
        
                                  Otto Ruppius
                          Das Vermächtnis des Pedlars
                         Folge des Romans: »Der Pedlar«
                                        I.
Ein prachtvoller Morgen lag über dem Mississippi. Unten wälzte der Strom seine
gelben Fluten, denen man es ansah, dass sie aus dem westlichen Lande kürzlich
erst allen Winterschmutz aufgenommen hatten; aber am linken Ufer, das vom Wasser
allmählich aufwärts steigt, bis der dichte Wald den weiteren Blick versperrt,
lagen einzelne kleine Farmen mit ihren roh gezimmerten Häusern und Einzäunungen,
zwischen denen sich eine Fahrstrasse hinauf nach dem Walde hinzog. Dort oben war
eben ein Mann aus den Gebüschen getreten, sah prüfend über die Gegend und scharf
den Fluss hinauf.
    »Pech, und nichts als Pech, beim Teufel!« brummte er nach einer Weile in
deutscher Sprache und fuhr mit der Hand über die verdriesslich zusammengezogene
Stirn; »das kann noch Stunden dauern, bis mir eins von den Booten den Gefallen
tut, sich sehen zu lassen, und noch nichts im Leibe als ein altes Stück
Welschkornbrod, das kein deutscher Holzhacker verdauen könnte.«
    Er setzte sich langsam auf einen umgestürzten Baum, der neben dem Wege lag,
stützte den Kopf in die Hand und sah, wie in Gedanken verloren, den Fluss hinauf.
Nach einer Weile zog er aus dem modischen Ueberrocke, der ihm in Verbindung mit
dem seinen Hute ein ganz respectables Ansehen verlieh, eine grosse, plumpe
Schnapsflasche hervor und tat zwei lange Züge daraus. »Scheusslich - Whiskei -
und was für ein Stoff!« brummte er und wischte sich den Mund. »Das also,« fuhr
er fort, die Flasche vor sich hinhaltend, »das ist Alles, was bei der letzten,
grössten Speculation, die ich je gemacht, herausgekommen ist. Schöne Gegend - es
scheint, mein Stern ist im Untergehen, wie der des Wallenstein.«
    Wieder versank er in Gedanken, bis er endlich mit der Hand über das Gesicht
fuhr, als wolle er die trübe Miene daraus hinwegstreichen. »Herr Seifert,« fuhr
er in seinem Selbstgespräche fort und richtete den Kopf langsam auf, »ich
glaube, Sie verfallen in einen Zustand, den man gewöhnlich moralischen
Katzenjammer nennt, der aber, wie Sie wissen, das allerschlechteste Mittel ist,
sich wieder auf die Beine zu helfen. Lassen Sie uns die Verhältnisse ruhig
überlegen.« Er setzte die Whiskeiflasche von Neuem an den Mund, tat einen
langen Zug, schüttelte sich, während er den Kork darauf steckte, und liess sie
dann langsam in der Seitentasche seines Rockes verschwinden. »Wir sind nach
diesem Lande gekommen, um unsern etwas zu bedeutend gewordenen Schulden und den
Folgen eines kleinen Wechselgeschäfts aus dem Wege zu gehen; gut! In Deutschland
würden wir jetzt wahrscheinlich Wolle spinnen müssen, während wir hier aus
freien Füssen sind und ein freies Feld vor uns haben, also sind wir in
bedeutendem Vorteil. Als wir in New-York ankamen, haben wir bald erkannt, dass
wir zu einem regulären Geschäfte nicht taugen, dass es hier für den Klugen viel
profitablere Wege gibt, um in diesem freien Lande Lebensunterhalt und Gelb zu
machen. Wir haben zwar unser mitgebrachtes Vermögen in wenig Monaten
durchgebracht, sind, was andere Leute vielleicht einen Erzlumpen nennen,
geworden - lassen Sie uns, Herr Geifert, die Sache nur immer von der
schwärzesten Seite ansehen - haben aber dabei die Landessprache, die Menschen
und die Verhältnisse perfect kennen gelernt und jetzt einen Fond in uns
gewonnen, der uns nie im Stiche lassen und den uns Niemand stehlen kann. Wir
sind im Augenblicke zwar ohne Geld und ohne alle Hilfsmittel, stecken hier unten
im Süden wie ein verlorener Posten - sind wir aber nicht schon in viel
schlimmeren Lagen gewesen und haben uns mit einem Schlage herausgerissen? Warum
also trübselig sein? Wir sind ein einziges Mal dumm gewesen, eigentlich das
einzige Verbrechen, was es in Amerika gibt - das ist richtig, und die Strafe
dafür fühlen wir jetzt; lassen Sie uns aber sehen, Herr Seifert, ob das wirklich
unsere eigene Schuld war. Wir trafen einen Landsmann in New-York, einen guten
Jungen, aber voll deutscher Vorurteile, aus dem nur durch die Noch etwas werden
konnte. Wir erkannten das, und um ihn schneller zum Amerikaner zu machen,
benutzten wir die Gelegenheit, um ihm Geld und Uhr zu entführen. Für ihn musste
das, trotz einer ersten Verlegenheit, zur Wohltat werden, und uns half es, um
die nötigen Mittel zu einer Speculation hier im Süden zu erhalten. Soweit ist
Vernunft und Logik in der Sache, die Folge hat es bewiesen. Wir haben den jungen
Mann hier unten wieder getroffen, verwandelt und gestutzt, wie es eben nur die
Not zuwege bringen kann - und wir machten mit dem Gelde als Anlage unser ganz
angenehmes Geschäft am Spieltisch, so gut es sich nur im Hinterwalde unter den
wohlhäbigen, harmlosen Leuten tun lässt. Warum waren Sie nicht damit zufrieden,
Herr Seifert? Hatten Sie nicht in dem Spielgeschäfte noch dazu einen tüchtigen
Partner, der hier den reichen Pflanzer vorstellte, immer Kunden zuführte und dem
Sie mit aller Pfiffigkeit noch nicht beikommen? Warum ärgerten Sie sich, dass er
den grossen Herrn spielte und in allen Familien aus- und einging, was Sie als
offner Spieler und Bankhalter nicht konnten? Das war eigentlich schon dumm;
wurde doch der Gewinn gleich geteilt, war doch selbst unsere letzte Speculation
in schwarzem Menschenfleische, das leicht genug zu entführen und leicht genug zu
verlaufen war, auf gleiche Profitteile berechnet. Wer hat die ganze Speculation
aber verdorben, sagen Sie doch, Herr Seifert - wie konnte die ganze schlau
eingefädelte Entführung der schwarzen Burschen entdeckt werden, und die
Verfolger uns so schnell auf die Fersen bringen, wenn nicht eine ungeheure
Dummheit begangen worden wäre? Nur ehrlich, Herr Geifert, wenn wir allein sind -
das warm Sie! Liessen Sie sich nicht ganz verblüffen, als Sie mit dem guten
Jungen aus New York hier wieder zusammentrafen? Liessen Sie sich nicht
breitschlagen ihm zu verraten, wer Ihr Partner eigentlich war, ohne nur danach
zu fragen, warum der das wissen wollte? Beichteten Sie nicht so schön wie ein
unschuldiges Mädchen, nur damit er über die New-Yorker Geschichte, die ihm Geld
und Uhr gekostet, schweigen sollte? Nun, was war die Folge? Der gute Junge,
dieser Herr von Helmstedt - ich werde den Namen wohl nicht gleich wieder
vergessen - war auf derselben Farm angestellt, wo Ihr Partner den Hausfreund
spielte und das schwarze Fleisch entführen wollte - wundern Sie sich nun noch,
dass diesem von der Zeit an auf die Finger gesehen ward, dass wir beinahe auf der
Tat ertappt wurden und ich nur mit knapper Not die schwarzen Häute in
Sicherheit bringen konnte? Ja, und wenn's nur dabei geblieben wäre - nehmen Sie
sich eine Lehre daraus, Herr Seifert, was eine einzige Dummheit zuwege bringen
kann. Sie haben keine Idee von Ihrem Partner wieder zu sehen bekommen, und wenn
er den hitzigen Pflanzern, besonders diesem Mr. Elliot, der um seine Schwarzen
zu kurz kommen sollte, in die Hände gefallen ist, so haben Sie wahrscheinlich
sein Leben auf dem Gewissen. Das wäre indessen noch nicht das Aergste, - haben
denn aber die schwarzen Affen Zutrauen fassen wollen, als er ausblieb? Haben sie
nicht die Sonne beobachtet und gemerkt, dass ich sie nicht nach dem Osten in die
Freiheit, sondern weiter nach dem Südwesten führte, wo sie sich das, was mit
ihnen geschehen sollte, von selbst abfingern konnten? Sind sie mir denn nicht
während einer schönen Nacht sammt und sonders durchgegangen, und hatten noch
dazu im Nachtquartier so verdächtige Äusserungen fallen lassen, dass ich froh
war, die Fragen des Wirts mit einem derben Stück Gelde, fast Alles was ich bei
mir trug, abschneiden und davon kommen zu können? Habe ich mich nicht, um jeder
Gefahr aus dem Wege zu gehen, auf Holz- und Seitenwegen durchschlagen, auf
versteckten Farmen übernachten und mit Welschkornbrod und Schweinefleisch
füttern lassen müssen, und sitze nun endlich hier am Mississippi, ohne etwas in
der Tasche zu haben als die Whiskeiflasche von einem der schwarzen
Schwerenöter? Well, Herr Seifert, das sind die Folgen einer einzigen Dummheit,
Sie werden sich das merken. - Im Uebrigen aber werfen Sie jetzt alle trüben
Gedanken aus der Seele - wir werden wieder nach New-York kommen, wo unser
eigentlicher Boden ist, und jetzt, wo die erste Notwendigkeit ist, trotz
unserer leeren Tasche eine anständige Passage auf einem Dampfboote zu bekommen,
gilt's ein zuversichtliches Gesicht zu zeigen!«
    Er richtete sich langsam aus der gebückten Stellung, die er eingenommen,
auf, zog von Neuem die Whiskeiflasche aus Licht und liess den Rest davon in den
Hals laufen. Dann warf er sie mit kräftigem Schwunge in den Wald hinein.
    »Und so sei jede Verbindung mit diesem Süden von mir gestreift,« sagte er
aufstehend; »wenn wir nur schon das ganze Land mit seinen Niggern und seiner
Baumwolle hinter uns hätten!«
    Langsam und fortwährend den Fluss beobachtend, schritt er die Strasse nach dem
Landungsplatze hinunter; er hatte diese aber kaum zur Hälfte zurückgelegt, als
hinter einer der Inseln, welche ihm die freie Aussicht auf den obern Teil des
Flusses benahmen, ein paar langgezogene Rauchstreifen sichtbar wurden.
    »Jetzt« murmelte er vor sich hin, den braunen Schnurrbart streichend und
schärfer zugehend, »jetzt bewiesen, dass der Seifert noch der Seifert ist.«
    In den nächsten zehn Minuten hatte er den Landungsplatz erreicht, wo
aufgestapelte Baumwollenballen und einzelne grobgeschnittene Farmergesichter
neben halbnackten Schwarzen die Ankunft des Dampfers zu erwarten schienen.
    Seifert trat mit nachlässiger Haltung hinzu und beobachtete das
herankommende Fahrzeug, bis sich dessen Formen deutlich erkennen liessen.
    »Was ist das für ein Boot?« wandte er sich an den Nächststehenden.
    »Die Fashion, Sir!« war die Antwort.
    »Sie wissen vielleicht den Namen des Capitäns?«
    »Mr. White, Sir!«
    »Richtig, das ist das Boot, welches ich erwarte; danke Ihnen, Sir!«
    Das mächtige Fahrzeug trieb langsam herbei, das Seil flog nach dem Ufer,
wurde dort aufgefangen und befestigt, die Landungsbrücke fiel, und die Schwarzen
begannen die Baumwollenballen hinüberzurollen. Seifert betrat raschen Schrittes
das Boot, eilte die Treppe nach dem Salon hinauf und hatte bald die Office
aufgefunden.
    »Haben Sie nicht einen Brief für Henry Wells?« fragte er den dort
arbeitenden Clerk.
    »Nicht dass ich wüsste, Sir!«
    »Dies ist doch die Fashion?«
    »Die Fashion, Sir!«
    »Dann muss Capitän White den Brief selbst haben. Können Sie mir sagen, wo ich
ihn treffe?«
    »Er ist im Augenblick nach dem State-Room gegangen; dort finden Sie ihn
jedenfalls.«
    Geifert wandte sich, eine Miene voll besorglicher Erwartung über sein ganzes
Gesicht verbreitend, nach der angegebenen Richtung und betrat das allgemeine
Versammlungszimmer, in welchem einzelne Gruppen der Reisenden sprechend bei
einander standen, während andere schlafend ober lesend auf den Stühlen und
Divans umherlagen. Der Eintretende blickte einen Augenblick beobachtend umher,
und hielt dann einen der schwarzen Aufwärter, der in seinen Weg kam, an.
    »Welches ist Capt'n White?«
    »Dort bei den vier Herren - der die Mütze trägt.«
    Seifert durchschritt das Zimmer wie ein Mensch, der an solchen Orten nicht
fremd ist, und trat zu der bezeichneten Gruppe.
    »Capt'n White, nur ein Wort. Ist Ihnen nicht ein Brief an Henry Wells
übergeben worden?«
    »Ein Brief?« erwiderte dieser, sich umdrehend. »Sie werden in der Office
nachfragen müssen, Sir!«
    »Ich war bereits da und dort ist nichts; ich hoffte mit Bestimmteit, er
müsse in Ihren Händen sein.«
    »Bedaure Sir, aber ich weiss von nichts.«
    Seifert's Stirn zog sich in tiefe Falten.
    »Well, Capt'n, dann bin ich in einer ganz teufelmässigen Patsche, wenn mir
Ihre Freundlichkeit für den Augenblick nicht heraushilft. Wir sind seit vier
Tagen in der Verfolgung eines nichtswürdigen Kerls begriffen, der dem Squire
Elliot von Alabama vier Schwarze gestohlen hat; ich war mit zwei von unsern
Begleitern einer neuen Spur gefolgt und war von ihnen abgekommen; ich hatte den
Weg verloren und bin erst auf allerhand Holzwegen hier wieder aus dem Walde ans
Tageslicht gestiegen. Ich sollte nach unserer Verabredung durch die Fashion nach
Vicksburg Nachricht erhalten - mein Name ist nämlich Wells - und bin so
glücklich, gerade wo mir der letzte Cent ausgegangen ist, Ihr Boot zu treffen -
haben Sie wirklich keine Nachricht für mich, so möchte ich Sie freundlichst
bitten, mich nach Vicksburg zu spediren, wo in Zeit von drei Minuten Ihnen das
Fahrgeld erstattet werden soll.«
    Der Capitän liess einen Augenblick den prüfenden Blick über ihn laufen.
    »Sie haben kein Gepäck bei sich, Sir?« fragte er dann.
    »Ich sage Ihnen ja, Capt'n, dass ich in den Wald geraten bin, ich weiss
nicht. wie!« war Seiferts eifrige Antwort; »hätte ich Gepäck, so würde ich nicht
in die Verlegenheit gekommen sein, Sie um das jetzige kurze Vertrauen zu
bitten.«
    »Sie kennen also Mr. Elliot von Alabama, von dem Sie eben sprachen?« begann
einer von den Beistehenden; »ich entsinne mich allerdings des Sklavendiebstahls
dort.«
    Seifert wandte sich nach ihm und verfärbte sich, aber nur für einen
Augenblick und ohne eine Miene zu verziehen. Er war einem schwarzen, scharf auf
ihm ruhenden Auge begegnet, das ihn unruhig machte, wenn er sich auch noch
keinen bestimmten Grund dafür angeben konnte. »Mr. Elliot habe ich nur ein-oder
zweimal gesehen,« erwiderte er, ein höfliches Lächeln versuchend; »ich selbst
bin in New-York zu Hause und nur auf einem Ausfluge im Süden. Ich hatte die
ganze Expedition eigentlich nur der Merkwürdigkeit halber mitgemacht, da einige
Bekannte sich daran beteiligten.«
    »Richtig, Sie waren von New-York nach Alabama gekommen; ich glaube mich
Ihrer noch ziemlich deutlich zu entsinnen, Sir!« erwiderte der Andere, ohne den
festen prüfenden Blick von ihm zu lassen.
    Seifert ward wieder einen Schatten blässer, aber sein Blick nahm eine
eiskalte Ruhe an. »Es ist wohl möglich, Sir, wenn Sie sich nicht in mir irren,«
erwiderte er; »mein Name ist Henry Wells.«
    »Ihren Namen habe ich nicht gehört,« war die Antwort, und ein sonderbares
Lächeln spielte um den Mund des Sprechenden; »ich wollte nur bemerken, dass, wenn
unser Capt'n hier Anstand nehmen sollte. Ihnen das Fahrgeld zu creditiren, ich
Ihnen gern mit meiner Börse zu Diensten stehe.«
    Seifert's Gedanken schienen durch das Anerbieten für einen Augenblick aus
allen ihren Fugen geworfen zu sein, wenigstens zeigte sein Gesicht einen
ähnlichen Ausdruck; aber der Capitän riss ihn aus der augenblicklichen
Verwirrung.
    »Schon recht, Sir. Warum soll ich einem ehrlichen Gentleman nicht so weit
aus der Verlegenheit helfen?« sagte er mit derber Gutmütigkeit. »Sie finden
mich nach fünf Minuten in der Office, wo ich die Sache ordnen werde. Machen Sie
sich's bequem.«
    »Dank Ihnen, Capt'n,« erwiderte Seifert wieder mit völliger äusserer Ruhe;
»vielleicht finde ich einmal Gelegenheit zu einem Gegendienste!« Er drehte sich
weg, um die Gruppe zu verlassen. Kaum hatte er aber einige Schritte getan, als
er den leichten Druck einer Hand auf seiner Schulter fühlte. Er wandte sich um
und sah wieder in das scharfe Auge, dem er so eben begegnet.
    »Well, Sir - Mr. Wells ist Ihr Name?« begann der Nachkommende, und wieder
spielte ein Lächeln wie leichter Spott um seinen Mund; »wenn Sie eben erst aus
dem Walde zum Vorschein gekommen sind, so könnte uns ein guter Brandy nichts
schaden; begleiten Sie mich nach dem Bar-Room.«
    Seifert's Auge verschleierte sich, so dass Niemand eine augenblickliche
Empfindung darin gelesen hätte. »Ich danke Ihnen, Sir, und werde in zwei
Secunden bei Ihnen sein!« erwiderte er. Mit einer kurzen Verbeugung wandte er
sich hinweg und ging raschen Schrittes aus dem Salon, die Treppe hinab und nach
dem Ausgange des Bootes, wo eben die letzten Stücke der neuen Ladung vom Lande
herübergeschaft wurden. Er trat bei Seite und sah nach dem Ufer. »Aufpassen,
Seifert!« brummte er; »etwas ist hier nicht richtig. Wer ist der Mensch, was
will er und was weiss er? Ist es besser, lieber das nächste Boot abzuwarten, als
hier in eine Falle zu geraten?« Er sah eine Minute mit zusammengezogenen
Augenbrauen in die Weite. »Nichts können sie mir anhaben, gar nichts, kein Zeuge
ist da, der mich meines Teils des Negerdiebstahls beschuldigen könnte; mein
guter Freund Baker, mein nobler Partner, hat das ganze eigentliche Geschäft
allein besorgt - im Notfall aber bin ich Mr. Wells von New-York; wer will mich
etwa verdammen, weil ich zufällig dem Spieler Seifert, der in Alabama sein Wesen
getrieben, ähnlich sehe?«
    Er warf noch einen letzten überlegenden Blick ans Ufer; dann schritt er, wie
mit seinem Entschlusse fertig, mit kurzem Kopfnicken wieder in das Boot. Als er
in dem untern Raum den Weg nach dem Bar-Room suchte, empfing ihn schon ausserhalb
der Tür desselben der Mann mit dem Lächeln, welches ihm so wenig gefallen
wollte; fast schien es, als habe ihn dieser beobachtet.
    Als die Beiden in den Bar-Room traten, klang hinter ihnen das Geräusch der
aufgezogenen Landungsbrücke; die Dampfpfeife ertönte und das Boot drehte sich
vom Ufer nach der Mitte des Stromes. Seifert wandte sich nach dem Fenster und
warf einen letzten Blick nach dem Lande. »Der Rubikon ist überschritten; jetzt
heisst's Cäsar sein und sich nicht blamiren!« murmelte er zwischen den Zähnen.
    »Well, Mister - was trinken Sie?« rief sein neuer Bekannter hinter ihm;
»entschuldigen Sie, ich vergesse immer Ihren Namen.«
    Seifert drehte sich um und trat an den Schenktisch. »Mein Name ist Wells,
Henry Wells, aus New-York, Sir, wie ich die Ehre hatte Ihnen schon zweimal zu
sagen,« erwiderte er, die Augenbrauen in die Höhe ziehend; »bis jetzt war ich
jedoch noch nicht so glücklich, den Ihrigen zu kennen.«
    Wiederum zuckte das frühere Lächeln um den Mund des Andern. »William Murphy,
heisse ich, Sir,« sagte er dann, »Advokat und in Limestone County, Alabama,
wohnhaft.«
    »Ich nehme etwas Brandy und Zucker, Mr. Murphy, und freue mich sehr, Ihre
Bekanntschaft zu machen,« erwiderte Seifert und bog, ohne eine Miene zu
verändern, den Kopf leicht.
    Der Brandy kam, und der beiderseitige »Drink« ward genommen. Seifert fühlte
jedoch stets den beobachtenden Blick auf sich ruhen, der ihm nicht gestattete,
selbst eine Examination seines Gesellschafters anzustellen.
    »Wollen wir nicht eine Cigarre anbrennen und uns ins Nebenzimmer setzen? man
sitzt dort ungestört,« begann der Advokat nach einer Weile, als Seifert, wortlos
gerade aussah, als wolle er die Natur der verschiedenen Flaschen und Gläser vor
ihm studiren.
    »Eine Cigarre? Wirklich, das könnte nichts schaden; ich glaube, ich habe bei
dem verteufelten Abenteuer seit zwei Tagen nicht geraucht,« versetzte dieser und
griff in die Cigarrentasche, die ihm entgegengehalten wurde.
    »Wir finden Feuerzeug hier,« rief der Advokat und schritt nach dem andern
Zimmer voran. Seifert folgte, und die zuklappende Tür trennte sie von dem
Bar-Room.
    »Well, Sir, es ist hier ganz angenehm,« begann der Erstere. Seifert ein
brennendes Zündhölzchen reichend und sich dann bequem in einen der
umherstehenden Lehnstühle werfend. »Setzen Sie sich und lassen Sie uns
plaudern.«
    Seifert brachte erst mit aller Sorgfalt seine Cigarre in Brand und liess sich
dann langsam nieder. »Ich bin zu Ihrer Disposition und ganz Ohr!« sagte er,
allem Anschein nach mit vollem Behagen den Rauch von sich blasend.
    »Well, es ist eben nichts Besonderes, was ich sagen wollte,« erwiderte der
Andere nachlässig, »aber etwas Schwatzen vertreibt die Zeit.« Eine sonderbare
Sache, dieser Sklavendiebstahl mit allen damit verbundenen Umständen. Sie werden
jedenfalls den Haupttäter, diesen Mr. Baker gekannt haben, welcher am andern
Morgen, nachdem die Schwarzen verschwunden waren, ermordet gefunden wurde.
    Seifert fuhr auf und starrte den Redenden einen Augenblick an. »Ermordet?
Also Baker wirklich ermordet?« sagte er, als habe ein plötzlicher Schreck seine
Stimme gelähmt: »und von wem? Vom Eigentümer der Schwarzen, Mr. Elliot?«
    »Sie scheinen also den Täter ganz genau gekannt zu haben, Sir, - vielleicht
auch seinen Spielgenossen, der mit den geraubten Schwarzen entfloh und leider
von Niemandem weiter als eine Strecke den Fluss hinauf verfolgt wurde; - wie hiess
er doch? Es war ein Deutscher, wenn ich nicht irre, - wissen Sie es vielleicht?«
fragte der Advokat, ohne sich im Geringsten in seiner Bequemlichkeit stören zu
lassen, aber das schwarze Auge scharf auf den vor ihm Sitzenden gerichtet.
    Seifert strich sich mit der Hand langsam über das Gesicht. »Es ist
entsetzlich, Sir,« sagte er dann mit halbgeschlossenen Augen, »ich habe Mr.
Baker allerdings gekannt, und zwar in New-York, wo er sich häufig aufhielt. Es
ist entsetzlich, so plötzlich eine solche Nachricht zu erhalten.«
    »Aber, lieber Herr, - wie heissen Sie gleich? Habe wirklich schon wieder
Ihren Namen vergessen - es scheint doch, als wären Sie ziemlich genau von seiner
Beteiligung an der Dieberei unterrichtet gewesen,« erwiderte Murphy, und das
frühere sarkastische Lächeln lagerte sich wieder um seinen Mund. »Sagten Sie
nicht selbst, als Sie das Boot betraten, Sie seien bei der Verfolgung der
Sklavenräuber beteiligt gewesen und dabei vom rechten Wege abgekommen? dabei
ist nur ein curioser Umstand,« und das Lächeln wurde noch schärfer als vorhin, -
»dass es nämlich, wie ich aus dem Prozesse über Baker's Ermordung weiss, Niemandem
eingefallen ist, den Räuber weiter zu verfolgen. Haben Sie sich das Vergnügen
vielleicht auf eigene Faust gemacht?«
    Seifert hob langsam die Augenlider und sah seinen Gegner mit einem Auge an,
in dem es schwer gewesen wäre, irgend einen Ausdruck zu entdecken. Er war
ziemlich blass, aber keine Miene zuckte. »Ich verstehe Sie nicht recht, Sir,«
sagte er kalt, »und begreife überhaupt nicht, was alle diese sonderbaren
Bemerkungen sollen. Einer Ihrer südlichen Landsleute würde sich eine
nachdrücklichere Erklärung erbeten haben, doch wir Nordländer nehmen derartige
Dinge kühler auf. Was wollen Sie denn eigentlich von mir? Mir scheint, Sie
steuern auf den künftigen Staatsanwalt los und wollen einmal versuchen, was sich
aus dem einfachen Factum, dass ich fremd und ohne Mittel auf das Boot gekommen
bin, machen lässt. Sie haben Recht, es vertreibt die Zeit; fahren Sie also fort.«
    Er brachte die Cigarre wieder zum Munde und begann, als berühre nichts seine
Seele, ruhig weiter zu rauchen.
    Der Advokat schlug das Bein über die eine Lehne des Stuhles und stützte auf
die andere Arm und Kopf. »Ihre Taktik wäre gar nicht so übel,« sagte er, »wenn
Sie nicht Einiges dabei vergässen, so z.B. dass es Menschen in der Welt gibt,
welche genügenden Grund haben, etwas tiefer in die Art und Weise Ihrer
Sklavenverfolgung einzudringen, die auch vielleicht das Vergnügen haben, Sie
genauer zu kennen. So erinnere ich mich eines Abends, der mich gegen fünfzig
Dollars am Spieltisch kostete, und wenn ich Sie genauer betrachte, Mr. Seifert
-« er hielt inne, das Auge fest auf seinen Gefährten gerichtet.
    »Nun,« erwiderte dieser, sein Gesicht in eine Dampfwolke hüllend, »mir
scheint, Sie fallen aus der Rolle und wollen nicht nur als Staatsanwalt durch
Ueberraschungen wirken, sondern auch noch den Zeugen in einer und derselben
Person vorstellen?«
    »Well, Mr. Seifert?« -
    »Pardon, Sir! mein Name ist Henry Wells,« rief Seifert, »und die Geschichte
fängt an mir etwas langweilig zu werden. Erlauben Sie einen Augenblick!« Er hob
sich rasch, öffnete die Tür zum Bar-Room und sah hinaus - eben so eine zweite,
die in das Mitteldeck führte, und schritt dann auf den Advokaten los, der, ohne
seine Stellung zu verändern, Seifert's Benehmen beobachtet hatte, jetzt aber bei
seiner Annäherung sich geradeauf setzte.
    »Einfach, Sir, was wollen Sie von mir?« sagte der Herantretende mit
zusammengezogenen Augenbrauen und biss, die Antwort erwartend, die Zähne auf die
Unterlippe.
    »Erstens Ihnen sagen, dass ich Sie sammt Ihrer letzten Expedition kenne,«
erwiderte der Advokat in voller Ruhe, aber augenscheinlich für irgend eine
Bewegung vorbereitet, »und dass ich auch weiss, dass wohl Niemand in Vicksburg Ihr
Fahrgeld bezahlen wird, wenn ich es nicht tue, Mr. Seifert.«
    »Noch einmal - mein Name, ist Wells, Sir! Aber angenommen, ich wäre der
Mann, von dem Sie sprechen, so fliesst doch der Mississippi, auf dem wir uns
jetzt befinden, wohl nicht in Alabama, und den Sheriff von dort werden Sie
wahrscheinlich auch nicht bei sich haben, um den Mann, von welchem Sie sprechen,
verhaften zu lassen. Warum soll ich also durchaus dieser Mann sein, mit dem ich
vielleicht einige Aehnlichkeit haben mag?«
    »Verhaften zu lassen - wer hat von dergleichen gesprochen?« erwiderte Murphy
mit einer Miene voll Verwunderung, die aber einen leichten Spott deutlich
durchscheinen liess. »Ich spiele nur nicht gern Komödie mit, ohne zu wissen
warum, und liebe es, mich gleich in klare Stellung zu Jedem zu bringen. Ich
beabsichtige eigentlich nur, Sie zu fragen,« fuhr er fort und legte sich bequem
zurück, »ob Sie nicht vielleicht die Reise nach New-York in meiner Gesellschaft
zurücklegen und sich dabei meiner Börse bedienen möchten, da die Ihrige
augenblicklich nicht bei der Hand ist - verstehen Sie indessen recht, der
Vorschlag sollte nur dem Manne gelten, für den ich Sie hielt, und von einem
Incognito gegen mich kann mitin gar keine Rede sein.«
    Seifert sah eine Minute schweigend in das Gesicht des Mannes, der mit seinem
halbspöttischen Lächeln zu ihm aufsah; aber kein Zug von Ueberraschung über den
unerwarteten Vorschlag wurde bei ihm sichtbar. Dann rieb er sich die Stirne,
erhob sich und schritt das Gemach auf und ab. An der Tür des Bar-Rooms
angekommen, öffnete er diese und sah hinaus; eben so examinirte er wieder den
Raum vor der andern Tür und liess sich dann langsam auf seinen früheren Platz
nieder.
    »Well, Sir!« begann er dann mit vorsichtig gemässigter Stimme und setzte
langsam seine Cigarre wieder in Brand, »wie ich die Sache ansehe, handelt es
sich jedenfalls um die Ausführung eines scharfen Streiches - man macht sonst
dergleichen Anerbieten, wie Sie es eben taten, nicht so ohne Weiteres. Entweder
soll der Mann, den Sie durchaus in mir erkennen wollen, dadurch zum Bekenntnis
seiner Identität vermocht und so in eine Falle gebracht werden - und das wäre
allerdings unter Umständen ein ganz gelungener Streich - oder es ist irgend ein
subtiles Unternehmen, das nicht Jedermanns Geschmack ist, im Werke, zu welchem
der Mann, den Sie in mir suchen, hilfreiche Hand leisten soll.«
    »Gar nicht so übel geschlossen,« nickte der Advokat, als Seifert eine Pause
machte, um seine Cigarre zum Munde zu führen; »ich freue mich über Ihre schnelle
Auffassung der Verhältnisse, Mr. Seifert.«
    »Wells, wenn ich bitten darf, Sir; Wells unter allen Umständen, diese mögen
sich nun gestalten wie sie wollen,« fiel ihm Seifert mit einer kalten Verneigung
des Kopfes in die Rede. »Was den ersten Fall anbetrifft, so ist es ganz gleich,
ob ich hier unter vier Augen sagen würde, ich bin der Seifert, den Sie meinen,
oder nicht - es sollte Ihnen ziemlich schwer werden, zu beweisen, dass ich dies
eingestanden - halten Sie mich für wen Sie wollen, nur,« fuhr er mit einem
höflichen Lächeln fort, »gebrauchen Sie nicht meinen Namen, der an manchen Orten
eben nicht geeignet wäre, mir meinen Weg zu ebnen.«
    »Also, Mr. Wells, wenn es nicht anders sein soll!« erwiderte der Advokat,
sich aufrecht setzend, »es scheint, wir beginnen uns mehr zu verstehen.«
    »Es sollte mich freuen,« sagte Seifert, die Asche von seiner Cigarre
schnellend; »was den zweiten Fall betrifft, so stehe ich gern bei einem
anständigen Geschäfte mit meinen geringen Talenten zur Verfügung, nur müsste mir
dabei volles Vertrauen und der Blick über das ganze Unternehmen gegönnt werden.
Für Andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen,« fuhr er mit seinem früheren
verbindlichen Lächeln fort, »und dann die verbrannten Finger als einzigen Lohn
zu behalten, ist eine Erfahrung, die man nicht gern mehrere Male macht.«
    Murphy schien eine Secunde lang mit seinem durchdringenden Blick die
innerste Falte von Seifert's Seele ergründen zu wollen; dann sprang er auf und
trat ans Fenster, in das von den Rädern des Bootes gepeitschte Wasser
hinausschauend. Seifert lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schien bald keine
andern Gedanken zu haben, als die Formen der Rauchwolken, die er langsam von
sich blies, zu studiren.
    »Gut, Sir,« begann nach einer kurzen Weile der Advokat, langsam vom Fenster
zurücktretend, »ich glaube mit der nötigen Offenheit nicht viel bei Ihnen zu
riskiren. Es handelt sich um einen Rechtsfall, der gerade in der Gegend von
Alabama spielt, wo für Sie der Boden jetzt etwas zu heiss ist, als dass Sie ihn
betreten könnten, falls Sie etwa den Verräter von dem zu spielen gedächten, was
beabsichtigt wird. Auf der andern Seite hoffe ich Ihnen für die Unterstützung
der Sache einen Gewinn verbürgen zu können, der vielleicht Ihre Erwartungen
übersteigt, wenn Sie der Mann sind, den ich brauche und den ich in Ihnen
vermute. Ich will Ihnen ehrlich gestehen, dass, als ich bei Ihrem Eintritt in
das Boot von Ihrer Verlegenheit hörte und Sie erkannte, mir es fast scheinen
wollte, als habe das Schicksal mir recht absichtlich in den Weg geworfen, was
mir gerade fehlte.«
    Seifert blies einen wohlgelungenen Ringel in die Luft. »Ich bin vollständig
bereit zu hören, wenn Sie mich Ihres Vertrauens wert halten,« sagte er, »und
dann wird es sich ja wohl zeigen, ob das Schicksal recht gehabt hat - jedenfalls
würden Sie äusserst nobel handeln, wenn Sie, um in keiner Art einen moralischen
Zwang auszuüben, mein Fahrgeld bis New-Orleans hinunter vor unserer weiteren
Besprechung berichtigen wollten. Das Fahrbillet in meiner Tasche würde Ihnen
grössere Bürgschaft für die Aufrichtigkeit meines Entschlusses geben, als es alle
Worte tun könnten.«
    Der Andere sah ihn einen Augenblick mit sonderbarem Gesichtsausdrucke an.
»Schüchtern sind Sie nicht, Sir, und scheinen Ihren Vorteil beim Schopfe fassen
zu können.« sagte er dann. »Was aber, wenn ich nichts zahle, ehe wir nicht mit
einander ins Klare gekommen sind, damit ich doch weiss, wofür ich mein Geld
gebe?«
    »Ihre Sache, Sir,« erwiderte Seifert achselzuckend und erhob sich langsam.
»Sie sind zu mir gekommen und haben mir ein Geschäft angeboten, nicht ich zu
Ihnen - ich habe Ihnen meine erste Bedingung gesagt, unter welcher ich nach
Umständen vielleicht mich mit Ihnen verständigen kann, und Sie sollten meine
Gründe dafür würdigen - convenirt Ihnen das kleine Risico nicht - very well, so
brechen wir ab.«
    »Und wie gedenken Sie in Vicksburg Ihr Fahrgeld zu bezahlen und von dort
weiter zu kommen?«
    »Gott im Himmel, das ist doch meine Sache, lieber Herr. Sie scheinen mich
noch immer für den Vagabunden Seifert, oder wie Sie ihn nannten, halten zu
wollen; was wissen Sie denn von meinen Verhältnissen?«
    »Schön!« lachte der Advokat auf; »ich sehe, es ist schlecht handeln mit
Ihnen, und muss ich mein Vertrauen riskiren, so kann es allerdings auf ein paar
Dollars nicht ankommen.« Er zog ein wohlgefülltes Taschenbuch aus seiner Tasche
und legte einige Banknoten auf den Tisch. »Hier, legen Sie Ihre Hand darauf und
lösen Sie Ihr Ticket selbst, damit ich nicht wieder eine Verwechselung in dem
Namen begehe. Die einzige Bedingung ist nur, dass Sie mit mir jetzt ohne
Winkelzüge verhandeln, damit wir zum Zweck kommen.«
    Im Bar-Room wurden Stimmen laut, die Tür des kleinen Zimmers öffnete sich
und mehrere Reisende traten ein, gefolgt von dem Aufwärter, der einen der Tische
abputzte und ein Packet Karten darauf legte.
    »Bleiben wir noch hier oder gehen wir aufs Verdeck, wo sich ganz ungestört
weiter reden lässt?« fragte Murphy, dem die Störung augenscheinlich ungelegen
kam.
    »Ich gehe mit Ihnen,« sagte Seifert halblaut, die erhaltenen Banknoten
zusammenlegend, - »Sie haben mir mit Ihrem Gelde eine Arbeit erspart, sonst
hätte ich mir meine Reisekosten von diesen Gentlemen hier bezahlen lassen
müssen; - Sie sehen, es fehlt Ihnen gerade noch der vierte Mann, und ich wäre
also auch ohne Sie wohl schwerlich in Verlegenheit geraten. Ich bemerke dies
nur,« sagte er, die Tür öffnend, »dass wir uns bei den kommenden Verhandlungen
Beide auf den richtigen Standpunkt stellen.« -
    Es war ein prachtvoller Tag, welcher die Beiden auf dem Vorderdeck empfing,
und an beiden Seiten der Brustwehr sassen und lehnten Gruppen von Passagieren, um
die frische Luft zu geniessen. Murphy fasste zwei Rohrsessel und trug sie nach dem
vordersten Ende des Schiffes, wo ein Belauschtwerden unmöglich war und jeder
sich Nahende sofort bemerkt werden musste.
    »Denken Sie sich folgenden Fall,« begann der Advokat mit halbgedämpfter
Stimme, nachdem sich Beide niedergelassen hatten. »Ein alter Mann stirbt auf
einer Reise im Hause eines Freundes. Der Todte hat bei Lebzeiten allerhand
sonderbare Geschäfte betrieben, und so findet sich unter seinen Papieren, die
einen gar nicht unbedeutenden Nachlass ausweisen, auch eine Notiz über einen
alten Besitztitel, lautend auf ein grosses Stück Land in Alabama, den der
Verstorbene auf irgend eine Weise erworben bat. Ich muss Ihnen dabei sagen, dass
die Grundbesitz-Verhältnisse in manchen Teilen unseres Staates ziemlich im
Argen liegen, und dass mancher Farmer nicht sicher ist, selbst wenn er sein
Grundeigentum vom Vater ererbt hat, dass eines Tages sich nicht ein älterer
Besitztitel findet, welcher ausgestellt ward, als das Land noch nichts wert
war, dann vergessen wurde und von dem ein späterer Besitzergreifer, der sich auf
freiem Boden niederzulassen glaubte, nichts wusste; dass der Inhaber desselben
Familien aus ihren wohlcultivirten Farmen treiben und sich ruhig, ohne einen
Cent Entschädigung, hineinsetzen kann. Wie es mit dem Besitztitel des
verstorbenen Mannes, von dem ich spreche, sich verhält, weiss ich noch nicht ganz
genau; ist es aber wie ich vermute, so steht der grösste Teil der Existenz von
mehr als einem unserer reichsten Farmer auf dem Spiel - falls nämlich die Sache
in die richtigen Hände kommt, die aus ihr etwas zu machen verstehen - und der
Entdecker des Anspruchs kann sich von dem Eigentümer des älteren Besitztitels,
der auf keinen Fall seinen Vorteil kennt oder auch die Mittel nicht hat, um
einen langwierigen Prozess gegen drei oder vier der reichsten Pflanzer zu
beginnen, einen Gewinnanteil bei Durchführung des Anspruchs sichern, der ihn
selbst reich machen muss. Ich weiss nun, wo sich dieser Besitztitel befindet, und
die Notiz darüber, welche sich in dem Nachlasse befand, ist in meinen Händen,
ohne dass ein anderes Auge als das meinige einen Blick darauf geworfen hat. Der
ganze Nachlass dieses verstorbenen Mannes ist seinem minderjährigen
Schwestersohne, der in New-York lebt, vermacht, und als Vormund über diesen ein
junger Mann bestellt, der erst seit kurzer Zeit in Alabama wohnt, der aber das
ganz besondere Vertrauen des Erblassers genossen haben muss. Ich dachte im ersten
Augenblick daran, ihn von dem Funde in Kenntnis zu setzen und halbpart bei dem
einzuleitenden Processe mit ihm oder seines Mündels Interesse zu machen, fand
aber bald heraus, dass er durchaus kein Mensch für Geschäfte der Art ist, und
obenein hat er noch die Tochter eines der Farmer zur Frau, gegen welche sich ein
Hauptteil der ganzen Procedur richten müsste. Bei ihm würde ich durch ein paar
unvorsichtige Worte Gefahr gelaufen sein, die ganze Angelegenheit zu verderben,
ehe sie noch begonnen, und so blieb mir, um vielleicht ein Kapital von 200,000
Dollars für mich selbst herauszuschlagen, nichts übrig, als selbstständig einen
andern Weg zu gehen, der, wenn er sich auch etwas holprig gestalten und ich
dabei Hilfe notwendig haben mag, doch um so schneller und sicherer zum Ziele
führen muss.«
    Der Sprecher machte eine Pause und sah auf seinen Gefährten, als erwarte er
von diesem eine Bemerkung oder als wolle er den Eindruck seiner Worte auf ihn
wahrnehmen. Seifert aber hatte während der ganzen Rede, das Kinn in die Hand
gestützt, vor sich auf den Boden gesehen und nur durch ein leises Kopfnicken zu
Zeiten seine Teilnahme verraten. Als er jetzt aufsah, war es nur die vollste
Gleichgiltigkeit, was Murphy in seinem Gesichte entdecken konnte.
    »Well, Sir!« begann der Advokat wieder, »was meinen Sie?«
    »Well, Sir! worüber soll ich etwas meinen?« war die Antwort. »Sie haben mir
ja, genau genommen, noch gar nichts gesagt!«
    »Wenigstens doch eine Idee gegeben, welcher Profit bei einem solchen
Geschäfte herausspringen kann.«
    Seifert strich langsam mit der Hand über das Gesicht. »Ich habe eine
derartige Speculation schon im vorigen Jahre mit angesehen,« sagte er kalt; »ich
weiss, dass unter einer Klasse von Advokaten eine Verbindung durch die ganze Union
besteht, um mangelhafte Besitztitel aufzuspüren und auf Grund derselben entweder
Processe gegen die bisherigen Landeigentümer zu beginnen und sie aus ihrem
Besitztum zu treiben, oder, wo der beigebrachte fremde Anspruch schwerer
durchzuführen ist, sich durch ein respectables Abstandsgeld Schweigen und Ruhe
abkaufen zu lassen - eine ganz angenehme Speculation das, keiner Frage
unterworfen; bei alledem aber immer weit aussehend. Entweder man trifft auf
einen Mann, der Geld hat und sich seiner Haut wehrt - und dann können Jahre
vergehen, ehe etwas herausspringt - oder der Mann hat wenig, und dann ist auch
nicht viel zu haben, was der Zeit und Mühe verlohnte.«
    Der Advokat wollte ihn unterbrechen.
    »Nur noch einen Augenblick, Sir, da Sie meine Meinung wissen wollen,« sagte
Seifert. »Ich bin bei einer solchen Gelegenheit im Staate New-York einmal mit
dem Posten eines Kundschafters beehrt worden, möchte aber,« fuhr er mit seinem
früheren höflichen Lächeln fort, »für alle Zukunft mit derartigen Geschäften
verschont bleiben, bei denen, wie es im gewöhnlichen Leben mit allen armen
Teufeln geschieht, das eigentliche Talent in Anspruch genommen und, nachdem es
benutzt worden ist, mit einem mageren Knochen zum Teufel geschickt wird. Kann
ich alle Enden Ihres Unternehmens sehen und fühlen, so dass ich selbst
beurteilen kann, was es mir für meine Beteiligung abwerfen könnte, so werde
ich meinen Entschluss danach fassen - ich will durchaus ehrlich sein und bemerke
Ihnen deshalb, ehe Sie mich in Ihre eigentlichen Pläne einweihen, dass ich eben
nur meine Mitwirkung versprechen kann, wenn die volle Mitwissenschaft Sie eben
so gut in meine Hände liefert und mir dadurch Bürgschaft für Ihre Redlichkeit
gegen mich gibt, als Sie mich selbst dadurch in der Hand haben.«
    Der Advokat hob, wie in einer unwillkürlichen stolzen Regung den Kopf und
liess den Blick über die ganze Gestalt seines Nachbars gleiten. »Glauben Sie
nicht, Sir,« sagte er nach einer kurzen Pause, und ein leichter Hohn legte sich
um seinen Mund, »dass ich vielleicht ein klein wenig mehr in die Wagschale werfen
und möglicherweise etwas mehr zu verlieren hätte als Sie? und dass es also wohl
unbillig von Ihnen wäre, auf solchen Bedingungen zu bestehen? Ich werde Sie, in
Bezug des profitablen Ausganges für Sie, in jeder Weise sicher stellen. und es
soll Sie nichts an mich binden als Ihr eigener Vorteil - was wollen Sie mehr?«
    »Sie haben wohl Recht; aber etwas, gegen das Sie mir wahrscheinlich keine
genügende Sicherheit geben können,« erwiderte Seifert mit vollkommen
liebenswürdigem Lächeln und leichtem Achselzucken, »ist im möglichen Falle dass
Zuchtaus, verehrter Herr! Das aber würde mir genau so schlecht schmecken als
Ihnen und dagegen kann ich mich nur allein wahren, und zwar nur, wenn ich alle
Fäden genau kenne.«
    Aus Murphy's Gesicht war einen Augenblick das Blut gewichen. »Ich weiss
nicht,« sagte er, »was Sie zu Annahmen berechtigt, für die nirgends ein Grund
vorhanden ist?«
    »Durchaus nichts als die Sorge der Selbsterhaltung; ich sehe meinen Weg
immer gern klar vor mir. Sind Befürchtungen, wie ich sie ausgesprochen,
grundlos, desto besser! Um so weniger sehe ich aber auch den Grund ein, warum
Sie mir nicht vollkommenes Vertrauen schenken wollen? Entweder Sie verlangen von
mir einen Teil von Tätigkeit bei Ihrem Unternehmen - und dann ist ein
Verständnis des Ganzen um so dringender notwendig - oder Sie verlangen nur eine
untergeordnete Beihilfe, und dann finden Sie genug Andere an meiner Stelle, die
vielleicht nicht dieselben Ansprüche machen.«
    Murphy fuhr sich mit der Hand einige Mal durch die Haare. »Und was verlangen
Sie denn zu wissen, da ich noch nicht einmal begonnen habe, Ihnen ein Wort des
eigentlichen Planes mitzuteilen?«
    »Ich möchte,« erwiderte Seifert mit höflicher Neigung des Kopfes, »dass vor
allen Dingen alle Redensarten wie: Setzen Sie den Fall! womit Sie Ihre
Mitteilung begannen, ganz wegfallen. Geben Sie mir klar und bestimmt den Ort,
die Namen und den Sachverhalt - wobei ich mir natürlich vorausbedinge, dass
etwaige Abweichungen von der Wahrheit, die ich in der Zukunft entdecken sollte,
mich jedes gegebenen Wortes entbinden. Entweder Sie vertrauen mir, oder
vertrauen mir nicht, und in dem letztern Falle, was aber durchaus nichts
Beleidigendes für mich haben würde, ist eben jedes Geschäft zwischen uns
unmöglich.«
    Der Advokat hob seine Augen zu denen Seiferts, die in diesem Momente seinen
Blick voll aushielten und an seinem Gesichte hingen, wie in der Erwartung von
Erkenntnis und Verständnis einer verwandten Seele. Murphy schlug die Augen
nieder, aber aufs Neue aufsehend, begegnete er wieder demselben Blicke.
    Eine secundenlange Pause erfolgte, in welcher die Augen Beider in einander
hingen. »Well, Sir,« begann dann plötzlich Murphy, wie im schnell gefassten
Entschlusse, »ich will Ihnen trauen; hoffentlich sind Sie mein Mann, und der
Teufel ist noch immer ehrlicher gewesen als Diejenigen, welche den Herrgott auf
der Zunge haben. Sie sollen Namen, Ort und die nähern Umstände von Allem
erfahren, worüber ich bereits gesprochen, und dann werde ich Ihnen meinen
weiteren Plan entwickeln. Täusche ich mich in Ihnen, wollen Sie nicht darauf
eingehen, so ist allerdings ein gutes Geschäft zur Hölle gefahren, da es
durchaus keinen fremden Mitwisser verträgt; in anderer Beziehung aber spreche
ich wie Sie vorher: es sollte Ihnen ziemlich schwer werden zu beweisen, was ich
Ihnen von meinen Gedanken verraten. Nehmen Sie meine Vorschläge an, so wird
mich Ihr eigener Vorteil vor jeder Untreue schützen.«
    »Richtig, ich sehe, wir fangen an, uns besser zu verstehen,« erwiderte
Seifert mit leiser Ironie. »Schiessen Sie ruhig und voll los und das Uebrige wird
sich finden.«
    Murphy liess nochmals wie überlegend den Blick auf Seiferts Gesicht haften
und stützte dann Kopf und Ellbogen auf die Schutzwehr des Verdecks. »Der alte
Mann, von dessen Tod und Hinterlassenschaft ich Ihnen erzählte,« begann er dann,
»ist ein jüdischer Pedlar, der im Hause eines Mr. Morton starb, - unweit des
Platzes, wo Sie Ihre Negerentführung bewerkstelligten. Er machte Geldgeschäfte
für östliche Häuser mit unsern Pflanzern, kaufte Baumwolle auf und verlieh Geld
darauf, und mag so auf irgend eine Weise zu dem alten Besitztitel, den er, wie
es mir sicher scheint, mit allen Ansprüchen auf sich hat übertragen lassen,
gekommen sein. Ueber das Nähere darüber habe ich mir noch Gewissheit zu
verschaffen. Der eingesetzte Vormund seines Erben ist ein junger Deutscher.
Namens Helmstedt, der seit Kurzem erst als Buchhalter auf Mr. Elliots Pflanzung
beschäftigt war, auf demselben Platze, wo Ihr Kamerad Baker mit Ihnen den
Negerdiebstahl ausführte, aber dabei ermordet wurde, während Sie mit den
Schwarzen schon auf und davon waren. Dieser Mord ist eine ganz verwickelte
Geschichte, die uns aber jetzt nicht kümmert und von der ich Ihnen später einmal
das Nähere mitteilen werde. Baker hatte sich, wie Sie wissen, in Mr. Elliots
Familie eingeführt und würde sicher dort die einzige Tochter des reichen
Pflanzers gekapert haben, wenn nicht eben der junge Deutsche, in den sich das
Mädchen sterblich verliebt hatte, da gewesen wäre und es endlich so weit
gebracht hätte, dass er sich mit ihr gegen den Willen ihres Vaters trauen liess.«
    »Erlauben Sie einmal,« unterbrach ihn Seifert mit grossen Augen, »Sie sagen,
dieser Herr von Helmstedt habe die Tochter des reichen Elliot geheiratet?«
    »Genau so; vom Reichtum des Alten, der seine Hand ganz von der ungehorsamen
Tochter gezogen hat, sieht er indessen nicht viel. Er lebt als Musiklehrer in
der Stadt und sucht seiner jungen Frau ganz alle die Bequemlichkeiten zu
erhalten, in denen sie aufgezogen ist - ein scharfes Auge sieht aber recht wohl,
dass das bei seiner Beschäftigung, so gut sie auch bezahlt werden mag, ein hartes
Stück Arbeit ist und ihm bald tausend Verlegenheiten bereiten wird. Hätte ich
mit ihm als Vormund des Erben, welchem der besprochene alte Besitztitel zufallen
muss, Partnerschaft machen können, so dass er mich zur gerichtlichen
Geltendmachung des Anspruchs als Advokaten angenommen, und wir uns dann in die
Hälfte alles Dessen, was herausgekommen wäre, geteilt hätten, so wäre ihm ein
sorgenfreies Leben sicher gewesen. Es ist aber ein Mensch, der eher zu Grunde
geht, ehe er etwas gegen das tut, was er seine Ehre nennt - er hat das schon in
dein Processe wegen Bakers Ermordung bewiesen, wo er beinahe als Mörder gehangen
worden wäre, weil er nicht verraten wollte, dass er die ganze Zeit, in welcher
der Mord vollbracht ward, in seines Mädchens Kammer gewesen, bis das mutige
kleine Ding selbst vor Gericht erschien und seine Unschuld bewies.«
    »Das ist er - das ist er!« nickte Seifert, »gerade wie ich ihn schon in
New-York kannte!«
    »So, Sie kannten ihn bereits, - dann werden Sie mich um so eher verstehen;
und wenn ich Ihnen nun noch sage, dass bei dem einzuleitenden Prozess unter anderm
auch der ganze jetzige Grundbesitz des Mr. Elliot, des Vaters seiner Frau, in
Frage gestellt wird, so werden Sie begreifen, dass ich, um die Angelegenheit zu
meiner Zufriedenheit in die Hand zu bekommen, sie von einer ganz andern Seite
angreifen muss, - Well, Sir!« fuhr Murphy mit einem tiefen Atemzuge fort, »so
viel ich weiss, will dieser Mr. Helmstedt in einigen Wochen nach New-York gehen,
um für die Zukunft seines Mündels die nötigen Anordnungen zu treffen - dieser
Mündel aber muss verschwinden, ehe der Vormund ankommt; und dass der Vormund uns
nicht zu zeitig über den Hals gerate, dafür sorgt ein Freund, den ich
zurückgelassen habe.«
    Der Advokat liess den Blick gespannt auf Seiferts Gesicht ruhen, als wolle er
den Eindruck seiner letzten Worte darin beachten.
    »Und was weiter?« fragte Seifert, dessen belebterer Blick allein ein
erhöhtes Interesse ankündigte, nach einer Pause.
    »Verstehen Sie mich recht! Dem Jungen soll kein Leid geschehen, wenigstens
so weit ich es verhindern kann,« fuhr Murphy, seine Stimme noch mehr als bisher
dämpfend, fort. »Ich selbst kenne New-York zu wenig, um die Wege zu wissen, wie
man einen Menschen unsichtbar machen, vielleicht nach einer fremden
Himmelsgegend auf Nimmerwiederkommen schicken kann -« er hielt wieder inne und
Seifert nickte - »das sollte eben ein Teil Ihres Anteils an der Arbeit
werden.«
    Seifert rieb sich die Stirn und Augen. »Und dann?« fragte er.
    »Well,« war die Antwort, »die ganze Familie sind Juden und es dürfte mir wohl
leicht werden, mit dem nächsten majorennen Erben, einen Vertrag, wie ich ihn
wünsche, abzuschliessen, der ihm einen Gewinn in Aussicht stellt, von dem er
nichts gewusst, und dessen Erkämpfung ihn nichts lostet.«
    Seifert sah eine Weile vor sich nieder. »Gegen den Plan selbst,« sagte er
endlich, »liesse sich kaum etwas einwenden, so weit es meine Beteiligung
betrifft; über einige andere Punkte aber sprechen wir später. Die Reise ist lang
genug dafür, und ich glaube, wir tun jetzt besser, abzubrechen, wir bekommen zu
viel Ohren in die Nähe« Er erhob sich nachlässig - »nehmen wir einen Schluck,
Sir?«
 
                                      II.
Die Dämmerung hatte sich bereits über eins der nördlichen Countystädtchen
Alabama's gesenkt, da schritt in einem nur von dem Feuerschein aus dem Kamin
erleuchteten Zimmer ein junger Mann gedankenvoll auf und ab. Dann und wann hielt
er horchend an, wenn sich in der Ferne das Rollen eines Wagens vernehmen liess,
um aber bald wieder, wie getäuscht, seinen Gang von Neuem aufzunehmen. Nach
einer Weile trat er zum Fenster, schlug die dicken damastenen Vorhänge zurück
und legte die Stirn gegen das Glas. Mehrere Minuten mochte er so verbracht
haben, als wieder das Geräusch eines Wagens hörbar wurde und ihn aus seinem
Sinnen aufstörte. Ein Cabriolet, eleganter und moderner gebaut, als es in diesen
Hinterwaldstälern trotz des Reichtums der Pflanzer gebräuchlich war, fuhr so
eben an der Haustür vor; ein junger Mann, dessen Rock- und Hosenschnitt man es
auf den ersten Blick ansah, dass seine Heimat im Osten war, sprang heraus und bot
einer neben ihm sitzenden Dame die Hand, an welcher sich diese leicht zur Erde
schwang. Ein ehrerbietiger Gruss Seitens des Mannes, ein paar mit einem heitern
Lächeln begleitete Worte der Dame, und er sass wieder im Wagen, während sie in
das Haus trat.
    Der Mann im Zimmer war vom Fenster zurückgetreten und hatte sich, die Hand
vor die Augen gedrückt, in den Schaukelstuhl neben dem Kaminfeuer geworfen - die
junge Frau, welche eben den Wagen verlassen, trat ein, legte, mit einem
schnellen Blick über das Zimmer, ihren Hut auf einen Seitentisch und eilte dem
im Schaukelstuhl Sitzenden zu.
    »Guten Abend, August!« sagte sie, und zog ihm die Hand vom Gesichte. Ein
ernster, stiller Blick traf den ihrigen. »Bist du ein Brummbär?« fuhr sie fort,
und es lag ein seltener Reiz von Süsse und neckischer Laune in ihrer Stimme.
    Der junge Mann setzte sich aufrecht. »Wo bist du denn gewesen, Ellen?«
    »Himmel! warum denn so ein Gesicht bei der Frage, August?« rief sie und nahm
seine beiden Hände in die ihren. »Mr. Nelson hat gestern sein neues Buggy
bekommen und lud mich ein, es auf der ersten Spazierfahrt zu versuchen - du
warst doch den ganzen Tag in der Akademie, als dass ich dir erst hätte etwas
davon sagen können!«
    »Du weisst, Kind, dass ich dich bat, weder diesem Mr. Nelson noch seinem
Freunde Murphy eine Ermutigung zu geben, unser Haus zu besuchen; ich traue
ihnen Beiden nicht, wenn ich auch noch keine bestimmten Gründe für das Gefühl
angeben kann, - und nun fährst du einen halben Nachmittag mit dem Einen
spazieren. Ich bin schon länger als zwei Stunden zu Haus und hatte mir
vorgenommen, so Vieles mit dir durchzusprechen.«
    »Und ist denn dazu nicht jetzt noch Zeit? Nicht wahr, du bist vernünftig,
August?« fuhr sie fort und kniete an seiner Seite auf den Teppich nieder, ihre
Arme auf seine Knie legend. Der Schein des Feuers beleuchtete ihr feines und
doch so frisches Gesicht, sie war bildschön in diesem Momente und ihr dunkles
Auge sah mit einem Blicke zu ihm auf, als wisse sie, dass sie ihres Eindrucks
sicher sei. »Was hätte ich denn tun sollen? Ich sass hier und langweilte mich -
vielleicht hätte ich Mortons besuchen können, um die Zeit hinzubringen; aber es
ist ziemlich weit bis dahin, und Pauline ist seit wir verheiratet sind so still
und kaum mehr die alte; es ist ein trauriges Loos, das sie hat, seit ihr alter
Mann so kränklich ist - da meldete Sarah den Mr. Nelson - sollte ich ihn denn
ohne Grund fortschicken? Er hatte mich schon am Fenster gesehen, er wusste, dass
du vor Abend nicht nach Hause kommen würdest; welche Ursache hätte ich denn
angeben sollen, um sein Anerbieten abzuweisen? Und ich habe mich wirklich
amüsirt bei der Fahrt, August - nicht wahr, du zeigst mir jetzt ein anderes
Gesicht?«
    »War es denn nicht Grund genug, dass du wusstest, du würdest mich betrüben -
oder hättest du wirklich keine Ausflucht finden können, um das Anerbieten des
Mannes abzulehnen? Höre mich, Kind,« fuhr er fort, als sich eine Wolke auf der
Stirn der jungen Frau bildete und sie Miene machte, sich zu erheben - »du weisst,
unter welchen Verhältnissen du mein geworden bist, weisst, dass wir durch unsere
Verheiratung wider deiner Eltern Willen dem ganzen Stolze deiner reichen
Verwandten und Bekannten ins Gesicht geschlagen haben und dass dies auf die
sämmtlichen Familien des County zurückgewirkt hat - weisst, dass sogar unser
Beschützer Mr. Morton, dem wir allein unser jetziges Glück zu verdanken haben,
darunter zu leiden hat, und dass es ihm jetzt doppelt angerechnet wird, eine
junge Deutsche, unsere Pauline, geheiratet und in die hiesige Gesellschaft
eingeführt zu haben, von der Niemand unter allen den reichen Leuten weiss, wer
sie ist, noch aus welchen Verhältnissen sie stammt. Ich hatte mir vorgenommen,
sobald ich diese Verhältnisse erkannte, dem Pflanzerstolze dieser Menschen hier
genug zu tun und deinen Vater mit der Zeit zu versöhnen; ich wollte ihnen
zeigen, dass sie mich und meine Fähigkeiten brauchen, aber ich nicht sie; wollte
mich nirgends in ihre Gesellschaft eindrängen, aber mir ihre Achtung durch mein
Leben und meine Leistungen erzwingen; ich glaubte, Ellen, du würdest mir darin
beistehen; der Mut, den du entwickeltest, als es unsere Vereinigung galt, würde
sich auch bewähren, wenn es heissen würde, durch uns selbst und nicht durch
deines Vaters Einfluss oder Geld eine Stellung zu erringen; wir versuchten es
nirgends seit ich meine jetzige Stellung in der Akademie erhielt, uns an die
hiesigen Privatfamilien enger anzuschliessen, wir ersparten uns jede Demütigung,
ich fühlte schon, dass ich gerade dadurch anfing, eine Art Boden unter mir zu
gewinnen - und nun fährst du einen ganzen Nachmittag mit einem Manne spazieren,
den du kaum zweimal gesehen hast, obgleich du wusstest, wie wenig ich gerade dies
wünschte - nur weil du dich langweiltest!«
    »Aber was ist denn Böses darin, was schadet es denn deinen Plänen? ich
konnte die Einladung nicht gut ausschlagen, August!« sagte sie, sich langsam
erhebend und den Kopf an das Kaminsims lehnend; »ich mache mir nichts aus dem
Manne, aber er gehört zu den besten Familien des andern County's - ich weiss von
Pauline und von dir, dass es für Frauen nicht Sitte in eurem Lande ist, allein
mit einem andern Manne einen Ausflug zu machen - es ist hier, wo wir leben,
anders, das weisst du doch, August; und ausserdem - er hat meinen Vater
gesprochen, vielleicht gelingt mir eine Aussöhnung mit ihm, zeitiger als wir
Beide denken.«
    Der junge Mann erhob sich rasch vom Schaukelstuhle und legte die Hand leicht
auf die Schulter seiner Gefährtin. »Ellen,« sagte er, und ein tiefes Gefühl
zitterte in seiner Stimme, »weisst du, als du zu mir kamst und sprachst: Hier bin
ich! als ich dich in meine Arme nahm und dir sagte, dass ich noch kein Dach für
uns Beide hätte, als du mutig versprachst, fest an mir zu halten und ich still
die Verantwortung auf mich nahm, dich als ein teueres Kleinod zu erhalten und
zu bewahren - damals wusste ich, dass die Prüfungsstunden für uns Beide noch
kommen würden - nicht die durch Not, dagegen war ja gesorgt; aber ich sah
voraus, was sich bei der verschiedenen Stellung von uns Beiden noch zwischen uns
drängen werde. Sieh, Ellen, es ist leichter, durch Ereignisse gedrängt und in
der frischen Aufregung des Gefühls den gewagtesten Schritt zu tun, und alle
Folgen auf sich zu nehmen, als im ruhigen Gang der Verhältnisse sich freiwillig
und consequent einer Unannehmlichkeit zu unterziehen -«
    »Aber, lieber Himmel, was hat denn das Alles mit meiner unschuldigen
Spazierfahrt zu tun?« rief sie, den Kopf erhebend, mit einem Beben in der
Stimme, als sei ihr das Weinen nahe.
    »Ich wollte, du fühltest es, Ellen, dann wäre ich deiner sicherer!«
erwiderte er. »Dieser Mr. Nelson hat deine Bekanntschaft gesucht, nicht als
meine Frau, nicht als Mrs. Helmstedt; er hat zu dir gesprochen, hat dir
Aufmerksamkeiten erwiesen, einzig als die Tochter deines Vaters. Seit ich seinen
Freund Murphy mit dessen laxen Rechtsansichten bei Seite liess, habe ich für
diesen Mr. Nelson nicht mehr existirt. Er hat zu dir gesprochen, ohne es nur der
Mühe wert zu finden, mich zu begrüssen, er hat sein Recht dazu ganz unverblümt
aus seiner Bekanntschaft mit deinem Vater hergeleitet. - Dich mochte seine ganze
Art und Weise kaum berührt haben, und wenn es mich auch schmerzte, dass dem so
war, so hütete ich mich doch, ein Wort darüber fallen zu lassen; ich meinte
immer, dein eigenes feineres Gefühl müsse dir allein den rechten Weg zeigen -
mir aber war's dabei, als würde die erste Sonde angesetzt, um zu untersuchen,
wie stark des Band sei, das uns zusammenhält. Ich konnte dich nur bitten, den
beiden Menschen keine Ermutigung zu geben - fühlst du denn nun, Ellen, was es
für mich heisst, wenn du mit dem Einen trotz meiner Bitte einen ganzen Nachmittag
allein herumfährst und zu deiner Rechtfertigung sagst, er habe von deinem Vater
mit dir gesprochen; wenn du Langeweile und dein Amüsement vorschützest, wo es
sich bei uns, wenn wir uns selbst eine Stellung erringen wollen, noch um ernste
Kämpfe handelt, in denen mein Arm erlahmen müsste, wenn du nicht fest und dicht
zu deinem Manne hieltest, damit sich nichts, und wäre es dein eigener Vater,
zwischen uns drängen kann?«
    »Aber ich liebe doch meinen Vater, und er liebt mich - du weisst das!« sagte
die junge Frau, den Kopf hebend und den Oberkörper zurückbeugend, dass Helmstedts
Hand von ihrer Schulter glitt; »ich habe nie einen andern Gedanken gehabt, als
dass ich ihn bald wieder aussöhnen würde. Soll ich denn jedes Wort zurückstossen,
das mir vielleicht von ihm hinterbracht wird? soll ich denn gegen Leute, die
freundlich mit mir sind, ohne Grund und Ursache barsch sein? Du bist gereizt,
und das macht dich ungerecht, auch ungerecht gegen mich!«
    Helmstedt wurde blass. »Wir verstehen uns nicht, Ellen, und das ist traurig,«
sagte er nach einer kurzen Weile - »vielleicht begreifst du erst den Sinn meiner
Worte, wenn du aufs Neue zu wählen haben wirst zwischen mir und deinem Vater,
wenn dir unser kurzes Liebesglück als blosse jugendliche Torheit vorgestellt,
wenn dir vielleicht ein Ersatz für mich geboten werden wird, der kein Opfer von
dir verlangt.«
    »August, und dies Alles um die eine Spazierfahrt?«
    »Wir verstehen uns eben nicht, Ellen!« sagte er mit einem halben Seufzer und
schritt mit gesenktem Kopfe langsam nach der Tür. Sie sah ihm nach, in ihrem
Gesichte zuckte es, als wolle sie ihn zurückrufen - aber sie schwieg, und als
die Tür hinter ihm zufiel, sank sie in den Schaukelstuhl, drückte ihr
Taschentuch vor die Augen und brach in ein kurzes Schluchzen aus. Bald aber, als
bemächtigte sich ihrer ein anderer Gedanke, blickte sie wieder in das Feuer,
erhob sich dann rasch und trat, die Vorhänge halb zurückschlagend, ans Fenster.
Die Strasse lag nur noch in der letzten Abendbeleuchtung vor ihr - eben wollte
sie sich wieder wegwenden, da schritt ein elegant gekleideter junger Mann die
Strasse herab, sah nach ihrem Fenster und grüsste tief - es war ihr Begleiter vom
Nachmittag. Sie errötete, liess die Vorhänge fallen, und trat vor sich
hinsinnend zurück nach dem Feuer.
    Helmstedt war in das neben dem Parlor befindliche Speisezimmer getreten.
Dort war es kalt und unwirtlich; kein Feuer brannte im Kamin, noch liessen sich
irgendwie Vorbereitungen für den Abendtisch sehen. Helmstedt sah nach seiner Uhr
- es war eine halbe Stunde über sechs. Er schloss die Tür wieder und ging nach
dem umzäunten Platze hinter dem Hause; dort stand ein Schwarzer und tränkte zwei
Pferde.
    »Hast du Sarah nicht gesehen?« fragte Helmstedt.
    »Dort kommt sie hergesaust, Sir!« erwiderte dieser lachend und zeigte nach
dem Gittertor, wo eben eine zierliche weibliche Gestalt hereinschlüpfte, die
ihrem modernen Putz und den graziösen Bewegungen nach, ohne das schwarze
Gesicht, für eine der fashionablen Ladies der Stadt hätte gehalten werden
können.
    »Haben wir kein Abendbrod heute?« fragte Helmstedt, als sie herankam.
    »Mistress war den Nachmittag ausgefahren und brauchte mich nicht, Sir,«
erwiderte sie, den Hut eilig aufbindend und vom Kopfe nehmend, »und ich vergesse
so oft, dass ich jetzt auch die Köchin machen muss, dass ich mich bei meinem
Ausgange verspätete.«
    »Warte einen Augenblick, Sarah,« sagte Helmstedt. »Bei aller Freiheit, die
ich dir gern lasse, mag ich doch nicht darunter leiden. Mit der allzufaulen Zeit
als Kammermädchen, weisst du, ist es aus; entweder tust du deine Pflicht und wir
bleiben gute Freunde, oder du zwingst mich, dich irgendwo hinzugeben, wo sie
nicht so viel Nachsicht mit dir haben möchten. Ich habe schon einige Male in
ruhiger Ermahnung zu dir gesprochen, - jetzt werde ich nicht viel mehr reden.
Sage Mrs. Helmstedt, dass ich in einer Stunde zum Abendessen wieder zurück sein
werde l« Er schritt durch das Gittertor der Umzäunung in das offene Feld
hinaus.
    »Hat's einmal etwas abgesetzt?« kicherte der Schwarze, den Kopf halb nach
dem Mädchen kehrend.
    »Pschah!« sagte diese, und zog die Oberlippe in die Höhe, »er hat eigentlich
gar kein Recht, mir etwas zu sagen, ich gehöre der Mistress an und nicht ihm!«
    Sie verschwand in der Küche, und bald wurde ein Geräusch laut, als würden
Tiegel und Pfannen kopfüber, kopfunter durcheinander geworfen.
    Die junge Frau im Parlor hatte sich nach einer Weile, wie sich
zusammenraffend, in die Höhe gerichtet und trat in das anstossende Speisezimmer.
Sie sah hier um sich und schritt dann nach der Küche, wo bereits ein prasselndes
Feuer im Kochofen brannte. »Es ist wohl schon spät, Sarah,« sagte sie zu der
eifrig wirtschaftenden Schwarzen, »mache Feuer im Esszimmer und brenne das Licht
an; Mr. Helmstedt wird gewiss schon auf das Abendbrob gewartet haben.«
    Die Schwarze erwiderte nichts, setzte aber den Teekessel, welchen sie in
der Hand hielt, auf den Tisch, als wolle sie ein Loch hineinschlagen, und schoss
zur Tür hinaus. Bald hörte man sie unter dem gespaltenen Holze im Hofe rasseln,
wieder zur Hintertür hereinkommen und das Holz auf die Steine vor dem Kamin im
Speisezimmer werfen. Die Hausherrin war langsam zurückgegangen. »Wieder etwas in
deinen Kopf gefahren, Sarah?« sagte sie, mit einem zerstreuten Lächeln den Kopf
nach der Schwarzen wendend.
    »Nichts Besonderes, Ma'am!« erwiderte diese, ohne aufzusehen; »man weiss nur
nicht, was man zuerst tun soll, wenn man der einzige Dienstbote im Hause ist.
Kaum eine Stunde bin ich weg gewesen, und Mr. Helmstedt hat mich deshalb schon
ausgescholten - er will mich fortgeben - und ich kann doch nichts dafür, wenn
ich einmal vergesse, dass wir nicht mehr in Oaklea leben und nicht mehr die guten
Zeiten buben, wie sie dort waren.« Sie blies in die Kaminglut, dass Funken und
Asche umherstoben.
    »Ist Mr. Helmstedt wieder ausgegangen?« fragte die junge Frau nach einer
kurzen Pause.
    »Er will in einer Stunde zum Abendessen wieder zurück sein,« erwiderte das
Mädchen und sah auf. »Aber nicht wahr, Miss Ellen,« fuhr sie fort, »es geht
nicht, dass er mich von Ihnen wegschickt, wenn Sie auch Mrs. Helmstedt heissen?
Wir sind ja doch zusammen aufgewachsen, und ich gehöre doch nur Ihnen zu -«
    »Er wird es auch nicht im Ernst beabsichtigt haben,« erwiderte sie, dem
Blicke der Schwarzen ausweichend; »aber vergiss nicht, Sarah, dass die Zeit der
Sorglosigkeit vorüber ist, und tue deine Pflicht.«
    Sie ging langsam nach dem Parlor, liess sich wieder in den Schaukelstuhl
nieder und stützte den Kopf in die Hand.
    Waren es die hingeworfenen Worte der Schwarzen gewesen, welche die Bilder,
die jetzt an ihrer Seele vorbeizuziehen begannen, hervorgerufen hatten, oder
waren sie noch die Rückwirkung des Gesprächs mit ihrem jungen Begleiter vom
Nachmittag, der von ihrem Vater geredet? Wer will alle die oft unbewussten
Eindrücke erforschen, welche Gedanken hervorrufen und den Gang anderer
bestimmen? Vor Ellens Geiste stand das schöne, grüne »Oaklea«, indem sie geboren
und ausgewachsen, in welchem ihre jungen Jahre, gehätschelt von einem zärtlichen
Vater und nur leicht überwacht von einer nachsichtigen Mutter, wie ein
wolkenloser Frühlingstag verstrichen waren. Sie empfand, wie mit dem Gefühle
eines drückenden Traumes, noch einmal die Zeit, in welcher es sich in ihrer
reinen Sphäre zum ersten Male wie die Ahnung eines kommenden Gewitters sammelte,
in welcher der unangenehme Mensch Baker, den ihre Eltern zu ihrem künftigen
Lebensgefährten bestimmt hatten, in ihren Kreis trat; die Zeit, in der sie ihren
Vater nicht begreifen und den ihrer wartenden Zwang nicht fassen konnte; in der
ihre schwärmerische, kindliche Anhänglichkeit mit dem Widerwillen gegen den
aufgedrungenen Bräutigam in Kampf trat; sie sah Helmstedts edles Gesicht und
treues Auge neben sich in der Familie auftauchen, bei deren erstem Anblick es
ihr gewesen war, als müsse ihr in dem Neuangekommenen ein helfender Freund in
ihrer Not erstehen - Alles ging an ihr vorüber wie ein Traum, in welchem man
schon vorher weiss, was kommen wird, und in dem man sich über nichts wundert. Sie
sah sich durch den Drang der Verhältnisse an Helmstedts Brust geworfen, und es
trat klar vor sie, dass doch eigentlich nur die Aufregung jener Tage ihren
Gefühlen für ihn eine Färbung gegeben hatte, die sie für Liebe genommen und die
sie für die erste Zeit auch wohl eben so beseligt hatte; dass doch nur die
ungewohnte Hartnäckigkeit ihrer Eltern in Verfolgung des beschlossenen
Heiratsprojectes, zusammen mit Helmstedts Edelmut, der sich lieber der
höchsten Gefahr ausgesetzt, als dass er einen Schatten auf ihre Ehre hätte fallen
lassen, sie zu den äussersten Schritten, zu einem Aufgeben ihrer Heimat und zu
einer raschen Verbindung mit Helmstedt hatte treiben können. Sie träumte fort,
und es fiel wie ein heller Sonnenstrahl in ihre Gedanken - das waren die Worte,
welche ihr heute von ihrem Vater gesandt worden waren; ihr Herz schwoll, und die
Liebe zu dem Manne, der sie ihr ganzes Leben lang wie eine teure Blume gehegt
und gepflegt, brach in ihr mächtiger als jemals hervor, so dass sich unbewusst
ihre Augen mit Tränen füllten. Und auch die Gestalt des jungen Ueberbringers
der väterlichen Botschaft, welcher jetzt in dem Hause ihrer Eltern aus- und
einging, stieg vor ihrer Seele auf; es war ihr als sei sie durch die Berührung
mit ihm aus einem Kreise, wohin sie nicht gehörte, wo ihr Fühlen und Denken
nicht verstanden wurde, heraus- und wieder auf den Boden ihrer angeborenen
Heimat getreten. Ein wohltuendes Gefühl, wie die Lösung einer verdeckten,
uneingestandenen Dissonanz, überkam sie. - -
    In der Strasse war es längst tiefe Nacht geworden und das Feuer im Kamin war
bis auf ein Häufchen glühender Kohlen niedergebrannt, als die junge Frau mit der
Hand über die Augen fuhr und aufsah. Sie schien sich erst besinnen zu müssen, wo
sie sei - dann aber erhob sie sich mit einem leisen, wie unwillkürlichen
Seufzer, blickte eine Weile sinnend in die Kohlen und nahm dann einen der
Leuchter vom Kaminsims. Bald hatte sie sich an der Kohlenglut Licht geschaffen.
Die Uhr auf dem Kaminsims wies schon eine halbe Stunde über acht. Sie liess die
Vorhänge an den Fenstern über einander fallen und ging nach der Küche, wo Cäsar,
der Schwarze, mit dem Ausbessern eines Pferdezaums beschäftigt war, während
Sarah, den Kopf auf den Tisch gelegt, in regelmässigen Zügen schnarchte.
    »Hat noch Niemand etwas von Mr. Helmstedt gesehen?« fragte Ellen.
    »Ich bin eben erst herein, Ma'am!« erwiderte der Schwarze und rüttelte das
schlafende Mädchen. »Ist Mr. Helmstedt dagewesen?«
    Sarah warf auffahrend ihren ersten Blick nach dem Ofen, in welchem längst
alle Glut erloschen war, und sprang dann von ihrem Sitze auf. »Die Biscuits sind
schon zweimal kalt geworden, und der Schinken dorrte so aus, dass ich ihn von der
heissen Platte habe nehmen müssen« sagte sie brummig; »ich kann nichts dafür,
wenn Mr Helmstedt wieder zankt.«
    »War er noch nicht wieder hier?« fragte die junge Frau.
    »Ich habe nichts von ihm gesehen.«
    »Geh in dein Bett, Sarah - ich werde nichts essen, und Mr. Helmstedt hat
sicher irgendwo anders zu Abend gespeist. Cäsar wird warten bis er zurückkomm.«
    »Sicherlich, Ma'am!« war des Schwarzer. Antwort; »ich habe ohnedies noch
eine Weile zu arbeiten.«
    Ellen ging langsam zurück nach dem Parlor, der nur trübe von dem einen
Lichte erhellt war. Sie brannte ein zweites an, setzte sich in den Schaukelstuhl
und wartete. Aber der Zeiger der Uhr wies schon auf zehn, und Helmstedt war noch
nicht zurückgekehrt. Unruhig hatte die junge Frau zu verschiedenen Malen sich
erhoben, die Vorhänge zurückgeschlagen und in die dunkle, stille Nacht
hinausgesehen; jetzt verliess sie von Neuem ihren Sitz, zog die seinen
Augenbrauen zusammen und schien mit einem Entschlusse zu kämpfen. Langsam
löschte sie eins der Lichter aus und begab sich mit dem andern nach ihrem
Schlafzimmer im oberen Stock. Es war das erste Mal seit sie verheiratet war,
dass sie diesen Weg allein antrat. Als sie durch die »Halle« schritt, erklang aus
der Küche einer der eigentümlichen Negergesänge, mit welchen sich Cäsar die
Zeit vertrieb:
»Der alte Tommy wusste wohl
Mit Mädchen umzugehn;
Und kam sein Schatz um sechse nicht,
So harrt' er bis um zehn.
Bei Frauenzimmern heisst's: subtil,
Wenn man ihr Herz gewinnen will.
O Tommy, Tommy, Tommy, Tommy
War ein kluger Mann.«
    Ellen horchte einen Augenblick auf das Lied, das sie so oft von dem
Schwarzen in dem Hause ihres Vaters hatte singen hören, zog dann die Lippen in
einer sonderbaren Mischung von Spott und Bitterkeit zusammen und verschwand in
ihrem Schlafgemach.
    Als Helmstedt sein Haus verlassen, war er eine Strecke zwischen den Feldern
hinter dem Städtchen fortgeschlendert. Er wollte mit sich selbst klar werden,
ehe er nach Hause zurückkehrte - und es lag mancherlei auf seiner Seele, was des
ordnenden Gedankens und des kräftigen Entschlusses bedurfte, mancherlei, von dem
die eben durchlebte Scene mit seiner jungen Frau nur einen Teil bildete. Als
Isaac, der alte Pedlar, der so vielfach in sein Leben eingegriffen und dem er so
Manches zu verdanken hatte, in dem Hause seines Freundes Morton gestorben war,
hatte es Helmstedt gern zugesagt, der Vollstrecker seines letzten Willens zu
sein, wie es der Verblichene gewünscht, aber jetzt fanden sich Schwierigkeiten
in der Ausführung dieses Versprechens, die sich im ersten Augenblick nicht
voraussehen liessen. Ein unmündiger Schwestersohn des Verstorbenen, in New-York
wohnhaft, war sein Erbe, und wollte Helmstedt sein Interesse nicht in fremde,
vielleicht unzuverlässige Hände geben, so musste er selbst nach dem Osten reisen,
um die ganze Angelegenheit zu einem sichern Abschluss zu bringen. Dazu gehörte
aber Geld - Geld für die Reise und den Aufentalt in New-York, sowie für den
Unterhalt seines Hausstandes, während er abwesend war und seinem Broderwerb als
Musiklehrer in der »Akademie« des Städtchens nicht nachgehen konnte. Bei seiner
Verheiratung hatte Ellen wohl ein Capital von etwa eintausendeinhundert Dollars
gehabt, das von ihrem Vater als »Sparbüchse« nach und nach für sie angesammelt
und von diesem an Helmstedt überliefert worden war; davon war aber der grösste
Teil für ihre Einrichtung darauf gegangen und der Rest in Ellens Händen für
ihre Garderobe und anderweitige kleine Bedürfnisse geblieben, und Helmstedt
hätte wohl lieber selbst still die grössten Entbehrungen ertragen, ehe er von
dieser Summe einen Cent zurückverlangt hätte. Aber er besass zwei Reitpferde von
ausgezeichneter Race, welche ihm gleichfalls bei seiner Verheiratung von Ellens
Vater übermacht worden und von denen ihm wenigstens eins schon längst ein
unnützer Fresser geschienen hatte, besonders jetzt, wo ihm nichts zuwuchs und er
jeden Bushel Futter kaufen musste. Ellen war freilich seit frühester Jugend an
den Luxus eines eigenen Reitpferdes gewöhnt - und sie ritt gern - während die
Verhältnisse des Landlebens ein Pferd für ihn selbst notwendig machten. Er
hatte gerade bei ihr heute sondiren wollen, wie gross das Opfer sei, das sie ihm
durch die Abschaffung des ihrigen bringen würde. Der Ertrag desselben hätte ihm
das augenblicklich benötigte Geld herbeigeschaft, das, da die Wiedererstattung
desselben aus der Hinterlassenschaft nicht lange auf sich warten lassen konnte,
ihm zugleich ein Reservecapital für Krankheiten oder unvorhergesehene Fälle
geworden wäre. Denn was er mit angestrengter Arbeit jetzt verdiente, ging Null
für Null in seinem Hausstande auf. Er hatte heute nicht mit Ellen über diese
Dinge reden können - und ob er dies jemals zu tun im Stande wäre, wusste er
jetzt nicht; es drückte ihn jedoch, mehr als die ganze Angelegenheit, die
Ursache, die eine gegenseitige Aussprache verhindert hatte. Im Hintergrunde
seiner Seele stand, seit er sein Haus verlassen, ein Gespenst, das er mit Macht
zurückdrängen wollte und doch nicht los werden konnte. Dies war die
empordämmernde Ueberzeugung, dass nicht die Liebe zu ihm das Alles
durchdringende, jeden andern Einfluss ausschliessende Element in Ellens Seele war,
das Element, welches ihre Gedanken und Handlungen leitete, wie er es sich in den
Stunden stiller Träumereien vorgestellt - da ihre Gefühlsweise, wie die
Auffassung ihrer jetzigen Verhältnisse eine durchaus andere war als die seinige
- dass er sich nicht mit ihr verstand. Er sah einen Menschen in seinen Kreis
treten, gegen welchen ihn ein Gefühl, von dem er sich selbst keine Rechenschaft
geben konnte, auf seiner Hut zu sein hiess - er sah diesen augenscheinlich das
Vertrauen seiner Frau gewinnen und sein Anstreben dagegen machtlos - er fühlte
eine fremde Macht, den Einfluss von Ellens Eltern, sich zwischen ihn und seine
Frau, auf deren Festigkeit er den Plan seines ganzen künftigen Lebens gebaut,
drängen, eine Macht, deren Einfluss sich schon soweit geltend machte, dass darüber
selbst die gewöhnlichste Rücksicht gegen ihn, die der einfachste Arbeiter in
seinem Hause verlangt: eine pünktliche Mahlzeit, wenn er von der Arbeit
zurückkehrt, vergessen wurde. - Er stand still und drückte die Hand vor die
Augen - was sollte er tun?
    So weit war er in seinem Gedankengange gelangt, als er seinen Namen nennen
hörte. Er sah auf und bemerkte jetzt erst, dass er, willenlos dem Wege folgend,
auf die Landstrasse geraten war. Vor ihm hielt ein Schwarzer zu Pferde.
    »Wenn Mr. Helmstedt abkommen könnte,« sprach dieser, »so möchte er doch nach
Mr. Mortons Hause kommen. Mr. Morton ist heute Nachmittag recht krank geworden
und möchte Mr. Helmstedt sehen.«
    Der Angeredete hatte sich rasch aus seinen eigenen Gedanken gerissen.
»Krank? Ist er sehr trank?« fragte er.
    »Ich weiss nicht, Master, aber Mistress Morton befahl mir, rasch zu reiten.«
    Helmstedt stand einen Augenblick unschlüssig. »Ich bin schon zu weit von
meinem Hause entfernt, um wieder zurückzugehen,« sagte er dann, »komm herunter
Bill, und überlasse mir das Pferd, du kannst langsam nachkommen.«
    Der Schwarze stieg gehorsam ab, und im nächsten Augenblick war der junge
Mann schon im Sattel.
    »Soll ich vielleicht Ihr eigenes Pferd nachbringen?« fragte Bill. Helmstedt
aber sprengte bereits davon und hörte nichts mehr. Der Schwarze sah ihm nach und
kratzte seinen Wollkopf. »Da habe ich nun noch ein gutes Ende Weges bis zu
meinem Abendbrod!« sagte er mehr launig als ärgerlich und schlug, langsam
davonschlendernd, den Rückweg ein.
    Mortons Landsitz war über fünf Meilen von dem Städtchen entfernt, und
Helmstedt liess den steifen Ackergaul unbarmherzig die Hacken fühlen, um rasch
vorwärts zu kommen; aber die völlige Dunkelheit war bereits hereingebrochen, ehe
er nur die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte. Als er endlich die erleuchteten
Fenster des Hauses und die dunklen Gruppen der Bäume daneben erblickte, überkam
ihn eine ganz eigentümliche Empfindung. Morton war es gewesen, der durch eine
sonderbare Verkettung von Umständen der Beschützer seiner Liebe zu Ellen
geworden, dessen Hilfe ihm die Vereinigung mit ihr allein möglich gemacht hatte
und der ihm in der ganzen Gegend auch allein ein Freund geblieben war. Auf
demselben Wege, welchen er jetzt ritt, war er vor einigen Monaten, des Glückes
voll, mit seiner jungen Frau von der Trauung zurückgekehrt; wie jetzt hatten ihm
die Lichter desselben Hauses entgegengeschimmert, die er damals als Leitsterne
zu einem sichern Hafen betrachtet. Zum ersten Male, seit er in der Stadt wohnte,
kam er diesen Weg wieder - die Wolken, die sich seit jener Zeit um sein junges
Glück gezogen, traten in ihrer ganzen Trübe vor seine Seele; und doch war es
ihm, je deutlicher das stille Landhaus aus der Dunkelheit hervortrat, als müsse
er hier wieder den rechten Rat finden, der ihn, wie damals, aus seiner
Bedrängnis erlöste. Er suchte sich die Scene zu vergegenwärtigen, welche ihn wohl
jetzt dort erwarte, und ein weibliches Bild erhob sich vor seinem innern Blick,
an welches er in den letzten Monaten am allerwenigsten gedacht: Mrs. Morton,
seine junge Landsmännin, welche der alte Pflanzer geheiratet, nur um eine treue
Pflegerin zu haben, und die diesem ihre ganze blühende Jugend zum Opfer gebracht
hatte. Helmstedt wusste, dass sie ihn selbst einmal geliebt, als sie noch ihren
Mädchennamen, Pauline Peters, führte, ein Bewusstsein, das ihm damals fast
drückend geworden war; als aber jetzt ihr frisches Gesicht mit den weichen,
feinen Zügen vor ihm auftauchte, als mit der Erinnerung an durchlebte Scenen ihr
klares, lachendes Auge vor ihn trat, da wollte es ihm fast sonderbar scheinen,
wie er früher nur einen so gleichgiltigen Blick dafür hatte haben können - und
je mehr er sich diesem innern Anschauen hingab, desto mehr begann ein stilles,
wohltuendes Gefühl ihn zu durchziehen, dem er sich überliess ohne zu grübeln
oder sich darüber Rechenschaft geben zu wollen, bis er die Pflanzung erreichte.
    Er schien bereits erwartet worden zu sein. Ein Schwarzer öffnete das
Gittertor der Umzäunung, als er heranritt, und nahm ihm das Pferd ab. Helmstedt
ging den wohlbekannten Weg nach der Hauspforte, wo ihn das schwarze
Kammermädchen der Hausfrau empfing und vor ihm den erleuchteten Parlor öffnete.
Dort sass, die Füsse bequem gegen das Feuer gestreckt, ein ältlicher Mann, der ihm
einen leichten Gruss zunickte und dann mit augenscheinlichem Wohlbehagen den
Tabakssaft aus dem Munde in das Kamin spritzte. Helmstedt erkannte einen der
Aerzte aus der Nachbarschaft.
    »Well, Doctor,« begann er, einen zweiten Stuhl aus Feuer ziehend, »was ist
denn so plötzlich über den alten Herrn gekommen? Es hat doch keine Gefahr, hoffe
ich?«
    »Well, Sir,« erwiderte der Arzt, sich mit seinem Stuhle zurücklehnend und
mit der Hand durch seine dichten Haare fahrend; »ehrlich gestanden, bin ich
selbst mit mir noch nicht im Reinen. Es ist einer von den Fällen, in welchen
sich gar keine bestimmte Krankheit des Körpers classificiren lässt, in welchen
anscheinend die ganze Maschine in Ordnung ist, aber die Triebkraft erlahmt
scheint. Bisweilen schleppt sich bei Patienten dieser Art derselbe Zustand noch
jahrelang fort, bisweilen welkt der Leidende schnell dahin, ohne dass man im
streng medicinischen Sinne eigentlich sagen kann, er sei wirklich krank gewesen,
- bisweilen wird durch Gemütseinflüsse, denn dort ist der eigentliche Sitz des
Uebels zu suchen, eine innere Umwälzung hervorgebracht, und der Kranke gesundet
ganz von selbst - jedenfalls können in solchen Zuständen Arzneien aus der
Apoteke das Wenigste tun. Sie haben, wie ich weiss, Mr. Mortons Vertrauen
genossen, und so werden Sie auch die traurige Geschichte mit seiner Tochter
kennen, die dem Wahnsinn verfiel. Ich habe das unglückliche Mädchen, die sein
einziges Kind war, damals selbst nach Montgomery in eine Irrenanstalt gebracht.
Sie starb schon kurze Zeit darauf und hier scheint mir die Wurzel der Krankheit,
wenn ich es so nennen soll, zu stecken. Hätte irgend etwas einen wohltätigen
Einfluss auf unsern alten Freund ausüben können, so hätte dies die hingebende
Pflege seiner jungen Frau tun müssen, die mir in diesen letzten Wochen, in
denen ich Morton besuche, eben so heroisch in ihrer Freudigkeit, womit sie Alles
opfert, was man sonst für das Lebenselement junger Frauen hält, wie eine von den
katolischen barmherzigen Schwestern erschienen ist.« Er schüttelte, wie im
weitern Ausspinnen des Gedankens, still den Kopf.
    »Und ihr Einfluss hat nichts gewirkt?« fragte Helmstedt, die Stirn in die
Hand stützend.
    »Well, Sir, der alte Herr ist freundlich und geduldig; er scheint sich oft,
um nur ihr trostreiches Lächeln erwiedern zu können, stärker zu machen als er
ist, aber das ist eben Alles nur äusserlich.«
    »Und ist er heute kränker als gewöhnlich?«
    »Ja und nein, - nichts als einer seiner gewöhnlichen Zufälle von Schwäche,
welchen er in den letzten Wochen unterworfen gewesen ist, der aber heute
bestimmter auftrat und länger anhielt als gewöhnlich, und der mich deshalb mehr
als früher beunruhigt.«
    Beide sahen eine Weile schweigend ins Feuer, bis das Oeffnen der Tür
Helmstedt sich umsehen liess. Eine weibliche Gestalt im weissen, halben Negligé
trat ein und ging auf den jungen Mann zu. Helmstedt wusste, dass er Pauline, die
jetzige Mrs. Morton, vor sich hatte - aber das war nicht mehr dieselbe, die er
früher gekannt. Das frische Rot ihres Gesichts hatte einer feinen,
durchsichtigen Blässe Platz gemacht; ihr Auge, das ihm ernst entgegensah, schien
grösser geworden und voll tieferen Ausdrucks zu sein. Noch lag das weiche, süsse
Lächeln, das er früher gekannt, um ihren Mund, aber ein Hauch von Melancholie
hatte sich ihm beigesellt. Sie war nicht mehr dieselbe wie früher, aber fast
schien es Helmstedt, als habe er sie nie schöner gesehen. Er war aufgesprungen
und hatte ihre Hand gefasst, die sie ihm mit leichtem Gruss entgegenhielt - er
hatte diese Hand oft in der seinigen gehalten und ihren warmen Druck gefühlt -
jetzt aber, als er ihre Finger umschloss, blieben diese kalt und bewegungslos.
    »Sie werden es gewiss entschuldigen, Mr. Helmstedt, dass wir Ihnen noch die
Unannehmlichkeit eines so späten Ritts hierher gemacht haben,« begann sie, und
ihr Auge sah mit einer Gleichgiltigkeit und Ruhe in das seine, die ihn in seinem
heimlichsten Innern verletzten, ohne dass er sich das wohl selbst hätte gestehen
mögen. »Mr. Mortons Zustand war indessen so bedenklich und er wünschte so
lebhaft Sie zu sehen, dass ich nicht umhin konnte, Sie bitten zu lassen, seinem
Wunsche zu willfahren.«
    Helmstedt hielt noch immer ihre Hand und sah in ihre Augen ohne sogleich zu
antworten, bis ein schwaches Rot in ihr Gesicht trat, das indessen noch
schneller verschwand, als es aufgestiegen war, und sie leise ihre Finger aus den
seinigen zog. »Wenn Sie mir folgen wollen - Mr. Morton hat sich schon etwas
erholt,« sagte sie und wandte sich nach der Tür.
    »Ich bin vollkommen zu Ihren Diensten, Ma'am,« erwiderte Helmstedt und
folgte der leicht Voranschreitenden.
    In dem anstossenden Hinterzimmer sass Morton, zusammengesunken in einem
weichen Schaukelstuhle, an dem helllodernden Kaminfeuer, und Helmstedt erschrak
über die Veränderung, welche in den letzten Wochen mit dem früher so kräftigen
Manne vor sich gegangen war. Ueber des Kranken Gesicht aber flog ein heller
Schein der Zufriedenheit, als er den jungen Mann eintreten sah. »Sind Sie
wirklich da?« sagte er und streckte, indem er sich aufrecht zu setzen versuchte,
ihm die Hand entgegen; »ich glaube beinahe, Ihre besten Bekannten müssten Sie mit
Gewalt holen lassen, wenn sie Sie einmal bei sich sehen wollen.«
    Helmstedt fasste seine Hand und wollte eine Entschuldigung beginnen. »Lassen
Sie doch,« unterbrach ihn Morton; »ich weiss Alles, Sie haben viel zu tun, sind
daneben erst ein paar Monate verheiratet - setzen Sie sich zu mir her, Sir, und
erzählen Sie mir, wie es Ihnen geht.«
    Helmstedt wandte sich nach einem Stuhle und sah sich zugleich nach der
jungen Hausherrin um; diese hatte aber bereits das Zimmer wieder verlassen.
    »Noch immer die alte Liebes-Glückseligkeit zu Haus?« fuhr Morton fort, als
sein Gast neben ihm sass. »Sie sehen recht wohl aus, und das freut mich.«
    »Aber Ihr Aussehen will mir nicht gefallen, Mr. Morton,« sagte Helmstedt,
ohne auf die erste Frage einzugehen, und drückte ihm die Hand; »ich hörte mit
Schrecken, dass Sie so krank seien; was machen Sie denn für sonderbare
Geschichten?«
    »Es geht jetzt schon wieder,« entgegnete der Kranke, und strich mit der Hand
über das magere Gesicht; »trotzdem freut es mich, dass Sie da sind.« Er hob mit
sichtlicher Anstrengung den Kopf, um im Zimmer umher zu sehen, und liess ihn, als
er keinen Dritten in ihrer Umgebung bemerkte, wieder matt zurückfallen. »Rücken
Sie näher, Sir,« sagte er dann, »ich will Ihnen offen gestehen, dass ich mich
keinen Tag sicher fühle, meine Erdenrechnung abschliessen zu müssen.« Er winkte
mit der Hand, als Helmstedt Miene machte, ihn zu unterbrechen, und fuhr fort:
»Was Sie mir sagen wollen, weiss ich; lassen wir aber jetzt alle Redensarten bei
Seite; die Erkenntnis meines Zustandes, welche mir die letzten Tage nur zu sehr
bestätigt haben, stammt nicht von heute, und ich bin vollständig auf das
Kommende gefasst. Eins nur bekümmert mich, und dies war die Ursache, dass ich Sie
heute, wo ich nicht wusste, wie es mit mir ausgehen würde, zu mir bitten liess.«
Er hielt eine Weile, wie vom Sprechen erschöpft, inne. »Sie wissen vielleicht,«
fuhr er dann fort, »dass Mrs. Morton in unserer Nachbarschaft wenig Verbindungen
angeknüpft hat, dass meine tätige Teilnahme an Ihrer Verheiratung mit Elliots
Tochter uns die umwohnenden Familien ausserdem entfremdete, und dass sich jetzt
manche Vorurteile gegen Mrs. Morton richten, da sie ihre Abkunft nicht von
einer unserer reichen Familien herleiten kann und obendrein eine Ausländerin
ist. Mrs. Morton, die mir in meiner sinkenden Gesundheit mehr war, als die
treueste Tochter, hat sich glücklicherweise nicht viel um diese Stimmung in der
Nachbarschaft gekümmert, und so hatte ich noch viel weniger Ursache dazu; aber
die Zeit kann bald kommen, wo sie allein steht, und wenn ich auch für sie
gesorgt habe, so gut ich es gekonnt, so wird sie sich doch nicht sogleich von
hier losreissen können und eines Schützers und Veraters notwendiger bedürfen,
als jedes Andern; ich aber weiss Niemand, den ich um die Uebernahme einer solchen
Verpflichtung gegen sie lieber bitten möchte, als gerade Sie, Sir. Dass Ihnen
dabei durch etwaige Vernachlässigung Ihres jetzigen Berufs, wie durch
Zeitversäumniss kein pecuniärer Schaden erwachsen soll, dafür habe ich gesorgt;
es bleibt nur die Frage, ob Sie mich durch das Versprechen, sich nötigenfalls
durch Rat und Tat meiner Frau anzunehmen, beruhigen wollen.«
    Helmstedt machte sich in diesem Augenblicke keine Gedanken über das
Verhältnis, in das er treten sollte; er dachte nur an den Zustand des Mannes,
der vor ihm sass. »Wenn es Sie beruhigen kann, Mr. Morton,« sagte er, »so gebe
ich Ihnen gern das Wort eines ehrlichen Mannes, mit allen meinen Kräften Ihren
Wunsch zu erfüllen. Sorgen Sie doch aber vorher und zu allererst für sich
selber; geben Sie sich nicht so willenlos Ihrer Krankheit hin, und Sie werden
sie gewiss besiegen. Gehen Sie weg von hier, wo vielleicht traurige Erinnerungen
ein Aufraffen Ihrer selbst erschweren, machen Sie einen Ausflug nach dem Osten.«
    Morton lächelte, wie man über einen gut gemeinten, aber nutzlosen Vorschlag
lächelt. »Ich werde es tun, lieber Freund, sobald ich nur wieder Kräfte genug
gesammelt habe,« sagte er; »ich habe dasselbe schon Mrs. Morton versprechen
müssen. Sollte ich aber zufälligerweise nicht dazu kommen, so habe ich Ihre
Zusage.« Er drückte eine Weile, wie um auszuruhen, die Hand vor die Augen.
»Sonderbar,« sagte er dann, »Sie sollten sich eigentlich vor der Uebernahme von
Vormundschaften in Acht nehmen, Sir, Sie bekommen sonst den ganzen Hals voll -
das ist jetzt in wenig Monaten schon die zweie; erst der Schwestersohn des
Pedlars, - aber gut, dass ich daran denke, wie steht es denn eigentlich damit,
haben Sie schon etwas in der Sache getan?«
    »Ich bin so weit,« erwiderte Helmstedt, »dass ich beabsichtige nach New-York
zu gehen, so bald ich es ermöglichen kann, um die ganze Angelegenheit ein für
allemal zu ordnen.«
    Morton sah langsam auf. »Fehlt's an etwas?« fragte er, »ich habe manchmal in
den letzten Tagen daran denken müssen, wie der alte Bursche Isaac hier im Hause
starb, und zugleich an sein Vertrauen zu Ihnen, und sollte ich etwas helfen
können, damit Sie seinen letzten Willen recht ausführen, so sagen Sie es.«
    Helmstedt rieb sich die Stirn. Alles, was ihn bedrängte, trat in diesem
Augenblick wie zu einem Bilde vereinigt vor ihn. »Es ist nicht mein Interesse,
um das es sich handelt,« sagte er nach einer kurzen Weile aufsehend, »und darum
kann ich Ihnen meine Verlegenheit ohne Rückhalt gestehen. Gehe ich Wochenlang,
vielleicht noch länger nach New-York, so muss ich meine Frau ohne Rat und Schutz
zurücklassen, und ich weiss nicht, welche Einflüsse sich während dieser Zeit bei
ihr geltend machen mögen. Ich sehe vielleicht Gespenster,« setzte er hinzu, als
er Mortons verwundertem Blicke begegnete, »aber Ellen ist jung und liebt dazu
ihren Vater fast mehr, als in ihren jetzigen Verhältnissen selbst die Bibel
erlaubt.«
    »Das Weib soll Vater und Mutter verlassen und dem Manne anhangen,« sprach
Morton leise und nickte mit dem Kopfe; »haben Sie einen besonderen Grund,
Unrechtes zu argwöhnen oder besorgt zu sein?«
    »Ich mag, wie gesagt, vielleicht Gespenster sehen,« erwiderte Helmstedt, den
Kopf in die Hand stützend, »aber es ist Manches, was mich bedrückt, ohne dass ich
durch die ruhigste Ueberlegung davon loskommen kann. Doch lassen wir das
vorläufig. Zum Zweiten muss ich erst zusehen, wie ich das nötige Geld für meine
Reise und was dazu gehört, anschaffe - ich hatte heute schon überlegt, ob ich
eins von meinen Pferden verkaufen könne.«
    Der Kranke setzte sich mit einer Kraft aufrecht, die ihm Helmstedt nicht
zugetraut. »Nun sehen Sie einmal, was für ein Mensch Sie sind,« sagte er mit
allen Zeichen des Aergers. »Sie wissen, wo Sie Freunde wohnen haben, und doch
plagen Sie sich lieber wochenlang mit sich selbst herum, versäumen die
wichtigsten Interessen dabei, nur um Niemandem ein Wort zu gönnen. Was das mit
Ihrer Frau betrifft, weiss ich nicht; was es auch sein mag, so bleibt es besser
unter Ihnen Beiden - handelt es sich aber nur darum, das Frauchen während Ihrer
Abwesenheit unter sichern Schutz zu stellen, so wissen Sie selbst, wie viel
Platz in meinem Hause ist, und dass meine Frau immer eine Freundin der Ihrigen
war, bei der sie sich nicht unheimisch fühlen wird. Was nun die nötigen
Geldmittel für Ihre Reise nach New-York anbetrifft, so hätten Sie schon Ihres
Versprechens gegen den alten Pedlar und seines Erben wegen längst bei mir
anklopfen sollen. Ich werde dafür sorgen, dass Sie morgen das Nötige in der Hand
haben, und Sie zahlen es mir zurück, sobald die Erbschaft flüssig ist.«
    Helmstedt wollte etwas erwidern, als sich die Tür halb öffnete und das
Gesicht des Arztes hereinsah. »Alle Wetter!« rief dieser, »das spricht ja so
frisch, als gäbe es gar keinen Kranken im Haus; ich habe mit Verwunderung die
Stimme durch die Wand dringen hören. Und wahrhaftig,« fuhr er eintretend fort,
»die Backen sind in dem Gesprächseifer aufgeblüht wie ein paar Matrosen. Störe
ich die Herren nicht?«
    »Wir sind eben mit dem Notwendigsten fertig, und Sie sind willkommen,
Doctor,« erwiderte Morton, sich langsam in den Schaukelstuhl zurücklegend.
    Der Arzt legte die Hand an den Puls des Kranken. »Very well,« sagte er, »so
tun wir auch am besten, wir sprechen jetzt nichts mehr und halten uns so ruhig
als möglich.«
    »Aber ich fühle mich doch gerade jetzt recht wohl, Doctor, und möchte so
gern noch mit meinem jungen Freunde plaudern.«
    »Damit Sie die Nacht über nicht schlafen können und morgen wieder am Sterben
sind, nicht wahr? Lassen Sie mich jetzt Mrs. Morton zu Ihnen schicken, und
glauben Sie, dass Sie noch etwas zu reden haben, so tun Sie das morgen oder
übermorgen.«
    »So geht's, wenn man unter die Hände von solchen Leuten gerät,« sagte
Morton und reichte Helmstedt lächelnd die Hand. »Ich werde Ihnen jedenfalls
besorgen, was wir eben besprochen, und wegen des Uebrigen wissen Sie, wo mein
Haus ist. Wollen Sie wirklich gewissenhaft sein, so lassen Sie keinen Tag
unnötig verstreichen - um so eher werden Sie Zeit gewinnen, an das, was Sie mir
zugesagt haben, zu denken.«
    Helmstedt hatte das Krankenzimmer verlassen und sass im Parlor neben dem
Feuer, um auf das Anspannen der Kutsche zu warten, die ihn wieder nach Hause
bringen sollte. Bald meldete der Schwarze, dass Alles zur Abfahrt bereit sei;
aber vergebens sah sich Helmstedt nach der Hausfrau um, um sich bei dieser zu
verabschieden. Erst als er ihr seinen Gruss durch den Schwarzen gesandt hatte und
das Haus verlassen wollte, trat sie ihm in der Halle entgegen. »Grüssen Sie
Ellen!« sagte sie leise und reichte ihm ihre Hand, die wieder so kalt und leblos
in der seinigen lag, dass Helmstedt sie kaum zu drücken wagte. Er musste auf
seiner Rückfahrt lange Zeit an ihr zurückhaltendes, stilles Wesen denken - auch
hierin war sie, wenn er an frühere Zeiten dachte, wo sich jede wechselnde
Empfindung offen in ihren Zügen gespiegelt, wo ihm ihr Auge wie ein tiefer
klarer Brunnen erschienen war, eine ganz Andere geworden. War das nur die Folge
ihres einsamen Lebens und ihrer Aufopferung für Morton? Helmstedt musste
unwillkürlich eine Parallele zwischen ihrer Hingebung, die doch nur durch kalte
Pflichttreue geboten sein konnte, und Ellens Handeln ziehen, und ein Gefühl von
Täuschung, ein Gefühl wie die Ahnung eines verfehlten Wurfs für sein ganzes
Leben überkam ihn, so dass er endlich mit Macht sich den drückenden Gedanken zu
entziehen suchte. Er dachte an das Gespräch mit Morton, welches jede Sorge um
die Erfüllung seiner Verpflichtung gegen des Pedlars Erben von ihm nahm; aber
erst die Vorstellung, Ellen in Mortons Hause untergebracht zu sehen, fern von
den Intriguen ihres Vaters und seines jungen Abgesandten, liess wieder eine
stille Beruhigung in seine Seele einziehen. Der Gedanke tauchte in ihm auf, ob
er nicht die junge Frau ein- für allemal den Einflüssen, welche die Ruhe seines
ganzen Lebens bedrohten, entführen könne; er kam jetzt nach New-York, und
vielleicht war es ihm möglich, dort irgend ein profitables Unterkommen zu
erhalten; aber wenn er seine jetzige Lage mit einer Stellung verglich, wie er
sie dort selbst im glücklichsten Falle erhalten konnte, so musste er selbst jede
Aenderung eine Torheit nennen - und wie hätte er auch von Ellen verlangen
können, ihren gepriesenen Süden zu verlassen und vielleicht nichts als
Entbehrungen dagegen einzutauschen!
    Die Wendung des Weges, welcher nahe der Stadt in die Landstrasse einbog,
störte ihn aus seinem Sinnen auf, und jetzt erst fiel ihm ein, was wohl Ellen von
seinem Aussenbleiben gedacht haben mochte. Er sah scharf nach der Gegend hin, wo
er sein Haus stehen wusste, aber kein Lichtschimmer zeigte dort, dass ihn Jemand
erwarte. »Wie spät ist es wohl?« fragte er den schwarzen Kutscher; »es ist zu
dunkel, um etwas auf der Uhr zu erkennen.«
    »Es mag 11 Uhr vorbei sein, Sir!« war die Antwort.
    Der Wagen rollte nach kurzer Zeit vor das Haus, und Helmstedt, der umsonst
nach einem Zeichen des Lebens darin sich umsah, wollte eben verstimmt
aussteigen, als Cäsar aus der Dunkelheit hervoreilte und dienstfertig das
Schutzleder am Wagen zurückschlug. »Ist meine Frau schon zu Bett?« fragte der
Angekommene.
    »Mistress hat bis nach 10 Uhr gewartet,« erwiderte der Schwarze, »und befahl
mir dann, wach zu bleiben.«
    Helmstedt nickte befriedigter, fertigte den Kutscher mit einem Trinkgelde ab
und schritt ins Haus. Er fand das Schlafzimmer offen, wo das niedergebrannte
Kaminfeuer nur eine kaum noch bemerkbare Helle verbreitete. Leise trat er ein
und zündete ein Licht an. In den schneeigen Kissen des Bettes lag Ellen, das
Gesicht ihm zugewandt, und der halbgeöffnete lächelnde Mund schien von einem
süssen Traume zu erzählen. Einzelne Teile ihres dunklen Haares waren auf die
weisse, zartgebaute Schulter, die sich aus dem Nachtüberwurf gestohlen,
herabgefallen, und die kleinen, eleganten Hände ruhten leicht über
einandergelegt auf der Decke. Helmstedt stand eine Weile in ihre Betrachtung
versunken - er hätte viel darum gegeben, wenn er die Bilder gekannt hätte,
welche jetzt vor ihrer Seele vorübergingen. Er bog sich vorsichtig nieder und
drückte leise einen Kuss auf ihre Lippen - sie lächelte; dann aber ward sie
unruhig, schlug die Augen auf und sah ihn gross an. »Du bist es!« sagte sie
endlich, die Augen reibend; »hättest du mir doch meinen Traum gelassen!«
    »Und was war es denn so Schönes, was du träumtest?«
    »O lass mich,« erwiderte sie, und drehte das Gesicht nach der Wand; »ich war
wieder Kind und bei meinem Vater.«
    Helmstedt richtete sich mit einem unterdrückten Seufzer auf, kleidete sich
aus und löschte dann das Licht.
 
                                      III.
In Pearl-Street in New-York, da, wo in spätern Jahren der neue Durchbruch
gemacht wurde, stand das Haus des Pfandleihers Abraham Meyer. Es war ein
niederes, unscheinbares Gebäude, dem man äusserlich die Räumlichkeiten, welche es
entielt, nicht ansah. Unter den drei vergoldeten Kugeln, dem
Pfandleiherzeichen, gelangte man durch den Eingang in einen engen, nur spärlich
erleuchteten Hausflur, aus welchem eine Tür nach der geräumigen »Office«
führte. Ein starkes Gitter, hinter welchem der Pfandleiher seinen Platz hatte
und das ihn vor jeder Unbequemlichkeit durch seine Kunden schützte, schied
diesen Raum der Länge nach in zwei Hälften. Es hatte zwei durch Schiebgitter
geschützte Fenster, welche sich durch einen einfachen Mechanismus im Nu
schliessen konnten. Hinter dem ersten tronte neben einem hohen Pulte Abraham
Meyer selbst, und hier war der Ort für den Versatz von Allem, was in das Bereich
der edlen Metalle und Juwelen schlug, während Mrs. Meyer hinter dem zweiten
Fenster sich mit der Prüfung von jeder Art Bekleidungsstücken aus Seide, Sammet,
Tuch oder Leinwand, wie sie in das Lokal wanderten, beschäftigte. Abraham Meyer
war noch wenig über die Vierzig hinaus, trug sein Haar, selbst im Geschäft,
wohlfrisirt und seinen Bart glatt geschoren; er sprach stets Englisch, wenn er
nicht durch »grüne« Kunden zum Deutschsprechen gezwungen war, aber auch in
diesem letzteren Falle suchte er den anerzogenen jüdischen Accent möglichst zu
verbergen. Abraham Meyer galt im Allgemeinen für einen vorsichtigen
Geschäftsmann seiner Art, denn noch war kein Fall von einiger Bedeutung
vorgekommen, in welchem die Polizei bei ihren Nachforschungen nach gestohlenen
Gütern ihm etwas hätte zur Last legen können. Er galt aber auch bei der
unverheirateten, jungen Männerwelt für einen der wenigen Pfandleiher, mit
welchen ein Mensch von Erziehung zu tun haben konnte, ohne das Demütigende
seiner augenblicklichen Lage zu sehr zu empfinden. Seine Taxirung von
Pfandgegenständen geschah ohne geringschätzende Miene und beleidigendes
Achselzucken. Mit höflicher Geschäftsmiene gab er die Summe an, zahlte oder wies
bedauernd eine höhere Forderung zurück, und so gehörte seine Bekanntschaft unter
dieser Klasse von Geldbedürftigen zu den ausgebreitetsten, wenn auch seine
Taxirungen, von denen er nie wich, eben nicht zu den höchsten gehörten.
    Es war Nachmittags zwei Uhr an einem Apriltage. Abraham sass vor seinem
Pulte, blätterte in einem seiner Geschäftsbücher und markirte einzelne Posten
mit Bleistift. Die Office war leer. Mit dem Ausgange des Winters ist die grösste
Ernte des Pfandleihers vorüber; was der Arme entbehren konnte, hat er für
Feuerung und Lebensmittel geopfert; die Masse von jungen Leuten aber, deren
Einkommen mit ihren Ansprüchen auf Vergnügungen, an denen die grosse Stadt im
Winter so reich ist, nicht im Einklange stehen, haben »springen« lassen, was
einigermassen entbehrlich war, oder auch zum Versetzen auf die eine oder andere,
oft nicht zu rechtliche Weise beschafft wurde, und so versiegt mit den ersten
Frühlingstagen eine Quelle des Pfandleihers, welche seinen Hauptgewinn bildet,
da selten an eine Wiedereinlösung der versetzten Gegenstände gedacht wird.
    »Vierundfünfzig Nummern!« brummte Abraham, als er die letzte beschriebene
Seite seines Geschäftsbuchs erreicht hatte. Er stand auf und schloss die beiden
Fenster des Gitters; dann öffnete er einen grossen eisernen Geldschrank unweit
seines Pultes und begann eine Menge kleiner, in weisses Papier gewickelter und
numerirter Päckchen daraus hervorzuholen. Bei jedem derselben verglich er die
Nummer mit den Angaben seines Geschäftsbuchs, öffnete auch wohl hie und da eins
derselben und besah mit prüfendem Blick die Uhren, Ringe, Ketten und anderen
Schmuckgegenstände, welche sich zeigten, sie aber jedesmal wieder sorgfältig in
ihren Umschlag wickelnd, und packte zuletzt den ganzen Haufen in einen flachen
Korb, der sichtlich zu diesem Zwecke sich auf dem Geldschrank befand. Nachdem er
diesen wieder sorgfältig verschlossen, trug er seine Kostbarkeiten nach einem
Nebenzimmer, wo eine ganze Niederlage von Packeten aller Grössen sich in grossen
an der Wand hinziehenden Regalen befand. Vor einem langen Tische stand eine
schmächtige Frauengestalt, mit dem Sortiren eines Haufens von
Frauenkleidungsstücken beschäftigt.
    »Wenn du fertig bist, kleine Rebecka,« sagte er Englisch, »so kommt Alles in
den vorderen Keller. Morgen will endlich der Meyer Friedmann hier sein, und ich
werde den Plunder los sammt den andern Waaren im hintern Keller, die schon
länger im Hause sind als gut ist.«
    Die Frau sah langsam von ihrer Arbeit auf und zeigte ein ernstes Gesicht,
dessen Schnitt und dunkler Teint die orientalische Abkunft nicht verläugnen
liess. Sie war augenscheinlich bedeutend jünger als der Pfandleiher und hätte,
wäre nicht ein sonderbarer Zug von Erschlaffung über ihr ganzes Gesicht
verbreitet gewesen, bei Vielen für eine Schönheit gelten können.
    »Ist es nicht ein gefährliches Geschäft, was du treibst seit dem letzten
Jahre?« sagte sie.
    »Gefährlich? Wie heisst gefährlich!« erwiderte er eifrig, ins Deutsche
fallend, und setzte den Korb mit Goldwaaren auf den Tisch. »Ist der Termin für
die Einlösung von den Nummern dahier nicht abgelaufen schon seit der letzten
Woche? Und spricht auch das Gesetz, dass ich soll halten die Sachen noch so und
so lange Zeit nach dem Verfalle, so weiss ich doch, dass Keiner wird kommen und
mich daran mahnen, so kenne ich doch die Menschheit, so werde ich doch nicht
sein töricht und lassen das Geld liegen todt in den Sachen ein volles Jahr.«
    »Das ist deine Sache, Abraham,« unterbrach ihn die Frau; »aber ich meinte
wegen der Waaren in dem hintern Keller.«
    »Was willst du, Rebeckche, was willst du?« sagte er, seine Stimme dämpfend,
»weiss ich, woher die Waaren kommen, oder was für ein Recht die Leute daran
haben, welche sie gebracht? Soll ich sie lassen gehen nach einem andern Platze
und einem Andern lassen den Profit daran? Was bringt's ein, wenn man hat ein gar
zu genaues Gewissen? Du hast die Gedanken vom alten Isaak Hirsch, der
herumdrehte jedes Geschäft dreimal, ehe er hat zugefasst. Was hat er gemacht
dabei? Läuft er nicht noch herum unten im Süden bei den Niggern als Pedlar und
hat für den Manuel, den er angenommen an Kindesstatt und den wir jetzt müssen
verpflegen, noch nicht einmal geschickt das Kostgeld für die letzten drei
Monate? Und bist du nicht selber geblieben ein so armes Josim, dass du hast
zugegriffen, als der Abraham Meyer zu dir kam, wenn er auch war zwanzig Jahre
älter?«
    »Ich hab' dich genommen, weil du warst ein anständiger Mensch und ich
meinte, du sei'st ehrlich,« erwiderte sie, den Kopf hoch aufrichtend; »ich habe
dir geholfen nun manches Jahr in deinem Geschäfte und zu deinem Verdienste, und
wenn ich einmal spreche, wo ich denke es sei Not, so habe ich nicht verdient,
dass du mir vorwirfst, ich sei gewesen arm, als du mich genommen.«
    »Rebeckche, was willst du?« sagte er eifrig; »habe ich doch nichts sprechen
wollen, was. Dich könnte beleidigen; bin ich nicht anständig noch immer? Gehöre
ich doch zur Gesellschaft der Benei Beriss; treibe ich doch mein Geschäft, dass
sie schon oft haben gesprochen vom nobeln Abraham Meyer; habe ich dir doch
gesagt, dass du sollst wegbleiben ganz und gar vom Fenster in der Office und
sollst sitzen in deinem Parlor als eine Lady, und dass ich will nehmen den Manuel
ins Geschäft an deinen Platz, wenn der Isaak Hirsch noch länger zurückhält mit
dem Kostgelde für ihn. Und wegen der Waaren im Hinterkeller,« fuhr er halblaut
fort, »weiss Jemand, wo der Weg hineingeht und sucht Jemand dergleichen beim
Abraham Meyer, der sein Geschäft so nobel betreibt? Warum soll ich nun nicht
nehmen einen grossen, sichern Gewinn -« er hielt plötzlich inne und horchte auf.
»Hast du gehört?« fragte er nach einer Weile.
    »Was soll ich haben gehört?« erwiderte sie, »es war Jemand an der
Hintertür.«
    »An der Hintertür - wer hat etwas zu tun an der Hintertür?« sagte er und
horchte noch immer mit gespanntem Gesichte.
    »Was tust du so ängstlich? wer soll's anders sein, als Einer, der nicht
will gehen zum Pfandleiher am hellen Tage durch die Vordertür? Du hattest
niemals Angst, Abraham, als du noch liessest deine Hand von verdächtigen Waaren.«
    In diesem Augenblicke klappte die Tür der Office und Meyer's Gesicht
verfärbte sich. »Geh hinaus, Rebeckche, tu' mir's zu Liebe und sieh wer da
ist,« sagte er hastig und leise, »morgen kommt der Meyer Friedmann, und dann
soll kein Stück Waare mehr sehen den Hinterkeller.«
    Die Frau ging ruhigen Schrittes nach der Office und Meyer hörte, wie sie
eins der Fenster des Gitters öffnete.
    »Ist der Abraham nicht hier, Ma'am?« klang es in englischer Sprache, »ich
komme so eben aus dem Süden, und möchte ihm gern guten Tag sagen.«
    Meyer atmete mit sichtbarer Erleichterung auf, fuhr mit der Hand ordnend
durch seine Haare und trat hinaus.
    Vor dem Gitter stand ein Mann in elegantem Anzuge, mit dunkelm Schnurrbart
und freier Haltung. - Meyer's Auge hatte im Nu die ganze Erscheinung überflogen
und blieb dann an dem lächelnden Gesichte des Eingetretenen hängen. Es war schon
Wochen her, dass Niemand mehr durch die Hintertür zu ihm gekommen war; die
Weise, sie zu öffnen, war nur Einzelnen seiner vertrauten Kunden bekannt, und
von dem Gesichte vor ihm kannte Abraham keinen Zug.
    »Was steht Ihnen zu Diensten?« fragte er, an das Fenster tretend, während
sich seine Frau in das hintere Zimmer zurückzog.
    »Hm, kennt Ihr mich nicht mehr, alter Bursche?« erwiderte der Angeredete und
reichte ihm die Hand durchs Fenster. »Haben doch schon Manches mit einander zu
tun gehabt, wenn auch nur Abends. Mein Name ist Wells, Henry Wells, Sir.«
    Meyer sah dem Manne noch einen Augenblick befremdet, aber scharf prüfend ins
Gesicht. Dann nahmen seine Züge den Ausdruck der kältesten Höflichkeit an; er
bog sich vom Fenster zurück, ohne die dargebotene Hand zu berühren. »Möglich,
Sir, dass wir schon ein Geschäft zusammen gemacht haben, ich kann mich Ihrer aber
durchaus nicht entsinnen; es gehen vielerlei Art Leute jährlich in meiner Office
aus und ein. Was steht zu Ihren Diensten?«
    »Well, Sir, Sie müssen mich als alten Bekannten entschuldigen, dass ich, wie
früher, den Weg durch die Hintertür genommen habe,« erwiderte der Andere, ihm
mit ungestörtem Lächeln ins Gesicht sehend; »es war mir gerade bequem. Kann ich
nicht ein Viertelstündchen mit Ihnen plaudern, ungestörter als gerade hier in
der Office?«
    »Ich mache nirgends anders Geschäfte, als in meiner Office,« erwiderte
Abraham so kalt wie vorher, aber sein Auge begann unruhiger zu werden. »Sagen
Sie, was Ihnen zu Diensten steht, ich bin heute sehr beschäftigt!«
    Um den Mund des Andern zuckte es wie halber Spott. »Ich bin kein
Polizeispion und auch kein ärgerer Spitzbube, als mit denen Sie bereits zu tun
gehabt, Mr. Meyer,« sagte er mit halbgedämpfter Stimme, »Sie haben also nichts
zu fürchten. In Ihrem Hinterhause ist ein kleines, hübsches Stübchen, in welchem
Sie schon oft ganz artige Geschäfte abschlossen - warum wollen Sie also durchaus
mit mir nur in Ihrer Office verhandeln? Sie sehen doch nun, dass wir alte
Bekannte sind, wenn ich auch gestern erst wieder in New-York angekommen bin?«
    Meyer's Gesicht wurde blass und sein Auge fixirte von Neuem unsicher den vor
ihm Stehenden. »Ich weiss nicht von was Sie reden,« sagte er dann, und suchte
hörbar seiner Stimme Festigkeit zu geben, »und dazu kenne ich Sie durchaus nicht
-«
    »Tut vorläufig gar nichts, alter Freund,« lachte der Fremde, »sagen Sie mir
nur, ob Sie eine Viertelstunde mit mir plaudern wollen oder nicht. Wollen Sie
mich nicht in Ihr Geheimzimmer führen, so tut's auch Ihr Parlor - unsere
Unterhaltung soll ganz unverfänglicher Natur sein, das verspreche ich Ihnen.
Hoffentlich wird der noble Abraham einen alten Bekannten, der nicht einmal etwas
von ihm verlangt, nicht in seiner Office abspeisen, wie etwa einen Menschen, der
zum armseligen Pack gehört.«
    In Meyer's Gesicht wechselten Röte und Blässe; er sah bald unentschlossen
vor sich nieder, bald in die halbspöttisch lächelnden Züge seines Gegenüber.
»Wenn Sie darauf bestehen -« sagte er endlich und schloss langsam, wie noch im
halben Kampf mit sich selbst, das Fenster; als er aber die Gittertür öffnen
wollte, schien ihn ein neues Bedenken zu ergreifen. »Wenn Sie vorweg die Treppe
hinaufspazieren wollen -« sagte er, »ich komme Ihnen auf dem Fusse nach.«
    Der Andere lachte leicht auf. »Ich habe keine Absichten auf Sie, noch auf
Ihr Eigentum, Abraham,« sagte er und öffnete die Tür nach dem Hausflur,
»kommen Sie ruhig hinter Ihrem Gitter hervor.« Aber erst als der Fremde die
Office verlassen, schloss Meyer die Gittertür auf, die er, kaum dass er
herausgetreten, rasch wieder ins Schloss warf.
    Der Parlor im oberen Stock, wohin Abraham seinen aufgedrungenen Gast führte,
präsentirte sich so nobel als der Pfandleiher selbst. Ein Carpet von schreienden
Farben bedeckte den Boden, und den mit Pferdehaar-Zeug überzogenen Möbeln, wie
dem prahlenden Goldrahmenspiegel sah man es an, dass sie den Trödlerladen kennen
gelernt hatten. Zwei grosse Oelgemälde hingen an der Wand, an denen die Rahmen
indessen jedenfalls den wertvollsten Teil bildeten, und zwei ordinäre
Blumen-Vasen nebst einer gelblackirten Parlor-Lampe schmückten den Kaminsims.
    Der Fremde schritt ungenirt dem Schaukelstuhle zu, auf welchen er sich
bequem niederliess. »Holen Sie sich einen Stuhl, Abraham,« sagte er, »und lassen
Sie vor allen Dingen Ihre ängstliche Miene fahren; ich beisse Sie wahrhaftig
nicht und will auch kein Geld von Ihnen.«
    Meyer liess sich, die Augen gross auf den Eindringling geheftet, ihm gegenüber
nieder.
    »Ich komme soeben aus Alabama,« begann dieser leicht, »und habe da einen
Verwandten von Ihnen, einen alten Pedlar, getroffen.«
    »Ah - den Isaak Hirsch, vermute ich,« sagte der Pfandleiher und sein
Gesicht begann an ängstlicher Spannung zu verlieren. »Ist der alte Mann wohl,
und hat er Ihnen vielleicht irgend einen Auftrag für mich gegeben?«
    »Als ich ihn sah, war er wohl,« erwiderte der Fremde, »sonst hat er mir für
Sie nichts Besonderes übertragen. Ist aber nicht etwas wie ein Schwestersohn von
ihm vorhanden? wenigstens sprach er -«
    »Der Manuel, versteht sich, der Manuel, den ich in Kost habe. Haben Sie
etwas für ihn?«
    »Nichts von Bedeutung - hilft er mit in Ihrem Geschäfte?«
    Meyer sah seinem Gaste einen Augenblick scharf in die Augen, ehe er
antwortete. »Hat Ihnen der Alte vielleicht Auftrag gegeben, nachzusehen, ob ich
unrecht handle an dem Jungen,« sagte er dann, »so mögen Sie ihm nur melden, dass,
wenn er mich auch drei Monate ohne das Kostgeld für ihn gelassen habe, der
Manuel doch noch immer bei Smit und Johnson, Advocaten in Duanestreet sei, um
zu schreiben und die Gesetze kennen zu lernen, wie es der Alte verlangt hat, ehe
er das letzte Mal nach dem Süden ging.«
    »So, bei Smit und Johnson arbeitet er, und der Alte ist Ihnen noch das
Kostgeld für ihn schuldig,« sagte der Fremde und stützte den Kopf in die Hand.
»Sagen Sie einmal, Abraham,« fuhr er fort, und es zuckte wie ein unwillkürliches
Lächeln über sein Gesicht, »ist der alte Isaak ein stiller Partner von Ihnen
gewesen, dass er so genau Bescheid wusste über die Geschäfte, welche Sie bisweilen
Abends in Ihrem Geheimzimmer abschliessen, dass er mich wegen der Hintertür
zurechtweisen und mir noch weitere derartige Dinge erzählen konnte?«
    Meyer zuckte wie von einem Stiche getroffen von seinem Stuhle auf und warf
wie unwillkürlich einen scheuen Blick durch das Zimmer. »Was hat er gesagt, was
weiss er, was kann er erzählt haben?« stiess er hervor und sah seinen Gast mit
aufgerissenen Augen an. »Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass ich von allen solchen
Worten nichts verstehe? Und wegen des Isaak - so ist er doch nicht mehr als
zweimal in meinem Hause gewesen im letzten Jahre - was kann er wissen?«
    »Woher weiss ich es, Abraham?« erwiderte der Andere und erhob sich langsam;
»ich bin doch gestern erst nach langer Abwesenheit wieder in New-York
eingetroffen. Aber,« fuhr er fort und nahm seinen Hut, »Sie haben viel zu tun,
und so will ich Sie nicht länger aufhalten. Adieu, und grüssen Sie Mrs. Meyer!«
    »Nun weiss ich aber doch immer noch nicht, was Sie von mir wollten!« rief
Meyer aufgeregt und stellte sich vor seinen Gast, als wollte er ihm den Weg
vertreten.
    »Schreien Sie nicht so, Abraham, das tut in Ihrem Hause nicht gut!«
erwiderte dieser, mit der Hand winkend; »ich wollte nichts weiter von Ihnen, als
was ich jetzt weiss, adieu!«
    »Aber Sie wissen doch nichts, Sie wissen doch bei Gott nichts!« rief der
Pfandleiher, mühsam seine Stimme niederhaltend.
    »Desto besser für Sie!« sagte der Eindringling mit einem halben Lachen und
schritt die Treppe hinab.
    Meyer hielt noch unentschlossen die Parlortür in der Hand, als er den
Andern schon das Haus verlassen hörte. »Was weiss er, was kann er wissen?«
murmelte er unruhig vor sich hin. »Morgen kommt der Meyer Friedmann, und dann
nimmer wieder ein verdächtiges Geschäft! dass ich Ruhe behalte im Hause - -«
    Der Fremde hatte die Richtung nach dem Broadway eingeschlagen und schritt
mit der Miene eines Mannes vorwärts, der ein Geschäft zu seiner Zufriedenheit
abgemacht hat. Dann und wann spielte, wie in Erinnerung an die eben durchlebte
Scene, ein spöttisches Lächeln um seinen Mund, und erst als er Chatamstreet
kreuzte, wo die starke Passage von Fuhrwerk ihn zur Vorsicht mahnte, nahm sein
Gesicht den Ausdruck von scharfer Beobachtung an, der ihm, nach den zwei tiefen
Falten an der Nasenwurzel und den wie gewohnheitsmässig halb zugedrückten Augen
natürlich zu sein schien.
    An der nächsten Ecke stand eine von den Gestalten, wie man sie in New-York
besonders in der Nähe von Trinklocalen so häufig trifft, ein Mensch in modernen
Kleidern, von denen indessen jeder Teil, vom zerdrückten Hute bis zu den
ungeputzten Stiefeln, eben aus den Trödelbuden gekommen zu sein schien. Er hatte
die Hände müssig in den Hosentaschen stecken und musterte mit halbschläfrigem
Blicke die vorbeipassirenden Menschen und Fuhrwerke. Der Fremde hatte ihn kaum
bemerkt, als er seine Schritte auf ihn zulenkte. »Ich muss Euch heute Abend
sehen, Bill, am gewöhnlichen Orte,« sagte er, ohne länger als nur einen
Augenblick bei ihm anzuhalten, »es gibt Etwas, seid pünktlich da!«
    »All right!« erwiderte der Angeredete, ohne seine Stellung zu verändern, und
der Fremde setzte in rascheren Schritten seinen Weg fort, bis er das Astorhaus
erreicht hatte und hier nach einem der Zimmer in den obern Stocks hinaufschritt.
Dort lag, eine Cigarre rauchend, ein junger Mann auf dem Sopha, der sich
indessen aufrichtete, als er den Eintretenden erkannte.
    Der Angekommene legte seinen Hut ab und trat dann, mit einem
halbsarkastischen Lächeln in das erwartungsvolle Gesicht des Andern sehend, vor
diesen.
    »Well, Sir,« begann er mit vorsichtig gemässigter Stimme, »der Erbe wäre
aufgefunden, und ich verbürge mich, sein Verschwinden zu veranstalten, ohne dass
nur Jemand etwas Unrechtes dabei vermuten soll. Jetzt fragt es sich vor allen
Dingen, wie weit Sie mit Ihrer Arbeit sind.«
    »Seifert,« sagte der Dasitzende, mit einem Lachen der Befriedigung
aufspringend und seine Hände auf die Schultern des Andern legend, »bei Gott, ich
erkläre Sie für den abgefeimtesten Spitzbuben, den ich jemals gesehen!«
    »Danke schön!« erwiderte dieser kalt; »Sie aber scheinen mir ein Kind zu
sein, Mr. Murphy, das so subtile Speculationen wie die unsern gar nicht
unternehmen sollte. Ich heisse Wells, Sir - Henry Wells, mögen wir allein oder in
Gesellschaft sein. Den Seifert habe ich in den Mississippi versenkt, als ich
dort das Dampfboot bestieg.«
    »Gut, gut! ich verspreche Ihnen, es soll keine Namenverwechslung mehr
vorkommen,« erwiderte Murphy. »Jetzt setzen Sie sich hierher. Ich gestehe Ihnen
offen, dass ich schon fürchtete, wir würden nicht Zeit genug gewinnen, um unsere
Nachforschungen und weiteren Massregeln ausführen zu können. Hier,« sagte er und
zog aus der Brusttasche seines Rockes einen Brief, »lesen Sie und sagen Sie mir
dann Ihre Meinung.«
    Seifert entfaltete ihn langsam, überflog erst Datum und Unterschrift und
begann dann bedächtig zu lesen:
                                             »Big Spring. Alab., April 13. 1850.
            Lieber William!
        So gut ich auch glaube Deinen Auftrag, der so ganz mit meiner Neigung
        übereinstimmte, ausgeführt zu haben, so scheint doch der Deutsche einen
        Strich durch Deine Rechnung machen zu wollen, und ich eile, dir das
        Nötige zu melden. Als ich zuerst die junge, reizende Frau sah, welcher
        ich nach Deinem Plane meine Aufmerksamkeit widmen sollte, konnte ich
        ganz den Unwillen ihrer Eltern, sowie der Nachbarschaft begreifen, dass
        es einem solchen hergelaufenen deutschen Schlingel hatte gelingen
        können, diese Perle für sich wegzufischen. Ich wurde bei einer
        zufälligen Gelegenheit ihrem Vater vorgestellt, der ziemliches Gefallen
        an mir zu finden schien, und bald merkte ich, als ich, wie unkundig der
        bestehenden Verhältnisse, seiner Tochter erwähnte, dass es vielleicht ein
        noch stärkeres Mittel geben könne, um den Deutschen von seiner Reise
        nach New-York abzuhalten, als die Eifersucht - das war die Liebe, mit
        welcher der alte Mann an seinem Kinde hing und die in jeder seiner
        Äusserungen eben so unwillkürlich hervorbrach, wie sein Missfallen an
        ihrer Verbindung mit dem Deutschen. Schon bei meinem nächsten Besuche,
        welchen ich der jungen Frau machte, während ihr Mann seinem
        Musikunterricht ausser dem Hause nachging, sah ich, dass jedes Wort, das
        ich von ihrem Vater sprach, tiefere Wirkung hatte, als ich selbst
        gehofft - sah, dass sie sich in der Stellung, in die sie sich durch ihre
        schnelle Heirat gebracht, nicht heimisch fand, und bestrebte mich von
        dieser Zeit an, ein verbindendes Glied zwischen ihr und ihrem
        elterlichen Hause zu sein. Ich brachte es wirklich dabei fertig, ihren
        Mann, selbst wenn er bei meinen Besuchen anwesend war, vollständig zu
        ignoriren und ihn, wie mir sein ganzes Benehmen bewies, mit grösserer
        Sorge um den Frieden seiner Häuslichkeit und den ungestörten Besitz
        seiner Frau zu erfüllen, als es mit meinen blossen Aufmerksamkeiten für
        die letztere, und wären diese noch so auffallend gewesen, möglich
        geworden wäre. Ich hielt es schon für ganz gewiss, dass Du wenigstens für
        die nächsten Wochen ruhig dort arbeiten könntest, ohne seine Abreise von
        hier fürchten zu müssen, als er plötzlich mit einer Entschlossenheit
        einen Streich ausführte, die ich ihm nicht zugetraut, einen Streich, der
        mich vollständig aus dem Sattel geworfen hat. Du kennst den alten Mr.
        Morton, welcher die junge deutsche Frau hat, - nach dessen Farm hat
        gestern unser Mann Alles, was in seinem Hause lebt und Beine hat,
        übergesiedelt. Ich begegnete ihm, als er sein junges Frauchen hinfuhr,
        auf der Landstrasse. Er sah finster geradaus und tat, als ob er mich
        nicht bemerkte; sie hatte rotgeweinte Augen und erwiderte meinen Gruss
        nur halb. Wenige Minuten danach traf ich einen Wagen mit ihrem Schwarzen
        als Kutscher und bepackt mit einigen Kisten, auf welchen ihre schwarze
        Köchin sass. Ein paar Worte, welche ich mit dieser wechselte, belehrten
        mich über das, was geschah, und von einer Schülerin der Akademie, die
        ich später traf, erfuhr ich ohne Mühe, dass Mr. Helmstedt für vierzehn
        Tage Urlaub genommen habe, um eine notwendige Reise nach New-York zu
        machen. An dem von ihm bisher bewohnten Hause waren Läden und Türen
        fest geschlossen. Ich beruhigte mich dabei nicht, sondern ritt noch
        denselben Nachmittag, da mir Gefahr im Verzuge schien, nach Mortons Farm
        und liess mich bei Mrs. Helmstedt anmelden; der Schwarze brachte mir aber
        den kurzen Bescheid, dass die Mistress, so lange sie hier sei, keine
        Besuche anzunehmen wünsche.
        So steht die Sache im Augenblick und ich fürchte, dass nur kurze Zeit,
        nach Ankunft dieses Briefes der Deutsche Deinen Weg kreuzen wird.
        Handele nun, wie es Dir Deine eigene Klugheit eingibt, und schreibe mir
        bald; die nächste Postoffice bei Big Spring kennst Du. Wie immer, Dein
                                                                   John Nelson.«
    Seifert faltete den Brief langsam zusammen und sah einen Augenblick
nachdenkend vor sich nieder. »Dieser Mr. Nelson,« sagte er dann, »scheint selbst
verliebt in die junge Frau zu sein und mit seinem grossen Eifer mehr verdorben
als genützt zu haben. Zu gleicher Zeit aber muss ich Ihnen gestehen, dass ich
persönlich Ursache habe, eine Begegnung mit diesem Mr. Helmstedt, besonders hier
in New-York zu vermeiden. Es heisst also vor allen Dingen rasch handeln, und
damit ich eine volle Uebersicht des Notwendigen erhalte, lassen Sie uns den
allgemeinen Tatbestand recapituliren. - Sie haben in dem Nachlasse des alten
Pedlars. welcher in dem Hause des Mr. Morton in Alabama starb, die Notiz über
einen alten Besitztitel gefunden, von der, wie Sie meinen, Niemand etwas weiss.
Wie kamen Sie dazu, und warum glauben Sie, dass Sie der Alleinwissende seien?«
    »Das ist einfach,« erwiderte Murphy, der stillschweigend die Ueberlegenheit
seines Gesellschafters anzuerkennen schien. »Als der Tod des Pedlars, welcher
Nachts in seinem Bette an einem Blutsturze starb, entdeckt wurde, blieben seine
sämmtlichen Effecten unberührt, wie dies gewöhnlich geschieht, bis der Koroner
die Todtenschau vorgenommen hat. Der Koroner aber, nach welchem der alte Morton
sandte, war krank und ernannte mich, der ich ein Bekannter von ihm bin und
zufällig in der Nähe war, für diesen Fall zu seinem Deputy. So hielt ich denn
die Todtenschau ab und fand unter den Papieren in seinem Taschenbuch, auf welche
eine Art Testament von ihm hinwies, die Quittung über einen bei Smit und
Johnson in New-York deponirten Besitztitel mit genauer Angabe seines Inhalts.
Ich habe ziemlich viel in den Besitztitel-Angelegenheiten des nördlichen Teiles
unseres Staates gearbeitet und erkannte, sobald ich die Nummer der Landsection
und andere Bezeichnungen las, sofort die Wichtigkeit des Papiers für einen Mann,
der etwas daraus zu machen weiss, während es in der Hand des Unkundigen
vollkommen wertlos war. Ich setzte mich unbemerkt in seinen Besitz und übergab
die übrigen Papiere dem Deutschen, Helmstedt, welcher in dem erwähnten Testament
als Vollstrecker desselben namhaft gemacht worden war.«
    Seifert verzog in diesem Augenblick das Gesicht zu einer so ironischen
Miene, dass der Redende inne hielt.
    »Nun?« fragte er.
    »Nichts, gar nichts,« erwiderte Seifert, »als dass ich Ihnen wahrhaftig Ihr
voriges Compliment, den abgefeimtesten Spitzbuben betreffend, zurückgeben muss.
Werden Sie nicht beleidigt dadurch,« fuhr er lachend fort, als er in Murphy's
Gesicht ein leichtes Rot treten sah, »die Äusserung war wenigstens nicht
schlimmer gemeint als die Ihrige. Fahren Sie fort.«
    Murphy warf einen finsteren Blick in seines Gefährten Gesicht und sah dann
zur Erde. »Ich bin zu Ende.« sagte er.
    Ein Zug von Hohn, der aber schon im nächsten Moment verschwunden war, zuckte
um Seiferts Mund. »Ich glaube, Sir,« entgegnete er, »es ist jetzt wenig Zeit,
den Empfindlichen zu spielen, falls Sie Ihr Unternehmen überhaupt noch verfolgen
wollen.«
    Murphy sah auf und schien einen innern Widerwillen niederzukämpfen. »Was
wollen Sie weiter wissen?« fragte er.
    »Die Hauptfrage war also,« begann Seifert von Neuem und lehnte sich bequem
zurück, »ob der besagte Besitztitel auch wirklich mit allen Rechten auf den
alten Pedlar übertragen war, und über diesen Punkt wollten Sie sich hier in
New-York Gewissheit verschaffen.«
    »Ich habe mich bei Smit und Johnson einführen lassen, die überhaupt alle
gerichtlichen Angelegenheiten für den Alten versehen zu haben scheinen,«
berichtete Murphy, vor sich nieder sehend, »und es ist mir nach mancherlei
Umwegen, um den Hauptzweck meines Besuches zu verdecken, gelungen, Einsicht in
das Document zu erhalten. Das unbeschränkte Eigentumsrecht des Isaak Hirsch
daran steht ausser allem Zweifel.«
    »Schön,« nickte Seifert, »es entsteht aber noch die eine Frage, ob der Alte
nicht etwa weitere Depositen bei derselben Firma hat, wodurch, wenn auch die
Erben keine augenblickliche Kenntnis des vorhandenen Besitztitels haben, sie
doch so zeitig davon unterrichtet werden müssten, dass Ihr ganzer Plan, ein
Abkommen deshalb mit den Leuten zu treffen und sich selbst den Hauptgewinn zu
sichern, auf sehr bedeutende Schwierigkeiten stossen dürfte.«
    Murphy verzog das Gesicht zu einer geringschätzenden Miene. »Sie dürfen es
wohl bei einem Advocaten, der es gewohnt ist, alle Seiten eines Falles zu
erwägen, voraussetzen,« sagte er, »dass ihm eine solche Hauptfrage nicht
entgangen ist. Die sämmtlichen übrigen Depositen bestehen aus Geld und sind bei
einem hiesigen Handlungshause untergebracht.«
    »Very well,« erwiderte Seifert, »Sie müssen mir aber schon erlauben, dass ich
bei einem Unternehmen, in welchem mir selbst der gefährlichste Teil zufällt,
nie etwas voraussetze. Und da bisher Alles in Ordnung und reif zum Handeln ist,
so gehe ich zur letzten Frage. Ich werde noch heute Abend etwa 300 Dollars
bedürfen, um meine Operationen beginnen zu können. Werden diese zur Stelle
sein?«
    »Ich kann sie jedenfalls anschaffen,« versetzte der Advocat. »Indessen,«
fuhr er fort, seinem Gefährten scharf ins Auge sehend, »möchte ich wohl vorher
etwas Genaueres über Ihren Plan, sowie über die Verwendung dieses Geldes wissen.
Ich habe noch nicht einmal etwas Weiteres als Ihr Wort, dass der Erbe aufgefunden
sei.«
    Seifert hielt mit einem gemütlichen Lächeln Murphy's Blick aus. »Wünschen
Sie nicht etwa eine gerichtlich gesicherte Bürgschaft, lieber Herr, dass ich
wirklich den Judenjungen auf die Seite schaffen werde?« sagte er. »Oder
vielleicht eine vor dem Notar beschworene Specification meiner Ausgaben,
versehen mit den Quittungen der verschiedenen Herren von der Fancy, welche ich
auf die eine oder die andere Weise bei dem Unternehmen verwenden muss? Ich will
Ihnen Eins sagen,« fuhr er fort und setzte sich gerade auf, »die Zeiten, wo man
einen wohl verclausulirten Pakt mit dem Teufel machte, sind seit der Erfindung
der Polizei vorbei; heut' zu Tage werden alle Geschäfte in dieser Branche nur
auf Treue und Glauben gemacht. Ich übernehme die kitzlichste Arbeit in der
ganzen Speculation und weiss noch nicht einmal, ob der spätere Erfolg Ihrer
Arbeit meine Gefahr lohnt - ich traue nur Ihrem Worte und Ihrer Einsicht.
Dasselbe haben Sie bei mir zu tun - ich bin aber gern erbötig, falls Ihnen
diese Uebereinkunft nicht convenirt, in diesem Augenblicke noch unsern Vertrag
aufzuheben. Sie haben dann am Ende weiter nichts verloren, als die Kosten meiner
Reise nach New-York.«
    Murphy stand auf und ging, vor sich hinsehend, einige Mal im Zimmer auf und
ab. Dann öffnete er seinen Koffer und nahm ein mit Banknoten gefülltes Etui
heraus. »Es sind genau dreihundert Dollars,« sagte er, indem er es leerte;
»zählen Sie nach. Jetzt werden Sie mir aber wenigstens sagen können, ob
überhaupt oder wie viel etwa fernere Mittel notwendig sein werden, um Ihren
Teil an unserer Arbeit zu einem bestimmten Ende zu bringen«
    »Wie kann ich das wissen, Sir?« erwiderte Seifert, mit höflicher Miene die
Achsel zuckend; »wie kann ich alle Hindernisse, die vielleicht überwunden werden
müssen, vorausberechnen? Hundert Dollars mehr oder weniger hängen bei
Unternehmungen dieser Art oft von der augenblicklichen Laune der Menschen ab,
welche die praktische Arbeit in der Sache zu tun haben. Den Jungen zu entführen
ist Kinderspiel; aber es zu veranstalten, dass er nicht vermisst wird, dass die
übrigen Erben ohne Hindernis in das Vermächtnis eingesetzt werden können, dass
Sie keine Schwierigkeiten finden, um Ihr Abkommen wegen des Besitztitels zu
treffen - das ist ein Unternehmen, welches mehr als gewöhnliche Mittel verlangt.
Hier liegt das Geld, falls Sie noch irgend welche Bedenken haben sollten -«
    »Nehmen Sie und gehen Sie an die Arbeit,« sagte der Advocat, sich die Stirn
reibend, »Sie wissen recht gut, dass ich nicht zurück kann, wenn ich nicht den
ganzen Plan aufgeben will.«
    Seifert erhob sich, ging auf den Advocaten zu und legte die Hand auf seine
Schulter. »Der Teufel ist noch immer ehrlicher gewesen als die, welche stets den
Herrgott auf der Zunge haben. Das war das Wort, mit dem Sie mir auf dem
Dampfboot Ihr Vertrauen schenkten, und daran mögen Sie nur ruhig festalten,«
sagte er. »Aber,« fuhr er fort, und sah dem Advocaten mit einem eigentümlichen
Blick ins Auge, »den Teufel haben auch Wenige noch ungestraft betrogen, und Sie
mögen auch dieser Wahrheit in unserem Falle sicher sein.«
    »Habe ich schon etwas getan, das Sie zu irgend einem Verdachte gegen mich
berechtigen könnte?« unterbrach ihn Murphy, den Kopf hoch aufrichtend.
    »Zu Taten war es wohl die Zeit noch nicht - eben so wenig wie am Keim einer
Pflanze gleich die Früchte hängen, obgleich der Erfahrene genau weiss, wie diese
einmal aussehen werden,« erwiderte Seifert mit demselben Blicke wie zuvor.
    »Ich verstehe Sie nicht, Sir.«
    »Desto besser für Sie, und ich wünsche, dass ich Ihnen den Sinn meiner Worte
nicht künftig einmal zu erklären brauche. Halten Sie Ihr Versprechen wegen
meines Gewinn-Anteils an dem ganzen Unternehmen später so ehrlich, wie ich
meine Zusagen jetzt erfüllen werde, so haben wir Beide nichts zu sorgen.«
    Damit drehte er sich weg und ergriff die Banknoten, die er langsam und
bedächtig durchwählte und dann in seine Geldtasche packte. »Es ist möglich, Sir,
dass Sie mich die ganze Nacht nicht wiedersehen,« sagte er dann, »kommt uns aber
bis morgen Mittag dieser Mr. Helmstedt nicht in den Weg, so denke ich, bis dahin
die Hauptsache geordnet zu haben.«
    Murphy war ans Fenster getreten. »Und wann kann ich darauf rechnen, Sie
wieder zu sehen?« fragte er, ohne sich umzudrehen.
    »Jedenfalls morgen um diese Zeit, wenn nicht früher,« erwiderte Seifert und
nahm seinen Hut. »Aber noch Eins, Sir, wenn Sie mir die Ehre gönnen wollen, Ihr
Gesicht zu sehen.«
    Murphy wandte sich langsam um.
    »Ich bin,« fuhr er Erstere fort, »unter allen Umständen, mag passiren was da
wolle, Henry Wells, Geschäftsmann von New-York, den Sie schon längere Jahre von
seinen Reisen im Süden her kennen. Es können Fälle eintreten, wo an einer
einzigen Unvorsichtigkeit in dieser Beziehung der ganze Erfolg meiner Arbeit
scheitern kann.«
    Murphy nickte, und Seifert verliess das Zimmer. - -
    In einer der Querstrassen nahe dem Hafen, deren Bewohnerschaft fast nur von
dem Gelde der ankommenden Schiffsmannschaft lebt und in den zahlreichen
Trinklocalen, Tanzhäusern und Kaufläden aller Gattungen jedes Mittel aufgeboten
hat, um auch den letzten Penny aus den Taschen der Matrosen zu locken, stand ein
einstöckiges Haus, das sich indessen durch eine Breite von wohl sechzig Fuss,
einen reinlichen, gelbbraunen Anstrich und durch eine bunte Gaslaterne über der
Tür vor den übrigen, grösstenteils schmalen und unsaubern Localen auszeichnete.
Ein Gang führte von dem Haupt-Eingange nach einem grossen, geräumigen Tanzsaale
im hintern Teile des Hauses, während sich im vordern Teile auf einer Seite des
Ganges ein Trinklocal und auf der andern ein Billardzimmer befand.
    Es war zehn Uhr, und aus dem Tanzsaale klangen die Töne einer Polka, oft von
dem Stampfen und Aufjauchzen der Tänzer übertönt, während in dem vorderen
Trinkzimmer nur ein schläfriger Barkeeper hinter dem Schenktische lehnte. Bald
aber öffnete sich die Verbindungstür und zwei Männer, in heftigem Wortwechsel
begriffen, traten aus dem Saal herein. Der eine war eine Gestalt von weit über
sechs Fuss Höhe, mit einem Nacken und einem Schulternpaare, welche die Natur kaum
für etwas Anderes als einen Lastträger geschaffen zu haben schien, während das
frische, gutmütige Gesicht darüber jede Sorge über eine Begegnung mit dem
Goliat sogleich niederschlug. Der andere war mehr von geschmeidigem, nervigem
Bau, aber seine Züge trugen denselben Ausdruck von Wüsteit und Verlebteit,
welchen man so oft unter den Besuchern dieser Tanzhäuser trifft.
    »Hier - so!« rief der Erstere, während er die Tür nach dem Saale schloss;
»jetzt lass mit dir reden, Ben, und bringe mich nicht in Hitze - du weisst, was
dann passirt! Die Mary steht heute Abend unter meinem Schutze, und wer sie
anrührt, hat ganze Knochen gehabt! Wir sind in einem freien Lande, und wenn sie
dich nicht mehr mag, so musst du's zufrieden sein.«
    »Ich habe mit ihr als Mann und Frau gelebt; das gilt in New-York so viel als
verheiratet, und weder du, noch irgend Jemand soll mir mein Recht streitig
machen!« rief der Zweite auf den Tisch schlagend.
    »Das Mädchen geht mit mir, und das ist Alles.« Er drehte sich nach der
Saaltür um, aber die Hand des Riesen, wohl um die Hälfte grösser als gewöhnliche
Menschenhände, legte sich wie Eisen auf seine Schulter.
    »Mach mich nicht böse, Ben; du kennst den Dutch Charley!« sagte dieser, und
auf seiner Stirn begann sich eine gewaltige Ader zu zeigend »Die Mary will
ordentlich werden, will morgen aufs Land und ist nur noch einmal hierher
gekommen, um mich hier zu finden. Sie ist meine Landsmännin, sie steht jetzt
unter meinem Schutze, und weiter habe ich nichts mit ihr zu tun. Wer sie aber
heute anrührt, du oder wer es sein mag, der hat es mit mir zu tun!«
    »Lass mich los!« schrie der Andere, und hatte sich mit einer plötzlichen
Wendung dem Griffe seines Gegners entwunden; »komm heran!« rief er und sprang
zurück, beide Fäuste in Boxerstellung vor sich streckend. In diesem Augenblicke
öffnete sich aber die Saaltür, und zwei andere Männer traten hastig ein.
    »Dacht' ich doch so 'was!« rief der eine und sprang zwischen die beiden
Gegner. »Bist du toll, Ben, den Charley wild zu machen? und weisst doch, dass das
Geschöpf, wenn es hitzig wird, Alles blind zu Brei schlägt, was vor ihm ist, und
wäre sein leiblicher Vater darunter! Lasst jetzt den Streit, 's ist noch zu früh,
und wenn Ihr euch durchaus hauen müsst, so tut's später!«
    Dutch Charley, den einen Fuss kräftig vorgesetzt, stand mit drohend
zusammengezogenen Augenbrauen da, und über seine Stirn schlängelte sich die Ader
wie ein blauer Strick. Der Andere sah ihm mit einem bösen Blicke ins Gesicht und
liess dann die geschlossenen Fäuste sinken. »Ich will jetzt keine Unruhe
stiften,« sagte er nach einer Pause, »aber ich werde mir mein Recht verschaffen,
wenn es Zeit ist.«
    »Tue was du willst,« erwiderte der Goliat, »nur wahre dich, dass ich nicht
dabei bin.«
    »Die Zeit wird Alles lehren!« Damit drehte sich sein Gegner um und schritt
zur Tür nach der Strasse hinaus.
    Eine Minute stand er vor dem Hause und sah wie überlegend die Strasse hinab
und hinauf. Kein Mensch liess sich blicken, wie überhaupt selten Jemand, der
etwas zu verlieren hat, so spät diese verrufene Gegend betritt. Nur aus den
einzelnen Trinklocalen drang wüster Lärm. Ben schritt langsam die Strasse nach
der Stadt hinauf. Als er um die nächste Ecke bog, hörte er den Tritt eines sich
nähernden Mannes - er stand still und beobachtete, und bald sah er die nächste
Gaslaterne eine stattliche Figur und einen seinen Anzug bescheinen.
    »Wollen Sie mir wohl gefälligst sagen, welche Zeit es ist?« fragte er, dem
Herankommenden entgegengehend.
    Dieser warf einen musternden Blick auf den Frager. »Mit Vergnügen,« sagte er
dann; »lassen Sie uns nur hier an die Laterne treten.« Kaum aber war Ben der
Aufforderung gefolgt, als ihm auch die sechs Mündungen eines Revolvers ins
Gesicht starrten, welchen der Fremde statt der Uhr hervorgezogen hatte.
    »Teufel!« rief Jener, überrascht zurückspringend; »ich sehe, dass Sie um die
Zeit Bescheid wissen. Ich danke schön für die Auskunft!«
    »Einen Augenblick noch!« rief der Fremde, als sich der betrogene Spitzbube
in die nächste Seitenstrasse schlagen wollte, und senkte seine Waffe; »ist das
nicht der Ben?«
    Dieser blieb stehen und warf einen misstrauischen Blick zurück.
    »Der immer Nr. 4 Howardstreet sein Absteigequartier hatte?« setzte der
Fremde hinzu.
    Der Andere kam vorsichtig heran. »Beim Donner!« rief er plötzlich, »das ist
der Graf! Wo in Teufels Namen kommen Sie denn her, um Ihren Bekannten solche
Streiche zu spielen?« Er hielt seine Hand hin, die Jener ohne Bedenken ergriff.
    »Und wie kommen Sie denn zu den Geschäften, bei denen ich Sie treffen muss,
Ben?« sagte der Angeredete. »So weit herunter gekommen seit den paar Monaten, in
denen ich von New-York weg war?«
    »Nur nicht den Mund so voll genommen, Verehrter,« war die Antwort; »ich
erinnere mich der Zeit noch sehr wohl, wo andere Leute gleichfalls so herunter
waren, dass sie gern ein Strassengeschäft, wie ich soeben, gemacht hätten, wenn's
nicht vielleicht am Besten, an der Courage, gefehlt hätte!«
    »Ich danke für diese Art Courage, Beu!«
    »All right, Sir! Wie darf man denn aber den Herrn jetzt nennen, ohne
anzustossen?«
    »Ich heisse Henry Wells, wenn Ihr nichts dagegen habt!«
    »Also amerikanisirt - guter Gedanke das! Und darf man fragen, was den Mr.
Wells in diese so wenig fashionable Gegend führt?«
    »Fragen darf Jeder - Ihr sollt aber auch eine Antwort haben, Ben; ich habe
ein Geschäft mit Bill West abzumachen.«
    »Beim Donner, das sind Sie also!« rief der Andere und schlug mit der Faust
in die linke Hand, »und ich hätte die ganze Geschichte beinahe über meinem
Aerger vergessen. Wir gehen mit einander, Squire,« fuhr er fort und fasste
Seiferts Arm; »Bill hatte mich bestellt, um Ihrer Conferenz mit ihm beizuwohnen
- wissen Sie, wir arbeiten seit einiger Zeit bei grösseren Geschäften im
Partnership.«
    »Auch ein guter Gedanke das!« lachte Seifert und schritt an Bens Arme die
Strasse hinab, dem Tanzhause zu. »Sagt einmal,« begann er nach einer Weile
wieder, »existirt der Todtengräber wohl noch? Ich war neun Monate von New-York
weg, und muss meine Personal-Kenntnis erst neu ergänzen.«
    »Alles noch frisch auf den Beinen; ich habe ihn vor kaum zehn Minuten mitten
unter einem Haufen von Mädchen verlassen - er hat an den Medicin-Studenten,
denen er Leichen für ihre Studien liefert, seine regelmässigen Kunden und lässt
gern etwas darauf gehen.«
    »Das klappt, wie es nur gewünscht werden kann,« brummte Seifert; »steckt ihm
ein Wort, dass ich ihn brauche, Ben!«
    Sie hatten das Tanzhaus erreicht und schritten in das Trinkzimmer. Ben
verschwand im Tanzsaal und kam bald mit zwei andern Männern zurück, die, ohne
ein Wort zu sagen, dem Neuangekommenen die Hand schüttelten. Einer von ihnen
nahm aus einem an der Wand hängenden Blechkästchen einige Streichzündhölzer und
verliess dann durch eine nach dem Hofe führende Seitentür das Zimmer. Die vier
Männer schienen sämmtlich genau mit der Localität bekannt zu sein, denn ohne
Anstoss und Zögern gelangten sie durch die Dunkelheit nach einer Falltür am Ende
des Hauses, welche der Vorderste öffnete und, als der letzte Mann darunter
verschwunden war, wieder schloss. Dann entzündete er eins der Streichhölzer an
seinem Aermel, nahm aus einer Vertiefung in der Mauer ein Stück Licht und
brannte es an. Ein Raum, mit gespaltenem Holze und alten Gerätschaften gefüllt,
zeigte sich, der indessen schnell durchschritten ward. Eine Tür an dessen Ende,
anscheinend ohne Schloss, wurde von dem Voranschreitenden durch einen Druck
geöffnet, und ein geräumiges Zimmer mit Tischen, Stühlen, lederüberzogenen
Sophas und Gasvorrichtung ausgestattet, tat sich auf. Bald brannte ein helles
Gaslicht und der Führer schloss vorsichtig die Tür.
    »Wird hier noch viel gespielt?« fragte Seifert, sich an einem der Tische
niederlassend.
    »Je nachdem sich etwas fängt,« erwiderte Ben und rückte Stühle in die Nähe
des Tisches; »die Geschäfte in dieser Beziehung sind in der letzten Zeit nur
mager gewesen.«
    »Well, Gentlemen, wir wollen zur Sache gehen,« sagte Seifert, als die
Uebrigen Platz genommen hatten. »Ein kleines und ein grosses Geschäft sind
abzumachen, und bei keinem ist besondere Gefahr. Ihr, Bill, sollt erstens zum
Pfandleiher Meyer gehen und die Ellenwaaren, welche Ihr vor drei oder vier Tagen
dort versetzt habt, wieder einlösen.«
    »Wieder einlösen? Was soll dabei herausspringen?« fragte der Genannte,
verwundert aufsehend.
    »Was dabei herausspringt, ist meine Sache, über die wir nachher sprechen.
Ich frage nur, ob Ihr es tun und mich und Ben als Zeugen mitnehmen wollt.«
    »Er wird die Waaren nicht mehr im Hause haben, und selbst wenn er sie noch
hätte, wird er weder von uns, noch von den Gütern etwas wissen wollen - für
derartige Versatzstücke wird kein Pfandzettel gegeben.«
    »Ich weiss das Alles und erwarte auch nichts Anderes. Weigert er sich, so
gehen wir wieder weg und jeder von euch Beiden hat mit dem Wege zehn Dollars
verdient.«
    »Sie machen schnurrige Geschäfte, Mr. Wells - indessen geht das uns am Ende
nichts an. Ist das Geld zur Hand?«
    »Morgen früh um zehn Uhr gehen wir, und Jeder soll die Zahlung in seiner
Tasche haben, ehe er einen Schritt tut.«
    »Abgemacht, Sir!« und Seifert empfing von Beiden einen bekräftigenden
Handschlag.
    »Nun erst ein Wort mit unserm Jack, damit er sich nicht langweilt,« fuhr
Seifert fort. »Jack, ich brauche die Leiche eines Judenjungen von ungefähr 14
Jahren, und zwar morgen oder übermorgen Nacht; es ist nicht notwendig, dass sie
ganz frisch ist.«
    Jack, der »Todtengräber«, der bis jetzt, das Kinn auf beide Hände gestützt,
dem Gespräche zugehört hatte, war augenscheinlich der Jüngste von den Vieren,
eine schlanke Figur mit einem Gesichte, das man gutmütig hätte nennen können,
wenn ihm die kleinen, unruhigen Augen nicht etwas Unheimliches gegeben hätten.
Jack war jedenfalls ein »Ladies-Man«, denn seine Wäsche war sauber, das
rotseidene Halstuch war mit einer koketten Schleife zugebunden, eine vergoldete
Uhrkette fiel über seine Weste und der Sitz seiner Kleidung verriet die grösste
Sorgfalt für seine äussere Erscheinung. Als ihm Seifert seine Forderung gestellt,
begann er sich in den Haaren zu kratzen. »Das ist ein seltener Artikel, Sir,«
sagte er nach einer Weile, »und noch schwieriger ist es, ihn an einem bestimmten
Tage herbeizuschaffen. Von den Juden kommen nur immer Wenige auf den
Armenkirchhof, und ich müsste mich wirklich erst einmal umsehen -«
    »Was verlangt Ihr für die Arbeit, Jack?«
    Der Todtengräber schüttelte den Kopf. »Ich rede nicht so des Preises wegen,«
sagte er, »ich weiss wirklich im Augenblicke noch nicht, welche Schwierigkeiten
sich mir entgegenstellen werden und ob ich Sie überhaupt befriedigen kann.
Bisher habe ich in meinen Ordres nur die Bezeichnung: männlich ober weiblich,
jung oder alt gekannt, auf die Religion hat noch Niemand etwas gegeben -«
    »Wenn Ihr noch derselbe Maulwurf seid wie früher,« unterbrach ihn Seifert,
»so weiss ich, dass Ihr irgend einen bestimmten Auftrag ausführen könnt, sobald
sich's nur lohnt; New-York ist gross und bietet ein Assortiment jeder Art. Noch
einmal, und antwortet ohne viele Umstände: was verlangt Ihr?«
    Jack fuhr sich mit der Hand von Neuem in die Haare. »Und wenn ich auch sagen
wollte: fünfzig Dollars,« erwiderte er zögernd, »so weiss ich wegen der Zeit
immer noch nicht -«
    »Ihr sollt hundert haben und den vierten Teil gleich jetzt als Draufgeld,
wenn Ihr Eure alberne Sprödigkeit jetzt bei Seite lasst; ich habe keine Zeit,
lange Complimente zu machen, und gehöre auch nicht zu den Grünen.« Er zog eine
kleine Rolle Banknoten, die er schon im Voraus abgezählt zu haben schien, aus
der Westentasche und legte sie, die Hand darauf haltend, vor sich auf den Tisch.
»Nun?«
    »Und es muss durchaus ein Jude sein?«
    »Eine schwarzköpfige, beschnittene Judenleiche, von etwa vierzehn Jahren,
abzuliefern bis spätestens übermorgen Nacht.«
    »Und wohin?«
    »Bill und Ben werden sie in Empfang nehmen - davon sprechen wir aber
nachher. Wie steht's, Jack?«
    »Ich werde Hilfe brauchen - es ist das keine gewöhnliche Arbeit -« sagte
dieser, seine beiden Kameraden fragend ansehend.
    »Nimm den Dutch Charley,« erwiderte Bill, »sag' ihm, die Sache geschehe für
einen Doctor, der Untersuchungen anstellen wolle, und er beruhigt sein Gewissen,
trägt dir den Körper wohin du willst und schlägt auch noch ein paar Polizisten
ohne den geringsten Spectakel nieder, falls sie euch in den Weg kommen sollten.«
    Der Todtengräber nickte nachdenklich. »Ich werde das Geschäft übernehmen,
Sir,« sagte er nach einer Pause, und reichte die Hand über den Tisch. Seifert
fasste sie, empfing einen kräftigen Druck und schob ihm dann die Banknoten
entgegen. »Fünf und zwanzig Dollars, richtig gezählt,« sagte er; »die übrigen
fünf und siebzig, sobald die Waare abgeliefert und untersucht ist.«
    »Ich werde nicht auf mich warten lassen!« erwiderte Jack, während er ein
elegantes Portemonnaie aus der Hosentasche holte und das Papiergeld sorgfältig
hineinlegte.
    »Und nun, Gentlemen, zu dem eigentlichen Hauptgeschäfte,« begann Seifert von
Neuem, »denn was Jack tun wird, ist nur ein untergeordneter Teil desselben.
Ich werde morgen Mittag gegen ein Uhr an der Landung hier unten mit einem jungen
Menschen sein, der für wenige Tage, bis ich ihn selbst abholen werde, unsichtbar
gemacht werden muss. Ich hoffe, er wird gutwillig irgend Jemandem, den ich ihm
bezeichnen werde, folgen. Weiss Einer von euch einen sichern Ort ausserhalb
New-Yorks, wo man ihn verbergen könnte? Ich hoffe, dass ein guter Vorwand ihn
ruhig halten wird, indessen müsste nötigenfalls auch für seine zwangsweise
Zurückhaltung gesorgt sein.«
    »Ich habe morgen Mittag ein Privatgeschäft und muss deshalb bitten, mich zu
entschuldigen,« sagte Ben, die Hände in die Hosen steckend und sich auf seinem
Stuhle zurücklehnend, »indessen hat Bill Verbindung in Philadelphia -«
    »Wenn ich so weit mit dem jungen Menschen gehen darf,« fiel dieser ein, »so
wäre es mir ein Leichtes, ihn sicher unterzubringen - es darf natürlich auf
einige Dollars dabei nicht ankommen.«
    »Natürlich nicht!« nickte Seifert, »und die Entfernung des Orts, wo er
untergebracht wird, ist mir gleich, wenn er dort nur wohl verwahrt ist. Ueber
den Geldpunkt werden wir nachher reden. Diesen jungen Menschen,« fuhr er fort,
»werde ich vorher mit neuen Kleidern versehen lassen; seinen alten Anzug aber
hat Einer von euch aufzubewahren und damit, vom Hemde bis zum Rocke, die
Judenleiche zu bekleiden, sobald sie ankommt. Keine von den Kleinigkeiten,
welche ein junger Mensch in der Regel bei sich trägt, Messer, Notizbuch,
Geldtasche und dergleichen, darf dabei verloren gehen, Alles muss in den Taschen
verbleiben. Sobald dies geschehen ist, wird mit irgend einem schweren, stumpfen
Werkzeuge das Gesicht der Leiche unkenntlich gemacht und diese dann in den
Nort-River geworfen. Der Erfolg der ganzen Arbeit hängt von der genauen
Befolgung dieser Anweisung ab. Die Verwandlung und Beseitigung des todten
Körpers muss eine Stunde nachdem ihn Jack abgeliefert hat, geschehen sein. Damit
wäre das Geschäft beendigt, und nun teilt euch in die Arbeit und macht euere
Preise.«
    Ben sprang von seinem Stuhle auf. »Bei Gott, Graf,« sagte er und schlug auf
den Tisch, »Sie sind noch gerade derselbe wie früher, immer nur grossartige,
noble Geschäfte. Das ist jetzt wieder einmal eine ganze Intrigue, die ich
bewundere, wenn ich auch nur einen einzelnen Faden davon sehe, und ich täte aus
reinem Gefallen daran meine Arbeit umsonst, wenn sie nicht so gar widerwärtiger
Natur, wenigstens für mich wäre. Jack hat andere Nerven als ich, oder ist durch
die Gewohnheit in seinem Geschäfte abgestumpft.«
    »Ich möchte doch wissen, was stärkere Nerven verlangt,« unterbrach ihn der
Todtengräber, sich mit indignirter Miene erhebend, »einem lebendigen Menschen
mit der Schlinge die Kehle zuziehen und ihm, während er verzweifelnd nach Luft
schnappt, die Taschen ausleeren, und was dergleichen Geschäfte noch mehr sind -
oder einen stummen Todten, der nichts fühlt, wegtragen und damit der
Wissenschaft helfen.«
    »Stop, Jack, du bist ein Hauptkerl und sollst meinetwegen Recht haben,« rief
der Andere lachend, »ich habe dir durchaus nicht zu nahe treten wollen. Also
jetzt wegen der Verteilung der Arbeit. Bill geht morgen mit dem jungen Menschen
nach Philadelphia, und ich werde jedenfalls so viel Zeit erübrigen, um die alten
Kleider in Empfang nehmen zu können. Das Weitere wegen der Toilette der
Judenleiche und ihrer Verwandelung werde ich mit Jack besprechen. Jedenfalls
können Sie sich darauf verlassen, Graf, dass wenn das Ding im Nort-River
aufgefischt wird, kein Coroner es anders als nach den Kleidern, die es trägt,
und nach den Gegenständen darin beurteilen kann.«
    »Gut,« nickte Seifert befriedigt, »ich sehe, Ihr fasst meine Idee gut - also
hübsch saubere Arbeit, ich verlasse mich auf Euch! Und nun aufgemerkt, um die
Verhandlungen kurz zu machen. Morgen Mittag zahle ich an Bill, wenn er nach
Philadelphia geht, fünfzig Dollars, da er Ausgaben haben wird, und Euch, Ben,
fünf und zwanzig auf Abschlag. In drei Tagen aber, das ist am nächsten Sonntag,
wenn der Knabe bis dahin wohl verwahrt gewesen und auch Bens Arbeit sich als
gewissenhaft ausgewiesen hat, Jedem noch einmal fünf und zwanzig Dollars - ich
deute so ist in Allem ein richtiges Verhältnis, und zu Eurer Sicherheit will ich
vorher den Aufentalt des Knaben nicht wissen. Bill mag an Ben die Adresse
geben, damit ich einen Anhalt habe, falls Einem von euch etwas Polizeiliches
passiren sollte. Einverstanden?«
    Die Hände der Beiden streckten sich ihm entgegen, und er drückte eine nach
der andern. »Sollte ausserdem etwas passiren, so wisst ihr, wo Nachricht zu
hinterlassen oder zu erhalten ist,« sagte er; »- morgen früh um zehn Uhr den
Besuch bei Abraham nicht zu vergessen; und nun,« fuhr er fort, sich erhebend und
eine Fünfdollar-Note aus der zweiten Westentasche ziehend, »ist hier etwas für
ein paar Schluck Brandy - es ist Alles, was ich heute bei mir trage. Oder,«
lachte er nach einer kurzen Pause, als er in die Gesichter vor sich sah, von
denen jedes die Note und auch die Bewegungen der beiden Andern zu bewachen
schien, »ich werde den Schatzmeister machen, bis wir hinauf kommen und wechseln
können.«
    »Verdammt klug getan,« brummte Ben aufstehend und drehte sich auf dem
Absatze nach der Tür. Bill zündete das Talglicht an und verlöschte das Gas -
und vorsichtig trat die Gesellschaft wieder den Weg nach der Oberwelt an.
 
                                      IV.
Es war am nächsten Tage Nachmittags, als das Dampfschiff »Souterner« von
Charleston kommend, im Hafen von New-York einlief und sich neben einen der
kleinen Küstendampfer legte, welcher eben für seine Abfahrt zu heizen begonnen
hatte. Die Menge der Passagiere hatte bereits das gewaltige Schiff verlassen,
als noch ein junger Mann mit seinem Reisesacke langsam über das Verbindungsbret
nach dem Ufer schritt; er sah um sich, wie man bekannte Gegenden, die man von
Neuem betritt, mustert, und wies den Haufen von Mietkutschen und Handkärrnern,
die sich mit Dienstanerbietungen um ihn drängten, mit einer Sicherheit zurück,
die deutlich genug bewies, dass er kein Neuling auf New-Yorker Boden war. Eben
machte er sich fertig, seinen Weg durch eine der hier ausmündenden Strassen
weiter zu verfolgen, als ein Auflauf von Menschen an der Landungsbrücke des
kleineren Dampfers seine Aufmerksamkeit erregte. Er schritt näher hinzu und sah
eine junge, weibliche Gestalt mit einer Reisetasche an der Hand in dem Kreise
der neugierig zusammengelaufenen Menschen, vor welcher ein Mann in schäbigen
Kleidern perorirend stand.
    »Ladies und Gentlemen,« wandte sich dieser soeben an die Zuschauer, »Sie
sehen hier ein Muster von ehelicher Treue vor sich, das mir mit diesem Steamer
auf und davon gehen wollte, dem ich aber noch zur rechten Zeit den Weg vertreten
habe. Schämst du dich nicht, Mary, vor den Menschen, und willst du mir nicht
gutwillig nach Hause folgen?«
    »Er lügt, er lügt!« rief das junge Weib zornig, »ich habe mit ihm nicht mehr
zu tun gehabt als mit jedem Andern; er ist ein Lump und ein Spitzbube, der mich
nicht aus seinen Krallen lassen will.«
    »Schimpfe, Mary, wenn du nicht anders kannst,« sagte der Mann mit der Miene
gekränkter Unschuld - »Sie wissen, Gentlemen, wer schimpft hat immer Unrecht!
Aber sage, Mary, sind wir nicht seit länger als einem Monat Mann und Frau,
wohnen in einem Zimmer und teilen dasselbe Bett? Hier, Gentlemen,« fuhr er
fort, auf zwei Männer desselben Schlags wie er, hinter sich deutend, »hier sind
Zeugen, die meine Aussagen bestätigen können. Komm', Mary, und tue was recht
ist; fort darst du doch nicht, und wenn ich die Polizei zu Hilfe nehmen sollte.«
    »Er lügt, ich war nie seine Frau!« rief das Weib, in einen Strom von Tränen
ausbrechend.
    »Ja, er lügt!« wurde plötzlich eine gewaltige Stimme laut und ein Mann, der
alle Andern überragte, warf die umstehenden Menschen bei Seite und stellte sich
neben die Angegriffene. »Bist du da, Ben? So! Und du hast dir meine Warnung, das
Mädchen nicht weiter zu verfolgen, nicht zu Herzen genommen? Komm heran, wenn
dir der Dutch Charley nicht zu viel ist! Das Mädchen ist weder deine Frau, noch
wirst du sie hindern, jetzt aufs Land zu gehen; sie ist meine Landsmännin, die
ich kenne und die jetzt unter meinem Schütze steht! Komm mit mir, Mary!«
    Der Andere gab seinen beiden Kameraden einen Wink zu folgen, und fasste das
junge Weib in dem Augenblicke am Arme, als sie sich mit ihrem Beschützer nach
dem Dampfboote wandte. »Sie bleibt, und ich will doch sehen, ob ein Ehemann sein
Recht nicht durchsehen kann!«
    Charley sah dem Menschen, wie ganz verdutzt über dessen Keckheit, einen
Augenblick ins Gesicht; im nächsten hatten diesen aber auch schon die gewaltigen
Hände des Riesen gepackt, in die Höhe gehoben und so auf seine zwei
nachfolgenden Kameraden geworfen, dass alle Drei wie umgeworfene Kegel im Sande
lagen.
    Ein brüllendes Gelächter der Umstehenden lohnte die Kraftprobe - mitten
hindurch klang die Pfeife des Dampfboots.
    »Vorwärts, Mary, das Schiff geht ab!« rief Charley dem Mädchen zu, »ich
halte dir die Burschen vom Leibe!« und bereitwillig öffnete sich der
Menschenkreis, um die Verfolgte durchzulassen.
    Schnell genug hatten sich die Niedergeworfenen aus ihrer augenblicklichen
Betäubung erholt und stürzten jetzt, wie Bullenbeisser auf den Bären, auf den
Sieger los. Den Ersten traf ein Faustschlag, dass er wieder zurück auf den Boden
flog, der Zweite aber hatte mit raschem Griffe die Kehle des Goliats gepackt,
während der Dritte ihn unterlaufen und zum Niederwerfen um den Leib gefasst
hatte.
    In diesem Augenblicke bahnten sich zwei Männer in blauen Röcken den Weg
durch die Menge - »die Polizei!« flog es durch den Kreis der Zuschauer und
schlug wie mit magischer Gewalt in die Ohren der Kämpfenden; jede Hand löste
sich und die drei Angreifer waren unter den übrigen Menschen verschwunden, eben
als die beiden Beamten den wirklichen Kampfplatz betraten. Der grosse Dutch
Charley allein stand da und fühlte auch sofort die Hand der Obrigkeit auf seiner
Schulter.
    »Sie sind arretirt!«
    »Weshalb?« fragte Charley, sich verwundert umsehend.
    »Wegen öffentlicher Schlägerei!«
    »Darf sich ein Mensch nicht seiner Haut wehren, oder ein angegriffenes
Mädchen in Schutz nehmen?«
    »Das wird sich finden, Sie haben jetzt mit mir zu kommen!«
    Charley warf einen Blick unter die Menschen, die ihn umstanden hatten, als
wollte er sich nach einem Freund in der Not oder einem Zeugen für seine Sache
umsehen; aber mit dem Auftreten der Polizeibeamten hatte sich die Zuschauermenge
wunderbar gelichtet und sein Auge traf auf nichts als Leute, welche sich zu
entfernen bestrebten.
    »Haben Sie denn gesehen, was hier vorgegangen ist?« fragte er endlich, beide
abwechselnd ansehend.
    »Genug, um Sie zu verhaften,« erwiderte der Eine, »und Sie tun gut, keine
grossen Umstände zu machen.«
    Da trat der kurz zuvor mit dem »Souterner« angekommene Passagier heran.
    »Der Mann war meines Erachtens nicht im Unrechte, Gentlemen,« sagte er, »und
wenn es ihm dienen kann, will ich gern für ihn zeugen; ich habe der ganzen
Affaire beigewohnt.«
    »Haben Sie ein Interesse an dem Arrestanten?« fragte der Beamte, ihn scharf
fixirend.
    »So viel als Jemand haben kann, der eben aus dem Süden kommt,« erwiderte er,
auf den noch rauchenden Dampfer deutend, »und einen Menschen arretiren sieht,
weil er sich eines schutzlosen Mädchens angenommen hat.«
    Der Beamte mass den Sprecher von Kopf bis Fuss.
    »Würden Sie Bürgschaft für den Mann stellen?«
    »Bürgschaft? Ich sehe ihn ja zum ersten Male und biete nur mein Zeugnis über
den Hergang des jetzigen Vorfalles an. Er hat nichts Anderes getan als was ich
oder Sie selbst als Gentlemen tun würden, wenn Sie ein Mädchen Ihrer
Bekanntschaft bedrängt sähen!«
    »Lass ihn laufen!« sagte der zweite Polizeibeamte, sich wegdrehend; »ich
glaube kaum, dass etwas bei der Sache herauskommt!«
    Der Erstere sah den Arrestanten und seinen Verteidiger prüfend an.
    »Nehmen Sie sich in Acht,« sagte er zu dem Riesen, »dass ich Sie nicht
nochmals bei einem ähnlichen Strassenspectakel finde - es könnte schlimmer
auslaufen als heute.«
    Damit folgte er langsam seinem bereits davongeschrittenen Collegen, und auch
der neuangekommene Passagier wollte seinen Weg fortsetzen, als er sich am Arm
gefasst fühlte.
    »Sie werden mich doch ein Danke schön zu Ihnen sagen lassen, ehe Sie gehen?«
sagte der erlöste Arrestant, »Sie haben besser an mir gehandelt als alle die
verdammten Kerle, wie sie dahin laufen, die mich, ohne ein Wort zu sagen, hätten
einstecken lassen, obgleich sie wussten, dass ich nichts Unrechtes getan.«
    »Nichts zu danken, Sir,« erwiderte der Fremde, »ich tat nur, was ich für
eine einfache Pflicht gegen Jeden gehalten hätte.«
    »Alles eins, Sir, und ich wollte Ihnen nur sagen, dass, wenn Sie einmal
irgend einer Hilfe bedürfen, wozu ein paar feste Arme erforderlich sind, Sie nur
ein Wort für den Dutch Charley bei dem alten Omsby in Jamesstreet zu
hinterlassen brauchen. Und nun sagen Sie mir auch wenigstens Ihren Namen, damit
ich Bescheid weiss.«
    »Ich heisse Helmstedt,« sagte der Fremde lächelnd, »und wenn ich auch noch
keine Aussicht habe, von Ihrem Anerbieten Gebrauch machen zu können, so nehme
ich es doch dankbar an; ich habe noch selten ein paar Arme von einer solchen
Kraft gesehen, wie Sie eben gezeigt.«
    »O, das war doch eigentlich nur Spass,« erwiderte Charley geringschätzend;
»die drei Halunken sind gute Bekannte von mir, und ich wollte ihnen nicht zu
wehe tun - ich kam nicht einen Augenblick in Hitze. Wenn ich böse gemacht
werde, nehme ich sechs von diesem Kaliber auf mich.«
    »Well, Sir, dann ist es freilich besser Freundschaft mit Ihnen zu halten,«
erwiderte Helmstedt lachend; »good bye, ich muss eilen, dass ich in die Stadt
hinauf komme.«
    Er fühlte einen Händedruck von dem Riesen, dass er hätte aufschreien mögen,
und bog dann in die nächste Strasse hinein.
    Neun Monate waren erst verflossen, seit Helmstedt New-York verlassen hatte,
um mit der ganzen Unternehmungslust der frischen Jugend sein Glück im Süden zu
versuchen, und doch war es ihm, wenn er an jene Zeit zurückdachte, als wäre er
neun Jahre älter geworden. In seinem Fühlen und seiner Weltanschauung war durch
Alles, was er geistig und körperlich durchlebt hatte, eine Veränderung mit ihm
vorgegangen, deren er erst jetzt recht inne wurde. Er hatte fast unwillkürlich
den Weg nach dem Boardinghause in der Williamstreet eingeschlagen, in welchem
er, so lange er in New-York lebte, gewohnt hatte. Als ihm aber hier neben
manchen andern Veränderungen auch ein neues Schild mit fremdem Namen
entgegenblinkte, blieb er stehen und drehte sich langsam wieder um - es war ihm,
als sei jetzt jede Verbindung seines früheren Lebens in New-York mit seinem
gegenwärtigen Aufentalte abgebrochen. Er dachte einen Augenblick nach, und als
er eine leere Mietkutsche die Strasse herauskommen sah, liess er sich nach einem
der Broadway-Hotels fahren.
    Als ihm dort ein anständiges Zimmer angewiesen worden war, warf er sich auf
das Sopha, um die nächsten Schritte zu überlegen, die ihn zu einem schnellen
Abschluss seiner Geschäfte führen könnten; aber die Erinnerungen aus einem
früheren Aufentalt in New-York verfolgten ihn und bemächtigten sich bald
unabweislich seiner Seele. - Scene auf Scene zog an ihm vorüber, bis seine
Gedanken endlich an einem Bilde hängen blieben, dem seiner Freundin Pauline
Peters, die bei ihrem ersten Begegnen mit ihm hier in dem fremden Lande sich an
ihn geschmiegt hatte wie der Epheu an seine Stütze und die er, ihr reines Gemüt
missverstehend, kalt und stolz von sich gewiesen. Jetzt war es ihm, als könne er
sich ganz versenken in diese Augen mit dem innigen Ausdruck, wie sie ihn damals
angesehen. Sie hatte bald darauf den alten Pflanzer geheiratet und war nun Mrs.
Morton - kalt und unzugänglich und sich nur der traurigen Pflicht, der Pflege
ihres Mannes widmend; was hinter dieser Aussenseite lag, ob eine Resignation, die
mit sich und der Welt fertig ist, oder ein niedergehaltenes rebellisches Herz,
war nicht zu erraten. Er hatte auch geheiratet und war nicht glücklich
geworden; noch niemals aber hatte er so sehr das Verfehlte seiner Wahl gefühlt
als in den jüngst vergangenen Tagen, in welchen er die Vorbereitungen zu seiner
Reise nach New-York gemacht. Er hatte seiner Frau die Notwendigkeit derselben
freundlich vorgestellt und sie gebeten, die kurze Zeit seiner Abwesenheit in
Mortons Hause zuzubringen, des Anstandes und seiner Beruhigung wegen; sie aber
hatte ihn mit aufglänzendem Auge angesehen und gefragt, warum sie in ein fremdes
Haus und nicht zu ihren Eltern gehen solle, die sie mit tausend Freuden
ausnehmen würden? Er hatte ihr, wenn auch innerlich erregt durch ihre Antwort,
die manche seiner leisen Befürchtungen bestätigte, doch äusserlich ruhig
auseinandergesetzt, dass, so lange der Widerwille ihres Vaters gegen ihn und
seine Verbindung mit ihr bestehe, der Aufentalt bei ihren Eltern sich von
selbst verbiete, wenn sie ihren Mann nicht blossstellen wolle; dass nicht allein
ihre Liebe zu ihm, sondern auch ihr Takt sie von einem Wunsche wie der geäusserte
hätte zurückhalten sollen. Da war sie in ein schluchzendes Weinen ausgebrochen
und hatte gefragt, ob sie denn, wenn der Sinn ihres Vaters sich nicht ändere,
zeitlebens fern von diesem und unglücklich sein solle? Helmstedt hatte bei dem
Ausbruch gefühlt wie der Ritter in dem Märchen von der »Schwanenjungfrau«, der
sich ein Weib aus dem Feenlande gewonnen, das ihn wohl hätte lieben können, wenn
nicht die Sehnsucht nach ihrer schöneren Heimat sie verzehrt hätte, - und eine
drückende Ahnung, dass ein solches Verhältnis für die Dauer nicht bestehen könne,
hatte sich seiner bemächtigt. Die Worte des alten Pedlars, welche dieser noch
kurz vor seinem Tode warnend zu ihm gesprochen: »Ich habe noch niemals rechten
Segen aus einer Heirat zwischen Leuten entstehen sehen, die mit einer
verschiedenen Art zu fühlen geboren, und mit so verschiedenen Gewohnheiten
erzogen werden, wie Deutsche und Amerikaner!« waren plötzlich vor seine Seele
getreten, und ein starker Entschluss, allen Verhältnissen zum Trotz wenigstens
seine äussere Ehre zu wahren, hatte sich in ihm gebildet. Was dann später kommen
mochte überliess er dem Schicksal. Er hatte seiner Frau gesagt: entweder liebe
sie ihn wie ein rechtes Weib ihren Mann lieben solle, das, wenn sie sich ihm
einmal zu eigen gegeben, auch fest zu ihm stehe und wäre die ganze Welt gegen
ihn, das kein anderes Interesse habe als ihr gemeinschaftliches - und dann werde
sie gern seinem Wunsche Folge leisten und sich einstweilen unter Mortons Obhut
begeben, - oder ihre Liebe zu ihm sei nur eine Selbsttäuschung gewesen, und dann
würden sie weiter mit einander reden, wenn er von New-York zurückkäme; bis dahin
verlange es aber seine eigene Selbstachtung, dass sie von einer ihm befreundeten
Hand beschützt werde, zu welchem Zwecke Mortons Haus vorläufig der geeignetste
Aufentalt für sie sei. Da war sie aufgesprungen und hatte ihn mit blitzenden
Augen, denen man keine Spur von Tränen mehr angesehen, gefragt, ob er sie
zwingen wolle, zu tun was ihr lästig sei, oder sich an einem Orte aufzuhalten,
den sie nicht liebe? Und Helmstedt, der in diesem Augenblick mehr als je die
breite Kluft erkannte, die zwischen ihnen lag, hatte kalt erwidert, sie möge
tun, was sie für gut halte; mit dem morgenden Tage aber werde er ihr
beiderseitiges lebendiges Eigentum an Morton zum Verwahr übergeben und das Haus
schliessen. Wolle sie dann dem ganzen County Stoff zu einem Scandal liefern und
dem Manne, den sie sich erst vor wenig Monaten allen ihren Freunden zum Trotz
erkoren, davon laufen, so möge sie es tun, er werde auch das im Gefühle seines
Rechttuns zu ertragen wissen. - Da hatte sie von Neuem zu weinen begonnen, war
an ihm vorüber zur Stube hinaus gegangen und hatte sich in ihr Schlafzimmer
eingeschlossen. Sie hatte den ganzen Tag über Niemanden zu sich gelassen als ihr
schwarzes Dienstmädchen, und jede Hoffnung Helmstedts, ihr noch einmal zu Herzen
reden zu können, war fehlgeschlagen, selbst als er Abends das gemeinschaftliche
Bett gesucht. Sie hatte sich dicht in eine besondere Decke gehüllt und keine
Notiz von ihm genommen. Am Morgen, als Alles zur Uebersiedelung nach Mortons
Farm fertig war, hatte er ihr durch ihr Mädchen Nachricht davon geben lassen,
und sie hatte, ohne ein Wort zu Helmstedt zu reden, den Wagen bestiegen, nur an
die Schwarze den Auftrag zurücklassend, ihre bereits gepackte Garderobe
nachzubringen; sie hatte auch kein Wort während der ganzen Fahrt nach Mortons
Haus geäussert, obgleich Helmstedt mehrere Male versucht hatte, ihr freundlich
zuzusprechen.
    Das Alles ging an seinem innern Blick vorüber, und dann trat wieder
Paulinens Bild vor ihn, wie sie seine Frau empfangen und diese, als sie in deren
verweinte Augen gesehen, bei Seite genommen und ihr zugesprochen hatte gleich
einem unzufriedenen Kinde - und wie, als Ellen's Missmut vor ihrer
Liebenswürdigkeit, wenigstens auf augenblicklich hatte weichen müssen, ein
Lächeln ihr Gesicht verklärt hatte, das ihn an die Zeit erinnerte, wo er sie in
New-York zuerst gesehen.
    Mit einem halb unterdrückten Seufzer strich er sich über das Gesicht und
sprang dann auf, als wolle er jetzt alle Erinnerungen von sich abschütteln. Er
sah nach der Uhr; jedenfalls war es schon zu spät, um heute noch mit den
Geschäften zu beginnen - lieber machte er noch einen Gang durch die Strassen, die
er früher so oft durchwandert hatte. -
    Am nächsten Morgen war er frühzeitig aus dem Bette, kleidete sich sorgfältig
an und begann das Studium des New-Yorker Wohnungs-Anzeigers. »Abraham Meyer«
hiess nach den hinterlassenen Angaben des Pedlars der Mann, bei welchem der Erbe
des Verstorbenen in Pflege war. Aber wie viele hundert Meyer, Maier, Mayer und
Meyer und wie viele Abrahams darunter gab es. Helmstedt hatte lange nach usehen,
war schon einmal, ohne zu finden was er suchte, zu Ende gekommen und hatte
wieder mit grösserer Vorsicht von vorne begonnen, ehe er einen Meyer, der
Pfandleiher war und auch Abraham hiess, entdeckte. Er notirte sich die Adresse
genau, suchte aus seiner Brieftasche eine beglaubigte Abschrift der letzten
Verfügung des Pedlars hervor und machte sich nach 10 Uhr auf den Weg nach
Pealstreet.
    Das Haus war schnell gefunden, aber der Eingang war zu Helmstedt's
Verwunderung verschlossen. Er klopfte, nachdem er sich vergebens nach einem
Klingelzuge umgesehen hatte, mehrere Male stark an; aber erst nach der dritten
Wiederholung des Klopfens öffnete sich die Tür gerade weit genug, um ein
verstörtes Mädchengesicht heraussehen zu lassen.
    »Ich wünsche Mr. Abraham Meyer zu sprechen,« sagte Helmstedt.
    »Ich glaube nicht, Sir, dass Sie ihn jetzt sprechen können; was wollen Sie
von ihm?«
    »Ich habe mit ihm wegen des Manuel Goldstein zu reden!«
    »Wegen des Manuel?« erwiderte das Mädchen, und es zuckte sonderbar in ihrem
Gesichte; »warten Sie, ich werde es Mr. Meyer sagen.« Damit schloss sie den
Eingang wieder und liess Helmstedt, der nicht recht wusste, was er aus dem ganzen
Benehmen machen sollte, auf der Strasse stehen. Bald indessen öffnete sich die
Tür von Neuem und das Mädchen lud ihn mit einer stummen Geberde zum Eintreten
ein. Sie ging ihm voran, die Treppe hinauf und öffnete dort den Parlor. Nach
einigen Minuten des Harrens, in welchen Helmstedt sich die Bilder sammt der
übrigen Einrichtung betrachtet und seine stillen Glossen darüber gemacht hatte,
erschien Abraham Meyer. Er war sichtlich aufgeregt, sein Haar in Unordnung und
sein Blick unstät.
    »Guten Morgen, Sir!« sagte er; »ist schon etwas entdeckt worden, was zur
Aufklärung dienen könnte?«
    »Entdeckt worden?« erwiderte Helmstedt verwundert; »Sie nehmen mich
wahrscheinlich für die unrechte Person, Sir!« fuhr er lächelnd fort. »Sehe ich
Mr. Abraham Meyer vor mir?«
    Der Pfandleiher starrte ihn eine Weile an und rieb sich dann mit der Hand
die Augen, »Ah so,« sagte er, »entschuldigen Sie mich; ich dachte Sie kämen
wegen des Manuel, wenigstens sagte das Dienstmädchen so etwas.«
    »Ist mit dem jungen Menschen etwas vorgegangen?« fragte Helmstedt,
aufmerksam werdend; »ich komme allerdings nur seinetalben hierher. Ich weiss
nicht, ob Sie davon unterrichtet sind, dass der alte Isaak Hirsch vor etwa zwei
Monaten in Alabama gestorben ist. Er hatte in seinem letzten Willen den Manuel
Goldstein zu seinem Erben eingesetzt und mir dessen Vormundschaft übertragen.
Ich kam heute Morgen, um die ganze Angelegenheit mit Ihnen zu besprechen.« Er
zog die Abschrift der letzten Zeilen des Pedlars hervor und reichte sie dem
Pfandleiher hin.
    Meyer hatte den Worten des Redenden anfangs nur wie notgedrungen zugehört;
bald aber drückte sich ein wachsendes Interesse in seinem Gesichte aus; er
griff, als Helmstedt geendet hatte, nach dem Papier und las bis zum Schlusse,
starrte aber dann noch immer hinein, als beschäftige ihn ein besonderer Gedanke.
    »Sie sagen also, der Isaak Hirsch sei gestorben und habe eine Erbschaft
hinterlassen?« sagte er endlich aufsehend; »aber,« unterbrach er sich, »wollen
Sie nicht Platz nehmen, Sir?« Er holte geschäftig einen Stuhl herbei und setzte
sich, als sich Helmstedt niedergelassen hatte, diesem gegenüber. »Es ist wohl
nicht der Rede wert, was der alte Mann erspart gehabt,« fuhr er in einem Tone
fort, der jedenfalls Gleichgiltigkeit ausdrücken sollte, während indessen seine
unruhig sich bewegenden Augen kaum die Antwort erwarten zu können schienen.
    »Es mögen gegen zehntausend Dollars in Gelbdepositen sein, welche dem Manuel
zu Gute kommen werden!« entgegnete Helmstedt.
    »Dem Manuel zu Gute kommen?« rief der Pfandleiher, wie plötzlich an etwas
momentan Vergessenes sich erinnernd. »Du grosser Gott, das ist ja eben die
Geschichte! Der Manuel ist ja verschwunden gewesen seit gestern Mittag, und
heute Morgen haben sie ihn todt im Nort-River aufgefischt. Sein Kopf ist ja so
jämmerlich zerschlagen gewesen, dass Niemand gewusst hätte, wer er war, wenn er
nicht sein Memorandum, worin sein Name und seine Wohnung steht, bei sich gehabt
hätte - und da haben sie mir vor zwei Stunden die Leiche ins Haus gebracht. -
Zehntausend Dollars! Der arme Junge! Man hätte soviel dem alten Hirsch niemals
zugetraut! Das fällt also nun an seinen zweitnächsten Erben! Und Sie haben das
Geld in Ihrem Verwahr, Sir?«
    Auf Helmstedt hatte die ihm so plötzlich gewordene Nachricht, welche den
ganzen Zweck seiner Reise vernichtete, eine Wirkung ausgeübt, welche ihm im
ersten Augenblick die Sprache nahm und ihn Meyer's letzte Worte ganz überhören
liess.
    »Das ist heute Morgen geschehen? und der Todte ist recognoscirt und in Ihrem
Hause?« fragte er endlich.
    »Vor zwei Stunden wurde die Todtenschau beendigt, und wir Alle in unserer
Familie sind noch ohne rechten Verstand. Ich hielt Sie bei Ihrer Ankunft für
einen Herrn von der Polizei, der uns irgend einen Aufschluss über das Unglück zu
geben beabsichtige. Wenn Sie den Körper sehen wollen - er liegt im
Hintergebäude, aber es ist ein schlimmer Anblick.«
    Helmstedt drückte eine Weile die Hand vor die Augen ohne zu antworten.
Endlich erhob er sich langsam. »Bei dieser traurigen Sachlage,« sagte er, »habe
ich in Ihrem Hause freilich nichts weiter zu tun und will Sie nicht länger
stören.«
    »Aber erlauben Sie mir doch,« rief Meyer und stand rasch von seinem Stuhle
auf, »was soll denn weiter geschehen? Es muss doch etwas getan werden wegen der
Hinterlassenschaft, von welcher hier in dem Papiere steht? Die Sache geht mich
vielleicht näher an, als Sie denken!«
    »Versteht sich, wird etwas getan werden, Sir!« erwiderte Helmstedt, welchen
das Wesen des Pfandleihers unangenehm zu berühren anfing, »und ich will Ihnen
gern sagen, was ich zu tun gedenke. Ich werde zuerst nach der Polizei-Office
gehen, um mich über den Stand der Dinge in Betreff des Todes meines Mündels zu
unterrichten, lässt sich an seinem Ableben nicht mehr zweifeln, so werde ich die
gesammte Hinterlassenschaft bei der hiesigen Stadtbehörde deponiren, bis die
Erbansprüche irgend einer oder der andern Person erwiesen sind.«
    »Das ist sehr gut - sehr gut!« sagte Meyer und rieb sich die Hände; »aber
Sie erlauben mir wohl - es ist doch in dem Papier hier nichts über den Betrag der
Hinterlassenschaft gesagt; jedenfalls wird doch bei dieser Deponirung irgend ein
Nachweis über die Richtigkeit der Summe geliefert werden müssen -«
    Helmstedt hob den Kopf empor und sah dem Pfandleiher mit einem so stolzen
Blick ins Auge, dass diesem der Nachsatz im Munde erstarb. »Was in der Sache
notwendig ist, wird sich zeigen, wenn die Zeit dafür gekommen ist,« versetzte
der junge Mann; »jetzt aber würden Sie mich verbinden, wenn Sie mir jede Antwort
auf irgend eine weitere Frage ersparten.« Er schritt nach dem Ausgange des
Zimmers und ohne ein weiteres Wort die Treppe hinab.
    »Ich wollte nichts sagen, womit ich Sie beleidigen konnte,« stotterte Meyer,
ihm bis zur Parlortür folgend. Helmstedt aber schien nicht zu hören, öffnete
die Haustür und verschwand in der Strasse.
    Eine kurze Strecke war er rasch und noch im Gefühle der Beleidigung, die er
sich angetan glaubte, fortgegangen; bald aber wurde sein Schritt langsamer - er
begann zu überlegen, welche Massregeln bei der unerwarteten Wendung der Dinge die
geeignetsten für ihn seien. Er wurde durch ein gewaltiges: How do you do, Sir?
aus seinen Gedanken gerissen und sah aufsehend den Mann vor sich, welchen er
gestern am Hafen vor der Verhaftung geschützt hatte.
    »Sie nehmen es doch nicht übel, Sir, dass ich Sie so ohne Weiteres auf der
Strasse anrede?« fuhr dieser fort, »Sie machten aber eben ein so trübseliges
Gesicht, dass ich fragen musste, ob Ihnen irgend etwas in die Quere gekommen sei.«
    Helmstedt musste trotz seiner Verstimmteit über den treuherzigen Ton der
Erkundigung lächeln.
    »Mir selbst ist nichts besonders Schlimmes passirt,« erwiderte er, »desto
mehr aber einem Andern, der mich angeht. Sie haben vielleicht schon von dem
Vorfall heute Morgen, der Leiche des Judenknaben gehört, die aus dem Nort-River
gezogen worden ist - das war ein Mündel von mir, wegen dessen ich die weite
Reise von Alabama hierher gemacht und den ich nun todt finde.«
    Charley hatte bei Erwähnung der Leiche die Augen weit aufgerissen und fuhr
sich mit der Hand hinter das Ohr.
    »Ihr Mündel, Sir? - und erleidet denn Jemand Schaden durch die Geschichte?«
fuhr er nach einer kurzen Pause fort.
    »Wol Niemand als der Todte selbst, wenn man so sagen kann,« erwiderte
Helmstedt; »es war ihm vor Kurzem erst ein ganz hübsches Vermögen zugefallen,
welches ich heute für ihn anlegen wollte - das geht nun in andere Hände.«
    Charley begann sich aufs Neue hinter dem Ohr zu kratzen.
    »Ja - aber,« sagte er, als könne er mit einem Gedanken nicht fertig werden,
»das ist ja eine ganze Teufelsgeschichte! Sagen Sie, Mister, - ich habe Ihren
Namen wieder vergessen - wollen wir nicht einmal an die Ecke hier gehen und ein
Glas Bier trinken?«
    
    Helmstedt glaubte jetzt den Grund von Charley's grosser Teilnahme erraten
zu haben, und nickte lächelnd, um ihn so auf die kürzeste Art loszuwerden. Als
der Riese aber in der Bierhalle sein Glas Bier hinuntergestürzt, als sei es ein
Fingerhut voll, und Helmstedt bezahlen wollte, hielt ihn Jener zurück.
    »Das dürfen Sie nicht tun, Sir, ich habe Sie eingeladen,« sagte er und zog
ein wohlgefülltes Portemonnaie aus der Tasche, »ich freue mich, dass Sie es nicht
verschmäht haben, mit dem Charley zu trinken. Ich wollte auch eigentlich etwas
Anderes,« begann er, nachdem er bezahlt, mit gedämpfter Stimme wieder, und
führte den jungen Mann bei Seite. »Wollen Sie mir nicht genau den Namen und den
Ort, wo Sie zu Hause sind, aufschreiben? Ich möchte Ihren Namen nicht gern
wieder vergessen, und dann - ja, dann kann man ja auch nicht wissen was vorfällt
- ich meinte nur so,« fuhr er, wie in halber Verlegenheit fort, als ihn
Helmstedt verwundert ansah. »Wollen Sie?«
    Helmstedt zog bereitwillig sein Notizbuch hervor, riss daraus ein Blatt
Papier und schrieb seine volle Adresse darauf.
    »Dank Ihnen, Sir, Dank Ihnen!« rief Jener und steckte den Zettel sorgfältig
zu seinem Gelde, »ich denke, Sie werden noch einmal von Dutch Charley hören.«
    Helmstedt, als er seinen Weg weiter fortsetzte, schüttelte wohl einige Male
den Kopf, wenn er an seinen sonderbaren Gesellschafter dachte, hatte aber bald
den Vorfall über der Sorge für seine nächstgebotenen Verrichtungen vergessen.
    An demselben Morgen um acht Uhr war Seifert in das Astorhaus getreten. Sein
Gesicht war bleicher als gewöhnlich, das Halstuch sass locker und verschoben um
seinen Hals, und Rock wie Hut waren staubig. Er ging nach dem Barroom, stürzte
hier ein Glas voll Brandy hinunter, und schritt dann die Treppe nach Murphy's
Zimmer hinauf. Der Advocat sass mit einer Zeitung beschäftigt am Fenster und sah
dem Eintretenden mit gespannten Augen entgegen, ohne ein Wort zu sagen.
    »Well, Sir,« sagte dieser, den Hut bei Seite stellend, »die Sache wäre somit
fertig. Der Erbe ist vor etwa einer Stunde todt aus dem Wasser gezogen worden,
und Sie haben jetzt freien Weg. Ich komme soeben vom Polizeistationshaus, wo der
Coroner den Körper als den des Manuel Goldstein identifizirt und sein Urteil
abgegeben hat, das freilich die Angelegenheit in etwas rätselhaftem Lichte
erscheinen lässt, da der ganze Kopf zerschlagen war und einen wirklich
schauerlichen Anblick bot.«
    Der Advocat starrte den Erzähler an als sei er ein Gespenst.
    »Was ist das? todt aus dem Flusse gezogen?« sagte er, sich langsam erhebend,
mit einer Stimme, die wie von einem plötzlichen Schrecken gelähmt schien. »Sie
sind wahnsinnig, Seifert, oder Sie wollen mich wahnsinnig machen. Treiben Sie
keine schlechten Spässe; die ganze Geschichte bis jetzt hat mich ohnedies mehr
aufgeregt, als ich mir jemals hätte träumen lassen!«
    »Sie sind eben ein Kind, wie ich schon früher gesagt, und hätten an
Unternehmungen wie die begonnene gar nicht denken sollen,« erwiderte Seifert
lächelnd, und begann sich seines Rockes wie seines Halstuches zu entledigen.
»Sie erlauben mir wohl, bei Ihnen etwas Toilette zu machen, mein Hotel ist zu
weit weg und ich kann mich wirklich in diesem Aufzuge nicht länger in den
Strassen zeigen. Ich habe die ganze Nacht die Kleider nicht vom Leibe gebracht
und kaum eine Stunde auf einem Stuhle in einer schmutzigen Kneipe geschlafen!«
    Er wollte sich nach dem Waschtische wenden, aber der Advocat fasste mit weit
aufgerissenen Augen seinen Arm.
    »Seifert, haben Sie den jungen Menschen wirklich -?!«
    »Ich?« erwiderte dieser, und über sein Gesicht flog ein Ausdruck, als
belustige ihn die Scene. »Nein, Sir, mit derartigen Geschäften gebe ich mich
selbst nicht ab. Dass er aber todt ist, werden Sie heute schon in allen
Abendblättern lesen.«
    Murphy's Hand presste sich krampfhaft um seines Gefährten Arm. »Seifert, ich
habe das nicht gewollt - soweit nicht, und das wussten Sie - meine Hand ist rein
an dem Morde, wenn er begangen worden ist.«
    Des Andern Gesicht begann sich in finstere Falten zu legen. »Ich heisse
Wells, Sir, und ich muss Ihnen gestehen, dass mich Ihr jetziges Jammergesicht den
Augenblick bereuen lässt, wo ich Ihnen meine Hilfe für Ihr Unternehmen zusagte.
Meinen Sie etwa, wenn Sie den Teufel vor Ihren Wagen spannen, Sie können ihn
immer lenken, wie ein wohleingefahrenes Pferd, können verhindern, dass er einmal
einen unbeabsichtigten Sprung macht? Unser Zweck ist erreicht, das ist vorläufig
die Hauptsache - und werden Ihre Nerven für den Augenblick rebellisch, so
trinken Sie ein paar tüchtige Schluck Brandy, das wird Ihnen die richtige
Anschauung der Dinge zurückgeben.«
    Damit drehte er sich herum und begann sein Reinigungsgeschäft, während
Murphy ihn noch einen Augenblick anstarrte und sich dann nach dem Fenster
drehte.
    Seifert hatte mit aller Sorgfalt vor dein Spiegel sein Haar frisirt und sein
Halstuch gebunden, sodann seinen Rock gebürstet und seinen Hut geglättet. »Sagen
Sie mir nur einmal, Verehrter,« begann er sodann, sich umdrehend, »den Fall
gesetzt, der Erbe, dieser Judenjunge, wäre nicht todt, sondern nur verschwunden;
würde es denn nicht eine lange Zeit dauern, ehe er als gesetzlich verschollen
erklärt und die nächsten Erben in Besitz der Hinterlassenschaft gebracht würden?
Zweitens: Könnten Sie für irgend einen Zufall stehen, der ihn während dieser
Zeit wieder zum Vorschein brächte und alle gehabte Mühe sammt den verwandten
Kosten zu nichts machte? Drittens: Falls er verschwunden bliebe, würde nicht
vielleicht während dieser Zeit das Recht des alten Besitztitels, um dessen
Erlangung es sich doch bei uns nur handelt, verjähren, da nach den meinerseits
eingezogenen Erkundigungen dergleichen Gesetze in jedem Staate bestehen?«
    Murphy hatte während Seiferts Rede langsam den Kopf gehoben und sich halb
umgedreht.
    »Und,« fuhr der Erstere fort, »wenn ich Ihnen nun sage, und bereit bin
irgend einen Eid darauf zu leisten, dass ich niemals an eine Ermordung des jungen
Menschen gedacht, noch in irgend einer Weise dazu beigetragen habe - würden Sie
dann nicht das Unglück, an dem wir Beide kein Haarbreit Teil haben und das nun
einmal geschehen ist, segnen, da es uns jede Sorge vom Halse nimmt?«
    Murphy's Gesicht begann heller zu werden. »Mr. Wells,« sagte er nach einer
Pause, »Sie hätten Advocat werden sollen. - Aber lassen Sie einmal dieses
unangenehme Lächeln,« fuhr er fort, als sich bei seiner Bemerkung ein beissender
Hohn auf Seiferts Gesicht lagerte; »sagen Sie mir, des Geschäfts-Erfolges halber
- denn ein Eid wäre bei Ihnen, der an nichts glaubt, doch nur eine taube Nuss -
haben Sie auf keinerlei Weise, weder direct noch indirect, zu dem Tode dieses
Manuel Goldstein beigetragen?«
    »Ich gebe Ihnen Vollmacht, mich zu übervorteilen und zu betrügen, wie Sie
können, wenn meinerseits auf irgend eine Art zu dem Todesfalle geholfen wurde!«
rief Seifert, die Hand wie zum Schwure hebend, »ist Ihnen das genug?«
    »Ich will Ihnen glauben,« erwiderte der Advocat und setzte sich, die Hand
eine Weile vor die Augen drückend, auf das Sopha. »Wollten Sie noch etwas
Weiteres sagen?« fragte er dann.
    »Well, Sir, der erste Schritt wäre getan - aber auch nur der erste
Schritt!« begann Seifert wieder. »Der nächste Erbe ist, wie Sie wissen, die Frau
des hiesigen Pfandleihers Meyer. Ich kenne aber diesen Meyer. Bekommt er nur den
geringsten Wind von dem Vorhandensein und dem Werte des bewussten Besitztitels,
so dürfen Sie sicher sein, dass er ihn mit unbesiegbarer Zähigkeit festalten
wird, und je mehr Sie ihm dafür bieten, je weniger wird er, in der Hoffnung auf
noch grösseren Gewinn, zu einem Uebereinkommen geneigt sein. Ich habe indessen
unsere Angelegenheit so vorbereitet, dass ich den Mann jetzt ziemlich in meiner
Hand habe, dass er mich fürchtet, und ich glaube mich für eine teilweise
Abtretung des Papiers seinerseits verpflichten zu können. Nur ist hier noch ein
kleiner Punkt,« fuhr er höflich lächelnd fort. »Sie werden einsehen, dass ich in
meiner Lage das Ende des zu erwartenden Prozesses nicht abwarten kann, ohne
wenigstens etwas Geld für mich in die Hand zu bekommen. Ich bitte Sie deshalb
vorläufig um etwa fünfhundert Dollars Vorschuss, worauf ich ohne weitere
Ansprüche bis zum Ausgang der Verhandlungen mich gedulden werde.«
    »Das kann ich nicht, Sir, das habe ich jetzt kaum noch zur Disposition!«
rief der Advocat lebhaft aufspringend, »bedenken Sie, wie Sie mich schon
abgezapft haben.«
    »Ich, Sie, Mr. Murphy?« sagte Seifert mit verwunderter Miene, »hat denn
meine Tasche schon einen Dollar Ihres Geldes gesehen, den ich mein eigen genannt
hätte? Sie scheinen ganz zu vergessen, dass bei einem Unternehmen, wie das
unsrige jeder Handgriff teuer und ohne dass über den Preis gefeilscht werden
darf, bezahlt werden muss.«
    »Ich sage Ihnen, ich zahle jetzt nichts mehr!« unterbrach ihn Murphy und
warf sich wieder auf das Sopha. »Wollen Sie Partner in unserem Geschäft sein, so
warten Sie auch, bis etwas dabei herausspringt - ich habe so alle die nötigen
Mittel hineingeschossen und Sie nichts -«
    »Als meine Arbeit und Gefahr, die das Zehnfache Ihrer paar hundert Dollars
aufwiegen!« fügte Seifert scharf hinzu. »Indessen,« fuhr er kalt fort, »handeln
Sie nach Belieben, ich hoffe mich selbst bezahlt machen zu können, da ich sehe,
wie hier die Sachen stehen.«
    Er setzte den Hut auf und wandte sich nach der Tür.
    »Wo wollen Sie hin?« rief Murphy.
    »Das darf Sie wohl jetzt wenig kümmern, Sir, da Sie meinen, mich so brevi
manu abschütteln zu können!« war die Antwort. Seifert legte die Hand auf das
Türschloss und Murphy sprang auf, des Davongehenden Hand erfassend.
    »Sie wollen zum Pfandleiher Meyer und diesem die Kenntnis der Angelegenheit
verkaufen!« sagte der Advocat mit mühsam niedergehaltener Stimme.
    »Vielleicht, Sir,« erwiderte Seifert und sein Gesicht nahm eine steinerne
Undurchdringlichkeit an; »vielleicht gibt es aber auch Leute, die mir für die
Mitteilung der ganzen Speculation jetzt, wo das Hauptinderniss, der
bevormundete Erbe, beseitigt ist, noch etwas mehr zahlen, als ich von Ihnen
verlangte.«
    Beide Männer standen einen Augenblick Aug' in Auge gewurzelt.
    »Ist dies das letzte Geld, was Sie verlangen?« fragte endlich der Advocat
mit halb heiserer Stimme, und ein böser Blick stahl sich unter seinen Wimpern
hervor.
    »Bis zum Ausgang des Processes, ja, Sir! und dass dieser schnell beginnen
kann, dafür werde ich sorgen,« erwiderte der Andere. »Eins aber lassen Sie sich
zu Ihrem eigenen Heil sagen: Denken Sie nie daran, den Seifert hinters Licht zu
führen oder ihn, wenn Sie sich sicher fühlen, wie ein gebrauchtes Werkzeug bei
Seite werfen zu wollen. Ehrlichkeit um Ehrlichkeit - im andern Falle aber
erinnern Sie sich immer, dass ich keinen Zug tue, ohne mich genügend zu decken.«
    Murphy warf einen finstern, kurzen Blick in seines Gefährten Gesicht und
wandte sich dann wieder nach dem Fenster. »Ich werde Ihnen das Geld schaffen,«
sagte er ohne sich umzusehen; »was wollten Sie wegen eines schnellen Beginnens
des Processes sagen?«
    »Eins nach dem Andern, Sir; lassen Sie uns zuerst den Geldpunkt ordnen!«
erwiderte Jener, noch immer das Türschloss in der Hand.
    Der Advocat machte eine Bewegung der Ungeduld, zog dann seine Brieftasche
hervor und warf aus dieser eine Bank-Anweisung auf den Tisch. »Hier ist, was Sie
verlangen,« sagte er; »jetzt habe ich kaum noch so viel, um meine Hotel-Rechnung
zu bezahlen und die Reisekosten nach Hause zu bestreiten.«
    »Wird auch nicht viel mehr notwendig sein. - Sie hätten sich übrigens, wo
es sich um Erwerbung von Hunderttausenden handelt, besser vorsehen sollen,«
erwiderte Seifert und prüfte lange und aufmerksam das hingeworfene Papier. »Dies
genügt für jetzt,« fuhr er fort, die Anweisung sorgsam in sein Portemonnaie
bergend und dann den Hut abnehmend. »Jetzt, da wir wieder in Ordnung sind,
lassen Sie mich Ihnen noch einige Worte sagen, und kehren Sie mir Ihr
freundliches Gesicht wieder zu.«
    Murphy nahm langsam auf dem Sopha Platz und stützte ohne aufzusehen die
Stirn in die Hand. Seifert beobachtete ihn einige Augenblicke. »Wissen Sie, Mr.
Murphy,« begann er sodann und holte sich einen Stuhl herbei, »aus einer
verdriesslichen Trompete kommt nie ein fideler Ton, wie die Deutschen sagen, und
mit einem Gesicht, wie Ihr jetziges ist, werden wir nie ein flottes Geschäft
machen.«
    »Lassen Sie mein Gesicht sein wie es will,« winkte der Advocat, »und sagen
Sie mir einfach, um was es sich handelt.«
    »Wie Sie wollen, Sir, aber es ist Torheit, sich über die notwendigen
Kosten eines Geschäfts zu ärgern, wenn man es einmal begonnen. Die Frage ist
also, wie der Pfandleiher Meyer, oder vielmehr dessen Frau, welche jetzt die
eigentliche Erbin ist, am schnellsten für unsern Zweck willig zu machen ist.
Well, als ich mich nach unserer Ankunft hier nach Leuten umsah, durch welche der
frühere Erbe beseitigt werden könnte, wollte es der Zufall, dass ich auf einen
Menschen stiess, der mit besagtem Meyer oft in einem Geschäftsverkehr gestanden,
welcher wenigstens in den Augen der Polizei nicht ganz sauber ist. Meyer macht
einfach den Diebeshehler. Ich gab ihm zuerst Andeutungen, dass ich sein ganzes
Treiben kenne; als er aber trotz seiner Betroffenheit von nichts Unrechtem
wissen wollte, schickte ich zwei von den Menschen, welche gestohlene Waaren bei
ihm versetzt hatten, in seine Office, um die Sachen wieder einzulösen. Die Kerls
mussten die Rolle von ehrlichen Leuten spielen; sie erzählten ihm, dass sie erst
durch die Zeitung erfahren hätten, dass die Güter, welche sie ihm gebracht,
gestohlenes Eigentum seien, sie wären durch die dritte Hand in ihren Besitz
gekommen und sie müssten die Waaren wieder zurück haben, um bei der Polizei
Anzeige davon zu machen und nicht selbst in den Verdacht des Diebstahles zu
kommen. Ich kam gleich zu Anfang der Verhandlung wie durch Zufall hinzu. Meyer
war bleich wie eine Kalkwand, läugnete aber, nur zu wissen, von was die Männer
sprächen, und wollte es auf eine Durchsuchung seines Hauses ankommen lassen - er
hatte sich jedenfalls der verdächtigen Gegenstände schon längst entledigt. - Als
jetzt die beiden Kerls drohten, sofort nach der Polizei zu gehen und selbst
Anzeige zu machen, warf ich mich biederherzig dazwischen und sagte ihnen, sie
möchten doch zuerst dem Pfandleiher Zeit zum Nachdenken lassen, er werde sich
vielleicht noch besinnen; morgen möchten sie wieder kommen - und so gingen die
Beiden, nachdem ich gewichtig mein Notizbuch gezogen und mir zwei X beliebige
Namen als die ihrigen hatte nennen lassen, ab. Ich aber begann nun dem Meyer
eine Strafrede zu halten - und ich weiss jetzt noch nicht, hat er mich für einen
gutmütigen Polizeispion oder für einen halben Pfaffen genommen - sagte ihm, dass
ich selbst seine heimlichen Geschäfte schon längst kenne, dass jetzt zwei
bestimmte Zeugen gegen ihn vorhanden seien und dass er sich bei einer Anzeige
nimmermehr von der Verurteilung als Diebeshehler losmachen könne. Ich muss wohl
sehr eindringlich gesprochen haben, denn Madame Meyer kam aus der Hinterstube
weinend herbei und mit ihrem: Siehst du, siehst du, Abraham! mir gerade gelegen.
Ich wurde natürlich von dem Intermezzo ziemlich gerührt und erklärte dem
Pfandleiher, der, ohne ein weiteres Wort reden zu können, mit weissen Lippen
dastand, dass nur in Rücksicht auf seine arme Frau ich mir noch einmal überlegen
werde, was ich in der Sache zu tun habe, ohne meine Pflicht und mein Gewissen
zu verletzen - und ging weg. Das war vorgestern; ich vermute aber, dass das
Meyer'sche Ehepaar seit dieser Zeit wenig geschlafen haben wird und dass ihnen
bei jeder Öffnung ihrer Tür ein Schrecken durch die Glieder gefahren ist.
Hoffentlich, Sir,« fuhr Seifert fort und zog ein Gesicht voll ironischer
Treuherzigkeit, »werden Sie aus dieser kurzen Skizze ersehen, dass ich ehrlich
und umsichtig meine Pflicht als Partner erfüllt habe und wohl Ihr geschätztes
Vertrauen verdiene, das Sie mir so wenig angedeihen lassen wollen.«
    Murphy rieb sich die Stirn. »Das Ehepaar soll also für den Preis Ihres
Schweigens zu einem Uebereinkommen wegen des Besitztitels vermocht werden,«
sagte er; »der Plan ist so übel nicht, wenn er vorsichtig ausgeführt wird.
Jedenfalls aber müssten wir aus Werk gehen, ehe die öffentliche Aufmerksamkeit
sich der Hinterlassenschaft zuwendet und Smit und Johnson den fraglichen
Besitztitel als noch zu dem Eigentume des Verstorbenen gehörig in die Masse
abliefern.«
    »Ganz meine Ansicht, Sir!« nickte Seifert. »Ich habe für heute Nachmittag
und morgen früh ein kleines Privatgeschäft im Lande abzumachen - wir müssen doch
erst die Leiche des jungen Menschen unter die Erde kommen lassen, ehe wir
fernere Schritte tun - morgen Mittag aber werden Sie mich hier zur weitern
Arbeit bereit finden.«
    Er erhob sich und nahm seinen Hut. Der Advocat sah auf. »Ich hoffe, Sie
werden nicht auf sich warten lassen,« sagte er, und um seine Augen spielte es
wie ein unbestimmter Verdacht.
    »Ich fehle nie, wo es sich um mein Interesse handelt,« lächelte Seifert in
seiner eigentümlichen Weise. »Vergessen Sie nur nie, mich daran fest zu
halten.«
 
                                       V.
Es war in den ersten Tagen des Mai, aber schon hatte die »warme Jahreszeit« in
den südlichen Staaten begonnen. Ein dunkelblauer, wolkenloser Himmel spannte
sich über die Täler aus, welche sich zwischen den Ausläufern der
Alleghany-Gebirge hinziehen. Kein Lüftchen regte sich, nichts Lebendes war auf
den Feldern zu entdecken, kein Laut wurde hörbar, und selbst die Blätter der
Bäume schienen, überkommen von der erschlaffenden Wärme, eingeschlafen zu sein.
Zwischen seinen hier oft so malerischen Ufern lag der Tennesseefluss regungslos
und spiegelte das mannichfach schattirte Gebüsch wieder, wie in einem festen
Glase.
    Oben an einer der Landungen sass ein einsamer Neger, eben so bewegungslos wie
seine ganze Umgebung, und starrte den Fluss hinauf. Er war reinlich in dunkles,
baumwollenes Zeug gekleidet und mit einem breiten Strohhute versehen. Stunde auf
Stunde verrann, die Sonnenglut schien keinen Einfluss auf sein Gehirn auszuüben,
keine Ermattung oder Langeweile schien über ihn zu kommen, noch sein Blick etwas
von der Aufmerksamkeit zu verlieren, mit welcher er den obern Teil des Flusses
beobachtete. Endlich gegen Abend begannen über den Hügelreihen, welche die
östliche Aussicht verdeckten, sich einzelne kleine Wölkchen zu zeigen, welche
wieder verschwanden, um bald durch neu aufsteigende ersetzt zu werden. Des
Negers Aufmerksamkeit schien zu wachsen; eine Weile noch hielt er den Blick
gespannt in die Ferne gerichtet, dann erhob er sich und verschwand in dem Walde,
welcher das Flussufer säumte, um indessen nach kurzer Zeit mit zwei gesattelten
Pferden wieder zu erscheinen. Er befestigte denn Zügel an dem nächsten Baume und
nahm dann seinen frühern Platz ein. Die Wölkchen waren verschwunden; bald aber
brachen sie neu und kräftiger hinter einem der naheliegenden Hügel hervor, und
wenige Minuten danach wurde in der nächsten Biegung des Flusses ein
herbeikommendes Dampfschiff sichtbar. Der Neger schritt langsam das Ufer nach
der Landung hinab, das Fahrzeug kam näher, und schon von fern konnte man einen
einzelnen Reisenden am vorderen Buge desselben erkennen.
    Der Neger verzog das Gesicht zu einem zufriedenen Grinsen, dass die blendend
weissen Zähne bis an ihre Wurzeln sichtbar wurden; er nahm den Strohhut ab, rieb
sich den Wollkopf und bedeckte ihn wieder. Jetzt bog das Boot gegen das Ufer;
eine Reisetasche, von dem Schwarzen aufgefangen, flog herüber, und ihr nach kam
in keckem Sprunge, ohne auf das Niederlegen der Landungsbrücke zu warten, der
Reisende.
    
    »Wie geht's, Cäsar?« sagte er, dem Schwarzen die Hand reichend, während das
Boot seinen Lauf fortsetzte; »sonst Niemand hier?«
    »Ich glaube nicht, Mr. Helmstedt.«
    Der Ankömmling sah, die Augenbrauen zusammenziehend, einen Moment um sich
und begegnete dann dem Blick des Negers, der erwartend an seinem Gesicht hing.
»Es ist doch Alles wohl, Cäsar, und nichts Besonderes vorgefallen?«
    »Doch etwas, Sir. Alter Master Morton ist gestorben!« erwiderte der Neger,
und in seinem Gesicht begann es sonderbar zu zucken.
    Helmstedt sah ihm starr ins Auge; eine ganze Reihe von Gedanken schien ihm
plötzlich durch den Kopf zu schiessen. »Also wirklich, - ich ahnte fast so
etwas!« sagte er endlich langsam. »Und was sonst noch, Cäsar?«
    »Well, als sie Mr. Morton begraben hatten, kam der Vater von Mrs. Helmstedt
und holte sie nach Oaklea - und die Sarah nahm er auch mit. Nachher kam Ihr
Brief, Sir, und ich musste ihn nach Oaklea bringen, und dort sagte mir Mrs.
Helmstedt, dass Sie heute mit dem Dampfboot ankommen würden und dass ich Sie mit
den Pferden erwarten solle. Das ist Alles, Sir!«
    Helmstedt sah noch immer unverwandt in des Schwarzen Gesicht. »Und weiter
hat meine Frau nichts gesagt? Erzähle mir jedes Wort, - besinne dich, Cäsar!«
    »Nichts, Sir. Ich wartete in der Halle, als ich den Brief abgegeben hatte,
da kam sie aus dem Parlor - sie war ganz blass, und sagte mir, was ich tun
solle. Im Parlor war Mr. Nelson, der manchmal unser Haus besucht hat, und der
Vater von Mrs. Helmstedt; ich hörte sie Beide sprechen.«
    Helmstedt wandte den Blick weg und biss die Zähne auf die Unterlippe.
    »Soll ich die Pferde losbinden, Sir?« fragte Cäsar nach einer Weile.
    »Warte noch einen Augenblick!« erwiderte der Augekommene und schritt, die
Augenbrauen dicht zusammengezogen, das Ufer hinauf. Oben setzte er sich auf
einen der Baumstümpfe am Wege und rieb sich die Stirn. Lange sah er vor sich ins
Weite, und nur ein momentanes Zusammenpressen der Lippen liess auf den Zustand
seines Innern schliessen. Cäsar hatte sich zu den Pferden gestellt und schien
sich mit den Sattelgurten zu tun zu machen, liess aber den ersten Blick voller
Verständnis nicht von seinem Herrn.
    »Hast du den Schlüssel vom Hause mitgebracht?« begann endlich Helmstedt und
richtete sich langsam auf.
    »Er ist noch bei Mortons, Sir,« erwiderte der Schwarze herbeikommend; »ich
glaubte, Sie würden erst dortin gehen, im Hause ist noch nichts zurecht
gemacht.«
    Helmstedt schüttelte den Kopf. »Ich denke, wir Beide können uns schnell
genug einrichten,« sagte er; »eine Zeitlang werden wir jedenfalls unsere
Wirtschaft allein führen müssen.« Er machte eine kurze Pause. »Wir hatten Beide
an ein und demselben Tage Hochzeit gemacht, Cäsar,« fuhr er dann mit mattem
Lächeln fort, - »jetzt sind wir unsere Frauen auch an einem Tage wieder los
geworden; wir müssen uns vorläufig drein ergeben.«
    Der Schwarze verzog sein Gesicht, man wusste nicht, war es ein Ansatz zum
Lachen oder zum Weinen. »O!« brach er dann los, »die Sarah mag wegbleiben, ich
gebe nichts drum - sie hat mehr böse Mucken als das Jahr Tage, und ich war ein
Narr, als ich ihr noch jeden Abend nachlief. Der alte Mr. Morton - Gott segne
ihn im Grabe - meinte es gut, als er mich an Mr. Helmstedt schenkte, damit ich
Sarah heiraten sollte. Sarah hat mir's aber hinterher selber gesagt, dass sie
mich nur genommen, weil mir der alte Isaak, als er starb, seinen ganzen
Pedlarkasten voll Bänder und Kleider geschenkt habe. Jetzt hat sie den leer
gemacht, und nun will sie auch nichts mehr von mir wissen, - mag sie laufen!«
    Helmstedt schien kaum auf die Rede des Negers geachtet zu haben. Er war
langsam nach den Pferden zurückgegangen, klopfte einem derselben, das den Kopf
nach ihm wandte und ihn beschnobberte, den Hals und löste den Zügel vom Baume.
»Du reitest jetzt nach Mortons Haus, Cäsar,« sagte er, »bringst der Mistress
meine Empfehlung und fragst, ob sie mich morgen empfangen wolle. Dann nimmst du
unsern Wagen, der dort steht, ladest deine Sachen und die Kleinigkeiten, die von
mir noch da sein mögen, darauf und bringst Alles zusammen nach unserm Hause. Ich
werde dich in der Stadt im Globe-Hotel erwarten, wenn es auch etwas spät werden
sollte.«
    Der Schwarze nickte ein: »very well, Sir!« Helmstedt bestieg sein Pferd und
trabte auf dem wohlbekannten Wege davon. Jedes weisse Farmhaus, das aus seiner
grünen Umgebung hervortauchte, grüsste ihn als alten Bekannten, aber Helmstedt
hatte keinen Sinn zum Gegengruss. Seine ganze Zukunft war bei dem ersten Schritt
auf heimatlichen Boden - denn das hatte ihm Alabama werden sollen - als ein
ungelöstes Rätsel vor ihn getreten. Seine Frau war zu ihren Eltern gehangen und
hatte sich dadurch von ihm losgesagt, - sie war das verbindende Glied zwischen
ihm und diesem Lande, auf ihr Festalten an ihm hatte er alle seine künftigen
Pläne gebaut; und hatte er auch gesehen, dass er sich nie mit ihr so verstehen
würde, wie er anfänglich geträumt, so war ihm, dem Deutschen, doch der Begriff
der Ehe noch ein so ehrwürdiger, ein so für das ganze Leben bindender Act, dass
er wohl auf Mittel und Wege, ihre beiderseitige Differenz auszugleichen, aber nie
an eine Trennung gedacht hatte. So hatte er wenige Tage vor seiner Abreise von
New-York einen Brief an die junge Frau geschrieben, in welchem er ihr seine
Rückreise meldete. Es hatte ihn nach einem herzlichen Empfang zu Hause verlangt
und er hatte mit warmen Worten Alles besprochen, was vor seiner Abreise von
Alabama zwischen ihnen zu stehen schien, hatte ihr das Verhältnis zu ihren
Eltern, in welches sie durch schnelle Heirat mit ihm getreten war, klar vor die
Seele geführt und ihr versprochen, keine Anstrengung zu scheuen, dass ihr Vater
selbst noch stolz auf ihre Wahl werden solle. Er hatte sie gebeten, ihn am Tage
seiner Ankunft selbst an der Landung zu erwarten; jetzt hatte er die Antwort auf
seine Zeilen - diese Zeilen, welche ihm das reinste Herz und der beste Wille
dictirt hatten. Er wusste, als habe ihm es Jemand erzählt, dass Mortons Tod nur
ein Vorwand für die Eltern seiner Frau, vielleicht für diese selbst gewesen war,
um einen Schritt zu tun, der unter den obwaltenden Verhältnissen und bei seiner
ganzen Denk- und Gefühlsweise auch der erste Schritt zu einer Trennung zwischen
ihnen Beiden sein musste. Er hätte seine Frau zurückfordern, hätte sie zwingen
können, mit ihm weiter zu leben - aber was wäre dann sein weiteres Leben
gewesen? Und sollte er sie den schnellen Schritt, der sie mit ihm vereinigt
hatte, den sie vielleicht in Selbsttäuschung, aber doch im vollen Vertrauen zu
ihm getan, für immer bereuen lassen? der ganze Roman seiner Liebe ging noch
einmal, Bild für Bild, an seiner Seele vorüber - er konnte, er mochte sie zu
nichts zwingen, was ihr Herz ihr nicht selbst dictirte. Aber er wollte selbst
auch keinen Schritt zur Lösung der Differenz tun, er wollte die stolze Familie
an sich kommen lassen - hatte er sich doch nichts vorzuwerfen. Er wusste, dass er
sich jetzt einen ganz neuen Plan für seine Zukunft entwerfen musste; wusste, dass
er allein niemals unter den reichen Pflanzern Alabama's Wurzel schlagen konnte,
um eine Selbstständigkeit für sich zu erringen - aber so weit hinaus zu denken,
war es noch nicht an der Zeit; die nächsten Tage allein schon mussten alle seine
Gedanken in Anspruch nehmen. - Er dachte an Pauline, die er am folgenden Morgen
besuchen wollte, um ihr, gemäss dem Versprechen, welches er dem verstorbenen
Morton gegeben, seine Hilfe für alle nötigen Fälle anzubieten. Wie schnell sich
doch die Stellung der Menschen zu einander ändern kann! Noch kein Jahr war es
her, dass er sie als einzeln dastehendes Mädchen in New-York getroffen, dass sie
ihre beiderseitige Kinderfreundschaft von Deutschland her gegen ihn hatte
geltend machen und sich warm an ihn hatte anschliessen wollen, dass er sich, ihr
ganzes Wesen missdeutend, steif von ihr gewandt - fast wollte es ihm scheinen,
wenn er sich die damaligen Scenen und das weiche, lachende Mädchengesicht
vergegenwärtigte, als habe er ein ganzes Paradies von sich gestossen, um einem
Phantom nachzujagen. Jetzt war sie eine reiche Erbin, eine junge, schöne Wittwe,
welcher überall die glänzendsten Partien zu Gebote stehen mussten - jetzt wollte
er um die Gunst bitten, ihr dienen zu dürfen. Der kalte, jede Annäherung
abweisende Gesichtsausdruck, mit welchem sie ihm vor seiner Reise nach New-York
entgegengetreten war, stand wieder vor seiner Seele, und es wurde ihm, als müsse
es ihm bis ins innerste Herz hinein wehe tun, müsste ihn demütigen wie noch nie
zuvor, wenn sie ihm bei seinem morgenden Besuche in derselben Weise begegnen
würde. Und doch hatte er kaum ein Recht, etwas Anderes zu erwarten. Mochte es
aber auch so sein, er war Mannes genug dazu, um sich selbst und seine Gefühle zu
bezwingen; noch war Stolz genug in ihm, dass er sich nach keiner Seite hin eine
Blösse zu geben brauchte - konnte er auch keine Zukunft von einiger Verheissung
hier im Süden mehr für sich erblicken, so wollte er doch seine gegenwärtige
Laufbahn mit Ehren gegen sich selbst zu Ende bringen - für das Weitere mochte
dann das Schicksal sorgen. - Helmstedt hatte sich am Schlusse seines
Gedankenganges straffer im Sattel ausgerichtet und das Pferd fühlte zum ersten
Male seine Schenkel. Die äussersten, zerstreuten Häuser des Städtchens lagen vor
ihm; bald begegneten ihm einzelne Menschen, von denen fast Jeder einen Gruss für
ihn hatte. Mädchengruppen zu zweien und dreien blieben am Rande der Strasse
stehen und lachten ihm mit einem: »Wieder zurück, Mr. Helmstedt?« entgegen - es
waren Schülerinnen der Akademie, und als er am Globe-Hotel abgestiegen war,
dessen Piazza der abendliche Versammlungsplatz der männlichen Aristokratie des
Ortes war und ihm hier zehn »How do you do!« auf einmal entgegen gerufen wurden,
da war seine gedrückte Stimmung verschwunden, er wusste kaum selbst wie - er
fühlte, er hatte bereits einen Boden unter sich, den nicht zufällige
Beziehungen, sondern sein eigener Wert und seine Tätigkeit ihm geschaffen
hatten. Bald sass er in der Mitte der Männer, gab das verunglückte Ergebniss
seiner Reise und andere New-Yorker Neuigkeiten, wie sie ihm dort zu Ohren
gekommen waren, zum Besten; bald schlug unter den Anwesenden ein Witz und ein
derber Scherz den andern, und als endlich Cäsar anlangte, um seinem Herrn zu
melden, dass er alle Aufträge besorgt, wusste dieser kaum, wie schnell ihm die
Zeit verstrichen.
    Als er freilich sein Haus mit den geschlossenen Läden betrat, als Cäsar
lange in der Küche umhersuchen musste, ehe er ein Schwefelholz und ein Stümpfchen
Licht aufgefunden hatte, als er endlich sein Schlafzimmer betrat, wo Alles
verschwunden war, was an den Aufentalt einer Frau erinnern konnte, und ihm nur
offene Kasten und Schranktüren entgegen gähnten - da wollte wohl etwas von
seiner früheren Stimmung wieder über ihn kommen; als aber sein Auge den
Schwarzen an der Tür traf, dessen Gesicht ein sonderbares Gemisch von
Teilnahme und Beobachtung ausdrückte, fühlte er auch, dass er sich nicht gehen
lassen dürfe, dass die erste Notwendigkeit für seine künftige Stellung der Welt
gegenüber Selbstbeherrschung sei. Er sandte den Neger weg, um Wasser und Lichte
herbeizuholen, öffnete sodann die Fenster und brachte das Zimmer in Ordnung. Der
zurückkehrende Schwarze fand ihn, eine Cigarre rauchend, gemächlich in den
Schaukelstuhl gestreckt. »Well, Cäsar,« sagte er, »lass uns kurz überlegen, wie
wir unsere Einrichtungen machen, bis die Weiber wieder zurück sind; du bist
Zimmermann und hast bis jetzt für dich selbst gearbeitet -«
    »Ja, Sir! und ich habe Ihnen noch die Miete für mich während der letzten
Monate zu bezahlen, aber das Geld liegt bereit.«
    »Behalte dein Geld. So lange ich deine Arbeit entbehren kann, gönne ich dir
gerne den Verdienst!« winkte Helmstedt. »Ich erwähnte die Sache nur, weil du
unter den jetzigen Verhältnissen täglich ein paar Stunden mehr für mich wirst
haben müssen. Du nimmst deine gewöhnliche Schlafstelle wieder ein und magst
Morgens, wenn du die Pferde und die übrigen kleinen Hausgeschäfte besorgt hast,
deinem Verdienste nachgehen. Ich nehme meine Mahlzeiten vorläufig im Hotel; von
vier Uhr Nachmittags an bleibst du im Haus, damit ich in vorkommenden Fällen
Jemand an der Hand habe.«
    »Dank Ihnen, Sir, Dank Ihnen,« erwiderte der Schwarze; »aber - wenn ich noch
etwas fragen dürfte,« fuhr er fort und rieb sich wie in halber Verlegenheit die
Hände, »könnte ich wohl, bis Alles wieder in Ordnung ist, dann und wann nach
Oaklea gehen, um die Sarah zu sehen? Oder -«
    Nur einen Augenblick ging ein Schatten über Helmstedts Gesicht, dann
lächelte er im besten Humor. »Wenn dir die dreihundert fünf und sechzig Mucken
deiner Sarah nicht im Wege stehen - ich werde dich nicht zurückhalten!« sagte
er. »Benutze deine freie Zeit wie du denkst und magst, nur sei da, wenn ich dich
brauche. Jetzt besorge die Pferde und sieh dann nach deiner eigenen
Lagerstelle.«
    Der Schwarze verzog das Gesicht, als liege noch irgend etwas Anderes auf
seiner Seele; als sich aber Helmstedt erhob und ihm den Rücken kehrend an das
offene Fenster trat, zuckte er, wie sich selbst beruhigend, die Schultern und
verliess das Zimmer.
    Helmstedt brannte ein neues Licht an und warf sich dann auf sein Bett, um
noch einmal die Eindrücke der letzten Stunden an sich vorübergehen zu lassen. Es
war längst zehn Uhr vorüber, als er sich endlich entkleidete und das Licht
löschte.
    Am nächsten Morgen hatte er bereits bei beginnender Schulzeit in der
Akademie den Wiederanfang seiner Musik-Lectionen für den nächsten Tag angezeigt.
Er hatte nichts als freundliche Gesichter getroffen, Niemand schien etwas von
der Aenderung seiner häuslichen Verhältnisse zu wissen, oder davon Notiz
genommen zu haben, und mit freier Seele hatte er sich auf den Weg nach Mortons
Farm gemacht. Es war kaum zehn Uhr vorüber, als er an der Einzäunung, welche die
nächste Umgebung des Hauses einschloss, von seinem Pferde stieg, um das
Gittertor zu öffnen.
    Auf der Treppe, welche nach dem Portico hinaufführte, sass ein Mensch in
grober Kleidung mit gewaltigen Gliedmassen und finsterem, dreisten Blick, der,
ohne sich zu rühren oder Miene zu einem Grusse zu machen, dem Ankommenden
entgegensah. Helmstedt band sein Pferd an einen Baum und ging dann mit leichtem
Kopfnicken an ihm vorüber nach der offenen Halle. Seine Gedanken waren zu sehr
mit dem Zwecke seines Besuchs beschäftigt, als dass er die einigermassen
auffallende Erscheinung hätte beachten sollen. Er legte seinen Hut ab; eben aber
als er sich vergebens nach einem der Schwarzen, der ihn hätte melden können,
umgesehen und die Parlortür öffnen wollte, tat sich diese auf, und Mrs.
Morton, die bei seinem unerwarteten Anblicke einige Schritte zurückwich, befand
sich vor ihm. Auch Helmstedt war zurückgetreten und Beide standen einen
Augenblick wortlos einander gegenüber. Sie war in tiefer Trauerkleidung, aber
diese zeichnete um so bestimmter ihre feinen, gerundeten Formen ab und verlieh
ihrer ganzen Erscheinung einen Anstrich von vollendeter Aristokratie. Ihr
tadelloser Teint, eben nur von dem Rot der Ueberraschung überhaucht, trat
zarter als je hervor und der Anflug von Trauer um den weichen Mund erschien
Helmstedt fast noch reizender als das frische Lächeln, das er früher an ihr
gekannt.
    »Treten Sie ein, Sir, und seien Sie willkommen,« sagte sie, ihm die Hand
bietend. »Sie finden unser Haus vereinsamter, als da Sie es verliessen.«
    »Ich habe Alles vernommen, Ma'am, und machte deshalb meinen Besuch bei Ihnen
zu einem meiner ersten Geschäfte,« erwiderte er, ihre Finger leicht zwischen den
seinigen drückend; »Sie wissen es wohl selbst, dass Morton eigentlich der einzige
Freund war, den ich im ganzen Süden besass, und dass seinen Tod sicher Niemand
aufrichtiger betrauert als ich.«
    »Und er verdient das,« sagte sie zu ihm aufsehend, während ihre Augen sich
mit Wasser füllten, »er hat an Sie noch zwei Minuten vorher gedacht, ehe er
entschlummerte. Es war wirklich nichts als ein sanftes Entschlafen,« fuhr sie
fort und trocknete sich die Augen; »ich weiss kaun ob er selbst die unmittelbare
Nähe des Todes ahnte. Aber setzen Sie sich, Mr. Helmstedt.« Sie liess sich auf
einen der Divans nieder und Helmstedt wandte sich nach einem Stuhle. So oft er
auch schon in den Parlors von Mortons Hause gewesen war, so hatte er doch nie
ein besonderes Auge für deren Einrichtung gehabt. Heute aber liess er
unwillkürlich einen beobachtenden Blick über die reiche, geschmackvolle
Ausstattung gleiten, die im vollen Verhältnisse zu dem eleganten Hause und dem
ausgedehnten Grundbesitze des Verstorbenen stand. Dieses Alles gehörte jetzt -
wenn er Mortons Worte, die dieser zu ihm über seine letztwillige Verfügung
gesprochen hatte, richtig verstand - der jungen Frau, welche vor ihm sass, und
das drückende Gefühl, welches schon Tags zuvor sich bei Betrachtung ihrer
beiderseitigen Verhältnisse seiner bemächtigt hatte, überkam ihn wieder.
    Er hatte sich ihr gegenüber niedergelassen - »Well, Ma'am,« begann er, »Sie
sind jung, schön und jetzt auch reich -«
    Die junge Frau schlug bei diesem Anfange das Auge mit einem so verwunderten
Blicke zu ihm auf, dass er sich unwillkürlich unterbrach. »Warum sagen Sie mir
das, Mr. Helmstedt?«
    Dieser drückte einen Moment die Augen in seine Hand. »Vielleicht,« erwiderte
er, »um Ihnen zu zeigen, dass ich Ihre jetzige Stellung vollkommen zu würdigen
weiss, Mrs. Morton; aber,« fuhr er fort und sah ihr voll in das erwartende
Gesicht, »ich wollte eigentlich nur bemerken, dass Sie jetzt auch allein stehen
und dass Ihre Stellung, vielleicht gerade Ihrer Vorzüge wegen, einen Schützer
mehr als je für Sie notwendig macht. Ich habe Morton versprechen müssen, Ihnen
ein treuer Freund und jeden Augenblick zu Ihren Diensten zu sein - ich habe das
mit ganzem Herzen versprochen, und jetzt bin ich hier, um Sie zu bitten, in
irgend einer Weise über mich zu disponiren.«
    Das Auge der jungen Frau schien während Helmstedts Rede dunkler zu werden
und an Tiefe zu gewinnen, ein leises Rot stieg in ihre Wangen und ein weicher
Zug, halb Schmerz, halb Innigkeit legte sich um ihren Mund. Es war derselbe
Ausdruck, an welchen Helmstedt während der letzten Tage so oft hatte denken
müssen, dasselbe Gesicht, mit welchem sie am Tage ihres ersten Zusammentreffens
in New-York mit ihm an seiner Seite gekniet und zu ihm aufgesehen hatte - und
eine stille Wärme, die alle seine Vorsätze von stolzer Zurückhaltung zu
zerschmelzen drohte, begann in ihm aufzusteigen. Eine wortlose Secunde lang
hingen die Blicke beider in einander; dann aber presste sie mit einem tiefen
Atemzuge die Hand auf die Herzgegend, wurde bleich und senkte langsam den Kopf.
Als sie wieder aufsah, begegnete Helmstedts Auge einem Blicke so still und kalt,
als er ihn in der letzten Zeit nur jemals an ihr hatte kennen lernen.
    »Sie mögen Recht haben, dass ich fast ganz allein stehe,« begann sie leise,
»aber Sie wissen wohl selbst, Sir, wie lange ich daran gewöhnt worden bin. Habe
ich als armes Mädchen es schutzlos mit der Welt aufnehmen müssen, so möchte ich
das auch einmal als reiche Frau versuchen; ich habe mich so lange auf meine
eigene Energie angewiesen gesehen, selbst während der letzten Monate vor Mr.
Mortons Tode, dass ich in meiner jetzigen Stellung kaum etwas Ungewohntes finde.
Ich danke Ihnen bei alledem herzlich für Ihr Anerbieten und verspreche Ihnen
gern, in ungewöhnlichen Fällen Sie um Ihren freundlichen Rat zu bitten.«
    Helmstedt verneigte sich, ohne ein Wort zu sprechen. Eine Empfindung hatte
ihn überkommen, als habe ein Nachtfrost einen ganzen Garten voll Frühlingsblüten
in ihm getödtet; und zugleich fühlte er, dass diesem kalten Auge gegenüber auch
sein Stolz ihm keine Genugtuung mehr bieten konnte - traf doch jedes ihrer
Worte so folgerecht und bestimmt seine frühere Haltung gegen sie, dass sie kaum
anders hätte reden dürfen, dass er nur sich selbst die schiefe Stellung
zuschreiben musste, in die er sich nun durch sein jetziges Dienstanerbieten
gebracht sah.
    »Lassen Sie uns von Ihren Verhältnissen reden, da ich Ihnen vielleicht
einige Einzelnheiten der Vorfälle während Ihrer Abwesenheit geben kann!« fuhr
sie fort. »Sie scheinen jedenfalls zu wissen, dass Ellen nicht mehr hier im Hause
ist.«
    »Ich weiss, Ma'am, dass sie ihrem Vater nach Oaklea gefolgt ist, und offen
gestanden, ist mir die Tatsache so genügend, dass ich mich über das Wie oder
Warum nicht weiter kümmern möchte!«
    Sie sah ihm einen Augenblick aufmerksam ins Gesicht. »Und das ist Alles, was
Sie darüber zu sagen haben?« fragte sie dann.
    »Ich wüsste nicht, was sonst noch, Ma'am. Jedes weitere Wort kann das
Verhältnis zwischen mir und Ellen nur verwirren, statt es der Lösung näher zu
bringen. Sie kennt genau die Deutung, welche ich einem Schritte wie dem jetzt
von ihr getanen geben würde - und sie hat ihn getan. Sie weiss, dass ich ihrer
Eltern Haus, welches mir ihr Vater nach unserer Verheiratung deutlich genug
verbot, nie betreten werde, wenn nicht eine Ausgleichung vorhergeht, zu welcher
sich Elliot, wie ich ihn kenne, nie verstehen wird - also ist das Verhältnis so
einfach, dass sich kaum noch etwas darüber sagen lässt.«
    »Und Sie wollen keinen Schritt in der ganzen Angelegenheit tun, trotzdem
Sie so glücklich in Ihrer Liebe zu Ellen waren?« erwiderte sie, und bückte sich,
um eine Falte ihres Kleides zu ordnen.
    Helmstedt antwortete nicht; die Frage klang ihm in seiner jetzigen Stimmung
und aus Paulinens Munde fast wie bitterer Hohn. Ein stiller, ernster Blick, mit
dem sich Helmstedt erhob, traf die junge Frau, als sie aufsah. »Lassen Sie uns
abbrechen, Ma'am!« sagte er ruhig und trug seinen Stuhl bei Seite.
    Sie sah ihm nach, als suche sie ein Verständnis für sein Benehmen, dann
erhob sie sich ebenfalls. »Noch einen Augenblick, Mr. Helmstedt, ich habe einen
letzten Auftrag von Mr. Morton an Sie auszurichten!« Damit ging sie nach einem
eleganten Schreibtische an einer der Seitenwände des Zimmers und nahm einen
starken Brief, der dort in Bereitschaft zu liegen schien, heraus, ihn dem jungen
Manne, der ihr entgegenkam, übergebend. Helmstedt erkannte schnell seine
Adresse, von Mortons Hand geschrieben.
    »Ich werde die Öffnung für eine ruhigere Stunde aufsparen,« sagte er, »und
falls sich Dinge darin vorfinden sollten, die sich auf mehr als meine eigenen
Verhältnisse beziehen, so geben Sie mir wohl die Erlaubnis zu einem zweiten
Besuche.«
    »Sie scheinen mich irgendwie missverstanden zu haben,« sagte sie, ihm
forschend in das ernste Gesicht sehend. »Sie wissen, dass Mortons Haus Ihnen
immer offen stehen wird, und dass ich mir auch vorbehalten habe, da, wo eine Frau
nicht mehr allein durchkommen kann, mir Ihren Rat zu erbitten.«
    Der junge Mann verbeugte sich schweigend und barg den erhaltenen Brief in
seine Brusttasche.
    »Sie werden doch in der Hitze nicht nach Hause reiten wollen, und jedenfalls
zu Mittag bei uns bleiben?« fuhr sie fort, als er Miene machte, sich zu
verabschieden. »Sie finden Niemand hier als den alten Doctor Ford, der seit Mr.
Mortons Tode ein Zimmer bei uns eingenommen hat, weil er meinte, er dürfe mich
und die weisse Wirtschafterin nicht allein im Hause lassen.«
    »Ich danke Ihnen sehr, Ma'am, ich habe Schatten bis kurz vor die Stadt,«
erwiderte er und warf einen Blick aus dem Fenster nach seinem Pferde. »Ich
beginne morgen meine Lectionen wieder und kann den Nachmittag für meine
Vorbereitungen nicht entbehren.«
    Sie sagte nichts; aber das grosse Auge, das auf ihm ruhte, begann seinen
Glanz zu verlieren, ihre Züge nahmen eine marmorne Unbeweglichkeit an, und als
er sich nach ihr wandte, um Abschied zu nehmen, neigte sie nur mit einem kurzen
»good bye, Sir!« den Kopf und trat an eine der Fenstertüren, welche sich nach
dem Portico öffneten.
    Helmstedt hatte die kalte Entlassung kaum beachtet; er fühlte sich
verwundet, er sehnte sich nach Hause zu kommen und mit allen Herzensforderungen
abzuschliessen. Auf der Porticotreppe sass der Mensch, welchen er bei seinem
Eintritte bemerkt, noch in derselben Stellung wie eine Stunde zuvor; aber
Helmstedt hatte kein Auge für ihn. Nur als er sein Pferd losgebunden hatte, warf
er halb unbewusst einen Blick aus das Haus zurück und sein Auge blieb einen
Moment an der schlanken Gestalt in Trauerkleidern haften, die hinter einer der
Fenstertüren des Parlors stand und mit unbeweglichen Zügen ins Weite starrte.
Er führte sein Pferd langsam nach dem Gittertore. Als er dies geöffnet hatte
und beim Aufsteigen noch einen letzten Blick zurück sandte, sah er, wie Pauline
aus der Halle trat, die Gestalt auf der Treppe sich langsam erhob und beide nach
kurzem Gespräch mit einander in das Haus zurückgingen.
    Eine Art Neugierde, was die Besitzerin von Mortons Haus mit einer solchen
Erscheinung zu schaffen haben könne, wollte sich Helmstedts bemächtigen, aber
was gingen ihn, dessen aufrichtiger Wille zurückgewiesen worden war, noch die
ganzen Verhältnisse hier an? Er liess sein Pferd die Schenkel fühlen und sprengte
davon - bald aber zog er unwillkürlich die Zügel wieder an. Zwei Bilder traten
trotz seines Grolles immer unabweislich vor seine Seele: Pauline mit dem dunkeln
Auge und dem süssen, innigen Lächeln, das einen ganzen Himmel verhiess - und
Pauline die starre, marmorweisse Büste, in schwarzer Drapirung, wie er sie hinter
dem Fenster des eben verlassenen Hauses gesehen.
    Er erreichte seine Wohnung in einem Zwiespalte mit sich selbst, den er nicht
zu lösen vermochte. Er schloss Mortons Brief, den zu lesen er sich jetzt am
wenigsten in der Stimmung fühlte, in seinen Schreibtisch und ging nach dem
Hotel, um seine Mahlzeit zu nehmen. »Teufelmässig warm!« - »Zu früh für die
Jahreszeit!« - »Wir werden viel Krankheit diesen Sommer haben!« das waren fast
die einzigen Äusserungen, welche während des Essens um ihn her fielen, und
Helmstedt kam endlich selbst zu der Idee, dass es das Wetter sein müsse, welches
ihm den klaren Kopf nehme. Langsam ging er wieder nach seinem Hause und nahm
sich vor, alle belästigenden Gedanken aus seinem Gehirne zu verbannen und nur
für das zu sorgen, was ihm am nächsten lag. Er holte seinen Vorrat von
Musikalien und das Verzeichnis seiner Schülerinnen hervor, um morgen für alle
Lectionen vorbereitet zu sein; er gab sich mit Eifer seiner Arbeit hin - bald
stiess er auf den Namen einzelner Lieblingsschülerinnen, von deren Talent er sich
viel versprach und deren Unterricht Lichtstellen in seinen oft ermüdenden Beruf
warf - bald wieder stiess er auf die Namen von »hard cases«, für deren
Unterweisung er sich ein eigenes System geschaffen - in Kurzem hatte sich sein
ganzes Interesse auf die vor ihm liegende Arbeit gerichtet, und als er endlich
damit zu Ende gekommen war, hatte sich auch der feste Vorsatz in ihm gebildet,
seine Befriedigung nur in den Erfolgen zu suchen, welche ihm sein jetziger Beruf
bieten konnte, alle ungelösten Dissonanzen in seinem Leben aber ruhig der Zeit
zu überlassen. Er brannte sich eine neue Cigarre an und warf sich in den
Schaukelstuhl aus offene Fenster. Trotz seiner guten Entschlüsse währte es
indessen nicht lange, so zogen dennoch an seinem Geiste alle Scenen des heute
verlebten Morgens wieder vorbei, so grübelte er über Paulinens sonderbares Wesen
und begann sich den verschiedenartigen Ausdruck ihres Gesichtes zu
vergegenwärtigen, bis er endlich mit einem tiefen Atemzuge aufsprang. »Bin ich
denn ein Kind?« sagte er und rieb sich die Augen; »ich will mich aus diesen
weichherzigen Gefühlsstimmungen herausreissen. Ist denn das für einen Menschen
von Charakter nicht genug? Sie meint, ihre Zeit sei jetzt gekommen, und will
Revanche haben, das ist Alles! Very well, so sei ein Mann, August, und bewache
dich selbst.«
    Er war zwei- oder dreimal die Stube auf und ab gegangen, als sich die Tür
öffnete und Cäsar eintrat. »Ein Brief, Sir!« meldete dieser, ihm ein
geschlossenes Schreiben hinreichend. Helmstedt besah die Adresse, und ein
leichtes Rot stieg in sein Gesicht. »Wer hat das gebracht?« fragte er, langsam
das Couvert öffnend.
    »Dick von Oaklea, Sir!« erwiderte der Schwarze; »er will warten, im Fall Mr.
Helmstedt wieder etwas zu bestellen hätte.«
    Helmstedt hatte die Zuschrift entfaltet und die wenigen Zeilen, welche sie
entielt, gelesen, aber noch immer hielt er die Augen darauf geheftet. Sie
lauteten:
        »Wenn Mr. Helmstedt den Unterzeichneten zu sprechen wünscht, so wird er
        ihn morgen und übermorgen in Oaklea anwesend finden.
                                                                        Elliot.«
    »Dick soll einige Minuten bleiben,« sagte Helmstedt endlich; »ich werde ihm
Antwort mitgeben.« Er wandte sich nach dem Schreibtische und liess sich dort
nieder; als aber der Schwarze das Zimmer verlassen hatte, stützte er den Kopf
auf beide Arme und starrte sinnend auf das vor ihm liegende Papier. »Wenn irgend
etwas wie eine Ausgleichung beabsichtigt würde,« begann er nach einer Weile und
lehnte sich zurück, »wenn noch ein Funke von wirklicher Liebe in Ellen's Herzen
für mich wäre, so hätte sie eine Zeile beigefügt. Was hier vor mir liegt, ist
nichts als der ausgeprägte Pflanzerstolz, welcher ein drückendes Band abstreifen
möchte, aber dem armen Ausländer gegenüber es unter seiner Würde findet, selbst
einen Schritt dafür zu tun. Gut, wir werden sehen, wessen Stolz zuerst bricht.«
    Er nahm Feder und Papier zur Hand und schrieb:
        »Der Unterzeichnete ist sich keines Gegenstandes bewusst, über welchen er
        mit Mr. Elliot selbst zu verhandeln hätte. Will Mrs. Helmstedt, wie es
        einem treuen, gewissenhaften Weibe geziemt, in das Haus und unter die
        Obhut ihres Mannes zurückkehren, so wird sie offene Arme finden. Dies
        ist aber die unerlässliche Bedingung, ehe der Unterzeichnete auf irgend
        eine sie berührende Verhandlung eingehen könnte.
                                                          August von Helmstedt.«
    Der Brief wurde geschlossen und abgesandt. Noch lange nachher aber sass
Helmstedt vor seinem Schreibtische, den Kopf in beide Hände gestützt, und suchte
sich ein Bild von dem jetzigen Leben in Oaklea zu schaffen und sich die Scenen
zu vergegenwärtigen, welche seine Zeilen dort hervorrufen würden. Ein
mehrmaliges Räuspern störte ihn endlich auf. Cäsar stand an der Tür.
    »Bitt' um Verzeihung,« sagte der Schwarze und knetete seine Hände, als wolle
er alle Knochen darin zerbrechen, »ich wollte nur fragen - ich habe nämlich Dick
gesagt, dass mich Sarah diesen Abend erwarten soll - ob ich mich vielleicht
umsehen oder horchen soll, wie's drüben steht - ich meinte nur so - ich wollte
schon gestern deswegen fragen - Mr. Helmstedt ist so gut, und ich möchte so gern
etwas tun. -«
    Helmstedt hörte ihn an, bis er schwieg und nur noch verlegene Gesichter
schnitt. »Du bist eine gute Haut, Cäsar,« sagte er dann, »und es wird schon
einmal eine Zeit kommen, wo du mir deine Anhänglichkeit beweisen kannst. Drüben
in Oaklea aber kümmere dich nur um deine eigenen Geschäfte; und so wenig ich von
dort etwas hierher berichtet haben will, eben so wenig wünsche ich etwas von
hier hinübergetragen.«
    »All right, Sir!« lachte der Schwarze und nahm die Tür in die Hand; »sie
sollen eher vor Neugierde blau werden, ehe sie von mir etwas erfahren.« - -
    Es war eine Zeit der nüchternen poesielosen Arbeit, welche jetzt für
Helmstedt folgte. Es waren nur noch sieben Wochen bis zu der Zeit, in welcher
die Akademie der heissen Jahreszeit wegen geschlossen wurde. Bei diesem Schlusse
der Schule aber fand ein Examen statt, dessen Hauptzierde die Musikschüler mit
ihren Leistungen bildeten - und Helmstedt warf sich mit seinen ganzen Kräften
auf die nötigen Vorbereitungen. Er gab Extra-Lectionen und widmete seine freie
Zeit den Uebungen seiner Schülerinnen; er fand darin das beste Mittel, um seinen
eigenen Grübeleien zu entgehen. Abends unternahm er in der Regel einen Ritt in
die Umgegend und sprach in dieser oder jener Farm ein, deren Besitzer er durch
seine Stellung in der Akademie hatte kennen lernen, kam meistens erst mit
beginnender Nacht wieder heim, wo er für alle seine Bedürfnisse von Cäsar
aufmerksam gesorgt fand, und schlief den Schlaf der Ermüdung.
    Vierzehn Tage waren auf diese Weise vergangen; Helmstedt hatte weder etwas
von Mortons Haus, noch von Oaklea, dessen Umgegend er stets auf seinen Ritten
vermied, gehört, und wenn ihm sein Leben auch oft selbst so nüchtern und ohne
eigentlichen Endzweck vorkam, dass ihm die Frage vor die Seele trat, wohin dieses
Verhältnis noch führen solle, so fühlte er doch auch, dass es ihm für den
Augenblick den einzigen Halt bieten konnte.
    Es war an einem Sonnabend, an welchem die Stadt meist voll von Pflanzern und
kleineren Farmern der Umgegend war, als Helmstedt zur Mittagsstunde das
Globe-Hotel betrat. Die geräumige Halle und der anstossende Bar-Room waren
gefüllt mit den hohen, kräftigen Gestalten, wie sie der Süden der Vereinigten
Staaten erzeugt, und alle Arten von Anzügen, vom blauen Baumwollenfrack und
geflochtenen Schilfhute bis zum Nankinhabit und dem modernen Panamahute,
mischten sich bunt durch einander. Helmstedt nahm eine Zeitung und wollte sich
eben an ein Fenster setzen, um das Läuten für den Mittagstisch abzuwarten, als
sein Blick auf einen Mann fiel, der an einem der Kaminsimse lehnte und dem
Anscheine nach einem neben ihm stehenden Farmer zuhörte, aber das Auge
unverwandt auf den Deutschen geheftet hielt. Es war Elliot. Helmstedt blickte
ihm einen Moment voll ins Gesicht; als jener aber jetzt das Ohr zu dem Farmer an
seiner Seite bog, als wisse er durchaus nichts von der Richtung seiner Augen,
liess sich Helmstedt auf einem Stuhle nieder und barg das Gesicht hinter seiner
Zeitung. Er fühlte, dass dieses Anstarren, ohne doch von ihm Notiz zu nehmen,
eine Demonstration von Nichtachtung vorstellen sollte und er gab sich das
Versprechen, sich diesem Hochmut gegenüber kein Haarbreit etwas zu vergeben.
Seine ferneren Gedanken schnitt die Mittagsglocke ab; die Anwesenden stürmten in
amerikanischer Manier nach dem Speisesaale, Einer suchte den Andern zu
überholen, um einen Stuhl an der Tafel zu gewinnen, und Helmstedt, der als
ständiger Kostgänger seinen Platz reservirt wusste, war einer der Letzten. Als er
aber eben den Speisesaal betrat, hörte er neben sich Elliots Stimme: »Ich
wünsche Sie nach Tische ein paar Minuten zu sprechen, Sir!« Helmstedt veränderte
weder eine Miene, noch antwortete er. Das ganze Wesen des Pflanzers traf seinen
Stolz an der wundesten Stelle. Er nahm langsam und mit aufgerichtetem Kopfe
seinen Platz ein, nickte einigen bekannten Gesichtern in seiner Nachbarschaft zu
und ging auf die um ihn her fallenden Bemerkungen so unbefangen ein, als habe
nichts Ungewöhnliches seine Seele berührt.
    Die Tafel war zu Ende. Helmstedt nahm seinen Hut, zündete in dem Bar-Room
eine Cigarre an und wandte sich, um das Hotel zu verlassen, als er den Vater
seiner Frau dicht vor sich erblickte.
    »Ich sagte Ihnen, Sir, dass ich einige Worte mit Ihnen zu reden hätte!«
begann dieser mit zusammengezogenen Augenbrauen.
    »Das ist möglich, Mr. Elliot,« erwiderte der junge Mann, dem Pflanzer frei
ins Gesicht sehend; »ich spreche aber mit Niemand, der nicht zu mir wie der
Gentleman zum Gentleman redet. Sie mögen reicher sein als ich; in allem Uebrigen
aber stelle ich mich mit Ihnen auf gleiche Stufe; auch bin ich mir nicht der
kleinsten Handlung bewusst, welche mich hindern könnte, die nötige Achtung gegen
mich zu fordern.«
    Elliot sah ihn einen Augenblick finster an. »Sie sprechen mit der ganzen
Keckheit der Jugend, Sir,« sagte er dann, »und statt zu suchen, hier, wo Sie
nicht einmal ansässig sind, sich Freunde zu erwerben, scheinen Sie durch einen
übel angebrachten Stolz sich Ihren Weg recht absichtlich erschweren zu wollen.«
    »Ich tue nur das, was jeder Mann von Ehre sich selbst schuldig ist,«
erwiderte Helmstedt ernst, »und die Folgen dessen, Mr. Elliot, gut oder übel,
trag' ich allein.«
    »Gut Sir, so erlauben Sie mir, ein paar Worte mit Ihnen zu reden!« sagte der
Pflanzer, den Kopf zurückwerfend.
    »Mit Vergnügen, Sir,« erwiderte der Deutsche, sich höflich neigend,
»bestimmen Sie über mich!«
    Elliot schritt nach einem der Seitenzimmer voran, und untersuchte dort jede
Tür, ob sie geschlossen sei. »Well, Sir,« begann er dann, sich langsam auf
einem der Stühle niederlassend, während Helmstedt seinem Beispiele folgte, »Sie
haben mich nicht in meinem Hause sprechen wollen, und so habe ich die
Gelegenheit dazu hier wahrnehmen müssen.« Er machte eine kurze Pause und sah
finster vor sich nieder. »Es ist gekommen,« fuhr er dann fort, »wie ich es
meiner betörten Tochter vorausgesagt; sie bereut den Schritt, den sie in einer
Verblendung getan, welche ich mir heute noch nicht erklären kann, und will das
elterliche Haus nicht mehr verlassen.« Er sah auf, wie eine Antwort erwartend.
    »Sie meinen wahrscheinlich unter diesem Schritte Ellens Verbindung mit mir;«
erwiderte Helmstedt, ihm ruhig ins Gesicht sehend, »reden Sie weiter!«
    »Ich glaube, Sir, wenn Sie mich nicht absichtlich missverstehen wollen, genug
gesagt zu haben - und wenn Sie durchaus ein directes Wort verlangen, so möchte
ich Sie fragen: was soll jetzt werden?«
    Helmstedt stützte Arm und Stirn auf die Lehne seines Stuhles.
    »Worüber beklagt sich meine Frau, Mr. Elliot?« fragte er. »Hat sie
Beschwerden gegen mich, oder gibt es andere triftige Gründe, welche es
rechtfertigen können, dass sie nicht wieder in das Haus ihres Mannes
zurückgekehrt ist?«
    »Ich habe Ihnen bereits gesagt,« erwiderte der Pflanzer, ungeduldig auf
seinem Stuhle rückend, »dass diese ganze Heirat ein Act der Verblendung seitens
meiner Tochter war, dass endlich ihre Vernunft zurückgekehrt ist, und dass also
nur noch die Frage vorliegen kann, auf welche Weise das bestandene Verhältnis am
einfachsten zu lösen ist. Ich habe Sie früher von mancher vorteilhaften Seite
kennen gelernt, Sir, und traue daneben Ihrem offenen Verstand zu, dass Sie die
vorliegenden Tatsachen richtig genug beurteilen können; ich frage Sie deshalb
einfach: was soll geschehen? Und wenn meinerseits ein Opfer nötig ist, um ein
zufriedenstellendes Resultat zu erzielen, so stellen Sie ungescheut Ihre
Bedingungen!«
    Helmstedt setzte sich langsam aufrecht.
    »In meiner Heimat, Sir,« begann er ernst, »gilt eine eingegangene Ehe als
Vertrag für das ganze Leben, und ich habe immer gemeint, dass nur dadurch das
Weib es vor ihrem eigenen Gefühle rechtfertigen kann, wenn sie sich ganz und gar
dem Manne ihrer Wahl hingibt. Was sollte aus unserm Familienleben, aus unsern
ganzen gesellschaftlichen Verhältnissen werden, wenn unter dem einfachen
Vorgeben: verblendet gewesen zu sein, sich Mann und Weib nach wenigen Monaten
scheiden könnten, um dann eine andere Verbindung, eine dritte und so fort nach
Gefallen einzugehen? Ich glaube Ellens weibliches Gefühl zu kennen, und wenn sie
im Augenblick mit Ihren Wünschen übereinstimmen sollte, so darf ich viel eher
annehmen, dass sie jetzt verblendet ist, als dass dies früher der Fall gewesen,
als sie mir Liebe für das ganze Leben gelobte.«
    Elliot machte eine Bewegung zum Sprechen.
    »Lassen Sie mich Ihnen noch zwei Worte sagen, und ich bin zu Ende!« fuhr
Helmstedt aufgeregter fort. »Sie wissen, dass kein unreiner Beweggrund irgend
einer Art unsere Verbindung schuf, dass der Drang der Verhältnisse Eins dem
Andern in die Arme führte, und dass ich deshalb mit freiem Auge zu Ihnen reden
darf. Wenn in dem letzten Monat Ellens Gefühle für mich ruhiger wurden, wenn sie
sich, abgeschnitten von dem elterlichen Hause und allein in ihrer einfachen
neuen Heimat, unbehaglich zu fühlen begann, so teilte sie wohl nur dasselbe
Schicksal mit fast jeder jungen, früher verwöhnten Frau, die unter ähnlichen
Verhältnissen einem Manne gefolgt ist, der noch für sein Brod arbeiten muss.
Handelt es sich nur um Ellens Zufriedenheit, so ist dem Uebel einfach dadurch
abzuhelfen, dass Sie, Sir, unsere Verheiratung mit freundlicherem Auge ansehen,
so dass Ellen nicht mehr gezwungen ist, die traurige Wahl zwischen Vater und Mann
zu treffen, die einen von Beiden stets ausschliesst, und dass Sie mir Gelegenheit
geben, Sie nach und nach ganz mit den Dingen, die doch nun einmal geschehen
sind, auszusöhnen. Im andern Falle,« fuhr er fort, als der Pflanzer heftig den
Kopf schüttelte, »werde ich zwar meiner Frau nicht den geringsten Zwang antun,
werde sie frei ihren Weg ziehen lassen, aber auch vorläufig zu keiner
leichtfertigen Lösung unserer Ehe meine Hand bieten - ich glaube dies Ellens
Ehre und meiner eigenen schuldig zu sein, Mr. Elliot.«
    »Ist das Ihr letztes Wort, Sir,« fragte der Pflanzer, wieder finster vor
sich niedersehend, »oder gibt es irgend ein Mittel, Sie kurz und bündig auf eine
andere Weise zufrieden zu stellen? Wenn Sie die hiesige Gegend verlassen und
Ihre augenblicklichen Rechte aufgeben würden, so sollte Ihnen ein genügendes
Kapital zur anderweitigen Gründung Ihrer Existenz nicht fehlen.«
    »Ich glaube, Mr. Elliot, Sie erlassen es mir, auf einen solchen Vorschlag
nur zu antworten,« sagte Helmstedt, sich langsam erhebend, »wir tun wohl am
besten, ganz abzubrechen.«
    »Nun, in des Himmels Namen, so sagen Sie mir, was Sie eigentlich wollen!«
rief Elliot aufspringend. »Wenn Sie meine Tochter lieben oder geliebt haben, so
kann Ihnen nichts daran liegen, sie für ihr ganzes Leben einen einzigen
unbesonnenen Schritt bereuen zu machen; wenigstens werde ich, an dem ihre ganze
Seele hängt, niemals meine Billigung zu einer Verbindung geben, die meinen
Ansichten vom Leben und meinem innersten Wesen direct entgegenläuft. Sie sagen,
Sie wollen Ellen keinen Zwang antun - wollen aber auch das Band zwischen ihr
und Ihnen nicht lösen; das heisst, dem armen gefangenen Vogel die Freiheit geben,
ihn aber mit einem Faden am Bein an das Fenster binden, damit er nicht
entwische.«
    Helmstedt schüttelte den Kopf.
    »Sie beurteilen eben mein Verhältnis zu Ellen nach Ihren Ansichten, Sir!«
sagte er, »und deshalb wird eine Verhandlung zwischen uns Beiden auch stets
unfruchtbar sein. Was ich will ist einfach: dass Ellen, welche ihre Verbindung
mit mir ohne ihren Vater schloss, sich auch selbst mit mir wieder auseinander
setze, falls sie wirklich auf einer Trennung besteht. Ich werde sie in diesem
Falle nicht halten; ich habe aber ein Recht, ihr Vertrauen zu fordern; ich habe
ein Recht, mich dagegen aufzulehnen, dass sie durch ein heimliches Verlassen
ihres Mannes und ihrer neuen Heimat meine Ehre jeder beliebigen Deutung des
Geschehenen blosstellt. Ellen soll, da es jetzt noch Zeit dazu ist, zu mir
zurückkehren, soll ihren Platz in unserem Hause wie früher wieder einnehmen und
dann wollen wir unsere Angelegenheit mit einander ordnen - einen andern Weg zur
Ausgleichung der jetzigen Differenz kenne ich nicht, Sir!«
    »In Ihrer Forderung ist wenigstens Selbstgefühl genug,« erwiderte Elliot mit
einem frostigen Lächeln, während er langsam der Tür zuschritt, »ich sehe, dass
wir uns schwerlich verständigen werden; lassen wir also die Dinge ihren
natürlichen Gang gehen. Noch Eins will ich Ihnen aber sagen, junger Mann,«
wandte er sich von der Tür zurück, »sollte der Fall eintreten, dass Sie es trotz
Ihres Stolzes für gut befänden, auf ein Uebereinkommen zu Ihrer Abfindung
einzugehen, so gebe ich Ihnen zwei Monate, von heute an, Zeit - nach diesem
Termin werde ich meine Tochter ohne jede weitere Rücksicht selbst frei zu machen
wissen.«
    Er nickte leicht und schritt aus dem Zimmer.
    Helmstedt hatte, ihm nach, das Hotel verlassen und ging, den Kopf gesenkt,
langsam nach seiner Wohnung. Es war Sonnabend, der freie Tag für alle
amerikanischen Schulen, und er konnte über seine Zeit verfügen. Zwei Gefühle
stritten sich in ihm und liessen keine rechte Befriedigung über die eben
stattgefundene Scene in ihm aufkommen. Er hatte die Kränkung, welche ihm Ellen
durch ihre Uebersiedelung in das väterliche Haus angetan, zu tief empfunden,
als dass er nicht auf ihre Rückkehr, als die einzige Genugtuung für ihn, hätte
bestehen sollen, und seine Haltung ihrem stolzen Vater gegenüber erschien ihm
schon durch die eigene Selbstachtung geboten. Im Hintergrunde seiner Seele aber
wurde eine andere Stimme laut, die zweifelnd fragte, ob es nicht dennoch besser
gewesen wäre, ein Verhältnis schnell zu lösen, in welchem die Grundbedingung,
auf welche es gebaut worden: Ellens aufopfernde Liebe für ihn, geschwunden war,
in dem er, selbst wenn eine neue Vereinigung möglich gewesen, wohl nie wieder
seine ganze Befriedigung hätte finden können, ob es nicht besser gewesen sei,
die alten Bande von sich zu streifen, lieber auf eine Genugtuung zu verzichten,
aber berechtigt zu sein, in neuer Freiheit ein neues Glück zu suchen?
    Er war an seinem Hause angelangt und schloss, noch mit sich selbst
beschäftigt, die Tür auf, als er seinen Schwarzen von einem Holzstück, das zur
Seite im Schatten lag, aufstehen und herankommen sah. »Ich habe auf Sie
gewartet, Master,« sagte er, und Helmstedt bemerkte einen Ausdruck in seinen
Augen, welcher ihm auffiel; »ich möchte Ihnen ein paar Worte sagen.«
    »Komm herein, Cäsar, was ist es?« Helmstedt hatte den Parlor geöffnet und
setzte sich in den Schaukelstuhl am Fenster, während der Neger an der Tür
stehen blieb.
    »Ich habe heute morgen einen von den Schwarzen aus Littlei Vallei
gesprochen,« begann der Letztere. »Sie wissen, wo Little Vallei ist, Sir?«
    »Noch nicht einmal den Namen habe ich gehört, Cäsar.«
    »Well, es ist eine Farm, etwa vier Meilen von Mortons Hause nach den Bergen
zu, und gehörte Mr. Morton. Es ist ein Aufseher dort für die Arbeit und Mr.
Morton ritt jede Woche ein Mal hinaus. Mr. Bartlett, das ist nämlich der
Aufseher, soll immer strenger gewesen sein als ein Anderer, aber erst als Mr.
Morton seit den letzten Monaten so kränklich war und nur selten hinkam, ist er
so schlimm geworden, dass es jeden Tag blutige Rücken gegeben hat. Da hat nach
Mortons Tod die Köchin in Little Vallei das Elend der Köchin in Mortons Hause
geklagt und die hat es der jungen Mistress, der jetzt das ganze Eigentum gehört,
erzählt. Die Mistress hat nun vor vierzehn Tagen den Mr. Bartlett kommen lassen,
und hat ihm scharf zugesetzt, wie die Köchin in Mortons Hause wissen will, und
ihm gesagt, dass sie keine Grausamkeiten dulden werde. Mr. Bartlett aber hat
Alles abgeläugnet, ist böse nach Little Vallei zurückgegangen, und hat zwölf
Schwarze Einen nach dem Andern gehauen, bis er nicht mehr konnte, damit sie
angeben sollten, wer über ihn geklagt habe, aber Keiner hat etwas gewusst. Die
Köchin dort aber hat bald erfahren, was die junge Mistress gesagt hat; es ist
jetzt schon unter allen Schwarzen herum, denn die Köchin hat zwei Söhne mit auf
dem Felde - und jetzt haben sie sich vorgenommen, bei dem ersten neuen
Peitschenschlage Rebellion zu machen und den Aufseher todtzuschlagen. Das ist
es, Sir, und ich erzähle es Ihnen, weil Sie mit der jungen Mistress gut bekannt
sind.«
    Helmstedt hatte gespannt zugehört - mehr aber als die Sache selbst
befremdete ihn die Angabe der beabsichtigten Empörung durch den Schwarzen.
»Nun?« fragte er, als Cäsar schwieg, »willst du, dass der Aufseher gewarnt werde
oder was sonst?«
    Der Schwarze kratzte sich in seinem Wollhaar. »Ich gebe nichts um Mr.
Bartlett, Sir,« sagte er endlich zögernd, »er ist ein böser Mensch, und nicht
nur gegen die Nigger - es werden sonderbare Geschichten von ihm erzählt; aber es
ist mir wegen der armen schwarzen Kerls. Jetzt schlagen sie ihn todt und denken
Wunder, wie viel Recht sie dazu gehabt haben, und nachher werden sie Alle, die
mit Hand an ihn gelegt haben, gehängt. Und ich wollte noch das sagen, wenn Sie
mir es erlauben, Sir; es tut nicht gut, die heimliche Klatscherei von den
schwarzen Weibern; junge Mrs. Morton weiss das noch nicht so, aber sie sollte
sich davor in Acht nehmen - wo ein Master in seiner Stube ist, da hat die Köchin
nichts zu tun, und kann auch nicht horchen, Sir. Ganz ohne Strenge geht's wohl
auf dem Felde nicht ab, Sir, ich muss das selber sagen; es ist manches faule Volk
dort, das die Rüben und Süsskartoffeln roh ässe, wenn sie nicht für Alle gekocht
würden, und das am liebsten den ganzen Tag auf dem Rücken läge - 's ist nicht
ein Nigger wie der andere, Sir - und so kann die junge Mistress mit ihrer Güte
viel Unglück anrichten, Sir; sie sollte, wenn Sie's erlauben, Sir, vielleicht
Jemand zu sich nehmen, der hier recht Bescheid weiss - und Sie nehmen es nicht
übel, Sir, was ein dummer Nigger da geredet hat, aber ich dachte, ich müsste es
Ihnen sagen, Sir!«
    Der Schweiss perlte in dicken Tropfen von des Redenden Gesicht und offenbar
erleichtert, zu Ende zu sein, wischte er sich die Stirn mit dem Aermel seiner
Jacke.
    Helmstedt war von seinem Stuhle aufgestanden und ging einige Male
nachdenkend das Zimmer auf und ab. »Du magst so Unrecht nicht haben, Cäsar,«
sagte er, vor dem Schwarzen stehen bleibend, »glaubst du, dass in der nächsten
Zeit etwas zu befürchten ist?«
    »Heute ist Sonnabend, da ist der Aufseher meist in der Stadt, und morgen, am
Sonntag, wird nicht gearbeitet,« erwiderte der Neger mit einem Gesichte voll
Verstand; »aber am Montag früh, Sir, wo die Arbeit noch am wenigsten schmeckt
und die Aufseher die Peitsche meist am lockersten haben, am Montag kann's etwas
geben.«
    »Es ist gut, Cäsar, sattle mein Pferd.« Der Schwarze verschwand mit
befriedigter Miene, und Helmstedt setzte seinen Gang durch das Zimmer fort, bis
er endlich am Fenster stehen blieb und in Gedanken verloren hinausstarrte. Er
dachte nicht mehr an Cäsars Mitteilungen, es stand nur vor ihm, dass er wieder
nach Mortons Haus reiten wollte, welches er seit vierzehn Tagen gemieden; er
suchte sich den Gesichtsausdruck zu vergegenwärtigen, mit welchem ihn nach dem
letzten sonderbaren Scheiden Pauline empfangen würde, und er musste dabei tief
aufatmen, um sich die Brust frei zu machen. Und wieder sprach die heimliche
Stimme vom Nachmittag zu ihm, wie wunderschön es doch wäre, wenn er Elliots
Scheidungsanerbietungen kurz angenommen hätte, wenn er jetzt Paulinens beide
Hände fassen und sagen könnte: Ich bin ein Narr gewesen und blind dazu, aber ich
bin sehend geworden und habe meine Bande von mir geworfen; hier bin ich, und nun
tue mit mir wie du willst. Stosse mich zurück, aber ich werde bei dir bleiben;
fliehe mich, ich werde dir folgen, bis du mich erkannt hast und mir wieder
zulächelst wie ehedem.
    »Wahnsinn!« sagte Helmstedt, sich gerade aufrichtend und mit der Hand über
seine Augen fahrend. »Erst das alleinstehende Mädchen mit ihrem warmen Herzen
zurückgewiesen und dann ihr als reiche Frau die Cour gemacht - ob sie nicht ein
Recht hätte, mich zu verhöhnen? Ja, wenn jetzt ein Erdbeben ihre Plantagen und
Neger verschlänge, wenn sie wieder so arm oder ärmer würde als zuvor, dass sie
einsehen müsste, was aus mir spräche - - aber Phantasie und Unsinn! Wende den
Blick von dem Glücke, August, das du selbst verscherzt hast, und wahre dich vor
einer neuen Demütigung!«
    Er durchschritt wieder das Zimmer, bis der Schwarze sein Pferd vorführte und
das Geräusch der Tritte auf dem Pflaster ihn aus seinen Gedanken weckte.
    »Bleibe hier, Cäsar, bis ich zurückkomme, falls ich dich brauchen sollte,«
sagte Helmstedt beim Aufsteigen und trabte davon.
    Es war ein Tag wie im hohen Sommer, und die Sonnenglut, an welche der
Deutsche noch nicht gewöhnt war, schien ihm nach kurzer Zeit fast unerträglich;
er war froh, als er den Waldschatten erreicht hatte. Aber auch hier war der Ritt
in der stillen Mittagshitze so unleidlich, dass alle müssigen Gedanken, die in ihm
aufsteigen wollten, von selbst verschwanden und dass er sich erschöpfter als
jemals fühlte, als er Mortons Haus erreichte. Er band sein Pferd im Schatten an
und ging nach der offenen Halle, wo ein leises Lüstchen hindurchzog, und liess
sich hier auf eine der Ruhebänke nieder, um sich einige Minuten abzukühlen, ehe
er sich bei der Hausherrin melden liess. Innerhalb des Hauses wie in seiner
Umgebung schien kaum etwas Lebendiges vorhanden zu sein; eine Stille herrschte,
dass Helmstedt das leise Rauschen der Blätter ausserhalb vernehmen konnte, wenn
ein Luftzug sie bewegte. Fast wirkte die Rast und die Kühle nach dem warmen
Ritte einschläfernd auf ihn und nach kurzer Zeit raffte er sich wieder auf, um
in dem hintern Teile des Hauses nach einem der schwarzen Dienstboten zu sehen -
aber nirgends liess sich ein menschliches Wesen entdecken. Helmstedt öffnete
endlich den Parlor, dessen Fenster durch grüne Jalousien vor der Sonne geschützt
waren, und trat in den halbdunkeln Raum, auf dessen Boden nur einzelne helle
Lichtpunkte sich wie hingestreutes Gold abzeichneten. Er sah um sich und wollte
eben wieder zurücktreten, als sein Auge in einer Ecke des Zimmers ruhen blieb,
wo sich ihm ein Bild bot, wie man es eben nur im Süden beim frühen Eintritt der
heissen Jahreszeit antreffen kann.
    Auf einem der Divans leicht zurückgelehnt sass Pauline mit geschlossenen
Augen. Der eine ihrer unverhüllten schönen Arme ruhte auf der Seitenlehne,
während der andere, in ihren Schoss gesunken, einzelne Papiere hielt, mit deren
Durchsicht sie beschäftigt gewesen schien. Ihr linker Fuss stützte sich auf einen
niedern, weichen Schemel, während der rechte, unbedeckt von dem schwarzen
Gazekleide, seine eleganten Formen bis über die seinen Knöchel zeigte. Zur Seite
ihres Knies sass eine schlanke Mulattin, ein geschlossenes Contobuch auf dem
Schoss, und den Kopf auf die Brust gesenkt. Beide schienen ohne ihr Wissen vom
Schlaf überrascht worden zu sein.
    Helmstedt stand eine Minute lautlos betrachtend. Das Märchen vom schlafenden
Dornröschen in der hundertjährigen Stille, das der Ritter mit einem Kusse aus
der Verzauberung weckte, kam in seinen Sinn. Sie lehnte da so mädchenhaft in
ihrer Erscheinung und doch so alle Sinne aufregend, dass es eine Seligkeit hätte
sein müssen, den erlösenden Ritter zu spielen. Kaum hatte er sich indessen zum
geduldigen Warten in der Halle wieder niedergelassen, als auch Pauline in der
geöffneten Parlortür erschien. Ein leichtes Rot überflog sie, als sie
Helmstedt, der von seinem Sitze aufsprang, erblickte.
    »Wenn ich gestört habe, Mrs. Morton, so bitte ich von ganzem Herzen um
Entschuldigung,« rief er, »aber es geschah ohne meine Schuld.«
    »Ich glaube gern, Sir, dass es etwas Besonderes sein muss, was Sie einmal
wieder nach Mortons Haus führt,« erwiderte sie, sichtlich noch in halber
Verlegenheit, »der Tag scheint überhaupt ein eigentümlicher zu sein; es ist das
erste Mal, dass ich vom Klima überwältigt wurde, ohne etwas davon gewusst zu
haben. Aber wollen Sie nicht eintreten?«
    Eben schoss die Mulattin, das Gesicht zur Seite gewandt, zur Tür heraus, und
Helmstedt folgte lächelnd der Hausherrin in das Zimmer.
    »Ich war eben dabei, mir selbst etwas Einsicht in den Stand der Farm zu
verschaffen,« sagte diese und räumte die umherliegenden Papiere bei Seite, »und
ich denke, ich werde auch mit der Zeit das Hauptsächlichste übersehen können.
Aber welcher besondere Grund ist es denn, der mir einmal wieder die Ehre
verschafft, Mr. Helmstedt bei mir zu sehen?« fuhr sie fort und liess sich in dem
Schaukelstuhle nieder. Es klang etwas wie halbe Ironie in ihrer Frage, aber
Helmstedt mochte nicht darauf achten und nahm der jungen Frau gegenüber Platz.
    »Sie haben früher wohl das Anerbieten meiner Dienste und meines Rates
zurückgewiesen, Ma'am,« begann er ruhig, »demohngeachtet muss ich mich heute noch
einmal aufdrängen.«
    »Aufdrängen, Mr. Helmstedt?« sagte sie, sich aufrecht setzend, »sind Sie
denn wirklich noch so empfindlich, wie Sie es immer waren, dass Sie, vielleicht
auf ein hastig gesprochenes Wort hin, einen solchen Ausdruck gebrauchen müssen?
Lassen Sie mich offen zu Ihnen reden, und unser beiderseitiges Verhältnis
feststellen,« fuhr sie lebhaft fort, »das wird uns manches Missverständnis in der
Zukunft ersparen. Sie glauben Mr. Morton einige Verbindlichkeiten schuldig zu
sein, und da er Sie vor seinem Tode gebeten, mich künftig mit Rat und Tat zu
unterstützen, so halten Sie es für eine Ehrensache, dieser Bitte nachzukommen.
Es versteht sich nun von selbst, Sir, dass Sie zu jeder Zeit in Mortons Hause
willkommen sind, und dass mir Ihre Ankunft stets eine besondere Freude machen
wird - aber, Mr. Helmstedt, verpflichten mag ich Sie zu gar nichts mir
gegenüber. Wir sind früher schon über unsere gegenseitigen Gefühle klar
geworden. Sie waren zu stolz, auch nur die leiseste Hilfeleistung von Jemand
anzunehmen, für den Sie kein Interesse fühlten, wie von mir zum Beispiel, und es
kann Sie Niemand deshalb tadeln; ich aber habe in meiner Einsamkeit auch so viel
gelernt, dass es mehr Befriedigung gewährt, sich selbst genug zu sein und nur auf
die eigenen Kräfte zu bauen, als auf Hilfe zu rechnen, die nur des Anstandes und
der Ehre wegen gewährt wird. So, Mr. Helmstedt, sind Sie mir als Gast und
wohlmeinender Ratgeber immer hochwillkommen; ich möchte aber nicht, dass Sie
sich auch nur unter der leisesten Verpflichtung gegen mich glaubten.«
    
    Helmstedt sah in ihre glänzenden Augen und es stieg bei dem leichten,
unbefangenen Tone ihrer Worte ein Weh in seinem Herzen auf, gegen welches sein
Stolz vergebens ankämpfte. »Nicht wahr, Pauline,« begann er nach einer Pause
plötzlich deutsch, »Sie wollen mich recht demütigen?«
    Ein schwaches Rot trat in das Gesicht der jungen Frau. »Bleiben wir beim
Englischen, Mr. Helmstedt,« sagte sie und ihre Züge wurden ernster, »wir
sprechen es Beide gut genug, um uns zu verstehen. Ich habe mit allen meinen
Erinnerungen abgerechnet, als ich zuerst Mortons Haus betrat, und will auch
nicht eine wieder wach rufen. - Ist Ellen noch bei ihren Eltern?« fragte sie
nach einer Weile, als wolle sie den Gegenstand des Gesprächs wechseln.
    »Sie ist noch dort und wird auch wohl nicht wieder zurückkehren,« erwiderte
Helmstedt und strebte umsonst, sich von einem innern Drucke zu befreien. »Ihr
Vater, den ich heute sprach, dringt auf eine Scheidung, die ich meines eigenen
Rufes halber in dieser kurzen Weise nicht bewilligen mochte; indessen wird es
wohl das Beste sein, mich hier von allen Täuschungen, die mir geworden, frei zu
machen, sobald ich es kann, und im Osten eine neue Carriere zu beginnen. - Aber
ich muss Ihnen den Zweck meines Besuchs mitteilen, Ma'am,« fuhr er fort, ohne
den aufmerksamen Blick zu beachten, mit welchem ihn Pauline bei seinen letzten
Worten betrachtete, und begann zu erzählen, was er von Cäsar gehört. »Wenn Sie
auf meinen Rat hören wollen,« setzte er hinzu, »so handeln Sie in Bezug auf
Ihre Schwarzen nicht ohne mit Jemand, welcher über die Plantagen-Verhältnisse
ein gereiftes Urteil hat, sich besprochen zu haben. Unser deutsches Gefühl ist
darin für die Praxis oft der übelste Ratgeber. Ich habe Ihnen die Tatsachen,
die mir nicht ohne Gefahr scheinen, mitgeteilt, und kann ich Ihnen in Bezug
darauf in irgend einer Weise dienen, so disponiren Sie über mich.«
    Pauline war sichtlich betroffen. Ehe sie aber antwortete, öffnete sich die
Tür und der alte Arzt, welchen Helmstedt schon früher im Hause gesehen, trat
ein.
    »Da ist Jemand, der uns raten wird!« rief die junge Frau aufstehend. »Dr.
Ford - Mr. Helmstedt, wenn sich die beiden Herren noch nicht kennen. Das Kind
scheint eine Torheit begangen zu haben, Doctor, und Sie sollen den Schaden
wieder gut machen helfen!«
    »Hoffentlich wird sich den Folgen noch vorbeugen lassen,« sagte der alte
Herr lächelnd, nachdem er Helmstedt begrüsst hatte, und nahm auf dem nächsten
Stuhle Platz; »hat das Kind irgendwo ein scharfes Messer angefasst, und sich in
den Finger geschnitten?«
    »Es ist wirklich so etwas, Doctor - aber lassen Sie sich von Mr. Helmstedt
erzählen, der mir so eben die erste Nachricht von dem, was ich angerichtet habe,
gebracht hat.«
    Der junge Mann begann von Neuem zu berichten, und Pauline schien ängstlich
das Gesicht des Arztes zu bewachen.
    »Es ist jedenfalls eine unangenehme Geschichte,« begann dieser, nachdem
Helmstedt geendet, und fuhr sich mit der Hand durch das buschige Haar, »ich
glaube aber, dass, wenn die richtigen Schritte getan werden, kaum viel Gefahr zu
befürchten ist. Ich werde heute Abend selbst nach Little Vallei reiten und ein
wirksames Wort mit dem Bartlett reden - ich kenne ihn, aber ich mag ihn selbst
nicht leiden, und es wird gut sein, wenn er, sobald ein anderer brauchbarer
Mensch an seiner Stelle aufgefunden ist, entlassen wird. Zur Beruhigung der
Schwarzen aber ist es am besten, Ma'am, ihre Köchin sofort und spätestens morgen
früh nach Little Vallei zu versetzen, sollte es auch nur auf vier Wochen sein -
die dortige Köchin aber während dieser Zeit mit auf dem Felde arbeiten zu
lassen. Die Schwarzen dort kennen jedenfalls den Kanal, durch welchen sie
Nachricht von der Stimmung ihrer Herrschaft hier erhalten haben, und die rasche,
unerwartete Strafe für die stattgefundene Horcherei wird mehr auf sie wirken und
ihnen die Rebellionsgelüste schneller vertreiben, als irgend ein anderes Mittel.
Für alle künftigen Fälle aber wird es gut sein.« fuhr er lächelnd fort, »wenn
das Kind nicht mehr zu hastig den Regungen seines weichen Herzens folgt und
ihren getreuen Rächen ein Wort gönnt, ehe sie handelt.«
    »Sie reden gut, Doctor,« rief sie, den Mund zum halben Schmollen verziehend:
»bin ich denn nicht in den meisten Fällen auf mich selbst angewiesen, und muss
ich nicht Gott schon danken, dass Sie wenigstens hier im Hause zu unserm Schutze
Ihr Quartier genommen haben, wenn ich Sie auch jeden Tag nur eine kurze Minute
sehe? Aber ich verspreche Ihnen, vorsichtiger zu sein, Sie sollen noch an der
festen Hand des Kindes, mit welcher es die Geschäfte leitet, Ihre Freude haben.
Und damit Sie den guten Anfang sehen, Doctor, sollen heute noch Ihre Anordnungen
befolgt werden.«
    »Es ist unter allen Umständen das Beste!« erwiderte der Arzt und erhob sich.
»Ich werde nachsehen, welche Geschäfte mir heute etwa noch obliegen, und dann
bin ich wieder bei Ihnen, ehe ich nach Little Vallei reite.«
    Er grüsste und verliess das Zimmer und auch Helmstedt stand von seinem Sitze
auf.
    »Sie gehen doch nicht auch schon, Sir?« fragte die junge Frau.
    »Well, Ma'am, was soll ich noch hier?« versetzte er und es klang wie halber
Unmut in seiner Stimme. »Meiner Dienste bedürfen Sie nicht, und um blosse
Redensarten kann es Ihnen nicht zu tun sein - ich glaube auch nicht, dass ich
der Mann dazu wäre. Ich habe Ihnen meine Mitteilung gemacht, Sie haben Ihre
Massregeln getroffen, und so bin ich mit dem Zwecke meines Besuchs zu Ende.«
    »Ich hoffe nicht, Mr. Helmstedt, dass ich etwas getan habe, was Sie
beleidigen konnte?« fragte sie und sah ihn mit grossen Augen an.
    »Beleidigen? Gewiss nicht, Ma'am!« erwiderte er, »Sie haben mir ja nur vor
die Augen geführt, dass ich in früherer Zeit Ihre Teilnahme an meinem Schicksale
zurückgewiesen hatte, und dass ich also auch kein Recht habe, jetzt nach dem
Ihrigen zu fragen. Mir schien es damals, als ob Sie meine Zurückweisung
schmerzte, und ich konnte doch nicht anders; jetzt schmerzt mich Ihr Verfahren,
und Sie sind doch darin in vollem Rechte. Das ist Alles! Aber ich rede da mehr,
als ich wollte - entschuldigen Sie, Mrs. Morton, es soll nicht wieder geschehen,
und so leben Sie wohl!«
    Pauline hatte sich während seiner Rede erhoben, in ihrem Auge lag ein
Ausdruck wie stille Sorge. »Gehen Sie nicht so fort, Mr. Hemstedt,« sagte sie,
»Sie sind bitter, und ich kann, offen gestanden, keinen rechten Grund dafür
finden - fast eben so verliessen Sie mich das letzte Mal. Ich erkenne recht gut,
dass Ihr jetziges Verhältnis zu Ellen Sie reizbar machen muss; kann ich aber etwas
für Ihre Zufriedenheit tun, so sagen Sie es und Sie werden mich bereit finden.«
    Sie hatte ihm ihre Hand geboten, Helmstedt ergriff sie und hielt sie eine
kurze Weile schweigend in der seinigen. »Sie wollen etwas für meine
Zufriedenheit tun -« sagte er dann und im Tone seiner Stimme, wie im Ausdruck
seines Gesichts schienen die verschiedenartigsten Empfindungen mit einander zu
kämpfen; »ich sollte fortgehen, Mrs. Morton, denn ich weiss, dass ich ein Narr bin
- aber Sie haben mich aufgefordert zu reden. Nun, so denken Sie einmal, das
vergangene Jahr sei nicht in der Welt gewesen, reden Sie deutsch zu mir und
nennen Sie mich August, wie Sie es damals in New-York taten.«
    In das Gesicht der jungen Frau schoss das Blut, dann wurde sie blass - sie
wollte ihre Hand zurückziehen, aber Helmstedt hielt sie fest. »Ich glaube nicht,
Herr von Helmstedt, dass Sie mich verhöhnen wollen?« sagte sie endlich deutsch,
und ein innerer Druck schien ihr fast die Stimme zu benehmen.
    »Verhöhnen, Pauline?« erwiderte er, ihre Hand fester pressend, »warum fragen
Sie nur so etwas? Ich mag mit meiner Forderung wirklich ein Narr sein, aber ich
möchte jetzt die Seligkeit dieser Narrheit um keinen Preis der Welt hingeben.
Sagen Sie nur einmal: August, wir wollen Freunde sein, wie ehedem; und ich
stelle mich zufrieden. Wollen Sie, Pauline?«
    Sie hatte sich marmorbleich zurückgebogen und ihre Hand leicht aus der des
jungen Mannes gewunden. »Sie wissen wohl nicht, Herr von Helmstedt,« sagte sie
und es zitterte eine tiefe Empfindung in ihrem Auge, »dass in einem Jahre der
Mensch zehn Jahre älter werden kann? Die Zeit, von der Sie reden, liegt so weit
hinter mir, dass ich kaum noch daran glauben würde, wenn Sie sie nicht
zurückgerufen hätten. Mit Ihnen ist es anders gewesen, Sie sind einen Weg des
innern Glücks gewandelt, und was für Sie jetzt die Erlangung einer leichten
Befriedigung sein mag, das heisst bei mir, Todte aus dem Grabe rufen. Lassen wir
sie ruhen, Herr von Helmstedt!«
    Helmstedts Erregung war geschwunden, wie der Wellenschlag unter dem eisigen
Nordwinde erstarrt. »Ich darf Ihnen nichts entgegnen,« sagte er nach einer Weile
langsam und presste die Hand gegen die Stirn, »denn Sie haben in einem Punkte nur
zu Recht. Es ist so viel anders geworden in unseren gegenseitigen Beziehungen
wie in unserer äusseren Lage - ich hatte mir das schon selbst vor die Augen
gestellt, - es musste ja Alles kommen, wie es soeben gekommen ist, mag es denn so
sein! In einem süssen deutschen Liede heisst es:
Behüt' dich Gott, es war' zu schön gewesen,
Behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein!
und so geben Sie mir noch einmal Ihre Hand, Pauline, ich werde Sie nicht wieder
in Verlegenheit setzen!«
    Er drückte leise ihre Finger und ging schweigend zum Zimmer hinaus; bald
hatte er sein Pferd bestiegen und ritt, ohne sich umzusehen, davon.
    Pauline aber setzte sich, halb hinter den Gardinen verborgen, aus Fenster,
stützte Arm und Kopf auf die Stuhllehne und sah dem Davonreitenden sinnend nach,
bis er hinter den Büschen verschwunden war.
 
                                      VI.
Als eine der schönsten Besitzungen im nördlichen Alabama galt Elliots Farm,
Oaklea genannt, eben so unter den Freunden des Idyllischen, wie unter den
praktischen Menschen, welche eine Plantage nur nach ihrer Grösse und
Ertragsfähigkeit beurteilen. Das Landhaus, aus weissem Sandstein, auf einer
sanft emporsteigenden Anhöhe erbaut und mit einem breiten, von Säulen getragenen
Portico geschmückt, war von Gartenanlagen umgeben, durch welche sich helle
Kieswege schlängelten; den Fuss des Hügels aber umzog ein dicker Kranz von Eichen
und bildete dort ein schattiges Wäldchen. Ein Stück hinter dem Hause, den Abhang
hinab, lagen die Negerhütten, ein kleines Dorf bildend, das von einem klaren
Gebirgsbach durchströmt ward. Von hier aus erstreckten sich die weitläufigen,
wohleingezäunten Felder und Wiesen weit nach allen Seiten hin und gaben sowol
von der guten Bewirtschaftung, wie von dem Reichtum des Besitzers ein
sprechendes Zeugnis.
    Diese Ecke von Alabama, sowie ein Teil des angrenzenden nördlichen Staates
Georgia war 1850 noch nicht fünfzehn Jahre in dem ausschliesslichen Besitz weisser
Ansiedler. Das Land hatte zur Reservation der Cherokee-Indianer gehört, welche
hier indes fast sämmtlich feste Wohnplätze gehabt, Ackerbau betrieben und das
Land in einer Weise unter Cultur gebracht hatten, wie es nur der weisse,
intelligente Ansiedler im Stande gewesen wäre. Unter ihnen hatten auch schon
längst Amerikaner gelebt; aber erst in der zweiten Hälfte der dreissiger Jahre
wurde eine amtliche Vermessung des Landes vorgenommen und den Indianern ein
neuer, westlich liegender Landstrich für ihre Wohnstätten angewiesen - sie
wurden, mit dürren Worten gesagt, von dem Boden, den sie urbar gemacht,
vertrieben, der Früchte ihres Fleisses beraubt und ohne Rücksicht auf den Grad
der Civilisation, welcher bei ihnen bereits Eingang gefunden, wieder in die
Wildnis gejagt, um ihre wohlcultivirten Heimstätten dem weissen Manne zur
Verfügung zu stellen.
    Elliot, von Hause aus nur von geringem Vermögen, aber speculativ, hatte die
Gegend durchreist, den Platz, auf welchem sich seine jetzige Plantage befand,
zuerst mit Beschlag belegt und dann, als die vermessenen Ländereien zum
öffentlichen Verkauf kamen, um einen geringen Preis erworben. Der Ackerboden war
so vortrefflich ausgerodet, dass nirgends mehr ein alter Baumstumpf zu finden
war, und so war es ihm, mit Hilfe eines Capitals, das ihm seine Frau zugebracht,
und vorsichtigem Zusammenhalten des Erworbenen schon in den nächsten zehn Jahren
gelungen, sich zu einer der respectabelsten Stellungen unter den Grundbesitzern
der Umgegend in die Höhe zu arbeiten. Erst zwei Jahre zurück hatte er das
steinerne Wohnhaus bauen und die Parkanlagen um dasselbe ausführen lassen.
    Es war Nachmittags. In einem Zimmer des oberen Stockwerks, in welches das
Licht des Sommertages kaum einen lichten Schein durch die dicht geschlossenen
Jalousien und dicken Vorhänge zu werfen vermochte, lag Ellen nachlässig
hingeworfen auf einem der gebräuchlichen, sophaähnlichen Ruhebetten. Am Fenster
stand Sarah neben einem Korbe voll weisser, geplätteter Unterkleider und
Nachtgewänder, welche sie sorgsam zusammenfaltete und in die ihr zur Seite
stehende Kommode legte.
    »Cäsar war schon zweimal Abends hier, Ma'am,« unterbrach die Schwarze das
Schweigen, welches bis jetzt geherrscht hatte, ohne jedoch von ihrer
Beschäftigung aufzusehen.
    Die junge Frau erhob langsam den Kopf. »Etwas Besonderes, Sarah?«
    »Gar nichts, als dass ich mich ärgere, Ma'am; er ist gerade so starrköpfig
wie sein Herr - er will nichts weiter wissen, als dass der ruhig seinen
Geschäften nachgeht.«
    Ellen richtete sich halb aus ihrer liegenden Stellung auf. »Merke Eins,
Sarah,« sagte sie, »Mr. Helmstedt ist noch immer dein Herr, wie er mein Mann
ist, wenn wir auch jetzt in meines Vaters Hause wohnen; ich mag Ausdrücke, wie
du sie eben gebraucht, nicht hören.«
    Die Schwarze warf einen kurzen Blick in das Gesicht ihrer jungen Herrin.
»Sie wollten doch selbst gern wissen, Ma'am, was im Hause in der Stadt vorging,
seit Mr. Helmstedt zurück war!« entgegnete sie und bog den Kopf tiefer auf die
Kleider, mit denen sie beschäftigt war.
    »Well, Sarah, was hat das mit deinen Ausdrücken zu tun?«
    »Ich habe mich doch geärgert, dass der Cäsar wie ein Stock schweigt, und wenn
ich mich deshalb einmal vergesse, schelten Sie mich für den guten Willen.«
    Die junge Frau schien antworten zu wollen, legte sich aber langsam zurück.
    »Ich möchte wahrhaftig gern die Zeit ganz und gar vergessen, wo wir in der
Stadt lebten und Mr. Helmstedt mich unter fremde Leute geben wollte, nur weil
ich eine Stunde aus dem Hause gewesen war.« fuhr die Schwarze, eifriger ihre
Wäsche faltend, fort, »ich will gern nicht wieder fragen, was dort vorgeht.«
    Ein Pochen an der Tür unterbrach die Stille, welche den letzten Worten
gefolgt war. Sarah verliess ihre Arbeit und öffnete halb. »Mr. Elliot!« sagte
sie, sich zurückwendend.
    Ellen sprang auf und ging ihrem eintretenden Vater entgegen. »Lass uns
allein, Sarah, bis ich dich wieder rufe,« sagte sie, während der Pflanzer sich
bequem auf einen Stuhl niederliess; und als die Schwarze das Zimmer verlassen,
fasste sie beide Hände ihres Vaters und sah diesem erwartungsvoll ins Gesicht.
    »Ich habe ihn gesprochen,« sagte Elliot nach einer kurzen Pause, in welcher
beider Augen in einander hingen, »aber, meine Tochter, es ist wenig Aussicht
vorhanden, glatt von ihm loszukommen. Er will einer Scheidung nichts in den Weg
legen, aber er verlangt, dass du zuerst in sein Haus zurückkehrst und dich mit
ihm auseinander setzest.«
    »Und was hast du ihm gesagt?« fragte sie, ihn mit ängstlicher Spannung
ansehend.
    »Dass daraus nichts werden könne,« erwiderte er mit Bestimmteit. »Er mag
sich seine eigenen Bedingungen für eine anderweite Abfindung steilen; ich habe
ihm zwei Monate Zeit dafür gegeben - und wenn du, Kind, mit deinen Eltern wieder
auf dem alten Fusse leben willst, so schlägst du dir die ganze Angelegenheit aus
dem Sinne und lässt mich für dich handeln.«
    »Aber ich kenne ihn, Pa!« sagte sie, die Hände des Pflanzers pressend, »er
geht nicht ab von dem, was er seine Ehre nennt; du hast schon in seinem Processe
gesehen, dass er sich lieber in Lebensgefahr brachte, ehe er mich blossgestellt
hätte. Und ich wusste es, als du mich bei Mortons Ableben mit dir nahmst, welche
Kämpfe noch folgen würden. Wäre es denn nicht besser, ich ginge zu ihm und
sagte: August, wir verstehen uns nicht; die Aufregung hat uns zusammengeführt,
lass uns jetzt in Frieden scheiden? Er verdient es gewiss, Vater,« rief sie, als
Elliot das Gesicht finster zusammenzog, seine Hände den ihrigen entwand und von
seinem Stuhl aufstand.
    Der Pflanzer ging nach der Tür, kehrte dann zurück und blieb vor seiner
ängstlich harrenden Tochter stehen. »Wir müssen offen mit einander reden, Ellen,
denn du hast dich jetzt zu entscheiden,« sagte er. »Ich bin schwach gegen dich
gewesen, nur zu schwach, während deiner ganzen Jugend, dafür habe ich aber auch
von dem Augenblick deiner Flucht an mehr innerlich leiden müssen, als du weisst
und dir Gott jemals auferlegen mag. Ich bin jetzt vollkommen klar mit mir, und
sollte ich auch noch mehr zu leiden haben, so will ich doch frei von Vorwürfen
gegen mich sein. Entweder hältst du jetzt zu deinen Eltern und gewährst ihnen
die Genugtuung, welche sie sich selbst verschaffen werden, oder du kehrst zu
diesem - zu deinem Manne zurück und scheidest dich dadurch ein- für allemal vom
Vaterhause. Einmal kann das Elternherz einen Schritt, der unter besonderen
Verhältnissen getan wurde, vergeben, das zweite Mal aber, wenn die Gelegenheit
verworfen wurde, wieder gut zu machen was geschehen, mag man wohl noch Mitleid
fühlen - die einmal zurückgestossene Verzeihung aber kommt niemals wieder.
Entweder habe ich mich, sowie Mr. Nelson in dir getäuscht und nur eine Laune hat
dich für kurze Zeit zu uns zurückgebracht, oder du hältst fest an deinem
natürlichen Boden und lässt mich zu deinem Besten handeln.«
    Er sah der jungen Frau, die erblasst, aber mit einem Ausdruck der reinsten
Kindlichkeit die dunklen Augen zu ihm aufgeschlagen hatte, eine Minute
schweigend ins Gesicht; dann nahm er ihre beiden Hände. »Ich will dich jetzt
nicht drängen, Ellen,« sagte er; »überlege in Ruhe, aber ich denke, meine
Tochter wird vernünftig sein.« Er küsste sie auf die Stirn und verliess langsam
das Zimmer.
    Ellen ging mit gesenkter Stirn nach ihrem früheren Platze und drückte den
Kopf, das Gesicht in beide Arme geborgen, in das Polster.
    »How do you do, Squire?« rief es in der Halle, als Elliot die Treppe
hinabschritt; »ich freue mich, Sie zu Hause anzutreffen, habe schon in der
ganzen Stadt gesucht, da ich Sie heute morgen dort sah.«
    Das lachende Gesicht eines wohlgenährten Mannes, welcher, nach der
Reitpeitsche und den Lederhandschuhen in seiner Hand zu urteilen, eben vom
Pferde gestiegen war, sah dem Pflanzer entgegen und dieser beeilte sich, ihn mit
derbem Händeschütteln willkommen zu heissen. »Kommen Sie mit nach der Bibliotek,
Sir,« sagte er und fasste den Angekommenen unter den Arm; »es ist dort am
kühlsten und wir können es uns nach Belieben bequem machen. Sie haben mich schon
in der Stadt gesucht und machen noch einen Extraritt hierher?« fuhr er fort,
während er die Tür zu seinem Arbeitszimmer, das er gern Bibliotek nannte,
obgleich kaum drei kleine Reihen Bücher darin zu sehen waren, öffnete und seinem
Gaste Hut und Reitpeitsche abnahm; »es muss doch etwas ganz Besonderes sein, was
Sie zu der Anstrengung treibt! Setzen Sie sich, Sir, hier sind Cigarren, und ich
denke, ich habe auch noch einen Tropfen bei der Hand, um die Hitze
niederzuschlagen.« Er nahm aus einem Wandschranke eine Flasche mit Brandy und
setzte sie nebst dem weissen Wasserkruge und zwei Gläsern auf den Tisch.
    »Ausgezeichnete Fürsorge bei der Hitze!« lachte der Angekommene und streckte
sich bequem in einem Stuhle; »aber Sie haben Recht, es ist eine
Teufelsgeschichte, die mich zu Ihnen treibt.« Er füllte die Hälfte eines Glases
mit Brandy und mischte ihn mit Wasser. »Excellenter Stoff, Sie sind ein ganzer
Mann, Squire,« fuhr er mit der Zunge schnalzend fort, »aber jetzt setzen Sie
sich zu mir und raten Sie, was mich herbringt.«
    »Wie soll ich das wissen, Mr. Griswald?« erwiderte Elliot, sich ihm
gegenüber setzend. »Irgend eine Rechtssache jedenfalls, denn zum Spasse setzt
sich ein Advocat der Hitze nicht aus.«
    »Richtig, und was für eine Rechtssache! Teufel! Ich habe soeben davon Wind
bekommen. Sie kennen den jungen Murphy aus Limestone-County, der erst vor ein
paar Monaten hierher kam und überall herumschnüffelte - nun, ich sage Ihnen,
Sir,« fuhr der Redende lachend fort und schlug sich auf den Schenkel, »er ist
der geriebenste Spitzbube, und es kann noch einmal etwas aus ihm werden. Was
denken Sie, was er will, he? Ihnen die ganze Farm abprocessiren, Sir! Nichts
Anderes, sag' ich Ihnen, und wenn Sie gesehen hätten, was mir vor die Augen
gekommen ist, würden Sie auch sagen, das ist eine Teufelsgeschichte, Sir!«
    Elliot sah den Sprechenden eine Weile ungewiss an. »Ich verstehe Sie nicht
recht,« sagte er dann; »er will mir meine Farm abprocessiren? Auf welchen Grund
hin - oder wie? Ich begreife kein Wort von dem, was Sie sagen.«
    »Nicht wahr?« lachte der Advocat, »und doch ist es so! Ich sage Ihnen, ich
habe Respect bekommen vor dem jungen Sappermenter; er muss eine Nase haben wie
ein Spürhund, sonst weiss ich nicht, wie er zu seiner Kenntnis der Dinge hat
kommen können. Und die Geschichte trifft Sie nicht allein, Sir, wenn Sie auch
wohl am schlimmsten dabei fahren werden -«
    »Well, Sir, wollen Sie mir nicht kurz sagen, um was es sich handelt?«
unterbrach ihn Elliot ernst.
    »Ich bin eben dabei, Squirel Es ist ein älterer Besitztitel als der Ihrige
da - Grenzen und Beschreibung des Landstücks äusserst richtig angegeben - ein
Besitztitel, der Siebenachtel von Ihrer Farm und noch Stücke von Ihren nächsten
Nachbarn in Anspruch nimmt -«
    »Das ist unmöglich, Sir, oder es ist ein Betrug!« rief Elliot, aufgeregt in
die Höhe springend. »Ich habe mein Land schon vor Beendigung der Vermessung
gesetzlich mit Beschlag belegt und es dann in den Vereinigten Staaten gekauft;
hier ist jeder Anspruch von irgend einer Seite her abgeschnitten.«
    »Well, Squire, ich weiss, was Sie sagen wollen,« erwiderte der Advocat, sich
das Kinn streichend, »aber Sie können nur glauben, dass ich mich nicht so
geschwind zu Ihnen auf die Beine gemacht hätte, wenn die Sache so einfach wäre.
Der Besitztitel stammt aus der Indianer-Zeit; es mag sein, dass das Stück Land
mit einer Gallone Whiskei erworben worden ist - jedenfalls ist aber in dem Titel
den gesetzlichen Kaufbedingungen genug getan. Er ist während der kurzen Zeit,
in welcher die erste Land-Office im Cherokee-Lande bestand, dort angemeldet
worden, um spätern Claims vorzubeugen. Nachher brannte aber die Holzbude mit
Allem, was sie entielt, ab, und dann erst kamen Sie mit Ihrem Kaufe, ohne zu
wissen, dass das Land schon einen Besitzer hatte. Daran ist nichts zu ändern. Die
einzige Frage ist, wie weit die Vereinigten Staaten den frühern Kauf anerkennen
werden. - Sie wissen, wie gerade dieser frühern Verhältnisse und der
Liederlichkeit in der spätern Registrirung wegen unsere
Besitztitel-Angelegenheiten im Argen liegen, wissen, dass jeder ältere
Besitztitel mit genauen Bezeichnungen schon in sich selbst die grössere
Glaubwürdigkeit vor ungenauen spätern, wie es so viele in dem frühern
Cherokee-Lande gibt, trägt, und dass die Angelegenheit jedenfalls einen
langwierigen Prozess abgibt, in welchem die ersten Instanzen, wie es schon
mehrfalls dagewesen, zu Gunsten des Klägers entscheiden. Sollte nun auch das
Obergericht der Vereinigten Staaten den Verkauf während der Indianerzeit nicht
anerkennen, was übrigens immer noch in Zweifel zu ziehen ist, so können doch,
besonders wenn man einen so geriebenen Gegner wie den Murphy vor sich hat, so
viele Kosten für Sie erwachsen, dass diese Ihre sämmtlichen Neger auffressen,
denn es würde Ihnen nicht einmal gelingen, auf Ihre Ländereien, so lange Ihr
Eigentumsrecht daran in Frage gestellt ist, ein Kapital aufzunehmen. So,
Squire, habe ich es für meine Pflicht gehalten, Ihnen den Rat zu geben, bei
Zeiten und ehe die Sache zur gerichtlichen Procedur kommt, ein Abkommen mit dem
Inhaber des alten Besitztitels zu versuchen - selbst ein grosses Opfer muss noch
immer ein Gewinn für Sie sein. Aber ich nehme eine Cigarre, Squire; Sie haben
immer ausgezeichneten Stoff in jeder Beziehung!«
    Elliot stand da, die Arme übereinander geschlagen und mit zusammengezogenen
Augenbrauen in das Gesicht des Sprechers starrend. »Und woher kommt dieser
ältere Besitztitel mit einem Male?« fragte er, als der Advocat seine Cigarre
anzündete.
    »Wie kommt der Teufel in die Welt, Sir,« sagte Griswald, den Dampf vor sich
herblasend. »Ich habe Ihnen gesagt, der Murphy ist der geriebenste Spitzbube,«
fuhr er lachend fort, »und Gott mag wissen, wo der Elementer das Papier
aufgetrieben hat; aber richtig und vollkommen gesetzlich ist es, so weit ich
sehen kann; ich habe es mit eignen Augen geprüft.«
    »Aber in des Himmels Namen, es ist ja doch fast unmöglich!« rief Elliot und
stand eine Weile, die Hand gegen die Stirn gepresst. Dann schritt er einige Mal
die Stube auf und ab und blieb zuletzt wieder vor dem Advocaten stehen. »Sie
werden einsehen, Mr. Griswald,« sagte er, »dass, so viel ich auch auf Ihren
richtigen Blick in allen Rechtsfragen gebe, ich mich doch erst näher über diesen
beabsichtigten Raub zu unterrichten habe - als etwas Anderes kann ich es nicht
betrachten - und zugleich die Meinung einiger Freunde hören muss.«
    »Vollkommen verständig!« nickte der Advocat, einen Schluck aus seinem Glase
nehmend. »Wir sind alte Bekannte, Squire, und deshalb habe ich Ihnen die Sache
bündig und klar vor die Augen geführt, ohne mich selbst als Rechtsanwalt zu
denken. Sie kennen den alten Spruch: Des Clienten Hoffnung ist des Advocaten
Futter, und so wohlgetan es auch ist, die Meinung Anderer zu hören, so möchte
ich Ihnen dabei nur den Rat geben, sich vor denen zu hüten, welche aus dem Fall
eine Bagatelle machen wollen - wir haben lange keinen so fetten Prozess im County
gehabt, als dieser es werden muss; daran denken Sie!«
    »Sie meinen also auf Ehre und Gewissen, Griswald, dass eine wirkliche Gefahr
aus dem Anspruch für mich erwachsen könnte?«
    »Könnte? Sie kann nicht nur, sie wird nicht nur, sie ist schon da, Squire!«
    »Very well!« sagte Elliot, den Kopf energisch aufrichtend, »so mag sie mich
suchen; ich aber werde mein wohlerworbenes Eigentum mit allen Mitteln
verteidigen, die mir zu Gebote stehen!«
    Der Advocat zuckte die Achseln und erhob sich. »Ich habe Ihnen meine Meinung
als Freund gesagt, Elliot, und kann nichts weiter tun,« erwiderte er. »Lassen
Sie durch irgend einen andern Sachverständigen das Document untersuchen, Murphy
hält seinen Anspruch nicht geheim, und Jeder, der nicht ein Nebeninteresse hat,
wird meine Meinung bestätigen!«
    »Warten Sie einen Augenblick,« sagte der Pflanzer, als Griswald nach Hut und
Reitpeitsche griff. »Wie viel verlangt dieser Mr. Murphy für seinen Anspruch?«
    Der Advocat sah ihn gross an. »Was er verlangt? Ihre Farm verlangt er, Sir!
nichts mehr und nichts weniger. Wenn eine Uebereinkunft getroffen werden soll,
so ist es an Ihnen, Sir, die nötigen Schritte deshalb zu tun. Murphy denkt gar
nicht daran, und nur unserer alten Bekanntschaft wegen bin ich hierher gekommen,
um Sie von dem heranziehenden Ungewitter zu benachrichtigen und Ihnen zu raten,
sich jetzt, wo es vielleicht noch Zeit ist, nach einem Blitzableiter umzusehen.«
    »Ich danke Ihnen, Griswald,« erwiderte Elliot finster, »der Schlag kommt in
der Tat über mich wie ein Blitz aus heiterm Himmel; ich werde morgen bei Zeiten
in der Stadt sein und dann sprechen wir weiter darüber. - Aber noch Eins,« rief
er, als sich der Advocat zum Gehen wandte, und sah eine Weile sinnend vor sich
nieder. »Steht der junge Nelson nicht in genauerer Beziehung zu diesem Mr.
Murphy? Wenigstens entsinne ich mich, dass ich sie stets bei einander gesehen.«
    »Wie nahe ihre gegenseitige Beziehung ist, kann ich nicht mit Bestimmteit
sagen,« entgegnete Griswald, »jedenfalls aber weiss ich, dass es ihr Plan war, mit
einander gemeinsam eine Office zur Betreibung von Advocatengeschäften zu
gründen.«
    Elliot nickte und reichte dem Sprecher die Hand. »Ich will Sie nicht länger
aufhalten,« sagte er; »morgen früh sehe ich Sie und dann denke ich ruhiger
urteilen zu können.«
    Griswald ging, von dem Pflanzer bis an die Haustür begleitet; dann aber
kehrte dieser nach seinem Arbeitszimmer zurück und ging dort in tiefem Sinnen
auf und ab. Erst nach einer Weile hielt er seinen Schritt an, strich mit der
Hand über das Gesicht, als wolle er jeden sorgenvollen Zug daraus verwischen,
und ging dann langsam nach dem Parlor. Dort sass in Gesellschaft mit der Frau vom
Hause ein junger eleganter Mann, und das Gespräch schien, nach den aufgeregten
Mienen Beider, ein belebtes gewesen zu sein.
    »Es tut mir leid. Mr. Nelson, dass ich so lange abgehalten worden bin,«
sagte der Pflanzer eintretend; »mein alter Freund Griswald sprach im
Vorbeireiten ein und hatte so viele Geschichten zu erzählen, dass ich nicht eher
abkommen konnte. Jetzt bin ich zu Ihrer Disposition, und wenn uns Mrs. Elliot
entschuldigen will, so gehen wir nach der Bibliotek, machen es uns dort bequem
und rauchen eine Cigarre. Ich denke, Liebe,« wandte er sich an seine Frau,
»Ellen wird mit dir Einiges zu beraten haben.«
    Der junge Mann verbeugte sich gegen die Hausfrau und folgte dem Pflanzer.
    »Tun Sie wie zu Hause, Sir,« sagte dieser, als sie in das Arbeitszimmer
traten, und zog den Schaukelstuhl näher dem Tische zu. »Hier ist Eiswasser und
ein Schluck, um den Magen vor Erkältung zu hüten; hier sind Cigarren, langen Sie
zu!« Er nahm aus dem Wandschranke ein reines Glas, setzte sich dann auf seinen
früheren Platz und zündete sich selbst eine Cigarre an.
    »Well, Sir,« begann er, »Sie wollen meine Ellen heiraten. Ich habe Ihnen
bereits gesagt, dass ich im Grunde genommen nichts dawider haben kann; mit meiner
Frau haben Sie ebenfalls gesprochen, und Ellen,« fuhr er lächelnd fort, »scheint
mir auch nicht viele Einwendungen machen zu wollen. Die Scheidung von ihrem
bisherigen Manne soll, hoffe ich, schon im nächsten Monate vor sich gehen, und
so weit würde bald Alles in bester Ordnung sein. Jetzt erlauben Sie mir aber
eine Frage: Wie stehen Sie mit Ihrem Freunde Murphy? Ich höre, Sie wollen Ihre
Advocatenpraxis hier mit ihm gemeinschaftlich beginnen?«
    »Wenn es bei unserer früheren Verabredung bleibt, allerdings, Sir,«
erwiderte Nelson. »Er ist, wie ich heute hörte, von seiner New-Yorker Reise
zurückgekehrt, und ich denke ihn morgen zu sprechen. Murphy ist ein gewandter
Advocat, mit dem ich jedenfalls gut fahren werde.«
    Elliot lehnte sich bequem zurück. »Gewandt scheint er wirklich zu sein,«
sagte er; »Griswald erzählte mir soeben erst, dass er einen alten Besitztitel
aufgespürt habe, wodurch er zweien oder dreien unserer Pflanzer im County das
Land unter den Füssen wegnehmen wird.«
    »O, wirklich so weit?« rief der junge Mann, überrascht aufstehend; »er hat
mir nie recht klaren Wein über die Angelegenheit eingeschenkt, mit der seine
Reise nach New-York in Verbindung stand - er prophezeite mir nur im glücklichen
Falle einen splendiden Anfang für unsere hiesige Praxis.«
    »Well, Sir,« sagte Elliot, seine Cigarre weglegend und seinen Gefährten fest
anblickend, »ich weiss nicht, wie weit Ihre Liebe zu meiner Tochter geht, aber
ich muss Ihnen als ehrlicher Mann sagen, dass der gute Anfang, von welchem Sie
sprechen, wahrscheinlich der Ruin meiner Familie sein und somit auch Ellen zu
einer blutarmen Partie machen wird. Der Hauptangriff, welcher getan werden
soll, geht gegen mein Besitztum.«
    Der junge Advocat sah ihn einen Augenblick gross an. »Ist denn das wohl
möglich?« rief er dann aufspringend.
    »Ob es möglich ist, weiss ich noch nicht!« erwiderte Elliot, finster
lächelnd; »dass aber Ihr Freund Murphy soeben versucht, es möglich zu machen, ist
gewiss genug. Versichert mögen Sie sein, dass ich mich nicht gutwillig ergeben
werde. Indessen ist jetzt für mich die Hauptfrage, welchen Weg Sie selbst in der
Angelegenheit einzuschlagen gedenken. Wollen Sie nach den jetzigen Eröffnungen
noch Ihre Absicht in Bezug auf Ellen festalten, so werden Sie sich
wahrscheinlich das einstige Erbe Ihrer Frau nicht selbst abprocessiren wollen -
im andern Falle natürlich -«
    »Lassen Sie mich ein Wort sagen,« unterbrach ihn Nelson. »Ich danke Ihnen,
dass Sie mir die Sache sofort mitgeteilt haben; unser Verhältnis wird dadurch
zur rechten Klarheit kommen. Wenn ich um Ellen geworben habe, so war mir jeder
Nebenzweck dabei fremd, und mögen die Dinge sich jetzt gestalten wie sie wollen,
so bleibt es bei unserer Verabredung. Ehe wir aber an den unglücklichsten Fall
denken, wollen wir uns die Gefahr etwas näher betrachten. Ich werde sofort
gehen, um mit eigenen Augen zu prüfen; ich werde Murphy sprechen und schon heute
Abend, wenn es auch spät werden sollte, will ich Ihnen Bericht erstatten.«
    »Gut, Sir,« rief Elliot, und hielt dem jungen Manne die Hand hin, welche
dieser drückte; »wenn ich auch weiss, dass Ihr Einfluss auf Murphy kaum ins Gewicht
fallen kann, wo es sich bei diesem um einen grossen Gewinn handelt, so freue ich
mich doch über Ihre Gesinnung, welche mir aus Ihnen einen natürlichen
Bundesgenossen macht. - Sehen Sie zu, wie die Sache steht, und erwarten Sie mich
morgen früh in der Stadt - ich möchte vor unsern Ladies im Hause vorläufig die
ganze Angelegenheit noch verschwiegen halten, und da es auffallen müsste, wenn
Sie noch am späten Abend hier ankämen, so lassen wir lieber jede weitere
Besprechung bis morgen früh.«
    »Wie Sie wollen, Sir,« erwiderte Nelson, »wenigstens will ich jetzt aber
keinen Augenblick mehr verlieren, um an die Arbeit zu gehen. Sie werden mich
doch bei den Ladies entschuldigen -«
    »Schon recht, Sir!« sagte Elliot, dem jungen Manne nach der Tür folgend,
»und ich verspreche Ihnen, dass ich die Hindernisse, welche noch zwischen Ihnen
und Ellen liegen, so schnell beseitigen werde, dass Sie sich deshalb nicht eine
einzige unruhige Minute mehr zu machen brauchen. Unser Interesse ist von heute
an ein vereintes.«
    Nelson drückte mit beiden Händen die Rechte des Pflanzers, und verliess dann,
von diesem bis zum Portico begleitet, das Haus. - -
    Es war mehrere Tage später, als Helmstedt von einem abendlichen Ritt nach
der Stadt zurückkehrte. Zwischen seinen Augen lag ein Ausdruck von Sorge und
Verstimmteit; wenn er sich aber über das, was ihn drückte, hätte klar
aussprechen sollen, wäre es ihm wohl kaum möglich gewesen. Er hatte seit dem
letzten Gespräche mit dem Vater seiner Frau den Rest seiner Liebe für diese zu
Grabe getragen - wusste er doch, dass ohne ihren eigenen Willen Niemand den
Versuch hätte machen können, sie von ihm zu scheiden; auch das neue Gefühl, was
ihn zu Pauline Morton zog, hatte er so weit unterdrückt, dass es ihm nur noch
dann und wann im Traume vor die Seele trat - seine ganze Natur war zu kräftig,
als dass sie sich ohne Widerstand einer unerwiederten Neigung hätte hingeben
sollen, und sah es nun auch so öde in ihm aus, dass er gar nicht mehr an die
Zukunft denken mochte, so war es doch ein Druck anderer Art, der ihn, wie die
Ahnung von einem herbeikommenden Unglück, auf dem Herzen lag. Seit zwei Tagen
glaubte er in dem Wesen seiner meisten Schülerinnen eine Veränderung
wahrzunehmen, die er sich nicht erklären konnte. An die Stelle der freundlichen
Herzlichkeit, mit welcher ihm Einzelne sonst immer begegneten, waren Kälte und
Einsilbigkeit getreten - rebellische Charaktere, welche die Achtung vor ihm
stets in den gehörigen Schranken gehalten hatte, waren aufsässig und schnippisch
geworden, und wo er sonst Fleiss und Eifer gesehen, schien eine plötzliche
Lässigkeit sich geltend zu machen. Er hatte am ersten Tage wenig darauf
geachtet; als aber bei seinem abendlichen Besuch in einzelnen Familien ihn eine
sonderbare Stille empfing, als ihm weder da, wo ein Piano im Hause war, die
gewöhnliche Aufforderung, etwas vorzutragen, wurde, noch an andern Orten seine
Schülerinnen es der Mühe wert fanden, während seiner kurzen Anwesenheit im
Zimmer zu bleiben; als am zweiten Tage sich bei seinem Unterricht dieselbe
Erscheinung wie Tags zuvor zeigte, und bei einem Ritt in die Umgegend ihm in
zwei Pflanzerfamilien ein ähnlicher Empfang wie in der Stadt wurde, - da fühlte
er, dass eine feindliche Macht in sein Leben griff, ohne dass er sich das Wie und
Warum hätte erklären können.
    Er hatte, sich mit zehnerlei Vermutungen herumschlagend, von welcher keine
Stich halten wollte, die ersten Häuser der Stadt erreicht, als er einen einsamen
Spaziergänger in der Dämmerung sich entgegenkommen sah, bei dessen Erblicken er
sein Pferd zu langsamerem Schritte zügelte. Er hatte den Vorsteher der Akademie
erkannt, einen Mann, welcher ihm immer mit der herzlichsten Freundlichkeit
begegnet war, und der Gedanke durchschoss ihn, dass, wenn ihm Jemand seine Zweifel
lösen könne, dieser es sein müsse. Er fühlte sich innerlich so wund, dass er
keinen Augenblick, in welchem ihm die Gelegenheit zu einer Aufklärung geboten
wurde, vorüberstreichen lassen mochte, und ehe noch der Spaziergänger
herangekommen, war Helmstedt abgestiegen, und ging, sein Pferd am Zügel
nachführend, ihm entgegen.
    »Mr. Pierce, ich freue mich, Sie zu treffen, und Sie entschuldigen, dass ich
Sie hier so ohne Weiteres auf offener Strasse anrede.«
    »Sie sind mir an jedem Orte willkommen, Sir!«
    »Ich danke Ihnen! Ich möchte eine offene Frage an Sie richten, Sir, und wenn
das jetzt eben geschieht, wo ich Sie zufällig treffe, so ist es, weil ich die
Stimmungen um mich her, die ich nicht verstehe und gegen welche mich mein
Gewissen frei spricht, nicht ertragen kann. Wissen Sie irgend einen Grund, warum
die Leute, mit denen ich in Berührung bin, anders gegen mich sind, als jemals
früher? Wissen Sie eine Ursache, die mir meine Schüler entfremdet haben könnte,
wie es mir seit zwei Tagen so auffällig entgegengetreten ist, dass es mir wehe
getan hat? Ich mag Ihnen mit meinen hastigen Fragen aufgeregt erscheinen, Mr.
Pierce, und Sie müssen mich deshalb entschuldigen; aber die Veränderung um mich
her ist seit einigen Tagen so sonderbar, und hat mich eben erst so empfindlich
berührt, dass mir das Begegnen mit Ihnen wie eine Fügung erschien, um mir
Gewissheit über meine Stellung zu verschaffen.«
    »Ich glaube, ich kann Ihnen die nötige Aufklärung geben, wenn wir es auch
hier nicht vornehmen wollen,« erwiderte der Vorsteher in einem Tone, der
Helmstedt wohltat, »und ich gestehe Ihnen, dass ich selbst die aufrichtigste
Betrübnis über den Stand der Dinge fühle. Wir haben nur wenige Schritte bis zur
Akademie, lassen Sie uns dort einige Worte in Ruhe mit einander sprechen.«
    Er wandte sich zurück und Helmstedt ging schweigend an seiner Seite, bis sie
das Schulgebäude erreicht hatten. Dort band der junge Mann sein Pferd an die
Stacket-Einzäunung und folgte dem Vorsteher nach dessen Arbeits-Zimmer.
    »Ich muss Ihnen sagen,« begann der Letztere, nachdem Beide Platz genommen
hatten, »dass ich wahrscheinlich schon morgen Sie ersucht haben würde, sich mit
mir auszusprechen, und es ist mir lieb, dass Sie dem selbst zuvorkommen. Ich will
ohne Umschweif zu Ihnen reden. Sie wissen, wie gern ich Sie hier en agirt habe,
als Sie Mr. Morton mir empfahl, und wie sehr zufrieden ich mit allen Ihren
Leistungen gewesen bin. Aber Mr. Morton, der unser beiderseitiger Freund war,
ist jetzt todt und sein Einfluss, welcher Manches während seinen Lebzeiten
ausglich, existirt nicht mehr. Ihre junge Frau ist zu ihren Eltern zurückgekehrt
und die verschiedensten Versionen über die Ursachen dafür sind plötzlich in
Umlauf gekommen - - dabei ist aber das Schlimmste, dass Sie, wie es heisst, des zu
erwartenden Vermögens wegen in keine Scheidung willigen wollen, und dass, wenn
diese ja auf irgend eine Weise erzwungen werden sollte, alle Eltern für ihre
Töchter, welche sie hierher zur Erziehung geben, fürchten, so lange Sie den
Musik-Unterricht leiten.«
    Helmstedt wollte sprechen, aber der Vorsteher unterbrach ihn. »Lassen Sie
uns alle unnützen Worte sparen, Sir,« sagte er, »ich glaube von Allem, was in
Umlauf gesetzt worden ist, kein Wort, ich habe Ihrem Processe beigewohnt und Sie
während Ihres nachherigen Lebens genauer als vielleicht irgend Jemand kennen
gelernt; aber ich hänge nicht von mir allein ab, ich bin selbst nur Beamter der
Gesellschaft, welche die Akademie gegründet hat, und muss dem, was die Mehrzahl
der mir zur Seite gesetzten Vertrauensmänner beschliesst, folgen. Ich entlasse
Sie ungern, sehr ungern, Mr. Helmstedt, aber ich wäre gezwungen gewesen, Ihnen
diese Nachricht schon morgen zu geben.«
    Helmstedt sass eine Weile ohne ein Wort zu reden da. »Well!« sagte er dann,
»ich kenne die Quelle, aus welcher alles dieses fliesst - wenigstens bin ich doch
jetzt nicht mehr im Unklaren. Ich bin entlassen, weil ich so handelte, wie es
jeder rechtliche Mann für allein ehrenhaft gehalten hätte; ich soll Ordre
pariren, weil man glaubt, mich durch meine Armut dazu zwingen zu können. Wir
werden sehen! Ich danke Ihnen, Mr. Pierce, für die Freundlichkeit, mit welcher
Sie mich stets behandelt haben,« fuhr er aufstehend fort, »danke Ihnen für Ihre
gute Meinung über mich, vielleicht kann ich Ihnen noch einmal beweisen, dass Sie
Recht hatten. Gute Nacht!« Er drückte kräftig die Hand des Vorstehers und
schritt aus dem Zimmer. Als er sein Pferd losgebunden, sass er mit einem Schwung
im Sattel, dass es zum Galopp ansprengte und bald hatte er sein Haus erreicht, wo
Cäsar auf ihn wartete.
    »Er ging nach seinem Zimmer, brannte Licht an und warf sich in den Lehnstuhl
vor seinem Arbeitstische. Eine Weile liess er alle Gedanken und Gefühle, welche
das Gespräch mit seinem bisherigen Prinzipale in ihm erregt hatte, durcheinander
wogen; bald aber setzte er sich aufrecht und begann seine augenblickliche Lage
bestimmt ins Auge zu fassen. Ein Wunsch stand im Vordergrunde seiner Seele, dem
Angriffe, welcher so heimtückisch auf seine Existenz gemacht worden war, nicht
weichen zu müssen. Er wusste, dass wenn er den Staat verliess, wozu man ihn jetzt
wahrscheinlich zwingen wollte, es leicht genug gemacht war, eine Scheidung
seiner Frau von ihm zu erzielen - gaben doch schon seine jetzt mangelnden
Subsistenzmittel Grund genug dafür ab, und wenn er auch, wie das Verhältnis
zwischen ihm und Ellen stand, einer Trennung nie einen eigentlichen Widerstand
hätte entgegensetzen mögen, sobald nur seine Mannesehre dabei gewahrt wurde, so
empörte sich doch Alles in ihm gegen die Weise, wie sie ihm abgedrungen oder
gegen seinen Willen bewerkstelligt werden sollte. Die Frage war jetzt: wie
materiell bestehen, um nicht seinen Feinden ohne Schlag das Feld zu räumen. Mit
einem ferneren Erwerbe durch Musik-Unterricht war es wenigstens in der nächsten
Umgegend zu Ende, und seine ganzen Mittel bestanden in der Summe, welche ihm
wenige Tage vorher als Betrag des Unterrichtsgeldes für den laufenden Monat
ausgezahlt worden war. Sollte er sich an ein anderes Erziehungs-Institut im
Staate um Erlangung von Beschäftigung wenden, oder musste er nicht fürchten, dass
der Einfluss, welcher ihn von hier vertrieb, ihm auch dortin folgen würde?«
    Während seines Grübelns hatte sich die Tür geöffnet und Cäsar sich an den
Eingang postirt. Helmstedt sah auf - er kannte die verschiedenen Arten von
Gesichtsausdruck des Schwarzen und wusste, dass dieser jetzt irgend etwas zu
erzählen hatte - aber er kam ihm damit ungelegen. »Was ist es, Cäsar?« fragte er
kurz.
    »Ich wollte nur etwas fragen, wegen Little Vallei, Sir, nichts Bedeutendes
gerade -«
    »Dann lass es bis ein andermal, ich bin jetzt beschäftigt.«
    
    Der Schwarze verschwand, und Helmstedt gab seinen Gedanken wieder Raum. Er
begann in Gedanken sein ganzes Besitztum durchzugehen, um zu berechnen, was ihm
aus dem Erlös desselben erwachsen könne; er öffnete zu dem Zweck ein Fach seines
Schreibtisches, in welchem sich eine Kostenberechnung aller Anschaffungen bei
seiner Verheiratung befand. Hier aber fiel ihm zuerst Mortons Brief in die
Hände, der unerbrochen und vergessen dagelegen hatte, seit er ihn aus Paulinens
Händen erhalten. Helmstedt wollte ihn im ersten Moment wieder bei Seite legen,
aber als sein Auge auf die unsichere Handschrift der Adresse fiel, kam ihm
wieder das ins Gedächtnis, was der Vorsteher der Akademie über die Freundschaft
des Verstorbenen zu ihm und den Einfluss, den er zu seinem Besten geltend
gemacht, gesprochen hatte; er sah das biedere Gesicht des alten Pflanzers vor
sich, er erinnerte sich, dass dieser an ihn noch in seinen letzten Stunden
gedacht, und in plötzlich gemilderter Stimmung löste er das Couvert. Ein neuer,
mit Papieren gefüllter Umschlag und ein teilweise beschriebener Bogen zeigten
sich. Helmstedt entfaltete den letztern und las:
 
            »Mein lieber junger Freund!
        Ich ahne, dass ich Sie nicht wiedersehen werde, und so benutze ich eine
        Stunde, welche mir vielleicht zum letzten Mal einige Kraft zurückgibt,
        um ein Lebewohl an Sie zu richten und Sie an das Versprechen zu mahnen,
        welches Sie mir bei unserm letzten Zusammensein gaben. Pauline weiss
        nichts von unserm Uebereinkommen: ihr Herz ist so stolz und stark, dass
        sie wohl glauben mag, sich selbst genug sein zu können, dass sie jeden
        aufgedrungenen Beistand von sich weisen würde. Aber ich weiss auch, dass
        sie ihre Stärke nur durch Entsagung und Aufopferung erlangt hat: ich
        kenne mehr von diesem Herzen, dem ich doch nur Schutz und keine
        Befriedigung geben konnte, als sie weiss, und ich erkenne alle die
        Schwierigkeiten, welche ihr nach meinem Tode, so lange sie in den
        jetzigen Verhältnissen lebt, entgegentreten und sie verwunden müssen.
        Darum lassen Sie das Auge nicht von dem, was um sie vorgeht, wenn auch
        unbemerkt von ihr - der Blick eines von der Welt Scheidenden sieht
        klarer als sonst, und mir ist es, wenn ich die Dinge um mich her
        betrachte, als würde auch noch einmal ein Frühling für sie blühen, und
        ihr ein Schutz werden, unter dem sie sich gern bergen wird.
        Die Wertpapiere, welche ich hier beigelegt habe, betrachten Sie als das
        Vermächtnis eines Freundes und als ein Zeichen meiner Achtung und
        Anhänglichkeit; es sind 2000 Doll. Auch hiervon weiss Pauline nichts,
        damit Ihr Zartgefühl, das so leicht verletzt ist, geschont bleibe, -
        mögen sie bei irgend einer Gelegenheit Ihnen einmal passend kommen.
        Und nun sei es genug, das Schreiben wird mir schwer; - wenn wir uns
        nicht wiedersehen sollten, so widmen Sie bisweilen einem Manne, der
        Ihnen von Herzen wohlgewollt, einen freundlichen Gedanken.
                                                                   Jas. Morton.«
    Helmstedts Hand zitterte, als er zu Ende war; eine lange Weile sah er stumm
vor sich hin, bis sich seine Brust endlich in einem tiefen Atemzuge Luft
machte. Dann begann er die Zuschrift noch einmal von Anfang an durchzulesen. Mit
jeder Zeile, die er langsam beendete, war es ihm, als liege ein tieferer Sinn in
diesen letzten Worten des alten Pflanzers, als er bei der ersten raschen
Durchsicht wahrgenommen; er hielt bei einzelnen Stellen an und begann darüber zu
grübeln. Nicht die unerwartete Hilfe, welche ihm so plötzlich geworden, war es,
die ihn hauptsächlich beschäftigte - seine Gedanken waren bei dem stolzen,
starken Herzen, wie es Morton genannt, dem Herzen, das er doch so weich gekannt
und dem er jetzt so gern alle Opfer und Entsagungen hätte vergessen machen
mögen. »Des Todten Wille soll treulich erfüllt werden,« sagte er still vor sich
hin, »ich will über sie wachen, ohne dass sie es weiss, will die Sorge für sie zu
meinem Lebenszweck machen, bis sie selbst sich wieder einen natürlichen Schutz
gewählt.« Er konnte einen halben Seufzer nicht unterdrücken, aber wie ärgerlich
über sich selbst sprang er auf. »Wie das Schicksal will!« rief er, beide Arme
von sich streckend, »jetzt aber heisst es: dem eigenen Herzen, wie der Aussenwelt
Trotz geboten!«
    Soeben trat der Schwarze wieder ein, um frisches Wasser für die Nacht zu
bringen. Er wollte sich nach Beendigung seines Geschäfts leise entfernen, aber
Helmstedt, der seinen frühern Platz wieder eingenommen hatte, rief ihn zurück.
»Jetzt magst du erzählen, Cäsar,« sagte er, »du hattest etwas wegen Little
Vallei auf dem Herzen, was ist es?«
    Der Neger zog ein halb verlegenes Gesicht und rieb seine Hände. »'S ist nur
etwas vom Hörensagen, Sir, aber ich möchte doch fragen, ob Sie etwas davon
wissen? Es heisst, dass Mr. Barlett, der Aufseher, fortgeschickt werden soll, und
das ist schon unter allen Schwarzen in Little Vallei herum. Sie wissen ja wohl,
die Köchin in Mortons Haus ist wegen ihrer Horcherei dort nach Little Vallei zum
Kochen geschickt worden, und die hat im Aerger über ihre Versetzung dem Aufseher
gesagt, lange werde sie doch nicht dableiben, nur so lange bis er weggejagt sei,
und das werde bald genug geschehen, sie wisse das genau; wenn erst der neue
Aufseher komme, dann sei keine Gefahr mehr, dass ihr gutes Herz ihr wieder einen
Streich spiele. Der Aufseher hat geflucht und sich nach seiner Peitsche
umgesehen, da hat sie aber nach einem Topf voll kochenden Wassers gegriffen und
gesagt, er solle nur versuchen, sich an ihr zu vergreifen, sie fürchte sich gar
nicht, ihn zu Tode zu brühen, sie wisse wie sie stehe. Da soll Mr. Bartlett ganz
blass geworden sein, über verdammte Weiberwirtschaft geflucht haben, und dass er
sich schon helfen werde. Seit dem Tage aber ist er kaum ein paar Mal aufs Feld
gekommen und hat die Arbeiter tun lassen, was sie gewollt; die zwei schwarzen
Mädchen aber, mit denen er in seinem Hause lebt, haben erzählt, dass er noch
einmal so viel Whiskei trinke, als sonst und die Hälfte des Tages verschlafe.
Die Köchin hat sich bis jetzt noch nicht getraut, die junge Mistress wissen zu
lassen, wie es steht, und so habe ich gedacht, es wäre gut, wenn ich es Ihnen
erzählte, Master.«
    Helmstedt hatte aufmerksam zugehört und ein Zug von Befriedigung trat in
seinem Gesicht hervor; war es ihm doch, als sei Cäsars Erzählung der erste Ruf
an ihn, der übernommenen Pflicht gegen Pauline Genüge zu leisten. Er dachte eine
kurze Weile nach. »Willst du mir wohl angeben,« sagte er dann, »woher du den
ganzen, genauen Bericht hast? Ist dir wieder einer von den Schwarzen aus Little
Vallei begegnet?«
    Cäsar verzog das Gesicht und kratzte sich erst auf der einen und dann auf
der andern Seite des Kopfes. »Wenn Sie es zu wissen verlangen, Master, so muss
ich es Ihnen sagen,« erwiderte er mit einem Ausdrucke, der aus Laune und
Aengstlichkeit gemischt schien. »Ich besuche jetzt bisweilen die Mary in Mortons
Hause - es ist noch eine alte Liebschaft von früher her, Sir!« setzte er wie
entschuldigend hinzu. »Seit ich der Sarah nichts klatschen wollte, was hier im
Hause vorging, ist sie so bissig geworden, wie eine Katze, und hat mir, als ich
das dritte Mal nach Oaklea kam, nicht einmal ihre Tür aufgemacht. Da habe ich
an die Mary gedacht, die mich immer gern gehabt, als ich noch auf Mr. Mortons
Farm war; ich bin aber damals so versessen auf die Sarah in Oaklea gewesen, ich
glaube wahrhaftig nur, weil sie so stachlig war und nichts von mir wissen
wollte, dass ich der Mary immer aus dem Wege gegangen bin. Well, Master, der Mary
ist die ganze Geschichte gesteckt worden und sie hat sie mir erzählt; sie hat
aber der Köchin wegen der jungen Mistress noch kein Wort zu sagen gewagt.«
    Helmstedt schüttelte, wie von einem eigentümlichen Gedanken berührt,
langsam den Kopf. »Komm her, Cäsar,« sagte er nach einer Pause, »du bist ein
verständiger Bursche, du möchtest mir auch etwas zu Liebe tun, wie du neulich
sagtest - und so will ich dir einen Auftrag geben, bei dem ich mich ganz auf
dich verlassen muss. Höre aufmerksam zu. Ich möchte gern, dass Mistress Morton, die
seit ihres Mannes Tode jeden männlichen Beistand verloren hat, von den
Unannehmlichkeiten, die ihr bei den jetzigen Verhältnissen erwachsen könnten,
befreit bliebe. Wenn ich aber auch gern Alles zu ihrer Unterstützung tue, so
habe ich doch nicht Zeit, jeden Tag nach Mortons Hause zu reiten, um zu sehen,
was dort geschieht, - nebenbei will es sich auch nicht recht schicken, dass ich
eine junge, alleinstehende Frau so oft besuche. Jetzt, Cäsar, sollst du mir
helfen. Gehe und mache deiner Mary den Hof, aber teile mir jeden Morgen mit,
was in Mortons Hause vorgegangen ist - ob gering oder nicht, ist gleichgiltig;
jede kleine Nachricht wird mich über den Stand der Dinge dort im Klaren halten,
wird mir zeigen, ob es meinerseits nötig ist, etwas zu tun, oder nicht, und
ich kann unbesorgt meinen eigenen Geschäften nachgehen. Du wirst dabei einsehen,
dass von deinem Auftrage nicht das Geringste verlauten darf, wenn die junge
Mistress nicht beleidigt werden soll - ich hoffe, du hast mich vollkommen
verstanden, Cäsar?«
    »Warum soll ich Sie nicht verstehen, Mr. Helmstedt?« erwiderte der Schwarze
mit einem fröhlichen Grinsen. »Entschuldigen Sie, wenn ich lache; es kam mir nur
eben so sonderbar vor, dass meine Torheit mit der Mary noch zu etwas Gutem
helfen kann. Sie sollen ordentlich bedient werden, Master, rechnen Sie auf den
Cäsar - und,« fuhr er mit einem halben Stocken fort, »Sie werden's gewiss auch so
einrichten, dass die Mary keinen grossen Schaden von ihrer Gutmütigkeit gegen
mich hat.«
    »Verlass dich darauf!« nickte Helmstedt befriedigt, »sie soll nirgends
erwähnt werden. Nun geh und lass mich sehen, ob du ein Bursche bist, dem sein
Herr etwas anvertrauen kann.«
    Der Schwarze antwortete nur mit einer Kopfbewegung voller Entschluss und
verliess das Zimmer; Helmstedt aber lehnte sich nachdenkend in seinem Armstuhle
zurück. Er war im Grunde seiner Seele nicht ganz einig mit sich selbst, ob er
durch seinen Auftrag an Cäsar recht gehandelt oder nicht. Es sträubte sich etwas
in ihm gegen die Weise, auf welche er sich Nachrichten von Paulinens Begegnissen
verschaffen wollte, und doch sah er keinen andern Weg; zudem gab er, seit er in
Amerika so manchen Kampf hatte kennen lernen müssen, etwas auf Schicksalswinke,
und Cäsars Mitteilung von seiner Liebschaft in Mortons Hause, gerade zu einer
Zeit, wo es dem jungen Manne schwer geworden wäre zu bestimmen, wie er sich von
dort laufende Nachrichten verschaffen solle, war ihm wie ein bedeutsamer
Fingerzeig erschienen. Er rieb sich lange die Stirn, ohne ganz mit sich klar zu
werden, bis er endlich beschloss, wenigstens vorläufig den gemachten Anordnungen
ihren Lauf zu lassen, bis sich ihm ein anderer Weg zu seinem Zwecke zeigen
würde. Er putzte das Licht, suchte Papier hervor, und begann in einem Briefe an
den alten Doctor Ford diesem die gegenwärtigen Verhältnisse in Little Vallei
mitzuteilen.
 
                                      VII.
Die »Law-Office« der Advocaten Griswald und Duncan galt als die bedeutendste im
County, wenn auch die äussere Erscheinung derselben wenig davon wahrnehmen liess.
Ein vorderes Zimmer, das drei abgenutzte, mit langjährigen Tintenflecken
verzierte Schreibtische und verschiedene halbzerbrochene Stühle entielt - und
ein hinteres mit besonderm Eingange, welches einige Reihen Gesetzbücher, einen
kleinen eisernen Geldschrank und sechs wackelige Sessel um einen eben so
ausgedienten eirunden Tisch zeigte, bildeten die ganzen Räumlichkeiten, denen
man es daneben noch ansah, dass jährlich kaum einige Mal sich der Besen darin
blicken liess.
    Es war Abend und die Office geschlossen; in dem hintern Zimmer waren jedoch
sämmtliche sechs Stühle von teils ältern, teils jüngern Männern besetzt,
während ein siebenter auf dem niedern Geldschranke Platz genommen hatte. Zwei
Talglichter auf verrosteten Leuchtern gaben eben Licht genug, um die einzelnen
Gesichter erkennen zu lassen.
    »Well, Gentlemen,« begann Griswald, welcher am obern Ende des Tisches sass,
»es ist jedenfalls gut, wenn wir unsere Sache gemeinschaftlich betrachten und
uns vollkommen verständigen. Mr. Murphy will, wie Sie wissen, den in seinen
Händen befindlichen Anspruch an das uns bekannte Eigentum durch den hiesigen
Teil der allgemeinen Advocaten-Association vertreten wissen und dafür fünfzig
Procent des Ertrages an die hiesigen Mitglieder der Association abgeben. Die
einzige Frage, welche jetzt noch in Betracht zu ziehen wäre, ist die: ob die
Klage auf vollständige Abtretung des Eigentums eingeleitet, oder ob der jetzige
Inhaber desselben zur Zahlung eines Abstandsquantums vermocht werden soll. Die
Frage ist offen, Gentlemen, und ich werde meine eigene Meinung mir bis zuletzt
vorbehalten.«
    »Wie ich die Angelegenheit betrachte,« liess sich ein ältlicher Mann
vernehmen und bog seinen Stuhl schaukelnd auf die beiden Hinterfüsse, »so sieht
der Fall beim ersten Anblick allerdings bestechend genug aus; indessen glaube
ich doch, dass unser Freund Murphy zu sanguinisch in seinen Hoffnungen gewesen
ist. Die Giltigkeit indianischer Besitztitel in unserm Staate ist im Allgemeinen
eine höchst zweifelhafte Sache und hängt zum grossen Teile von der Auffassung
des einzelnen Falles ab; und dass in dem gegenwärtigen der Titel in der
Land-Office angemeldet worden ist, tut nichts zu seiner Verbesserung. Die
Anmeldung hat durchaus keine andere Bedeutung, wie die jedes einfachen Claims,
und die betreffende Person hätte sich auf dem beanspruchten Lande niederlassen
müssen, was augenscheinlich nicht geschehen ist. Als einfacher Prozess zwischen
zwei streitenden Parteien angesehen, würde der Fall sicherlich ein
ausgezeichneter zu nennen sein; es lässt sich von beiden Seiten für den Advocaten
viel daraus machen; soll aber die Association selbst Partei darin ergreifen, so
muss ein schneller, reeller Erfolg vor allen Dingen ins Auge gefasst werden, den
ich bei einer Klage auf Eigentumsabtretung im vorliegenden Falle nicht sehen
kann, und es wäre deshalb meine Meinung, die nötigen Anordnungen zu treffen, um
den jetzigen Inhaber des Eigentums zur Zahlung eines verhältnissmässigen
Abstandsgeldes für den erhobenen Anspruch zu bestimmen. Ich glaube, dass selbst
Mr. Murphy mit mir darin einverstanden sein wird.«
    »Well, Gentlemen,« klang Murphy's Stimme vom Geldschranke, »ich habe in den
letzten Tagen privatim die Ansicht der meisten hier gegenwärtigen Herren gehört,
und allerdings stimmt diese mit der des vorigen Redners überein. Aber was man
nicht direct erreichen kann, Gentlemen, lässt sich vielleicht auf einem Umwege
erlangen. Ich habe mir als Minimum eines Abstandsgeldes 30,000 Doll. gedacht,
etwa der sechste Teil dessen, was der Boden und die Gebäulichkeiten der Farm
wert sind, welcher Betrag in einer Mortgage auf das gesammte Eigentum zu
zahlen sein würde. Wie aber mit 30,000 Doll. Mortgage bei der Verfallzeit ein
noch viel grösserer Wert als das in Rede stehende Eigentum erlangt werden
könnte, wenn nur einigermassen richtig und auf den Zweck gearbeitet wird, brauche
ich den Herren nicht erst aus einander zu setzen.«
    Ein Kopfschütteln Griswalds unterbrach den Sprechenden. »Ich glaube, dass
derartige Speculationen über den Zweck der Association hinausgehen,« sagte der
alte Advocat; »ich stimme ganz mit dem ersten Redner überein, dass nur ein
schneller, reeller Erfolg ins Auge gefasst werden kann, wie er durch ein
Abstandsquantum zu erzielen ist, mag dieses auch durch Mortgage gezahlt werden;
die Verwandlung derselben in baares Geld wird auf keine Schwierigkeiten stossen
und die Ansprüche eines Jeden von uns sofort befriedigt werden können.«
    Ein vielfaches Nicken in dem Kreise der Anwesenden bekräftigte Griswalds
Einwurf, und dieser fuhr nach kurzem Räuspern fort: »Wenn der hier anwesende
Teil der Association in der Angelegenheit richtig verfährt, den Fall als einen
hoffnungslosen für den bedrohten Teil ansieht und ihn so im Gespräche mit
Andern behandelt, wenn wir den Einfluss, welchen unsere längere Erfahrung uns
über die jüngeren Collegen in der Stadt gibt, richtig verwenden, wenn besonders
Mr. Murphy den Besitztitel entfernt von einer möglichen allzugenauen Prüfung
Unberufener hält, so bin ich fest überzeugt, dass der jetzige Inhaber des
Eigentums, schon wenn er die allgemeine Meinung der Gesetzkundigen gegen sich
sieht und bei der dadurch naturgemäss erzeugten Entmutigung, sich zu dem in Rede
stehenden Abstandsquantum herbeilassen wird, besonders da es nicht in baarem
Gelde geleistet werden soll. Ich betrachte zugleich den einzuschlagenden Weg als
eine vollkommen ehrliche Taktik. Mit Sicherheit kann in dem vorliegenden Falle
Niemand den Ausgang eines einzuleitenden Processes bestimmen; selbst aber den
günstigsten Ausgang für den Beklagten angenommen, so würde dieser an Kosten und
Gebühren dennoch eine jetzt kaum zu berechnende Summe zu zahlen haben, und wenn
sich auch das Abstandsquantum etwas höher als die Processkosten belaufen dürfte,
so wird für ihn der Unterschied reichlich durch die beseitigte Gefahr eines
gänzlichen Verlustes seines Eigentums und die schnelle Ordnung der
Angelegenheit ausgeglichen.«
    »Einverstanden!« liess es sich von mehreren Seiten hören, und Murphy, der
ungeduldig auf dem Geldkasten umher gerückt war, hielt sichtbar eine Erwiderung
zurück.
    »Wenn deshalb Niemand gegen den vorgeschlagenen Plan etwas einzuwenden hat,«
fuhr Griswald fort, »so möchte ich empfehlen, langsam und vorsichtig unsere
Operationen zu beginnen. Mr. Murphy hat versprochen, sich mit mir in
fortwährender Verbindung zu erhalten, und sollte sich irgend etwas von
Wichtigkeit ereignen, so soll Ihnen rechtzeitig Mitteilung davon werden. - Wer
von den Herren noch irgend etwas vorzutragen hat, möge sich melden. - Niemand!
Die Sitzung ist aufgehoben.«
    Ohne Geräusch erhob sich ein Jeder. - Griswald schloss die Hintertür auf,
und einzeln, in Zwischenräumen von einer Minute verliessen die Anwesenden die
Office. Hinter dem letzten schloss Griswald die Tür wieder, löschte die Lichter
aus und nahm seinen Weg durch das Vorderzimmer nach der Strasse. Er hatte hier
kaum einige Schritte getan, als er seinen Namen nennen hörte.
    »Halloh, Mr. Nelson!« rief er, den in der Dunkelheit Herankommenden
erkennend, und reichte ihm die Hand; »habe Sie ja wer weiss wie lange nicht
gesehen; betreiben jetzt angenehmere Geschäfte als Advocatenpraxis, wie ich mir
sagen liess, he?« Er brach in ein herzliches Gelächter aus und schüttelte dem
jungen Manne derb die Hand. »Begleiten Sie mich nach dem Hotel, Sir? Mein Magen
ist von der Hitze so schlaff, dass ich ihm einen derben Brandy-Smash zu kosten
geben muss. Die Arznei schlägt aber auch das junge, hitzige Blut nieder; was
meinen Sie also dazu, Sir?« Er lachte von Neuem.
    »Well, ich danke Ihnen, Mr. Griswald, vielleicht nachher!« erwiderte der
junge Advocat mit gedämpfter Stimme. »Ich möchte gern ein paar Worte ungestört
mit Ihnen reden; ich war Nachmittags schon einige Male in Ihrer Office, ohne Sie
treffen zu können.«
    »Aber, Mann, doch nichts Geschäftliches heute mehr?« sagte Griswald mit
komischem Entsetzen; »ich versichere Sie, mein Kopf und mein Magen sind so
herunter, dass ich kaum noch einen Gedanken fassen kann - ist es so eilig? Was
ist es denn?«
    »Es wäre mir allerdings lieb gewesen, Sir, noch heute mit Ihnen zu reden,«
war die Antwort. »Squire Elliot ist bis jetzt in der Stadt geblieben, um aus
einer Conferenz zwischen mir und Ihnen etwas bessere Laune mit nach Hause nehmen
zu können. Sie kennen ja den sonderbaren Fall, welchen Murphy gegen ihn
vertritt!«
    »Bah! und da auch noch ein Wort darüber reden!« versetzte Griswald
geringschätzig. »Lassen Sie die ganze Sache ruhig gehen und trinken Sie einen
Smash mit mir, das ist das Beste, was Sie in der Angelegenheit tun können.«
    »Aber, Mr. Griswald -«
    »Haben Sie das Document gesehen? Jedenfalls nicht, sonst bin ich von Ihrer
eigenen Routine in solchen Dingen überzeugt, dass Sie nur die Achseln gezuckt und
Squire Elliot geraten haben würden, sich auf gute oder schlimme Weise, wie es
eben gegangen wäre, mit dem Inhaber des Besitztitels abzufinden. - Ich mag mich
irren,« fuhr er, die Schultern hebend, fort, »Elliot mag irgend einen andern
erfahrenen Rechtsmann zu Rate ziehen - ich selbst will aber mit einem solchen
verlorenen Posten in keiner Weise mehr in Berührung kommen. Bei Jingo!« setzte
er plötzlich lachend hinzu und schlug dem jungen Advocaten auf die Schulter, »da
fällt mir ja ein, dass Ihr junges Herz einen Anteil an der Sache hat -
Teufelsgeschichte das! Lassen Sie uns unsern Smash trinken und die Sorgen
vergessen - das ist wirklich das Einzige, was man jetzt tun kann.«
    »Das Document ist mir allerdings noch nicht zu Gesicht gekommen,« sagte
Nelson und ging mit halb gesenktem Kopfe neben seinem ältern Collegen dem Hotel
zu; »es war immer zur Beurteilung in andern Händen -«
    »Noch ein Wort!« unterbrach ihn Griswald, wie von einem plötzlichen Gedanken
ergriffen stehen bleibend, »ich nehme im Grunde genommen so viel Anteil an
Elliot, dass ich ihn gern von einem unausbleiblichen Ruin retten möchte. Sie
haben Einfluss auf ihn, wenigstens kann bei dem Verhältnis, in welches Sie
künftig zu ihm treten wollen, kein Verdacht gegen Ihre Aufrichtigkeit in ihm
entstehen. Raten Sie ihm, den alten Titel durch drei unserer erfahrensten
Rechtsanwälte prüfen zu lassen - ich glaube kaum, dass Murphy bei der Gewissheit
seiner Sache einen Einwand dagegen machen wird - und wenn der Squire dann die
Gewissheit von seiner Gefahr, an die er noch gar nicht zu glauben scheint,
eingesehen hat, so mag er seinen Stolz einmal in die Tasche stecken, sich zu
Murphy begeben und mit diesem über ein Abstandsgeld unterhandeln. Elliot ist im
Besitz des streitigen Eigentums und hat dadurch, dem Sprichwort nach, zwei
Drittel des Rechts für sich. Murphy wird jedenfalls alle seine Mittel aufbieten
müssen, um, wenn sich Elliot wehrt, den Prozess durchzuführen, und wird so, wie
ich mir denke, sein Ohr nicht gegen einen vernünftigen Vorschlag verschliessen.
Arbeiten Sie für diesen Gedanken, junger Mann, wenn Sie wirklich Elliots Freund
sind, bringen Sie ihn zur vollen Erkenntnis seiner Lage; das ist der einzige
Weg, um den Ruin von ihm und seiner Familie abzuhalten.«
    Griswald ging schweigend weiter, bis sie das Hotel erreicht hatten und er in
den Bar-Room eintreten wollte.
    »Ich denke, ich trinke jetzt nichts, Sir, Mr. Elliot erwartet mich,« sagte
Nelson und ergriff die Hand seines Begleiters, sie kräftig drückend, »es scheint
mir wirklich, als sei Ihr Rat der beste, und wenn Murphy den von ihm
vertretenen Anspruch einer Prüfung in der Weise, wie Sie es vorschlugen,
unterwerfen will, so sehe ich keinen Grund, warum Mr. Elliot sich nicht jeder
einigermassen annehmbaren Forderung unterwerfen sollte. Entschuldigen Sie mich
jetzt, Mr. Griswald, ich sehe Sie jedenfalls morgen wieder.«
    Er wandte sich die Strasse hinab. Griswald sah ihm mit einem kurzen Husten
nach und trat dann in den Bar-Room, wo er mit einem gemütlichen Lachen einen
Brandy-Smash »für einen verdriesslichen Magen« forderte.
    Es waren kaum zwei Tage vergangen, als auch die Gefahr, welche über dem
Besitzer von Oaklea schwebte, schon das allgemeine Gespräch nicht nur in der
Stadt, sondern auch im ganzen County bildete. Elliots Besitzrecht, welches
dieser von den Vereinigten Staaten erworben hatte, war als so unantastbar
betrachtet worden, dass unter die Grundbesitzer, welche aus zweiter Hand gekauft
hatten, mit der Nachricht von der Bedeutsamkeit des erhobenen Anspruchs ein fast
panischer Schrecken gefahren war. Alle die Advocaten, welche als routinirt in
den Land-Verhältnissen galten, hatten beide Hände voll zu tun, um längst
geprüfte Besitztitel einer neuen sorgfältigen Untersuchung zu unterwerfen;
kleine Fehler darin, welche sonst stets unbeachtet gelassen worden waren,
erhielten plötzlich eine beängstigende Wichtigkeit; man erzählte sich, dass den
beiden Nachbarn Elliots, welche, wenn auch nur zu einem geringen Teile, von dem
neu aufgetauchten Besitztitel betroffen wurden, von ihren Advocaten
achselzuckend der Rat erteilt worden war, abzuwarten, welchen Weg Elliot
einschlagen werde, und sich diesem dann anzuschliessen, wenn sie überhaupt sich
Kosten zu machen gedächten; die erfahrensten Rechtsanwälte der Stadt sprachen es
unverhohlen aus, dass nur in einem Uebereinkommen und einem grossen Opfer von
Elliots Seite einige Aussicht zur Rettung für diesen zu suchen sei, und keiner
von Allen, welche Einsicht in das alte Document erhalten hatten, schien es nur
der Mühe wert zu finden, sich in eine weitere Deduction des Falles einzulassen.
Oaklea hatte in diesen Tagen mehr Besuche erhalten als jemals zuvor; jedem
Ankommenden aber war durch die Schwarze der Bescheid geworden, dass der Squire
mit der Familie ausgefahren sei, und die Neugierigen hatten unverrichteter Sache
wieder abziehen müssen.
    Es war am fünften Abende, als Elliot in seiner Bibliotek mit grossen
Schritten auf- und abging. Zur Seite des Fensters wiegte sich seine Frau
mechanisch im Schaukelstuhle und am Tische sass Nelson, den Kopf leicht in die
Hand gestützt.
    »Ich mag überlegen wie ich will,« sagte der Hausherr stehen bleibend, »so
ist ein solcher Betrag kaum geringer als ein Ruin. 30,000 Doll. in einer
Mortgage gegeben, machen jährlich 3000 Doll. Zinsen. Woher soll ich diese
fortlaufend schaffen, wenn ich nicht nur für das Bestehen meiner Familie
arbeiten will?« Er setzte seinen Gang von Neuem fort.
    »Nehmen Sie meinen Vorschlag an, Mr. Elliot,« begann Nelson, den Kopf
erhebend, »veräussern Sie einen Teil der Farm, und wenn es ein ganzes Viertel
sein sollte, und decken Sie mit dem Erlöse die Mortgage, ehe sie zu viele Zinsen
frisst. Sie haben das Gutachten unserer ersten Advocaten über den Fall gehört,
Sie denken selbst nicht mehr an einen Prozess, und so heisst es jetzt, aus dem
Schlimmen das Beste zu machen, was sich machen lässt. Murphy wird bald hier sein,
und Sie sollten bis dahin einen klaren Entschluss gefasst haben.«
    »Ich weiss Alles und Sie haben vollkommen Recht!« erwiderte Elliot hastiger
schreitend, »wenn der Entschluss nur so leicht wäre, als Sie meinen. Sie kennen
meine Farm nicht, Sir, sie ist ein so abgerundetes Besitztum, dass ich nicht
weiss, wo lostrennen, wenn ich für einen Käufer nur ein halbwegs Ganzes daraus
schaffen soll. Meine Nachbarn haben schon mehr Land als sie bewirtschaften, und
wer würde ausser diesen dreissigtausend Dollars für ein Eigentum zahlen, das
nichts Halbes und nichts Ganzes ist? Mein Land hat seinen Wert, die Höhe
desselben liegt aber dennoch viel in der Liebhaberei und stützt sich auf den
Zusammenhang der ganzen Farm - dazu sind die Zeiten nicht eben brillant. Reissen
Sie heute ein Stück ab, das erst neuer Gebäulichkeiten und neuer Einrichtungen
bedarf, lassen Sie die Leute wissen, dass ich verkaufen muss, und ich will Ihnen
danken, wenn Sie mir einen Käufer bringen, welcher nur die Hälfte des hier
geltenden Ackerwertes zahlt. Ich weiss, dass ich in den sauren Apfel beissen muss,
nur weiss ich noch nicht wie, um mir nicht die Zähne für alle Zeit zu verderben.«
    Nelson sah trübe vor sich nieder, und die Frau vom Hause verfolgte mit
ängstlichem Auge den Gang ihres Mannes.
    »Warten wir, bis dieser Murphy kommt, und erzählen Sie mir während der Zeit
etwas Anderes,« begann Elliot nach einer Weile wieder und strebte sein Gesicht
aufzuklären. »Haben Sie nichts von dem Tun und Treiben des Deutschen
wahrgenommen, der noch ein Stein in unserm Wege ist? Ich denke, er wird in den
nächsten Tagen selbst kommen und mir seine Propositionen stellen - aber billiger
als Mr. Murphy!« fuhr er bitter lächelnd fort.
    »Es ist schwer, über die jetzige Lage des Menschen ein Urteil zu fällen,«
versetzte Nelson aufblickend. »So oft ich ihn sehe, liegt eine Ruhe und
Sicherheit in seinem Gesichte, als könne nichts seine Stellung hier erschüttern.
Seit er aus der Akademie entlassen ist, verbringt er regelmässig die Stunde nach
Mittag bei den Zeitungen im Hotel, woraus er sich Notizen macht; ausserdem hat er
sich, wie ich höre, von seinem Tischnachbar die Reden grosser amerikanischer
Staatsmänner geliehen, und ich glaube, dass er seine meiste Zeit mit einem
Studium der englischen Sprache ausfüllt. In Geldverlegenheit scheint er durchaus
nicht zu sein. Gestern hat er sein Kostgeld im Hotel für einen Monat
vorausbezahlt, und am Abend sah ich seinen Schwarzen einen Wagen voll Welschkorn
zu Pferdefutter abladen. Es will mir fast scheinen, als ständen ihm Mittel zu
Gebote, welche ihm seinen Verdienst als Musiklehrer ganz entbehrlich machen.«
    »Mittel - hah, ich kenne seine Verhältnisse!« sagte Elliot mit dem Ausdruck
gründlicher Verachtung. »Was er hat, stammt von mir oder ist aus Ellens früheren
Ersparnissen angeschafft worden. Er mag noch etwas von seinem bisherigen
Verdienst übrig haben, mit dem er vielleicht glaubt, den Leuten Sand in die
Augen streuen zu können; das kann aber nur noch kurze Zeit anhalten, und dann
sitzt er hier ohne auch nur das nötige Geld zu haben, um nach dem Osten
zurückkehren zu können. Ich glaube kaum, dass weitere Schritte gegen ihn
notwendig sind. Hat er noch Umgang?«
    »Wol kaum nennenswert, Sir - seine früheren Besuche bei den Familien der
Stadt hat er, so viel ich erfahren, vollständig eingestellt - wie lange das aber
anhalten wird, weiss ich nicht. Erst vorgestern sprachen sich ein halbes Dutzend
Ladies dahin aus, er habe eine Manier zu grüssen, wenn er ein bekanntes Gesicht
auf der Strasse treffe, man wisse nicht, solle man es stolz, oder verbindlich,
oder beides zusammen nennen, jedenfalls aber sei es durchaus unmöglich, ihn
unbeachtet zu lassen. Und wenn ich dazu das Bedauern rechne, welches sich
bereits hier und da über den eingetretenen gänzlichen Mangel an Musikunterricht
ausspricht, so scheint mir, dass wir bald die Zeit erleben können, wo er, wenn
auch nicht in der Akademie, doch in den einzelnen Familien seine Beschäftigung
wieder aufnimmt.«
    »Er wird es nicht tun, Gir, - niemals unter den jetzigen Umständen!«
entgegnete Elliot mit zusammengezogenen Augenbrauen; »entweder lässt er seinen
Hochmut fahren und geht auf meine Bedingungen hin eine Scheidung ein, oder er
verlässt den Staat. Lassen Sie mich nur das Dringendste, den Murphy'schen
Anspruch, geordnet haben, und dann nennen Sie mich einen Lügner, wenn ich nicht
binnen Kurzem mein Wort löse.«
    Er setzte finster seine Wanderung durchs Zimmer fort, während sich Nelson,
den Kopf wieder in die Hand gestützt, seinen Gedanken überliess, und die Hausfrau
matt zurückgelehnt aufs Neue sich in ihrem Stuhl zu wiegen begann.
    Fünf Minuten mochten wortlos verstrichen sein, als sich die Tür halb
öffnete und das Gesicht einer Schwarzen erschien. »Mr. Murphy ist im Parlor,
Sir!«
    Elliot blieb stehen und sah nach seiner Frau zurück. »Es ist besser, Liebe,
du lässt uns jetzt allein,« sagte er halblaut, »ich mag die Angelegenheit nicht
im Parlor verhandeln. - Ich lasse Mr. Murphy bitten, sich nach der Bibliotek zu
bemühen. Zeige ihm den Weg, Flora,« wandte er sich dann gegen die Schwarze,
während die Hausfrau sich erhob und an den Pflanzer herantrat. »Ordne die Sache
so glatt und so schnell als du kannst, John, und mache dir keinen Kummer um
mich,« sagte sie, ihre Hand auf seine Schulter legend, »was geopfert werden muss,
geht ohne unsere Schuld verloren, und darum mache dir das Herz nicht zu schwer
damit.«
    Er küsste sie leicht auf die Stirn und führte sie nach der Tür, welche in
diesem Augenblick durch die Schwarze von aussen geöffnet ward, um den
angekommenen Advocaten einzulassen. Murphy verbeugte sich tief vor der
heraustretenden Hausfrau und wandte sich dann grüssend zu Elliot.
    »Treten Sie ein, Sir!« sagte dieser und schloss hinter dem Advocaten die
Tür. »Sie müssen entschuldigen, dass ich Ihnen die Mühe des Weges hierher
gemacht habe, während ich selbst Sie hätte aufsuchen sollen; ich gestehe Ihnen
aber, dass ich eine wahre Angst vor den neugierigen Gesichtern in der Stadt habe,
so lange unsere Angelegenheit noch nicht geordnet ist. Sie haben mich durch Ihre
Bereitwilligkeit, die Sache hier in Oaklea zu besprechen, wirklich zu Dank
verpflichtet. Setzen Sie sich, Sir!«
    Murphy neigte nur als Erwiederung auf die Worte des Pflanzers langsam den
Kopf, warf Nelson einen vertraulich grüssenden Blick zu und liess sich auf dem
nächststehenden Stuhle nieder.
    »Well, Sir,« begann Elliot, dem Advocaten gegenüber Platz nehmend, »lassen
Sie uns sofort der Sache auf den Leib rücken. Mr. Nelson hat mir Ihren Vorschlag
über die Höhe eines Abstandsgeldes für Ihren Anspruch mitgeteilt; ich habe ihm
aber auch vor kaum einer Viertelstunde bewiesen, dass die Höhe des Betrages mit
meinem Ruin und dem meiner Familie auf gleicher Stufe steht. Wenn ich einmal zu
Grunde gehen soll, so gestehe ich Ihnen, dass ich das lieber im offenen Kampfe
tue als erst Jahre lang alle Sorgen und Qualen durchzumachen, um die Zinsen für
eine Mortgage aufzubringen, die mir am Ende doch noch den Hals brechen muss. Ist
es Ihnen daher wirklich um einen Vergleich zu tun, Sir, so stellen Sie eine
Summe auf, die ein Mensch in unsern Verhältnissen hier erschwingen kann, wenn es
auch selbst mit grossen Opfern geschehen müsste.«
    Murphy hob den Kopf mit einem kalten Lächeln. »Ich weiss nicht, ob Sie die
Verhältnisse richtig beurteilen, Sir,« sagte er, »ich stehe nicht hier für
einen Anspruch meinerseits, sondern bin nur Anwalt für die Erben eines
Nachlasses, in welchem sich das bekannte Document vorgefunden hat. Wenn ich nun
auch mit völliger Machtvollkommenheit bekleidet bin, um zur Vermeidung eines
kostspieligen Processes ein Arrangement mit Ihnen zu treffen, so müsste ich doch
die schwerste Verantwortung auf mich laden, wenn ich aus irgend welchen
Rücksichten den sichern Erfolg eines so bedeutenden Processes für einen Betrag,
der im Verhältnis dazu eine Bagatelle genannt werden könnte, eintauschen wollte.
- Ich hatte nicht erwartet,« fuhr er fort, das dunkle Auge ruhig auf dem
Pflanzer ruhen lassend, »dass mir hier überhaupt noch ein Einwand entgegentreten
würde. Der Weg, welchen ich ursprünglich einzuschlagen beabsichtigte, war ein
anderer, und nur ein längeres Gespräch mit meinem Freunde Nelson, dem ich, schon
unserer gemeinschaftlichen Zukunft halber, gern einen Einfluss auf meine
Handlungen als Anwalt gestatte, bewog mich, einen Betrag als Abstandsgeld zu
stipuliren, welcher kaum den sechsten Teil des Wertes Ihrer Farm ausmacht, und
die Verantwortlichkeit dafür auf mich zu nehmen, bewog mich auch zu gleicher
Zeit, Ihnen als dem Freunde Nelsons selbst entgegen zu kommen. Ich fühle mich
unglücklich, störend in Ihr häusliches Glück treten zu müssen; das ist nun aber
einmal des Advocaten Loos im Allgemeinen. Ich will Sie durchaus nicht zu einem
Vergleich drängen, Mr. Elliot; ich werde mich vielleicht ruhiger fühlen, wenn
ohne weitere Verantwortlichkeit meinerseits die Angelegenheit den gewöhnlichen
Processweg nimmt. Da aber einmal ein Vorschlag gemacht ist, so lassen Sie mich
einfach wissen, ob Sie ihn anzunehmen gedenken oder nicht.«
    Der Pflanzer blickte in finsterm Schweigen vor sich nieder und schüttelte
nur dann und wann, wie einen einzelnen Gedanken verfolgend, den Kopf.
    »Wenn Sie auf ein einfaches Ja oder Nein dringen und keiner andern
Verhandlung Raum geben wollen,« sagte er endlich aufsehend, »so ist es mir ganz
unmöglich, Sir, mich sofort zu entschliessen; wenigstens müssten Sie mir eine
kurze Zeit lassen, um mich über die Möglichkeit zu versichern, einer Mortgage
von so hohem Betrage zur rechten Zeit begegnen zu können.«
    Murphy schien nachzudenken.
    »Ich will Sie, wie gesagt, nicht drängen, Squire,« sagte er nach einer
Weile; »ich glaube mit einer Bedenkzeit meinen Clienten nichts zu vergeben. Sind
Ihnen acht Tage genug?«
    »Wenn Sie glauben, mir nicht längere Zeit geben zu können, so muss ich
zufrieden sein.«
    »Gut, Sir, mag es so sein!« erwiderte Murphy, sich erhebend. »Heute über
acht Tage mag mir Freund Nelson Ihren definitiven Bescheid überbringen. Die
ganze Angelegenheit ist mir herzlich leid, Mr. Elliot, und ich kann Sie nur
bitten, mich als Menschen nicht entgelten zu lassen, was der Advocat gegen Sie
zu tun hat.«
    »All right, Sir!« versetzte Elliot mit einem sauren Lächeln und verliess
ebenfalls seinen Stuhl. »Jeder hat auf seinen eigenen Vorteil zu sehen, das ist
der Welt Lauf.«
    »Gute Nacht, Mr. Elliot!«
    »Gute Nacht, Mr. Murphy« -
    »Glauben Sie mit dem Aufschub etwas gewonnen zu haben?« fragte Nelson, als
der Advocat das Zimmer verlassen hatte.
    »Jedenfalls Zeit, die nichts kostet,« erwiderte der Pflanzer. »Die
Hauptsache aber ist, dass ich während dieser Woche irgend eine Möglichkeit zum
Verkaufe eines Teils meiner Ländereien ausfindig mache, und dazu sollen Sie mir
helfen, junger Freund. Sollte ich auch alle die Opfer, welche ich voraussehe,
dabei bringen müssen, so will ich lieber ein kleineres, freies Eigentum haben,
als ein grosses mit einer Mortgage belastet, welche jede Nacht als ein Alp meine
Träume heimsuchen würde. Kommen Sie jetzt zum Abendtisch, der wohl schon lange
auf uns wartet - wir sprechen später mehr über die weitern notwendigen
Schritte. -«
    Murphy hatte die Stadt wieder erreicht, das gebrauchte Pferd wieder in den
Leibstall zurückgeliefert und ging im Globe-Hotel die Treppe nach dem von ihm
bewohnten Zimmer hinauf, um sich von dem Strassenstaube zu reinigen, als er einen
Tritt hinter sich vernahm, der sich genau dem seinigen anpasste. Er sah sich nur
flüchtig nach der ihm folgenden Person um, schloss sein Zimmer auf und stellte
hier das mitgebrachte Licht auf den Tisch. - Als er sich umwandte, fiel sein
Blick auf die Gestalt eines Mannes neben der Tür, von dem sich indessen in der
schwachen Beleuchtung nichts Bestimmtes erkennen liess. »Wer ist da?« fragte
Murphy barsch.
    Die Gestalt kam einige Schritte näher, nahm den Hut ab, verbeugte sich und
sagte: »Mein Name ist Wells, Sir - Henry Wells, Ihnen zu dienen!«
    Der Advocat starrte den Mann eine Weile sichtbar betroffen an. Schwarzes,
lockiges Haar umgab ein glattrasirtes Gesicht; über einer goldenen Brille
zeichneten sich ein Paar dunkle, geschwungene Augenbrauen ab, und nur ein
eigentümlicher Zug von Sarkasmus um Mund und Kinn mahnte den Advocaten an
frühere Bekanntschaft.
    »Bei Gott, jetzt erkenne ich Sie erst wieder, Seifert,« rief dieser endlich
wie in unangenehmer Ueberraschung. »Ihre Verwandlung ist gut, aber in des
Himmels Namen, was führt Sie denn hierher, wo Sie keinen Augenblick sicher sind,
festgenommen zu werden? Sie entsinnen sich doch noch des Sklavendiebstahls beim
Squire Elliot?«
    »Sklavendiebstahl - festnehmen - hm! Aus dem Loche pfeift also jetzt der
Wind!« sagte der Andere ruhig, beide Arme über einander schlagend, »ich denke,
wenn man Wells heisst und selbst von dem eigenen Geschäftepartner nicht wieder
erkannt wird, so kann die Gefahr nicht so gross sein. Ist Ihnen denn mein Besuch
so unangenehm, Sir, dass Sie gleich versuchen müssen, mir die Freude des
Wiedersehens zu verbittern? Oder hatten Sie mit etwas zu grosser Sicherheit
darauf gerechnet, dass mir der Boden hier zu heiss sein würde?«
    »Well, Sir, um kurz zu sein: was führt Sie eigentlich hierher?« fragte
Murphy mit gerunzelter Stirn.
    »Sonderbare Frage!« erwiderte Seifert mit anscheinender Befremdung den Kopf
schüttelnd. »Sind wir nicht Partner in dem Geschäfte, welches Sie jetzt hier
betreiben, habe ich nicht meinen Teil Arbeit gewissenhaft erfüllt, so dass ich
jetzt als Zuschauer Ihre weitern Schritte beobachten darf? Fürchten Sie durchaus
nicht, dass ich Ihnen lästig werde, Sir; ich habe bereits zu meinem grossen
Vergnügen gehört, wie meisterhaft Sie alles Nötige eingeleitet haben, am unserm
Geschäft einen vollständigen Erfolg zu sichern. Ich habe das grösste Vertrauen zu
Ihrem Talente, und ich gestehe Ihnen, dass ich bereits in der Idee schwärme,
endlich einmal etwas wie ein wohlhabender Mann zu werden.«
    In Murphy's Gesicht bildete sich ein Zug, halb stiller Aerger, halb Hohn.
»Und wenn ich Ihnen nun sage, Sir, dass Sie sich wegen des erwarteten Erfolges
verrechnet haben,« sagte er sich gegen den Tisch lehnend, »dass der Prozess gar
nicht eingeleitet werden wird und, Alles in Allem, kaum so viel bei dem
Unternehmen herausspringen kann, um die von mir daran gewandten Kosten zu
decken? Wenn ich Ihnen deshalb sage, dass durchaus keine Ursache für Sie
vorhanden ist, um sich hier einer Gefahr der Erkennung preiszugeben?«
    »So, so - hm, hm!« entgegnete Seifert mit vollkommener Ruhe. »Trotz alledem,
lieber Herr, gedenke ich doch ein Weilchen die hiesige Landluft zu geniessen. Ich
habe nun einmal die fixe Idee, dass Henry Wells hier keine besondere Gefahr zu
fürchten hat, selbst wenn Sie, Sir, um ihn los zu werden, ihm ein
Freundschaftsstückchen spielen und die alten Geschichten, welche der Mann
Seifert begangen haben soll, wieder aufwärmen wollten. In einem solchen Falle
könnte ich eine unterhaltende Historie von einem gestohlenen Depositenscheine
aus dem Nachlasse des Pedlars Isaak Hirsch erzählen, könnte ganz merkwürdige
Entüllungen über die Weise geben, wie der Anspruch gegen Squire Elliot in die
Hand eines hiesigen Advocaten gespielt worden ist, und dergleichen mehr, was
jedenfalls die Glaubwürdigkeit meines Anklägers etwas erschüttern dürfte. Ich
halte mich nach dieser Seite hin nicht nur für gedeckt, sondern glaube auch noch
erwarten zu dürfen, dass mich Mr. Murphy als seinen alten Freund Henry Wells aus
New-York identifiziren würde, wenn es irgend einem andern Jemand einfallen
sollte, daran zu zweifeln.«
    Murphy hatte sich verfärbt. »Wer sagt Ihnen denn, Sir, dass ich etwas gegen
Sie unternehmen will? Ich weiss leider nur zu gut, wie ich mit Ihnen stehe,«
sagte er und suchte seinen Zügen sichtlich Festigkeit zu geben; »aber ich frage,
was ist der Zweck Ihres Hierseins, das nichts nützen, Sie aber jeden Augenblick
in Verlegenheit bringen und mich mit hineinziehen kann?«
    »Und wenn es nun kein anderer gewesen wäre, als das Andenken meiner geringen
Person bei Ihnen etwas aufzufrischen - käme ich nicht gerade jetzt zur rechten
Zeit?« lächelte Seifert mit seiner ironischen Höflichkeit. »Sie sagten so eben
noch, es könne bei unserm Unternehmen kaum etwas für mich abfallen, - wäre es
nicht besser, Sie überlegten sich die Sache noch einmal?«
    »Ich habe Ihnen gesagt, dass der Fall nicht zum Prozess kommen kann,«
versetzte der Advocat finster; »ich habe den Wert des Documentes, auf welchem
die ganze Speculation ruht, überschätzt. Eine Kleinigkeit werde ich jedenfalls
durch den erzeugten Schrecken herauspressen können, und Sie sollen nicht um
Ihren Anteil kommen.«
    »Very well, Sir!« unterbrach Seifert, ein ernstes, bedenkliches Gesicht
ziehend, »ich darf natürlich an Ihrer Wahrheitsliebe nicht zweifeln - ich muss
Ihnen aber Eins sagen. Wie es Leute gibt, welche hunderttausend Dollars mit
Vergnügen stehlen würden, wenn sie könnten, während sie vor einem Diebstahl von
fünf Dollars zurückschaudern, so würde ich selbst mir die grössten Gewissensbisse
machen, einen armen Judenjungen zu Tode und eine achtbare Pflanzerfamilie dem
Ruin nahe gebracht zu haben, wie dies Letztere wenigstens die ganze Stadt
behauptet - wenn ein reichlicher Erfolg diese Sünden nicht lohnte. Und
Gewissensbisse sind ein erschreckliches Ding, Sir, wenn sie den Menschen
treiben, wieder gut zu machen, was er verbrochen. Ueberlegen Sie also noch
einmal, Mr. Murphy, was sich tun lässt, um dem Uebel vorzubeugen - in einigen
Tagen sehe ich Sie wieder, und wir werden dann bestimmter mit einander reden.
Einstweilen leben Sie wohl. Sollten wir uns heute noch im Bar-Room sehen, so
wissen Sie, wer ich bin und wie lebhaft unsere alte Freundschaft für einander
ist.« Er nickte dem Advocaten lächelnd zu und schritt langsam aus dem Zimmer.
    Murphy, an den Tisch zurückgekehrt, hatte sich während der letzten Worte
gezwungen, dem Sprechenden fest ins Gesicht zu sehen, und blieb in seiner
Stellung, bis er Seiferts letzte Schritte auf der Treppe verhallen hörte. Mit
einem unterdrückten Fluch schlug er dann mit der Faust auf den Tisch und warf
sich auf den nächsten Stuhl. Eine Weile sah er finster sinnend vor sich nieder,
plötzlich aber, wie von einem lichten Gedanken erfasst, sprang er auf und sah
nach seiner Uhr. »Noch Zeit!« brummte er, griff nach seinem Hut und verliess
raschen Schrittes das Hotel. Er bog von der Hauptstrasse des Städtchens in einen
Nebenweg ein, bis er die Rückseite von Griswalds Office erreichte, wo sich durch
die geschlossenen Jalousien ein schwacher Lichtstrahl stahl. Auf ein dreimaliges
Klopfen öffnete sich die Tür und er verschwand dahinter.
    Eine halbe Stunde mochte vergangen sein, als er, von Griswald begleitet,
wieder heraustrat. »Keinen Schritt darf er unbeaufsichtigt tun, und Sie müssen
noch heute die nötigen Anstalten deshalb treffen,« sagte Murphy mit gedämpfter
Stimme, »und sollte sich Ihre Vermutung bestätigen, so werde ich für das
Uebrige Vorsorge treffen.« Beide schieden, sich die Hände schüttelnd.
 
                                     VIII.
Es war kaum sechs Uhr am nächsten Morgen, aber Helmstedt sass schon eine Weile
vor seinem Arbeitstische, auf welchem sich an Stelle der früher vorhandenen
Musikalien mehrere Stösse Bücher zeigten, und schien ganz in das Studium eines
vor ihm liegenden dickleibigen Bandes versunken zu sein. Dann und wann machte er
auf einem Papierbogen kurze Bemerkungen und fuhr dann um so eifriger in seiner
Lectüre fort. - In den ersten zwei Tagen nach seiner Entlassung aus der Akademie
hatte er kaum gewusst, was er mit seiner Zeit beginnen sollte; er hatte während
der heissen Stunden des Tages, die ihn ins Haus bannten, stundenlang auf seinem
Sopha gelegen und mit offenen Augen geträumt von dem vergangenen Jahre, das in
seinen mannichsachen Ereignissen ihm oft wie ein halbes Leben dünkte, geträumt
von einer Zukunft voller Seligkeit und Befriedigung, die er doch selbst für
unmöglich hielt. Er hatte sich wohl bald selbst gesagt, dass diese Lebensweise
nicht lange fortdauern dürfe, wenn er nicht erschlaffen und sich untüchtig für
eine spätere geregelte Tätigkeit machen solle - aber das: was beginnen, ohne
seinen jetzigen Aufentaltsort zu verlassen, war die Frage, welche er nicht zu
beantworten vermochte. So hatte er sich am dritten Tage unzufrieden mit sich
selbst wieder auf das Sopha geworfen. Seine Zukunft kam ihm fast eben so planlos
vor, als zu der Zeit, wo er in New-York gelandet und in ungezwungenem Müssiggange
sein Geld hatte verzehren müssen - da tauchte mit den Bildern aus seinem
damaligen Leben plötzlich der Rat in seiner Erinnerung auf, welchen ihm Pauline
nach ihrem ersten Zusammentreffen mit ihm gegeben, ein Rat, den er in jener
Zeit bei seiner Unkenntnis der englischen Sprache und der ganzen amerikanischen
Verhältnisse so kindlich naiv gefunden, dass er sich des Lachens nicht hatte
erwehren können. »Sie sind doch von Haus aus Jurist und haben ein glänzendes
Examen bestanden,« hatte sie ihm gesagt, »warum werfen Sie sich hier nicht
wieder auf Ihr altes Fach, gehen zu einem Advocaten und lernen, was Ihnen in dem
hiesigen Lande noch Not tut, halten nachher Reden, werden bekannt, bekommen
dadurch eine tüchtige Praxis, oder lassen sich in ein paar Jahren zu einem Amte
wählen? Wenn ich ein Mann wäre, ich würde in Amerika gar nichts Anderes als
Advocat!« - Jetzt war es ihm, als werde es mit einem Male hell in seiner Seele.
Was damals für ihn unmöglich gewesen, das durfte er jetzt wenigstens als
erreichbar betrachten - und in jedem Falle hatte er ein neues Ziel für sein
Streben gefunden. Erregt setzte er sich aufrecht. Er dachte wohl einen Augenblick
an alle die Schwierigkeiten, welche dem Deutschen in einer solchen Carriere
entgegentreten müssen, sobald er sich über den grossen Tross des Standes zu
erheben gedenkt - er dachte an alle die grossen Lücken, welche er auszufüllen
haben würde, an alle die Arbeit, welche vor ihm lag - aber Arbeit war es gerade,
was er brauchte. Zuerst wollte er sich vollkommen zum Meister der englischen
Sprache machen; er fühlte, dass er nur dies bedurfte, um überzeugend auf irgend
ein Publikum wirken zu können, und mit einem stillen Behagen erinnerte er sich
der Complimente, welche ihm seine eigene Verteidigungsrede während des
Baker'schen Mordprocesses von gewiegten Advocaten eingetragen hatte. Daneben
sollte es zu einem gründlichen Studium der neuern Geschichte der Vereinigten
Staaten, besonders wo diese auf Rechtsfragen Einfluss haben konnte, gehen - das
war vorläufig Arbeit für die nächsten sechs Monate, und dann erst wollte er
seinen weitern Studiengang nach den Verhältnissen, wie sie sich bis dahin für
ihn gestaltet haben würden, bestimmen. Es kam eine Beruhigung, wie er sie noch
niemals in Amerika gefühlt, über ihn, als er mit diesen Entschlüssen im Klaren
war; er hatte längst gefühlt, dass sein bisheriger Beruf als Musiklehrer eben nur
Notbehelf für ihn gewesen war und stets nur geblieben wäre, so sehr auch bis
jetzt sein ganzes Interesse sich darauf gerichtet hatte, und zum Handelsstande,
wozu ihn der alte Pedlar gedrängt hatte, passte seine ganze Natur nicht. Konnte
er sich der Advocatur zuwenden, so kam er wieder auf den Boden, welchem er sein
ganzes Arbeiten und Streben in Deutschland gewidmet, und wenn sich jemals eine
Gelegenheit dazu für ihn bieten konnte, so war sie jetzt da, wo er für eine
Zeitlang die Mittel zum Leben und volle Zeit für die nötigen Studien hatte.
    Noch an demselben Nachmittage hatte er sich von einigen Bekannten, welche
ihm der Mittagstisch im Hotel näher gebracht, so viele Bücher zusammengeborgt,
als er für die erste Zeit zu seinem Zwecke für notwendig erachtete, und am
nächsten Morgen begann er nach einem selbstgeschaffenen Systeme seine Arbeiten,
denen er während der folgenden Tage ohne Hast, aber mit voller Beharrlichkeit
oblag. Und so sass er auch jetzt am frühen Morgen bereits an seinem
Schreibtische.
    Eine halbe Stunde mochte er ohne Unterbrechung gearbeitet haben, als sich
die Tür öffnete und Cäsar mit einer grossen Tasse voll rauchenden Kaffee's
erschien; es war dies eine Neuerung, die Helmstedt eingeführt hatte, um nicht in
den Morgenstunden des Frühstücks wegen das Haus verlassen zu müssen, und Cäsar
hatte schnell genug gelernt, seinen Herrn in deutscher Weise zu bedienen. -
Helmstedt schob sein Buch bei Seite und lehnte sich in seinen Stuhl zurück.
    »Well, Cäsar, etwas Neues?«
    »Nichts Grosses, Master,« entgegnete der Schwarze, die Tasse niedersetzend.
»Mrs. Morton ist noch immer traurig und niedergeschlagen; sie habe, meinte Mary,
gestern nicht so viel gegessen, dass ein Vogel daran genug haben könne. Doctor
Ford hat ihr beim Mittagstische erzählt, dass Mr. Elliot wohl seine Farm verlieren
werde, und das hat sie so aufgeregt, dass ihr der Doctor ein niederschlagendes
Pulver hat geben müssen. Der Doctor hat gesagt, ihre Reizbarkeit komme vom
Klima, das sie noch nicht gewohnt sei und auch von ihrem einsamen Leben; sie
solle sich mehr Zerstreuung machen; und Mrs. Morton hat gesagt, sie werde
nächster Tage einmal nach Little Vallei fahren, sich die Farm betrachten und
zusehen, was dort getan werden müsse; das werde ihr Arbeit und Zerstreuung
geben.«
    »Wie steht es jetzt in Little Vallei?« fragte Helmstedt gedankenvoll.
    »Es ist noch beim Alten, Sir!« antwortete der Schwarze. »Doctor Ford hat
aber gesagt, er werde in den nächsten Tagen einen andern Aufseher schaffen.«
    Helmstedt nickte langsam und griff nach seinem Kaffee. »Es ist gut, Cäsar.«
    Der Schwarze verliess das Zimmer und Helmstedt wollte sich wieder seiner
Beschäftigung zuwenden, aber er konnte seine Gedanken nicht festalten. Schon
Tags vorher hatte ihm Cäsar einen ähnlichen Bericht wie den heutigen gebracht,
dem er nur wenig Wichtigkeit beigelegt hatte - heute indessen fiel ihm die
wiederholte Meldung mit ihren Details auf. War es nur ein vorübergehendes
körperliches Leiden, oder lag die Ursache von Paulinens krankhafter Stimmung
tiefer - konnte nicht, bei ihrem jungen warmen Herzen ein Gefühl für irgend eine
dritte Persönlichkeit in ihr leben, dem sie in ihrer abgeschlossenen Stellung
nicht genug tun konnte und das zugleich die Ursache ihrer Schroffheit gegen ihn
selbst und seine freundlichen Anerbietungen war? Helmstedt fühlte, wie ihm der
Gedanke das Blut zum Herzen trieb; er erhob sich und durchschritt einige Male
langsam das Zimmer; bald hatte er wohl seine innere Haltung wieder gewonnen, aber
mit dem Interesse an seinem Studium war es für den Augenblick vorbei. Eine
erfrischende Luft wehte ihm aus dem offenen Fenster entgegen und er beschloss,
einen Gang durch die Stadt zu machen, um sich andere Gedanken zu holen und dann
mit neuer Lust an seine Arbeit zurückzukehren. Er kleidete sich an und wanderte
dann langsam die Hauptstrasse des Städtchens hinab, wo bereits Weisse und Schwarze
in lebhaftem Marktverkehr sich durcheinander trieben.
    »Es ist ein Brief für Sie da, Mr. Helmstedt - schon seit zwei Tagen!« hörte
er eine Stimme neben sich und sah aufschauend in das Gesicht des Postmeisters,
welcher indessen das Postamt nur als eine Unterabteilung seines Stores führte,
vor dessen Tür er eben jetzt auf- und ab spazierte.
    »Für mich, Sir?« fragte der junge Mann zweifelnd.
    »Wenigstens steht Ihr Name darauf, treten Sie ein, Sir, zehn Cents Porto!«
    Helmstedt empfing ein dickgefülltes Couvert, auf welchem seine Adresse mit
voller Genauigkeit verzeichnet stand, zahlte das Porto und verliess den Store. Er
besah die sonderbar aussehende Zuschrift und schüttelte den Kopf; von wem konnte
er wohl einen Brief zu erwarten haben, wer bekümmerte sich in dem grossen Amerika
um ihn? Das Postzeichen war so undeutlich aufgedruckt, dass es nicht zu erkennen
war, und es machte ihm Vergnügen, sich in zehnerlei verschiedenen Vermutungen
zu ergehen, ehe er den Umschlag öffnete. Eine Anzahl Bogen, mit einer Schrift
bedeckt, von welcher jeder Buchstabe reichlich einen halben Zoll mass, fiel in
seine Hände; trotz der Grösse der Worte war es aber, wie es Helmstedt bei dem
ersten Blick auf die Ortographie derselben scheinen wollte, eine nicht
unbedeutende Arbeit, ihren Sinn zu ergründen. Er wandte die Bogen, um nach der
Unterschrift zu sehen, hatte aber Mühe, das rechte Ende des Schreibens zu
finden, bis seine Augen endlich auf den mit riesigen Buchstaben geschriebenen
Namen: »Karl Meiners, genannt Dutch Charley,« fielen. Ein heiteres Lächeln ging
über Helmstedt's Gesicht, er wandte sich quer über den Weg nach dem Globe-Hotel
und setzte sich dort im Warte-Zimmer nieder, um in Ruhe den Inhalt des
erhaltenen Schreibens zu entziffern. Eine kurze Zeit lang schien ihn das Studium
der verschiedenen Worte zu belustigen; bald aber wurde sein Blick gespannter,
hastiger, und mit zusammengezogenen Augenbrauen arbeitete er sich durch die
Hindernisse, welche sich dem Verständnis des Sinnes entgegenstellten, bis er
endlich zu Ende gelangt, die Hand aufs Papier legte und, wie vollkommen
überwältigt von dem Gelesenen, vor sich ins Zimmer starrte. Was er
herausbuchstabirt hatte, lautete:
            »Lieber Mr. Helmstedt!
        Ich habe Ihnen schon vor mehreren Tagen schreiben wollen, ich habe aber
        meinen Trouble mit dem Ben gehabt, welcher der Mary noch immer
        nachstellt und ausgefunden hat, wo sie sich im Lande aufhält. Sie haben
        es mit angesehen, wie ich ihn das erste Mal habe ablaufen lassen; weil
        ich aber nicht immer bei ihr sein kann, so habe ich sie nach einem
        sichern Orte bringen müssen. Sie ist eigentlich nur meine Landsmännin,
        aber ich habe auch ehrliche Absichten auf sie und sie ist damit
        zufrieden. Jetzt aber das Andere. Sie haben mir damals in New-York
        gesagt, dass Ihr Mündel um sein Erbe komme, weil sie ihn haben todt aus
        dem Nort-River gezogen. Den sie aber aus dem Wasser gebogen haben, war
        nur eine todte Leiche, die ich selber habe helfen vom Kirchhofe holen,
        und ich hätte Ihnen schon damals gesagt, wie die Sache steht, wenn ich
        bestimmt gewusst hätte, ob Ihre Geschichte auch wirklich die war, von der
        ich wusste. Jetzt weiss ich aber Alles: Bill und Ben haben mit dem Gelde,
        was sie bekommen haben, ein lustiges Leben geführt und haben mir im
        Rausche erzählt, um was ich sie gefragt habe. Also ist die Sache so: Der
        Graf, wie sie ihn nennen, und weiter weiss ich von ihm nichts, hat den
        jungen Verwandten vom Pfandleiher Meyer, der wohl Ihr Mündel sein muss,
        aus der Law-Office, wo er gearbeitet hat, weggelockt und gesagt, ein
        alter Onkel von ihm liege todtkrank in Philadelphia und wollte ihn noch
        einmal sehen, er müsse auf der Stelle mit ihm gehen, bei Meyer's wüssten
        sie schon um Alles, hat ihn unterwegs in einem Kleiderladen vom Hemde
        bis zum Rocke neue Kleider anziehen lassen, damit er auf der Reise
        anständig aussehe, und hat ihn durch den Bill richtig nach Philadelphia
        in ein Versteck bringen lassen. Während der Zeit haben sie hier in
        New-York eine Judenleiche vom Kirchhofe gestohlen, haben ihr die alten
        Sachen von dem jungen Menschen angezogen und sie in den Nort-River
        geworfen. Nachher hat es geheissen, der aufgefundene Todte sei Ihr
        Mündel. Warum das Alles so getan worden ist und warum der Graf so viel
        Geld dafür gespendet hat, kann ich nicht sagen. Der Graf hat nachher
        Ihren Mündel ins Land irgend wohin gebracht, wo sie ihn verwahrt haben,
        hat sich selber eine Weile in New-York herumgetrieben und mit einer
        Weibsperson, die sich durch schlechten Lebenswandel Geld gemacht hat,
        zusammen gewohnt. Ich habe selbige Weibsperson von früher her gekannt,
        gehe auch ab und zu jetzt noch einmal hin, weil sie mich besonders
        leiden mag und immer ein paar Quarters für mich hat, und so habe ich von
        ihr erfahren, dass der Graf eine Speculation in Alabama hat, die ihm viel
        Geld bringen soll, wovon er, zusammen mit dem Weibsbilde, ein seines,
        liederliches Haus in New-York errichten will. Bei der Speculation muss
        aber wohl Ihr Mündel etwas zu tun haben, denn ich habe mir aus den
        gefallenen Reden zusammengereimt, dass er ihn mit hinunter nach dem Süden
        nehmen will. Vor etwa einer Woche ist nun der Graf nach Alabama
        abgereist und hat auch der Weibsperson hinterlassen, wohin sie ihm
        schreiben soll, wenn etwas vorkommen sollte; ich habe aber den Zettel
        noch nicht erwischen können. Das habe ich Ihnen also geschrieben, weil
        ich nicht mag dazu geholfen haben, dass ein junger Mensch um sein Erbe
        komme, und weil ich gedacht habe, dass Ihnen mit diesem Schreiben ein
        Gefallen geschähe. Jetzt muss ich aber noch etwas sagen. Ich möchte aus
        dem liederlichen Leben hier heraus, möchte was Ordentliches treiben und
        nachher die Mary heiraten. Wenn es also unten bei Ihnen Beschäftigung
        gäbe, die sich lohnte, so könnten Sie mir es wohl schreiben, ich wohne
        noch immer beim alten Ormsby in Jamesstreet. Es heisst freilich, dass im
        Süden die Nigger alle Arbeit täten, aber ich glaube, ich könnte es mit
        Dreien aufnehmen, und wenn Sie etwas für mich wüssten, so könnte ich
        auch, bis Sie mir wieder schreiben, den Zettel zu Gesicht bekommen,
        damit Sie erfahren, wo Sie Ihren Mündel wiederfinden können. Das Geld
        zur Reise habe ich.«
    Zehn verschiedene Gedanken über die Beweggründe und den Urheber des
gespielten Betruges waren, einer den andern verdrängend, durch Helmstedts Kopf
geschossen - vor einem Gedanken aber wichen alle übrigen zurück. Helmstedt hatte
aus leicht begreiflichen Gründen sich tiefer für den drohenden Angriff auf
Elliots Eigentum interessirt, als viele Andere. Er hatte zu seiner Verwunderung
erfahren, dass Murphy's Vollmacht, welche dieser gern vorwies, um jede
Gehässigkeit von sich selbst abzulenken, von Rebekka, Ehefrau des Abraham Meyer
in New-York, als Erbin des verstorbenen Isaak Hirsch, ausgestellt war, und dass
der verhängnisvolle Besitztitel von einer New-Yorker Advocaten-Firma als
Eigentum des Isaak Hirsch in die Erbschaftsmasse abgeliefert worden sein
sollte. Wenn es ihm nun möglich wurde, den Aufentaltsort des bei Seite
gebrachten Knaben zu entdecken, so war für den Augenblick der ganze gegen Elliot
beabsichtigte Prozess beseitigt, da mit Auffindung des ersten, alleinigen Erben
jeder Anspruch einer dritten Partei an den hinterlassenen Besitztitel in sich
selbst zerfiel, und alle ferneren Massregeln lagen einzig in seiner, des
Vormundes, Hand. Hiess es doch in des Pedlars letzten Willen:
        »Ich bitte Mr. Helmstedt, sich meiner Papiere anzunehmen, welche sich in
        der Tasche dieses Buches befinden. Es sind die sämmtlichen
        Depositenscheine meiner Ersparnisse, welche nach meinem Tode meinem
        Schwestersohne gehören und von genanntem Mr. Helmstedt, falls ihm dies
        nicht zu viel erbeten dünkt, zum Vorteil meines Erben nach seinem, des
        Mr. Helmstedts, alleinigem Dafürhalten angelegt oder verwendet werden
        sollen.«
    Helmstedt kannte die Stelle auswendig; zum ersten Mal aber fiel es ihm auf,
wie der alte Isaak, der alle seine Angelegenheiten in so musterhafter Ordnung
gehalten und mit so freiem Bewusstsein seinen letzten Willen abgefasst hatte,
nicht an ein so wichtiges Document wie der vielbesprochene Besitztitel hatte
denken können. - Helmstedt wusste genau, dass sich in den hinterlassenen Papieren
auch nicht die Spur einer Notiz darüber befunden hatte, und je mehr er darüber
nachdachte und die kaum glaublichen Angaben des vor ihm liegenden Briefes damit
verglich, je verdächtiger wollte ihm die ganze Angelegenheit erscheinen, wenn er
auch noch nicht wusste, nach welcher Seite hin er einen Verdacht richten sollte.
Er beschloss, jedenfalls Schritte zu tun, um sich Klarheit über das Woher der so
plötzlich aufgetauchten Urkunde zu verschaffen - das war indessen nicht die
Hauptsache. Schnelle, bestimmte Massregeln mussten zur Herbeischaffung seines
Mündels getroffen werden, denn in jedem Augenblick konnte Elliot, um sich Ruhe
zu verschaffen, zu Schritten verleitet werden, die vielleicht niemals wieder gut
zu machen waren. Helmstedt schwanke eine Weile, ob er nicht durch eine weitere
Mitteilung des Briefes vorläufig allen möglichen Unterhandlungen mit dem
Pflanzer Einhalt tun sollte; schnell genug aber erkannte er, dass, wenn irgend
eine an dem jetzigen Prozess beteiligte Partei ihre Hand in dem Bubenstück gegen
seinen Mündel gehabt, wie es nach Charley's Schreiben fast schien, das tiefste
Schweigen über dessen Mitteilung walten müsse, sollte nicht der Knabe von
seinem jetzigen Aufentaltsort aufs Neue, und wahrscheinlich für immer,
verschwinden. Eine kurze Weile dachte er scharf nach, dann barg er den Brief in
die Brusttasche seines Rockes und schritt wieder über die Strasse nach dem Store
des Postmeisters. »Wie weit ist wohl die nächste Telegraphenoffice, Sir?« fragte
er diesen.
    »Telegraphenoffice!« war die lachende Antwort, »so vorgeschritten sind wir
hier im Hinterwalde noch nicht, Sir! Die nächste ist meines Wissens in
Nashville, Tennessee, etwa 150 Meilen oder so etwas weit.«
    Helmstedt legte die Hand an seine Stirn. »Also gar keine Möglichkeit, eine
dringende Nachricht schnell nach New-York zu befördern?«
    »Warum nicht? Senden Sie Ihre Depesche nach Nashville an die
Telegraphenoffice, heute Mittag geht eine Post dahin ab. Legen Sie eine
Fünfdollar-Note bei und beauftragen Sie die Beamten, Ihnen die Rückantwort,
falls Sie diese erwarten, augenblicklich hierher zu senden. Sie sollen von mir
sogleich benachrichtigt werden, sobald etwas angekommen ist.«
    Helmstedts Gesicht hellte sich auf; er dankte dem Postmeister und schlug
ohne weitere Zögerung den Weg nach seinem Hause ein. Dort machte er sich noch
einmal an die sorgfältige Durchsicht der erhaltenen Zuschrift und fasste dann die
folgende Depesche, mit der von Dutch-Charley angegebenen Adresse versehen, an
ihn ab:
        »Kommen Sie augenblicklich, sobald Sie genau wissen, wo der Knabe ist;
        ich trage die Reisekosten. Senden Sie sogleich Antwort per Telegraph an
        die Nashville-Telegraphenoffice, dass Sie diese Zeilen empfangen haben;
        ich erhalte Ihre Antwort von dort.«
    Das Begleitschreiben an die Telegraphenoffice war schnell angefertigt, die
Banknote beigelegt, und nach einer Viertelstunde ruhte der Brief, von Helmstedt
selbst überbracht, in der Hand des Postmeisters.
    »Jetzt wollen wir weiter sehen!« brummte der junge Mann und wandte seine
Schritte nach dem Bar-Room des Hotels, wo für die Morgenstunde der gewöhnliche
Versammlungsplatz der männlichen Elite des Städtchens war. Gruppen von jüngern
und ältern Herren standen bereits schwatzend darin umher, und Helmstedt hörte
bald auch Murphy's helle Stimme im hinteren Teile des Lokals erklingen. Der
Eingetretene liess sich ein Glas Sherry mit Eis geben, lehnte sich gegen den
Schenktisch und beobachtete still, was um ihn her vorging, bis die Gruppe von
Advocaten, in welcher Murphy gestanden, sich löste und dieser langsam dem
Ausgang zuschritt.
    »Wollen Sie mir wohl zwei Worte erlauben, Sir?« sagte Helmstedt, ihm einen
Schritt entgegentretend.
    Der Advocat sah auf. »Mit Vergnügen, Sir!« erwiderte er, augenscheinlich
etwas verwundert.
    »Sie werden einsehen,« begann Helmstedt mit gemässigterer Stimme, »dass der
von Ihnen vertretene Anspruch gegen Mr. Elliot, der mein Schwiegervater ist,
mich mehr als jeden andern Dritte berühren muss.«
    »Ich sehe das vollkommen ein,« erwiderte Murphy, höflich den Kopf neigend.
    »Darf ich Sie also wohl um Angabe der Advocatenfirma in New-York bitten, bei
welcher das alte Document, welches den jetzigen Anspruch begründet, deponirt
war?«
    »Gewiss, Sir, wenn Sie sich auch dort nicht viel Trost holen werden; es ist
die Law-Office der Herren Smit und Johnson in Duanestreet.«
    »Ich danke Ihnen, Sir, das ist Alles.«
    Murphy verbeugte sich mit einem verbindlichen Lächeln und verliess das Lokal.
Helmstedt trank langsam seinen Wein aus und ging dann in gemessenem Schritte
seinem Hause zu. Als er indessen sein Zimmer erreicht hatte, warf er, wie voll
von einem Gedanken, seinen Hut bei Seite, suchte Papier hervor und begann zu
schreiben. Es war ein Brief an die Herren Smit und Johnson, in welchem er als
Vormund des verunglückten Erben einfach anfragte: ob bei Deponirung des in ihren
Händen gewesenen, auf Isaak Hirsch überschriebenen Besitztitels kein
Empfangsschein ihrerseits gegeben worden sei - und wenn dies der Fall, ob und
durch wen derselbe an sie zurückgegeben worden.
    Der Brief war fertig; ohne Zögern ging aber Helmstedt an einen zweiten,
adressirt an Mrs. Rebekka Meyer. Er zeigte ihr darin an, dass auf Grund eines
Documentes, welches, wie er nachweisen könne, nicht zu dem Nachlasse des Pedlars
Isaak Hirsch gehört habe, von ihr, als Erbin des Verstorbenen, Ansprüche auf ein
Grundeigentum erhoben würden, die seine eigenen Privat-Verhältnisse auf das
Empfindlichste berührten. Ehe er nun eine Untersuchung über den Ursprung und die
Aechteit des Documentes einleiten lasse, bitte er sie um Nachricht, auf welche
Weise sie zu dem alten Papiere gelangt oder wie sie von seiner Existenz
unterrichtet worden sei, damit er in keinem Falle einem Unschuldigen zu nahe
trete.
    Die Briefe wurden geschlossen und schlüpften noch eine Stunde vor der
abgehenden Post in den Briefschalter.
    Helmstedt hatte sich nun wohl vorgenommen, in Gelassenheit die verschiedenen
Antworten abzuwarten, aber eine unruhige Spannung, welcher er nicht Herr werden
konnte, liess ihn nur selten eine Stunde bei seiner Arbeit ausdauern. Vom dritten
Tage ab, an welchem er eine Antwort des Dutch Charley zu erhalten gehofft, hatte
er regelmässig bei Ankunft der Post nach Briefen für sich gefragt, aber es waren
bereits sechs Tage verstrichen, und das eintönige: »Noting, Sir!« des
Postmeisters war ihm so oft in die Ohren geklungen, dass er an der Ueberlieferung
seiner Depesche vollständig zu zweifeln begann. Er hatte sich während dieser
Tage mehr auf der Strasse und im Bar-Room des Hotels herumgetrieben, als jemals
zuvor; er hatte geglaubt, irgendwo ein Wort auffangen zu können, das ihn über
den Weg, welchen Elliot in Bezug auf den Angriff gegen ihn einzuschlagen
beabsichtige, unterrichte, aber Niemand schien etwas von den Entschliessungen des
Pflanzers zu wissen, und für Helmstedt begann dieser Zustand des Harrens fast
unerträglich zu werden. Er beschloss, noch einen einzigen Tag zu warten, und wenn
wieder vergebens, durch ein ihm bekanntes New-Yorker Handelshaus nochmalige und
sichere Nachricht an Dutch Charley gelangen zu lassen, dann aber auch zugleich,
auf jede Gefahr hin, Elliot von dem Stande der Dinge zu unterrichten, um
wenigstens den möglichen Schritten für einen Vergleich von dessen Seite
vorzubeugen.
    Ganz darauf vorbereitet, wieder ein »Noting, Sir!« zu hören, begab er sich
am siebenten Morgen nach der Postoffice; aber schon bei seinem Eintritte hielt
ihm der Postmeister einen Brief von dem nämlichen Kaliber, wie den bereits
erhaltenen, entgegen, und mit einem erleichternden »Endlich!« erkannte Helmstedt
die majestätischen Schriftzüge von Charley's Hand auf der Adresse. Er zahlte das
Porto und eilte nach Hause, um ein neues Studium dieser kühn alle Regeln
verachtenden Schreibweise zu beginnen. Der Inhalt, in verständliche Worte
übersetzt, lautete:
            »Yes, Sir!
        Ihr telegraphisches Schreiben habe ich erhalten, aber mit der
        telegraphischen Antwort war es nichts. Ich hatte einen Brief für Sie
        fein zugeklebt nach der Telegraphen-Office gebracht, aber die Kerle dort
        meinten, zum Telegraphiren müssten sie ihn aufmachen und durchlesen, was
        ich nicht leiden mochte, weil Manches darin stand, was nicht Jeder zu
        wissen braucht. Also habe ich ihn wieder mit fortgenommen, und das war
        ganz gut. Die Weibsperson, welche mit dem Grafen lebt, hatte von diesem
        am selbigen Tage einen Brief bekommen, dass er nur noch bis zum 14. Juni
        an dem bisherigen Orte bleiben werde; das sei der letzte Tag, welchen er
        als Frist gestellt habe, um sein Geld zu erhalten, nachher müsse er
        wegen des Jungen andere Massregeln treffen; sie solle ihm also nicht
        wieder schreiben, bis sie weitere Nachricht von ihm bekomme. Ich habe
        selbigen Brief gefunden, als ich nach dem Zettel suchte, welchen wir
        haben mussten, um den Jungen aufzufinden, und den ich Ihnen gern
        mitschicken wollte, ehe ich durch die Post an Sie schrieb. Ich bin
        nämlich ein alter Freund von der Weibsperson und kann in ihre Stube
        kommen, auch wenn sie nicht zu Hause ist. Also hatte ich heute die
        rechte Zeit getroffen, habe ein paar Schlösser an ihrer Kommode
        verdorben und den Zettel gefunden und abgeschrieben. Hierbei will ich
        noch bemerken, dass sich der Graf Henry Wells unterschrieben hat, wenn
        Ihnen der Name zu etwas dienen kann. Jetzt werde ich diesen Brief
        zumachen und auf die Post geben; nachher setze ich mich auf die
        Eisenbahn und gehe zur Mary, um ihr zu sagen, wie es mit mir steht, und
        von da geht es gerades Wegs hinunter zu Ihnen. Ich denke also, ich werde
        einen halben Tag, oder, wenn es viel wird, einen Tag später kommen als
        dieser Brief. Die Post-Office, wohin das Weibsbild dem Grafen
        geschrieben hat, heisst Rocky-Creek in Alabama, und er selber wohnt, wie
        es in seinem Briefe heisst, bei einem Farmer mit Namen McGraw.«
    Helmstedt hatte bei dem Namen »Wells« den Kopf geschüttelt, er war ihm
vollständig unbekannt; sein erster Blick aber, welchen er von dem Schreiben hob,
siel auf den Wandkalender über seinem Arbeitstische und blieb dort nachdenklich
hängen. Es war heute der 13. Wenn ein rascher Erfolg erzielt werden sollte, so
musste die Aufhebung des sogenannten Grafen, wie des entführten Knaben in des
Sheriffs Hände gelegt werden. Charley war aber der Einzige, welcher den Erstern
persönlich kannte, und somit war seine Gegenwart die notwendigste Bedingung für
irgend einen Schritt. Helmstedt zweifelte keinen Augenblick, dass der Riese, wenn
ihn nicht unterwegs ein Unglück betroffen, sich zur rechten Zeit einstellen
werde, und beschloss deshalb, bis zum Nachmittag nichts zu tun, als einzelne
nötige Erkundigungen einzuziehen und einen Ritt nach Oaklea zu machen. Während
der ganzen Zeit, in welcher er auf Nachricht von New-York gehofft, hatte es ihm
stets wie eine drückende Ahnung auf dem Herzen gelegen, dass Elliots Angreifer
ihre Beute davon tragen würden, ehe er im Stande sei, sein Schweigen zu brechen;
jetzt wenigstens wollte er nicht mehr zögern, um dem Pflanzer vorsichtig einen
Wink zu geben, und er empfand eine eigentümliche Genugtuung bei dem Gedanken,
zur Vergeltung aller der gegen ihn gespielten Intriguen dem stolzen Manne eine
Hoffnung in dessen jetziger Bedrängnis entgegenbringen zu können. Er dachte im
Augenblicke nicht einmal daran, dass es für Elliot den bittersten Nachgeschmack
abgeben musste, wenn er hörte, dass sich sein Wohl und Wehe in Helmstedts Hand
befinden würde.
    Er nahm seinen Hut wieder und verliess das Haus. Sein erster Gang war nach
der Postoffice. »Können Sie mir wohl sagen, Sir, wo Rocky-Creek-Postoffice ist?«
fragte er nachlässig, nachdem er sich mit einem schnellen Blick überzeugt hatte,
dass er mit dem Postmeister allein sei.
    »Kaum fünf Meilen von hier, gerade in die Berge hinein,« erwiderte dieser,
mit der Hand die Richtung andeutend; »Sie können kaum fehlen, wenn Sie der
Strasse folgen; es ist das einzige Wirtshaus am Wege, und die Gegend ist dort
ziemlich unbewohnt.«
    »Also ist nicht viel zu holen,« lachte der junge Mann.
    »Nicht die Spur, Sir! Es gibt dort nur einzelne kleine Farmer, die in dem
steinigen Boden mit harter Arbeit ihr Leben fristen.«
    Helmstedt dankte und ging. Er sah nach seiner Uhr - es war bereits neun
vorüber und hohe Zeit für seinen Ritt, wenn er Mittags zurück sein wollte. Ohne
weitern Aufentalt machte er sich daran, sein Pferd zu satteln, und bald eilte
er im scharfen Trabe Oaklea zu.
    Es war lange her, dass er zum letzten Male diesen Weg betreten. Damals war er
noch Elliots Hausgenosse gewesen, und sein Herz, erregt von der Jugendfrische
und Lieblichkeit Ellens, hatte kaum begonnen gehabt, für diese zu schlagen; aber
alle die bekannten Umgebungen der Strasse mahnten ihn jetzt mir wie an ein längst
abgeschlossenes Kapitel seines Lebens. Selbst Ellens Bild, wie er es sich vor
die Seele rief, umgeben von all dem Reiz, welcher ihn damals zu jedem Wagnis für
sie begeistert hatte, liess ihn völlig gleichgiltig; er hatte erkennen gelernt,
dass keine Regung ihrer Seele etwas Verwandtes mit der seinigen hatte, dass er,
und würden sie ein Menschenalter mit einander leben, immer unverstanden an ihrer
Seite stehen müsste. - Je näher er Oaklea kam, desto mehr fühlte er eine
Sicherheit in sich, als reite er der Abschliessung des alltäglichsten Geschäfts
entgegen.
    Die Pferdetritte wurden unhörbar, als Helmstedt von der Strasse abbog und auf
dem geschlängelten Sandwege Elliots Wohnung zuritt. Er band sein Pferd an die
ihm so wohlbekannte Stelle nahe dem Hause und ging mit festem Schritt, um nicht
ungehört einzutreten, die Portico-Treppe nach der Halle hinauf. Hier hatte er
kaum die Tür geöffnet, als aus dem Parlor eine weibliche Gestalt ihm
entgegeneilte, aber wie im plötzlichen Schrecken stehen blieb, als er ihr sein
Gesicht voll zukehrte, und dann todesblass zwei Schritte zurückwich. Helmstedt
stand seiner Frau gegenüber; als er aber in ihre Augen blickte, die ihn mit
einer Mischung von peinlicher Ueberraschung und halber Furcht anstarrten,
überkam es ihn fast wie Mitleid mit dem jungen Wesen, in dessen Leben er jetzt
als hemmendes Gespenst stand.
    »Guten Tag, Ellen,« sagte er mit ausgestreckter Hand auf sie zugehend; »ich
habe dir doch nicht so viel zu Leid getan, dass du mich fürchten musst?«
    Sein Gesicht mochte wohl noch mehr ausdrücken, als seine Worte taten, denn
ihr starrer Blick löste sich, und zögernd legte sie ihre Hand in die seinige.
    »Ich komme nicht unserer Angelegenheit wegen hierher, Ellen,« fuhr er fort
und führte sie einige Schritte weiter in den Parlor hinein, »aber ich freue
mich, zwei Worte mit dir reden zu können. Ich will dir keinen Vorwurf über Das
machen, was geschehen ist, ich habe es verschmerzt; wir wollen auch unsere
gegenseitigen Gefühle nicht zergliedern. Ist es denn aber notwendig, dass wir
kein freundliches Wort für einander haben dürfen, wenn wir nicht mehr als Mann
und Frau mit einander leben können? Müssen wir uns denn durchaus hassen, weil
die Liebe zwischen uns gestorben ist? Haben wir uns denn gegenseitig so viel
vorzuwerfen, dass wir uns am besten stumm trennen, um dann einander wie Todfeinde
meiden zu müssen? Ich mag nicht, Ellen, dass wir uns im öffentlichen Leben
auszuweichen brauchen und der Welt das Recht zu jeder beliebigen Vermutung über
die Gründe unserer Trennung geben - und so sage mir, wollen wir, wenn auch
geschieden, Freunde bleiben, die sich gegenseitig achten, die, wenn auch
gefesselt durch neue Bande, sich offen ins Auge sehen können? Wollen wir das,
Ellen?«
    »Ja, August,« sagte sie mit gepresster Stimme, während die Tränen in ihre
Augen schossen.
    Helmstedt wollte weiter reden, aber ein rascher Männertritt in der Halle
liess ihn aufsehen - Elliot stand in der offenen Parlortür und schien in seiner
ersten Betroffenheit über die Gruppe, welche sich ihm bot, die Sprache nicht
finden zu können.
    Helmstedt fühlte Ellens Hand in der seinen zittern und ergriff sie fester.
»Ich hoffe, Sie werden nichts dagegen haben, Squire, dass ich mich mit meiner
Frau einmal ausgesprochen habe?« sagte er, dem Pflanzer mit einem offenen
Lächeln ins Gesicht sehend; »wir haben eben beschlossen, gute Freunde zu bleiben
-«
    »Und ich hoffe, Sir, dass ich ein Recht habe, in meinem Hause zu dulden oder
nicht zu dulden, was mir eben gut dünkt!« unterbrach ihn der Pflanzer heftig.
»Wollen Sie etwas in Bezug auf meine Tochter sagen, so haben Sie sich an mich zu
wenden, der ich jetzt ihr natürlicher Anwalt bin; so lange sie in meinem Hause
lebt, hört jede direkte Verbindung zwischen ihr und Ihnen auf. Geh nach deinem
Zimmer, Ellen!«
    Helmstedts Stirn begann sich zu röten; er hielt die Hand der jungen Frau so
fest als vorher. »Sie handeln unklug, Sir,« erwiderte er und sein klares Auge
wurzelte fest in dem des Pflanzers. »Wenn ich mein Recht, verstehen Sie wohl,
mein Recht erzwingen wollte, so würde meine Frau noch heute Abend, zu ihrer
Pflicht zurückgeführt, in meinem Hause wohnen. Sie scheinen ganz zu vergessen,
Sir, dass nur die Rücksicht gegen Ellen selbst alle meine Schritte bisher
geleitet hat. Ich wollte das Vertrauen, mit dem sie sich mir übergab, sie
niemals bereuen lassen - sie sollte es auch selbst bei ihrer Trennung von mir
noch gerechtfertigt finden - das waren die Gründe meines leidenden Verhaltens,
Sir. Sie sind jetzt aufgebracht, mich hier zu sehen - well, Mr. Elliot, können
Sie denn nicht vermuten, dass mich freundliche Absichten hierher führten, da ich
ohne mein persönliches Erscheinen mir längst hätte volle Genugtuung verschaffen
können?«
    Um Elliots Mund spielte ein Ausdruck von Verachtung. »Ich hatte Ihnen
allerdings Zeit gegeben, mir Vorschläge zu machen,« sagte er; »ich sehe aber
dabei durchaus keinen Grund, warum Sie meiner Tochter noch einmal nahe zu treten
haben.«
    »Sie sind eben im Irrtum, Sir,« erwiderte der junge Mann wieder mit
vollkommener Ruhe. »Mich führen ganz andere Dinge hierher, als das Verhältnis zu
meiner Frau, und wenn ich die Gelegenheit benutzte, mich gegen sie
auszusprechen, so bot sie mir der Zufall. Wenn ich mich einmal von Ellen
scheide, so geschieht dies in vollkommen freier Uebereinkunft zwischen ihr und
mir, und ich habe Ihnen, Sir, weder Vorschläge in Bezug darauf zu machen, noch
deren von Ihnen entgegen zu nehmen. Glauben Sie mir aber, Mr. Elliot, dass jeder
Ihrer Eingriffe in meinen freien Willen nur Ihren Wünschen entgegen arbeitet.
Sie werden es nie ins Werk setzen, und wenn Sie mir jeden Fuss breit Boden unter
den Füssen abzugraben versuchten, mich zu einem Schritte zu zwingen, den ich
meiner unwürdig halte. Ich kann leben und bestehen, Sir, ohne eines einzigen
Menschen Gunst hier zu bedürfen. Das musste ich Ihnen sagen, Mr. Elliot, und nun
möchte ich Ellen bitten, uns zu verlassen, da mich Geschäftsangelegenheiten
hierher geführt haben, welche sich nur unter Männern besprechen lassen.«
    Er liess die Hand der jungen, bleichen Frau los, und diese eilte mit einem
besorgten Blick auf ihren Vater, der nur zu warten schien, was sich aus
Helmstedts Worten entwickeln würde, aus dem Zimmer.
    »Lassen Sie mich jetzt zu dem eigentlichen Zwecke meines Besuches kommen,
Sir -« sagte Helmstedt.
    »Ich glaube nicht, dass wir noch etwas mit einander zu reden haben,«
unterbrach ihn der Pflanzer kurz; »wenigstens kann ich mir keinen weitern
Berührungspunkt zwischen mir und Ihnen denken. Es ist heut ein Tag der
dringendsten Geschäfte für mich, und ich werde Sie allein lassen müssen.«
    »Ich glaube, Sir, dass ein kluger Mann erst hört, ehe er urteilt,« erwiderte
Helmstedt ruhig; »ich kam Ihrer Angelegenheiten und nicht der meinigen wegen
hierher.«
    Der Pflanzer hatte sich bereits halb nach der Tür gedreht und wandte jetzt
den Kopf zurück, »Was ist es?« fragte er unfreundlich. »Wenn es mich betrifft,
so sagen Sie es mit zwei Worten; ich habe keinen Augenblick mehr zu verlieren.«
    »Haben Sie es denn wirklich so eilig, in Ihr eigenes Unglück zu laufen?«
entgegnete Helmstedt, und ein Anflug von gutmütigem Spott ging über sein
Gesicht; »wollen Sie sich denn vorher nicht wenigstens die Zeit nehmen, einen
Mann ruhig anzuhören, der auf die Gefahr hin, von Ihnen zum Hause hinaus
gewiesen zu werden, hierher kam?«
    Elliot drehte sich langsam um und warf einen durchdringenden Blick auf
seinen Gast. »Was wollen Sie von mir, Sir?«
    »Ich wünsche, Mr. Elliot, dass Sie die Tür schliessen,« sagte Helmstedt
ernst, »sich einige Minuten zu mir hersetzen und hören, was ich Ihnen zu sagen
habe. Sie können sich versichert halten, dass ich mich nicht bis jetzt allen
Äusserungen Ihrer Nichtachtung Preis gegeben hätte, wenn ich meiner Genugtuung
nicht sicher wäre.«
    Der Pflanzer sah einen Augenblick in das leuchtende Auge des jungen
Deutschen, der hoch aufgerichtet vor ihm stand, schloss dann langsam die Tür und
rückte zwei Stühle einander nahe. »So setzen Sie sich denn und reden Sie,« sagte
er, während er sich selbst niederliess und finster vor sich nieder sah.
    »Zuerst eine Frage,« begann Helmstedt, Platz nehmend, »und um Ihrer selbst
willen bitte ich, sie mir offen zu beantworten. Haben Sie schon irgend ein
Arrangement wegen des Anspruchs auf Ihr Eigentum getroffen?«
    Elliot sah auf. »Was haben Sie mit diesem Anspruch zu tun, Sir?«
    »Es scheint, Sie wissen nicht, dass der jetzt geltend gemachte Besitztitel
ein Teil einer Erbschaft ist, für welche ich als Vormund des minorennen Erben
unumschränkter Verwalter war, und dass erst während der letzten Zeit, seit, wie
es hiess, der ursprüngliche Erbe verunglückte, die Hinterlassenschaft in
diejenigen Hände überging, welche jetzt ihren Anspruch gegen Sie geltend machen
wollen.«
    »Das mag sein, Sir,« erwiderte der Pflanzer, aufmerksam werdend; »der
Anspruch ist aber in andere Hände übergegangen. Was wollen Sie nun noch?«
    Helmstedt warf einen Blick nach der Tür und den Fenstern. »Was ich will,
Sir,« sagte er dann mit gedämpfter Stimme, »ist nichts weiter, als von allem
Vorhandenen, den drohenden Besitztitel einbegriffen, wieder Besitz zu ergreifen,
sobald es mir gelingt, rechtzeitig den Umtrieben einer Spitzbubenbande entgegen
zu treten, welche meinen noch lebenden Mündel um sein Erbe und Sie um Ihr
Eigentum bringen will. Weiter etwas zu sagen, wäre eine strafbare
Unvorsichtigkeit, da meine ganze Hoffnung augenblicklich nur in der geträumten
Sicherheit der Gauner beruht. Trotzdem und ehe ich noch einen vollen Erfolg
meiner Massregeln verbürgen kann, habe ich es für meine Pflicht gehalten, Sie vor
jeder Uebereinkunft mit den jetzigen Inhabern des Besitztitels zu warnen, und
ich will nur hoffen, dass ich damit nicht zu spät gekommen bin.«
    Elliot starrte ihn eine Weile wortlos an. »Ich verstehe zwar vollkommen, was
Sie sagen,« erwiderte er endlich, und seine Stimme klang heiser, wie von einem
innern Drucke; »ich weiss aber nicht, ob Sie nicht leichtsinnig oder vielleicht
selbst getäuscht eine Hoffnung geben, wo keine ist. Ich kenne von den
Verhältnissen, welche Sie mir andeuten, nichts, und darum merken Sie auf, Sir -
es handelt sich um die Existenz einer ganzen Familie. Ich habe mich allerdings
in Unterhandlungen eingelassen, die heute zum Abschluss kommen sollten, und so
hoffnungslos das vorgeschlagene Uebereinkommen auch für mich ist, so vergebens
ich auch acht Tage lang mich abgemüht habe, es nur auf den Verlust eines Teiles
meiner Ländereien zu beschränken, so schützt es mich doch vor augenblicklichem,
gänzlichem Ruin. Stosse ich heute den Vergleichs-Vorschlag zurück und ein für
mich hoffnungsloser Prozess beginnt, so habe ich die sichere Aussicht, mit meinem
Grundeigentum auch noch meine ganze bewegliche Habe durch die Kosten des
Processes zu verlieren. Wollen Sie mich nun, Angesichts dieses Standes der Dinge
noch einmal vor einem Uebereinkommen warnen, Sir?«
    Helmstedt sah sinnend vor sich nieder. »Es sei ferne von mir,« sagte er nach
einer Pause, »eine schwere Verantwortung leichtsinnig auf mich zu nehmen; wie
aber die Sachen stehen, muss ich Ihnen Alles, was ich selbst weiss, mitteilen;
Ihr persönliches Interesse, Sir, wird Sie vor jedem unvorsichtigen Gebrauche
desselben bewahren, und Sie mögen dann handeln, wie es Ihr eigenes Urteil Ihnen
vorschreibt.« Er gab darauf dem Pflanzer eine kurze Skizze von der seinerseits
übernommenen Vormundschaft und seinen Erlebnissen in New-York; er hob es hervor,
dass der aus dem Wasser gezogene Judenknabe nur durch seine Kleider und die bei
ihm gefundenen Gegenstände recognoscirt worden war; er nahm Charley's ersten
Brief aus der Tasche und gab die nötigen Auszüge daraus. »Es handelt sich nur
noch um zwei Tage Zeit, Sir,« schloss er; »ich habe weitere Nachricht, die mich
wenigstens zu der Hoffnung berechtigt, meinen Mündel wieder aufzufinden und
unter meine Obhut zu bringen. Können Sie also noch einige Tage Zeit gewinnen, so
tun Sie es, und warten Sie den Lauf der Ereignisse ab.«
    Elliot, die Arme in einander geschlagen, sass stumm, wie mit sich selbst Rat
pflegend, da.
    »Es ist dies die sonderbarste Geschichte, die mir jemals vorgekommen ist,
und sie mag Ihre Warnung vollkommen rechtfertigen,« begann er nach einer Weile.
»Sagen Sie mir aber Eins, Sir!« fuhr er, sich gerade aufsetzend, fort. »Ich
mache durchaus nicht darauf Anspruch, bei Ihnen in besonders gutem Andenken zu
stehen, und nun frage ich mich vergebens, welche Ursache Sie zu Ihren jetzigen
Mitteilungen veranlasst habe - die Sorge für mein Wohlergehen doch sicherlich am
wenigsten. Ich sehe den Angelegenheiten, welche mich berühren, immer gerne auf
den Grund, und so wenig ich in die Wahrheit Ihrer Darstellung den geringsten
Zweifel setze, so sehr verlangt es doch mein Interesse, dass ich die eigentliche
Absicht, welche Sie bei Ihrem jetzigen Schritte gehabt, kennen lerne.«
    Helmstedt sah den Pflanzer einen Augenblick gross an, dann stieg ein
sonderbares lächeln in sein Gesicht und er erhob sich.
    »Ich will Ihnen die Frage beantworten, Sir,« sagte er. »Es liegt im
deutschen Charakter, lieber ein selbsterlittenes Unrecht zu vergessen, wenn es
notwendig wird, als mit offenen Augen ein Unrecht an Andern geschehen zu
lassen. Ich kann mir denken, dass ein so einfacher Grund Sie fremdartig berührt;
ich habe aber keine andere Erklärung für mein Handeln zu geben. Sie wissen
jetzt, was ich Ihnen mitzuteilen für notwendig fand, nun handeln Sie nach
eigenem Ermessen.«
    »Warten Sie noch einen Augenblick, Sir,« sagte Elliot, als der junge Mann
Miene machte, seinen Stuhl bei Seite zu tragen. »Gesetzt den Fall, Ihre
Massregeln zur Auffindung Ihres Mündels gelängen, und der Anspruch auf Oaklea
käme in Ihre Hand - welche bessern Aussichten erwüchsen mir daraus? Oder um mit
einer directen Frage der Sachlage näher zu kommen - tragen Sie sich vielleicht
mit einer Idee, später durch verständige Behandlung der Angelegenheit in
genauere Beziehung zu mir zu treten als bisher?«
    Helmstedt sah eine Secunde lang in des Pflanzers forschende Augen.
    »Wenn ich Sie recht verstehe,« erwiderte er dann ernst, »so bezieht sich
Ihre letzte Frage auf meine Stellung zu Ihnen durch Ellen. Es gab allerdings
eine Zeit, Sir, wo ich jede Gelegenheit, mich Ihnen näher zu bringen, mit
tausend Freuden ergriffen hätte; diese Zeit, Sir, ist aber vollkommen vorüber.
Ich habe eingesehen, dass unserer Beider Wahl eine verfehlte war, und ich hätte
Ellen längst ihre volle Freiheit zurückgegeben, wenn auf die Forderungen meiner
Ehre nur die geringste Rücksicht genommen worden wäre. Jetzt, nachdem ich lernen
musste, mich über die absichtlich gegen mich ausgestreuten Gerüchte
hinwegzusetzen, bin ich sogar von meiner frühern Bedingung für eine Trennung -
Ellens Rückkehr in mein Haus - zurückgekommen; ich kann ihre gegenwärtige Lage
sogar bedauern, und ich mag ihrem fernern Glück nicht hindernd im Wege stehen.
Sie hat wir heute versprochen, mir diejenige Achtung in Wort und Tat zu
bewahren, auf welche ich jedenfalls ihr gegenüber Anspruch machen kann, und so,
Sir, bin ich jeden Augenblick bereit, einen Trennungsact ohne weitere
Bedingungen zu unterzeichnen.«
    Er machte eine kurze Pause, während der Pflanzer, den Hopf zurückgebogen,
den erwartenden Blick fest auf ihn geheftet hielt.
    »Was den Besitztitel, sobald er in meine Hände gelangt, betrifft,« fuhr
Helmstedt fort, »so will ich mich erst überzeugen, mit welchem Recht der jetzige
Angriff gegen Sie gemacht wurde. Ich habe verschiedene Gründe, unter der ganzen
Angelegenheit eine Gaunerei zu vermuten, und einer der einleuchtendsten dafür
ist wohl der, dass Isaak Hirsch, welcher trotz seines seltenen Charakters doch
seinen Vorteil wie der beste Advocat wahrzunehmen wusste, sicherlich nicht einen
solchen Anspruch unbenutzt hätte liegen lassen, um ihn zuletzt der Verjährung
Preis zu geben. Jedenfalls, Sir, haben Sie später einen ehrlichen Mann gegen
sich und nicht eine Schaar von gewissenlosen Advocaten. Ich bin mit meinem
Geschäft zu Ende, und so überlasse ich Ihnen, nach eigenem Gutdünken zu
handeln.«
    Er trug seinen Stuhl bei Seite und Elliot erhob sich.
    »Ich habe Ihnen zu danken,« sagte der Letztere, und hielt dem jungen Manne
die Hand hin, in welche dieser die seinige kalt und ohne einen Finger zu rühren
legte; »ich werde vorläufig Ihrem Rate folgen und hoffe Sie in zwei oder drei
Tagen in Ihrem Hause sehen zu können.«
    »Mein Haus wird für Sie offen sein,« erwiderte Helmstedt, sich leicht
verbeugend. - »Guten Morgen, Sir.«
    Er schritt nach der Tür und verliess das Haus, ohne sich umzusehen, ob
Elliot ihm folge. Bald sass er im Sattel, und trabte der Hauptstrasse wieder zu.
    Eine drückende Luft empfing ihn, als er das Freie erreichte; das Aussehen
der Landschaft hatte sich in kaum einer Stunde so verändert, dass jeder Gedanke
an die eben erlebten Scenen in dem jungen Manne schwand und er sich besorgt
umsah. Der Himmel in seinem Rücken war dick mit gelbgrauen Wolken umzogen, die
einen unheimlichen Schatten über die Gegend warfen, und während nur leichte
Staubwirbel vom Boden aufstiegen, bogen sich die Kronen der riesigen Waldbäume
und brausten wie unter einem gewaltigen Drucke. Helmstedt kannte diese Zeichen
und trieb sein Pferd zu schärferem Trabe an, um womöglich noch vor Ausbruch des
Wetters die Stadt zu erreichen; fast schien es auch, als solle ihm noch Zeit
dafür bleiben; die Staubwirbel legten sich, die Bäume schwankten nur noch leise
und bald war eine Stille eingetreten, in welcher kein Halm und kein Blatt sich
mehr rührte; eben als Helmstedt aber an einer freien Stelle des Wegs anlangte
und noch einmal sich nach dem Wetter umsehen wollte, schien es urplötzlich, als
stehe der ganze Himmel in Feuer - der Schein verschwand, aber ein Donnerschlag
folgte unmittelbar nach, als berste die Erde von einander, als brächen, eins dem
andern folgend, die Gebirge rings umher zusammen, so dass Helmstedt aus der
plötzlich ihn überkommenen Betäubung nur durch einen Sprung seines erschreckten
Pferdes wieder zur Besinnung gerufen wurde. Er hatte Mühe, das geängstigte Tier
zu beruhigen und machte sich bereit, einem neuen Schlage mit der erforderlichen
Geistesgegenwart zu begegnen; aber das Gewitter schien sich in der einzigen
gewaltigen Kraftäusserung erschöpft zu haben und nur dann und wann grollte noch
ein ferner Donner nach. Als er endlich aus dem bis jetzt verfolgten Waldwege in
die grosse Strasse einbog, lag die County-Stadt wieder im Sonnenscheine vor ihm,
während hinter ihm in der Ferne schwarzblaue Wolken und herniederströmender
Regen die Aussicht verdeckten.
    Mittag war schon einige Stunden vorüber, als er die Stadt erreichte, und er
nahm seinen Weg ohne Aufentalt nach dem Globe-Hotel, um seinen knurrenden Magen
zu befriedigen. Kaum war er aber dort abgestiegen und beschäftigt, sein Pferd
anzubinden, als aus der Piazza eine mächtige Gestalt auf ihn zuschritt und ohne
lange Ceremonie seine Hand fasste. »Hier ist der Dutch-Charley, Sir,« klang eine
gewaltige Stimme, »und nun sehen Sie zu, was Sie mit ihm anfangen können!«
    Helmstedt hatte überrascht aufgesehen und drückte nach Kräften die Hand des
Angekommenen. »Freut mich von Herzen, dass Sie da sind,« sagte er, »es tut mir
nur leid, dass Sie auf mich haben warten müssen.«
    »Never mind!« erwiderte der Goliat lustig, »ich wünschte, Sie hätten auf
meinen Brief nicht länger zu warten brauchen.«
    Helmstedt warf einen Blick auf die offene Tür des Bar-Rooms. »Wir brauchen
nicht englisch zu reden, dass uns Jeder versteht,« begann er dann deutsch, »sehen
Sie sich vor, Charley, dass Sie kein Wort von dem fallen lassen, was Sie mir
schrieben; mit einer einzigen Unvorsichtigkeit können wir den Vogel, den ich
fangen will, wieder aus dem Garne scheuchen. Ist der sogenannte Graf, dieser Mr.
Wells, ein Yankee?«
    »Nicht die Spur davon,« entgegnete der Andere, seine Stimme in einer Weise
mässigend, dass sie den Zuhörer an das ferne Grollen des abziehenden Gewitters
mahnte; »ächtes deutsches Sauerkraut, Sir; Sie können ihn aber in der Sprache
schwer von dem wirklichen Amerikaner unterscheiden.«
    Helmstedt schüttelte den Kopf. »Ich verstehe kein Wort von der ganzen
Intrigue,« sagte er, »wir werden ja aber sehen. Nehmen Sie vorläufig einen
Schluck, während ich ein paar Bissen esse, und dann sprechen wir weiter.«
    Eine Viertelstunde später traten Beide in Helmstedts Haus, wo dieser eins
der Hinterzimmer öffnete. »Hier mag vorläufig Ihr Quartier sein, bis wir mit
unserm Hauptgeschäfte zu Ende sind und ich Sie an einem ordentlichen Platze
untergebracht habe,« sagte er, »jetzt machen Sie es sich vor allen Dingen
bequem.«
    »Well, Sir, das Bequemmachen kommt mir gerade gelegen,« erwiderte Charley,
kopfnickend die Ausstattung des Raumes betrachtend, »ich fühle wirklich, als
müsste ich ein paar Stunden schlafen, ehe ich zu was Rechtem tauge. Ich gebe
nichts um die zwei Nächte in der Postkutsche, auf einem Wege durch das Gebirge,
der eher wie eine steinerne Treppe als eine vernünftige Strasse aussah; aber die
Hitze hat mir meinen dicken Kopf so dumm gemacht -«
    »All right, schlafen Sie,« lachte Helmstedt, »ich werde einstweilen
überlegen, was wir zunächst zu tun haben, und wenn ich Sie brauche, werde ich
Sie rufen.«
    Er schloss die Tür und ging nach seinem Zimmer. Als er dort Hut und Rock von
sich getan, warf er sich aufs Sopha und wollte nochmals Alles, was ihm Charley
geschrieben und was er bereits als notwendig in Bezug darauf beschlossen, sich
als klares Bild vor die Seele stellen, aber der schwüle Tag, zusammen mit seinem
Ritte in der Mittagshitze, machten auf ihn ihren Einfluss geltend - er wurde vom
Schlafe überfallen, ehe er nur dessen Annäherung bemerkt hatte.
    Wie lange er gelegen hatte, wusste er beim Erwachen nicht - seine erste
Erinnerung war die an unangenehme Träume, deren Eindruck er sich jetzt noch
nicht ganz zu entreissen vermochte - ein leichtes Rütteln brachte ihn indessen
zur vollen Besinnung. Es war bereits halbe Dämmerung in der Stube, aber über
seinem Gesichte erkannte er den Kopf seines Schwarzen, welcher sich mit
ängstlicher Miene über ihn gebeugt hatte.
    »Was gibt es?« rief Helmstedt und sass rasch aufwärts.
    »Sie müssen entschuldigen, Master,« erwiderte Cäsar, augenscheinlich halb
ausser Atem, »aber ich dachte, ich müsste Sie wecken - mir scheint etwas nicht
richtig - ich bin gelaufen - -«
 
                                      IX.
Kurz vor Mittag desselben Tages rollte eine leichte, halbverdeckte Kutsche den
Bergen zu. Drinnen sass eine junge, blasse Frau in Trauerkleidern und an ihrer
Seite eine Mulattin, welche Zügel und Peitsche regierte. Der Weg war wenig
befahren und so von Baumwurzeln durchzogen und mit grossen Steinen übersäet, dass
es der vollen Aufmerksamkeit der Fahrenden bedurfte, um wenigstens den
bedeutenderen Hindernissen auszuweichen. Die junge Frau schien indessen wenig
der einzelnen, unvermeidlichen Stösse zu achten, und liess, als die erste Anhöhe
erreicht war, mit aufglänzendem Auge den Blick über die Gegend vor ihr
schweifen. Nach allen Richtungen hin breiteten sich sanft abgedachte Hügel, mit
jungem Pfirsichgebüsch und dunkeln Gruppen riesiger Wallnussbäume bedeckt, aus;
einzelne Schluchten, die sich ausnahmen, wie ein romantisches Stück Landschaft
auf einem Miniaturbilde, unterbrachen die Hügelreihe und liessen hier und da
einen schäumenden Gebirgsbach hindurch. Hinter diesen Anhöhen indessen erhoben
dichtbewaldete Berge von allen Formationen und Schattirungen ihre Häupter -
wieder in weiterer Ferne überragt von dem dunkelblauen Zuge des eigentlichen
Gebirges, dessen höchste Spitzen noch weiter hinaus mit dem helleren Blau des
Himmels zu verschmelzen schienen. Links hinüber, zwischen den verschiedenen
Höhenzügen brachen sich die Sonnenstrahlen glitzernd in einem Gebirgssee.
    Ein leises Rot begann nach und nach die seinen Züge der jungen Frau zu
beleben und als bei Erreichung einer der folgenden Anhöhen sich plötzlich ein
weites Waldtal vor ihnen öffnete, dessen frischgrüne Rasendecke nur mit
einzelnen Gruppen dichtbelaubter Bäume besetzt war, durch welche sich der Weg in
mannichfachen Windungen schlängelte, so dass man eher hätte glauben mögen, in
einen geschmackvoll angelegten Park, als in ein wildes Tal der Alleghany's
hinabzusteigen, da hob ein tiefer, langer Atemzug ihre Brust. »Ich wusste nicht,
Mary, dass es so viel Schönheiten hier gibt!« sagte sie.
    »Ja, es ist schön in den Bergen!« erwiderte die Mulattin, aber ihrem Blicke
nach, der forschend in die Ferne gerichtet war, schienen ihre Gedanken kaum bei
der Antwort zu sein. Sie trieb das Pferd, das jetzt ebenen Weg unter den Hufen
fand, zu rascherem Laufe, und bald war die jenseitige Höhe erreicht, wo die
wieder beginnenden Schwierigkeiten des Wegs neue Vorsicht geboten.
    »Ich glaube, Ma'am, wir haben in Kurzem ein Gewitter über uns,« sagte die
Mulattin, den Himmel vor sich betrachtend, dessen früheres reines Blau durch
einen dicken gelblichen Dunst verdeckt schien, »ich wünsche nur, dass wir Little
Vallei bei Zeiten erreichen!«
    »Wie weit haben wir noch?« fragte die junge Frau, mit ihren Augen dem Blick
der Farbigen folgend.
    »Nur noch zwei Meilen, Ma'am, aber der Weg ist so, dass wir nirgends rasch
fahren können, ohne den Wagen zu zerbrechen.«
    »Glaubst du, dass irgend eine Gefahr droht, wenn uns das Wetter überrascht?«
    »Ich weiss von keiner besonderen Gefahr, Ma'am, der Blitz kann auch ins
festeste Haus schlagen, aber die Gewitter in den Bergen sind schrecklich!«
    »Dann lass es kommen - höchstens werden wir nass!«
    Die Mulattin schien indes wenig auf den erhaltenen Trost zu geben, sie nahm
jede einigermassen ebene Stelle des Wegs wahr, um das Pferd anzutreiben und
teilte, sichtlich besorgt, ihre Aufmerksamkeit zwischen der Beobachtung des
Wetter? und dem Fuhrwerk.
    Der Himmel schien sich mit jeder Minute dichter zu umziehen, der
Sonnenschein war längst verschwunden und ein eigentümlicher Druck der Luft
machte sich bemerkbar. Die Berge, kaum noch so freundlich in der klaren
Mittagsbeleuchtung, schienen jetzt wie finstere, drohende Riesen herabzublicken
und die Wipfel der Bäume begannen bereits in langsamen Schwingungen sich vor dem
heraufziehenden Wetter zu beugen.
    Der Wagen hatte eben die Spitze einer neuen Anhöhe erreicht. »Dort ist
Little Vallei, Ma'am!« sagte die Mulattin mit einem Seufzer der Erleichterung
und zeigte nach der Tiefe, wo ein langgestrecktes Tal mit Baumwollenfeldern und
einer Gruppe von Hütten sich vor dem Blick auftat, »in einer Viertelstunde
können wir dort sein!« Das Pferd trabte auf dem abwärts gewundenen Wege scharf
vorwärts, so dass die junge Frau mit beiden Händen das Wagengestell fasste und
sich in der Schwebe zu halten versuchte, um den unvermeidlichen Stössen zu
entgehen.
    »Gibt es dort kein anderes Obdach als die Negerhütten?« fragte sie nach
einer Weile, als eine ebenere Stelle des Wegs ein Gespräch möglich machte.
    »Gleich vorn an der Umzäunung ist die Wohnung des Aufsehers, dort das
einzeln stehende grosse Blockhaus,« erwiderte die Farbige, die Richtung mit dem
Finger andeutend, »und dort hinten bei den Hütten, das Haus mit dem grossen
Schornstein, ist die Küche.«
    Sie liess das Pferd von Neuem die Peitsche fühlen, im nämlichen Augenblick
aber richtete sie sich hoch auf und zog die Zügel an - das Tal und die Berge
ringsumher erglänzten einen Moment in weissem Feuer, im nächsten aber erfolgte
ein prasselnder, betäubender Donnerschlag, dem unmittelbar wie das Pelotonfeuer
einer Artillerie-Salve neue krachende Schläge von allen Seiten antworteten, und
als wären plötzlich die Banden der schweren Wolken zersprungen, strömte der
Regen hernieder, gleich einer Sündflut. Hochauf hatte sich das Pferd gebäumt und
einen Satz zur Seite getan, dass der Wagen gegen einen Baum flog und die
Mulattin in die Mitte der Strasse geschleudert wurde - auf und davon jagte das
Tier, die zerbrochene Deichsel und einen Teil des Vorderwagens hinter sich
herschleifend.
    Die junge Frau war schnell aus dem ersten Schrecken wieder zur Besinnung
gelangt. Der Wagen, seiner Vorderräder beraubt, lag nach vorn über und das
Verdeck bildete ein genügendes Dach gegen den Regen; aber ohne an den eigenen
Schutz zu denken, sprang sie heraus, um nach ihrer Dienerin zu sehen. Das
farbige Mädchen lag mit blutendem Kopfe, anscheinend ohne Besinnung, auf der
Strasse; als ihre Herrin sie aber aufrecht zu setzen versuchte, begann sie zu
stöhnen und Anstrengungen zu machen, sich selbst zu erheben. Die junge Frau
half, ihr empor, fasste sie unter die Arme und geleitete sie unter ermutigenden
Worten nach dem Wagen. Kaum aber war die Verwundete unter das Verdeck gelangt,
als sie in ihrer Bewusstlosigkeit auf die Kissen des Sitzes fiel. Ihre Herrin
schloss das Schutzleder des Wagens, schürzte ihre Kleider auf und wanderte
raschen Schrittes durch den strömenden Regen nach dem Tale hinab.
    Es war ein Haus im rauhesten Hinterwaldstyle, weit ab von den Negerhütten,
welches ihr von Mary als die Wohnung des Aufsehers bezeichnet worden war. Eine
einzige kleine Fensteröffnung mit zerbrochenen Scheiben zeigte sich daran und
der Weg nach dem Eingange führte durch Morast und tiefe Pfützen, welche der
Regen gebildet hatte. Die Tür stand offen und ohne langes Besinnen trat die
junge Frau ein. Sie nahm zuerst ihren triefenden Sommerhut vom Kopfe und blickte
dann in dem düsteren Raume umher, der sich ihren Blicken bot.
    Das Haus mochte einmal wohnlich gewesen sein, die Wände wiesen noch Spuren
von angeworfenem Kalke; jetzt aber sahen überall die nackten Baumstämme, aus
denen das Gebäude erbaut worden, hervor, der Fussboden war ausgetreten und voll
klaffender Spalten und eine zerbrochene Stiege führte nach einem von aussen
angebauten obern Raume, an welchem nur noch eine halb abgerissene Türbekleidung
zeigte, dass er einmal verschliessbar gewesen war. Auf einem schmutzigen Tische
lagen neben einem grossen blinkenden Messer die Ueberreste eines groben
Mittagsmahles, ein schwarzes Mädchen kniete am Kamine, bemüht, einen Haufen
nasser Reiser zum Brennen zu bringen, und von einem Bett im Hintergrunde erhob
sich langsam eine männliche Gestalt mit wirrem Haar, nur mit einem schmutzigen
Paar Beinkleidern und einem dunklen Hemd, welches die behaarte Brust sehen liess,
bekleidet.
    Ein einziger Rundblick hatte der Eingetretenen alle diese Einzelheiten
gezeigt, und es überkam sie ein unheimliches Gefühl, als sie den
frech-neugierigen Blick der Schwarzen und das wüste Auge des Mannes auf sich
gerichtet sah. »Sie sind Mr. Bartlett, wenn ich mich nicht irre?« fragte sie.
    »Das bin ich,« erwiderte dieser, sich langsam auf die Beine stellend und die
unerwartete Erscheinung von Kopf bis zu Fuss musternd.
    »Ich hoffe, Sie werden Mrs. Morton noch kennen, Sir! Das Gewitter hat unser
Pferd scheu gemacht und mein Mädchen hat einen schweren Fall getan. Sie liegt
jetzt in dem zerbrochenen Wagen nicht weit von hier auf der Strasse, und ich
wünsche, dass Sie sogleich ein Fuhrwerk hinausschicken, um sie hierher
transportiren zu lassen.«
    Der Aufseher betrachtete sie noch immer mit einem Ausdrucke von dreister
Unverschämteit. Dann wandte er den Kopf langsam nach der Seite. »Geh, Jane, du
hast gehört, Bob soll den kleinen Wagen anspannen. - Noch Eins!« rief er, als
das Mädchen eben das Haus verliess, und folgte ihr vor die Tür.
    Pauline konnte nichts von seinen weitern Worten vernehmen, und nur ein
plötzliches rohes Gelächter, in welches die Schwarze ausbrach, drang zu ihren
Ohren. Einen Augenblick kam eine ungewisse Furcht über sie, und sie fragte sich,
ob es nicht trotz des noch immer strömenden Regens besser sei, das Haus zu
verlassen - schon im nächsten aber schalt sie sich selbst eine Törin und trat
schaudernd vor Nässe an das eben entzündete prasselnde Kaminfeuer.
    Bald erschien der Aufseher wieder und schloss die aus schwerem Eichenholze
gefertigte Tür.
    »Lassen Sie offen!« gebot Pauline, sich nach ihm wendend.
    »Der Regen schlägt herein, Ma'am!« war die Antwort, mit welcher er sich
langsam auf sein Bett setzte, die Arme in einander schlug und seinen Gast von
Neuem anzustarren begann.
    Der jungen Frau begann es unheimlicher als zuvor zu werden; sie fühlte, dass
sie diesem Zustande ein Ende machen müsse. »Haben Sie nicht einen andern Raum,
wo etwas Feuer gemacht werden könnte, um meine Kleider zu trocknen?« fragte sie
und suchte die möglichste Festigkeit in ihre Stimme zu legen.
    »Keinen als diesen - wir leben hier nicht so sein, Ma'am!« erwiderte der
Aufseher ohne sich zu rühren, aber Pauline glaubte einen unverhohlenen Spott in
seinem Tone zu hören.
    »Dann verlassen Sie wenigstens auf einige Minuten das Haus, Sir!« rief sie,
und die aufsteigende Entrüstung liess sie ihre Furcht vergessen.
    »Ich gehe nicht gern im Regen spazieren, Ma'am,« erwiderte er trocken;
»hören Sie nur, wie es giesst.«
    »So zwingen Sie mich, selbst zu gehen!« Mit drei Schritten war sie am
Ausgange, aber die Tür wich ihrer Bemühung nicht, und dem angestrengten Rütteln
antwortete nur ein kurzgestossenes Lachen des Mannes hinter ihr.
    »Oeffnen Sie augenblicklich, Sir - ich will hinaus!« rief sie, und es
schien, als sei erst mit der bestimmten Vermutung von einer ihr drohenden
Gefahr ihr Mut erwacht.
    »Jetzt nicht,« erwiderte der Aufseher kalt; »ich habe zuerst etwas mit Ihnen
zu reden.«
    »In dieser Weise kein Wort!« erwiderte sie energisch; »öffnen Sie die Tür
und dann reden Sie.«
    »Sie werden es doch wohl anhören müssen, Ma'am!« sagte er, sich mit einem
bösen Lächeln zurücklegend und den Kopf auf seinen Arm stützend.
    Pauline warf einen Blick um sich. Das einzige Fenster war zu hoch, als dass
sie es hätte erreichen können, und sie fühlte eine Sekunde lang, als komme ein
Schwindel über sie. Aber das Bewusstsein, keinen andern Beistand als ihre eigene
Besonnenheit zu haben, überwand die augenblickliche Schwäche, und nach kurzer
Ueberlegung nahm sie den einzigen Stuhl, der sich im Zimmer befand und setzte
sich zur Seite des Tisches nieder, so dass dieser sich zwischen ihr und dem
Aufseher befand. »Sie zwingen mich also, in Ihrer Gesellschaft auszudauern; very
well, ich werde warten bis meine Leute ankommen, und dann werden wir weiter
sehen.«
    »Ohne Sorge! Es wird uns Niemand vor später Nacht stören!« sagte Bartlett
mit einem heisern Lachen, »und bis dahin, denke ich, sind wir mit einander
fertig.« Er setzte sich wieder langsam aufrecht. »Die Nigger haben mich bei
Ihnen verklagt, Ma'am, und Sie haben mich, einen weissen Mann, zum Narren des
schwarzen Viehzeugs gemacht,« fuhr er mit finsterm Auge fort. »Sie sind jetzt
hierher gekommen, um mir die Stelle aufzukündigen, in der ich nun drei Jahre
bin. Ich weiss, dass Sie schon einen neuen Aufseher an der Hand haben, und ich
konnte von einem Weiber-Regimente nichts Anderes erwarten. Weiber sind nur halbe
Geschöpfe, sind nur da zum Vergnügen für den Mann, und wo sie zur Herrschaft
kommen, soll ein rechter Kerl den Platz räumen. Ich wäre von selber gegangen,
diese Nacht schon, und deshalb habe ich mit Ihnen als Mistress nichts mehr zu
tun. Sie sind aber die Frau, welche einen weissen Mann zum Spott der Nigger
gemacht hat, und deshalb wird Ihnen der Mann noch heute zeigen, zu was die
Weiber nur in der Welt sind, und wird seine Genugtuung haben, mögen Sie sich
dagegen wehren oder nicht!«
    Ein wilder, begehrlicher Blick traf die junge Frau, dass ihr Herz still zu
stehen drohte - sie hatte mit einem Blick ihre ganze Lage erkannt.
    »Beruhigen Sie sich aber jetzt, Ma'am,« begann der Mensch von Neuem und sah
mit einem hässlichen Lächeln in Paulinens entsetzte Augen, »wir haben noch Zeit
bis ich mich zur Abreise fertig mache; trocknen Sie sich ungenirt Ihre Kleider!«
    Er erhob sich und warf, während ihre Blicke jede seiner Bewegungen
bewachten, ewige Stücke Holz auf die Glut. Dann legte er sich zurück auf das
Bett, ohne indessen den unheimlich leuchtenden Blick von ihr zu lassen.
    Paulinens Augen flogen durch den Raum. Der einzig offene Ausgang war die
Stiege hinauf nach dem angebauten Zimmer, unweit des Platzes, welchen sie
eingenommen, der aber eben so wenig Rettung bieten konnte, als ihr jetziger
Aufentalt, und in ihrem Herzen begann es sich zu regen wie halbe Verzweiflung.
Sie wusste, dass sie in Mortons Hause nicht vor spät Abends zurückerwartet werden
konnte, dass Doctor Ford meist nicht vor zehn Uhr nach Hause kam; sie konnte aus
der Sicherheit des Aufsehers schliessen, dass die verwundete Mary unter irgend
einem Vorwande bei Seite geschafft worden war und dass kein fremder Mensch, den
nicht ein besonderes Geschäft in diese abgelegene Gegend führte, sich hierher
verirren würde. Die Negerhütten waren so weit entfernt, dass, selbst wenn sie das
Fenster hätte erklimmen können, kein Hilferuf dahin gelangt wäre. Da fiel ihr
irr umherschweifender Blick auf das grosse spitze Messer unter den
Speise-Ueberresten auf dem Tische, und eine plötzliche Beruhigung überkam sie -
jetzt war die Partie wenigstens gleich, und sie konnte kämpfen für ihre Ehre.
Ohne einen weitern Blick nach ihrem Feinde zu wenden, dessen Auge sie jede ihrer
Bewegungen hatte belauern sehen, beschloss sie, ruhig zu warten. Die Hitze vom
Kamin zog wohltuend durch ihre Glieder, und ihr Blut begann wieder rascher
seinen Kreislauf zu nehmen.
    Der Regen hatte aufgehört und die frische Helle, welche durch das kleine
Fenster strömte, liess den wiedergekehrten Sonnenschein vermuten. Pauline
horchte scharf, ob nicht irgend ein Ton ausserhalb laut werde, aber das einzige
Geräusch, welches zu ihren Ohren drang, war das Knarren des Bettes, wenn
Bartlett sich halb aufrichtete, um aus einer grossen Whiskeiflasche lange Züge zu
tun.
    Die Sonnenhelle verschwand und eine leichte Dämmerung begann sich in dem
Zimmer einzustellen. Pauline fühlte sich in ihrer Stellung, die sie kaum durch
die Bewegung eines Armes verändert hatte, fast steif werden - da erhob sich der
Aufseher langsam. Er warf zwei grosse Scheite in das fast erloschene Feuer und
drehte sich dann mit verschränkten Armen nach der jungen Frau um.
    »Well, süsses Herz, wie steht's?« sagte er mit einem abschreckenden Grinsen.
»Vor Gott sind wir Alle gleich, und jetzt in Little Vallei auch; Mann ist Mann
und Weib ist Weib - verlangt dich's nicht nach meiner Umarmung? Ergib dich in
Ruhe, kleines Lamm, ich kann das Schreien nicht hören; der Bartlett will seine
Genugtuung haben, darum mache nicht, dass er mit seinen grossen Händen dir die
kleine Kehle stopfen muss.« Mit einem Blicke voll tierischer Begierde ging er
auf sie los; Pauline aber, welche bis jetzt starr ihre Augen auf ihn gerichtet
hatte, war mit einem Sprunge in die Höhe, und der Aufseher prallte vor seinem
eigenen Bowie-Messer, das ihm in ihrer Hand entgegenbljetzte, zurück.
    »Keinen Schritt gegen mich, oder ich tue, was ich nicht ändern kann!« rief
sie. »Oeffnen Sie die Tür und ich will vergessen, was ich erlitten, wenn Sie
auf der Stelle die Farm verlassen!«
    Bartlett hatte sich nach dem Hintergrunde des Zimmers zurückgezogen, wo ein
Haufen Feuerholz aufgeschichtet lag, und blickte von hier aus die hoch
aufgerichtete junge Frau mit dem Auge eines ergrimmten Bulldoggen an. »Will die
Hummel stechen?« sagte er verbissen und zog einen starken Knittel aus dem
Holzstosse neben sich; »schade, wenn ich ihr die seinen Hände zerschlagen müsste.«
    Pauline sah ihn vorsichtig gegen sie herankommen, und der Mut wollte sie
verlassen. In einer Eingebung ihrer Verzweiflung stürzte sie ihm den schweren
Tisch entgegen und eilte die Stiege nach dem obern Raum hinan.
    Sie hörte hinter sich den Tisch zu Boden schlagen und einen ergrimmten Fluch
Bartletts, welcher dem Geräusch nach mit niedergerissen sein musste. Sie warf
einen hilfesuchenden Blick durch das Gemach, welches sein Licht nur durch die
Ritzen zwischen den Baumstämmen der Wände erhielt; aber hier zeigte sich nichts,
das ihr nur einige Hoffnung auf Entrinnen hätte geben können. Zwei schmutzige
Betten und ein im Bau begriffenes Kamin mit einem Haufen noch unbenutzter
Ziegelsteine daneben war Alles, was ihre Augen entdecken konnten. Sie wandte
sich wieder der Tür zu, jeden Augenblick erwartend, das bestialische Gesicht
des Aufsehers erscheinen zu sehen - aber kein Laut von dort liess sich hören.
Vorsichtig und das Messer für alle Fälle bereit haltend, schlich sie endlich
heran, wo die äusserlich abgerissene Türbekleidung ihr durch die Ritzen der
Zwischenwand einen Blick in den untern Raum gestattete, ohne selbst gesehen zu
werden.
    Einen Schritt von der Stiege entfernt stand Bartlett, den Kopf vorwärts
gestreckt, wie der Tiger auf der Lauer, aber sichtlich unentschlossen. »Er ist
feig!« klang es durch Paulinens Innere und die frühere Scene zwischen dem
Aufseher und ihrer Köchin, welche ihr Doctor Ford mitgeteilt, trat plötzlich
vor ihre Erinnerung. Ein neuer Mut begann in ihr aufzuleben, und mit dem
Entschlusse, ihre jetzige Stellung mit aller Energie zu verteidigen, bis irgend
eine Hilfe von Aussen erscheine, kehrte ihre fast erloschene Hoffnung zurück.
    In diesem Augenblicke sah sie, wie Bartlett, stets seinen Knittel vor sich
haltend, die Stiege herauf zu kriechen begann. Ein Gedanke durchzuckte sie. Im
Fluge hatte sie zwei der grossen Ziegelsteine neben dem unvollendeten Kamine
ergriffen und trat, einen derselben hoch in beiden Händen haltend, in die Tür.
»Zurück, oder ich zerschmettere Ihnen den Schädel!«
    Der Aufseher warf einen Blick empor und sprang vor der drohenden Bewegung
nach dem Zimmer hinab. »Ich fasse dich doch, und sollte ich dich ausräuchern -
wir haben noch Zeit!« sagte er mit der vollen Wut der Enttäuschung. Er setzte
sich wieder auf sein Bett, den gierigen Blick nicht von dem Eingange zu dem
obern Raume lassend, und schien zu überlegen.
    In dem Hause war es von Minute zu Minute dunkler geworden; Pauline konnte in
ihrem fensterlosen Zufluchtsorte schon geraume Zeit keinen Gegenstand mehr
unterscheiden, und in dem untern Zimmer begann der Schein des Feuers die
Hauptbeleuchtung zu bilden. Bartlett sass noch immer auf seinem Bett, den Blick
auf die Stiege geheftet, und schien fruchtlos mit sich Rat zu pflegen. Durch
die Glieder der jungen Frau, die keinen Blick von der unverwandten Beobachtung
ihres Feindes abzuziehen gewagt hatte, begann es langsam wie eine unbesiegliche
Abspannung herauf zu kriechen, während ein dumpfes Gefühl in ihrem Kopfe sich
immer mehr bemerkbar machte. Schon zum zweiten Male kam es über sie wie die
Anwandlung einer Ohnmacht und diese war nur einer entsetzlichen Furcht, die
zugleich in ihr auftauchte, gewichen - sie fühlte, dass sie diesen Zustand keine
halbe Stunde länger ertragen könne und dann wehrlos ihrem Feinde zum Opfer
fallen müsse; da begann sich Bartlett zu bewegen und sonderbare Massregeln zu
treffen. Pauline suchte nochmals alle ihre Kräfte wach zu rufen und lauschte mit
atemloser Aufmerksamkeit. Er nahm zwei mit Baumwolle gestopfte Kissen von
seinem Lager und band sie sich mit einem Strick um Leib und Brust; dann ergriff
er die Strohmatratze, hielt sie wie ein Dach über seinen Kopf und schritt auf
die Stiege los. Pauline stiess einen Schrei aus, sie wusste, dass diesen
Vorbereitungen gegenüber alle ihre Waffen nutzlos waren; kaum ihrer selbst noch
mächtig, warf sie, als der Angreifer die Stiege betrat, den ersten Stein nieder,
der indessen harmlos von der Matratze abprallte und in den untern Raum flog; der
zweite folgte, aber nur ein kurzgestossenes Lachen Bartletts war die Folge des
Wurfs; die junge Frau brach in die Knie zusammen, nur noch instinktmässig das
Messer vor sich haltend - Bartlett aber, bei jedem Tritte innehaltend und scharf
vor sich spähend, schritt langsam Stufe für Stufe hinan. - -
    Eine Viertelstunde vorher ritten drei Männer im scharfen Trabe durch eine
wilde Schlucht des Gebirges, in welcher bei der hereinbrechenden Dunkelheit kaum
noch etwas von dem Boden, welchen die Pferde betraten, zu erkennen war. An der
Spitze des kleinen Zuges befand sich ein Schwarzer, der mit Sicherheit sein
schlankes, flüchtiges Tier durch alle Hindernisse, welche der unebene Pfad bot,
leitete, und die beiden Reiter hinter ihm folgten genau den Wendungen, welche er
vorzeichnete.
    »Bist du sicher, Cäsar, dass wir auf dem rechten Wege sind?« fragte der
mittlere Reiter.
    »Ohne Sorge, Master,« erwiderte der Schwarze, »ich kenne den Weg in
finsterer Nacht. Dort ist das Ende der Schlucht, und dann kommen wir auf die
Strasse, die von Mortons Haus nach Little Vallei führt.«
    »Und du bist auch der Geschichte sicher, die du mir erzählt hast?«
    »Harriet ist wohl ein schlechtes Mädchen geworden und hat sammt der Jane zwei
Jahre mit dem Aufseher gelebt« - erwiderte Cäsar, ohne seine Aufmerksamkeit von
dem Wege abzuwenden; »aber lügen kann sie nicht, Sir, ich kenne sie, ich bin auf
Mortons Farm mit ihr gross geworden. Der Aufseher hat sie vorige Woche geschlagen
und aus seinem Hause geworfen, weil sie ihm eine derbe Wahrheit gesagt hat, aber
sie hält noch immer zur Jane, und von der ist ihr heute Mittag die Geschichte in
die Ohren gezischelt worden. Sie hat gleich wollen nach Mortons Haus laufen,
denn von den Niggern hätte sich doch keiner etwas zu tun getraut, und ich traf
sie glücklich auf halbem Wege, da ich wusste, dass Mary heute in Little Vallei
sein würde. So viel ist sicher, Sir, Mary liegt krank und mit zerschlagenem
Kopfe bei der Köchin, von Mrs. Morton hat aber noch keine Seele etwas gesehen!«
    »Lass die Stute ausstreichen, Cäsar: Gott weiss, was dem Allen zu Grunde
liegt!« erwiderte der Andere, und in grösserer Eile ging es vorwärts. Bald bog
der Schwarze aus der Schlucht in einen schmalen, auswärts steigenden Pfad ein;
mit sicherem Tritte klommen die Pferde, augenscheinlich an solche Ritte gewöhnt,
den Berg hinan, und die Fahrstrasse zeigte sich.
    »Ausgezeichnete Tiere hier zu Lande, Mr. Helmstedt,« sagte der letzte
Reiter, »ich glaubte kaum, dass meine dreihundert und so viel Pfunde so geschwind
heraufkommen würden.«
    »Geht es mit dem Reiten, Charley?« fragte der Angeredete.
    »Müsste nicht zwei Jahre Karrenfuhrmann und Mitglied unserer
Dragoner-Compagnie gewesen sein,« war die Antwort; »nur vorwärts, Sir!«
    Aufs Neue ging es in scharfem Trabe die jetzt abwärts führende Strasse
entlang, bis Cäsar plötzlich anhielt. »Dort ist das Haus, Sir,« sagte er, sich
zurückwendend, »das Feuer scheint durchs Fenster, aber die Tür ist
geschlossen.«
    »Wir werden schnell ins Klare kommen, nur jetzt keinen Aufentalt!« rief
Helmstedt, und sprengte dem Schwarzen voraus. An der Umzäunung angelangt, band
er hastig sein Pferd fest, und wollte sich eben nach dem Hause wenden, als dort
der laute Schrei einer weiblichen Stimme hörbar wurde. Ein elektrischer Schlag
schien durch seinen Körper zu zucken, in der nächsten Minute schlugen aber auch
schon seine Fäuste gegen die verschlossene Tür und seine Schulter dagegen
gestemmt versuchte er vergebens, sie zum Weichen zu bringen.
    »Dort liegt ein Balken, wir müssen die Tür einstossen!« schrie er den
Nachfolgenden entgegen.
    »Never mind, Sir! wenn sie nicht von Eisen ist, geht es so!« erwiderte
Charley, mit dem Fusse nach einem festen Halt suchend; ein Druck mit der Schulter
dagegen, und alle Fugen stöhnten; ein zweiter, gewaltigerer und prasselnd flogen
Riegel und Schloss los. Helmstedt stürzte in den geöffneten Eingang, aber ein
furchtbarer Hieb, mit einem dicken Knittel geführt, sauste ihm hier entgegen,
noch zeitig genug von Charley's linkem Arm aufgefangen.
    »Meinst du's so, Brüderchen?« rief der Goliat, und ein Faustschlag traf
Bartletts Gesicht, dass dieser einen Schritt zurücktaumelte - ein zweiter und
dritter folgten in wunderbarer Schnelligkeit, und wie ein gefällter Baum fiel
der riesige Aufseher neben seiner Matratze und den abgeworfenen Kissen zu Boden.
    Helmstedt hatte kaum etwas von dem kurzen Kampfe gesehen, sein Blick war
angstvoll suchend durch den Raum geflogen. »Pauline! Pauline!« rief er, als sein
Auge nirgends auf ein Zeichen von ihr traf. »August, August!« erklang es
jauchzend, und die Stiege herab, das Messer noch immer in der krampfhaft
geschlossenen Hand, stürzte die gequälte junge Frau. Helmstedt eilte ihr
entgegen, kam aber nur recht, um die bewusstlos Zusammenbrechende in seinen Armen
aufzufangen.
    Cäsar, welcher von der Tür aus scheu den rasch folgenden Ereignissen
zugesehen, kam jetzt herbei, und eine unverhohlene Befriedigung zeigte sich in
seinem Gesicht, als Charley, nach einem Blick auf das der jungen Frau entfallene
Messer, mit einer Art Wut nach dem am Boden liegenden Stricke griff und dem in
halber Bewusstlosigkeit grunzenden Aufseher Hände und Füsse zusammenschnürte.
    »Rasch nach der Küche hinüber und Beistand geholt!« rief Helmstedt dem
Schwarzen zu und trug, nach einem halb ratlosen Blick durch den Raum, die
Ohnmächtige nach dem einzigen Stuhle, sich selbst darauf setzend und sie auf
seinem Schoss ruhen lassend; kaum aber hatte er sie in eine bequeme Lage
gebracht, als sie die Augen gross aufschlug, mit dem Oberkörper emporschnellte,
und einen Blick des Schreckens um sich warf.
    »Sie sind sicher, Pauline, beruhigen Sie sich!« sagte Helmstedt mild.
    Sie wandte die Augen wie noch geistesabwesend nach ihm; plötzlich aber
schlang sie mit einem unartikulirten Ausrufe beide Arme um seinen Hals. »August,
August, bleibe bei mir, verlass mich nicht wieder, ich habe hart gebüsst!« Das
letzte Wort erstarb und ihre Arme lösten sich in neuer Bewusstlosigkeit - in
Helmstedts Innern aber sprang es auf wie ein Born junger Seligkeit; eine Minute
noch hielt er sie an seiner Brust, dann aber legte er behutsam ihren Kopf in
seinen Arm, dass er ihr Gesicht sehen konnte, und hielt sie an sich gedrückt, wie
eine Mutter ihr schlafendes Kind.
    Charley hatte einige dünne Scheite in das Feuer geworfen, dass es ein helles
Licht durch den Raum warf, und kam jetzt mit einem Arm voll Baumwollentissen die
Stiege herunter.
    »Da oben scheinen die Betten der Mädchen zu sein,« sagte er und begann seine
Last in der leeren Bettstelle des Aufsehers auszubreiten; »lassen Sie uns die
Lady hierher legen, bis frisches Wasser kommt, zum Tode scheint's ja noch nicht
gehen zu wollen - aber auf den Kissen des Halunken dort sollte sie nicht liegen
- halloh! Du bleibst wo du bist, Gevatter, bis andere Leute kommen« rief er,
nach dem Aufseher blickend, als dieser eine vergebliche Anstrengung machte, sich
zu erheben, und fuhr dann ruhig in seiner Beschäftigung fort. Es bot ein
sonderbares Bild, die grosse, massive Gestalt die Kissen zurechtlegen und sorgsam
jede Falte ausstreichen zu sehen; als ihm aber endlich Alles recht zu sein
schien, wandte er sich nach dem jungen Mann:
    »Soll ich helfen?«
    Helmstedt schüttelte den Kopf und trug die Ohnmächtige nach dem Lager. Ein
aufsteigendes Rot in ihrem Gesicht schien die Rückkehr des Bewusstseins zu
verkünden, ihre Lippen begannen sich leise zu bewegen, als spreche sie im
Traume, aber ihre Augen blieben geschlossen. Helmstedts Blick haftete gespannt
auf ihren Zügen, jede Veränderung darin beobachtend, bald aber wurde seine
Aufmerksamkeit unterbrochen. Die Köchin und Mary mit verbundenem Kopfe voran,
drang ein ganzer Haufen Neger, Alt und Jung ins Zimmer. Nur die beiden ersten
richteten ihre Aufmerksamkeit sofort auf die bewusstlose junge Frau - die Blicke
der Uebrigen wandten sich zuerst teils scheu, teils schadenfroh dem am Boden
liegenden Aufseher zu. Helmstedt sah sich unmutig um.
    »Es ist Niemand hier notwendig, als Mary und die Köchin,« sagte er, »ihr
Uebrigen geht, wohin ihr Abends gehört!«
    Ein Haufen halb dummer, halb verwunderter Gesichter wandte sich nach der
Allen unbekannten Persönlichkeit, aber Niemand bewegte sich und Helmstedt
fühlte, dass hier eine andere Autorität als die seinige notwendig werde.
    »Hier ist der neue Aufseher!« sagte er, - »Charley machen Sie das Zimmer
frei!«
    »Platz gemacht, hier!« sagte der Gerufene, vom Fusse des Bettes vortretend,
»oder ich nehme den Ersten von euch bei den Beinen und prügele damit die Andern
hinaus!« und ein panischer Schrecken schien beim Anblicke der riesigen Gestalt,
wie beim Klange der gewaltigen Stimme unter das schwarze Volk zu fahren. Ein
kurzes Drängen nach dem Ausgange erfolgte, und in kaum zwei Minuten war das
Zimmer leer. Charley, der mit derben Worten zur Eile treibend dem Haufen bis
nach der Tür gefolgt war, drehte sich jetzt um, liess die Augen durch den Raum
gleiten und stand eine Weile wie sich besinnend. »Da fehlt mir doch etwas,«
sagte er endlich, »da ist doch etwas nicht richtig?! Donnerwetter, das ist es,«
brach er dann los, »der Halunke ist mit fort!« und mit einer plötzlichen Wendung
war er hinter der Tür verschwunden.
    Helmstedt hatte den Ausruf gehört und wandte den Blick nach der Stelle, wo
der Aufseher gelegen, die jetzt nur durch den zerschnittenen Strick bezeichnet
war; aber seine Gedanken waren schnell durch Paulinens unruhige Bewegungen, die
noch immer mit geschlossenen Augen da lag, in Anspruch genommen. »Das ist mehr,
als eine gewöhnliche Ohnmacht,« sagte er nach kurzer Beobachtung. »Sie, Mary,
öffnen alle Bänder und Haken an dem Anzuge Ihrer Mistress, damit sie von nichts
beengt wird - und du, Cäsar, reitest scharf los und siehst, wo Doctor Ford zu
finden ist.« Mit einem Blicke, aus tiefer Innigkeit und Besorgnis gemischt,
wandte er sich von der Kranken, diese ihren beiden Dienerinnen überlassend, und
folgte dem Schwarzen ins Freie, wo die Sterne bereits in wunderbarer Klarheit
aufgezogen waren und ihr mattes Licht über die Landschaft warfen.
    »Er ist fort, Sir, er ist fort!« empfing ihn hier Charley's unmutige
Stimme, »der Teufel mag wissen, wie er los gekommen ist, ich hatte ihn so fest
geknüpft.«
    »Ich habe Jane's Gesicht unter den Niggern gesehen,« sagte Cäsar, der eben
sein Pferd losband, »sie hat ihn sicher losgeschnitten, Sir, kein Anderer hätte
es getan.«
    »Mag er jetzt laufen, wenn es nicht zu ändern ist, er entläuft dem Galgen
doch nicht!« erwiderte Helmstedt und begann langsam vor dem Hause auf- und
abzugehen.
    Cäsar jagte davon und Charley stand eine Weile, mit dem Blicke Helmstedts
Schritten folgend, bis dieser wieder in seine Nähe kam. »War das Ihr Ernst, Sir,
wegen der Aufseher-Anstellung?« fragte er dann.
    »Es war eigentlich nur ein Notbehelf, was ich sagte, Charley,« erwiderte
der Angeredete stehen bleibend, »aber wenn Sie die Stelle annehmen wollen, so
denke ich die Sache arrangiren zu können.«
    Der Riese schlug mit der Faust in seine Hand, dass es knallte. »Mir gefallen
die schwarzen Kerls, Sir,« lachte er, »und ich denke in der rechten Manier mit
ihnen umspringen zu können; das Haus ordentlich zurecht gemacht, die Mary bei
mir, und es muss eine Lust sein, hier zu wirtschaften. Wenn Sie nichts dagegen
haben, Sir, gehe ich einmal nach den Negerwohnungen hinüber und sehe mir das
Treiben an.«
    »Gehen Sie, wenn es Ihnen Spass macht,« erwiderte der Gefragte, seinen Gang
wieder aufnehmend, »wir werden doch in den ersten Stunden noch nicht von hier
wegkommen!« Und mit einem zufriedenen Kopfnicken entfernte sich der Riese, ohne
Aufentalt über die Umzäunung und Gräben hinweg, wie eine gespenstige
Erscheinung durch die Nacht schreitend.
    Helmstedt blickte in den dunklen Himmel hinauf, und es war ihm, als sähe er
des alten Morton Gesicht mit demselben wohlwollenden Ausdruck ihm zulächeln, wie
er ihn zum letzten Male in seiner Krankheit gesehen. Er dachte nicht daran, dass
er seiner übernommenen Pflicht als stiller Beschützer Paulinens genügt hatte -
ihm stand eine Stelle aus dem Briefe des Verstorbenen vor Augen, zu welcher er
erst jetzt das Verständnis gefunden zu haben glaubte: »Mir ist es, als würde
auch noch einmal ein Frühling für sie blühen und ihr ein Schutz werden, unter
dem sie sich gern bergen wird.« Hatte der alte Mann Helmstedts unhaltbare
Verhältnisse zu Ellen erkannt und tiefer in Paulinens verschlossenes Herz
gesehen, als diese selbst geahnt? - Er nahm langsam seinen Gang wieder auf und
Träume von einem stillen Glücke kamen über ihn, bis die Mulattin die Tür des
Hauses öffnete und ihn heranrief. »Sie redet im Schlafe, Sir,« sagte sie, »es
ist wohl besser, Sie sehen einmal nach ihr; mir ist selbst, als könnte ich nicht
mehr lange aufrecht stehen.«
    Helmstedt folgte in Hast. Das Zimmer war jetzt in leidliche Ordnung
gebracht, eine Lampe brannte auf dem Kamin und beschien das Lager, auf welchem
Pauline verhüllt unter einer leichten Decke ruhte. Ihre Wangen leuchteten in
hellem Rot, ihre Lippen bewegten sich in schnellen, abgebrochenen Sätzen und
eine einzige Prüfung des fliegenden Pulses gab Helmstedt volle Einsicht in den
Zustand der Kranken. »Wir können im Augenblicke nichts tun,« sagte er nach
einer Weile sorgenvoller Betrachtung; »die Köchin mag gehen und nach ihren
Geschäften sehen; Sie, Mary, sind selbst krank, nehmen Sie was an Kissen umher
liegt und machen Sie sich, so gut es gehen will, ein Lager zurecht; ich werde
wach bleiben und den Doctor erwarten; sollten Sie nötig sein, so werde ich es
Ihnen sagen.« -
    Es war schon eilf Uhr vorüber, als endlich Cäsar mit dem alten Arzte
anlangte.
    »Das kommt davon, wenn die Kinder zu selbstständig sein wollen,« sagte der
Letztere kopfschüttelnd, nachdem er die Kranke eine Weile beobachtet. »Cäsar hat
mir die ganze Geschichte erzählt; sie muss gestanden haben wie ein Held gegen das
Untier - aber die Lust, Alles selbst zu verwalten, wird ihr jetzt wohl vergangen
sein.«
    »Halten Sie den Zustand für gefährlich, Doctor?« fragte Helmstedt mit
ängstlicher Erwartung im Auge.
    »Kann noch nichts sagen, Sir, wir werden erst im Laufe der Nacht sehen, was
sich entwickelt. Ich bleibe jedenfalls hier und Cäsar mag vorläufig die Köchin
rufen, damit ich einige Anordnungen treffen kann.«
    Er wandte sich nach dem Lager der Mulattin, welche sich horchend aufgesetzt
hatte, löste die Tücher von ihrem Kopfe und untersuchte ihre Wunden. »Nichts
Besonderes, wenn's auch noch etwas weh tut,« sagte er, als das Mädchen unter
dem Drucke seines Fingers zusammenzuckte, »morgen wird wenig mehr davon zu
spüren sein; magst aber Gott danken, dass noch Negerschädel genug an dir ist,
sonst hätte der Puff verdriesslichere Folgen haben können.« Er ging nach
Paulinens Lager zurück, zog den Stuhl heran und blieb hier, das seine Handgelenk
der Kranken zwischen seinen Fingern haltend, beobachtend sitzen.
    Helmstedt begann leise das Zimmer auf und abzugehen, dann und wann einen
Blick auf die Kranke und das Gesicht des Arztes werfend, bis Cäsar mit der
Köchin und hinter ihnen Charley eintrat.
    »Well, Sir,« sagte der Letztere, mit gedämpfter Stimme sich an Helmstedt
wendend, »es ist das eine sehr traurige Geschichte mit der Lady, aber ich
dachte, ich müsste Ihnen sagen, dass morgen der 14te ist. Sie wissen weswegen - es
ist nur, dass ich der Weibsperson in New-York nicht umsonst ihre
Kommodenschlösser verdorben habe.«
    Helmstedt griff an seine Stirn - die ganze Angelegenheit war vor den eben
durchlebten Ereignissen aus seinem Gedächtnisse gewichen. Der Doctor hatte sich
bei dem Klange von Charley's dumpfrollender Stimme umgesehen und liess die Augen
bewundernd über die riesigen Gliedmassen desselben laufen. Er erhob sich
vorsichtig und trat zu dem Sprechenden. »Das also ist der Mann, der das Untier
niedergeboxt hat,« sagte er, »freut mich, Sie zu sehen, Sir!«
    »Einen Augenblick, Doctor, wenn Sie abkommen können,« unterbrach ihn
Helmstedt und führte ihn abseits nach dem Kamin. Mit kurzen Worten gab er ihm
hier einen Ueberblick dessen, was ihm Charley in seinen Briefen gemeldet,
erzählte ihm zugleich von seinem Besuche bei Elliot am Morgen und wie dessen
augenblickliches Heil allein von seiner Tätigkeit abhänge.
    »Well, Sir, ich gratulire Ihnen und Elliot zu dem Stande der Dinge,« sagte
der Arzt, als Helmstedt eine kurze Pause machte, »jedenfalls wird dies Ihre
beiderseitigen Differenzen auf dem schnellsten Wege ausgleichen.«
    Helmstedt schüttelte den Kopf. »Ich handle hierin nur als ehrlicher Mann,
ohne Rücksicht auf mich,« erwiderte er, »ich habe Elliot meine Zustimmung zu
einer Scheidung von meiner bisherigen Frau gegeben, und werde sie jetzt selbst
betreiben; eine viel wichtigere Verpflichtung als für Elliots Interesse hält
mich hier an dem Bette von Mrs. Morton fest, eine Verpflichtung, die ich gegen
den alten Mr. Morton kurz vor dessen Tode eingegangen bin und die mich die ganze
Angelegenheit, an welche mich soeben mein grosser New-Yorker Freund gemahnt,
vergessen liess. Ich teile Ihnen das Alles nur mit, Doctor, weil ich im
Augenblicke selbst mit mir im Zwiespalt über das bin, was ich zu tun habe.«
    Der alte Arzt liess eine Secunde lang einen eigentümlich forschenden Blick
auf Helmstedt ruhen. »Für jetzt,« sagte er dann mit halbem Lächeln, »können Sie
hier nichts helfen, junger Freund. Ich habe Ihnen schon gesagt, dass ich diese
Nacht wachen werde. Sehen Sie also, wo Sie mit Ihrem grossen Kameraden einen
Platz zum Schlafen finden und legen Sie sich aufs Ohr, damit Sie morgen frisch
und klaren Geistes sind. Am Morgen werden wir ja sehen, wie die Sachen stehen.«
Er wandte sich weg und winkte die Köchin herbei.
    »Wenn Sie erlauben, Sir, so meine ich wirklich, der alte Herr hat Recht,«
begann Charley; »man kann nicht wissen, was es morgen wieder durchzufechten gibt
- nach der Geschichte von heute Abend halte ich Alles für möglich. Oben in den
Mädchenbetten sind noch Kissen genug für uns, und so bleiben wir auch bei der
Hand, wenn hier etwas vorkommen sollte.«
    Helmstedt rieb sich die Stirn. Es widerstrebte seinem ganzen Gefühle, die
Nacht nicht an Paulinens Bette wach zu bleiben, und doch musste er den
Vernunftgründen dagegen ihr Recht lassen. Endlich rief er Cäsar herbei. »Sorge
für die Pferde und sieh, wo du unterkommst; wir bleiben die Nacht hier,« sagte
er. Dann ging er langsam auf den Arzt zu, der wieder am Krankenbette Platz
genommen hatte, und legte die Hand auf dessen Schulter. »Well, Doctor, ich werde
Ihrem Rate folgen, aber versprechen Sie mir wenigstens, mich zu rufen, sobald
irgend eine Aenderung zum Schlimmen eintritt.«
    Der Doctor nickte nur schweigend, und nach einem langen Blicke auf die
Kranke, deren Brust sich in kurzen, hastigen Atemzügen hob, winkte er Charley
und klomm diesem voran die Stiege nach dem obern Raum hinauf.
 
                                       X.
Im Hinterzimmer der Law-Office von Griswald und Duncan sassen kurz vor Mittag des
nächsten Tages der Senior der Firma, die Hände über dem wohlgenährten Bauch
gefaltet, und Murphy, die Stirn leicht in die Hand gestützt, einander gegenüber.
»Mir scheint etwas in der Sache nicht ganz richtig zu sein, ohne dass ich doch
irgendwo einen bestimmten Halt für einen Verdacht fassen könnte,« sagte der
Letztere. »Elliot hat seine Entschliessung wieder auf zwei Tage weiter
hinausgeschoben, und wenn das in den Augen eines Andern vielleicht nichts ist,
so will mir doch die ganze Weise, in der es geschehen ist, nicht gefallen.
Gestern war die erste Frist, welche er sich selbst gestellt hatte, abgelaufen,
und Nelson, der gute Junge, der wirklich Angst um Elliots Eigentum und das
Erbteil seiner künftigen Frau hat, mahnte ihn an eine Entscheidung, da er mir
Antwort versprochen habe. Alles aber, was er als Erwiderung erhielt, lautete: Es
hat wohl keine so grosse Eile, Sir; ich hoffe, Ihr Freund Murphy wird noch zwei
Tage warten, damit ich mich arrangiren kann! - Ich habe den Mann kennen gelernt,
Sir, und weiss, dass, wenn er nicht eine bestimmte Hoffnung auf irgend eine
Hintertür hätte, er heute ohne Weiteres den Vergleich abgeschlossen haben
würde.«
    »Well, Sir, ich glaube, die Sache macht Sie zu nervös,« erwiderte Griswald
ruhig und liess die Daumen seiner beiden Hände um einander laufen; »es ist Ihre
erste grosse Speculation, und natürlich ist da kaum etwas Anderes zu erwarten.
Der einzige fragliche Punkt in der ganzen Angelegenheit war der Mann, welchen
Sie zur Erlangung des Besitztitels benutzten. Ich habe ihn aber auf das
Schärfste beobachten lassen; er wohnt im Rocky-Creek-Wirtshause - wenigstens
hat er dort meist sein Nachtquartier - und keine Art von Nachfragen hat etwas
ergeben, was den Verdacht rege machen könnte, als habe er noch etwas im
Hintergrunde. Der Mann will Geld haben, und darum gibt er, um es heraus zu
schrauben, Dinge zu verstehen, die niemals existirt haben. Ich kenne diese Art
Kameraden. Zugleich kann ich Ihnen die bestimmte Versicherung geben, dass er
weder Elliot hier gesprochen hat, noch in dessen Hause gewesen ist, und so sehe
ich bei ruhiger Betrachtung und nach allen den Arrangements, welche unsererseits
getroffen worden sind, nicht das geringste Verdächtige in Elliots Zögerung. Eine
Mortgage von 30,000 Doll. ist keine Bagatelle, lieber Herr, und mich wundert
allein, dass er nur zwei und nicht nochmals acht Tage Zeit sich ausbedungen hat.
Lassen Sie diese zwei Tage ruhig verstreichen, und dann werde ich ihm mit der
Anzeige auf den Leib rücken, dass Sie mich, als seinen Advocaten, von der nach
Verlauf der nächsten zwölf Stunden stattfindenden Einreichung Ihrer Klage
benachrichtigt hätten. Sie sollen sehen, wie das ziehen wird!«
    »Wenn ich nur den Menschen mit seiner Forderung vom Halse hätte,« sagte
Murphy, in seinen Haaren wühlend, und erhob sich. »Ich habe ihn für heute
wiederbestellt, um ihm, sollte es auch mit tausend Dollars sein, die er am Ende
verdient hat, den Mund zu stopfen. Er ist im Stande, mich zu blamiren, wenn er
von einer neuen Zögerung hört.«
    »Alles zu übereilt, Sir; warum nicht vierzehn Tage für mögliche
Zwischenfälle rechnen? Er hätte auch bis dahin gewartet. Wie aber die Sachen
jetzt stehen, so kümmern Sie sich nicht um das, was Sie Blamage nennen. Sehen
Sie irgend eine verdächtige Massregel seinerseits, so lassen Sie ihn als
Negerdieb festnehmen und bezeichnen alle Sie compromittirenden Angaben des
Menschen als Lügen. Wir werden dann kurzen Prozess mit ihm machen.«
    »Ich muss versuchen, wie sich ein Arrangement ohne zu viel Aufsehen machen
lässt,« versetzte Murphy nach der Tür gehend; »ich sehe Sie Nachmittags wieder,
Sir!«
    Vor der Tür des Hotels läutete einer der schwarzen Aufwärter die
Mittagsglocke, als der junge Advocat aus der Office trat, und dieser nahm seinen
Weg dem Rufe nach. Er hatte sich kaum, mit seinen Gedanken beschäftigt, an der
Mittagstafel niedergelassen, als ihm von der andern Seite des Tisches ein Teller
entgegengereicht wurde. »Etwas Huhn, Mr. Murphy?« hörte er eine bekannte Stimme;
»ich hoffe, Sie freuen sich, Ihren alten Freund Wells hier zu sehen.«
    Murphy warf nur einen Blick nach dem Sprechenden und ergriff das
Dargereichte mit einem kurzen: »Danke Ihnen, Sir!« Ohne ferner aufzusehen,
verzehrte er sein Mahl, erhob sich dann und winkte seinem Gegenüber mit dem
Kopfe. Beide gingen schweigend nach Murphy's Zimmer hinauf.
    »Ich muss Ihnen sagen, Seifert,« begann der Advocat, als er die Tür
geschlossen, »dass, wenn wir ein Geschäft machen wollen, Sie mich nicht in dieser
Weise drängen dürfen. Ich komme soeben von einer Beratung mit einigen andern
Advocaten, und es ist die Gewährung einer neuen Frist für die Zahlung eines
Abstandsgeldes als das Beste erkannt worden. Dergleichen Dinge lassen sich nicht
über das Knie brechen!«
    »Sehr schön, lieber Herr,« entgegnete Seifert mit einem höflichen Lächeln;
»ich dränge Sie durchaus nicht, wenn Sie mich nur sicher stellen wollen, dass ich
- Sie entschuldigen, wenn ich geradeaus rede - dass ich um meinen Anteil am
Geschäft nicht betrogen werde. Bei unserer ersten Unterredung meinten Sie, es
werde gar nichts für mich abfallen, bei unserer zweiten liessen Sie die Hoffnung
auf tausend Dollars oder etwas Aehnliches blicken und bestimmten den heutigen
Tag als den letzten zu einer Ausgleichung. Heute ist ein neuer Aufschub
eingetreten, und wenn ich jetzt fünftausend Dollars forderte, würden Sie mir
dieselben wahrscheinlich unter der Bedingung zusagen, zu warten - bis Sie Ihr
Geld in der Tasche haben und der Seifert mit langer Nase abziehen kann. Ich habe
Alles das vorausgesehen, lieber Herr, und mich deshalb genügend gedeckt. Ich
stelle Ihnen jetzt zwei Propositionen. Entweder führen Sie mich noch heute
Nachmittag bei Mr. Elliot ein und stellen mich diesem als Bevollmächtigten Ihrer
Clientin vor, an welchen er in Ihrem Beisein das stipulirte Abstandsgeld zu
entrichten hat - oder Sie zahlen mir heute noch fünftausend Dollars in Gold oder
in verkäuflichen Papieren.«
    »Und wenn ich keins von Beiden tue?« fragte Murphy, die Arme verschränkend.
    »Dann werde ich meinen eigenen Weg gehen und mir selbst ein Abstandsgeld
verschaffen, so hoch als mir gut dünkt.«
    »Tun Sie das!« erwiderte Murphy mit Hohn.
    »Tun Sie das!« ahmte ihm Seifert nach; »mit welcher Leichtigkeit Sie das
aussprechen. Sie glauben also wirklich den Teufel ungestraft betrügen zu können,
und ich hatte Sie doch vor dem Versuche gewarnt. Ich sehe wohl, ich muss meine
Karten auflegen. Wir haben den Erben beseitigt, das ist richtig, Sir,« fuhr er
fort, ebenfalls die Arme in einander schlagend; »wie wäre es denn aber, wenn ich
mir besagten Erben zu meiner Privat-Disposition lebendig in irgend einem Eckchen
der Welt aufbewahrt hätte, wenn ich jetzt zu Mr. Elliot ginge und ihn fragte:
Was geben Sie mir, wenn ich Sie mit einem Male aus Ihrer jetzigen Gefahr erlöse?
Wie wäre das wohl, Mr. Murphy?«
    Der Advocat hatte sich einen Augenblick verfärbt. »Ich halte Sie für
vollkommen fähig, die Komödie von einem auferstandenen Erben in Scene zu sehen,«
sagte er dann kalt. »Sie müssen aber nicht glauben, Sir, Leute damit zu
schrecken, welche den Hergang der Dinge und Sie selbst kennen.«
    »Ist das Ihr letztes Wort, Sir, auch winn ich Ihnen sage, dass es sich nicht
um eine Komödie, sondern um eine wirklich vorhandene Person handelt?«
    »Ich lasse mich, Drohungen gegenüber, auf nichts ein, Mr. Seifert. Kommen
Sie nach acht Tagen in einer vernünftigeren Weise zu mir, so hoffe ich, tausend
Dollars für Sie bereit zu haben.«
    Seifert sah ihm eine Secunde lang scharf ins Auge. »Sie glauben mir nicht -
very well! Nehmen Sie dann auch die Folgen auf sich!«
    Er setzte bedächtig seinen Hut auf den Kopf und schritt aus dem Zimmer; er
sah nicht zurück, als ihm Murphy die Treppe hinab folgte, und wanderte, als er
das Hotel verlassen, gemächlich die Strasse hinauf.
    Der Advocat war eiligen Schritts in den Bar-Room getreten, wo Griswald, wie
jeden Tag in der Stunde nach Mittag, conversirend stand, und zog diesen nach dem
anstossenden Wartezimmer. Eine kurze Weile waren Beide im eifrigen Gespräche.
»Wir machen den Menschen sofort unschädlich, das ist das Einfachste, mag nun
hinter seinem Geschwätz etwas stecken oder nicht!« rief endlich Griswald;
»warten Sie, bis ich vom Richter zurück bin, es dauert nur zwei Minuten. Unser
Mann, welcher den Schwerenöter bis jetzt beobachtet hat, geht mit einem
Verhaftsbefehl nach Elliots Farm, falls er diesen Weg eingeschlagen haben
sollte, und Sie gehen mit der gleichen Vollmacht nach Rocky-Creek. Sie Beide
kennen allein den Menschen, also werden Sie für heute zu Deputies des Sheriffs
ernannt, und Beistand finden Sie, wo es sich um einen Negerdieb handelt,
nötigenfalls überall.«
    Der alte Advocat verschwand und Murphy durchmass unruhig das Zimmer.
    Seifert war ins Freie gelangt und blieb unter einer breitästigen Eiche wie
überlegend stehen. Links zog sich die grosse Strasse an Farmen und Plantagen
vorüber fernhin durch dass Tal. Rechts führte ein schmaler Fahrweg in den Wald
hinein, dem Gebirge zu. Seifert nahm den Hut ab, wischte sich die Stirn und sah
die helle, brennend heisse Strasse hinab; mit einem kurzen Kopfschütteln wandte er
sich dann dem Wege rechts zu und hatte bald ein schattiges Laubdach zwischen
sich und der Mittagssonne. Ohne auf seine Umgebung zu achten, wanderte er
vorwärts; dann und wann zuckte es wie ein bitteres, höhnisches Lächeln über sein
Gesicht, und erst nach einer Stunde, als vor ihm aus einem Nebenwege ein Reiter
in seine Strasse einbog, sah er auf und beobachtete mit aufmerksamen Blicken die
in der nächsten Biegung des Wegs wieder entschwindende Erscheinung. Er begann
hastiger zu schreiten und nach Verlauf der nächsten halben Stunde tauchte ein
einsames Haus vor ihm auf. An dem Pfahle vor der Tür stand ein gesatteltes
Pferd angebunden. Seifert hielt seinen Schritt an und schien mit sich Rat zu
pflegen; bald aber ging er mit einem Kopfschütteln, als wolle er ein
aufsteigendes Bedenken beseitigen, wieder vorwärts. Kurz vor dem Hause mündete
ein schmaler, steiniger Fahrweg in der Strasse aus - hier bog Seifert ein und ein
Zug von Spott legte sich über sein Gesicht, als das Haus hinter dem dichten
Gebüsche verschwunden war.
    Fünf Minuten mochte er ruhig weiter geschritten sein, als er plötzlich den
Schlag einer Hand auf seiner Schulter fühlte. »Seifert, ich verhafte Sie im
Namen des Gesetzes!« klang es in seine Ohren; aber mit einer kräftigen Wendung
war er frei und stand seinem Gegner Aug' in Auge. »Ah - M. Murphy - auf diese
Weise also!« presste es sich aus dem Munde des Angegriffenen, »wollen Sie mir wohl
noch einmal sagen, was Sie wünschen?«
    »Ich nehme Sie fest auf Grund dieses Verhaftsbefehls,« erwiderte der
Advocat, ein Papier aus der Tasche ziehend und sein Gesicht zu einer finstern
Gleichgiltigkeit zwingend, »und rate Ihnen wohlmeinend, weder Widerstand zu
leisten, noch einen Versuch zur Flucht zu machen!«
    »Und was ist mein Verbrechen?« fragte Seifert, die Hand nachlässig in die
Brusttasche steckend.
    »Ich habe Ihnen nichts darauf zu antworten; ich handle nur auf Befehl des
Richters in meiner Eigenschaft als Deputy-Sheriff.«
    »Jedenfalls als ziemlich neugebackener!« erwiderte Seifert bleich, aber ohne
sein höhnisches Lächeln zu verlieren. »Das ist also die Art, wie man hier zu
Lande unbequeme Personen beseitigt. Trotz alledem, Herr Deputy-Sheriff, rate
ich Ihnen, umzukehren und den Seifert ruhig seines Wegs gehen zu lassen. Sie
wissen aus Erfahrung, dass er für jeden Zug gegen ihn sich immer doppelt gedeckt
hat!« Er warf einen raschen Blick über die nächsten Gebüsche und machte eine
Wendung, um sich zu entfernen; aber die Mündüngen eines Revolvers, welche ihm
plötzlich aus Murphy's Hand entgegenstarrten, hiessen ihn stillstehen. »Keinen
Schritt, Sir, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist!« rief der Advocat.
    Das Hohnlächeln in Seiferts Gesicht ging in Verzerrung über; seine Hand fuhr
mit Blitzesschnelle aus der Brusttasche, ein Schuss knallte - und Murphy stürzte
mit einem Aufschrei rücklings zu Boden. Der Rauch verzog sich und Seifert stand,
mit vorgebogenem Oberkörper die stieren Augen auf den Gefallenen gerichtet; als
aber auch nicht ein Glied mehr an diesem zuckte, schien ein plötzliches
Entsetzen über ihn zu kommen; er warf den hervorgezogenen Revolver weit von sich
ins Gebüsch und lief, wie von allen Furien der Hölle gejagt, auf dem einsamen
Wege dem Gebirge zu. - -
    Am Mittag desselben Tages hatten drei Reiter die Strasse, welche von der
Stadt nach den Bergen führt, eingeschlagen. Kein Wort fiel, während sie neben
einander dahin trabten, Jeder schien mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt,
und erst als nach einer Stunde das einsame Haus am Wege auftauchte, hob einer
von ihnen aufmerksam den Kopf. »Ist das dort Rocky-Creek-Haus, Sheriff?« fragte
er. Der Angeredete nickte mit einem kurzen: »Yes, Sir!«
    »Was meinen Sie,« fuhr der Erstere fort, »wenn mein Freund Charley dort erst
einmal nach unserm Manne ausschaute?«
    »Es kann nichts schaden,« erwiderte der Sheriff achselzuckend, »obgleich es
kaum etwas nützen wird; ich fürchte, wir kommen überhaupt zu spät. Wäre mir
gestern im Laufe des Tages eine Mitteilung gemacht worden, so hätte ich während
der Nacht meine Massregeln treffen und den Burschen früh noch im Neste fangen
können. Jetzt lässt sich nur vermuten, dass er schon längst seinen Geschäften
nachgegangen ist.«
    »So wird doch wenigstens der junge Mensch zu finden sein, um den es sich
hauptsächlich handelt.«
    »Wir wollen es hoffen,« war die Antwort; »hat aber unser Bursche gerade
heute einen Schlag ausführen und dann die Gegend verlassen wollen, so sollte es
mich wundern, wenn er sich durch Hinterlassung des jungen Menschen selbst
gezwungen hätte, nochmals an seinen alten Platz zurückzukehren - wenigstens
müsste er dann nicht halb so gerieben sein, wie ihn Ihr New-Yorker Freund hier
schildert.«
    Charley zog ein nachdenkliches Gesicht. »Es mag wirklich so sein, Mr.
Helmstedt,« brummte er, »es ist verdammt viel Sinn in dem, was der Sheriff sagt,
und nur der Sicherheit halber will ich einmal das Haus dort in Augenschein
nehmen.«
    »Reiten Sie zu!« sagte der Beamte, »unser Weg führt hier rechts ab, wir
werden langsam vorausreiten, damit Sie uns bald wieder nach sein können.«
    Die beiden Parteien trennten sich und der Sheriff bog mit Helmstedt in einen
steinigen Waldweg ein, welcher nach Angabe des Ersteren zu Mr. Graws Farm, dem
Aufentaltsorte Seiferts, führen sollte. Sie ritten im langsamen Schritte
weiter, bis der harte Trab von Charley's grossem Pferde wieder hinter ihnen laut
wurde. »Nichts von ihm zu erblicken,« sagte dieser herankommend, »die Leute dort
sagen, er habe am Morgen da gefrühstückt, sei aber nach dieser Zeit nicht wieder
gesehen worden.«
    Der Sheriff nickte nur schweigend und trieb sein Tier zu schnellerem Laufe
an; die beiden Andern folgten, bald aber ward der Weg so rauh und eng, dass sich
ein langsamer Schritt von selbst gebot.
    »Ich hoffe, Sir,« sagte Charley, näher an Helmstedts Seite reitend, »dass Sie
es mir nicht zu hoch anrechnen werden, wenn der Graf entwischt? Ich hätte
freilich wohl einen halben Tag früher hier sein können, aber ich hatte mit keiner
Silbe daran gedacht, dass ich selber bei der Sache notwendig sein könnte.«
    Helmstedt schüttelte ruhig lächelnd den Kopf. »Hätten Sie sich einen halben
Tag früher eingesunden, so wären wir wahrscheinlich nicht bei der Hand gewesen,
um ein Unglück in Little Vallei zu verhüten, an das ich kaum denken mag!« sagte
er. »Es geht Alles in der Welt, Charley, wie es soll, und der Mensch mit seinem
Fünkchen Verstand tut meist das Wenigste dazu. Wer nach rechtem Gewissen seine
Pflicht tut, damit er sich selbst nichts vorzuwerfen hat, der soll sich um das
nicht grämen, was vielleicht anders hätte sein können - und so wollen wir auch
jetzt tun, was sich mit besten Kräften tun lässt, und schiessen wir dennoch
fehl, so mag es vielleicht gerade zu etwas dienlich sein, was wir jetzt noch
nicht einmal ahnen.«
    Charley kratzte sich unter seinem Hute; »'s ist das gewiss recht schön
gesagt, Sir, aber der Teufel mag sich immer damit zufrieden geben, und ich hätte
wohl auch sehen mögen,« setzte er mit einem launigen Blicke auf Helmstedts
Gesicht hinzu, »wie Sie sich hineingefunden hätten, wenn wir der Lady in Little
Vallei zu spät zu Hilfe gekommen wären.«
    Helmstedts Gesicht überflog ein dunkler Schatten, welcher sich aber bald
wieder in einem klaren Blicke, den er in die Ferne schickte, auflöste. »Sie
mögen Recht haben, Charley,« erwiderte er mit einem tiefen Atemzuge, »das
Schicksal bewahre Jeden vor solchen Proben.«
    Der Sheriff war vorausgeritten und öffnete jetzt das niedere Tor einer
Einzäunung, hinter welcher sich auf einem Hügel inmitten von dürftigen Feldern
ein rohes Blockhaus zeigte. »Bleiben Sie hier, bis ich zurückkomme oder Ihnen
winke,« sagte der Beamte, und schritt, nachdem er sein Pferd festgebunden, dem
Hause zu; ehe er es aber erreichte, trat ihm schon der Farmer aus der offenen
Tür entgegen. Beide standen eine Weile in angelegentlichem Gespräche, der
Farmer mehrmals mit dem Kopfe schüttelnd, bis sie endlich, der Beamte vorweg, in
das Haus traten. Zehn Minuten mochten vergangen sein, als Beide wieder
erschienen und der Sheriff mit einem kurzen Nicken gegen den Farmer nach den
Wartenden zurückschritt. »Es ist genau wie ich gesagt, wir kommen sechs Stunden
zu spät!« begann er, als er die Einzäunung erreicht hatte, und bestieg sein
Pferd. »Heute Morgen hat er mit dem jungen Menschen und einer starkgefüllten
Reisetasche die Farm verlassen, hat Abschied genommen und reichlich für seinen
Unterhalt gezahlt; jedenfalls scheint der Bursche aber in unserer Gegend besser
bekannt zu sein, als ich vermutete; er hat sich schon im vergangenen Winter im
Riverhause, wo damals stark gespielt wurde, aufgehalten, und dort will ihn Mr.
Graw beiläufig kennen gelernt haben. Weg ist er von hier, das steht fest« - fuhr
er fort und setzte sein Tier wieder in Bewegung, »ich habe die drei Stuben des
Hauses durchgesehen und nirgends einen Gegenstand wahrgenommen, der an einen
Mann von feineren Gewohnheiten erinnert hätte - indessen will ich doch die
Angelegenheit noch nicht aufgeben. Mit einer schweren Reisetasche läuft man
nicht gern die fünf Meilen bis zur Stadt und wenn es sich bei dem jungen
Menschen um Verborgenheit handelt, so wird er diesen auch nicht am hellen Tage
dortin geführt haben. Im Rocky-Creekhause soll jetzt Abends gespielt werden -
lassen Sie uns bis zur ebenen Strasse hinabreiten und ich werde Ihnen dann
Weiteres sagen!«
    Schweigend wurden die Pferde zu schärferem Schritte angetrieben; der grössere
Teil des felsigen Weges war bereits zurückgelegt und die letzte Biegung nach
der Hauptstrasse hinab zeigte sich, als plötzlich unweit vor ihnen ein Schuss
knallte und fast mit ihm zugleich ein Schrei hörbar wurde. Kaum hatte der
voranreitende Sheriff sein Pferd aufhorchend angehalten, als ein Mann hinter der
nächsten Buschecke hervorgejagt kam, beim Anblicke der Reiter stutzte und nach
einem Augenblicke wilden Umsichsehens auf das nächste Gebüsch zusprang. Aber
sein Fuss verwickelte sich in die offen liegenden Wurzeln und Schlingpflanzen am
Rande des Weges und in toller Hast, loszukommen, schlug er der vollen Länge nach
zu Boden.
    Das ganze Ereignis war so plötzlich eingetreten, dass die Zeit dafür eben nur
genügt hatte, die Pferde zu zügeln; jetzt aber richtete sich Charley hastig in
den Bügeln auf und war mit einem: »Das ist er ja, das ist er!« vom Pferde, ehe
noch einer der Andern Miene dazu gemacht hatte. Mit zwei Sprüngen hatte er den
Mann, der von dem Falle halb betäubt schien, erreicht und richtete ihn wie ein
Kind in die Höhe. »Bei Gott, er ist es, ich sagt' es ja, und nur die verdammte
Brille, die er trug, machte mich einen Augenblick unsicher!« rief er, den Mann,
der ihn wie geistesabwesend anstarrte, an beiden Armen festaltend.
    »Halloh, Graf, wie geht's? Kennen Sie den Dutch Charley nicht mehr?«
    Helmstedt hatte, als auch der Sheriff eilig abstieg, nach den Zügeln der
beiden Pferde gegriffen; aber seine Augen taten sich weit auf, als der Beamte
zur Verhaftung des Menschen schritt und dieser sein verstörtes Gesicht nach ihm
wandte. Sichtlich gespannt folgte der junge Mann seinen beiden Gefährten und
trat, die Pferde nach sich führend, zu der Gruppe.
    »Also Sie, Seifert, sind der Graf, oder der Mr. Wells, oder wie Sie sonst
heissen mögen?« fragte er. »Kennen Sie mich nicht, Seifert?«
    »Was wollen Sie von mir?« fragte der Gefangene, die drei Männer der Reihe
nach mit starrem Blick ansehend. »Ich habe in Selbstverteidigung gehandelt und
kann nichts dafür, dass der Schuss so unglücklich traf. Er hatte den Revolver auf
mich gerichtet, Sie sollen meine Zeugen sein, es ist gut, dass Sie da sind -
kommen Sie!«
    »Sachte, lieber Mann, wir folgen schon!« erwiderte der Sheriff, als Seifert
seinen Arm aus dessen geschlossener Hand reissen wollte, und winkte bedeutsam den
beiden Andern, zu folgen.
    Sie erreichten bald die nächste Buschecke; wenige Schritte davon zeigte sich
die Leiche Murphys quer über den Weg liegend.
    »Dass dich -!« rief Charley, erschreckt stehen bleibend, während Seifert an
der Hand des Sheriffs gerade auf den Körper losschritt.
    »Hier liegt sein Revolver, den er mir entgegenstreckte,« sagte der Gefangene
und wollte sich nach der Waffe bücken, aber der Beamte zog ihn rauh zurück.
    »Das Alles wird sich finden; jetzt aber, lieber Mann, ist die Sache ernster
als zuvor!« entgegnete er und zog ein paar Handschellen aus der Tasche; »ich
ersuche Sie, ruhig Ihre Arme herzuhalten, damit ich nicht Gewalt anwenden muss!«
    »Warum das?« rief Seifert zurückprallend, »ich habe Sie selbst hierher
geführt; ich habe in Selbstverteidigung gehandelt und verlange eine
Untersuchung. Ich folge Ihnen ganz freiwillig!«
    Helmstedt, welchem beim ersten Anblick der Leiche eine peinliche Erinnerung
aus seinem eigenen Leben vor die Seele getreten war, die ihn gespannt den
Vorgängen folgen liess, drückte jetzt die Zügel der Pferde in Charley's Hand und
ging rasch auf den Sheriff zu. Eine kurze Weile sprach er in dessen Ohr, und als
ein nachdenkliches Nicken desselben seine leise Rede beantwortete, wandte er
sich an den Gefangenen.
    »Ich hoffe, Sie kennen mich noch, Seifert?«
    »Und was weiter, Sir?« erwiderte dieser, den Frager starr anblickend.
    »Sie wissen wahrscheinlich noch nicht, dass Sie wegen Entführung des Manuel
Goldstein und wegen des damit verbundenen Betrugs und Schwindels jetzt verhaftet
worden sind und dass Alles, was hier geschehen ist, ursprünglich gar nichts mit
dieser Verhaftung zu tun hatte.«
    »Manuel Goldstein - was soll es doch mit dem?« erwiderte Seifert, als habe
er von Allem, was zu ihm gesprochen, nur den einen Namen gehört. »Seit der hier
todt ist, bezahlt mir doch Niemand mehr einen Gewinn, was soll ich noch mit dem
Jungen machen? Armer, kleiner Kerl, wenn er nur schon wieder in New-York wäre,
er ist mir so gutwillig überallhin gefolgt, um endlich einmal den alten Pedlar
zu finden.«
    »Aber wo ist er, Seifert, damit für ihn gesorgt werden kann? Reden Sie die
Wahrheit, und wir wollen glauben, dass Sie bei diesem Morde hier nur in
Selbstverteidigung gehandelt haben; der Sheriff wird die Handschellen wieder
einstecken und Sie anständig nach der Stadt bringen.«
    Der Gefangene sah mit halb irren Blicken auf.
    »Das ist also der Sheriff,« sagte er; »well, Sir, war der Advocat Murphy,
der hier todt liegt, einer von Ihren Deputies?«
    Ein bittender Blick Helmstedts traf den Beamten.
    »Nicht, dass ich wüsste!« erwiderte dieser.
    Ein halb verzerrtes Lächeln ging über Seiferts Gesicht.
    »Es ist schon wie ich gedacht und Alles recht; der Teufel rächt sich nur, wo
er betrogen werden soll. Ich gehe mit Ihnen nach der Stadt, Gentlemen.«
    »Und wie soll es mit dem Manuel werden?« fragte Helmstedt dringend.
    »Ja, er wird wohl jetzt ausfinden müssen, dass der alte Pedlar schon längst
todt ist,« erwiderte Seifert mit bedauerndem Kopfschütteln; »es ist am besten,
Sie gehen selbst nach dem Rocky-Creek-Hause und sagen es ihm. Er mag warten, bis
ich aus der Stadt zurückkomme, dann will ich ihn selbst wieder nach New-York
bringen.«
    Helmstedt tauschte mit dem Beamten einen Blick aus und liess dann das Auge
über die Leiche streifen.
    »Wenn Sie sich einige Minuten gedulden wollen,« sagte er halblaut zu dem
Sheriff, »so hole ich aus dem Wirtshause Jemanden als Wächter herbei, der bis
zur Ankunft des Koroners hier bleibt. Dann mögen Sie den Gefangenen auf meinem
Pferde zwischen sich und Charley nach der Stadt führen und brauchen ihn nicht zu
schliessen.«
    »Ich kann Ihnen nur dankbar sein, wenn Sie die Mühe übernehmen wollen,«
erwiderte der Angeredete - und nach einigen Minuten sprengte Helmstedt dem
Rocky-Creek-Hause zu. -
    Es war Abend geworden und der Platz, auf welchem der Mord vollbracht wurde,
wieder so öde wie vorher; nur die geknickten Büsche und das zertretene Gras am
Wege zeigten, dass ein besonderer Vorfall mehr Menschen als gewöhnlich auf der
Stelle versammelt hatte. Mit der nach der Stadt gebrachten Leiche war aber die
Aufregung dort eingezogen, das Hotel, worin der Ermordete lag, umstanden die
Menschen in dichten Haufen, und die verschiedensten Gerüchte über die Art und
Ursache des Mordes gingen von Mund zu Mund.
    Im Bar-Room des Hotels, wo es wie in einem Bienenstocke aus- und einging,
stand Griswald in der Vertiefung neben dem Kamin und stürzte so eben den dritten
Brandysmash hinunter.
    »Ich muss bekennen,« sagte er zu einem an seiner Seite lehnenden ältlichen
Manne, »dass ich mich alterirt habe, so kalt ich auch sonst in allen Dingen bin -
Teufelsgeschichte das!«
    »Und was wird jetzt aus unserer Speculation?« brummte der Andere halblaut;
»ist schon etwas geschehen, dass die Sache von den richtigen Händen weiter
fortgeführt werden kann?«
    »Wettergeführt? Damit ist es vorläufig zu Ende, Sir, und das ist mir eben
wie eine Eispille in den Magen gefahren,« erwiderte Griswald, einen Blick um
sich werfend. »John, noch einen Smash - Sie nehmen einen Schluck mit mir, Sir?
Zwei Smash, John! Wissen Sie denn nichts von der Geschichte, welche der Sheriff
erzählt?« fuhr er fort, als er nirgends einen Lauscher in seiner Nähe bemerkte,
»nichts von dem jungen Menschen, welchen der Mörder irgendwo hier verborgen
gehabt?«
    Der Andere sah ihn gross an.
    »Nun?«
    »Nun? Dieser junge Mensch ist der eigentliche Eigentümer des Besitztitels.
Murphy hat sich durch eine Nachricht von seinem Tode düpiren lassen und das
Document von Parteien erworben, welche kein Recht darauf haben.«
    »Aber ich verstehe nicht -«
    »Ich auch noch nicht, Sir; was ich Ihnen aber da sagte, steht so fest wie
Murphy's Tod, und dass es überhaupt eine Torheit bleibt, junge Advocaten, bei
denen die Illusionen immer die Gründlichkeit überwiegen, in die Association
aufzunehmen. Jetzt können wir mit unserm Gutachten über die Unfehlbarkeit des
Besitztitels die schönste Blamage auf den Hals bekommen. Geht morgen das
Document in andere als uns befreundete Hände über, so müssen die schlimmsten
Vermutungen über unsere Gesetzeskenntniss oder unsere Ehrlichkeit laut werden -
und das kommt Alles davon, wenn junge Leute wie Murphy zu Dingen zugelassen
werden, die sie noch nicht zu behandeln verstehen. John, noch einen Smash!«
    »Aber was denken Sie, dass nun geschehen sollte?«
    »Weiss noch nicht, Sir! Zuerst wollte ich nach Oaklea gehen, um dort zu
sondiren - heute Nacht, denke ich werden sich die meisten von unsern Freunden
von selbst in meiner Office einfinden, und dann werden wir weiter sehen!«
    Er trat an den Schenktisch, um zu bezahlen, und schritt dann in die Strasse,
wo ein aufgezäumtes Pferd bereits auf ihn wartete. Bald sass er im Sattel und
trabte davon.
    Zu derselben Stunde schritt Elliot, ein offenes Billet in der Hand, mit
grossen Schritten in seiner Bibliotek auf und ab. Im Schaukelstuhle wiegte sich
die Frau vom Hause und am Finster sass Ellen, dass Kinn in die Hand gestützt, und
sah träumerisch in die dämmernde Landschaft hinaus.
    »Diese Gefahr wäre also vorläufig vorüber,« sagte der Pflanzer, stehen
bleibend; »aber ich weiss kaum, ob ich mich darüber freuen soll. Im Grunde
genommen ist es kaum mehr als eine Galgenfrist, und ich hatte bis jetzt
wenigstens Gegner, mit denen man, ohne sich etwas zu vergeben, unterhandeln
konnte. Was soll ich aber mit diesem Deutschen tun, der jetzt das Heft gegen
mich in die Hand bekommt? Soll ich ihn aufsuchen, wie ich es ihm in einer Stunde
der Bedrängnis zugesagt, und seinem Hochmute die Krone aufsetzen? Er mag das
erwarten, sonst hätte er mir wohl kaum so eilig die Meldung von der Auffindung
seines Mündels geschickt.«
    »Ich glaube, Pa, du beurteilst Helmstedt ungerecht,« unterbrach ihn Ellen,
vom Fenster aufsehend, »und ich möchte dir das zu deiner eigenen Ruhe sagen. Ich
habe in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht, warum er mir in so kurzer
Zeit entfremdet werden konnte; ich habe mein ganzes Zusammenleben mit ihm
durchgegangen, und es war nicht sein Charakter, nicht das, was er als Mensch
wert war, was unsere Uebereinstimmung hinderte; es waren unsere verschiedenen
Ansichten vom Leben überhaupt, oft bis zu den kleinsten Dingen herab, die, wohl
Jedem anerzogen, sich immer einander entgegen traten. Helmstedt ist grossherzig;
er hat es bewiesen, und denkt gewiss jetzt am wenigsten an die Befriedigung
irgend eines unedlen Gefühls.«
    Der Pflanzer nickte unmutig. »Das mag die Ansicht junger Ladies sein,
Mistress Tochter; bejahrte Männer aber urteilen anders!« sagte er und nahm
seinen Gang wieder auf. »Ich hasse diese Grossherzigkeit, diese
Uneigennützigkeit, welche sich dann zu Hause hinsetzt und in der Genugtuung
schwelgt, die sie Leuten von mehr Gewicht gegenüber errungen - es hat mein
innerstes Gefühl beleidigt, als dieser junge Mann, der mein Brod gegessen und
dessen armselige Finanz-Verhältnisse ich kenne, wenn er sie bisher auch noch vor
der Welt zu bemänteln gewusst, sich vor mich als Retter hinstellte und zugleich,
um seine Uneigennützigkeit zu beweisen, jeden Anspruch auf eine nähere Beziehung
zu mir von sich wies. Hätte er damals noch zu mir gesagt: Rücksicht gegen
Rücksicht, Sir, ich nehme Ihre Sorgen von Ihnen und trete dafür als anerkanntes
Glied in Ihre Familie ein - so weiss ich nicht, zu was ich mich hätte verleiten
lassen, denn es wäre Verstand und Gegenseitigkeit in dem Vorschlage gewesen;
aber er ging weg, kaum dass er es der Mühe wert fand, meine Hand zu ergreifen,
mit der einzigen Genugtuung den Grossmütigen gespielt und mich ihm gegenüber in
eine unsichere Stellung gebracht zu haben.«
    »Aber, Pa, hast du nicht selbst versucht, ihn mit allen Mitteln zu einer
Scheidung zu treiben?« sagte Ellen erregt, »und nun willst du es ihm zum Vorwurf
machen, dass er dir nachgegeben hat und Alles, was gegen ihn getan worden ist,
mit guten Absichten vergilt?«
    »Ich glaube, du hast alle Bescheidenheit gegen deinen Vater verlernt!« liess
die Mutter vom Schaukelstuhle vernehmen.
    »Lass sie, sie ist von meinem Schlage,« sagte Elliot mit einem Anfluge von
Laune; »wenigstens kann ich mich dabei doch einmal aussprechen und brauche nicht
Alles still mit mir herumzutragen. Und was glaubt denn nun meine kluge Tochter,
dass ich unter den gegenwärtigen Verhältnissen tun sollte?«
    »Nichts, Pa, aber dir auch den Kopf nicht schwer machen um Dinge, die
wahrscheinlich gar nicht existiren!« erwiderte die junge Frau. »Ich glaube
bestimmt, Helmstedt wird selbst kommen, sobald er nur weiss, wie die
Angelegenheiten stehen, und dir die nötigen Mitteilungen machen, und ich bin
überzeugt, dass du ihn nur als Gentleman, der er wirklich ist, zu behandeln
brauchst, um jeder Rücksicht sicher zu sein.«
    »Und wo möglich bis dahin auch die Scheidungsangelegenheit aufzuschieben,«
versetzte Elliot, stehen bleibend, »und zuzusehen, ob der junge Herr sich nicht
vielleicht eines Bessern besonnen hat, und sich zu einer Aussöhnung bewegen
lässt; nicht so?«
    »Vater!« rief Ellen vorwurfsvoll, und die Tränen traten in ihre Augen,
»womit habe ich das verdient? Ich verteidige nichts als seinen Charakter. Hätte
ich nicht erkannt, wie wenig wir für einander passen, so wäre ich dir sicher
nicht nach Oaklea gefolgt, und seit du in meinem Namen eine Rückkehr in sein
Haus verweigert hast, weisst du, dass ich nur auf eine Scheidung in deinem Sinne
gerechnet habe. Aber wenn Helmstedt nichts weiter verdient, so verdient er
Achtung, Vater, und die werde ich ihm bewahren, so lange ich lebe!«
    »Mr. Griswald ist im Parlor!« rief in diesem Augenblick eine Schwarze, den
Kopf zur Tür hereinsteckend.
    Elliot sah auf, als komme ihm die Unterbrechung eben erwünscht. »Führe ihn
hierher, Flora, und bringe Licht!« sagte er und setzte dann schweigend seinen
Schritt fort.
    Nach wenigen Minuten öffnete sich die Tür wieder. »Teufelsgeschichte, das!«
rief der Advocat eintretend, » - oh, bitte um Entschuldigung, Ladies; ich hatte
keine Ahnung von Ihrer Gegenwart. Familien-Beratung? Ich hoffe, ich störe
nicht?«
    »Nicht im Geringsten, Sir, setzen Sie sich!« erwiderte Elliot, während die
Schwarze zwei Lichter auf den Tisch stellte; »wir besprachen eben nur den
ausserordentlichen Fall von heute. Ich bin aufrichtig betrübt über Murphy's Tod;
er war jedenfalls ein Gegner, mit dem sich sprechen liess.«
    »So - da komme ich also mit meiner Nachricht zu spät,« hustete Griswald,
sich niederlassend; »ich habe noch einige Meilen weiter hinaus Geschäfte und
dachte, Ihnen im Vorbeireiten die Sache mitzuteilen. Aber - darf ich in der
Ladies Gegenwart von Geschäften reden?«
    »Immer zu, Sir,« erwiderte der Pflanzer; »leider haben Sie in der letzten
Zeit mehr daran Teil nehmen müssen, als mir lieb war.«
    »Well - ich wollte nur fragen, um etwa nötige Schritte in Ihrem Interesse
tun zu können - hatten Sie mit Murphy bereits ein Uebereinkommen getroffen,
was, falls der Anspruch jetzt durch einen andern Bevollmächtigten vertreten
werden sollte, gegen diesen geltend gemacht werden könnte?«
    »Ich muss Ihnen gestehen, Sir,« sagte Elliot, sich langsam niedersetzend,
»dass mir erst in der letzten Zeit manches Unklare in diesem Anspruche
aufgestossen ist, weshalb ich mir auch von Mr. Murphy noch eine weitere Frist
ausbitten liess. Wie die Sache jetzt steht, habe ich mich entschlossen, sie an
mich kommen zu lassen.«
    »So? - merkwürdig, Sir!« erwiderte Griswald, sich den Schenkel reibend; »ich
wünschte, Sie hätten mir Ihre Gedanken mitgeteilt, die vielleicht schon bei der
Untersuchung des Documents von Wichtigkeit hätten sein können.«
    »Sie meinen doch nicht, dass drei der erfahrensten Advocaten von den Gedanken
eines einfachen Farmers etwas hätten profitiren mögen?« lachte Elliot; »meine
Bedenken sind ganz privater Natur, und ich muss selbst abwarten wie weit sie
Stich halten. Wissen Sie vielleicht schon, wer die Angelegenheit jetzt in die
Hand bekommt?«
    »Habe noch nicht die Idee davon, Sir; es muss sich aber jedenfalls binnen
Kurzem herausstellen, und deshalb meinte ich, es sei gut, Sie schon heute darauf
aufmerksam zu machen.«
    »Ich danke Ihnen, Mr. Griswald; wir wollen aber, wie gesagt, erst einmal
abwarten, was neuerdings in der Sache getan werden wird, und dann sehen Sie
mich jedenfalls in Ihrer Office.«
    »Wie Sie meinen, Squire - es ist Ihre eigene Sache,« murmelte Griswald, »und
so will ich mich nicht weiter aufhalten.«
    Er erhob sich, verbeugte sich gegen die Damen und verliess mit einem: »Gute
Nacht, Sir!« das Zimmer.
    »Hat hier der Teufel schon ein Ei in die Wirtschaft gelegt?« brummte er,
als er sein Pferd bestiegen hatte und langsam davon ritt; »was will er mit
seinen Bedenken? Bedenken - lächerrlich! Der Anspruch gegen ihn bleibt immer
bestehen, ob in dieser oder jener Hand - und dass der jetzige Eigentümer, oder
wer diesen vertritt, recht beraten werde, dafür wird der Griswald sorgen.«
    Er zog die Zügel an und ritt im scharfen Trabe der Stadt wieder zu.
 
                                      XI.
Als Helmstedt am Nachmittage den Sheriff verlassen und das Rocky-Creek-Haus
erreicht hatte, war seine erste Frage nach dem jungen Menschen gewesen, welcher
am Morgen mit Mr. Wells hier angekommen sei; aber da war Niemand, der etwas
wissen wollte, kaum dass ihm überhaupt eine Antwort gegeben wurde. Als aber Mr.
Helmstedt ungeduldig den Wirt, der ihn eben mit einem halben Wort abspeisen
wollte, kräftig beim Arme festielt und ihm erklärte, dass hinter den nächsten
Büschen ein Mord begangen worden, dass der Mann, welcher sich Wells nenne, sich
bereits als den Mörder bekannt habe und in der Gewalt des Sheriffs sei - dass
dieser Letztere ihn hierher sende, um Leute zur Bewachung der Leiche zu fordern
und den jungen Begleiter des sogenannten Wells unter seine Obhut zu nehmen, als
die anwesenden Gäste wie die Hausbewohner sich bei Helmstedts lauter Erzählung
um die Sprechenden gruppirten, da hatte der Wirt andere Saiten aufgezogen. Er
hatte zwar überhaupt von einem Manne, der Wells heisse, nichts wissen wollen,
aber wenn es derselbe Fremde sei, der am Morgen angekommen, so überlasse er es
Helmstedt selbst, in dessen Zimmer nachzusehen. Damit hatte er ihm einen
Schlüssel eingehändigt und zwei von seinen Leuten nach dem von dem jungen Manne
bezeichneten Platze gesandt, denen Alles, was sonst noch im Hause Beine hatte,
nachgeströmt war. Helmstedt hatte das ihm vom Wirte bezeichnete Zimmer geöffnet
und dort wirklich einen halberwachsenen Knaben auf dem Bette liegend und in
einem Buche lesend getroffen, der indessen bei seinem Anblick überrascht
aufgesprungen war. »Kennen Sie mich noch, Manuel?« hatte der Eintretende,
langsam auf ihn zugehend, gefragt, aber nur ein zweifelndes Kopfschütteln war
die Antwort gewesen. Da hatte sich Helmstedt neben ihn auf das Bett gesetzt und
ihn an die Zeit erinnert, wo er ihn als kleinen Pedlar mit seinem zertrümmerten
Krame am Broadway in New-York getroffen - hatte dem Knaben dann mitgeteilt, was
dessen Oheim, der alte Isaak Hirsch, für ihn selbst getan und wie er ihn bei
seinem Tode zum Vormund Manuels eingesetzt - hatte diesem dann eine Uebersicht
der Betrügereien gegeben, deren Opfer er geworden war, und ihm erzählt, wie
jetzt die rächende Hand über seinen Entführer gekommen sei. - Der Knabe hatte
mit grossem, verständigen Auge der Erzählung zugehört, er hatte Helmstedt lange
betrachtet und endlich gesagt, er erinnere sich seiner und auch dessen, was sein
Oheim Isaak immer von Helmstedts Rechtschaffenheit gesprochen; er habe schon
längst Verdacht gegen Seifert gehegt, der ihn von einem Orte zum andern
mitgenommen, immer unter dem Vorgeben, ihn dem alten Isaak, der ihn bei sich
haben wolle, nachzuführen - ihn oft wochenlang an einem Ort unter Aufsicht
anderer Leute gelassen, ihn aber immer gut behandelt habe und allen seinen
Wünschen nachgekommen sei, so dass er sich endlich gar keinen rechten Grund für
eine Unredlichkeit gegen ihn habe vorstellen können. Manuel hatte dann
angelegentlich gefragt, wo und wie der alte Pedlar gestorben, und Helmstedt
hatte von Allem, was er wusste, Bericht gegeben, wie auch dem Knaben versprochen,
ihn die letzten Zeilen seines Oheims lesen zu lassen, sobald sie nach der Stadt
kämen. Manuel hatte sichtlich bald volles Zutrauen zu ihm gewonnen und war mit
ihm nach dem Wartezimmer des Wirtshauses gegangen; und als in den Gesprächen
und Ausrufen der von dem Schauplatz des Mordes zurückgekehrten Menschen sich
jedes Wort bestätigte, was Helmstedt über die letzten Erlebnisse erzählt, als
endlich der Koroner anlangte und Seiferts Reisetasche in Beschlag nahm, da
rückte er, als komme eine plötzliche Furcht über ihn, dichter an Helmstedt heran
und hatte sich, als Charley mit den Pferden angekommen war, bereitwillig hinter
seinem Beschützer in den Sattel heben lassen.
    Die Sonne war eben untergegangen, als Helmstedt von seiner Wohnung aus, wo
er seinen Mündel unter der Obhut Charley's gelassen, den Weg nach Mortons Hause
einschlug. Er sehnte sich mit ganzem Herzen, dort zu sein. Als er am Morgen
Little-Vallei verlassen, hatte ihm der alte Doctor nur gesagt: »Sie liegt in
gesundem, festen Schlaf, gehen Sie in Gottes Namen, ich stehe für Alles. Sobald
sie erwacht, vielleicht am Mittag, werde ich sie nach Hause bringen lassen.« -
Eine Art von Furcht beschlich ihn jetzt, wenn er an sein Wiederbegegnen mit
Pauline dachte. Waren die nächtlichen Scenen noch in ihrem Gedächtnis, oder
waren die süssen Worte, die immerfort in seinen Ohren klangen, schon im
Paroxismus des Fiebers gesprochen? Er scheute sich seinen Träumereien Raum zu
geben, und ritt scharf vorwärts; aber das letzte Tageslicht war schon eine Weile
erstorben, als er mit stiller Befriedigung die erleuchteten Fenster von Mortons
Haus erblickte. Sie war also wenigstens zurückgekehrt. - Auf dem Vorplatze des
Hauses sah er in dem Lichtscheine den zerbrochenen Vorderwagen einer Kutsche
liegen - eine Erinnerung an die unglückliche Fahrt. Das scheugewordene Tier
hatte die Stücke jedenfalls nach Hause geschleift. Helmstedt band sein Pferd an
und schritt nach dem Parlor, den er langsam öffnete. Doctor Ford lag dort bequem
im Schaukelstuhle ausgestreckt und las in einer Broschüre.
    »Sind Sie endlich da?« rief er, sich aufsetzend, als er den Eintretenden
kannte, »entweder hat unser Kind Unrecht, oder Sie haben eine lange Jagd gehabt,
Sir!«
    »Wie befindet sich Mrs. Morton?« fragte Helmstedt, dem Arzte die Hand
reichend.
    »Danach mögen Sie selbst sehen, Sir!« lachte der Gefragte; »mit solchen
Naturen hat unsereins nicht lange zu schaffen Sie sitzt in ihrem Zimmer und hat
mir vordemonstrirt, dass sie nicht mehr krank sei und dass sie auf Sie warten
müsse, da Sie jedenfalls hier sein würden, sobald Sie nur abkommen könnten. Das
Warten ist etwas lang geworden, Sir, und jetzt mögen Sie sich verantworten.«
    Helmstedt drückte in einer seltsamen Gefühlsspannung die Augen in seine Hand
und wandte sich nach dem Hinterzimmer. Es war dasselbe, in welchem er die letzte
Unterredung mit Morton gehabt. Er klopfte an, und die Mulattin, noch immer mit
verbundenem Kopf, öffnete ihm.
    Matt auf einen Divan, der Tür gegenüber, zurückgelehnt, sass Pauline und
richtete sich bei seinem Eintritt mit einem hellen Lächeln der Befriedigung auf.
    »Hole noch ein Licht, Mary!« sagte sie, und die Mulattin verschwand mit
einer Miene voll Verständnis.
    Helmstedt ging auf die junge Frau zu, sah in ihre klaren Augen und fühlte
seine Brust wie eingeschnürt.
    »Ich freue mich, Mrs. Morton, Sie so schnell hergestellt zu sehen!« sagte er
endlich.
    Sie blickte lächelnd zu ihm auf.
    »Wollen Sie sich einmal zu mir hersetzen, August?« begann sie dann deutsch,
und streckte ihm die Hand entgegen; »wir müssen ein paar notwendige Worte mit
einander reden.«
    Helmstedt fasste die kleine, weiche Hand, küsste sie - mit mehr Innigkeit, als
es wohl die Convenienz erlaubt hätte - und zog dann einen der niedern weichen
Sessel ohne Rücklehne heran, auf welchem er sich dicht neben dem Divan
niederliess. So war sein Gesicht, als sie sich wieder in ihre frühere Stellung
zurücklehnte; in gleicher Höhe wir dem ihrigen.
    »Wollen Sie mir wohl sagen, August, welcher Zufall Sie gestern nach Little
Vallei geführt hat?« sagte sie, und ihr Blick ruhte in stiller Spannung in dem
seinigen.
    Helmstedt sah sie einen Augenblick wortlos an.
    »Zufall!« sagte er dann langsam und bemühte sich vergebens, das Beben in
seiner Stimme zu unterdrücken, »muss es den Zufall gewesen sein? Wollen Sie mir
denn durchaus nicht das Verdienst gönnen, etwas aus Herzensantrieb für Sie
getan zu haben?«
    »Aber, August -«
    »Nein, Pauline!« rief er aufspringend, »ich kann jetzt nicht in dieser
förmlichen, bedachten Weise mit Ihnen reden. Sie haben mich von sich gewiesen,
als ich mich Ihnen als Schützer anbot, aber ich bin doch immer im Geiste bei
Ihnen gewesen und habe auf jeden Ihrer Schritte gemerkt; Sie haben wir Ihr
kältestes Gesicht gezeigt, und doch war der Gedanke an Sie mein liebster und oft
der einzige, der mich aufrichtete. Sie haben es mich bitter empfinden lassen,
dass ich ein pedantischer Narr, dass ich blind gewesen bin, als Sie mir wie die
Verheissung eines ganzen Lebens voll Glück entgegentraten; Sie haben sich ehrlich
und empfindlich gerächt - und doch, Pauline,« fuhr er fort, und fasste ihre
beiden Hände, - »doch bin ich wieder hier und gehe auch nicht mehr von Ihnen,
und will Ihnen jetzt das Wort abzwingen, dass Sie mich noch lieb haben wie ehedem
-«
    Ein wunderbares Leuchten strahlte in Paulinens Augen, als sie sich jetzt,
seine Hände fest in den ihrigen drückend, langsam erhob.
    »Ich habe mich rächen wollen, August?« fragte sie weich, »konnte ich denn
anders handeln, als ich es getan? Hatten Sie sich denn nicht so kalt von mir
gewandt, so consequent selbst die leiseste Freundlichkeit abgewiesen, dass ich
der eigenen Selbstachtung halber Alles vergraben musste, was in mir lebte - hatte
ich denn nicht so tief gelitten, dass, als es einmal überwunden war, ich davor
zurückbebte, noch einmal die alten Gefühle auferstehen zu lassen, und vielleicht
noch einmal in neuer Täuschung den alten Kampf durchzufechten? Sage mirs doch
jetzt, August,« es sie plötzlich mit verdunkeltem Auge, »sage mir doch, dass du
mich liebst, damit ich daran glauben lerne; sage mirs doch zehnmal, tausendmal!«
und in ein schluchzendes Weinen ausbrechend, fiel sie an seine Brust.
    Fest hielt sie Helmstedt umschlossen.
    »Ich liebe dich, Pauline,« sagte er, zu ihrem Ohre geneigt, und der volle
Drang seines Herzens zitterte in den leisen Worten, - »ich liebe dich mit meiner
ganzen Seele, und will es dir sagen, immer und immer, so lange ich noch atmen
kann!« Und als sie in Tränen lächelnd zu ihm emporsah, küsste er ihren Mund,
küsste die Tränen von ihren Wimpern und sah ihr dann lange und tief in das
feuchte Auge.
    »Dies ist der Blick, nach dem ich mich so manchen Tag gesehnt, und von dem
ich Nächte hindurch geträumt!« sagte er leise.
    »Und doch kamst du heute so spät, August, obgleich du wissen konntest, wie
es in mir aussah?« unterbrach sie ihn, sich in seinen Armen aufrichtend.
    »Merke auf, du misstrauisches Kind,« sagte er mit einem Lächeln des Glücks,
»dafür habe ich mir aber auch die Macht erobert, alle drückenden Bande von mir
zu werfen und dir anzugehören, sobald du mich nur annehmen kannst und magst.«
    Er führte sie nach dem Divan, nahm ihre beiden Hände in die seinen und
begann ihr einen Ueberblick seiner Verhältnisse zu Elliot zu geben; bald aber
hielt er wieder inne und seine Blicke hingen schweigenden Glückes voll an den
ihrigen, bis sie, ihm mit der Hand die Augen zuhaltend, ihn an den weitern
Bericht mahnte.
    So mochten sie eine Stunde Hand in Hand bei einander gesessen haben, ohne
nur das rasche Schwinden der Zeit zu bemerken, als ein Pochen an die Tür sie
aufstörte. Pauline eilte zu öffnen und Doctor-Ford streckte seinen Kopf herein.
    »Ich wollte nur zusehen, ob sich meine. Patienitin nicht zu sehr im Gespräch
aufgeregt,« sagte er, mit einem Lächeln voll gutmütiger Laune eintretend; »das
Kind, sollte sich Ruhe gönnen und jetzt nicht stundenlange Veratungen halten!«
    »Stundenlange, Doctor?« rief Pauline, leicht errötend einen Blick nach der
Uhr auf dem Kaminsims werfend; »es ist kaum eine Stunde, und hat Ihnen das Kind
nicht gesagt, dass es nicht mehr krank ist?«
    »Jetzt glaub' ichs gern,« lachte der Doctor, »und ich gehe gleich wieder,
vollkommen zufrieden, - aber,« unterbrach er sich, als das helle Rot in
Paulinens Gesicht schoss, »kennt unser Kind nicht die alte Wahrheit: vor dem
Arzte und den Eltern soll man sich nicht geniren? Wenn der alte Ford eine ganze
Nacht am Krankenbett gesessen und alle stillen Geheimnisse, die das Fieber
ausgeplaudert, in seinen Ohren aufgefangen hat, darf er dann nicht sagen, wenn
sich die rechte Medicin gefunden: ich bin zufrieden?«
    »Gott behüte Sie, Doctor, für Ihre Meinung von mir,« rief Helmstedt, welchen
ein Seitenblick des alten Arztes getroffen, und trat, diesem die Hand reichend,
herzu; »nehmen Sie, was die Gesunden noch nicht gegen Sie ausgesprochen, als
bereits geschenktes Vertrauen an. Wenn erst auch äusserlich vollkommen klarer Weg
vor uns liegt, dann sprechen wir weiter.«
    »Es ist schon recht so,« nickte Ford, »und jetzt nehmt meine Störung nicht
übel; der alte Knabe war neugierig, und musste nachsehen, wie die Sachen
standen.«
    »Super is ready!« rief die Mulattin durch die halbgeöffnete Tür.
    »Supper! - Jetzt erst?« fragte Helmstedt verwundert.
    »Ich hatte auf dich gewartet, August,« erwiderte Pauline deutsch, mit einem
innigen Blicke zu ihm aufsehend »und jetzt schlägst du mir es doch nicht wieder
ab, hier zu bleiben?«
    Es war ein seltsamer Abendtisch. Der Doctor schien in seiner rosigsten Laune
zu sein, und erzählte eine Schnurre nach der andern, ohne sich darum zu kümmern,
dass seine jungen Tischgenossen bisweilen kaum zu hören schienen, und nur das
Kichern der beiden aufwartenden Negermädchen seine Spässe belohnte. Helmstedt
ging wohl dann und wann auf seine Bemerkungen ein, oft aber auch sass er wie
versunken in sein neues Glück, Paulinens Bewegungen beobachtend, wenn sie mit
rosig aufgeblühten Wangen die Pflichten der Wirtin erfüllte; und schlug sie
dann das Auge zu ihm auf, und die Blicke Beider blieben tief in einander hängen,
als hätten sie ihre ganze übrige Welt vergessen, dann schien der Doctor
plötzlich einen wahren Wolfshunger zu bekommen; er setzte die beiden Schwarzen
in Bewegung, ihm Alles, was nur von Gerichten auf dem Tische war, einzeln
herzureichen, schien aber dann doch keine Wahl treffen zu können und sandte die
Aufwärterinnen mit einem derben Spasse zurück, um nur, als habe er sich eines
Bessern besonnen, sich dieselben Teller aufs Neue reichen zu lassen. Sie hatten
noch nie beim Supper so viel zu lachen gehabt, die schwarzen Mädchen, und
konnten an demselben Abend in der Küche nicht genug von dem lustigen alten
Doctor erzählen.
    Es war spät in der Nacht, als Helmstedt die Stadt wieder erreichte, aber
erst beim grauenden Morgen kam der Schlaf über ihn.
    Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Cäsar, bereits zum dritten Mal an
demselben Morgen, mit dem Kaffee in seines Herrn Schlafzimmer trat, wo er diesen
endlich mit offnen Augen daliegend fand.
    »Schon spät, Cäsar?«
    »Neun Uhr vorüber, Sir; Sie schliefen so fest, dass ich Sie nicht wecken
mochte.«
    Helmstedt schnellte in die Höhe.
    »Ist es möglich? so lange wollte ich nicht schlafen!« rief er. »Wo ist der
Knabe?«
    »Er ist mit dem grossen Gentleman nach dem Hotel zum Frühstück gegangen, wie
Sie es angeordnet hatten, Sir; sie sind aber noch nicht zurück. In der Stadt ist
so viel Aufregung, dass sie wahrscheinlich noch hören was vorgeht.«
    »Aufregung! noch wegen des Mordes?« fragte Helmstedt verwundert.
    »Ja, es ist aber noch etwas dazu gekommen, Sir. Es hat geheissen, der Mörder
sei ein alter Negerdieb, und schon gestern Abend hatte sich ein Haufen unruhiges
Volkt vor dem Gefängnis versammelt, um es zu stürmen und ihn zu hängen. Da hat
der Gefangene zu dem Schliesser gesagt, er wolle durch das Fenster zu den Leuten
reden; was er getan habe, hätte jeder Andere an seiner Stelle auch getan; als
aber der Schliesser wegen der Negerstehlerei zu ihm gesprochen und ihm erzählt
hat, dass gerade deswegen Mr. Murphy als Deputy-Sheriff beauftragt gewesen sei,
ihn zu verhaften, und dass er also einen Beamten in Ausübung seiner Pflichten
getödtet habe - da ist er still geworden. Und heute früh, als ihm der Schliesser
das Frühstück bringen will, findet er ihn todt, an seinem eigenen Halstuch
aufgehängt.«
    »Erhängt?« rief der junge Mann mit halb entsetztem Blick.
    »Yes, Sir! und vorhin hörte ich, dass der Koroner bereits mit der Todtenschau
fertig geworden ist.«
    Helmstedt sah dem Schwarzen noch immer ins Gesicht.
    »Das ist grässlich!« sagte er endlich wie zu sich selbst. »Lass mich jetzt
allein, Cäsar,« fuhr er dann fort, »ich will aufstehen.«
    »Hier ist auch noch ein Brief, Sir, den mir der Postmeister gestern Abend
gab!« sagte der Schwarze, auf das Kaffeebret deutend, und wandte sich der Tür
zu.
    Helmstedt erhob sich langsam. Ueber das still-selige Gefühl, mit welchem er
erwacht war, hatte sich ein tiefer Schatten gelegt. Seifert war mit seinen
Erlebnissen in Amerika so verwebt gewesen - was ihm dieser zu Leid getan, hatte
sich so zum Besten für ihn selbst gewandt, dass er nicht ohne Erschütterung das
grauenvolle Ende des Menschen hatte vernehmen können. Noch eine lange Weile,
nachdem er sich angekleidet, sass er den Kopf in die Hand gestützt in seinem
Schaukelstuhl, und alle seine früheren Begegnungen mit dem Unglücklichen gingen
an seinem Geiste vorüber, bis er sich endlich mit Gewalt aus diesen Erinnerungen
zu reissen versuchte und nach seinem Kaffee griff. Der neben der Tasse liegende
Brief kam ihm gerade willkommen, um andere Gedanken zu fassen; es war die
Antwort von Smit und Johnson, Advocaten in New-York, auf seine frühere
Zuschrift an diese und gab ihm Klarheit über Manches, was ihm bisher noch dunkel
gewesen war. Der Brief lautete:
            Geehrter Herr!
        In Erwiderung auf Ihre Zeilen können wir Ihnen nur anzeigen, dass
        allerdings eine Empfangsbescheinigung über den von Ihnen angedeuteten
        Besitztitel an den Deponenten Isaak Hirsch gegeben wurde, welche auch
        Seitens des Advocaten der jetzigen Erbin, eines Mr. Murphy aus Ihrem
        Staate, an uns zurückgeliefert und dafür unserseits das fragliche
        Document verabfolgt worden ist. Sie äussern, dass sich weder dieser
        Depositenschein, noch eine Notiz darüber in dem Nachlasse vorgefunden
        habe; indessen scheint uns in dieser Tatsache kein besonderes Gewicht
        zu liegen, da das Document, nach verschiedenen abgegebenen
        Entscheidungen des Obergerichts der Vereinigten Staaten über die
        Giltigkeit ähnlicher Besitzurkunden, durchaus keinen Wert hat. Die
        Vereinigten Staaten erkennen Landverkäufe durch die Indianer nicht als
        bindend für sie selbst an, und wir haben deshalb auch nach unserm
        Gewissen dem verstorbenen Isaak Hirsch den Rat erteilen müssen, sich
        keiner Hoffnung wegen eines zu erhebenden Anspruchs auf Grund des
        fraglichen Besitztitels hinzugeben. Mit Achtung
                                                              Smit und Johnson.
    Eine halbe Stunde später war Helmstedt wieder auf dem Wege nach Oaklea.
»Erst reine Bahn machen, und dann glücklich sein!« klang es in ihm. Kurz vor
Elliots Farm konnte er seitwärts in der Ferne Mortons Haus blinken sehen; er
liess sein Pferd eine kurze Weile im Schritt gehen und suchte sich eine
Vorstellung von Paulinens augenblicklicher Beschäftigung zu machen - sie dachte
an ihn, sie erwartete ihn, dessen war er sicher. Er warf einen Kuss hinüber und
sprengte weiter.
    Seine Ankunft musste in Elliots Landhause bemerkt worden sein, denn kaum war
er in die Nähe desselben gelangt, als auch schon ein Schwarzer ihm entgegen kam
und sein Pferd in Empfang nahm. »Mr. Elliot ist in der Bibliotek, Sir!« hiess
es.
    Helmstedt ging den ihm so bekannten Weg und fand den alten Pflanzer allein,
augenscheinlich seiner harrend. »Ich dachte Ihnen den Weg nach der Stadt zu
ersparen, den Sie nach meiner gestrigen Mitteilung wahrscheinlich gemacht
hätten, Mr. Elliot,« sagte der Eintretende mit einer Art von Herzlichkeit, die
aus seinem innern Glück entsprang, ohne sich an die steife Haltung des
Pflanzers, mit welcher dieser ihn empfing, zu kehren, »und meinte, es sei
besser, Sie einmal zu verfehlen, als dass Sie mich nicht zu Hause träfen.«
    Elliot neigte wie zustimmend den Kopf. »Lassen Sie uns setzen, Sir,« sagte
er.
    »Ich glaube, Sir,« begann Helmstedt, nachdem er sich niedergelassen, ihm
frei ins Gesicht sehend, »Ihre beiden grössten Wünsche sind im Augenblicke die,
meine Verbindung mit Ihrer Familie rückgängig zu machen, und die Sorgen, welche
Ihnen der gegen Ihr Eigentum erhobene Anspruch macht, von Ihnen genommen zu
sehen. Ihre beiden Haupt-Verdriesslichkeiten aber sind wohl die, dass ich selbst
mit der Erfüllung dieser Wünsche etwas zu tun habe, und dass Sie sich mir zu
Dank verpflichtet fühlen müssen, wenn ich in Bezug auf den bestehenden Anspruch
das Mögliche zu Ihrer Erleichterung tue. Ist das nicht so, Sir?«
    Elliot hatte sich wieder steif zurückgelehnt und sah mit halb verschleiertem
Auge auf den Sprechenden. »Es mag so sein Sir,« erwiderte er kalt.
    »Da es mir hiernach,« fuhr Helmstedt lächelnd fort, »auf keine Weise möglich
ist, Ihnen ein unangenehmes Gefühl zu ersparen, so hielt ich es für das Beste,
unsere Beziehungen auf möglichst schnelle Weise zu lösen. Wenn Sie Ihrem
Advocaten heute noch die nötigen Vollmachten zukommen lassen wollen, so bin ich
bereit, mich morgen mit ihm in Bezug auf die gewünschte Scheidung in Verbindung
zu setzen. Ich habe in den nächsten Tagen eine Reise nach New-York zu machen, um
meinen Mündel in seine Rechte wieder einsetzen zu lassen, und so könnte vorher
das Nötige für die Erfüllung Ihres Wunsches getan werden.«
    »Es soll geschehen, Sir!« erwiderte der Pflanzer ohne sich zu bewegen.
    »Es gibt aber bei derartigen Trennungen, wo jeder Teil zu viel Stolz hat,
um irgend etwas dem andern Zugehöriges in Besitz zur behalten,
Auseinandersetzungen, die peinlich und oft gar verletzend sind,« fuhr Helmstedt
fort. »Ich zum Beispiel befinde mich in dem Falle, dass ich bei vor sich gehender
Scheidung Alles, was mir von Ellen oder Ihnen, Sir, überkommen ist,
zurückzugeben, mich für verbunden halte, wenn ich nicht von Ihnen auf so
vollständig gleicher Stuft behandelt werde, dass ich es vor mir selbst
verantworten kann, kein Gewicht auf diesen Punkt zu legen.«
    »Well, Sir, ich weiss nicht, warum Sie diese Angelegenheit jetzt berühren,«
erwiderte der Pflanzer, unruhig auf seinem Stuhle hin und her rückend, »ich
glaube aber, dass man schon gezwungen sein kann, Jemand auf gleicher Stufe zu
behandeln, wenn man sich so in seinen Händen befindet, wie ich mich
wahrscheinlich jetzt in den Ihrigen«
    »Und um Ihnen zu zeigen,« fuhr Helmstedt fort, als habe er Elliots Worte
überhört, »wie wenig ich mich irgend eines Vorteils, der vielleicht in meiner
Hand liegt, gegen Sie bedienen mag, übergebe ich Ihnen hier einige Zeilen, die
ich soeben von New-York erhalten, und die Sie zugleich jeder Furcht enteben
werden, mir für irgend eine Rücksicht gegen Sie Dank zu schulden. Wenn Sie
gelesen haben werden, mögen Sie mir gefälligst sagen, wie wir mit einander
stehen.«
    Elliot entfaltete mit sichtlicher Spannung den dargereichten Brief und
Helmstedt trat, während Jener las, ihm den Rücken zukehrend, ans Fenster.
    Er währte eine lange Weile, ehe der Pflanzer mit dem Lesen der wenigen
Zeilen oder auch vielleicht mit seinen eignen Empfindungen fertig wurde. Endlich
hörte Helmstedt seinen Namen nennen, und als er sich umwandte, blickte er in
Elliots Gesicht, der ihm mit dem Ausdruck derselben freundlichen Biederkeit die
Hand entgegenstreckte, wie sie Helmstedt an ihm gekannt, als er noch in seinem
Hause lebte.
    »Ich erkenne Ihre Verfahrungsweise vollkommen an, Sir,« begann Elliot,
während ihm Helmstedt langsam die Hand reichte. »Sie müssen einem Manne
verzeihen, der alle Hoffnungen und alle stillen Pläne, die sich an seine einzige
Tochter knüpften, durchkreuzt fand und so unter dem Einfluss eines stets
gereizten Gemüts handelte. Sie haben mit diesen Zeilen nicht nur jede Sorge von
mir genommen, sondern mich auch gezwungen, Sie wieder so hoch zu achten, wie ich
es nur jemals früher vermocht habe. Wenn es Ihnen irgend eine Befriedigung
gewähren kann, so will ich Ihnen sagen, dass Ellen, die stets Ihre Partie gegen
mich genommen, mir eine ähnliche Scene wie die jetzige erst noch gestern
vorausgesagt hat. Kann ich jetzt etwas für Sie tun,« fuhr er fort, die Hand des
jungen Mannes drückend, »möchte es auch selbst mit einem Opfer meinerseits
verbunden sein, so sagen Sie es und es wird mir zu einer wohltuenden
Genugtuung gereichen, Ihnen das, was in der letzten Zeit geschehen ist,
vergessen zu machen!«
    »Ich danke Ihnen von Herzen,« erwiderte Helmstedt mit befriedigtem Lächeln;
»ich wollte nichts von Ihnen hören, als dass Sie mir Unrecht getan, und damit
bin ich so zufrieden, als Sie es im Augenblick nur selbst sein können. Lassen
Sie uns jetzt damit scheiden, Sir, und wenn ich mit Ihrem Advocaten morgen die
nötigen Schritte zur Ordnung meines Verhältnisses mit Ellen getan haben werde,
so lassen Sie uns Alles begraben und vergessen, was Unangenehmes zwischen uns
vorgefallen sein mag. Bringen Sie Ellen meinen freundlichen Gruss, Sir, und leben
Sie wohl.«
    Er drückte Elliots Hand leicht und ging, von diesem begleitet, nach der
Tür. Der Pflanzer sah durch das Fenster ihn in den Sattel steigen und
schüttelte den Kopf wie vor einem ungelösten Rätsel. Helmstedt aber liess seinem
Pferde die Zügel und sprengte Mortons Hause zu.
    Es war acht Tage später, als von Chatam-Street in New-York ein junger Mann
mit einem halb erwachsenen Knaben an der Hand nach Pearl-Street einbog. »Was
meinst du wohl, Manuel, was sie sagen werden, wenn sie dich wieder sehen?« fragte
der Erstere.
    »Ich bin bange, Sir, Muhme Rebecke bekommt einen Schrecken, der ihr schaden
kann. Wir haben lange mit einander gelebt, auch in Zeiten der Not, und sie hat
doch für mich gesorgt und mich lieb gehabt wie ihr eigenes Kind; das war, ehe
der alte Issak Hirsch etwas für mich tun konnte und der Meyer die Rebecke
heiratete. Ich möchte nicht, dass sie mich so unerwartet wieder sieht. Machte
dochschon Mr. Johnson ein paar Augen, als säheer ein Gespenst, als Sie mich auf
ihn zuführten, und ich glaube, es ist besser, wenn Sie erst in das Haus gehen
und mich dann rufen.«
    Der junge Mann nickte, und nach einem kurzen Wege hatten sie das Haus des
Pfandleihers Meyer erreicht. Der Knabe trat in das Nebengässchen, welches nach
der Hintertür des Hauses führte, und sein Begleiter wandte sich nach der
Leih-Office. Ein fremdes Gesicht zeigte sich hier hinter dem Gitter. »Ich möchte
Mr. Meyer persönlich sprechen,« sagte der Eingetretene; »mein Name ist
Helmstedt.«
    »Bedaure, Sir; Mr. Meyer arbeitet nur noch in Stocks und andern
Wertpapieren und hat die Office hier an mich vermietet,« war die Antwort. »Mr.
Meyer wohnt jetzt in Bondstreet, das dritte Haus vom Broadway; Sie würden ihn
gerade jetzt dort antreffen können.«
    Helmstedt dankte mit einiger Verwunderung und ging. Bald traf er mit seinem
Schutzbefohlenen einen Omnibus, welcher sie in der bezeichneten Richtung weiter
führte, und nach kurzer Zeit stiegen Beide an Bondstreet aus. »Dein Vetter
scheint grossartig geworden zu sein,« sagte Helmstedt, kopfschüttelnd das
elegante Haus, welches ihm angegeben worden war, betrachtend; »setze dich dort
hinter das Eisengitter auf die Bank, bis ich dich rufe.« Er ging die steinerne
Treppe nach dem Portico hinauf, unter welchem auf silberner Platte der Name
»Abraham Meyer« an der Tür prangte, und zog die Klingel. Ein Dienstmädchen
öffnete, und auf seine Frage nach dem Hausherrn wurde er in einen Parlor
gewiesen, dessen Geschmack und Ausstattung zeigten, dass er von kundigerer Hand
als der frühere in Pearlstreet eingerichtet worden war. Helmstedt hatte nicht
lange zu warten. Mr. Meyer erschien mit steif zurückgebogenem Kopfe, liess einen
taxirenden Blick über die elegante Toilette seines Gastes laufen und deutete
dann nach dem Sopha.
    »Sie kennen mich wohl kaum mehr, Mr. Meyer?« fragte Helmstedt; »ich war der
Vormund Ihres jungen Vetters Manuel, und kam gerade an dem unglücklichen Tage zu
Ihnen, an welchem die Leiche in Ihr Haus gebracht worden war.«
    »Ah - ich entsinne mich jetzt,« erwiderte Meyer, und zeigte in einem steifen
Lächeln seine Zähne; »es war das ein sehr trauriger Tag. Was führt Sie zu mir,
Sir?«
    »Ich hatte vor kurzer Zeit mir erlaubt, eine schriftliche Anfrage an Mrs.
Meyer zu richten, auf welche Weise ein dem alten Isaak Hirsch gehöriger
Besitztitel in ihre Hände gelangt sei, da sich dieser nachweislich in der
Hinterlassenschaft nicht befunden - habe aber darauf keine Antwort erhalten.«
    Meyer fixirte einen Moment lang seinen Gast. »Der Brief ist allerdings
angekommen,« sagte er, »ich glaube aber nicht, Sir, dass wir verpflichtet sind,
auf jede Zuschrift an uns zu antworten.«
    »Wie Sie das für gut befinden, Sir,« erwiderte Helmstedt, sich lächelnd
verbeugend; »so haben Sie jetzt wenigstens die Güte, mich Mrs. Meyer zu melden,
mit welcher ich eigentlich nur zu tun habe.«
    »Mrs. Meyer ist jetzt nicht zu sprechen, Sir!« versetzte der gewesene
Pfandleiher eifrig; »was Sie mit ihr zu reden haben, können Sie eben so gut mir
sagen.«
    »Es tut mir leid, dass Sie mir meinen Zweck so schwer machen,« sagte
Helmstedt ruhig; »ich wollte ihr auf glimpflichere Weise, als Sie es vielleicht
tun könnten, beibringen, dass nicht allein die ganze Angelegenheit auf einem
Betruge beruht, sondern dass auch eine schändliche Komödie mit Ihnen Allen und
Ihrem kleinen Vetter Manuel gespielt worden ist.«
    »Wie so, Sir?« unterbrach ihn Meyer mit grossen Augen, als Helmstedt eine
kurze Pause machte.
    »Well, Sir, Ihnen gegenüber kann ich ohne Umschweife reden,« fuhr der
Letztere fort. »Manuel Goldstein ist unsichtbar gemacht worden, damit, so viel
ich in der Sache erkennen kann, eine andere Partei sich in den Besitz des
erwähnten Titels hat setzen können. Die Leiche, welche nach Ihrem Hause gebracht
wurde, hatte wohl Manuels Kleider an, war aber eben so wenig die seinige wie die
Ihrige - sie war nichts als ein vom Kirchhofe gestohlener ähnlicher Todter, und
Manuel Goldstein ist heute noch so frisch und gesund als wir Beide.«
    Meyer sah ihn, ohne eine Antwort zu geben, mit weit aufgerissenen Augen an.
»Das - das lügen Sie, Sir!« brach er endlich aus; »das soll sicher erst der
Betrug werden, von dem Sie redeten!«
    In diesem Augenblicke öffnete sich die Parlortür; eine Dame, einfach in
schwarze Seide gekleidet, trat mit verstörtem Gesicht ein und ging, ohne
Helmstedt zu beachten, auf Meyer los. »Abraham, komm' her, Abraham, ich glaube,
ich bin wahnsinnig!« sagte sie mit aufgeregter Stimme, und führte ihn nach dem
Fenster, »Abraham, wer sitzt dort unten?«
    Helmstedt, ahnend was vorging, war an das zweite Fenster getreten und
erblickte Manuel, dem es wahrscheinlich auf der ihm angewiesenen Bank in der
Sonnenhitze zu heiss geworden war und der sich jetzt von einer schattigeren
Stelle aus das Haus betrachtete.
    »Es ist Betrug, Betrug, sage ich!« rief Meyer, auf das Fensterbret
schlagend, als er einen Blick auf die Strasse geworfen; »sie wollen uns wieder um
die Erbschaft bringen, es ist ein Complot!«
    »Ist das der Manuel, der dort sitzt, oder ist er es nicht, Abraham?« fragte
die Frau, wie erschöpft vor innerer Bewegung.
    »Fassen Sie sich, Ma'am!« sagte Helmstedt, herzutretend, »und wenn Sie den
Manuel wirklich so lieb haben, wie er sagt, so freuen Sie sich, dass Sie nur
betrogen und er nicht todtgeschlagen worden ist.«
    Frau Meyer wandte sich nach Helmstedt um, als bemerke sie ihn erst jetzt.
»Ist er's denn?!« rief sie plötzlich und riss im gleichen Augenblicke das Fenster
auf. »Manuel, Manuel!« tönte ihre Stimme über die Strasse. Der Knabe stand auf
und blickte um sich. Kaum aber hatte sein Auge die Gestalt in dem offenen
Fenster getroffen, als er mit zwei Sprüngen an der Eingangstreppe war und hinauf
eilte. Fast im gleichen Momente hatte die Frau, aus dem Parlor stürzend, die
Haustur geöffnet und brach hier in die Knie, als der Knabe mit dem Ausrufe:
»Rebecke, Rebecke!« an ihren Hals flog. Helmstedt war nachgeeilt und führte
Beide nach dem Parlor zurück, wo ihnen Meyer mit erdfahlem Gesichte
entgegenstarrte. »Regen Sie sich nicht zu stark auf, Ma'am,« sagte der junge
Mann; »nehmen Sie Ihren Vetter mit in ein stilles Zimmer und sprechen Sie sich
mit ihm aus, das wird Ihnen am schnellsten die Fassung wieder geben; ich rede
unterdessen mit Mr. Meyer.«
    »Ich will, Sir, ich will!« entgegnete sie schluchzend und führte den Knaben,
ihn umschlingend, mit sich fort.
    »Well, Sir, was wollen Sie von mir? Die Erbschaft wollen Sie haben, das ist
Alles, deshalb sind Sie gekommen und wegen weiter nichts!« begann Meyer, als
sich die Tür geschlossen hatte. »Aber ich werde erst sehen, was Sie für ein
Recht haben, für den Manuel aufzutreten, wenn er es wirklich ist, und ob ich
nicht eben so gut ein Recht habe, sein Vermögen zu verwalten, als irgend ein
Anderer, der hierher kommt, man weiss nicht woher und weiss nicht wer er ist!«
    »Das wird sich Alles finden, Mr. Meyer,« erwiderte Helmstedt lächelnd; »es
sollte mich freuen, wenn ein Arrangement gemacht werden könnte, welches Ihnen
eine unangenehme Veränderung Ihrer jetzigen Stellung ersparte; jedenfalls muss
aber der verstorbene Isaak Hirsch seine Gründe gehabt haben, warum er Ihnen die
Vormundschaft nicht übertragen hat. Ich habe das Interesse meines Mündels in die
Hände der Herren Smit und Johnson, ausnehmend rechtliche Advocaten, welche Sie
kennen müssen, gelegt, und ihnen auch den Hauptzeugen, welcher nötigenfalls den
ganzen gespielten Betrug offen legen wird, zur Disposition gestellt, und so ist
kein Grund vorhanden, Sir, dass wir uns jetzt persönlich irgend ein unangenehmes
Wort sagen. Lassen wir den Dingen ihren Lauf!«
    »Very well, Sir, so wollen wir die Dinge abwarten; ich habe jetzt durchaus
keine Zeit mehr, ich bin Ihr Diener, Sir.«
    »Vorläufig. Mr. Meyer,« sagte Helmstedt lächelnd, »müssen Sie mir schon
erlauben, hier zu bleiben, bis ich den Manuel wieder unter meine Obhut nehmen
kann. Ich glaube gern, dass ich Ihnen lästig bin, aber ich kann es jetzt bei dem
besten Willen nicht ändern.«
    Meyer sah ihn, die Augen bald niederschlagend, bald wieder öffnend, an.
»Lästig? Ja, Sie sind mir lästig, Sir,« begann er wieder; »aber ich wünschte,
Sie würden es nicht noch mehr. Können Sie nicht ein Arrangement machen, dass ich
das Vermögen wenigstens in meinem Geschäfte behalte? Was tut Ihnen das? Was
täte es dem Manuel?«
    »Ich glaube nicht, Mr. Meyer, dass irgend ein rechtlicher Vormund das Geld
seines Mündels zu Fonds-Speculationen benutzen lassen würde,« erwiderte
Helmstedt. »Zu was bedürfen Sie es auch? Hatten Sie nicht Ihr ausgezeichnetes
Brod, als Sie noch in Pearlstreet wohnten?«
    »Pearlstreet, pschaw!« rief der Pfandleiher, die Lippen zu einem
verächtlichen Ausdrucke verziehend. »Lassen Sie sich noch ein Wort sagen. Wollen
Sie einen Anteil haben an meinen Geschäften und den Manuel in meinem Hause
lassen? Sagen Sie, wie viel Procente Sie verlangen; ich geb's Ihnen schriftlich,
und Sie können ein gutes Stück Geld dabei machen, Sir!«
    »Es ist besser, wir reden über die Sache nicht mehr,« erwiderte Helmstedt,
und liess sich bequem auf einen Stuhl am Fenster nieder.
    Meyer sah ihn von der Seite an und begann an seinen Nägeln zu kauen.
    »Kann ich Ihnen durchaus nicht mit etwas dienen, Sir?« fragte er nach einer
Weile.
    »Sie würden mich verbinden, Mr. Meyer, wenn Sie dem Manuel sagten, dass ich
wegzugehen wünsche. Mrs. Meyer kann ihn jeden Tag in der Office der Herren Smit
und Johnson sehen, wo er seine Studien in der Advocatur wieder aufnehmen soll,
oder auch im Hause des Mr. Johnson, der ihn vorläufig in seiner Familie
beherbergen wird.«
    »Well, Sir, wo logiren Sie?«
    »Im Metropolitan-Hotel, Mr. Meyer.«
    »Ich möchte Sie heute Abend noch einmal sehen.«
    Um Helmstedts Mund zuckte es, als fange er an sich zu belustigen.
    »Wie Sie wollen, Sir, ich werde jedenfalls zu Hause sein.«
    »So will ich den Manuel rufen!« sagte Meyer eifrig und verliess das Zimmer.
    Ein Jahr war vergangen. Schon längst hatte Helmstedts Scheidung von Elliots
Tochter stattgefunden. Diese hatte gleich darauf eine Besuchsreise zu Verwandten
im Osten angetreten, und eine lange Zeit glücklichen Stilllebens war für
Helmstedt gefolgt. Die Vormittagszeit hatte er in seinem Arbeitszimmer, seinen
begonnenen Studien obliegend, verbracht, und es hatte Paulinens Herzen keine
geringe Genugtuung gewährt, als er ihr erzählte, dass ihre eigenen Worte es
gewesen waren, welche ihn auf den Gedanken einer neuen Verfolgung der
juristischen Laufbahn gebracht, als sie gehört, wie treu er diese Worte in
seinem Gedächtnis bewahrt gehabt. Helmstedt hatte in New-York ein Uebereinkommen
mit der Advocatenfirma Smits und Johnson getroffen, um für die Zukunft den
praktischen Teil seiner Studien bei diesen zu machen; es war eine
selbstverstandene Sache zwischen ihm und seiner Braut, wenn es auch noch niemals
bestimmt ausgesprochen war, dass sie mit einander den Süden, in dem sie nie
hätten ganz heimisch werden können, und der nur eine Reihe unangenehmer
Erinnerungen für sie hatte, verlassen würden, sobald nur irgend Arrangements in
Bezug auf Mortons hinterlassenes Grundeigentum getroffen werden konnten.
Helmstedt bracht seine Nachmittage und Abende sämmtlich m Mortons Hause zu, sah
die alten Contobücher durch und rechnete oder machte in Gesellschaft des alten
Doctors Ritte durch das ausgedehnte Eigentum, um einen vollkommenen Einblick in
den Wert der Besitzungen zu ermöglichen. Es war eine grössere Hinterlassenschaft
als er jemals geahnt und oft nur, wenn er in Paulinens Auge sah, die ganz in
ihrer Leibe zu ihm aufgegangen schien, die erst recht zu leben begann, wenn
Nachmittags der Tritt seines Pferdes vor dem Hause laut wurde, warf er alle
Bedenken seines Stolzes bei Seite, der ihm in einzelnen Stunden zuflüsterte, dass
er sich doch nur durch seine künftige Frau zum reichen Manne machen lasse.
    Für Charley hatte Pauline in Little Vallei ein neues bequem eingerichtetes
Aufseherhaus bauen lassen, und dieser schien dort mit seiner Mary wie der Vogel
im Hanfsamen zu leben. Die Schwarzen hatten einen heiligen Respect vor seiner
Körperkraft bekommen, als er einen riesigen Neger, den bei dem frühern Aufseher
keine Peitsche zur Arbeit hatte bringen können, wenn er nicht gewollt, wie ein
Stück Holz über die Feldeinzäunung geworfen und ihm erklärt hatte, dass wer nicht
arbeite auch nicht essen solle, und dass wenn der Faullenzer verhungere, er es
sich selbst zuzuschreiben habe - als schon nach kurzer Zeit der Neger wie ein
Bulldog, der seinen Meister gefunden, scheu herangeschlichen war und von selbst
zur Arbeit gegriffen hatte. Die Meisten der Schwarzen aber hingen auch, wie
Doctor Ford jede Woche berichtete, wie Kinder an dem deutschen Goliat, da er
mit seinem allezeit fertigen, derben Humor die Arbeiter in guter Laune erhielt,
wo er nur hinkam - ein williges Ohr für jeden hatte, der seine Pflicht tat, und
oft selbst die Runde durch die Hütten machte, um sich von dem Zustande der Dinge
zu überzeugen. Noch war keine Peitsche in Charley's Hand gesehen worden - über
die Feldeinzäunung geflogen und vom Abendessen ausgeschlossen waren freilich
schon mehrere, und fast hatte es geschienen, als tue das tolle Gelächter, das
bei einer solchen Gelegenheit unter den Schwarzen ausbrach, dem Beteiligten
weher als alle früheren Peitschenhiebe.
    »Ja, was soll es werden?« hatte bei einem gemeinschaftlichen Ritte Doctor
Ford zu Helmstedt gesagt; »das Frauerjahr für unser Kind ist bald um, und Sie
scheinen mir auf etwas Anderes loszustudiren, als hier bei uns Baumwolle zu
pflanzen.«
    »Ja, was soll es werden, wissen Sie einen Rat für uns, Doctor? Pauline und
ich sind Tannenbäume, die, wenn sie hierher versetzt werden, unter dem milden
Himmel und in dem reichen Boden wohl leben, aber niemals sich recht entwickeln
können.«
    »Ich habe das gewusst und mich schon eine Zeitlang damit herumgeschlagen,«
hatte der Doctor erwidert. »Für den Verkauf eines so wertvollen Tigentums muss
ruhig die Zeit abgewartet werden, und es zu zerreissen, wäre so jammerschade, dass
ich glaube, der alte Morton würde sich darüber im Grabe umkehren. Eine sichere
Verpachtung wird das Vorteilhafteste für Sie sein, und Ihnen mehr einbringen,
als vielleicht die eigene Bewirtschaftung. Ich will, damit Sie eine Sicherheit
haben, die ganze Geschichte auf mich nehmen. Ich will Ihnen gestehen, dass ich
einen jungen Menschen in der Welt herumlaufen habe, dem ich wahrscheinlich
einmal meine paar Kapitalien vermache, und hier ist eine Gelegenheit für ihn,
sich schon vorher auf die Beine zu bringen; ich denke gerade noch lange genug zu
leben, um ihm, wenn er brav ist, einen sichern Boden unter die Füsse zu schaffen.
Sprechen Sie mit dem Kinde, meine Garantie für das Pachtgeld wird ihr genügen,
und dann ordnet die Sache für meinen Jungen so gut als Ihr könnt.«
    Es war ein schweres Stück Arbeit für Helmstedt gewesen, den Auftrag des
Doctors auszuführen - es war das erste Mal, dass er der jungen Wittwe gegenüber
deren Vermögensverhältnisse berühren sollte. Aber schon bei seinem ersten Worte
gegen sie, das wohl mehr gezwungen gesprochen worden war, als dass er es hätte
verbergen können, war sie aufgesprungen.
    »Jetzt kommt es, ich habe es lange ängstlich erwartet!« hatte sie gerufen.
»Sage mir, August, wenn ich deine Frau werden soll, musst du mich nicht
hinnehmen, mit allem Bösen und Guten, was an mir ist? Weisst du nicht, dass wenn
jetzt noch dem Stolz grösser sein würde, als deine Liebe zu mir, ich sterben
müsste? Rede nicht ein einziges Wort zu mir über Alles, was doch nun einmal so
ist und was ich nicht mehr ändern kann; verfüge darüber, verschenke, verkaufe,
tue was du willst, aber lass mich nie wieder ein Gesicht sehen wie jetzt, das
mich an den unglücklichsten Tag meines ganzen Lebens mahnt.«
    Es war ein Ausdruck von unendlicher Liebe, der sich in diesen letzten Worten
aussprach, - Helmstedt kannte den Tag, den sie meinte, den Tag, an welchem er in
New-York ihr volles Herz in falschem Stolz von sich gewiesen, den Tag, an
welchem sie nach langem Seelenkampfe sich entschlossen hatte, den alten Pflanzer
zu heiraten - und Helmstedt hatte keine Einwendung mehr zu machen gehabt, hatte
sie in seine Arme genommen und, sie küssend, gesagt:
    »Ich will dein Verwalter sein, Pauline, und also kein Wort mehr darüber.«
    Einen Monat darauf hatte die stille Trauungsfeier zwischen ihnen
stattgefunden, die beiden Farmen waren an den Doctor übergeben worden und das
junge Paar trat in Begleitung von Cäsar und Mary die Uebersiedelungsreise nach
New-York an.
    »Es ist doch eigentlich sonderbar,« sagte der Schwarze, welcher das Gepäck
auf den Wagen lud, um es nach dem Landungsplatze der Dampfboote zu bringen, zu
der helfenden Mulattin; »als sich Master Helmstedt verheiratete, tat ich's
auch; als ihm seine Frau fortlief, ging meine auch mit davon - jetzt hat er sich
neu verheiratet und ich auch - meinst du, dass die Sachen jetzt halten werden?«
    »Wenn du gescheid bist, ja!« erwiderte die Mulattin, und gab ihm
davonspringend einen Schlag auf den Kopf, »sonst aber kümmere ich mich nicht
darum, was die Herrschaft tut und gehe meinen eigenen Weg.«
    Cäsar sah ihr mit einem fröhlichen Grinsen nach
    »Ich denke, es wird halten, bei mir wie beim Master!« sagte er dann
kopfnickend und fuhr in seiner Arbeit fort.
    Henry Herz hatte seine Concerte in New-York angekündigt und der Teatersaal,
in dem er sich hören liess, war schon fast eine Stunde vor dem Beginn mit der
fashionablen Welt gefüllt. Besonders war die südliche Aristokratie vertreten,
welche fast sämmtlich von ihrem Sommeraufentalt in den Bädern des Ostens nach
New-York gekommen war, um den grossen Pianisten zu hören.
    In einer Loge des ersten Ranges sass noch allein ein junges elegantes Paar,
das gegen eitig einzelne Bemerkungen über die Personen und Gegenstände, welche
sich dem Auge darboten, austauschte, während an der Brüstung ein halberwachsener
Knabe lehnte und mit unverhohlener Bewunderung seine grossen schwarzen Augen über
die Pracht um sich her laufen liess.
    »Ich habe Cäsar gesagt, dass er bei Zeiten mit dem Wagen hier sein soll,
falls du nicht das ganze Concert anhören magst,« jagte der junge Mann, »und wir
fahren dann, wenn es dir recht ist, noch einen Augenblick zum alten Smit. Seit
er nur noch dem Namen nach in der Firma existirt und ich als arbeitendes Glied
mit eingetreten bin, kann er kaum leben, wenn er nicht täglich von dem, was
vorgeht, wenigstens etwas erfährt und darüber schwatzen kann.«
    »Ich gehe gern mit, August,« erwiderte die junge Frau; »die Familie ist
gewissermassen für uns die Tür in die gute Gesellschaft New-Yorks gewesen, und
ich habe schon eine ganze Anzahl angenehmer Bekanntschaften dort gemacht.«
    »Dort unten sitzt auch Meyer mit der Muhme Rebecke!« wandte sich jetzt der
Knabe von der Brüstung zurück.
    Helmstedt nickte freundlich.
    »Ich habe lange nichts von ihm gehört,« sagte er, »weisst du, mit was er sich
jetzt beschäftigt?«
    »Kann's nicht recht sagen, Sir,« erwiderte der Gefragte; »er treibt sich in
Wallstreet unter den Geldwechslern herum, und Muhme Rebecke sagte, sie wünsche
nur, dass es mit seinem Hochmut kein böses Ende nehme.«
    In diesem Augenblick öffnete sich, ein Stück von dem jungen Paare entfernt,
eine Logentür und beide sahen mechanisch hin. Hart an der Brüstung setzte sich
eine bildhübsche, junge Frau nieder, an deren Seite ein junger Elegant mit einem
gewissen Selbstbewusstsein Platz nahm.
    »Mr. und Mrs. Nelson!« sagte Helmstedt überrascht, »ich wusste nicht, dass sie
schon verheiratet sind, wie es scheint.«
    Pauline war einen Schatten blässer geworden.
    »Was meinst du, Pauly,« wandte sich Helmstedt mit einem launigen Lächeln an
sie, »wäre es nicht artig, wenn ich sie als gewesene Landsleute begrüsste?«
    »August, wenn du gehen würdest -« rief sie, mit einem Ausdruck von halbem
Bangen zu ihm aufsehend.
    »O, du misstrauisches Kind!« sagte er mit einem leisen, innigen Lachen an
ihre Seite rückend und ihre Hand ergreifend, - »denkst du denn wirklich, den
bitter Getäuschten gelüstet es danach?«
    Sie sah mit einem zärtlichen Lächeln zu ihm auf.
    »Sieh, August!« erwiderte sie, seine Hand fest drückend, »wer erst durch
Schmerzen und Kämpfe sich hat ein Gut erringen müssen, der fürchtet immer,
wieder etwas davon zu verlieren, und sei es auch nur den kleinsten Teil!«
    Aus dem Orchester liess sich das Klopfen des Dirigentenstabes hören, Stille
verbreitete sich über die versammelte Menge und in mächtigen Akkorden nahm die
Ouvertüre ihren Anfang.
                                     Ende.
 
    