seele, seines Wesens an die leisesten Bewegungen der Gnade, und
er flehte zu Gott, dass dieser himmlische Gnadenhauch ihn ebenso zu Orest wie zu
Judit leiten möge. Dass Orest's Leidenschaft durch Judit's Verlust weder
gebrochen noch besiegt sei, war für Hyazint ganz klar. War es nicht schon ein
Gnadenwunder, dass Judit zur Erkenntnis kam! es konnte sich um so weniger
sogleich für Orest wiederholen, als Beide einen ganz verschiedenen Standpunkt
einnahmen. Sie war unwissend über die Dinge des Heiles; er verschmähte sie - und
dieselbe Offenbarung, welche Judit bis in's Herz hinein erschütterte,
verleugnete Orest. Ach, und welcher Trotz, welche unsinnige Erbitterung gegen
die Kirche liess sich von Orest's zügelloser Aufregung gerade jetzt erwarten, da
die Leidenschaft ihm immer vorspiegeln werde, die katolische Kirche habe ihm
Judit geraubt. Sie war gerettet - aber er! aber er! seufzte Hyazint; wie ist
sein Herz zu schmelzen, wie ist sein Wille geschmeidig zu machen? was wird ihn
zur Reue bringen? was mit Gott versöhnen? ach, er schwebt in solcher Gefahr
einer immer wachsenden Verfinsterung durch Leidenschaft zu verfallen, dass sein
nächster Schritt ihn in den Abgrund stürzen kann. O, dass er gerettet werde! dass
die Finsternis von ihm weiche! dass er nicht in seinen Sünden dahin taumele, eine
Beute des Bösen. O, dass ich mein Leben für ihn hingeben, mein Blut für ihn
vergiessen dürfte - welch' seliges Opfer wäre das! Er beschloss sogleich nach
Judit's Taufe mit Orest zu sprechen, und damit der heilige Geist ihm das rechte
Wort auf die Lippen legen, und keine sündige Unvollkommenheit von seiner Seite
die Gnadenwirkung hemmen möge, empfing er mit grösster Andacht das heilige
Sakrament der Busse. Jeden Fehltritt, jede Schwachheit, jede irdische Regung, die
seine zarte Gewissenhaftigkeit ihm als Versündigung gegen die göttliche Liebe
vorführte - jede Unvollkommenheit in der Ausübung seines Amtes und jede
Aufwallung von Ermüdung in seinem Beruf, wodurch er fürchtete, den heiligen
Geist betrübt zu haben: Alles fasste er in demütiger, reuevoller Anklage zusammen
und badete seine Seele fleckenrein in der reinigenden Kraft des Blutes Jesu,
welche das Sakrament der Busse vermittelt. Und so erneuert im Geist und »angetan
mit weissem Kleide, gewaschen im Blut des Lammes,« - trat er zum Altar, um die
heiligsten Geheimnisse zu feiern, um die Gnaden des ewigen Opfers den beiden
Seelen zuzuwenden, die ihm so nahe standen, und um sich selbst durch die heilige
Kommunion zu einem nicht ganz unwürdigen Werkzeug der Vermittlung dieser Gnaden
zu machen. Es war niemand in der Kirche ausser Hyazint's Beichtvater. Als dieser
ihn vom Altar herabsteigen und zur Danksagung nach der Messe niederknieen sah,
konnte er sich des Gedankens aus der Offenbarung nicht erwehren: Das ist einer
von denen, die mit göttlichem Namen bezeichnet sind, die das Lied der
Auserwählten singen und dem Lamm folgen werden, wohin immer es geht.
Verabgründet in die selige Vereinigung mit seinem Gott, mit dem Liebhaber und
Erlöser der Seelen, verharrte Hyazint im Gebet, bis Lelio's Wagen vorfuhr und
ihn abholte.
    Während hier die Engel wachten, schlief auch der böse Feind nicht.
    Ein taktmässiges Klopfen an seine Tür weckte Florentin, der sogleich rief:
    »Gaetano herein!«
    Dieser kam atemlos zurück, erzählte die Begebenheit und sagte schliesslich:
    »Vor Trinità dei Monti hielten wir. Da stieg die Signora aus und der Herr,
der ihr dabei behülflich war, sprach: Um fünf Uhr bringe ich den Herrn Abbate
her. Sie ging in die Pforte, die sich schon geöffnet hatte; er fuhr weiter und
ich sprang die spanische Treppe hinab - und da bin ich!«
    »Begleite mich in's Hotel Meloni,« sagte Florentin, der sich inzwischen
angekleidet hatte.
    Sie eilten fort. Nach einer Weile fragte Florentin:
    »Gaetano, hat der Begleiter der Signora wirklich gesagt: Ich bringe den
Abbate?«
    »Sollte er etwas anderes gesagt haben, Signor?«
    »Hat er nicht vielleicht gesagt: den Jesuiten?«
    »Kann sein, Signor! ist nicht unmöglich. Abbate - Padre - das verwechselt
man .... im Finstern.« -
    Kraft dieser Verwechselung .... im Finstern, trat Florentin in Orest's
Zimmer und rief:
    »Auf, auf! Judit ist so eben einer Zusammenkunft mit ihrem Jesuiten
entgegen gefahren. Willst Du sie verhindern, so komm'! komm'! komm'!«
    »Ha, die Schlange! und ich glaubte ihr!« rief knirschend vor Wut und
Verzweiflung Orest.
    »Lehre Du mich die Weiber kennen!« höhnte Florentin.
    »Wo ist sie?«
    »In einem Nonnenkloster - wie sich das von selbst für dergleichen
Zusammenkünfte passt.«
    »In einem Kloster!« rief Orest stutzend.
    »Nun ja freilich! das Institut vom Sacre-Coeur ist ja eine
Jesuitenerfindung, um die Frauen aus der grossen und vornehmen - und aus der
reichen und vornehmseinwollenden Welt in ihre Schlingen zu bekommen. Dies ist
vermutlich der Beichtvater von Trinità dei Monti. Dem muss man schon etwas zu
Gefallen tun! .... eine Hand wäscht die andere.«
    In diesem giftigen Ton, falsche und willkürliche Annahmen als
unbestreitbare, anerkannte Wahrheiten hinstellend und ihnen Folgerung und Schluss
gebend, welche der Gemeinheit und Bosheit der Erfindung entsprachen - redete
Florentin fort und stachelte damit Orest's Leidenschaft zur wildesten Eifersucht
auf. Als dieser nach seinem Pistolenkästchen griff, sagte Florentin mit
einschneidender Parodie:
    »Vorwärts, vorwärts, Don Orestes - Deine Ehre ist verloren! Vorwärts,
vorwärts, stolzer Cid.«
    »Noch nicht verloren! wo find' ich ihn! er soll mir Rede stehen!« sagte
Orest mit bebender Stimme.
    »Um fünf Uhr wird er zu Trinità dei Monti erwartet. Da müssen wir Schildwach
stehen, und wenn er kommt« ..... - -
    »Ihn zwingen, in seinem eigenen Wagen mit mir in die Campagna hinaus zu
fahren, und mir mit dem Pistol Rechenschaft zu geben!« rief Orest.
    Sie stürmten den Monte Pincio hinauf, durch die tiefe Dunkelheit, die durch
spärliche Reverbere mehr hervorgehoben, als eigentlich beleuchtet wurde. Überdas
war ein feuchter Nebel in der Luft, der alle Gegenstände umhüllte und die
Umrisse verwischte.
    »Wenn wir nur nicht zu spät ankommen,« sagte Orest, als sie am Ziele waren.
Seine Aufregung war so heftig, dass er vom Scheitel bis zur Sohle zitterte, und
sich an die Mauer lehnte, um Atem zu schöpfen.
    »Ruhig, ruhig!« sagte Florentin; »es fehlt noch ein Viertel an fünf Uhr. Er
entgeht Deiner Rache nicht.« -
    Draussen das Toben der Hölle, drinnen der Vorschmack des Himmels! Die Oberin
und Corona empfingen Judit mit der Freude, welche auch die Seligen empfinden:
Freude über eine gerettete Seele, die dereinst vor dem Trone Gottes in alle
Ewigkeit seine Barmherzigkeit preisen und die Kraft des Blutes Jesu
verherrlichen wird. Strahlend von dieser Freude, hatte Corona ihre ganze
Schönheit und Jugend wiedergefunden. Sie war prächtig gekleidet, in
glänzendweisse Seide, umwallt von Spitzen, überrieselt mit funkelnden Diamanten -
wie man eben gekleidet zu sein pflegt, wenn man die heilige Ehre hat, ein
Taufgelübde auszusprechen, dessen Erfüllung einer unsterblichen Seele zum ewigen
Leben verhilft. Hier sprach freilich Judit selbst es aus; aber gerade dieser
Umstand machte die Feier noch rührender.
    »Die himmlischen Heerscharen schauen frohlockend auf Sie herab - und unsere
Regina und Onkel Levin,« sagte Corona, indem sie Judit freudig umarmte; »heute
ist ein grosser Festtag da droben.«
    Neben der ernsten Judit mit ihrer tragischen Schönheit, stand Corona in
ihrer zarten Lieblichkeit, wie der Schutzengel, der ein edles Menschenbild
umschwebt. Und so sprachen sie auch zusammen: Judit voll tiefer Sehnsucht nach
dem Frieden der Erlösung; Corona aus dem stillen Frieden heraus, den die
demütige Kreuztragung verleiht.
    Da fuhr ein Wagen heran. Beide riefen:
    »Er kommt!«
    »Ha, da kommt er!« rief auch Orest. »Ich zwing' ihn gleich, mit mir
fortzufahren!«
    Er riss die Pistolen aus dem Kasten und stürzte zur Klosterpforte. Der Wagen
hielt, Hyazint sprang heraus und Orest ihm entgegen, indem er rief:
    »Nicht herein! fort mit mir! auf der Stelle fort.«
    Als Hyazint die Stimme seines Bruders erkannte, glaubte er, dass dieser
Judits Taufe verhindern wolle, und ahnungslos über dessen eigentliche Absicht,
stiess er ihn mit eisernem Arm zurück und wollte der Pforte zuspringen, welche
eben von inwendig aufgeschlossen wurde. Als Orest das hörte und nun fürchtete,
sein Todfeind werde ihm feig entfliehen, warf er sich ihm in den Weg, und mit
dem wütenden Aufschrei:
    »So stirb, Du Elender!« drückte er die Pistole auf ihn ab.
    Hyazint sank zu Boden und seufzte: »Jesus Maria!«
    In demselben Augenblick rief Lelio:
    »Graf Orest, es ist Ihr Bruder!«
    Und da die erschreckte Pförtnerin nicht öffnete, setzte er hinzu laut
rufend:
    »Licht! um Gottes Barmherzigkeit! Licht!«
    Sie öffnete. Der volle Strahl ihres Lichtes fiel auf Hyazint, der lang
ausgestreckt am Boden lag. »Hyazint! Hyazint!« schrie Orest mit heiserer
Stimme und irrem Blick.
    »Er ist tot!« sagte Lelio, der neben dem Entseelten kniete.
    »Hyazint .... vergib mir .... mein Gott!« stammelte Orest, setzte die
Pistole in den Mund, drückte ab und sank zur Erde.
    Dies alles fiel mit furchtbarer Geschwindigkeit in ein paar Minuten vor. Die
Oberin erschien voll Entsetzen an der Pforte, als eben Lelio mit Hilfe des
Kutschers Hyazint hineintrug. Die Kugel hatte ihn mitten durch's Herz
getroffen, und ohne Kampf, fast ohne Schmerz hatte er sein Leben ausgehaucht.
Der milde Ernst, der seinem Antlitz einen so engelhaften Ausdruck gab, ruhte in
der vollen Majestät eines unerschütterlichen Friedens auf seiner marmorweissen
Stirn. Dann wurde Orest gebracht. Der Unglückselige lebte, aber die grässliche
Verwundung machte ihn fast besinnungslos vor Schmerz. Er konnte nur wimmern,
sprechen nicht.
    Für den Auftritt, der mit Judit und Corona erfolgte, gibt es keinen
Ausdruck. Sie begriffen das Ereignis gar nicht; Lelio konnte ihnen ja nur den
letzten Akt mitteilen und Orest war sprachlos. Dass Florentin dabei gewesen,
wusste niemand. So wie der erste Schuss fiel, war er die spanische Treppe hinab
geeilt. Aller Wahrscheinlichkeit nach war jetzt ein verruchter Jesuit oder
jesuitischer Dunkelmann weniger auf der Welt! er suchte sich an diesem Gedanken
zu freuen; aber das Gewissen wollte es nicht zulassen. Bei dem zweiten Schuss
floh er entsetzt von dannen. Da war Unheil geschehen! Ist nicht meine Schuld
.... nicht meine Schuld! wiederholte er vor sich selbst halblaut, um die stumme
Sprache des Gewissens zu übertäuben. Aber seine Pulse klopften wie Hämmer, und
Schweisstropfen standen auf seiner kalten Stirn; ein namenloses Grauen überfiel
ihn - das entsetzlichste, was es auf Erden gibt - das Grauen vor sich selbst.
Fort! zu Rita! zu Rita! rief er. Wer war Rita? ein schönes elendes Weib -
Gaetano's Frau!
    Lelio schickte sogleich den Wagen nach einem Wundarzt, der schleunig kam und
auch einen Verband anlegte, doch gleich erklärte, der Verwundete werde
schwerlich den Tag durchleben und das sei zu wünschen wegen seiner folternden
Schmerzen. Auch der Hausgeistliche war gerufen, aber vergeblich, wie es schien,
da Orest nicht bei Besinnung war. Corona kniete neben ihm, gefoltert wie er,
aber von Mitleid und von Seelenangst.
    »Betet, betet!« sagte sie zu einigen Ordensfrauen, die mit grösster
Schnelligkeit ihm ein Lager bereitet und den Entseelten in ein anderes Zimmer
getragen hatten; o betet vor dem Sanktissimum, dass er nur eine Minute zum
Bewusstsein gelange, und mit einem Akt der Reue vor dem ewigen Richter
erscheine.«
    »Es knieen schon zwei Schwestern in dieser Intention vor dem Sanktissimum,«
entgegnete die Oberin; »und die Messen, die heute gelesen, und die heiligen
Kommunionen, die empfangen werden, wollen wir sämtlich dafür aufopfern.«
    »Gott vergelts!« sagte Corona; »denn ich ... ich kann nicht beten .... ich
ächze nur!«
    Es war ein Jammer sie zu sehen mit diesem Ausdruck von Seelenangst um den
Sterbenden, ihr prächtiger Anzug mit seinem Blut überströmt, die Spitzen
zerrissen, Handschuhe und Taschentuch blutig am Boden. Sie dachte nicht an
Felicitas, nicht ihren Vater und Uriel rufen zu lassen. Sie dachte nur daran,
dass hier eine Seele in der vollen Ungnade Gottes von der Erde abscheiden könne.
    So weit gingen Judit's Gedanken nicht. Sie machte es gerade umgekehrt, wie
Florentin. Meine Schuld! meine Schuld! seufzte sie in stumpfer Trostlosigkeit.
Mord und Selbstmord - meinetwegen! zwiefache Mörderin! Sie fiel aus einer
Ohnmacht in die andere. Der Gegensatz zwischen der heiligen Feier, zu der sie
aus allen Kräften ihres geistigen Wesens hinstrebte und verlangte - und dieser
blutigen Tragödie war so gewaltsam, so unerwartet, dass sie von diesen
Schrecknissen aus ihrer hohen Spannung herausgerissen und bis zur Ohnmacht
übermannt wurde.
    Über diese Bilder des Jammers brach der Tag an, sanken die Nebel, ging die
Sonne golden auf. Nichts änderte sich in Orest's Zustand.
    »Wenn doch Pater Bonaventura käme - oder für ihn betete,« sagte eine
Laienschwester zu dem Hausgeistlichen, der mit Lelio und Corona das Sterbebett
bewachte.
    »Wer ist das?« fragte Corona.
    »Ein frommer Kapuziner, den man sehr verehrt, und zu dessen Fürbitte man
viel Vertrauen hat,« entgegnete der Geistliche.
    »Ich hole ihn!« rief Lelio. »Der Wagen ist noch immer bereit.« Er eilte
hinaus und fuhr eilig zum Kapuzinerkloster auf dem Platz Barberini am andern
Ende von Rom. Ein weiter Weg! In dumpfer Angst harrte Corona. Jede Minute
erschien ihr wie eine Ewigkeit, und wie manche Minute musste vergehen!
    Judit schleppte sich auf den Knien zu Corona.
    »Hassen Sie mich!« sagte sie tonlos. »Es wird mir ein Trost sein, so
verabscheut zu werden wie ich es verdiene.«
    »Die christliche Seele hasst nie,« erwiederte Corona. »Wie könnte ich hassen
so bitterer Todesnot gegenüber.« -
    Endlich kam Lelio und mit ihm Pater Bonaventura. Als er eintrat, riefen
Corona und Judit:
    »Herr Ernest!« - und es war, als empfänden sie einen inneren Trost durch
seine Ankunft.
    Lelio hatte ihn bereits von dem ganzen Vorfall und den betreffenden Personen
in Kenntnis gesetzt.
    »Retten Sie seine Seele!« flehte Corona.
    »Wo so viel fromme Seelen schon beten und mit Gottes Gnade Erhöhrung finden
werden, da ist mein unwürdiges Gebet recht unnütz,« sagte er demütig.
    Die Pförtnerin trat ein und meldete, dass Corona's Kammermädchen höchst
beunruhigt Nachfrage um die Gräfin halte. Niemand wisse, was aus ihr geworden
sei, und der Herr Graf habe so eben den Diener nach dem Hotel Meloni geschickt.
    »O mein unglücklicher Vater .... bringen Sie ihm die Schreckenskunde!«
seufzte Corona zu Pater Bonaventura gewendet.
    »Vor einem solchen Auftrag darf man zittern,« sagte er und ging zu Graf
Damian.
    Nicht zehn Minuten verstrichen und er kam mit dem unglücklichen Grafen
zurück, der gebrochen, wie ein siebzigjähriger Greis, vom sterbenden Orest zum
entseelten Hyazint wankte. Bald darauf kam auch Uriel, beängstigt durch die
Nachfrage nach Corona im Hotel Meloni und durch die Aussage des Portiers, dass
Graf Orestes gegen fünf Uhr morgens mit einem Herrn, der ihn abgeholt, das Hotel
verlassen habe. Die Gruppe der Leidtragenden war vollständig. Aber Felicitas
fehlte.
    »Sie soll kommen,« sagte Corona, »sie soll eintreten in die Schule des
Lebens - in's Leiden.«
    »O Raserei der Leidenschaft!« sagte Ernest; »in Wölfe und Tiger verwandelt
sie die Seelen, welche bestimmt waren, Lämmer des guten Hirten zu sein.«
    Als Felicitas kam und sich angstvoll in die Arme ihrer Mutter warf, schlug
Orest seine blutigen geschwollenen Augenlieder auf. Corona seufzte beseligt:
    »Gott Dank! ach, lieber Orest, kennst Du uns?«
    Seine Augen blickten: »Ja!« Er konnte weder sprechen, noch den Kopf bewegen;
das ganze Untergesicht war zerschmettert. Alle traten zu ihm heran klagend,
fragend, tröstend. Er konnte nichts tun, als mit bittenden Augen sie ansehen und
einen mühseligen Versuch machen, seine Hände zu falten. In einem Winkel des
Zimmers, ihr Gesicht auf einem Stuhl verbergend, niemand beachtend und von
niemand beachtet, lag Judit. Jetzt schleppte sie sich an's Bett und sagte:
    »Graf Orestes, können Sie mir vergeben?«
    Bei dem Ton ihrer Stimme fuhr er zusammen, schloss die Augen und machte eine
sanfte Handbewegung.
    »Er verzeiht mir und will mich nicht sehen: so muss es sein!« sagte sie,
küsste Corona's Hand und begab sich in das andere Zimmer zu Hyazint's Leiche.
    »Willst Du das heilige Busssakrament empfangen?« fragte Corona zärtlich über
Orest gebeugt.
    Er bejahte es in seiner Weise, und man liess Pater Bonaventura allein bei
ihm. Durch die Fragen, welche dieser ihm mit einer Präcision vorlegte, die es
möglich machte, sie durch Pantomimen zu beantworten, stellte sich die Beruhigung
heraus, dass Orest keinen Mord, am wenigsten einen Brudermord beabsichtigt -
sondern im Wahnwitz der Leidenschaft den ersten - in besinnungsloser
Verzweiflung den zweiten Schuss getan habe. Da Orest kaum je eine solche Reue und
Aufrichtigkeit bei dem Empfang des Busssakramentes gehabt haben mochte, als eben
jetzt mit dem gewissen Blick auf sein nahes Ende, so war diese letzte Beicht
vielleicht die beste seines ganzen Lebens. Die heilige Wegzehr konnte man ihm
wegen seiner Verstümmelung nicht reichen. Allein die letzte Ölung stärkte ihn zu
dem grausigen Todeskampf, den er zu bestehen hatte. Gegen Abend war er
verschieden und, wie zu hoffen war, in der Gnade Gottes.
    Judit hatte schon vorher durch Pater Bonaventura die Nottaufe empfangen und
war dann in einem bewusstlosen Fieberzustand in ihren Palast zurückgebracht und
durch Lelio ihrer Mutter übergeben worden. Sie schwebte sechs Wochen lang
zwischen Leben und Tod. Das Leben siegte und die Gnade auch: nach ihrer Genesung
wurde aus der Judit eine Taïs.
 
                              Der letzte Windecker
Im Koliseum am Fuss des Kreuzes sass Uriel. Der glühende Sonnenuntergang tauchte
den rötlichen Travertinstein der Riesenruine in flammendes Rot. Sie sah aus wie
in Blut gebadet. Die stillen, dunkeln, unbeweglichen Cypressen - diese Bäume der
Trauer und der Gräber - schauten von Monte Cölio, durch die gebrochenen Arcaden
des Koliseums melancholisch in die Arena hinein und auf den stillen Kämpfer, der
dort in den Tiefen seines Herzens eine Geisterschlacht bestand. Auf dieser
Stätte verhauchte der heil. Ignatius Bischof von Antiochien, unter den Zähnen
der Löwen seine Seele; der heilige Greis, der diejenigen, die ihn retten
wollten, anflehte: »Lasst mich ein Nachfolger der Leiden meines Gottes sein!« Zu
dieser Stätte und mit diesen Worten hatte Levin Uriel gesendet, und Uriel
betrachtete sie als ein Vermächtnis des seligen Greises, der ihn so sehr geliebt
und so gut gekannt hatte. Sollte er es nun im vollen Umfang annehmen? das war
sein Kampf. Der Zug der Seele, die innere Stimme, das Verlangen des Geistes
trieben ihn dazu an; aber die Natur wehrte sich. Der himmlische Mensch sehnte
sich nach der unbegrenzten Hingebung an das vollkommenste Opferleben unter den
evangelischen Räten; der irdische Mensch entsetzte sich vor einem solchen Opfer.
Die furchtbaren Erschütterungen der letzten Zeit, verbunden mit diesem inneren
Kampf, prägten sich durch den Ausdruck tiefen Leidens in seinen Zügen aus. Mit
geschlossenen Augen, die bleiche Stirn in die Hand gestützt, sass er am Fuss des
Kreuzes - dieses wunderbaren, armseligen, hölzernen Kreuzes, welches als eine
Reliquie von Golgata, in seiner Unscheinbarkeit das ganze Koliseum überragt.
Wie in inneren Gesichten zogen Bilder auf Bilder durch Uriels Seele. Er sah die
geheimnisvollen Gnadenströme, welche vom Kreuz ausgehen; er sah die Gottestaten,
welche in den Menschenschicksalen still sich erfüllen; er sah aber auch den
Widerstand des Menschen gegen Gnade und Heil und wie gerade in seiner Familie
die Gegensätze so schroff auseinander gingen. Über ein halbes Jahrhundert war
der gottselige Priester, Onkel Levin, der geistige Mittelpunkt der Familie, der
Ruhepfeiler des Hauses gewesen, aus dessen Fülle sie alle schöpfen, von dessen
Reichtum sie alle zehren, an dessen Kraft sie alle sich lehnen konnten. Er war
so recht der Priester, den Gott der Welt gibt als seinen »Helfer und
Mitarbeiter«, wie der Apostel Paulus sagt, und der kein anderes Streben kennt,
als die Welt geheiligt an Gott zurückzugeben. Die einen entsprachen seinem
Streben; die andern nicht. Zu glänzender Blüte entfaltet sich in Regina Gnade
und geheiligter Wille, Gottestat und eigene Mitwirkung. Ihr Einfluss zog die
ganze Familie, jeden in seiner Art, zum Gnadenleben, zur Liebe der himmlischen
Dinge hin: sie brachte Hyazint zum Entschluss - vielleicht zum Bewusstsein über
seinen Beruf. Sie sänftigte ihren Vater aus dem starren Widerspruch der
Selbstsucht in das Opfer seines Lieblingswunsches hinein. Sie warf in Corona's
junge Seele ein strahlendes Beispiel, wie man die Welt überwindet. Sie übte auf
Uriel selbst einen so überwältigenden Einfluss, dass er auf dem Punkt stand, die
Wege der vollkommenen Entsagung einzuschlagen und von allen Gütern des Daseins
nichts zu wählen, als das Leiden aus Liebe, als den Dienst Gottes im unbedingten
Opfer. Und zu dieser himmlischen Macht hatte sie sich erschwungen unter einer
Flut von Missbilligung und Widerspruch. Die Familie und die Welt hatten nur Tadel
für ihre Neigung und ihren Schritt. Kein Lob, keine Ermunterung wurde ihr zu
Teil. Niemand erleichterte ihr Opfer; Jeder erschwerte es; aber allen wurde es
zur Gnade. Nicht umsonst war ihr Wahlspruch: »Solo Dios basta.« - - Und dieser
Tochter Gottes gegenüber stand Orest unter der Signatur des natürlichen Lebens,
verloren an das Irdische, geknechtet von Leidenschaft unerweckbar aus dem
Opiumrausch und dem schweren Schlaf der Sünde, bis zu jener furchtbaren
Katastrophe, die seine zügellose innere Verwilderung herbeiführte. Taub gegen
die Stimme der Vernunft, der Pflicht, der sittlichen Würde, der Religion,
überliess ihn Gott den Gelüsten seines Herzens - und als er sich ihnen mit voller
Entschiedenheit und bis zur Verachtung der heiligsten Schranke hingab: da
stürzte er in den Abgrund und riss all' die Seinen in ein Meer von Schmerz
hinein. Gegen den Willen Gottes hatte er sich empört: da verfiel er, auf
Zulassung Gottes, dem Verhängnis, das mit eigener und fremder Leidenschaft ihn
umspann. Die Welt, die für eine Regina nur bittern Tadel oder ein verächtliches
Achselzucken kannte, hatte für Orest kaum einen Anflug von Missbilligung, und
hätte sie Reginas Ende gekannt und mit Orests verglichen, so würde sie ohne
Zweifel seinen Tod, als ein höchst tragisches Opfer der Leidenschaft, unendlich
viel interessanter gefunden haben, als ihren Opfertod der heiligen Liebe. Und
dennoch bot der Gott, den Orest verachtete, ihm in seinen letzten Stunden die
Versöhnung an - und das vor Selbstsucht erstarrte Herz, das höherer Einsprache
unzugänglich war, musste erst im Herzblut des Bruders schmelzen und zermalmt
werden, bevor es sich in das Blut Gottes mit all seinem Elend und seiner späten
Reue untertauchte.
    O, das Opfer! das Opfer! sprach Uriel zu sich selbst - es ist allmächtig bei
Gott. Es nimmt Teil am Kreuz, es nimmt Teil an der Rettung der Seelen, welche
die Folge der Kreuzigung ist. O Herr! o gekreuzigter Heiland, lass mich Dir
dienen! lass mich das Opfer meiner geliebten verklärten Seelen fortsetzen, zu
Deiner Verherrlichung und lass mich zu meinem Heil Busse tun für meine Sünden und
für den Armen, der hienieden nicht Busse tun konnte! O dass ich würdig wäre, ein
Nachfolger der Leiden meines Gottes zu sein! -
    Eine gute wohlbekannte Stimme weckte ihn aus seinem tiefen Sinnen. Pater
Bonaventura hatte ihn schon einige Zeit mit ernster Teilnahme von fern
beobachtet. Jetzt sagte er:
    »Graf Uriel! Sie dürfen nicht in dieser Jahreszeit und zu dieser Stunde im
Freien sitzen. Das ist sehr schädlich! der Abendtau fällt.«
    »Und Sie, mein Pater, gehen barhaupt und barfuss durch Tau und Regen, durch
Sonnenglut und Wintersturm,« entgegnete Uriel.
    »Ah, ich! das ist etwas anderes!« sagte Pater Bonaventura, indem er sich zu
Uriel setzte, während sein Gefährte die Stationen betete.
    »Nun Sie! sind Sie nicht ein Mensch wie ich? und überdies .... schon recht
bejahrt?«
    »Mein heiliger Ordenshabit bringt das so mit sich. In meiner Kindheit bin
ich ohnehin barhaupt und barfuss gelaufen! da ist es nicht schwer, diese
Gewohnheit wieder anzunehmen. Und wäre es schwer, so hätte das auch nichts zu
sagen! der Weg von Getsemane nach Golgata war dem göttlichen Heiland auch
schwer.«
    »Mein Pater, weshalb wurden Sie Kapuziner?«
    »Um ein wenig Busse zu tun, Herr Graf.«
    »Für fremde Sünden - nicht wahr?«
    »Die Welt nennt nur Mord und Totschlag, Brandstiftung, Räuberei und was in
diese Kategorie fällt - Sünde, und dass ein Mensch, ohne solche Verbrechen
begangen zu haben, von der Erkenntnis seiner tiefen Sündhaftigkeit durchdrungen
und von Schmerz ergriffen werde, die unendliche Liebe Gottes täglich und
stündlich beleidigt zu haben - das fasst sie nicht. Sie denkt, dass hinter dem
Bussgeist entweder grosse Missetaten, oder der Drang stecken müsse, für andere
genug zu tun. Hat mich nun zwar Gottes Gnade davor bewahrt, ein Räuber oder
Mörder, ein Spieler oder Trunkenbold zu sein: so versichere ich Sie, dass ich
dennoch schwer genug an meinem Päckchen Sünden trage. Als der heilige Vater aus
Gaëta zurückkehrte, verliess ich meine Heimat und meine Familie und ging nach Rom
- für das der Maler und der Katolik stets eine Vorliebe hat. Die Erlebnisse der
Revolutionsjahre waren derart, dass ich sie nicht vergessen konnte. Was war der
letzte Grund dieser Revolutionen? Jeder suchte seinen Willen durchzusetzen;
keiner dachte daran, den Willen Gottes zu tun. Jeder betrachtete die Welt als
sein ihm gebührendes Opfer; keiner wollte Opfer bringen. Diese Erkenntnis führte
mich in mich selbst zurück und ich suchte in mir nach Opfern, die ich Gott
zulieb gebracht haben könnte. Ganz ängstlich suchte ich .... und es schien mir
auch wohl, als hätte ich dies und das und jenes zum Opfer gebracht und in die
durchwundeten Hände meines Heilandes gelegt; nur war das alles so entsetzlich
gering! Woran ich aus ganzer Seele hing und was ich liebte wie mein Leben - das
hatte ich ganz still für mich behalten. Das war nicht Geld und nicht Gut, das
war nicht Ruhm und nicht Sinnenlust; das war meine Unabhängigkeit, wie ich es
nannte; meine Wanderlust, meine Freiheit, meine Ungebundenheit; zu kommen, zu
gehen, nirgends gefesselt zu sein, durch die Welt zu ziehen, wie es mir gefiel.
Ich durfte es tun! ich verletzte keine Pflicht dadurch! Aber es war nun einmal
dies Licht von wegen des Opfers mir aufgesteckt .... und wo ich ging und stand,
und was ich tat und trieb - eine Stimme sagte mir: Das ists, was du Gott zulieb
opfern könntest! willst du nicht? willst du nicht? Da ging ich in mich und
sprach zu mir selbst: Die Stimme kommt von Gott! so spricht nicht der Teufel,
nicht die Welt, nicht Fleisch und Blut. Ich höre sie, ich verstehe sie, ich muss
ihr folgen. Da ging ich zu den Kapuzinern am Platz Barberini und vor dem Bilde
in ihrer Kirche, das der Erzmaler Raphael vom Erzengel Michael gemalt hat,
flehte ich St. Michael an, der Führer meiner Seele zum Himmel zu sein - ging an
die Klosterpforte und bat um Aufnahme als Laienbruder, denn an den heiligen
Priesterstand dachte ich armer Priester nicht im Traum. Die Väter wollten mich
aber auch gar nicht als Laienbruder aufnehmen, meinten, ich käme ein
Vierteljahrhundert wenigstens! zu spät - und dies und das. Ich war jedoch Zeit
meines Lebens eigensinnig und bat und betete so lange, bis man mich
versuchsweise annahm. Nun hatte ich, was ich wollte - nämlich nichts mehr. Nun
war ich froh und merkwürdigerweise! nun fühlte ich mich wundersam frei. Wie das
Fischlein in seinem Element, schwamm ich im süssen, im angebeteten, im heiligsten
Willen Gottes, indem ich meinen Oberen gehorchte und die heilige Ordensregel
beobachtete. Nur einmal kam ein Choc - ein gewaltiger. Nicht des Ordens
Laienbruder - sondern Priester sollt ich werden - ich Armseliger! Das grämte
mich furchtbar. Ich dachte, ich würde dem Orden Schmach und Schande bereiten.
Ich sträubte und wehrte mich - aber diesmal waren die Oberen noch eigensinniger
als ich und ich musste gehorchen. Nun, ich war ja Kapuziner geworden, um zu
gehorchen und um im Opfer meines Willens - das ja immer eine Busse für die
sündige Natur ist - die selige Freiheit von der Last meines Ichs zu finden; also
ich gehorchte in Gottes Namen. Und so, Graf Uriel, treffen wir uns hier in Rom,
bei mannigfachen Leiden in Ihrer Familie, die mir unvergesslich geblieben ist -
und am Fuss des Kreuzes.«
    »Wir werden uns hoffentlich auch noch anderswo treffen, mein Pater,« sagte
Uriel, »denn auch ich gedenke Kapuziner zu werden.«
    »Unsinn!« rief Pater Bonaventura, »Sie - und Kapuziner! Sie - Graf, reich,
hoch- und feingebildet, dazu der letzte Ihres Hauses ...« -
    »Gerade das ists!« rief Uriel, »der letzte des Hauses nimmt die ganze
Erbschaft an. Aus Onkel Levins und Hyazints Hand fällt der heilige Kelch mir
zu, den der Priester mit dem Blute Gottes füllt, und aus Reginas Hand - die drei
Nägel, wie sie sie nannte, die drei Rubinen der heiligen Ordensgelübde. Das ist
ein himmlisches Erbe.«
    »Aber Sie vergessen das irdische.«
    »Gott Dank, dem hab' ich längst entsagt.«
    »Vergessen, dass Ihre Familie mit Ihnen ausstirbt.«
    »Mein Pater! was der Welt not tut, sind nicht grosse und hochklingende Namen,
sondern es ist die Bekehrung jedes einzelnen zu Gott, besiegelt durch sein
Opfer.«
    »Aber diese Opfer sind verschieden, Graf Uriel. Sie können sie auch auf
Windeck bringen.«
    »Jeder bringe sie nach seinem Mass und seiner Erkenntnis, mein Pater. Als Sie
vorhin sagten, Ihre geliebte Unabhängigkeit hätten Sie ganz still für sich
behalten, da sprach mein Gewissen: Das tue ich auch und in viel höherem Grade,
denn ich verschleudere in Untätigkeit meine Tage, die Gott mir gegeben hat, um
ihm zu dienen.«
    »Dienen Sie ihm in der Welt, Graf Uriel.«
    »Die Welt, mein Pater, ist so vermorscht und verwest, dass man bei jedem
Schritt in ihrem Moder von Lüge und Sinnlichkeit versinkt und ihr nur dadurch
helfen kann, dass man sich ausserhalb ihrer Strömung hält, um die Schiffbrüchigen
und die gefährlich Schwimmenden zu retten. Wenn sich der Masse der abgefallenen
Geister gegenüber nicht andere erheben, welche sich der Gnade in die Arme werfen
und genau den entgegengesetzten Weg gehen, den die Welt geht - mit einem Worte:
die es so machen wie Sie, mein Pater! was soll dann aus dem Christentum werden.«
    »Ich bin nicht der letzte Windecker, Graf Uriel! soll der im Kapuzinerhabit
verschwinden?«
    »Mein Pater, die Scipionen, die Flavier, die Ämilier - das waren ganz andere
Namen! und sie verschwinden mit dem Christentum in dem Schatten des Kreuzes.«
    »Werden Sie lieber Jesuit! Sie sind so fein gebildet.«
    »Der Weltgeist hasst den Jesuiten. Im Hass liegt ein Etwas, das meiner
Eigenliebe schmeicheln könnte. Der Weltgeist verachtet den Kapuziner: Verachtung
kann ich nur durch Gottes Gnade ertragen - und da ich leben und weben will nach
der Ordnung der Gnade, so werde ich Kapuziner.«
    »Oho! Graf Uriel, Sie scheinen ja schon alles recht gründlich überlegt zu
haben.«
    »Und kam doch nicht zum Entschluss .... als hier auf der Stätte der Martyrer,
deren Blut auch für mich geflossen ist und mich zur Nachfolge einladet.«
    »Amen,« sagte Pater Bonaventura.
Es sind jetzt vier Jahre seit diesen Begebenheiten vergangen. Judit ist in die
Kongregation von Unserer Lieben Frau zu Sion eingetreten. Sie heisst Schwester
Taïs. Sie verzehrt sich im Dienst der Seelen, ganz Hingebung Demut,
Opferfreude. Aber nie hat man sie lächeln sehen und die Blässe des Todes weicht
nie von ihrem Antlitz: sie wandelt zwischen zwei Leichen.
    Uriel hat sein Noviziat und seine teologischen Studien in Rom gemacht, und
ist dann zur Mission der Kapuziner nach Amerika gegangen.
    Für Florentin, der sein jammervolles Leben fortführt, heisst es noch immer:
Gottes Mühlen mahlen langsam, langsam, aber trefflich fein. Er ist der sinkenden
Welt so ganz hingegeben, wie jene der aufsteigenden.
    Zu Windeck lebt Corona bei ihrem Vater. Auf die Stätte, die ihrem kindlichen
Auge als die schönste der Erde erschien, hat der Ratschluss Gottes sie
zurückgeführt. Ihr milder Einfluss und die herben Prüfungen der Vergangenheit
haben Graf Damians Herz der Welt abgerungen. Das schönste Verhältnis besteht
zwischen ihm und seiner Tochter, und breitet sich segensreich über all seine
Umgebungen aus. Auf der Terrasse des Schlosses spielt ein fröhliches,
weissgekleidetes Kind von sieben Jahren, der Trost seiner Augen und die Freude
seines Herzens - Felicitas, die Erbin des ganzen Vermögens der Windecker. Corona
erzieht sie so, dass sie ihrer Namenspatronin Ehre mache und in deren Sinn. Als
man die heilige Felicitas zum Kampf mit den wilden Tieren in die Arena führte,
fragte man sie, höhnisch auf ihren Namen anspielend: Wo ist nun dein Glück? Sie
aber antwortete:
    »Nicht hienieden.«
 
                                    Fussnoten
1 Auf ein Merkzeichen in ihrem Brevier hatte die heilige Terese geschrieben:
Nada the turbe,
Nada the espante,
Todo se pasa,
Dios no se muda,
La pacienzia,
Todo se alcanza;
Quien a Dios tiene,
Nada le falta;
Solo Dios basta.
Der selige Cardinal Diepenbrock in seinem »Geistlichen Blumenstrauss« hat es
übersetzt:
Nichts soll dich ängstigen,
Nichts dich erschrecken,
Alles vergehet,
Gott bleibt derselbe.
Geduld erreicht alles.
Wer Gott besitzet,
Dem kann nichts fehlen;
Gott nur - genüget!
2 Die Ermordung der Herzogin de Praslin durch ihren Gemahl, im Sommer 1847.
3 Edgar Quinet.
4 Epiphanes, ein Gnostiker, drang auf Gemeinschaft der Güter und Frauen.
5 »Glaubt der Papst, dass durch seine Exkommunikation meinen Soldaten die Waffen
aus der Hand fallen werden?«
6 »Die Welt besitzt dich, ohne dich zu kennen.«
 
    