
        
                                  Otto Ruppius
                                   Der Pedlar
                       Roman aus dem amerikanischen Leben
                                     Prolog.
Es war an einem Abende in der Mitte des Septembers 1849, als unter den Bäumen
des Parks vor City-Hall in New-York ein junger Mann lässig auf einer der dort
angebrachten Bänke ruhte. Er hatte den Strohhut abgenommen und das volle dunkle
Haar der Abendluft preisgegeben. Die Sommerkleidung, die er trug, war sauber und
von elegantem Schnitte und das strohgelbe seidene Halstuch, über welches
zwanglos der blendend weisse Kragen fiel, stach gefällig von seinem leicht
gebräunten, kräftigen Halse ab. Eine fein geschnittene Nase, mit dem schwarzen,
wohlgepflegten Schnurrbarte darunter und den regelmässig gezeichneten Brauen
darüber, gaben seinem Gesichte einen Anstrich von Noblesse, während die zwei
Furchen an der Nasenwurzel und das leicht in die Höhe gezogene Kinn ihm den
Charakter einer festen Bestimmteit aufdrückten.
    Seine Augen hatten bisher planlos über alle die Gestalten, welche geschäftig
den Platz durchkreuzten, hinweg geschweift; in diesem Augenblicke aber waren sie
plötzlich auf einem Punkte haften geblieben, der sein besonderes Interesse zu
erregen schien. Vom Broadway aus war eine der fashionable gekleideten Damen, wie
sie diesen Teil der Stadt bevölkern, in den Park getreten und bog jetzt in
einen Seitenweg ein, der dicht an dem Sitze des jungen Mannes vorüberführte.
    »Da ist sie wahrhaftig wieder, und dies ist heute der dritte Abend, an dem
sie um dieselbe Zeit kommt!« brummte der Dasitzende vor sich hin. »Wäre ich
eitel, so könnte ich denken, ich hätte eine Eroberung gemacht!«
    Die Dame näherte sich. Unter dem eleganten Hut sah ein frisches, kokettes
Gesicht hervor und den kleinen aufgeworfenen Mund umspielte ein Lächeln der
Befriedigung, als sie den Inhaber der Bank bemerkte. Ihr Schritt zögerte, als
sei sie ungewiss, was zu tun; doch wie in raschem Entschlusse trat sie plötzlich
heran und wandte sich mit einigen halblauten Worten an den jungen Mann. Der war
überrascht aufgesprungen, denn er konnte nur in peinlicher Verlegenheit den Kopf
schütteln; er wusste wohl, was er höre, sei englisch, aber er verstand bis jetzt
noch kein Wort davon. Ein neues Lächeln umspielte den hübschen Mund vor ihm -
sie liess die Augen prüfend über sein Gesicht laufen, fast etwas zu dreist, wie
es ihm scheinen wollte; als sich jetzt aber die Schritte eines Dritten der Bank
näherten, wandte sie sich mit einem »Beg your pardon, Sir!« weg und ging davon.
    Der Andere sah ihr kopfschüttelnd nach, bis ihn ein Schlag auf die Achsel
aus seiner Verwunderung riss.
    »Guten Abend, Herr von Helmstedt, wie geht's Hochdenen?« klang die Stimme
des Angekommenen, der indessen in seinem abgetragenen, bis an den Hals
zugeknöpften Rocke und dem alten schwarzen Hute, der schon teilweise der Krempe
untreu geworden war, einen auffallenden Contrast mit dem Ersteren bildete. »Ich
sehe, Sie bewundern die schöne Natur in allen ihren Branchen,« setzte er hinzu,
mit dem Kopfe nach der forteilenden Frauengestalt hindeutend, »es sollte mir
leid tun, wenn ich gestört hätte!«
    »Hat nichts zu sagen,« erwiderte Jener und nahm seinen früheren Platz ein,
»ich möchte mich nur todtärgern, dass ich so ein Dummkopf im Englischsprechen
bin. Ueber zwei Monate schon treibe ich mich hier herum und kann noch nicht
einmal eine einzige Frage verstehen!«
    »Ich habe Ihnen das vom Anfange an prophezeit,« sagte der neue Gefährte,
indem er sich mit der aristokratischen Nachlässigkeit eines Berliner
Gardelieutenants auf die Bank warf, »Sie wollen aber von meiner Metode, schnell
und gründlich in die Geheimnisse der Sprache zu dringen, nichts wissen. Apropos!
Haben sie nicht eine Cigarre bei sich? Ich war heute zufällig etwas zu
derangirt, um mir neuen Vorrat kaufen zu können, und ich vermisse lieber eine
Mahlzeit, als meine gewöhnliche Cigarre.«
    Helmstedt hatte ihm schon sein Etui hingehalten, aus welchem sich der Andere
bediente, hierauf in seiner sich bescheiden verbergenden Weste ein Schwefelholz
suchte und bald mit der Miene eines Kenners den blauen Rauch in die Luft blies.
»Ja,« fuhr er dann behaglich fort, »ich bin doch kaum achtzehn Monate länger
hier als Sie, aber ich kann wirklich sagen, dass ich in den meisten New-Yorker
Verhältnissen vollkommen zu Hause bin, und meine augenblickliche Lage würde auch
eine bessere sein, hätte ich in den letzten Monaten nicht positives Malheur
gehabt. Erstlich hatte meine letzte Freundin, deren Wohnung ich teilte, die
seltsame Marotte, dass ich ihr Geld nicht zum Spiele verwenden solle - und als
ich ihr darin nicht willfahren konnte, finde ich mich am Morgen nach einer etwas
wilden Nacht allein in dem vollkommen ausgeräumten Quartiere, verlassen von dem
tollen Mädchen und von allen Existenzmitteln. Ich gehe nun notgedrungen in ein
Boardinghaus, werde aber hier schon nach der ausgebliebenen Zahlung für die
erste Woche freundlich ersucht, Raum zu machen, und gegen alles Gesetz werden
mir auch noch meine Habseligkeiten inne behalten. Die Wirte werden jetzt
wirklich jeden Tag gemeiner und illiberaler. Indessen,« fuhr er fort, zwei
wohlgelungene Ringel in die Luft blasend, »ich habe bereits wieder Aussichten;
es ist merkwürdig, wie hier ein nobles Air geliebt wird!«
    Helmstedts Augen überliefen bei diesen Worten die äussere Erscheinung seines
Gefährten und er konnte ein halb sarkastisches Lächeln nicht unterdrücken.
    »O, Sie verziehen den Mund über mein jetziges Derangement,« fuhr der Redende
gemessen fort, »was wollen Sie aber, lieber Freund? In einiger Zeit sind Sie
vielleicht genau in demselben Zustande, ohne aber die Mittel zu besitzen, sich
zu helfen, wie ich es kann. Sie verschleudern jetzt Zeit und Geld, um hier eine
Stellung für Sie zu finden, wie sie gar nicht existirt. Sie leiden an derselben
Krankheit, woran jährlich Hunderte von gebildeten jungen Deutschen hier zu
Grunde gehen. Hacken und graben mögen sie nicht, ein Handwerk versteht Keiner,
nach dem Westen zu gehen fürchten sie sich und nun suchen sie noch Stellungen
als Ladendiener, Schreiber, Lehrer oder dergleichen, ohne auch nur das
Haupterforderniss, das Verständnis der Landessprache, zu besitzen. Das dauert so
lange, als das mitgebrachte Geld vorhält, und die Hoffnungen schwinden erst,
wenn der Credit im Boardinghause gekündigt wird. Dann folgt noch eine kurze Zeit
des Strassenelends und Mancher, der nicht den moralischen Mut hat, als letztes
Mittel zur Hacke zu greifen oder Knecht auf einer Farm zu werden, macht seiner
Not durch einen Sprung in den Nort-River ein Ende. Welche Hilfsmittel haben
Sie denn, Verehrter, wenn Ihre jetzigen Baaria zu Ende gehen und sich nicht ein
ganz besonderer Zufall Ihnen entgegenwirft? Man denkt in der Regel nicht eher an
die trübe Zeit, bis sie ins Zimmer herein sieht.«
    Helmstedts Gesicht war nachdenklich geworden. »Sie malen schwarz, Seifert,«
sagte er nach einer Weile; »ich habe mir indessen schon manche Freunde erworben,
die mir ihre Hilfe zugesagt, und ich denke, ich will doch wenigstens den Anfang
zu einer Existenz gewinnen, ehe ich ganz auf dem Trockenen sitze. Uebrigens,«
fuhr er lebendiger fort, »haben Sie denn so grosse Resourcen? Sie scheinen mir
den Prediger zu machen und auch in eigener Person die abschreckenden Beispiele
darzustellen.«
    »Durchaus fehlgeschossen,« erwiderte der Andere ernstaft und schnippte die
Asche von seiner Cigarre. »Ihre Freunde werden Ihnen nichts nützen, sondern Sie
im Gegenteil früher ruiniren, da sie Ihnen das Geld durchbringen helfen. Trauen
Sie darin meiner Erfahrung. Was meine geringe Person aber betrifft, so sollen
Sie gleich anderer Meinung werden. - Sie wissen, ich musste Deutschland meiner
Ueberzeugungen und einiger zufälliger Schulden wegen verlassen, brachte indessen
noch so viel baares Kapital hierher, um für einige Monate mich sorglos in das
hiesige Treiben stürzen zu können. Ohne Selbstlob muss ich sagen, dass ich bald
die Verhältnisse richtig beurteilen lernte, besonders da das unglückliche Ende
zweier Bekannten mich mit der Nase auf die rechte Erkenntnis stiess. Ich
beschloss, vor allen Dingen Amerikaner zu werden, besuchte nur amerikanische
Trinklokale und hatte bald vermöge meines offenen Beutels einen Kreis von first
rate boys als Freunde um mich. Sie rechneten es sich zur Ehre, mich bei ihren
verschiedenen Freundinnen einzuführen und schon nach dem ersten
Champagner-Supper und einigen splendiden Landpartien, die ich veranstaltete,
rissen sich die Mädchen um den Grafen, unter welchem Titel ich allgemein
passirte, und der Graf hatte Tag und Nacht überall freien Eintritt. Innerhalb
der ersten drei Monate schon sprach ich perfect englisch und war au fait in den
New-Yorker Geheimnissen - es gibt keine besseren Lehrer für Beides als zärtliche
Mädchen und flotte Jungen. Vier Wochen später war indessen auch mein Geld zu
Ende, meine Freunde zogen sich bis auf wenige zurück, wie ich es erwartet, meine
Freundinnen aber konnten den nobeln Grafen nicht so schnell entbehren. Jede
wollte mich jetzt zu ihrem besonderen Galan haben, um mich zu ernähren und auf
der Strasse mit mir Staat zu machen. Ich verbrachte ein Jahr in wahrer
Schmetterlingsexistenz, von einer Blume zur andern flatternd. Da musste ich die
Torheit begehen, mich von einer neu angekommenen Creolin für längere Zeit
fesseln zu lassen und dadurch die ganze Zahl meiner übrigen Herrinnen gegen mich
aufzuregen - die Folge davon sehen Sie in meiner jetzigen Lage, wie ich Ihnen
vorhin mitteilte. Indessen hat das nichts zu sagen. Mehrere gute Hotels, die in
meiner Bildung und Attitude, verbunden mit einer gründlichen Kenntnis der Stadt,
ein brauchbares Werkzeug für sich erkannten, haben mir schon früher Vorschläge
machen lassen; indessen habe ich mich erst heute entschlossen eine dieser
Anerbietungen anzunehmen, da diese mir eine bestimmte Aussicht für die Zukunft
gibt. Ich werde morgen abschliessen und hoffe bestimmt in zwei Jahren mein
eigenes gutfundirtes Etablissement zu besitzen.«
    »Und in welcher Eigenschaft werden Sie dort sein?« fragte Helmstedt, den
Kopf in die Hand stützend.
    »In einer rein menschenfreundlichen!« antwortete Seifert und warf das letzte
Endchen seiner Cigarre weg. »Ich werde erstens den ankommenden Fremden zu einem
guten Hotel verhelfen, zweitens aber ihr Beistand in allen Verlegenheiten des
Fleisches oder Geldbeutels, überhaupt in allen Dingen sein, die nicht in das
öffentliche Geschäftsleben hineinpassen.«
    »Das heisst einfach, Sie werden Runner, Kuppler, Wuchergehilfe und
dergleichen werden.«
    »Was wollen Sie, lieber Freund? Wir sind in Amerika und jedes geldbringende
Geschäft ist achtungswürdig - nur die Dummheit wird hier gebrandmarkt. Uebrigens
können Sie unter unseren Upper Tens Manchen finden, der mit nichts Besserem
angefangen hat, und ich habe eine gewaltige Achtung vor diesen Leuten.«
    Helmstedt drückte mit einem tiefen Atemzuge die Hand vor die Augen. »Wo
logiren Sie denn, Seifert, seit Sie Ihr Boardinghaus verlassen haben?« fragte er
nach einer Weile, als wolle er das eingetretene Schweigen unterbrechen.
    »Vorläufig im Hotel Park!« war die Antwort.
    »Hotel Park? Wo ist das?«
    »Kennen Sie das grösste und interessanteste Hotel New-Yorks nicht!? Sie sind
wirklich noch weit zurück. Sehen Sie, so weit der grüne Rasen und die Bäume um
uns reichen, erstreckt sich Hotel Park und Nachts können Sie das grosse und
kleine Unglück beider Hemisphären hier einquartirt finden, hier, wo kein
Schlafgeld verlangt wird. Dort hinter City-Hall, zwischen zwei ausgezeichnet
schönen Bäumen, kann ich Ihnen mein bisheriges Schlafzimmer zeigen. Schade nur,
dass nebenbei nicht auch für die nötigen Mahlzeiten gesorgt ist. Morgen indessen
hoffe ich das Versäumte nachholen zu können, denn mich verlangt gewaltig danach,
und falls Sie mich heute Abend mit einer Einladung zum Supper beehren sollten,
würde ich es gern annehmen!«
    Helmstedt richtete sich aus seiner gebückten Stellung in die Höhe.
    »Ich gestehe Ihnen ehrlich,« sagte er nach einer Pause, »dass ich nicht
geglaubt hätte, einen Deutschen von Ihrer Erziehung sich so wohlgefällig im
Schlamme seiner Erniedrigung wälzen zu sehen. Sagen Sie mir nur, finden Sie denn
nicht selbst Ihr Leben unter aller Würde schmutzig und gemein?«
    Seifert zog ein halb lächelndes, halb nachdenkliches Gesicht, langte nach
dem auf der Bank liegenden Etui und zündete sich eine neue Cigarre an.
    »Vom Standpunkte des deutschen Moralprincips aus mögen Sie Recht haben!« -
sagte er dann; »ich huldige aber durchaus der Zweckmässigkeits-Teorie, der
einzig in Amerika anwendbaren, und sobald nur der Erfolg am Ziele lohnt, ist die
Art des Weges dahin, ob schmutzig oder trocken, ziemlich gleichgiltig. Ich kann
Ihre Indignation vollständig verstehen, denn Sie sind noch ein Kind für Amerika;
Sie werden mich aber anders beurteilen, wenn Sie später denselben Grundsatz
nicht allein im Geschäftsleben, sondern auch in allen Branchen unserer
Staatsmaschine durchgeführt finden. - Jetzt lassen Sie uns aber das bewusste
Supper zu uns nehmen, denn ich fühle wirklich einen wahren Wolfshunger.«
    Sie erhoben sich und verliessen den Platz, Seifert fortwährend schwatzend,
Helmstedt mit widerwilligem Gesichte neben ihm hergehend. -
    Am Abend des nächsten Tages sass der junge Mann wieder auf seinem alten
Platz, ohne aber dem regen Treiben vor seinen Augen einen Blick zu schenken.
Sein bewölktes Gesicht war zur Erde niedergewandt. Das Bild von dem Schicksale
so manches jungen Deutschen, das Seifert Tags vorher vor ihm aufgerollt, hatte
mehr Eindruck auf ihn gemacht, als er sich selbst gestehen wollte; er hatte noch
denselben Abend sein Geld durchgezählt und mit Schrecken die bedeutende Abnahme
desselben wahrgenommen; er hatte den Morgen darauf die Runde bei allen seinen
Bekannten gemacht, um ein klares Bild von den Aussichten zu erhalten, die er
habe; - aber die ganze Beute, die er heimbrachte, war: dass für den Augenblick
keine passende Stellung für ihn aufzutreiben sei, dass sich aber gewiss mit der
Zeit etwas finden würde, dass sich solche Angelegenheiten eben nicht zwingen
liessen und abgewartet werden müssten, und dass er nur den guten Mut nicht
verlieren solle. Helmstedt aber sah die Sache heute anders an als gestern und
erblickte schon die Zeit vor sich, wo er, aller Existenzmittel baar, dieselben
Vertröstungen werde hören müssen. Er erkannte die dringende Notwendigkeit,
selbst und energisch zur Gründung einer Existenz Hand anzulegen, aber wie? Er
war preussischer Referendar gewesen, hatte sich während der verunglückten
Revolution mit dem Staate und seiner Familie entzweit und war mit der letzten
Unterstützung, die ihm die väterliche Hand gereicht, ohne Plan, aber wohlgemut
nach dem Lande der Freiheit gegangen. Er hatte gerade nicht mehr gelernt, als
sein Brodstudium und eine allgemeine Bildung erforderten; alle praktischen
Kenntnisse, um hier fortzukommen, fehlten ihm gänzlich. Je mehr er seine
Fähigkeiten prüfte, je mehr erkannte er die Richtigkeit von Seiferts Bemerkung
in diesem Punkte. Zum Lehrer an einer höheren deutschen Anstalt fehlten ihm die
gründlichen Kenntnisse, als niederer Schulmeister hätte er kaum gewusst, wie zu
beginnen - das war indessen doch etwas zu Erreichendes. Zum Ladendiener oder
Buchhalter mangelte ihm jeder Begriff der Sache und er verstand kein Englisch;
an einer Zeitung beschäftigt zu werden, war aus denselben Gründen gar keine
Aussicht. Er konnte ziemlich Clavier spielen, aber wie viele brodlose
Musiklehrer hatte er schon getroffen! - Schulmeister also! Aber wie dahin
gelangen? Er wollte sich morgen erkundigen und von früh bis Abends danach auf
den Beinen sein.
    So weit war er in seinen Gedanken gekommen, als ein verdunkelnder Körper vor
seinen gesenkten Kopf trat - er blickte auf und sah gerade in das Gesicht der
Dame von gestern, die mit demselben neckischen Lächeln ihr Auge auf ihm ruhen
liess. Unruhig, in eine neue Sprachverlegenheit zu geraten, sprang er auf, aber
im reinsten Deutsch hörte er die Frage: »Heissen Sie nicht August von Helmstedt?«
    »Ja, - zu Befehl - jawol heisse ich so!« antwortete er etwas verblüfft und
starrte die Fragerin an, - »mit wem habe ich die Ehre -«
    »Keine besondere Ehre!« erwiderte diese und zeigte lachend ihre schönen
Zähne. »Kennen Sie mich wirklich nicht, Herr August ich heisse Pauline Peters.«
    »Pauline - meine kleine Nachbarin aus der Friedrichsstrasse?« rief Helmstedt
halb erstaunt, halb ungläubig.
    »Gerade dieselbe, die aber während der Zeit ziemlich gross geworden ist.«
    »Aber um Gottes willen, Fräulein, was hat Sie denn nach New-York geführt?«
    »O lassen Sie doch das Fräulein weg!« rief sie mit einem halb schmollenden,
halb bittenden Ausdruck, »sind wir denn nicht Duzfreunde gewesen? Und wenn Sie
sonst nichts hier hält, so geben Sie mir Ihren Arm, lassen Sie uns einen
Spaziergang machen und plaudern - ich bin so glücklich, dass ich einmal wieder
einen Bekannten aus früherer Zeit gefunden habe!«
    Ehe noch Helmstedt recht wusste wie, hatte er schon den halben Park an des
Mädchens Seite durchschritten und fühlte ihren Arm leicht wie eine Feder in dem
seinen liegen, aber gerade diese leise Berührung ging ihm durch alle Nerven; er
sah in ihr frisches Gesicht und hatte doch eigentlich noch kein Wort von ihrem
Geplauder bis hierher gehört.
    »Aber sagen Sie mir doch nur für's Allererste, wie Sie nach New-York
kommen!« begann er wieder, »sind denn Ihre Eltern auch hier?«
    Ein Schatten zog über das Gesicht seiner Begleiterin und als sie die Augen
nach ihm hob und wieder senkte, war der Ausdruck darin ein so ganz von ihrem
frühern neckischen Blick verschiedener, dass der junge Mann seine Frage fast
bereute. Ein wunderbarer Reiz aber lag in der leichten Beweglichkeit ihrer Züge,
welche die kleinste Seelenregung wiederzuspiegeln schienen.
    »Meine Eltern sind ja schon drei Jahre todt; sie starben in der
Choleraperiode,« sagte sie augenscheinlich gedrückt. »Sie waren damals schon
längst aus Ihrem elterlichen Hause. Ich musste unter fremde Leute gehen und
schlimme Zeiten durchmachen; ich war wirklich mehr zur Gräfin geboren, - wie Sie
in früheren Jahren oft meinten, wenn Sie mir recht was Schönes sagen wollten,«
und ein lächelnder, schelmischer Sonnenblitz brach aus ihrem Auge, das sie einen
Moment zu ihrem Begleiter aufschlug, »meine Hände waren für schwere Arbeit zu
dünn und zu klein, und um den ganzen Tag am Nähtische zu sitzen, hatte ich zu
viel elastisches Gummi in mir - es war wirklich eine ganz unglückselige
Geschichte. Endlich erhielt eine Freundin von mir, die sich auch am Nähtische
schon halb den Rücken zerbrochen hatte, von einem Bruder hier in New-York das
Geld zur Reise nach Amerika gesandt, und im Briefe dabei stand eine so
wundervolle Schilderung über das Leben und die Stellung der Frauen hier, dass ich
Alles, was noch vom Nachlass meiner Eltern übrig war, zusammenraffte und kurz
entschlossen mitreiste.«
    »Und so leben Sie jetzt bei den Verwandten Ihrer Freundin?«
    »Nicht mehr; die Familie ist ins Land gezogen und ich wollte New-York nicht
verlassen. - Ich stehe jetzt hier ziemlich allein.«
    Helmstedts Auge überflog die reiche, fashionable Kleidung des Mädchens und
ein unangenehmer Gedanke dämmerte in ihm auf, der aber nicht zur vollen Macht
kommen wollte, als er einen Blick in ihr Gesicht warf, dessen rosige, weiche
Züge trotz des koketten Schelmes, der daraus hervorguckte, noch mit dem
unberührten Duft der Jungfräulichkeit überhaucht zu sein schienen.
    »Sie stehen allein hier, Fräulein?« fragte er nach einer augenblicklichen
Pause, aber die leise Veränderung in seinem Tone schien ihr Alles, was in ihm
vorging, verraten zu haben. »Ja, fast allein, Herr von Helmstedt,« erwiderte
sie und blickte ihn ernst und voll an, »aber ich will Ihnen zweierlei sagen:
Erstens geniesst die Frau hier zu Lande einen ganz merkwürdigen Schutz, wenn sie
sich nur selbst schützen will, und zweitens können Sie, ohne Sorge, Ihre Ehre zu
gefährden, sich mit mir in den Strassen New-Yorks zeigen!«
    »Aber Fräulein -«
    »Aber Herr von Helmstedt! Warum nennen Sie mich Fräulein, warum legen Sie
einen solchen Gespensterton in Ihre Frage, ob ich allein stehe, und verderben
mir meine ganze Freude, Sie wieder zu sehen? Ich bin doch nicht an vier
hintereinanderfolgenden Tagen durch den Park gegangen, nur um sicher zu werden,
ob Sie es auch wirklich seien, der auf die Bank dort gebannt schien, wie der
trauernde Genius dort unten im Marbleshop auf dem Grabstein, den Niemand kaufen
will, und habe Sie endlich zweimal angeredet - damit Sie alle
Kindererinnerungen, die mich zu Ihnen trieben, vergessen und mich zuerst
vorsichtig und bedächtig ins Gebet nehmen sollen, welche Stellung ich hier
einnehme?«
    »Aber liebe Pauline, es ist mir ja doch nicht eingefallen -«
    »Gut, Herr August, ich bin jetzt schon zufrieden - sagen Sie mir nun aber
auch, wollen Sie wohl heute Abend den Tee mit mir nehmen? - ich meine in meiner
Wohnung, wir werden ganz allein sein!«
    »Ja - von Herzen gern!« erwiderte Helmstedt, dem bei dieser Einladung zehn
verschiedene Vorstellungen durch den Kopf schossen und eine eigentümliche
Befangenheit in ihm erzeugten - als er sie aber anblickte, traf er auf ein so
feuchtes, inniges Auge, welches zu ihm aufschaute, dass er ihren Arm fester an
sich zog, ohne sich von den ihn durchkreuzenden Gefühlen Rechenschaft zu geben.
    Sie hatten Broadway erreicht und diesen eine Strecke verfolgt, ohne dass die
lebhafte Passage ihnen viel Worte erlaubt hätte; jetzt aber bog Helmstedts
Begleiterin in eine Seitenstrasse ein. »Wir haben noch ein gutes Stück bis zu
meiner Wohnung,« sagte sie, »aber lassen Sie uns den Weg durch eine der
stilleren Avenues nehmen - und jetzt sagen Sie mir doch nur mit zwei Worten, was
Sie nach New-York gebracht? Ich hörte noch in Berlin, dass Sie Ihr Examen
bestanden und beim Kammergericht eingetreten waren; das ist etwa ein und ein
halbes Jahr her und ich habe mir in den letzten Tagen fast den Kopf wirre
gedacht, was sie aus Ihrer Carriere nach Amerika hat werfen können. Hätte mich
der Schnurrbart nicht unsicher gemacht - 's ist schon so lange her, dass ich Sie
zum letzten Male gesehen - so hätte ich Sie schon am ersten Abend angesprochen.«
    Helmstedt fühlte sich von der naiven Teilnahme, die sich in jedem Worte des
Mädchens aussprach, warm und wohltuend berührt, für ihn hatte aber die Zeit der
früheren Bekanntschaft so fern gelegen, dass ihre plötzliche Erneuerung eine
vollständige Ueberrumpelung für ihn gewesen war, zwischen der kleinen Pauline
und dem blühenden Mädchen an seiner Seite, das sich bei ihren letzten Worten
eben fester an seinen Arm gehangen, fand er keine Verbindungsglieder, und trotz
allem Wollen konnte er sich nicht bis zur völligen Unbefangenheit
hinaufarbeiten. Er erzählte ihr in kurzen Worten, was ihn nach New-York
gebracht, dass er eben dabei sei, sich nach irgend einer neuen Lebensstellung
umzusehen, und ihr Auge hatte dabei unverwandt an seinem Gesichte gehangen.
»Aber Sie verstehen noch kein Englisch, August!« sagte sie, als er eine Pause
machte, »und im niedersten deutschen Leben, wo Sie das etwa entbehren könnten,
wollen Sie doch nicht anfangen?«
    »Ich denke, ich bewerbe mich irgendwo um eine Schulmeisterstelle!«
    »Um - um eine Schulmeisterstelle?« wiederholte seine Begleiterin, die
plötzlich ihren Schritt anhielt und in ein Lachen ausbrach, so hell und klar wie
Silber. »Sie, August, Schulmeister? - aber seien Sie nicht böse, ich konnte mir
wahrhaftig nicht helfen!« sagte sie weitergehend, augenscheinlich bemüht, ihre
lustige Laune zu bändigen; »wie um Gottes willen sind Sie denn auf die Idee
gekommen?«
    »Ja, wie!« erwiderte Helmstedt, und trotz aller sorgenvollen Gedanken, die
plötzlich wieder vor seine Seele traten, hätte ihn beinahe das Lachen seiner
Gefährtin angesteckt. »Wissen Sie vielleicht etwas anderes für mich?«
    »Aber Sie sind doch Jurist,« erwiderte sie, ernster werdend, »warum gehen
Sie nicht zuerst als Schreiber zu einem Advocaten und lernen, was Ihnen hier
noch Not tut, halten nachher Reden, werden bekannt, bekommen dadurch tüchtige
Praxis oder lassen sich in ein paar Jahren zu irgend einem Amte wählen? Wenn ich
ein Mann wäre, ich würde in Amerika gar nichts anderes als Advocat!«
    »Aber ich verstehe ja noch nicht einmal ein Wort Englisch!«
    »Well, das ist bald gelernt. Sie nehmen sich für ein paar Monate einen
Lehrer und halten sich von aller deutschen Gesellschaft fern. Stehe ich auch
allein, so habe ich doch einen Freund, der Sie in die beste amerikanische
Gesellschaft bringen kann - ich weiss, August, dass es gerade Ihnen unter den
Amerikanern gar nicht fehlen kann, wenn Sie nur wollen!«
    Helmstedt antwortete nicht sogleich, aber sein Gesicht verriet einen ganzen
Berg trüber Gedanken. »Sie sind ein liebes, gutes Kind, Pauline,« sagte er nach
einer Weile, »aber mit dem Plane ist es nichts.«
    »Aber der Grund?«
    »Weil's - weil's eben nicht geht. Hätte ich zwei Monate, die ich bereits in
New-York verlebt, nach Ihren Ideen genutzt, so hätte ich diese vielleicht
verfolgen können, - jetzt ist es zu spät!«
    Das Mädchen sah ihm einen Augenblick forschend ins Gesicht, dann schien ihr
plötzlich ein Verständnis aufzugehen, das sich wie ein Sonnenschein über ihre
Züge verbreitete. »Dort ist meine Wohnung,« begann sie nach einer kurzen Pause,
»wir wollen dort weiter über die Sache reden, vielleicht lässt sich trotz aller
Unmöglichkeiten doch ein Ausweg finden.« Helmstedt sah das strahlende Lächeln in
ihrem Gesichte, aber er begriff es nicht, wie ihm das ganze Mädchen und ihre
Verhältnisse ein Rätsel waren.
    Ueber einen von Bäumen beschatteten grünen Vorplatz, von der Strasse durch
ein eisernes Gitter abgeschlossen, schritt ihm das Mädchen nach einem kleinen,
im eleganten »Cottagestile« gebauten Hause voran. Sie sprang behend die
Aussentreppe hinauf, zog die Klingel und eine Mulattin, knapp und Zauber
gekleidet, öffnete. Sie machte der Eintretenden eine Meldung in englischer
Sprache, von der Helmstedt aber nur die Worte: »Ihr Onkel ist hier gewesen, Miss
Peters!« verstehen konnte, er sah aber, wie das Gesicht seiner Jugendfreundin
ein schnelles Rot überflog, das indessen schon wieder verschwunden war, als sie
sich nach ihm wandte. »Lassen Sie uns hinaufgehen,« sagte sie, »es ist
gemütlicher dort als in dem steifen Parlor; sobald der Tee fertig ist, wird
uns Mary rufen.«
    Sie schritten die elegante, mit dicken Teppichen belegte Treppe nach einer
Vorhalle hinauf, aus welcher Helmstedt in ein Zimmer trat, das eine Empfindung
in ihm hervorbrachte, als werde er mit einer weichen, duftigen Decke umhüllt.
Die Luft war von jenem unbeschreiblichen Wohlgeruch geschwängert, der das
Eigentum der Bekleidung jeder wahren Dame zu sein scheint; die schweren
Gardinen liessen die Helle nur gebrochen ins Zimmer fallen, und die Anordnung der
Meubles, der weichen Divans und niederen Ruhesessel gaben in Gemeinschaft mit
dem schweren Fussteppiche, der keinen Schritt hören liess, dem Zimmer einen
Charakter von wunderbarer Heimlichkeit. Helmstedt hatte noch nie den Comfort des
amerikanischen Südens gesehen, wie er sich hier darbot, und als seine
Begleiterin ihm mit einem Lächeln den Hut aus der Hand nahm, dann sich des
ihrigen entledigte, Mantille und Handschuhe bei Seite tat, mit einem kurzen
Blick in den Spiegel die Haare zurückstrich und nun die kleine Hand hinstreckend
auf ihn zutrat, wollte ihn das Gefühl einer entnervenden Aufregung überkommen,
wie sie ihm bis jetzt vollkommen fremd war.
    »Sie wohnen allein hier, Pauline?« fragte Helmstedt, nur leise die
dargebotene Hand zwischen die seine nehmend.
    »Mary und ihr schwarzer Mann haben das Basement inne,« erwiderte sie, ihm
ruhig ins Gesicht sehend - »und das sind zwei Dienstboten treu wie Bulldoggen.
Mr. Morton, dem das Haus gehört und der Zeitweise ein paar Zimmer hier oben
einnimmt, hat sie erst vor drei Monaten aus Alabama mit herausgebracht. Mr.
Morton ist nämlich ein alter Herr, den ich Onkel nenne,« setzte sie mit einem
neuen Anflug von Röte hinzu ohne indessen das Auge zu senken, »ich werde Ihnen
die Verhältnisse noch ganz ausführlich und ohne Verhör erzählen, - jetzt aber
haben wir von andern Angelegenheiten zu reden und deshalb setzen Sie sich einmal
hierher!« Sie deutete auf einen der Divans dicht an seiner Seite - und Helmstedt
sass in dem weichen Polster, das sich von allen Seiten seinem Körper anschmiegte,
mit einem Gefühle, halb aus Behagen und halb aus einer Unruhe gemischt, von der
er sich selbst keine Rechenschaft geben konnte; das Mädchen aber hatte einen der
niederen Sessel ohne Rücklehne herangezogen, sass zu seinen Füssen und sah mit
einem stillen warmen Blick zu ihm auf. »Sagen Sie nur erst einmal, August,«
begann sie und legte ihren Arm auf seine Knie, »sind Sie noch immer so stolz wie
früher?«
    »Stolz - ich?«
    »Dass jede angebotene Hilfe wie eine Beleidigung, wie ein Zweifel an Ihrer
eigenen Kraft von Ihnen aufgenommen wird - Sie waren wenigstens als wilder Junge
so und Sie haben gerade noch denselben Zug zwischen den Augen!«
    »Nun, und wenn ich nun noch so wäre?«
    »Hören Sie einmal, August - nicht wahr, Ihnen fehlt weiter nichts als das
Geld, um hier wieder Ihre alte Carriere einzuschlagen? Wenigstens habe ich das
erraten!«
    »Nun?«
    »Und wenn Sie nun Jemand dadurch glücklich machen können, dass Sie seine
Hilfe annehmen, würden Sie sie zurückstossen? - halt, warten Sie erst!« rief sie
aufspringend, als Helmstedt Miene machte sich zu erheben, und fasste seine beiden
Arme, »August, wir sind doch Freunde aus der Kindheit und wenn mir irgend ein
Glück widerfahren wäre, so hätt's nicht grösser sein können, als das, Sie
wiederzusehen - ich habe ein Recht, Ihnen zu helfen; nicht wahr, Sie schlagen
mir's nicht ab, da ich's kann?« Ihr Blick wurzelte in dem seinen mit einer
Innigkeit, die ihm bis tief ins Herz drang.
    »Pauline, Sie wären im Stande, mich zu einer Torheit zu bewegen, - aber
lassen Sie das!« sagte er und drückte sie sanft auf ihren Sitz zurück. »Sie
gehen Ihren Weg und ich den meinigen, die beide wahrscheinlich ganz verschiedene
Richtungen nehmen. Ich habe kein Recht, nach dem Ihrigen zu fragen, auf dem Sie
meiner nicht bedürfen -«
    »Aber ich will Ihnen Rechenschaft geben!« rief sie leidenschaftlich
aufspringend - »ich weiss, was du denkst, August, aber es ist nicht so, und du
sollst noch Alles erfahren - sei jetzt gut gegen mich, wie du's früher warst -
's ist eine glänzende Einöde, in der ich hier lebe; aber an dem Tage, an welchem
ich dich in dem Parke sitzen sah, war mir's, als blühe ein ganzes Paradies in
mir auf! sei kein gefühlloser Bär, August,« rief sie, als Helmstedt sich erheben
wollte und legte ihre beiden Arme auf seine Schultern, »ich will ja nichts, als
dass du mich ein klein wenig lieb haben sollst - ein ganz klein Bischen nur, denn
dann wirst du mir's nicht verweigern, dass ich dir helfe und dass ich dich lieb
haben darf wie mein Leben!« Sie hatte seinen Kopf zwischen ihre Hände genommen,
Helmstedt fühlte einen brennenden Kuss auf seinen Lippen, dann aber hatte sie
sich umgedreht, war nach dem Fenster gegangen und brach dort in ein krampfhaftes
Weinen und Schluchzen aus. Helmstedt sprang auf, von zehn widerstreitenden
Empfindungen bestürmt. »Pauline, seien Sie kein Kind!« sagte er und wollte sie
in seinen Arm nehmen, aber sie wand sich leicht los, trat in die Vertiefung des
nächsten Fensters und war in kurzem Kampfe bald ihrer Aufregung Herr geworden.
»'S ist schon gut, August,« sagte sie mit einem Lächeln in Tränen sich
umkehrend; »ich bin eine Närrin, aber seien Sie mir nicht bös darüber!«
    »Sie sind ein leidenschaftliches Kind, Pauline, und haben mir noch nicht
einmal Zeit zu einem einzigen Worte gelassen!« erwiderte Helmstedt und nahm ihre
Hand zwischen die seinigen. »Sehen Sie, es läuft nun einmal gegen mein Gefühl,
von irgend Jemand, sei es Bruder oder Freund, eine Unterstützung anzunehmen, wo
meine eigenen Hilfsmittel noch nicht vollständig erschöpft sind und ich will mir
lieber aus den untersten Klassen herauf eine Laufbahn durch meine eigene Kraft
öffnen, als einen bequemeren Anfang der zufälligen Hilfe Anderer zu verdanken
haben. Ich bin nun einmal so, Pauline!«
    Sie nickte still mit dem Kopfe. »Aber, gesetzt den Fall, Sie hätten eine
reiche Braut, die Sie liebten,« sagte sie nach einer kurzen Weile, »würden Sie
sich auch von der nicht Ihren Weg erleichtern lassen?«
    »Ich glaube nicht, dass, wenn ich selbst nicht viel Geld hätte, ich jemals
ein reiches Mädchen zu meiner Braut machen könnte.«
    »Supper is ready!« rief die Mulattin durch die halbgeöffnete Tür.
    »Lassen Sie uns hinunter zum Abendbrode gehen!« sagte das Mädchen mit einem
trüben Blicke und wollte ihre Hand aus der des jungen Mannes ziehen; dieser
hielt sie aber mit kurzem Drucke fest. »Verstehen Sie mich nicht falsch,
Pauline,« sagte er, »aber ich meine, es ist besser, wenn ich nach Hause gehe,
wir sind Beide zu aufgeregt, ich sehe Sie ein andermal wieder!«
    »Ich will Ihnen zu nichts mehr zureden,« erwiderte sie mit gedrückter
Stimme, »ob wir uns so bald wiedersehen werden, weiss ich auch nicht; Mr. Morton
ist angekommen und hat über mich zu bestimmen. Aber um Eins bitte ich Sie,
August! Wenn einmal eine Zeit kommen sollte, wo Ihre eigene Kraft die
Hindernisse hier im Lande nicht mehr bändigen kann und wo eine helfende Hand
nicht mehr gegen Ihre Ehre ist, so vergessen Sie nicht, dass Sie hier trotz Ihres
Stolzes eine warme Freundin haben, wärmer - als Sie es verdienen!« Sie schlug
einen Moment das Auge überquellend zu ihm auf, dann machte sie ihre Hand los und
ging mit abgewendetem Gesicht ins Nebenzimmer. Helmstedt sah ihr nach und
schwankte, ob er ihr folgen solle - langsam nahm er aber endlich seinen Hut und
verliess das Haus. Er ging die Strasse hinab, Broadway zu, aber er war in einem
Zwiespalt mit sich selbst, den er umsonst auszugleichen suchte. Bald erschien er
sich wie ein Narr, der mit dem Fusse die Rosen wegstösst, die auf seinen Weg
fallen - bald kam ein Gefühl von Genugtuung, wie nach einer überwundenen
Versuchung über ihn - bald trat der Eindruck, den das duftige Zimmer und das
blühende Mädchen an seinem Halse auf ihn gemacht, wie ein Traum vor seine Seele,
dass er stillstehen und sich noch einmal nach dem Hause umsehen musste. »'S ist
besser so!« brummte er endlich, mit der Hand über die Stirne streichend, und
verfolgte die Strasse weiter.
    An der Ecke von Broadway stand, einen Korb voll kleiner
Toiletten-Gegenstände zum Verkauf um den Hals gehangen, ein Junge mit ausgeprägt
jüdischen Zügen. Ein wild gewordenes Pferd mit einem Wagen hinter sich kam
prasselnd die Strasse herab, und in dem augenblicklichen Gedränge, das durch die
flüchtenden Fussgänger auf dem Seitenwege entstand, wurde dem kleinen Verkäufer
der Korb vom Halse gerissen, und alle Herrlichkeiten darin über das Pflaster
gestreut. Der Bube versuchte weinend seine Sachen wieder zusammen zu lesen und
vor den Tritten der Passirenden zu schützen, und Helmstedt, der den ganzen
Jammer des jungen Herzens mitfühlte, trat rasch hinzu, um aus dem Bankerott
retten zu helfen, was wöglich. Als aber in dem wieder gefüllten Korbe, der jetzt
ein Chaos von zerbrochenen Seifenstücken und in den Schmutz getretenen
Allerhands bot, sich die ganze Grösse des Unglücks zeigte und der Knabe nach
einem trostlosen Blicke darauf in ein bitteres Schluchzen ausbrach, klopfte ihm
Helmstedt in einer Aufwallung des Mitgefühls auf den schwarzen Krauskopf. »Heule
nicht, Bub, das Malheur wird sich ja noch gut machen lassen!« sagte er. »Weisst
du, wo Williamstreet ist? Komm morgen früh mit deinen Sachen hin. Hier hast du
meinen Namen und die Nummer.« Er warf ihm seine Karte in den Korb und ging mit
einem »Vergiss nicht!« von den grossen Augen des Knaben gefolgt, rasch weiter, da
sich bereits ein Haufen Neugieriger um sie versammelt hatte. Er hatte eben
angefangen seinen Schritt wieder zu mässigen, als er in dem Durcheinander der
Fussgänger einen Menschen neben sich bemerkte, der eine Weile gleichen Schritt
mit ihm hielt und ihn seitwärts betrachtete. »Bitt' um Verzeihung, Sie sind wohl
ein Deutscher?« begann er endlich. Helmstedt wandte den Kopf, und zwischen einem
grauen Barte blickten ihn eine gebogene Nase und zwei kleine lebhafte Augen an,
in denen der Jude nicht zu verkennen war. »Yes Sir! das bin ich,« erwiderte
Helmstedt und wandte den Blick nach einem der Schaufenster, um einer weiteren
Unterhaltung zu entgehen. »Sie sind wohl noch nicht lange im Lande?« war die
zweite Frage. »No Sir!« antwortete der Angeredete kurz und ging rasch weiter.
»Darf man fragen, was Sie für ein Geschäft haben?« Helmstedt warf auf den
zudringlichen Frager einen kurzen, messenden Blick und antwortete nicht. »Ich
meinte es nicht bös, junger Herr - ich dachte nicht, dass Sie stolz wären - bitt'
um Verzeihung!« - und damit blieb der aufgedrungene Begleiter zurück. Helmstedt
schüttelte etwas verwundert den Kopf, hatte aber bald die kurze Scene in der
wieder auftauchenden Erinnerung an die eben durchlebte Zusammenkunft vergessen.
Erst als er sein Boardinghaus in Williamstreet und sein bereits dunkel
gewordenes Zimmer erreicht hatte, trat die Sorge für die Zukunft wieder mit
Macht vor seine Seele. Er fühlte keinen Appetit zum Abendbrod, warf sich auf
sein Bett und liess die Gedanken durch seinen Kopf streichen. Seit dem Lachen des
neckischen Mädchens über seine Schulmeisteridee kam ihm diese, wenn er sich mit
seinem ganzen Wesen hineindachte, selbst so absurd vor, dass er sie gar nicht
mehr ansehen mochte und als aufgegeben über Bord warf - aber was dann? Wollte er
nicht die ordinärsten Handlangerdienste verrichten, so war »Englisch können« der
einzige Schlüssel zur Verwertung seiner etwaigen Kenntnisse, - aber wenn er
auch den Rest seines Geldes zum Studium der Sprache anwandte, wer gab ihm die
Versicherung, dass er dann sogleich eine Stellung finden, oder dass auch nur sein
Geld hinreichen würde, bis er so fix und fertig sei, wie er's für notwendig
hielt? Er sprang vom Bette, schloss seinen Koffer auf und begann wieder sein Geld
durchzuzählen und zu berechnen. Nahm er einen guten Lehrer, so konnte er noch
zwei, bei äusserster Einschränkung drei Monate leben; das langte weder hinten
noch vorn, und doch musste etwas geschehen, wenn er nicht auf gut Glück hin seine
Mittel zu Ende gehen lassen wollte.
    »Halloh, Herr von Helmstedt, so einsam im Halbdunkel?« rief Seifert, der in
diesem Augenblick zur Tür hereintrat, »delibrirend? O! Cassa machend -
Ausgezeichnetes Geschäft! - aber lassen Sie sich nicht stören!« fuhr er fort,
als Helmstedt das noch offen liegende Geld in die Börse zurückstrich, sie im
Koffer verbarg und diesen zuschlug, »ich wollte Ihnen im Vorübergehen nur einen
guten Abend wünschen!« Helmstedt sah auf und hätte kaum den früheren Menschen in
ihm wiedererkannt; ein flotter, modischer Frack sass wie angegossen um ihn, über
die weisse Weste fiel eine goldene Kette, das Fischbeinstöckchen schlug die
enganschliessenden Beinkleider und auf dem wohlfrisirten Haare sass keck ein
feiner Kastor.
    »Mit Ihnen ist ja eine merkwürdige Veränderung vorgegangen!« sagte
Helmstedt, ihn musternd, und es war ihm, als nehme seine Erscheinung eine Sorge
von ihm, die noch über die Ausführung seiner eben gefassten Entschlüsse auf ihm
gelastet. »Kommen Sie her und nehmen Sie Platz!«
    »Meinen Sie mich oder meinen Frack, dem diese Ehre zum ersten Mal
widerfahren soll?« lachte Seifert, »aber ich hoffe, Sie werden Scherz
verstehen,« setzte er hinzu, als er das Blut in Helmstedts Gesicht steigen sah,
»ich habe dieselbe Frage schon an zehn Bekannte gerichtet, die mich heute zum
ersten Male wiedererkennen wollten.«
    »Vielleicht hätte sie auch bei mir gepasst,« erwiderte Helmstedt, und machte
einen Stuhl von den darauf liegenden Kleidungsstücken frei, »wenn Sie mir nicht
erst gestern von Ihren verschiedenen Anstellungen erzählt hätten, wozu natürlich
eine entsprechende Livree gehört. Also setzen Sie sich ohne Sorge um ein
Missverständnis.«
    »Fein revanchirt, beissend revanchirt,« sagte Seifert mit einem Lächeln,
dessen Deutung schwer gewesen wäre, »aber Sie wissen, wir differiren in
einzelnen Punkten, und darum lassen Sie uns die Streitaxt begraben.«
    »Sie kommen mir eigentlich gerade recht,« begann Helmstedt, sich auf seinen
Koffer niederlassend und die Stirn in die Hand stützend, »ich möchte mir ein
paar Fragen an Sie erlauben. Haben Sie wohl die Dame genau gesehen, mit der ich
sprach, als Sie mich gestern im Park trafen?«
    »Mir entgeht Derartiges nicht leicht,« sagte der Besucher und lehnte sich
auf seinen Stuhl zurück, »und ich gestehe Ihnen, dass mich Ihr Glück einigermassen
frappirt hatte.«
    Helmstedt hob den Kopf. »Davon ist nicht die Rede. Ich möchte nur wissen, ob
Sie das Gesicht in Ihren Kreisen einmal irgendwo vor die Augen bekommen haben?«
    »Das heisst - erlauben Sie,« lachte Seifert, »in dem Falle hätte ich mir
andere Bemerkungen gegen Sie und Ihre stillen Vergnügungen erlaubt, ich habe
nicht einmal einen Zweifel in mir laut werden lassen, so fremd war mir die
Erscheinung.«
    Helmstedt liess den Kopf wieder in die Hand sinken. »Seifert, ich glaube, Sie
haben Recht, ich muss amerikanische Gesellschaft suchen - aber wie?« begann er
nach einer Weile wieder, »ich möchte zuerst aus diesem Hause heraus und mich
kopfüber unter das englisch-sprechende Publikum stürzen!«
    »Spät kommt die Erkenntnis, aber sie kommt!« declamirte der Andere, »und ich
gratulire Ihnen zu dem Entschlusse, wenn er auch wahrscheinlich nur in einem
Paar hellen Augen wurzelt, die übrigens die besten Lehrmeister abgeben! Lassen
wir aber Ihre vernünftige Stimmung nicht verstreichen, ich denke, wir fangen mit
dem Kopfübersturz gleich heute Abend an.«
    »Je eher, je lieber,« erwiderte Helmstedt, sich erhebend, »aber lassen Sie
mich Eins sagen, Seifert, bringen Sie mich nicht an Orte, gegen die ich nun
einmal grundsätzlich einen Widerwillen habe. Sie werden gewiss irgendwo muntere,
aber anständige Gesellschaft wissen und ich will's Ihnen doppelt danken, wenn
Sie diese Rücksicht für mich nehmen!«
    »Werde Ihr jungfräuliches Gefühl möglichst zu schonen wissen! Lassen Sie
sehen. Heute Abend sind Sie mein Gast bei einem Familien-Supper - fünf bis sechs
noble junge Leute, einige Damen - das macht den Anfang, morgen werde ich Ihnen
ein amerikanisches Boardinghaus, für Ihren Zweck vorzüglich geeignet, zuweisen,
und dann findet sich das Uebrige.«
    »Aber, lieber Freund, ich will nicht extravagiren, meine Mittel sind so
geschmolzen, dass ich mich einschränken muss so viel als möglich!«
    Seifert zuckte die Achseln. »Richten Sie sich ein wie Sie wollen,« sagte er,
»einmal gehen Sie doch zu Ende und die Hauptfrage bleibt nur, auf welche Weise
der möglichste Nutzen daraus zu ziehen ist. Aber wir verstehen uns darin nicht,
und ich will Ihnen auch nie eher wieder einen Rat geben, als bis Sie mich
bestimmt darum bitten. Jetzt wollen Sie amerikanisches Leben und die Sprache
kennen lernen, gut, ich bin Ihr Mann, im Uebrigen folgen Sie Ihrem eigenen
Gutdünken.«
    »Und um welche Zeit findet Ihr Supper statt?« fragte der Andere, seine
Stirne reibend.
    »Wir können sogleich gehen!« war die Antwort, »wir holen einen meiner
Freunde im Metropolitan-Hotel ab und sind von dort aus rasch an Ort und Stelle -
Sie sind natürlich mein Gast, wie ich schon oft genug der Ihre gewesen bin.«
    Helmstedt ging zum Spiegel, ordnete Haar und Anzug, verschloss dann
sorgfältig seinen Koffer und Beide verliessen das Haus.
    In einer der Strassen im obern Teile von New-York, nicht weit ab von
Broadway, stand eine Stunde später Seifert in Begleitung seines Landsmannes und
eines Dritten vor einem Hause, das sich in nichts von den übrigen Wohnhäusern
unterschied, und zog die Glocke. Ein Portier öffnete und liess sie nach
Abforderung ihrer Einlasskarten passiren. Seifert, der volle Lokalkenntniss zu
haben schien, schritt nach dem hintern Teile der Halle voran und öffnete dort
die Tür zu einem schwach erleuchteten Zimmer, das eine Art Garderobe
vorzustellen schien. Als sie hier ihre Hüte neben mehrere bereits vorhandene
ablegten, sah Helmstedt die dritte Person, die bei ihnen war und eben Seifert
eine Bemerkung zuraunte, zum ersten Male genauer an, da ihre gegenseitige
Vorstellung nur flüchtig und im Halbdunkel des Hotel-Ausganges erfolgt war; und
wenn auch Kleidung und Haltung den Mann aus der fashionablen Welt bezeichneten,
so lag doch in diesem Augenblick ein solcher Ausdruck von gemeiner Begierde in
seinem Gesichte, und Seiferts Lachen auf seine Bemerkung stimmte so dazu, dass
sich Helmstedt eines widerwilligen Gefühls nicht erwehren konnte. In diesem
Augenblicke aber flog die Tür des nächsten Zimmers auf, strahlender Lichtschein
und helles Lachen brachen heraus, und mit zwei Schritten standen die Ankömmlinge
in einem prachtvoll erleuchteten geöffneten Doppelparlor. Die Divans, die ohne
besondere Ordnung umherstanden, nahmen zwanglose Gruppen von jungen Männern und
lachenden Fraüngestalten ein. Hier kniete Einer und küsste die Hand einer feinen
Blondine, während sie kichernd den Ohrenflüstereien eines Zweiten lauschte; dort
auf einem niedern Sessel erwehrte sich ein Anderer kaum der Neckereien dreier
weiblicher Kobolde; weiter hinten sass ein einsames Pärchen und rechts, wo ein
offenes Piano stand, bestrebte sich eine junge Dame ihrem Gesellschafter den
Polkaschritt zu zeigen, wobei sie hoch aufgeschürzt ihre Pantalettes paradiren
liess. Im Hinterparlor aber stand ein gedeckter, mit Flaschen, Schüsseln und
Tellern besetzter Tisch.
    »Mesdames et Messieurs!« rief Seifert, neben seine beiden Begleiter tretend
und in französischer Sprache fortfahrend, »ich habe die Ehre, Ihnen zwei meiner
Freunde, hier, le comte de Helmstedt, der sich unter Ihre Fittige begibt, um
Englisch zu lernen, und hier Mr. Baker von Alabama vorzustellen. Beides zwei
ausgezeichnete Jungen, die ich Ihrer Fürsorge empfehle. Aber ich sehe mit
Bedauern, dass Sie auf uns gewartet haben, und da ich ausersehen bin den Wirt zu
spielen, so bitte ich zu Tische zu gehen, damit der Champagner nicht warm wird.«
Aller Augen hatten sich bei der Vorstellung den neuen Ankömmlingen zugewandt und
hauptsächlich die Blicke der Mädchen nach der noblen Gestalt des »comte«
gerichtet. »Zu Tisch!« rief Seifert aus dem Hinterparlor, der bereits den Kopf
einer Flasche bearbeitete; die Gruppen erhoben sich und eben als Helmstedt
überlegte, wie er sich am besten benehme, stand ein schwarzlockiges,
blitzäugiges Mädchen vor ihm, das ihm mit einem »s'il vous plait, Monsieur!« die
Hand reichte und ihn zu Tische führte. - -
    Am andern Morgen erwachte Helmstedt in seinem Zimmer mit einem Gefühle von
bleierner Schwere im Kopfe. Er richtete sich langsam auf und die Erinnerung des
vergangenen Abends begann in einzelnen Zügen in ihm aufzudämmern. Er sah seine
Tischnachbarin, wie sie ihn in Beschlag nahm, ihm unaufhörlich einschenkte und
credenzte, zuletzt aber ihr Glas zu Boden warf und nur aus dem seinigen mit ihm
trinken wollte; wie sie, als ihr Französisch ausgegangen und er ihr Englisch
nicht hatte verstehen können, ihn im tollen Übermut bei den Ohren fasste, und
in die Backe beissen wollte - er sah das übrige tolle Treiben am Tische, hörte
das Knallen der Champagner-Pfropfen und das ausgelassene Gelächter - eine
spätere Scene tauchte vor ihm auf, er sass mit der Cigarre im Munde am Piano und
spielte eine Quadrille, nach der die wilde Gesellschaft tanzte, Seifert mit
Stentorstimme die Touren ausrufend, zwischen jedem Teile aber hatten ihm die
ausgelassenen Mädchen bald Wein, bald kalten Ananas-Punsch eingefüllt, -
weiterhin verfloss Alles in seiner Erinnerung wie Nebel, und wie er nach Hause
gekommen, wusste er gar nicht. - Das war seine erste Unterrichtsstunde im
Englischen gewesen. - Langsam und verdriesslich rieb er sich die Stirne und
sprang dann aus dem Bette, um durch ein kaltes Kopfbad die Dünste daraus zu
vertreiben; er öffnete seinen Koffer, um reine Wäsche herauszunehmen, stutzte
aber, als er den bisher wohlgeordneten Inhalt wild durcheinander gewühlt fand.
Einen Augenblick überlegte er, ob er selbst vielleicht die Ursache habe sein
können, im nächsten aber fuhr er nach der Ecke, wo er seinen Geldvorrat
aufzubewahren pflegte - der Beutel war verschwunden. Sein Gesicht entfärbte sich
und seine Hand blieb wie gelähmt, wo sie gesucht hatte, dann aber riss er die
einzelnen Stücke aus dem Koffer, jedes ausschüttelnd mit immer grösserer Hast,
dazwischen nochmals in die Ecke fühlend - aber Alles war durchsucht und die
Börse blieb verschwunden. Helmstedt stand da, einer Statue gleich in den leeren
Koffer starrend.
    Plötzlich schien ein zweiter Gedanke durch seinen Kopf zu zucken. Er fuhr
auf und liess mit Blitzesschnelle den Blick über alle Gegenstände im Zimmer
laufen, nahm mit Hast seine umherliegenden Kleidungsstücke vom Tische und den
Stühlen - es war seine goldene, mit aus Deutschland gebrachte Uhr, die er
suchte; aber auch davon war nirgends eine Spur zu entdecken, und als ihm die
Gewissheit eines Raubes vor die Seele trat, der ihn aller Existenzmittel baar
hinstellte, nahm er seinen Kopf zwischen beide Hände, als fürchte er, er möge
ihm zerspringen. »Ruhig, August!« sagte er nach einer kurzen Weile, sich
gewaltsam fassend, »es muss sich irgend eine Spur des Täters entdecken lassen,
wenn ich nur erst eine einzige Erinnerung finde, wie ich nach Hause gekommen
bin! Ruhe, August!« Er suchte seine Kleider zusammen und fühlte das Portemonnaie
in einer seiner Taschen - aber ausser einigem kleinen Geld war nur ein einfacher
Papierdollar darin - langsam und mit Anstrengung die Scenen des vergangenen
Abends zurückrufend, vollendete er seinen Anzug; so viel er aber sein Gedächtnis
quälte, nicht ein Funke, der Helle über seinen Heimgang verbreitet hätte, wollte
herausspringen. »Keinesfalls bin ich also allein gekommen, es war spät, die
Haustür muss verschlossen gewesen sein und irgend Jemand im Hause, der geöffnet,
muss Auskunft geben können.« Das war der Schlussgedanke, der ihm wenigstens etwas
von seiner gewöhnlichen Haltung wieder zurückgab. Eben wollte er seinen Hut
nehmen, um die nötigen Erkundigungen beim Wirte einzuziehen, als es klopfte -
der Judenknabe vom Broadway, seinen Korb am Halse, sah durch die geöffnete Tür
herein und reichte ihm schweigend die Karte hin, die er Tags zuvor von dem
jungen Manne erhalten. »Bob, du kommst zu einer schlimmen Zeit!« rief Helmstedt
und konnte ein Zucken in seinem Gesichte, als sei ihm das Weinen nahe, nicht
verhindern - »sieh her, ich bin diese Nacht um mein ganzes Geld und um meine Uhr
bestohlen worden, ich bin jetzt noch ärmer als du, denn du hast doch wenigstens
einen Erwerbszweig!« Der Junge liess die grossen schwarzen Augen über die
Verwirrung im Zimmer und über Helmstedts Züge laufen, als dieser aber sein
Portemonnaie zog und sagte: »Da ist wenigstens eine Kleinigkeit für deinen Weg!«
schüttelte er mit einem ernsten »No Sir!« den Kopf, warf noch einen Blick über
das Zimmer und schloss die Tür wieder.
    Helmstedt ging ins Gastzimmer hinab, liess den Wirt rufen und teilte ihm in
möglichster Fassung das Geschehene mit; der Mann sah ihm einen Augenblick scharf
in das bleiche Gesicht und rief dann den Porter. Es sei spät in der Nacht
gewesen, erzählte dieser, als er auf das Anziehen der Klingel die Tür geöffnet;
derselbe Herr, mit dem Helmstedt gestern Abend ausgegangen, habe ihn, der total
betrunken gewesen sei, zur Tür hereingeführt, habe sich von ihm, dem Porter,
ein Stück Licht und den Schlüssel zum Zimmer geben lassen und sodann den
Betrunkenen mühsam zur Treppe hinauf transportirt - nach kurzer Zeit sei er aber
wieder herunter gekommen und habe ihn zur Hilfe geholt, da Helmstedt ganz
besinnungslos sei und er ihn nicht allein weiter bringen könne. Helmstedt habe
auf einem Absatz der Treppe gelegen und von dort hätten ihn Beide nach seinem
Zimmer getragen, hätten das Stück Licht an der Gasflamme angebrannt und ihn dann
ins Bett gelegt. Der Herr sei sodann mit ihm, dem Porter, wieder die Treppe
herabgekommen, und er habe ihn zur Haustüre hinausgelassen. - Helmstedt hatte
mit peinlicher Aufmerksamkeit dem Berichte zugehört.
    »Und ist der Mann, der mich brachte, nicht allein im Zimmer gewesen?« fragte
Helmstedt nach einer augenblicklichen Pause.
    »So viel ich weiss, nicht,« war die Antwort. »Er gab mir den Schlüssel, als
wir hinaufkamen, und ich schloss auf, da er Sie beim Kopfe trug; nachher sind wir
zusammen heruntergegangen.«
    »Haben Sie meine Uhr beim Auskleiden nicht bemerkt?« fragte Helmstedt.
    Der Porter dachte einen Augenblick nach. »Ich glaube nicht, dass ich etwas
von einer Uhr überhaupt gesehen habe.«
    »Und die Tür ist die ganze Nacht offen geblieben?« fragte Helmstedt weiter.
    »Ja natürlich, ich konnte Sie doch nicht einschliessen!«
    
    Der Wirt schüttelte den Kopf. »Es hätte mir nichts Unangenehmeres begegnen
können,« sagte er, »aber für die Leute im Hause möchte ich mich verbürgen. Wo
war Ihr Kofferschlüssel, als Sie gestern ausgingen?«
    »In meinen Beinkleidern!«
    »Und wo war er heute Morgen?«
    »Noch an derselben Stelle in meiner Tasche!«
    »Haben Sie wieder geschlafen, während der Herr hier von dem andern die
Treppe allein hinaufgebracht wurde?« wandte sich der Wirt an den Porter.
    »Ich glaube nicht, aber ich war müde!«
    Der Wirt nickte. »Ich will Ihnen sagen, lieber Herr, Sie scheinen in die
allerschlimmste Gesellschaft geraten zu sein. Wo Sie gewesen sind, geht mich
nichts an, aber es ist ziemlich klar, dass der gute Mann, der Sie heimgebracht,
sich die Gelegenheit und Ihren Zustand bestens zu Nutze gemacht, Ihnen Uhr und
Kofferschlüssel abgenommen und Sie auf der Treppe hat liegen lassen, bis er Ihr
Geld aus dem Koffer geholt. Nachher hat er den verschlafenen Porter gerufen. Auf
jeden Fall müssen Sie selbst durch eine Unvorsichtigkeit ihm Kenntnis von dem
Gelde gegeben haben und ich kann Ihnen nur raten, der Polizei sofort von dem
Falle Kenntnis zu geben, oder noch besser, gleich mit einem Officier dem
Burschen auf's Quartier zu rücken.«
    »Und nun weiss ich nicht einmal, wo er wohnt!« rief Helmstedt und schlug sich
mit der Faust vor den Kopf, »aber halt! ich finde ihn!« Und von einem lichten
Gedanken gefasst, verliess er das Zimmer und ging im Sturmschritt Broadway zu. Im
Metropolitan-Hotel mussten sie etwas von dem Menschen wissen; er hatte den Abend
vorher mit allen Aufwärtern vollkommen bekannt getan, und ausserdem logirte dort
ihr Gefährte von letzter Nacht, Mr. Baker von Alabama, der sicherlich auch
einige Auskunft über Seiferts Verbleib geben konnte. - Er hatte den Weg in
kurzer Zeit zurückgelegt, musste aber beim Uebergange einer der letzten
Querstrassen mit vielen Andern anhalten, um eine Lücke in der Reihe der dort
passirenden Fuhrwerke abzuwarten - eine Equipage der elegantesten Bauart folgte
soeben, Helmstedt sah auf und stutzte, im Fond des Wagens sass, nachlässig zurück
gelehnt, Pauline Peters neben einem Herrn, dessen Backenbart schon das volle
Grau des Alters zeigte, dessen Haltung aber dennoch eine noch ungeschwächte
Kraft verriet. Ihr Blick schweifte gleichgiltig über die wartenden Menschen, er
traf Helmstedts Gestalt, aber kaum, dass ein schwaches, aufsteigendes Rot in
ihrem Gesichte ihre Erkennung andeutete, ihr Auge blieb kalt und wandte sich
ruhig anderen Gegenständen zu. Trotz aller Sorge, die auf dem jungen Manne
lastete, trotz aller Gleichgiltigkeit gegen das Mädchen wollte sich ein leiser
Aerger seiner bemächtigen - da war die Lücke in der Wagenreihe gekommen, die
Menschen drängten zu und als er den Fahrweg passirt, war auch der erlittene
Verlust wieder sein einziger Gedanke. Bald stand er vor dem Metropolitan-Hotel
und wollte seine Erkundigungen bei einem der Aufwärter, der nach irgend etwas
ausschauend in dem Ausgange der Halle stand, beginnen; der aber schüttelte
lächelnd mit einem »Nix versteh!« den Kopf. Helmstedt wiederholte seine Frage
französisch, erhielt aber ein gleiches Kopfschütteln zur Antwort. Dem Frager
trat der Schweiss vor die Stirne.
    »Kann ich Ihnen mit etwas diene?« liess sich jetzt eine Stimme neben ihm
hören. »Sie sind bestohle worden, hat mir mein Schwestersohn gesagt, der heute
Morgen bei Ihne war?« Helmstedt sah, sich umwendend, in das Gesicht desselben
Juden, der ihn Tags vorher schon auf der Strasse angesprochen hatte, aber das
graubärtige Gesicht erschien ihm heute wie eine Hilfe in der Not. »Well, Sir,
ich kenne Sie zwar nicht,« begann er -
    »Aber ich kenne Sie schon, wenn ich auch nicht weiss, wie Sie heisse,«
unterbrach ihn der Andere, und es soll mich freue, wenn ich Ihne mit etwas diene
kann!
    Helmstedt warf einen Blick in sein Gesicht, das trotz der schlauen Augen
eine eigentümlich gutmütige Teilnahme zeigte, trat mit ihm bei Seite und
hatte ihm schnell genug sein Unglück und die Absicht, die ihn hierhergeführt,
mitgeteilt.
    »Wird nicht viel zu hole sein!« erwiderte der Jude nachdenklich. »Ich kenne
den Mann von Alabama, den Sie meine - ich kenne ihn,« wiederholte er, langsam
mit dem Kopfe nickend und ein Zug wie stiller Ingrimm zuckte über sein Gesicht,
»und den Andern hab' ich gestern mit ihm zusammen gesehen - wird nicht viel zu
hole sein - können's aber probire, komme Sie!« Damit schritt er Helmstedt nach
dem Innern des Hotels voran, wandte sich an den Klerk der »Office« und begann
mit diesem ein Gespräch, von dem Helmstedt eben nur das Kopfschütteln des Klerks
und das Nicken seines Begleiters verstehen konnte. »'S ist schon, wie ich
gedacht!« sagte dieser endlich achselzuckend, sich dem Ausgange zuwendend, »Mr.
Baker ist heute Morgen abgereist, und den Andern, der ihn gestern Abend
abgeholt, kennen sie nicht weiter, als dass er früher oft hierher gekommen ist -
er ist nicht hier beschäftigt und sie wissen auch nichts von seiner Wohnung.
Jetzt komme Sie mit mir nach der Polizei, vielleicht kann die den Vogel fange -
aber's Geld schlagen Sie sich nur aus den Gedanken, das ist Ihr Lehrgeld
gewese!«
    Ueber Helmstedt kam es wie ein Schwindel, als er an der Seite des Alten die
Strasse hinab ging, die ganze Hilflosigkeit seiner Lage trat wie ein Gespenst vor
ihn. Wenn sein Wirt ihm nicht der Barmherzigkeit willen Credit geben wollte,
bis er irgend einen Verdienst gefunden, so musste er Alles, was er nicht zum
Allernotwendigsten an Kleidern und Wäsche brauchte, verkaufen und konnte, wenn
das aufgezehrt war, im Hotel Park logiren mit der Aussicht, sein Leben im
»Nort-River« zu beschliessen. Ein Schauder überlief seinen Kopf, als würde jede
einzelne Wurzel seiner Haare lebendig.
    »Habe Sie denn gar kein Geschäft?« begann der Alte an seiner Seite das
Gespräch wieder. Helmstedt schüttelte den Kopf. »Ich bin im Gerichtsfach in
Preussen angestellt gewesen,« sagte er, »und das kann ich hier nicht brauchen.«
    »Nun, habe Sie denn nicht irgend einen Gedanken gehabt, wie Sie hier Ihr
Leben machen wollen?«
    »Ich habe gedacht, es würde sich irgend eine Stelle für mich finden, wie so
viele Andere auch ihr Leben durchbringen, aber das Schlimmste ist, das ich kein
Englisch verstehe.«
    »Ja, was wolle Sie denn jetzt anfange?« fragte der Jude kopfschüttelnd; »an
der Eisenbahn oder am Kanal könne Sie doch nicht arbeiten, da ist mit solchen
Händchens nichts zu mache - so geht's nun den grossen Herren, wenn's einmal
heisst: hilf dir selber!«
    Helmstedt warf einen Blick auf seinen Begleiter und presste dann die Lippen
aufeinander, ohne zu antworten. Der Alte sah ihn von der Seite an. »Ja, das tut
weh, weil's den Stolz beisst!« sagte er, »und der müsste auch erst ganz todt sein,
ehe's eine Möglichkeit wäre, dass Ihnen irgendwie geholfen werden könnte!«
    Helmstedt liess mit zusammengezogenen Augenbrauen noch einmal den Blick über
die reinliche aber schäbige Kleidung seines Begleiters laufen und blieb dann
stehen. »Ich danke Ihnen für den Dienst, den Sie mir erwiesen haben,« sagte er,
»aber ich finde jetzt schon einen Bekannten, der mit mir nach der Polizei geht.«
    Der Alte nickte mit dem Kopfe. »Sehen Sie, der Stolz schlägt hinten und vorn
aus, trotz Ihrer Not! Sie haben mir doch gesagt, dass Sie Niemand wissen, der
Ihnen einen bestimmten Rat für Ihr Fortkommen geben kann, und doch schieben Sie
mich fort, bloss weil ich Ihnen gradaus ein bisschen sage, was Sie hören müssen.«
    »Ja, lieber Himmel, können Sie mir denn etwa helfen oder raten?« rief
Helmstedt, ungeduldig aber von einer unbestimmten Hoffnung berührt, »und warum
nehmen Sie denn gerade an mir solchen Anteil?«
    »Da doch der Jud' nichts ohne Profit tut, meine Sie?« sagte der Alte
weitergehend. »Nun, ich hab' vielleicht meinen Profit dabei, wenn auch bei Ihnen
jetzt nichts zu holen ist. Sie sind ein Mann, der's Herz grad hat, wo's sein
muss, auf einem bessern Fleck, als viele von Ihren Christenleuten, das hab' ich
bloss an der kleinen Sache mit meinem Schwestersohn gemerkt und in Ihrem Gesichte
steht auch noch was geschrieben. Ob ich aber mit all' meinem guten Willen helfen
kann, das muss erst untersucht werden. Sie müssen mir sagen, was Sie gelernt
haben, dann sage ich Ihnen meine Meinung, und ob Sie die annehmen wollen, ist
nachher Ihre Sache!«
    Helmstedt strich mit der Hand über das Gesicht. Die Rede seines Begleiters
war ihm bald wie das blosse Wichtigmachen eines aufdringlichen Menschen
vorgekommen, bald hatte aber auch wieder eine Sicherheit mit halbem Spott
gemischt darin gelegen, die ihn beleidigte und doch unwillkürlich imponirte.
    »Ich kann eben nichts, als was man auf deutschen Schulen und Universitäten
lernt, ich hab's Ihnen schon gesagt,« erwiderte er, »und ein bisschen
Clavierspielen daneben; sollten Sie nicht wirklich eine Hoffnung für mich haben,
so lassen Sie uns lieber das Gespräch abbrechen, damit mir wenigstens eine neue
Täuschung erspart wird.«
    »Ja, wenn Sie aber hier in Amerika Ihren Weg machen wollen, so dürfen Sie
nicht so kurz gebunden sein, dürfen keine Gelegenheit fortstossen, wo vielleicht
was für Sie herausspringen könnte, wenn's auch zehnmal nichts damit ist. Sie
verlieren doch nichts dabei, wenn wir hier mit einander sprechen?«
    Helmstedts Gesicht färbte sich höher, aber er schwieg. »Sie spielen Clavier,
da wird die Sache für jetzt schon gehen,« fuhr der Alte fort. »Ich habe
Bekannte, die Ihnen einen Verdienst als Clavierspieler in einer ordentlichen
Bierwirtschaft verschaffen können - mehr werden Sie aber verdienen, wenn Sie in
einem schlechten Hause spielen wollen; Sie sind gerade wie gemacht, um bei den
Mädchens dort nebenbei den Grafen vorzustellen und Sie können da ein ganz gutes
Leben haben.«
    Helmstedt schüttelte den Kopf. »Ich mag mit derartigen Dingen nichts zu tun
haben, wenn's auch zum Schlimmsten kommen sollte,« sagte er finster, »aber
selbst wenn ich mich in ordentlichen Bierhäusern als Clavierspieler herumtreibe,
so ist das wohl etwas um augenblicklich Essen und Obdach zu verdienen und ich muss
Jedem danken, der mir irgendwo zu so einem Platze verhilft - was es dann aber
mit meiner Zukunft werden soll, weiss ich nicht, ich lerne nirgends dabei und
kann doch nicht ewig zum Bier Musik machen?«
    Der Alte nickte wieder. »'S ist schon recht!« sagte er. »Mit dem
Clavierspielen werden Sie aber doch wohl anfangen müssen, erst muss einer für
morgen sorgen, ehe er an über's Jahr denkt. Das Musikmachen dauert nur den Abend
über und Sie haben den ganzen Tag für sich. Ich habe noch einen andern
Bekannten, der Sie wohl in seinem Store arbeiten liesse, wenn er nichts dafür zu
bezahlen brauchte, wo Sie aber geschwinder Englisch lernen und sich für's
amerikanische Leben passend machen können, als mit zehn Professoren. Es kommt
freilich für Jeden, der nicht daran gewöhnt ist, hart an, den ganzen Tag zu
arbeiten und zu lernen und den Abend erst das nötigste Stückchen Brod zu
verdienen, härter, als es Mancher mit den besten Vorsätzen durchführen kann, und
deswegen rühr' ich auch keine Hand für Sie eher, bis Sie mit mir einen Contract
gemacht haben. Ich verschaffe Ihnen eine Clavierspielerstelle in einem
anständigen Hause, das Sie so gut bezahlt wie irgend Einen, und Sie versprechen
mir, in dem Store, wo ich Sie hinbringen werde, alle Arbeiten zu tun, so gut
als ob Sie dafür bezahlt würden und nicht eher dort wegzugehen, als bis Sie
wieder von mir gehört haben; die längste Zeit soll aber sechs Monate sein. Auch
dürfen Sie, wenn Ihnen der Mann während der Zeit einen längeren Contract gegen
Bezahlung anbietet, nicht eher darauf eingehen, bis die sechs Monate um sind
oder Sie von mir gehört haben.«
    Helmstedt schaute dem Alten ins Gesicht, das aber in diesem Augenblicke
vollkommen undurchdringlich schien; er war unsicher, wie er den seltsamen
Vorschlag aufnehmen sollte. Sechs Monate für nichts arbeiten! und doch war dies
jedenfalls der einzige Weg, der ihm die nötigen Kenntnisse und ein mögliches
Fortkommen in der Zukunft sichern konnte - aber welchen Nebenzweck oder Vorteil
hatte der Jude dabei? - »Ist es ein ehrenwertes Haus, wohin Sie mich bringen
wollen?«
    »Wenn ich mich bei unserem Contract nur auf Ihr ehrliches Wort verlassen
muss, so werde ich mit Ihnen auch wohl kein unehrliches Spiel treiben dürfen!«
    »Aber warum soll ich denn keinen Contract gegen Bezahlung eingehen, wenn die
Bedingungen günstig sind? Jeder Contrahent muss doch die einzelnen Punkte
verstehen können, über die sich geeinigt wird!«
    »Der Punkt ist, glaub' ich, ganz verständlich, und was ich für Gründe habe,
dass ich ihn verlange, ist eben meine eigene Sache. Ich will Ihnen aber nicht zu-
und nicht abraten - wollen Sie den Contract eingehen, so versprechen Sie mir
mit Handschlag, dass Sie ihn halten werden; wollen Sie nicht, so habe ich Ihnen
wenigstens den guten Willen gezeigt und wir sagen Adje zu einander.«
    Der Sprecher war stehen geblieben und sah dem jungen Mann mit einem Ausdruck
von stiller Spannung ins Auge.
    »Ich gehe ihn ein!« sagte Helmstedt nach einer kurzen Pause, »und da ist
meine Hand!«
    »So ist es gut!« erwiderte der Jude, ihm die seinige reichend, »jetzt lassen
Sie uns nach der Polizei gehen, Nachmittags will ich alles Notwendige für Sie
besorgen und dann komme ich in Ihr Boardinghaus.«
 
                                Erstes Kapitel.
                                Zwei Landhäuser.
Es war Mitte December, aber in den beglückten Tälern, wie sie zwischen den
südlichen Ausläufern des Alleghany- und Kumberland Gebirges liegen, hatte noch
kein unfreundlicher Sturm die Blätter von den Bäumen geweht. Der »Indian-Summer«
lag mit seinem tiefblauen Himmel mild über den buntschattirten Wäldern und nur
die kahlen Felder verrieten die weit vorgerückte Jahreszeit. Eins dieser
Täler, von allen Seiten durch abgestufte bewaldete Höhenzüge gedeckt, zieht
sich von der südlichen Biegung des Tennessee-River nach Alabama hinein, und wen
sein Reiseglück einmal hindurchgeführt hat, dem schwindet das üppige
Landschaftsbild, in das der menschliche Reichtum überall seine Spuren
eingestreut, sobald nicht wieder aus der Seele. So weit das Auge von der gut
chaussirten Hauptstrasse abschweifen kann, trifft es überall auf weisse, aus dem
sie umgebenden Grün hervorleuchtende Villa's, sämmtlich aus Stein im
italienischen Stile gebaut und von ausgedehnten Gartenanlagen umgeben. Es sind
die Wohnhäuser der Pflanzer, die hier durchgängig mit viel grösserem Geschmack
ihren Reichtum zeigen, als in irgend einem andern Teile des südwestlichen
Landes.
    Ungefähr eine Meile seitwärts von der Hauptstrasse und etwa zehn vom
Tennesseeflusse entfernt, lag eine dieser Villa's zwischen dem immergrünenden
Wäldchen, das sie umgab, wie eine Perle im Moose. Ein breiter, von Säulen
getragener Portiko umgab das ganze Haus, auf den sich an Stelle der Fenster
breite, durch grüne Jalousien geschützte Glastüren öffneten. Rechts und links
zeigten sich beim Eintrittt in die Halle geräumige, mit allem Luxus
ausgestattete Parlors und der Blick durch die Hintertür fiel über einen mit
Kies bestreuten Platz weg auf ein grosses, aus Draht angefertigtes Vogelhaus, in
dem sich alle Sorten von Geflügel umhertummelten. Ein gesatteltes Ross stand
jetzt, an einen Baum gebunden, in der Nähe desselben.
    In einem der Frontparlors sass eine junge, bleiche Dame im Schaukelstuhle und
vor ihr, sich ungenirt auf den Hinterbeinen eines Stuhles wiegend, ein Mann im
Ausgange der Zwanziger, dessen Anzug und Bewegungen man es ansah, dass er die
östlichen Hauptstädte gesehen.
    »Sie sind ein Kind, Alice!« sagte er soeben und fuhr mit der Hand nach dem
Munde, als wolle er ein Gähnen verbergen. »Ich habe Sie geliebt, sehr geliebt,
aber es war dennoch kein Gefühl für die Ewigkeit. Wechsel kommen in uns, ohne
dass wir etwas dazu tun. Ich bin kaum aus dem Osten zurück und statte Ihnen
schon meinen Besuch ab,« fuhr er mit einem Lächeln fort, das einen hässlichen Zug
um seinen Mund legte, »können Sie noch mehr Aufmerksamkeit verlangen?«
    Das Mädchen schlug ein grosses dunkles Auge zu dem Redenden auf. »Ich kenne
Sie, Henry, ich kenne Ihre ganze Schlechtigkeit und doch zwinge ich mich oft
nicht daran zu glauben. Meinetwegen sind Sie doch heute nicht hierher gekommen,«
fuhr sie mit einem leichten Zittern in der Stimme fort, »was ist denn also der
eigentliche Grund Ihres Besuches?«
    Der Mann hatte nur zu Anfang ihrer Rede einen Blick in ihr Auge geworfen und
es dann vermieden. Jetzt sprang er von seinem Stuhle auf und ging, wie mit einem
Entschlusse nicht ganz fertig, zweimal das Zimmer auf und ab. »Alice,« sagte er
endlich, an einer der Glastüren stehen bleibend und ins Freie schauend, »ich
brauche etwas Geld, können Sie mir einiges geben?«
    Alice sah rasch auf und sank dann, von aller Spannkraft verlassen, in sich
zusammen. »Ich habe kein Geld Mr. Baker,« erwiderte sie langsam, »Vater kommt
erst nächste Woche zurück und ich habe kaum genug, um unsere Ausgaben zu
bestreiten.«
    »Sie werden doch vielleicht etwas haben, Miss Morton, wenn ich Sie darum
bitte!« erwiderte er, ohne seine Stellung zu verändern.
    »Ich habe nichts, wie ich Ihnen sagte!«
    »Oder werden für die Hausbedürfnisse sich anderwärts etwas anschaffen
können.«
    »Ich kann nicht, ohne mich allerlei Vermutungen auszusetzen.«
    »Besser ungegründete Vermutungen, als gegründetes Gerede!«
    Das Mädchen fuhr im Schaukelstuhl in die Höhe wie von einer Schlange
gestochen. »Henry,« sagte sie, sich todtenblass erhebend, »Henry, Sie sind ein
Teufel!«
    »Warum denn nun gleich ein Teufel?« sagte er, sich mit dem früheren
hässlichen Lachen umdrehend. »Sagen Sie, Alice, haben Sie mich nicht früher oft
genug einen Engel genannt, und jetzt, weil ich einen kleinen notwendigen
Liebesdienst von Ihnen fordere, muss ich so verändert sein?«
    »Aber ich kann doch nicht, ich weiss nicht einmal den geringsten Vorwand,
Geld irgendwo zu verlangen.«
    Baker zuckte die Achseln. »Wie Sie wollen, Miss Morton!« sagte er kalt und
ging nach dem Ausgange.
    Des Mädchens Augen folgten ihm weit aufgerissen. »Henry!« rief sie, als er
ohne Zögern die Tür öffnete.
    »Miss Morton?« erwiderte er, sich halb umdrehend. Sie warf einen Blick voller
Angst in sein eiskaltes Gesicht, dann liess sie den Kopf sinken, ging langsam
nach dem eleganten Schreibtische, der an der Wand des Zimmers stand, nahm ein
silbernes Portemonnaie heraus und legte es obenauf. Ohne nach dem Anwesenden
einen Blick zu tun, deutete sie mit der Hand darauf, fiel dann in den
Schaukelstuhl und schlug beide Hände vor das Gesicht. Baker trat in das Zimmer
zurück und schloss die Türe. »Ich bitte Sie, Alice,« sagte er, »machen Sie mir
keine Scene; ich will kein Geld von Ihnen erpressen, sondern es freundlich von
Ihnen erhalten haben. Ich habe Ihnen weder mit etwas gedroht, noch ein unschönes
Wort gesagt, merken Sie das wohl, Alice, ich habe Sie nur gebeten. Kommen Sie
und geben Sie es mir in einer Art, wie es unter so guten Freunden, wie wir
gewesen sind, Stil ist.«
    Das Mädchen zuckte wie unter verhaltenem Schluchzen zusammen. »Nehmen Sie,
dort legt es,« sagte Sie endlich langsam, »aber tödten Sie mich nicht noch.«
    Baker sah einen Augenblick scharf prüfend auf sie, zuckte dann die Achseln
und leerte das Portemonnaie, jede Banknote glatt legend, sie durchzählend und
sorgfältig in sein Taschenbuch steckend. »Ich danke vorläufig, Alice!« sagte er
dann und verliess das Zimmer. Als er sein Pferd auf dem Hinterplatze losband, kam
von der Seite des Portiko her, auf den sich einzelne mit Jalousien geschlossene
Glastüren des Parlors öffneten, den Baker eben verlassen, ein unter der Last
seines Kastens gebückter alter Pedlar und ging, ohne aufzusehen, nach den Hütten
der Schwarzen zu, die einige hundert Schritte hinter dem Hause ihren Anfang
nahmen. - -
    Eine halbe Meile weiter dem Gebirge zu, aber näher dem Flusse, lag auf einer
Erhöhung ein zweites Landhaus, das kaum mit dem Dache über den Kranz von Eichen,
der die untere Hälfte des Hügels einsäumte, heraussah. Nach diesem Eichenschmuck
trug es auch seinen Namen: Oaklea. Kaum hundert Schritte dahinter, wo es wieder
talabwärts bis zu einem krystallklaren Gebirgsbache ging, standen die
Negerhütten, ein kleines Dorf bildend, über den ganzen Abhang hingestreut, jede
»Hütte« mit einem eingezäunten Platze, in dem sich Schweine und oft ein ganzes
Volk Federvieh herumtrieben, und einem Gemüsegarten versehen. Dem fremden
Beschauer, der hindurchwandelte, fiel zuerst die eigentümliche Ordnung und
Sauberkeit auf, die überall hervortrat; die kleinen Häuser, obgleich nur aus
rohen Stämmen aufgebaut, hatten spiegelklare Fenster, oft mit Vorhängen
versehen, und hier und da rankten sich ausserhalb immergrüne Schlingpflanzen
daran bis zum Dache empor; die Einzäunungen verrieten eine sorgsame
Unterhaltung und wo an einzelnen Plätzen die offene Tür einen Einblick ins
Innere der Hütten gestattete, traf das Auge auf ein sauberes Bett und an vielen
Orten auf alte, aber reingehaltene Fussteppiche.
    Das Abenddunkel war schon hereingebrochen, als zwischen den Negerhütten
hervor ein hoher, stattlicher Mann dem Landhause zuritt. Als er einen der
hintern Seitenflügel desselben, worin Küche, Waschhaus und die Vorratskammern
sich befanden, erreicht hatte, hielt er das Pferd an und sah scharf nach einem
Gegenstande hinter dem Hause. »Wer ist hier?« rief er nach einer kurzen Weile.
Die Gestalt eines jungen schlanken Schwarzen näherte sich. »Ich bin's, Mr.
Elliot - Cäsar!« sagte er und nahm seine Mütze ab.
    »So? Well, wie steht die Geschichte? Bist du mit Sarah im Klaren? Ich mag
das Herumschleichen hier am Hause bei Nacht nicht gerne leiden. Macht eure Sache
kurz ab, dann will ich mit deinem Herrn irgend ein Arrangement treffen, dass er
dich mir abtritt, und ihr könnt euren Haushalt mit einander anfangen.«
    »Bitte, Master, sein Sie nicht böse auf mich, aber die Sarah ist seit acht
Tagen nicht mehr herausgekommen und ich habe nicht mit ihr reden können.«
    »So? Seid ihr denn nicht vorher mit einander einverstanden gewesen?«
    »Ich dachte so, Master!«
    »Well, das nächtliche Herumstreichen taugt nichts, die Sache muss zu einem
Ende kommen. Geh jetzt heim, Cäsar, ich werde mit dem Mädchen reden und morgen
Abend soll sie dir selbst Bescheid geben.«
    »Dank Ihnen tausend Mal, Master!« und mit einem Sprunge war der Schwarze
über die nächste Einzäunung und verschwand im Dunkeln. Elliot wandte sich nach
den Ställen, wo ihm ein Neger das Pferd abnahm, und ging sodann dem Hause zu.
    In einem Zimmer des obern Stockes befanden sich währenddem zwei Mädchen, die
ein eigentümliches Genrebild geboten hätten. Das eine, frisch wie eine
aufbrechende Rosenknospe, lag an dem geöffneten Fenster nachlässig im
Schaukelstuhle und wiegte sich, die Spitzen der beiden kleinen Füsse auf einen
gepolsterten Schemel gestützt, langsam rück- und vorwärts. Sie war halb
entkleidet und die kaum entwickelten Formen wurden nur leicht durch einen dünnen
Shawl verdeckt. An dem geräumigen, von Marmor eingefassten Kamine, in welchem
trotz des milden Abends ein prasselndes Feuer brannte, stand das andere Mädchen,
und der Lichtschein brach sich in einem ebenholzschwarzen Gesichte, das trotzdem
die klare Röte des aufsteigenden Blutes erkennen liess. Der kleine Mund war kaum
mehr aufgeworfen, als erforderlich war, um dem Gesicht einen pikanten Charakter
zu geben, dem die abgestumpfte, aber zierliche Nase und die blitzenden schwarzen
Augen vollkommen entsprachen. Eine kokette Schoossjacke schloss, die vollen Formen
abzeichnend, knapp um eine Taille, die den Neid mancher Salondame erregt haben
würde, und wie sie so dastand, den einen Arm auf das Kaminsims gelehnt und mit
dem andern ein weisses Negligé haltend, lag eine wundersame Grazie in ihrer
Stellung, die sich indessen bei den meisten in den Familien der Weissen erzogenen
Haussklaven von edlerer Race herausbildet. Die Beleuchtung des Zimmers ging nur
von dem helllodernden Holzfeuer im Kamin aus.
    »'S ist hübsch im Osten, Sarah!« sagte soeben das Mädchen im Schaukelstuhle,
»viel Pracht und äusserliche Herrlichkeit, aber mir ist es immer so steif
vorgekommen, wie auf einem Haubenstock zur Schau ausgestellt; ich bin froh, dass
mich Vater sobald wieder geholt hat, ich gebe unsern warmen Himmel und unser
grünes Oaklea nicht für den ganzen Osten hin.«
    »Aber, Miss Ellen, gibt's nicht eine ganze Menge feiner Herren dort, wie wir
ein paar im Globe-Hotel in der Stadt sahen, als Sie zurück kamen? oder wie - Mr.
Baker?«
    »Mr. Baker, pah!« sagte die Erstere und kräuselte in nachlässiger
Geringschätzung die Lippe, »du hast doch sonst einen besseren Geschmack, Sarah!
- Und was haben mich denn die Herren im Osten gekümmert? Ich habe kaum ein Paar
zu Gesichte bekommen. Und du solltest lieber an den armen Cäsar denken, als von
solchen Dingen schwatzen.«
    »Cäsar, pah!« erwiderte die Schwarze mit aufgeworfener Oberlippe.
    »Nun?« fragte Ellen, sich halb aufrichtend, »'s ist doch Alles zwischen euch
in Ordnung?«
    »Ich weiss noch gar nicht!«
    »Du bist das launigste Ding!« lachte die Andere auf, »aber der arme Junge
tut mir leid!«
    Die Schwarze sah nur mit verzogenem Mund ins Feuer.
    Es pochte an die Zimmertür. »Sarah soll zu Mr. Elliot kommen, wenn sie von
Miss Ellen nicht mehr gebraucht wird!« klang es hindurch; und Sarah warf ihrer
jungen Herrin das Negligé über, vertauschte deren Stiefeletten mit weichen
Sammetschuhen und liess sie allein.
    Mr. Elliot sass in dem erleuchteten »Bibliotekzimmer«, das aber nur ein
kleines Regal voll Bücher aufzuweisen hatte und durch den dort befindlichen
Schreibtisch sammt einer Menge umherliegender Papiere eher den Charakter eines
Geschäftszimmers zeigte, am Feuer und las in einer Zeitung, als Sarah eintrat.
    »Komm her, Mädchen,« sagte er, »wie steht's mit dem Cäsar? Ich will die
Sache zu Ende haben!«
    »Ich will ihn nicht, Sir!«
    »So, was ist denn die Ursache auf einmal?«
    »Ich mag ihn nicht!«
    »Gut, wie du willst, Sarah! aber merk' auf. Du bist durch Ellen verwöhnt und
hast Capricen, mehr als mir lieb ist. Erst war Cäsar Alles und Ellen quälte
mich, ihn zu kaufen, damit ihr hier zusammenleben könntet - jetzt, wo ich bereit
bin, willst du ihn wieder nicht. Hör' an! Bei deiner nächsten Liebschaft mag
dein neuer Schatz sehen, dass sein Herr dich kauft, dann werde ich für Ellen ein
anderes Mädchen finden, obgleich du mit ihr aufgewachsen bist.«
    Er sah forschend in ihr Gesicht, aber keine Miene verzog sich dort.
    »'S ist mir Alles recht, Sir!« sagte sie kalt.
    »Du kannst gehen!«
    Das Mädchen verliess das Gemach, blieb aber plötzlich an der offenen
Hintertüre des Hauses, die sie passirte, horchend stehen. Sie sah sich
vorsichtig um, steckte hierauf den Kopf hinaus, einen spähenden Blick
umherwerfend, und schlüpfte dann an dem Hause hingleitend in die Dunkelheit
hinein.
    Elliot schlug seine Zeitung zusammen, zündete ein Licht an und setzte sich
dann an seinen Arbeitstisch, langsam die Blätter eines dort liegenden
Contobuches umschlagend und überschauend. Er war noch nicht lange damit
beschäftigt, als das Gesicht einer alten Negerin durch die geöffnete Tür
hereinsah. »Master,« sagte sie, »der alte Isaac lässt fragen, ob er hier über
Nacht bleiben könnte.«
    »Gib ihm ordentlich zu essen, Flora,« erwiderte Elliot, »und sage ihm, ich
möchte alsdann noch ein paar Worte mit ihm sprechen.«
    »Gegessen hat er schon, Sir!«
    »Aha! Und euch auch schon die Taschen ausgeleert!«
    »Noch nicht ganz, Sir,« kicherte die Negerin, »aber er hätte recht schöne
Sachen für Weihnachten, lässt er dem Master sagen.«
    »'S ist schon gut, er soll herein kommen.«
    Nach kurzer Zeit trat mit einem Bückling ein alter Mann mit grauem Barte ins
Zimmer, dessen Züge den Juden nicht verkennen liessen. Elliot stand auf, rückte
einen Stuhl ans Feuer und deutete dem Eingetretenen an, Platz zu nehmen. »Well,
Isaac, wie steht's,« sagte er, als dieser seinem Winke gefolgt war.
    »Well, Sir, 's Geld ist rar, aber Sie können haben, was Sie verlangten, ich
hab' heute erst Nachricht bekommen; sobald Sie die Papiere fertig haben, werde
ich sorgen, dass auch das Geld da ist.«
    »So!« erwiderte der Pflanzer und stützte den Kopf in die Hand. »'S ist ein
schlimmes Ding, schon auf die nächste Ernte los borgen zu müssen, und bekommen
wir ein schlechtes Jahr für die Baumwolle, so sitzt man noch weiter drin.«
    Der Jude zucke die Achseln. »Was hilft's? wo viel Geld fortgeht und keins
gleich wieder zufliesst, kommt einmal eine Klemme.«
    Elliot fuhr mit der Hand über das Gesicht. »Ich muss das für die Zukunft
ändern,« sagte er nach einer kurzen Pause. »Wie steht's mit dem jungen Menschen,
Isaac, von dem Ihr mir sagtet?«
    »Er wird zu Weihnachten hier sein, wie Sie's wünschten, Sir, und ich denke,
wir werden nachher wohl kein Geschäft weiter mit einander zu machen haben; bei
Ihnen braucht's eben nur ein bisschen Aufpassen und ein bisschen Ordnung im Buche,
dann ist Alles wieder im Geleise.«
    »Macht Ihr viele solcher Geldgeschäfte hier herum, Isaac?«
    »Ich habe ein schlechtes Gedächtnis, Sir, aber es kann wohl schon passiren,
dass Einer als ein reicher Mann gilt, den Sommer mit seinen Ladies in Saratoga
und anderen Bädern zubringt, viel Geld ausgibt und doch die Ernte auf drei Jahre
hinaus nicht mehr sein eigen ist. Sie brauchen sich unser jetziges Geschäft
nicht zu Herzen zu nehmen.«
    »Sagt einmal, Isaac, Ihr pedelt doch nicht, um Euer Leben zu machen?«
    »Der Jude zuckte wieder die Achseln. Warum reiten Sie oft den ganzen Tag auf
Ihrer Farm herum, schwitzen und kommen so schmutzig heim, wie der ärgste Nigger?
'S gehört Alles zum Leben machen, wenn Einer ein Geschäft hat.«
    »Sonst was Neues, Isaac?«
    »Ich wollte nur noch sagen, Sir, es treibt sich ein verteufelt bissiger
Fuchs hier herum; ich sah heute erst ein wunderschönes Huhn, das zwischen seinen
Zähnen zappelte, und wenn ich nicht ganz falsch bin, schleicht er auch um Ihren
Hühnerstall, Sir.«
    Elliot hatte den Kopf gehoben. »Was ist das? sprecht deutlich!«
    Isaac schüttelte den Kopf. »Man soll das Wild nicht scheu machen, wenn man's
fangen will, ich habe selber noch eine kleine Rechnung mit ihm. Ich wollte Ihnen
nur sagen, Sir, dass Sie die Augen offen halten. Aber,« fuhr er fort und stand
auf, »kann ich Ihnen nicht etwas von Zeugen, Tüchern, Bändern und billigen
Schmucksachen für die Weihnachten verkaufen, Sir?«
    »Morgen früh! meine Ellen mag aussuchen, was sie an die Schwarzen
verschenken will. Aber wenn Ihr irgendwo etwas Unrechtes gesehen habt, so wäre
mir's lieber, Ihr sprächet deutlich.«
    »Es war an einem andern Platze, wo ich das Huhn zappeln sah,« erwiderte der
Pedlar, »und so kann ich eben nichts weiter sagen, als halten Sie Wache am
eigenen Hühnerstall. Gute Nacht, Sir, - bis morgen früh!«
 
                                Zweites Kapitel.
                        Eine Spielhölle im Hinterwalde.
Der Tennessee-River strömt während des kurzen Abstechers, den er nach Alabama
macht, zwischen bewaldeten Höhen hin, die steil in das Flussbett abfallen und
selbst für die Holzstationen der Dampfschiffe überall nur die schlechteste
Bequemlichkeit bieten. Hier und da windet sich wohl ein Fussweg durch das
Unterholz des Ufers hinauf, der aber eben nur von einzelnen Menschen erklommen
werden kann. An einem dieser Anlegeplätze der Boote war indessen das Ufer nächst
dem Flusse geebnet und mit einer Art hölzerner Platform versehen und der
aufwärts führende Weg in der Anhöhe so ausgestochen, dass er selbst in der
Dunkelheit bei einiger Vorsicht nur wenige Schwierigkeiten bieten konnte. Auf
dem Kamme des Ufers angelangt, wand er sich in den Wald hinein und lief eine
halbe Meile, weiter in eine ziemlich gut unterhaltene Strasse, wie sie dort nach
den landeinwärts liegenden Farmen führen. Hier stand, etwa hundert Schritt von
dem ausmündenden Fussweg entfernt, eine wettergraue Taverne, halb aus rohen
Gebirgssteinen, halb aus Holz erbaut, aber augenscheinlich dicht und fest; an
dem vorspringenden, unvermeidlichen Portiko hing ein halb erloschenes Schild
»Postoffice« und ein Blick in die offene Haustür zeigte einen Ladentisch,
hinter dem das mit Flaschen, Kasten und zehnerlei Allerhand besetzte Regal die
»Grocery« verriet. Es war ein kühler Tag und das Feuer von zwei halben
Baumstämmen loderte in dem riesigen Kamine, vor dem zwei Männer sassen, die ihrer
äusseren modernen Erscheinung nach durchaus nicht in ihre Umgebungen
hineinpassten. Der Eine hatte sich drei Stühle zusammengerückt, wovon er zwei mit
seinen Füssen bedeckte und, sich auf den dritten hinüber legend, den Rauch einer
Cigarre in die Luft blies. Der Andere sass, den Kopf in beiden Händen auf die
Knie gestützt, und sah ins Feuer.
    »Gibt's was Neues,« begann der Erste und stiess eine Rauchwolke von sich,
»ich muss ehrlich gestehen, dass vorläufig das Leben hier verteufelt langweilig
ist und dass mir die Leidenschaftlichkeit der Leute durchaus nicht munden will.
Der Gewinn steht in gar keinem Verhältnis zu der Gefahr. Wie stehen denn die
übrigen Actien?«
    Der Angeredete richtete sich auf. »Nur Vorsicht und Geduld, Seifert!« sagte
er mit gedämpfter Stimme und warf einen Blick durch den Raum. »Es geht Alles in
den Hauptsachen, wie es soll. Eine Geldquelle, auf die ich hier sicher rechnete,
fängt freilich an zu versiegen - ich mag den Strick nicht zu hart spannen und
das Mädchen zu einem Verzweiflungsschritte treiben, der mir das ganze Spiel
verderben möchte - sobald wir aber hier Ade sagen, werde ich noch den letzten
Rest herausholen, der dann gerade zur rechten Zeit kommt.«
    »Ja, aber die Hauptsache?« wiederholte Seifert, sich nachlässig auf dem
Stuhle schaukelnd.
    Der Andere reckte beide Arme von sich und sprang auf. »'S könnte Alles
beinahe in Ordnung sein,« sagte er dann, näher zu seinem Gefährten tretend, »die
kleine schwarze Katze auf Elliot's Farm habe ich am Faden, sie geht mit mir nach
dem Norden, ich heirate sie dort und sie wird Mistress - und dreien von ihren
Brüdern, straffe Jungens, die wenigstens ihre tausend Dollars Jeder wert sind,
hat sie schon so viel von den Herrlichkeiten New-Yorks, wo sie Alle Herren sein
werden, erzählt, dass die ebenfalls auf den ersten Pfiff bereit sind.«
    Seifert hatte sich horchend vorwärts gebogen. »Und Mr. Baker heiratet die
Schwarze und sie glaubt das?« rief er jetzt, ein schallendes Gelächter
aufschlagend.
    »Vorsicht!« mahnte der Erstere, mit der Hand winkend, »warum soll sie's
nicht glauben? ich habe noch nie elegantere und doch so volle Formen im Arme
gehalten, als die ihrigen und sie weiss, was in ihr steckt. Sie kann ihre 1500
Dollars beim Verkaufe einbringen.«
    
    »Nun, und warum denn nicht vorwärts?«
    »Erstens brauchen wir mehr Geld zur Ausführung, als wir jetzt haben, das
erst zusammengebracht werden muss, und zweitens -« sagte Baker innehaltend,
während ein Zug von niederer Begierde sich um seinen Mund legte, »zweitens
möchte ich während der Zeit noch ein anderes Vögelchen kirre machen, das eben
erst, so frisch wie aus dem Ei gekrochen, ins Nest geflogen ist.«
    »Geldspeculation?«
    »Glaube kaum, das Mädchen gehört zu einem andern Schlage - sie ist noch so
unberührt, so kräftig, und doch so scheu, dass es mich in allen Gliedern
gekitzelt hat, wenn ich ihr zu nahe kam. Ich wäre im Stand sie zu heiraten,«
fuhr er fort und drückte die Hand vor die Augen, »wenn weiter nichts hilfe, und
dann wollte ich Ihnen die Schwarze sammt ihren drei Brüdern als Entschädigung
gesetzlich zum Geschenk machen.«
    »Schöner Plan!« erwiderte Seifert und warf sein Cigarrenende ins Feuer,
»bewundernswürdig sogar, wenn er gelänge, und ich wollte meine Bekanntschaft mit
Ihnen und unsere Reise segnen. Sie jagen jetzt also schwarzes und weisses Wild in
einem Reviere, wie es scheint, was wenigstens amüsanter ist, als mein
Herumstreichen, bald in dem Neste, das Stadt genannt wird, bald in allerhand
verborgenen Winkeln, mit der Aussicht auf ein noch längeres Leben in dieser Art.
Könnten Sie mich denn nicht, als Partner in dem Geschäft, auch der Abwechslung
wegen, in eine oder die andere Familie hier in der Umgegend einführen?«
    »Seien Sie einmal vernünftig, Seifert, wenn wir überhaupt mit einander
weiter arbeiten wollen!« sagte Baker und zog die Augenbrauen zusammen. »Ich
gelte hier als ein Pflanzer aus dem Süden des Staats; als solcher habe ich mich
letzten Sommer in Saratoga an mehrere der hiesigen Familien, die dort waren,
angeschlossen und, seit wir hierher gekommen sind, die Bekanntschaft erneuert.
Niemand hat eine Idee, dass ich ein Mann aus dem Norden bin, oder dass ich zu
Ihnen in irgend einer Beziehung stehe, und so wird es allein möglich, dass wir
ein profitables Spiel an einem Orte zusammenbringen; Sie halten Bank und ich
kann fette Leute herzuziehen, wenn es auch oft nur durch die hingeworfenen
Worte, dass ich mir dort die Zeit vertreiben würde, geschieht - und daneben kann
ich noch auf die unverdächtigste Weise den Hauptprofit aus den kleinen
Kartenspielen machen - das einzige Poker gestern Abend ging bis auf Dollars 200
hinauf und in meine Tasche - wäre ich nicht eine ganze unverdächtige Person
gewesen, hätte der Grünspecht niemals mit mir angeknüpft.«
    »Weiss nicht, ob er nicht doch was merkte!« erwiderte Seifert, sich in den
Haaren kratzend, »er tat wenigstens so ungeberdig und wütend nach seinem
Verluste und liess Worte fallen, wie sie sich im Osten kein anständiger Spieler
erlauben würde.«
    »Ich habe diesen Schlag lieber als die ewig Ruhigen,« sagte Baker, »denn die
Zuschauer treten selten auf Seite des Spectakelmachers, während die Stillen,
wenn sie verloren haben, mit halben Worten zu den Anwesenden den Spieler oft für
den ganzen Abend verdächtigen können. Wie wir aber unsere Negerspeculation
fertig bekommen wollen, wenn wir uns, um Verdacht zu vermeiden, nicht ganz fern
von einander halten, weiss ich auch nicht; wenigstens würde mein ganzer Credit
zum Henker sein, wenn ich Sie, den schon ziemlich bekannten Spieler, in Familien
einführen wollte.«
    »Ja, und wie lange soll denn Ihre neueste Speculation währen? Mir scheint,
wir sind lange genug in dieser Gegend, fast vier Monate, eine ungeheure Zeit für
ein Incognito, und ich habe ein eigentümliches Gefühl in mir, in Worte
übersetzt: Mach' dich aus dem Staube! das mich wenigstens früher niemals
täuschte, wenn mir meine Gläubiger auf der Spur waren.«
    Baker ging einmal rasch das Zimmer auf und ab. »Well,« sagte er dann stehen
bleibend, »ich habe selbst ein Gesicht bemerkt, das mir in der Gegend nicht
gefällt. Bis zu Neujahr will ich sehen, ob ich meinen scheuen Vogel fangen kann
- den Alten bekomme ich dann schon; ist es nichts, so gehen wir in der
Neujahrsnacht an unser anderes Werk; das ist der letzte Feiertag der Schwarzen,
wo das Verschwinden einiger derselben am wenigsten auffällt.«
    Vor der Tür hielt ein Farmerswagen, der Fuhrmann trat ins Haus und zog sich
einen Stuhl aus Feuer.
    »Wir sehen uns heute Abend!« sagte Baker und knöpfte seinen Rock zu, »ich
mache noch einen Ritt zu ein paar Bekannten, ich denke, wir werden volle
Gesellschaft bekommen.«
    Seifert begleitete ihn zur Tür. »Haben Sie Ihren Revolver bei sich?« fragte
er leise.
    »Immer! weshalb denn?«
    »Ich fragte nur - mir gefällt meine Stimmung heute durchaus nicht.«
    »Sie haben wahrscheinlich zu viel gegessen, das taugt in diesen Klimaten
nichts; trinken Sie ein Glas heissen Whiskei-Punsch, das bringt Sie wieder in die
Höhe.«
    Seifert zuckte die Achseln und Beide trennten sich. - -
    Es war gegen sieben Uhr Abends, als sich die »Grocery« mit allerhand Gästen
zu füllen begann. Einzelne Reiter kamen an, meist von der Seite der Strasse,
welche ins Innere des County's führte; aber auch auf dem Fusswege von der
Flussseite schritten mehrere Männer der Traverne zu. Unten auf dem vom Monde
beglänzten Wasser lag ein Boot ans Ufer gekettet. In der Grocery, die nur von
dem prasselnden Feuer und einem Talglicht auf dem Ladentische erleuchtet war,
sass schon ein Kreis von Männern schweigend um das Kamin, kaum dass hier und da
eine kurze träge Frage und eine eben so träge Antwort die Stille unterbrach und
nur der Tabakssaft, der in Zwischenräumen aus dem Munde der Meisten ins Feuer
gesprjetzt wurde, brachte ein regelmässiges Geräusch hervor. Die Kleidung
sämmtlicher Anwesenden, bei der mehr die Bequemlichkeit, als der Schnitt
beobachtet worden, verriet die Landbewohner, doch mischten sich bei Vielen auch
Kleidungsstücke der modernen Welt in sonderbarer Zusammenstellung mit der
Hinterwaldstracht - schwarzer Frack und in die Stiefel gesteckte grobe Hosen,
hoher schwarzer Hut und Vatermörder über einem zerzausten, blauwollenen Rocke;
doch nahm die sichere, selbstbewusste Haltung jedes Lächerliche von ihrer
Erscheinung. Dann und wann erhob sich einer der Anwesenden und verschwand durch
eine Seitentür, dem nach kurzem Zwischenraum ein Anderer folgte, doch wurden
die leer gewordenen Plätze immer bald wieder durch neue Ankömmlinge eingenommen.
In einer Ecke im Halbdunkel hatte ein Mann mit grauem Barte Platz genommen und
liess die kleinen Augen unter den grauen buschigen Augenbrauen hervor über die
Anwesenden laufen. Ein fadenscheiniges Kleidungsstück, halb Jacke, halb Rock,
ein Paar grobe Leinwandhosen, schwere Schuhe und ein heller, aber abgetragener
Filzhut mit breiter Krempe machten seinen Anzug aus; die breiten Schultern
zeigten Kraft an, wollten aber nicht mit der gebückten Stellung, in welcher der
Mann im Winkel sass, harmoniren. Neben sich hatte er einen Pedlarkasten mit
Tragriemen und vielfachen Schubladen, wie sie im Westen gebräuchlich sind, und
einen schweren Stock stehen. Er hatte noch nicht lange seinen Sitz eingenommen,
als drei Männer laut sprechend zur Tür hereintraten und nach dem Ladentische
gingen. »Whiskei!« rief der Eine, anscheinend der Jüngste darunter, »das ist
doch noch das Beste, was hier zu bekommen ist, ich könnte heute Abend eine ganze
Gallone vertilgen! Halloh, Gentlemen!« wandte er sich an die Uebrigen am Feuer,
»Sie nehmen ein Glas mit?« Die Meisten davon erhoben sich und der Wirt hinter
dem Tische schob Flasche und Gläser her. »Gutes Glück!« rief der Erstere und
stürzte ein volles Glas Branntwein hinunter, »und noch eins!« fuhr er fort, nach
der Flasche greifend, aber eine Hand, welche ihm auf die Achsel klopfte, machte
ihn innehalten. Er sah sich um und sah den Pedlar aus der Ecke hinter sich.
    »Könnte ich nicht zwei Worte mit Ihnen reden, Sir?« fragte dieser.
    »Jetzt, Mann?« erwiderte der Andere, »die Zeit scheint mir nicht die beste,
- ist es so eilig?«
    »Ich denke, Sir, nur zwei Minuten.«
    »Well, so kommt!«
    Beide gingen ins Freie. »Sie kommen hierher zum Spielen, Mr. Aston?« begann
der Pedlar, »ich möchte, Sie täten es heute nicht und gingen wieder nach
Hause.«
    »Beim Teufel, alter Schwerenöter, was habt Ihr Euch denn darum zu kümmern?
Ist das Alles, was Ihr mir sagen wolltet?«
    »Noch ein paar Worte, Mr. Aston. Sie haben nächste Woche eine New-Yorker
Note zu decken und beabsichtigen, sie nicht zu zahlen, Sie erwarten Ihre neuen
Waaren von New-York und gedenken dann einen vorteilhaften Bankerott zu machen -
dahin hat Sie bloss das Spiel gebracht!«
    »Halt an, Ihr lügt, alter Halunke!« sagte der Andere, bleich geworden, mit
gedämpfter Stimme und fuhr mit der Hand nach seiner Brusttasche, aber ein
eiserner Griff des Pedlars, dem er sich umsonst zu entziehen suchte, hielt diese
fest.
    »Hören Sie nur noch zwei Worte, Mr. Aston, Ihr Revolver würde Sie unnötig
zum Mörder machen. Ihre New-Yorker Waaren werden nicht kommen - darin haben Sie
sich verrechnet« - der Widerstand gegen die Hand des Pedlars erstarb - »ich bin
Ihr Freund, folgen Sie mir und lassen Sie das Spiel; Sie haben gestern viel
verloren, würden aber heute noch mehr verlieren; bei ordentlicher Anstrengung
können Sie jetzt noch das Geld für die Note auftreiben, - bezahlen Sie und
bleiben Sie ein ehrlicher Mann, dann kann sich auch Ihr Credit im Osten
wiederherstellen.«
    Der junge Mann starrte den Alten einen Augenblick mit grossen, halbentsetzten
Augen an, dann aber schien er sich gewaltsam zu fassen. »Und woher habt Ihr denn
die merkwürdigen Neuigkeiten,« sagte er mit einem halben Lachen voll erzwungenen
Hohnes, »oder was kennt Ihr denn von meinen Gedanken, von denen ich selber
nichts weiss? Wisst Ihr wohl, verdammter Jude,« fuhr er mit aufsteigendem Ingrimme
fort, »dass ich Euch niederschiessen sollte wie einen Hund, für solche
Verleumdungen, die einen Geschäftsmann zu Grunde richten müssen?« Er wollte mit
einem Ruck seine Hand aus der des Gegners reissen, aber wie ein Schraubstock lag
der Griff des Pedlars um sein Handgelenk.
    »Sein Sie zwei Minuten ruhig, Sir!« sagte der Alte, »der Revolver hilft
Ihnen nicht vom Untergange, wenn Sie's nicht tun. Ich weiss nicht mehr, als was
Ihre Geschäftsfreunde im Osten auch wissen, dass Sie spielen, dass Sie im
unglücklichen Falle in einer Nacht ruinirt sind. Alles in der Welt wirft
Schatten, auch die Gedanken eines Menschen werfen ihren Schatten über sein Tun
und Treiben, der zum Verräter wird, wenn er sich auch noch so geheim hält. Ihre
New-Yorker Freunde kennen Ihre geheimen Absichten, das ist Alles, was ich sagen
kann, gehen Sie heim, Mr. Aston, machen Sie mich und die Männer im Osten zu
Lügnern, reissen Sie den Strick entzwei, an dem Sie die Hölle hier hält, und Sie
können sich noch retten. So, das ist Alles, tun Sie nun, was Sie wollen - und
wenn Sie meinen Rat mit einem Schusse bezahlen wollen, so mögen Sie's auch
tun.« Damit liess er die Hand des Andern los und ging nach der Türe des Hauses;
der Zurückbleibende aber stand, mit bleichem Gesichte und zusammengekniffenen
Lippen, noch eine Weile auf derselben Stelle, ohne ein Glied zu rühren. »Mag's
ihm der Teufel selber entdeckt haben, und ich werde es noch ausfinden - so hat
er recht!« murmelte er endlich zwischen den Zähnen. »Erst aber mein Geld von den
Halunken und dann nicht wieder!« Er strich langsam mit der Hand über sein
Gesicht und folgte dem Pedlar ins Haus. Die früheren Gäste waren dort meist alle
verschwunden. Ohne sich indessen umzuschauen, winkte er dem Wirte, ihm die
Whiskeiflasche zu reichen, stürzte ein grosses volles Glas davon hinunter und
ging dann zu derselben Seitentüre hinaus, durch die sich die Uebrigen entfernt
hatten. Im Umdrehen warf er noch einen flüchtigen Blick nach der Stelle, wo der
Pedlar gesessen, doch dieser sammt seinem Kasten war verschwunden.
    Im oberen Stockwerke hatten sich in einer kahlen, weiss angestrichenen Stube
sechzehn bis zwanzig Männer versammelt. Hinter einem langen Tische, auf welchem
drei Talglichte nur die nötigste Helle verbreiteten, stand Seifert und liess
soeben ein neues Spiel Karten, das er aus dem Papier genommen, durch die Hände
gleiten. »Machen Sie Ihr Spiel, Gentlemen!« rief er und nahm aus seinem
Taschenbuche ein Packet Banknoten, die er nach ihrem verschiedenen Werte
ordnete und in einzelnen Haufen dicht vor sich hinlegte. Ein Teil der
Anwesenden begann sich langsam vor dem Tische zu gruppiren und bald nahm eine
Art vereinfachtes Faro in einzelnen Aufsätzen von ein bis zwei Dollars seinen
Anfang, dem sich aber bald die meisten der Umstehenden anschlossen. - Seitwärts
standen zwei kleinere Tische, jeder nur mit einem Talglichte versehen. An dem
einen hatte sich Baker nachlässig auf einen Stuhl niedergelassen, rauchte eine
Cigarre und schien die verschiedenen Glückswendungen am Farotische zu
beobachten. Bald hatte sich einer von den müssigen Gästen zu ihm gesetzt.
    »Sie spielen nicht, Sir?«
    »Well, ich mache mir eben nicht viel daraus,« erwiderte Baker, »ich gehe nur
dann und wann hierher der Abwechslung wegen, indessen stehe ich Ihnen gerne zu
einer Partie Poker oder was Sie sonst wünschen, zu Diensten. Ein Spiel neue
Karten!« rief er einem halbwüchsigen Schwarzen zu, welcher in der Ecke sass, und
eben hatten sich die Beiden zum Spiel zurecht gesetzt, als Aston zur Tür
hereintrat. Er warf einen raschen Blick durch das Zimmer und schritt dann auf
Baker los. »Pardon, Sir!« sagte er zu dessen Gegner, »nehmen Sie vielleicht
Jemand anders an Stelle dieses Herren hier an? Er ist mir Revanche von gestern
Abend schuldig.« Der Angeredete war höflich aufgestanden. »Ich schaffe Ihnen
sogleich einen ehrlichen, anständigen Jungen,« fuhr Aston fort und winkte mit
dem Kopfe einem der beiden Männer, die seine Begleiter beim Eintritt in das Haus
gewesen waren und der jetzt zuschauend unter der übrigen Menge stand, herbei.
»Sie werden bei dem Tausche unter keinen Umständen etwas verlieren, Sir!«
    Baker hatte bei der Unterbrechung keine Miene verzogen, aber sich langsam
zurückgelehnt und den Neueingetretenen kalt fixirt. »Sie wollen mit mir
spielen?« sagte er, als Astons Gefährte herantrat, »ich stehe Ihnen jederzeit zu
Diensten, aber ich wollte, Sie täten es nicht; Sie haben zu wenig Glück und
sind durch Ihre Hitze einem kalten Spieler gegenüber zu sehr im Nachteil!«
    »Das ist wohl meine Sache allein, Sir!« erwiderte Aston, dessen Gesicht ein
leichtes Rot überflog, »es fragt sich nur ob Sie mir die Revanche verweigern
wollen!«
    »Durchaus nicht, ich gestehe Ihnen aber offen, dass ich mich nicht gerne für
blinde Glücksfälle verantwortlich gemacht sehe, wie es beinahe gestern Abend von
Ihnen geschah - die Herren hier mögen Zeuge sein, dass ich nur, weil Sie es
durchaus wünschen, Ihre Aufforderung annehme.«
    »Hat nichts zu sagen!« erwiderte Aston. Baker zuckte kalt die Achseln und
schob seinem Gegner das noch unangerührte Spiel Karten hin. Dieser öffnete es,
liess die Blätter prüfend durch die Finger laufen und gab dann.
    Das Gespräch hatte wohl die Aufmerksamkeit einzelner Farospieler erregt, die
sich aber, als das Spiel der Sprechenden ruhig seinen Anfang nahm, schnell
wieder ihrem eigenen Interesse zuwandte. Nur der eine von Astons früheren
Begleitern hatte sich als Zuschauer neben sie gestellt, der andere hatte mit
Bakers vorigem Gegner den zweiten Spieltisch eingenommen.
    Das Glück schien sich auf Seite Astons zu neigen; das erste und zweite Spiel
waren sein und dreissig Dollars gewonnenes Geld lagen vor ihm. Er hatte beim
dritten Spiele zu geben. Baker übersah seine Karten und sagte: »Fünfundzwanzig
Dollars, wenn's Ihnen recht ist! Ich muss suchen, die Sache wieder
auszugleichen.«
    »Dreissig, Sir!« erwiderte Aston, sein Geld vorschiebend.
    »Auch recht - drei Damen und ein Ass!« rief Baker und legte seine Karten auf.
    »Drei Könige und ein Ass!« war Astons Antwort, dessen Stimme seine wachsende
Aufregung kund gab.
    Der Andere zog einen Bündel Banknoten aus einer Seitentasche, warf ruhig
dreissig Dollars auf den Tisch und begann zu geben. Aston blickte in seine Karten
und ein merkbares Rot überzog sein Gesicht. »Sechszig Dollars, Sir!« sagte er.
    Baker schien zu überlegen. »Sie scheinen mich durch Ueberrumpelung fangen zu
wollen,« sagte er, »aber Ihr Glück kann nicht immer so dauern. Ich wage es.
Hundert Dollars!« Und damit legte er wie im raschen Entschlusse zwei
Fünfzigdollarsbanknoten auf den Tisch. Das Gesicht Astons färbte sich höher, er
sah nochmals in seine Karten, warf einen prüfenden Blick auf seinen Gegner und
überlegte einen Augenblick. »Hundertundfünfzig!« sagte er dann.
    »Zweihundert, wenn Sie wollen!« sagte Baker kalt und legte neue Hundert
Dollars zu seinem Aussatze.
    »Es gilt!« Aston zog mit einem leisen Beben der Aufregung sein Taschentuch
hervor und zählte das nötige Geld ab. Nur ein geringer Rest schien sich
ausserdem darin noch zu befinden. »Wieder drei Könige und ein Ass!« sagte er,
seine Karten auflegend.
    »Reicht diesmal nicht aus, Sir! Hier sind drei Ass und ein König!« Wie zu
Stein verwandelt blickte der junge Mann einen Augenblick die offenen Karten
seines Gegners an, aber mit einem »Halt!« sprang er dann plötzlich auf, beide
Hände Bakers fassend, die soeben die Banknoten auf dem Tische einstrichen. »Sir,
erst eine Erklärung!« rief er. »Sie haben drei Ass und ich eins, und doch sah ich
zufällig, dass das Herzass die unterste Karte war, als Sie gaben - wie kommen Sie
dazu - oder gibt's im Spiel zwei Herzass?«
    Baker sah ohne Zucken in das Gesicht vor sich, hinter dem ein ganzer Sturm
mühsam zurückgehalten schien, das aber dabei bleich war wie die Wand. »Wollen
Sie zuerst Ihre Hände von den meinigen tun, Sir?« entgegnete er scharf.
    »Nicht eher, als bis ich mich überzeugt habe!« war die Antwort, bei welcher
die Lippen des Sprechenden bebten. »John, wende die Karten um!« Astons
Begleiter, der dem Spiel mit unverrückter Aufmerksamkeit gefolgt war, hatte auch
schon das ungebrauchte Pack der Karten auf die Rückseite gelegt - eine Zehn lag
zu unterst. Aston warf nur einen Blick darauf. »Jetzt, Sir,« sagte er mit
heiserer Stimme und umfasste krampfhaft Bakers Hände, »nur ein Wort: wollen Sie
mir die zweihundert Dollars, die Sie mir gestern abnahmen, ohne Weiteres
zurückzahlen und liegen lassen, was hier auf dem Tische ist?!«
    »Sie sind ein Narr, lieber Herr!« entgegnete Baker mit eisiger Kälte, »ich
habe Sie vorher gewarnt und frage Sie zum letzten Male, wollen Sie Ihre Hände
wegtun?«
    »Sir, Sie sind ein falscher Spieler, ein Schuft und ein Lügner!« brach es
jetzt aus Astons Munde und schlug in die Ohren der übrigen Anwesenden, dass diese
von ihrem Spiele herumfuhren, - mit einem Ruck aber hatte Baker seine Hände
losgerissen und seine Faust traf Astons Gesicht, dass dieser zurücktaumelte; im
nächsten Augenblick indessen, und ehe die aufgeschreckte übrige Gesellschaft nur
wusste, um was es sich handelte, hatten Beide schon ihre Revolvers gezogen, zwei
Schüsse knallten fast zu gleicher Zeit, Baker wankte, blieb aber stehen, Aston
jedoch brach in den neben ihm stehenden Stuhl zusammen. Baker, leichenblass, aber
ruhig, zog seine von der Kugel des Gegners zerschmetterte Uhr aus der Tasche.
»Gentlemen,« sagte er, »Sie sehen, dass ich vor den Folgen dieses unvernünftigen
Angriffs nur durch das sichtbare Walten der Vorsehung beschützt worden bin. Ich
habe diesen jungen Mann gewarnt nicht zu spielen; hier sind Herren, die es
bezeugen werden: ich habe nur nachgegeben, weil er es zur Ehrensache machte, und
wer von Ihnen eine Anschuldigung wie die, welche Sie gehört haben, mit kaltem
Blut hingenommen hätte, der mag zuerst seine Hand an mich legen.« Noch während
er sprach, war der Wirt eingetreten, ein Blick hatte ihn wohl von dem
Tatbestande genügend unterrichtet, denn er begann ohne weitere Frage die
Kleider des Verwundeten, der völlig bewusstlos schien, zu öffnen, unterstützt von
dessen Gefährten, und dortin wendete sich jetzt die allgemeine Aufmerksamkeit.
    »Machen Sie, dass Sie fortkommen!« hörte Baker Seiferts Stimme in sein Ohr
zischeln, »jetzt ist die rechte Zeit.«
    »Dass ich mich ruiniren soll?« erwiderte Jener halblaut und strich die
umhergestreuten Banknoten auf dem Tische zusammen, »reden Sie nicht mit mir und
bleiben Sie ruhig bei Ihrem Spiele.«
    »'S ist eine Wunde in der Seite, aber ich kann nicht bestimmen, wie
gefährlich sie ist,« sprach der Wirt, der eben ein Stück Leinwand mit Wasser
getränkt als Verband zurecht machte, »jedenfalls ist es das Beste für ihn und
für uns Alle, dass die Herren von über dem River ihn sofort nach Hause nehmen und
ärztliche Hilfe holen - meine beiden Schwarzen mögen zur Vorsorge bis ans andere
Ufer mitgehen - so entsteht auch das wenigste Aufsehen bei der Sache.«
    »Ich werde die Herren selbst begleiten,« sagte jetzt Baker, »ich habe das
Unglück angerichtet, aber Gott helfe mir, ich konnte nicht anders und Niemand
kann betrübter darüber sein als ich selbst. Aber wir dürfen nicht zögern. Unten
im Hofe habe ich eine kurze Leiter bemerkt. Wir legen Betten darauf und binden
Mr. Aston mit den Betttüchern hinein, so liegt er bequem und sicher und kann
selbst das Ufer hinab leicht getragen werden.«
    Der Wirt nickte und verliess das Zimmer; den Meisten in der Gesellschaft
aber schien in diesem bequemen Auskunftswege eine unangenehme Last von der Seele
zu gehen; es bildeten sich wieder einzelne Gruppen und die peinliche Stille
während der Untersuchung der Wunde ging in halblaute Gespräche über. Bald waren
die Vorbereitungen zum Transport getroffen und auf der improvisirten Tragbahre
ward der noch immer besinnungslose Verwundete hinweggeschaft.
    »Gentlemen,« sagte Baker, die Tür in die Hand nehmend, »ich verlasse mich
auf Ihre Ehre, dass das unglückliche Ereignis unter uns bleibt!« und damit folgte
er den Uebrigen.
    In der Grocery sass der Pedlar wieder in seinem Winkel, als der Zug hindurch
ging, und Bakers Auge traf aufschauend den starren Blick, den Jener auf ihn
geheftet hielt. Einen Augenblick nur schien er davon betroffen zu sein, wandte
aber im nächsten schon das Auge wieder zur Tür hinaus.
    »Sonderbar,« brummte der Alte und stützte die Stirn in die Hand, »die eine
Frucht fällt beim ersten Herbstwehen und die andere reift so langsam, dass sie
gebrochen werden muss. Aber die Zeit dazu wird auch kommen.«
    Vom obern Zimmer wurde nach Whiskei-Punsch gerufen und bald war das Spiel
dort flotter im Gange als zuvor.
 
                                Drittes Kapitel.
                              Das Weihnachtsfest.
Auf der Strasse, welche von der Hauptstrasse ab nach Oaklea führt, trabte am
Mittag des ersten Christtages ein Reiter hin, hinter ihm drein ein Schwarzer im
vollen Feststaate der modernen Welt. Hatte auch der »Ofenrohr-Hut« einige Beulen
und wollte der glättenden Bürste nicht mehr gehorchen, so sass er doch so keck
auf dem Wollkopfe, wie der des ersten New-Yorker Herumtreibers. Standen auch die
Vatermörder etwas zu weit über das rotseidene Halstuch hinaus, so dass die
dicken Backenknochen darauf zu ruhen schienen, so war der Contrast, den sie mit
der schwarzen Haut bildeten, ein um so entschiedener, und das etwas zu
viereckige Gesicht erhielt eine gewisse Abrundung; war auch der Rock etwas zu
weit und nach irgend einem antiken Muster geschnitten, so stand er in um so
grösserer Harmonie mit den etwas schweren Schuhen und grossen Händen und gab der
ganzen Erscheinung einen Anstrich von Gediegenheit. Der Reiter vor ihm, der zwar
einfach gekleidet war, aber in voller Eleganz zu Pferde sass und die freien
Blicke rings umher geworfen hatte, hielt jetzt an und liess den Schwarzen
herankommen. »Well, wie heisst Ihr?«
    »Dick, Sir.«
    »Well, Dick, Ihr könnt mich schwer verstehen?«
    »'S geht schon, Master, mit einem Bischen Aufpassen!«
    »Ihr müsst mir sagen, Dick, wo ich nicht recht spreche!«
    Der Neger verzog das gutmütige Gesicht zu einem Grinsen. »Miss Ellen wird
das besser können, oder Mister Elliot, Sir.«
    »Wer ist Miss Ellen?«
    »Ich meinte, Sie müssten sie kennen, da Sie in die Familie kommen, 's ist Miss
Elliot, die Tochter von unserem Herren, sie ist so als kleines Mädchen zwischen
uns aufgewachsen, dass die schwarzen Leute alle sie nur bei ihrem Vornamen
nennen.«
    Der weisse Reiter schwieg, aber trabte schärfer zu und liess das Auge wieder
über die Landschaft schweifen. Dick schlug sich auf seinen Hut, den der Wind
eben wegtreiben wollte und liess sein Pferd gleichen Schritt mit dem andern
halten. Er schnitt ein paarmal Gesichter, als wolle er zum Sprechen ansetzen,
wisse aber nie wie. »Ich möchte Sie wohl was fragen, Mister - ich habe Ihren
Namen schon wieder vergessen, er ist so schwer zu merken -«
    »Helmstedt heisse ich« antwortete der Andere. »Mr. Helmstedt, Sie müssen's
doch wissen, da Sie von New-York kommen,« fuhr der Schwarze fort und sein ganzes
Gesicht verwandelte sich in eine Miene von halber Verlegenheit und halber
Neugierde - »ist es wahr, dass die Schwarzen dort alle Herren sind?«
    »Well, sie sind frei, aber wenn sie nicht scharf arbeiten, oder neben den
vielen weissen Arbeitern, die's dort gibt, keine Arbeit bekommen, müssen sie Not
leiden, so gut wie jeder Andere. Ich habe schon manchen alten Schwarzen an den
Ecken betteln sehen.«
    Dick kratzte sich in den Haaren, dass ihm beinahe der Hut wieder vom Ohre
flog. »Aber es soll doch Leute geben, die für die schwarzen Menschen sorgen,
wenn sie hinkommen?«
    »Weiss nichts davon, Dick, sie würden's doch wohl erst für Ihre weissen Brüder
tun, und unter denen ist bei Manchem das Elend so gross, dass er sich aus
Verzweiflung das Leben nimmt.«
    Dick zog wieder ein paar Gesichter, deren Ausdruck wohl der grösste Physiognom
nicht hätte classificiren können, rückte bald vor- bald rückwärts auf dem
Sattel, sagte aber kein Wort, bis sich auf dem nächsten Hügel Oaklea vor ihnen
zeigte. Einzelne Jauchze wurden von dort hörbar, und dann und wann trug auch der
Wind Geigenklänge und helles Lachen herüber. »Das ist unser Haus, Sir!« sagte er
und seine Blicke schienen den Eindruck desselben in Helmstedts Gesicht zu
beobachten, »'s ist jetzt lustige Zeit da.«
    Helmstedt übersah mit glänzendem Auge die Landschaft, tat dann einen langen
Atemzug und sprengte im Galopp dem Orte, von dem er eine neü Heimat erwartete,
entgegen.
    Die kurze Entfernung bis zum Landhause war bald zurückgelegt. An dem
geschmackvollen weissen Stackete, das die Gartenanlagen, welche das Haus umgaben,
von der übrigen Besitzung abschloss, sprang Dick vom Pferde und öffnete das
Gartentor. Ein breiter Kiesweg führte von hier dem Hause zu, wo ein Mann, der
in dem Portico auf- und abging, die Ankommenden bereits zu erwarten schien.
    »Freut mich, dass Sie da sind, Sir!« rief er mit einem kurzen musternden
Blicke, als Helmstedt vom Pferde stieg und warf dem ihm nachgekommenen Schwarzen
die Zügel desselben zu. »Ich heisse Elliot.«
    Helmstedt verbeugte sich und drückte herzhaft die dargebotene Hand, - die
stattliche Gestalt und der freundliche, biedere Blick des Mannes hatten einen
wohltuenden Eindruck auf ihn hervorgebracht.
    »Ihre beiden Koffer sind schon hier,« fuhr Elliot fort; »der Bursche, der
sie holte, ist den kürzeren Weg durchs Holz gefahren und Ihnen zuvorgekommen;
dem schwarzen Volke macht das Christfest alle Gelenke noch einmal so geschmeidig
als sonst. 'S ist Feuer in Ihrem Zimmer und was sonst nötig ist, wenn Sie sich
den Staub herunterschütteln wollen,« fuhr er fort, »und wenn Sie mit mir kommen
wollen, zeige ich Ihnen den Weg.«
    Der junge Mann folgte durch das Haus nach einem der Seitenflügel, wo Elliot
eine Tür zu ebener Erde vor ihm öffnete. »Sie finden mich nachher im Parlor,
Sir!« sagte er und liess den Ankömmling allein.
    Helmstedt trat ein und ein wunderbar heimliches Gefühl überkam ihn. Das
Zimmer war nur schlicht tapezirt, aber durch die dichten Vorhänge warf
gebrochene abendliche Helle in Verbindung mit dem Scheine des prasselnden Feuers
ein warmes Colorit über alle Gegenstände darin; ein dicker Fussteppich bedeckte
den Boden, ein Bett mit weisser Ueberdecke nahm die eine Wand ein, während
gegenüber zwischen den Fenstern ein geräumiger Waschtisch mit dem Spiegel
darüber alle nötigen Bequemlichkeiten bot. Eine Kommode, ein grosser Tisch an
der dritten Wand und ein kleiner neben dem Bette, ein aus Rohr geflochtener
Schaukelstuhl und drei andere ähnliche Stühle vollendeten die einfache
Ausstaffirung, und doch wollte es Helmstedt scheinen, als habe er noch nie ein
wohnlicheres Zimmer gesehen, das so ganz von den Vorstellungen abwich, die er
sich auf seiner Herreise gemacht hatte. Seine beiden Koffer, die in der
Fenstervertiefung standen, grüssten ihn wie alte Bekannte und mit einem Gefühle
der Sicherheit, wie er es in Amerika noch nicht gehabt, öffnete er sie,
entledigte sich dann der Reisekleider, wusch sich, und bald verliess er frisch
und elegant das Zimmer wieder, um den Hausherrn aufzusuchen.
    Elliot sass mit einem Zeitungsblatt am Fenster, als Helmstedt den Parlor
betrat, und nicht weit von ihm in einem der Divans eine ältliche Dame. »Kommen
Sie näher, Sir, nehmen Sie Platz!« rief der Erstere und zog den nächststehenden
Stuhl herbei, »das ist meine Frau - Mr. Helmstedt, unser neuer Hausgenosse!«
fuhr er, Beide einander vorstellend fort, »was sonst zum Hause gehört, werden
Sie schon kennen lernen und nun lassen Sie uns für's Erste eine halbe Stunde
plaudern und selbst mit einander Bekanntschaft machen.« Die Frau hatte
aufstehend mit einem: »Seien Sie uns willkommen!« dem jungen Manne die Hand
gereicht, verliess aber jetzt das Zimmer.
    »Well, Sir,« begann Elliot, als Helmstedt den angewiesenen Platz
eingenommen, »was Sie bei uns sollen, wird Ihnen ja wohl bekannt sein und ich
denke, Sie werden sich auch bei uns gefallen, wir sind wenigstens keine bösen
Leute und von Ihnen habe ich auch nur das Beste gehört.«
    »Ich muss zuerst wegen meines unvollkommenen Englisch um Entschuldigung
bitten,« begann Helmstedt, »ich hoffe aber, es soll mit jeder Woche besser
werden; im Uebrigen weiss ich nur als einen Teil meiner Aufgabe, dass ich Ihre
Bücher in Ordnung halten soll: das Weitere - schrieb mir der Mann, der mir die
Aufforderung zur Hierherreise und auch das Reisegeld sandte - würde ich von
Ihnen selbst erfahren.«
    »Das ist der alte Isaac; kennen Sie ihn und seine Verhältnisse näher?«
    »Isaac Hirsch unterzeichnete er sich, Sir, sonst habe ich ihn aber erst
zweimal im Leben gesehen, und weiss nur, dass ich durch seinen guten Rat aus der
bittersten Lage meines Lebens kam, und diesem vielleicht meine ganze Zukunft in
Amerika verdanke.«
    »So! Er muss Sie doch wohl näher gekannt haben oder irgend ein Interesse an
Ihnen nehmen. Er verbürgte sich freiwillig für Sie, obgleich das nicht einmal
notwendig gewesen wäre.«
    »Mag sein, dass er mich mehr kennt, als ich weiss, Sir, ich gestehe Ihnen
ehrlich, dass er für mich eine rätselhafte Person ist. Er brachte mich, als ich
durch einen erlittenen Diebstahl gänzlich hilflos dastand, vor vier Monaten in
das Exportgeschäft eines seiner Bekannten, wenigstens nannte er den Besitzer so,
damit ich dort für mein ferneres Fortkommen Geschäft und die Sprache lernen
sollte, ich musste ihm aber versprechen, sechs Monate auszuhalten, - es war eine
harte Schule für mich, das Verständnis jedes Wortes in meiner Umgegend und jedes
Stück Kenntnis in dem neuen Fach musste erst erarbeitet werden; ich wurde von
früh bis Abends nicht losgelassen und eine anderweite Abendbeschäftigung, die
ich nebenbei übernommen, fand auch in einem amerikanischen Hause statt, so dass
ich im ersten Monate oft in halber Verzweiflung nur um die allernotwendigste
Conversation war; ich sah aber ein, dass es der einzige Weg zu meinem Heile war;
ich hatte obendrein dem alten Manne mein Wort gegeben und so blieb ich. Dort mag
er mich vielleicht haben beobachten lassen. Zu welchem Zwecke kann ich freilich
nicht erraten - und welches Interesse er an mir nehmen könnte, ist mir
ebenfalls unbegreiflich - ich habe nicht einmal gewusst, dass sein eigentlicher
Aufentalt die hiesige Gegend ist, bis ich seinen Brief erhielt, mich bei Ihnen
zu melden.«
    »'S ist ein sonderbarer Mensch,« sagte Elliot kopfschüttelnd, »aber bei den
vielerlei Arten von Geschäften, die er hier herum macht, hat sich noch Niemand
über ihn zu beklagen gehabt und ich denke, so wird er auch in Ihnen jetzt den
rechten Mann für uns besorgt haben. Sie sollen allerdings meine Bücher in
Ordnung halten, das verlangt aber mehr Treue und Gewissenhaftigkeit, als viele
Arbeit; mir liegt vor Allem daran, immer zu wissen, wie ich stehe, damit man
nicht Extravaganzen in den Ausgaben begeht, die nur später Verlegenheiten
hervorrufen. Wir sind alle in der hiesigen Nachbarschaft für reich verschrieen,
und seit unsere Kinder durchaus im Osten ausgebildet werden müssen, wenn die
Mädchen einmal eine ordentliche Partie machen und die Jungen mit der jetzigen
Welt fortkommen wollen, ist die östliche Fashion auch bei uns eingezogen, und wo
unsere Väter keinen Gedanken an Ausgaben hatten und den Grund zu unserer
Wohlhabenheit legten, da finden wir eine Menge Kosten für Dinge, angenommene
Gewohnheiten und Moden, die einen Menschen ruiniren können, wenn er nicht scharf
auf seiner Hut ist. Wir sind allerdings wohlhabend, dass heisst an Eigentum und
Negern, und doch fehlt oft das baare Geld, wo es am notwendigsten ist, weil es
nebenbei für Badereisen und kostbare, aber unnütze Anschaffungen wegging, die
niemals vorher calculirt wurden. So mutz denn schon auf nächste Ernte losgeborgt
werden, und wer nicht strebt, strenge Ordnung und Uebersicht in seine Rechnungen
zu bringen, der kann trotz aller Wohlhabenheit in wenigen Jahren zu Grunde
gehen, ehe er es weiss. Da haben Sie Alles, was ich Ihnen darüber sagen wollte -
die Notizen und Papiere, welche Sie brauchen, werden Sie von mir erhalten;
nehmen Sie sich Zeit und machen Sie sich erst mit unseren Verhältnissen
ordentlich vertraut, dann aber handeln Sie in Regulirung der schriftlichen
Sachen ganz nach Ihrem eigenen Ermessen. Das Pferd, welches Sie vorhin ritten,
mögen Sie als zu Ihrem ausschliesslichen Gebrauche betrachten, so erhält es doch
wenigstens einen Nutzen, - 's ist ein Teil von dem Unsinn, zu dem ich mich habe
verleiten lassen, seine Pferde für den blossen Luxus anzuschaffen. Wegen Ihrer
Bezahlung, um das Nötige gleich vornherein zu erwähnen, will ich Ihnen das
erste halbe Jahr Ihres Salairs in der County-Bank anweisen, Sie mögen es dann
nach eigenem Gefallen ziehen. - So viel darüber. Ein anderer Hauptwunsch von mir
aber,« fuhr Elliot fort und drückte die Augen einen Moment in die Hand, »war
der, Jemand von genug Bildung und Zuverlässigkeit als Gesellschafter für meine
Frau und Tochter im Hause zu haben. Meine zwei Jungen sind auf dem Gymnasium,
und so leben wir hier, wenn ich die einzelnen Besuche von Nachbarn nicht rechne,
ziemlich einsam. Dann bin ich bisweilen gezwungen, des Nachts über in der Stadt
zu bleiben und jede weisse männliche Aufsicht fehlt dann hier. Sie spielen Piano,
wie mir der alte Isaac sagt, das gibt schon Abwechselung und meine Ellen kann
hierin wie auch in ihren Schulstudien von Ihnen profitiren; Sie aber lernen von
den Frauenzimmern, was Ihnen noch in der Sprache fehlt - das hoffe ich, wird
sich Alles ganz gut machen. - So, nun wissen Sie ungefähr, was ich von Ihnen
wünsche, das Uebrige findet sich schon später, und wenn's Ihnen recht ist,
machen wir, bis der Tee fertig ist, einen Spaziergang zu unsern Schwarzen, bei
denen es heute hoch hergeht.«
    Elliot nahm seinen Hut und erhob sich und Helmstedt folgte ihm zur Tür
hinaus, aber nicht mit halb so leichtem Herzen, als er den Parlor betreten
hatte. Trotz der Leichtigkeit, mit welcher sein Principal über die von ihm zu
übernehmenden Geschäfte gesprochen hatte, war es doch über ihn gekommen, als
solle ihm eine halbe Welt von Verantwortlichkeit auf die Schultern gelegt werden
und zwar für Dinge, von denen er nicht einmal einen rechten Begriff hatte. Was
verstand er von dem Betrieb einer Pflanzung? Er wollte wohl Bücher führen - aus
seinen früheren Studien in Deutschland hatte er die Kenntnis der
Staatsbuchhaltung mitgebracht und das Verständnis der englischen kaufmännischen
Buchhaltung war ihm schon in den ersten Wochen seiner Handels-Carriere in
New-York vollkommen klar geworden - dazu hatte er eine oberflächliche Kenntnis
der Baumwolle erhalten, da sie den Hauptexport-Artikel des Hauses, welches ihn
beschäftigte, gewesen war - aber welchen Begriff hatte er denn von dem Wesen
einer südlichen Pflanzung, von welcher ihm Isaac noch dazu geschrieben hatte,
dass sie eine der bedeutendsten im nördlichen Alabama sei? Und die nachlässige
Offenheit, mit welcher Elliot über seine Verhältnisse gesprochen und Helmstedts
Kenntnissen und Selbstständigkeit vertraut hatte, machte ihm das Herz noch
schwerer. Ein lautes Lachen Elliots störte ihn aus seinen Gedanken aus und liess
ihn erst jetzt bemerken, dass er an dessen Seite bereits ein ganzes Stück im
Freien hinter dem Hause zurückgelegt. Er durfte jetzt dem, was ihn beschwerte,
keine Macht über sich gestatten, wenn er nicht gleich zu Anfange unbeholfen und
linkisch erscheinen wollte.
    »Sehen Sie dort, Sir! ob Sie schon so was gesehen haben!« rief Elliot, von
Neuem lachend. Sie standen am Anfange der Senkung, auf welcher die Negerhütten
zerstreut lagen. Unten im Tale, über das sich bereits dunkle Abendschatten
gesenkt hatten, war ein grosses Viereck mit Brettern belegt, das von tanzenden
Schwarzen bedeckt war. Auf zwei Fässern standen zwei schwarze Violinkünstler,
beide mit den Füssen den Takt zu ihrer Musik stampfend, während der eine die
Touren einer eben aufgeführten Quadrille mit heiser geschrieener Stimme ausrief.
Rings umher trieben sich Gruppen anderer Schwarzen, Mädchen und Männer, lachend
und tollend durcheinander. Der Tanzplatz selbst aber bot eine treue Nachahmung
fashionabler Manieren. Die Tänzer, trotz des kalten Abends meist in weissen
Hosen, viele in alten Fracks und steifen Vatermördern, einige der grössten
Stutzer darunter sogar mit abgetragenen Glaçehandschuhen, bestrebten sich, ihre
Tänzerinnen mit so viel Grazie zu führen, als sich nur mit Kopswerfen und
Beinverdrehen erzielen liess, während die Stillstehenden mit süsszärtlich
gezogenem Gesichte sich zu ihren Schönen bogen; die Humoristen unter der
Gesellschaft aber tanzten mit einem virtuosenmässigen Fusstrommeln und
Händeschnippen, denen die groteskesten Sprünge folgten, Solo. - Mit jedem
Schritte, den Helmstedt näher herantrat, bot sich ihm ein neues Bild seltsamer
Lustigkeit und caricirten modernen Lebens. Bald standen sie mitten unter der
schwarzen Gesellschaft und die ihnen Nahestehenden rissen mit gutmütig
grinsender Höflichkeit die Hüte vom Kopfe.
    »Sind denn die Neger hier sämmtlich Ihr Eigentum?« fragte Helmstedt.
    »I, durchaus nicht,« lachte Elliot, »aber meine Leute geben heute Abend den
Schwarzen von der Nachbarfarm einen Ball, morgen sind sie wahrscheinlich selbst
wo anders hin eingeladen - das geht fort im Tanzen und Lustigmachen bis Neujahr;
was sie sich das Jahr über erspart haben - und das ist oft nicht unbedeutend,
weil jede Negerfamilie aus ihrer eigenen Hühner- und Schweinezucht oder
dergleichen so viel machen darf, als sie kann - das geht bei den Meisten am
Christtage wieder fort. Die Sorge für den morgenden Tag kennt freilich Keiner
von ihnen.«
    Beide waren auf den gedielten Tanzplatz getreten, wo eben ein Dutzend heller
Papierlaternen an die ringsum stehenden Bäume gehangen wurden, die das ganze
Schauspiel nur um so grotesker machten, und sahen sich das Treiben der
Neger-Gesellschaft, die sich in keiner Bewegung durch die Anwesenheit der neuen
Gäste stören liess, in der Nähe an - da tauchte nahe vor Helmstedt, wie ein
Sonnenblick zwischen dunklen Gewitterwolken, ein weisses lachendes Mädchengesicht
aus der schwarzen Menge auf, das vor Helmstedts überraschtem Blick leicht
errötete, dann sich aber nach dem herzutretenden Elliot wandte. »Meine Tochter
Ellen,« sagte dieser, sie dem jungen Mann leichtin vorstellend, »und das,«
wandte er sich zu ihr, »ist Mr. Helmstedt, der euch Frauenzimmern helfen wird,
den Winter hinzubringen!« Ein Blick, halb Scheu, halb Neugierde, aber voll
wunderbarer Klarheit, traf den Ankömmling, und er wollte eben einige höfliche
Worte sagen, als ein zweites jugendliches Gesicht neben dem ersten erschien, bei
dessen Anblick ihm die Rede erstarb. »Mistress Morton, unsere freundliche
Nachbarin!« fuhr Elliot in seiner Vorstellung fort, »wenn Sie uns recht fleissig
besuchen, Ma'am, können Sie auch etwas von unserem neuen Freunde abhaben.« Die
Dame verbeugte sich steif, Helmstedt aber wusste nicht, ob ihn ein Phantasiebild
ässe oder ob seine Augen trübe waren; das war Pauline Peters, wohl etwas
bleicher, als er sie zuletzt gesehen, und wenn auch nicht ein einziger Blick von
ihr verriet, dass sie ihn kenne, so lag doch derselbe weiche Zug um ihren Mund,
den er schon als Kind an ihr gekannt, und selbst die Mantille, welche sie trug,
war dieselbe, in der er sie zuerst in New-York gesehen. Mrs. Morton! Das war
derselbe Name, mit dem sie den ältlichen Herrn bezeichnet hatte, den sie »Onkel«
nannte und von dem sie abhing - der Mann war aus Alabama - es war schon richtig.
    »Es wird so kalt, dass ich besser tue, ich fahre nach Hause,« sagte sie,
sich an ihre junge Gefährtin wendend, »Mr. Morton ist ohnedies Abends nicht gern
ohne mich.«
    Der Hausherr warf zwar lachend ein, sie solle ihren Mann nicht verwöhnen und
es sei Unrecht, wenn sie den Abend nicht mit ihnen zubringen wolle; sie aber zog
ihren Ueberwurf höher und sagte mit einem Anflug der schelmischen Miene, welche
Helmstedt die ganze Scene im City-Hall-Park wieder vor Augen führte: Niemand
habe eine Vorstellung, was ihr Mann für ein Bär sei; dann nahm sie Ellens Arm,
winkte einer Mulattin, die bei Seite stand, ihr zu folgen, und sich leicht aber
vollkommen fremd gegen Helmstedt verbeugend, gingen die beiden schlanken
Gestalten dem Hause zu.
    »Well, Sir, ich denke, unser Tee wird fertig sein, und wir machen uns
ebenfalls wieder zurück, wenn Sie sonst nicht noch hier bleiben wollen,« sagte
Elliot, und für Helmstedt, dem jetzt mit einem Male das ganze Schauspiel vor ihm
langweilig, wenn nicht widerwärtig erschien, hätte keine willkommenere
Aufforderung stattfinden können. Sie folgten langsam den Damen, Elliot einzelne
Anekdoten von den Eigentümlichkeiten der Schwarzen erzählend, die er an das
eben verlassene Fest anknüpfte, zu denen aber Helmstedt immer nur das Gesicht
verzog, wenn er seinen Begleiter darüber lachen hörte, denn er selbst hatte vor
allerhand eigenen Gedanken, die ihm durch den Kopf fuhren, das Wenigste davon
gehört - und beide kamen beim Hause an, als eben der Besuch sich der Frau vom
Hause empfahl, von Ellen Elliot zum Abschied geküsst wurde und dann in die
bereitstehende zweisitzige Kutsche sprang, wo schon die Mulattin, Zügel und
Peitsche regierend, sass. Helmstedt fing, nahe dabei stehend, noch einen ihrer
letzten Blicke auf, aber keine Miene, oder auch nur der leiseste Farbenwechsel
deutete auf eine innere Bewegung; das Pferd zog an und der Wagen rollte der
Strasse zu, die Familie wandte sich nach ihrem Hause, wo Sarah meldete, dass das
Abendbrod bereit sei und den eintretenden Helmstedt mit grossen neugierigen Augen
musterte.
    »Well, Sir, wir sind heute allein, und müssen uns den ersten Christtag
selbst so angenehm als möglich machen,« sagte Elliot, als er dem jungen Manne
seinen Platz am Teetische, Ellen gegenüber, anwies, »Sie werden aber müde sein,
sonst hätten Sie uns heute noch etwas spielen und singen müssen, ich verstehe
zwar nicht viel von der Kunst, wie Ellen sagt, 's ist aber was Hübsches um die
Musik bei geschlossenen Fensterladen und einem hellbrennenden Feuer.«
    »Woran man gewöhnlich süss einschläft!« fiel Ellen lachend ein, wurde aber
auch zugleich mit einer hellen Röte übergossen, als habe sie sich zu weit gehen
lassen.
    »Well, warum nicht?« sagte Elliot launig, »das ist eben die Macht der Musik,
oder auch vielleicht nur deiner Musik, 's kommt eben auf die Probe an, wenn ich
etwas Anderes zu hören bekomme. - Uebrigens hast du jetzt einen so grossen
Bewunderer an Mrs. Morton, dass du mich wohl ruhig schlafen lassen kannst.«
    »Ist Mrs. Morton aus dem Osten?« begann Helmstedt, - »mir ist es, als hätte
ich sie schon in New-York gesehen.«
    »Ich glaube, sie ist eine New-Yorkerin,« erwiderte Elliot, »jedenfalls kann
sich aber Morton zu dem Frauchen gratuliren, wenn sie auch wirklich arm sein
soll, wie es heisst. Seine Tochter ist durch ihre Erziehung und die alljährlichen
Badereisen so fashionable geworden, dass sie sich hier auf dem Lande unglücklich
fühlt und anstatt das Haus heiter zu machen, einen verdriesslichen,
schwermütigen Nebel über alles wirst.«
    »Vater,« sagte Ellen mit einem Vorwurfe im Gesichte, der ihrem kleinen Munde
wunderhübsch stand, »du redest so hart und kennst Alice gar nicht. 'S ist kaum
erst sechs oder acht Monate her, dass sie so ist, aber es liegt ihr etwas auf dem
Herzen, das sie drückt - sie war früher nie froher, als wenn sie aus dem Osten
wieder nach Hause kam.«
    »Du bist falsch, Kind,« sagte der Alte mit einem halb sarkastischen
Gesichtsausdrucke. »Herz ist nicht mehr fashionable, die Nerven sind jetzt bei
den Damen nur noch in der Mode, also hat sie ein Nervenleiden, das klingt gleich
ganz anders.«
    »Vater, das ist hässlich von dir, du tust Alice Morton Unrecht.«
    »Gut also, ich tue ihr Unrecht, ich kann aber diese Gesichter, die immer
aussehen wie Regen und zusammenzucken, wenn Jemand ins Zimmer tritt, als wären
Sie keinen Augenblick sicher vor einem Ueberfall, nicht leiden.«
    Ellen nickte wie ein halbtrotziges Kind und sah vor sich auf ihren Teller,
Mistress Elliot aber strich ihr mit einem kleinen Lächeln das Haar. »Weisst ja,
Vater spricht schlimmer, als er's meint!« sagte sie; »morgen macht jedenfalls
Mr. Baker einen Besuch, da kannst du dich rächen und deinen Zorn an ihm wieder
auslassen.«
    Das Mädchen sah langsam auf und um ihren Mund lagerte sich ein
unbeschreiblicher Zug von Widerwillen. »Ich kann ihm nicht wehren, zu kommen;
wär' er aber ein Gentleman, so wär' er längst weggeblieben; nach dem, was ich
ihm gesagt,« erwiderte sie, »mich soll er wenigstens nicht wieder treffen,
entweder bin ich morgen krank oder ich reise irgendwohin zu Besuch.«
    Elliot strich sich lächelnd das Kinn. - »Du tust ihm Unrecht, du kennst ihn
gar nicht!« sagte er.
    Das Mädchen sah ihm rasch ins Gesicht. »O, das ist Revanche, aber mich
fängst du nicht so, Papa!« rief sie und vor dem aufsteigenden Mutwillen schwand
jede Spur des Unwillens aus ihrem Gesichte, »ich reite morgen aus.«
    »Dick ist zur Partie geladen und kann dich nicht begleiten!«
    »Well - vielleicht will sich Mr. Helmstedt einmal die Gegend ansehen,« -
erwiderte sie zögernd mit einem fragenden Blick auf diesen.
    »Ich stehe mit allen meinen Kräften zu Befehl, Miss!« sagte Helmstedt, den
bei der durchgespielten Familienscene ein vollkommen heimisches Gefühl
überkommen hatte, »wenn Mr. Elliot nicht anders über mich bestimmt.«
    »Ja, vor dem neuen Jahre, wo Alles erst wieder in Ordnung kommt, werden wir
freilich an keine andere Arbeit gehen können, als uns mit den Weiberlaunen
herumzuschlagen,« erwiderte dieser; »jetzt aber wollen wir Sie nicht länger bei
uns halten, Sie sind gewiss von der Reise müder, als wir berücksichtigt haben!«
fuhr er fort und erhob sich vom Tische.
    »Und wann soll ich morgen zu Diensten stehen, Miss?« fragte Helmstedt.
    »Ich bin fertig, sobald Sie ordentlich ausgeschlafen haben,« erwiderte sie
in voller Zutraulichkeit und liess ihn ruhig in ihr helles Auge sehen. -
    Helmstedt sass in seinem Zimmer auf dem Schaukelstuhle am Feuer und überliess
sich seinen verschiedenartigen Gefühlen. Bald war ihm, wenn er den
Familienkreis, in den er getreten, und das Entgegenkommen seines Principals
überdachte, als habe ihm das Schicksal einen Weihnachtsbaum mit tausend Lichtern
angebrannt, bald aber legte sich die Sorge, wie es möglich sei, den Hauptteil
seiner Stellung auszufüllen, wie eine finstere Wolke darüber, daraus aber
tauchte Ellens helles Gesicht hervor, wie aus der Masse der schwarzen
Gesellschaft, bis Pauline Peters sich mit ihr vor seinen Geist stellte, das
Mädchen, das sich vor kaum vier Monaten in voller Liebe an seinen Hals gehangen
und jetzt in Kälte eingehüllt ihn von oben herab ansah. Die Wärme des Feuers
hatte bald seine Wirkung ausgeübt, die Bilder verwirrten sich und bald war er
eingeschlafen. Wie lange er so zugebracht, wusste er nicht, aber ein leises,
wiederholtes Pochen an eines der Fenster weckte ihn; er horchte, das Pochen
wiederholte sich. Er öffnete den geschlossenen Fensterladen und sah hinaus.
Draussen stand der Pedlar.
    »Machen Sie mir die Tür, gleich im Gange neben Ihrer Stubentür, auf,«
sagte er leise, »ich möchte Einiges mit Ihnen reden und mag nicht das ganze Haus
wieder aufwecken - die Nigger schlafen fest wie die Ratten.«
    Helmstedt, wenn auch etwas überrascht, befolgte die Weisung und bald trat
der alte Mann mit leisem Schritte ins Zimmer.
    »Sie müssen es mir nicht übel nehmen, wenn ich Sie noch so spät aufwecke,«
sagte er und zog sich einen Stuhl aus Feuer, »aber ich gehe morgen für eine
Woche oder zwei weiter südlich und möchte Sie Ihrer selbst wegen vorher
sprechen. Sie machen sich doch nichts d'raus, wenn Sie eine halbe Stunde Schlaf
verlieren?«
    »Ich spreche mit Ihnen die ganze Nacht wenn Sie's verlangen, geben Sie mir
nur erst Ihre Hand,« erwiderte Helmstedt, »ich habe schon lange gewünscht, Sie
wiederzusehen und Ihnen meinen Dank auszusprechen.«
    Isaac nickte still mit dem Kopfe und reichte ihm seine Hand zu einem kurzen
Drucke hin, »'s ist schon recht dem Danke,« sagte er, »aber Sie haben's mir
früher selbst einmal auf die Zunge gelegt, der Jud' tut nichts ohne Profit und
mit dem blossen Danke ist nichts zu verdienen. Werden's erleben, ob bei Ihnen
mehr dahinter steckt als Worte.«
    »Haben Sie irgend etwas auf dem Herzen, so kommen Sie heraus damit,«
entgegnete Helmstedt und nahm seinen früheren Platz wieder ein, »was sich mit
eines Menschen Ehre verträgt, können Sie von mir verlangen.«
    »Wird sich alles ausweisen; jetzt wollt' ich von was Anderm reden. Hat Mr.
Elliot schon über Ihr Geschäft mit Ihnen gesprochen?«
    »Ja, ich weiss aber ehrlich gestanden noch nicht, wie ich damit durchkommen
soll, mir sind die Verhältnisse hier so vollkommen fremd, dass es mir wie ein
Stein auf dem Herzen liegt, wenn ich nur daran denke.«
    Isaac nickte wieder mit dem Kopfe. »Wenn Sie sie nicht kennen, weiss ich
Bescheid,« sagte er, »und Sie sollen schnell genug darin zu Hause sein - hab'
keine Angst bei Ihnen; das hat aber Zeit, bis ich wiederkomme. Sehen Sie sich
nur vorläufig die Bücher und Papiere durch, damit Sie eine deutliche Vorstellung
bekommen, was und wo's bei Ihnen fehlt, nachher sprechen wir weiter. Jetzt
möchte ich Ihnen nur ein päar Worte über allgemeine Verhältnisse sagen und dann
eine Meinung von Ihnen hören.« Er strich sich mit der Hand langsam über das
hagere Gesicht und machte eine Pause, als überlege er, wie anzufangen. »Sie
haben wohl schon gehört,« begann er endlich, »dass der Platz, wo der ganze Handel
Amerika's zusammenkommt, New-York ist. New-York versorgt das Land mit Allem, was
von auswärts eingeführt wird, und von dort bezieht hauptsächlich der Süden auch
alle seine Bedürfnisse an Schuhen und Kleidern, wie an Möbeln, Haus- und
Feldgerät, die in unserem Norden fabrizirt werden. Was aber hiergegen der Süden
an Baumwolle, Tabak und anderen Producten erzeugt, davon geht wieder der grösste
Teil zum Verkauf oder zur Spedition nach New-York und der doppelte Handel mit
dem grossen Süden hat fast allein New-York zu dem gemacht, was es ist. So weit
wäre die Sache gut, es gibt aber in diesem Verhältnis auch grosse Gefahren und
Schattenseiten. Der Süden ist weit weg von New-York und es kann nur durch langen
Credit mit den Kaufleuten hier unten gearbeitet werden; es ist aber schwer,
einen richtigen Nachweis über den Stand der Handelshäuser zu bekommen; die
Menschen hier sind an kostspielige Lebensart und allerhand Ausschweifungen
gewöhnt; und Mancher, der zu einer Zeit für sicher galt, war drei Monate später
ruinirt, ohne dass seine Leute in New-York, durch deren Credit er sich nur noch
hielt, eine Ahnung davon hatten. Summen sind schon in den südlichen und
südwestlichen Staaten verloren worden, die, wenn die Verluste nicht verteilt
gewesen wären, manches grosse Haus zum Wanken gebracht hätten. Ich hatte einen
Schwager in New-York, der sich gegen meinen Rat mit mehreren Kaufleuten hier
unten einliess, mein eigenes sauer erarbeitetes Geld steckte im Geschäft und ein
Jahr darauf waren wir zusammengebrochen. Mein Schwager nahm sich die Geschichte
so zu Herzen, dass er sich hinlegte und starb; seine Tochter musste nach einem
andern Unterkommen suchen, fiel aber in schlechte Hände und nahm sich, als sie
die Folgen an sich spürte, das Leben; meines Schwagers kleinen Jungen,
denselben, den sie in New-York gesehen, nahm ich zu mir, und ich selber fing
wieder an wie vor zwanzig Jahren: ich hausirte. Davon aber,« fuhr er fort, sich
wieder langsam über das Gesicht streichend, »wollte ich eigentlich nicht reden.
Sie werden es wohl selbst natürlich finden, dass die New-Yorker endlich Versuche
machten, sich gegen solche Verluste, die oft selbst bei der grössten Vorsicht
nicht ausblieben, zu schützen und Massregeln zu treffen, um in immerwährender
Kenntnis von dem Stande und dem Tun ihrer alten Kunden zu bleiben, so wie
sichere Nachrichten über neue zu bekommen; es sollte eine Beaufsichtigung durch
den ganzen Süden und Südwesten errichtet werden, natürlich im Geheimsten, wenn
es etwas fruchten sollte, und mag Einer die Sache ansehen, wie er will, so
bleibt sie nichts anderes, als eine gebotene Notwehr. So viel ich weiss, sind
von mehreren bedeutenden New-Yorker Häusern schon Schritte zur Ausführung
getan, und für einen gescheidten, zuverlässigen Mann, der als Agent der
Gesellschaft in einem Teile des Landes arbeiten will, der die Augen überall
offen haben kann, gibt es keine bessere Gelegenheit, um seine Zukunft zu
sichern, als diese. Er kommt mit den ersten Kaufleuten im Osten in genaue
Verbindung, er kann, wenn er sich nach einiger Zeit Uebersicht der Verhältnisse
genug erworben, ein eigenes Geschäft aufrichten, was sogar für seine Stellung
notwendig sein müsste, und an den nötigen Unterweisungen für den Anfang würde
es nicht fehlen.«
    Helmstedt hatte bei der letzten Wendung, den die Rede nahm, den Kopf
erhoben. »Nun?« sagte er, als der Pedlar inne hielt.
    »Nun, ich möchte wohl Ihre Meinung hören, was Sie von der Sache denken.«
    »Das heisst also, der gescheidte und zuverlässige Mann soll ich sein.«
    »Sie könnten es werden, von sollen ist keine Rede.«
    Helmstedt rieb sich die Stirne. »Ich wollte, Sie sprächen geradezu mit mir,
Isaac,« sagte er nach kurzem Nachdenken, »sprächen: ich habe gemeint in Ihnen
einen Werkzeug für uns ziehen zu können, habe Ihnen deshalb aus der Not
geholfen, aber eben nur so weit, dass sich erkennen liess, was an Ihnen ist; -
habe Sie deshalb, als Sie das Nötigste gelernt hatten, hierher nach dem Süden
in eine Stellung gebracht, in der Sie sich ohne Verdacht zu erregen mit allen
Verhältnissen vertraut machen können, und jetzt setze ich voraus, dass Sie nun
auch meine Erwartung erfüllen.«
    »Richtig, lieber Herr,« nickte der Pedlar, »und wenn's nun auch so wäre? Ich
freue mich über Ihren Scharfblick und möchte nur noch hinzusetzen, dass Sie mit
Ihrem vornehmen Wesen gerade wie für die Südländer gemacht sind und Ihrem
Charakter nach, auf den man sich auch in unangenehmen Lagen verlassen kann, sind
Sie der Mann für uns. Das Geschäft mag Ihnen vielleicht jetzt unangenehm
vorkommen; Jeder aber, der es führt, wird es zu dem machen, was er selber ist.
Der gemeine Mensch wird ein Spionirmesser daraus bilden - ein anderer aber mag
der stille Verbesserer aller Handelsverhältnisse in seinem Umkreise werden, mag
wie der Gärtner die wilden Zweige abschneiden, dass die guten desto mehr Kraft
gewinnen -«
    »Isaac,« unterbrach ihn Helmstedt, langsam mit dem Kopfe schüttelnd, »'s mag
sein, dass Sie's gut meinen, aber ich fürchte, Sie haben sich in mir geirrt.
Verlangen Sie, ich soll noch ein ganzes Jahr um das nackte Leben arbeiten, und
ich will es tun, wenn Ihnen ein Gefallen damit geschieht; aber für ein Geschäft
wie das angebotene bin ich nicht gemacht, meine ganze Natur sträubt sich
dagegen.«
    »'S ist schon so, wie ich mir's ungefähr dachte,« sagte der Alte, »aber ich
meine, Sie haben zu viel Verstand, als dass Ihr Widerwille anhalten sollte, und
ich möchte, dass Sie die Sache ordentlich überlegten, bis ich wiederkomme. Damit
Ihnen aber kein Punkt dazu fehle, will ich Ihnen noch ein paar andere Worte
sagen. Sie sind hier so freundlich aufgenommen worden, dass Sie mehr als
zufrieden sind. In jeder andern Familie der Umgegend wäre Ihnen dasselbe
begegnet, denn es gibt auf der Welt nirgends Leute, die gegen Jeden so viel
äusserliche biedere Höflichkeit zeigen, als du reichen Pflanzer und Kaufleute der
südlichen Staaten, und darum lebt sich's auch nirgends besser als unter diesen
Leuten. Mit der äusseren Freundlichkeit hat aber auch die Sache gegen den
Geringeren, oder wen sie dafür ansehen, ihr Ende und wer auf Herzlichkeit oder
allgemeine Teilnahme dahinter rechnet, betrügt sich bitterlich. Lassen Sie
heute merken, dass Sie der Mann nicht sind, für den Sie gehalten worden, so sind
Sie morgen brodlos und für diese Leute gar nicht mehr in der Welt - was aus
Ihnen wird, ist Ihre Sorge; - mögen Sie bei einer Stellung wie Ihre jetzige in
einer Familie scheinbar mit den Uebrigen auch auf ganz gleichem Fusse stehen und
Sie liessen sich auf einem vertrauteren Tone gegen eine der Töchter ertappen, sei
es auch nur so weit, wie es sich die jungen Amerikaner in der Nachbarschaft
jeden Tag erlauben, so würde Ihnen geschwind genug der ungeheure Unterschied
zwischen Ihnen, der nichts hat und nicht einmal Amerikaner ist, und den übrigen
jungen Leuten klar gemacht werden. Verstehen Sie mich wohl, ich sage Ihnen dies
Alles nur, damit Sie den Boden kennen lernen, auf dem Sie hier stehen, und sich
nicht zu Ihrem eigenen Schaden falsche Vorspiegelungen machen.«
    »Und wenn ich trotzdem Nein sagte, was dann?«
    »Legen Sie sich ins Bett, schlafen Sie und sehen Sie sich morgen die Sache
bei Sonnenlicht an -«
    »Warten Sie, Isaac, wollen Sie mich durch die Drohung zur Annahme zwingen,
dass ich am Ende hier als unbrauchbar entlassen würde, dass ich durch mein blindes
Vertrauen hier im fremden Lande ohne jeden Bekannten rat- und hilflos dastehen
müsste?«
    »Sie erhitzen sich, lieber Herr, und das taugt nichts für eine ruhige
Unterredung,« sagte der Alte und erhob sich langsam. »Denken Sie bei meiner
Zurückkunft noch immer so wie heute, so habe ich Ihnen zu viel Einsicht und
Unternehmungsgeist, um einmal Ihr Glück in Amerika zu machen, zugetraut, und wir
sind geschiedene Leute; wollen Sie dann wieder nach New-York zurück, so sollen
Sie dazu in den Stand gesetzt werden, das, denke ich, wird Sie wenigstens über
jede Zwangsdrohung beruhigen. Gute Nacht.«
    »Isaac, Sie sind mir böse,« sagte Helmstedt aufstehend, »ich kann Ihnen aber
versichern -«
    »'S ist besser, Sie lassen die Redensarten, bei denen eben so wenig
herauskommt, wie beim Danksagen,« erwiderte der Pedlar nach der Türe gehend,
»überlegen Sie morgen ruhig - Schwindelei und halben Diebstahl zu verhindern,
ist, glaub' ich, gegen keines Menschen Ehre - und nach Neujahr frage ich noch
einmal zu.« Damit öffnete er die Tür und der Zurückbleibende hörte bald darauf
seine Schritte ausserhalb des Hauses. Helmstedt ging nach, um die ins Freie
führende Tür wieder zu verriegeln, und suchte dann sein Bett. Lange währte es
aber, ehe er einschlafen konnte. Dass der Alte sich nicht aus reiner
Menschenliebe in New-York um ihn bekümmert, ihm sodann die jetzige Stellung
verschafft und auch noch das nicht unbedeutende Reisegeld dazu gesandt, hatte
ihm schon längst scheinen wollen, er war sogar auf irgend einen Anspruch
desselben vorbereitet und entschlossen gewesen, seine Verpflichtung gegen ihn
nach Kräften und auf irgend eine Weise abzutragen - aber sich als Spion zu
verkaufen!? Und mochte er auch die Sache im besten Lichte betrachten, mochte er
sich sagen, dass zehn Andere die Gelegenheit ohne zu grosse Scrupel ergriffen
hätten, um sich eine Zukunft zu gründen - die Grundbedingung des Geschäftes, die
Spionage, blieb immer stehen und er fühlte, dass er eher zu Grunde gehen könne,
als danach zu greifen. Mochte auch der Jude, der seinen Widerwillen nicht
verstehen konnte, ihn in seiner Unkenntnis der Verhältnisse ohne Rat lassen, er
wollte sein Bestes versuchen, um auf irgend einem Wege die übernommene Aufgabe
durchzuführen und das Uebrige dem Schicksale überlassen. Es wurde ihm leichter,
als er zu diesem Entschlusse gelangt war. Er dachte an Isaacs Bemerkungen über
den Charakter der südlichen Amerikaner. Ellens frisches, süsses Gesicht trat vor
ihn, wie sie in voller Zutraulichkeit ihn angelächelt und ihn zu einem
Morgenritte aufgefordert - war das wirklich nur ein Sichgehenlassen, weil er in
den Augen der Familie so tief stand, dass bei ihm keine Gefahr vorhanden und
keine Zurückhaltung erforderlich war? Er vergegenwärtigte sich ihre klaren,
dunklen Augen, um den Ausdruck darin wieder zu finden, der ihm so wohlgetan;
sie standen noch vor ihm, während er einschlief und folgte ihm in seine Träume.
 
                                Viertes Kapitel.
                                 Wiederfinden.
Es musste schon spät sein, als Helmstedt am andern Morgen erwachte. Die Sonne
hatte sich durch die geschlossenen Jalousien Bahn ins Zimmer gebrochen und das
Feuer, das wie es schien bei Zeiten angezündet worden, war schon fast herunter
gebrannt. Er sprang rasch auf und vermisste einmal wieder mit Schmerzen seine
gestohlene Uhr. Bald war er in den Kleidern und ging nach dem Speisezimmer, wo
Sarah bereits mit dem Aufräumen der Frühstücksreste beschäftigt war. Sie zeigte
ihm lächelnd ihre blitzweissen Zähne und machte ein frisches Gedeck zurecht.
    »'S ist wohl schon ziemlich spät?« fragte Helmstedt, »es tut mir leid, dass
ich nicht früher aufgewacht.«
    »Erst neun Uhr vorüber, Sir!« erwiderte die Schwarze, »Mr. Elliot wollte
haben, dass Sie nicht gestört würden.«
    Helmstedt trat ans Fenster und sah bereits zwei Pferde gesattelt, an einen
Baum gebunden, stehen - er machte sich eilig an das aufgetragene Frühstück und
hatte nicht einmal ein Auge für die graziösen Wendungen, in denen sich Sarah
geschäftig um ihn bewegte und ihre seine Taille zeigte. »Wollen Sie wohl Miss
Ellen sagen, dass ich bereit bin?« sagte er nachdem er eben nur das Notwendigste
zu sich genommen, und als die Schwarze das Zimmer verlassen, trat er hinaus ins
Freie. Der Morgen war kalt, auf dem Rasen waren trotz der hochstehenden Sonne
noch überall Reifstreifen bemerkbar, die roten und braunen Baumblätter hingen
schlaff an den Zweigen, der Frost einer Nacht schien sie vollständig geknickt zu
haben - darüber aber spannte sich ein reiner tiefblauer Himmel aus und verhiess
einen prachtvollen Tag. - Das Rauschen von Kleidern liess Helmstedt sich
umdrehen. Ellen trat eben frisch und lachend wie der junge Morgen aus dem
Portico heraus und nickte ihrer Mutter, die zu einem der Frontfenster heraussah,
einen Abschiedsgruss zu. Ein blaues Reitkleid sass knapp um den obern Teil ihres
Körpers und ein schwarzes mit einer einzigen Feder geschmücktes Hütchen keck auf
ihrem Kopfe; die linke Hand, mit einem seinen Stulpenhandschuhe versehen, hielt
das Kleid vom Boden und an der rechten hing eine kleine zierliche Reitpeitsche.
»Fertig, Mr. Helmstedt?« sagte sie mit demselben klaren Lächeln vom Abend zuvor
und sprang leicht auf die kleine erhöhte Platform, welche zum bequemern
Aufsitzen für reitende Damen neben dem Portico errichtet war. Der junge Mann
beeilte sich, ihr Pferd vorzuführen, und kaum hatte sie sich zurechtgesetzt, als
sie auch schon nach einem kräftigen Schlage mit der Reitgerte davon sprengte.
Helmstedt stand einen Augenblick nachschauend und bewunderte die Sicherheit mit
der sie ihr lebhaftes Tier regierte, dann aber schwang er sich selbst in den
Sattel und galoppirte nach. Bald ritten beide, ihre Pferde zu ruhigerem Schritte
zwingend, auf der Strasse nebeneinander her, Ellen mit frei aufgerichtetem Kopfe
die Gegend überblickend, Helmstedt sich mit seinem Pferde beschäftigend. Er
hätte gern ein Gespräch angeknüpft, aber ihm waren, als er die schlanke Gestalt
seiner Begleiterin betrachtete, deren Haltung und Äußeres vollkommen ihre
Stellung im Leben ausdrückte, Isaacs Bemerkungen vor die Seele getreten und
daneben schoss ihm die Erinnerung durch den Kopf. »Dick kann dich auf deinem
Ritte nicht begleiten,« hatte Elliot den Abend zuvor gesagt - »so mag's Mr.
Helmstedt tun!« - Er war im Grunde doch nur der begleitende Diener, der
Unterschied lag nur in der Hautfarbe.
    »Sehen Sie dort drüben das weisse Haus?« begann jetzt Ellen; »dort wohnt Mrs.
Morton, die Sie gestern Abend gesehen; wollen wir den Weg dahin einschlagen, dass
wir doch wenigstens ein Ziel haben?«
    »Sie haben nur zu befehlen, Miss!«
    »Befehlen!« rief sie, den Kopf rasch nach ihm wendend, »sind Sie immer so
steif, Sir? Mir war's, als ich Sie gestern Abend mit dem Vater ankommen sah, als
müsste nun ein Leben voll lauter Lust und Unterhaltung losgehen, und nun sprechen
Sie kein Wort.«
    »Ich wusste wirklich nicht, Miss Elliot, ob Ihnen ein Gespräch angenehm sein
würde!« erwiderte Helmstedt, dem eine Empfindung das Blut ins Gesicht trieb, er
wusste nicht, war's Freude oder Aerger über sich selbst.
    »Ich glaube, Sie haben einen ganzen Sack voll New-Yorker seinen Ton nach
unserem Hinterwalde mitgebracht!« rief sie lachend, »was wollen denn zwei
Menschen anders tun als sprechen, wenn sie allein mit einander auf der Strasse
sind? Lassen Sie uns schärfer zureiten, dass wir warm werden, dann wird das
Plaudern vielleicht besser gehen!« und mit einem neckischen Seitenblicke nach
ihm trabte sie auch schon von seiner Seite. Ihr Begleiter liess seinem Pferde den
Zügel und folgte. »Sitzen Sie wohl fest, Sir?« rief sie mutwillig, als er heran
kam, und liess ihr Pferd in Galopp übergehen; - »die Strasse ist wunderhübsch eben
für ein kurzes Rennen!«
    »Versuchen Sie, was ich leisten kann!« erwiderte er, und dahin sausten die
beiden Pferde, Helmstedt das seinige genau nach der Schnelle des ihrigen regelnd
und dann und wann einen Blick in ihr Gesicht werfend, aus dem das lebendige
Vergnügen strahlte. Sie sprengten eben an einer Waldecke in die gänzlich offene
Gegend hinaus, als das junge Mädchen ihr Pferd so plötzlich zügelte, dass
Helmstedt eine kurze Strecke vor ihr vorbeischoss. Umwendend sah er, wie sie ihr
schnaufendes Tier zum Stillstand nötigte und scharf nach einem Gegenstande vor
ihnen auf der Strasse blickte. »Dort kommt der unangenehmste Mensch, den ich nur
kenne,« sagte sie und strich sich das Haar aus dem erhitzen Gesichte, »er muss
uns schon gesehen haben, sonst wendete ich geradewegs wieder um! Bitte, Mr.
Helmstedt, bleiben Sie hart an meiner Seite, damit er mich wo möglich gar nicht
anspricht.«
    Ein Stück vor ihnen kam ein Reiter auf sie zu, es waren bekannte
Gesichtszüge für Helmstedt, wenn er auch nicht gleich wusste, wo damit hin, bis
ihm plötzlich die Erinnerung den Abend vor seiner Beraubung in New-York
vorführte - es war Baker, Seiferts damaliger Begleiter. Zu weiteren Gedanken
hatte er nicht viel Zeit, denn Ellen ritt bei Bakers Nahen hart an die
Feldeinzäunung längs des Weges, augenscheinlich um an dieser Seite keinen Platz
neben sich zu lassen, und forderte ihren Begleiter mit einem Blicke zum Folgen
auf. »Jetzt ist die Zeit zum Plaudern da, Sir,« sagte sie und bog sich, als
wären sie schon jahrelange Bekannte, zu ihm, »ich werde Ihnen erst eine ganze
Menge erzählen, wenn auch nicht viel Sinn darin ist; die Hauptsache ist, dass wir
gar nicht tun, als bemerkten wir den Mann; und nun geben Sie mir auch eine
Antwort, dass die Sache natürlich aussieht.«
    »Wohnt der Herr hier in der Nachbarschaft?« fragte Helmstedt, der jetzt
keiner Erfindung zur Aufnahme des Gesprächs bedurfte, - »ich habe ihn kürzlich
in New-York gesehen -«
    »Ich weiss wirklich gar nichts, als dass er der unausstehlichste Mensch ist,«
unterbrach ihn das Mädchen, »und dass meine Mama den schlechten Geschmack hat,
ihn liebenswürdig zu finden und mich mit seiner Gesellschaft zu quälen.«
    »Guten Morgen, Miss Elliot!« klang Bakers Stimme, der mit seinem Pferde vor
dem ihrigen hielt, dass es zum Stillstand gezwungen war, »ich wollte mir eben das
Vergnügen machen, Ihnen in Oaklea einen Besuch abzustatten.«
    »Well, Sir, Sie finden Mama zu Hause,« erwiderte das Mädchen, ohne ihn
anzublicken, »wollen Sie uns nur jetzt den Weg frei machen!«
    Helmstedt sah ein halbspöttisches Lächeln um Bakers Gesicht zucken. »Ich
wollte aber eben nur Sie sehen, Miss Elliot, und Sie werden doch sicher so
höflich sein, ein paar Worte von mir anzuhören?«
    Ellens Gesicht begann sich höher zu färben, aber ihrer Entgegnung kam
Helmstedt zuvor.
    »Wollen Sie so freundlich sein, der Dame freien Weg zu geben, die unter
meinem Schutz ist? Oder gedenken Sie hier irgend einen Zwang auszuüben?« sagte
er mit fester Ruhe und trieb sein Pferd einen Schritt weiter vor.
    Baker warf einen Blick auf ihn, als bemerke er ihn erst jetzt. »Lächerlich!«
sagte er, die Achseln zuckend, »Zwang! ich spreche Miss Elliot mit Genehmigung
ihrer Eltern und so wird sie mir wahrscheinlich jetzt für ein paar Minuten den
Platz an ihrer Seite erlauben!«
    »Nein, sie wird nichts erlauben, Sir!« rief jetzt Ellen, das blitzende Auge
auf ihn richtend, aber mit einem Zittern der Stimme, das ihre innere Aufregung
verriet. »Sprechen Sie mich mit Genehmigung meiner Eltern, so mögen Sie's auch
in ihrer Gegenwart tun - lassen Sie mich vorüber!«
    »Well, Miss, Sie sind noch so jung und dabei doch so verständig, wie ich in
der letzten Zeit oft gesehen,« sagte Baker mit halblauter Stimme, sich über den
Hals seines Pferdes biegend, »jetzt aber übermannt Sie das junge Blut - Sie
wissen ja nicht, wie wichtig das ist, was ich Ihnen zu sagen habe, aber in
Gegenwart eines mir Fremden nicht kann, vielleicht der Interessen Ihrer eigenen
Familie halber nicht sagen darf - zu Haus weichen Sie mir aus -«
    »Eben weil ich zu solchen wichtigen Dingen noch zu jung bin!« rief sie und
gab im Aerger ihrem Pferde einen Schlag, dass es sich bäumte, Helmstedts Pferd
bei Seite drängte und auf die Mitte der Strasse sprengte; Baker wollte an ihre
Seite gelangen, aber Helmstedt hatte sein Pferd schon dazwischen geschoben.
»Halt an, Sir, Sie haben die Meinung der Dame gehört, tun Sie keinen Schritt
weiter, oder ich behandle Sie nicht als Gentleman!« rief er. Baker zog die
Brauen zusammen und mass ihn mit finsterem Blicke. »Well, Sir,« sagte er, »ich
werde das Vergnügen haben, Sie an einem andern Orte zu treffen, vorläufig
erbitte ich mir Ihren Namen!«
    »Tut mir leid, dass Sie ihn vergessen haben, Sir; Ihr Freund Seifert machte
Sie schon einmal damit bekannt. Ich heisse Helmstedt und wohne jetzt im Hause des
Mr. Elliot.«
    Bakers Gesicht überflog eine leichte Blässe. »Seifert?« wiederholte er,
»soll es eine neue Beleidigung sein, dass Sie mich und den Spieler zu Freunden
machen? Haben Sie mich vielleicht einmal im Riverhause getroffen, obgleich ich
mich dessen nicht einmal entsinne, was berechtigt Sie, den Menschen zu meinen
Freunden zu zählen?«
    Helmstedts Augen wurden grösser. »Also ist er doch hier mit Ihnen?« sagte er
nach einem Augenblicke langsam, »Sie haben wohl vergessen, dass Sie Beide New-York
mit einander verliessen? 'S ist genügend, was ich weiss, im Uebrigen stehe ich
Ihnen zu irgend einer Zeit zu Diensten!« Damit wandte er sein Pferd und trabte
davon, um seine Begleiterin einzuholen, welche, ohne die beiden Männer aus den
Augen zu lassen, sich bereits ein Stück entfernt hatte. Baker sah ihm mit
aufeinander gebissenen Lippen nach, warf dann sein Pferd herum und verfolgte
seinen früheren Weg weiter.
    »War ich doch so froh heute Morgen, und nun muss mir die Begegnung die ganze
Laune verderben,« sagte Ellen, als Helmstedt wieder an ihrer Seite ritt, »ich
weiss nicht, was sie zu Hause alle an dem Manne finden, Vater, Mutter und selbst
Sarah; ich kann's gar nicht ausdrücken, was ich fühle, wenn er nur sein Auge auf
mich heftet - bisweilen komme ich mir vor wie eine arme hilflose Fliege, um die
eine Spinne anfängt ihre Fäden zu schlingen.« Sie gab wie in innerem Unmut
ihrem Pferde einen neuen Schlag und galoppirte davon, zügelte es aber bald
wieder und liess ihren Begleiter herankommen. »Nicht wahr, Sie lachen mich nicht
aus?« sagte sie mit einem so zutraulich bittenden Blick im Auge, dass in
Helmstedts Herzen jedes drückende Gefühl über seine Stellung, das noch
zurückgeblieben sein mochte, wie leichter Schnee vor der Sonne zerrann, »ich
meine, Sie lachen nicht innerlich über mich, dass ich mich so gegen Sie gehen
lasse?«
    »Sprechen Sie nur, Miss Elliot, wenn es Sie dazu drängt,« erwiderte er, »und
denken Sie, Sie hätten einen verschwiegenen Bruder neben sich; ich verstehe Ihre
Empfindung gegen den Menschen vollkommen, und wenigstens in einer
unbeschreiblichen Abneigung gegen ihn haben Sie in mir einen Bundesgenossen.«
    »Haben Sie ihn schon früher gekannt?« fragte Sie lebhaft, »Vater sagt, er
sei reich, er solle aus dem Süden des Staates sein; Mutter spricht von seiner
Liebenswürdigkeit und« - sagte sie stockend, während ein hohes Rot ihr Gesicht
übergoss, »und ich mag gar nicht daran denken, wozu sie mir das sagen.« Sie trieb
ihr Pferd an, als wolle sie Helmstedts Blicken entgehen, der erst nach einer
Weile wieder an ihrer Seite ritt.
    »Ich weiss nicht, ob Sie Ihr Gefühl gegen den Mann nicht vollkommen richtig
leitet, Miss,« begann er, seinem Pferde die Mähne glatt streichend, »ich habe
eine Ahnung, dass mit ihm nicht alles ist, wie es sein soll, und ich glaube, ich
kann mir bald Gewissheit verschaffen, wenn Sie meinen Dienst nur annehmen
wollen.«
    »Glauben Sie das?« rief sie rasch aufschauend, »ich wollte Ihnen so von
Herzen danken - aber wie wollen Sie Gewissheit erhalten? Vater würde ohne die
gründlichsten Beweise nur wieder über mich spotten.«
    »Well, Miss,« erwiderte er nach augenblicklichem Nachdenken, »ich will Ihnen
nichts versprechen, bis ich nicht selbst einen bestimmten Anhalt habe; das aber,
denke ich, soll geschwind geschehen - haben Sie bis dahin Vertrauen zu mir.«
    »Ich habe ja schon so viel, dass ich selbst davor erschrecke!« sagte sie, ihm
das Gesicht zukehrend, in dem sich ein helles Lächeln wieder Bahn brach. Sie zog
die Hand aus dem Stulpenhandschuhe und reichte sie ihm hinüber, »ich bin ja froh
genug, dass ich mit meinem Widerwillen gegen den Mann nicht mehr allein in unserm
Hause stehe.«
    Helmstedt hielt einen Augenblick die kleine, weiche Hand in der seinigen,
und wollte sie dann an seine Lippen führen, sie aber zog sie rasch hinweg. »Das
ist keine Mode in unserm Hinterwalde!« rief sie, auflachend wie ein Kind, und
liess das Pferd wieder im Galopp davon gehen.
    Beide ritten schweigend eine Strecke weiter, als sich aber Mortons Landhaus,
das Ziel ihres Rittes, in kurzer Entfernung zeigte, hielt Helmstedt sein Pferd
an. »Einen Augenblick, Miss Elliot,« sagte er, »wie lange gedenken Sie bei Ihrer
Freundin zuzubringen?«
    »Nach der Begegnung von vorhin blieb ich am liebsten den ganzen Tag da!«
erwiderte sie, »ich bin gewiss, dass dieser Baker nicht eher unser Haus verlässt,
bis er einsieht, dass ich vor spät Abends nicht wiederkomme.«
    »Well, Miss, kennen Sie einen Ort, der das Riverhaus heisst? Ich denke dort
etwas über unsern Mann erfahren zu können und möchte die Zeit zu einem Ritte
dahin benutzen.«
    »Ich habe wohl schon von dem Orte gehört,« erwiderte das Mädchen nachsinnend,
»das müssen aber wenigstens sieben bis acht Meilen von hier sein. Er liegt drei
Meilen seitwärts der Stadt, am Flusse, so viel ich weiss, und wenn Sie von
Mortons Hause nach der Hauptstrasse hinüber biegen, so können Sie wenigstens den
Weg nach der Stadt nicht verfehlen, wo Sie jedenfalls die genauere weitere
Richtung würden erfragen müssen.«
    »Sie wollen warten, bis ich zurück bin, Miss?«
    »Sicherlich, Sir!«
    Sie hatten die weisse Einzäunung des Landhauses erreicht; Helmstedt sprang
vom Pferde, um das Gartentor für seine Begleiterin zu öffnen und als er zwei
Damen aus dem Hause treten und dem Gaste entgegeneilen sah, schwang er sich
wieder in den Sattel und schlug die nächste breite Fahrstrasse, die seitwärts
abging, ein. Ein Neger, der im vollen Feststaate, die dampfende Cigarre zwischen
den dicken Lippen, umher spazierte, benahm ihn auf seine Frage jeden Zweifel,
dass er auf dem rechten Wege sei, und im scharfen Trabe verfolgte er die Richtung
weiter.
    Was Helmstedt mit seinem jetzigen Ritte erzielen wollte, war ihm eigentlich
selbst noch nicht ganz klar. Bei Bakers Anblick hatte er zuerst nur an Seifert
als den Dieb seines Geldes gedacht, und deshalb nach diesem gefragt; dann aber
war ihm des Mannes momentane Verlegenheit, sowie dessen Bestreben, die
Bekanntschaft mit Seifert von sich zu weisen, aufgefallen, und dies in
Verbindung mit der Weise, in welcher er ein Gespräch mit Ellen Elliot anknüpfen
wollte, hatte ein dunkles Gefühl in Helmstedt erzeugt, als gewahre er das
äusserste Ende eines verborgenen Spitzbubenstreiches, und Ellens Gleichniss von
der Spinne und der Fliege, welches ihm das hässliche Lächeln, das er in New-York
an Baker bemerkt, wieder vor die Seele führte, verstärkte den Eindruck nur noch.
Stand der Mensch noch in Verbindung mit Seifert, mit dem er von New-York
abgereist war, so waren seine Angelegenheiten sicherlich nicht klar, es kam eben
nur darauf an, Seifert zu treffen, und zum Reden zu bringen. Helmstedt hatte den
Namen des »Riverhauses« im Zusammenhange mit dem »Sciferts« aufgefangen, und so
lange er neben Ellen herritt, hatte er gar keinen Zweifel gehegt, durch diesen
Anknüpfungspunkt Allem, was nur notwendig sei, auf die Spur zu kommen - je
weiter er aber jetzt seinen Weg verfolgte, je mehr Schwierigkeiten tauchten vor
ihm auf. Wenn das Riverhaus nicht Seiferts Wohnung und nur ein Spielhaus war,
wie es sich fast nach Bakers Äusserungen vermuten liess, so konnte er auch
sicher sein, nach der Mode in solchen Häusern dort das Allerwenigste von ihm zu
hören, und bekam Seifert eine Ahnung von seiner Nähe, so war er gewiss eben so
geschwind aus der Gegend verschwunden, wie damals aus New-York, - daneben fing
es Helmstedt jetzt auch an zu scheinen, als ob der Verdacht, der ihm so
plötzlich gegen Baker gekommen, auf keiner Seite recht Stich halten wollte -
sicherlich mussten doch die Familien, bei denen er aus-und einging, wissen, mit
wem sie es zu tun hatten; er mochte liederlich sein und sich Seiferts als
Werkzeug bedienen, das erklärte Vieles, - und doch, wenn sich Helmstedt die kaum
durchlebte Scene wieder vergegenwärtigte, kam ihm genau das frühere Gefühl
wieder. Keinesfalls konnte es etwas schaden, sich vorsichtig nach Seifert
umzusehen, schon des verübten Diebstahls halber; trotzdem war es Helmstedt, als
könne er dem Spitzbuben jetzt Alles vergessen und vergeben, wenn er durch ihn
nur etwas gegen Baker ermitteln könne. Was der Grund war, der ihn sein eigenes
Interesse so weit vergessen liess, darüber grübelte er nicht.
    Es war kalt, trotz des herankommenden Mittags; Helmstedts Pferd aber
schwitzte vom anhaltenden Trabe und den Reiter schienen seine eigenen Gedanken
warm zu halten. Es war kaum Mittag vorüber, als er das Städtchen mit seinen weiss
gefirnissten hölzernen Häusern und grünen Jalousien vor sich liegen sah. Bei
seiner gestrigen Ankunft in Alabama hatte er hier schon einen halben Tag
zugebracht, bis ihn Elliot durch den Schwarzen hatte abholen lassen, und er ritt
jetzt demselben Hotel zu, in welchem er schon vorher abgestiegen war. Die Stadt
schien der Sammelplatz aller Schwarzen aus der Umgegend zu sein; ganze Caravanen
von Männern und Frauen zu Pferde in den buntesten Aufzügen durchzogen lachend
und spassend die Strassen; vor den Tanzlokalen, aus denen die alten schottischen
Reals von Geige und Tamburin vorgetragen wurden und das Stampfen der tanzenden
Paare klangen, standen andere Haufen, derbe Spässe treibend: der Ausdruck auf
allen den schwarzen Gesichtern war der einer angeborenen Lustigkeit, die
unverwischlich zwischen den fleischigen Backen eingegraben zu sein schien, und
Helmstedt zog unwillkürlich einen Vergleich mit dem Anblicke, den ihm die
Belustigungsorte der ärmsten Klassen in Berlin und Paris geboten, mit den
verhärmten weissen Gesichtern, die mit Gewalt sich zur Fröhlichkeit zu zwingen
schienen oder anzeigten, dass die Wochensorgen zu kurzem Vergessen in Schnaps
ertränkt worden waren. Wo er durch einzelne Haufen hindurch reiten musste, wurde
ihm mit einer gutmütigen grinsenden Höflichkeit Platz gemacht, die viel eher an
Familiarität als an sklavische Scheu, wie er sich das Wesen der Schwarzen früher
vorgestellt, mahnte. - An dem grossen steinernen Hotel angelangt, band Helmstedt
sein Pferd an einen der dazu bestimmten Pfosten, und beschloss zuerst hier seine
Nachfragen über Seifert zu beginnen - Hotels waren immer das eigentliche
Lebens-Element für Leute von dessen Gattung gewesen. Die »Office,« nach der er
sich beim Eintreten zuerst wandte, fand er augenblicklich verlassen und so
schritt er nach dem Billardzimmer; aber kaum hatte er einen Blick durch die
offene Tür desselben geworfen, als er auch wie eingewurzelt stehen blieb.
    Drinnen stand, mit dem Queue in der Hand, Seifert selbst in Lebensgrösse.
Helmstedt trat wieder zurück, um nicht gesehen zu werden und überlegte. So sehr
ihn das Zusammentreffen auch jeder weiteren Mühe überhob, so wenig war er doch
noch darauf vorbereitet, - nach kurzer Weile schien er indessen mit sich einig
zu sein und schritt, wenigstens äusserlich ruhig, durch die Türöffnung. Im
Zimmer, das sein Auge rasch überflog, befanden sich ausser den Spielern an den
beiden Billards, nur einzelne aufmerksame Zeitungsleser. Seifert kehrte ihm den
Rücken zu und pointirte den Fortschritt seines Gegners im Spiele. Helmstedt
klopfte ihm leicht auf die Schulter. »Aah -!« rief dieser, sich umkehrend, als
erwarte er einen Bekannten zu sehen; sobald er aber seinen Mann mit dem Blicke
gefasst, begannen seine Augen gross und starr zu werden, als sähe er ein Gespenst;
das Blut ging aus seinem Gesichte, »Mister -?« begann er endlich mit unsicherer
Stimme und augenscheinlich nach Fassung ringend. »Helmstedt, if you please, Sir!
« erwiderte dieser lachend, »kennen Sie mich denn nicht mehr, Seifert? Sie
sehen,« fuhr er deutsch fort, »Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber
Menschen können sich wiederfinden.«
    »Helmstedt?!« erwiderte der Andere und in seinem Gesichte zeigte sich ein
sonderbarer Kampf, sollte er die Bekanntschaft anerkennen oder nicht.
    »Ja natürlich, wer denn sonst, Mann? Ich freue mich, einmal wieder einen
Bekannten zu treffen. - Sie haben mir in New-York wirklich gefehlt, wo Sie
verschwanden, ohne mir nur einmal ein Wort von Ihrer Abreise zu sagen. Aber
lassen Sie sich jetzt nicht stören, wir sprechen, wenn Sie mit Ihrer Partie
durch sind und trinken dann eine Flasche Wein zusammen, oder irgend einen andern
Stoff.«
    »Well, Sir,« erwiderte Seifert englisch und in seiner Sprache war keine Spur
von Befangenheit mehr vernehmbar »ich spreche allerdings deutsch, kann mich aber
im Augenblicke nicht entsinnen, wo ich Sie schon gesehen hätte, ich bin schon
viele Jahre im Lande, bin aber erst einmal eine kurze Zeit in New-York gewesen -
irren Sie sich nicht vielleicht in der Person?«
    Helmstedt starrte den Menschen einen Augenblick überrascht an - so viel
Frechheit hatte er nicht erwartet. »Sie sind diesmal ein Narr, Seifert,« sagte
er dann, »ich will noch zwei Worte deutsch reden und dann englisch, wenn Sie's
wünschen. Hätte ich Böses gegen Sie im Sinne, so wäre ein gerichtlicher
Haftbefehl gegen Sie in meiner Hand gewesen, ehe ich Sie angesprochen. Sie sind
ein Spieler von Profession, ich bin jetzt Familien-Mitglied eines der ersten
Pflanzer hier, dessen Einfluss mir vollkommen zu Gebote steht, verstehen Sie
wohl, - ich komme zu Ihnen als alter Bekannter, der Sie vielleicht sogar um
einen Dienst bitten möchte, - spielen Sie jetzt ehrliches Spiel mit mir und ich
gebe Ihnen mein Wort, dass ich Ihren Spitzbubenstreich gegen mich vergessen und
begraben will - wollen Sie nicht, nun, Herr Seifert, so habe ich englisch
sprechen gelernt.«
    »Sie reden so überzeugend, Herr von Helmstedt,« erwiderte Seifert, ohne eine
Miene zu verziehen, »dass wirklich in meinem Gedächtnis eine Erinnerung
aufdämmern will - aber entschuldigen Sie, mein Gegner wird ungeduldig, ich stehe
Ihnen nachher weiter zu Diensten!« und damit wandte er sich, von Helmstedts
leisem Kopfschütteln gefolgt, dem Billard wieder zu. Dieser liess sich durch den
Aufwärter Cigarren bringen und setzte sich, dem Spiele zusehend, in einen der
leerstehenden Divans, bis Seifert mit einigen brillanten Stössen die Partie
endigte, den gemachten Aussatz einzog und sich neben Helmstedt placirte. »Wie
gesagt,« begann er, und brannte sich eine der daliegenden Cigarren an, »es wird
mir immer klarer, dass wir uns wirklich gekannt haben mögen.« -
    »Lassen Sie einmal den Unsinn, Seifert,« unterbrach ihn Helmstedt, sich
aufrecht setzend, »Sie wissen, ich habe immer unverblümt mit Ihnen gesprochen,
das will ich auch jetzt tun; vielleicht wissen Sie auch, dass ich ein gegebenes
Wort unter allen Umständen halte, und so können Sie sich auch im Guten oder
Bösen auf das verlassen, was ich Ihnen jetzt zusagen werde. Sie haben mich in
New-York um Alles bestohlen, was ich hatte, ohne Mitleid, obgleich Sie wussten,
dass ich dadurch hilfloser als jeder Andere dastehen musste -«
    »Erlauben Sie einen Augenblick.« fiel Seifert ein, »wenn dies der Weg sein
soll, meinen Erinnerungen zu Hilfe zu kommen, so weiss ich wirklich nicht, ob es
ein glücklicher ist.«
    »Die Beweise dafür sind natürlich durch Zeugenaussagen vor dem New-Yorker
Polizeigericht vollständig festgestellt,« fuhr Helmstedt, ohne sich unterbrechen
zu lassen, fort - »mir ist aber die Sache zum Glück ausgeschlagen, und so habe
ich hier nicht daran gedacht, etwas gegen Sie zu unternehmen. Ich weiss ziemlich
genau, was Sie hier treiben, kenne Ihr Riverhaus und Ihre dortigen Verbindungen,
mir liegt aber, einer Angelegenheit halber, die nur mich allein betrifft, an
einer Auskunft über Ihren - ich weiss nicht recht, wie ich ihn nennen soll -
Ihren Genossen, den Mr. Baker, und wenn Sie hierin aufrichtig zu mir sprechen
wollten, würde ich Ihnen Alles vergeben, was Sie mir getan, würde sogar meine
Anklage unter einem plausiblen Vorwande in New-York zurücknehmen, wohin Sie doch
über kurz oder lang wieder gehen möchten.«
    Seifert blies eine grosse Rauchwolke von sich. »Je mehr ich mir Ihre Worte
überdenke, Herr von Helmstedt, je vernünftiger scheinen Sie mir für den Mann zu
sein, den Sie damit vor Augen haben; ich weiss aber wirklich noch nicht, ob ich
auch dieser Mann bin - ich hatte zum Beispiel einen Bruder in New-York, der mir
sehr ähnlich sah - lassen Sie aber einmal hören, über wen Sie Auskunft
wünschen.«
    Helmstedt unterdrückte eine Bewegung der Ungeduld.
    »Ueber Ihren Freund Baker, mit dem Sie New-York verliessen,« sagte er; »ich
versichere Ihnen dabei, dass Niemand erfahren wird, woher ich meine Informationen
erhalten habe. Seine Verbindung mit Ihnen kenne ich bereits und ich möchte Sie
nur nochmals bitten, ehrlich gegen mich zu sein, lieber zu sagen, Sie wollen
sich nicht aussprechen, als mich belügen.«
    »Wenn Sie Alles das wissen, was Sie andeuten,« erwiderte Seifert, die Asche
von seiner Cigarre klopfend, »so weiss ich eigentlich nicht, was ich Ihnen sagen
soll, es scheint mir beinahe, als wüssten Sie mehr als ich selber.«
    »Gut, Seifert, also ein paar bestimmte Fragen. Wo ist der Mann her und was
wissen Sie über seine Verhältnisse? Sodann: in welcher Beziehung steht er zu
Ihnen?«
    »Ich muss Ihnen gestehen, Herr von Helmstedt, weil Sie es wünschen, dass die
Beantwortung mir aus hundert Gründen unmöglich ist. Der erste davon ist, dass ich
selbst nichts Genaues über den Mann weiss und so werden Sie mir wohl die
Aufführung der übrigen neun und neunzig erlassen.«
    Helmstedt sah ihn einen Augenblick scharf an und erhob sich sodann. »Well,
Sir,« sagte er kalt, »Sie wollen sich mit mir nicht in Freundlichkeit
ausgleichen, so mögen Sie hinnehmen, was auf einer andern Seite kommt, und sich
nicht über mich beklagen.« Er setzte sich den Hut fester und ging, wie mit einem
Entschlusse fertig, nach der Tür, ohne dem Andern noch einen Blick zu gönnen.
Es lag keine Berechnung in Helmstedts jetziger Bewegung, er fühlte, dass er
dieser geriebenen Spitzbubennatur gegenüber zu schwach sei und wollte somit
wenigstens sein eigenes Interesse durch polizeiliche Hilfe zu wahren suchen.
    Seiferts Auge folgte ihm einen Augenblick mit gespanntem Ausdrucke! »Herr
von Helmstedt!« sagte er dann halblaut - aber der Gerufene hörte nicht und
erreichte die Tür. »Einen Augenblick noch, Sir!« rief jetzt Seifert und sprang
auf. Helmstedt hielt an und drehte sich halb um: »Ich glaube, wir sind mit
einander fertig!« - »Nur noch einige Worte,« erwiderte der Andere und ging auf
ihn zu. »Die Auskunft über den Mann scheint Ihnen von ziemlicher Wichtigkeit zu
sein,« fuhr er fort, »und da es vielleicht sein mag, dass ich etwas gegen Sie gut
zu machen habe, auch nicht gern im Bösen von Ihnen scheiden möchte, so will ich
Ihnen die gewünschten Notizen unter einer Bedingung geben, - die früher auf Ihr
Ehrenwort gemachten Propositionen natürlich einbegriffen.«
    »Ich sage Ihnen einfach, dass Sie mich nicht mehr täuschen, Seifert!«
erwiderte Helmstedt. »Wollen Sie mir die Wahrheit mitteilen, gut, so will ich
Ihnen jetzt noch halten, was ich versprochen; merke ich, dass Sie mich belogen
haben, so bin ich an nichts gebunden.«
    »Lassen Sie uns wieder Platz nehmen, es ist nicht nötig, die Aufmerksamkeit
der Gäste auf uns zu lenken, selbst wenn sie uns nicht verstehen. Meine
Bedingung,« fuhr Seifert fort, als sie wieder an dem früheren Orte sassen, »ist,
dass Sie bis zum Neujahrstage keinen Gebrauch irgend einer Art von meinen
Mitteilungen machen; ich habe mit dem bewussten Manne selbst ein kleines
Geschäft und mein Interesse würde, käme er früher in übeln Geruch, am meisten
leiden. Ich gestehe Ihnen, dass ich mit meiner Stellung nicht zufrieden bin und
mir den längsten Termin einer Verbindung mit ihm bis Neujahr gestellt habe. Sie
werden also die gestellte Bedingung nur billig finden.«
    »Ich gehe sie ein,« erwiderte Helmstedt nach kurzem Nachdenken, »und gebe
Ihnen mein Wort sie zu halten.«
    »Ich kenne Sie, Herr von Helmstedt, und baue darauf - 's ist wirklich was
Schönes, um so ein blosses Wort, wenn man seines Mannes sicher ist - das
Schlimmste dabei ist nur, dass die Worthalter in der Regel dasselbe Vertrauen zu
Andern haben, und so am meisten betrogen werden - 's ist wohl darum auch nie ein
Gericht für mich gewesen. Well, Sir, unser Mann gilt hier für einen reichen
Alabamaer aus dem Süden, ist aber nur insofern von mir unterschieden, als er
ausser meiner Leidenschaft, leicht und schnell Geld zu machen, auch noch eine
andere hat, nämlich in Liebe mit jungen reichen Mädchen zu speculiren, was
übrigens dann und wann, wenn ihm eine Ueberrumpelung gelungen, ganz hübsche
Interessen abwirft. Im Augenblicke scheint er durch eine reiche Heirat diesen
Geschäftsteil zum Abschluss bringen zu wollen, ich weiss aber wirklich nicht, wie
weit er damit gediehen ist. Dass ich hier als Spieler von Profession gelte,
wissen Sie schon, es ist aber eigentlich sein Geschäft und ich repräsentire nur
die Firma der Oeffentlichkeit gegenüber, damit er als seiner Gentleman
unbeargwohnt Kunden zuführen und seiner zweiten Leidenschaft nachgehen kann. Er
hat mich zu diesem Zwecke von New-York hergelockt, und wenn auch das Geschäft
durchaus nicht schlecht gewesen ist, so bin ich doch des hiesigen Lebens und der
Handlangerdienste herzlich müde; Neujahr wird, wie gesagt, jedenfalls eine
Aenderung darin eintreten.«
    »Er hat also keine Besitzungen in Alabama?«
    »Eben so wenig wie ich und Sie, er mag aber früher sich viel im Süden
herumgetrieben haben und die Verhältnisse genau kennen. 'S ist ein New-Yorker
Kind und ich möchte wohl seine Terrainkenntniss, durch die er sich dort in den
ersten Familien bewegt, haben. - Well, Sir, ich glaube, das dürfte Ihnen
vielleicht genügen, ich habe Ihnen so weit reinen Wein eingeschenkt, und es
sollte mir leid tun, wenn weitere Fragen meine speziellen Interessen beträfen,
die ich nicht ebenso beantworten könnte.«
    »Gut, Seifert,« erwiderte Helmstedt nach kurzem Besinnen, »ich glaube, es
ist vorläufig genug. Sie werden es aber natürlich finden, wenn ich hier und da
in Ihre Wahrhaftigkeit ein bescheidenes Misstrauen setze. Bestätigen sich Ihre
Angaben nach Neujahr, so nehme ich dann meine Anklage in New-York zurück. Haben
Sie noch etwas zuzusetzen oder zurückzunehmen, so tun Sie es jetzt.«
    »All right, Sir!« rief Seifert, laut genug, um von allen Gästen gehört zu
werden und sich mit der Miene eines befriedigten Geschäftsmannes erhebend.
»Spielen wir vielleicht eine Partie?«
    Helmstedt schüttelte den Kopf. »Werde schwerlich Zeit haben; ich will nur
ein paar Bissen zu mir nehmen - habe heute fast noch nichts im Leibe - und dann
heimreiten.« -
    Es war ein wunderbares Gefühl, was den jungen Mann beherrschte, als er nach
kaum einer halben Stunde wieder zur Stadt hinaustrabte. Dachte er an Ellen, die
auf ihn wartete, so durchwehte es ihn wie heranziehender Frühling, und doch war
es ihm, als werfe eine schwarze Wolke im Hintergrunde einen Schatten in seine
Welt hinein.
 
                                Fünftes Kapitel.
                                 Schwüle Luft.
Die Sonne stand schon tief, als Helmstedt bei Mortons Landhause wieder anlangte.
Er ritt durch die Einzäunung nach dem Hause, band sein Pferd an einen Baum, und
als er nirgends einen der Schwarzen entdecken konnte, der seine Anmeldung
übernommen hätte, schritt er zögernd durch die offene Tür der eleganten
»Halle,« in welche die übrigen Zimmer ausliefen. Es war ihm nach der
eigentümlichen Begegnung, die er am Abend zuvor mit »Mrs. Morton« gehabt,
unangenehm, das Haus zu betreten, er war mit sich selbst in Zwiespalt, wie er
sich ihrer sonderbaren Haltung gegenüber benehmen sollte, ob ebenso stolz und
fremd wie sie, was ihn seinerseits ebenso unwahr als lächerrlich erscheinen
wollte - oder in leichtem Tone die alte Bekanntschaft geltend machend, was ihn
jedoch, sollte sie diese von sich weisen, in eine ganz schiefe Stellung bringen
konnte. Er pochte, da sich trotz seines festen Trittes auch in der Halle Niemand
sehen liess, an eine der Front-Parlortüren und trat endlich, als er keine
Antwort erhielt, in das Zimmer. Es war leer; aber durch die Seitentür, die sich
öffnete, eben als er wieder zurückgehen wollte, trat Mrs. Morton, in deren
Gesichte die Farbe wechselte, als sie den Besucher erkannte.
    »Ich kam nur, um Miss Elliot abzuholen!« begann Helmstedt deutsch, sich
freundlich verbeugend.
    »Sie ist schon vor mehreren Stunden durch ihren Vater abgeholt worden!« war
die leise, englische Antwort. - Helmstedt schwankte einen Augenblick, ob er
nicht kalt und kurz seinen Abschied nehmen sollte, aber ein Gefühl, halb
Neugierde, halb Teilnahme siegte darüber.
    »Darf ich wohl fragen, Mrs. Morton, warum Sie so fremd und förmlich sind,«
fuhr er deutsch fort, »während ich mich doch so aufrichtig freue, Sie hier
wiedergefunden zu haben?«
    Das Gesicht der vor ihm Stehenden wurde bleich, ihre Mienen wie ihr Auge
nahmen eine starre Unbeweglichkeit an. »Ich glaube, Sir,« erwiderte sie, das
Englisch beibehaltend, »wir haben keinen Berührungspunkt mehr gemein. Es tut
mir leid, dass ich Ihnen das erst mit Worten sagen muss.«
    Dem jungen Manne trat das Blut ins Gesicht, wie einem Schüler, der einen
Verweis bekommt. »Wie Sie wünschen, Ma'am, meine Frage war von Herzen gut
gemeint,« sagte er, »ich bitte um Entschuldigung!« und sich leicht verbeugend,
verliess er das Zimmer. Er schwang sich auf sein Pferd und sprengte im Galopp der
Strasse zu; er ärgerte sich über das Wesen der frischgebackenen Dame, ärgerte
sich über sich selbst, dass er ihr ein Wort gegönnt hatte und erst, als er ein
Stück seines Weges zurückgelegt, dachte er wieder an Ellen, und welcher Grund
wohl Elliot bewogen, seine Tochter hier aufzusuchen.
    Als die Hufschläge von Helmstedts Pferd laut geworden, war Pauline Peters,
die jetzige Mrs. Morton, langsam zum Fenster getreten und hatte dem Reiter
nachgesehen, bis er hinter den immergrünen Büschen verschwunden war. Dann fiel
sie in einen der Divans, drückte das Gesicht in die Seitenkissen und brach in
ein krampfhaftes Weinen aus. Sie schien gewaltsam jeden Laut davon ersticken zu
wollen, aber jedes Glied ihres Körpers bebte unter einem Schluchzen, in dem sich
ihre ganze Seele entleeren zu wollen schien; lange lag sie so, als sie aber
endlich in gewaltsamer Fassung den Kopf wieder von den Kissen erhob, legten sich
zwei weiche Arme um ihren Nacken. »Pauline, Mütterchen, um Christi willen, was
ist dir denn?« sagte eine Stimme, die in voller Teilnahme zitterte, und Pauline
sah in ein paar dunkle, melancholische Augen.
    »'S ist nichts, Alice!« erwiderte sie, sich zusammenraffend und versuchte
ein Lächeln, »das Weinen kommt mir wohl einmal ohne grossen Grund, und da mache
ich es gleich für drei Monate zusammen ab.«
    Das bleiche Mädchen, das vor ihr stand und die Arme nicht von ihrem Nacken
liess, sah ihr tief in die nassen Augen und schüttelte langsam den Kopf. »Du
verhöhnst dich selbst,« sagte sie, »nur um mir nicht dein Vertrauen zu schenken,
und doch habe ich dich nie mehr geliebt, als eben jetzt - ich weiss, wie das
Unglück schluchzt, Paully. Als Vater mir dich als Mütterchen und als
Schwesterchen mitbrachte, als du mich behandeltest wie ein krankes Kind, da
hätte ich mich gar oft gern an deinem Halse ausgeweint, aber dem Gesicht war
klar und froh, als hätte es noch keine Träne gesehen und dein Herz noch kein
Unglück gekannt - ich weiss jetzt, Paully, dass auch ein lachendes Auge ein Leid
verbergen kann.« Und als sie ihr trübe blickendes Auge in das ihrer jugendlichen
Stiefmutter tauchte, brach deren errungene Fassung wieder zusammen, Sie schlug
ihre Arme um des Mädchens Hals, zog sie zu sich nieder und liess den neu
hervorbrechenden Tränen an ihrer Brust freien Lauf - aber es waren mildere
Tränen, solche, die den Krampf der Seele lösen und das Herz frei machen.
    »Und doch habe ich keine eigentliche Ursache, die mich hätte so ausser mir
bringen können,« sprach sie, sich nach einer Weile ruhiger aufrichtend und sich
die Augen trocknend, »und wenn ich dir auch Alles mitteilen wollte, was in mir
vorging, so würdest du mich doch nur für ein Kind halten, das noch einmal über
ein liebes Spielzeug weint, das schon lange zerbrochen ist.«
    »Komm, Paully, erzähle mir,« sagte Alice und eine leichte Röte stahl sich
über ihr Gesicht, »ich habe noch nie recht in dein Herz sehen können. Mache es
frei und - mache mir Mut,« fuhr sie mit bebender Stimme fort, »dass ich bei dir
eine Zuflucht suchen kann, wenn ich in meiner Einsamkeit verzweifeln will.«
    Pauline sah sie mit aufglänzendem Auge an. »Soll ich wirklich deine
Herzensfreundin werden? Du sollst mich kennen lernen ohne Rückhalt, mit allen
meinen Kämpfen; dann aber musst du auch mir einen Teil von dem geben, was dich
drückt, damit ich dir tragen helfe.«
    »Ich will, Paully, aber -« sagte das Mädchen mit einem tiefen Atemzuge, als
wollte sie sich von einem beklemmenden Gefühle befreien, »aber jetzt nicht.
Schlafe in meinem Zimmer heute Nacht und lass uns sprechen, wenn es dunkel ist.«
    Pauline küsste sie schweigend und erhob sich. - -
    Helmstedt hatte die kurze Strecke bis Oaklea schnell zurückgelegt und Dick,
der ihm sein Pferd abnahm, wies ihn auf seine Frage nach Elliot nach der,
»Bibliotek«. Helmstedt's Auge überflog die Fenster des Hauses, ob sich nicht
Ellens Gesicht irgendwo zeige, aber ohne Erfolg. Es war ihm unbehaglich, schon
den zweiten Tag nach seiner Ankunft ohne einen rechten Grund von Morgens bis
Abends weggeblieben zu sein und dabei konnte er die Ahnung von etwas
Unangenehmen, das während seiner Abwesenheit passirt sei, nicht los wenden.
Elliot sass am Feuer, in einem Buche blätternd, als der junge Mann in das
bezeichnete Zimmer trat. »Well, Sir« sagte er, nur einen Augenblick aufschauend,
»haben Sie sich die Gegend angesehen?«
    »Ich muss wirklich um Entschuldigung bitten, dass ich so lange ausgeblieben
bin,« erwiderte Helmstedt, »ich bekam während meines Rittes mit Miss Ellen eine
Nachricht, bei der sich vielleicht ein paar hundert Dollars verlornes Geld
wieder erlangen liessen und ritt deshalb ohne Verzug nach der Stadt; ich bin
freilich, wenigstens was das Geld betrifft, vergebens geritten.«
    Elliot nickte, als denke er an etwas Anderes. »Brauchen Sie nur Ihre Zeit,
wie Sie wollen, Sir,« sagte er nach einer Weile, »bis Neujahr sind Festtage und
Sie finden vielleicht in der Stadt einige Zerstreuung - ich habe Ihnen dort auf
dem Tische eine Bankanweisung auf Ihr halbjährliches Gehalt hingelegt.«
Helmstedt verbeugte sich dankend. »Haben Sie mir sonst irgend etwas zu sagen,
Mr. Elliot?«
    »Durchaus nichts, verfügen Sie ganz über sich!« erwiderte dieser, ohne von
seinem Buche aufzusehen. Helmstedt ging, aber lag ihm auch keine Sorge über
seine eigenmächtige Abwesenheit mehr auf dem Herzen, so bedrückte ihn jetzt
Elliots kalter, nachlässiger Ton, der so sehr von seiner gestrigen Herzlichkeit
abstach. Irgend etwas war in seiner Abwesenheit vorgegangen und Baker, der bei
seiner Begegnung mit ihm auf dem Wege nach Oaklea gewesen war, stand jedenfalls
damit in Verbindung. Indessen hatte Helmstedt sein halbjährliches Gehalt in der
Tasche, und Neujahr, wo er über Baker sprechen durfte, war nach fünf Tagen. Die
Dinge konnten abgewartet werden. Er ging nach seiner Stube und begann seinen
Koffer auszuleeren und seine Wäsche in der Kommode zu ordnen, bis es dunkel ward
und ihm Sarah meldete, dass der Tee bereit sei.
    Die Familie sass bereits, als er das Speisezimmer erreichte. Elliot lud ihn
mit einer stummen Handbewegung ein, seinen Platz einzunehmen. Mrs. Elliot füllte
schweigend seine Tasse und Ellen sah nach kurzem Aufblicke wieder auf ihren
Teller. Auch als Helmstedt sich gesetzt hatte, fiel von keiner Seite ein Wort,
Jeder schien mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt zu sein, und die allgemeine
Schweigsamkeit brachte einen beengenden Eindruck auf den Eingetretenen hervor;
es wurde ihm fast, wenn er an Elliots veränderten Ton gegen ihn dachte, als
müsse die auffallende Stille directen Bezug auf ihn haben.
    »'S ist während der Feiertage ziemlich einsam und langweilig bei uns,«
begann Elliot, als fühle er sich selbst unbehaglich, »unser Städtchen hat aber
zu der Zeit desto mehr Leben und so muss man sich dort helfen.«
    »Ich hatte nicht daran gedacht, wieder nach der Stadt zu gehen,« erwiderte
Helmstedt, »ich hatte mir vorgenommen, bis Neujahr Ihre Bücher und Rechnungen zu
meiner Information durchzusehen und die Einrichtungen der Farm kennen zu lernen
- zur Unterhaltung aber ist ja ein Piano hier und wenn Miss Ellen glaubt, von mir
etwas profitiren zu können und nichts anderes vor hat, so liesse sich jetzt ein
recht guter Anfang damit machen.«
    Ellen warf rasch aussehend ihn einen Blick zu, der sprechen zu wollen
schien, sah dann seitwärts auf ihre Mutter und suchte wieder ihren Teller; Mrs.
Elliot aber sagte kalt, ohne die Augen aufzuschlagen: »Ich glaube kaum, dass
meine Tochter hier sein wird!« und damit trat die vorherige Stille wieder ein,
bis sich die Hausherrin erhob und mit Ellen das Zimmer verliess. Elliot setzte
sich ans Feuer. »Nehmen Sie Platz, Sir!« sagte er und winkte Helmstedt, einen
andern Stuhl einzunehmen. »Es tut mir leid, Sir,« fuhr er fort, »dass Sie heute
meiner Ellen wegen eine Unannehmlichkeit gehabt haben. Sie kannten natürlich den
Gentleman nicht und Ellens Wesen auch noch nicht. Ich habe das Mädchen etwas
verzogen, sie lässt ihren Einfällen mehr Gewalt über sich, als sie sollte, und so
hat heute ihre Laune die Differenz herbeigeführt. Meine Frau ist etwas verstimmt
darüber, wie Sie wohl eben gesehen haben, sie gibt mir und meiner Erziehung die
Schuld, und sie mag auch vielleicht Recht haben.«
    »Kennen Sie den Herrn genau, von dem Sie eben sprachen?« fragte Helmstedt,
»ich muss Ihnen ganz offen gestehen, dass ich vielleicht seiner Zudringlichkeit
gegen Miss Elliot nicht so entgegengetreten wäre, wenn ich nicht den Mann für
etwas Anderes gehalten hätte, als er sich gibt -«
    »'S ist schon recht,« unterbrach ihn Elliot, »ich mache Ihnen auch keinen
Vorwurf, ich bemerke es Ihnen nur, weil der Gentleman dann und wann unser Haus
besucht und zu den genauern Bekannten meiner Frau gehört - und,« fuhr er mit
einem gutmütigen Lächeln fort, »wenn Sie in Amerika rasch fortkommen wollen,
Sir, so müssen Sie es mit den Ladies nicht verderben.«
    Helmstedt sass und schwankte, ob er die Familie in ihrer Sicherheit warnen
sollte, aber jede unbestimmte Warnung hätte eine genauere Erklärung nach sich
ziehen müssen, und er verwünschte die gegen Seifert eingegangene Bedingung. »Ich
möchte von Herzen wünschen,« sagte er endlich, »dass ich heute im Unrecht gewesen
wäre. Sie wissen gewiss am besten, wem Sie Ihre Familie öffnen.«
    »Sicherlich, Sir!« erwiderte Elliot und hob langsam den Kopf, »eins nur
möchte ich Ihnen noch freundlichst sagen. Unsere amerikanischen jungen Leute
sind etwas rasch, besonders hier im Süden - lernen Sie Land und Menschen erst
ruhig kennen, damit ein Urteil, das Sie fällen, Ihnen nicht vielleicht
unerwartet schlimme Folgen einbringt!«
    Helmstedt biss sich auf die Lippen, erwiderte aber nichts, er glaubte ein
Stück des amerikanischen Stolzes vor sich zu haben, wie ihn Isaac angedeutet und
er fühlte beinahe eine Neigung, sich, wie es von ihm gewünscht wurde, gar nicht
mehr um Baker zu bekümmern und seinen zu erwartenden Gaunerstreichen freien
Spielraum zu lassen - wenn nur Ellen nicht vielleicht das Opfer derselben hätte
werden können.
    »Ich will Sie nicht länger belästigen,« sagte er aufstehend, »und wenn Sie
mir erlauben, erbitte ich mir morgen früh Bücher und Rechnungen.« - »Wie Sie das
halten wollen, Mr. Helmstedt!« nickte Elliot, und der junge Mann verliess das
Zimmer. Als er die Tür zugedrückt hatte und an der erleuchteten Treppe, die ins
obere Stockwerk führte, vorübergehen wollte, flatterte ein weisser Gegenstand vor
ihm nieder. Er bückte sich darnach - es war ein zusammengelegtes Papier.
Helmstedt warf überrascht einen Blick nach oben; dort war aber weder etwas zu
hören noch zu sehen, und mit einem sonderbaren Gefühle der Spannung betrat er
sein Zimmer und brannte Licht an. Das Papier war ohne Adresse und entielt nur
die folgenden mit Bleistift und augenscheinlich in Eile geschriebenen Zeilen:
    »Mutter sagt mir jeden Augenblick, ich sei ein verzogenes Kind, und Vater
mahnt mich, die Launen abzulegen; ich weiss aber, es geschieht nur wegen des
Mannes, den ich nicht ansehen mag. Er hat sich bei der Mutter eingeschmeichelt,
und Vater tut, worauf Mutter dringt. Ich höre aus jedem gesprochenen Worte, was
beabsichtigt wird, und sehe keinen Weg, wie ich mir helfen soll; was Mutter
will, setzt sie durch. Ich habe seit heute eine Angst im Herzen, wie noch nie.
Der Mann, den ich gar nicht nennen mag, muss Mr. Helmstedt verdächtigt haben,
denn Mutter hat den Vater geplagt, mich bei Mortons zu suchen, damit ich nicht
mit einem gestern hergekommenen Ausländer, den noch Niemand kenne, wie sie sich
ausgedrückt hat, den ganzen Tag allein in der Welt herumreite. Wenn Etwas gegen
den Mann aufgefunden werden kann, so muss es bald geschehen; mir ist es, als
hätten sich heute die Fäden so fest um mich gezogen, dass ich nicht mehr heraus
kann, oder als wäre ich heute in meiner Abwesenheit verkauft worden. Ich bin so
allein in meiner Angst, dass, wenn diese Zeilen Sünden sind, mir sie Gott
verzeihen wird.
                                                                         Ellen.«
    Helmstedt las das Papier zweimal, dreimal über, dann warf er sich auf einen
Stuhl, drückte die Hände vor die Augen und wollte überlegen - aber er sah nur
Ellen mit ihrer kindlichen Naivität, mit ihrem klaren Auge, in dem sich noch
kein Gedanke, der des Schleiers bedurfte, gespiegelt haben konnte, vor sich, sah
jetzt den Ausdruck, den ihre Zeilen bekundeten, über ihre Züge gebreitet - er
fuhr rasch mit der Hand über das Gesicht, sprang auf und ging die Stube auf und
ab. Was sollte er tun? Jede Warnung seinerseits ohne bestimmte Beweise war, wie
die Sachen jetzt standen, vollkommen unsinnig; die wenigen Tage bis Neujahr
mussten aber vergehen, und dann durfte nur an Baker die Aufgabe gestellt werden,
die Nachweise seines Besitzes im Süden oder seines Vermögens zu schaffen, um den
Menschen zu entlarven. Das Erste und Notwendigste blieb jetzt, dem Mädchen den
Mut wiederzugeben, um für jeden möglichen Fall bis dahin Widerstand zu leisten;
morgen, meinte Helmstedt, werde er jedenfalls, eine Gelegenheit herbeiführen
können, um ihr das Nötige zu sagen. Er nahm das Papier wieder zur Hand, sah auf
die zierlichen, flüchtigen Schriftzüge und machte eine Bewegung, als wolle er es
zu seinem Munde führen, hielt aber auf halbem Wege inne »Sei kein Narr, August!«
sagte er, »hier ist kein Feld wo dir Rosen blühen können.« Er legte das Papier
langsam zusammen und öffnete dann seinen Koffer. »Aber ich kann sie doch in der
Seele tragen, selbst wenn sie es nicht wissen darf!« fuhr er innehaltend fort
und drückte das Papier an seine Lippen. »Gute Nacht, Ellen, und rechne auf
mich.« -
    Als Helmstedt am andern Morgen erwachte, war es ihm, als müsse er einen
wunderschönen Traum gehabt haben, bis ihm plötzlich die Erinnerung das Bild des
vergangenen Abends vor die Seele führte. Er sprang rasch auf und warf sich in
die Kleider, damit er bei der Hand sei, falls sich Ellen vor dem Frühstück
allein sehen lasse, um ihr wenigstens ein paar Worte zu sagen.
    Eine trübe, warme Luft empfing ihn, als er seine Stube verlassen hatte und
durch die hintere Tür ins Freie trat; einer jener schnellen Temperaturwechsel
war eingetreten, wie er eine Eigentümlichkeit Amerika's ist. Die Bäume und
Sträuche, die in zwei Tagen ihre Blätter verloren hatten, waren von Nebel
umsponnen und Helmstedt fühlte einen unangenehmen Einfluss, den die veränderte
Luft und das trübselige Aussehen der Landschaft auf seine eben noch so klare
Stimmung ausübte. Er umschritt langsam das Haus und überdachte das sonderbare
Verhältnis, in welches er geraten war. Die Hausherrin, die das innere Regiment
allein zu führen schien, war bereits gegen den »Ausländer« eingenommen - in
welchem Grade wusste er noch nicht einmal; Elliot, bei aller äusserlichen
Gutmütigkeit ihn doch nur als Mietling betrachtend, - und dazwischen Ellen,
die sich an ihn anklammerte und auf Schutz gegen ihre Eltern rechnete. Und
brachte er es auch dahin, Bakers Gaunereien offen zu legen, so musste von dem
Augenblicke an sein Verhältnis zu Ellen ein schiefes, wo nicht gar beargwohntes,
und seine Stellung in der Familie eine durchaus unhaltbare werden. Mochte es
aber auch - er war ja im höchsten Notfalle nicht hier gebunden und konnte dann
wenigstens eine süsse Erinnerung mit sich forttragen.
    Als er um das Haus bog, sah er eine angespannte Kutsche an der Vordertür
halten, Dick auf dem Bocke und Sarah an dem geöffneten Schlage - eben trat
Elliot mit Frau und Tochter vom Portico herab, hob Beide in den Wagen, winkte
ihnen noch ein »good bye« zu, und fort rollten sie. Helmstedt ging in sein
Zimmer zurück; er hatte nicht einmal Ellens Gesicht gesehen und als er sich mit
einem Missmute, von dem er sich selber keine Rechenschaft gab, auf einen Stuhl
warf, kam ein Gefühl des Alleinstehens über ihn, wie er es selbst in Amerika
noch niemals gekannt - Sarah rief zum Frühstück, wo ihm Elliot von einer
Einladung erzählte, welche die Ladies erhalten - wann sie zurückkehren würden,
sagte er nicht und Helmstedt durfte nicht danach fragen.
    Nach beendigtem Mahle erbat sich Helmstedt Elliots Rechnungsbücher; er
wollte scharf arbeiten, um sich alle lästigen Gedanken vorläufig aus dem Kopf zu
schaffen, und sich zugleich bis zur Rückkunft des Pedlars Klarheit über das zu
verschaffen was ihm fehle - und bald sass er mit einem Haufen ungeordneter
Papiere in seinem Zimmer. Er begann zu fortiren, durchlas Briefe und Rechnungen,
um so viel als möglich erst die Weise des Betriebes kennen zu lernen, aber er
las oft eine Sache dreimal über und wusste doch nicht, wovon die Rede war. Seine
Gedanken waren überall, nur nicht bei seiner Beschäftigung, und je mehr er sich
zur Aufmerksamkeit zwingen wollte, desto mehr bemächtigte sich eine unbestimmte
Unruhe seiner, die ihn endlich vom Stuhle austrieb. Er öffnete seinen Koffer und
holte Ellens Zeilen hervor - aber ehe er sie entfaltete, legte er sie wieder
zurück. »Oel ins Feuer!« murmelte er; er setzte sich wieder an seinen
Arbeitstisch und stützte den Kopf in die Hand, sinnend und sich in seine
Gedanken verlierend. Erst nach einer langen Weile erhob er sich wieder. »So wird
das nichts heute!« sagte er und rieb sich die Stirne. Er nahm seinen Hut, ging
nach dem Stalle und sattelte sein Pferd; er wollte einen Rundritt durch die Farm
machen, aber als er sich nach einer Weile nach seinem Wege umsah, befand er sich
auf derselben Strasse, die er Tags zuvor mit Ellen zurückgelegt. Er ritt weiter
und sah bald in der Ferne Mortons Wohnhaus durch die neblige Luft leuchten, aber
die Gedanken an die jetzige Mrs. Morton, welche der Anblick in ihm hervorrief,
waren wenig geeignet, seine Stimmung zu erheitern. Er ritt von der Strasse ab,
quer durch ein offenes Stück Waldland; eine neue Strasse tat sich hier auf, in
welche sein Pferd ungeleitet einbog und erst, als es vor einem geschlossenen
Gattertor stehen blieb, merkte Helmstedt auffahrend, dass er weder auf die
Strasse noch auf das Pferd geachtet. Er blickte um sich und sah nichts als Wald
und eingezäunte Felder. Unwillig über sich selbst, trabte er zurück; nach kurzem
Ritte aber teilte sich die Strasse in drei verschiedenen Richtungen und
Helmstedt hielt an, ungewiss, welche zu wählen. »Irgend wohin komme ich
jedenfalls!« murmelte er nach kurzem Nachdenken und schlug die Strasse ein,
welche der Richtung nach Oaklea am nächsten zu sein schien.
    Eine Meile mochte er, aufmerksam die Gegend musternd, fortgeritten sein, als
ihm endlich ein Neger zu Pferde begegnete, bei dem er sich nach dem rechten Wege
erkundigte.
    »Well, Sir, Sie drehen Oaklea beinahe den Rücken zu,« erwiderte dieser;
»wollen Sie hier mit mir quer durch den Busch reiten, bis auf die andere Strasse
jenseits, so kann ich Ihnen den Weg beschreiben.« Helmstedt folgte dem Führer,
dessen höfliche Bereitwilligkeit ihn wohltuend berührte, und horchte, wieder im
Freien angekommen, einer verwickelten Beschreibung von Wegen. Nachdem er den
Schwarzen mit einem kleinen Geschenke entlassen, machte er sich auf den Heimweg,
der seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Es war fast Mittag, als er
Oaklea erreichte, aber das kleine Ereignis hatte ihm seine Controle über sich
selbst wiedergegeben; er war ruhig geworden und konnte sich Nachmittags mit
Ernst an die Morgens unterbrochene Arbeit machen.
    Zwei einförmige Tage waren vergangen - Ellen und ihre Mutter waren noch
nicht zurückgekehrt; Elliot schien sich in seiner Bibliotek abgeschlossen zu
halten und Helmstedt beschloss am dritten, nach der Stadt zu reiten und seine
Bankanweisung zu versilbern und womöglich Seifert noch einmal zu sprechen. Es
war der Tag vor Sylvester. Helmstedt war eben im Stalle beschäftigt, sein Pferd
zu satteln, als sich vorsichtig ein schwarzes Gesicht hereinbog und mit den
Augen den Stall durchlief. - »Well, Sarah,« begann Helmstedt, »etwas Neues?«
    Die Schwarze huschte herein. »Ist es wohl wahr, Sir,« begann sie vorsichtig,
»dass Mr. Baker und Miss Ellen Neujahr mit einander versprochen werden sollen?«
    Helmstedt fühlte, dass er kalt wurde. »Neujahr? dazu wird's, glaub ich, noch
nicht kommen,« sagte er nach kurzer Pause, »woher weisst du das?«
    »Well, Mr. Elliot spasst manchmal mit mir und meinte heute Morgen, es sei das
Beste, wenn ich jetzt noch Mortons Cäsar nähme, mit dem ich einmal ein
Verhältnis gehabt, den ich aber nicht mag, dann könnte's bald zwei Hochzeiten
geben, und Dick hat gehört, wie Mistress Elliot gesagt, Mr. Baker müsse gleich
nach Neujahr abreisen und die Sache könne an dem Tage wenigstens vorläufig
abgemacht werden. Dick ist bestellt, morgen die Ladies wieder heimzuholen.«
    »Ich glaube nicht, Sarah, dass Mr. Baker daran denken wird.«
    »Glauben Sie wirklich nicht, Sir?«
    »Wenn du Angst wegen Cäsar hast, so will ich dir sogar bestimmt versichern,
dass Niemand an die Sache denken wird.«
    Sarahs Gesicht begann sich aufzuklären. »Dank Ihnen, Sir, ich konnte mir's
auch denken,« sagte sie und verschwand.
    Helmstedt zog eilig sein Pferd heraus, nahm die Reitpeitsche und schwang
sich auf. Die Sache wurde Ernst - er musste Seifert finden und ihm wo möglich
einen Tag abhandeln. Im scharfen Trabe ritt er die Strasse hin, er erreichte die
Waldecke, wo er mit Ellen auf Baker getroffen, und fast auf derselben Stelle
parirte er sein Pferd. Keine hundert Schritte vor ihm kam Baker ihm wieder
entgegengetrabt.
    Helmstedt, die zusammengezogenen Augen auf den Herankommenden gerichtet,
schien einen Augenblick unschlüssig, was zu tun; dann aber, wie von einem
hellen Gedanken belebt, ritt er langsam weiter. Baker trabte herbei, den Kopf
hoch und das Gesicht den Feldern zugekehrt, als denke er gar nicht daran, von
der Begegnung Notiz zu nehmen; als er aber nahe genug heran war, trieb Helmstedt
sein Pferd quer über des Andern Weg, dass dieser genötigt war, die Zügel
anzuziehen. Die Augen der beiden Männer trafen sich und wurzelten eine Secunde
lang ineinander. »Was soll das?« brach Baker los, »geben Sie Raum, Sir!«
    »Ich habe Ihnen ein paar Worte zu sagen, die Sie anhören werden!« entgegnete
Helmstedt ruhig, aber mit fest auf ihn gerichtetem Blicke.
    »Habe nichts mit Ihnen zu reden, geben Sie freien Weg, oder ich verschaffe
mir ihn!«
    »Vielleicht sind Sie mir dankbar, dass ich Sie angehalten und reiten von
selbst nicht weiter. Ein verständiger Mann hört doch erst.«
    Bakers Blick schien einen Augenblick das ernste Gesicht seines Gegners
durchdringen zu wollen. »Was ist es? machen Sie es kurz!«
    »Kaum ein paar Worte, Sir! Ich möchte Ihnen nur mitteilen, dass ziemlich
genaue Nachrichten über Sie selbst und Ihren Grundbesitz eingelaufen sind, die
hämischer Weise benutzt werden sollen, um Sie am Tage Ihrer Verlobung mit Miss
Elliot als Schwindler festnehmen zu lassen. Sie müssen selbst am besten wissen,
was Sie zu befürchten haben und ich mache Ihnen die Mitteilung nur, um
vielleicht der Familie Elliot einen öffentlichen Scandal zu ersparen. Das ist
Alles, Sir!«
    »Halt an!« rief Baker, sich verfärbend, als Helmstedt jetzt sein Pferd
zurückziehen wollte. »Sie scheinen es darauf abgesehen zu haben, mir bei jeder
Begegnung Beleidigungen ins Gesicht zu werfen; Sie kommen aber bei Gott diesmal
nicht so davon. Sprechen Sie deutlich und geben Sie Rechenschaft von ihren
halben Worten, oder ich schiesse Sie nieder wie einen Hund!« Die Hand des
Sprechenden fuhr nach der Brusttasche. In Helmstedts Gesicht trat ein leichtes
Rot, er fasste die Reitpeitsche in der Mitte, das dicke Ende mit dem schweren
Bleiknopfe nach oben gekehrt. »Ich habe mich eigentlich zur Verschwiegenheit bis
Neujahr verpflichtet,« sagte er, scharf jede Bewegung des Gegners bewachend,
»auf Sie selbst, der Sie Ihre eigenen Verhältnisse jedenfalls besser kennen, als
ich, kann das aber natürlich keine Anwendung finden. Die Sache ist die, Sir, dass
Sie weder Pflanzer, noch ein Mann von Alabama sind, sondern ein Spieler von
Profession und ein New-Yorker Industrie-Ritter, der sich jetzt hier festen Boden
unter die Füsse schaffen will, und dass Sie am besten tun, sich davon zu machen,
wenn Sie Ihre Lügen nicht aufgedeckt sehen wollen!« Helmstedt sah, wie während
er sprach, sich Bakers Hand in der Brusttasche ballte, wie dessen Auge einen
Ausdruck gleich den einer lauernden Katze annahm; kaum hatte er aber das Wort
»Lügen« ausgesprochen, als auch Jener mit einem wilden »God -!« seinen Revolver
hervorriss. Helmstedt war darauf vorbereitet gewesen und fast im gleichen
Augenblicke traf ein Hieb des schweren Endes seiner Reitpeitsche Bakers Hand,
dass die Waffe über die nächste Einzäunung in die dichten Brombeer- und
Schwarzbeer-Büsche flog. Des Amerikaners Pferd tat erschreckt einen Satz zur
Seite, dass der Reiter fast aus dem Sattel geworfen wurde, und sprengte davon;
Helmstedt zügelte sein eigenes unruhig gewordenes Tier und blieb dann, die
Reitpeitsche in der Hand wiegend, in der Mitte der Strasse halten, bis Baker
wieder Macht über sein Pferd gewonnen hatte, es herumwarf und zurückkam. Zwei
Schritte vor dem Deutschen hielt er still. »Ich bin augenblicklich waffenlos,«
rief er ihm mit dem vollen Ausdruck des Ingrimms zu, »seien Sie aber versichert,
dass ich mir für allen erlittenen Schimpf volle Genugtuung verschaffen werde -
ich behalte dies als Memorandum!« Er zeigte einen kleinen Messingknopf, welcher
bei dem Schlage von der Reitpeitsche abgesprungen war und sich in seinen
Kleidern verfangen haben musste.
    »Ziehen Sie sich bei Zeiten zurück, Sir!« erwiderte Helmstedt, als Jener
sein Pferd drehte, »Sie haben bis übermorgen Zeit, es ohne öffentliche Schande
zu tun; was später erfolgt, mögen Sie sich selbst zuschreiben!« Baker warf ihm
nur noch einen Blick zu, der ohne Worte sprach, und trabte sodann davon.
Helmstedts Auge suchte nach dem Revolver, der aber in den dornigen Gesträuchen
und dem buschigen Unkraut so verborgen lag, dass sein Auffinden mehr als
Schwierigkeit erfordert haben würde, und ritt dann seines Weges weiter. Es war
ihm zu Mute wie einem jungen Feldherrn, der seine erste Schlacht gewonnen hat.
    Erst spät Nachmittags kam er aus der Stadt zurück. Er hatte sein Geld in der
Bank erhalten, aber Seifert trotz längeren Wartens und Suchens nicht getroffen.
Als er hinter dem Wohnhause vom Pferde stieg, sah er Sarah neben den Ställen
vorüberschlüpfen und rief ihr zu. Die Schwarze kam langsam heran.
    »Hast du Mr. Baker gesehen, während ich weg war?« fragte er halblaut. Das
Mädchen sah ihn an wie in plötzlicher Betroffenheit. »Mr. Baker?« wiederholte
sie zögernd.
    »Ich meine, ob er hier gewesen und mit Mr. Elliot geredet hat?«
    »No, Sir!« rief sie, als fasse sie jetzt erst seinen Gedanken, »Mr. Elliot
ist Vormittag ins Land geritten und jetzt noch nicht wieder zurück.« Helmstedt
nickte befriedigt und brachte sein Pferd in den Stall.
 
                               Sechstes Kapitel.
                            Ein Gewitter im Winter.
Sylvester-Nachmittag war herangekommen. - Helmstedt war schon eine Viertelstunde
lang in seiner Stube auf- und abgegangen, hatte sich dazwischen auf einen Stuhl
geworfen und zu lesen versucht, war ans Fenster getreten, hatte die eintönige
Landschaft und den grauen Himmel betrachtet und dann wieder die Stube gemessen.
Es lag ein drückendes Gefühl über ihm; er wusste nicht, sollte er es der
eigentümlichen Luft, die sich schon seit zwei Tagen geltend machte, oder der
ungewissen Spannung zuschreiben, in welcher er sich während Mittag befand. Dick
war am Morgen weggefahren, um die Damen des Hauses heimzuholen, und Elliot hatte
während des Mittagessens hingeworfen: wie er sich freue, einmal wieder einen
belebten Abend haben zu können; Baker werde sich wahrscheinlich auch einstellen,
um das neue Jahr in Gesellschaft der Familie zu erwarten. Helmstedt hatte dazu
geschwiegen, war indessen den Nachmittag über bei jedem Geräusche, das in der
Gegend des Hauses laut wurde, aufgefahren, ob es nicht durch die Ankunft des
verhassten Menschen verursacht werde. Er traute diesem recht wohl die Frechheit
zu, seine Rolle in der Familie durchzuspielen; der zu gewinnende Preis war schon
einiger Gefahr wert; welches Verhalten aber Helmstedt nach seiner Ankunft
beobachten sollte, wusste er selbst noch nicht recht. - Er konnte von seinem
Zimmer aus einen Teil der grossen Strasse jenseits der äusseren Einfriedigung,
sowie das Gattertor, welches den Eingang zu der Besitzung bildete, sehen,
dortin fiel bei seinem Gange durch die Stube jedesmal sein Blick, so oft er das
Gesicht den Fenstern zukehrte, und dort gewahrte er endlich einen heranrollenden
Wagen. Er trat rasch zum Fenster und sah scharf hinüber, er erkannte Elliots
Kutsche mit den Damen und das Blut schoss ihm nach dem Herzen, dass er genötigt
war, die Hand darauf zu legen. Er hatte überdacht, dass er sich heute noch unter
allen Umständen mit Ellen in Verbindung setzen musste, wenn dem Mädchen eine
Möglichkeit zur Wehr und Rettung bleiben sollte; war sie einmal mit Baker
verlobt, so konnte dieser, als Elliots künftiger Schwiegersohn, auch ohne einen
Cent in der Hand, leicht zu einer Besitzung gelangen und damit alle gegen ihn
erhobenen Beschuldigungen niederschlagen. Auf welche Art Helmstedt jetzt an
Ellen gelangen konnte, wusste er freilich nicht, keinesfalls sollte ihm aber
irgend eine sich darbietende Gelegenheit entschlüpfen. Er warf einen Blick
durchs Fenster - der Wagen war schon nahe dem Gattertore - er riss ein Blatt
Papier aus seiner Brieftasche und schrieb mit flüchtiger Hand: »Mut, es wird
Alles gut werden, sobald ich Sie heute noch allein sprechen kann - wie? wo? muss
ich Ihnen überlassen. Geben Sie mir Nachricht, ich werde stets so viel als
möglich in Ihrer Nähe sein.« Er brach das Papier klein zusammen, nahm seinen Hut
und eilte durch die Hintertür ins Freie, er umschritt das Haus, als führte ihn
nur ein Zufall dem Wagen entgegen, und kam eben recht, um diesen heranrollen zu
sehen. Dick sprang vom Bock und öffnete den Schlag. »Wo ist Sarah?« rief Mrs.
Elliot heraus. Helmstedt war wie der Wind an der Wagentür und bot der Dame
seine Hand. »Ist denn sonst Niemand hier?« sagte sie, erhob sich indessen und
liess sich seine Unterstützung beim Aussteigen gefallen. Ellen folgte und
Helmstedt fasste ohne Weiteres ihre Hand. »Nehmen Sie und halten Sie fest!« sagte
er rasch und eindringlich - eine Purpurröte überflog ihr Gesicht, dann aber war
sie mit einem leichten Sprunge aus dem Wagen. »Ist denn gar Niemand von alle den
Leuten da, der unsere Sachen nehmen kann?« rief die Hausherrin, ärgerlich nach
dem Portico gehend. »'S ist der letzte freie Abend, Ma'am!« rief Dick lachend,
»wir wollen aber die Sachen schon fortbringen.« Helmstedt hatte bereits ein
leichtes Packet aus dem Wagen genommen, welches ihm Ellen abnahm, und als er das
zweite Mal mit einiger Mühe die stark gefüllte Reisetasche unter dem Sitze
hervorgezogen hatte und sich herumwandte, begegnete er dem unruhigen Blicke des
Mädchens, das soeben das erhaltene Papier in die Tasche ihres Kleides
verschwinden liess. Sie bog sich neben Helmstedt in den Wagen, als wolle Sie
untersuchen, ob nichts zurückgeblieben sei. »Seien Sie Nachts spät, wenn Alles
schläft, unter meinem Fenster, das zweite links vom hintern Portsch, ich kann
jetzt nichts weiter sagen!« sprach sie in hörbarer Aufregung, drehte sich dann
weg und folgte ihrer Mutter. Elliot, dem man es noch ansah, dass er sich mit
Schlafen die Zeit vertrieben, trat jetzt aus dem Hause, bewillkommnete die
Rückkehrenden und verschwand mit ihnen in der Halle. Dick trug das Gepäck nach
und schimpfte in gutmütiger Laune auf »das schwarze faule Pack, das nicht
arbeiten wolle und ihm Alles überlasse,« und Helmstedt stand wieder allein. Er
warf einen Blick auf den sich immer dunkler umziehenden Himmel und ging dann mit
gesenktem Kopfe, aber mit einem Gesichte, in dem sich die innerste Befriedigung
spiegelte, nach seinem Zimmer zurück. -
    Zwei Stunden später stand am Riverhause ein schwitzendes Pferd angebunden,
das dann und wann unruhig den Kopf hob und in die Luft hineinschnaubte. In einem
Hinterzimmer hatte sich Baker auf einen Stuhl geworfen und wischte sich den
Schweiss von Kopf und Gesicht. Seifert sass, den Kopf in die Hand gestützt, an dem
Tische daneben. »Punkt elf Uhr also sind Sie am Platze!« begann der Erstere,
vorsichtig seine Stimme dämpfend, und warf sich den Hut auf den Kopf, »sind Sie
pünktlich, so ist ein Fehlschlag ganz unmöglich, es wird eine Nacht wie in einem
Sacke. Der Capitain ist benachrichtigt und wird von zwei Uhr bis zum
Morgengrauen mit dem Boote harren. Ich denke, wir schlagen abzüglich der
Unkosten unsere viertausend Dollars bei dem Geschäfte heraus, also um Gottes
willen nichts versäumt. Lassen Sie sehen. Sie haben für alle Fälle Ihre
Instructionen, falls wir durch irgend einen Umstand getrennt würden. Sobald Sie
Savannah in Tennessee erreicht haben, verlassen Sie das Boot, nehmen mit Ihrer
schwarzen Mannschaft die Postkutsche und gehen quer durch das Land bis Memphis.
Das ist zugleich der sicherste Weg jede mögliche Verfolgung abzuschneiden, die
sich jedenfalls in der Richtung von Illinois wenden würde. Für Memphis haben Sie
zur schnellen Abwickelung des Geschäftes die nötige Adresse, unser späteres
Rendezvous kennen Sie auch und wenn Sie mir mit dem Anteile meines Nutzens etwa
durchgehen wollten, so wissen Sie, dass die Hälfte des Betrages in Noten
ausgestellt wird, die nicht an Andere übertragbar sind und von einem von uns in
New-York selbst präsentirt werden müssen. Ich würde also das Vergnügen haben
können, Sie dort zu treffen und Sie haben im umgekehrten Notfalle dieselbe
Sicherheit gegen mich.«
    Seifert nickte. »Sie scheinen recht schnell zu Ihrem Entschlusse gekommen zu
sein,« sagte er mit einem Anfluge von Spott, »schneller, als es sich nach Ihren
bisherigen Erfolgen erwarten liess.«
    »Ist es Ihnen nicht recht?«
    »Vollkommen, es hat mich nur überrascht!«
    »Well, Sir,« erwiderte Baker, sich langsam erhebend, »vielleicht war ich zu
rasch - nach Neujahr aber, wo wieder eine strengere Beaufsichtigung der Neger
eintritt, wäre das Unternehmen nur mit doppelter Schwierigkeit ausführbar
gewesen. Meine anderweitigen Erfolge stehen noch genau so fest wie früher, aber
ich habe seit einigen Tagen ein Gefühl, als habe der Teufel Unkraut unter meinen
Weizen gesäet; ich fühle meinen Boden nicht fest unter mir und weiss nicht, ob
ich beim nächsten kecken Schritte sicheren Grund finde oder Sumpf, tief genug,
um darin zu versinken. Ich habe gestern Morgen ein Malheur gehabt, das mich
meinen Revolver gekostet hat - mir ist es, als sei es eine Warnung gewesen -
machen Sie nun daraus, was Sie wollen, aber seien Sie pünktlich auf dem Platze,
ich will die übrig bleibende Zeit benutzen, um zu sehen, was sich noch zuletzt
aus einem früheren Geschäft erzielen lässt. Good bye!« Er schritt durch die im
Vorderhause befindliche »Grocery,« um ins Freie zu gelangen - in einer Ecke
derselben sass Isaac, der Pedlar, neben seinem Kasten, augenscheinlich von einer
beschwerlichen Wanderung ausruhend. Baker sah beim Hindurchgehen starr zur Tür
hinaus, als wolle er keinem seiner Blicke begegnen, schwang sich auf sein Pferd
und ritt in scharfem Trabe davon.
    Es mochte gegen zehn Uhr Abends sein, als er im langsamen Schritt von der
Hauptstrasse abbog, und den Weg durch die dicke Finsternis nach Mortons Landhause
einschlug. Er leitete sein Pferd vorsichtig durch die hereingebrochene
Finsternis, bis sich ihm die weisse Masse des Landhauses bemerkbar machte. An der
äussern Einzäunung stieg er ab, befestigte den Zügel daran und schritt, jedes
Geräusch vermeidend, dem Hause zu. Die Fenster waren geschlossen und dunkel, nur
durch die Jalousien eines der Front-Parlors stahl sich ein schwacher
Lichtschein. Die »Hall« -Tür öffnete sich auf Bakers Druck, er schloss sie leise
hinter sich und trat mit gleicher Vorsicht in das Zimmer, in welchem er Licht
bemerkt hatte. Eine einzelne Kerze, auf einem der Seitentische stehend, erhellte
schwach den weiten Raum und liess eine weibliche Gestalt, welche in der
entferntesten Ecke zusammengedrückt auf einem Stuhle sass, im Halbdunkel. Baker
blieb an der Tür stehen. »Sind wir allein, Alice?« fragte er halblaut. Das
Mädchen fuhr in die Höhe, als bemerke sie jetzt erst sein Eintreten, und sank
dann wieder in sich zusammen. »Sie schlafen schon Alle und haben Ruhe!«
erwiderte sie eintönig.
    Baker warf einen prüfenden Blick auf sie. »Ich danke Ihnen, dass Sie meiner
Bitte um eine Unterredung Gehör gegeben haben,« sagte er dann. »Sie sollen auch
bald Ruhe haben, wenigstens vor mir. Ich gedenke morgen abzureisen; ich habe
Ihre Briefe in meiner Tasche und werde sie Ihnen einhändigen, sobald Sie mir die
Abreise möglich machen. Ich bin unglücklich im Spiel gewesen, Alice, und kann
ohne Geld nicht weg - schaffen Sie mir das notwendigste, um mich wieder flott
zu machen, und ich gebe mit Auslieferung Ihrer Correspondenz alle Macht über Sie
auf!«
    Das Mädchen hatte sich, während er sprach, langsam aufgerichtet, ihr
bleiches Gesicht sah in der matten Beleuchtung todtenähnlich aus. »Zertreten Sie
mich, Mann,« sagte sie, »ich will es dulden, wenn ich dadurch meine Schande mit
mir begraben kann - aber fordern Sie keine Unmöglichkeit, kein Geld mehr von mir
- Sie haben mich ausgepresst wie den Schlauch, der den letzten Tropfen hergegeben
hat, und der nur noch unter Ihren Händen zerreissen kann.«
    »Haben Sie wirklich im Augenblicke kein Geld,« erwiderte Baker kalt, ihr
näher tretend, »so besitzen Sie Schmuck. Ueberlegen Sie, dass ich Sie heute das
letzte Mal sehe, wenn Sie mich auf irgend eine Weise befriedigen können. Ich
will Ihnen nicht Ihren eigenen Reichtum an Kostbarkeiten vorzählen.«
    »Es ist längst Alles geopfert und veräussert, um Ihre Ansprüche zu
befriedigen und mir eine kurze Rast zu erkaufen - ich bin seit Monaten nicht aus
dem Hause gegangen, um nicht das Verschwinden selbst des letzten Stückes
bemerkbar werden zu lassen.«
    »Gut, Alice, ich komme aber ohne Geld nicht weg; soll ich den Wert Ihrer
Briefe einem Andern verraten und mir darauf Geld leihen, damit dieser den
Betrag später mit Zinsen wieder von Ihnen herauspresse?«
    Die Augen des Mädchens erweiterten sich wie im Entsetzen. »Henry!« rief sie
mit heiserer, unterdrückter Stimme, »was soll ich denn tun? ich kann doch nicht
morden und stehlen, um Sie zu befriedigen! Seien Sie barmherzig!« fuhr sie fort
und stürzte verzweifelnd auf ihre Kniee, »geben Sie mir die Briefe, Henry!«
    Baker kehrte sich ab und schritt durch das Zimmer. »Sie machen mir einmal
wieder eine Scene, Alice, und wissen, wie ich dergleichen Auftritte hasse - ich
werde ein andermal wieder kommen!« fuhr er fort, als er die Tür erreicht hatte
- er öffnete sie -
    »Henry! geben Sie mir die Briefe!« stöhnte das Mädchen, die Arme nach ihm
ausstreckend, aber Baker hatte das Zimmer verlassen, durcheilte rasch den Raum
bis zu seinem Pferde und ritt bald in das Dunkel hinein. Er hatte die Richtung
nach Oaklea genommen und trabte eine kurze Strecke auf der Strasse hin, bald aber
nötigten ihn Löcher und Wurzeln im Wege, die nur durch das häufige Straucheln
des Pferdes bemerkbar wurden, vorsichtig Schritt zu reiten.
    Die Luft lag so bewegungslos über der Gegend, dass auch nicht das Rauschen
eines einzigen Blattes hörbar wurde, und der Hufschlag des Pferdes klang weit
über die Strasse hin. Plötzlich hielt der Reiter an und horchte, als sei ihm ein
ungewöhnliches Geräusch aufgefallen - aber ringsum war Todtenstille. Er ritt
weiter, bis zu einem schmalen Weg, der sich zwischen den eingezäunten Feldern
von Oaklea nach der Rückseite der Besitzung hinunter zog, und bog hier ein.
Wieder schien ihn irgend ein befremdender Laut zum Halten zu bringen - er
horchte aufmerksam und lange, aber in der schweren, stillen Luft war nicht das
leiseste Geräusch zu hören. Vorsichtig ritt er weiter, er spähte hinüber nach
Elliot's Haus, konnte aber kein Licht mehr entdecken, und verfolgte nun rascher
seinen Weg, bis zu dem Saum des Waldes, der einige Minuten hinter den
Negerhütten seinen Anfang nahm. Hier unterbrach ein geschlossenes Torgatter die
übrige Einfriedigung, und Baker sprang vom Pferde. Scharf spähete er umher und
tat einen leisen Pfiff - ein ebenso leises Pfeifen antwortete ihm, er band
jetzt sein Pferd an und kletterte über die Umzäunung - in der Dunkelheit sah er
aus den Gebüschen eine Gestalt auf sich zukommen. »Wer?« fragte er leise. »All
right, Sir!« antwortete Seiferts Stimme und hinter ihm zeigten sich vier andere
Gestalten. »Brav, Kinder!« sagte Baker herantretend, »habt ihr eure nötigsten
Sachen bei euch? Gut, jetzt aber keinen Augenblick mehr verzögert; drei Stunden
Marsch bis wir den Fluss erreicht haben, das Dampfschiff wartet und dann sind wir
geborgen. Wer von euch die Strasse durch den Wald am besten weiss, geht mit diesem
Gentleman hier voran, die andern beiden folgen und ich nehme Sarah hinter mich
auf's Pferd. Vorwärts nun!« Die schwarzen Gestalten schlüpften der Umzäunung zu
und eben wollte Baker ihnen folgen, als er einen krampfhaften Griff an seinem
Arme fühlte; er wandte sich betroffen um - in demselben Augenblicke wurde
urplötzlich die Gegend von einem Blitze erleuchtet, der den ganzen Himmel in
Feuer zu setzen schien und ihm Alice Mortons geisterhaftes Gesicht an seiner
Seite zeigte; ein, zwei, drei Donnerschläge folgten nach, unter denen die Erde
zitterte und deren Schall in den Bergen ringsum immer neue Donnerschläge zu
gebären schien; eine volle Minute währte es, ehe das letzte Rollen sich in der
Ferne verlief und Baker hatte kaum sein Gehör wieder, als er Alice Mortons
Stimme an seinem Ohre vernahm: »Henry, geben Sie mir meine Briefe wieder!« »Sie
muss wahnsinnig geworden sein!« rief er und suchte sich mit einer kräftigen
Bewegung von ihr losszureissen, aber ihre Hand hielt seinen Arm wie mit eisernen
Banden geschlossen. Seifert und die Schwarzen hatten bei dem plötzlichen
Donnerschlage Halt gemacht. »Geht voran, es ist keine Secunde zu verlieren,«
rief Baker, »das Gewitter könnte Todte wach rufen - ich bin im Augenblick nach -
rasch, und keinen Augenblick Aufentalt!« Die Schwarzen mit ihrem Führer
verschwanden über die Einzäunung. - - - -
    Es war wohl noch selten in Oaklea ein verdriesslicherer Sylvester gefeiert
worden, als denselben Abend. Ellen hatte beim Einbruche der Dunkelheit erklärt,
sie fühle sich so unwohl, dass sie sich niederlegen müsse, wogegen ihr Mrs.
Elliot vorwarf, sie wolle nur wie ein verzogenes Kind Mr. Baker ausweichen und
ihre Eltern bis zum letzten Augenblicke ärgern. Demohngeachtet war Ellen in
ihrem Zimmer unsichtbar geworden und Elliot hatte Sarah zu ihr geschickt, damit
Jemand zu ihrer Bedienung bei ihr sei. Das Abendbrod war, da Baker erwartet
wurde, bis auf acht Uhr hinausgeschoben, Baker aber kam nicht, und Helmstedt,
als er endlich zu Tisch gerufen wurde, fand den Herrn und die Frau des Hauses in
einer Stimmung, die ihm jede Anknüpfung eines Gespräches verbot. Er war auch
eigentlich der Einzige, welcher ass und er beeilte sich, das Speisezimmer so bald
als möglich wieder zu verlassen. - Kaum war es zehn Uhr, als auch schon im
ganzen Hause kein Licht mehr brannte; selbst Helmstedt hatte der Vorsicht wegen
das seine ausgelöscht, hatte sich eine Cigarre angebrannt, und sass, sich seinen
aufgeregten Gedanken überlassend, in seinem Schaukelstuhle.
    Es mochte halb elf Uhr sein, als er sich erhob, das Ende seiner Cigarre in
das niedergebrannte Feuer warf und leise das Zimmer verliess. Er hatte, um
möglichst jedes Geräusch zu vermeiden, seine leichten Morgenschuhe angezogen. Er
umging das Haus, spähete nach jedem Fenster, ob nicht irgendwo »ein Verräter
wache«; aber das ganze Gebäude lag dunkel und stumm, und jetzt erst, an der
Rückseite wieder angekommen, suchte er die ihm bezeichnete Stelle. Die
Hintertür war durch einen auf vier Säulen ruhenden Portico überdacht, welcher
sich bis zur Höhe des oberen Stockes erhob. Daneben, im unteren Geschosse
befanden sich zu beiden Seiten Vorratskammern und nur die Zimmer darüber waren
bewohnt. Helmstedt sah nach dem von Ellen angedeuteten Fenster, es war dunkel
wie die übrigen. Nach kurzer Ueberlegung suchte er ein paar kleine Steinchen vom
Boden und warf sie gegen die Scheiben. Sein Herz schlug heftig, als er sich
jetzt dicht an eine Seitensäule des Portico stellte, um sich dadurch vor dem
möglichen Blicke eines unberufenen Auges zu schützen; bald aber vernahm sein
gespanntes Ohr das leise Geräusch des behutsam aufgeschobenen Fensters und sein
Blick unterschied in der Dunkelheit desselben den Schein eines weissen Gewandes.
»Es schläft Alles!« sprach er halblaut hinauf. Er konnte jetzt einen sich scheu
herausbiegenden Kopf erkennen. »Wo sind Sie?« klang es herab, aber so leise, dass
es kaum vernehmbar war. Helmstedt trat von seinem Posten weg. »Können Sie mich
deutlich genug verstehen, Miss?«
    »Ich glaube - aber sprechen Sie nicht so laut, ich vergehe vor Angst, dass
uns Jemand hören könnte und doch weiss ich nicht, was sonst zu tun?« - Helmstedt
hatte die geflüsterten Worte mehr erraten als gehört; es wurde ihm klar, dass
auf diese Weise eine Unterredung unmöglich war - und doch fühlte er, dass ihm
eben so viel daran lag, dem Mädchen Waffen gegen den aufgedrungenen Bräutigam in
die Hände zu geben, als es nur bei ihr selbst der Fall sein konnte. »Ich werde
suchen, Ihnen näher zu kommen!« rief er leise hinauf, nachdem er mit Auge und
Gedächtnis sich die Form des Hauses vergegenwärtigt. - Kaum einen Fuss vom
Portico entfernt, befand sich das erste Fenster des Erdgeschosses, das sich von
den Stufen aus, welche zur Tür hinauf führten, leicht erreichen liess; daneben
wanden sich immergrüne Schlingpflanzen, von einzelnen Querleisten gehalten, die
an der Mauer befestigt waren, empor, und setzte man vom Fenster aus den Fuss auf
eine dieser Leisten, so erforderte es nur wenig Geschicklichkeit, um sich auf
das Dach des Portico zu schwingen. Das war es, was sich Helmstedt in kurzer
Ueberlegung zusammengestellt hatte und was er jetzt ohne weiteres Zögern
auszuführen versuchte. Er stand, sich an eine der Portico-Säulen haltend, bald
genug im Fenster, und eben so schnell hatte sein Fuss den Halt an der Mauer
gefunden, der ihm ohne besondere Anstrengung seinerseits zu der Höhe des Portico
half; das einzige Hindernis, welches er hier traf, um zu einer sicheren Stellung
zu gelangen, war die abschüssige gefirnisste Fläche der Ueberdachung, die ihn
jeden Augenblick in Gefahr brachte herabzugleiten. Die Fenster des
Erdgeschosses, welche bis zur Höhe des Portico-Daches reichten, waren an ihren
oberen Enden mit breit hervorspringenden Gesimsen als Verzierung versehen, und
Helmstedts Fuss, welcher nach einem besseren Halte suchte, traf bald den ihm
zunächst gelegenen Vorsprung, der ihm eine feste Stellung zu verheissen schien;
er fasste mit den Händen in die darin befindliche Fensteröffnung des oberen
Stockes, die nach ihrer Lage zu dem Treppenhause gehören musste und trat auf den
Sims hinüber. Ellens Zimmer war jetzt nur eine Fensterbreite von ihm entfernt
und ein Verständnis war von hier aus leicht zu erzielen. »Können Sie mich jetzt
genau verstehen, Miss?« begann er leise.
    »Wo stehen Sie denn?« kam die ängstlich geflüsterte Frage zurück.
    »Gleich hier auf dem Fenstervorsprung!«
    »Um Christi willen, Sie müssen fallen, Mr. Helmstedt, Sie haben keinen Halt
und ich ängstige mich zu Tode, so lange ich Sie in der Stellung weiss!«
    Dem Deutschen begann es beinahe selbst zu scheinen, als werde er seinen
Platz nicht lange behaupten können, er hatte seiner Stellung nur dadurch einige
Festigkeit gegeben, dass er seinen rechten Arm fest in die Fensteröffnung, vor
der er stand, gedrückt hatte; diese war aber so flach, dass es ihm war, als müsse
jeden Augenblick sein Arm herausgleiten. »Miss Elliot, ich muss unter allen
Umständen mit Ihnen reden,« sagte er und versuchte sich fester anzuklammern, »es
ist die höchste Zeit dazu - wollen Sie mir erlauben, dass ich versuche bis zu
Ihnen zu kommen, ich glaube, ich kann den Schritt nach dem nächsten Sims mit
Leichtigkeit tun!«
    »Ich habe ja nichts dagegen, aber Sie werden gewiss dabei herunterstürzen,
Sie können ja keinen Schritt weit vor sich sehen!«
    »Bleiben Sie stehen, wie jetzt, Miss, Ihre helle Kleidung gibt mir einen
Punkt fürs Auge, im schlimmsten Falle ist die Höhe vom Boden nicht so
ungeheuer!« Er schob sich vorsichtig bis zum Ende des Vorsprunges, klammerte
sich mit der rechten Hand fest an die Fensterbekleidung, presste sich platt an
die Mauer und tat, mit ausgestrecktem linken Arme, um sofort in Ellens Fenster
fassen zu können, langsam einen weiten Schritt. Er fühlte die Ecke des nächsten
Simses unter seinem Fusse, seine linke Hand hatte schon festen Halt gewonnen, als
sein Schuh abglitt und plötzlich die ganze Last seines Körpers an seinem Arme
hing. Ein unterdrückter Schrei zeigte ihm, dass Ellen seinen Unfall wahrgenommen;
er strebte vergebens, sich soweit hinauf zu ziehen, um mit dem Knie die Simsecke
wieder zu erreichen, immer ging ihm die Kraft aus, ehe er so weit gelangt war;
sein rechter Arm suchte vergebens an der glatten Mauer daneben einen Halt zur
Unterstützung zu gewinnen und liess eben die möglichen Folgen eines Falles durch
seinen Kopf schiessen, als er von oben seinen Rockkragen gefasst fühlte. »Noch
einmal!« hörte er Ellens aufgeregte Stimme, »versuchen Sie mit aller Macht
jetzt, ich helfe!« und die Kraft, mit der er sich gefasst fühlte, überraschte
ihn. Noch einmal nahm er alle seine Stärke zusammen und mit einem Zuge hatte er
das Sims unter dem Knie, seine rechte Hand fasste das Fenster und aufrecht stand
er wieder - aber Ellens Hand zog noch immer; es kam Helmstedt vor, als halte sie
sich wie in einem plötzlichen Krampfe an ihn, und keinem andern Gedanken als
einer über ihn kommenden Angst nachgebend, stieg er rasch durch das Fenster ins
Zimmer. Ellen fiel bewusstlos in seine Arme.
    Das Feuer im Kamin war niedergebrannt, aber die glimmenden Kohlen
verbreiteten eine schwachrote Dämmerung im Zimmer und nur einzelne
hervorleckende Flammen schossen Streiflichter die Wände entlang. Helmstedt hielt
das Mädchen, das in ein leichtes fesselloses Negligé gehüllt an seinem Herzen
ruhte, als berühre er ein Heiligtum, aber seine Pulse, schon in Aufregung durch
das eben Erlebte, flogen fieberhaft. Einen Augenblick hatte er wohl daran
gedacht, die Bewusstlose irgendwo niederzulegen, oder etwas zu ihrer
Wiederbelebung zu tun, er fühlte aber, dass sein nächster Schritt, sobald sie
die Augen aufschlage, der wieder zum Fenster hinaus sein müsse - und jetzt
durfte er sie doch noch in seinen Armen halten! »Er sah in ihr matt
beleuchtetes, erblichenes Gesicht und es schien ihm fast noch schöner als im
Prangen der Jugendfrische; er neigte sich über sie - ein Tropfen Seligkeit und
dann ein ganzes Leben davon zehren!« war der Gedanke, der sich seiner
bemächtigte: leise in zitternder Innigkeit drückte er seine Lippen auf die
ihrigen; als er aber seinen Kopf wieder erhob, schlug sie, wie durch ihn
geweckt, voll und gross die Augen auf, sie sah ihn an und lächelte; im nächsten
Augenblicke aber schien sie zum vollen Bewusstsein gelangt zu sein und schnellte
erschreckt in die Höhe. Sie warf einen Blick um sich, einen zweiten auf ihn und
eine glühende Röte übergoss sie. »Mr. Helmstedt - um Gottes willen -« stammelte
sie und trat wie in sich selbst zurückfliehend, einen Schritt von ihm.
    »Ich gehe schon, Miss,« erwiderte er, und bemühte sich, die Bewegung in
seiner Stimme zu unterdrücken, »ich sah Sie ohnmächtig werden und die Besorgnis
hat mich hereingetrieben.«
    Er wandte sich nach dem Fenster. »Aber nicht wieder da hinaus!« rief sie
auffahrend und griff nach seinem Arme, als trete eist jetzt die klare Erinnerung
wieder vor sie. Beider Blicke trafen sich und blieben in einander hängen;
Helmstedt hatte ihre Hand, die ihn zurückgehalten, gefasst, sein Herz war ihm
voll zum Zerspringen. »Ellen!« sagte er leise - er zog sie näher - da warf sie
sich, als werde mit einem Male ihr ganzes Gefühl entfesselt, an seine Brust, wo
sie vorher geruht, Helmstedts Arme empfingen sie, eine Secunde lang fühlte er
ihre warmen Lippen auf den seinigen; in der nächsten aber hatte sie sich wieder
losgerissen, fiel in einen Stuhl und schlug die Hände vor das Gesicht.
    Helmstedt trat ihr langsam näher und kniete an ihrem Sitze nieder. »Ellen,
Leben meiner Seele!« sagte er im vollen Ausdruck seiner Empfindung, »ich will
dich erringen, oder selbst dabei zu Grunde gehen - ich habe gestrebt, meine
Leidenschaft in mich zu verschliessen, aber das Schicksal wollte es anders - sieh
mich an!« Er zog ihr sanft die Hände herab und blickte in ein Auge, in dem sich
Scham und Liebe stritten, - ein wundersames Gemisch von Innigkeit und halber
Scheu lag in ihren Zügen, und Helmstedt musste an die frisch aufgebrochene Rose
denken, die zum ersten Male von dem Strahle des Tages berührt wird. »Ellen,«
fuhr er fort, »hast du nicht ein Wort für mich?«
    Sie hob langsam den Blick zu ihm und über ihr Gesicht verbreitete sich das
Lächeln, das Helmstedt so gut kannte. »Und ich weiss noch nicht einmal Ihren
vollen Namen!« sagte sie.
    »Augustus heisse ich, aber sprich den Namen aus wie in meiner Muttersprache,
sage: August, und ich will denken, ich habe Heimat und alles verlorne in dir
wiedergefunden.«
    »August,« wiederholte sie halblaut und sah ihm tief ins Auge. Dann lehnte
sie ihre Stirne gegen die seinige. »August,« ich glaube, »mir hat es geahnt, dass
es so kommen musste, dass ich durch Sie vor dem Menschen Baker gerettet werden
würde -«
    Ein blendender Blitz, der für einen Augenblick Tageshelle in dem Zimmer
schuf, ein Donnerschlag, der die Fenster klirren machte, schreckten Beide
auseinander, und kaum war das letzte Rollen in den Bergen verhallt, als sich ein
Geräusch, wie starkes Pochen gegen die Vordertür des Hauses hören liess. »Was
ist das?« flüsterte Ellen ängstlich. Helmstedt horchte gespannt. Ein neues und
lauteres Pochen wurde hörbar, dem in kurzer Zeit das Klappen einzelner Türen im
Hause folgte; Männerstimmen wurden in hastiger, eifriger Sprache laut. »Da ist
etwas passirt, mag es sein, was es will, und ich muss hinaus auf irgend eine
Art!« sagte Helmstedt leise, »ich muss bei der Hand sein, falls Mr. Elliot nach
mir verlangt.« Er näherte sich dem Fenster. »Nicht da hinaus!« flehte Ellen, ihn
festaltend. »Aber das Haus ist wach,« flüsterte er zurück, »ich muss auf jedem
andern Wege entdeckt werden und das hiesse, unser junges Glück mit einem Schlage
vernichten.«
    In diesem Augenblicke fiel der Schein einer Laterne über den Platz hinter
dem Hause und Dicks Stimme wurde vernehmbar: »Ich bin schon hier, Master!«
Zugleich unterschied Helmstedt die Sprache dreier anderer Personen, welche eben
um das Haus zu biegen schienen. »Das ist Pa!« flüsterte Ellen an seiner Seite.
Sie eilte nach der Stubentür und horchte, dann öffnete sie diese behutsam und
sah hinaus. »Alles ist ruhig!« rief sie leise zurück. Helmstedt trat auf den
Zehen heran - kein Laut war von Aussen vernehmbar. »Gute Nacht, Ellen, träume von
mir!« Einen Moment noch hing sie an seinem Halse, dann drängte sie ihn aus dem
Zimmer.
    Vorsichtig ging er einige Schritte, bis er das Treppengeländer fühlte und
schlüpfte dann geräuschlos hinab. - -
    Als Baker spät am Nachmittage das Riverhaus verlassen, hatte sich der
Pedlar, der in der Ecke sass, in seiner vollen Höhe aufgerichtet und zeigte eine
so kräftige Formung der Glieder, wie sie ihm bei seinem gewöhnlichen gebückten
Gange Niemand angesehen hätte. Das alte Gesicht schien von einem erregenden
Gedanken belebt und das Auge blitzte in vollem Feuer unter den buschigen Brauen
hervor »Entweder jetzt oder niemals!« murmelte er, hob seinen Kasten auf und
stellte ihn hinter den Ladentisch, ergriff seinen Stock und ging zur Tür
hinaus. Mit weiten kräftigen Schritten verfolgte er dieselbe Strasse, auf welcher
Baker davon getrabt war; als sich diese aber im weiten Bogen links in die Ebene
hineinzog, schlug er einen schmalen Waldweg zur Rechten ein und schritt hier,
unbekümmert um die Unebenheiten und Hindernisse, die Wurzeln und umgestürzte
Baumstämme boten, scharf darauf los. Nach einer Weile zog er, ohne seinen Gang
zu unterbrechen, eine dicke silberne Uhr hervor - sie zeigte fast auf sechs. »Es
wird zehn Uhr, ehe ich bis zu Mortons komme,« brummte er vor sich hin, »er geht
aber auch dahin, ich kenne das Geschäft, was er noch abzumachen gedenkt; werde
ich dort nicht aufgehalten, so kann das ganze Nest in Oaklea abgefangen werden,
ehe die Vögel ausgeflogen sind und ich habe ihn endlich, wo ich ihn lange
gewünscht!« Er schritt wie in erhöhter Aufregung rascher vorwärts. »Ich hätte
früher kommen müssen, um genauere Kenntnis zu bekommen,« fuhr er nach einer
Weile fort, aber der Mensch kann einmal nicht allgegenwärtig sein und ich
glaube, ich werde alt. »Jetzt weiss ich nicht einmal die genaue Stunde - aber
Cäsar wird wissen, wenn es losgehen soll!« Er schritt weiter, ohne rechts oder
links zu sehen, dunkele Dämmerung fing an hereinzubrechen, der in schnellem
Uebergange bald die Nacht folgte. Der Alte schien aber vollkommen mit seinem
Wege vertraut zu sein und verfolgte ohne Stocken oder Zaudern die verschiedenen
Windungen. So mochte er mehrere Stunden gegangen sein, als der Wald endete und
in der Ebene vor ihm sich einzelne Lichter zeigten. Bald gelangte er zu einer
Feldumzäunung; er überkletterte sie und sah nach kurzem Gange durch
hochaufgeschossenes Unkraut die dunkeln Umrisse zerstreut liegender Negerhütten
vor sich. Er war auf Mortons Besitztum. »Guten Abend, Onkel; ist Cäsar zu
Hause?« fragte er, als ein alter, eisgrauer Neger das Fenster aufschob.
    »Er muss gleich wieder hier sein, Sir, er ist nur noch einmal nach dem
Stalle, wir haben ein krankes Pferd,« war die Antwort, »wollen Sie nicht so
lange hereinkommen?«
    Der Pedlar hielt die Uhr gegen das herausscheinende Licht - es war zehn
vorüber. Er sah einen Augenblick sinnend in die dunkeln Wolken. »Wenn sie noch
in der Nacht den Fluss erreichen wollen,« brummte er, »so müssen sie spätestens
um elf Uhr aufbrechen und ich kann mich hier nicht aufhalten. - Ich werde lieber
selbst nach dem Stalle gehen!« fuhr er fort und wandte sich, durch die
Dunkelheit seinen Weg suchend, Mortons Landhause zu. Er erreichte das
weitläufige Stallgebäude, sah in alle Abteilungen hinein, aber nirgends war ein
Mensch zu sehen. »Jedenfalls auf dem Wege verfehlt!« brummte er wieder, »und ich
weiss nicht einmal den Ort, wo sie sich treffen wollen; ich kann nicht allein
gehen!« Er nahm in Hast seinen Weg wieder zurück nach den Negerhütten und eben
als er das früher verlassene Haus erreichte, trat der Gesuchte aus der Tür.
»Halloh, Cäsar, vorwärts, oder wir kommen zu spät!« Er zog von Neuem seine Uhr -
es war fast halb elf. »Ich habe schon lange auf Sie gewartet, Sir!« sagte der
Schwarze, »sie wollen um elf zusammen aufbrechen!«
    »Dann los, was die Beine hergeben wollen,« rief der Pedlar, »ich musste erst,
der Gewissheit wegen, die ganze Schusterei aus dem Munde des Menschen selbst
hören, und das hat mich aufgehalten!« Der Alte schritt durch die Felder, als
hätten seine Beine doppelte Länge erhalten und Cäsar hatte Mühe, gleichen
Schritt zu halten.
    »Haben Sie etwas Neues gehört, Sir?« fragte der Schwarze.
    »Lauf jetzt, und schwatze nicht,« erwiderte der Alte, »oder deine schöne
Sarah geht auf Nimmerwiedersehen davon und wird durch die Spitzbuben nach den
Zuckerplantagen in Louisiana verkauft. Weisst du den Ort genau, wo sie
zusammentreffen wollen?«
    »Yes, Sir!«
    »Gut!«
    Der Schwarze war fast ausser Atem, als sie Elliots Haus durch die Dunkelheit
schimmern sahen; der Pedlar aber schien trotz seines langen Marsches gegen jede
Ermüdung gestählt zu sein; sein langer, gleichförmiger Schritt hatte noch keinen
Zoll eingebüsst. Eben öffnete er das Gattertor an dem Platze vor dem Hause, als
ein blendender Blitz und ein krachender Donnerschlag eine Secunde lang seine
Schritte hemmte. »Well, Cäsar, das wird sie wohl aufwecken und uns langes Pochen
ersparen!« sagte er, sich nach dem Schwarzen umsehend, »die Spitzbuben haben
eine schlechte Nacht getroffen, denn bei dem einen Schusse wird es nicht
bleiben.« Er wandte sich nach der Seite des Hauses und klopfte an Helmstedts
Fenster - er klopfte zum zweiten Male, und stärker, als keine Antwort erfolgte,
aber mit eben so wenig Erfolg. Kopfschüttelnd wandte er sich nach kurzem Zögern
der Vordertür zu und begann hier sein Pochen von Neuem.
    Ein Fenster im obern Stocke öffnete sich: »Ist Jemand hier?« fragte Elliots
Stimme.
    »Isaac, Sir!« antwortete der Alte. »Kommen Sie herunter, der Wolf ist unter
Ihren schwarzen Schafen - Sarah und ihre drei Brüder sind eben daran, auf und
davon zu gehen!«
    Elliot stiess einen unverständlichen Laut aus und verschwand vom Fenster.
Nach kurzer Zeit erschien er, notdürftig angekleidet, in der geöffneten
Haustür. »Ihr seid's, Isaac? wer ist auf und davon?«
    »Sarah und ihre drei Brüder, Sir, doch wenn wir rasch sind, können wir sie
sammt dem weissen Wolfe wohl noch fassen.«
    »'S ist aber doch fast unmöglich, Mann!« rief Elliot, wie in Verwirrung,
»habt Ihr Euch nicht täuschen lassen? Sarah hat heute Abend erst Erlaubnis
erhalten, zu einem Negerballe zu gehen.«
    »Halt, Sir!« rief der Alte und fasste Elliots Arm, »hier heisst's handeln und
sich nicht lange besinnen. Merken Sie auf: der Mann, der Ihre Schwarzen stiehlt,
heisst Baker - ich bin seiner Fährte nachgegangen, so lange er hier in der Gegend
ist, denn wo er hinkommt, lässt er Unheil zurück; ich habe ihn belauscht in
seinem verborgenen Quartiere im Riverhause, konnte aber nur aus einzelnen Worten
erraten, was er im Werke hatte; da half mir Cäsar hier zufällig auf die Spur,
der in seiner Eifersucht bald ausgefunden hatte, wer ihm seine Sarah abwendig
gemacht; - well, Sir, ich habe ihn angestellt, um unter den Schwarzen selbst dem
Plan des Spitzbuben auf die Fährte zu kommen, fragen Sie ihn jetzt, was er weiss
- ich habe erst vor ein paar Stunden genug aus dieses Mr. Bakers eigenem Munde
gehört, um Ihnen zu sagen, dass jetzt, in diesem Augenblicke, Ihre Schwarzen
entführt, nachher aber im Süden wieder verkauft werden sollen.«
    »Baker?« sagte Elliot und fuhr mit der Hand nach dem Kopfe. »Baker?«
    »Wenn Sie entschuldigen wollen, Master,« begann Cäsar unruhig, »Mr. Baker
hat Sarah und die Andern wirklich um eilf Uhr in den Busch an das hintere
Torgatter bestellt; sie haben geglaubt, ich ginge auch mit - und es muss schon
eilf vorbei sein!«
    »Baker - wir werden sehen!« sagte Elliot, wie plötzlich zu einem Entschlusse
gelangt. »Geh', Cäsar, und rufe Dick, er soll schnell kommen!« Dann trat er
rasch vom Portico herunter und schritt nach der hintern Seite des Hauses. »Das
Beste wird sein, wir ziehen die Pferde heraus; kommt her, Isaac!«
    »Lassen Sie ruhig die Tiere, wo sie sind,« erwiderte der Pedlar, »die
Spitzbuben haben jedenfalls den Waldweg eingeschlagen, wo Nachts kein Pferd
sicher treten kann, und wenn wir ihnen auf der grossen Strasse auch zuvorkommen
wollten, so kann doch bei dieser Finsternis dort Niemand scharf reiten, ohne den
Hals zu wagen.«
    Eben erschien Dick mit der Laterne. »Lassen Sie uns den eigenen Füssen
vertrauen, und ich führe Sie!« fuhr der Alte fort, »pochen Sie Helmstedt heraus
und ziehen Sie dann rasch Ihre Stiefeln an, ich werde mit den beiden Schwarzen
für alle Fälle Ihre Büchsen aus der Bibliotek holen und laden, und in fünf
Minuten können wir auf dem Wege sein!«
    »Ihr mögt Recht haben!« erwiderte Elliot, »besorgt das Notwendige und ich
werde mit Helmstedt sogleich wieder bei der Hand sein.« Er eilte nach dem Hause
zurück - der Pedlar störte das Licht in der Laterne heller auf und folgte mit
den Negern. Als sie die Halle erreicht und den Seitengang nach der Bibliotek
einschlagen wollten, kam ihnen Elliot aus dem entgegengesetzten, der nach
Helmstedts Zimmer führte, schon wieder entgegen. »Der Deutsche ist nicht da!«
rief er, »sein Zimmer ist offen, aber sein Bett noch unberührt, leuchtet einen
Augenblick mit der Laterne her!«
    »Er muss noch irgendwo auswärts sein,« sagte Isaac, als sich das leere Zimmer
zeigte und das Bett nur einen Eindruck von Elliots Hand verriet, »ich pochte
schon vorher vergebens an seine Fensterladen; aber lassen Sie uns nicht dabei
aufhalten; es wäre gut, wenn er da wäre, es muss aber auch so gehen, vorwärts!«
    Sie trennten sich in Eile, als aber der Schein der Laterne verschwunden war,
kam Helmstedt hinter einem Tragepfeiler der Treppe hervor, wohin ihn bei seiner
Flucht aus Ellens Zimmer Elliots Eintritt ins Haus getrieben hatte. Hastig trat
er in seine Stube, suchte im Finstern Stiefel und Kopfbedeckung und machte sich
dann durch die Hintertür wieder ins Freie; er wollte sich, um jeden Verdacht zu
vermeiden, den Anschein geben, als komme er wirklich erst nach Hause; eben
setzte ein neuer Blitz den Himmel in Feuer, Donnerschlag auf Donnerschlag
erfolgte und einzelne schwere Tropfen begannen zu fallen; - als er das Haus
umschritten hatte, hörte er wieder Elliots Stimme und die möglichst unbefangene
Miene annehmend, eilte er durch die offene Vordertür ins Haus.
 
                               Siebentes Kapitel.
                               Eine Sklavenjagd.
Wenige Minuten darauf trat die Gesellschaft auf den Portico heraus - Dick
beschäftigt, die Laterne an einen Stock zu binden.
    »Einen Augenblick!« sagte Elliot zu dem Schwarzen. »Jetzt, da Mr. Helmstedt
da ist, magst du hier bleiben, wenn du willst - ich mag dir nicht zumuten,
deine eigenen Kameraden jagen zu helfen. Ich würde sie ruhig laufen lassen und
keinen Finger nach Ihnen strecken - das wäre ihre sicherste Strafe - wenn's mir
nicht darum zu tun wäre, dem weissen Menschenräuber den Weg zu verlegen. Gib'
die Laterne her!«
    »Haben Sie keine Sorge um mich, Sir!« erwiderte Dick, den letzten Knoten
festziehend. »Ich habe schon die ganze Zeit her gedacht, dass es bald ein paar
schwarze Narren geben würde, seit der weisse Mann hier Abends hinter, den Zäunen
herumschlich. Ich gehöre nicht zu der Sorte: 's tut kein weisser Mensch 'was
umsonst für den weissen; möchte also wissen, warum er sich für den schwarzen
aufopfern sollte!«
    »Da ist wenigstens gesunder Verstand darin!« lachte Isaac; »nun aber keine
Worte weiter verloren, wir haben ohnedies nur noch die Hoffnung, dass sie sich
verspätet haben oder auf keine Verfolgung rechnen.«
    Lang aufgerichtet und die Andern einen halben Kopf überragend, die Laterne
an dem daran befestigten Stocke hoch haltend, schritt der Pedlar mit weiten
Schritten den vier Männern durch die Dunkelheit voran. Es wurde die grade
Richtung über die Felder und Einzäunungen hinweg bis zu dem Wege genommen, der
an der Seite von Elliots Besitzungen hinlief und den Baker kaum eine
Viertelstunde vorher verfolgt hatte.
    »Jetzt müssen wir weiter ohne Licht, damit wir uns nicht verraten,« sagte
Isaac, als sie die letzte Einzäunung überstiegen hatten, und verbarg die Laterne
unter seinem Rocke, »es können kaum noch dreihundert Yards von hier nach dem
bezeichneten Platze sein. Vorwärts, aber so still als möglich!«
    »Habt Ihr Recht in Bezug auf Baker, so kommt mir der Mensch nicht lebendig
davon!« sprach Elliot halblaut, an die Seite des rasch dahinschreitenden Pedlars
tretend. »Ich habe, so lange ich ein Mann bin, noch keinen solchen Fall gehabt,
wie jetzt - nur im Süden von Georgia habe ich als junger Mensch erlebt, dass
flüchtige Sklaven in die Sümpfe verfolgt und mit Hunden herausgehetzt wurden;
das war damals eine Pflicht der Selbsterhaltung, denn ganze Banden davon,
schlimmer als wilde Tiere, lebten in den Rohr-Dickichten versteckt. In unserer
Gegend hier sind Sklaven-Entweichungen ein Unding gewesen und ich möchte lieber
den doppelten Verlust auf einer andern Seite haben, als dass mir zuerst so Etwas
passiren muss.«
    »Sein Sie froh, Sir, dass Sie den Schaden nicht an Ihrem eigenen Fleisch und
Blut zu bejammern haben, wie's noch viel leichter hätte kommen können!«
erwiderte der Alte kurz und schritt schärfer vorwärts.
    Sie waren nur noch ein kurzes Stück von dem Torgatter entfernt, als ein
neuer gewaltiger Blitz die ganze Gegend erhellte; zehnfacher betäubender Donner
in immer sich erneuernden Schlägen folgte nach und zugleich stürzte, als wäre
jetzt mit einem Male die Himmelsschleuse weit aufgezogen worden, der Regen in
Fluten hernieder. »Halt!« sagte der Pedlar, »sie scheinen noch nicht weg zu
sein, dort bäumte sich eben ein angebundenes Pferd, das durch den Blitz scheu
gemacht war - ich will voran gehen und sehen wie es steht!« Er verschwand in der
Finsternis - die Uebrigen standen gespannt und bewegungslos, aber bald bis auf
die Haut durchnässt und triefend; Blitz auf Blitz, Schlag auf Schlag erfolgten,
dass die Ohren dröhnten und Helmstedt zuletzt meinte, er müsse sein Gehör
verloren haben; mit immer neuer Gewalt gossen die Wolken ihre Ströme nieder und
schienen den Boden unter den Füssen der Wartenden wegzuwaschen. Fünf Minuten
mochten vergangen sein, als ein plötzlicher Lichtschein die Gesichter
erleuchtete; Isaac stand unter ihnen und hatte die Laterne frei gemacht. »Sie
sind fort und haben das Pferd zurück gelassen,« sagte er, »hier ist ein kleines
Bündel, das sie fünf Schritte davon verloren haben; sie sind quer durch den
Busch nach der Waldstrasse, aber ich weiss den Weg vielleicht noch besser, und der
Regen ist gerade recht, um ihnen das schnelle Laufen zu vertreiben!«
    »Los denn!« rief Elliot, »das Wetter wird nicht länger als eine
Viertelstunde anhalten und Gewitterregen trocknet man am besten durch scharfe
Bewegung!«
    Der Pedlar voran, das wohlgeschützte Licht in seiner linken Hand, ging es
durch Regen, Donner und Blitz vorwärts - nach wenigen Minuten durch nasses
Unterholz, bis sich ein schmaler Waldweg auftat. Der Alte schien eiserne
Glieder zu haben. Mit immer gleich langen, eiligen Schritten verfolgte er den
Weg und bog jedem Hindernis bei Zeiten aus, dass die Nachfolgenden es bald am
geratensten fanden, sich dicht hinter ihm im Scheine der Laterne zu halten.
Kein Wort wurde laut. Jeder hatte genug zu tun, sich vor dem Fallen auf dem
schlüpfrigen Boden und vor Beschädigungen an den im Wege stehenden Bäumen zu
schützen - und dazu schien der Gang des Führers immer schneller zu werden. Nach
kaum fünfzehn Minuten hatte der Regen aufgehört, die Donner verhallten rollend
in der Ferne und die Kleider der eiligen Fussgänger dampften in dem Scheine des
vorangetragenen Lichtes. Helmstedt hatte bald vergessen, zu welchem Zwecke er
jetzt vorwärts schritt, und wo er war; er fühlte nur, dass auch ohne sein Zutun
jede Gefahr durch Baker ein Ende hatte; vor ihm tauchten die Scenen wieder auf,
die er eben durchlebt - Ellen in ihrer ganzen süssen Anmut trat vor seine Seele,
er durchlebte die mit ihr verbrachte halbe Stunde, Minute für Minute, noch
einmal; er merkte nichts von der Länge des Weges, seine Beine taten mechanisch
ihre Schuldigkeit, und erst als plötzlich der ganze Zug stockte, fuhr er aus
seinen Träumereien auf. »Sie müssen kurz vor uns sein!« sagte Isaac, der seinen
Gang gehemmt hatte, in sichtbarer Aufregung, »hören Sie!« Ein Knacken wie von
dürrem Holze wurde in einzelnen Zwischenräumen hörbar. »Sie sind über den alten
Bretterdamm gegangen, das ist kaum noch drei Meilen vom Flusse - jetzt scharf
drauf und wir haben sie - der Weg durch den Wald wird bald zu Ende sein.«
    Schweigend, aber in vermehrter Hast ging es weiter. Die Wolken hatten sich
verzogen und in wunderbarer Klarheit blitzten die Sterne am dunkeln Himmel. Als
der Pfad sich dem Ausgang des Waldes näherte, löschte der Pedlar ohne seinen
Schritt anzuhalten, die Laterne. »Das Ding blendet jetzt mehr, als es hilft!«
sagte er. Ein paar Minuten währte es, ehe sich die Augen an die Dunkelheit
gewöhnt hatten, bald aber liessen sich in dem matten Sternenlichte die einzelnen
Formationen der freien Ebene unterscheiden.
    »Dort sind sie, soll mir Gott helfen!« rief plötzlich der Alte und zeigte
mit dem Finger vorwärts, »dort,« fuhr er fort, als Elliot an seine Seite sprang,
»gerade herüber von der Waldecke!« Auf der chaussirten Hauptstrasse, die sich wie
ein helles Band aus der Dunkelheit hervorhob, liessen sich mehrere dunkle,
davoneilende Schatten wahrnehmen. »Der Halunke scheint seiner Sache schon so
gewiss zu sein, dass er nicht einmal mehr einen Nebenweg wählt!« rief Elliot,
»können wir sie nicht abschneiden?«
    »'S ist dies ein Stück der Hauptstrasse, was sie passiren müssen,« erwiderte
Isaac, »dort unten nach dem Riverhause zu geht's wieder ins Dickicht - aber ich
denke, unser Weg soll noch kürzer werden. Folgen Sie dicht hinter mir!« Er bog
links ab, überkletterte eine Einzäunung und durch die Stoppeln eines Maisfeldes
schritt er, den Uebrigen voran, wieder dem Gebüsche zu. Ein schmaler Pfad, in
der Nacht nur dem geübten Auge erkennbar, öffnete sich nach kurzer Zeit und der
Wald nahm die Männer wieder auf. Der Boden war hier dick mit abgefallenem Laube
bedeckt, die Schritte wurden leichter und rascher, aber oft schien es, als nehme
der Führer seinen Weg mitten durch das Unterholz, und einer musste dicht hinter
den Andern bleiben, um sich vor den zusammenschlagenden Zweigen zu schützen und
nicht in der Dunkelheit von einander getrennt zu werden. »Seid Ihr recht,
Isaac?« fragte Elliot nach einer Weile.
    »Ohne Sorge, Sir!« erwiderte dieser, »wenn der Pedlar, der das ganze Jahr
durch die Gegend streift, seinen Weg nicht kennen soll, dann weiss ich nicht, wer
ausserdem.«
    Eine Viertelstunde war im scharfen Schritte verflossen, als sich aus der
Ferne ein Brausen wie das eines Wasserfalles hörbar machte, auf Augenblicke
wieder schwieg und dann von Neuem begann.
    »Was ist das, hört Ihr nichts, Isaac?« fragte Elliot stutzend.
    »Nur jetzt nicht angehalten Sir!« entgegnete der Pedlar, seine Schritte noch
mehr beeilend, »'s ist das Dampfboot, das im Flusse auf die Spitzbuben wartet;
jetzt kommt es darauf an, welche Partei zuerst das Ufer erreicht - wer von uns
die Büchsen hat, mag neue Zündhütchen aufstecken, im Falle sie nass geworden sein
sollten!«
    Vorwärts ging es, so schnell es die Hindernisse des Weges erlauben wollten,
nach einigen Minuten lief der Pfad in die Strasse nahe dem Riverhause aus; ohne
aber nur einen Blick um sich zu werfen, schlug der Pedlar den von hier aus nach
dem Flusse führenden Weg ein; seine Schritte schienen mit Hilfe seines Stockes
halbe Sprünge zu werden, dass die Nachfolgenden trotz Spannung und Erwartung kaum
nachzufolgen vermochten und nur in Elliot schienen durch die nahe Entscheidung
frische Kräfte erwacht zu sein. Das Brausen des Dampfbootes trat mit jedem
Schritte deutlicher hervor - »wir schneiden sie ab, nur rasch!« rief Isaac an
der Spitze des Zuges; da klang vom Flusse ein Geräusch herüber, wie das Fallen
schwerer Gegenstände auf einen hohlen Boden, das bisherige Brausen erstarb
plötzlich - die letzte Wendung des Weges lag vor den Verfolgern und kaum zwanzig
Schritte davon zeigte sich hell der freie Himmel über dem Flusse, von den ersten
Lichtblicken des aufgehenden Mondes beschienen; in wenigen Secunden war die
kurze Strecke zurückgelegt - in demselben Augenblicke aber, in welchem Isaac das
hohe Ufer erreichte, stiess auch unten das Boot vom Lande und ging mit voller
Dampfkraft den Fluss hinab.
    »God -!« rief Elliot im vollen Ausbruche der Enttäuschung und starrte dem
davon eilenden Boote nach, »da geht's hin - und bei meiner Seligkeit, dort sieht
eins von den schwarzen Gesichtern über das Deck.« Isaac stand eine Minute wie zu
Stein geworden; dann stützte er sich auf seinen Stock und sank langsam, als
verlasse ihn alle Kraft, in sich zusammen. »Wirklich zu spät!« sagte er, »ich
hörte die Davonläufer auf die Platform hinunterspringen, aber ich wollte mir
selbst nicht glauben - und fort ist der weisse Teufel mit ihnen.« - Die Schwarzen
sahen mit einem Ausdruck von halber Verblüffteit dem entschlüpfenden Fahrzeug
nach und nur Helmstedt, den das Bild des dunklen Flusses überraschte, wie er
sich hier zwischen der wildromantischen Bergformation hinwand, hatte einen Blick
für die übrige Gegend. »Ich weiss nicht, ob es etwas nützen kann,« sagte er nach
augenblicklicher Pause, »aber dort scheint ein anderes Boot den Fluss herunter zu
kommen!«
    Elliot fuhr in die Höhe. »Halloh, das gäbe noch die einzige Möglichkeit
eines Erfolges!« rief er und blickte stromaufwärts, wo eine doppelte Rauchwolke
sich in dem Mondlicht abzeichnete und rasch heranzog, »bei Gott, das ist einer
unserer grösseren Dampfer, das gibt Hoffnung; es soll mir kein Betrag zu hoch
sein, wenn ich nur dadurch dem Schufte aus Genick kommen und ihm seinen Streich
wett machen kann. Brennt die Laterne an, Isaac, rasch, dass wir signalisiren
können, der Mond lässt den Fluss unten noch in vollem Dunkel.«
    »Aller Augen hatten sich dem herankommenden Dampfboote zugewandt - das
andere war bereits in der nächsten Flussbiegung verschwunden«; Isaac zog ein
Taschenfeuerzeug hervor und bald brannte das Licht. »Ich glaube kaum, Sir, dass
wir viel ausrichten werden,« sagte er, »und von der Energie, welche sich bis
jetzt in seinem ganzen Wesen ausgedrückt, war kein Schatten mehr in seiner
Stimme hörbar, ich glaube, wir sollen den Menschen nicht haben, sonst wäre ich
trotz aller Mühe und Umsicht heute nicht überall zu spät gekommen - zu spät im
Riverhause, um den ganzen Plan zu belauschen; zu spät zu Cäsar, der auf mich
wartete; zu spät, um dem Spitzbuben die Flucht in Oaklea abzuschneiden; zu spät
hier - ich gebe etwas auf solche Zeichen, Sir!«
    »Nach dem Ufer hinunter und seid kein Narr, Isaac, dort kommt das
Dampfboot!« rief Elliot und schritt rasch den Weg nach dem Landungsplatze hinab
- die Uebrigen folgten, die Laterne wurde geschwungen und das Arbeiten der
Maschine in dem Boote hörte auf; langsam trieb es der Platform zu, auf welcher
die Wartenden standen; das Brett, welches als Brücke diente, fiel ans Ufer und
die fünf Männer sprangen hinüber.
    »Wo ist der Capitain?« rief Elliot, als er den ersten Fuss auf das Fahrzeug
gesetzt.
    »Wenn er nicht schon schläft, wird er im Bar-Room sein,« war die Antwort
eines der Arbeiter, »gleich dort links im untern Deck.«
    »Bleibt hier, bis ich wiederkomme!« winkte der Erstere seiner Begleitung zu
und verschwand in der Dunkelheit des Raumes.
    Die Maschine hatte ihre Arbeiten auf's Neue begonnen und das Boot schwamm in
seiner gewöhnlichen Schnelligkeit den Fluss hinab. Wenige Minuten waren indessen
verflossen, als Elliot wieder hörbar wurde. »Sie wissen, wer ich bin, Capitain,
und ich stehe mit Allem, was ich habe, für jede Unannehmlichkeit ein!«
    »Es wäre Alles recht, Sir,« erwiderte eine zweite Stimme, »ich kenne das
Boot vom Mississippi her, 's ist in allen Flüssen zu Hause, wo's einen
Schurkenstreich gilt, und ich würde Ihnen gern die Hand zur Hilfe reichen - Sie
haben aber weder einen Marschall noch irgend eine andere obrigkeitliche Person
bei sich; wie und mit welchem Rechte wollen Sie das Boot zum Beilegen zwingen?«
    »Well, Sir, wir nehmen es einfach mit dem Rechte des Bestohlenen; ich und
meine Leute sind zusammen fünf bewaffnete Männer, und dass Ihre Deckarbeiter mit
voller Seele dabei sind, dafür lassen Sie mich sorgen.«
    »Und nachher lassen wir uns den Prozess wegen Flussräuberei machen!«
    »Unsinn!« liess sich Elliots ungeduldige Stimme hören, »glauben Sie im ganzen
Süden von Amerika eine Jury von zwölf Männern zusammen zu bekommen, die Jemand
verurteilen würde, der sich mit Gewalt wieder in den Besitz seiner gestohlenen
Neger setzt? 's ist jetzt der erste derartige Fall in unserer Gegend und ich
sage Ihnen, unsere sämmtlichen Pflanzer hier werden, wenn Sie jetzt energisch
einschreiten, Ihnen so volle Anerkennung aussprechen, dass! Sie damit zu frieden
sein sollen - das Interesse jedes Einzelnen ist mit diesem ersten Fall
verbunden.«
    »Well, Sir, lassen Sie mich zu den Passagieren sprechen, die noch wach
sind.«
    Elliot mass mit raschen Schritten den Raum vor der Bar-Zimmertür, durch
welche der Capitain verschwunden war, er hatte aber nicht lange zu warten. Die
Tür flog auf und laute Ausrufe klangen heraus: »Los, Cap'tn, Sie verdienten ein
nördliches Canalboot zu führen, wenn Sie sich nur einen Augenblick noch bedenken
wollten.« - »Halloh, wo ist der Gentleman? wir hängen den weissen Halunken auf,
wenn wir ihn fassen und ich will meinen Teil mit für den Schaden stehen!« -
»Drauf, es gibt doch wenigstens einmal eine Aufregung auf euren langweiligen
Hinterwaldsflüssen!« rief eine dritte Stimme. Fünf bis sechs Männer in sichtlich
erregter Stimmung traten hinter dem Capitain in das Zwischendeck heraus, in
dessen Hintergrund, von dem Feuerscheine des Maschinenraumes bestrahlt, sich
bereits eine Anzahl Deckarbeiter versammelt hatte. »Well, Jungens, es gibt noch
Nachtarbeit,« sagte der Capitain, »ich stehe euch aber für eine gute
Extrabezahlung. 'S ist ein fremdes Boot kurz vor uns, das Kidnappers mit ihrem
Raube an Bord hat - wir müssen es abfangen und es ist möglich, dass die Jagd eine
ernstliche Wendung nimmt. Ich will Keinem befehlen, sich weiter zu beteiligen,
als es der Dienst auf dem Boote verlangt - wer aber freiwillig die Sache mit
durchfechten will, wenn es so weit kommen sollte, der mag es tun und einer
anständigen Belohnung sicher sein. - Keinen Spectakel jetzt!« fuhr er mit der
Hand winkend fort, als er in den Gesichtern der Arbeiter den Ansatz zu einem
kräftigen Hurrah sah; »es ist nicht notwendig, dass irgend Jemand von den
Passagieren aus dem Schlafe gestört wird - George hält genaue Wache am
Sicherheitsventil, und jetzt scharfes Feuer unter die Kessel!«
    Zehn Hände fassten auf einmal in die aufgeschichteten Holzscheite, bald war
der Feuerraum nur eine lohende Flamme, die Maschine begann hastiger zu arbeiten
und in Kurzem durchschnitt das Boot, das Wasser vor sich her werfend, in
verdoppelter Schnelligkeit den Fluss.
    Elliot, seine Begleiter und die übrige Gesellschaft hatten sich nach dem
freien Raum auf dem obern Deck begeben, der Mond war höher getreten und warf
sein Licht schon in den Fluss, und jedes Auge spähte gierig nach dem verfolgten
Fahrzeuge aus, aber eine Viertelstunde verging, ohne dass sich dem schärfsten
Blicke eine Spur davon zeigen wollte.
    »Wie lange hatte das Boot das Land verlassen, als Sie uns anriefen?« fragte
der neben Elliot stehende Capitain.
    »Kaum fünf Minuten, Sir! Ich vermute aber, sie gehen mit so vieler
Dampfkraft, als nur möglich, um schnell aus der hiesigen Gegend zu kommen!«
    »Scharfes Feuer!« rief der Capitain in den Raum hinunter, »so viel als der
Kessel aushalten kann, dünneres Holz genommen und fleissig nachgelegt!«
    Die Maschine begann zu keuchen, das Wasser flog von den Rädern zu Schaum
gepeitscht und das Boot schoss in wunderbarer Schnelle vorwärts. - Isaac lehnte
gebückt, beide Hände vor sich auf seinen Stock gestützt, an der Kajütenwand und
hielt die zusammengezogenen Augen starr in die Ferne gerichtet; jetzt bog der
Dampfer um einen hervorspringenden Berg des Ufers und zum ersten Male gab es
eine freie Aussicht den Fluss hinauf. -
    In geraumer Entfernung zeigte sich jetzt die langgezogene Rauchwolke des
verfolgten Schiffes, und einzelne Ausrufe der Befriedigung deuteten die Spannung
an, mit welcher Jeder an der Verfolgung Teil nahm. »Sie müssen gehörig gefeuert
haben, sonst hätten wir sie schon am Kragen,« sagte der Capitain, ein kleines
Fernrohr ans Auge setzend; »jetzt scheinen sie, nach dem schwachen Rauche zu
urteilen, in aller Gemütsruhe weiter zu gehen.«
    Eine lange Pause, nur unterbrochen durch das Geräusch der arbeitenden
Maschine und das Brausen der Räder, erfolgte; alle Blicke hingen an dem Boote
vor ihnen, dessen Formen deutlich hervortraten.
    »In zehn Minuten haben wir sie, wenn sie nicht Unrat merken,« sagte der
Capitain, »die Entfernung erschien durch das falsche Licht grösser, als sie
wirklich war.«
    »Ich glaube kaum, dass sie eine Verfolgung fürchten,« erwiderte Elliot, »sie
können kaum vermuten, dass ihre Flucht schon entdeckt sei.«
    »Wenn uns das schwarze Gesicht nicht erkannt hat, das gerade bei der Abfahrt
aus dem Boote sah - wir standen im besten Lichte;« liess sich jetzt Isaacs Stimme
vernehmen. »Sehen Sie die Rauchwolken, Sir, ob die Menschen dort nicht riechen,
was hinter ihnen herkommt!«
    »'S ist so, sie fangen an zu feuern,« sagte der Capitain beobachtend, »aber
viel soll es ihnen nicht helfen. Wir sind ihnen auf dem Nacken, unsere Kessel
sind neu und haben schon einen andern Druck ausgehalten. Teer ins Feuer, wenns
das Holz nicht mehr tun will!« rief er nach dem Raume hinunter, »aber scharf
auf den Regulator am Kessel gemerkt!«
    Der Dampfer schien bald durch das Wasser zu fliegen und die Entfernung
zwischen beiden Fahrzeugen nahm sichtlich ab - es liess sich fast berechnen, wann
das vordere Boot erreicht sein würde - da machte dieses eine plötzliche Wendung
und steuerte dem Ufer zu; ein Brett fiel auf's Land und hinüber huschten mehrere
Gestalten - beide Dampfer waren sich schon so nahe, dass jeder einzelne Vorgang
erkennbar war. »Da gehen sie hin,« sagte Isaac, »ich wusste, es sollte nicht
sein.«
    »Hölle und Teufel!« schrie Elliot, »legen Sie an, Capitain; so weit
gegangen, lasse ich die Sache jetzt nicht stecken.«
    »'S ist Unsinn, Sir,« warf Isaac ruhig ein, »ehe wir ans Land kommen, sind
sie schon über den Berg weg, und dann suchen Sie bei Nacht in einem unbekannten
Walde!«
    »Es tut mir leid, aber der Mann hat Recht!« sagte der Capitain, »sicherlich
haben die Halunken Wind bekommen, dass ihnen nachgesetzt wird, und werden
jedenfalls jetzt ihre Wege zu Land kennen. Es war eine vergebliche Anstrengung -
da schwimmt das verteufelte Ding wieder so langsam und unschuldig, als hätte es
noch nichts anderes als reguläre Geschäfte gerochen. Wir sind nicht weit von
Ditto's, gehen Sie bis dahin mit, Sir, und erlassen Sie gleich Anzeigen in den
Zeitungen - dort finden Sie auch schnell eine Gelegenheit zur Rückfahrt - jetzt
lässt sich an der Sache doch nichts ändern.« Er ging nach dem Steuerhäuschen und
bald erklang das Zeichen zum Nachlassen der Dampfkraft.
    »Verdammt pfiffige Spitzbuben! 's ist jammerschade, dass die Geschichte so
schnell zu Ende ging!« sagte einer aus der das Vorderdeck einnehmenden
Gesellschaft, »jetzt, Gentlemen, sucht man aber wohl am Besten das Bett!«
    Elliot hielt noch immer die Blicke auf den Punkt geheftet, wo die
entflohenen Sklaven ans Land gesprungen waren, und erst nach einer Weile drehte
er sich langsam um. »Wir wollen hineingehen und einen Platz zum Ausruhen
suchen;« sagte er, »ich hätte mir nichts aus dem Verlust der Schwarzen gemacht,
die noch erkennen werden, wo ihre beste Heimat war, wenn ich nur den weissen
Schurken, der nahe daran war mir Haus und Familie zu entehren, hätte fassen
können.«
    »'S hat nicht sein sollen; warum, kann ich freilich nicht erkennen!« brummte
Isaac und schritt langsam nach der Kajutentür, als fühle er erst jetzt die
volle Abspannung nach den Anstrengungen des Tages.
    Das Deck war leer und gemächlich zog der Dampfer seine Furchen weiter durch
das mondbeglänzte Wasser.
 
                                Achtes Kapitel.
                                   Ein Mord.
- - Es war am Morgen gegen acht Uhr, als Elliot mit seinen Begleitern bereits
wieder bei der Landung am Riverhause das Ufer hinaufstieg. Bald nachdem sie in
der Nacht »Ditto's« erreicht hatten, war ein kleiner Dampfer den Fluss
herausgekommen und Elliot hatte die Gelegenheit zur Heimfahrt ohne Zaudern
ergriffen. Der Morgen war klar und erfrischend, aber über den Rückkehrenden
schien ein Nebel von Erschlaffung und getäuschter Hoffnung zu liegen; kein Wort
war beim Betreten des Landes laut geworden, langsam wurde das Ufer erstiegen und
nur Helmstedt schien einen Teil seiner Spannkraft behalten zu haben - den
Andern voraus hatte er die Höhe erreicht, in seinem Herzen war goldiger Morgen
wie rings um ihn, er sehnte sich, nach Hause zu kommen, um in Ellens hellen
Augen die Bestätigung seines nächtlich errungenen Glückes zu lesen.
    »Wir wollen sehen, dass wir im Riverhause ein Frühstück und einen Wagen zum
Heimfahren bekommen,« begann Elliot, als sie den Wald betreten hatten, »das
Stück Arbeit hat mich wirklich müde gemacht. Ihr, Isaac, tut mir nachher den
Gefallen, und begleitet mich nach Oaklea, damit Ihr mir, wenn sich noch irgend
ein Umstand vorfinden sollte, für die Zukunft als Zeuge dienen könnt; ich will
die Sache gegen den Menschen so weit verfolgen, als ich kann.«
    »'S ist schon recht, Sir!« erwiderte Isaac, der mit gesenktem Kopfe, wie
vollständig ermattet, hinter den Uebrigen herging.
    »Du, Cäsar, fährst mit nach Oaklea,« fuhr Elliot fort, »ich will dir dort
ein paar Zeilen für deinen Herrn geben, falls er dich vermisst haben sollte.«
    Helmstedt war an des Pedlars Seite getreten. »Sind Sie krank oder nur
übermüdet?« fragte er, »Sie sehen schlecht aus, Isaac.«
    »Wenn man alt wird, so wirkt ein einzelner Fehlschlag mehr, als zehn Jahre
verlorner Arbeit in der Jugend,« erwiderte dieser eintönig. »Dem Alter fehlt die
Zeit und das Vertrauen, um wieder von vorn anzufangen - was verloren ist, bleibt
verloren!«
    Helmstedt sah ihm einen Augenblick in das abgespannte, hagere Gesicht. »Ich
verstehe Sie nicht ganz,« sagte er dann. »Dass Baker und die Schwarzen zum Kuckuk
sind, ist doch kein solcher Fehlschlag für Sie, dass er Ihnen mit einem Male alle
Kraft und alle Energie nehmen kann?«
    Der Alte zuckte die Achseln. »Meinen Sie wirklich, es läuft in Amerika Einer
vierzig Meilen, wie ich gestern, Alles zusammengerechnet, bloss um einen Andern
vor Schaden zu bewahren, der nicht einmal gross dafür dankt?«
    »Sprechen Sie sich aus, wenn ich's wissen darf,« sagte Helmstedt, als Jener
schweigend weiter schritt, »'s ist besser, als wenn Sie Ihren Aerger auf diese
Weise in sich zehren lassen, und es tut mir leid, Sie so mitgenommen und
niedergedrückt zu sehen.«
    »Glaub's schon, dass Ihr Herz gut ist,« erwiderte der Alte, angeregter als
zuvor, »'s ist kein Geheimnis, das ich verbergen müsste, und vielleicht tut's
mir auch gut, einmal gegen Jemand zu reden, aber dazu ist es jetzt der Platz
nicht. Ein andermal vielleicht.«
    Sie gingen wieder schweigend weiter, bis das Riverhaus erreicht war. Auf
Elliots Anfrage, versprach der Wirt die Gesellschaft nach Oaklea fahren zu
lassen, sobald der Schwarze, der mit den Pferden Holz hole, zurück sei. Ein
derbes Frühstück im Hinterwaldsstile ward hergerichtet, die beiden Schwarzen
suchten die Küche und nach kurzer Zeit sassen die drei Uebrigen, auf die
rückkehrenden Pferde wartend, vor dem Kaminfeuer, so bequem, als es sich auf den
hölzernen Stühlen tun liess. Auf Elliot schien die Wärme schnell ihren Einfluss
auszuüben, er zog seinen Stuhl nach einem Tische in der Ecke neben dem Kamin
zurück, stützte den Kopf auf und war bald eingeschlafen. Die anderen Beiden
starrten wortlos ins Feuer, Jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend.
    »Halloh, Isaac!« begann endlich Helmstedt auffahrend, »seien Sie munter, das
Hinbrüten hilft zu nichts, als dass Sie sich noch in schlimmere Stimmung bringen,
die am Ende nicht einmal so viel Grund hat, als Sie denken.«
    Der Pedlar setzte sich langsam aufrecht und fuhr sich mit der Hand über das
Gesicht. »Ich dachte eben an vergangene Zeiten,« sagte er, »und wie der Mensch
mit allem Verstande und aller Mühe doch so wenig an dem ändern kann, was sein
soll; eigentlich sind wir doch nur, wie alles Andere, was geschaffen ist, blosse
Zahlen, aus denen das grosse Welt-Rechenexempel gemacht wird. Ich habe Ihnen
einmal von meinem Schwager erzählt, der durch seine Handelsverbindungen mit dem
Süden zu Grunde ging - well, Sir, der Schwager war ich selber. Bankerott werden
ist aber schon mehr Leuten passirt und eben keine grosse Schande in Amerika -
also fing ich auch an, mich wieder auf die Beine zu stellen, so gut es gehen
wollte, und war nur froh, dass ich keinen Weiberjammer bei dem Unglücke zu hören
hatte. Meine Frau war schon manches Jahr todt, und meine Tochter Ester war ein
Mädchen, wie sie nicht alle Tage geboren wird - schön, wie ihre Mutter gewesen,
und mit einem Willen so stark, dass sie sich die Augen für unsern Unterhalt blind
gearbeitet hätte, wenn's nötig gewesen wäre, ohne eine trübe Miene zu ziehen. -
Es fing schon an mir wieder besser zu gehen, ich hatte Credit für die kleinen
Geschäfte, die ich machte, da kam eines Tages ein seiner Herr in mein Haus und
verlangte eine genaue Aufstellung von dem, was ich bei dem Bankerott eines der
südlichen Häuser verloren hatte. Er stellte sich als Partner des gebrochenen
Geschäftes vor, bedauerte das Unglück, in das ich geraten, aber versicherte
mir, dass er Alles aufbieten würde, damit ich, als Hauptgläubiger, wieder zu
meinem Gelde komme; er erzählte, es wären noch Mittel genug da und nur durch die
Schuld des andern Teilnehmers sei das Geschäft so in Unordnung geraten, dass
die Zahlungseinstellung habe erfolgen müssen. - Ich hatte keinen Verdacht gegen
den Mann, was konnte er bei mir suchen? Geld hatte ich doch nicht mehr, um das
er mich hätte betrügen können, und dass er wirklich einer von den Eigentümern
des gebrochenen Hauses sei, sagten mir andere Geschäftsfreunde, die ihn früher
gesehen. So dachte ich auch nichts dabei, als er öfter vorsprach, dankte ihm
noch in meinem Herzen, als er meine Ester dann und wann zu Vergnügungen führte,
die sie lange hatte entbehren müssen, und vermutete auch nichts, als er endlich
in langer Zeit nicht kam. Ester wurde still und verlor ihre frische rote
Farbe, aber ich hielt es, da sie nicht klagte, für nichts von Bedeutung und
achtete in meinen Geschäftssorgen nicht weiter darauf. Aber ich sollte
schrecklich aus meinem Schlafe geweckt werden. Den einen Morgen ist Ester nicht
da, aber ein Brief von ihr liegt auf meinem Tische - darin steht, dass sie von
dem Manne betört, verführt und verlassen worden, dass sie so weit sei, ihre
Schande nicht mehr verbergen zu können und lieber den Tod suchen, als ein
entehrtes Leben führen wolle. Ein paar Stunden darauf hatten sie ihre Leiche im
Nort-River aufgefischt.«
    Isaac hatte den Kopf vor sich in die hohle Hand gestützt und schwieg eine
Weile. »Ich bin nach dieser Zeit lange am Nervenfieber krank gewesen und ins
Hospital geschafft worden,« fuhr er dann langsam fort, »und fremde Leute hatten
sich meines Schwestersohnes, der bei mir lebte, angenommen. Als ich wieder
gesund wurde, war mein Geschäft ruinirt, was ich an Waaren gehabt, war
gerichtlich verkauft, um fällige Noten zu decken, und mein Store war in anderen
Händen. Es war fast nichts, was ich wiederfand - der Mensch aus dem Süden hatte
mich um Alles gebracht, um Vermögen, Geschäft und um mein einziges Kind. - Als
mir das mit einem Male klar vor der Seele stand, war mir's als dürfte ich nichts
weiter tun, als das ganze Land durchsuchen, bis ich ihn gefunden, ihm die Kehle
zugedrosselt und den Kopf zertreten hätte. Aber die Sorge für das tägliche Brod
vertrieb mir vorläufig die Gedanken daran. Damals« - fuhr Isaac leiser mit einem
prüfenden Blicke auf den schlafenden Elliot fort - »damals war es, wo die
ungeheuren Verluste im Süden mehrere von den grossen New-Yorker Häusern auf den
Gedanken brachten, eine Beaufsichtigung durch alle südlichen und südwestlichen
Staaten einzurichten, und als ich die Runde bei meinen frühern reichen
Geschäftsfreunden machte, um zuzusehen, welche Aussichten ich noch habe, um
meinen Lebensunterhalt erwerben zu können, wurden mir von diesen Anträge
gestellt, die mir erschienen, als gebe der Herrgott selber das Strafamt gegen
die Sorte von Leuten, durch die ich Alles verloren, in meine Hand. Ich erfuhr
bei der Gelegenheit, dass der Mann, der mich bis aufs Letzte zu Grunde gerichtet,
sich oft in New-York aufhalte, - aber ich hatte jetzt meine Mordgedanken gegen
ihn aufgegeben, er sollte sich, damit meine Hände und das Werk, das mir
anvertraut wurde, rein blieben, in den Schlingen seiner eigenen Taten fangen;
ich wollte warten, und mir war es, als müsste die Zeit kommen, wo ich lieber die
Schlinge um seinen Hals zuziehen würde. Und dieser Mann, Sir, von dem ich
gesprochen, war Baker. - Ich habe gewartet, lange gewartet, aber mein Auge nie
ganz von ihm gelassen, ich traf ihn bisweilen in New-York, bisweilen anderwärts;
er sah über mich weg, wenn er mir begegnete, als habe er mich nie gekannt - da
fand er sich mit einem Male hier in der Gegend ein, zu der Zeit, als ich meine
vierteljährliche Reise hier durchmachte, um zu beobachten und andere Geschäfte
für meine New-Yorker Freunde zum ordnen; er trieb sich hier in den Familien
umher, als sehe er nach irgend einem Opfer zu einer neuen Schurkerei aus, und
mir wurde es, als müsste jetzt die Zeit der Abrechnung mit ihm gekommen sein! Ich
blieb. Der Pedlar verkehrt mit den Dienstleuten wie mit den Herrschaften, und
Verhältnisse, die in den Parlors oft als tiefes Geheimnis gelten, kann einer
leicht in den Dienstbotenzimmern erfahren, wenn er dort zu Hause ist. Das war
der Weg, auf dem ich mir immer die Kenntnis von Umständen und Dingen
verschafte, die ich notwendig hatte, und so konnte ich auch Bakers Tun auf
Schritt und Tritt verfolgen. Ich erfuhr, ich erlauschte Manches, aber ich durfte
nicht reden, wenn ich nicht seine Opfer ohne Nutzen zu Grunde richten wollte -
nichts davon gab noch die rechte Schlinge für ihn ab. Erst als ich unter Elliots
Schwarzen seinen Namen auffing, als einer und der Andere Bescheid über das Leben
der Schwarzen im Norden von mir verlangte, da erst merkte ich, dass meine Zeit
herankam; ich bin ihm nachgegangen Tag und Nacht, ich habe ihn behorcht, wo er
sich am sichersten glaubte - ich hätte ihn verraten können vorzeitig, aber ich
wollte ihn bei der Tat erwischen, wollte ihm selber den Strick um den Hals
werfen, ich fühlte, dass er in meine Gewalt gegeben war und dass, wenn er jetzt
entschlüpfte, die Gelegenheit niemals so wiederkommen werde - well, Sir, ich
habe umsonst geduldig gewartet, habe umsonst meinen ganzen Witz angewandt, als
es Zeit war - er ist fort und wird nach dem Streiche niemals den Süden wieder
betreten; ich bin mit meinem Glauben zum alten Narren geworden und der Schimpf
an meinem Kinde bleibt ungesühnt!« Der Pedlar schwieg und sah starr ins Feuer
vor sich.
    »Ich hatte niemals so ein Schicksal in Ihrem Leben vermutet,« sagte
Helmstedt nach einer Pause, »aber nehmen Sie den einzelnen Fehlschlag nicht so
schwer Isaac, 's ist noch nicht aller Tage Abend und noch selten ist ein
Spitzbube dem Galgen entlaufen. Wer weiss, welche Genugtuung Ihnen noch
vorbehalten ist!« Der Alte schüttelte nur schweigend den Kopf und versank in
stilles Hinbrüten.
    Eine lautlose Viertelstunde verstrich, bis endlich der erwartete Schwarze
mit seiner Ladung Holz ankam und die Pferde vor den viereckigen Familienwagen
des Wirtes spannte, und nach kurzem Aufentalt rollten die Männer Oaklea zu.
Elliot schien durch die Bewegung des Wagens in einen Halbschlummer zu verfallen,
der Pedlar sah schweigend in die Gegend hinaus und vor Helmstedts Seele trieben
sich bald Bilder aus Isaacs Erzählungen herum, bald trat Ellen vor sein
innerstes Auge, und bunte Vorstellungen von der Gestaltung seines künftigen
Lebens in Elliots Hause durchkreuzten ihn. Nur die Schwarzen auf dem vordersten
Sitze des Wagens liessen ihr halbgeflüstertes Gespräch nicht ausgehen, so lange
die Fahrt währte.
    »Ich möchte wohl, dass wir unseren Weg gleich hinüber nach dem hintern
Torgatter nähmen und den Platz dort besichtigten; das zurückgelassene Pferd
wird auch noch dort sein, wenn es sich nicht abgerissen hat -« begann Elliot,
als der Wagen fast in der Höhe von Oaklea war; - »wenn wir hier absteigen, haben
wir nur ein paar Minuten durch den Wald zu gehen.«
    »Wie Sie wollen, Sir!« erwiderte der Pedlar und die Gesellschaft stieg aus;
Elliot schickte den schwarzen Kutscher mit dem Fuhrwerke wieder zurück, die
Uebrigen durchschritten den Wald, bis sie den Pfad erreichten, auf dem sie in
der Nacht die Flüchtlinge verfolgt, und bald hatten sie die erste Einzäunung der
Pflanzung im Gesichte.
    »Dort steht das Pferd und hängt den Kopf,« rief Dick, der seitwärts den
Andern vorangegangen war, »es scheint jämmerlichen Durst zu haben.«
    Elliot schritt rasch vorwärts, bis er das Torgatter erreicht hatte und liess
hier den prüfenden Blick umherlaufen; aber da war nichts, was nur die geringste
Aufmerksamkeit erregt hätte und eben kletterte er an der Umzäunung in die Höhe,
um sie zu übersteigen, als er wie von einem Schlage getroffen inne hielt. »Um
Gottes willen hierher!« rief er den Nachfolgenden zu, »da - da liegt er!«
    Helmstedt war, von dem Tone des Ausrufs erschreckt, mit zwei Sprüngen
herbeigeeilt und folgte dem Pflanzer über die Umzäunung, welche dieser langsam
hinabstieg.
    In dem vergilbten Grase lag ein menschlicher Körper hingestreckt, dessen
Wäsche und Kleider wie in Blut getaucht schienen. Das Gesicht war nach oben
gekehrt und eine blaue Spur, wie von einem schweren Schlage zeigte sich auf der
Stirn. Helmstedt hatte kaum einen Blick darauf geworfen, als er auch wie
angewurzelt stehen blieb. »Baker!« das war das einzige Wort, was er in seiner
Ueberraschung hervorbringen konnte.
    »Baker! - wirklich Baker!« sagte Elliot auf die Leiche starrend. »Den wir
verfolgt haben bis Ditto's hinauf, der liegt hier ermordet auf meinem Grunde -
das ist eine furchtbare Geschichte!«
    In diesem Augenblicke kam Isaac, den Kopf vorgestreckt und, das Gesicht von
Aufregung gerötet, heran. Einen langen gierigen Blick heftete er auf das
Gesicht des Erschlagenen, dann fasste er nach dessen Handgelenke. »Todt und
steif!« sagte er langsam, als der Arm, seiner Hand entgleitend, wieder schwer
auf den Boden zurückfiel, »er hat seinen Lohn und ich habe freventlich gemurrt.«
    »Aber, um der Barmherzigkeit willen, wie kommt er hierher und wem haben wir
denn nachgejagt?« rief Elliot, aus seiner ersten Betroffenheit zu sich kommend;
»sind wir nicht am Ende in einem ungeheuren Irrtum gewesen? Wenn die Neger mit
ihrem Entführer auf und davon sind - und ich habe selbst das weisse Gesicht unter
den Schwarzen schimmern sehen, als sie ans Land sprangen - so kann der
unglückliche Mensch hier nicht der Schuldige gewesen sein -«
    »Halt, Sir,« sagte Isaac sich aufrichtend, »der hier liegt, ist der
wahrhaftige Räuber, dessen Schultern so schwer von Sünden waren, dass der
Herrgott sich das Gericht über ihn selber vorbehalten und ihm schon sein Ziel
gesteckt hatte, als wir ihn noch zu fangen gedachten. Den Sie auf dem Flusse
unter den Schwarzen gesehen, das war nur sein Gehilfe - Beide hatten sich
verabredet, gestern Nacht die Flucht mit den Negern anzutreten, das haben diese
meine Ohren gehört, und es ist Gottes sichtbare Hand, die ihn hier
niedergestreckt, damit er nicht wie die Andern seiner Strafe entgehe.«
    »'S ist Alles recht, Gottes Hand ist überall,« sagte Elliot mit einem
Anfluge von Ungeduld, »damit allein aber ist der entsetzliche Vorfall nicht
abgetan und auch der Coroner nicht befriedigt. Wir dürfen keine Zeit verlieren,
um das grässliche Geheimnis aufzuklären. Bleiben Sie mit Dick hier, Mr.
Helmstedt, bis ich andere Leute zur Wache hergeschickt habe, und sehen Sie
darauf, dass Alles in dem Zustand verbleibt, wie wir es gefunden - ich will
sogleich den Coroner aus der Stadt holen lassen. Kommt mit mir, Isaac, ihr
werdet den notwendigsten Zeugen abgeben müssen.«
    Er ging, von Cäsar und dem Pedlar gefolgt, davon und Helmstedt begann, sich
die Stirne reibend, auf und ab zu schreiten. Die ungewohnten Ereignisse waren
während der letzten zwölf Stunden so rasch auf einander gefolgt, dass ihm der
ganze Kopf anfing wirre zu werden. Des Pedlars Erzählung summte durch sein
Gehirn und wenn er einen Blick auf das Gesicht und die stieren Augen der Leiche
richtete, schien ihm der jetzige Mord ein so notwendiges Schlusskapitel dazu zu
bilden, dass es gar nicht hätte ausbleiben können. Bald erschien ihm die Leiche
nur noch wie ein Teil von dem Bilde, das sich in seinem Kopf zusammenstellte,
er trat heran und betrachtete die verzerrten Züge, ohne mehr als bei dem
Betrachten eines Gemäldes dabei zu fühlen und erst Dicks Stimme rief ihn wieder
zum klaren Bewusstsein.
    »Bin froh, dass es heller Tag ist, Sir, mir graut's vor dem todten Menschen
dort und ich möchte ihm nicht so in die verdrehten Augen sehen, wie Sie!«
Helmstedt wandte sich um; der Schwarze hatte sich bis an die Umzäunung
zurückgezogen und sass dort mit verlegenem Grinsen auf einem Baumstumpfe.
    »Warum nicht, Dick? 's ist eben nur ein todter Mensch, der Niemand mehr
etwas zu Leide tun wird,« erwiderte der Deutsche; als er aber den Blick jetzt
wieder auf die Leiche fallen liess, war es ihm, als wolle ihm selbst ein Grauen
ankommen; die gläsernen Augen stierten ihn mit demselben finstern Blicke an, wie
damals, als er mit dem lebenden Manne den ersten ernstaften Streit gehabt.
    »'S ist freilich nur ein todter Mensch,« sagte der Schwarze, als sei er
froh, sprechen zu können, »aber ich möchte ihn doch nicht herausfordern, ob er
mir etwas zu Leide tun könne, es soll eine sonderbare Sache mit Ermordeten
sein.«
    Helmstedt begann wieder schweigend auf und ab zu schreiten, er liess den
Blick über die Gegend schweifen, sah in den Himmel über sich, der, blau wie
Azur, selbst der abgestorbenen Landschaft einen freundlichen Charakter verlieh;
aber so oft er den daliegenden Körper passirte, wurde sein Blick wie magnetisch
wieder darnach hingezogen und traf den drohenden Ausdruck in den todten Augen;
er drehte sich endlich ganz weg und trat an die Umzäunung, aber je mehr er an
etwas anderes denken wollte, um so deutlicher stand das Gesicht des Ermordeten
vor seiner Seele. »Ich habe die Nacht nicht geschlafen und meine Nerven sind
aufgeregt wie noch nie!« sagte er, »'s ist Alles natürlich!« aber er fühlte
dennoch eine Art Erleichterung, als er zwei Schwarze zu seiner und Dicks
Ablösung über die Felder kommen sah.
    Elliot stand in der Hintertür, als Helmstedt herankam, und obgleich aus des
Letzteren Seele beim Erblicken von Ellens Fenster alle dunkeln Bilder wie
Schatten vor der aufsteigenden Sonne wichen, so wagte er doch jetzt nicht
hinaufzuspähen. »Ich habe nach dem Coroner geschickt,« sagte Elliot, »aber es
kann manche Stunde vergehen, ehe er ankommt und es ist am besten, wir benutzen
die Zeit zum Schlafen, damit wir nachher klaren Kopf haben; wir werden es Alle
brauchen können. 'S ist Neujahrstag heute,« fuhr er, die Augen in die Hand
drückend fort, »ein schöner Anfang des Jahres!«
    »Sind die Ladies schon unterrichtet?« fragte Helmstedt, der sich Ellens
Gesichtsausdruck beim Empfang der Nachricht zu vergegenwärtigen suchte.
    »Ich ging diese Nacht weg, Sir, und wusste nicht, ob ich nach dem, was Isaac
gemeldet, nicht selbst das Leben dieses Menschen nehmen musste - meine Frau wusste
das und dies war ihre bitterste Stunde: jetzt ist die Nachricht von seinem Morde
durch eine andere Hand nicht das Schlimmste, was ich heimbringen konnte - steht
es doch eigentlich noch gar nicht fest, ob wir die Betrogenen waren, oder ob
sich Isaac nicht selbst betrog. Es wird hoffentlich Alles klar werden - gehen
Sie jetzt zu Bette, wie ich es tun werde; sobald die Todtenschau beginnt,
werden wir geweckt.«
    Helmstedt ging notgedrungen nach seinem Zimmer; zweimal noch verliess er es,
als Elliot unsichtbar geworden war um vorsichtig umher zu spähen - einen
einzigen Blick nur hätte er mögen mit in seine Träume nehmen, aber er musste sein
Bett suchen, ohne seine Sehnsucht gestillt zu sehen.
 
                                Neuntes Kapitel.
                              Dringender Verdacht.
Helmstedt musste lange geschlafen haben - als er erwachte, schien die Sonne in
seine Fenster, und doch konnte das nur bei vorgerücktem Morgen geschehen.
Undeutlich entsann er sich, dass ihn böse Träume einige Male aufgeschreckt hatten
und da war es dunkel um ihn her gewesen - er musste also den Nachmittag des
vergangenen Tages und die darauf folgende Nacht in einem Striche durchgeschlafen
haben. Kopfschüttelnd sprang er vom Bette, auf welches er sich mit der Kleidung
geworfen hatte und machte sich fertig, um beim Frühstücke erscheinen zu können;
sonderbar kam es ihm vor, dass er am Abende vorher von Niemand geweckt worden
war, und wäre es auch nur des Nachtessens wegen gewesen. Er ging endlich nach
dem Speisezimmer, sah aber hier an dem Zustande des Tisches, dass die
Hausbewohner schon sämmtlich ihr Frühstück eingenommen hatten; in dem ganzen
Hause aber herrschte eine Todtenstille, die Küche war leer und auch in der
Umgebung des Hauses war nirgend eine menschliche Gestalt zu entdecken. Helmstedt
schüttelte von Neuem den Kopf, aber ein peinlicher Hunger, der sich bei ihm
einzustellen begann, liess jetzt nicht viel andere Gedanken daneben aufkommen und
er machte sich nach kurzem Warten an die kalten Ueberreste des Frühstücks. Er
hatte notdürftig seinen Appetit befriedigt, als die ersten Tritte in der Halle
hörbar wurden, aber sie klangen schwer und fremd und der Deutsche wollte sich
eben erheben, um nach dem Angekommenen zu sehen, als eine massive Männergestalt,
einen starken Hakenstock am Arme, in der Tür des Zimmers erschien.
    »Sind Sie der deutsche Gentleman, Mr. - ich vergass den Namen!« begann der
Eintretende und nahm ein zusammengelegtes Papier aus seinem Hute, als wollte er
dadurch seinem Gedächtnisse nachhelfen.
    »Ich heisse Helmstedt.«
    »Richtig, so war's! Sie müssen gleich mit mir nach der Tavern zum Coroner
kommen - Sie wissen, wegen des Mordes, hier ist Ihre Vorladung!«
    »Recht gern,« erwiderte der junge Mann, dem der Vorfall durchaus erwartet
kam, »lassen Sie mich nur meinen Hut holen und nachsehen, ob Jemand im Hause
ist, es scheint gerade wie ausgestorben.«
    »Ich sah Mrs. Elliot am Fenster, als ich herkam, Sie brauchen sich deshalb
nicht auszuhalten,« sagte der Beamte, »und die Schwarzen werden wohl nur einen
Augenblick dem Spectakel nachgelaufen sein!« Die Sprache des Mannes war weder
rauh, noch unhöflich, dem ohngeachtet lag in dem Tone eine Bestimmteit, die
Helmstedt unangenehm berührte, noch mehr fiel es ihm aber auf, dass, als er nach
seinem Zimmer ging, der Beamte ihm Schritt für Schritt folgte - das Ganze bekam
fast den Anschein eines Arrestes. Er öffnete seine Vorladung nochmals - »als
Zeuge« wurde er darin verlangt - »das Benehmen des Mannes mochte also wohl nur
übertriebener Diensteifer oder Wichtigtuerei sein.«
    »Wie weit ist der Ort?« fragte der Deutsche, als er seinem aufgedrungenen
Begleiter folgte.
    »Die Tavern liegt kaum mehr als eine Meile die Hauptstrasse hinunter, wir
werden bald dort sein.«
    Helmstedt hätte gern nach den bis jetzt schon stattgefundenen Verhandlungen
gefragt, aber der Beamte ging schweigend neben ihm her, tat auch während des
ganzen Weges den Mund selbst nicht zur kleinsten gleichgiltigen Bemerkung auf,
und so hielt es Helmstedt für das Beste, seine Neugierde zu unterdrücken, bis er
zur Stelle gelangt sei.
    Die Nachricht von dem stattgehabten Mord schien sich bereits wie ein
Lauffeuer über die ganze Gegend verbreitet zu haben. Als die Beiden die Tavern
erreicht, sahen sie das Haus von einem Haufen Menschen umgeben, Weisse und
Schwarze, Männer und Frauen bunt durcheinander, die augenscheinlich keinen
Eintritt mehr hatten erhalten können und sich jetzt bemühten, durch die
geöffneten Fenster Teil an den innerhalb gepflogenen Verhandlungen zu nehmen.
Zwei Beamte, ähnliche Figuren wie Helmstedts Begleiter, standen an der äussern
Tür des Hauses und hatten ihre ganze Autorität, wie die Kraft ihrer Arme
anzuwenden, um dem Andrängen der Menschenmasse zu steuern, und nur mit Mühe
gelang es den beiden Ankommenden, die Tür zu gewinnen.
    Der ziemlich weite Raum im Erdgeschoss der Tavern war zum Gerichtszimmer für
den Coroner und die von ihm aus dem County schnell aufgebrachte Jury
eingerichtet. Der Coroner selbst sass hinter einem langen Tische und an seiner
Seite ein das Protokoll führender Gehilfe. Rechts von ihnen befanden sich die
zwölf Jurors neben einander auf einer Bank, links schienen die Zeugen zu sein,
wenigstens bemerkte Helmstedt, dessen Auge beim Eintritt den Raum überflog,
Elliots Gesicht dort und dahinter die Wollköpfe von Dick und Cäsar; umsonst
suchte er aber des Pedlars Züge. Der übrige Raum war so dicht mit Zuschauern
gefüllt, dass die beiden Ankömmlinge Zeit und Kraft brauchten, um vorzukommen.
Helmstedts Erscheinen erregte sichtliches Aufsehen. Der Coroner, welcher sich
eben über das Protokoll beugte, fuhr auf die leise Meldung des Beamten rasch in
die Höhe und mass den Deutschen mit einem kurzen scharfen Blicke, die Jurors
steckten die Köpfe zusammen, unter den Zuschauern entstand leises Murmeln und
die Hintersten hoben sich auf die Zehen, um den Eingetretenen besser zu sehen.
Helmstedt bemerkte alles das, er fand aber nur die eigentümliche Neugierde der
Amerikaner darin, die sich eifrig auf die unbedeutendste Sache wirft, sobald sie
nur etwas Fremdartiges an sich hat. Er sah nach Elliot hinüber, um einen Blick
mit ihm auszutauschen, dieser aber wandte rasch das Auge weg, als wolle er
Helmstedts Blick vermeiden.
    »Well, Sir,« begann jetzt der Coroner, »Sie werden uns einige Fragen
beantworten, die in der vorliegenden Untersuchung von Wichtigkeit sind. Geben
Sie erst Ihren vollen Namen, Alter, Wohnung und Beschäftigung an und leisten Sie
dann den gewöhnlichen Zeugeneid, der Ihnen vorgesagt werden wird; nachher
erzählen Sie uns, was Sie von dem stattgehabten Morde wissen.«
    Die Anfangs-Formalitäten warm bald beseitigt und Helmstedt berichtete mit
allen Einzelheiten, wie Baker am Morgen vorher aufgefunden worden war, und seine
eigene Beteiligung daran.
    »Ist dies Alles, was Ihnen von dem Morde bekannt ist?«
    »Nach meinem besten Wissen, Alles!«
    »Ihre Kenntnis davon beginnt also erst von dem Augenblicke, an welchem Sie
den Ermordeten todt und kalt gesehen?«
    »Yes, Sir.«
    »Gut, dann werden Sie suchen müssen, uns einige Umstände zu erklären; der
Ermordete ist zwar, wie die stattgefundene Examination ergibt, durch einen Stich
mit einem scharfen, einschneidigen Instrumente, dem Anscheine nach einem
gewöhnlichen Messer, zu seinem Tode gekommen, seine Stirne trägt aber auch die
Spur eines kräftigen Schlages, der ihm jedenfalls vor der Todeswunde beigebracht
worden. Unweit der Leiche hat sich nun dieser messingene Knopf hier vorgefunden,
welcher nach Aussage zweier Zeugen zu einer nur von Ihnen in Gebrauch gehabten
Reitpeitsche gehört. Haben Sie vielleicht eine Idee, wie der Knopf dortin
gekommen ist?«
    »Ich glaube, die Erklärung ist leicht!« erwiderte Helmstedt ruhig und
erzählte kurz sein Zusammentreffen mit Baker am Tage vor Sylvester.
»Jedenfalls,« schloss er, »ist der Knopf, den der Mann damals als Memorandum -
wie er sich ausdrückte, behielt, bei dem Morde aus seiner Tasche geglitten.«
    »Von diesem Streite ist bereits durch einen Zeugen, der ihn von kurzer
Entfernung aus mit angesehen, berichtet worden. Nach dessen Aussage sollen Sie
indessen der angreifende Teil gewesen sein und dem Ermordeten den Weg versperrt
haben. Wollen Sie uns die Ursache dieses Angriffs Ihrerseits mitteilen?«
    »Recht gern,« erwiderte Helmstedt, dem jetzt plötzlich eine Ahnung kam, dass
irgend ein Verdacht auf ihm ruhe - welcher Art, war ihm freilich noch nicht
klar. »Der ermordete Mann war ein gewöhnlicher New-Yorker Spieler und
Industrieritter, der sich in mehrere Familien hier eingeschlichen hatte und eben
im Begriff stand, sich durch seine Vorspiegelungen auf das engste mit der
Familie meines Principals zu verbinden. Ich hatte schon versucht, Mr. Elliot vor
dem Menschen zu warnen, fand indessen kein Gehör und konnte auch auf diesem Wege
nichts weiter tun, da mir augenblicklich die Beweise gegen den Schwindler
fehlten. Ich benutzte aber deshalb das Zusammentreffen auf der Strasse mit Baker,
um ihm zu sagen, dass er und seine Vergangenheit bekannt seien und dass ich, wenn
er nicht die hiesige Gegend verlasse, veröffentlichen werde, was ich wisse.«
    »Hatten Sie nicht irgend ein eigenes Interesse, den Mann von hier entfernt
zu sehen? In der Regel bricht man, fremder Interessen halber, nicht einen
gefährlichen Streit vom Zaune!«
    In Helmstedts Gesicht schoss ein helles Rot, das aber eben so schnell wieder
verschwand. »Ich hatte in dem angeführten Streite mit dem Ermordeten keine
andere Absicht,« sagte er langsam und bestimmt, »als ein Unglück von Mr. Elliots
Familie abzuwenden. Hätte ich selbst auch etwas gegen den Mann und seinen
Charakter gehabt, so dachte ich doch damals nicht daran.«
    »Ich werde Ihre Aussagen mit den bereits abgegebenen Zeugnissen
zusammenstellen,« erwiderte kalt der Coroner, »vielleicht finden Sie dann noch
etwas an den Ihrigen zu berichtigen. Was den Reitpeitschenknopf anbetrifft, so
besagt die Todtenschau, dass derselbe gegen vier Yards von dem Körper entfernt
und seitwärts des Weges gefunden wurde - es scheint also mehr als
unwahrscheinlich, dass er aus der Tasche des Todten dahin gelangt; die Idee aber,
dass er bei einem Schlage mit der Reitpeitsche abgesprungen und dortin geflogen
sei, war die erste, welche sich fast gleichzeitig allen Anwesenden aufdrängte -
ich möchte Ihnen dabei auch die Bemerkung nicht vorentalten, dass die
Geschichte, wie Mr. Baker, während Ihres Streites mit ihm, den Knopf
aufgefangen, und sich in Besitz desselben gesetzt haben soll, wenigstens
ziemlich sonderbar klingt. Und was die Stellung des Ermordeten anbelangt, so ist
hier das Zeugnis mehrerer seiner hiesigen Freunde, welche ihn schon längere Zeit
in Verbindung mit den besten Familien New-Yorks gekannt haben und somit Ihrer
Aussage direct widersprechen. Haben Sie nun Etwas zur Erklärung Ihrer Angaben zu
sagen, so tun Sie es.«
    Helmstedts Auge war während der Worte des Coroners immer gespannter
geworden. »Ich möchte erst meine Stellung hier kennen, ehe ich ein Wort weiter
rede,« sagte er; »bin ich irgend einer Schuld angeklagt, so möchte ich das
wissen; meine Aussagen werden kritisirt und verdächtigt, und der öffentliche
Ankläger scheint mit dem Richter hier eine Person zu bilden.«
    »Sie sind weder angeklagt, noch bin ich Richter, Sir. Mir, als Coroner liegt
nur ob, auf Grund vorgefundener Tatsachen oder abgegebener Zeugnisse jede Spur
zu verfolgen, durch welche Licht in das Geheimnis des stattgehabten Mordes
gebracht werden kann, und das ist es auch nur, was ich jetzt in Bezug auf Sie
tue.«
    »Ich kann nur versichern,« sagte Helmstedt nach einer kurzen Pause, »dass
jedes meiner Worte die strengste Wahrheit entalten hat, und wenn Isaac, der
alte Pedlar, hier wäre, so könnte dieser wenigstens den Teil meiner Aussagen,
der Bakers Geschäft und Charakter betrifft, bestätigen. Die Geschichte des
Sklavenraubes, bei welchem nach der Aussage des Pedlars der Ermordete die
Hauptrolle spielte, dürfte ebenfalls ein neues Licht über dessen Persönlichkeit
und die ganze Sache werfen.«
    »Möglich, Sir, vielleicht auch nicht. Sie werden mir einräumen müssen, dass,
wenn man nur Sklaven stehlen will, es dazu nicht notwendig ist, sich den
Eintritt in den innersten Schoss einer Familie zu verschaffen; dass es aber, wenn
man wie Mr. Baker auf dem Punkte steht, selbst Glied dieser Familie und
rechtmässiger Teilhaber ihres Glückes und Reichtums zu werden, es ein Wahnsinn
wäre, Alles das wegzuwerfen, nur um heimlich ein paar Schwarze zu stehlen. Isaac
ist übrigens mit seinen desfallsigen Behauptungen seit gestern Abend unsichtbar
geworden, er scheint seinen Irrtum selbst eingesehen zu haben - und was die
Aussagen des Negers Cäsar betrifft, selbst wenn sein Zeugnis etwas gelten
könnte, so erstreckt sich seine ganze Wissenschaft nur auf halbe Worte, die er
unter den entflohenen Schwarzen aufgefangen haben will. Wir müssen uns also
vorläufig nur an das halten, was wahrscheinlich und vernünftig aussieht, und so
will ich, wenn Sie nach dieser Darstellung mir nicht etwa noch Etwas zu sagen
haben sollten, meine letzte Hauptfrage an Sie richten.«
    Helmstedt hatte seine ganze Kenntnis über Baker erst aus zweiter Hand -
dabei war seine Hauptquelle, Seifert, eben nicht die reinste und zuverlässigste
- jetzt erst, bei den angeführten Zeugnissen für den Ermordeten, bei des
Coroners ruhiger Betrachtung der Verhältnisse, dachte er hieran, und zum ersten
Male kam ihm der Gedanke, ob er sich nicht durch seine aufkeimende Eifersucht
wenigstens in Bezug auf die Stellung des Mannes zu falschen Voraussetzungen
hatte hinreissen lassen, an die er um so lieber geglaubt, da sie mit seinen
Wünschen übereingestimmt hatten. »Ich habe zu meinen Angaben nichts weiter zu
bemerken,« sagte er, »als dass, wenn meine Meinung von dem Ermordeten wirklich
irrig gewesen sein sollte, meine dadurch hervorgerufenen Handlungen wenigstens
aus den besten Absichten entsprangen.«
    »Der Ermordete,« fuhr der Coroner fort, »ist gegen sechs Uhr Abends gesehen
worden, wie er auf dem von ihm gewöhnlich gebrauchten Pferde vom Riverhause
abritt. Nachts eilf Uhr wurde dasselbe Pferd an der Stelle angebunden bemerkt,
wo der Mord geschehen und wo es noch den Morgen darauf stand. Bei der dunkeln
Nacht hat der Reiter wenigstens drei Stunden gebraucht, um diesen Ort zu
erreichen, wenn er nämlich auf gradem Wege gekommen, möglich auch, dass er erst
später als neun Uhr angelangt; dass aber der Mord vor eilf stattgefunden, beweist
das durch den starken Gewitterregen vom Blute reingewaschene Gras. Ich erwähne
aller dieser Umstände, damit Sie die volle Wichtigkeit der Frage, die ich an Sie
stellen werde, fühlen mögen. Nach den Aussagen einiger Ihrer eigenen
Hausgenossen sind Sie um eilf Uhr noch nicht in Ihrem Bette gewesen, sind erst,
kurz nach eilf, bei schon beginnendem Regen, von Aussen in das Haus eingetreten
und haben angegeben, dass Sie sich beim Nachhausekommen verspätet hätten. Nun
geht aber bei einer Stockdunkelheit, wie sie an jenem Abende herrschte, Niemand
ohne Zweck spazieren und ich möchte Sie fragen, wo Sie jenen Abend zwischen zehn
und eilf Uhr zugebracht.«
    Ueber Helmstedts Gesicht zog eine tiefe Blässe; er starrte den Coroner einen
Augenblick an und senkte dann die Augen - die verschiedenen zusammentreffenden
Umstände traten plötzlich, zu einem mächtigen Verdachtsgrunde vereinigt, gegen
ihn auf - erst sein mit Baker begonnener Streit und die von ihm zugegebene
Absicht, den Mann aus der Gegend zu treiben; dann der neben dem Todten gefundene
Reitpeitschenknopf und zuletzt seine vermutete Abwesenheit aus dem Hause,
gerade zur Zeit des Mordes, eine Abwesenheit, die er selbst gegen Elliot
bestätigt hatte. Das Alles schoss so schnell aber auch so klar wie ein Blitz
durch sein Gehirn, und zugleich erkannte er die einzige Alternative, die es für
ihn gab - entweder die letzte Frage des Coroners nicht zu beantworten und
dadurch den Verdacht gegen sich noch zu verstärken - oder seinen nächtlichen
Aufentalt in Ellens Zimmer zu verraten und so mit einem Male jenen Verdacht
von sich abzuwerfen.
    »Well, Sir,« sagte der Coroner, »Sie müssen doch zu irgend einem Zwecke das
Haus verlassen haben und irgendwo gewesen sein? antworten Sie mir also!«
    Helmstedt war kurz mit seinem Entschlüsse fertig geworden - Ellens Ruf
durfte auf keine Gefahr hin preisgegeben werden, mochte auch sein eigenes
Schicksal jetzt laufen wie es wollte, und als in diesem Augenblick des Mädchens
Bild vor seine Seele trat, wie sie ihn in der vollen Verschämteit ihrer Liebe
angesehen, da fühlte er, dass ihm keine Marter ein Wort, das ihr weh tun musste,
hätte entreissen können.
    »Ich glaube nicht,« sagte er und hob den Kopf frei in die Höhe, »dass ich im
Stande sein werde, die vorgelegte Frage zu beantworten, so leicht ich auch unter
andern Umständen meine gänzliche Unkenntnis an dem stattgefundenen Verbrechen
nachweisen könnte.«
    Der Coroner sah ihm einen Augenblick scharf in das Gesicht. »Sie wissen
vielleicht die Folgen nicht, Sir, die diese Ablehnung der Antwort nach sich
ziehen kann?«
    »Ich erkenne sie vollkommen,« erwiderte Helmstedt, ohne das Auge zu senken,
»muss aber, selbst auf die Gefahr hin persönlich des Mordes verdächtig zu
erscheinen, jede Auskunft über meinen Aufentalt während der bezeichneten Zeit
verweigern. Ich meine, es sei nicht zu schwer sich Verhältnisse denken zu
können, die selbst den unschuldigsten Mann zum Schweigen zwingen können.«
    »Well, Sir, und ich gestehe Ihnen offen,« sagte der Coroner, sich langsam
zurücklegend, »dass wo es um den Hals gehen kann, solche Verhältnisse ausser
meinen Vorstellungen liegen. Zusammen mit den vorliegenden Tatsachen muss die
jetzige Zurückweisung meiner Frage Sie der Grand-Jury überliefern und ich habe
die Pflicht, Sie vorläufig verhaften zu lassen, wenn Sie sich nicht anders
besinnen und den bessern Weg einer Rechtfertigung einschlagen sollten.«
    Helmstedt erbleichte einen Augenblick, verbeugte sich dann aber und sagte
ruhig: »Tun Sie, wie Sie müssen, Sir; die gänzliche Grundlosigkeit einer
Anklage gegen mich wird sich hoffentlich bald von selbst herausstellen.«
    »Bryan, führen Sie den Gentleman einstweilen ins Oberzimmer, neben dem Raum
wo der Todte liegt,« rief der Coroner einem der Beamten zu - »heute Abend kommt
er mit nach der Stadt ins County-Gefängnis.«
    Helmstedt folgte ohne ein Wort dem Winke des herbeitretenden Officiers und
schritt ihm voran durch eine der Seitentüren - hinter ihm aber machten sich die
bis jetzt unterdrückten Gefühle der Zuhörerschaft durch ein wirres Durcheinander
von Sprechen und Ausrufungen Luft.
    Der Verhaftete trat in ein kahles, weisses Zimmer, in welchem sich nur ein
einziger Stuhl mit drei Beinen befand. Einzelne auf dem Boden liegende
Welschkornähren zeigten den Zweck an, zu welchem es gewöhnlich benutzt werden
mochte. Die Tür fiel hinter ihm zu und der Schlüssel knirschte von aussen im
Schloss. Von der Strasse herauf drang das Geräusch der durcheinander sprechenden
Menge, Helmstedt hatte aber, auf- und abschreitend, über seinen Gedanken Aug und
Ohr für seine Umgebung verloren. Anfänglich lag, trotz der stillen Begeisterung,
welche ihn den jetzigen Weg hatte einschlagen lassen, das unheimliche Gefühl zum
ersten Male Gefangner zu sein, über ihm; bald aber hatte er dies von sich
geschüttelt und fing an sich Vorstellungen zu machen, welche Wirkung die Kunde
von seiner Gefangenschaft in Oaklea hervorbringen werde - jedenfalls erzählte
Elliot den Grund seiner Verhaftung, die verweigerte Auskunft über seinen
Aufentalt während der Nacht des Mordes - ob sich wohl Ellen verraten und so der
Verwickelung mit einem Streiche ein Ende machen würde? Es war eine ganze
Bilderreihe, die von dem einen Gedanken geführt an Helmstedts Seele vorüberzog.
-
    Die Jury hatte ihre Sitzung bis zum nächsten Morgen vertagt, die Menge war
auseinander gelaufen und der Coroner sass in dem leergewordenen Raume, den Kopf
auf die Hand gestützt und Papiere durchblätternd, während sein Gehilfe das
Protokoll zu vervollständigen schien. Nach einer Weile trat Elliot, der bereits
die Handschuhe zum Wegreiten angezogen hatte, ein. »Noch etwas Besonderes, Sir?«
    »Setzen Sie sich einen Augenblick hierher,« erwiderte der Coroner. »Ich
hatte durch zwei Beamte eine genaue Durchsuchung des Zimmers, das der Verhaftete
in Ihrem Hause bewohnt, sowie der sämmtlichen Möbel darin angeordnet. Die
Beamten sind soeben zurück, und obgleich nicht das Geringste entdeckt worden,
was zur directen Verstärkung des Verdachtes dienen könnte, so hat sich doch in
einem der Koffer dieser kleine Zettel vorgefunden, der wahrscheinlich den
Beweggrund der Tat wird erklären helfen. Die Sache scheint mir zu tief in Ihr
Privatleben einzugreifen, als dass ich Sie nicht erst davon hätte benachrichtigen
sollen, um wenigstens jede unnötige Veröffentlichung zu verhüten.«
    Elliot las und wurde blass. Es waren die Zeilen, welche Ellen vor einiger
Zeit an Helmstedt geschrieben hatte.
    »Setzen Sie diese Stelle an,« fuhr der Coroner fort, »hier heisst's: Wenn
etwas gegen den Mann aufgefunden werden kann - womit augenscheinlich Baker
gemeint ist - so muss es bald geschehen; mir ist, als hätten sich heute die Fäden
so fest um mich gezogen, dass ich nicht mehr heraus kann, oder als wäre ich heute
in meiner Abwesenheit verkauft worden. Ich bin so allein in meiner Angst, und so
weiter. - Den Fall gesetzt, dass irgend ein Verhältnis zwischen der Schreiberin
und dem Verhafteten stattfand, wie es beinahe hiernach scheint, so findet der
Grund der Tat die natürlichste Erklärung, besonders da den Tag darauf die
anberaumte Verlobung stattfinden sollte, und es wird mir unmöglich sein, das
Document der Jury vorzuentalten.«
    »Um Gottes willen bringen Sie meine Familie nicht vor die Oeffentlichkeit!«
rief Elliot, von seinem Hinstarren auf das Papier auffahrend - er sprang auf,
schlug die Hand vor den Kopf und lief in dem Gemache auf und ab. »Ein
Verhältnis,« sprach er, plötzlich vor dem Coroner stehen bleibend, »ein
Verhältnis hat zwischen beiden sicher nicht stattgefunden, denn meine Tochter
war während der kurzen Anwesenheit des Deutschen kaum zwei Tage im Hause, aber,«
fuhr er langsam fort, die Augen in die Hand drückend, »es ist um so
fürchterlicher, wenn ein Mädchen bei einem Fremden vor ihren eigenen Eltern
Schutz sucht. Bringen Sie meine Familie nicht vor das Gericht, Sir!«
    »Seien Sie ruhig, Sir, und hören Sie mich. Bleibt Ihre Tochter hier, so ist
Ihrer Vorladung und Vernehmung fast nicht auszuweichen. Folgen Sie meinem Rate,
so gehen Sie jetzt heim, sprechen mit Ihrer Frau, sagen aber Ihrer Tochter von
dem ganzen Gange des Prozesses kein Wort und schicken Beide auf vier bis sechs
Wochen nach New-Orleans zum Besuch. Das ist Alles, was ich sagen kann - ich
werde von keiner Ihrer Massregeln Etwas wissen.«
    Elliot sah dem Coroner einen Augenblick starr in die Augen, dann drückte er
ihm, ohne ein Wort zu sagen, die Hand und eilte zur Tür hinaus.
 
                                Zehntes Kapitel.
                                 Im Gefängnis.
Es war über Nacht Winter geworden, wirklicher Winter. Der Schnee lag fusshoch und
die Sonnenstrahlen brachen sich auf der hartgefrorenen Oberfläche, ohne sie
erweichen zu können.
    In einer der oberen Zellen des County-Gefängnisses sass Helmstedt an dem
vergitterten Fenster und starrte, den Kopf in die Hand gestützt, in den Hof
hinab, wo eine Schaar kleiner gelber Vögel suchend im Schnee herumpickte. - Zehn
Tage waren seit seiner Verhaftung vergangen und seit dieser Zeit sass er einsam
hier, den Zusammentritt der Grandjury und deren Anklage erwartend. Die ersten
Tage seiner Haft hatte er in einer stillen Spannung zugebracht; einzelne ihm
völlig fremde Amerikaner hatten sich mit eigentümlicher Dreistigkeit
eingefunden, um ihre Neugierde zu befriedigen; drei Advocaten waren da gewesen,
um vorsichtig nach seinen Geldverhältnissen zu forschen und ihm ihre Dienste als
Verteidiger anzubieten - und in jedem neuen Besuche hatte Helmstedt den Träger
einer Botschaft von Oaklea zu sehen gehofft. Als aber Tag für Tag verging, und
die Besuche aufhörten, als er durch den Gefängnisswärter den Schluss der
Coroner-Untersuchung und seine Ueberweisung an die Grandjury vernahm, da begann
er unruhig zu werden. An sein eigenes Schicksal dachte er weniger, denn vor ihm
lag noch die ganze eigentliche Criminal-Untersuchung, und bis zu deren Schluss
konnten tausend Fälle eintreten, die seine Unschuld oder den wahren Täter ans
Licht brachten - wie war es aber möglich, dass Ellen ohne Kenntnis seiner währen
Lage geblieben, wo Hunderte von Zeugen den Verhandlungen beigewohnt hatten? Oder
was war mit ihr vorgegangen, dass sie behindert war, ihm wenn auch nur ein paar
Worte des Trostes zu senden? Ihr energischer Charakter hätte sich durch geringe
Hindernisse sicher nicht zurückschrecken lassen. Warum hörte er nichts von ihr?
Das war die Frage, mit der er sich am Tage herumplagte, ohne einen Weg zu ihrer
Beantwortung ausfindig machen zu können, und von der er Nachts träumte. Am
zehnten Tage brachte ihm der Schliesser das Wochenblatt des Städtchens, das durch
die Mordtat eine so frische Farbe bekommen hatte, wie das Unkraut nach einem
erquickenden Regen. Mordtaten, mit geheimnisvollen Umständen verknüpft, sind
für amerikanische Zeitungen ein wahrer Himmelssegen und man sah es dem
Wochenblatt an, dass sein Herausgeber es für eine sündhafte Verachtung der
Gottesgabe gehalten hätte, wenn nicht mit der vollsten Rücksichtslosigkeit alle
nur irgend möglichen Seiten des Falles ausgebeutet worden wären. Helmstedt las
eine Darstellung des Mordes, so klar und einfach, dass Niemand den entferntesten
Zweifel an der Täterschaft des Deutschen hegen konnte und dass diesem beim Lesen
der Kopf zu schwindeln anfing - eine Darstellung die ihm über Ellens
Untätigkeit Aufschluss gab, ihn dabei aber nur noch in tiefere Verwirrung
stürzte. Nachdem alle durch den Coroner ermittelten Verdachts gründe gegen
Helmstedt erwähnt worden, wurde des Zettels gedacht, welcher sich in dem Koffer
des Verhafteten befunden hatte - ein Ereignis, von dem Helmstedt bis jetzt noch
nichts gewusst. »Dieses Papier,« hiess es, »stellt ein inniges Verhältnis zwischen
ihm und der jungen Lady des Hauses ganz ausser Frage und weist ganz bestimmt auf
ein gemeinschaftliches feindliches Unternehmen gegen den Ermordeten hin. Die
junge Lady sollte diesem, wider ihren Willen, in einigen Tagen verlobt werden.
Niemand hatte ein Interesse an dem Tode des Mannes, als er dem seine Geliebte
geraubt, und sie, die zu einer verfassten Ehe mit jenem gezwungen werden sollte -
der Todte hatte sonst nicht einen Feind in der ganzen Umgegend. Nach der
Festnahme des Deutschen trat die junge Lady Hals über Kopf eine Reise an und
machte so ihr Verhör sowie jedes andere Verfahren gegen sie unmöglich, und es
ist nur die Lässigkeit des Coroners zu beklagen, welcher nach Auffindung des
wichtigen Papiers nicht sofort die nötige Sicherung dieses bedeutenden Zeugen
veranlasste. Es soll hier kein bestimmter Verdacht ausgesprochen werden - noch
aber fehlt eine genaue Erklärung, wie die eigentliche Todeswunde beigebracht
worden; es ist ein schwacher Stich von unten nach oben, in einer Weise geführt,
wie Männer sonst nie ein Messer zum Stoss zu haben pflegen. Wird aber angenommen,
wie es nach Art der Wunde wahrscheinlich ist, dass eine Frau den Stich
beigebracht, so lässt sich auch leicht die Anwesenheit des Ermordeten an dem
Platze, wo er gefunden worden, erklären. Zwei Worte von ihr konnten denselben
unter irgend einem Vorwandte dortin locken - ein wohlgezielter Schlag des ihm
im Hinterhalte auflauernden Mannes machte ihn taumeln und jetzt stiess ihm das
Weib das Messer in die Brust.«
    Helmstedt sah auf das Blatt und es war ihm, als seien alle seine Gedanken
erstarrt. Sein innerstes Heiligtum, seine Liebe, war auf die öffentliche
Landstrasse geworfen und in den Kot getreten; das blühende harmlose Kind, aus
seiner schützenden Häuslichkeit gerissen und gebrandmarkt vor die Blicke der
ganzen Welt gestellt - Ellen zu einer kalten berechnenden Mörderin gemacht.
Helmstedt sprang auf, fasste mit beiden Händen seinen Kopf und blieb mitten in
der Zelle stehen - es war ihm, als müsse er - oder die ganze übrige Welt
wahnsinnig geworden sein. Er nahm das Blatt nochmals auf und las langsam Satz
für Satz - die Logik darin war so teuflisch und doch so natürlich, dass er selbst
daran geglaubt hätte, wäre er ein Anderer als er selbst gewesen. Er fiel in den
Stuhl am Fenster, stützte den Kopf auf beide Arme und starrte vor sich hin.
Ellen war abgereist, vielleicht übers Meer, um dem öffentlichen Scandal, der
ihren Namen durch alle Zeitungen Amerika's tragen musste, aus dem Wege zu gehen -
ein bitteres Gefühl, dass er so allein seinem Schicksale überlassen worden,
wollte in ihm aufsteigen, aber er durfte nur an ihr tiefes, klares Auge denken,
um jeden Groll aus seiner Seele zu bannen; sie war sicherlich machtlos gewesen,
ihre eigenen Eltern mussten sie über den Stand der Dinge getäuscht haben. Was
half ihm aber nun das Opfer, das er ihrem guten Ruf gebracht? Er hatte sie durch
sein Schweigen in eine schlimmere Lage gestürzt, als es das rückhaltsloseste
Geständnis seinerseits hätte tun können - und sich selbst dazu.
    Das Rasseln des Schlüssels im Schloss störte ihn aus seinen Gedanken auf.
Wahrscheinlich wieder ein neugieriger Besuch, war sein Gedanke, denn es war
weder Zeit für ein Mahl, noch für die Runde des Schliessers; aber er fühlte sich
durch die Aussicht erleichtert, sich gegen einen Menschen, wenn auch den
fremdesten, aussprechen zu können und Nachrichten von der Aussenwelt zu erhalten.
Eine Frauengestalt, in ein weites Tuch gehüllt, Kopf und Gesicht in eine
schwarzseidene Kapuze verborgen, trat ein. »Pochen Sie nur, Ma'am, wenn Sie
wieder gehen wollen!« sagte der Schliesser und liess hinter sich die Tür ins
Schloss fallen. Die Frau riss hastig ihre Kapuze vom Kopfe und kam mit
ausgestreckter Hand auf Helmstedt los. »Guten Tag, August!« sagte sie mit
bebender Stimme.
    Der Gefangene war überrascht aufgesprungen. »Mrs. - Morton!« rief er, und
legte nur zögernd seine Hand in die ihre, »ich hätte eher etwas Anderes
vermutet -«
    »'S ist jetzt nicht Mrs. Morton, ist Pauline Peters, die zu Ihnen kommt,«
unterbrach sie ihn und das Wasser trat in ihre Augen, »ich weiss Alles was Sie
sagen können, August, Sie mögen sagen, dass ich eigentlich das Recht verloren
habe, an Ihnen Teil zu nehmen - aber Umstände ändern viel, vielleicht urteilen
Sie anders über mich, noch ehe ich das Zimmer verlassen habe. Setzen Sie sich
wieder nieder und ich nehme auf eine halbe Stunde Platz neben Ihnen.« Sie zog
den einzigen noch übrigen Stuhl neben den seinigen und sass an seiner Seite, ehe
er nur recht wusste, welche Miene er annehmen sollte.
    »Ich muss erst Alles zwischen uns ins Klare bringen, ehe ich Ihnen sage,
weshalb ich gekommen bin,« begann sie, ihm voll in die Augen sehend, »Sie müssen
Vertrauen zu mir gewinnen lernen, August, und sollten Sie mich jeden Rückhalt
irgend einer Art verachten sehen, so blicken Sie auf Ihr Gefängnis, so denken
Sie daran, unter welchen Verhältnissen wir jetzt mit einander reden und dass
diese mich zur vollsten Offenheit drängen. - Sie sind überrascht gewesen, mich
hier als Frau eines reichen Pflanzers wiederzufinden - das,« fuhr sie mit einem
trüben Lächeln fort, »das war jedoch Ihr Werk, August!«
    »Mein Werk?« rief dieser verwundert, aber sonderbar von dem leichten,
schmerzlichen Zuge berührt, der sich einen Augenblick um ihren weichen Mund
gelegt hatte.
    »'S ist eine einfache Geschichte, die Ihnen das erklären wird,« erwiderte
sie und senkte das Auge, »ich bin Ihnen den ersten Teil davon eigentlich schon
schuldig, seit ich Sie in New-York traf und Sie nicht wussten, für was Sie mich
halten sollten. Lassen Sie sich einmal die kurze Erzählung nicht langweilen, ich
muss sie voranschicken, wenn Sie mich ganz verstehen sollen - Sie sollen mich
kennen lernen, durch und durch, wie ich bin. - Dass ich mit einer Bekannten von
Europa nach New-York reiste, wissen Sie schon,« fuhr sie nach einer kurzen Pause
fort, »ebenso, dass deren Verwandte, an die wir uns anschliessen wollten, schon
vor unserer Ankunft ins Land gezogen waren«. In New-York musste es mir bei dem,
was ich mit der Nadel gelernt, verhältnissmässig leicht werden meinen Unterhalt zu
verdienen, während ich nicht wusste, was in einer kleinen Stadt meiner harrte,
und so liess ich meine Freundin allein reisen. Das Glück hatte mich in ein
anständiges Boardinghaus gebracht und schon nach zwei Tagen hatte ich eine
Stelle in einem amerikanischen Putzgeschäfte. Ich verstand kein Englisch, was
für die ersten Monate jede genauere Bekanntschaft mit den übrigen Arbeiterinnen
verhinderte, aber die tägliche Uebung von Ohr und Zunge räumte das Hindernis
schneller auf die Seite als ich gehofft - ich war aufgeweckt und stets heiterer
Laune, und bald war ich in der Arbeitsstube eingebürgert und gelitten, als wäre
ich auf amerikanischem Boden gross geworden. Um das Leben und Treiben der übrigen
Mädchen ausserhalb des Geschäftes hatte ich mich wenig gekümmert, da ich mit
keiner von ihnen noch recht vertraut geworden war und meine eigene freie Zeit
meist in der Familie meiner Boardingwirtin zubrachte, und so hörte ich auch
ohne Argwohn eines Morgens die Aufforderung, mit zu einem grossen Balle zu gehen,
den sämmtliche Arbeiterinnen besuchen wollten. Ich hatte, so lange ich in
Amerika war, noch kein wirkliches Vergnügen gehabt, Tanz aber war meine alte
Leidenschaft und ich sagte mit Herz und Hand zu. Von New-York kannte ich kaum
einige Strassen, zwei meiner Colleginnen versprachen deshalb, mich in einem
Mietwagen abzuholen und gegen neun Uhr stiegen wir vor dem hellerleuchteten
Eingange des Hauses aus. Ich weiss heute noch nicht, in welcher Gegend der Stadt
es war. Der Saal war nicht allzugross, aber die Gesellschaft schien ihrer
Toilette nach eine gewählte zu sein, die Musik war prachtvoll, und im Herzen
vergnügt folgte ich meinen Begleiterinnen nach einer halbleeren Bank. Beide
schienen ziemlich bekannt zu sein, denn kaum hatten sie sich gesetzt, als sie
schon in die Quarrees der Quadrille geholt wurden. Ich sass allein, nach kurzer
Zeit aber lässt sich ein Herr, der musternd an der Damenreihe vorüber gegangen,
neben mir nieder, sieht mich mit einem unverschämten Lächeln an und biegt sich
dann nach meinem Ohre - ich muss Worte hören, die mir das Blut stocken machen und
mich wie von einer Schlange gebissen, von der Bank aufjagen. Ich weiss nicht
mehr, welche Sprache mir die Entrüstung eingab, der Mensch aber sieht mich einen
Augenblick wie verwundert an, bricht dann in ein helles Lachen aus und kommt von
Neuem auf mich los. In diesem Augenblicke sehe ich eins der Mädchen, mit denen
ich hergekommen, an dem Arme eines Herrn langsam durch den Saal schlendern, ich
fliege auf sie los und hänge mich an ihren Arm, mein Verfolger aber stellt sich
mit lachendem Gesichte vor uns Beide hin. »Haben Sie das scheue Kätzchen
mitgebracht, Cora?« fragte er, »und ist sie wirklich noch so frisch hier, wie
sie tut?« - »Sie werden wohl wie gewöhnlich den ungezogenen Bären gemacht
haben!« erwidert das Mädchen ebenfalls lachend und dreht ihm den Rücken, um den
Saal wieder hinab zu gehen. »Sein Sie nicht zu spröde,« zischelte sie mir zu,
»er ist wohl plump aber generös!« - In meinem Entsetzen, wie ich's nie wieder in
meinem Leben gefühlt, erkannte ich plötzlich, in welcher Gesellschaft ich war,
ich hatte den Arm meiner Begleiterin losgelassen und wollte nach der Tür eilen,
aber mir war's, als müsse ich bei dem ersten Schritt, den ich tue, umfallen;
eine grässliche Angst packte mich, und als ich in diesem Augenblick die Hand des
mich verfolgenden Menschen an meinem Kinn fühle, gebe ich ihm in meiner
Verzweiflung einen Stoss, dass er zwei Schritte zurücktaumelt, und breche in ein
krampfhaftes Weinen aus. Eben rauschte eine neue Quadrille vom Orchester und die
Paare flogen an mir vorüber zu ihren Plätzen, Niemand schien den Auftritt
beachtet zu haben - da höre ich mit einem Male eine ruhige Stimme neben mir:
»Lassen Sie die Lady, Sir, wenn Sie ein Gentleman sind, Sie sehen, dass Sie sich
in ihr geirrt haben, oder sie sich auch vielleicht in der ganzen Gesellschaft.
Folgen Sie mir, Kind!« Der Ton in der Stimme brachte eine wunderbare Beruhigung
über mich, ich sehe einen ältlichen Herrn neben mir stehen, der mir seinen Arm
bietet, und ich klammere mich daran wie eine Versinkende. »Ich will fort, Sir,
nach Hause, bringen Sie mich nur nach der Tür.« - »Sie werden unbelästigt nach
Hause kommen,« sagte er, »ich will Sie selbst dahin begleiten!« - aber dieser
letzte Zusatz erweckte einen neuen Argwohn in mir - ich liess seinen Arm los.
»Wenn Sie es redlich meinen, Sir, so verlassen Sie mich, sobald ich aus dem
Saale bin, es sind gewiss Wagen am Eingange, die mich nach Hause bringen.« - Er
sah mich einen Augenblick schweigend an. »Haben Sie keine Sorge, Kind,« sagte er
dann, »es soll geschehen, wie Sie wollen. Erst aber erzeigen Sie mir die
Freundlichkeit und setzen Sie sich auf ein paar Minuten mit mir in eins der
Nebenzimmer - denken Sie, Sie gingen mit Ihrem Vater, und haben Sie volles
Vertrauen zu mir.« Ich weiss nicht, war's der ruhige Ton in seiner Stimme oder
sein würdiges Gesicht, wodurch jedes Misstrauen in mir verscheucht wurde - ich
ging mit ihm; er liess Erfrischungen kommen und fragte mich dann über meine
Verhältnisse aus und wie ich auf den Ball geraten sei. Ich sagte ihm ohne
Rückhalt, was er nur zu wissen verlangte. »Also Sie haben keine Angehörigen hier
und auch noch Niemand, an dem Ihr Herz hängt?« forschte er zuletzt. Ich konnte
mit gutem Gewissen »nein« sagen, und nachdem er sich mein Boardinghaus, sowie
das Geschäft, in dem ich arbeitete, aufgeschrieben hatte, brachte er mich nach
einem Wagen, bezahlte den Kutscher und schied von mir.
    Am zweiten Nachmittag darauf wurde ich aus der Arbeitsstube gerufen, da mich
ein Gentleman zu sprechen wünsche. Es war der alte Herr vom Ball, der mich
aufforderte, einen Spaziergang mit ihm zu machen, da er durchaus ungestört mit
mir sprechen müsse. »Sagen Sie nur der Mistress, dass ich ein Onkel von Ihnen sei
- wenigstens,« setzte er hinzu, »will ich versuchen, ob ich den Namen von Ihnen
verdienen kann.« Ich glaube, es war kein anderes Gefühl, als das der Neugierde,
was mich bewog, dem Ansinnen zu willfahren - der Mann mit seiner Teilnahme für
mich, hatte mich schon während der vergangenen beiden Tage beschäftigt - es war
heller Sonnenschein und von einer Gefahr für mich konnte nicht gut die Rede
sein. Ich ging mit ihm und er führte mich nach einem stillen Platze in einer
Broadway-Conditorei. Dort erzählte er mir, dass er einen grossen Teil des Sommers
in New-York zubringe, dass er aber das Hotel-Leben satt habe und sich nach einer
Häuslichkeit mit ihren Bequemlichkeiten sehne; seine einzige Tochter, wenn sie
mit ihm nach dem Osten komme, verbringe die Zeit mit einer fashionablen Familie
in Saratoga und nehme keine Rücksicht auf ihn. Er habe sich schon vielfach
umsonst nach einer Person umgesehen, die er zu Dank verpflichten könne, und die
ihm dafür eine freundliche Heimat schaffe; er sei längst über die
Jugendtorheiten hinaus und verlange nichts als Pflege und Erheiterung, was er
aber von mir gesehen und in den letzten Tagen erfahren, gebe ihm neue Hoffnung
und er frage jetzt bei mir an, ob ich die Stelle einer Nichte bei ihm annehmen
und seinem Hause in New-York vorstehen wolle, so lange er hier sei - ich solle
in allen Stücken frei sein und wenn mich etwas an ihn fesseln solle, so dürfe
das nur meine eigene Dankbarkeit sein - über meine fernere Zukunft, wenn er im
Späterbst wieder nach dem Süden gehe, würden wir dann reden. »Ich glaube
nicht,« fuhr sie mit einem kurzen Blick auf Helmstedts Gesicht fort, »dass mich
Jemand, der die Lage einer Arbeiterin in New-York kennt, verdammen wird, dass ich
das Anerbieten, wenn auch anfänglich unter manchen Vorsichtsmassregeln annahm;
aber diese erwiesen sich bald als vollkommen unnötig«. Mr. Morton verlangte nur
eine heitere Gesellschafterin, die ihm seine Bedürfnisse ablauschte und diesen
zuvorkam, mit ihm ausfuhr und ihm die Abende, wenn er zu Hause blieb,
verschwatzte - und dafür überschüttete er mich mit mehr, als mein Herz wünschte.
Ob ich aber bei alledem glücklicher als zuvor war, ist eine andere Frage. Mr.
Morton sah zu Hause wenige oder gar keine Gesellschaft, ich selbst hatte keine
einzige Bekannte, an die ich mich hätte anschliessen können und so lebte ich,
tross alles Reichtums, der mich umgab, in einer Einöde. Einsame Spaziergänge in
der Stadt und die Sorge für Mr. Mortons Wünsche, gaben alle Abwechselungen, die
ich hatte, und meine einzige Genugtuung war, dass der alte Mann bald an mir
hing, wie nur an seiner leibeigenen Tochter. - Es war Anfang September, als er
zum ersten Male seine Reise nach dem Süden und die Verhältnisse in seiner
dortigen Familie erwähnte. Seine Tochter war einer rätselhaften Melancholie
anheim gefallen, er schrieb es der Einsamkeit des Landes zu, und sprach seine
Befürchtungen über das unangenehme Leben aus, das ihn dort erwarte, wenn ich
nicht mehr um ihn sei - er fragte mich, ob ich mich nicht für immer an ihn und
seine Familie ketten und mir eine gesicherte Zukunft gründen wolle - ob ich es
nicht über mich gewinnen könne, seine Frau zu werden, da dies der einzige Weg
sei, um mir eine Stellung zu geben, die nicht missgedeutet werden könnte. - Ich
will nichts von den widerstreitenden Gefühlen sagen, in die mich der Vorschlag
stürzte, nichts von den späteren nächtlichen Kämpfen; es hiess, die ganze rosige
Hoffnung der Jugend aufgeben, aber dagegen eine Stellung gewinnen, auf die ich
selbst im Traume nicht gehofft hatte. Ich hatte mir vierzehn Tage Zeit
ausbedungen, um mit mir selbst zu Rate zu gehen. »Und während dieser vierzehn
Tage,« fuhr sie langsam fort, »traf ich Sie, August. Ich gestehe es Ihnen frei,
es war mehr als die Kindererinnerungen, was mich zu Ihnen zog, Sie standen,
abgetrennt von Ihrer Familie, ohne Halt hier im Lande - Sie standen mir jetzt
gleich und ich meinte, der Himmel gebe mir ein Zeichen, dass er das Opfer meiner
Jugend nicht verlange. Ich wusste, dass es Mr. Morton weniger um mich selbst, als
um die Annehmlichkeiten, mit denen ich ihn umgab, zu tun war, dass er eben so
gern noch eine zweite Person in seine Familie aufgenommen und Alles für sie
getan hätte, wenn er dadurch nichts eingebüsst und ich dadurch glücklicher
geworden wäre. Ich meinte, ich habe ein Recht in Ihr Schicksal einzugreifen, und
jede Zurückhaltung bei Seite zu werfen - ich gab mich Ihnen mit meinem offenen
vollen Herzen - und Sie, August, Sie stiessen mich zurück - argwöhnisch - stolz -
beleidigend. Es ist wirklich etwas Schönes um den Stolz,« fuhr sie nach einem
tiefen Atemzuge fort, »ich wäre ohne ihn vielleicht die nächste Nacht
gestorben. Das Empfindlichste, was im Herzen einer Frau lebt, war in mir
verwundet worden, meine Ehre und meine Liebe, und ich konnte mich nur vor mir
selbst dadurch retten, dass Sie nicht mehr für mich existirten. Am andern Tage
gab ich Mr. Morton meine Einwilligung zu unserer Heirat.«
    Sie hielt inne und Helmstedt sah in die Höhe. »Vergeben Sie mir, Pauline,«
sagte er, ihr seine Hand hinstreckend.
    »Lassen Sie das,« unterbrach sie ihn, »das war Alles vorbei und vergessen,
als ich Ihr Unglück erfuhr. Ich musste jetzt durch unbedingte Offenheit Ihr
Vertrauen gewinnen und wenn das erreicht ist, ist Alles geschehen, was ich
wollte. Nun sagen Sie mir nur das eine: Kennen Sie Ihre Lage genau?«
    »Es ist dafür gesorgt, dass mir kein bitterer Tropfen entgeht!« erwiderte er,
auf das Zeitungsblatt zeigend.
    »Und werden Sie nicht das einzige Rettungsmittel ergreifen, was Ihnen übrig
bleibt, und angeben, wo Sie während der Zeit des Mordes gewesen sind?«
    »Nein!« erwiderte er, langsam den Kopf erhebend.
    Sie sah ihm, wie von dem Tone des kurzen Wortes betroffen, in die Augen.
»Sie misstrauen mir doch nicht wieder, August?« sagte sie, »ich verlange Ihre
Geheimnisse nicht zu wissen, ich musste aber bestätigt hören, was ich schon
wusste, dass Sie lieber irgend einem Unglück trotzen, ehe Sie Etwas verraten, wo
Sie das für Unrecht halten. Hören Sie mich aufmerksam an, August. Ich weiss, dass
alle Beweise, die der Coroner gegen Sie aufgefunden, dass alle Speculationen und
Folgerungen, die jetzt nun auch die arme Ellen beflecken, einfache Lügen sind -
ich weiss es, August, und doch ist meine Zunge noch mehr gebunden, als vielleicht
die Ihre. Und dabei musste ich heute von Männern des Gesetzes, die in unserm
Hause waren, auseinander setzen hören, dass Sie bei den vorliegenden Beweisen der
Verurteilung, wenigstens wegen Teilnahme an dem Morde, nicht entgehen können.«
    »Wir wollen es abwarten!« sagte Helmstedt, den Kopf in die Hand stützend.
    »Abwarten? Ihr sicheres Unglück? Ich weiss, dass es Ihnen nichts hilft,
August; hier heisst es handeln und - Lüge gegen Lügen setzen, wenn darin die
einzige Rettung ruht.«
    »Was meinen Sie?« fragte Helmstedt, sie mit grossen Augen ansehend.
    »Geben Sie einen Ort an, wo Sie gewesen sein können,« erwiderte sie, während
sich mit jedem Worte ihr Gesicht höher färbte, »sagen Sie - dass Sie die Zeit bei
mir zugebracht haben, mich aber durch die Angabe nicht hätten compromittiren
wollen - oder ich will es angeben und bestätigen Sie es nur. Es ist für mich
kein solches Opfer, wie Sie vielleicht meinen. - Für Sie aber, denken Sie daran,
August, die einzige Möglichkeit Ihrer Rettung.«
    Helmstedt sah in das erregte Gesicht der jungen Frau, ohne augenblicklich
eine Erwiderung finden zu können. Es war ihm wohl schon bei ihrem letzten Worte
klar gewesen, dass er nie einen Weg einschlagen konnte, wie sie ihn eben
angedeutet, selbst wenn dieser weniger gefährlich gewesen wäre, als es sich ihm
auf den ersten Blick zeigte - seine ganze Natur sträubte sich dagegen; das
gänzliche Vergessen ihrer selbst aber, das sich in ihrem Vorschlage
auszusprechen schien, zusammen mit dem Ausdrucke ihres Auges, in dem eine Sorge
und Hingebung zitterten, die er so wenig verdient hatte, griffen ihm mit Macht
zum Herzen. »Ich danke Ihnen, Pauline,« sagte er endlich, ihr seine Hand
reichend, »ich danke Ihnen aus vollster Seele - Sie kennen aber wohl selbst nicht
den ganzen Umfang von dem, was Sie mir vorschlagen?«
    »Ich kenne Alles, August, habe jede Folge überdacht, die daraus entspringen
kann,« erwiderte sie lebhaft; »ich wiederhole Ihnen aber nochmals, ich bringe
kein besonderes Opfer dabei - lassen Sie mich handeln und widersprechen Sie
meinen Angaben nicht, das ist Alles, was ich von Ihnen verlange.«
    Helmstedt drückte einen Augenblick die Hand vor die Augen. »Die Sache ist zu
ernst,« sagte er dann, »als dass ich nicht mit der vollsten Aufrichtigkeit,
selbst wenn sie mir und Ihnen wehe tun sollte, sprechen müsste. Sie sind
verheiratet und in sichern Verhältnissen für Ihr ganzes Leben, Pauline; was Sie
jetzt beabsichtigen, müsste, wenn es volle Wirkung haben und mein Schweigen
erklären sollte, Sie aus dem Kreise Ihrer jetzigen Familie stossen. Lassen Sie
mich ausreden,« rief er, als sie Miene machte, ihn zu unterbrechen. »Das Alles
wäre nichts, wenn Sie das Opfer einem Manne brächten, der die Verpflichtung, die
Sie ihm dadurch auferlegen, mit seinem Herzen vereinigen könnte, der es zu
seinem höchsten Ziele machte, Ihnen durch volle Hingebung das zu vergelten, was
Sie ihm aufgeopfert und Ihre Ehre vor der Welt durch eine legale Vereinigung
wieder herstellte; das - Pauline - das ist Alles aber bei mir nicht der Fall -
ich bin Ihnen ein Geständnis schuldig, das bisher noch nicht über meine Lippen
gekommen ist; ich bin mit Wort und Neigung anderwärts gebunden, und so wäre es
Niederträchtigkeit, selbst in der höchsten Not ein Opfer anzunehmen, das in
keiner Beziehung nach Verdienst wieder vergolten werden könnte.«
    »Sind Sie nun fertig, Sir?« erwiderte sie und in ihren leicht beweglichen
Zügen spielte ein Ausdruck, halb aus Spott, halb aus einer tieferen Empfindung
gemischt, »wer hat Ihnen denn gesagt, dass ich ein Opfer bringe oder von Ihnen
nur einen Gedanken verlange? Ich habe Ihnen meine ganze Seele offen dargelegt,
damit Sie mich für das erkennen sollten, was ich bin, eine Frau, die sich nichts
vorzuwerfen hat und der Sie vertrauen können; wäre nicht längst Alles vorbei und
abgetan, was einmal in mir lebte, ich hätte wohl schwerlich so ohne Rückhalt zu
Ihnen gesprochen und ich hielt Sie nicht für so klein, August, dass Sie sich
meinen jetzigen Schritt durchaus nicht ohne selbstsüchtige Absicht denken
könnten, dass Sie es für notwendig hielten, mir noch einmal auseinanderzusetzen,
wie ungeheuer gleichgiltig ich Ihnen sei - als ob Sie mir das nicht längst schon
deutlich genug gezeigt hätten!«
    Helmstedt war von seinem Stuhle aufgesprungen und schritt einigemal die
Stube auf und ab. »Ich habe Sie nicht beleidigen wollen, Pauline,« sagte er dann
vor ihr stehen bleibend, »aber jedes Opfer trägt einen Grund und eine
Berechtigung seiner selbst in sich. Den Fall gesetzt, dass Ihr Vorschlag
ausführbar wäre, so würden Sie im geringsten Falle Ihren guten Ruf dabei
verlieren - weshalb wollen Sie denn also das Opfer bringen, wenn ich selbst
keinen Teil an Ihrem Beweggrunde habe? Sie werden einsehen, dass mein Irrtum
ein ganz natürlicher war, und meine Einwendung eine ehrliche, gebotene.«
    »Mein Opfer, wenn Sie es so nennen wollen, hat einen Grund und eine
Berechtigung,« erwiderte sie, während die Farbe aus ihrem Gesichte wich, »ich
habe Ihnen aber gesagt, August, dass meine Zunge mehr gebunden ist, als die Ihre
es sein kann und Sie werden deshalb nicht weiter forschen. Nehmen Sie doch die
Sache, wie sie ist, als den einzig möglichen Weg, um eine ungeheure
Ungerechtigkeit des Gerichts zu verhüten, wenn Sie selbst sich nicht
rechtfertigen dürfen und kümmern Sie sich nicht um meinen Grund - eine Lüge kann
oft zur notwendigen und erhabenen Handlung werden und es wäre Selbstmord
Ihrerseits, wenn Sie nicht nach der Hand, die sich Ihnen zur Rettung bietet,
greifen wollten.«
    Helmstedt mass wieder die Stube. »Es geht nicht!« sagte er nach einer Weile.
»Ich will einmal gar nicht von meinem eigenen Widerwillen reden - aber wollen
Sie, Pauline, willent- und wissentlich einen falschen Eid schwören, ohne den Sie
gar nicht zur Zeugenschaft zugelassen werden?«
    »Es bedarf dessen nicht!« erwiderte sie eifrig - »und hätten Sie mir Zeit
gelassen, so würde ich Ihnen auch schon den Weg, der eingeschlagen werden soll,
mitgeteilt haben. Es gibt Mittel und Wege, den Richer und die Jury von Ihrem
Aufentalte bei mir zu unterrichten und dadurch ihr Urteil zu leiten, ohne dass
es auf der Zeugenbank laut wird - Mr. Morton steht mit allen den
Gerichtspersonen auf vertrautem Fusse und hat Einfluss auf einen grossen Teil der
Familien im County. Jeder, dem die Sache mitgeteilt werden muss, wird einsehen,
dass sie, ohne unserer Familie einen schweren Schlag zuzufügen, nicht vor die
Oeffentlichkeit gebracht werden kann - sie wird demohngeachtet öffentlich
werden, aber es wird nur dazu dienen, Ihre unbedingte Freisprechung
herbeizuführen und mir jedes eigene Zeugnis ersparen. Und nun, August,« fuhr sie
auf ihn zutretend fort, »sträuben Sie sich nicht länger, wo es sich allein darum
handelt, Sie aus einer Lage zu reissen, in der Sie zu Grunde gehen können.«
    Helmstedt hatte bei ihren letzten Worten gespannt aufgehorcht. »Mr. Morton
weiss also um Ihren Plan?« fragte er.
    »Ich würde nichts unternommen haben ohne seine bestimmte Einwilligung!«
antwortete sie ernst.
    Er schüttelte langsam den Kopf. »Ich will nicht weiter fragen und forschen,«
sagte er nach einer kurzen Pause, »mag der Grund Ihres Vorschlages liegen, worin
er will, ich danke Ihnen von Herzen dafür; aber,« fuhr er fort, ihre beiden
Hände in die seinen nehmend, »ich kann ihn nicht annehmen, Pauline. Hören Sie
mich an. Es ist nicht Stolz oder übertriebener Rechtlichkeitsinn von mir, die
vielleicht beide gerade hier am unrechtesten Orte wären; es ist ein anderes
Gefühl, über das ich nicht hinaus kann. Ich habe Ihnen gesagt, dass meine
Herzensneigung anderwärts gebunden ist, und diese ist mir ein Heiligtum, ist
mir das Höchste auf der Welt, das ich durch ein Zugeständnis, wie Sie es
verlangen, durch eine offen ausgesprochene Untreue entweihen und bestecken
müsste. Fragen Sie sich selbst, was Sie von einem Manne denken würden, der sich
lieber feig Ihrer unwürdig erklären, als einer Gefahr trotzen möchte. Ich kann
und mag es nicht, Pauline. Liegt Ihnen nur daran, dass ich frei werde, so sollen
Sie das hoffentlich bald erleben: ich habe erst heute gemerkt, dass ich zuviel
auf glückliche Umstände gebaut habe und in meiner eigenen Sache zu lässig
gewesen bin; ich werde Schritte tun, wenn auch unangenehme, durch welche mir
auf gradem Wege meine Rechtfertigung nicht entgehen soll.«
    Pauline hatte, während er redete, leise ihre beiden Hände zurückgezogen und
stand jetzt, bleich wie die Wand der Zelle, vor ihm. »Ich habe kein Wort mehr zu
sagen,« sprach sie mit gedrückter Stimme, »mag der Weg, den Sie einschlagen
wollen, zu Ihrem Heile führen. Lassen Sie mich aber das Eine wissen, wenn ich es
wissen darf, ist es Ellen, von der Sie reden?«
    »Ich bin Ihnen Wahrheit schuldig, Pauline, Sie haben den rechten Namen
genannt, aber werfen Sie das Verhältnis nicht unter die alltäglichen. Die erste
halbe Stunde, die mich mit ihr ohne das Wissen ihrer Eltern zusammenführte, war
auch unsere einzige und letzte - und je mehr unser kaum geborenes Verhältnis
gebrandmarkt und in den Schmutz gezogen werden soll, um so heiliger wird es für
mich, je mehr möcht' ich es vor dem kleinsten wirklichen Flecken bewahren. Ich
habe keine Nachricht von ihr seit der unglücklichen Nacht, in welcher der Mord
geschah; sie ist weggegangen, ohne mir das kleinste Zeichen zukommen zu lassen
und ich musste ihre Abreise erst heute aus der Zeitung erfahren; aber mir ist es,
als hätte durch den kurzen Kampf mit meiner Sorge der Glaube an sie nur um so
festere Wurzel in mir geschlagen. - Da haben Sie, was in mir lebt - Alles was
ich nur einem Menschen gestehen kann.«
    »Ich danke Ihnen,« erwiderte sie, mit einem stillen Blicke zu ihm aufsehend,
»mag denn Alles, was ich gesprochen habe, ungesagt sein, da Sie es nicht anders
wollen. Brauchen Sie aber Hilfe irgend einer Art, so denken Sie daran, wo Ihre
Freunde wohnen - das ist jetzt noch das Einzige, was ich Ihnen bieten kann.« Sie
verhüllte ihren Kopf wieder in die Kapuze, pochte an die Tür und reichte ihm,
als die Tritte des Schliessers hörbar wurden, mit einem »Adieu, August!« die
Hand. Helmstedt sah in ihr Gesicht, das in der schwarzen Umhüllung noch bleicher
erschien, und hielt ihre Hand einen Augenblick fest. »Können Sie meine Gründe
verstehen, Pauline, oder gehen Sie böse von mir weg?«
    Sie schüttelte trübe den Kopf. »Ich habe nur Sorge um Ihr nächstes
Schicksal, das Sie selbst viel zu leicht nehmen, weil Sie das Land und die Leute
nicht kennen. Wenn nicht ein plötzliches Ungefähr kommt, das Sie herausreisst,
ohne dass Sie Zeit haben mit ihren Bedenklichkeiten dagegen zu remonstriren, so
sehe ich bei dem Stande der Dinge nur den trübsten Ausgang. Die glückliche
Dazwischenkunft irgend eines Umstandes ist noch meine einzige Hoffnung für Sie,«
fuhr sie fort und über ihr Gesicht zog es wie ein Sonnenblick eines bestimmten
Gedankens - »Alles das wäre aber nicht notwendig gewesen - adieu, und lassen
Sie uns ein Wort wissen, wenn Ihnen etwas fehlt.« Sie war zur Tür hinaus.
    Helmstedt horchte noch eine Weile auf das verschwindende Geräusch der Tritte
und begann dann sinnend die Stube auf und ab zu gehen. Er wusste, dass er
gehandelt wie er musste, wenn er nicht mit sich selbst und mit Allem, was er für
Recht hielt, in Zwiespalt geraten sollte, und doch konnte er einer Unruhe, die
mit einem Male über ihn kam, nicht Herr werden. Es war die einzige Freundin in
dem fremden Lande, die mit ihrer Hilfe zurückgewiesen jetzt von ihm gegangen -
er stand allein. Ihre sonderbare Bereitwilligkeit ihm das schwerste Opfer zu
bringen, das eine Frau vermag, stand noch wie ein Rätsel vor seiner Seele, seit
er den Gedanken hatte aufgeben müssen, dass eine Leidenschaft für ihn sie dazu
getrieben, seit ihr eigener Mann dabei im Spiele war; er mochte aber nicht
unnütz weiter darüber grübeln, es war vorbei und abgetan, seine eigene Kraft
war Alles, worauf er sich noch verlassen konnte, und er wollte sie jetzt
brauchen. - Auf seinem Tische befanden sich Papier und Schreibzeug, die er sich
schon zu Anfang seiner Gefangenschaft hatte besorgen lassen und von einer Idee
getrieben, die er schon während des eben gehabten Gespräches gefasst, zog er
einen Stuhl heran, und ergriff die Feder. Er wollte Elliot eine vollständige
Darstellung der Sachlage geben, wollte ihm sich selbst, sein Verhältnis zu Ellen
und die daraus entstandenen Verwicklungen offen zeigen und ihm dann überlassen,
die nötigen Schritte zur Aufklärung zu tun. Seit Ellen vor die Oeffentlichkeit
gezogen und sogar mit dem Morde in Verbindung gebracht war, musste dem Manne
selbst eine Erklärung wie sie Helmstedt ihm geben konnte, willkommen sein. Der
Gefangene schrieb rasch und lange, die Gedanken wie die Ausdrücke der fremden
Sprache schienen ihm leicht und frei zuzufliessen, und erst als er mit seiner
Namensunterschrift geendet, machte er mit einem langen Atemzuge eine Pause. Er
überlas nochmals aufmerksam das Geschriebene, faltete es nachher zusammen,
setzte die Adresse darauf und klopfte sodann den Schliesser.
    »Sie sind wohl so freundlich,« sagte er bei dessen Eintritt, »mir den Brief
bald und sicher nach Oaklea besorgen zu lassen?«
    »G.M. Elliot, Esquire,« las der Gefängnisswärter und liess die Banknote, die
ihm Helmstedt mit dem Briefe übergeben in seiner hohlen Hand verschwinden,
»well, Sir,« fuhr er sich hinter dem Ohre kratzend fort, die Besorgung werde ich
wohl kaum übernehmen können.
    »Warum nicht?« fragte Helmstedt, dem die Farbe aus dem Gesicht ging, »'s ist
nichts darin, was nicht Jedermann lesen könnte.«
    »Ich meine auch nicht deshalb,« erwiderte der Schliesser. »Mr. Elliot ist
aber, schon seit die Coroners-Untersuchung zu Ende ist, nicht mehr hier, und
seine eigenen Leute wissen nicht, wohin er gereist ist, wahrscheinlich seiner
Frau und Tochter nach. Er hat einen Agenten auf seine Farm gesetzt, der auch
nichts von seinem Wohin wissen will, und es ist der allgemeine Glaube, dass er,
um allem Aerger und Spectakel aus dem Wege zu gehen, gar nicht wiederkommen und
sein Grundeigentum hier verkaufen lassen wird.«
    Helmstedt sah den Mann einen Augenblick wie zu Stein geworden an, dann nahm
er ihm den Brief langsam wieder aus der Hand. Die Sache war zu einfach und
natürlich, als dass er nur eine Frage hätte tun mögen. »Ich danke Ihnen!« sagte
er und ging nach dem Fenster; als er aber die Tür wieder zuklappen hörte, fiel
er in den neben ihm stehenden Stuhl. Die Ueberzeugung war plötzlich wie ein
Gespenst vor ihn getreten, dass ihm jetzt fast jede Möglichkeit zu einer
Rechtfertigung abgeschnitten war, und daneben kroch der Gedanke durch sein
Gehirn, wie doch als Sühnopfer der begangenen Tat sich Niemand besser eigene,
als er, der verlassene und unbekannte Fremde.
 
                                Eilftes Kapitel.
                       »Spät kommst du, doch du kommst.«
Der Termin der Gerichtseröffnung war herangekommen, die neue Jury war gebildet
und in das Städtchen schien sich die ganze Bevölkerung des Countys ergossen zu
haben, um Zeuge der Verhandlungen des Mordprozesses zu sein. Schon von früh an
belagerten bunte Haufen das Courtaus, um das Oeffnen der Türen zu erwarten und
allerwärts cursirten die seltsamsten Geschichten über den Ausgang der
Untersuchung. Bald waren so reiche und vornehme Familien in die Tat verwickelt,
dass an eine Veröffentlichung des eigentlichen Verlaufs des Verbrechens gar nicht
zu denken war - bald war der Staatsanwalt und die Jury bestochen, dass schon die
Nichteinigung der Jury im Voraus ausgemacht sei, um den Prozess weiter
hinauszuschieben, bis der Unwille des Volkes verraucht und der Täter ohne
Gefahr freigelassen werden könne. - Ein Mord war etwas seltenes in den
friedlichen Tälern, aber es war nicht nur die Besorgnis, einen Teil der
Befriedigung ihrer Neugierde zu verlieren, was sich unter den Massen aussprach;
es war ein vollkommen ausgebildetes Misstrauen gegen die Ehrlichkeit und
Unbestechlichkeit der Gerichtsbeamten, und der denkende Beobachter, der zwischen
den Menschen hindurchging, konnte leicht zu der Wahrheit gelangen, das
ausbrechende »Mobs« und »Lynchgerichte« weniger in der Zügellosigkeit der
Massen, als in der tief eingefressenen Ueberzeugung von der Corruption aller
öffentlichen Beamten liegen.
    Helmstedt war, zur Vorbeugung jeder Strassenunruhe, schon bei Tagesgrauen in
ein Zimmer des Courtauses gebracht worden. Morton hatte ihm, kurz nachdem er
die Vorschläge von dessen junger Frau abgewiesen, einen der bekanntesten
Advocaten der Gegend als Verteidiger zugesandt, aber der Gefangene hatte sich
auch gegen diesen in keine Erklärung über seinen Aufentalt zur Zeit des Mordes
einlassen wollen. »Können Sie einen haltbaren Verteidigungsgrund aus einer
Angabe formen, für die nicht der geringste Beweis da ist?« hatte er ihm gesagt,
»oder meinen Sie, ein Alibi glaubhaft machen zu können, wo eben nur Gott der
Zeuge meines Aufentaltes war? Kundschaften Sie den Aufentalt Elliots und
seiner Familie aus, dass ich ihnen schreiben kann; dort liegt meine einzige
Hoffnung, ohne die Alles, was ich auch sagen könnte, vergebens ist.« Seit der
Zeit hatte sein Verteidiger den Punkt nicht wieder berührt, aber auch eben so
wenig Etwas von einem Erfolge seiner Forschung nach Elliot erwähnt. Die
Grandjury hatte kurze Zeit darauf eine Anklage gegen den Verhafteten »wegen
Teilnahme an dem Morde Henry Bakers« eingereicht, und jetzt sass er, die sich um
das Courtaus anhäufenden Menschen betrachtend, und erwartete die Stunde seiner
Vorführung.
    Es mochte acht Uhr sein, als sein Advocat zu ihm ins Zimmer trat.
»Verteufelt kalt!« sagte er, sich in die Hände reibend, »haben Sie nicht bei
diesem Wetter bisweilen in Ihrem Loche frieren müssen? Wir sind hier gar nicht
auf ein so strenges Winterregiment eingerichtet und unser Gefängnis am
allerwenigsten. - Ich denke, wir werden bald vorkommen,« fuhr er fort, sich mit
dem Rücken ans Feuer stellend, als sich Helmstedt mit Gewalt aus seinen Gedanken
aufriss, aber nicht gleich antwortete, »nur den Mut nicht verloren, junger
Freund«. Haben wir auch keine Entlastungszeugen vorzuführen, so fehlen der
Anklage doch ebenfalls die Hauptzeugen zu ihrer Unterstützung. Elliot ist nicht
da, wenn er nicht mitten in der Nacht angelangt ist. Alle kleineren Zeugnisse
der schwarzen Gesichter werden als unstattaft zurückgewiesen, es bleiben also
nur die bei der Todtenschau ermittelten Tatsachen stehen, und es kommt einzig
darauf an, wie diese aufgestutzt und entkräftet werden. Jedenfalls wird es eine
der interessantesten Verhandlungen geben. Unser Staatsanwalt ist ein geriebener
Patron und es ist möglich, dass er einen Ehrenpunkt daraus macht, trotz der
mangelnden Grundlage die Anklage aufrecht zu erhalten; lassen Sie sich aber
dadurch nicht einschüchtern und zeigen Sie der Jury eine offene Stirne - der
Eindruck, den der Angeklagte macht, ist in Fällen, wie der Ihrige oft Alles.
    Helmstedt fühlte sich zu aufgeregt, als dass er auf die kalte geschäftliche
Weise, seine Aussichten zu besprechen, hätte eingehen mögen und er war froh, als
der Beamte eintrat, um ihn vor den Gerichtshof zu führen. Der hohe, geräumige
Saal war überfüllt von Menschen, und ein geräuschvolles Murmeln zog durch die
Menge, als er, bleich von innerer Spannung und ausgestandener Haft, aber mit
frei gehobenem Kopfe und sorgfältiger Toilette nach dem ihm angewiesenen Platze
schritt. Kaum hatte er sich gesetzt und sein Verteidiger den Platz vor ihm
eingenommen, als auch der Richter Ruhe gebot und der Staatsanwalt seine Anklage
eröffnete. Es war keine Advocatenrede, voll logischer Schlüsse und
Gesetzesstellen, die er begann, es war ein rhetorisches Meisterstück, voll Leben
und Wärme; der Ankläger wurde zum Dichter, zum Maler, zum Geschichtsschreiber.
Er schilderte die Zustände im Staate, die allgemeine Sicherheit, wie sie im
offenen Walde und auf dem freien Felde geherrscht habe, wie selten es der
Landbewohner für nötig gehalten, Nachts die Tür seines Hauses zu verschliessen,
wie das allgemeine Vertrauen der sicherste Schutz und der Segen für den Staat
geworden. Er gab eine statistische Uebersicht der Verbrechen und wies nach, wie
in einer Reihe von Jahren kein Kapital-Verbrechen geschehen, das nicht offen vor
dem Auge von Zeugen vollbracht und aus augenblicklicher Leidenschaft entsprungen
gewesen, die selbst in ihrer Offenheit noch etwas Edles an sich getragen habe.
Er schrieb diese Zustände dem glücklichen Charakter der eingeborenen Bevölkerung
zu, er wünschte sich und seinen Mitbürgern Glück, Bewohner von Alabama zu sein.
Jetzt, nach langer Zeit zum ersten Male, waren die Bürger in ihrer Sicherheit
durch eine grässliche Tat aufgerüttelt worden, ein Mord war geschehen in dunkler
Nacht auf freiem Felde - ein Mord, der nichts mit dem Ueberwallen der offenen
Leidenschaft zu tun gehabt, der nach seiner Seite hin den Stempel des
heimlichen Ueberfalles, des feigen Meuchelmordes an sich trug, ein Mord, der, so
lange nicht der Täter entdeckt, wie ein Gespenst durch das Land schleichen, den
Farmer aus seinem ruhigen Schlummer aufjagen, den einsamen Wanderer erschrecken,
Vertrauen und Glück verscheuchen müsse. Selten sei es so notwendig gewesen, mit
so unerbittlicher Strenge gegen den Täter, wo er sich auch finde,
einzuschreiten, als gerade in dem jetzigen Falle. Wie es aber auch natürlich
sei, lege sich kein Verdach der Tat auf einen Bürger Alabama's; ein Fremder sei
es, der die Gastfreundschaft ihres Landes mit Verbrechen vergolten, ein Fremder,
gegen den er die Anklage erhebe, und wenn er die Jury bitte, ohne Schonung und
Mitleid ihr Schuldig auszusprechen, so geschehe es nur, um ein Exempel zu
statuiren, das Andern die Lust vertreibe, Alabama zum Tummelplätze ihrer
Untaten zu machen.
    Dann begann er auf Helmstedt selbst überzugehen lind es schien ihm kaum ein
Moment von dessen Leben in Amerika unbekannt zu sein. Er schilderte ihn, wie er
hergekommen, ohne Mittel und Empfehlungen als die eines jüdischen Pedlars, der
selbst eine unklare Person und seit Beginn des Prozesses verschwunden sei - wie
er vertrauensvoll in eine der besten Familien aufgenommen worden und das
Vertrauen nur benutzt habe, um in unendlich kurzer Zeit die Tochter des Hauses
aller Sitte und ihrer kindlichen Pflichten abtrünnig zu machen, wie seinen
Speculationen nur der von den Eltern erkorene Schwiegersohn im Wege gestanden
und er kein anderes Mittel gewusst, um seine Zwecke zu erreichen, als ihn aus dem
Wege zu räumen. Jetzt begann er mit schlagender Logik alle gegen Helmstedt
sprechenden Tatsachen, sowie seine nächtliche Abwesenheit an einander zu reihen
und versprach für jede die nötigen Zeugen vorzuführen. »Aber,« schloss er, »das
liefert noch nicht den Beweis, dass er den Todesstreich geführt - nein! und ich
habe auch jetzt kein Recht, irgend eine Anklage dahin zu erheben - wenn aber die
Tatsachen, wie sie vor uns liegen, nicht genügend sind, um den ganzen
moralischen Teil es Verbrechens auf ihn zu legen und wenigstens die tätliche
Beihilfe zu begründen, so mag nur Alabama die Zeit seines Friedens als gewesen
betrachten, so mag nur Niemand bei Dunkelwerden ohne Waffe aus dem Hause gehen
und der Landbewohner seine Türen mit Sicherheitsschlössern versehen - denn
Alabama wird bald das gelobte Land alles liederlichen und verbrecherischen
Gesindels anderer Staaten werden!«
    Eine Todtenstille herrschte im Saale als der Staatsanwalt schwieg, und das
siegesgewisse Auge, mit welchem er Richter, Jury und Publikum überschaute,
zeigte, dass er sich des ganzen Eindrucks bewusst war, den seine Rede
hervorgebracht. Nur Helmstedt, auf den sich jetzt die Blicke von allen Seiten
richteten, schien wenig die Beredtsamkeit der Anklage zu würdigen und sass, das
Auge fest auf den Staatsanwalt gerichtet, in voller Ruhe da; selbst die
auffallende Blässe seines Gesichts hatte sich verloren und einer lebhafteren
Farbe Platz gemacht. Eine augenscheinliche Erschütterung machte sich indessen
bei ihm geltend, als jetzt zwischen einer Gruppe von Advocaten, welche eine Ecke
innerhalb des für das Gericht bestimmten Raumes eingenommen hatten, Elliot
hervortrat, um als erster Zeuge für die Anklage zu dienen, ohne nur einen Blick
nach dem Angeklagten zu wenden. Und als hätte Helmstedts Verteidiger dessen
Gedanken erraten, wandte er sich nach ihm um: »'s ist wie gesagt, ein
geriebener Patron, der Staatsanwalt, ich ahnte schon heute Morgen eine
Ueberraschung!« sagte er. »Aber er soll uns nicht verblüffen und wenn er seine
Zeugen vom Nordpol holte. Nur Mut und ein freies Gesicht, denken Sie daran,
unsere Zeit zu reden wird auch kommen!«
    Was sich aber in Helmstedts Innern regte, war nichts was eine Ermutigung
dieser Art bedurfte. Er hätte ein Stück von seinem Leben hingeben wollen, wenn
er vor den Verhandlungen Elliot hätte sprechen, ihm den Sachverhalt darlegen und
zu seinem Herzen, das er zu kennen glaubte, hätte reden können. Es war ihm, als
hätte sich jede Verwickelung ganz von selbst lösen müssen, wenn er nur gegen ihn
sein eigenes Herz frei gemacht - und nun stand Elliot da zur Unterstützung der
Anklage, und jedes Wort, das Helmstedt zu seiner Rechtfertigung hätte sagen
können, musste nur zur Verstärkung dessen dienen, was die Meinung des Volkes über
sein Verhältnis mit Ellen zusammengereimt und ein neuer Schlag auf des Vaters
Haupt sein, dessen gedrücktes Auftreten schon jetzt deutlich aussprach, welche
Last auf ihm ruhte.
    Elliots abgegebenes Zeugnis bestätigte Helmstedts Abwesenheit aus dem Hause
zur Zeit des Mordes und dessen eigenes Zugeständnis derselben, gab auch an, wie
der Angeklagte schon am Tage nach seiner Ankunft in Alabama bei einer zufälligen
Begegnung auf einem Spazierritte mit seiner Tochter dem Ermordeten ohne
besonderen Grund entgegengetreten, und erwähnte dabei, dass das Mädchen schon am
nächsten Morgen mit ihrer Mutter eine Besuchsreise angetreten habe und bis zum
Tage vor Neujahr abwesend gewesen sei, was irgend ein Verständnis ihrerseits mit
dem Angeklagten zu einer Unmöglichkeit mache. Und wenn aus dem aufgefundenen
Briefe seiner Tochter Etwas gefolgert werden solle, so könne dies nur der Trotz
eines verzogenen Kindes sein, das zum ersten Male auf einen ernsten Willen bei
seinen Eltern treffe und sich, durch das einschmeichelnde Wesen des neuen
Hausgenossen verführt, zu einem unbedachten Schritte habe hinreissen lassen.
    Helmstedt senkte den Kopf, über das Gesicht seines Advocaten aber zog ein
sarkastisches Lächeln. »Wirklich fein!« flüsterte er dem jungen Manne zu, »was
er da sagt, könnte als Entlastungszeugniss für uns gelten, wenn nicht Jeder
wüsste, dass nur das väterliche Gefühl aus ihm spricht, und so muss nach den
Verhältnissen, die er darstellt, die Jury noch einen grössern Begriff von Ihrer
Durchtriebenheit bekommen. Wir kennen aber die Taktik!« Helmstedt schien nichts
zu hören, er hatte das Auge wieder gehoben und hielt es starr auf den Zeugen
gerichtet, als verfolge er einen Gedanken, der eben in ihm lebendig geworden. -
Die weiteren Aussagen stellten die durch die Todtenschau schon bekannten
Tatsachen fest; eins aber habe er noch hinzuzufügen, bemerkte Elliot am
Schlusse, da ihm kein Punkt zu unwichtig erscheine, um der Wahrheit auf die Spur
zu kommen, das sei die Erzählung seines Schwarzen Dick, den er mit Helmstedt bei
der aufgefundenen Leiche als Wache zurückgelassen habe, von dem sonderbaren
damaligen Benehmen des Angeklagten. Der Leichnam mit seinen offenen gläsernen
Augen und verzerrten Zügen habe auf jeden Menschen einen grausigen Eindruck
hervorbringen müssen, so dass sich auch der Schwarze so weit davon weg gemacht
habe, als es mit seiner Pflicht verträglich gewesen; Helmstedt aber habe sich
neben den Todten gestellt und ihm unverwandt in das Gesicht geblickt, gerade wie
Einer, der sich ein fertig gebrachtes Werk noch einmal aufmerksam betrachtet, so
dass es der Schwarze nicht mehr habe mit ansehen können und dem Angeklagten
zugerufen habe - -
    »Damn! das geht zu weit!« rief jetzt Helmstedts Advocat mit kaum halb
unterdrückter Stimme und erhob sich.
    »Möge mir der Gerichtshof ein Wort erlauben, ich muss gegen jedes Zeugnis,
was sich auf die Angabe von Negern gründet oder durch diese selbst beigebracht
wird, als vollkommen unstattaft protestiren -« er wurde aber von Helmstedts
Hand durch einen Griff an seinem Arme unterbrochen. Er wandte sich um und ein
kurzes leises Gespräch entstand zwischen Beiden, in welchem der Angeklagte
eifrig auf seinem Willen zu bestehen schien. Mit einem Achselzucken wandte sich
endlich der Advocat wieder dem Richter zu. »Es kann wohl in keinem Falle mehr die
Weisheit des Gesetzes hervortreten, Neger nicht als giltige Zeugen zuzulassen,
als in dem vorliegenden,« sagte er; »ein unwissender, abergläubischer Schwarzer,
der sich vor dem Opfer eines Mordes entsetzt, sieht einen vorurteilsfreien,
gebildeten Mann die Züge des Todten betrachten, vielleicht mit einem
wissenschaftlichen Interesse, von dem Jener nie auch nur eine Ahnung haben kann;
in seinem Geiste entstehen sofort unheimliche Vermutungen, nach denen sich
färbt, was er sieht, und er ist bereit, als Zeuge die abenteuerlichsten Gebilde
seiner eigenen Phantasie als Tatsachen anzugeben und zu beschwören. Trotz
alledem glaubt mein Client seiner guten Sache und der Entdeckung der Wahrheit zu
schaden, wenn er sich auch nur einem einzigen Zeugnisse zu entziehen sucht und
er wünscht deshalb, im Gegensatze zu meinem vorigen Proteste, der Anklage volle
Freiheit zu geben und jeden Zeugen, den der Gerichtshof selbst als zulässig
erachtet, vorzuführen.« Der Advocat setzte sich, ein leises Murmeln lief durch
die Reihe der Zuschauer, der Staatsanwalt aber sandte dem Verteidiger einen
heimlichen Blick voll schalkhafter Drohung zu, als handele es sich nur um einen
gelungenen Streich, den dieser eben gegen ihn ausgeführt. »Ich halte es für
meine Pflicht, von der zugestandenen Erlaubnis Gebrauch zu machen,« sagte er
sodann, einen tiefen Ernst wieder vor das Gesicht nehmend, »da in der
Dunkelheit, welche das Verbrechen umgibt, jedes Zeugnis über einzelne Umstände,
und sollte es das eines Kindes sein, doppelten Wert gewinnt und wir werden
sehen, ob die Verteidigung den weitern Aussagen mit derselben Zuversicht
entgegentritt, wie sie sich jetzt den Anschein zu geben versucht.« Er winkte
einem der diensttuenden Beamten, welcher den Saal verliess, aber nach wenigen
Minuten mit Cäsar zurückkehrte. Er war der Zeuge, welcher bei einem Gange nach
Oaklea von weitem gesehen, wie Helmstedt dem heranreitenden Baker den Weg
versperrt, in der Entfernung aber und in gleicher Linie mit den Reitern, die
sich einander deckten, hatte er von den Bewegungen Beider nur wahrnehmen können,
wie sich plötzlich Bakers Pferd gebäumt und davongesprengt sei, wie dieser es
wieder gezügelt, zurückgeritten und dann gegen Helmstedt die Faust erhoben habe.
Von einem Schlage, den Helmstedt geführt, hatte er nichts bemerkt, so sehr auch
der Verteidiger ihm das Gedächtnis über diesen Punkt zu schärfen versuchte, um
einen Hauptanschuldigungsgrund gegen Helmstedt, der sich auf den unweit des
Todten gefundenen Reitpeitschenknopf stützte, zu entkräften. Seine Bemühungen
schienen nur dazu zu dienen, Helmstedts Angabe, dass er bei diesem
Zusammentreffen den Knopf eingebüsst, als eine Ausflucht erscheinen zu lassen.
Als Cäsar zurücktrat, folgten drei andere Zeugen, reiche Plantagenbesitzer aus
der Umgegend, welche sich über den Charakter des Ermordeten, den Helmstedt nach
seinem eigenen Zugeständnisse habe aus der Gegend treiben wollen, weil er ein
Schwindler und Spieler sei, aussprachen, und bezeugten, dass sie mit Baker durch
die besten Familien im Osten bekannt geworden und ihn immer nur als tadellosen
Gentleman gekannt hätten. Zuletzt kamen die Beamten, welche Helmstedts Sachen
durchsucht und über diese wie über Ellens Brief berichteten, der vor dem
Staatsanwalt auf dem Tische lag und jetzt vorgelesen ward. - Das ganze Zeugnis
war so gelungen geordnet, dass ohne jedes verbindende Wort die Ueberzeugung von
Helmstedts Schuld und der Beweggrund, der die Tat erzeugt, sich wie ein
logischer Satz in der Seele eines Jeden bilden musste.
    Es war lange Mittag vorüber, als der letzte Zeuge für die Anklage
gesprochen, und der Richter hob die Sitzung für eine Stunde auf. Von der Masse
der Zuschauer schien indessen ein grosser Teil entschlossen, den Platz zu
behaupten; die meisten aus dem Lande Gekommenen hatten sich mit des Lebens
Notdurft versehen und kaum hatten Gerichtshof und Advocaten ihre Plätze
verlassen, als auch die gelöste Spannung sich in einem wirren Durcheinander von
Stimmen Luft machte. Der Angeklagte ward wieder nach dem früher von ihm
eingenommenen Zimmer geführt, an dessen Tür sich sein Verteidiger mit der
Ermahnung, sich das Mittagessen nicht durch unnötig trübe Gedanken verderben zu
lassen, von ihm verabschiedete. Helmstedt fand ein bedecktes Tischchen mit
kalten Fleischspeisen und einer Flasche Madeira seiner wartend; er ahnte, wem er
diese freundliche Sorge für ihn zu danken hatte, und ein wohltuendes Gefühl,
wenigstens nicht ganz verlassen dazustehen, kam über ihn. Er hatte seit
Tagesgrauen nichts zu sich genommen, fühlte aber dennoch seinen Magen wie
zugeschnürt und erst als er ein Glas Wein getrunken, schien sich das beklemmende
Gefühl zu lösen. - Gleich beim Beginne der Nachmittagssitzung sollte die
Verteidigung ihren Anfang nehmen - er musste essen, wenn er dann seine Kräfte
bei einander haben wollte; langsam in tiefem Sinnen schritt er das Zimmer auf
und ab, bald ein paar Bissen zu sich nehmend, bald einen Schluck Wein trinkend;
sein Gesicht begann nach und nach aufzuleben, Gedanke auf Gedanke schien sich in
ihm zu entwickeln, und als er endlich wi der nach dem Gerichtszimmer gerufen
wurde, nahm er seinen Platz so freien, glänzenden Blickes ein, als ginge er
irgend einem glücklichen Ereignis und nicht seiner wahrscheinlichen
Verurteilung entgegen.
    Der Richter gebot Ruhe, und der Verteidiger erhob sich. »Lassen Sie mich
selbst mit ein paar Worten beginnen, wenn das erlaubt ist!« flüsterte diesem
Helmstedt mit erregter Stimme zu, »ich denke, es soll der Sache nicht schaden
und Sie mögen dann mit Ihrer Gesetzeskenntniss nachbessern.«
    Der Advocat sah ihm einen Augenblick überrascht in die Augen. »'S ist Ihre
eigene Sache, Sir, das ist Alles, was ich sagen kann!« erwiderte er dann, »das
Wort kann Ihnen Niemand abschneiden, wenn Sie's verlangen; ich halte es aber
jetzt für meine Pflicht Ihnen zu sagen, dass ich selbst eines sichern Ausgangs
noch nicht gewiss bin. Ich habe bis jetzt auf einen wichtigen Entlastungszeugen
in Ihrer Sache gehofft, der aber leider noch nicht eingetroffen ist, und dessen
Ankunft ich nach dieser Zögerung auch durchaus nicht mehr verbürgen möchte.«
    »Um so mehr denke ich selbst nachhelfen zu müssen, wo ich die Kraft fühle,«
sagte Helmstedt und sein Gesicht nahm eine erhöhte Farbe an, »zu verderben
fürchte ich nichts und Ihrer Rechtslogik bleibt dann immer noch die Hauptsache!«
    Der Advocat nickte und zeigte dem Gerichtshofe an, dass der Angeklagte für
einige Bemerkungen selbst das Wort ergreifen werde. Die Ankündigung rief eine
allgemeine Bewegung unter dem Publikum hervor, dass der Richter von Neuem Ruhe
gebieten musste, und alle Blicke richteten sich gespannt auf die Anklagebank, wo
sich Helmstedt langsam aber mit frei aufgerichtetem Kopfe und lebendigem
Gesichte erhob.
    Er begann die ersten Worte mit einer Stimme, der man die tiefe Erregung
anhörte, und eine Stille legte sich über die Versammlung, in der das Summen
einer Fliege vernehmbar geworden wäre. Seiner Aussprache des Englischen klebte
noch überall der deutsche Accent an; aber seine Ausdrucksweise, seine Wendungen
waren neu, ungewohnt für die Zuhörer und darum um so anregender. Jeder fühlte,
dass die Worte mitten aus dem Herzen des Redenden kamen, und je weiter er sprach,
je freier schien er zu werden, je leichter und reicher schien sich Gedanke und
Ausdruck in ihm zu entwickeln. Er bat um Entschuldigung, dass er selbst das Wort
ergreife, wenn es auch ungewöhnlich sei; ich meine aber, jeder Jury müsse es nur
recht sein, den Angeklagten, über den sie abzuurteilen habe, selbst und nicht
erst durch die zweite Hand des Verteidigers kennen zu lernen - und wenn das
Institut der Jury nur dazu gestiftet worden, dass der Bürger durch den geraden
offenen Verstand seiner Mitbürger gerichtet und nicht ein Opfer von Rechts- und
Gesetzesdeuterei werde, so wisse er nicht, warum ein Advocat für ihn sprechen
solle, wo seine klare Sache nichts zu fürchten habe, als nur absichtliche
Verwickelung und Verdrehung, wie sie der öffentliche Ankläger zum Ruhme seiner
Rednergabe, aber nicht seines Herzens und Gewissens angewandt. Als schlichter
Mann schlichten Männern gegenüber wolle er zu ihnen reden und den Fall in seiner
Einfachheit vorführen. Ein Mord sei begangen worden und er sollte dazu geholfen
haben. Die Beweise, die ihnen vorlägen, seien es aber sicherlich nicht, die ihn
auf die Anklagebank gebracht hätten - die Reitpeitsche, von welcher der Knopf
gefunden worden, hänge Tag und Nacht in einem offenen Stalle, jeder Hand
zugänglich - sein blosses Nachhausekommen erst nach der Zeit des Mordes könne ihn
eben so wenig zum Uebeltäter stempeln als jeden Andern, der zu dieser Zeit noch
aus dem Hause gewesen sei; und dass er sich geweigert habe, über sein Verbleiben
Auskunft zu geben, müsse eher für ihn sprechen - ein so kaltblütiger Bösewicht,
der nach eben geschehener Bluttat offen wieder in sein Haus tritt und sich
ruhig den Blicken seiner Hausgenossen preisgibt, wie er es getan, habe
sicherlich auch wenigstens auf einen Vorwand für seine Abwesenheit gedacht; alle
diese Beweise seien nichts; sie erhielten aber eine furchtbare Unterstützung
durch Umstände, die allgemein als bestehend angenommen würden, durch ein
Liebesverhältniss seinerseits mit der Tochter des Hauses, welchem der Ermordete
durch seine Heiratsbewerbungen im Wege gestanden habe. - Er, der Angeklagte,
solle nur Helfer bei dem begangenen Verbrechen gewesen sein; wer sei denn aber
der wirkliche Mörder? Wenn hauptsächlich nur durch sein Verhältnis zu der jungen
Dame die Anklage gegen ihn, als Helfershelfer bei dem Morde, einen Grund
erhalte, so sei dadurch doch auch schon ausgesprochen, dass Niemand die
eigentliche Tat vollbracht haben könne, als die Tochter des Hauses selbst - wer
anders hätte sich sonst für ein Interesse, das sie Beide allein betraf, zu dem
Verbrechen hergeben können? Denke sich nur Jemand, es sei erwiesen, dass sie die
Täterin nicht sei, nehme nur Eins an, dass ein Verhältnis, wie es das Volk
zusammengefabelt, um einen Grund für die Tat zu haben, nicht bestehe - wo liege
denn nachher der geringste Grund für eine Teilnahme an der Tat, deren er
selbst beschuldigt worden? - Und nun wolle er fragen, fuhr er fort und seine
Stimme ward bewegter, ob wohl Männer unter den Jurors seien, welche die junge
Dame kennten? ein harmloses Kind, das noch kaum einen Tag aus dem Schoss ihrer
Familie und von der Seite der Mutter gekommen, dem noch kein unfreundlicher Wind
die Seele aus ihrer Ruhe gerüttelt! Wer aber wirklich ihm, dem Angeklagten, so
übernatürliche Kräfte zutraue, dass er während der kurzen Zeit seiner Anwesenheit
im Hause ein reines kindliches Herz bis zum Morde habe verführen können, der
möge sich doch die einfache Tatsache ansehen, die bereits von ihrem Vater
bezeugt, dass zwei Tage nach seiner Ankunft die Tochter mit ihrer Mutter das Haus
verlassen und erst am Abend des Mordes zurückgekehrt sei, der möge sich zugleich
selbst fragen, wie unter den Augen der Eltern während dieser Zeit ein Verhältnis
zu dem Grade habe reifen können, wie es den eigentlichen moralischen Halt der
Anklage bilde. - Er machte hier, die Hand vor die Augen drückend, eine kurze
Pause. Einen einzigen Punkt habe er noch zu berühren, fuhr er dann fort, das sei
der aufgefundene Brief des Mädchens an ihn; aber nur der blinde Eifer oder eine
verdorbene Seele könne etwas Anderes darin herauslesen, als ein gedrängtes Herz,
das sich scheu an einen Unbekannten, von dem es Hilfe hoffe, wendet. Er
erzählte, wie er durch Bakers Zudringlichkeit auf dem Spazierritte mit Ellen von
dem Zwange, unter welchem sie leide, unterrichtet worden, dass er diesen für
einen Schwindler gehalten und dem Mädchen versprochen habe, Nachrichten über ihn
einzuziehen, dass Elliot nichts gegen den Mann habe hören wollen und sie sich
deshalb auf brieflichem Wege über das, was er erfahren, bei dem Angeklagten
erkundigt habe. - »Das ist der einfache Stand der Dinge, Gentlemen,« schloss er,
»ich habe keine Beweise, keine Zeugen für mich, nichts als die Kraft der
Wahrheit. Sicher aber wird sie in der gesunden Urteilskraft eines Jeden das
ihre tun, einer Anklage gegenüber, die kein Mittel zur Aufrechterhaltung der
Beschuldigung scheut und, wenn ihr die Beweise fehlen, den Fremden, der die
Gastfreundschaft des Staates sucht, zum Verbrecher machen möchte, nur weil er
ein Fremder ist.«
    Eine Todtenstille herrschte, als er sich niedersetzte, kein Zeichen des
Beifalles, keines des Missfallens, wie es sonst trotz aller gebotenen Ordnung
sich hörbar macht, wurde laut, die Jurors sahen ernst vor sich hin oder
geradeaus in die Luft, und ein Gefühl der Unsicherheit, einer fehlgeschlagenen
Hoffnung fing an in Helmstedts Seele heraufzukriechen. Der Platz seines
Verteidigers vor ihm war leer; als er aber jetzt ausblickte, sah er diesen,
augenscheinlich erregt, zwischen den Menschen hervorkommen. Helmstedt fing einen
Wink von ihm auf, den er sich nicht deuten konnte. In diesem Augenblicke aber
trat der Advocat in die Mitte des Saales und sagte laut: »Wolle mir der
Gerichtshof das Wort erlauben, ich werde im Stande sein, einige Zeugen zu
Gunsten der Verteidigung vorzuführen!« und aus der Menge heraus folgte ihm ein
alter Herr in Begleitung von zwei verschleierten Damen. Helmstedt erkannte
Morton, als dieser den Zeugenplatz einnahm und das Gesicht nach ihm drehte; die
eine von dessen Begleiterinnen schien ihm Pauline zu sein; die zweite aber,
schlanker und von eleganteren Formen als jene, war ihm unmöglich zu erraten. Es
war nur von verhältnissmässig untergeordneter Bedeutung, was Morton auszusagen
hatte; er legte mehrere beschworene Aussagen von New-Yorker Kaufleuten vor,
welche die Meinung des Angeklagten über Baker bestätigten und diesen als einen
Mann ohne bestimmtes Geschäft schilderten, der teils durch das Spiel, teils
auf andern verbotenen Wegen sein Leben gemacht, stets aber im Sommer in den
fashionablen Badeorten zu finden gewesen sei und so sich eine gewisse
Scheinstellung in der Gesellschaft zu verschaffen gewusst. Morton gab an, dass
sämmtliche Aussagen der Betreffenden auf seine an sie ergangene Bitte gemacht
worden seien. Er trat hinweg und die zweite seiner Begleiterinnen erhob sich.
Sie schlug kräftig den Schleier zurück, als sie zur Eidabnahme vorschritt und
ein jugendliches bleiches Gesicht erschien, das sich mit einem Lächeln, wie ein
heller Sonnenblick zwischen Frühlingsregen, nach der Anklagebank richtete.
Helmstedt fuhr halb von seinem Sitze auf und unterdrückte mit Mühe einen Schrei
- in demselben Augenblicke aber entstand eine Bewegung in einem andern Teile
des Gerichtsraumes. »Ellen!« rief mit dem Ausdrucke des Staunens, hastig
zwischen seinen Umgebungen hervortretend, »wie kommst du hierher, Kind - was
willst du hier?« Das Lächeln starb auf des Mädchens Gesichte und machte einem
Ausdrucke des Leidens Platz. »Ich komme nachher zu dir, Vater,« sagte sie, »ich
muss erst Zeugnis ablegen.«
    »Was um Christi willen willst du bezeugen, wer hat dich denn hierher
gebracht?«
    »Was ich muss, Vater,« erwiderte sie, ihm gross in die Augen sehend, »lass mich
jetzt, ich komme nachher zu dir!«
    Aller Augen waren gespannt auf die Scene gerichtet; Elliot, dem das
hervorgerufene Aufsehen erst jetzt beifallen mochte, sah um sich und trat
zögernd zurück. Ellen aber warf einen neuen lächelnden Blick voll Tröstung und
Verheissung nach Helmstedt und leistete dann den Zeugeneid. »Sie habe nichts von
dem ganzen Falle, der jetzt verhandelt werde, erfahren,« begann sie und ihre
klare, weiche Stimme berührte eigentümlich wohltuend jedes Ohr - »sie sei mit
ihrer Mutter schon seit Wochen auf einer Besuchsreise abwesend gewesen, sonst
hätte sie längst ihr Zeugnis angeboten, und sie halte es jetzt für eine heilige
Pflicht, dies abzugeben, wie es ihr Gewissen verlange, ohne Rücksicht auf sich
selbst oder einen andern Menschen. Soviel sie gehört,« fuhr sie fort und ihr
Gesicht begann sich leise zu röten, »weigere sich der Angeklagte, seinen
Aufentalt zu der vermutlichen Zeit des Mordes anzugeben, sie werde und müsse
es aber an seiner Statt tun.« Sie begann jetzt schmucklos zu erzählen, wie
Baker in ihr Haus eingeführt worden und ihr Ton war fast kindlich, sprach von
ihrem Widerwillen gegen ihn und von dem Zureden ihrer Eltern, seine Bewerbungen
anzunehmen, berichtete dann Helmstedts Eintritt in die Familie und seinen
ausgesprochenen Verdacht gegen den Freier, erwähnte, wie der Tag ihrer Verlobung
festgesetzt und ihr, dem unbeugsamen Willen ihrer Eltern gegenüber, nichts übrig
geblieben sei, um bestimmte Auskunft zu erhalten, als die Nacht vor Neujahr
zwischen zehen und elf Helmstedts Mitteilungen von ihrem Fenster aus entgegen
zu nehmen, und wie die Furcht, gehört zu werden, ihn hinauf zu ihrem Fenster und
dann durch seine unsichere Stellung in ihr Zimmer getrieben habe. Ein glühendes
Rot übergoss sie, als sie den letzten Satz beendet. »Sie könne über jede ihrer
Handlungen in der Zeit von Helmstedts Aufentalt bei ihr vor Gott Rechenschaft
ablegen,« fuhr sie langsam den Kopf hebend fort und ihre Stimme nahm einen
Anstrich von Feierlichkeit an, »sie dürfe aber auch selbst die Lästerzunge der
Menschen nicht scheuen, wenn es sich darum handele, der Wahrheit die Ehre zu
geben und einen Mann zu retten, der am Ende das Opfer seiner Discretion werden
könne. Helmstedt habe ihr Zimmer erst verlassen, als die Stimme des Vaters, der
wegen der flüchtigen Sklaven geweckt worden, im Haus laut geworden sei.« Langsam
warf sie einen leuchtenden Blick auf den Angeklagten, erbleichte aber, als ihr
rückkehrendes Auge auf den starren Blick ihres Vaters traf, senkte den Blick zu
Boden und trat zurück.
    »Möge mir der Gerichtshof erlauben,« liess sich jetzt der Staatsanwalt
vernehmen, »der Angeklagte selbst hat uns auf das Schlagendste nachgewiesen, wie
seine Schuld gar nicht ohne die der eben abgetretenen jungen Dame bestehen kann,
und das von ihr abgegebene Entlastungszeugniss scheint mit Rücksicht darauf so
verdächtig, dass ich mich verpflichtet fühle, auf vorläufige Verhaftung derselben
anzutragen.«
    Der Anblick der einzelnen Gruppen im Saale hätte in diesem Momente den Stoff
zu einer der effectreichsten Genrebilder dargeboten. Unter den Zuschauern war
bei dem Antrage des Staatsanwalts eine plötzliche Bewegung entstanden; die Köpfe
der Vordersten richteten sich mit dem Ausdrucke der Befriedigung in die Höhe,
die Hinteren streckten die Hälse und erhoben sich auf den Zehen, ein Murmeln,
das mit jedem Augenblicke stärker wurde, zog durch die Menge und der Beobachter
musste überzeugt werden, dass nur eine Meinung das Publikum beherrschte, welcher
der Staatsanwalt jetzt Ausdruck gegeben; - Elliot war rasch neben seine Tochter
getreten, als wolle er sie schützen, und sah mit einem Ausdrucke, halb Zorn und
halb Entsetzen auf den Ankläger; - mit ihm zugleich war Morton hastig
vorgeschritten und stand gegen den Richter gekehrt, als erwarte er nur den
günstigen Augenblick zum Reden; - der Staatsanwalt liess einen Blick voll
hämischer Befriedigung von der erregten Menge nach der Anklagebank laufen, wo
Helmstedt so weiss und starr wie ein Steinbild stand und nichts von dem
unzufriedenen Blicke sah, den ihm der Verteidiger zuwarf; - der Richter aber
hatte sich erhoben und rief zur Ordnung. Die Unruhe in der Menge schien sich
eben legen zu wollen, als eine Bewegung am Eingange des Saales entstand, Stimmen
wurden laut, die Zuschauer in der Nähe der Tür erhoben sich und drehten die
Köpfe - der Richter gebot von Neuem Ruhe, aber ohne Erfolg.
    »Wenn Sie Beamter sind, so rufen Sie mir den Verteidiger, ich muss vor -
hier handelt sich's um mehr als um Pfannenkuchen!« klang jetzt eine ärgerliche
Stimme klar in den Saal herein; Helmstedts Advocat horchte auf und brach sich
dann Bahn in den Zuschauerraum. Ein paar Minuten voll stiller Spannung folgten
und selbst der Richter schien neugierig der Dinge zu harren, die sich entwickeln
würden; bald erschien der Verteidiger wieder und hinter ihm trat gebückt ein
hoher alter Mann aus der Menge, welchem zwei Frauen in der Tracht der niederen
Stände folgten. »Wolle mir der Gerichtshof erlauben, einige weitere Zeugen
vorzuführen, ehe dem gestellten Antrage seitens der Anklage stattgegeben wird!«
begann der Advocat mit lauter Stimme; in diesem Augenblicke aber schoss die eine
der Frauen durch den Raum zwischen ihr und dem Zeugenstande, fiel vor Elliot und
dessen Tochter in die Knie und umfasste die Füsse Beider mit den Armen. Die Kappe,
die ihre Züge bedeckt hatte, fiel in ihren Nacken und ein schwarzes Gesicht kam
zum Vorschein, in welchem sich die überwallende Empfindung soeben durch ein
ausbrechendes Weinen und Schluchzen Luft machte.
    »Sarah ist es, Vater! 's ist Sarah!« rief Ellen, die bis jetzt mit ängstlich
gespanntem Gesichte, aber sichtlich ohne rechtes Verständnis den Vorfällen
gefolgt war; sie bog sich zu der Negerin und schien in ihrer Ueberraschung einen
Augenblick den Ort und ihre Stellung gänzlich vergessen zu haben; eine neue
Bewegung begann sich der Versammlung zu bemächtigen; der Richter aber gab dem
diensttuenden Beamten einen Wink, die Schwarze ward, noch immer schluchzend,
nach ihrem früheren Platze zurückgeführt und die Drohung des Richters, bei
weiterer Störung den Saal von Zuschauern räumen zu lassen, schaffte Ruhe.
 
                               Zwölftes Kapitel.
                                  Der Pedlar.
Jetzt hob der alte Mann den Kopf, nickte Helmstedt ernstaft zu und schritt vor.
Schon bei seinem Eintritt schien das Gesicht des Angeklagten neues Leben
gewonnen zu haben, er hatte Isaac, den Pedlar, erkannt, obgleich dieser in
wenigen Wochen zehn Jahre älter geworden zu sein schien. Seine Backen waren
eingefallen und seine Augen lagen tief in ihren Höhlen, er stützte sich,
sichtlich matt, auf seinen Stock und liess dann und wann ein leises Husten, das
Jener noch nie an ihm bemerkt hatte, hören. Was Helmstedt eigentlich von Isaacs
Dazwischenkunft hoffte, war ihm selbst nicht klar, der Mann war aber gerade zu
einer Zeit erschienen, als sich Helmstedts Seele ein Gefühl bemeistert hatte,
als schwimme er vor dem offenen Rachen eines Haifisches, dem er nicht entrinnen
könne und dem auch sein Liebstes, was sich zu seiner Rettung genaht, soeben zum
Opfer fallen solle, als ihm jede helfende Hand verschwunden zu sein schien;
Isaac musste Ursachen haben, dass er so lange nichts von sich hatte hören lassen
und erst jetzt wieder auftauchte, und die Art, wie er sich einführte, zeigte,
dass er nicht leer und ohne vollwichtigen Grund erschien. Ein peinliches Gefühl
von Hoffnung, spannender Erwartung und Furcht vor einer neuen Enttäuschung
ergriff den Gefangenen, als die Anfangsformalitäten zu des Pedlars Vernehmung
geschlossen waren und dieser jetzt zu sprechen begann. »Des Herrn Wege sind
wunderbar, Gentlemen,« sagte der Alte und richtete sich aus seiner gebückten
Stellung auf, »ich wurde verhindert in der Coroners-Untersuchung mein Zeugnis
abzugeben; ich lag nieder, auf den Tod nieder und durfte kein lautes Wort reden,
konnte nichts tun und nichts helfen, wo ich doch klar sah, dass nach den
Tatsachen, die bei der Todtenschau festgestellt waren, der Prozess einen
falschen Weg nehmen musste, und hielt es für ein grosses Unglück. Und doch wäre
mir's ohne das Schicksal nicht möglich geworden, die rechte Spur in der Sache
aufzufinden und gute Männer, wie sie hier sitzen, vor einer grässlichen
Ungerechtigkeit zu bewahren.«
    »Ich möchte den Zeugen ermahnen, sich nur an das zu halten, was zur Sache
gehört,« liess sich jetzt der Richter vernehmen, »und in möglichster Kürze
angeben, um was es sich bei ihm handelt.«
    »Es handelt sich um eines Menschen Glück oder Elend, Richter, und das soll
man nicht übers Knie brechen,« erwiderte der Pedlar, »und wenn ich einmal dem
Herrgott sein Recht gebe, das er selten genug erhält, so wird das wohl auch
keinen Schaden bringen. 'S gehört übrigens nur zur Sache, was ich erzählen
werde.« Er hustete ein paarmal leicht auf und fuhr dann fort: »Der gemordete
Mann war ein Spieler von Profession, hatte seine Niederlage im Riverhause und
war dort schon einmal seinem Tode wegen falschen Spieles nur durch ein Wunder
entgangen. Der Wirt im Riverhause mochte auch wohl noch mehr von seinem hiesigen
Treiben wissen, wodurch Licht in den Fall geschafft werden konnte, und ich
machte mich gleich nach der Todtenschau dortin auf, um zu horchen, ehe sich dem
Manne, seines eigenen Interesses wegen, der Mund über das nächtliche Treiben in
seinem Hause schloss. Mein eigenes Zeugnis über den Charakter des Todten schien
keinen rechten Glauben gefunden zu haben, und so lag mir mit daran, andere
Beweise dafür beizubringen. Aber die Nachricht von dem Morde war schon im
Riverhause, der Wirt schien alles Gedächtnis verloren zu haben und ich
entschloss mich, über den Fluss zu gehen, wo der Mann einen Store hielt, welcher
den letzten Streit wegen Spielbetrugs mit Baker gehabt und dabei von diesem
einen Schuss in die Seite bekommen hatte. Der Mann, der bekannt genug in der
Gegend ist, hatte in der letzten Zeit viel Geld verspielt, bezahlte nicht, sein
Geschäft war ihm endlich durch ein New-Yorker Haus, mit dem ich selber in
Verbindung stehe, zugeschlossen worden und er glaubte, ich habe durch einen
Bericht über seine Lage seinen Sturz herbeigeführt. Ich traf ihn, kaum wieder
von seiner Schusswunde hergestellt, hatte aber nicht einmal Zeit, ihm zu sagen,
weshalb ich komme; er fiel, als ob er nur auf mich gewartet, mit Schimpfen und
Schmähen, dass ich ihn ruinirt habe, über mich her, und als ich den aufgeregten
Menschen mir vom Leibe halte, greift er nach einem kleinen Messer, das ihm zur
Hand lag, und sticht es mir in den Leib. - Das, Ew. Ehren, mag zwar ebenfalls
nicht hierher zu gehören scheinen,« unterbrach er sich selbst, als der Richter
neue Zeichen von Unruhe blicken liess, »es hängt aber so mit der Hauptsache
zusammen, dass ich es nicht umgehen darf. Ich hatte,« fuhr er ruhig fort, »die
Wunde nur für einen ungefährlichen Kratz gehalten, da ich nicht viel davon
spürte, und merkte erst, dass sie wohl mehr zu bedeuten habe, als ich dem
wütenden Menschen, der aber noch schwach war, das Messer weggerissen hatte und
das Haus verliess. Da kam mir plötzlich Blut in die Kehle, mir wurde schwarz vor
den Augen und ich hatte gerade noch so viel Kraft, um die Tavern auf der andern
Seite des Weges zu erreichen, wo ich auf der Türschwelle zusammenbrach. Die
Leute im Hause nahmen mich hinein und holten den Arzt; dort lag ich, meine Lunge
hatte durch den Stich einen Denkzettel wegbekommen und es dauerte vierzehn Tage,
ehe ich mich nur wieder auf die Beine stellen konnte. Es war in den ersten
Tagen, wo der Schnee gefallen war, als ich mich zum ersten Male in der
Unterstube ans Fenster gesetzt hatte und mich über die Zeitung und ihre
Bemerkungen über die Mordtat ärgerte, als eine Schwarze, mit einem Bündel
unterm Arm auf der Strasse vorüberging, die Niemand anders war, als eine von Mr.
Elliots davongelaufenen Negern. Ich wurde von der Entdeckung so überrascht, dass
ich wieder einen tüchtigen Stich in meiner Lunge fühlte; ich pochte aus Fenster,
bis das Mädchen hörte, mich erkannte und in das Haus trat, wo ich sie ins Gebet
nahm. Sie war auf dem Rückwege nach Oaklea, war dem weissen Manne, der sie und
ihre schwarzen Brüder geführt, wieder davongelaufen und hatte sich ihren Weg
tief aus dem Lande durchs Wald und Wildnis bis hierher gesucht, um nicht
ergriffen und nach Hause transportirt zu werden. Das hatte sie getan, wie sie
erzählte, weil Baker, der sie in Oaklea zu seiner heimlichen Liebsten gemacht
gehabt, der sie erst zum Entweichen beredet und ihr vorgeschwatzt hatte, dass er
sie im Osten heiraten und zur grossen Dame machen würde, zurückgeblieben war. Er
war noch im letzten Augenblicke beim Antritt der Flucht zugegen gewesen, hatte
sie mit sich auf sein Pferd nehmen wollen, als plötzlich ein Umstand eingetreten
war, der ihn zurückgehalten hatte - und in diesem Umstande, Gentlemen,« fuhr der
Redende mit stärkerer Stimme fort, »liegt der Schlüssel zu dem ganzen
Geheimnisse, das den Mord umgibt. Es war nur kurze Zeit vor Ausbruch des
Gewitters, als die Flucht angetreten werden sollte, ein einzelner greller Blitz
kündigte das Wetter an, und in dem augenblicklichen Lichte sah Sarah, die sich
dicht neben Baker gehalten, eine weibliche Gestalt neben diesem erscheinen und
seinen Arm fassen, die sie wohl schnell und genau genug erkannte, hier in der
Nacht aber am allerwenigsten vermutet hätte - eine junge Dame aus einer unserer
besten Familien, mit fliegenden Haaren und zerzausten Kleidern. Als Baker sie
erblickte, befahl er nach Sarah's Erzählung seinem Gehilfen mit hastiger und
aufgeregter Stimme, mit dem Schwarzen voranzugehen, er werde schnell nachkommen
und wenn Sarah auch nicht gern der Aufforderung folgte, so hatte sie doch nur
wenig Zeit zum Besinnen - vom Hause her liessen sich laute Stimmen hören - das
waren die unsrigen, als wir uns zum Verfolgen fertig machten - ihre Brüder
nahmen sie in die Mitte und zogen sie davon. Fünf Minuten darauf brach der Regen
aus - und, Gentlemen, der Mord ist erwiesenermassen vor Beginn des Wetters
geschehen.«
    Der Pedlar hob den Kopf und machte wie ermüdet eine Pause, die durch keinen
Laut, selbst nicht durch eine Bewegung des Richters unterbrochen wurde.
    »Ich will nur noch wenig sagen,« fuhr er dann fort; »die Wirtin der Tavern,
welche die erste Erzählung der Schwarzen mit anhörte, ist hier gegenwärtig und
wird bezeugen, dass keinerlei Einwirkung auf das Mädchen stattgefunden hat. Sarah
scheute sich, als sie von der Abreise der Elliot'schen Familie hörte, allein
wieder nach Oaklea zu gehen und sie blieb deshalb in der Tavern, bis ich im
Stande sein würde, ihr Zeugnis an die rechte Stelle zu bringen. Und das ist mir
erst heute und auch heute nur mit Anstrengung möglich geworden. Sie mögen nun
die Schwarze selbst über das Nähere befragen; sollte aber ihre Aussage nicht die
volle Geltung haben, so wird doch jedenfalls dadurch der richtige Weg gezeigt
und ich werde selber im Stande sein Angaben zu machen, die auf die Ursachen der
Tat das notwendige Licht werfen.«
    Seine Stimme war während der letzten Sätze matter geworden, die Hand gegen
die Brust gedrückt, hustete er ein paar Mal, trat dann zu einem der Stühle in
seiner Nähe und liess sich langsam nieder. Mit ihm zugleich aber hatte auch
Morton hastig seinen Platz verlassen und war zu dem Staatsanwalte getreten, und
als sich jetzt der Verteidiger mit der Bemerkung erhob, dass der öffentliche
Ankläger keinesfalls einen Einwand gegen Zeugen erheben werde, wie er sie selbst
zur Unterstützung der Anklage benutzt, schien dieser kein Ohr zu haben als für
die Worte des alten Pflanzers. Wenige Augenblicke darauf aber richtete er sich
in die Höhe und sagte: »Möge es dem Gerichtshof gefallen, eine Pause von einer
halben Stunde eintreten zu lassen. Es werden mir mit Rücksicht auf das
letztabgegebene Zeugnis soeben Mitteilungen gemacht, welche der Verfolgung
möglicherweise eine ganz andere Richtung geben dürften, und ich werde nach der
erbetenen Zeit bereit sein, meine directen Anträge zu stellen.«
    Keine ordnungslose Bewegung wie früher ergab sich, als der Richter die
Unterbrechung der Verhandlungen verkündete; ein nachdenklicher Ernst schien sich
der Menge bemächtigt zu haben, nur ein Flüstern der Erwartung durchzog die
stillen Reihen und mancher Kopf, der bei dem Antrage zu Ellens Verhaftung
befriedigt genickt hatte, wande sich jetzt halb scheu, wie mit dem Bewusstsein
einer Uebereilung kämpfend, nach dem Angeklagten. Pauline war an Mortons Arm
durch eine Seitentür dem Staatsanwalt gefolgt; - Ellen sass neben ihrem Vater,
der, die Stirn in tiefe Falten gezogen, wortlos vor sich hinstarrte, und
richtete bald einen besorgten Blick auf diesen, bald liess sie das Auge, sich
selbst vergessend, in Helmstedts Auge ruhen; - Sarah hatte sich, scheu ihre
Herrschaft beobachtend, neben den Pedlar gedrückt, der teilnahmlos den Kopf wie
im halben Schlafe gegen die Brust gesenkt, dasass und nur dann und wann ein
leises Husten hören liess; - der Verteidiger war zu den übrigen Advocaten
getreten und selbst hier wurde das Gespräch nur in gedämpftem Tone geführt;
Niemand ausser einigen Männern von der Jury hatte den Saal verlassen. Die
Abenddämmerung hatte sich bereits bei den letzten Auftritten der Verhandlung
bemerkbar gemacht und ein Beamter zündete die Lampen an. Der Zuschauerraum blieb
bald in halbem Dunkel, während sich der Platz für Richter, Jury und Zeugen in
vollem Lichte befand.
    Eine Ruhe, die keines Ordnungsgebotes bedurfte, legte sich über die
Versammlung, als von der einen Seite der Richter und gleich nach ihm von der
andern der Staatsanwalt eintrat und Beide ihre Plätze einnahmen. Die Sitzung
wurde für eröffnet erklärt, und der Staatsanwalt bat um das Wort.
    »Eine traurige Verkettung von Umständen,« sagte er mit lauter Stimme, »hatte
die gegenwärtige Anklage hervorgerufen und als gerechtfertigt erscheinen lassen;
nach der soeben gewonnenen Ueberzeugung von der Irrtümlichkeit derselben aber
sehe ich mich veranlasst, jede weitere Verfolgung derselben fallen zu lassen, und
trage hiermit als einfachen Act der Gerechtigkeit auf die sofortige Freilassung
des Gefangenen an. Für die Sicherung des mutmasslichen wahren Täters,« fügte er
mit einem Blicke auf das Publikum hinzu, »sind bereits die nötigen Massregeln
getroffen und das Gesetz wird seine volle Genugtuung finden.«
    
    Ein Augenblick der Stille folgte, als der Staatsanwalt zurücktrat, dann aber
erhob sich ein Summen wie in einem riesigen Hummelschwarme, in welchem die
letzten Worte des Richters untergingen.
    Helmstedt sah sich von seinem Advocaten beglückwünscht und von seinem Platze
mitten unter fremde Gestalten geführt; der Richter kam einen Augenblick auf ihn
zu und drückte ihm die Hand; aber umsonst sah er sich nach einem befreundeten
Gesichte um. Er hörte das Geräusch der Menge, die sich ohne ein Zeichen des
Beifalles oder Missfallens unter nur halber Befriedigung den Ausgängen zudrängte;
überall traf er auf nichts als neugierige Blicke, und das Gefühl des
Alleinstehens in der Fremde war ihn noch nie, selbst nicht im Gefängnisse, so
bitter überkommen als in diesem Momente. Er wandte sich mit einem kurzen Worte
der Entschuldigung von seinem Advocaten nach dem Platze, wo die Zeugen gesessen
hatten - aber weder von Ellen und ihrem Vater, noch von Sarah war Etwas zu
sehen, und nur der Pedlar, zu dem sich die aus dem Lande mitgekommene Wirtin
niederbog, sass noch gebückt auf seinem Stuhle.
    »Sind Sie nicht wohl, Isaac?« fragte Helmstedt und legte die Hand auf seine
Schulter.
    Der Alte richtete sich langsam auf. »'S ist wohl nur die Anstrengung und die
Aufregung, die mich so matt gemacht haben,« sagte er und bot dem jungen Manne
die Hand, »meine Lunge will's noch nicht recht wieder vertragen, und wenn's
nicht gerade heute hätte sein müssen, wär' ich auch noch nicht gekommen.«
Helmstedt drückte ihm die Hand und sah ihm in das eingefallene, erschlaffte
Gesicht, dessen peinliche Veränderung er erst jetzt in der Nähe ganz bemerkte.
»Für dieses Mal sind Sie mit einem blauen Auge davon gekommen,« fuhr der Alte
fort, mit einem schwachen Lächeln zu ihm aufsehend, »ein andermal hören Sie aber
vielleicht mehr auf den Rat erfahrener Leute; 's ist doch nur Ihre Geschichte
mit dem Mädchen, die Sie so weit hineingebracht hat, und Sie können nicht sagen,
dass ich Sie nicht vor dergleichen gewarnt hätte.« Helmstedts Miene mochte bei
des Pedlars Bemerkung wohl mehr von seinen Empfindungen verraten, als er selbst
wusste, denn der Alte sah ihn aufmerksam an und schüttelte schweigend den Kopf.
»Lassen Sie sich eins sagen, wenn Sie noch nicht aus der Sache heraus sind,«
sagte er dann, »es kommt von einem Manne, der seine Leute kennt; gehen Sie nicht
weiter, es tut nicht gut - und bringen Sie's wirklich zu dem, was Sie Ihr Glück
nennen, so werden Sie noch an den alten Isaac denken; den amerikanischen
Hochmut des Alten besiegen Sie nicht, und ich habe noch niemals rechten Segen
aus einer Verbindung von Leuten entstehen sehen, die mit verschiedenen Gefühlen
geboren und mit verschiedenen Gewohnheiten erzogen worden, wie Deutsche und
Amerikaner.«
    »Lassen Sie uns nach dem Hotel gehen,« sagte Helmstedt, als wolle er damit
die weiteren Bemerkungen des Pedlars abbrechen, »ich weiss wenigstens jetzt
nicht, wo anders hin, und Sie werden dort auch am besten aufgehoben sein. Sie
sind krank und angegriffen, Sie tun am besten, gleich Ihr Bett zu suchen und
ich bleibe bei Ihnen. Morgen früh reden wir dann mehr mit einander.« In diesem
Augenblicke fühlte er leicht seinen Arm ergriffen, er wandte sich um und sah in
Paulinens erregtes Gesicht. »Kommen Sie, August,« sagte sie, »der Wagen steht
unten, Sie nehmen Ihre Wohnung vorläufig bei uns, bis sich Ihre übrigen
Verhältnisse geordnet haben.«
    Helmstedt sah ihr einen Augenblick in die Augen und die warme Innigkeit, die
ihm daraus entgegenstrahlte, tat ihm wunderbar wohl. »Haben Sie Elliot nicht
gesehen?« fragte er dann.
    »Er war der Erste, der mit Ellen und Sarah den Saal verliess, und es ist gut
so, August,« erwiderte sie, »lassen Sie die Wellen sich erst etwas legen und die
Tochter mit dem Vater aussprechen, ehe Sie sich ihm zeigen, ich habe ihr selbst
dazu geraten, sich jetzt nicht aufzuhalten.«
    Helmstedt drückte die Hand vor die Augen, es erwachte ein Gefühl in ihm, dem
es mit Macht widerstrebte, die Gegend seines früheren Aufentaltes wieder zu
sehen, ehe er über seine Stellung dort im Klaren war. »Ich gestehe Ihnen offen,«
sagte er nach einer Pause, »dass ich heute lieber in der Stadt und allein für
mich bliebe; Sie haben mir mit Ihrem Vorschlage so wohl getan, Pauline, wie ich
es Ihnen kaum sagen kann, aber ich möchte erst, ehe ich irgend Jemand wieder
unter die Augen trete, in mir selbst Ordnung schaffen und meine Lage recht ins
Auge fassen. Ausserdem möchte ich auch heute nicht von meinem alten Freunde Isaac
gehen, der es wahrhaftig nicht um mich verdient hat, dass ich ihn jetzt allein
lasse. Und nicht wahr, Sie sind mir darum nicht böse?« fuhr er ihre Hand
ergreifend fort, als er ihre leicht beweglichen Züge denselben trüben Ausdruck
annehmen sah, den er schon kannte.
    »Sie sind consequent in Ihren Zurückweisungen, August, Sie könnten's gegen
Ihre gefährlichste Feindin nicht mehr sein,« erwiderte sie, »Isaac findet bei
uns besseren Platz, als in dem engen Hotel, das heute bis zum Dache überfüllt
ist, und von Ihren übrigen Gründen will ich gar nicht reden. Drückt Sie die
kleinste Verbindlichkeit gegen mich gar zu sehr, so will ich Ihnen sagen, dass
Sie sich jetzt keine auferlegen würden, wenn Sie auf mich hörten!« Sie wandte
den Kopf nach dem mittleren Ausgange des schon fast ganz leer gewordenen Saales,
wo ein alter Herr wartend stand und winkte. Helmstedt erkannte in dem
Herbeikommenden Morton, der ihm die Hand bot und sie kräftig schüttelte. »Er
will in der Stadt bleiben und erst mit sich selber fertig werden!« sagte
Pauline.
    »Well, Sir, das geht nicht!« rief Morton mit derber Biederkeit, »und ich
erbitte es mir als eine Gefälligkeit, deren Wert Sie vielleicht selbst noch
nicht kennen, dass Sie mein Haus für das Ihrige ansehen. Wir sind Ihnen
Genugtuung schuldig, wie wir sie Ihnen vielleicht kaum leisten können, und ich
würde Sie nicht für den Mann halten, für den ich Sie kennen gelernt habe, wenn
ich unter solchen Umständen eine Zurückweisung von Ihnen fürchten sollte.«
    Helmstedt fühlte in diesem Augenblicke vielleicht zum ersten Male, dass ein
Stolz in ihm wurzelte, der grösseren Einfluss auf seine Handlungen ausübte, als er
selbst gewusst. So lange sich dieser nur durch Zurückweisen von Hilfe und
Unterstützung Anderer geäussert, hatte er es für etwas durchaus Edles gehalten,
was sich in ihm regte; als aber jetzt der reiche Amerikaner vor ihm stand und
ihm, mehr mit der Miene eines Bittenden, als eines Beschützers sein Haus anbot,
als bei dem Tone des Mannes sich das wohltuende Gefühl, »auf gleichem Fusse«
behandelt zu werden, Helmstedts bemächtigte und eine Befriedigung in ihm
hervorrief, vor der alle Gründe, welche ihn in der Stadt hielten, ganz wunderbar
ihre Macht verloren, da schoss ihm ein Strahl von Selbsterkenntnis durch den
Kopf. Fast hätte er, nur um sich nicht selbst eine Blösse zu geben, auch Mortons
Anerbieten zurückgewiesen, aber Paulinens Auge ruhte so still und trübe auf ihm,
dass es ihm wurde, als sei er eben im Begriff, ein neues Unrecht zu manchen
bereits begangenen hinzuzufügen.
    »Sie sind wirklich so freundlich gegen mich, dass ich nicht weiss, wie ich es
verdient habe,« sagte er endlich, »ich bin mit Ehren in Freiheit gesetzt worden,
und das ist wohl alle Genugtuung, die ich verlangen kann - aber ich will mit
ganzem Herzen Ihre Einladung annehmen, da Mrs. Morton sagt, dass Isaac uns
begleiten darf; ich bin es ihm schuldig, ihn jetzt nicht zu verlassen!«
    »Ganz gut, Sir!« erwiderte Morton, einen Blick auf den Pedlar werfend, »er
mag sich bei uns auscuriren, und Platz im Wagen haben wir auch. Sprechen Sie mit
ihm und ich lasse währenddem Ihre Sachen aus dem Gefängnisse herüberschaffen, -
in einigen Minuten können wir unterwegs sein.« Er drückte nochmals die Hand des
jungen Mannes kräftig, warf seiner Frau einen Blick zu und ging davon.
    »Sind Sie mir noch böse, Pauline?« fragte Helmstedt und hielt dieser seine
Hand hin.
    »Ich bin Ihnen in meinem Leben noch nicht böse gewesen!« erwiderte sie, mit
einem halben Lächeln zu ihm aufsehend, »höchstens war ich traurig, wenn Sie mich
so wenig verstanden. Sprechen Sie aber jetzt mit Isaac!« fuhr sie fort und trat,
sich wegdrehend, einige Schritte in den Saal hinein.
    Helmstedt folgte der Aufforderung.
    »Hab' die Verhandlungen gehört,« sagte der Alte, »und wenn Sie durchaus bei
mir sein wollen, so folge ich Ihnen. Hier oder dort - für mich wird's ziemlich
gleich bleiben; meine Wirtin schläft bei ihrer Schwester in der Stadt, für Sie
aber kann es nur gut sein, wenn Sie mit den Leuten gehen, es wird Ihnen manchen
Stein für die Zukunft aus dem Wege räumen!«
    »Deshalb tue ich es nicht, Isaac.«
    Der Pedlar zuckte nur die Achseln, hustete ein paar Mal wie unter Schmerzen
und sank dann wieder in sich zusammen.
    Der Saal war leer geworden, die Lampen wurden nach und nach ausgelöscht, bis
endlich nur noch eine einzige das notdürftigste Licht verbreitete. Pauline
stand am Ausgange, auf Morton wartend, und Helmstedt mass den Boden mit langsamen
Schritten - seine Gedanken waren in Oaklea. War das ganze Unglück der letzten
Wochen nur ein notwendiges Mittel für das Schicksal gewesen, um ihn rasch
seinem Glücke, seiner Vereinigung mit Ellen entgegenzuführen - oder warf es ihn
wieder zurück in eine schlimmere Lage als die, in welcher er Alabama betreten?
Dachte er an die feindliche Stellung, welche Elliot während der Untersuchung
gegen ihn eingenommen, an den starren Ausdruck seines Gesichtes, den dieser nach
der Abgabe von Ellens Zeugnis behauptet, so musste er auch an des Pedlars frühere
Warnungen denken - morgen vielleicht schon war das Mädchen von ihrem Vater nach
irgend einem Teile der Welt gebracht und damit war der ganze Roman beendigt,
und ihm selbst blieb nichts übrig, als den Rest des erhaltenen Salairs, der ihm
streng genommen nicht einmal gehörte, zur Rückreise nach New-York zu benutzen,
wo sich ihm wenigstens noch die Möglichkeit einer Existenz durch eigene Kraft
bot. Aber er musste zugleich auch an Ellen denken, an die freudige Festigkeit,
mit welcher sie, unbeirrt durch ihres Vaters Einfluss, zu seiner Rechtfertigung
vor die Oeffentlichkeit getreten war, und sein Herz zitterte noch, als er sich
die Scene zurückrief - sie musste die Reise hierher ohne Wissen ihrer Verwandten
angetreten haben, dafür sprach Elliots Ueberraschung bei ihrem Anblicke; die
volle Energie der Liebe musste in ihr erwacht sein, die wohl jetzt für ihr
beiderseitiges Glück kämpfte. Sie war des Vaters Liebling, und wenn sie nun auch
wirklich seinen Widerstand brach, was dann weiter? Sollte er als ungern
geduldetes Mitglied in die Familie treten und sich von dieser ernähren lassen?
Wie die Verhältnisse standen, musste er im glücklichsten Falle selbst eine
Existenz für sich und Ellen schaffen, durfte nicht die kleinste Beihilfe von
Elliot annehmen, wenn er sich von dem Verdachte der niedrigsten Speculation frei
halten wollte. Und doch wusste er noch nicht einmal, wohin mit sich selbst.
    Seine Gedanken wurden durch Mortons Eintritt unterbrochen, der »Alles
fertig« meldete. Der Pedlar erhob sich, die Gesellschaft schritt nach dem
wartenden Wagen hinunter und bald rollte dieser durch die mondhelle Nacht dem
Landhause entgegen. Helmstedt hatte sich mit Gewalt aus seinen Sinnen gerissen
und versuchte ein Gespräch einzuleiten; Morton selbst schien aber, seit sie die
Stadt verlassen hatten, mit seinem Geiste wo anders zu sein; auf seinem Gesichte
hatte sich ein Ausdruck von Sorge gelagert, und er beantwortete Helmstedts
Bemerkungen wohl freundlich, aber ohne weiter darauf einzugehen; Pauline sass
ebenfalls still in ihre Ecke gedrückt und legte nur dann und wann, mit einem
Aufblicke zu ihrem Manne, ihre Hand auf die seinige, was dieser mit einem
schwachen Lächeln beantwortete. Isaac schien zu schlafen, und so überliess sich
auch Helmstedt bald wieder seinen eigenen Gedanken. Erst als der Wagen von der
Strasse abbog, schien Morton mit sich selbst fertig geworden zu sein. »Sie werden
Hunger haben, Sir, sammt unserm Isaac,« sagte er, »hoffentlich finden wir aber
ein ordentliches Abendbrod bereit!«
    »Fühle eben nicht wie essen,« erwiderte der Alte, »wenn Sie aber Etwas für
mich tun wollen, so lassen Sie mir gleich mein Bett zeigen, das wird wohl für
eine Weile Alles sein, was ich brauche - das Fahren hat mich schlimmer
durchgeschüttelt, als ich mir's vorgestellt.«
    »Sind Sie wieder krank, Isaac?« fragte Pauline teilnehmend.
    »Weiss eigentlich selbst nicht - 's wird wohl wieder vorübergehen!«
    Das Landhaus war bald erreicht, ein Schwarzer geleitete den Pedlar nach
einem der Schlafzimmer, wohin ihm Pauline Tee zu senden versprach, und
Helmstedt folgte Morton nach dem Parlor.
    »Setzen Sie sich, Sir, machen Sie sich's bequem und betrachten Sie sich zu
Hause,« sagte dieser, zwei Stühle ans Feuer rückend, »wir kennen uns zwar noch
nicht genauer, aber ich denke, das soll bald geschehen, wenigstens so weit, als
ich dazu beitragen kann. Ich bin Ihnen mancherlei Aufklärungen schuldig,« fuhr
er fort, als sich Beide niedergelassen, »ich denke aber, wir ersparen uns das
bis nach dem Tee; sagen Sie mir nur jetzt, ob Sie sich schon irgend einen Plan
für Ihre künftigen Schritte gemacht haben, zu dem ich Ihnen irgendwie behilflich
sein könnte. Ihr früheres Verhältnis zu Elliot scheint wenigstens in der Art
unmöglich geworden zu sein; bei der Stärke aber, mit der Ellen an Ihnen zu
hängen scheint und nach dem öffentlichen Schritte, den das Mädchen heute getan,
sehe ich für ihren Vater fast keinen andern Weg, als dass er sich mit Ihnen
verständigt, wenn er nicht verkaufen und ganz von hier wegziehen will -«
    »Sie wissen vielleicht, wie Ellen so plötzlich hierher gekommen ist, da Sie
mit Ihnen in dem Gerichtszimmer erschien?« unterbrach ihn Helmstedt.
    »Ich weiss es und Sie sollen auch von Allem unterrichtet werden. Ich möchte
Sie nur fragen, ob ich vielleicht einleitende Schritte zwischen Ihnen und Elliot
tun soll? Dass das Verhältnis zwischen Ihnen und seiner Tochter so schnell
gereist ist, daran ist er mit seiner Blindheit gegen den Schurken, der jetzt vor
Gottes Richterstuhle steht, selbst schuld - 's ist eine Fügung des Himmels
gewesen, wodurch das Mädchen Kraft zum Widerstand erhalten, sonst könnte er
jetzt über sich und sein Kind jammern, wie Andere es tun müssen -« er hielt
inne und blickte wie von einem Gefühle überwältigt vor sich ins Feuer. Helmstedt
sah die plötzliche Erregung in seinem Gesichte, ohne sie sich erklären zu
können, aber auch ohne die eingetretene Pause unterbrechen zu mögen.
»Entschuldigen Sie mich, Sir,« sagte Morton endlich und strich mit der Hand
langsam über sein Gesicht. »Sie werden mich heute Abend noch verstehen lernen;
ich wollte nur sagen, dass Elliot den wenigsten Grund hat, gegen Sie aufgebracht
zu sein, und dass ich gern für die ersten Schritte Ihren Advocaten abgeben will.«
    Helmstedt sah eine Minute schweigend vor sich hin. »Ich danke Ihnen von
ganzem Herzen, Sir,« sagte er dann langsam, »aber ich weiss nicht, welche
Schritte ich gegen Elliot tun könnte, ohne den schmutzigen Verdacht, der meinem
Verhältnisse zu Ellen untergelegt worden, zur Wahrheit zu machen. Ich bin
vorläufig nichts und habe nichts, darin liegt Alles, und wenn mich Elliot bei
meinem ersten Worte um seine Tochter wie einen ertappten Glücksritter zur Tür
hinausjagte, würde ich mich kaum zu beklagen haben. Wäre Ellen arm und an Armut
gewöhnt, so sollte uns kein Tag mehr von einander trennen und wenn ich unsern
Unterhalt mit Holzspalten verdienen sollte.«
    Morton schüttelte den Kopf. »Sie können doch nicht gut von Elliot erwarten,
dass er Ihnen jetzt entgegenkommen und das Mädchen anbieten soll? - und nach
Allem, was Ellen getan, hat sie wohl auch ein Recht, einen Schritt von Ihnen zu
verlangen, selbst wenn er gegen Ihren Stolz laufen sollte.«
    Helmstedt richtete den Kopf auf. »'S ist wahrhaftig nicht Stolz, der aus mir
redet, Sir,« sagte er und in seinem Gesichte sprach sich der ganze Druck aus,
der auf seiner Seele ruhte, »ich würde gern hingehen zu Elliot und ihm mein
ganzes Herz ausschütten und mich an keine Demütigung kehren; wo soll es aber
hinführen? Kann ich denn Ellen nur das kleinste Loos bieten, um sie vor
Entbehrungen sicher zu stellen, oder soll ich mit um ihres Vaters Geld freien,
wenn er nach meinen Existenzmitteln fragt? Ich hatte gehofft, mir irgend eine
Selbstständigkeit zu erringen, sobald ich nur meinen Boden kennen gelernt; ich
weiss, dass ich Energie und auch einige Kenntnisse habe; ich hatte gehofft,
Elliots Vertrauen zu erwerben, aber das Schicksal hat eine Entscheidung
herbeigeführt, wo meine Vorbereitungen noch nicht einmal begonnen hatten.«
    »Lassen wir die Sache einmal vorläufig ruhen und uns unsern Tee nehmen,«
sagte Morton aufstehend, »später lässt sich weiter reden.« Als ihm Helmstedt
folgte, sah er Pauline, die unhörbar eingetreten sein musste, hinter ihren
Stühlen stehen.
    Sie gingen nach dem Speisezimmer, aber wenig ward während des Mahles
gesprochen. Helmstedt war durch die mit Morton gewechselten Worte selbst erst
klar über seine jetzige Stellung geworden und Entschlüsse aller Art zogen durch
seinen Kopf. Des Hausherrn schien sich, sobald er zum Tische getreten, ein
trübes Sinnen bemächtigt zu haben, das er nur dann und wann durch ein paar
einzelne Worte unterbrach, und selbst Pauline schien ihre eigenen Gedanken zu
verfolgen. Die schweigsame Mahlzeit war fast zu Ende als Cäsar eintrat und
meldete, dass der alte Isaac gern Helmstedt zu sprechen wünsche.
    »Fühlt er sich nicht gut?« fragte Morton.
    »Well, er sieht schlecht genug aus,« erwiderte der Schwarze, »aber wohl nicht
schlimmer als wie er ins Haus kam. Ich habe ihn schon gefragt, ob ich bei ihm
bleiben solle, er verlangt aber nur nach Mr. Helmstedt.«
    Der junge Mann erhob sich und folgte dem Neger. Als sie den ersten
Treppenabsatz erreicht hatten, hielt dieser an und sagte: »Sie sind doch nicht
böse auf mich, Master, dass ich heute keine andere Aussage gemacht? Ich sah's
Ihnen im Gesicht an, dass es nicht recht war, aber im Gerichte hatten sie mir den
Kopf vorher so dumm und dick gemacht, dass ich eigentlich gar nicht mehr wusste,
was ich gesehen hatte und was nicht.«
    »'S ist schon recht,« winkte der Andere, »die Sache ist jetzt vorbei.«
    »Und noch Eins, Sir, ist es wahr, dass heute Nachmittag Elliots Sarah wieder
zurückgekommen ist?«
    »'S ist so, Cäsar,« erwiderte Helmstedt und musste über dessen seltsam
verzogenes Gesicht lächeln, »wenn Ihr jetzt noch einmal bei ihr anpocht, wird
sie kaum wieder nein sagen.«
    Der Schwarze fuhr mit der rechten Hand in seine Kraushaare und zog das linke
Knie fast bis zur Brust empor - ein pantomimisches Jauchzen - dann sprang er auf
den Zehen den Rest der Treppe hinauf und öffnete die Tür nach des Pedlars
Zimmer.
    Helmstedt fand den Alten in halbsitzender Lage in seinem Bette, und in den
weissen Kissen erschien das eingefallene Gesicht, von dem Lichte einer kleinen
Schirmlampe beschienen, gelb und fast blutlos. Er hatte die Augenlider
geschlossen, öffnete sie aber, als sich der junge Mann seinem Lager näherte und
zeigte nach einem Stuhl zur Seite des Bettes. »Es sind mir so mancherlei
Gedanken durch den Kopf gefahren,« sagte er mit matter, aber vollkommen klarer
Stimme, nachdem Helmstedt Platz genommen und Cäsar die Tür geschlossen hatte,
»dass ich gern heute noch mit Ihnen reden möchte; ich weiss nicht, ob ich nicht
vielleicht morgen wieder in die Hand des Doctors falle, der mir für eine Zeit
jedes Wort verbietet. Haben Sie sich denn schon einen Gedanken gefasst, was Sie
für die Zukunft tun wollen?«
    Helmstedt schüttelte schweigend den Kopf.
    »Sie werden das Mädchen nicht lassen mögen,« fuhr der Alte fort, »vielleicht
haben Sie auch recht, da's einmal so weit gekommen ist, und es gäbe wohl auch
einen Weg, Ihnen eine Stellung zu verschaffen, gegen die der Alte nichts
einwenden könnte und die Ihre ganze Zukunft sicherte. Ich habe schon früher
einmal mit Ihnen von den hiesigen und den New-Yorker Handelsverhältnissen
gesprochen und wie schlimm es damit bestellt wäre, wenn die New-Yorker nicht
ihren Vorteil wahrten. Sie sahen die Sache damals kurz als ein Spionirwesen an
und ich will auch jetzt einmal nichts dagegen sagen. Jeder hat seine eigenen
Augen, mit denen er ein Ding ansieht und die heimliche Stellung, die Sie für den
Anfang einnehmen sollten, möchte Ihnen nicht gefallen. Lassen Sie sich etwas
Anderes sagen. Sie gehen zu Elliot, erzählen ihm in Ihrer Manier, wies zwischen
seiner Tochter und Ihnen steht, und sagen, dass Sie in einem halben Jahre als ein
Mann wiederkommen würden, gegen den er nichts einzuwenden haben solle. Dann
gehen Sie mit einem Briefe, den ich Ihnen noch heute Abend schreiben will, nach
New-York - wo Sie das Reisegeld dazu finden, werde ich Ihnen auch sagen - und
lernen dort sechs Monate das Geschäft - eine Grundlage haben Sie schon und so
ist die Zeit hinreichend. Das New-Yorker Haus wird Ihnen dann in der hiesigen
Gegend ein Geschäft aufmachen, das Sie für Rechnung der Leute führen, wobei Sie
aber Ihren eigenen Gewinn-Anteil haben sollen. Es handelt sich dabei nicht nur
um ein einfaches Waarengeschäft. New-Yorker Geld steckt in mancher Pflanzung
hier herum, manche Baumwollenernte ist schon, noch ehe das Grün der Pflanze
heraus ist, im Voraus verpfändet, und es ist wohl bloss natürlich, und gegen die
Ehrenhaftigkeit wird auch Niemand Etwas sagen können, dass der New-Yorker Agent
sich in Kenntnis von den Verhältnissen aller Geschäfte und Familien erhalten
muss. Ich weiss nicht, ob ich jemals wieder Kraft genug bekommen werde, um
Geschäfte zu treiben, und wenn Sie auf die Art, die zu Ihrem Wesen besser passt,
fortsetzen wollen, was ich habe stecken lassen müssen, so sagen Sie es.«
    Helmstedt hatte den Kopf in beide Hände sinken lassen. »Sagen Sie mir,
Isaac,« begann er nach einer Weile aufsehend und dem Auge des Alten begegnend,
das in sichtlicher Spannung auf ihm ruhte, »warum halten Sie mich gerade für das
Geschäft geeignet, wo sicherlich geschäftsgewandtere Leute den New-Yorkern zu
Diensten stehen?«
    Der Pedlar schüttelte langsam den Kopf. »Es hält schwer für den Mann aus dem
Osten, sich hier wirkliches Vertrauen zu erwerben. Heiraten Sie aber in Elliots
Familie und halten Sie sich Mortons zu Freunden, so wird Ihnen bald das Innerste
der Familien im halben Staate offen stehen - das ersetzt alle
Geschäftsgewandteit, die Ihnen im Anfange noch fehlen könnte, die sich aber
bald genug von selbst finden würde.«
    Helmstedt sah eine Weile stumm vor sich nieder. »Lassen Sie mich eine Nacht
überlegen,« sagte er dann tief Atem schöpfend, »wir sprechen morgen weiter,
Isaac.«
    »Morgen! wer weiss, was morgen ist!« erwiderte der Pedlar erregt, »wer ein
Glück haben will, muss rasch zugreifen -«
    »Ich bin mir heute selbst nicht recht klar,« unterbrach ihn Helmstedt, »mir
widerstrebt ein Geschäft, welches das Vertrauen, das ich hier erlangen könnte,
nur als Mittel zum Auskundschaften benutzt - und doch weiss ich nicht, ob ich
nicht zu weit gehe und das, was ich Andern schuldig bin, meinen eigenen Gefühlen
hintenansetze. Lassen Sie uns morgen entscheiden, Isaac!«
    Isaac liess den erhobenen Kopf zurückfallen und der Anflug von Belebteit in
seinem Gesichte machte schnell einer tiefen Erschlaffung Platz. Helmstedt
wartete auf eine Erwiderung, der Alte schloss aber wortlos die Augen und nach
einer kurzen Weile sank der Kopf nach der Seite. Der junge Mann bog sich über
ihn, und als er seine matten, kurzen Atemzüge hörte, verliess er leise das
Zimmer. Auf dem matterleuchteten Corridor aber blieb er eine Weile stehen und
drückte das Gesicht in beide Hände. Das Bild einer Stellung als geachteter
Kaufmann, wie es bei Isaacs Worten vor ihn getreten war, verbunden mit den
besten Familien, unter denen er sich eine neue Heimat gegründet, ein eigenes
Haus, mit Ellen als waltender Genius darin - zog noch einmal vor seiner Seele
vorüber - er durfte nur zugreifen und alle Qual seiner jetzigen Lage hatte ein
Ende. Aber war denn die Bedingung, die ihm das Glück erkaufen konnte, etwas
Anderes, als was er schon früher zurückgewiesen? Mochte er sie auch drehen und
wenden und sich bestreben, sie mit den Augen Anderer anzusehen - der
Grundgedanke blieb immer die Spionage als Geschäft, und in der neuen Form nur um
so gehässiger. Er richtete sich kräftig auf und ging langsam die Treppe hinab -
es war ihm, als habe er sich erst recht selbst wieder gefunden, seit die
Versuchung ihm nahe getreten war und er betrat die unteren Zimmer mit freierem
Herzen, als er sie verlassen. War Ellen das Mädchen, wie er sie im Herzen trug,
so konnte sie auch keinen Schritt von ihm verlangen, der ihn vor sich selbst
herabsetzte.
 
                              Dreizehntes Kapitel.
                         Erklärungen und innere Kämpfe.
Morton sass mit seiner jungen Frau im Parlor vor dem Feuer und ein dritter Stuhl
stand für Helmstedt bereit, als dieser eintrat. »Setzen Sie sich, Sir,« sagte
der Pflanzer, ohne eine weitere Frage an ihn zu richten und nur Paulinens Auge
ruhte einen Augenblick forschend in dem Gesichte des Eingetretenen, »lassen Sie
uns einmal einen Augenblick von Ihren Angelegenheiten abgehen, sonst werden wir
uns wahrscheinlich nicht verstehen lernen. Sie haben eine böse Zeit durchgemacht
und sind jetzt in eine Lage geworfen, die bei Ihrem Charakter, wie ich ihn durch
meine Frau und Ihre eigenen Bemerkungen habe kennen lernen, Sie doppelt schwer
drücken muss. Wenn ich Ihnen nun sage, dass Sie mir Freiheit lassen müssen, Ihre
Zukunft wieder herzustellen, so geschieht das nur, Sir, weil ich zum grössten
Teile selbst an Ihrem Schicksale schuld bin, oder zu schwach war, Sie mit einem
Schritte bei Zeiten daraus zu erlösen. Da haben Sie das Geständnis eines
ehrlichen Mannes, der wenigstens mit allen Kräften einen grossen Fehler wieder
gut machen will. Hören Sie mich ruhig an,« fuhr er fort, als Helmstedt eine
Bewegung machte, »es wird Ihnen schnell Alles klar werden. Sie haben den
Menschen Baker gekannt, aber nicht die Hälfte seiner herzlosen Verworfenheit,
der nichts heilig war, wenn es seinen Zwecken dienen konnte. Ich hatte die
Torheit begangen, wie es in so vielen andern Familien Gebrauch ist, meine
Tochter Alice den Sommer bei einer fashionablen Familie meiner Bekanntschaft in
Saratoga zubringen zu lassen, - dort, wo eine gentile Aussenseite leicht Eintritt
in bessere Zirkel verschafft, trieb sich Baker herum, gerirte sich als Pflanzer
aus unserem Staate, attachirte sich meinem unglücklichen Mädchen - und verführte
sie.« Er presste einen Augenblick die Hand gegen die Stirne, atmete tief auf und
fuhr dann fort: »Das war indessen nicht der Hauptzweck dieses Menschen gewesen.
Er gehöre einer Klasse von Leuten an, welche wie eine heimliche Pest in der
besseren Gesellschaft von New-York ihr Wesen treibt, die aus ihren Opfern ihren
Lebensunterhalt ziehen und sie erst wegwerfen, wenn sie bis aufs Blut ausgezogen
sind. Mein unglückliches, ungewarntes Kind hatte sich in vollem Vertrauen auf
die Ehrenhaftigkeit des Menschen verleiten lassen, in eine kurze Correspondenz
mit ihm zu treten, in welcher sie, als Antwort auf mehrere seiner Briefe,
Andeutungen über die möglichen Folgen des unerlaubten Verhältnisses fallen liess
- und von diesem Augenblicke an war ihr Schicksal besiegelt.«
    Der Erzähler machte eine Pause und sah starr vor sich ins Feuer. »Ich kann
Ihnen nur die Hauptpunkte des Nächstfolgenden geben, soviel mir selbst davon
bekannt geworden ist,« fuhr er dann fort. »Es war nicht Liebe, nicht Hingebung
mehr, was der Mensch von da ab verlangte - es war einfach Geld. Bei seiner
ersten Forderung schützte er eine augenblickliche Verlegenheit vor, in die er
geraten sei, und mein armes Mädchen gab ihm willig ihr ganzes kleines Vermögen.
Dann kam eine Spielschuld, die gedeckt werden musste, und sie borgte unter ihren
Bekannten die Summe zusammen; sie hielt ihre eigene Zukunft für vollkommen
verbunden mit der seinigen. Erst als sie bei seiner dritten Forderung ratlos
dastand, begann er seine Maske zu lüften und fragte sie, ob er sich denn, um das
Geld zu erhalten, selbst an einen ihrer Freunde wenden und diesem sein ganzes
Verhältnis zu ihr mitteilen solle? Es muss ein grässlicher Moment gewesen sein,
der meinem armen Kinde die Augen geöffnet, so dass mir, als ich sie kurz darauf
wieder sah, die Veränderung, die mit ihr vorgegangen war, ins Herz schnitt, ohne
dass ich doch im Stande gewesen wäre, eine Aufklärung von ihr zu erhalten. Hätte
sie sich mir anvertraut, so hätte der Schurke unschädlich gemacht und Vieles
wieder ausgeglichen werden können - aber sie wäre wohl lieber gestorben, als dass
sie ihre Entehrung gestanden hätte - und das mochte der Mensch wissen. Er hatte
ihr einen Tag Frist gegeben, um die geforderte Summe zu schaffen, sie verkaufte
einen Teil ihres Schmuckes, um ihn zu befriedigen, benutzte aber die
Gelegenheit, die sich ihr durch eine abreisende Familie aus Tennesse bot, und
flüchtete bald darauf nach Hause. Ich selbst erhielt nur einige Zeilen nach
New-York von ihr und freute mich über ihren Entschluss; ich schrieb ihr
verändertes Wesen halb einem krankhaften Zustande, halb der Uebersättigung an
den fashionablen Zerstreuungen zu, das sich bald wieder legen würde. Aber kaum
mehr als zwei Monate hatte sie unangefochten zugebracht, als der Blutsauger sich
noch während meiner Abwesenheit auch hier in meinem Hause einfand. Es waren
mehrere Familien aus unserer nächsten Nähe den Sommer über in Saratoga gewesen,
mit denen er sich dort in Verkehr gesetzt hatte, und so bekam seine Stellung
hier eine Art Grund. Ich ahnte, als ich mit meiner jungen Frau von New-York
hierhergekommen war, von nichts und sah nur den unerklärlichen Zustand meiner
Tochter, der sich zu Zeiten bis zum Tiefsinn steigerte. Erst später, als ich
alle Umstände erfuhr, habe ich ihre ganze Qual verstehen lernen - stets von dem
geldhungrigen Ungeheuer mit der Veröffentlichung ihres Fehltritts bedroht, wenn
sie ihn nicht zufriedenstellte, und doch zuletzt, als Alles was sie Wertvolles
besass, heimlich verkauft war, ausser Stande, seinen neuen Anforderungen zu
genügen. - Sie wich mir aus, um nicht von meinen Fragen geplagt zu werden, bis
ich endlich jedes Forschen aufgab, und erst meiner Frau, die sich ihr mit warmer
Teilnahme, aber ohne ihr Vertrauen zu fordern, angeschlossen hatte und sie wie
ein krankes Gemüt behandelte, gelang es in einer günstigen Stunde, in welcher
das Mädchen wohl durch den Jammer ihrer Lage überwältigt worden sein mochte, ihr
das Herz zur vollen Mitteilung zu öffnen. Hätte ich nur damals noch Nachricht
von dem Stande der Dinge erhalten, es wäre Alles anders gekommen: aber meine
Frau hatte die heiligste Verschwiegenheit gegen Jedermann geloben müssen, dazu
schien Baker, seit er in Elliots Familie eingeführt war, sein Opfer aufgegeben
zu haben, und Niemand konnte die Schrecken ahnen, die sich noch entwickeln
sollten.« Morton atmete tief auf, stützte die Stirn eine Minute in die hohle
Hand und fuhr dann fort: »Es war am Morgen nach der Nacht, in welcher der Mord
geschehen, als meine Frau an die Tür des Schlafzimmers meiner Tochter pochte,
um sie zum Frühstück zu holen - sie tat das jeden Morgen und bisweilen schlief
sie auch mit Alice zusammen. Sie erhielt keine Antwort, fand aber, als sie zu
öffnen versuchte, die Tür unverschlossen. Drinnen lag das Mädchen in ihren
Kleidern, aber mit herabhängenden Haaren, quer über ihr Bett geworfen, schlafend
oder ohne Besinnung; ihr ganzer Anzug war mit dem Schmutz der Strasse besudelt.
Meine Frau erzählte mir später, dass es ihr, seit sie Alice's Gemütszustand habe
kennen lernen, immer gewesen sei, als müsse sie einmal Zeuge eines geschehenen
Unglücks sein und dass der Anblick meiner besinnungslosen Tochter sie nur wie die
Verwirklichung ihrer Furcht getroffen habe. Voll Schrecken, aber doch gefasst,
suchte sie das Mädchen aufzurichten, sie fühlte das Herz noch schlagen - und das
gab ihr neue Kraft; als sie aber dem Körper eine andere Lage gegeben, entdeckte
sie zwischen den krampfhaft vor die Brust gedrückten Händen ein kleines Bündel
zusammengebundener Papiere und ein scharfes Messer, das in der Küche gewöhnlich
zum Schlachten des Federviehs gebraucht wurde. Die Papiere, wie die Aermel und
der vordere Teil ihres Anzuges waren wie in Blut getaucht; als ihr aber Mrs.
Morton, von einem neuen Schrecken gefasst, das Kleid aufriss, bemerkte sie bald,
dass es fremdes Blut war, was sie gefärbt hatte. Frauen zeigen in solchen
Augenblicken des Schreckens oft mehr Gegenwart, als Männer. Ich wollte, als mich
meine Frau zum Beistande herbeigeholt, das schwarze Kammermädchen rufen, sie
hielt mich aber zurück, bis jede Spur eines aussergewöhnlichen Ereignisses
beseitigt war, bis meine bewusstlose Tochter in ihrem Bette lag, als habe sie die
ganze Nacht dort gelegen, und endlich nach mancherlei Versuchen, sie ins Leben
zurückzurufen, wieder die Augen aufschlug. Ich werde den Moment ihres Erwachens
niemals wieder vergessen. Ihr Auge war ruhig, teilnahmlos, kalt - ich bog mich
über sie, aber ihr Blick glitt an mir vorüber, sie sah und kannte mich nicht.
Ich sandte einen Schwarzen nach der Stadt zu einem Arzte, der mein spezieller
Freund ist, und als ich wieder in das Zimmer der Kranken zurückkehrte, lag sie,
leise vor sich hinsprechend, da, von meiner Frau aufmerksam beobachtet. Mir war
der Sinn jedes ihrer Worte unverständlich, aber Mrs. Morton schien den Schlüssel
dazu gefunden zu haben und ich musste von ihr, als das Mädchen endlich immer
leiser redend eingeschlafen war, die ganze Geschichte meines unglücklichen
Kindes hören. Noch waren wir in vollem Dunkel über die Ereignisse der letzten
Nacht, aber die Untersuchung des blutigen Bündels Papiere, die sich als die
Briefe meiner Tochter an ihren Verführer erwiesen, zusammen mit dem Messer und
ihren blutgefärbten Kleidern, gab uns eine fürchterliche Ahnung, die zur
Gewissheit anwuchs, als im Laufe des Nachmittags die Nachricht von dem
geschehenen Morde einlief. Jetzt verstanden wir auch die Irr-Reden der Kranken -
Baker musste spät am Abend vorher dagewesen sein, sie aufs Neue bedrängt haben
und mit Drohungen fortgegangen sein - sie aber war ihm in ihrer Verzweiflung
gefolgt. Was bei der Begegnung Beider geschehen, wird wohl für ewige Zeiten
unentüllt bleiben - zwei Dinge aber, die in der Untersuchung gegen Sie eine so
grosse Rolle gespielt, sind mir unerklärlich: das Zeichen an der Stirn der
Leiche, das wahrscheinlich von dem Falle gegen einen Baumstumpf herrührt - und
der Reitpeitschenknopf, den mein irrsinniges Kind beim Suchen nach ihren Briefen
wahrscheinlich mit aus der Tasche herausgerissen hat. - Lassen Sie mich Ihnen
noch zwei Worte sagen und dann werde ich auf Ihre Angelegenheiten kommen. Noch
ehe mein Bote aus der Stadt zurückkehrte, erwachte die Kranke wieder - ihr Blick
aber war der einer Stumpfsinnigen, ihr Mund blieb geschlossen, und als der Arzt
endlich anlangte, als er seine Beobachtung geendigt und mir am Abende sein
Urteil gab, war es das, was mir schon seit dem Morgen wie ein Gespenst vor der
Seele stand -meine Tochter war körperlich vollkommen gesund, aber - wahnsinnig.
Sie wurde,« fuhr der alte Pflanzer nach einer kurzen Pause mit bebender Stimme
fort, »acht Tage darauf nach Anordnung des Arztes in eine Privat-Anstalt nach
Montgomery gebracht, da ist sie noch jetzt, und noch nicht ein Wort ist seit
dieser Zeit über ihre Lippen gekommen; ihr früherer Tiefsinn aber war so
allgemein aufgefallen, dass unter meinen Bekannten das jetzige Unglück kaum eine
Ueberraschung erregte - - Niemand hatte eine Ahnung des wirklichen
Zusammenhanges der Dinge. - Well, Sir,« begann Morton, wie sich ermannend von
Neuem, »während dieser acht Tage war die Coroners-Untersuchung beendigt worden
und ich hatte, durch mein eigenes Unglück wie vor den Kopf geschlagen, kaum
darauf geachtet, so nahe ihr Ergebniss mir auch liegen mochte. Erst nach der
Abreise meines unglücklichen Mädchens machte mich Mrs. Morton auf den Verdacht,
der auf Sie, Mr. Helmstedt, gefallen war, und auf die Pflicht aufmerksam, hier
in irgend einer Weise einzugreifen. Ich sah ein, dass sie recht hatte, ich
begriff, dass Sie nicht für eine fremde Tat leiden durften - aber was sollte ich
tun, wenn ich nicht die Schande meines Kindes in die Oeffentlichkeit bringen,
eine Criminal-Untersuchung über sie verhängen lassen und meine häuslichen
Verhältnisse den Zungen des ganzen Staates preisgeben wollte? Mir erschien es
anfangs als das Einfachste, der Sache ihren Lauf zu lassen, da Ihre Unschuld
sicher schnell genug aus Tageslicht kommen würde; als aber eine Verknüpfung der
sonderbarsten Umstände gegen Sie zeugte, als meine Frau jeden Tag unruhiger
wurde, als sogar mehrere Bekannte vom Gericht, die bei mir einsprachen, Ihrer
Sache den schlechtesten Ausgang prophezeiten, da sah ich, dass gehandelt werden
musste. Nach mancherlei trüben und vergeblichen Beratungen entschloss sich
endlich meine kleine bewundernswürdige Frau, als sie den Kampf in mir bemerkte,
meinem väterlichen Gefühl ein Opfer zu bringen, das wohl wenige Frauen gebracht
hätten - sich der Missdeutung des ganzen Countys bloss zu stellen, und ehe ich nur
noch meine Zustimmung gegeben, gegen die sich Alles in mir sträubte, hatte sie
ihren Plan schon halb ausgeführt, Sie wissen, Sir, welche Anerbietungen sie
Ihnen gemacht - Sie wiesen sie trotz Ihrer Gefahr zurück und von diesem
Augenblicke an lernte ich Sie mit meiner ganzen Seele schätzen. Sie wissen auch,
was Sie meiner Frau über Ihr Verhältnis zu Ellen Elliot vertrauten - was Sie
dabei nicht mit klaren Worten aussprachen, das liess sich erraten - und hier bot
sich uns ein neuer Weg zu Ihrer Rechtfertigung. Mrs. Morton wusste durch einen
schriftlichen Herzenserguss von Ellen, wo sich deren Familie befand - sie teilte
jetzt dem Mädchen den ganzen Stand Ihrer Angelegenheiten, so wie Ihre Weigerung,
eine Aussage über Ihren Aufentalt während der Mordnacht zu machen, mit, und wir
hatten uns in dem Kinde nicht getäuscht - sie kam hier an, gerade noch zur
rechten Zeit, hatte ihre Mutter nur mit wenigen zurückgelassenen Zeilen über
ihre Abwesenheit beruhigt und tapfer entschlossen den weiten Weg allein
zurückgelegt. - Bei alledem wusste ich, dass ich Ihr Schicksal nicht an diesen
einzigen Anker hängen durfte, ich kannte die Stimmung der Bevölkerung, die durch
die unverzeihlichen Besprechungen und Speculationen der Zeitungen gegen das
harmlose Mädchen erregt worden war - der heutige Tag war der entscheidende, und
so machte ich mich fertig, auf jeden Fall für Sie einzustehen - Zeit und
Ueberlegung hatten mir gezeigt, welcher Weg der einzig ehrenhafte war, und ich
würde, als ich die Untersuchung sich zu Ihrem Nachteile wenden sah, auch ohne
Isaacs Dazwischenkunft mit der Wahrheit herausgekommen sein - der Beweis dafür
liegt darin, dass ich die blutbefleckten Briefe, welche meine unglückliche
Tochter dem Ermordeten entwendet, mit mir genommen hatte, um meine Angaben
dadurch zu begründen. Isaacs Erzählung half dann freilich, ihnen bei meiner
Mitteilung an den Staatsanwalt erst die rechte Beweiskraft zu geben. - Da haben
Sie meine ganze Beichte, Sir, das Gericht wird mit meinem armen Kinde jetzt
wenig mehr zu tun haben - Ihr Schicksal, Sir, aber hat sich durch meine
Schwäche in einer Weise gestaltet, dass Sie mir zu meiner eigenen Beruhigung
gestatten müssen, Alles, was in meiner Kraft steht, anzuwenden, um den
angerichteten Schaden wieder auszugleichen - wie und auf welche Weise darf ich
freilich nicht bestimmen, aber hoffentlich wird sich, wenn Sie mir vergeben
wollen, in unserer gemeinsamen Beratung ein Weg dazu finden.« Er wandte den
Kopf nach dem jungen Manne und hielt ihm die Hand hin. Helmstedt legte die
seinige hinein. »Sprechen Sie nicht von vergeben, Mr. Morton,« sagte er, »wer
weiss, wozu Alles für mich gut ist, was geschehen und warum es so hat kommen
müssen; das grösste Unglück, das ich in Amerika erlebte, diente nur dazu, um mich
für das hiesige Leben brauchbar zu machen - und jetzt, wo mir schon Hilfe
angeboten wird, ehe ich nur weiss, ob oder was ich verloren habe, darf ich kaum
von Unglück reden.«
    »Well, Sir, ich danke Ihnen,« erwiderte Morton, der den Kopf hob, als habe
er ein gefürchtetes, unangenehmes Geschäft vollendet, »aber mit den blossen
Redensarten fangen wir die Ratte nicht. Ich würde sagen: lassen Sie uns warten
bis morgen früh und dann in Ruhe überlegen, wenn unser Nachbar Elliot nicht ein
Mann wäre, der wenig Zeit verstreichen lässt, bis er einen gefassten Entschluss zur
Ausführung bringt. Was geschehen soll, muss heute Abend beschlossen werden,
morgen im Laufe des Vormittags ist der Mann mit seiner Tochter vielleicht nach
irgend einem Teile der Welt unterwegs und dann, sehe ich recht wohl, wäre
Alles, was ausserdem getan werden könnte, so gut wie nichts!«
    »Ich glaube kaum, dass Ellen, wie ich sie kenne, jetzt ihrem Vater so ruhig
folgen wird, als das erste Mal,« warf Pauline ein, mit einem halben Blicke zu
ihrem Manne aufsehend.
    »Was kann sie aber tun?« erwiderte Morton; »hier unser junger Freund will
sie nicht eher haben, bis er nicht eine Zukunft hat und sie vor Entbehrungen
schützen kann, wie er sagt, und es liegt ein Verstand darin, den ich vielen
unserer amerikanischen jungen Leute wünschte - und wir können doch nicht, wenn
wir sie auch in unser Haus aufnehmen, offene Partei gegen ihren Vater ergreifen?
Dazu hat eben nur der Mann ein Recht, dem sie ihr ganzes künftiges Leben
anvertraut. Wollen Sie vorläufig eine Stellung in meinem Hause oder auf meiner
Farm annehmen, Sir, bis sich etwas anderes Passenderes findet, so ist wenigstens
für den Augenblick der Not abgeholfen, und das Kind hat ein Recht, bei uns zu
sein.«
    Helmstedt sprang von seinem Stuhle auf und durchschritt aufgeregt das
Zimmer. »Es wäre Tollheit von mir,« sagte er endlich wieder herantretend, »Ihre
Hilfe in der Lage, in welcher ich mich befinde, abzuweisen, ich werde Sie selbst
noch an Ihre Zusage wieder erinnern - aber Ihren letzten Vorschlag, so
freundlich er auch ist, kann ich nicht annehmen; für mich bliebe es doch nur
immer eine Not- und Barmherzigkeitsstellung und Sie müssten in eine ganz
unangenehme Lage zu Elliot, vielleicht auch zu der ganzen hiesigen Gesellschaft
geraten - Sie hätten gleiche Sache mit dem Fremden gemacht, der nichts ist und
nichts hat und doch seine Hand nach einem Mädchen aus der Blüte des Landes
ausstreckt; Sie würden dem Gefühle aller reichen Eltern, die Töchter besitzen,
geradezu ins Gesicht schlagen und wahrscheinlich Ihr Opfer, so aufrichtig das
auch jetzt gebracht sein mag, bald genug bereuen. - Ich muss mir irgend eine
Stellung, irgend eine Selbstständigkeit zu verschaffen suchen,« fuhr er fort und
nahm seinen vorigen Gang wieder auf, »ich werde um Ihren Rat und Ihre Hilfe
dazu bitten, aber ich weiss, dass das nicht im Nu geschehen kann. Ich werde morgen
in aller Frühe nach Oaklea gehen - ich müsste ohnedies mit Mr. Elliot reden, ich
bin noch nicht von ihm entlassen, habe aber mein Gehalt für ein halbes Jahr im
Voraus, erhalten - ich werde zu ihm sprechen, wie es mir der Augenblick eingeben
wird, werde ihm zeigen, dass er es wenigstens mit einem ehrlichen Manne zu tun
hat, der weder hinter seinem Rücken eigennützige Pläne verfolgte, wie er es wohl
vermutet, noch jetzt von all seinem Gelde Etwas verlangt, und jeden andern Weg,
als den offenen verschmäht. Was das Ergebniss davon sein wird - ich weiss es
nicht; aber ich weiss jetzt, dass dies mein nächster Schritt sein muss, wenn ich
vor mir selbst bestehen soll.«
    »Ob Ihr Weg gerade der praktischste ist, weiss ich nicht,« entgegnete Morton,
seine Haare durcheinander streichend, »man tritt einem wildgewordenen Pferde
nicht gern geradezu in den Weg und in Dinge, die sich nicht ändern lassen,
ergeben sich die Leute meist viel eher, als da, wo ihnen noch eine Hand darin
erlaubt ist. Aber ich darf gegen Ihre Gründe nichts sagen.«
    »Haben Sie auch wohl an Ellen und ihr Glück gedacht, wenn die Zusammenkunft
mit ihrem Vater schroffer zwischen Ihnen Beiden endigen sollte, als Sie es
vielleicht jetzt vermuten?« begann Pauline und Helmstedts Auge begegnete einem
so ernsten Blicke, wie er ihn noch nie an ihr gekannt. »Fast möchte ich dran
glauben, dass auch die Liebe des besten Mannes sich nicht frei von Egoismus
machen kann, mag der nun Ehre oder Stolz oder sonst wie genannt werden.«
    »Und glauben Sie wirklich, dass ein Mann der Halt für eine Frau sein würde, -
dass sie mit der Achtung zu ihm aufsehen könnte, wie es sein sollte, wenn er
seine Grundsätze auch nur einen Augenblick, und sollte es selbst seinem höchsten
Lebensglücke sein, aufopfern könnte?« sagte Helmstedt angeregt. »Ich habe noch
wenig vom hiesigen Leben gesehen und mein Urteil mag nicht ganz richtig sein,
aber mir scheint, dass das ganze amerikanische Familien-Verhältnis ein anderes
sein würde, wenn viele Männer mehr Männer in diesem Sinne wären. - Lassen Sie
mich jetzt zu Bett gehen,« fuhr er dann ruhiger fort, »vielleicht kommt mir
irgend ein glücklicher Gedanke während der Nacht, ich danke Ihnen von ganzem
Herzen für Ihre Teilnahme.«
    »Well, Sir,« sagte Morton, ihm die Hand drückend, »ich habe schon heute
während Ihrer Verteidigungs-Rede gedacht, dass Sie einen unserer besten
Advocaten abgäben, und in Allem, was Sie heute Abend gesagt, steckt Etwas, das
dem Mädchen eine Ueberzeugung beibringen könnte, wenn ich auch zehnmal weiss, dass
Sie Unrecht haben. Gehen Sie Ihren Weg, legen Sie sich ins Bett - viel schlafen
werden Sie wahrscheinlich nicht, und haben Sie irgend einen Gedanken, so wissen
Sie, dass ich nur darauf warte, für Sie Hand anzulegen.«
    Helmstedt reichte seine Hand der jungen Frau. »Können Sie mir nicht Recht
geben?« fragte er.
    »Es gehört für eine Frau viel Liebe dazu, um Ihren Standpunkt zu würdigen,«
sagte sie, ohne aufzublicken, »sehen Sie zu, dass Sie vor Ellen bestehen, dann
will ich gern nichts weiter sagen.« -
    Helmstedt lag in seinem Bette, aber wie Morton es vorausgesagt, ohne zu
schlafen. Er überlegte sein morgendes Auftreten bei Elliot, er sann darüber
nach, was er ihm sagen wollte, er arbeitete eine grosse Rede aus und als ein
Anflug von Schlaf ihm unbewusst die Augen schloss, arbeitete er im Traume weiter,
quälte sich mit den Gedanken herum, für die er den Ausdruck nicht finden konnte,
bis er, geängstigt und aufgeregt, wieder erwachte. Er warf sich auf die andere
Seite und suchte Ruhe zu gewinnen - aber sein Gehirn arbeitete, ohne seinem
Willen zu gehorchen. Wenn Elliot ihm kalt die Türe wies oder ihn gar nicht vor
sich liess, welchen Weg sollte er dann einschlagen? Er mochte es sich selbst
nicht gestehen, aber er fühlte, dass sich sein ganzer Stolz dagegen empört hatte,
»seine Frau« in eine Stellung zu bringen, in welcher er von Paulinens Mann
abhing - es lag, wenn er an seine erste Begegnung mit dieser in New-York und an
die Art, wie er sie von sich gewiesen, dachte, eine ganze Welt von Demütigung
für ihn in dem Gedanken. Wo war aber ein anderer Weg für ihn, wenn er nicht
Ellen jetzt und vielleicht für immer aufgeben sollte? In fieberhafter Aufregung
sprang er auf und mass die Stube mit grossen Schritten, aber die fühlbare Kälte
trieb ihn wieder ins Bett zurück.
    »So werde ich wahnsinnig,« sagte er sich aufrecht setzend. »Ruhe, August;
den Weg gerade und offen zum Alten musst du tun; was daraus entsteht, liegt in
der Hand des Schicksals, mag es walten - es ist Torheit, sich im Voraus darüber
den Kopf zu verdrehen. Jedenfalls werde ich morgen Ellen sehen, auf die eine
oder die andere Weise, und was dann wird - das überlasse dem Morgen. Jetzt
schlafe, August!« Er legte sich zurück, er dachte an Ellen, der ganze kurze
Roman seiner Liebe zog in einzelnen Bildern an ihm vorüber und spann sich bald
in ruhige rosige Träume hinüber.
 
                              Vierzehntes Kapitel.
                               Die Entscheidung.
Der Morgen war bei Helmstedts Erwachen weiter vorgerückt, als es ihm lieb war.
Er hatte gehofft, schon gleich nach dem Frühstück in Oaklea sein zu können und
jetzt konnte er Gefahr laufen, Elliot nicht mehr zu treffen. Sein Zimmer war
wohltuend durchwärmt und er warf sich rasch in die Kleider. Als er die Treppe
hinabstieg, sah er die junge Hausherrin bereits fertig angezogen durch die
»Halle« gehen, aber bei dem Klange seiner Tritte stehen bleiben und ihn
erwarten. Mit einem Gesichte, dessen strahlender Ausdruck ihn lebhaft an das
erste Zusammentreffen mit ihr in New-York erinnerte, fasste sie seinen Arm und
führte ihn mit einem: »Kommen Sie, August!« nach einem der hinteren Zimmer. Die
Tür öffnete sich und von einem Stuhle am Kamin erhob sich eine schlanke Gestalt
in blauem Reitkleide. Helmstedt sah in ein bleiches Gesicht, das sich soeben zu
einem sonnigen Lächeln verklärte, sah in zwei grosse dunkle Augen, die ihm wie in
der vollen Befriedigung des Herzens entgegenblickten. - »Ellen!« rief er und sie
kam ihm, beide Arme ausgestreckt, entgegen. »Da bin ich, August!« sagte sie und
blieb, seine Hände fassend, mit einem Blicke der vollen Hingebung vor ihm
stehen, »du sagtest, du wolltest mich erringen, jetzt habe ich dich erringen
müssen und - ich gehe nun nicht wieder von dir!« schloss sie, während sie die
überquellenden Augen auf seine Schulter legte. Er hatte sie umschlungen, er
hatte seinen Mund auf ihren Nacken gedrückt und in der überwallenden Empfindung
alle Besorgnisse und Bedenklichkeiten, die ihn gequält, vergessen, und als sie
das nasse Gesicht lächelnd wieder zu ihm erhob, da fühlte er, dass ihm diesem
gegenüber jede Kraft zum Widerstande fehlte. Er führte sie nach dem von ihr
verlassenen Stuhle, zog sie dort auf sein Knie und sah ihr eine Minute
schweigend in die feuchten Augen, - eine Minute voller ungetrübter Seligkeit.
»Und du sagst, nun willst du nicht wieder von mir gehen?« Sie schüttelte mit
einem Lächeln voll Glück den Kopf. »Und was sagt dein Vater, Ellen?« Einen
Augenblick nur zog es wie eine leichte Wolke über ihr Gesicht, dann lehnte sie
wie in der Nacht, in der sie sich Beide gefunden, ihre Stirne gegen die seine
und legte ihre Arme um seinen Hals. »Du musst jetzt nicht von meinem Vater
sprechen, August,« sagte sie leise. »Als ich Nachricht von deinem Schicksale
erhielt und von dem Zeugnisse, wodurch ich dich von einer ungerechten
Verurteilung retten sollte, da wusste ich, dass ich nur eine Wahl hatte -
zwischen dir und meinen Eltern; es gab nichts dazwischen, August. Aber,« fuhr
sie fort und richtete den Kopf langsam auf, ihm mit voller Innigkeit in die
Augen sehend, »das Weib soll Vater und Mutter verlassen, heisst's in der Schrift,
und dass die Sorge meiner Eltern um mich nicht rechte Liebe war, hatten sie mir
gezeigt, als sie mich zu einer Heirat zwingen wollten, von der mich doch
eigentlich nur Gott gerettet. Ich bin, glaube ich, in der einen schlaflosen
Nacht vor meiner Abreise hierher von allen den Gedanken, die durch meinen Kopf
gingen, um zehn Jahre älter geworden, und als ich meinen Vater hier so
unerwartet traf, hatte ich, wenn mir das Herz auch noch so weh tat, als ich
sein starres Gesicht sah, doch Kraft genug zu tun, was ich musste. Ich bin, wie
es Pauline wollte, gestern Abend mit meinem Vater nach Oaklea gegangen. Ich sass
neben ihm im Wagen und Sarah sass auf dem vordersten Sitz neben Dick, aber er sah
starr in den Mondschein hinaus und kein Wort fiel auf dem ganzen Wege. Als wir
zu Hause ankamen, stieg er aus, als wäre er ganz allein, aber ich ging ihm nach
in die Bibliotek. Vater, sagte ich, willst du mir kein Wort geben? Er sah mich
gross an, als komme er erst jetzt aus seinen Gedanken zu sich. Hast du mir denn
ein Wort gegeben, als du dich heute vor das Gericht und die Menschenmenge
hinstelltest und nicht an deine Eltern, nicht an deine Ehre dachtest?- Vater,
sagte ich, hättest du haben wollen, dass ich ihn verurteilen liess, weil er
meinen Ruf nicht opfern wollte, oder wolltest du lieber, ich wäre jetzt von
Baker zur unglücklichsten Frau gemacht, vor dem er mich allein beschützt hat? -
Er antwortete nicht und sah, als wäre ich gar nicht da, ins Feuer. - Vater,
willst du nicht mit mir reden? fragte ich noch einmal, als er aber sein Gesicht
nach der andern Seite drehte, da fasste mich eine Regung, wie ich sie nie vorher
gekannt, ein Gefühl von der Selbstsucht meiner Eltern, die mich Baker geopfert,
die dich mit ruhigem Blute dem Gefängnis überantwortet hätte. Vater, willst du
mich nicht mehr als Kind haben, so sage es! rief ich und die Tränen kamen mir
in die Augen, ich habe Recht getan vor Gott und meinem Gewissen, und meinst du,
ich habe Euch damit Schande gemacht, weil es nicht Euer Weg war, so will ich die
Folgen allein tragen. Da drehte sich mein Vater um, er war blass geworden, dass es
mir trotz meiner Aufregung ins tiefste Herz schnitt. Es ist meine Strafe, sagte
er, gehe nur deinen Weg, trage die Folgen, aber sprich nicht mehr zu mir! und
damit stand er auf und ging zur Tür hinaus. Ich weinte nicht, August, es war
ein starkes Gefühl in mir, dass ich nicht anders gekonnt, und nur wenn ich an das
Gefühl meines Vaters dachte, brannte es mir wie ein heisser Schmerz in meiner
Seele. Als ich aus dem Zimmer trat, stand Sarah noch wie sie vom Wagen gestiegen
mit ihrem Päckchen in der Hand in der Halle und weinte bitterlich - Niemand
hatte ein Wort zu ihr gesprochen noch ihr einen Platz angewiesen; ich nahm sie
mit nach meinem Zimmer und sie schlief auf dem Fussteppich - mir war es, als sei
mein Schicksal halb das ihre. Ich habe ruhig die Nacht geschlafen, ich habe
Alles gewusst, wie es kommen musste und als mir Dick früh sagte, dass Mr. Elliot
schon einen Rundritt auf der Farm machte, da wusste ich, dass er mir aus dem Wege
gegangen war, denn jetzt im Winter gibt's nichts zu übersehen; ich liess mir das
Pferd satteln - und hier bin ich, August!«
    In diesem »hier bin ich« aber klang ein Ton, welcher dem jungen Manne durch
alle Nerven schauerte - es war das gänzliche Aufgeben ihrer selbst, das
Versprechen eines Himmels voll Seligkeit für ihn, und doch auch die Mahnung an
eine Verantwortlichkeit, für die er noch nicht vorbereitet war. Er nahm ihren
Kopf in beide Hände und küsste die zwei einsamen Tränen hinweg, die noch an
ihren Wimpern hingen. »Aber, Ellen, süsses Leben, weisst du denn wohl, dass ich arm,
wirklich arm bin?« begann er dann.
    Sie nickte, ihm tief in die Augen sehend. »Ich hätte dich wohl ausserdem nie
hier bei uns zu sehen bekommen!« sagte sie.
    »Dass ich - gestern aus dem Gefängnis gekommen, wo meine letzte Wohnung war -
kein Dach habe, was ich dir anbieten könnte, dass ich noch keine Stellung
besitze, um auch nur das Notwendigste für uns zu erwerben?«
    Sie nickte mit einem stillen Lächeln von Neuem. »Und was hindert dich denn,
die Hand auszustrecken und dir zu verschaffen, was nötig ist?« sagte sie dann,
»was hindert dich denn, Geld, viel Geld zu verdienen, wenn, du auch keine Farm
hast? Bist du denn nicht viel reicher, so arm du auch tust, als alle unsere
jungen Leute in der Nachbarschaft zusammengenommen?« Es war ein wunderbares
Gemisch, halb Laune, halb Innigkeit, was aus des Mädchens Gesicht strahlte;
durch Helmstedts Kopf aber schossen zehn verschiedene Gedanken, um den Sinn
ihrer Worte zu ergründen, dass sie vor dem eigentümlichen Ausdruck seines
Gesichtes plötzlich in ein helles, glückliches Lachen ausbrach und von seinem
Knie aufsprang. »Nicht wahr, August, ich bin noch ein leichtsinniges Kind?«
sagte sie, seine Hände fassend, »aber kann ich denn anders, wenn Jemand wie vor
lauter Rätseln steht, wo keine sind? Hast du denn nicht Kenntnisse, die in
unserer Gegend mit Gold aufgewogen werden möchten, dass Jeder uns um dich
beneidet hat? Halte mich nicht für leichtsinnig,« fuhr sie fort, an seiner Seite
niederknieend und den Ellenbogen auf sein Knie stützend - »ich wusste, was mein
Vater meinte, als er sagte: nimm die Folgen, aber ich wusste auch besser, als er,
was er an dir verloren, und der Folgen wegen störte, kein einziger böser Gedanke
meinen Schlaf. Ich will gar, nicht davon reden, dass du eben so bald eine
Stellung als Haupt-Clerk oder Buchhalter bekommen könntest, wie viele Andere,
die verheiratet sind - aber du spielst ja gut Piano, du sprichst französisch,
und die Familien in der ganzen Umgegend, die ihre Töchter nicht zur Erziehung
weit fortgeben wollen, greifen mit beiden Händen nach einem Lehrer in den
Branchen, wenn sie ihn nur haben können. Sage ein Wort und du hast mehr
Schülerinnen, als du brauchen kannst, und verdienst so viel Geld, als du nur
selbst willst. Und wolltest du nichts mit Privatfamilien zu tun haben, so gibt
es zwei Akademien in der Nähe der Stadt - ich kenne sie und auch die Not um
Musik und Sprachen darin, welche die besten Schülerinnen von dort weg und nach
dem Osten treibt - bis jetzt haben selbst glänzende Anerbietungen, wie es heisst,
keinen guten Lehrer nach unsern Hinterwaldtälern locken können. Wolle nur,
August, und du hast eine Stellung, in welcher jedes Mädchen stolz darauf sein
kann, deine Frau zu heissen,« fuhr sie fort und sprang auf, »du bist so reich und
weisst es selbst nicht.«
    Helmstedt sah in ihr erregtes Gesicht, das von Verstand durchstrahlt in
diesem Augenblicke schöner war als je und zog sie wieder auf sein Knie. »Ich bin
so reich und weiss es selbst nicht!« sagte er, sie anblickend, als wolle er sich
ganz in ihr Auschauen versenken, bis sie ihm mit beiden Händen die Augen
zuhielt. »So habe ich es nicht gemeint und du weisst es!« rief sie, »gibt es aber
jetzt noch immer Rätsel für dich?«
    Er nahm ihre Hände in die seinen und sagte, ernst werdend: »Betrügst du dich
denn nicht vielleicht selbst mit glänzenderen Hoffnungen, als sie sich
verwirklichen können? Ich habe gestern Abend mit Mortons über meine Zukunft Rat
gepflogen und Niemand wusste wirklichen Rat -«
    »Weil Mr. Morton ein alter Mann ist und Pauline die Gesellschaft hier noch
zu wenig kennt,« unterbrach sie ihn, »und doch wird selbst der alte Herr mir
Recht geben, sobald ihm nur der Gedanke vor die Augen gebracht wird. Verlangst
du denn noch eine grössere Sicherheit, als dass ich alles Elend, was daraus
entspringen mag, mit dir tragen will? Entscheide dich nur, ob du hier auf dem
Lande bleiben oder in die Stadt gehen willst, und es wird wenig Worte kosten, um
deine ganze Stellung geordnet zu haben.«
    Helmstedt sah einen Augenblick nachdenkend vor sich nieder. »Lass uns mit Mr.
Morton reden,« sagte er dann, »ich werde ihn jedenfalls bedürfen, um mir an den
nötigen Orten den ersten Eintritt zu verschaffen. Wenn er aber mit dir in der
Ansicht der Dinge übereinstimmt,« fuhr er dann fort, »dann, meine Ellen, gehe
ich zur Mittagszeit nach Oaklea zu deinem Vater - ich will nichts verstohlen
tun, ich will mich ihm gegenüberstellen wie der Mann dem Manne.«
    Die Röte der Erregung wich aus Ellens Wangen, sie erhob sich. »Tue es, ich
will stolz darauf sein,« sagte sie, »aber denke daran, dass mein Vater Gewalt
über mich hat, so lange ich nicht durch das Gesetz dein bin, und dass, wenn er
mich auch jetzt wie ein trotziges Kind hat gehen lassen, sich doch der Sinn der
Menschen ändert, wie sich der Wind dreht!«
    Helmstedt sah rasch auf in ihr dunkles, ernst gewordenes Auge und es überkam
ihn, als stände er vor dem Scheidepunkte seines ganzen künftigen Lebens. Er
drückte einen Moment die Hand vor die Stirn. »Lass uns mit Mortons reden,« sagte
er aufspringend, »und dann mag uns das Schicksal führen, wie es will!« Er nahm
sie in seine Arme, sah ihr in die Augen und küsste sie, küsste sie zum zweiten
Male - es war ihm, als wisse er nicht, sei es der Brautkuss, oder der letzte Kuss
vor der Trennung. »Komm!« sagte er dann und führte sie nach dem Parlor.
    Im Fenster stand Pauline, die sich bei ihrem Eintritte herumdrehte und sie
mit einem stillen Lächeln empfing - aber ihre Augen schienen verweint, und jetzt
ging es durch Helmstedts Kopf, ein fremdartiges Gefühl in ihm erregend, dass sie
ihn doch zu Ellen geführt und er nicht einmal wusste, zu welcher Zeit sie das
Zimmer wieder verlassen hatte. Aber es blieb ihm nicht lange Zeit, seinen
Erinnerungen nachzuhängen, denn von einem Divan, nahe dem Feuer erhob sich
Morton und schritt auf sie mit der Frage zu, wie weit sie mit einander gekommen
seien.
    »Ich möchte mit Ihnen ein paar Minuten beratschlagen, vielleicht auch Ihre
Hilfe erbitten,« sagte der junge Mann, »lassen wir die Ladies so lange allein!«
    Morton nickte schweigend, fasste ihn beim Arme und führte ihn zur Tür hinaus
nach einem Hinterzimmer. Hier »setzen Sie sich!« sagte er, auf einen Armstuhl
deutend, »und nun machen Sie Ihr Herz frei!«
    Helmstedt teilte ihm in kurzen Worten mit, was sich zwischen Ellen und
ihrem Vater zugetragen und gab ihm deren Ideen und Hoffnungen für seine Zukunft.
Morton hatte, ohne ihn mit einem Worte zu unterbrechen, zugehört. »Well, Sir,«
erwiderte er dann, »ich will Ihnen zweierlei sagen. Das Kind ist klüger als wir
Alle zusammen, das mag aber ihre Liebe tun, die ihr die Augen geschärft hat.
Sagen Sie, Sie wollen Pianolehrer werden, so will ich Ihnen mit irgend einer
Summe Ihren Erfolg garantiren - dumm genug, dass wir nicht selbst darauf gekommen
sind, da doch in unserem ganzen Süden nichts mehr gesucht ist, als Männer mit
solchen Kenntnissen. Morgen, wenn Sie wollen, will ich mit Ihnen nach beiden
Akademien gehen, Sie können ein Wohltäter für die meisten Familien in unserer
ganzen Gegend werden, die jetzt das teuere Geld für ihre Töchter nach dem Osten
schicken. Wollen Sie aber unter allen Umständen Glück machen, Sir, so müssen Sie
eine Frau haben; die meisten der jungen Ladies, die Ihnen anvertraut werden
sollen, sind zwar in vieler Beziehung noch Kinder, aber doch oft sechzehn,
siebzehn Jahre alt - und darum sage ich Ihnen zweitens, gehen Sie vom Platze weg
mit Ellen zum Friedensrichter; ich werde dafür sorgen, dass Ihnen kein Hindernis
dort in den Weg tritt - das gibt erstens ein Punktum als Schluss zu Ihrem
Prozesse, der Ihnen das volle Vertrauen und die allgemeine Teilnahme sichert;
zweitens aber wissen Sie nicht, was Elliot tun mag, wenn er Mittags nach Haus
kommt und sein Mädchen ausgeflogen findet - er mag vielleicht nicht an die
Energie des Kindes geglaubt haben - und, Sir, aufrichtig gesprochen, Sie sind es
Ellen schuldig! Wollen Sie zu ihrem Vater gehen, wie Sie gestern Abend meinten,
so gehen Sie wenn nichts mehr zu ändern ist!«
    Helmstedt stand langsam von seinem Stuhle auf, das Blut war ihm hell ins
Gesicht gestiegen. »Raten Sie mir den Schritt an, Mr. Morton, als Mann, der die
Verhältnisse hier kennt, der weiss, was Ehre verlangt,« sagte er, »würden Sie ihn
selbst verzeihlich finden, wenn Sie als Vater dabei beteiligt wären?«
    »Ich rate Ihnen dazu als ehrlicher Mann,« war die ernste Antwort, »der mit
unparteiischerem Auge die Sachen ansieht, als es ein Vater könnte - rate es
Ihnen Ihres eigenen und des Mädchens Besten wegen, die Ihnen ihren Ruf geopfert
hat, den Sie ihr wiederherstellen müssten, wenn Sie auch nicht einmal an ihr
übriges Glück denken wollten -«
    »Es ist genug, Mr. Morton, ich danke Ihnen,« unterbrach ihn Helmstedt, seine
Hand ergreifend, und atmete auf, wie nach dem Abwerfen, einer Bürde, »geben Sie
mir die nötigsten Anweisungen über wo und wie, und wenn Ellen bereit ist, so
tue ich jetzt sogleich die nötigen Schritte. Wenn wir aber zurückkommen, muss
ich Sie dann um Obdach für uns bitten, bis meine übrigen Verhältnisse geordnet
sind.«
    »Well, Sir, das ist doch endlich ein vernünftiges Wort,« sagte Morton, seine
Hand schüttelnd »Ich schreibe ein paar Zeilen an einen Freund von mir der
Friedensrichter ist und keine Umstände mit Ihnen machen wird, und schicke, um
jede Zögerung zu vermeiden, den Cäsar damit nach der Stadt voraus - in einer
halben Stunde sollen Sie die kleine zweisitzige Kutsche haben und dann gehen Sie
los. Jetzt lassen Sie aber unser Kind nicht länger warten.«
    Helmstedt verliess mit Morton, der nach der Hintertür des Hauses ging, das
Zimmer zu gleicher Zeit; als er aber am Eingange zum Parlor angelangt war, blieb
er stehen und drückte die Hand gegen die Stirn, er fühlte sich wie im Traume.
Durch die Tür klang Ellens Stimme, derselbe klare, weiche Ton, der ihm Tags
zuvor im Gerichtssaale wie Rettung ins Ohr geklungen - »ich komme, ich folge
deinem Sterne, wohin er auch führen mag!« sagte er halblaut und öffnete die
Tür.
    Im Divan, nahe dem Fenster, sass Ellen, den Kopf in die Hand gestützt, und
ein leichtes Rot schoss in ihr bleiches Gesicht, als der junge Mann eintrat. An
einem Seitentische stand Pauline und schien in den dort liegenden Büchern zu
blättern, aber Helmstedt bemerkte sie nicht. Er ging auf das Mädchen los und
kniete schweigend vor ihr nieder. »Willst du mich denn annehmen, wie ich bin?«
sagte er, »willst du dich denn an mich ketten und mit mir tragen, was da kommt,
Leid und Freude, Sonnenschein und Sturm?« Sie bog sich nieder zu ihm, umschlang
seinen Nacken und legte den Kopf gegen den seinigen. »Warum fragst du denn noch,
August? Habe ich dir denn nicht gesagt, dass ich nicht wider von dir gehe?«
    Die Tür klappte leise, Pauline hatte das Zimmer verlassen, aber die beiden
Glücklichen hörten es nicht. - -
    Die kurze Abenddämmerung desselben Tages ging bereits in Dunkelheit über,
als Helmstedt, aus der Stadt zurückkehrend, das Gattertor an Mortons Besitzung
öffnete und bei dem Hause wieder vorfuhr. Morton schien nach den Ankommenden
ausgesehen zu haben und trat in den Portico heraus, eben als Helmstedt die
weibliche Gestalt, die den Sitz mit ihm geteilt, aus den Wagen hob. »Alles in
Ordnung?« fragte der alte Pflanzer. »Da ist meine Frau!« sagte der Angekommene
und schlug den Schleier von Ellens errötendem Gesichte. Morton bog sich zu ihr
hinab und küsste sie. »Denke, es sei der Kuss deines Vaters, Kind,« sagte er,
»wenn der auch jetzt noch zu hartköpfig dazu ist, und Gott gebe euch Beiden
seinen reichsten Segen! - Er ist hier gewesen, der Alte,« fuhr er fort, »ich
ahnte doch schon heute Morgen das Rechte; geht jetzt nur zuerst nach dem Parlor,
dort liegt ein Brief von ihm, nachher sprechen wir weiter!«
    Als sie die Halle betraten, schritt aus einem Winkel eine dunkle Gestalt
hervor, die Ellens Hand fasste und sie gegen ihre Lippen führte. »Sarah!« rief
diese überrascht, »was tust du denn hier?« und die Schwarze brach in ein
halbunterdrücktes Schluchzen aus. - »'S ist schon recht, Kinder, werdet Alles
verstehen!« sagte Morton. »Geh jetzt nach der Küche, Mädchen, und das Uebrige
wird sich finden.«
    Der erleuchtete Parlor war leer, auf dem Mitteltische aber lag in die Augen
fallend ein dicker Brief. Helmstedt half erst seiner jungen Frau aus den Hüllen,
dann griff er, während sie ihre Hände auf seinen Schultern ruhen liess, nach dem
Schreiben und öffnete es mit gespannter Seele. Es war an ihn gerichtet und
entielt als Beilage ein kleines Buch. Der Inhalt des Briefes lautete:
                »Sir!
    Meine Tochter hat den von ihr eingeschlagenen Weg weiter verfolgt und ich
komme zu spät, um sie vor einem unausbleiblichen trüben Geschicke zu bewahren.
Ich mache Ihnen keine Vorwürfe, denn kaum weiss ich, wie Sie nach dem
Vorgefallenen anders hätten handeln können; ich will Ihnen auch zugestehen, dass
ich bei der geringen Zeit und Gelegenheit, welche Sie in meinem Hause hatten,
nicht an eine vorsätzlich gesponnene Intrigue Ihrerseits glaube - ich mache auch
meiner Tochter keine Vorwürfe, diese fallen alle auf mich selbst und die Art,
wie ich mein gewesenes Kind erzog, zurück. Bei alledem werden Sie einsehen, dass
Ihr heute getaner Schritt Ellen für alle Zeit aus ihrer Familie ausschliessen
muss, und ich kann deshalb nichts weiter tun, als Gott bitten, dass er sie vor zu
grossem Unglück bewahre, wie ich für jeden Fremden beten würde, und ihr beigehend
das ihr gehörende Eigentum zu übersenden. Dahin gehört die Ueberbringerin:
Sarah; ein Bankbuch, worin der aufgesammelte Betrag des für Ellens Nutzniessung
bestimmt gewesenen Stückes Farm in den einzelnen Depositen verzeichnet ist und
zu ihrer Verfügung steht, zusammen 1125 Dollars. Sollte sich noch Eigentum von
ihr im Verwahr der abwesenden Mutter befinden, so hat diese heute Auftrag
erhalten, es sofort an Mr. Morton für sie abzusenden. Das ihr zugehörige Pferd
hat sie bereits heute Morgen an sich genommen, ich füge aber hierzu noch das von
Ihnen selbst, Sir, gerittene, da ich dieses Ihnen, wenn auch unter anderen
Umständen, überlassen hatte. Jeden Versuch zu einer Communication mit mir oder
Ellens Mutter wollen Sie gefälligst unterlassen, da uns keiner Ihrer Briefe
erreichen würde. Möge Ellen ihre zu früh gewonnene Selbstständigkeit nicht zu
früh zu bereuen haben.
                                                                        Elliot.«
    Helmstedt sah noch, nachdem er ausgelesen, einen Augenblick wortlos auf die
Zeilen; er hatte Anderes, Schlimmeres erwartet. Als er aber den Blick in das
Gesicht seiner schweigenden jungen Frau warf, sah er ihre Augen in hellen
Tränen glänzen. »Es wird gewiss noch Alles ganz gut werden, August!« sagte sie
leise, »ich kannte meinen Vater, und wenn er sich auch jetzt zwingt hart zu
sprechen, so kann er sein Herz doch nicht ganz von mir reissen. Jetzt haben wir
doch schon einen Anfang und brauchen keine Hilfe von anderen Leuten und lass nur
eine Zeit verstreichen, bis er dich ganz hat kennen lernen, und es wird Alles
vergessen und vergeben sein!«
    Es klang so wunderhübsch in dem Munde dieses jungen verwöhnten Kindes: »wir
haben doch schon einen Anfang!« dass Helmstedts ganze Seele hätte lachen mögen.
»Halte fest an mir, du mein ganzes Glück,« sagte er und drückte sie an sich,
»und ich will dich tragen, dass kein Stein deinen Fuss berühren soll, so lange ich
selbst noch aufrecht stehe!«
    Sie wurden durch Mortons Eintritt unterbrochen. »Ich störe euch, Kinder,«
sagte er, »aber das wird euch wohl noch oft in euren glücklichsten Lebensstunden
passiren, - Glück und Trauer liegen oft kaum einen Schritt von einander. Wir
müssen einen Besuch beim alten Isaac machen, Mr. Helmstedt, es wird aber wohl
unser letzter sein, kommen Sie!«
    »Ist er so krank geworden, oder ist sonst Etwas mit ihm vorgegangen?« rief
der junge Mann besorgt; Morton aber antwortete nicht, öffnete die Tür und
schritt den Beiden die Treppe hinan nach dem Zimmer voraus, in welchem Helmstedt
den Pedlar am Abend vorher verlassen.
    Der alte Mann lag mit geschlossenen Augen in seinem Bette - die weisse Decke,
die ihn einhüllte, war mit Blut gefärbt. Seine abgemagerte Hand ruhte neben
einem offenen Notizbuche vor ihm; zur Seite des Lagers stand ein Arzt, dem
chirurgischen Bestecke nach zu urteilen, das er eben zusammenwickelte, und am
Fusse des Bettes lehnte Pauline, die indessen beim Eintritte der jungen Leute das
Zimmer verliess. Helmstedt war rasch bis zum Lager vorgegangen, warf einen Blick
auf die Umgebungen und dann in das bleiche, unbewegliche Gesicht des
Daliegenden.
    »Ist er todt?« fragte er nach augenblicklicher Pause mit erschütternder
Stimme.
    »Das Leben scheint ihn schon seit länger als zwölf Stunden verlassen zu
haben,« erwiderte der Doctor, »er hat augenscheinlich während der Nacht einen
Blutsturz bekommen - wie lange er aber nachher noch gelebt, lässt sich nicht
bestimmen; jedenfalls scheint er schon vorher eine Ahnung von seinem Ende gehabt
zu haben, nach der Art von Testament zu schliessen, welches sich hier in seinem
Notizbuche findet.«
    »Ja, er ist todt, der alte Kamerad!« sagte Morton und fuhr sich mit der Hand
über die Stirn. »Er hat ausgewandert und sein Kasten wird ihn nicht mehr drücken
- möchten wir nur Alle so leicht aus dem Leben gehen, wie er es getan.«
    Helmstedt fasste die kalte Hand des Todten. »Aber um Gottes willen,« rief er,
»ich habe doch letzte Nacht ein langes Gespräch mit ihm gehabt und es war heute
fast Mittag, als ich wegfuhr und auch da schien noch Niemand Etwas zu wissen.«
    »Sehen Sie ihn nur an, ob er nicht aussieht, als schliefe er in voller
Harmlosigkeit,« sagte Morton; »so fand ihn Cäsar, als er heute Morgen ins Zimmer
sah und ging zurück, um ihn nicht zu stören; so liess sich dieser das zweite Mal,
kurz vor Mittag, täuschen und erst als ich Nachmittags selbst mit heraufging, um
nach dem alten Manne zu sehen, wurde das Blut auf dem Bette wahrgenommen und wir
merkten, wie die Sachen standen. Ich schickte nach dem Doctor hin, um nichts zu
verabsäumen; aber, wie er sagt, der Tod hat wahrscheinlich schon während der
Nacht stattgefunden. - Da sind seine letzten Zeilen, die er für Sie
aufgeschrieben hat,« fuhr Morton fort und reichte dem jungen Manne das Notizbuch
vom Bette, »lesen Sie vorläufig - ich denke, der Coroner, nach dem ich aller
Vorsicht wegen geschickt habe, muss in einer halben Stunde hier sein, und dann
mögen Sie das Buch ganz an sich nehmen.«
    Auf einem ausgerissenen Blatte standen mit sichern englischen Schriftzügen
die nachfolgenden mit Bleistift geschriebenen Zeilen:
    »Ich weiss nicht, ob mir nicht während der Nacht etwas Menschliches zustossen
kann, ich habe schon den ganzen Abend Blutgeschmack im Munde und ein sonderbares
Gefühl in der Brust; sollte es sein, so bedauere ich es nicht, denn ich habe
jetzt nicht mehr viel in der Welt zu tun, und ich bitte nur Mr. Helmstedt, sich
meiner Papiere anzunehmen, welche sich in der Tasche dieses Buches befinden. Es
sind die Depositenscheine meiner Ersparnisse, welche nach meinem Tode meinem
Schwestersohne gehören sollen. Alle die hierfür nötigen Nachweisungen sind auf
dem ersten Blatte dieses Buches verzeichnet. - Mr. Helmstedt bitte ich ferner,
da ihm sein Stolz doch nicht erlauben würde, Etwas von mir anzunehmen, den alten
Isaac nicht ganz zu vergessen sollte aber eine Zeit kommen, wo er doch noch die
ihm gemachten Vorschläge annehmen wollte, so bedarf es nur eines Briefes von ihm
an das Haus in New-York, in welchem er das kaufmännische Geschäft gelernt hat
und er wird offene Aufnahme finden. Im Riverhause befindet sich mein
Pedlarkasten im Verwahrsam des Wirtes. Alle Waaren darin sollen Cäsar gehören,
dem ich manchen Dank schuldig bin; er mag sein Glück noch einmal damit bei Sarah
versuchen. - Mit meinem Leibe mag geschehen, was da wolle, und meine Seele wird
ihren Weg finden ohne menschliches Zutun.
                                                                  Isaac Hirsch.«
    Das Schriftstück war bis auf die Namensunterschrift mit fester Hand
geschrieben und musste zeitig in der Nacht angefertigt worden sein. - Helmstedt
schloss das Buch, legte es unter die Hand des Todten und drückte diese leise.
    »Lassen Sie uns jetzt gehen,« sagte Morton nach einer kurzen Stille. »'S ist
noch etwas Anderes, was ich mit Ihnen ordnen möchte, Mr. Helmstedt; dem Todten
musste zuerst sein Recht werden, doch das Leben hat an Sie heute mehr Anspruch,
als an irgend einem andern Tage. Kommen Sie mit hinunter.«
    Er öffnete die Tür, liess die Anwesenden hinausgehen und verschloss sie
sodann. Der Arzt verabschiedete sich, sobald sie die Halle erreicht hatten,
Morton aber ging nach dem Speisezimmer voraus, wo bereits das Abendessen
aufgetragen war und Pauline wartend stand. Sie streckte Helmstedts Frau die Hand
entgegen und küsste sie schweigend, als diese sich in ihre Arme warf; dann
reichte sie dem jungen Manne die Hand. »Sein Sie glücklich, August!« sagte sie
in deutscher Sprache, dass diesem bei dem ungewohnten Klange das Herz weich
wurde, und liess ihn eine Secunde in ein Auge sehen, das lächeln wollte und doch
vor Weh nicht zu können schien. Helmstedt drückte ihre Hand in einem Gefühle,
das ihm selbst nicht klar war; sie aber zog sie leise hinweg und ging nach ihrem
Platze am Tische, wo der singende Teekessel auf sie wartete.
    »Einen Augenblick noch, Paully, ehe wir uns niedersetzen!« sagte Morton,
»dann sind wir mit Allem fertig. Ich möchte heute gern noch einen Menschen
glücklich machen, das ist Cäsar, der ganz verdreht tut, seit Sarah wieder,
zurückgekommen ist - und ich glaube, so viel ich heute gesehen, wird ihn das
Mädchen nicht wieder fortstossen. Ist es nicht so, Mary?« rief er der bei Seite
stehenden Schwarzen zu und diese liess ein kicherndes: »ich glaube selbst, Sir!«
hören. »Sarah ist jetzt euer Eigentum, Kinder,« fuhr er fort, »und Ellen, die
von Jugend auf an sie gewöhnt ist, wird sie schwer entbehren können, darum tut
mir die Liebe, nehmt Cäsar zu euch und lasst die Beiden mit einander
wirtschaften - betrachtet den schwarzen Burschen als eine kleine Gabe zu eurer
Hochzeit, und wenn ihr meint, er sei zu viel fressendes Kapital für eure
jetzigen. Verhältnisse, so vermietet ihn an ihn selbst; er ist ein tüchtiger
Zimmermann, der so viel verdienen kann, als er nur will. Wenn er euch auch eine
ordentliche Miete für sich zahlt, so wird er doch noch Geld genug zurücklegen
können, um selbst ein kleines Vermögen zu sammeln, und Niemand wird glücklicher
dabei sein, als er selber. Abgemacht, wie?«
    »Ich kann doch nichts dagegen sagen, wenn heute noch Jemand glücklich
gemacht werden soll?« erwiderte Helmstedt, seine Hand in die Mortons legend; »im
Uebrigen aber unterwerfe ich mich Allem, was meine kleine Frau über Verhältnisse
der Art beschliessen wird; ich habe auch wohl noch nicht die Spur von Kenntnis
darin - und auch wohl kein eigentliches Recht!«
    »Das wird sich Alles später finden und ordnen. Heute Abend scheint Mistress
Helmstedt noch nicht viel von dem eigenen Rechte wissen zu wollen!« lachte
Morton und warf einen Blick voll Laune auf die junge Frau, die still an
Helmstedts Arme hing. »Geh, Mary,« rief er der Schwarzen zu, »und sage den
Beiden, wie es steht, ich werde nachher selbst kommen und ihnen eine Predigt
halten. Und nun zu Tische, Kinder.« - -
    Eine halbe Stunde später geleitete Morton das junge Paar nach dem
Hinterzimmer, in welchem Helmstedt am Morgen desselben Tages Ellen getroffen,
und das vorläufig zur Wohnung für Beide eingerichtet worden war. Er schüttelte
Helmstedt derb die Hand, küsste Ellen auf die Stirn - und die Tür schloss sich
hinter Beiden, - Morton ging nach einem der hintern Flügel des Hauses, wo sich
die Küche befand, aus welcher sich dann und wann das eigentümliche Lachen
fröhlicher Schwarzen hören liess. -
    Pauline hatte, schon als sich das Abendessen seinem Ende zuneigte, still das
Speisezimmer verlassen und im Dunkeln ihr Schlafzimmer gesucht. Da kniete sie
vor ihrem Bette nieder und drückte den Kopf in die Kissen. Lange blieb sie so
und nur ein zeitweiliges Zusammenzucken ihres ganzen Körpers liess auf den
Zustand ihres Innern schliessen. Als sie sich endlich erhob, verriet nichts als
noch ein unwillkürliches Schluchzen die überwundene Aufregung. Sie tauchte ein
Tuch in das Wasser auf dem Waschtische und presste es gegen die Augen; dann ging
sie ruhig nach dem Parlor, um dort Mortons Rückkehr abzuwarten.
                               Schluss des Pedlar.
 
    