
        
                                  Louise Otto
                                    Nürnberg
                Culturhistorischer Roman aus dem 15. Jahrhundert
                                   Erster Band
                           Vorwort zur zweiten Auflage
Es war im Sommer 1856, als ich zum ersten Male nach Nürnberg kam. Eine Reise
nach der Schweiz, die ich von meiner Vaterstadt Meissen aus (das man auch
zuweilen seiner altertümlichen Bauart wegen »Klein-Nürnberg« genannt),
angetreten, führte mich dahin. Man reiste damals noch nicht mit der fliegenden
Eile von heutzutage - ich wenigstens war da gerade in der glücklichen Lage, an
der Seite einer Freundin ohne zwingendes Ziel rein des Vergnügens willen zu
reisen und Alles mitzunehmen, was sich Interessantes am Wege bot. Von all dem
dünkte uns Nürnberg das Interessanteste, so bald wir es nur betraten - und nicht
eher verliess ich es wieder, bis all seine Merkwürdigkeiten und Herrlichkeiten
sich mir erschlossen und alle Denkmäler aus der Blütezeit mittelalterlicher
Kunst mir ihre Geschichte erzählt hatten.
    Als ich im Sonnenuntergang auf der Veste stand und über die Mauern des
Burggartens hinabblickte und hinein in die unzähligen Gassen und Gässlein der
alten Stadt, auf all die Türme und Giebel, die Chörlein und Brunnen, die da
sprachen von einer glorreichen Vergangenheit, wie kaum eine andere deutsche
Stadt sie erlebt und von der wenigstens in keiner andern so viel treu behütete
Erinnerungszeichen bis auf unsere Tage gekommen, dass man Nürnberg wohl nennen
mag: das Reliquienkästlein des deutschen Reichs - da ward die ganze alte Zeit
lebendig vor mir und die Jahrhunderte versanken, wie der eine sinkende Tag.
    Da war mir, als sähe ich da unten nicht nur Albrecht Dürers Standbild,
sondern den Meister selbst, da er noch als Lehrling beim Meister Wohlgemut
arbeitete und mit dem Patriziersohn Willibald Pirkheimer das edelste
Freundschaftsbündniss schloss - da sah ich die deutschen Kaiser einziehen und wie
auf Kaiser Friedrichs III. Wink Elisabet Behaim den Dichter Konrad Celtes auf
offnem Markt mit dem Lorber krönte - sah wie Kaiser Maximilian I. bald auf der
Veste einkehrte beim Burggrafen von Zollern, an der Seite seinen lustigen Rat
Kunz von der Rosen, bald selbst Quartier nahm im Hause Scheurls, das noch
unverändert steht - sah wie die Baubrüder arbeiteten nach dem System des
Achtorts in der Bauhütte neben der Lorenzkirche und Hüttentag hielten - sah die
beiden Loosunger und die Genannten aus den edelsten Nürnberger Geschlechtern:
Tucher, Holzschuher, Muffel, Behaim u.s.w. zum Rathaus gehen - sah hinein in
Peter Vischers Giesshütte und in Adam Krafts Werkstatt am Steig und -
    Was ich da sah im Sonnenuntergang und im Mondschein, das sollte zu mehr
werden, denn zu einem flüchtigen Reiseeindruck - als ich andern Tags noch einmal
in der herrlichen Lorenzkirche weilte, dem schönsten Denkmal gotischer Baukunst
und geschmückt mit Werken eines heiligen Kunsteifers, wie eben nur jene
Blütezeit des Mittelalters ihn aufzuweisen hat, da tat auch ich bei all diesen
Werken reiner Begeisterung und bei meiner eigenen ein Gelübde: zu versuchen, an
all diese Denkmale noch selbst durch ein geschriebenes Denkmal zu mahnen.
    Als ich wieder heimgekehrt, kam mir Nürnberg nicht aus dem Sinn - aber meine
Aufgabe schien mir zu gross, als dass ich gleich so ohne Weiteres an deren Lösung
gegangen wäre - konnte man doch von jenen Nürnberger Meistern selbst lernen, wie
man mit Ernst und Fleiss arbeiten muss, will man etwas Rechtes erreichen. Ueber
ein Jahr lang habe ich denn nur im Mittelalter und in Nürnberg im Geist gelebt;
ein Freund und Gönner, der Culturhistoriker Hofrat Gustav Klemm,
Oberbibliotekar der Königl. Bibliotek in Dresden, der früher selbst lange in
Nürnberg gelebt, war mir freundlich behülflich, Alles zu suchen, was jene
Bibliotek von alten Werken darauf Bezügliches entielt - und nicht eher, bis
ich durch die fleissigsten Studien ganz auf dem gewählten Schauplatz zu Hause
war, ging ich an meine Arbeit. Aber ich wollte in ihr nicht allein ein
culturhistorisches Bild liefern, sondern auch ein poetisches Kunstwerk - wollte
Ewiges darstellen im Endlichen, wie es meine Helden - die Baubrüder, ja auch
selbst getan.
    So erschien denn mein »Nürnberg« 1859. Es war mein erster historischer Roman
- und ich hatte die Freude, ihn vom Publikum wie Kritik in gleicher Weise
beachtet und - was bei mir viel sagen will, da mein entschiedener
Parteistandpunkt mir immer viele principielle Widersacher schuf - einstimmig
anerkannt zu finden. Ich darf mich mit Freuden auf die Urteile der
angesehensten Zeitungen und auf Namen berufen wie Gutzkow, Alfred Meissner,
August Silberstein, Karl Frenzel, Ludwig Eckhardt, Hermann Klencke, Heinrich
Kurz, Hermann Marggraf u.s.w. Was mich aber am meisten freute, das war, dass aus
Nürnberg selbst mir die vielfachste Zustimmung zu Teil ward und dass Andere,
wenn sie nach Nürnberg reisten, mir versicherten, mein Buch sei dafür der beste
Führer.
    Jahre vergingen - die letzten Sommer führten mich wieder nach »Nürnberg« -
da grüsste mich dort mehr als ein Freund deutscher Kunst und Grösse mit der bangen
Bemerkung: »Es ist gut, dass Sie jetzt noch kommen - denn bald werden Sie Ihr
Nürnberg nicht mehr finden!«
    Die Stadt, die bisher die Erinnerungen ihrer reichsstädtischen
mittelalterlichen Grösse so treu gehütet, hatte an der Zerstörung derselben
begonnen - im Interesse des Nivellirungssystems der modernen Industrie sollten
die alten Mauerkronen fallen sammt Türmen und Toren - -
    Da gedachte ich wieder meines Nürnberg und da ich erfuhr, dass die erste
Auflage bis auf das letzte Exemplar schon längst vergriffen war und ich darüber
nur keine Mitteilung erhielt, weil der Verlag, in dem es damals erschien, an
eine andere Firma übergegangen, so erschien es mir an der Zeit, jetzt eine
zweite Auflage davon zu veranstalten und es namentlich auch Allen, die sich für
die alte Reichsstadt und ihre einstige Kunstblüte interessiren, nochmals zu
bieten, als ein Denkmal ihrer Herrlichkeit - wie ja auch Holzschnitt und
Photographie sich eben jetzt noch bemühen, festzuhalten, was noch vom alten
Nürnberg steht, weil man ja nicht weiss, wie lange es noch der modernen
Zerstörungssucht widerstehen kann.
    Und so sende ich denn diesen Roman zum zweiten Male in neuer Gestalt und
nochmals durchgesehen, wenn sonst auch unverändert, hinaus in die Welt und
hoffe, dass er keine ungünstigere Aufnahme findet, als das erste Mal. Und somit
grüss' ich all die Freunde, die er schon fand und die er mir selbst erwarb - und
vor Allem grüsse ich Nürnberg selbst und in ihm die Hüter und Förderer des »
Germanischen Museums«, denen ich mein Werk nochmals zu Füssen lege.
    Leipzig, 1874. Die Verfasserin.
 
                                  An Nürnberg
Du edles Nürnberg bist wie eine Blume
Im deutschen Reich, so herrlich anzusehn!
Du blühst dir selbst und aller Zeit zum Ruhme,
Lässt Balsamdüfte durch die Lande wehn!
Und deine Zauber wirken fort und fort
In Kunst und Wissenschaft, in Bild und Wort.
Dahin zog es von je die edlen Geister,
Die gern sich sonnen in des Lebens Glanz,
Die Herrn und Fürsten und die grossen Meister
Von jeder Kunst im schön verbundnen Kranz.
Dort kämpfte man zuerst für Recht und Licht
Und huldigte der Schönheit und der Pflicht.
Auch ich sah dich - und deine Steine sprachen,
Von Allen Türmen hallte Glockenklang,
Und tausend Stimmen aus vergangnen Tagen
Vereinten sich wie feiernder Gesang,
In deinen Kirchen, deinen Monumenten,
Schrieb Kunst die Chronik mit geweihten Händen.
Die Baukunst, die dem Namen der Germanen
Die höchste Ehr im Tempelbau erschuf,
Und die, entrückt dem Eingriff der Profanen,
Die freie Steinmetzzunft weiht dem Beruf
Zu zeigen, wie das Ewige erscheint
Im Endlichen, wenn es die Kunst vereint.
Solch Ringen war's, das nach dem höchsten Ziele
Baubrüder von St. Lorenz hier gepflegt,
Wie sie einst aufgerissen die Profile
Albertus Magnus Lehre treu gehegt:
Das ward auch hier, auch mir ein Offenbaren
Vom Tempelbau des Schönen und des Wahren.
Und also ging ein Auf- und Vorwärtsstreben
Grad durch die Zeit und durch das deutsche Reich.
Die Reichsstadt durfte hoch das Haupt erheben,
Stellt' Bürgertum dem Fürstentume gleich,
Und nur dem Kaiser, den sie mit gebüret
Gab sie die Huldigung, die ihm gebüret.
Und edle Frauen durften stolz sich zeigen,
Die Kunst beschützen, wie die Wissenschaft,
Den Lorberkranz erwählten Dichtern reichen,
Die Anmut fügen zu der kühnen Kraft,
Und von der Blüte solchen Bürgertumes
Gehört für sie ein Teil des höchsten Ruhmes.
All dies in deinen Mauern wohl geborgen
Du edles Nürnberg zeigte mir der Geist,
Und was ich sah, und was ich konnt erhorchen,
Das dich vor aller Welt noch einmal preist:
Das hab ich, wie ich mich an dir erhoben
Dich auch erhebend in mein Werk gewoben! -
Geh hin, mein Buch, und grüss die deutschen Auen
Und grüsse Alle, die Begeistrung weiht,
Baubrüdern gleich, am Tempel mit zu bauen,
Auf altem Grund im Dienst der neuen Zeit!
Dass deutsche Kunst und Art bleib' unvergessen,
Das ist das Ziel, dess sich dies Buch vermessen.
                                                         Nürnberg, October 1873.
                                                                    Louise Otto.
 
                                 Erstes Capitel
                               Der Wandergeselle
An einem sonnenklaren Maientage des Jahres 1489 wanderte ein schlanker Jüngling
auf der breiten Heerstrasse, die von Westen nach Nürnberg führte, der ehrwürdigen
Reichsstadt zu. Schon waren ihm viele Menschen begegnet zu Fuss wie zu Ross und
hoch mit Kaufmannsgütern beladene Wagen, umgeben von zahlreichem Geleit, denn
ohne solches wagte Niemand die Waaren zu versenden, die so noch oft genug in die
Hände der rohen Raubritter fielen, die ihr Wesen gerade am Aergsten von ihren
düstern Burgen herab in der Nähe der freien Reichsstadt trieben, deren Reichtum
sie beneideten, deren Bürgerstolz sie hassten und deren Bürgern sie schon darum
gern einen Verlust und Schaden zufügten, weil diese selbst oft genug den hohlen
Glanz des Rittertums verdunkelten, und wo es in ihrer Macht war, sich nicht
scheuten, seine Angehörigen, wenn sie dieselben eines Frevels überführen und
habhaft werden konnten, nach ihren strengen Gesetzen zu strafen und zu richten.
    Schon an diesem belebten Verkehr hätte der Jüngling erkennen müssen, dass er
dem Ziel seiner weiten Wanderschaft sich endlich näherte - aber als er jetzt aus
dem gewaltigen Reichsforste trat, durch den sein Weg zuletzt geführt: da lag sie
vor ihm, die grosse, sich weit ausbreitende Stadt, in der doch ein Giebel dicht
an den andern gedrängt den Nachbar zu überragen strebte, indes zahlreiche Türme
miteinander wetteiferten den Himmel zu begrüssen und in kunstvollen Formen sich
von ihm abzuzeichnen. Höher darüber tronte die Veste, die vor etwa fünfzig
Jahren neu erbaut worden war von den Bürgern Nürnbergs, nachdem sie Ludwig der
Bärtige von Baiern 1420 niedergebrannt und Markgraf Friedrich von Brandenburg
sie sammt allen Rechten einige Jahre später an die Stadt Nürnberg verkauft
hatte. Da und dort blinkten die grünen Wellen der Pegnitz, welche die Stadt
durchströmt und in zwei Hälften schneidet: die Lorenzer und die Sebalder Seite,
so genannt nach ihren Kirchen, den herrlichsten Denkmalen gotischer Baukunst.
Da und dort, besonders aus den Vorstädten steigt düsterer Rauch auf, der kommt
aus den gewaltigen Schornsteinen der zahlreichen Giesshütten, in denen die Kunst
und das Handwerk zugleich arbeiten im innigsten Verein, um nützliche Geräte zu
schaffen für den Hausgebrauch und vollendete Werke monumentaler Kunst zur Ehre
Gottes für die erhabenen Tempel, in denen alle Künste sich vereinigen dem Herrn
zu dienen und alles Volk ihm zuzuführen.
    Auf einer kleinen Anhöhe hat der Wanderer sich niedergelassen, und indessen
er die Stadt betrachtet, in die seine Sendung lautet, und ihm das Herz gross und
weit wird bei ihrem Anblick und dem Gedanken, dass er da drinnen Brüder seiner
Zunft und Kunstgenossen finden wird, in deren Mitte eine reiche Zukunft voll
begeisternder Tätigkeit ihn erwartet, können wir ihn selbst betrachten.
    Er ist lang und schlank und von edlem Wuchse, sein Gesicht glatt und fein,
nur jetzt etwas von der Frühlingssonne auf langer Wanderschaft gebräunt, unter
der edelgebauten Stirn scheinen hohe Gedanken zu wohnen, und noch mehr leuchtet
aus den tief dunklen Augen das Feuer echter Begeisterung. Das üppige braune
Haar, halblang in der Mitte gescheitelt und rundum glatt geschnitten, bedeckt
ein kleiner runder Strohhut. Ueber den enganliegenden Beinkleidern von
bräunlichem Leder trägt er eine Art kurze Blouse von rotbrauner Farbe, am
schwarzen Ledergürtel hängt ein kurzes breites Schwert und um die Schultern am
festen Riemen ein ledernen Sack. Die kurzen Stiefeln von ungeschwärztem Leder
bezeugen in ihrem abgerissenen Zustand auch die Weite des Weges, den sie
zurückgelegt.
    Nachdem er das letzte Stück Brod, das er in dem Sack gefunden, der seine
ganze Habe entielt, verzehrt, ging er auf's Neue mit rüstigen Schritten auf die
Stadt zu und betrat sie bald durch ein langes düsteres Tor. Er wusste nirgend
Bescheid und bog ohne Weiteres in die enge Gasse ein, die ihn in der Richtung
des Kirchturms zu führen schien, den er sich von Weitem als sein Wanderziel
ausersehen. Aber bald verschwand ihm dieser vor den höher aufsteigenden nahen
Giebeln, die in den engen, oft krummlinigen Strassen seinen Blick beschränkten,
und er ging durch dieselben ohne Plan und Ziel, nur gelockt von der Neuzeit des
Anblickes, der sich ihm bot, der Bewunderung und Freude, die ihn erfüllten.
    Der Wanderer kam von Strassburg und hatte am Rhein und in Franken, das er
jetzt durchzogen, wohl manchen stattlichen Bau und manche aufblühende Stadt
gesehen; auch war ihm wohl das Sprüchlein bekannt, demnach kein Fürst so schön
wohne wie die Fugger zu Augsburg und die Tucher zu Nürnberg: aber Alles, was er
hier sah, übertraf doch seine Erwartungen. Hohe, oft fünfstöckige jedoch schmale
und tiefe Häuser kehrten die Giebelseite der Strasse zu, so zwar, dass die
verschiedenen Geschosse sich treppenartig übereinander türmten und von der
Strasse aus den Aufblick nach oben beschränkten. Viele Fenster, meist hoch und
weit, oft oben in Bogen gewölbt, schmückten die Häuser, symmetrisch und doch
mannigfaltig verteilt. Zuweilen vereinigten sich zwei oder drei Fensterfelder
zu einem vorspringenden Chörlein, das schöne Wappenschilder von zierlicher
Steinmetzarbeit schmückten. Wie der Giebel war meist auch die obere Gruppe der
Fenster pyramidisch angeordnet und der Giebel selbst Treppenförmig
ausgeschnitten, an manchen Häusern auch die einzelnen Stufen mit aufstrebenden
Steinverzierungen gekrönt. Ueber den weiten Eingang der Häuser stieg häufig ein
kunstgerechter Spitzbogen empor mit steinernem Laubwerk umwunden, oder zeigten
sich buntgemalte Wappenschilder oder Zunftzeichen. Und wo ein Haus eine
Strassenecke bildete, da fehlte selten an der scharfen Ecke ein vorspringender
Wegstein mit einem steinernen oder ehernen Standbild; bald war es ein Engel mit
ausgebreiteten Flügeln, bald ein Ritter mit geschwungenem Speer oder ein
Lindwurm. Wo ein weiterer Platz sich zeigte, da stand inmitten gewiss ein Brunnen
mit schönen Statuen oder feinem Gitter darum, oder war irgend ein künstliches
Druckwerk daran, dass wie von selbst das Wasser heraus und gen Himmel sprang, an
der Erde im weiten Steinbecken sich sammelnd.
    Hatte der neue Ankömmling auch schon da und dort gleich schöne Bauwerke und
Steinmetzarbeiten gesehen, noch nirgend war es ihm vorgekommen, dass sie so dicht
zusammen sich drängten, so gleichsam den Bedürfnissen des täglichen Lebens
dienten, zu ihnen zu gehören schienen. Und welch' ein wogendes Leben war das
auch, das sich dazwischen bewegte! Auf Wagen oder Schleifen wurden Waarenballen
von geschäftigen Händen aufgetürmt zu weiterer Versendung, oder abgeladen und
in die weiten Hofräume der Häuser geschafft. Ueberall waren die Erdgeschosse
Werkstätten, aus denen ein munter bewegtes Leben voll rüstiger Arbeit klang,
oder Kaufläden, an deren Fenstern kunstvolle Gerätschaften oft von Gold und
Silber blitzten, so dass unser Fremdling schon bei sich selbst eine solche Gasse
die Goldschmiedsgasse nannte, noch ehe er wusste, dass sie wirklich diesen Namen
führte. Zwischen den geschäftigen Arbeitern, die aus den Werkstätten ab und zu
gingen, schritten stattliche Herren, die zum Rat gingen, manche in Pelz und
Sammt gekleidet, gleich als ob sie Edelleute wären, indes sie doch nur
bürgerlicher Herkunft, aber den geachtetsten Geschlechtern Nürnbergs angehörend,
hatten sie unkundlich selbst vom Kaiser die Erlaubnis zu solch reicher Tracht
erhalten, die sonst allein dem Adel zukam. Daneben wandelten gleich reich
gekleidete Frauen, die nicht nur mit den Schleppen ihrer seidenen Damastkleider,
sondern auch mit ihren weiten hängenden Aermeln die Strasse fegten, dem Rat zum
Trotz, der schon einmal eine Verordnung wider die Länge solcher Aermel erlassen.
Aber neben dem Stolz, der wie aus der Kleidung auch aus der Haltung dieser
Frauen sprach, lag auch etwas so Ehrbares und Züchtiges in ihrem Auftreten, das
allen Begegnenden Achtung einflösste und die sie erblickenden Männer, mochten sie
dem weltlichen oder geistlichen Stande angehören, nötigte mit höflichen Grüssen
an ihnen vorüberzugehen. Und auch unter den einfacher gekleideten Bürgermädchen,
von denen manches den schönen Fremdling mit schelmischen Augen neugierig
musterte, gab es liebliche Erscheinungen, an denen Alles nett und sauber war,
von dem goldgestickten Riegelhäubchen herab bis zum Schuh, der bis an den
Knöchel reichte. Wenn sie das Wasser schöpften, am Brunnen sich neigten und dann
das Gefäss zum Kopf mit den blossen Armen emporhoben, so war so viel Grazie in
diesen Bewegungen, als Würde bei dem stolzen Auftreten jener Patrizierinnen.
    All' dies Leben und Treiben voll Anmut und Schönheit der Häuser wie ihrer
Bewohner war wohl geeignet den Fremden zu fesseln und gleichsam zu übertäuben,
dass er ziel- und planlos durch dasselbe schritt, bis er plötzlich sich am Fusse
der Veste gewahrend sich doch besann, dass er hier unmöglich auf dem rechten Wege
sein könne und dass es Zeit werde, nun einmal danach zu fragen.
    Er befand sich eben in einer im Augenblick ziemlich menschenleeren Gasse,
als an einem der Häuser eine Tür sich öffnete und ein junger Bursche daraus
hervortrat; hinter ihm hörte man polternde Stimmen und vernahm zuletzt die
Worte:
    »Und somit lass' es dir gesagt sein, halte dich dazu, Albrecht, und
verträumere die Zeit nicht, wie es deine Art ist!«
    Dem knabenhaften Jüngling, dem diese Worte mit rauhem Tone ausgesprochen
galten, schoss das Blut in's feine blasse Gesicht und in die klaren
schwärmerischen Augen trat etwas wie eine Träne. Er schüttelte die langen
braunen Locken zurück, die so üppig fast wie Löwenmähnen auf seine Schultern
niederflossen, hob einen Topf mit grüner Farbe darauf, indes er in der andern
Hand Pinsel und Richtscheit trug. Diese Hände, zumal die auf das Haupt
emporgehaltene, erschienen so weiss, klein und durchsichtig, als wären sie von
Alabaster künstlerisch gemeisselt. Die Gestalt war fast klein und schwächlich,
aber es lag etwas freudig Selbstbewusstes in ihrer Haltung und sprach von der
edlen Stirn trotz der Träne des Unmutes im Auge und dem Rot der Scham auf den
Wangen, dass der Fremde unwillkürlich davon angezogen ward und gerade ihn sich
ausersah nach dem Wege zu fragen.
    »Gott grüsse Euch!« rief er ihm zu; »wie es scheint, seid Ihr hier zu Hause
und könnt mich berichten; wie heisst hier diese Gasse?«
    »Unter der Veste,« antwortete Albrecht bescheiden den Gruss erwiedernd.
    »Da bin ich wohl weit von meinem Ziel?« antwortete der Wanderer mit etwas
fremdartigem Idiom, »ich bin an die Bauhütte der freien Steinmetzzunft von
Nürnberg gewiesen.«
    »Da habt Ihr freilich dahin noch durch manche Strasse und manches Gässlein zu
gehen,« antwortete Albrecht, »und da Ihr fremd hier zu sein scheint, werdet Ihr
Euch schwerlich zurecht finden. Ein Stücklein Wegs aber kann ich Euch jedenfalls
geleiten und ich bitt' Euch mir zu folgen. Und welche Hütte sucht Ihr wohl? Die
grosse steinerne Bauhütte zu St. Sebald, welche die Baubrüder aufgeschlagen
haben, da sie die schöne Sebaldskirche bauten, steht noch dem Rathaus
gegenüber, und bis dahin haben wir nicht weit; wollt Ihr aber in die Bauhütte
bei der St. Lorenzkirche, drinnen wieder fleissig gearbeitet wird, weil ein hoher
Chor und eine neue Kapelle zum schönen Bau hinzu gestiftet worden, so müssen wir
auf die Lorenzer Seite über die steinerne Brücke hinüber.«
    »Ihr seid hier wohl bewandert, junger Freund,« antwortete der Fremde, »es
ist die Bauhütte von St. Lorenz, in die ich gesandt bin; aber wiewohl mir Euer
Geleit gar willkommen ist, so will ich Euch doch nicht veranlassen um deswillen
einen Umweg zu machen, da Ihr wohl keine Zeit zu verlieren habt -«
    Albrecht errötete, weil er aus dieser Bemerkung schloss, dass der Fremde die
scheltenden Worte, mit denen er vorhin entlassen worden, und wohl gar die
Schimpfreden, die vorhergegangen, könne gehört haben. Er unterbrach ihn daher
schnell, indem er antwortete: »Mein Weg führt mich auch in diese Gegend. Mein
Meister ist gut und wacker, und gerade weil ich an ihm einen nachsichtigen Herrn
habe, kann ich's nur seinen rohen Knechten nicht zu Dank machen.«
    »Und wer ist Euer Meister?« fragte der Fremde.
    »Der Maler Michael Wohlgemut,« antwortete Albrecht; »vielleicht habt Ihr
von ihm gehört, denn sein Name klingt wohl weit in das Reich hinaus, da von
vielen entfernten Orten Bestellungen an ihn kommen.«
    »Ei freilich kenn' ich seinen Namen und habe schon manch' ein schönes
Gemälde in glänzenden Farben auf Goldgrund von ihm gesehen. Hätte ich gewusst,
dass es seine Werkstatt war, aus der Ihr tratet, so würde ich der Lust nicht
haben widerstehen können mich drinnen umzusehen,« erklärte der Wanderer.
    Wenn Ihr hier bleibt,« antwortete der Lehrling des Malers, »so findet Ihr
Euch schon ein andermal wieder in Michael Wohlgemut's Werkstatt unter der
Veste, und es wird mich freuen Euch wieder zu sehen und dem Meister zuzuführen,
dessen Verehrer Ihr seid!«
    »Ihr wollt also wohl auch ein Maler werden?« sagte der Fremde.
    »Ich hoffe es zu Gott,« antwortete Albrecht, »da er mir einmal diesen Drang
gegeben, der mir keine Ruhe liess, obwohl ich mich meinem Vater zu lieb erst
dessen eigenem Handwerk widmen wollte.«
    »Und wer ist Euer Vater?« fragte der Andere, in dem der etwa siebzehnjährige
Jüngling immer grössere Teilnahme erregte.
    Dieser antwortete: »Der Goldschmied Dürer. Ich hatte immer die meiste Freude
daran ihm die Risse und Zeichnungen zu machen zu seinen Werken und viel lieber
zu zeichnen als zu hämmern und zu giessen. Da er es aber nicht anders wollte,
dacht' ich, ich könne meine Neigung bezwingen, und gab mir alle Mühe in seiner
Werkstatt. Aber zuweilen kam es mir hart an und ich grämte mich schier, dass ich
darauf verzichten sollte, ein Maler zu werden. Da bat auch die Mutter den Vater
für mich, und er tat mich zum Meister Wohlgemut in die Lehre - und nun hab'
ich die doppelte Pflicht etwas Rechtes zu lernen und ein rechter Maler zu
werden, einmal weil mir's im Innern eine Stimme immer gesagt, dass für mich kein
Heil ist ausser bei dieser Kunst, und dann weil es meinem Vater hart angekommen,
mich aus seiner Werkstatt und in die fremde Lehre zu tun. Solches sag' ich mir
täglich, und werde nicht müde zu beten und zu arbeiten, damit es mir gelinge!«
    »Dann wird es Euch gelingen!« rief der Fremde und legte seine Hand liebreich
auf die Schultern des jüngeren Begleiters. »Durchglüht von echter Begeisterung
für die Kunst wachsen uns selbst die Flügel, die uns emportragen in ihr
göttliches Reich. Wie Euch zur Malerei, so drängte mich's zur Baukunst, und
Nichts wäre im Stande gewesen mich ihr zu entziehen. Nicht wie Euch einem
Handwerk, dem Priesterstande wollte man mich weihen, aber mich drängte es zum
Hohenpriestertum der Kunst, und ich denk' ihr zu opfern mit reinen und
fleissigen Händen. Gottesdienst ist die Kunst, und selig ist es ihr zu dienen in
rechter Treue, und wenn es sein muss, sich selbst ihr zu opfern!«
    »Amen!« sagte Albrecht Dürer; »Ihr sprecht mir aus der Seele und es klingt
fast so schön, als hört' ich meinen Freund Willibald. Aber ich darf nicht länger
mit Euch plaudern. Hier an der Brücke bin ich am Ziel, und Ihr seid es bald, Ihr
braucht nur über sie zu gehen, dann der geraden Strasse zu folgen, dann führt
Euch links die dritte Gasse an Euer Ziel. Seht hier die Brücke: sie ist
kunstvoll gebaut in einem einzigen Bogen nach dem Muster der Rialtobrücke in
Venedig - ich kann nicht hinübergehen ohne zu wünschen, auch einmal nach Venedig
selbst zu kommen. Waret Ihr schon dort?«
    »Noch nicht,« antwortete der Fremde, »aber wir werden es schon beide einmal
sehen. Doch vorerst muss man sich umsehen im deutschen Lande, deutsche Art und
Kunst kennen lernen und bei deutschen Meistern arbeiten, ehe man in's Ausland
geht. Da muss man erst fest sein in heimischer Kunst, damit die fremde sie wohl
läutere, aber nicht verderbe und verdränge. Und nun habt Dank, wenn wir jetzt
scheiden müssen, vielleicht such' ich Euch bald heim in Meister Wohlgemut's
Werkstatt unter der Veste, bis dahin vergesst den Steinmetzgesellen Ulrich aus
Strassburg nicht!«
    Um einzuschlagen in die dargebotene Hand, legte Albrecht Pinsel und
Richtscheit aus seiner Hand auf einen der vorspringenden kleinen Steinsitze an
der schön geschnörkelten Haustür, vor der er stand, und sagte:
    »Da drinnen im Haus des Ratsherrn Muffel gibt's Treppengeländer
anzustreichen - da gehört freilich keine Kunst dazu, noch gibt's etwas dabei zu
lernen, aber der Meister meint, dergleichen bringe ihm mehr ein als die
künstlichen Gemälde, weshalb er solche Arbeit niemals von der Hand weis't. Seine
Knechte aber denken mich zu demütigen, wenn sie mich so in die Häuser der
Vornehmen schicken mit gemeiner Arbeit, da ich lieber in der Werkstatt sässe und
conterfeite. Aber ich denke, es muss Alles geschehen der Kunst zu Nutz, und tue
es willig. Und nun Gott zum Gruss!«
    »Gott zum Gruss, wackerer Jünger der Kunst,« sagte Ulrich; »mir sei es ein
gutes Zeichen, dass gerade ein solcher der erste Nürnberger war, mit dem ich in
dieser edlen Reichsstadt das erste Wort gewechselt, das viele gegeben!«
    Ulrich schritt über die Brücke und hatte nicht mehr weit zu gehen, da stand
er vor der Bauhütte zu St. Lorenz, über deren Eingang das Wappen der freien
Steinmetzzunft zu Nürnberg prangte: zwei goldene Hämmer inmitten eines
himmelblauen Feldes, zur linken Seite ein Cirkel, zur rechten ein Winkelmass.
Daneben ragte die prachtvolle Lorenzkirche; die geöffneten Türen und ein
aufsteigendes Gerüst an der einen Seite zeigte an, dass man auf's Neue an ihrer
Verschönerung arbeitete und neben dem ersten ein zweiter Turm seiner Vollendung
entgegen wuchs. Aus der Bauhütte klang es von emsigen Meisseln und Feilen
fleissiger Steinmetzen.
    Ulrich näherte sich der Tür und schlug dreimal daran mit seinem Schwert.
    Alsbald öffnete sich dieselbe und ein Mann in mittleren Jahren trat heraus.
In seinen langen braunen Bart mischte sich das erste Grau und tiefe Linien
liefen über seine hohe Stirn. Er trug eine kurze Blouse ohne Aermel, da er zur
Arbeit das kurze Obergewand ausgezogen und mit einer Lederschürze vertauscht
hatte. Seine grauen Lederbeinkleider reichten bis zu den Stiefeln von
ungeschwärztem Leder. Um die Hüften hatte er einen breiten Gürtel, an dem
allerlei Werkzeuge hingen. Er musterte den Anklopfenden mit einem prüfenden
Blick, reichte ihm die Hand, nickte befriedigt zu der Art seines Händedruckes,
und indem er sein Ohr dem Munde des Fremden näherte, sagte er:
    »Gebt das Passwort.«
    Ulrich flüsterte es ihm leise in's Ohr.
    Darauf nickte der Werkmeister zustimmend, denn das war der Herausgetretene,
nahm den Gesellen an der Hand und führte ihn mit sich in die Hütte, in welche
jedem Profanen zu treten verboten war, und die nur dem sich öffnete, der das
Passwort der freien Maurer zu geben vermochte.
    Ulrich trat ein und grüsste nach der Sitte aller Wandergesellen, die eine
fremde Bauhütte betraten: »Gott grüsse Euch! Gott weihe Euch! Gott lohne Euch!
Euch Obermeister Erwiederung, Gruss Euch Pallirer und Euch hübschen Gesellen!«
    »Gott grüsse Euch!« antwortete der Werkmeister, »seid uns willkommen im Namen
der freien Steinmetzzunft zu Nürnberg!« und reichte ihm noch einmal die Hand.
    Dann trat der Pallirer zu ihm, der dem Werkmeister als Vorgesetzter der
Gesellen und Lehrlinge zur Seite stand. Hatte der Werkmeister für die
Arbeitverteilung an die Einzelnen und das Material zu sorgen, so war es das Amt
des Pallirers, wie auch sein Titel ausdrückte, vorzüglich die Verschönerung der
Arbeit zu berücksichtigen. Ausserdem hatte Jeder von beiden noch besondere
Obliegenheiten, wie der Beruf sie mit sich brachte. Der Pallirer Andreas,
welchen Ulrich begrüsste, war dem Werkmeister ähnlich gekleidet, aber an Jahren
jünger als dieser, gross und breitschultrig, eine stämmige fast atletische
Gestalt. Sein Gesicht war wettergebräunt und rabenschwarzes Haar fiel in glatten
Strähnen nach hinten zurück. Er reichte dem Ankömmling die Hand und sagte auch:
»Gott grüsse Euch, wie wir Euch danken für Euren Gruss.«
    Die Gesellen und Lehrlinge alle, die ringsum arbeiteten und, seit Ulrich
eingetreten war, schon aufgehört hatten durch Meisseln und Feilen Geräusch zu
machen, legten nun alle ihr Werkzeug hin, und einer ging nach dem Andern auf
Ulrich zu, ihn mit Gruss und Handschlag willkommen zu heissen. Dann hielt dieser
dem Werkmeister seinen Hut umgekehrt hin und sagte:
    »Nun bitte ich um eine Gabe, dann um ein Stück Stein, dann um Werkzeug!
Damit helfet mir auf, dass Euch Gott auch helfe.«
    Darauf legte der Werkmeister, der den Lohn zu zahlen hatte, Geld in den Hut,
nicht als ein Almosen, sondern als einen Vorlohn, und fragte Ulrich nach seinen
Zeugnissen.
    »Gott danke dem Meister und Pallirer und den ehrbaren Gesellen!« antwortete
Ulrich dankend, öffnete seine Ledertasche und holte ein grosses gelblich
schimmerndes Papier hervor. Darauf stand mit zierlichen Buchstaben geschrieben,
dass der Steinmetzgeselle Ulrich Wüll von ehrlicher Geburt sei und als Oblate im
Kloster der Benediktiner erzogen; dass er mit fünfzehn Jahren sich in der
Bauhütte zu Strassburg als Lehrling gemeldet und darin aufgenommen worden; dass er
vier Jahre als Lehrling gelernt und sich brav gehalten, darauf die Prüfung als
Geselle bestanden in vorzüglicher Weise; dass er wohl erfahren sei in der
geweiheten Lehre des Albertus Magnus, vertraut und geschickt in der Führung des
Winkelmasses und Richtscheites, und dass man allerlei schöne und zierliche Arbeit
ihm anvertrauen könne. Und so war seiner Brauchbarkeit und Sittlichkeit das
beste Zeugnis gegeben. Versehen war diese Schrift mit dem grossen Siegel der
Hauptbauhütte zu Strassburg, das diese Umschrift hatte und inmitten eine Mutter
Gottes, auf den Feldern zur Seite Cirkel und Richtscheit.
    Der Werkmeister erkannte die Echteit dieses Documentes. Alsbald wies er
Ulrich einen unbehauenen Stein an, reichte ihm das Werkzeug und hiess ihn daran
ein Probestück ablegen.
    Ulrich wälzte sich den schon winkelrecht behauenen Stein zurecht und begann
daran mit dem Cirkel, Winkelmass und Richtscheit zu messen, und ohne sich eines
Massbrettes zu bedienen, das Profil aufzureissen nach dem Grundsatz des Achtortes,
der bei dem Kirchenbau im Grossen wie im Kleinen galt. Der Pallirer sah ihn dabei
aufmerksam zu, und manche von den zehn Gesellen und fünf Lehrlingen, die in der
Hütte arbeiteten und ihre vorige Beschäftigung wieder aufgenommen hatten,
schielten von der eigenen Arbeit neugierig zu der des neuangekommenen Baubruders
hinüber, und bewunderten ihn schon, weil er das Massbrett verschmähte. Einer der
Gesellen schob ihm sogar das seinige zu, weil er meinte, Ulrich habe nur keines
erhalten.
    Dieser aber zeigte auf das, welches zu seiner Seite lag, dankte dem Gesellen
und sagte: »Wenn ich hier mitarbeite den Bau zu fördern, werde ich auch das
Massbrett zur Hand nehmen und danach arbeiten, weil dadurch Zeit und Mühe erspart
wird; aber wenn ich ein Probestück ablegen soll, so muss ich zeigen, dass ich mich
auf den Grundsatz des Achtortes selbst verstehe und dass ich ein Massbrett in
meinem Kopfe trage.«
    Der Pallirer nickte beifällig aber schweigend dem lächelnd aufhorchenden
Werkmeister zu. Alle Gesellen arbeiteten schweigend weiter, aber der, welcher
seinen Platz neben Ulrich hatte, verwendete fast kein Auge von ihm, so weit als
die eigene Arbeit es zuliess.
    Die Steinmetzgesellen nannten Alle den blonden Bruder Hieronymus zum
Unterschied von andern dieses Namens, denn er fiel überall auf durch sein
üppiges goldglänzendes Haar. Seine Augen waren blau und sanft, aber es lag doch
ein Ausdruck von Energie in seinen Zügen, die weder schön noch regelmässig waren,
aber doch das Gepräge geistigen Adels trugen. Er gehörte mit unter die jüngeren
Gesellen, obwohl er einige Jahre mehr zählen mochte als Ulrich.
    Etwa eine Stunde konnte verflossen sein seit dessen Ankunft, als das
Mittagsglöckchen läutete. Bei seinem ersten Klange legten Alle in der Hütte die
Arbeit weg. und standen mit gefalteten Händen schweigend da, indes der
Werkmeister ein kurzes Gebet sprach. Nach dessen Vollendung, als Alle sich
anschickten die Hütte zu verlassen, sagte er zu Ulrich:
    »Ihr scheint ein guter und geschickter Arbeiter zu sein und Eure Zeugnisse
lauten günstig. Heute werdet Ihr müde sein von der Reise, da mögt Ihr der Ruhe
pflegen und Euch Quartier suchen; aber morgen um fünf Uhr, wenn sie Morgen
läuten von der St. Lorenzkirche, da seid in der Hütte zum Frühgebet und zur
Arbeit, da wird Euch auch der Hüttenmeister empfangen.«
    Ulrich dankte und trat aus der Hütte. Draussen aber fasste ihn der blonde
Hieronymus unter dem Arm und sagte: »Quartier brauchst Du Dir nicht zu suchen,
Bruder Ulrich, das findest Du bei mir, wir können die Mahlzeit und das Lager
teilen.«
    »Vergelt' es Dir Gott, Bruder Hieronymus!« sagte Ulrich, denn er hatte
vorhin den Namen des Steinmetzen schon gehört und gemerkt, weil sein Träger ihm
auch gefiel. »Der grosse Aeneas Sylvius scheint recht zu haben, der Nürnberg eine
feine Stadt nennt voll wohlerzogener und gastfreier Leute.«
    »Das ist wohl nur gut nürnbergisch,« antwortete Hieronymus, »und ich bin
selbst ein Nürnberger Kind, aber Baubrüder, mein' ich, sollen in allen Stücken
auch Brüder sein und miteinander arbeiten und streben in wie ausser den Hütten.«
    »Ich denke auch so,« antwortete Ulrich, »und will's Gott, so soll es Dich
nicht gereuen, dass Du mir zuerst also freundlich begegnest.«
    »Meine Wohnung ist nicht weit von hier,« sagte Hieronymus, »in einem
Seitengässlein von St. Katarinen.«
    Bald war sie erreicht, und die Baubrüder traten in ein kleines Haus, in dem
sich unten die Werkstatt eines Formenschneiders und Rädleinmachers des Meister
Sebald befand. Oben an der Stiege aber wartete ein altes Mütterlein, bot den
Einkehrenden fröhlichen Gruss und eilte das Mittagsessen für sie aufzutragen.
    »Es langt schon für Zwei!« rief sie wohlmeinend dem fremden Gast entgegen.
 
                                Zweites Capitel
                             Nürnbergs Geschlechter
Es war ein stattliches aber etwas düsteres Haus, in das Albrecht Dürer mit
Farbentopf und Pinsel im Dienst des Meisters Michael Wohlgemut gesandt worden
war. Im Erdgeschoss befand sich ein Comptoir mit kleinen Fenstern hinter
vorspringenden, aber künstlich gearbeiteten Eisengittern, welche diesen Räumen
ein gefängnissartiges Ansehen gaben. Darin sass und arbeitete mit seinen Gehülfen
Herr Gabriel Muffel, der Chef eines grossen Handelsgeschäftes und Genannter des
grossen Rates, wie denn seine Familie von Alters her zu den edelsten
ratsfähigen Geschlechtern von Nürnberg gehörte.
    Die übrigen Räume des Erdgeschosses dienten zu grossen Waarenlagern, die ihre
Vorräte auch in die geräumige Hausflur und den Hofraum erstreckten, der durch
ein Hintergebäude geschlossen war. Aufseher und Auflader waren hier
gleicherweise mit Verzeichnen, Schnüren und Aufpacken der Waaren viel
beschäftigt, und Niemand achtete auf den jungen Burschen, der sich seinen Weg
durch die Vorräte bahnte und mit elastischen Schritten die Stiege hinaufsprang,
denn seine Sendung lautete in das erste Stockwerk.
    Wie lebhaft es unten zugegangen, hier war es sehr still, und Albrecht wusste
nicht, sollt' er diese stille Einsamkeit ehren durch leises Auftreten und
lautloses Spähen, oder sollt' er, um sich bemerkbar zu machen, sie durch irgend
einen Laut unterbrechen. Er stand in einem Vorsaal mit dunkel gemalten Wänden
und mehreren hohen Flügeltüren von schwerem Eichenholz mit kunstvollem
Schnitzwerk und goldenen Leisten geschmückt; eben so zierte schöngeschnjetztes
Getäfel die Decke und der Fussboden zeigte nach venetianischer Art ein buntes
Mosaik; er war mit Gyps übergossen und da hinein bunte Steinchen eingedrückt,
die oben glatt geschliffen waren und schön geölt glänzten, als wären es
köstliche Edelsteine. Ausser der Stiege, die er heraufgekommen, zogen sich von
hier aus noch andere kleine hölzerne Wendeltreppen mit zierlichen Geländern
hinab und hinauf, den häuslichen Verkehr zu erleichtern.
    Nachdem Albrecht nach allen Seiten vergeblich gespäht und gewartet, ob nicht
Jemand kommen möchte, dachte er an Wohlgemut's Knechte, die ihn wieder roh
empfangen und anlassen würden, wenn er länger bliebe, als sie die Dauer der
Arbeit berechneten, und dass er schon an der Seite des fremden Wandergesellen
mehr Zeit zu dem Wege gebraucht, als der Fall gewesen sein würde, wenn er ihn
allein mit seinen gewohnten geflügelten Schritten zurückgelegt. Dann fasste er
sich ein Herz und pochte an die eine Tür, und da dies ohne Erfolg blieb, an die
zweite. Da auch hier Niemand antwortete, ihm aber gleichwohl war, als habe er
dahinter seufzen hören, öffnete er dieselbe leise und schaute in ein schmales,
aber tiefes Gemach, an dessen Fenster eine weibliche Gestalt an einem eichenen
Pulte sass und schrieb.
    Albrecht stand eine Weile betroffen still. Das Gemach selbst erschien wie
ein Museum der Kunst. Der Fussboden war mit kostbaren Teppichen bedeckt, auch die
Tapeten an den Wänden waren von gleichen Mustern kunstreich gewirkt, die schön
geschnitzten Sessel mit gelbem Sammt überzogen und die meisten Tische hatten
marmorne Platten. Darauf standen allerlei zierliche Gerätschaften für den
Hausgebrauch, aber alle von funkelndem Silber und Gold. Grosse Spiegel von
venetianischem Glas wetteiferten in Glanz mit ihren goldenen Rahmen und mehrere
Heiligenbilder mit bunten Farben auf Goldgrund gemalt hingen dazwischen. Das
schönste Bild aber des Zimmers war seine Bewohnerin.
    So ohngefähr hätte Albrecht die Madonna malen mögen. Sie war von
mittelgrosser Gestalt, feinem Wuchs und zart gerundeten Formen. Rötlich blonde
Locken umfluteten von der edlen Stirn herab bis zum blendendweissen Nacken das
edle Antlitz, hinten hielt sie mit zwei dicken Zöpfen vereinigt ein silberner
Pfeil zusammen. Der ganze Schmelz reiner Jungfräulichkeit verschönte das
blendende Weiss und das zarte Rot ihres Antlitzes. Aber die blauen Augen
schimmerten von Tränen und schwere Seufzer hoben ihren Busen. Sie trug ein
Kleid von dunkelrotem wollenen Damast mit Puffenärmeln und einem viereckig
ausgeschnittenen Schneppenleibchen. Daran hing eine kleine goldgestickte Tasche
und ein Schlüsselbund an stählerner, kunstreich gearbeiteter Kette, zwei Reihen
heller Bernsteinperlen umspielten den Hals.
    Sie hörte nicht, dass Jemand die Tür geöffnet hatte, aber sie fühlte, dass
die Strahlen fremder Blicke sie berührten, erschrocken schob sie die Papiere
zusammen, unter denen sie geschrieben, und wendete sich nun erst zu dem
Eintretenden um.
    »Verzeiht, edle Jungfrau, wenn ich Euch störe,« sagte Albrecht, »aber ich
bin hierher beschieden ein Geländer anzustreichen, und fand Niemanden mir meine
Arbeit anzuweisen.«
    Ursula Muffel - denn die Jungfrau war die einzige Tochter des Hauses - erhob
sich und sagte: »Kommt Ihr vom Meister Wohlgemut, so will ich selbst mit Euch
gehen.«
    Albrecht bejahte, und während Ursula einen Blick in den Spiegel warf, mit
dem angehauchten Taschentuch über die verweinten Augen fuhr und ein
kleinzusammengefaltetes Papier in ihrem Kleide verbarg, hatte Albrecht ein
silbernes Krucifix in die Augen gefasst, und als Ursula sich zu ihm umkehrte,
ward sie gewahr, wie er sich ganz nah auf dasselbe beugte.
    »Verzeiht meine Unschicklichkeit,« sagte er fast errötend zurückfahrend;
»ich wollte nur sehen, ob ich mich nicht täusche, dass dies Stück wirklich aus
meines Vaters Händen hervorgegangen - und es ist wirklich so, da ist sein
Zeichen.«
    »So seid Ihr ein Sohn des wackern Goldschmieds Albrecht Dürer in der
Winklerstrasse?« versetzte Ursula, »denn bei diesem hat es mein Vater mir zum
Geschenk machen lassen, da ich gefirmelt ward.«
    »Ich habe es selbst gezeichnet und gegossen da ich noch in meines Vaters
Werkstatt lernte,« antwortete Albrecht, »und es kann mich stolz machen, dass es
in solche Hände gekommen ist.«
    Indes sie so sprachen, schritt Ursula voran über eine Flur kleiner Treppen
und Gänge, bis sie im zweiten Stock an eine offene Galerie und eine noch höher
führende Freitreppe kamen, an welcher, weil es die Wetterseite über dem Hofraum
war, das Holzgeländer seiner ehemaligen Farbe sich beraubt zeigte, welche
Albrecht wieder erneuern sollte.
    »Und Ihr seid nicht bei dem Handwerk Eures Vaters geblieben,« fragte Ursula,
»da Ihr doch schon ein so künstliches Werk zu Stande gebracht?«
    Albrecht schüttelte mit dem Kopf: »So fragen mich wohl die Leute immer, und
mein Vater selbst meinte, die Zeit sei mir nun gar verloren, die ich zuvor in
seiner Lehre zugebracht; aber ich hab' einmal das Zeichnen und Malen nicht
lassen können, und scheint es mir leichter jedes andere Opfer, und wär's mein
Leben selbst, zu bringen, wenn man's fordert, denn dass ich der Kunst entsagen
möchte. Und was ich zuvor schon gelernt, das will ich Alles für sie nützen,
damit mir Niemand nachsagen könne, ich habe je meine Zeit mit unnützen Dingen
verloren.«
    Während er das sagte, knieete er schon an dem bezeichneten Geländer und fing
an zu pinseln. Ursula dachte dabei lächelnd zugleich mit vornehmer
Geringschätzung und weiblichem Mitleid: Armer Junge! das ist auch eine rechte
Kunst, für die es lohnt sich zu begeistern, hier das Geländer anzustreichen,
eine Arbeit, die ich selbst ganz gut verrichten könnte, wenn mir's nicht um
meine schönen weissen Hände wäre! - Aber bei diesem Gedankengang warf sie einen
Blick auf die Hände, die hier den Pinsel führten, und sah, dass sie an Weisse und
Zarteit den ihrigen nichts nachgaben, und wie jetzt von obenherein ein Strahl
der mittäglichen Sonne vereinzelt durch die Skulptur des vorspringenden
Dachgeländers dringend auf den Scheitel des Jünglings fiel und einen
Heiligenschein um seine glänzenden Locken wob, indes er bescheiden mit freudiger
Zuversicht die niedere Arbeit verrichtete, da erschien er ihr plötzlich in einem
höhern Lichte, als vorher, und was sie auch von seinem Kunstglauben halten
mochte, Eines schien ihr gewiss: dass ein hohes Streben und ein edles Gemüt in
diesem zarten Jüngling lebte - und daran knüpfte sich die verzeihliche
Selbstsucht eines eben ängstlich gefolterten Herzens, ob nicht gerade in diesem
ihr der Himmel den Boten gesandt, dem sie vertrauen könne, wo sie eben
vergeblich über einen solchen nachgesonnen und diese Unmöglichkeit nicht die
geringste Ursache ihrer Tränen gewesen.
    Nach einer langen Pause also, in der diese Gedanken und Empfindungen sie
bewegt hatten, fuhr sie plötzlich mit der Frage heraus:
    »Könnt Ihr lesen?«
    »Ei freilich kann ich das!« sagte Albrecht, zugleich stolz auf diese Kunst,
deren Erlernung damals Manchem, der in minderer Armut aufgewachsen als er,
versagt war, und auch wieder ärgerlich, dass die Jungfrau bei ihm diese Kenntnis
zu bezweifeln schien.
    »Könnt Ihr verschwiegen sein und wollt Ihr mir einen Dienst erweisen?«
fragte sie weiter mit beklommenem Atem.
    »Beides, wenn Ihr es fordert und ich das letztere wirklich vermag,« sagte er
bescheiden.
    Ursula's Unruhe schien zu steigen, ihre Wangen glühten höher, ihre Pulse
gingen schneller, man sah es an allen Bewegungen ihres Körpers, hörte es an der
noch mehr beklommenen Stimme, mit der sie sprach:
    »Wolltet Ihr, statt hier zu malen, wohl einen Gang für mich tun? Ich habe
sonst Niemanden, den ich schicken könnte.«
    »Herzlich gern,« antwortete Albrecht, »ich werde hier ohnehin nicht vor
Mittag fertig.«
    »Dann kommt in einer Viertelstunde wieder hinunter in dasselbe Zimmer, in
dem Ihr mich vorhin fandet,« sagte Ursula und eilte die Stiege wieder hinab.
    In ihrem Gemach angelangt zog sie das Papier wieder hervor, das sie zu sich
gesteckt, weil sie es sonst nirgend sicher hielt. Nun musste sie es doch von sich
geben und fremden Händen vertrauen. Sie durchlas das schön geschriebene
Brieflein noch einmal, drückte dann ein Siegel von weissem Wachs darauf und
schrieb die Aufschrift: »An den hochedelgeborenen Herrn Stephan von Tucher.« Nun
zählte sie die Minuten, bis Albrecht kam, überlegte sich zehnmal, was und wie
sie es ihm sagen könnte, ohne vor ihm zu erröten, und wusste doch keinen Rat,
denn zweierlei musste ja doch immer heraus: dass er schweigen musste und wem er den
Brief übergeben sollte.
    Endlich kam Albrecht, und Ursula fühlte, dass sie sich vergeblich vorbereitet
hatte, denn sie war ganz eben so um Worte verlegen, wie sie es vorhin gewesen
war. Die Finger zitterten sichtbar, welche den Brief hielten, und endlich sagte
sie zu Albrecht:
    »Eure guten Augen bürgen mir für Eure Verschwiegenheit - nicht wahr?«
    »Was mir anvertraut worden, das plaudere ich niemals aus,« antwortete
Albrecht, »und da ich sehe, dass Euch so sehr an meinem Schweigen gelegen, so
könnt Ihr Euch doppelt darauf verlassen, dass ich das unerwartete Vertrauen einer
edlen Jungfrau nicht durch eitles Ausreden missbrauchen werde.«
    »So nehmt diesen Brief und tragt ihn zu dem, an welchen die Aufschrift
lautet,« sagte sie - der Name selbst schien nicht über ihre schönen Lippen zu
wollen. »Kennt Ihr ihn?« fragte sie dann hastig, und damit mehr den Zustand
ihres Herzens verratend, als wenn sie den Namen selbst errötend und zitternd
ausgesprochen.
    »Ei, wie sollt' ich den feinen Herrn nicht kennen!« antwortete Albrecht.
»Aus meines Vaters Werkstatt ist manch' ein zierliches Silbergerät für das
schöne Haus in der Hirschelgasse hervorgegangen, und mein Meister hat den Herrn
Hans von Tucher selbst conterfeiet in seiner Pilgrimstracht, in der er das
heilige Land durchreist hat; danach hat er auch das Bild seines Herrn Sohnes
Stephan zu malen angefangen - aber es ist noch nicht fertig, weil derselbe jetzt
gar nicht zum Sitzen zu bewegen.«
    Ursula horchte hoch auf und sagte dann: »Nun so geht in das schöne türkische
Haus in der Hirschelgasse und seht Euch darin um nach dem jungen Herrn. Aber
Niemandem als ihm selbst gebt den Brief, und saget auch Niemandem, wer Euch
sendet. Seht, ich hätte ja fürwahr keinen bessern Boten als Euch finden können;
wenn man Euch dort kennt, so könnt Ihr ja sagen, dass Euer Meister Wohlgemut
Euch sendet.«
    Der Jüngling errötete vor der zugemuteten Lüge, die der jungen Dame sehr
geläufig schien, indes er selbst so ohne Arg und Falsch war, dass auch die
kleinste Lüge ihm ein Verbrechen erschien. Er sagte darum halb verweisend:
»Will's Gott, so geht es ohne Lüge ab. Vertrauen verdienen und schweigen können
ist ein Anderes denn lügen, dazu bin ich nichts nütz.«
    »Ihr sollt es auch nicht,« sagte Ursula beschämt; »wenn nicht im Auftrag
Eures Meisters, so erinnert ihn um meinetwillen daran, dass er sein Bild soll
vollenden lassen!« und wieder erschrak sie, dass sie sich durch unvorsichtige
Worte verraten, und fühlte auch, dass es ihr wie Albrecht ginge: das Lügen und
Heucheln war ihr auch nicht geläufig. »Und nun geht,« sagte sie nach einer
Pause, »um 12 Uhr wird er wohl nach Hause kommen, und die Antwort bringt mir,
wenn Ihr Nachmittag wieder kommt und hier Euere Arbeit vollendet.«
    Es war immerhin kein kleines Opfer, das Albrecht Dürer der Jungfrau Ursula
brachte mit diesem Gange. Da er ihr Verschwiegenheit gelobt, mochte er auch in
seiner Werkstatt nicht sagen, dass er ihr Botendienste geleistet, woran die
Gesellen gewiss weitere Fragen und vielleicht unsaubere Spässe geknüpft hätten;
wenn ihn aber jetzt Einer oder der Andere auf der Strasse gewahrte, noch ehe es
Mittag geläutet, so traf ihn der gerechte Vorwurf, dass er vor der Zeit von der
Arbeit gelaufen und wohl noch Schlimmeres getan als die Zeit verträumert habe,
wie man ihm denn vorhin schon als Warnung mit auf den Weg gegeben. Aber eine
Bitte konnte er nimmer abschlagen, und wo er Jemand helfen und einen Dienst
leisten konnte, tat er es immer ohne an sich selbst dabei zu denken, am
wenigsten vermochte sein kindlich weiches Gemüt eine Träne in einem Frauenauge
zu sehen, ohne gerührt zu werden und den Wunsch zu haben sie zu trocknen. Hatte
er auf den ersten Blick doch die holde Tochter des reichen Hauses glücklich
gepriesen, in dem Alles strahlte von Glanz und Pracht, von Wohlleben und Kunst,
und hatte es ihm doch dann so weh getan, dass sie nicht glücklich schien,
trotzdem sie wohl Alles besass, was das Leben schön und heiter machen konnte.
Also gab es doch auch Tränen inmitten des Reichtums, und nicht nur die Sorge
um das tägliche Brod oder die Sehnsucht nach höherer Ausbildung, die an den
Verhältnissen des materiellen Lebens scheiterten, waren es, welche Tränen
erpressten, wie er bisher gemeint.
    Unter solchen Gedanken war er, um sich weniger der Gefahr auszusetzen
gesehen zu werden, so viel als möglich durch kleine Gässchen und ihm bekannte
Durchhäuser gegangen, welche bei der Nürnberger Bauart üblich waren, als er in
die Hirschelgasse kam und das erst vor wenig Jahren vollendete Tucher'sche Haus
betrachtete. Der Besitzer desselben, Hans von Tucher, zu den ältesten und
vornehmsten Geschlechtern Nürnbergs gehörig und um seiner dem Reich geleisteten
Verdienste willen vom Kaiser in den Adelstand erhoben, hatte, aus dem gelobten
Lande von einer Pilgerfahrt dahin zurückgekehrt, dies Haus ganz in türkischem
Geschmack erbauen lassen. Von Aussen kennzeichneten es die runde Kuppel in der
Mitte und die Rundtürme zu beiden Seiten, und gaben ihm fast das Ansehen einer
Moschee. Innen war Alles mit orientalischer Pracht eingerichtet, und Albrecht
musste gestehen, dass gegen diesen Luxus von gold- und silbergewirkten Teppichen
und Tapeten, marmornen und vergoldeten Möbeln, schwellenden Sammtpolstern,
schweren Seidenvorhängen u.s.w. die Einrichtung des Muffel'schen Hauses, die er
vorhin bewundert, ärmlich erschien. Ja hier wetteiferte die Kunst selbst mit der
Natur und bemühte sich nicht nur orientalische Pracht, sondern auch
orientalische Gewächse zu entfalten. Im Hofraum befand sich unter einer runden
Kuppel von buntem Glas ein Gebäude, welches einem Feentempel glich. Hohe Palmen
und lauter grossblätterige und wunderbar blühende Pflanzen wuchsen darin, in
mussivisch ausgelegten Becken mit klarem Wasser spielten goldene Fischlein, und
aus zierlichen, von Kupfer getriebenen, aber reich versilberten Figuren sprangen
Wasserstrahlen, die Gewächse benetzend oder in silbernen Becken sich sammelnd.
    Man wies Albrecht dahinein, als er nach dem jungen Herrn Stephan fragte,
denn hier befand sich der Gesuchte und betrachtete eine grosse weisse Blume, die
sich eben aus ihrer dichten grünen Hülle entfalten wollte. In seinen Augen
schimmerte freilich keine Träne, aber es sprach finsterer Unmut daraus, der
eben so sehr mit seiner blühenden, zauberischlächelnden Umgebung contrastirte,
wie die Träne Ursulas mit dem Glanz der ihrigen.
    Stephan Tucher war ziemlich gross und von stolzer Haltung, die auch in dem
weiten faltigen Gewand sichtbar war, das er nach Art der Saracenen trug, um auch
den Hausanzug zu dem Hause selbst zu passen. Sein dunkles Haar war sorgfältig
gepflegt wie der kleine Bart über seinen Lippen und duftete nach köstlichen
Oelen. In seinen Augen glühte das Element eines unruhigen Feuers, das sie zu
zwingen schien sich immer hin und her zu bewegen und das die hochgeschwungenen
Brauen nicht milderten. Seine Nase war stolz gehoben und ein Zug von Eitelkeit
spielte um seine an beiden Seiten aufwärts gezogene Oberlippe, unter der grosse,
blendendweisse Zähne hervorbljetzten. Er galt für einen schönen Mann, schien das
sehr wohl zu wissen und grossen Wert darauf zu legen - vielleicht eben deshalb
hatte er für den bescheidenen, schwärmerischen Albrecht nichts Anziehendes.
    Er grüsste höflich, eilte sogleich auf Stephan zu, der den Gruss nicht
erwiederte, sondern den Eintretenden allein mit einer Miene ansah, als wolle er
fragen: wer so unverschämt sei ihn zu stören? und die Worte würden wohl auch
gefolgt sein, wenn nicht Albrecht sie abgeschnitten, indem er sagte: »Verzeiht,
Herr, aber nur wenn ich Euch ganz allein fände, sollt' ich dies Brieflein in
Euere Hände legen.«
    Ohne ein Wort der Erwiederung nahm es Stephan und lös'the mit Hast das
Siegel, so dass das feine Papier daneben zerriss. Mit flammenden Blicken las er:
    »Hochedelgeborner, vielgeliebter Herr! Wenn Euere Minne der meinigen an
Grösse gleicht, so könnet Ihr harren und aushalten in Geduld, bis dass die Zeit
oder die Heiligen uns helfen den stolzen Sinn der Väter versöhnen. Lasst um
meinetwillen nicht Feindschaft werden zwischen Euch und Eurem Vater. Nie werde
ich einen andern Mann minnen denn Euch, aber fahret Ihr fort in mich zu dringen
das Gebot Gottes und der Menschen zu übertreten, so muss ich in ein Kloster
flüchten und den Schleier nehmen, denn auch ich bin zu stolz die Schwiegerin
eines Mannes zu werden, der in mir nur die Enkelin eines Hingerichteten
verachtet. So vermelde ich Euch meinen Gruss und bleibe Euere vielgetreue
Ursula.«
    Getäuschte Erwartung, Leidenschaft und Zorn loderten in Stephan auf, er war
in einer furchtbaren Erregung und gab sich keine Mühe dieselbe zu verbergen. Er
stampfte mit den Füssen und lief wie ein wütend gewordenes eingesperrtes
Raubtier in seinem Käfig hin und her. Albrecht's Gegenwart schien er ganz
vergessen zu haben. Endlich fuhr er ihn an:
    »Du bist ein Betrüger! wer gab Dir diesen Brief?«
    Albrecht schlug die Augen verwundert auf im Bewusstsein seiner Unschuld und
sagte: »Den Brief gab mir Jungfrau Ursula Muffel mit eigener Hand und war dabei
sehr ängstlich, dass es Niemand erführe.«
    »Es ist ihre Hand!« sagte Stephan zu sich selbst, »aber wer bist Du? Du
gehörst nicht zu den Dienern ihres Hauses, aber ich habe Dich schon irgendwo
gesehen; Du wirst meiner Rache nicht entgehen, wenn Du mich belügst!«
    »Herr!« antwortete Albrecht mit edler Glut und entschlossen keinen
unwürdigen Verdacht zu dulden: »Ich kann Eurem Gedächtnis gern zu Hülfe kommen;
ich heisse Albrecht Dürer und bin Lehrling beim Meister Wohlgemut unter der
Veste, der Euch begonnen hat zu conterfeien, in seiner Werkstatt habt Ihr mich
gesehen. Heut' habe ich im Hause des hochedlen Ratsherrn Muffel zu malen, da
hatte Jungfrau Ursula besseres Vertrauen zu mir denn Ihr, und da sie einen Boten
brauchte zu Euch, auf dessen Treue und Schweigen sie bauen mochte, hat sie mich
erwählt. Den Brief hat sie vor meinen eigenen Augen gesiegelt, von ihrem
Schreibpult genommen und dabei geweint wie schon vorher. Sie hat mir auch
geheissen ihr Nachmittag Antwort zu bringen. Und da ich von dem Gemälde geredet,
das Meister Wohlgemut von Euch begonnen, hat sie gesagt, Ihr möchtet es bald
vollenden lassen.«
    Während Albrecht sprach, hatten Stephan's Augen wieder auf dem Briefe
geweilt, und es war als betrachte er seine Zeilen nun im mildern Lichte.
»Antwort sollst Du bringen?« fuhr er jetzt empor, »wozu Antwort? Doch ja! bring'
ihr diese.« Er riss die schöne weisse Blume ab, die er vorhin betrachtet hatte,
und pflückte dann eine der dunkelsten Purpurblüten eines Granatbaumes, gab
beide in Albrecht's Hand und sagte: »Bringe ihr die Blumen als Antwort und sag'
ihr: die rote gleiche meiner Empfindung und die weisse der ihrigen.«
    Albrecht nahm die Blumen und wollte gehen. Da besann sich Stephan doch noch,
dass er sich voll roher Rücksichtslosigkeit gegen die Briefsenderin wie gegen
ihren Boten benommen - und wollte beides durch eine neue Rohheit gut machen. Er
nahm ein Goldstück aus seiner Tasche, gab es Albrecht, der es erst nahm, weil er
dachte, er solle vielleicht damit noch einen Auftrag vollziehen, und sagte:
»Hier, damit Du schweigst und keinem Menschen ein Wort von diesem Botengange
sagst.«
    Albrecht legte das Goldstück rasch auf den nächsten Blumenstock, als sei es
glühend, und es schien, als jage es auch solche Glut in sein Gesicht. Mit
bebender Stimme rief er: »Um Gold tue ich weder das Rechte noch das Unrechte.
Ich habe Jungfrau Ursula versprochen zu schweigen, da könnt Ihr ruhig sein.« Und
während der arme Lehrling hoch aufgerichtet hinausschritt, weil er trotz all'
seiner Armut eine Demütigung abgeworfen und das Gold nicht genommen, das ihm
in anderer Weise sehr willkommen gewesen, da er oft an dem Nötigsten Mangel
litt und sich dafür schönes Werkzeug hätte kaufen können, blieb der reiche
Patriziersohn zerfallen mit sich selbst, mit seiner Familie, der Geliebten und
darum mit der ganzen Welt in seinem prächtigen türkischen Kiosk zurück, und
verwünschte diese Pracht, weil ihm nicht vergönnt war die schönste Blume
hineinzuverpflanzen, die unter Nürnbergs Jungfrauen ihm erblüht war.
    Und es war nur ein leidiges Vorurteil seines stolzen Vaters, das ihn so
unglücklich machte.
    Sein Vater war seit seiner Rückkehr aus dem heiligen Lande Loosunger des
grossen Rats, wie denn überhaupt seit einiger Zeit in der Nürnberger Verfassung
der Missbrauch eingerissen war, dass nur aus den Geschlechtern der Holzschuher und
Tucher die Loosunger hervorgingen.
    Werfen wir, um dies und weiter Folgendes zu erklären, einen Blick auf die
Nürnberger Verfassung.
    Schon seit 1219 war Nürnberg zur freien Reichsstadt erhoben worden und eine
Urkunde Friedrichs II. bestätigte ihr das Recht: keinen andern Schutzherrn zu
haben als die römischen Könige und Kaiser. Die Stadt hatte das Recht, sich nach
einer selbstgegebenen republikanischen Verfassung selbst zu regieren, und
verdankte dieser gleich andern Städten des Mittelalters ihre Blüte.
    Das Stadtregiment bestand in einem grossen und in einem kleinen Rat. Der
erstere ward aus den vornehmsten Bürgern der Stadt gewählt, welche darum den
Namen der »Genannten« führten. Der kleine Rat, der das eigentliche
Stadtregiment führte, ward mit zweiundvierzig Männern besetzt, wovon
vierunddreissig aus den edlen ratsfähigen Geschlechtern und acht aus der Gemeine
gewählt wurden. Jene vierunddreissig teilten sich in acht alte Genannte und
sechsundzwanzig Bürgermeister, von denen dreizehn geschworne Schöffen waren. Von
den Bürgermeistern war ein Jahr hindurch abwechselnd ein junger und ein alter
Bürgermeister im Amt. Von den alten Bürgermeistern wurden sieben als oberste
Regenten ausgewählt, die sieben älteren Herren (Septemviri). Aus diesen wurden
drei oberste Hauptmänner (Triumviri) und von diesen wieder zwei zu
Schatzmeistern (Duumviri) ernannt, welche auch die Loosunger hiessen, weil sie
die Loosung (Steuer) zu verwalten hatten. Der älteste dieser Loosunger (denn
dieser Name war zu unserer Zeit der gebräuchliche) im Amt ward als der
Vornehmste und Oberste im ganzen Rat geachtet.
    Diese Loosunger standen in höchstem Ansehen, ihnen waren alle Schätze der
Stadt anvertraut, sie hatten alle Einnahmen und Ausgaben zu besorgen und die
auswärtigen Aemter mussten ihnen Rechnung ablegen. Zu alten Genannten wurden
meistens nur solche Personen gewählt, deren Verwandte schon im Rate und
Bürgermeister waren, da sie dann während deren Lebensdauer nicht zur Würde eines
Bürgermeisters oder zu einem andern höheren Grade gelangen konnten. Sie hatten
im kleinen Rat ihre Stimme zuletzt, und nur wenn die Frage bis zu ihnen
reichte, abzugeben.
    In den kleinen Rat konnten übrigens nur solche gewählt werden, die zu den
alten Geschlechtern gehörten, so nannte man diejenigen Nürnberger Bürger, oder
vielmehr Patrizier, deren Ahnen und Urahnen auch im Regiment gewesen. Fremdlinge
und das gemeine Volk, wie die Verfassungsurkunde sich ausdrückt, hatten keine
Gewalt. Nur ausnahmsweise wurden auch solche, welche erst seit kurzer Zeit nach
Nürnberg gekommen, als besondere Auszeichnung, sowie Einheimische ihrer Geburt
und ihres Stammes wegen in den Rat aufgenommen; doch konnten sie es nicht höher
als bis zum jüngern Bürgermeister bringen.
    Wenige Geschlechter nur waren es, deren Sprösslinge es bis zum alten
Bürgermeister bringen konnten, noch weniger waren es, woraus die sieben alten
Herren, sehr wenige, aus denen die Hauptmänner, und am wenigsten, woraus die
Loosunger gewählt werden konnten. So war es denn endlich dahin gekommen, dass
lange Zeit hindurch nur die Holzschuher und Tucher dieser Würde teilhaft waren.
    1469 war noch Niclas Muffel Loosunger und lange Zeit einer der geachtetsten
Männer gewesen, bis es plötzlich an den Tag kam, dass er öffentliche Gelder
veruntreuet hatte. Um ein Beispiel zu geben, ward er in strenger Haft gefangen
gehalten und dann hingerichtet. Er hinterliess fünf Söhne, die vier ältesten
wanderten aus, der jüngste Sohn, Gabriel, aber blieb, um das Geschlecht
fortzusetzen.
    Gabriel Muffel gehörte nun auch zu den Genannten des grossen Rates, und
hatte es sich angelegen sein lassen, die Schmach vergessen zu machen, die durch
seinen Vater auf sein Geschlecht gekommen. Waren doch nun zwanzig Jahre seit
jenem Unglückstag verstrichen, bisher hatte ihn auch wirklich Niemand dasselbe
entgelten lassen. Jetzt war er seit einigen Jahren Witwer und hatte nur seine
Tochter Ursula bei sich, die eben an jenem unglücklichen Erichstag, da ihr
Grossvater gerichtet ward, zur Welt gekommen. Sie hatte nur noch einen Bruder,
der sich jetzt bei einem Oheim in Mailand in der Lehre befand, um später das
Geschäft des Vaters zu übernehmen.
    Ursula Muffel war nicht nur eines der schönsten sondern auch der klügsten
Mädchen von Nürnberg. Geschwisterlos aufgewachsen und früh der Mutter beraubt,
hatte sie gleich mancher Jungfrau Nürnbergs an wissenschaftlicher Bildung
Gefallen gefunden. Sie konnte nicht nur lesen und schreiben, sondern verstand
auch italienisch und lateinisch, und war in manchen Stücken von ihres Vaters
Geschäft wohl erfahren, so dass sie ihm auch im Rechnen und Briefschreiben oft
beizustehen pflegte. dabei war sie bescheiden und sittig und auch in allen
erblichen Künsten wohl geübt. Sie hatte die oberste Leitung des Hauswesens, und
die Ordnung und Anmut, die sie darin zu verbreiten wusste, legte sie auch an
ihrer zierlichen Kleidung an den Tag.
    Stephan Tucher, nur eben erst von weiten Reisen zurückgekehrt, hatte sie an
einem Osterfeiertag gesehen bei einem Feste der patrizischen Geschlechter, und
da war es ganz von selbst gekommen, wie es immer kommt: dass das Paar sich
schnell zusammengefunden und nur Aug' und Ohr für einander gehabt hatte.
    Stephan Tucher war stolz gleich seinem Vater und wachte selbst eigensinnig
über sich seiner Patrizierwürde nichts zu vergeben. Aber Ursula Muffel gehörte
zu einem alten Geschlechte. Ohne Gefahr für das Ansehen des seinigen meinte er
sich ihr nähern und sich mit ihr verbünden zu können. Das Feuer seiner
Leidenschaft entzündete die ihrige und führte ihn bald zu einer zärtlichen
Erklärung, welche die süsseste Erwiederung fand. Ehrsam warb er sogleich bei
ihrem Vater um ihre Hand, gewiss, dass er, der Sohn des vornehmsten und reichsten
Geschlechtes von Nürnberg, freudige Einwilligung erhalten werde. Sie warb ihm
auch, natürlich mit dem Zusatz: wenn auch Herr Hans von Tucher zufrieden sei und
nicht schon anders über die Hand seines Sohnes verfügt habe, was damals oft
Brauch war. Stephan erklärte stolz, dass er nie einen solchen väterlichen Zwang
erdulden werde, ihn auch gar nicht zu fürchten habe, und eilte eben so
zuversichtlich zu seinem Vater, ihn um seinen Segen zu bitten.
    Da der alte Ratsherr aber den Namen Ursula Muffel hörte, verwandelte sich
das freundliche Beifallslächeln, das er erst für den Sohn gehabt, da dieser nur
von Verlobung sprach mit einer schönen Tochter aus einem der achtundzwanzig
Geschlechter Nürnbergs, in spöttisches Zucken von strafenden Zornesblicken
begleitet, und hämisch antwortete er:
    »Ich muss zu Dir sagen, wie vor dreissig Jahren Markgraf Albrecht zu Niclas
Muffel sagte: Du Muffelmaul, so lange hast Du gemuffelt, bis Du das heraus
gemuffelt hast! Zehn Jahre darauf ward dieser Niclas Muffel, der so lange
Loosunger gewesen, verurteilt und gerichtet wie ein gemeiner Betrüger - und er
war schlimmer als solcher, denn er stammte aus einem edlen Geschlecht und war
das Haupt dieser Stadt, die er schändlich betrog und auf die er Schande brachte
im Reich, weil man draussen sagen konnte: die Nürnberger lassen sich die klügsten
und rechtsamsten Leute schelten, und ein Haupt ihrer Stadt betrügt ihre Bürger.
Darum half es Nichts, dass Fürsten und Herren, ja der Kaiser selbst Fürsprache
einlegten für den Verbrecher: er musste gerichtet werden, damit sein Blut den
Rat und die Geschlechter wieder rein wasche von der Schmach, die er aufgehäuft.
Und nun denkst Du das Geschlecht der Tucher mit dem der Muffel zu verbinden? das
wird nie geschehen!«
    Vergeblich bemühte sich Stephan dem Vater zu beweisen, dass weder Gabriel
Muffel noch einer seiner Brüder beteiligt gewesen sei an der Tat des Vaters,
und dass sowohl die Tucher selbst mit allen andern Geschlechtern das bestätigt
hätten, indem Gabriel Muffel zu den Genannten des grossen Rates gehöre und alle
Ehren genösse, die seinem Geschlecht zukämen. Der alte Loosunger blieb bei
seiner Weigerung: dass er nie die Enkelin eines Hingerichteten in seine Familie
aufnehmen werde, und da der Sohn versuchte ihm Widerstand entgegen zu setzen,
und bei Ursula und ihrem Vater Ausflüchte suchte, ihnen noch die verweigerte
Einwilligung seines Vaters zu verbergen, ging der stolze Loosunger selbst so
weit, als er Gabriel Muffel auf dem Rathaus begegnete, zu sagen: er möge die
Ehre seiner Tochter behüten, wie er die seines Sohnes, denn zu einer Verbindung
beider werde er nie seine Einwilligung geben.
    Im Zorn erwiederte Gabriel Muffel die Beleidigung des Hochfahrenden in
gleich roher Weise, wie sie in jener Zeit gebräuchlich war, und heimkehrend
verwehrte er seiner Tochter jeden Umgang mit Stephan Tucher und erklärte ihr,
dass sie ihm für immer entsagen müsse. Die Liebenden fanden dennoch Gelegenheit
sich einander heimlich zu sehen, ihre Liebe und ihr Leid einander zu erklären.
Stephan sprach von Flucht und Entführung und vermochte oft den Ausbrüchen seiner
glühenden Leidenschaft nicht zu wehren - aber die sittige Jungfrau vermochte es,
und um sich selbst zu schützen und dem Willen ihres Vaters zu gehorchen, schrieb
sie jenes Brieflein, für das sie keinen andern Boten fand als Albrecht Dürer.
 
                                Drittes Capitel
                                 Die Baubrüder
Man hat es dem Christentum mit Unrecht zum Vorwurf gemacht, dass es durch den
transcendentalen Charakter, den es im Gegensatz zu dem Hellenismus annahm, die
Kunst vernichtete. Wohl trat es gegen das Bestehende polemisch auf wie jede
Neuerung, also auch polemisch gegen die bestehende Kunst, seine vorwiegende
Geistigkeit verwarf die vorwiegende Sinnlichkeit der Antike, aber es schuf
dadurch eine neue Kraft, die in neuen Formen das Unendliche im Endlichen
darzustellen, oder doch zu verkünden, dazu zu erheben strebte.
    Als das Christentum eine Macht zu werden begann, waren ohnehin im
Abendlande der Sinn für schöne Kunst und der gute Geschmack gleichzeitig im
Absterben, und es bedurfte nicht des verrufenen angeblichen Vandalismus der
Germanen, um die Kunst von den Ueberlieferungen des Altertums in
mittelalterliche Rohheit zu versenken. Allerdings hausten die Germanen arg bei
ihren Grenzfahrten: aber das Siechtum der abgelebten romanischen Welt war der
Kunst kaum minder ungünstig als die germanische Rohheit. Die Kirche trat in's
Mittel der armselig gewordenen Kunst, wo sie aus der römischen Zeit fort
vegetirte das Leben zu fristen und bei den germanischen Völkern zunächst den
Sinn und Eifer für die kirchlichen Bauten und deren Verzierung zu wecken und die
rohen Hände zunächst an technische Arbeit zu gewöhnen. Wohl schien es nach dem
Untergange Roms, als wären auch Kunst und Wissenschaft demselben Untergange
geweiht. Die Hand am Schwert standen die Völker sich gegenüber, einander ihre
Rechte mit blutiger Schrift beweisend und abtrotzend, Lärm und Verheerung
bezeichnete die Schritte der Sieger, die letzten Tage der Kunst schienen
gekommen. Da taten die Klöster und geistlichen Stifte ihre Tore auf und nahmen
die verscheuchte Himmelstochter in ihren Schutz. Die Kunst wurde von den Mönchen
für eine göttliche Gabe erkannt, als ein Mittel, das Göttliche mit dem
Menschlichen zu verbinden und dieses durch jenes zu veredeln.
    Fast alle Mönche des sechsten und neunten Jahrhunderts, besonders die
Benediktiner trieben die Baukunst, und bildeten Schüler derselben. Sie zogen
dann auch Laien hinzu, zunächst die in dem Kloster erzogenen Kinder, Oblaten,
dann die Hörigen der klösterlichen Stifter und endlich auch andere Laien, die
sich der Baukunst widmen wollten. Auf diese Weise sind die Baubrüderschaften
entstanden. Das Mittelalter begehrte Genossenschaft in jeglicher Werktätigkeit,
und der Innungsgeist mag schon in der Zeit aufgekommen sein, wo die Laien noch
als Hülfsgenossen der Mönche arbeiteten. Doch erst die Ablösung der
Laienbauleute von der klösterlichen Dienstmannschaft gab den Baubrüderschaften
den Charakter künstlerischer Selbständigkeit, den Kunsteifer und das hohe
Selbstgefühl, woraus die Wunderwerke der gotischen Baukunst entstanden sind.
    Die Baubrüderschaften wurden von den Päpsten besonders aufgemuntert und
durch mehrere Bullen mit gewissen Freiheiten und Privilegien versehen, daher ihr
Name: freie Maurer. Sie waren unter den besondern Schutz der verschiedenen
Landesherren und von allen öffentlichen Lasten befreit. Ungehindert wanderten
sie von einem Lande zum andern, wohin immer sie zur Aufführung grosser Bauten
berufen wurden. Sie hatten ihre eigenen Gesetze und eine fast militärische
Disciplin; alle Potentaten gaben ihnen Freiheiten und gestatteten ihnen sich
selbst zu regieren, ihre Gebräuche und Ceremonien zu beobachten. Daran erkannten
sie auch die fremden Baubrüder untereinander, wie sie denn auch nur diesen
verständliche Symbole, Zeichen und Chiffren hatten, um Profanirung ihrer
Wissenschaft zu verhindern. Wo sie sich zu einem Bau niederliessen, schlugen sie
in der Nähe desselben ihr Lager auf und nannten diese Werkstätte: Hütte.
    Deutsche Baumeister bauten überall von den Zeiten Karl's des Grossen an bis
zu denen der Habsburger Friedrich's III. und Max I. Um diese Zeit gab es vier
Hauptütten in Deutschland: zu Cöln, Regensburg, Wien und Strassburg. Für die
Nürnberger Hütte oder Steinmetzzunft, wie dergleichen fast in allen deutschen
Städten, wo kirchliche Bauten aufgeführt wurden, errichtet worden, war Strassburg
die Hauptütte, wie denn der Maurerhof zu Strassburg als oberste Behörde aller
Hüttenangelegenheiten erwählt ward.
    So viel nur voraus von der Geschichte der deutschen Bauhütten; ihr Zustand
und der Geist ihrer Mitglieder zur Zeit unserer Erzählung wird sich in Verlauf
derselben entwickeln.
    Als Ulrich Hieronymus in seine Wohnung begleitet, und dort dessen einfaches
Mahl geteilt hatte, wiederholte dieser sein Anerbieten, dieselbe für immer mit
dem neuen Ankömmling zu teilen. Sie bestand freilich nur aus einem einzigen,
nicht breiten, aber tiefen Gemach, in dessen Hintergrund ein Strohlager
aufgeschichtet war, neben dem sich, wie Hieronymus bemerkte, allerdings noch
Raum zu einem zweiten wies. In der einen langen Wand befand sich ein Schrank,
der durch Hieronymus' Sonntagskleider auch nur sehr gering gefüllt war, ein paar
hölzerne Sessel und Tische, auf welchen Zeichnungen und Risse nebst Zirkel und
Zeichenmaterial lagen, bildeten das übrige Zimmergerät.
    Die kleine alte Frau, die ihm das Essen bereitete, begrüsste er als seine
Mutter. Sie hatte Niemanden mehr als diesen einzigen Sohn auf der Welt, und da
er jetzt wieder nach Nürnberg zurückgekehrt war und auf lange Zeit bei den
Verschönerungen an der Lorenzkirche Arbeit gefunden, so hatte er für sich und
sie diese Wohnung im Haus des Rädleinmachers Sebald gemietet, dessen Geschäft
etwas zurückging und der darum, was ein Nürnberger Meister ungern tat, fremde
Leute in sein Haus nahm. Die Mutter Hieronymus' hatte noch ein kleines Gemach
für sich, das eine Herdstelle, wo sie für den Sohn kochte, und ihre Schlafstätte
in sich vereinigte. Dort sass sie meist und spann, weil sie sich von ihrer Hände
Arbeit ernähren musste.
    »Wir sind zwar alle Brüder« sagte Hieronymus zu Ulrich, »und ein Streben
beseelt uns Alle, ein gemeinsames Band verbindet uns Alle; aber es ist doch ein
Anderes, ob der Geist unserer Lehre in uns lebendig geworden oder nur ihr
Buchstabe, ob wir die Sache selbst erfassen oder nur das Symbol - nur einen
solchen Bruder möcht' ich immer um mich haben, und weil mich dünkt, ich habe ihn
in Dir gefunden, so möcht' ich Dich immer um mich haben.«
    Ulrich drückte nach diesen Worten Hieronymus lebhaft die Hand und fragte:
»Aber wodurch bist Du über mich zu einem so günstigen Schluss gekommen?«
    »Wie Du das Massbrett verschmähtest,« antwortete Hieronymus, »erkannt' ich,
dass Du kein gewöhnlicher Steinmetzgeselle warst, nicht nur dass Du genug Augenmass
und Geschicklichkeit besassest, es entbehren zu können, sondern dass Du den Mut
hattest, bei einem ersten Probestück vom Gewöhnlichen abzuweichen. Und ich
bewunderte Dich um so mehr, als ich erfuhr, dass Du eben erst ermüdet von der
Wanderschaft kamst.«
    »Darum ist mir ja auch heute zu ruhen gestattet,« antwortete Ulrich, »und
ich werde von dieser Erlaubnis Gebrauch machen und die müden Glieder auf Deinem
Lager ausstrecken, damit ich, wenn Du aus der Hütte kommst, mit Dir die Stadt
durchwandern kann, die mich anzieht, wie keine andere deutsche Stadt. Ich hoffe
denn also gleich Dir, dass wir als rechte Brüder zusammen leben, und wenn ich
Deine Wohnung teile, so teilst Du meinen Lohn mit mir.«
    Hieronymus musste bald scheiden, denn wer nicht zur rechten Zeit in der Hütte
war, bekam Abzug am Tagelohn, und eine härtere Strafe als dieser Verlust war die
damit verbundene Missbilligung.
    Als er beim Abendläuten zurückkam, fand er den neuen Kameraden am Tisch
sitzen und zeichnen.
    »Schon beschäftigt?« fragte Hieronymus, »ich glaubte, ich würde Dich erst
wecken müssen.«
    »Ich habe geschlafen,« antwortete Ulrich, »drei auch vier Stunden
vielleicht, länger hielt ich's nicht aus, das war genug geruht von der
Wanderschaft. Und wie ich die Augen wieder aufschlug und mich besann, wo ich
war, lockten mich diese Zeichnungen, ich wollte Dich dadurch kennen lernen! Hast
Du das Alles selbst gemacht?«
    »Sonntags, in meinen Mussestunden,« antwortete Hieronymus; »ist etwas
darunter, das Dir gefällt?«
    »Ja, dies hier,« sagte Ulrich, indem er einen Bogen Papier auseinander
rollte. Wenn auch mit ziemlich rohen Strichen, so sah man doch an den darauf
gezeichneten Figuren, dass sie ein jüngstes Gericht vorstellten, wo unter den
Verdammten sich auch eine stürzende Gestalt befand, die nach der vor ihr
fallenden dreifachen Krone langte.
    Hieronymus sagte: »Das ist die Zeichnung eines grossen Steinbildes, das sich
am Münster von Bern am Haupteingange im Westen befindet. Darunter stehen in
kleinen Säulennischen zu beiden Seiten der Hauptpforte, auf der einen die fünf
klugen, auf der andern die fünf törichten Jungfrauen, erstere im blossen
Haarschmuck, letztere mit lauter hochpriesterlichen Kopfbedeckungen bekleidet.
An diesem Portale bin ich zuletzt mitbeschäftigt gewesen. Noch ist der Bau des
Münsters dort nicht vollendet, aber da ich hörte, dass es in meiner Vaterstadt
Arbeit gebe, kehrte ich hierher zurück, um ihr meine Kraft zu widmen.«
    Ulrich lächelte beifällig und sagte: »Ich sehe, wir verstehen uns; auch ich
habe schon da und dort solch' ein Wahrzeichen zurückgelassen, der Welt zu
verkünden: dass wir Diener sind der göttlichen Kunst, Diener des Höchsten, dessen
Tempel wir bauen, aber dass wir nicht blinde Werkzeuge sind dieser Menschen, die
sich selbst Kirchendiener nennen, aber zumeist nur sich selbst dienen; dass unser
Hohenpriestertum der Kunst ein höheres ist denn das der Kirche, und dass wir
freie Maurer sind, nicht arbeitende Knechte! - Wie lange warst Du in der schönen
Schweiz?« fragte er, sich selbst unterbrechend.
    »Drei Jahre hab' ich dort gearbeitet,« antwortete Hieronymus; »es war eine
grosse Zeit! Die Schlachten von Granson und Murten hab' ich mit erlebt! Da wir in
Bern die Kunde von dem Sieg der Eidgenossen über den stolzen Burgunderherzog
empfingen - es war vor zwei Jahren am dreiundzwanzigsten Juni, dem Tage nach der
Schlacht - läuteten die Glocken des Münsters, an dem wir noch bauten, zum
schönsten Siegesfest, drängten sich Tausende in ihn hinein zum jubelnden
Dankgebet. Eine grosse Seelenmesse ward darin gehalten für die fünfzehntausend
Erschlagenen, deren Gebeine nun im Beinhaus von Murten ruhen, ein Denkmal für
alle Zeit, dass Gott mit diesem freien Landvolk streitet, dem er die Alpen als
Hochwächter der Freiheit gesetzt hat, und die Gletscher, dass die Tyrannei auf
ihnen ausgleite und sich nimmer erhalten könne. Wahrlich! ich habe Grosses
gesehen und erlebt in diesen Tagen, und seit ich die Freiheit dieses einfachen
Hirtenvolkes gesehen, das, wie es auch zuweilen selbst in Kleinlichkeiten
versinkend untereinander hadern mag, doch gleich die kleine Eifersucht und den
nachbarlichen Streit vergisst und vereinigt, gross und stark aufsteht gegen den
Unterdrücker von Aussen, mag er mit noch so stolzer Macht sich nähern - seitdem
erscheint mir das reichsstädtische Wesen hier recht kleinlich und
eingeschrumpft, und auch dafür wie für den Verfall der Kirche kann die Kunst
allein mir Trost gewähren.«
    Ulrich sagte: »Ich war zur selben Zeit in Strassburg, und auch unser Mauerhof
feierte den grossen Sieg in der Hütte wie im Münster. Das Jahr darauf erschien in
Strassburg selbst, aber von einem Schweizer Hans Eberhard Tüsch verfasst, eine
Erzählung des Feldzugs Karl's des Kühnen gegen die Schweizer, die von Allen, die
lesen können, mit Begierde gelesen ward.«
    »Aber ein weit höherer Geist als in diesem trockenen Bericht weht in den
Kriegs- und Siegesliedern, welche die Schweizer nach diesen Siegen ertönen
liessen,« sagte Hieronymus, »besonders in denen eines Dichters Veit Weber aus
Freiburg, der in den Reihen der Eidgenossen selbst mitfocht. Ich hab' ihn selbst
kennen und schätzen lernen. Solche Begeisterung, wie in diesen Liedern weht,
kann nur angetroffen werden, wo eine ganze Nation sich zu schönen Taten für
Vaterland und Freiheit erhebt; wir hier, in unseren kleinen Verhältnissen des
bürgerlichen Lebens, unter dem ehr- und gewinnsüchtigen Gezänk grosser und
kleiner Potentaten, müssen darauf verzichten. Doch,« fügte er an's Fenster
tretend hinzu, »wenn Du nicht zu ermüdet bist, heute noch Etwas von den
Herrlichkeiten dieser Stadt zu sehen, so wird es Zeit, dass wir gehen.«
    Beide ergriffen ihre Hüte, schnallten ihre kurzen Schwerter um und gingen
hinab.
    Sie waren nur erst wenig Schritte gegangen, als vor einem grossen Gebäude am
Katarinenhof ein dichter Menschenknäuel ihre Schritte hemmte.
    »Was gibt es hier?« fragte Ulrich, und sein Führer antwortete:
    »Sieh, hier ist Peter Vischer's Giesshütte, ein Rotgiesser, der gestern
Meister geworden. Die Russigen machen ihm heute einen Besuch, um ihn in seiner
eigenen Werkstatt zum ersten Feierabend zu beglückwünschen. Gestern hat ihm das
Handwerk ein Fest gegeben, und heute kommen die Gesellen zu ihm, sich den Dank
dafür zu holen. Da wird er manches Fässlein opfern müssen, denn wie mässig er auch
selbst leben soll, die Russigen sind ein durstiges Völkchen und lassen sich nicht
gern eine Zeche entgehen.«
    »Nur herein, ehrsame Zunftgenossen!« rief eine Stimme aus der Hütte, und an
der geöffneten Tür zeigte sich die mittelgrosse, breitschulterige gedrungene
Gestalt eines Mannes von dreissig Jahren. Heiterer Lebensmut strahlte aus
seinem, jetzt noch von der Glut des Feuers gerötetem Gesicht, Gütmütigkeit und
Freundlichkeit gegen Jedermann leuchtete aus seinen hellen Augen und ein
eigentümlicher Zug von Schalkheit spielte um den Mund trotz dem Bart, der ihn
umsäumte. dabei lagerte auf der Stirn doch ein Ausdruck von Ernst und
Willenskraft, der seine ganze, sonst gewöhnliche Erscheinung adelte. Er trug
eine graue Arbeitsjacke, darüber eine steife Lederschürze und den Meissel in der
Hand.
    Ein donnerndes »Hoch!« der Russigen antwortete ihm. So nannte man die Knechte
und Gesellen der Giesshütten, deren es eine ziemliche Anzahl in Nürnberg gab,
denn die Kunst in Erz und Metall zu giessen war eben damals sehr im Schwunge, und
diese Russigen waren ein zahlreiches Völkchen, das sich in Macht und Ansehen zu
erhalten wusste, und wenn nicht anders, durch die Stärke seiner Muskeln und die
Kraft seiner Fäuste, wie durch die Hämmer, die darin geschwungen wurden.
    »Dieser Peter Vischer hat ein sehr künstliches Meisterstück gemacht,« sagte
Hieronymus, »das wir uns einmal ansehen können. Er ist auch von unermüdlichem
Fleiss und lässt sich keine Mühe verdriessen zu lernen und sich fortzubilden.«
    In diesem Augenblick ward in dem wachsenden Gedränge ein Benediktinermönch
mit grauschwarzem Haar und langem wallenden Bart an die Seite der Steinmetzen
geführt, so zwar, dass sein Rosenkranz an Ulrich's Schwert hängen blieb, und da
dieser vorwärts schreitend das nicht bemerkte, so zerriss die Schnur und die
Perlen rollten zu Boden.
    Der Mönch murmelte etwas zwischen den Zähnen, das fast wie ein Fluch klang,
Ulrich aber ward nicht so bald das Geschehene gewahr, als er mit höflichen
Worten für seine Unvorsichtigkeit um Entschuldigung bat, und sich zu Boden
bückte, die herabgefallenen Perlen zu suchen, da eben jetzt die Gesellen in die
Giesshütte eintraten und dadurch das Gedränge sich verlor.
    Ulrich sprach mit etwas fremden Accent und hatte überhaupt ein eigentümlich
melodisches Organ - der Benediktinermönch starrte ihn prüfend an, nachdem er
diese Laute vernommen, und während es erst geschienen, als wolle er ihn derb
anlassen, sagte er jetzt nur kurz: »Bemüht Euch nicht!« und war um die nächste
Ecke mit hastigen Schritten im Augenblick wie verschwunden. Wenigstens als
Ulrich das herabgefallene Kreuz und eine grosse Perle des Rosenkranzes aus dem
Staub der schlechtgepflasterten Gasse aufgehoben und dem Mönch sein Eigentum
geben wollte, war derselbe nirgend mehr zu sehen. Auch Hieronymus hatte sein
Augenmerk nicht auf ihn gehabt und wusste nicht, wo er hingekommen. Vielleicht
begegne ich ihm noch einmal,« sagte Ulrich; »er hatte ein ausdruckvolles
Gesicht, das ich jedenfalls wieder erkenne, oder ein anderer Benediktinermönch
kann uns vielleicht sagen, welcher seiner Brüder diesen Verlust gehabt; bis
dahin will ich Perle und Kreuz bewahren, um sie ihm gelegentlich wieder
zuzustellen.«
    Wie es dunkel geworden und die abendlichen Schleier auch die schönsten
Bauwerke einhüllten, das selbst die prächtige Sebaldskirche, vor der Ulrich
lange bewundernd und zugleich mit dem Auge des Kenners prüfend weilte, nur noch
in ihren grossen Umrissen sichtbar war, kehrten die beiden Baubrüder wieder heim
in ihre gemeinschaftliche Wohnung. Durch Nürnbergs Gassen wogte zwar noch lange
ein heiteres Leben und ein warmer Maiabend war so recht eigentlich geschaffen
für die Bürgerlust, und auf den Spaziergängen an der Pegnitz wimmelte es von
junger männlicher und weiblicher Welt, die sich lustig erging und begrüsste; aber
wenn auch die Baubrüder nicht mehr zum geistlichen Stande gehörten, so lebten
sie doch gewissermassen abgesondert von der profanen Welt und unter strengen,
selbstgegebenen Gesetzen, auf deren Befolgung mit viel grösserer Strenge gesehen
ward, als zur selben Zeit bei den Mönchen und Geistlichen, die gerade damals
sich viel erlauben durften, so dass von den Klosterbrüdern Dinge geschahen und
ihnen nachgesehen wurden, die bei den Baubrüdern strenge Bestrafung fanden. Die
Hütten hielten strenger auf Moral als die Klöster, es herrschte bei den
Baubrüderschaften nicht mehr der Gegensatz von geistlich und weltlich, von
Geistlichen und Laien, sondern von Geweihten und Profanen. Hierin lag das
erhebende und zugleich stolze Gefühl, welches die freien Maurer gleichsam durch
sich selbst stützte und schützte und sie eigensinnig über die eigene
Sittenreinheit wie über die ihrer Brüder wachen liess, um sich ihrer Würde nichts
zu vergeben und treu darauf zu halten, dass ihr erhabener Bund keinen Makel an
seinen Angehörigen dulde.
    Am folgenden Morgen waren Hieronymus und Ulrich die Ersten in der Hütte -
den Pallirer ausgenommen, der das Amt hatte die Tür auf- und zuzuschliessen und
der Erste und der Letzte in der Hütte zu sein. Bald kamen auch die andern
Gesellen und Lehrlinge, und der Pallirer sprach das Morgengebet, dann ging ein
Jeder still an seine Arbeit. Der Werkmeister wies Ulrich die seine an und sagte
ihm, dass nachher der Hüttenmeister und der Propst von St. Lorenz, Herr Anton
Kress, kommen würden, um ihn als Mitglied der Nürnberger Bauhütte aufzunehmen.
    Die Hüttenmeister waren die obersten Vorsteher einer Hütte, sie mussten für
Beschäftigung der Baubrüder sorgen, waren die Vertreter der
Hüttenangelegenheiten bei Kaiser und Fürsten, schlossen die Baukontrakte,
wählten die Arbeiter und suchten der Kunst und ihrem Ruf zu dienen. Da die
Baubrüderschaften eben nur zu Kirchenbauten sich verwenden liessen, so war es
immer der Bischof, Abt oder Propst eines kirchlichen Stiftes, der sie berief,
den Bauplan u.s.w. mit ihnen abzureden und zu beaufsichtigen hatte, war er
verhindert, so musste irgend ein Canonicus oder »Gottesjunker« seine Stelle
vertreten.
    Als Herr Anton Kress erschien, grüsste er Alle freundlich, als wären sie
seinesgleichen. Das Kirchenamt von St. Lorenz war erst kürzlich zu einer
Propstei erhoben worden, und Anton Kress war der erste, der mit dieser neuen
Würde bekleidet worden. Er mochte etwa fünfzig Jahre zählen. Leutseligkeit
sprach aus seinen freundlichen Mienen, und wenn die wohlgepflegte Behäbigkeit
seines ganzen Wesens auch nicht gerade auf sehr grosse Geistesgaben schliessen
liess, so sah man es ihm doch an, dass er eine aufrichtige Teilnahme und Liebe
für die Kunst besass, und indem er ihr huldigte und neue monumentale Werke
derselben veranlasste, nicht nur eine Mode mitmachte, die zu seiner Zeit unter
den Geschlechtern Nürnbergs sich auch Manchen für einen Kunstmäcen ausgeben
liess, der nur für die in die Augen fallende Pracht Sinn hatte und kein
Verständnis für das Höhere, das über den Gesichtskreis der Alltagsmenschen
hinaus lag.
    Als die üblichen Feierlichkeiten bei der Begrüssung des Propstes wie des
neuen Gesellen vorüber waren, sagte jener zu diesem: »Ist nicht Euer Zeichen ein
Kreuz mit einem Winkelmass durchschnitten?«
    Ulrich bejahte. Die Steinmetzen führten statt ihrer Namens-Chiffren,
Monogramme, welche sie als ihr Zeichen in ihre Arbeit gruben. Nur in diesen wie
in ihren Werken wollten sie fortleben, auf die Unsterblichkeit des einzelnen
Namens verzichtend, darum sind auch nur wenig Namen von Baubrüdern und
eigentlich nur die ihrer Baumeister auf die Nachwelt gekommen.
    Es schien nicht, als ob der Propst damit nur eine gewöhnliche Frage getan,
sondern als ob ihm die Beantwortung derselben von besonderer Wichtigkeit sei.
»Ihr seid in einem Kloster des Elsass erzogen?« fragte er weiter. »Was ist aus
Euren Eltern geworden?«
    Ulrich antwortete: »Meine Eltern bestellten das Feld in der Nähe eines
Benediktinerklosters und ich hütete dessen Schafe bis in mein zehntes Jahr. Da
wütete der Krieg in unserer Gegend und mein Vater musste mitziehen. Der Feind
stand uns ganz nahe, da ich auf dem Felde allein mit der Heerde war. Die Mönche
waren mir immer gütig gewesen, und jetzt nahmen sie mich mit in das Kloster. Da
der Feind näher rückte, die Fluren verwüstete und Feuer in unsere Hütten warf,
bat ich für Zuflucht um meine Mutter, oder dass man mich zu ihr liesse ihr
Schicksal zu teilen, welches es sei. Aber die Pforten des Klosters blieben
verschlossen. Ich wusste wohl, dass Frauen sie nicht durchschreiten durften, aber
ich war doch der Verzweiflung nahe, dass man mich getrennt von meiner Mutter
hielt. Da endlich der Kampf ausgetobt und der Feind weiter gezogen war, wie
immer eingeäscherte Höfe, brennende Hütten und zertretene Fluren hinter sich
lassend, liess man mich heraus, und eine Anzahl Mönche begab sich mit auf den
Weg, den Verwundeten Hülfe zu bringen oder die Todten zu begraben. Es gab von
beiden genug, Männer und Frauen, verstümmelt und erschlagen - aber von meiner
Mutter fand ich keine Spur. Leute, die sie kannten, wollten sie gebunden auf dem
Pferd eines Lanzenknechtes gesehen haben, der im raschen Trabe mit ihr
davongeritten. Meine Mutter war eine schöne Frau und damals etwa dreissig Jahre
alt - ich kann nicht ohne Schauder an das Geschick denken, das sie vielleicht
betroffen. Nie habe ich wieder etwas von ihr gehört, alle Nachforschungen, die
ich selbst nach ihr anstellte und welche von den Benediktinern, wie sie mich
wenigstens versicherten, nach ihr angestellt worden, blieben erfolglos. Die
frommen Klosterbrüder behielten mich bei sich im Kloster, das kleine Besitztum
meiner Eltern fiel ihm anheim und ich sollte dafür von ihnen zum geistlichen
Stande erzogen werden. Ich lernte nun bei ihnen schreiben, zeichnen und lesen,
und da sie mit mir zufrieden waren, wie ich bei ihren Lehren mich anstellte,
unterrichteten sie mich in allen wissenschaftlichen Dingen. dabei ging mir der
Sinn auf für die Kunst, und ich konnte dem Drang nicht widerstehen, mich ihr
ganz zu widmen. Einer der Mönche ward mein Fürsprecher, und so entliess man mich
endlich und die Strassburger Bauhütte nahm mich als Lehrling auf, wo ich, wie Ihr
aus meinen Zeugnissen seht, fünf Jahre gelernt und mein erstes Gesellenjahr
gearbeitet habe.«
    »Und von Eurem Vater erfuhrt Ihr Nichts?« fragte der Propst teilnehmend
weiter.
    »Einige seiner Landsleute, die zurückkamen, sagten, er sei in der Schlacht
gefallen, aber ich weiss so wenig gewiss, ob das wahr ist, wie jene letzte
Nachricht über meine Mutter,« antwortete Ulrich. »Es sind vierzehn Jahre seitdem
vergangen, aber ich habe nie wieder etwas von ihnen gehört, noch hat der
Klosterbruder, der mein Gönner und Freund geblieben, je etwas von ihnen
erfahren.«
    »Ihr waret das einzige Kind Eurer Eltern?« fragte Kress, dessen Teilnahme
immer mehr zu wachsen schien.
    »Ich hatte niemals Geschwister.«
    »Und Euer ländliches Besitztum?«
    »Der Abt des Benediktinerklosters verwaltet es für meinen Vater. Wenn er
oder meine Mutter nicht zurückkommen, fällt es an das Kloster.«
    Der Propst konnte bei dieser Antwort ein leises Lächeln nicht unterdrücken,
aber er schien mit seinem Examen über Ulrich's Familienangelegenheiten zu Ende
zu sein, und sprach nun von Bauangelegenheiten mit ihm.
    Dieses Examen war ungewöhnlich, da es vollständig überflüssig war. Kein
Jüngling ward als Baulehrling zugelassen, der nicht von ehrlicher Geburt war und
nicht die besten Zeugnisse über seine Sittlichkeit und Brauchbarkeit hatte. Es
verstand sich daher beides schon bei einem Baubruder von selbst, und ausserdem
waren dieselben fast ebenso losgerissen von allen Familienbanden wie die
Geistlichen, da auch das Cölibat bei ihnen Bedingung war, dass es nie Jemanden
einfiel, sich um ihre Angehörigen zu bekümmern. Anton Kress musste darum gerade
ein besonderes Interesse für diese haben, sonst hätte er nicht diese Auskunft
von Ulrich verlangt. So viel ward diesem klar, aber vergeblich bemühte er sich
durch Nachsinnen zu ergründen, was den Propst zu diesen Fragen veranlassen
konnte.
 
                                Viertes Capitel
                                 Konrad Celtes
»Unter der Veste« erhob sich ein neues Prachtgebäude, das eben erst in diesem
Jahr beendet worden. Es war auch nur das Wohnhaus eines Patriziers, aber fast
das schönste Nürnbergs. Ein Eckhaus, breit und tief und hochaufsteigend
zugleich, die immer noch Raum zu neuen Verschönerungen liess, wie z.B. der
Tragstein an der Ecke noch mit keiner Statue geschmückt war und die einzelnen
Absätze des treppenartig ausgeschnittenen Giebels auch noch ihrer Standbilder
harrten. Im Innern war es mit ausgesuchter Pracht und Kunst eingerichtet und
bekundete den Reichtum seines Besitzers.
    Dies war Herr Christoph Scheurl, der mit zu den angesehensten Geschlechtern
gehörte. Erst seit wenigen Wochen hatte er dies neue Haus bezogen, nachdem seine
Hochzeit mit Elisabet Behaim stattgefunden, eine ebenbürtige Wahl, denn auch
die Behaim waren ein altes ratsfähiges Geschlecht und auch im Ausland durch
ihre Niederlagen in Venedig und den Handel, den sie nach Portugal trieben,
wohlbekannt und in grossem Ansehen.
    Die junge Gattin war allein. In einem prachtvollen Chörlein, das sich weit
vorspringend an der Ecke des Hauses befand, sass sie am offenen Fenster und
blickte träumerisch hinab auf die Strasse, zuweilen auch auf eine zierliche
Schrift, die auf ihrem Schoss lag.
    Sie war eine ziemlich grosse prächtige Gestalt mit schwellenden Formen und
edler stolzer Haltung. Auch in ihrem schönen Antlitz schien ein Zug von Stolz
der vorherrschende zu sein. Aber man sah es auf den ersten Blick: es war nicht
die Hoffart und Eitelkeit einer verwöhnten Schönheit, es war nicht der Hochmut
auf Vornehmheit und Reichtum, was diesen Zug hervorrief: es war der Stolz eines
selbstbewussten Weibes, das über das gewöhnliche Geschlecht und die gewöhnlichen
Verhältnisse sich selbst emporgehoben. In diesen strahlenden Augen las man von
innern Kämpfen, und der lächelnde Zug um die Lippen war nicht der des Glückes
und der Befriedigung, möge sie aus naiver Unerfahrenheit oder aus beglückenden
Verhältnissen kommen, sondern mehr das Lächeln einer Welterfahrung, die zur
Weltverachtung geworden. Sie stand etwa in der Mitte der Zwanzig und sah auch
sonst nicht aus wie ein Wesen, das schon in solcher Weise mit der Welt
abgeschlossen hätte - nur jenes Lächeln abgerechnet. Das Haar umwallte sie in
malerisch geordneten Locken, die im Nacken goldene Nadeln emporhielten, die
vordersten aber fielen auf die Brust herab. Ihr Kleid war von violetter Seide,
einem Stoff, den man Zündel hiess, und nach venetianischem Schnitt, die offenen
Aermel fielen bis zum Boden und liessen die weissen schöngeformten Arme ohne
bedeckende Hülle; man müsste denn als solche die zahlreichen kostbaren Spangen
betrachten, von denen man nicht wusste, ob ihr Wert grösser sei durch die Pracht
ihrer Steine und deren Fassung, oder durch die kunstreiche Arbeit ihres
Verfertigers. Aehnlich geschmückt zeigten sich auch Hals und Brust. An dem
kleinen vorgestreckten Fuss gewahrte man einen zierlichen Schuh von gelbem Leder
mit goldener Stickerei und einem vorn lang- und emporgestreckten Schnabel; die
weissen Hände waren mit vielen Ringen geziert.
    Dies war vielleicht einer der Anzüge, über dessen Wohlanständigkeit und
Zulässigkeit die Väter der Stadt auf dem Rathaus lange Sitzungen hielten und
danach Kleiderordnungen erliessen, welche die Länge der Kleider wie der Aermel,
der Schnäbel an den Schuhen wie der Tiefe des Ausschnittes an Nacken und Busen,
den Fall der Locken an den Köpfen vorschrieben, die Zahl der Ringe, Armbänder
und Haarnadeln genau bestimmten u.s.w. um dem Luxus zu steuern. Aber indes
allerdings die gewöhnlichen Bürgerfrauen sich daran kehren mussten, weil sie
sonst in Strafe verfielen und von der Strassenjugend verspottet wurden, lachten
die übermütigen Patrizierinnen über den Eifer der Ratsherren und waren doch
gar wohl damit zufrieden, dass jener Bürgerstand, von dem sie selbst sich streng
absonderten, dadurch in Schranken gehalten ward, es ihnen nicht gleich zu tun.
Sie selbst aber verspotteten in ihrer Kleidung oft mit um so grösserer
Absichtlichkeit die Vorschriften des Rates, und als derselbe gar einmal darauf
verfiel, eine Steuer auf diese Ausschweifungen zu legen, trieben sie es erst
recht arg, um zu zeigen, dass sie es bezahlen konnten.
    So mochte der Rat versuchen was er wollte, er scheiterte damit bei den
stolzen Frauen, und wenn sie ja vielleicht am ersten Tag nach einer solchen
Bekanntmachung sich aus Furcht vor dem gemeinen Haufen nicht auf die Strasse
wagten, so entschädigten sie sich dafür durch ihre häusliche Toilette. Elisabet
vor allen gehörte mit zu den eigensinnigen Frauen, die gerade nur aus Lust,
einem Verbot zu trotzen, das übertrieben, woran sie sonst vielleicht gar nicht
gedacht oder es selbst lächerrlich oder unanständig, unpassend oder unschön
gefunden hätten. Sie machte es gern bemerklich, dass Niemand wagen dürfe ihr
Vorschriften zu machen.
    Als Elisabet's Blicke, wie es schien, gedankenlos hinab über die Strasse
schweiften, fuhr sie plötzlich zusammen und bog sich von dem Fenster zurück.
    Der Gegenstand, der diese Bewegung veranlasste, war ein Vorübergehender von
mittelgrosser, stattlicher Gestalt. Sein Wamms war genau von der Kleidfarbe
Elisabet's und darüber trug er einen kleinen spanischen Mantel von schwarzer
Farbe, auf dem Kopf einen kleinen runden Filzhut mit weissen Federn. Sein Haar
war dunkel, und die dunklen Brauen, die in schön gewölbten Bogen sich über
seinen feurigen Augen erhoben, gaben diesen einen edlen Ausdruck. Seine hohe
Stirn und die kühn gebogene Nase liessen in ihm den Mann von Geist erkennen; sein
Gesicht war fein, glatt und bartlos und liess ihn dadurch noch jünger erscheinen
als er war; er zählte dreissig Jahre.
    Elisabet hatte sich ihm nicht zeigen mögen; jetzt da sie glauben konnte, er
werde nicht mehr heraufsehen, wollte sie es wagen ihm nachzuschauen - aber er
war verschwunden. Wo war er hin? in welches von diesen Häusern sollte er
gegangen sein? wär' es möglich - in das ihrige? Sie trat aus dem Chörlein in das
Zimmer zurück - es war ihr, als höre sie Schritte die Marmortreppe hinauf - ihr
ganzes Wesen schien in Aufruhr zu kommen. Sie trat vor den grossen venetianischen
Spiegel, der auf goldenem Gestelle ruhend ihre ganze herrliche Gestalt
zurückwarf. Tat sie das aus Angst, um eine Miene, eine Haltung zu suchen,
diesen plötzlichen Aufruhr ihres Wesens zu verbergen; tat sie es aus
Koketterie, ihren Anzug zu prüfen und ihn in die ihren Reizen vorteilhaftesten
Falten zu schieben? Als die Flügeltür hastig aufgeworfen ward, stand sie stolz
und ruhig vor dem Eintretenden.
    »Verzeiht, hohe Frau, wenn ich störe!« sagte er.
    »Nicht im Mindesten, Herr Doctor Celtes,« antwortete sie mit erzwungener
Fassung, »obgleich ich wenig vorbereitet war auf diesen werten Besuch. Ich
bitt' Euch, nehmet Platz.«
    Sie warf sich in einen Polster von rotem Sammet, indes er auf einem Stuhl
ihr gegenüber Platz nahm. Die bunt gemalten Glasscheiben aus dem gewölbten
oberen Teil der Chörleinfenster und die dichten rotseidenen Vorhänge, welche
diesen Schimmer dämpften, warfen ein zauberhaftes Licht auf Elisabet.
    »Ich komme, mir Euren Rat zu erbitten« - begann er und schien nach weiteren
Worten zu suchen.
    »Wann hätte je ein Gelehrter und Dichter, wie Konrad Celtes, des Rates
eines Weibes bedurft?« unterbrach ihn die junge Frau.
    »Doch,« antwortete er; »es ist nicht das Erstemal, schöne Herrin, dass ich
Euch darum bitte. Der Bischof von Worms hat mir geschrieben und mich
aufgefordert zu ihm zu kommen. Ich würde dort viele gleichgesinnte Männer
finden, wie überall am Rhein, und die humanistischen Studien fördern können.
Seit mein edler Lehrer Rudolf Agricola in Worms gestorben, droht dort der
lebendige Geist, der von ihm ausgehend die elende Scholastik von den Schulen
verdrängte, zu erlahmen, wenn nicht eine Kraft von Aussen ihn wieder aufrüttelt.
Mein Name hat dort einen guten Klang und die Societas litteraria Rhenana, die
ich zu Heidelberg gestiftet, wünscht auch meinen Besuch. Die, denen ich noch
unbekannt bin, werden in mir den Schüler Agricola's sehen und mir gern gestatten
ihre Lehrstühle zu besteigen. Nun ratet mir: soll ich diesem Rufe folgen und
gehen - oder soll ich hier bleiben?«
    Elisabet hatte während seiner Rede mit ihrer goldenen Kette gespielt, und
während dieser scheinbar tändelnden Bewegung ging in ihrem Herzen eine so
heftige vor, dass sie alle ihre Kräfte anstrengen musste, die äussere Ruhe zu
behaupten, mit der sie jetzt sagte: »Ihr scheint auch darin Eurem edlen Lehrer
Agricola zu gleichen, dass Ihr Euch durch kein Amt wollt binden lassen, weil Ihr
eine unüberwindliche Abneigung habt gegen Fesseln jeder Art, sonst könntet ihr
nicht überlegen und gar um Rat fragen! ob Ihr diesem Rufe folgen sollt oder
nicht.«
    »So schickt Ihr mich fort?« fragte er betroffen, »und so ruhig - das hatte
ich nicht erwartet!«
    Sie sah ihn mit stolzen Blicken an und fuhr fort: »Ihr sagtet ja immer
selbst, dass Ihr ein unstetes Leben geführt und es wohl so fortführen würdet, bis
es zu Ende sei - ich glaube, der Bischof von Worms wird Euch das nicht
verwehren, wenn Ihr Euch auch zu ihm begebt, so wenig, wie er es Agricola
verwehrte. Hier seid Ihr ja auch nicht gebunden.«
    »Ja,« rief er heftig und aufspringend, »Ihr habt Recht! es hält mich ja hier
Niemand« - er griff nach seinem Hut und wollte gehen.
    Sie stand auch auf, riss den Hut aus seiner Hand und schleuderte ihn in eine
Ecke des Gemaches.
    »So werdet Ihr nicht von Euerer Freundin scheiden,« sagte sie plötzlich mit
dem zartesten Schmelz einer weiblichen Stimme. »Ich habe den Lorbeerkranz auf
Euer hohes Dichterhaupt gesetzt, wenn auch nur auf Befehl unseres Herrn und
Kaisers, und ich bitte Euch jetzt, dies Haupt ein wenig zu neigen, damit ich
dies goldene Kettlein um den Hals werfe, der niemals eine Kette tragen will -
und nur diese tragen soll zum Angedenken an Elisabet Behaim.«
    Es war nicht Zerstreuung einer kürzlich Vermählten, es war Absicht, dass sie
ihren Mädchennamen sagte, denn seit sie verheiratet war, hatte sie noch nicht
wieder mit Konrad Celtes gesprochen. Vor ziemlich zwei Jahren war er nach
Nürnberg gekommen, der Ruf seiner Dichtkunst und Beredtsamkeit war vor ihm
hergezogen; alle Gelehrten und Doctoren Nürnbergs kamen ihm achtungsvoll
entgegen, und Anton Koberger, der damals schon eine grosse Druckerei besass, in
der vierundzwanzig Pressen arbeiteten, druckte seine Werke.
    Konrad Celtes war der Sohn eines fränkischen Bauern Pickel, zu Wipfelde nahe
bei Würzburg 1459 geboren. Er sollte seinem Vater in der Landwirtschaft und im
Weinbau beistehen und sie später selbst übernehmen. Allein sein Wissensdrang
liess ihm keine Ruhe. Heimlich entfloh er aus der väterlichen Besitzung auf einem
Floss den Main und Rhein hinab und ging auf die Universität nach Cöln. Darauf
studirte er in Heidelberg und ward Agricola's Lieblingsjünger. Dann besuchte er
die Universitäten zu Erfurt, Leipzig und Rostock, aber nicht mehr als Lernender
sondern als Lehrender, dem Humanismus und den humanistischen Studien immer mehr
Eingang verschaffend. Durch seine Vorlesungen sammelte er sich so viel, dass er
darauf nach Italien gehen konnte, was für die Gelehrten seines Faches damals als
Notwendigkeit erschien. Zu Bologna hörte er Philipp Beroaldus den Aelteren, zu
Florenz Marsilius Ficinus, zu Rom Pomponius Lätus. Von Venedig aus ging er nach
Ungarn und Polen, und von da nach Deutschland zurück, wo er in Nürnberg sich
niederliess. Damals - es war im Jahr 1487 - hielt Kaiser Friedrich III. daselbst
einen Reichstag und blieb fast ein ganzes Jahr daselbst auf der Veste wohnen.
Der alte Kaiser, obwohl er damals nur den Reichstag berufen, um von ihm ein Heer
zu erbitten, seinen eigenen Geburtsort Neustadt zu schützen, den der sieghafte
Ungarnkönig Matias bedrängte und den Friedrich fürchten musste fallen zu sehen
gleich Wien, und obwohl er aus seinen eigenen österreichischen Erblanden
vertrieben, vom Geschick hätte gebeugt sein können, vertrieb er sich doch in
Nürnberg die Zeit, als sei er der glückgekrönteste Herrscher. Um den Nürnbergern
zu zeigen, dass er auch ein Freund der Wissenschaften und Künste sei - nur die
Rechtswissenschaft hasste er und nannte deren Doctoren: Seductores (Verführer) -
berief er deren Vertreter selbst um sich und liess sich von den Meistersängern
und Poeten ihre Werke vortragen. Bei einem öffentlichen Aufzug, der auf dem
Marktplatz stattfand, bei dem er einige Nürnberger Patrizier, darunter Hans
Tucher, zum Ritter schlug, um ihn damit für seine Reise in das heilige Land und
die von ihm selbst verfasste Beschreibung derselben zu ehren, nahm er auch einen
grünen Lorbeerkranz, den er sich auf sammtenem Kissen hatte nachtragen lassen,
und liess Konrad Celtes vor sich führen, um ihm so vor allen Hohen des Reichs und
allem Volk öffentlich die Ruhmeskrone des Dichters auf das Haupt zu setzen. Aber
als Celtes schon vor ihm kniete, zögerte der Kaiser plötzlich und sandte einen
seiner Ritter zu der Erhöhung, auf der Nürnbergs edle Frauen und Jungfrauen
Platz genommen. Unter ihnen strahlte vor Allen Elisabet Behaim durch Schönheit
und Anmut ihres Wesens, wie durch die Pracht ihrer Kleidung hervor - und mit
stolzer Haltung folgte sie dem Ritter, der ihr die Botschaft des Kaisers
brachte: dass sie als die schönste Jungfrau Nürnbergs den Dichter krönen möge.
Bisher hatte sie ihn nur von fern gesehen - nun stand sie dicht vor dem
Knieenden und setzte zitternd den Kranz, den sie aus der Hand des Kaisers
empfing, auf das edle Lockenhaupt, das sich vor ihr neigte.
    Wie hätte nicht das leichterregbare Herz des Dichters erfasst werden sollen
von diesem Augenblick und ihn als den schönsten seines Lebens preisen? Wer, dem
jemals für das Ringen und Streben seines Genius eine ähnliche Anerkennung, so
überraschend plötzlich und vor allem Volk zu Teil geworden, könnte jemals
wieder die höhere Weihe solcher Stunden vergessen? Und wie hätte Celtes, der
schon durch seine Studien des klassischen Altertums gleicherweise wie durch
sein feuriges Dichtergemüt zu dem Cultus der Schönheit sich hingezogen fühlte,
nicht immer daran denken müssen, dass er den Lorbeerkranz zwar wohl auf den Wink
seines Kaisers, aber doch aus den Händen einer Königin der Schönheit empfing? Er
pries Elisabet als solche in seinen Liedern und verherrlichte sie als seine
Muse in wohlgefeilten lateinischen Versen.
    Das Geschlecht der Behaim, aus dem sie stammte, galt vor allen
nürnbergischen nicht nur als eines der reichsten und angesehensten, sondern auch
als eines der gebildetsten und gelehrtesten der Reichsstadt. Elisabet's Vater
besass in Venedig ein eben so reiches Waarenlager als in Nürnberg und pflegte
sich wechselnd an beiden Orten aufzuhalten; auch die Tochter, für alles Grosse
und Neue empfänglich, dabei keine Mühe und Gefahr scheuend, hatte einmal mit ihm
einige Zeit in Venedig zugebracht, obwohl damals Frauen nur selten zu reisen
pflegten und bei den schlechten und oft gefahrvollen Wegen Vieles erdulden und
entbehren mussten, auch wenn sie den reichsten oder höchsten Ständen angehörten.
Elisabet's ältere Brüder waren mehr als gewöhnliche Kaufleute. Nicht nur dass
sie sich auf das Geschäft verstanden und durch ihre kühnen Speculationen und
grossen Handelsverbindungen fast mit allen Völkern der Erde in Verkehr waren, und
sich dadurch jene Vielseitigkeit und jenen grossen Weltblick erwarben, der nur
auf Reisen erlangt wird, hatten sie auch die gelehrten Schulen Italiens besucht
und auch daheim den Wissenschaften obgelegen. Besonders war es Martin Behaim,
der ein Schüler Johannes Regiomontanus (eigentlich Camillus Johannes Müller)
sich matematischen, astronomischen und andern gelehrten Forschungen widmete und
sich gern damit beschäftigte, auch die Kenntnisse seiner Schwester zu erweitern.
Jetzt war er freilich seit einigen Jahren entfernt, da er in Handelsgeschäften
seines Vaters nach Portugal gegangen war und eben jetzt auf portugiesischen
Schiffen mit Admiral Diego Can auf weitem Ocean trieb, den Seeweg nach Ostindien
zu entdecken, zu dessen Auffindung Martin Behaim's scharfsinnige matematische
Berechnungen die gegründetste Hoffnung gaben.
    Der ruhmgekrönte Dichter Celtes fand bald Zutritt in diese ausgezeichnete
Familie, welche die Wissenschaft so wohl zu schätzen wusste. Wie empfänglich er
auch war für sinnliche Eindrücke und wie auch Elisabet's Schönheit ihn zu den
ersten Versen an sie begeistert hatte und den Wunsch in ihm erregt, bei ihr
Zutritt zu erhalten, er würde der schönen Form bald überdrüssig geworden sein,
wenn er sie leer gefunden. So aber fand er sie von einem kühnen, beinah
männlichen Geist belebt, ausgestattet mit allen Kenntnissen, in denen damals
keine anderen Frauen so bewandert waren als die Töchter Nürnbergs und Augsburgs,
und er verherrlichte sie nun erst recht in seinem von ihr verstandenen Latein
als seine Muse.
    Elisabet's Hand fand viele Bewerber, aber sie hatte bisher noch jeden
abgewiesen; dem Einen galt sie dadurch für eine stolze Spröde, dem Anderen für
eine kalte Gelehrte mit einem Mannesherzen im Busen, und Manche flüsterten von
einem Fürsten oder vornehmen Ritter, mit dem sie ein heimliches Verhältnis habe
und der um seines Standes willen zögere sie heimzuführen, obwohl sie sich selbst
gleich mancher stolzen Patriziertochter Nürnbergs nicht zu gering achte, einem
Fürsten zum Altar zu folgen.
    Ihr Verhältnis zu Celtes gestaltete sich bald zu dem einer süssen
Freundschaft, welche an jene zarten Bande gemahnte, welche meist die
französischen Minnehöfe hervorgerufen. Sie war die Herrin und er ihr Dichter.
Für alle seine Bestrebungen und Arbeiten fand er in ihrem hochgebildeten Geist
ein feines Verständnis und begeisternde Anregung. Wo ihr die eigenen Kenntnisse
noch mangelten, da ward er ihr Lehrer, versorgte sie mit allen neuen Büchern und
las ihr Alles vor, was er selbst verfasste. Zuweilen wohl wurde die klare Ruhe
dieses schönen Wechselwirkens durch stürmischere Empfindungen gestört. Zuweilen,
wenn sie allein waren - was nicht gerade oft der Fall war, da Elisabet's
Mutter, oder eine jüngere Schwester oder auch ihre Brüder und andere Gelehrte
sie oft umgaben - geschah es, dass seine Huldigungen sich nicht nur auf den
Vortrag seiner Verse erstreckten, die davon voll waren, sondern dass er ihre
Hände küsste und sie in seine Arme zog, oder dass sie selbst einen Kuss der Muse
zum Lohn oder zur Weihe des Dichters auf seine Stirn drückte. Dies, für beide
beglückende Verhältnis währte weit über ein Jahr - und es hätte vielleicht noch
lange so gewährt, wenn nicht die rohe Hand anderer Menschen zerstörend
eingegriffen. Es gab auch schon damals genug scheelsüchtige Leute, gemeine
Zuträger und unberufene Sittenrichter, die über die stolze Patriziertochter
zischelten, welche die ebenbürtigen Bewerber verschmähe, und da der Fürst sie
sitzen lasse, an den herzugelaufenen Poeten, den Bauernsohn, der Nichts sei und
Nichts habe, sich wegwerfe, dass nun auch Keiner aus den Geschlechtern sie mehr
werde zur Ehe haben mögen. Solche Reden wurden auch Elisabet's Brüdern
hinterbracht; seitdem beobachtete sie besonders der älteste Bruder Georg, und
als er sie eines Tages wirklich überraschte, wie ihr Lockenhaupt an Celtes
Schulter lehnte und sein Arm um ihre Taille geschlungen war, trat er zornig vor
Beide hin und warf ihnen mit heftigen Worten das Unziemliche ihres Betragens vor
und erklärte Celtes für einen Verführer und Eindringling, der dem Hause, das ihn
freundlich aufgenommen, nur Schande bringe: das habe man aber davon, wenn man
mit den fahrenden Poeten sich einlasse, die doch Lumpen blieben, wenn auch ein
Kaiser, um dem Volk ein neues Schauspiel zu geben, sie mit einem Dichterkranz
kröne.
    Elisabet wollte reden und den Geliebten gegen diese Rohheit verteidigen,
aber Celtes bat sie zu schweigen und sich seinetwegen nicht mit dem Bruder zu
erzürnen. »Es ist wahr,« sagte er zu diesem, »ich verehre Eure edle Schwester
wie meine Muse und meine Herrin, aber nie habe ich meine Wünsche, noch meine
Worte bis zu einem Ziel erhoben, das für mich aus doppelten Gründen unerreichbar
ist. Ich kenne die veralteten Institutionen und den aufgeblasenen Dünkel dieser
reichsstädtischen Geschlechter hinlänglich genug, um zu wissen, dass sie jede
Bewerbung eines Mannes, der nicht zu ihnen gehört, und wenn er der Berühmteste
der Welt wäre, für eine Beleidigung halten - und ich bin nicht der Mann, weder
eine solche zu ertragen, noch eine Gnade von diesen hoffärtigen Bürgern
hinzunehmen. Ausserdem aber fühle ich, dass es dem Poeten, wenn er seine hohe
Sendung ganz erfüllen will, nicht beschieden ist, einen häuslichen Herd zu
gründen. Wie mein grosser Lehrer Agricola werde ich nie eine Fessel tragen, weder
die eines Amtes noch eines Weibes, und wenn auch arm und entsagend, doch reich
und frei in meinem Berufe leben. Findet Ihr nach dieser Erklärung, dass eine so
reine, geistige Gemeinschaft wie die meinige mit dieser edlen Jungfrau nicht
bestehen kann, ohne ihrem Ruf zu schaden, so muss ich freilich darauf verzichten,
denn das sei ferne, dass ihr durch mich ein Nachteil erwachse. Dann aber Schande
über die Lästermäuler und Splitterrichter dieser Stadt, die das Reine und Hohe
verdammen, weil sie es nicht verstehen, das Gemeine und Unsittliche aber ruhig
unter sich dulden. Die reinen, seligen Stunden, die mir das poetische Streben
mit dieser keuschen Jungfrau gewährte, wagt man zu schmähen - wenn aber Eure
achtbaren Ehemänner sich noch ein Zuweib halten, oder Eure edlen Ratsherren in
die Frauenhäuser gehen und tausend Gemeinheiten in den Badstuben geschehen, so
findet Ihr das ganz in der Ordnung.«
    Georg Behaim sah sich von dieser ruhigen Würde entwaffnet, er reichte Celtes
die Hand und bat ihn mit ihm zu gehen. Man hörte andere Leute kommen, und
Elisabet, unfähig ein Wort zu sprechen, floh in ein anstossendes Gemach, ohne
noch Wort oder Blick für Celtes zu haben.
    Georg bemühte sich dem aufgebrachten Dichter das »ländlich-sittlich«
auseinander zu setzen und es endlich wie eine Gnade von ihm zu erbitten, dass er
seine Schwester meide. Celtes erklärte sich aus Stolz endlich bereit dazu. Als
er sie nach einigen Wochen bei einem Feste wieder sah, näherte sie sich ihm, um
ihm zu sagen, dass sie sich mit Herrn Christoph Scheurl verlobt habe.
    Celtes wünschte ihr, dass sie glücklich werden möge - sie lächelte
verächtlich. Es waren Leute in der Nähe und sie konnten nicht unbemerkt zusammen
sprechen. Bald darauf war Elisabet's Hochzeit. Ihr Gatte war wohl zwanzig Jahr
älter als sie selbst und von gewöhnlichem Äußern, ja er hatte sogar etwas
Abstossendes darin. Man konnte kein ungleicheres Paar sehen, und Niemand begriff,
warum Elisabet eine so unpassende Wahl getroffen. Scheurl gehörte zu den
stolzesten oder eitelsten Männern. Er war einer der reichsten Ratsherren, hatte
sich das schönste Haus gebaut und wollte auch die schönste Frau haben -
natürlich musste er sich durch den Besitz Elisabet's befriedigt fühlen, die ja
ein Wink des Kaisers selbst öffentlich dazu erklärt hatte. Er spreizte sich in
eitler Geckenhaftigkeit des älteren Mannes an ihrer Seite, und freute sich der
Huldigungen, welche ihrer Schönheit und ihrem Geiste wurden, doppelt eitel
darauf, dass die gefeierte Spröde, die so viele Bewerber ausgeschlagen, ihm so
schnell ihre Hand gegeben.
    Celtes hatte zu Elisabet's Hochzeit ihr ein Carmen gesendet, aber
gesprochen hatte sie ihn seitdem nicht wieder.
    Und jetzt war er plötzlich bei ihr eingetreten, unangemeldet wie sonst in
ihrem Elternhaus - jetzt war es, als versänken die Monate in ein Nichts, in
denen sie sich nicht gesehen. Und über ein Jahr versank so - jetzt neigte sie
sich wieder über ihn, wie damals mit dem Lorbeerkranz, da er sie zuerst
erblickte.
    »O Elisabet!« rief er aus, »wie werd' ich zu leben vermögen ohne meine
Muse? Nein, ich kann nicht fort von Euch, das Leben ist eine Wüste ohne Euch!«
    Sie neigte ihre Lippen auf seine Stirn und sagte: »Dies sei mein
Abschiedskuss -«
    Aber er sprang auf, umschlang sie heftig und sagte: »Nein, ich kann den
Abschied nicht ertragen! - O Elisabet! welch' ein Götterleben war es, das wir
führten! Von da an, wo ich Euch erblickte, war ich an diese Stadt gefesselt! der
ich sonst immer unstät umhergeschweift, nirgend findend, was ich suchte - mir
ward hier ein himmlisches Asyl! Ewig wollte ich hier bleiben, ewig im Strahl
Eurer Gunst mich sonnen. Ihr waret die Sonne, die alle Blüten meines Geistes
weckte - ohne Euch ist das Leben eine dumpfe kalte Nacht, in der alle Keime
verderben!«
    Willenlos, selbst wie eine gebrochene Blume, lag Elisabet an seiner Brust
und vermochte ihre Tränen nicht mehr zurückzuhalten. »Es hätte Euch ein Wort
gekostet, und es war Alles anders!« sagte sie. »Ihr hab't mich verstossen!«
    »Elisabet!« rief er und sah ihr prüfend in die überströmenden Augen, »ich
gab nur den Vorstellungen und Bitten Eurer Familie nach um Euretwillen - alle
meine sehnenden Empfindungen bezwang ich in heissen Kämpfen, um den Frieden Eures
Hauses nicht zu stören -«
    »Und der Friede meines Herzens war Euch Nichts?« fiel sie ihm in's Wort. »O
Konrad, ich lebte gleich Euch in einem süssen Taumel, ich fragte nichts nach dem
Morgen, da das Heute so himmlisch war. Ich war wie der Epheu, der sich fest um
die starke Eiche ringelt - so unauflöslich fühlt' ich mich an Euch gekettet. Da
kam die Unglücksstunde, in der mein Bruder mit roher Hand aus dem holden Traum
uns weckte. Ihr hiesset mich schweigen, und welcher Edelsinn auch aus Eurer
Verteidigungsrede sprechen mochte - mir stiess sie einen vergifteten Dolch in
das Herz!«
    »Was konnt' ich anders antworten?« fragte er; »mein Mannesstolz und meine
hohe Liebe zu Euch liessen keine andere Antwort zu. Die weite Kluft, die mich von
Euch trennt, ward zum Abgrund, der uns Beide verschlang, wenn ich den glühenden
Empfindungen Worte gegeben hätte, die mich jetzt zermartern, seit ich mich von
Euch fern halten musste und jetzt, da ich von Euch scheiden soll!«
    »O, und Ihr bildetet Euch ein stark zu sein, weil Ihr zu schwach waret, vor
den Abgrund zu treten?« sagte sie mit höhnischer Stimme. »Ich aber, die ich zu
dem schwachen Geschelcht gehöre, fühle den Mut in mir, den Abgrund zu
überspringen - aber Ihr hiesset mich schweigen und erklärtet, dass Ihr niemals
Liebe für mich empfunden!«
    »Das habe ich nie gesagt!« rief er, »eine so entsetzliche Lüge ist nie über
meine Lippen gekommen - aber ich wusste, dass Ihr mir niemals angehören konntet,
und darum, seit ich Euch gefunden, ward es mir klar, dass ich für immer dem
Minne- und Eheglück entsagen müsste, weil mein Herz nie einem andern Weibe
gehören konnte! O Elisabet!« fügte er mit leidenschaftlicher Heftigkeit hinzu,
indem er zu ihren Füssen stürzte, »das hab't Ihr doch gewusst, dass ich Euer Sklave
bin, auch wenn ich mich stellte, als kenne und möge ich keine Fessel?«
    »O hättet Ihr nicht die unseligen Worte gesprochen!« versetzte sie, »hättet
Ihr mich zuvor gehört! Ich wollte meinem Bruder schildern, wie ich Euch liebe,
und dass ich in Euch einen Ritter des Geistes sehe, davor dies Patriziertum sich
achtungsvoll beugen müsse. Dass ich Euch folgen würde, wohin es auch sei, wenn
das Vaterhaus mich vielleicht verstiesse. Und wäre dies geschehen, so wären wir
zusammen geflüchtet! und hätte sich weder in Deutschland noch Italien ein Asyl
für uns gefunden, so wären wir meinen weltumsegelnden Bruder gefolgt und auf
einem jener goldenen Eilande, die er schon entdeckt, hätten wir die Stätte der
Glückseligkeit gefunden, die keine Menschen dieser verdorbenen Welt gestört!
Aber mit kalter Hand schnittet Ihr mir den Weg ab zu diesem Paradies!«
    Wie vernichtet barg Celtes sein Haupt in Elisabet's Schoss. Jetzt erst
fühlte er die ganze Allmacht seiner und ihrer Liebe - und jetzt erst erkannte
der Sänger der Liebe, wie viel tiefer und kühner die Liebe im Frauenherzen lebte
und es zu Kampf und Tat begeistert, als in der Mannesbrust, die dem Stolz den
Vorrang gestattete. Beschämt gestand er: »Solche Grösse der Seele, die über alle
Vorurteile sich erhebt, solche Grösse der Liebe glaubte ich bei keiner Frau zu
finden! Ihr liesset mich nicht ahnen, dass Ihr um meinetwillen Alles opfern
könntet!«
    »Ich bin auch stolz,« sagte sie, »und nach Eurer Erklärung blieb mir nichts,
als mich in den Wunsch meiner Familie zu fügen, wie Ihr Euch fügtet. Scheurl
warb um meine Hand - es erschien mir wie ein Schutz vor mir selbst, wenn ich sie
ihm reichte. Ihr hattet sie verschmäht - da war mir ja Alles gleichgültig. Ja,
ich bildete mir ein, wenn ich nicht mehr als Mädchen bösem Leumund ausgesetzt
sei, könnte ich wieder mit Euch verkehren, meine Liebe auf den Pfad der
Freundschnft zurücklenken. Dennoch wollt' ich diesen Schritt nicht ohne Eure
Zustimmung tun. Noch hatte ich das bindende Wort nicht gesprochen, als ich Euch
davon sagte - Ihr wünschtet wir ruhig Glück - und damit war mein Geschick
entschieden.«
    »Und da es einmal so ist, da das Entsetzliche geschehen,« sagte er nach
einer Pause voll stummer Seufzer, heisser Tränen und noch heisseren Küssen, »so
lasse uns versuchen, was Du hofftest - sei wieder meine Muse, meine Freundin -«
    Sie entrang sich seinen Armen. »Nein,« sagte sie zurückweisend, »was ich mir
da selbst vorgeredet, war Nichts als verwerfliche Sophistik. Unsere Empfindungen
waren rein und schön, und wie auch die Alltagsmenschen sie deuten mochten: wir
waren uns ihrer Unschuld bemusst. Jetzt müssten wir sie selbst verdammen, Schande
und Ehebruch wäre jetzt, was erst so heilig gewesen! Nun ist kein Selbstbetrug,
der kein Verbrechen wäre, mehr möglich. Nie wären diese Geständnisse über meine
Lippen gekommen, wenn ich nicht diese Stunde empfände als einen Abschied für
immer! Nun ich Euch noch einmal gesehen und Alles gesagt, werde ich die Trennung
von Euch würdig ertragen lernen! Wir dürfen aneinander denken ohne Schuld -«
    »Aber nicht ohne Reue!« unterbrach sie Celtes; »o ich Unglücklicher,
Kleingläubiger!«
    »Auch ohne Reue!« sagte Elisabet. »Es sollte doch so sein, wie Ihr sagtet:
der Dichter soll ohne Fesseln bleiben, und um sich ganz seinem Volke hinzugeben,
muss er auf die Hingabe an ein einzelnes Wesen verzichten! In Euren Werken werdet
Ihr für mich fortleben, und was auch noch geschehen mag: nie kann mir das stolze
Bewusstsein geraubt werden, dass ich die Muse war, die Euch zu Euren edelsten
Dichtungen begeisterte!«
    »Und ewig werdet Ihr es bleiben!« rief er; »ich will ringen den Lorbeer zu
verdienen, den Ihr mir reichtet.«
    
    Ein letztes Umarmen - dann trieb sie ihn fort. Aber als er hinaus war, brach
ihre gewaltsam bewahrte Kraft zusammen und bis zur Ohnmacht weinend lag sie auf
dem Sammetpolster.
 
                                Fünftes Capitel
                               Eine Zusammenkunft
An einem Juliabend, dessen Hitze ein Gewitter ahnen liess, obwohl nur erst
einzelne dunkle Wolken drohend über der Burg und den dahinter sich ausdehnenden
Reichsforsten standen, ging Ursula Muffel durch die Strassen der Stadt, um ihre
Freundin Elisabet Scheurl zu besuchen. Als sie »unter der Beste« an Meister
Wohlgemut's Werkstatt vorüber kam, sah sie an der Tür desselben einen Mohren
in goldgestickter Dienerkleidung stehen. Sie fuhr unwillkürlich zusammen,
errötete und fühlte ihre Schritte gehemmt, als versagten ihr plötzlich die
kleinen Füsse den Dienst, die doch vorher so hüpfend weitergeschritten. Sie
kannte diesen Mohren: nur ein Nürnberger Patrizier hatte einen solchen im
dienst. Herr Hans von Tucher hatte ihn von seiner Reise aus dem Morgenlande
mitgebracht und er war der Diener seines Sohnes Stephan, der es immer liebte,
durch irgend eine Seltsamkeit sich vor den andern Geschlechtern hervorzutun.
    Ursula schielte durch die Fenster der Werkstatt. Da sass Albrecht Dürer und
malte emsig, aber er warf einen Blick empor, der auch hinaus auf die Strasse und
auf Ursula traf; sie lächelte ihm zu, aber er wagte nicht lange aufzusehen, weil
schon ein neben ihm farbenreibender Gesell ihn hämisch anrief:
    »Was hast Du wieder auf die Strasse zu stieren und auf schöne Frauenzimmer
Augen zu machen, die Dich nur auslachen, Du Maulaffe!«
    Albrecht antwortete: »Wenn eine edle Dame, die bei uns arbeiten lässt,
hereinsieht, so ist es doch nicht meine Schuld.«
    »Nun, nach Dir wird sie nicht gesehen haben,« versetzte der Geselle, und
hätte gern noch rohe Spässe an seine Bemerkung geknüpft, wenn nicht Meister
Wohlgemut mit einem Herrn aus dem Nebengemache getreten wäre.
    Indes war Ursula langsam vorüber gegangen und trat in Scheurl's prächtiges
Gebäude. Aber so schnell, als sie konnte, eilte sie die Stiegen hinauf.
Elisabet empfing sie mit der ihr eigenen Würde, doch mit herzlichen
Freudenbezeugungen über ihr Kommen.
    Aber Ursula war in ungewöhnlicher Aufregung. Sie zog die Freundin in das
Chörlein, von dem aus man die ganze Strasse auf und ab und auch bis zu Meister
Wohlgemut's Werkstatt sehen konnte, riss das Fenster auf und sagte dann
Elisabet's Hand erfassend: »Verzeiht' mir - ich kam ohnehin Dir Alles zu sagen,
an Deinem Herzen mich auszuweinen - aber sage mir, sah'st Du ihn?«
    »Wen denn?« fragte Elisabet verwundert.
    »Stephan Tucher,« flüsterte Ursula leise und immer mehr erglühend; »dort
steht sein Mohr.«
    »Gesehen hab' ich ihn nicht,« antwortete Elisabet, »aber mein Gemahl sagte
mir, er sei seit gestern wieder zurück von Augsburg und Füssen, wohin ihn sein
Vater in dringenden Handelsgeschäften geschickt hatte.«
    Ursula verwandte keinen Blick von der Strasse. »Dort steht sein Mohr,« sagte
sie noch einmal, »ob er wohl auf ihn wartet?«
    »Ich war jetzt nicht am Fenster, ehe Du kamst,« antwortete Elisabet.
    In diesem Augenblick aber trat Stephan Tucher wirklich aus Wohlgemut's
Werkstatt, grüsste den ihn zur Tür geleitenden Meister und sprach dann heftig
mit dem Mohren, der mit lebhaften Gesten antwortend auf Scheurl's Haus deutete.
Seine Blicke auf das Chörlein gerichtet kam jetzt Stephan an ihm vorüber. Da
nahm Ursula einen Rosenstrauss, den sie zwischen einer abstehenden gestickten
Krause an ihrer Brust trug, und warf ihn hinab auf die Strasse, dass er vor
Stephan's Füsse fiel. Er hob ihn auf, aber sah die Geberin nicht mehr, die das
Fenster zuwerfend mit einem Strom lang verhaltener Tränen in Elisabet's Arme
fiel.
    »Wie lange man auch sich und seinen Schmerz und seine Leidenschaft bezwingen
mag,« sagte Ursula, »einmal kommt der Augenblick, da es nicht mehr möglich.«
    Elisabet seufzte tief - sie hatte das nur zu sehr an sich erfahren. Aber
Ursula meinte bei der kalten Freundin, die nur aus Gehorsam gegen ihre Familie
oder aus Stolz auf das Geschlecht einen älteren Mann, der kein Gegenstand einer
Herzenswahl war, gefreit haben konnte, einer Entschuldigung zu bedürfen und
sagte: »Du in Deiner erhabenen Klarheit der Seele weisst freilich Nichts von
diesen Kämpfen - aber Du kannst Alles verstehen, was gross und schön ist - gewiss
auch meine Liebe!«
    Jenes Lächeln, das aus Schmerz und Hohn sich mischte und das so oft
Elisabet's schönen Zügen eine dämonische Beimischung gab, zog auch jetzt
darüber hin; das vermochte sie nicht zu unterdrücken, wenn sie auch sonst jedes
ihrer Gefühle in Schranken hielt, die sie nur in jener Abschiedsstunde von
Konrad Celtes überschritten. Sie wusste, was sie dem Gatten schuldig war, dem sie
mit freier Selbstbestimmung ihre Hand gegeben, sie heuchelte keine Liebe; aber
sie wollte die Welt glauben lassen, dass sie über diese Schwachheit erhaben sei,
und auch nicht vor einem vertrauten Mädchenherzen ein Geständnis ablegen, das
kein günstiges Licht auf ihren Gemahl und ihre Ehe werfen konnte. Aber dass ihr
dieser Vorsatz so vollständig gelang, dass kein anderes Auge auf den Grund ihres
Herzens zu lesen vermochte; dass man sie für ruhig und befriedigt hielt, indes
alle Qualen verlorenen Liebesglückes und eines verfehlten Lebens ihren Nächten
den Schlaf raubten und am Tage sie antrieben, durch geistige Beschäftigungen
oder zerstreuende Vergnügungen vor sich selbst zu fliehen: das veranlasste jenes
bittere Lächeln, mit dem sie viel mehr noch sich selbst und ihr Geschick als
ihre kurzsichtige Umgebung verhöhnte.
    »Vertraue mir nur,« sagte sie mit teilnehmender Stimme; »ich weiss, dass Dich
Stephan liebt und dass die Väter sich dieser Verbindung widersetzen; mein Gemahl
hat es mir gesagt!«
    »Himmel!« rief Ursula, »so ist es schon zum Stadtgespräch geworden?«
    »Mein liebes Kind,« belehrte die ältere und welterfahrenere Freundin, »wenn
Du Dich darüber wunderst, dann weisst Du nicht, wie die Männer sind. Die können
nicht wie wir ihre Liebe und ihr Leid still für sich tragen, denen kostet es
nicht wie uns ein Erröten oder die Furcht, ihre innigsten Gefühle falscher
Beurteilung preiszugeben. Die reden davon auf der Fechtschule und in den
Trinkstuben, oder wo sie sonst zusammen kommen, und was wir mit künstlichen
Schleiern als tiefes Geheimnis bergen, das tragen sie offen zur Schau. Darin
müssen wir uns fügen - sogar wenn es ein Beweis ist, das unsere Liebe eben im
Innern ihre Heimat findet, indes die der Männer von aussen stammt und am Äußern
haftet.«
    Ursula seufzte. Sie hatte es freilich schon erfahren, dass sie Stephan gerade
nach dem Bann der Väter mehr als einmal rücksichtslos aufgesucht hatte, und sie
so dem Zorn des Vaters wie den Klatschereien der Leute preisgegeben; aber wenn
sie ihn auch eben darum abmahnend jene Zeilen geschrieben, deren Ueberbringer
Albrecht Dürer war, so hatte sie doch so gern jede Unüberlegteit und
Ausschreitung seiner leidenschaftlichen Liebe vergeben. Und hatte sie nicht eben
jetzt zu einer gleichen Unvorsichtigkeit sich hinreissen lassen? War es auch
nicht die eigene Wohnung, aus der sie den Strauss warf; konnten nicht so gut wie
Stephan selbst andere Vorübergehende sie gesehen und erkannt haben? Sie musste
daher sich und ihn entschuldigen, indem sie der Freundin aufrichtiger beichtete,
als selbst dem Priester. Als sie in ihrer Mitteilung bis zu den Blumen gekommen
war, die ihr der Malerlehrling als Stephan's Antwort brachte, fuhr sie fort:
    »Ich konnte nicht glauben, dass mein Brief ihn dauernd erzürnen werde;
hoffte, dass er nur im ersten Aufwallen unbefriedigter Wünsche in meiner Bitte um
stilles Harren meine Liebe bezweifeln konnte - da hörte ich, er habe Nürnberg
verlassen. Dass er fortgegangen im Grolle und ohne ein tröstendes Abschiedswort,
das hat mich bitter gekränkt und mich mit Selbstvorwürfen gequält. Sie wuchsen
je mehr, je längere Zeit verging, ohne dass ich von ihm hörte. Da wollte ich
heute zu Dir gehen, Dir dies gequälte Herz zu zeigen. Du bist so edel und klar,
weisst, was die Sitte verlangt und die Familienehre, und kannst doch sanfte
Empfindungen verstehen, und wärest Du selbst auch immer über sie erhaben
geblieben und hättest sie nur mit empfunden in den Schilderungen des Celtes und
anderer Poeten.«
    Elisabet bebte zusammen bei Nennung dieses Namens. Seit sie sich
verheiratet und Celtes fort war, hatten die Lästerzungen von ehemals schweigen
gelernt, und gerade Alle, die Elisabet näher standen, ihren Stolz und ihr
geistiges Streben - ihre Gelehrsamkeit, wie man es damals nannte - kannten,
waren durch ihr späteres Betragen fest überzeugt worden, dass sie Celtes
gegenüber Nichts empfunden als die geschmeichelte Eitelkeit, die Muse eines
gekrönten Poeten zu heissen, und dass sie ohne Kampf dem Willen ihrer Familie sich
fügte, die Celtes von ihr verbannte, als die Welt dies Verhältnis zu missdeuten
wagte. Ursula hatte darum die Freundin nur bedauert, dass ihr durch ein gemeines
Vorurteil der belehrende Freund geraubt ward, durch den ihr wissensdurstiger
Geist die beste Nahrung gefunden. Kein Gedanke kam in ihren Sinn, dass sie die
zur Ratgeberin wählte, die jeden Augenblick bereit gewesen alle Schranken zu
durchbrechen, nur um dem Geliebten zu gehören, sobald dieser es von ihr verlangt
hätte, wie Stephan es von Ursula verlangte. Elisabet fühlte sich von kaltem
Schauer überrieselt und alles Blut drang ihr zum Herzen - unwillkürlich fasste
ihre Hand nach seiner Stelle, als könne sie so es zu ruhigeren Schlägen zwingen.
Warum mussten sich immer ungleichartige Elemente zusammenfinden? Warum war Celtes
nicht so rücksichtslos wie Stephan gewesen, warum war Stephan nicht so
rücksichtsvoll wie Celtes? So fragte sie sich - und rang dabei doch nach Worten,
Ursula ihre Gedanken zu verbergen, die für sie selbst schon zu viel Bitterkeit
und Beschämung hatten, als dass sie je etwas davon hätte mögen laut werden
lassen. Endlich sagte sie ausweichend zu ihr:
    »Du hast ja schon entschieden, indem Du ihm den Strauss hinabwarfst.«
    »Es war die unbedachte Handlung eines Augenblickes,« entschuldigte sich
Ursula, »des Entzückens, dass ich ihn wiedersah. Ich fand seinen Mohren hier auf
der Strasse, da konnte ich hoffen, er sei zurückgekehrt; ich konnte den
Augenblick nicht vorübergehen lassen ohne ein Liebeszeichen; denn was auch
geschehen möge, entsagen kann ich ihm nicht, - es sei denn, dass ich mich mit
meinem Elend in ein Kloster flüchtete, dort nur der Erinnerung an ihn zu leben!«
    Elisabet warf den Kopf zurück: »Bist Du so unerfahren, dass Du glaubst, in
den Klöstern wohne noch wie einstens stiller Gottesfriede und heilige Ruhe?
Vielleicht um irgend einer zugefügten Schmach von der Welt, in der man gelebt
hat, zu entgehen, mag das Kloster eine passende Zufluchtsstätte sein: aber so
lange uns die Welt noch offen steht, ist es besser, es mit ihr noch zu
versuchen. Du bist noch so jung, und wie starr auch der Wille der Väter sein
mag, durch Ausdauer kann er vielleicht überwunden und gebrochen werden - Ihr
gäbet nicht das erste Beispiel dieser Art.«
    »O so mein' ich auch,« stimmte Ursula freudig bei, und mit der glücklichen
Schnellkraft hoffnungsfreudiger Jugend, die so gern glaubt, was sie wünscht,
lächelte sie schon im Sonnenschein eines möglichen Glückes.
    »Die Tucher kommen zuweilen zu uns,« sagte Elisabet, »vielleicht findet
sich eine Gelegenheit den Vater günstiger zu stimmen!«
    »O wäre es möglich!« rief Ursula und fragte weiter: »Aber was sagte Dir Dein
Gatte von uns?«
    »Nun Du weisst, dass mein Gemahl sich selbst lieber zu den jüngeren als zu den
älteren Herren hält,« spöttelte Elisabet, »wiewohl er sich schon seit geraumer
Zeit im kleinen Rat befindet und in manchen Stücken eifersüchtig ist auf den
alten Tucher. Er hält es darum lieber mit dem Sohn als mit dem Vater, wenn er
auch diesem alle äussere Freundlichkeit und Höflichkeit erweis't. Ist es ihm
schon widerwärtig, dass sein Geschlecht sich über das seinige erhoben und für
einen Scheurl nun gar keine Aussicht mehr ist, es bis zum Loosunger zu bringen,
so verdriesst ihn auch Alles, was Hans von Tucher vor ihm voraus hat. Als sich
dieser das prächtige türkische Haus hatte bauen lassen, eilte Scheurl sich dies
Haus wo möglich noch prächtiger zu bauen, wenn auch auf gut deutsche Art, denn
er will nicht etwa den Tuchern nachahmen, sondern sie überflügeln. So gönnt er
es dem alten Loosunger, wenn ihm mit seinem Sohne nicht alles nach Wunsch geht,
und erzählte mir mit wahrem Vergnügen, dass Stephan eine Wahl getroffen, die dem
Vater nicht recht sei, und dass Stephan geschworen Dich besitzen zu müssen, es
koste was es wolle. Aus Freundschaft für den Sohn und aus Neid gegen den Vater
kannst Du also meinem Gemahl vertrauen und auf seinen Beistand rechnen, wo er
möglich ist.«
    Ursula hörte diese tröstenden Worte mit Entzücken, und Elisabet war klug
und zart genug, ihr den wahren Beweggrund von Scheurl's Sympatie für Stephan
Tucher zu verbergen, den ihr Gemahl ihr mit den Worten entüllt hatte: »Dem
alten Tucher gönn' ich's, die Demütigung zu erleben, dass eine Muffel in sein
Geschlecht kommt. Die Schande wird ihn wohl ein wenig beugen.«
    »Ach, wenn ich ihn nur erst wiedersehe!« seufzte Ursula.
    In diesem Augenblick trat ein Diener ein und überreichte der Hausherrin auf
vergoldeter Schale von gediegenem Silber einen prachtvollen duftenden Strauss von
purpurnen Granaten mit blühender Orange, und meldete, dass draussen der Mohr des
Herrn Tucher stehe und bringe mit ehrfurchtsvollem Gruss seines Herrn diesen
Strauss für die Dame, die vorhin aus dem Fenster den ihrigen verloren. Elisabet
nahm den Strauss und beauftragte den Diener: »Vermeldet Herrn Tucher meinen Gruss,
und ich erwarte, dass er den Dank für diesen Ritterdienst noch heute selbst sich
hole.«
    Nachdem der Diener hinaus war, steckte sie den Strauss an Ursula's bebende
Brust, indes diese rief: »Um Gotteswillen, was hast Du gemacht? wenn er wirklich
käme? - ich muss gehen -« Sie sprang angstvoll auf.
    »Undankbares Kind!« lachte Elisabet, »in demselben Augenblick, da Du nach
dem Geliebten seufztest, lockt ihn Dein Seufzer herbei, dass man wirklich an
Zauberei glauben möchte, wie jetzt anfängt gang und gebe zu werden - und nun
willst Du davonlaufen! Ich dachte, Du würdest meine Klugheit und Aufopferung
bewundern, mit der ich jetzt Alles auf mich nehmend Dich ganz aus dem Spiele
liess! O bitte, verstelle Dich nur nicht, nachdem Du schon gebeichtet!« Damit
schob sie die Freundin wieder auf das Sopha, und während diese stumm, unruhig,
beschämt und mit Tränen in den Augen dasass, die zugleich Beschämung und Stolz,
Furcht und Hoffnung, Freude und Schmerz und eigentlich doch nur Liebe
verkündeten, scherzte Elisabet weiter, indem sie den gesandten Strauss noch
einmal zur Hand nahm:
    »Da sieht man, dass die Männer von Nichts etwas verstehen! Der Strauss ist
viel zu gross, um angesteckt zu werden; ein Viertel davon reicht dazu hin, das
übrige bildet noch ein Diadem für Dein Haar.«
    Und während so Ursula sich stillgewährend schmücken liess, sagte sie auf's
Neue bedenklich: »Aber wenn mein Vater erfährt, dass ich trotz seinem Verbot
wieder heimlich mit Stephan zusammengekommen?«
    »Heimlich?« antwortete Elisabet stolz, »dann würde mich Dein Vater wohl zu
jenen alten Kupplerinnen werfen, welche die Genannten öffentlich mit dem
Staubbesen und dem Pranger bestrafen lassen und sich heimlich doch ihrer selbst
bedienen? Beruhige Dich, mein Gemahl und meine Brüder werden uns bald
Gesellschaft leisten, und Du konntest am wenigsten wissen, dass Du Stephan hier
treffen würdest, da Du erst hier seine Rückkehr erfuhrst. Uebrigens fragt es
sich ja auch noch, ob er kommt.«
    Aber in diesem Augenblick hörte man schon einen schallenden Sporentritt auf
der Stiege - Ursula kannte diesen Tritt, in dem so viel Stolz und Gewalt lag,
dass die Treppen unter ihm bebten. Bald darauf öffnete ein Diener die Flügeltüre
und Stephan trat ein; an seinem dunkelgrünen Wamms trug er Ursula's Rosen.
    Elisabet bewillkommte ihn als Hausfrau und sagte mit schalkhaftem Lächeln:
»Es tut wir leid, dass Ihr über den Strauss im Irrtum waret und zwar in einem
zwei- und dreifachen: einmal bestand er nicht aus orientalischen Granatblüten,
sondern aus bürgerlich deutschen Rosen; dann war es nicht die Hausfrau, die ihn
verlor, sondern ihr Gast, und dann ward er auch nicht verloren, sondern -
geworfen. Ich selbst bin Euch also keinen Dank schuldig für Euren Ritterdienst,
und wenn ich Euch dennoch ersuchen liess, ihn in meiner Behausung Euch zu holen,
so sehet, ob Ihr das dennoch vermöget. Erlaubt, dass ich mich jetzt einen
Augenblick von Euch entferne, um meinen Gemahl von Euerer Gegenwart zu
unterrichten.«
    So verliess sie mit heiterem Antlitz und edlem Anstand das Zimmer - und das
liebende Paar drinnen ahnte nicht, welch' quälendes Feuer unbefriedigter
Sehnsucht sich hinter diesem schönen Gleichmut verbarg, und wie es das eigene
Glück aus der Hand eines Wesens empfangen, das mit gebrochenem herzen auf das
gleiche Glück verzichten musste. Oder vielmehr das Paar dachte gar nicht an sie,
denn die Liebe ist immer egoistisch und denkt nur an sich selbst.
    Stephan und Ursula brachten es lange zu keiner andern Erklärung, als zu
Ausrufungen und stürmischen Liebkosungen. Bei ihm waren jene mit Vorwürfen der
Kälte und Grausamkeit und diese mit ungezügelter Leidenschaftlichkeit gepaart.
Ursula war in seinen Armen wie eine weiche, glühende und doch zarte Rose, die
der Sirocco umtobt. Ihre Schwüre und Tränen, ihre Schilderung dessen, was sie
gelitten, dass er ohne Abschied von ihr gegangen, besänftigen ihn endlich.
    Er sagte: »Ich wollte Dich nicht wiedersehen, Dich vergessen, weil Deine
Liebe kein Opfer zu bringen vermochte. Es kam mir eben recht, dass an demselben
Tag, wo Deine Zeilen den Bann über mich aussprachen, mein Vater eine Botschaft
von Herrn Fugger erhielt, dass eine Waarensendung für uns, die von Venedig
gekommen, zwischen Augsburg und Füssen verloren gegangen sei. In Füssen war sie
abgegangen, aber in Augsburg nicht angekommen, und wir wussten nicht, ob hier
Gewalt der Raubritter oder eine Veruntreuung der Fuhrleute die Schuld davon
trage. Ich erbot mich sogleich selbst dahin zu reisen, und mein Vater war wohl
damit zufrieden. Noch am selben Abend ritt ich davon. In den zwei Monaten, die
ich fort war, gelang es mir wohl, die Räuber unseres Gutes zu entdecken und
dasselbe zum grossen Teil wieder zu erlangen; aber mit meinem eigenen Herzen bin
ich nicht fertig geworden, das blieb mir geraubt; und ich musste wieder zurück
gen Nürnberg, ob ich vielleicht da es wieder heraus bekäme.«
    »Du bekommst es nimmer wieder, wenn ich Dir auch zeigen will, wo es
hingekommen,« lispelte Ursula mit schmeichlerischem Lächeln und drückte seine
Hand an ihr klopfendes Herz.
    Er nahm sie auf seinen Schoss und flüsterte kosend: »Sieh dort bei Füssen
ist die Gegend ein Paradies, als habe der Herr es eben erst erschaffen. Dort
schäumt der Lech in einem wilden Wasserfall von den Höhen, und ringsum stehen
himmelhohe Berge mit grünem Wald bedeckt. Tief unten in den Tälern blinken
kleine Seen wie Sterne, die vom Himmel gefallen. Doch nein! ich dachte bei ihnen
nur an Deine Augen! Da kam ich dicht bei ihnen an ein kleines Schlösslein,
dahinter stand ein Bergriese, der hohe Säuling, es zu bewachen, und von allen
Seiten schlossen Berg und Wald es ein. Dort dacht' ich, wenn Du bei mir wärest -
nur Dir und unserer Minne zu leben - dort wäre das Paradies dann in
Wirklichkeit. Von dem Fürstbischof von Augsburg, der jetzt in Füssen seinen Sitz
aufgeschlagen, erfuhr ich, dass jenes Schlösslein einem habgierigen Edelmann
gehört, der es gern für einen guten Preis verkaufen würde - folge mir dahin,
jetzt, gleich, wenn Du willst, und der Fürstbischof, der mir wohlgewogen, würde
es schon vermitteln, dass auch der Segen der Kirche uns nicht fehle.«
    Ursula hatte erst wie zu einem süssen Traume selig gelächelt, aber jetzt
traten Tränen in ihre Augen, sie machte sich von ihm los, glitt zu seinen Füssen
nieder und flehte: »Schone die Schwäche einer liebenden Jungfrau! Du zeigst mir
ein Paradies - aber der Fluch des Vaters, die Gebote Gottes und der Sitte stehen
an seinem Eingang - ich möchte über seine Schwelle, und weiss doch, dass mein
Gewissen uns mit seinen Qualen jeden Genuss vergiften wird, wenn ich sie
überschritten.«
    Stephan sprang ungeduldig auf und zog sie empor, er blickte sie vorwurfsvoll
und düster an und schwieg.
    Mit zitternder Stimme begann Ursula wieder:
    »Wir sind noch jung und können noch warten, können durch treues Aushalten
das Glück der Minne uns verdienen. Wenn wir fest und treu sind, können wir den
starren Sinn der Väter noch brechen. Sieh', eben jetzt hat mir Elisabet
Hoffnung gemacht, dass ihr Gemahl Mittel finden werde, Deinen Vater mit Deiner
Wahl zu versöhnen, dann werden meine Bitten auch den meinigen leicht erweichen.
Und wenn ich auch Dir folgen wollte - gleich wäre es ja doch nicht möglich - -
und sobald mein Vater weiss, dass Du wieder hier, lässt er mich gleich einer
Gefangenen bewachen, dass jedes Entkommen unmöglich. Und denke, wenn man uns
verfolgte, entdeckte - dann hätten wir für immer die Hoffnung verscherzt, dass
die Väter uns gewährten, was wir frevelhaft ihnen und der Sitte trotzend, uns
erzwingen wollten. Dann bliebe mir nur das Kloster! - Horch, ich höre Draussen
kommen, gieb mir noch einen Kuss zum Zeichen, dass Du mir nicht zürnst - und dann
wollen wir in Gegenwart der Andern uns der Stunden freuen, die uns noch vergönnt
sind, nebeneinander zu verweilen.«
    Wie hätte er nicht versöhnt sein, im Innern den edleren Sinn der Jungfrau
erkennen und ihr zustimmen sollen, ja sie um so höher ehren, dass sie seinen
verführerischen Bitten widerstand, wenn auch seine sinnlichere Natur es anders
verlangen mochte?
    Es war gut, dass die Eintretende nur Elisabet war, weil sie das Paar noch
mit vereinten Lippen sah.
    Stephan ergriff Elisabet's Hand, indes Ursula in ein kleines Nebengemach
entschlüpfte, um ihr in Verwirrung geratenes Haar zu ordnen, und sagte: »Ihr
nehmt alles Edle, Hohe und Schöne in Euren Schutz: die Künstler wie die
Gelehrten und die Dichter - und so auch ein liebendes Paar, dem man keine
Zufluchtsstätte lassen will. Euch, hohe Frau, danke ich dies glückliche
Wiedersehen und vertraue ferner die Geliebte Eurer Huld.«
    »Werdet Ihr jetzt hier in Nürnberg bleiben?« fragte Elisabet; »ich möchte
Euch raten, was Ihr schon jetzt getan, noch einmal und freudiger zu versuchen,
seit Ihr Euch auf's Neue von Ursula's Liebe überzeugt hab't. Nicht um sie zu
vergessen, sondern um sie zu verdienen, möcht' ich Euch in der Fremde wissen.
Wenn Ihr Taten tut oder Geschäfte leitet, welche Euch den Beifall Eures Herrn
Vaters erwerben müssen und unabhängig von ihm machen, so erwerbt Ihr Euch auch
vielleicht als Lohn seine Einwilligung - oder das Recht, sie zu erzwingen.«
    »O Ihr hab't Recht,« rief Stephan, »Ihr les't in meinem Innern; ich dürste
längst danach, etwas Grosses, ein kühnes Unternehmen zu vollbringen, um mir
Ursula dadurch zu verdienen, wie die Ritter der Heldengedichte mit Drachen oder
Legionen von Feinden kämpften zur Ehre ihrer Dame, und dann erst des süssen
Minnelohns sich würdig fühlten.«
    Ueber Elisabet's Züge flog das ihr eigentümlich höhnische Lächeln. Sie
kannte diese sybaritisch gewöhnten Patriziersöhne, die wohl einmal ihre Kraft an
ein verliebtes Abenteuer wagten, aber selten zu einem ernsten Streben sich
ermannten. Sie dachte, dass Stephan diese Antwort doch nur gab, um nicht durch
ihre Worte beschämt zu sein, und dass er wohl in diesem Augenblick so fühlen
möge, aber dass von solchen schönen Empfindungen noch lange nicht auf ihre
Ausdauer zu einer edlen Wirksamkeit zu schliessen sei.
    Sie antwortete ihm jedoch in feiner Zustimmung, aber bald war dies
Zwiegespräch durch den Eintritt Christoph Scheurl's unterbrochen, welcher kam,
um die Damen zu Tafel zu führen. Er begrüsste Stephan freundlichst, nahm dann den
Arm der wieder zurückgekommenen Ursula, indes Elisabet den ihrigen in den
Stephan's legte.
    So gingen sie auf weichen Teppichen durch weite Corridore in ein
abgelegeneres Prunkgemach, das mit fürstlicher Pracht eingerichtet war. Hier
fanden sie noch einige Herren, Elisabet's Brüder, den Propst Anton Kress, Herrn
Martin Ketzel und einige andere Genannte.
    Sie nahmen an der reichbesetzten Tafel Platz. Man speiste nur von silbernen
Tellern, die köstlichsten Gerichte aus silbernen Schüsseln und trank Wein von
Cypern oder dem vaterländischen Rheingewächs zur Auswahl aus goldenen Pokalen
von zierlich getriebener Arbeit. In der Mitte als Tafelaufsatz standen zwei hohe
Figuren von getriebenem Kupfer, aber versilbert, welche Wasser aus einem in der
Mitte befindlichen hohen Bassin schöpften, aus dem eine Fontaine in die Höhe
sprang. Wer Wasser zu trinken begehrte, der hielt seinen Becher hin, und die
eine der schöpfenden Figuren, der Herr oder die Dame, gossen es hinein.
    
    Man lobte und bewunderte das Kunstwerk, obwohl damals ähnliche Automaten,
Druck- und Uhrwerke keine Seltenheit waren, und in den Häusern der Reichen und
Kunstfreunde nicht fehlen durften, und Scheurl sagte: »Ich habe es bei dem
Harfenspieler Hans Frei machen lassen, der in diesen Dingen ein sehr
kunsterfahrener Mann ist.«
    »Nicht wahr,« sagte der Propst, »er hat ein eigenes Haus auf der Zisselgasse
und eine sehr hübsche Tochter Agnes?«
    »Ei,« lächelte Scheurl, »Euer Hochwürden merkt sich doch gleich die Häuser
an den hübschen Mädchen, die darinnen wohnen.«
    »Nun, nun,« antwortete der Propst schmunzelnd, »die Agnes ist noch ein
kleines Dingelchen von zwölf Jahren, und ich bewundere mehr noch als ihr kluges
niedliches Gesicht ihren Fleiss, denn man kann nie dort vorüber gehen, ohne sie
die Spindel emsig drehen zu sehen.«
    Indes wandte sich Elisabet an Martin Ketzel, einen älteren mittelgrossen
Mann mit wettergebräuntem Gesicht, in dessen Zügen etwas von bigotter
Gedrückteit und kühner Unternehmungslust sonderbar miteinander contrastirte,
und sagte:
    »Ihr hab't uns noch wenig von Eurer Reise in's gelobte Land erzählt, da Ihr
doch heute zum ersten Male in unserer Gesellschaft seid und nur erst wenige Tage
zurück. Hab't Ihr nun diesmal das Mass der Entfernung der heiligen Stätten
glücklich bis nach Nürnberg gebracht?«
    »Ja,« antwortete Herr Ketzel, »und ich bin nicht sobald zurückgekommen, als
ich schon das Rieter'sche Haus gekauft habe, das als Pilatushaus soll angesehen
werden, und der wackere Steinmetz Adam Kraft soll mir die sieben Fälle Christi
in Stein hauen und ein Kapellein setzen, als stünd' es auf dem Calvarienberg.
Von jenem Haus am Tiergärtnertor aus durch die Seilersgasse bis auf den
Kirchhof trifft die Entfernung gerade mit meinem Mass. Dann wird man nicht mehr
über meinen Verlust lächeln, sondern erkennen, dass ein rechter Mann mit Geduld,
Mut und Ausdauer doch durchsetzt, was er sich einmal vorgenommen, und sollt' es
auch einmal scheinen, als sei schon Alles verloren - wie mein Mass.«
    »Das ist eine Lehre für Euch, Herr Stephan,« flüsterte Elisabet diesem über
den Tisch zu.
    Herr Martin Ketzel war nämlich von frommem Eifer getrieben, schon im Jahre
1477 mit dem tatenreichen Herzog Albrecht von Sachsen in das heilige Land
gezogen, um dort die Entfernungen der heiligen Stätten vom Pilatushaus nach
allen Orten bis auf Golgata, wo sich bei der Hinführung Christi Merkwürdiges
ereignet hatte, auszumessen und in Nürnberg kunstreiche Erinnerungsmale
errichten zu lassen. Als er zurück kam, hatte er das Mass verloren. Aber er
verzweifelte darum nicht, sondern ging einige Jahre später im Gefolge Herzog
Otto's von Baiern noch einmal nach Palästina, und war eben jetzt zurückgekehrt.
    Aber der fromme Eifer, welcher die Kreuzzüge hervorgerufen, und den Anteil,
den man den heiligen Stätten zollte, gab sich nur noch in vereinzelten
Erscheinungen kund und konnte keine allgemeine Teilnahme mehr erwecken. Mehr
als nach dem alten heiligen Land drängte der Geist der Zeit vorahnend nach einer
neuen Welt, wenn auch die kühnen Seefahrer vor der Hand nichts weiter begehrten,
als einen neuen Handelsweg nach Ostindien. Und die Nürnberger Kaufleute, die
hier versammelt waren, die noch nicht berechnen konnten, wie durch die neuen
Entdeckungen der Handel eine andere Gestalt annehmen, und ihre grosse
Landhandelsstrasse von Nürnberg und Augsburg über Füssen und Kempten nach Venedig
veröden werde, sprachen voll froher Teilnahme mit den Geschwistern Martin
Behaim's von diesem berühmten Landsmann, von dem man mit äusserster Spannung auf
neue Nachrichten wartete.
    Indes, nachdem man sich nach deutscher Art lange genug von fremden
Weltteilen unterhalten, kam man endlich auch auf das deutsche Reich, und
Christoph Scheurl sagte zu Stephan und den beiden Damen:
    »Ihr wisst wohl die grosse Tagesneuigkeit noch nicht, deren Kunde ich vorhin
vor Eurer Anwesenheit durch einen Boten aus Frankfurt empfing, den mir ein
Geschäftsfreund sandte: König Max wird in acht oder vierzehn Tagen mit dem
Markgrafen Friedrich nach Nürnberg kommen.«
    »Ei, so kommt er endlich einmal, er hat uns lange genug warten lassen!«
sagte Elisabet.
    »Sprecht Ihr uns auf gut nürnbergisch?« fragte der Propst, »oder sprecht Ihr
nur als Frauenzimmer? Dann klänge es fast wie die Worte der edlen Maria von
Burgund, die Gott selig haben möge, und die auch zu ihm sagte: er sei das
edelste deutsche Blut, nach dem sie lange verlangt habe. Dann nehmt Euch in
Acht, denn König Max ist allen schönen Frauen gefährlich, und sie sind es auch
ihm, trotzdem er sich noch nicht hat entschliessen können, einen Ersatz für seine
Maria zu suchen.«
    »Ich meine, Ihr wisst, dass ich gut nürnbergisch bin,« antwortete Elisabet,
ohne in Verlegenheit zu kommen, »und kein Potentat, der es nicht ist, wird mir
besonders wert sein.«
    »Von König Max muss sich das erst zeigen,« sagte Georg Behaim: »er ist bisher
nur in die niederländischen Händel verstrickt gewesen, und im Reiche ist ja noch
immer sein alter Vater das Haupt.«
    Christoph Scheurl sagte: »Bis jetzt war er immer nur ein Fürst ohne Land;
denn wenn er auch schon bei seiner Vermählung die Titel vieler Herzogtümer und
Grafschaften und bei seiner Krönung vor drei Jahren in Aachen den des römischen
Königs empfing, so ist ihm doch erst jetzt, wo der alte Erzherzog Sigismund ihm
Tirol und seine schwäbischen Länder als sein Erbe überwies, die erste Fussbreite
Landes und sind ihm die ersten eigenen Einkünfte zugekommen. Das ist gut für
Einen, der so lange nur von einem filzigen Vater, der selbst Nichts hatte, wenn
ihm nicht Reichshülfe ward, abhängig gewesen.«
    »So ist nun auch wirklich der Friede mit Frankreich zu Stande gekommen, wie
es schon gestern hiess?« fragte Stephan; »habt Ihr genaue Nachrichten darüber,
Herr Scheurl?«
    »Ganz genaue,« versetzte dieser, und lächelte selbstbefriedigt, als wolle er
andeuten, es sei unmöglich einen solchen abzuschliessen, ohne dass er mit in's
Vertrauen gezogen sei. »Der französische Gesandte kam sehr gelegen auf dem
Reichstag an, den König Max jetzt auf eigene Hand in Frankfurt hielt, um vom
Reiche nicht weniger als vierzigtausend Mann zu fordern zum Kriege in den
Niederlanden und Oesterreich. Die Reichsstände handelten die Forderung aber
glücklich herunter auf die eilende Hülfe (sechstausend Mann stark), wovon nur
zweitausend Mann gestellt waren, als der französische Gesandte mit
Friedensbedingungen erschien, die für Max äusserst vorteilhaft waren, und so
ward denn am zweiundzwanzigsten Juli der Friede geschlossen. Indes nur der
tapfere Herzog Albrecht von Sachsen die Flamänder vollends unterwerfen soll,
wird Max zum alten Kaiser nach Linz reisen, da der Waffenstillstand mit König
Matias wieder zu Ende geht - und auf der Durchreise wird er hier sich einige
Tage ruhen.«
    Man sprach von den Vorbereitungen, die zu dem Empfang des Königs zu machen
wären, und da nun der aus immer neugefüllten Bechern masslos getrunkene Feuerwein
anfing die Köpfe und Sinne zu erhitzen, die Männer die Worte noch weniger wogen
als vorher, so dass mitunter Schimpfworte fielen und rohe, derbe Spässe laut
wurden, welche die weiblichen Ohren, obwohl sie schon an manchen Kraftausdruck
gewöhnt waren, verletzten, so winkte Ursula Elisabet sich zu entfernen.
    Sie standen auf und Stephan wollte Ursula heimbegleiten, aber auch sein
Gesicht glühte vom Wein, und sie brachte ihn endlich dadurch zum Bleiben, dass
sie erklärte, wie ihr Vater ihr schon zwei Diener zum Geleit geschickt, die dann
seine Gegenwart verraten würden.
    Auch Elisabet ging in ihr stilles Frauengemach, indes die Männer noch lange
zechten und lärmten.
 
                                Sechstes Capitel
                                  Maximilian I
Der fünfzehnte August 1489 war der Tag, an welchem die Nürnberger den künftigen
Kaiser und jetzigen römischen König zum ersten Male in ihren Mauern zu empfangen
erwarteten.
    Die Nürnberger waren ein stolzes, eigensinniges Völkchen. Sie legten nicht
etwa ein grosses Gewicht auf die Gunst und Gegenwart gekrönter Häupter, denn sie
meinten dazu nicht sonderlich Ursache zu haben. Was war denn in ihren Augen
solch' eine blutige Krone eigentlich wert? Oft nicht halb so viel, als die in
den Niederlagen der Tucher oder Behaim, der Ebener oder Haller aufgestapelten
Waaren! Die meisten dieser Fürsten hatten ja kein Geld, sondern mussten es erst
von ihren Untertanen erbitten, oder durch die Brandschatzungen belagerter
Länder sich zusammenrauben, und selten lebte Einer friedlich im Besitz seiner
Länder, sondern ward ewig in Atem gehalten von dem unruhigen Nachbar. Oft genug
musste ja der Rat von Nürnberg aushelfen mit Geld und Truppen, und daneben noch
sich selbst beschützen gegen die Plackereien der Raubritter, welche die
Fehdelust ihrer fürstlichen Herren untereinander nachahmten und auf ihren
verwitterten Burgen von den Gütern lebten, die sie auf der Landstrasse geraubt.
Ein Nürnberger Rats- und Handelsherr sah verächtlich auf diese Leute herab und
freute sich seines reichsstädtischen Wohlstandes, und ganz Nürnberg rühmte sich,
keinen andern Herrn über sich zu erkennen, als den Kaiser. Aus denselben Gründen
war auch der Respekt vor diesen Kaisern nicht gar gross, von denen auch nur
wenige Kraft besassen, das Reich in Ordnung zu erhalten und der hohen Würde sich
erfreuen zu können; aber Manches, was auf diese kaiserliche Majestät sich bezog,
gehörte mit zu den besondern Privilegien Nürnbergs, und auf deren Bewahrung
hielt die Stadt mit eigensinniger Unverbrüchlichkeit. Dazu gehörte das Recht,
die Reichskleinodien in der Heiligengeistkirche aufzubewahren, und die
Verpflichtung jedes Kaisers seinen ersten Reichstag in Nürnberg zu halten.
Dadurch eben, dass sie den Kaiser selbst zuweilen in ihrer Mitte hatten, dass er
bei ihnen Wohnung nahm, an ihren Festen sich beteiligte, mit den Ratsherren
zechte und mit ihren schönen Frauen tanzte, fühlten sie sich stolz in ihrem
Rechte, keine Mittelsperson zwischen sich und ihm nötig zu haben, denn mit den
einzigen, die es etwa gab, den Grafen von Zollern und Brandenburg, die sich auch
Burggrafen von Nürnberg nannten, hatten sie ewige Streitigkeiten über unklar
bestimmte Gerechtsame.
    In der Tat waren diese Verhältnisse sehr verwickelter Art. Auf der Veste
von Nürnberg hatte ein Burggraf seinen Sitz, der als kaiserlicher Stattalter
das Landgericht über das ausserhalb der Stadt gelegene nürnbergische Gebiet zu
hegen hatte. Schon seit langer Zeit waren die Burggrafen zu Nürnberg aus der
Familie der Zollern und Abenberg. 1427 verkaufte Markgraf Friedrich von
Brandenburg die Ruinen der Veste Nürnberg (die Ludwig der Bärtige 1420 in einer
Fehde mit dem Burggrafen Johann hatte niederbrennen lassen, wobei die Nürnberger
zwar nicht direkt, aber indirekt beteiligt waren, indem sie »still sassen« und
nicht löschen halfen) mit ihrem Zubehör und Gerechtsamen an die Stadt Nürnberg.
Der Kaiser Sigismund bestätigte den Kauf und belehnte die Stadt mit den vom
Burggrafen abgetretenen Rechten. Dadurch glaubten die Nürnberger, welche die
Veste wieder aufbauten, einen grossen Vorteil erlangt zu haben. Aber dieser
Handel war nur die Quelle neuer Streitigkeiten mit dem unruhigen Nachbar. Das
Burggrafentum Nürnberg teilte sich früher in zwei Linien: in die Fürstentümer
Baireut oberhalb Gebirgs und Anspach unterhalb Gebirgs. Beide Linien vereinigte
Markgraf Albrecht Achilles (er hatte diesen Beinamen wegen seiner Schönheit und
Ritterlichkeit) von Brandenburg-Anspach, der Nürnberg heftig bekämpfte und ihm
in acht Schlachten den Sieg abgewann. Er starb 1486 in Frankfurt, als Max I. zum
König gekrönt ward, und sein Sohn Friedrich der Aeltere ward sein Nachfolger.
    Dies war der Markgraf Friedrich von Brandenburg, der jetzt sammt seinen
Mannen mit dem deutschen Reichsheer nach den Niederlanden gezogen war, als Max
auf der Kranenburg zu Brügge gefangen sass. Jetzt war er mit auf dem Reichstag zu
Frankfurt, und ward nun auf der Veste mit dem römischen Könige erwartet.
    Ueberall waren die glänzendsten Vorbereitungen zu seinem Empfange getroffen
worden. Fast schien es, als habe man den ganzen Reichsforst geplündert, die
Stadt in einen Garten mit grünen Bäumen zu verwandeln. Hinter dem Tor, durch
das er kommen musste, war eine Ehrenpforte mit zierlich in Holz geschnitzten
Spitzbogen erbaut und zeltartig mit prachtvollen, in Nürnberg selbst gewebten
Stoffen in den drei Farben des deutschen Reichs überkleidet. Dazwischen waren
auch die Stricke verborgen, an welchen kleine Kinder schwebten, die an ihren
weissen Kleiderchen goldene Flügel hatten und sich, wenn sie auch Engel
vorstellen sollten, in ihrer gefährlichen Lage keineswegs wie im Himmel befinden
mochten. Zwei der schönsten Jungfrauen standen oder schwebten vielmehr auch nur
auf hohen Piedestalen zu den Seiten dieses kleinen gotischen Baues. Die
tadellosen Gestalten waren nur wenig von dünnen, flatternden Gewändern und
Blumenguirlanden verhüllt und trugen goldene, blumengefüllte Füllhörner, deren
Inhalt auf den Erwarteten zu schütten. Andere, minder anstössig gekleidete
Mädchen standen zum Blumenstreuen bereit. Der Magistrat hatte sich in glänzender
Amtstracht auf dem Rathaus versammelt, dem König entgegenzuziehen. Voran die
beiden Loosunger Hans von Tucher und Wilhelm Holzschuher, dann die drei obersten
Hauptleute, die sieben älteren Herren, alle Bürgermeister und Schöppen, der
ganze grosse und kleine Rat, darunter auch Christoph Scheurl, sein
Schwiegervater Martin Behaim und Gabriel Muffel. Auch die Genannten und
Patriziersöhne hatten sich eingefunden, im Reichtum einer ausgesuchten Tracht
einander gerade so wie die Frauen überbietend, und unter ihnen war es Stephan
Tucher gelungen, sich am meisten hervorzutun. Alle Zünfte mit ihren Fahnen
standen bereit, die Meister voran, gefolgt von dem langen Schweif der Gesellen
und Lehrlinge. Auch die Steinmetzen der Nürnberger Baubrüderschaft fehlten
nicht, der blonde Hieronymus trug ihre Fahne und hielt sie hoch empor, damit sie
mit den goldenen Zirkeln auf strahlendem Himmelblau dem König entgegenwinke, der
schon einst auf einem Hüttentag zu Wien sich selbst als Mitglied der Bauhütte
hatte aufnehmen lassen und ein Baubruder geworden war. Von allen Häusern zogen
sich grüne Festons über die Strassen oder unter den Fenstern hin, aus vielen
derselben hingen kostbare Teppiche nach venetianischer Sitte, welche man hier so
gern nachahmte, und im gewähltesten Putz schauten die Frauen daraus hervor.
Durch die Strassen, durch welche der Zug kommen musste, drängte sich die
Menschenmenge Kopf an Kopf, kaum in Schranken gehalten von den Ratsdienern,
Stadtschützen und Bütteln, die seit einem Jahrzehent mit Wehren versehen worden
waren, um sich mehr Respekt verschaffen zu können.
    Ein dreimaliger Stoss in ein grosses Horn auf der Veste, das Kaiser Friedrich
bei seiner letzten Anwesenheit daselbst hatte anbringen lassen, das seitdem aber
ausser Gebrauch gekommen, gab endlich das Zeichen von der Ankunft des Ersehnten.
Alles geriet in Bewegung, selbst die Ratsherren auf dem Rathaus, die Züge
ordneten sich, die Volkshaufen auf den Strassen machten den Stadtschützen immer
grössere Not, und die Frauen legten sich so weit aus den Fenstern, dass man von
manchen fürchten konnte, sie möchten gar hinausfallen.
    Der Zug kam nicht durch die Strasse, in welcher Ursula wohnte, darum war sie
zu Elisabet gegangen. Da standen sie wieder Beide in dem zierlichen Chörlein,
von dem aus sie so bequem auf die Strasse sehen konnten und den Ankommenden
gerade in's Gesicht. Sie hatten die grossen Fenster ganz geöffnet und wurden so
auch hier mehr gesehen, als an jedem andern Platz. Unwillkürlich lenkten sich
schon alle Blicke nach dem überhaupt noch ganz neuen und darum ganz blank
aussehenden Hause, an dem auch jetzt sein Besitzer nichts gespart hatte, die
bleibende Pracht desselben noch durch nur auf diesen Tag berechneten Schmuck zu
erhöhen. Um die durchbrochene Arbeit an dem Chörlein noch schöner hervortreten
zu lassen, waren Blumen dahinter angebracht, und durch Grün und Blumen das Ganze
in einen Blumentempel verwandelt. Die Fenster waren ausgehoben und nur die
oberen buntgemalten Bogenfenster strahlten im Sonnenglanz, golddurchwirkte
Teppiche deckten die Brüstung, und hinter dieser standen die beiden Damen,
Ursula in zartes Rosa gekleidet, Haar und Kleid mit weissen Rosenguirlanden
geschmückt, und Elisabet in grünen golddurchwirkten Brokat von auffallendem
Schnitt nach portugiesischer Art. Ein dünner Schleier war durch ein funkelndes
Stirnband gehalten und gleiche kostbare Steine in Gold gefasst glänzten an ihren
weissen Armen und ihrer Brust.
    Wohl Wenige zogen vorüber, ohne einen Blick auf die beiden mehr als alle
andern sichtbaren Schönheiten zu werfen, und sowohl vor ihnen als vor der Gattin
des hochangesehenen Christoph Scheurl neigten die Fahnenträger ihre Fahnen;
selbst Hieronymus tat es und flüsterte dem neben ihm gehenden Ulrich zu:
    »Das ist nicht nur die schönste, sondern auch die aufgeklärteste Frau in
Nürnberg.«
    Unwillkürlich weilten Ulrich's Augen mit ihrem begeisterten Ausdruck lange
auf der schönen Frau, so dass diese halb von einem höhern Gedanken entzündet,
halb von dem ihr zuweilen eigenen Mutwillen erfasst, eine weisse Rose aus einem
für den König bereitgehaltenen Blumenkorb nahm und sie gutzielend in Ulrich's
Gesicht warf, indem sie zu Ursula lächelnd sagte:
    »Ich bin eine begeisterte Anhängerin dieser Baubrüder, und ärgere mich doch
über sie, dass sie keine Frauen unter sich dulden. Ich glaube, dieser hübsche
Geselle mit der stolzen Haltung verdient schon eine Strafe, dass er mich seines
Blickes gewürdigt.«
    »Und Du giebst sie ihm selbst durch diese Handlung oder verdoppelst sie,
indem Du die Aufmerksamkeit auf ihn lenkst?« sagte Ursula erschrocken und
vorwurfsvoll.
    Ulrich hatte indes die Rose aufgefangen und antwortete mit einem stolzen
verweisenden Blick. Die Rose aus profanen Frauenhänden annehmen mocht' und
durst' er nicht, und gleichwohl mochte er sie auch nicht zertreten lassen. Er
warf sie auf gut Glück zur Seite unter die Volksmenge.
    Elisabet's Augen flammten. Das war ihr noch nicht begegnet, dass ein Mann,
der eine Blume von ihr empfangen, dieselbe weggeworfen.
    Ursula sagte: »Sieh dort das hübsche kleine Mädchen mit den schwarzen
Zöpfen, das Deine Rose aufgefangen und jetzt mit glücklichem Lächeln sich
ansteckt?«
    »Welcher Schimpf!« rief Elisabet und starrte das kleine Mädchen an, als
habe sie ein Gespenst gesehen. Es war wirklich ein hübsches Kind von etwa
fünfzehn Jahren, mit braunen Feueraugen und schwarzen glänzenden Zöpfen. Ihr
Anzug von braunem Schetter zeigte nichts Auffallendes, als ein paar gelbe
Streifen an den Aermeln. Diese Streifen, die Ursula übersehen, erblickte
Elisabet, und sie waren die Ursache ihres Entsetzens. Daran erkannte sie, dass
ihre Rose in die Hand eines Judenmädchens gekommen, denn der Rat, welcher die
Juden, des Reichs Kammerknechte hasste, und am liebsten ganz aus der Stadt
verbannen wollte, war vor Kurzem auf den Einfall gekommen, sie durch besondere
Abzeichen an der Kleidung kenntlich zu machen, damit nicht ehrbare
Christenmenschen Gefahr liefen, mit den als unehrlich betrachteten Juden in
Berührung zu kommen. So war den Jüdinnen jetzt aufgegeben worden, als
Kennzeichen gelbe Streifen an den Aermeln zu tragen. Nur die ausserordentliche
Gelegenheit und das Volksgedränge, in dem man mehr auf die Züge als aufeinander
blickte, waren wohl die Ursache, dass dies Judenmädchen unbemerkt geblieben und
unter der Menge geduldet worden war.
    Fand nun schon Elisabet die bitterste Kränkung darin, dass der Baubruder,
der ihr Interesse erregte, ihre Rose wegwarf, so empfand sie es als Schmach, dass
sie nun in den Händen einer Jüdin war, die sie, unbeschadet ihres Rufes »die
aufgeklärteste Frau von Nürnberg« zu sein, auf's Tiefste verachtete und sich vor
jeder Gemeinschaft mit ihnen entsetzte. Und wenn nun gar der Baubruder das mit
Absicht getan? war das nicht ein viel grösserer Hohn für sie, als wenn er die
Blume selbst unter seine Füsse geworfen?
    Ursula dachte wie die Freundin und bedauerte sie - aber sie hatte nicht Zeit
diesem Gedanken nachzuhängen, da eben die Ratsherren unten vorüberzogen und
Herr Hans von Tucher einen prüfenden Blick auf sie warf, unter dem sie zitterte
wie Espenlaub. Es würde dies wohl weniger der Fall gewesen sein, wenn sie gehört
hätte, wie der alte Herr zu seinem Begleiter sagte:
    »Die Jungfrau Muffel ist wirklich ein holdes Kind, und ich kann es meinem
Sohn nicht verdenken, dass er in sie verschossen ist - wäre sie nur nicht eine
Muffelin, nichts weiter sollte mich kümmern.«
    »Ja,« antwortete Herr Holzschuher, der seine alten Augen auch gern
anstrengte, wenn es nach schönen Frauen zu blicken gab: »Sie gefällt mir in
ihrer sittigen Art auch besser, als die Scheurlin, die vor Hochmut nicht weiss,
wie sie sich geberden und kleiden soll, um nur ja den Leuten zu zeigen, wie
reich und schön sie ist. Was aber Euren Sohn betrifft, so riete ich Euch doch,
ihn bald wieder fort zu schicken, denn wenn er seine Geliebte oft so sieht, so
ist er nicht der Mann, auf Euer Gebot hin sich von ihr abbringen zu lassen.«
    »Freilich,« antwortete der Vater; »mein Sohn ist kein Tugendspiegel, und hat
wohl schon bei manchem hübschen Kinde sein Heil nicht vergeblich versucht, indes
ist die Muffelin selbst ein Muster von Zucht und Ehrbarkeit, und darauf trau'
ich. Aber Ihr habt' Recht, es ist besser, der Stephan geht wieder aus Nürnberg,
und sieht er wo anders schöne Frauen, so wird er sich auch zu trösten wissen.«
    Als Herr Scheurl an seinem Hause vorüberkam und wohlgefällig lächelte, wie
schön sein Haus und wie noch schöner seine Hausfrau sich ausnehme und Aller
Blicke auf sich ziehe, konnte er sich nicht erklären, warum sie so verstört
hinabstarre - aber jetzt bemerkte sie ihn und zwang sich zu einem Lächeln.
    Ursula dachte indes nicht mehr an den alten Tucher, sondern spähete nach dem
Sohn. Nur um seinetwillen weilte sie hier, nur um seinetwillen hatte sie sich
geschmückt, nur um ihn zu sehen und von ihm gesehen zu werden. Was galt ihr denn
der König? was alle die Edlen, die mit ihm kamen, und alle diese Leute, die
festlich vorüberzogen? Sie dachte nur an Stephan, und nur der Augenblick, in dem
er vorüberschreiten werde, war ihr der ersehnte. Sie hatte ihn seit dem
Wiedersehen in diesen selben Räumen immer nur flüchtig gesehen auf der Strasse
oder in der Messe und von sich entfernt zu halten gewusst. Auf diesen Tag hatte
sie ihn vertröstet. Freilich nicht nur auf diesen Moment, sondern auf die
Festlichkeiten, die man dem König zu Ehren veranstaltete, bei denen doch Niemand
von den Geschlechtern fehlen dürfe und sich Gelegenheit finden werde zusammen zu
sprechen und zu tanzen. Als Stephan mit zärtlichen Liebesblicken
vorübergegangen, zog sich Ursula ein Weilchen vom Fenster zurück - nun gab es ja
Nichts mehr für sie zu sehen.
    Aber jetzt tönte das Horn von der Veste wieder und schmetternde
Trompetensignale, und das damit sich vermischende, von fern her tönende
Vivatrufen der bewillkommenden Menge verkündigte, dass der König die Stadt
betreten und dass die ersten Begrüssungen stattfänden.
    Nach einiger Zeit kam derselbe Zug wieder vorüber - aber Rosseshufe
erschallten dabei, denn der König mit seinem Gefolge war in seiner Mitte.
    Sein Anblick schon, seine ritterliche Art und sein freundliches Wesen hatten
alle Herzen gewonnen. Ohnehin freute sich die versammelte Menge um so mehr
seiner Ankunft, als sie recht eigentlich nur ein Besuch für Nürnberg war und er
damit die Stadt nicht nur pflichtgemäss bei Gelegenheit eines Reichstags beehrte,
sondern einzig und allein ihretwegen kam. Dazu kam auch, dass fast die ganze
lebende Generation keinen andern Kaiser als den nun siebzigjährigen Friedrich
III. gesehen und seiner nachgerade überdrüssig geworden war. Ein ganz anderes
Ereignis war da denn doch der Einzug dieses ritterlichen Sohnes und künftigen
Kaisers, auf den das Reich so grosse Hoffnungen setzte, zumal gerade jetzt, wo
die niederländischen Händel endlich beendigt waren wie sein Kampf mit
Frankreich, und er nun einzog als ein ruhmwürdiger, sieggekrönter Held und, was
bei den Nürnberger Kaufleuten die Hauptsache war, nicht mehr als ein König ohne
Land und Einkünfte, schon im Besitz der Niederlande und Tirols, und im Begriff,
seine Habsburgischen Erblande sich wieder zu erobern. Wusste man doch, dass er in
allen Stücken der entschiedenste Gegensatz seines trägen, tatenscheuen,
geizigen, immer nur die unmittelbarsten Vorteile berechnenden Vaters war, dass
er viel mehr Geist und Herz von seiner Mutter, der schönen und heldenmütigen
Eleonore von Portugal geerbt hatte, die ihm leider schon 1467 im erst
vollendeten dreissigsten Jahre entrissen ward. Ritterlich bis zu
abenteuersüchtiger Kühnheit, freigebig bis zur Verschwendung, voll Begeisterung
für die grosse Vergangenheit des Kaiserreiches schwärmte er in dem Gedanken einer
Wiedererneuerung des alten Glanzes desselben, und war so ganz ein Mann nach dem
Herzen des deutschen Volkes, das in seinem bessern Teil auch die Einheit des
Reichs erstarken und durch eine achtunggebietende Gestalt vertreten zu sehen
wünschte.
    Da erschien er nun hoch zu Ross in blitzender Rüstung von blankem Stahl mit
goldenen Verzierungen. Darüber den purpurnen Sammtmantel mit goldener Strickerei
und Hermelin besetzt, auf den goldenen Locken den blitzenden Helm mit wehenden
Federn. Er war von ansehnlicher Grösse, stark und schön gebaut, und eben jetzt in
der Blüte des Mannesalters von dreissig Jahren, in Kraft und Vollendung
strahlend. Sanft gebräunt war sein Antlitz von den Strapazen im freien Felde,
aber seine Wangen blühten in dem frischen Rot der Gesundheit. Unter der
startgewölbten Stirn glühte aus seinen blauen Augen ein liebliches Feuer und die
Adlernase hatte einen gebietenden Ausdruck. Ein blonder Bart umfloss ringsum die
purpurnen Lippen.
    Nach allen Seiten winkte und grüsste er freundlich, nur auf ihn weilten alle
Blicke, und die Jubelrufe, welche ihm zutönten, waren ein unwillkürlicher Erguss
des Beifalls und der Begeisterung, die sein Anblick hervorrief.
    Als er an Elisabet's Chörlein vorüberkam, bog sich diese weit aus demselben
heraus, und indes sich die Damen an andern Fenstern begnügten mit ihren Tüchern
zu wehen, warf sie dem ritterlichen König Blumen entgegen. Sie sollten zu den
Füssen seines Rosses fallen, aber eine davon traf an das Ohr des edlen Tieres,
dass dasselbe darüber scheu werdend hoch aufbäumte - Elisabet stiess einen Schrei
aus - da sah sie, wie ein Reiter, der zunächst hinter dem König geritten, in
abenteuerlich bunte Tracht gekleidet und mit einem jener wunderlichen Gesichter,
die bald wie die harmloseste Gutmütigkeit, bald wie die schalkhafteste
Bitterkeit aussehen, zu ihm sprengte und dem Pferd in die Zügel fallen wollte.
Max lachte über dies Beginnen und hatte es selbst schnell gebändigt, indes sein
Begleiter, der niemand Anders als sein treuer Freund und Hofnarr Kunz von der
Rosen war, das Pferd von den an ihm haften gebliebenen Blumen befreite und das
Schalksgesicht auf Elisabet gerichtet, dem König einige Bemerkungen über sie
zuflüsterte, die vielleicht nicht ganz zarter Natur waren. Aber Max lächelte zu
ihr hinauf und neigte sein Schwert vor ihr, nahm die Blumen aus der Hand des
Narren und mit ihnen dankend zu ihr emporwinkend steckte er sie an sein
Schwertbehänge.
    Elisabet neigte sich tief vor dieser königlichen Huldigung - durch sie fand
sie die Schmach, die sie sich vorhin angetan wähnte, wieder gesühnt; wenn
dieser königliche Held sich dankend mit ihren Blumen schmückte, dann mochte
immerhin der arme Steinmetzgeselle sie verächtlich bei Seite werfen! Aber sie
war noch eben so verwirrt von dem Schreck über das bäumende Ross, wie von der
Ehrenbezeugung des Königs, wie dessen ganzer herrlicher Erscheinung, dass sie nur
ihm unverwandt die Blicke ihrer Feueraugen nachsandte; so bemerkte sie auch den
Gruss des Markgrafen Friedrich von Brandenburg nicht, und nur Ursula verneigte
sich vor ihm. Er ritt gleich hinter Max und trug einen kurzen Sammetrock, rot,
grau und weiss geteilt, eben so die Aermel, darüber einen kurzen grauen
Sammetmantel mit rot und goldener Stickerei. Seit er nicht hier gewesen, war
das schöne Scheurl'sche Haus neu entstanden, und er widmete ihm darum seine
besondere Aufmerksamkeit. So hatte Elisabet auch für die andern Ritter und
Herren kein Auge, die im Gefolge des Königs waren, obwohl jetzt um so mehr aller
Blicke auf ihr ruhten, seit sie dessen Huldigung in so auffallender Weise
empfangen und allerdings in gleich auffallender Weise herausgefordert. Unter
diesen Rittern befand sich einer ganz in schwarzen Sammet mit Silberstickerei
gekleidet, den es nicht minder als Markgraf Friedrich zu verdriessen schien, dass
Elisabet ihn nicht gewahrte. Sein Gesicht sah ziemlich bleich und wüst aus, und
in seinen dunklen Augen schien ein unheimliches Feuer zu drohen. Einen solch'
unheimlichen Eindruck machte er überhaupt auf Ursula.
    Zu ihr sagte Elisabet, als Alles vorüber war: »Ursula! das ist der einzige
schöne Mann, den ich je gesehen - er verdient es zu herrschen! - Das war seit
langem der erste glückliche Augenblick!«
    Elisabet's ganzes Wesen war in solcher Aufregung, dass Ursula sie erstaunt
betrachtete; aber sie vermochte nicht weiter mit ihr zu sprechen, denn eben
stürmte Stephan in das Zimmer, der eine günstige Gelegenheit gefunden, sich aus
dem Getümmel fortzuschleichen, da er der Versuchung nicht widerstehen konnte,
sich wenigstens auf Augenblicke der holdseligen Geliebten zu nähern.
 
                               Siebentes Capitel
                              Auf der Hallerwiese
An dem Tage, an welchem König Max angekommen, ward auf der Hallerwiese von den
Bürgern ein grosses Büchsenschiessen gehalten, zu dem man ihn eingeladen. Ein
grosses kostbares Zelt war für ihn und Markgraf Friedrich wie die begleitende
Ritterschaft aufgeschlagen worden. Zu beiden Seiten desselben befanden sich die
grössern Zelte des Rates und der Familien der »Genannten«. Ringsum hatten die
Zünfte ihre Fahnen aufgesteckt, die stolz und lustig über den Platz hin wehten,
in dessen Mitte eine zahllose Menschenmenge sich bewegte und auf die
mannigfaltigste Weise ergötzte.
    Immer aber war König Max der Mittelpunkt des Festes. Auch noch ehe er selbst
auf der Wiese erschienen war, hörte man doch nur von ihm allein erzählen und
Bemerkungen über ihn machen, die nur zu seinem Lobe waren, selbst von denen, die
sich sonst noch wenig um ihn gekümmert oder von ihm erwartet hatten. Das war bei
den guten Nürnbergern doch nur so lange der Fall gewesen, als er sich nicht um
Nürnberg kümmerte: nun aber war er ja gekommen, nun hatten sie ihn in ihrer
Mitte, nun war er auch gut nürnbergisch, und die ritterliche und leutselige Art
seines Wesens verstärkte nun den günstigen Eindruck, den sein Kommen schon an
sich hervorgerufen.
    So sagte Peter Vischer, der Rotgiesser, der heute auch nicht in der
Arbeitsschürze, sondern im Sonntagsrock erschien, zu seinen Begleitern, unter
denen er der jüngste war:
    »Ja, das ist ein Kaiser, der noch mehr gelernt hat, als die Waffen führen
und schöne Reden auf den Reichstagen halten. Der versteht seine Waffen nicht
bloss zu schwingen wie ein Fechtmeister, seine Stücke nicht nur zu richten und
abzuschiessen wie der beste Büchsenmeister, sondern würde zur Not auch seine
Schwerter und Lanzen, Helme und Panzer selber fertigen und seine Stücke selber
giessen können; denn in seiner Jugend hat er die Plattnerei und
Harnischmeisterei, die Geschütz- und Lagerkunst lernen müssen, als sei er selbst
zum Handwerker berufen.«
    »Ja,« stimmte der Steinmetz Adam Kraft bei, ein schon etwas älterer Mann mit
klugen Augen unter der breiten Stirn, Haar und Bart von Natur gekräuselt; »die
Steinmetzerei und Zimmerei hat er auch gelernt, und ist so absonderlich für die
Baukunst eingenommen, dass er sogar selbst ein Baubruder geworden. Noch kein so
grosser Potentat hat das bisher getan.« Wenn Meister Kraft so viel sprach, so
war es ein Zeichen, dass es ihm sehr von Herzen ging, denn er war immer ein Mann
von wenig Worten, kurz angebunden, und konnte es nicht leiden, wenn von irgend
einer Sache viel gesprochen ward.
    Darum sagte auch der Bildschnitzer Veit Stoss, ein Pole, der erst im
kräftigsten Mannesalter von Krakau nach Nürnberg gezogen war, weil man da seine
Kunst besser als in seiner Heimat zu schätzen verstand: »Ei, wenn Meister Kraft
einmal so in Eifer gerät, da muss es freilich etwas Grosses sein.«
    Und der vierte Gefährte, Sebastian Lindenast, ein kunstreicher
Kupferschmied, bemerkte: Ja, wenn ich König Max früher gesehen, hätte ich wohl
ihn noch lieber als den Kaiser Karl IV. in Kupfer konterfeien mögen.«
    »Ach, Ihr meint bei dem zierlichen Männleinlaufen zu der Uhr des Meisters
Georg Heuss, dem Ihr die Männlein so schön in Kupfer getrieben habt,« sagte Peter
Vischer. »Ich meine, es wird dem König absonderlichen Spass machen, wenn er das
zum ersten Male sieht. Ich wollte, Ihr selbst und Meister Heuss wäret dabei, wenn
man den Kaiser vor den Turm der Liebfrauenkirche führt und ihn nun bittet
aufzupassen. Der wird nicht wenig schauen, wenn eine Stunde um ist, und Kaiser
Karl tritt heraus, dann die sieben umgehenden Kurfürsten, dann der Ehrenhold,
die vier Posauner, und endlich die zwei Männlein, davon das eine läutet und das
andere die Uhr umwendet.«
    »Freilich musste es Kaiser Karl IV. sein,« sagte Lindenast, »da er es war,
der dies Gotteshaus Unserer lieben Frauen Saal gestiftet. War er doch auch ein
grosser Freund der Kunst, wenn schon sein Geschmack sich zuweilen von der guten
deutschen Art entfernte, das italienische und antikische Wesen begünstigte.«
    »Nun, wer weiss, ob ihm das Vischer nicht nachmachen will,« lächelte Kraft,
»er will ja auch nach Italien gehen.«
    »Ja, dahin zieht es mich nun einmal,« gestand dieser; »man muss sich in der
Welt umsehen, wenn man was Tüchtiges lernen will, und gerade dahin gehen, wo es
auch grosse Werke und Künstler gibt, damit man sich nicht einbildet, man leiste
schon was Rechtes. Ich habe nur noch gezögert, um den König hier nicht zu
versäumen, dann mache ich mich gleich auf die Wanderschaft. Aber um wieder auf
Euer Männleinlaufen zu kommen: es ist schade, dass die Figuren kupfern und nicht
versilbert oder vergoldet sind. Wenn dem König Euer Werk gefällt, so riete ich
Euch das Eisen zu schmieden, weil es warm ist, und den König um ein Privilegium
zu bitten, Eure Arbeiten künftig versilbern und vergolden zu dürfen, wenn es
Euch beliebte.«
    »Ich habe auch schon daran gedacht,« sagte Lindenast.
    Indes ward dies Gespräch durch lautes Vivatjauchzen unterbrochen, denn der
König Max, von seinem von ihm unzertrennlichen Hofnarren, dem Markgrafen
Friedrich und vielen Rittern begleitet, war gekommen. Aber er weilte nicht lange
in dem für ihn bereiteten Zelte, sondern mischte sich unter die Büchsenschützen
und schoss mit ihnen um die Wette, als gehöre er mit zu ihrem Verein. Da war nun
unter dieser wieder Keiner, der nicht darauf geschworen hätte: das sei der
trefflichste Fürst, der je auf den Kaiserstuhl zu Rense gesetzt worden.
    Freilich am ärgsten fast trieben es die Frauen und Mädchen, die einfachen
Bürgerinnen so gut wie die vornehmen Patrizierinnen. Er grüsste jene wie diese,
und während die ersteren den Kreis der Schiessenden umdrängten, in deren Mitte
sich der König befand, kamen auch die letzteren, die sich sonst immer
abgesondert hielten, aus ihren Zelten hervor. Sie konnten ja heute einmal eine
Ausnahme machen, und wenn der König selbst sich unter die zünftigen Bürger und
den gemeinen Haufen mischte, so geschah auch ihrer Ehre kein Abbruch, wenn sie
das Gleiche taten.
    Herr Christoph Scheurl liess es sich diesmal nicht nehmen, selbst den
Cavalier seiner Gemahlin zu machen. Er wusste, er werde so am ersten von den
hohen Personen und dem Könige bemerkt werden - und daran lag ihm Alles. Denn zu
den Dingen, um die er Hans von Tucher beneidete, gehörte auch, dass derselbe in
den Adelstand erhoben worden war und ein adeliges Wappen führen durfte. Danach
gelüstete Scheurl, und er trachtete nach jeder Gelegenheit, die ihm eine
Möglichkeit verschaffen könnte, auch zum Ritterschlag zu gelangen. Um sich
hervorzutun, hatte er sein Haus so schön schmücken lassen, und auf die seiner
Gemahlin widerfahrene Huldigung war er nicht minder stolz als diese selbst, ja
er war entzückt über ihren Einfall, den König mit Blumen zu werfen, obwohl es
genug seiner Collegen gab, die ihn darum gegen seine Ehegattin aufhetzen
wollten, oder ihm wenigstens ihr Betragen mit zweideutigen Spässen entgelten
liessen. Auf Alles, was man ihm in dieser Weise sagen mochte, erklärte er
lächelnd: dass ihm solche Reden nur zeigten, wie sehr man ihn beneide die
schönste Frau zu besitzen, und er ging heute mit um so grösserem Stolz an ihrer
Seite, und obwohl sie sich sonst des Tages oft mehrere Male umzukleiden pflegte,
so billigte er es, dass sie gerade heute es nicht getan - in derselben Tracht
werde der König sie um so eher wieder erkennen und vielleicht einige freundliche
Worte an sie richten. Stolzer als je strahlte auch Elisabet selbst in ihrer
gebietenden Schönheit, als sie so über die Wiese ging, die lange Schleppe hinter
sich herziehend, umflattert vom wehenden Schleier.
    Aber wenn unwillkürlich die Blicke aller Männer an ihr haften blieben und
sie doch mehr bewunderten als bespöttelten, so war das umgekehrt mit den Frauen,
wenigstens bei dem grösseren Teil der ihr ebenbürtigen Patrizierinnen. Die
liessen sich hinter ihrem Rücken in vielen spöttischen und anzüglichen Reden
vernehmen, und suchten sie unter sich um so tiefer zu erniedrigen, als sie sich
selbst über diese ungebildeteren, kleinlichen und engherzigen Frauen erhaben
fühlte. Am spitzigsten lauteten die Bemerkungen, die aus dem Munde Katarina
Haller's kamen, der Gattin des Bürgermeisters Wilhelm Haller und einer Tochter
des Loosungers Holzschuher. Vor länger als einem Jahrzehent hatte sie zu den
gefeiertsten Schönheiten Nürnbergs gehört, und es war ihr jetzt unerträglich,
diesen Platz Anderen überlassen zu müssen. Ohne den Adel eines geistigen
Ausdruckes hatte ihre Schönheit zu jenem gewöhnlichen Typus gehört, der nur
durch Frische und Fülle der Jugend Reiz erhält - dies Alles war jetzt
verschwunden, und hatte sie früher schon auf prüfendere Beschauer auch in ihrer
Blütezeit nur einen gewöhnlichen Eindruck gemacht, so machte sie jetzt, da jene
vorüber war, auf Alle einen gemeinen. Ihre sonst eitel lächelnden Gesichtszüge
erschienen jetzt von Neid und Bitterkeit verzerrt, aus ihren grossen Augen meinte
man giftige Pfeile fliegen zu sehen, und ihre Lippen schienen sich nie anders
wie zu hämischen Bemerkungen öffnen zu können. Ihre Formen waren eckig geworden,
wie alle ihre Bewegungen, und ihre lange knochige Gestalt bemühte sich
vergeblich eine würdevolle Haltung zu behaupten, es ward nur die einer steifen
Gravität daraus. Ihre Kleidung war eben so kostbar wie die Elisabet's, aber
während diese dieselbe sinnig und geschmackvoll wählte und so reizend zu ordnen
musste, dass die Pracht derselben immer mit ihrer ganzen Erscheinung harmonirte
und auch dem feinsten Schönheitssinne Rechnung trug, immer vielmehr ihrem
eigenen idealen Geschmack als der gerade herrschenden Mode und Sitte folgte, so
band sich Katarina Haller streng an diese, nur dass sie durch Ueberladung ihren
Reichtum zu zeigen suchte.
    Dem entsprechend waren jetzt ihre Bemerkungen gegen ihre Begleiter über
Elisabet und zum Teil von einer nicht wiederzugebenden Gemeinheit. »Was dünkt
sie sich denn Besseres als wir, dass sie meint, sie allein könne sich Alles
erlauben? Sie hätte sollen darüber zur Rechenschaft gezogen werden, dass sie sich
heute unterstand nach seiner Majestät mit Blumen zu werfen und das Pferd scheu
zu machen, dass es bald ein Unglück gegeben hätte; aber Alles muss ihr für voll
ausgehen, es mag so unschicklich sein wie es will! Seht nur - sie drängt sich
mit ihrem Manne gewiss noch bis zum Könige. Ich wollte, er kehrte ihr den Rücken
oder sagte ihr etwas recht Demütigendes.«
    
    »Das ist leider von dem ritterlichen Könige nicht zu erwarten,« sagte die
andere Patrizierin, Eleonore Tucher, eine Schwägerin Stephan's; »mein Mann sagt,
dass König Max ein Verehrer der Frauen ist, und man müsste nicht wissen, wie die
Männer sind, auf dem Tron so gut wie anderswo, sie lassen sich am leichtesten
von denen fangen, die ihnen mit freiem Betragen entgegenkommen. Da ist eher zu
hoffen, dass sein Hofnarr ihr etwas Demütigendes sagt.«
    »Wenn man nur an ihn kommen könnte,« sagte Frau Haller, »denn wenn es ihr
wieder gelingt, von diesem edlen König ausgezeichnet zu werden, wie sie es von
dem alten Kaiser ward, als er das letzte Mal hier war und sie aufforderte, den
Celtes öffentlich zu krönen, so wird ihr der Kamm immer noch höher schwellen.«
    »Ach ja,« sagte Eleonore etwas boshaft; »ich erinnere mich, sie sass damals
gerade neben Euch, und blieb erst sitzen, ohne sich zu rühren, indes Ihr schon
aufstandet, als der Bote des Kaisers kam sie abzurufen.«
    Katarina hätte bei dieser Erinnerung vor Aerger bersten mögen, denn dass
damals nicht sie, sondern Elisabet zu der Krönung des Dichters hervorgerufen
ward, war die Hauptursache ihres Neides und Hasses. Aber sie erwiderte Nichts,
denn eben steigerten sich diese Empfindungen zum höchsten Grad, als sie
gewahrte, wie König Max aus dem Kreise der Schützen trat und einem seiner
ritterlichen Begleiter winkte, und dieser darauf Christoph Scheurl und seine
Gemahlin vor den König führte, sie ihm vorzustellen. Verstand die
Entferntstehendere auch nicht, was er sprach, so sah sie doch an seinen
huldvollen Mienen, die fast mehr bewundernd als gnädig auf Elisabet ruhten, an
ihrem mehrfachen Verneigen, zartem Erröten und dem Lächeln des Triumphes, das
ihr ganzes Antlitz verklärte, dass es nur Schmeichelhaftes sein konnte. Jetzt
trat auch der lustige Rat hinzu, und obwohl Elisabet vor seinen Worten die
Augen niederschlug, so zeigte doch das beifälligstolze Lächeln ihres Gemahls,
dass in dem Sprüchlein des Narren nur ein cynischer Scherz die für sie darin
entaltene Huldigung begleitet hatte, wofür ihm Max lächelnd mit dem Finger
drohte und Elisabet bat, seinem getreuen Bruder die Freiheit der Rede nicht
übel zu deuten, die er selbst sich müsse gefallen lassen; worauf der Narr mit
komischer Geberde Abbitte tat, bis ihm Elisabet die Hand reichte, die er
demutvoll küsste.
    Katarina stand stumm und sprachlos vor Wut, während Eleonore ihren Gatten
Anton Tucher in der Nähe Scheurl's gewahrte und sich zu ihm durchzudrängen
suchte, um wenigstens auch der Ehre der Vorstellung teilhaftig zu werden, was
ihr denn auch gelang, aber ohne dass der König sich weiter mit ihr unterhalten
hätte, sondern Anton nach seinem Vater fragte, der auch zur Stelle war und
seinerseits nun wieder seinen Sohn Stephan vorstellte.
    Indes war der Markgraf von Brandenburg zu Elisabet getreten und sagte:
    »Es gelang mir heute nicht einen Gruss von Euch zu erhalten, als ich an Euch
vorüberritt, und als getreuer Vasall begnügte ich mich zu Gunsten Seiner
Majestät darauf zu verzichten.«
    »Verzeiht, edler Fürst,« unterbrach sie ihn; »ich war von der Verwirrung,
die ich durch meine Unbesonnenheit beinahe angerichtet, so bestürzt, dass es wie
ein Flor vor meine Augen sank.«
    »Nun,« lächelte der Markgraf, »diese Entschuldigung will ich unsern Rittern
vermelden, die mit mir in gleicher Lage waren, und von denen Einer sich nicht so
leicht beruhigen wird.«
    Elisabet sah ihn verwundert fragend an, und der Markgraf fuhr fort:
    »Ich vermeine wohl die schöne Jungfrau Behaim wieder zu erkennen, die vor
zwei Jahren den Konrad Celtes krönte - doch wusste ich nicht, dass es die Hausfrau
Scheurl's war, die in dessen zierlichem Hause tronte gleich einer Feenkönigin.
So waret Ihr es doch überdrüssig, nur die spröde Muse eines Poeten zu sein, und
ich sehe Euch als gute deutsche Hausfrau wieder?«
    Warum musste Markgraf Friedrich, wenn auch vielleicht unwissend, Elisabet
gerade in dem Augenblicke so durch seine Anspielungen demütigen, wo sie sich
durch die Huld des ritterlichen Königs einmal wieder erhoben fühlte und ihr Herz
in stolzer Begeisterung schlug? Ihre ganze Seelenstärke gehörte dazu, um ihre
Bewegung zu verbergen, so dass sie ruhig sagen konnte: »Ihr seid sehr gütig, mich
so in Eurem Gedächtnis behalten zu haben; es war ein grosser Kummer für die
Meinigen und meinen Gemahl, dass wir uns die Ehre Eurer Gegenwart nicht zu meiner
Hochzeit erbitten durften, da ihr fern von uns in den Niederlanden weiltet.«
    »Nun,« lächelte der Markgraf, »es findet sich wohl eine andere Gelegenheit,
von Euch zu einem Familienfeste geladen zu werden; wie ich Euch aus der Taufe
hob, war ich freilich noch ein junger Mann, doch denk' ich auch jetzt noch einen
stattlichen Taufzeugen abgeben zu können.«
    Obwohl damals solche Scherze sehr an der Tagesordnung waren bei Vornehmen
wie Geringen, errötete Elisabet doch unwillig, und da sie eben jetzt Ursula
gewahrte, die verlegen zur Seite stand, weil sie sich unter den Augen der ganzen
Familie Tucher befand, und deshalb um so weniger wagte mit Stephan Wort und
Blick zu wechseln, so nahm sie Elisabet bei der Hand und sagte:
    »Vielleicht erinnert Ihr Euch noch meiner lieben Freundin Jungfrau Ursula
Muffel?«
    »Wenigstens von diesem Morgen,« antwortete der Markgraf, »denn von dieser
holden Jungfrau fand mein Gruss Erwiederung. Wo ist Herr Gabriel, Euer Vater?
Mich dünkt, ich sah ihn noch nicht.«
    »Dort steht er -« sagte Ursula auf ihn deutend.
    Und Elisabet flüsterte leiser zu dem Markgrafen: »Ich empfehle ihn Eurer
besonderen Gnade und werde Euch das Weitere schon noch erklären.« Nachdem sie
die Beiden einander genähert und mit feinem Takt eine Unterredung zwischen ihnen
eingeleitet, nahm sie Ursula's Arm und sagte: »Mir wird so heiss und enge in dem
Menschengewühl, lass' uns ein wenig abseits dort unter die Linden wandeln.«
    »Ich kann es auch nicht mehr ertragen,« sagte Ursula, »und noch hab' ich
kaum ein paar Worte mit Stephan zu wechseln gewagt.«
    »Jetzt beginnt es dunkel zu werden, und die Dämmerung begünstigt alle
Liebenden!« tröstete Elisabet.
    Und nicht lange wandelten sie allein unter den Linden, da gesellte sich
Stephan zu ihnen. Nachdem er die ersten Zärtlichkeiten mit Ursula getauscht,
sagte er: »König Max ist ein Mann nach meinem Sinn, was meinst Du, wenn ich ihm
folge, mir auf eigene Hand in seinem Gefolge Ruhm und Ehr und den Ritterschlag
erwerbe, und dann als Lohn für meine Dienste Nichts fordere, als dass der König
unsere eigensinnigen Väter versöhne?«
    »Das ist ein würdiger Entschluss!« rief Elisabet, »so segensreich ist schon
die Erscheinung eines wahren Helden - sie treibt auch Andere auf die
Heldenbahn!«
    Ursula sagte: »Ja, vertraue Dich ihm, er ist so ein ganzer Mann und Held,
und hat ja mit seiner Maria auch erfahren, was rechte Liebe ist!«
    Elisabet wollte das Paar nicht stören und zog sich wieder zurück. Um sich
auszuruhen und ihren Empfindungen zu überlassen lehnte sie sich an eine der
Linden, die ihre Zweige, sie fast verbergend, über sie breitete, wozu auch die
grüne Farbe ihres Kleides beitrug.
    Sie hatte die Augen halb geschlossen und hörte jetzt eine Männerstimme
sagen: »König Max hat unsere Einladung angenommen, einem Zechentag in unserer
Bauhütte beizuwohnen, und Propst Kress hat den übermorgenden dazu festgesetzt.
Gebe Gott, dass es ihm Ernst ist um die heilige Kunst.«
    »Ich hoffe es!« antwortete der Andere mit der melodisch klangvollen Stimme,
an der wir Ulrich erkennen. »Sein Geist, der in so vielen Fächern der
Wissenschaft bewandert ist, wird auch die erhabene Lehre des Albertus Magnus in
ihrer ganzen Herrlichkeit erfasst haben, und diejenigen zu würdigen wissen,
welche ihre geheiligten Lehrsätze im Stein zu verwirklichen suchen. Wird er uns
nur ein Kaiser, der uns die alten Privilegien in Ehren lässt und sie zeitgemäss
erweitert, so geschieht schon das Beste für uns, das wir begehren können, denn
die deutsche Kunst ist das, was sie ist, nicht geworden durch die Fürsten,
sondern trotz ihnen - und wollte König Max den Einfluss, den er dadurch, dass er
Baubruder geworden ist, auf die Bauhütten üben kann, je so weit gebrauchen, dass
er in guter oder böser Absicht uns Vorschriften machen wollte: so wäre er kein
rechter freier Maurer, und wir hätten die Pflicht, ihn aus unserem Bunde zu
stossen, seine Gemeinschaft zurück zu weisen. Als Fürst kann er für die Kunst
nichts Besseres tun, als unsere Freiheiten bestätigen, uns schirmen gegen die
Buchstabensatzungen der Pfaffen, wie gegen den Fürwitz der Profanen. Die
göttliche Kunst selbst in ihrer Reinheit zu bewahren und höherer Vollendung
entgegenzuführen - das ruht allein in den Händen der Künstler selbst.«
    »Ich wollte, König Max hörte Dich selbst so sprechen,« sagte Hieronymus.
    »Sollt' es ihm gefallen, mich etwas zu fragen,« sagte Ulrich, »so werde ich
ihm nicht anders antworten, denn jedem andern Baubruder.«
    »Herr Anton Kress, unser Propst, der einmal sein besonderes Augenmerk auf
Dich gerichtet, wird den König schon aufmerksam auf Dich machen,« sagte
Hieronymus.
    »Wie es ihm gefällt,« entgegnete Ulrich; »übrigens aber hat die Teilnahme
dieses Mannes für mich etwas Unheimliches.«
    »Sage nur Geheimnisvolles,« verbesserte Hieronymus; »worin sollte das
Unheimliche liegen? Er ist ein durchaus harmloser Charakter, wie mir scheint -
ein Mann, der es zur Ehrensache anrechnet, sich das Ansehen zu geben, als habe
er unsere Lehre bis in ihre ganze Tiefe erschöpft, und der vielleicht kaum das
System des Achtortes von ihr behalten, der sich gern als Stifter erhabener
Bauten einen Namen machen möchte, weil das zumal in Nürnberg so üblich, und den
Glanz der Geschlechter erhöht - der nebenher aber gern den Freuden der Tafel
huldigt, dem Bachus opfert und nach schönen Frauen schielt.«
    Elisabet war kein Wort von dieser Unterhaltung verloren gegangen, denn alle
ihre Sinne waren von ungewöhnlicher Feinheit, so auch ihr Gehör, und so auch sah
sie jetzt trotz der Dämmerung, dass die beiden die Festtracht der Baubrüder
trugen, wie sie dieselbe am Morgen gesehen, und es schien ihr wahrscheinlich,
dass der eine von ihnen der Steinmetz war, von dem sie sich an diesem Morgen
durch das Wegwerfen ihrer Blume beschimpft hielt. Sie rührte sich nicht und ihre
Gegenwart blieb den Männern verborgen. Jetzt sah sie, wie eine kleine weibliche
Gestalt ihnen nachgeschlichen kam, und sich ohne bemerkt zu werden, nur einige
Schritte hinter ihnen hielt. Ihnen entgegen kamen zwei andere, noch knabenhafte
Jünglingsgestalten.
    »Sieh' da,« sagte Ulrich, »mein kleiner wackerer Freund Albrecht Dürer!
Habt' Ihr heute auch einmal die dumpfe Werkstatt verlassen und seid von Meister
Wohlgemut's Knechten befreit?«
    Albrecht schüttelte Ulrich herzlich die Hand. Der Steinmetz hatte Wort
gehalten und ihn eines Tages in seiner Werkstatt besucht, und seitdem war es
zuweilen geschehen, dass sie an Sonntagen einander gesehen, denn Ulrich fand
Wohlgefallen an dem fleissigen, kunstbegeisterten Jüngling, und dieser wieder an
Ulrich's Belehrungen, durch die er besonders seine geometrischen Kenntnisse
vervollkommnete.
    Er stellte diesem seinen Begleiter vor: »Das ist mein lieber Freund
Willibald Pirkheimer, mit dem ich aufgewachsen, da wir in einem Hause wohnen.«
    »Und woll't Ihr auch ein Maler werden?« fragte Ulrich den zartgebauten und
fein gekleideten Jüngling, an dessen Haltung schon man den Patriziersohn trotz
der Dunkelheit erkannte.
    »Nein,« antwortete Willibald mit feinem Lächeln; »ich besuche die gelehrten
Schulen, und wenn mein Freund Albrecht nicht mehr hier ist, so will ich nach
Italien gehen, dort die Rechte studiren und mich mit den humanistischen Studien
beschäftigen - dann meiner Vaterstadt und diesem edlen König Max dienen, der
wohl Kaiser sein wird, wenn ich zurückkomme.«
    »Und wie gefällt denn Euch der künftige Kaiser?« fragte Hieronymus die
beiden, und zu Ulrich gewendet fügte er hinzu: »Man muss das nachwachsende
Geschlecht befragen, denn dem gehört ja doch die Zukunft!«
    »In diesem Augenblick,« sagte Pirkheimer feierlich, »habe ich ihm Treue bei
mir selbst geschworen! Alles, was ich von ihm gehört und gelesen, hatte mich
schon mit Bewunderung erfüllt, aber das wirkliche Begegnen hat sie noch
tausendfach gesteigert!«
    »Und ich,« sagte Dürer eben so feierlich, »habe eben geschworen, ihn einst
zu konterfeien, und Gott gebeten, dass es ihm gefalle, mir einen rechten Maler
werden zu lassen, damit mir das wirklich vergönnt werde!«
    »Der König kann zufrieden sein,« sagte Ulrich, »denn aufrichtig ist die
Begeisterung der Jugend.«
    Elisabet hatte jetzt um so aufmerksamer zugehört, als sie über den König
Äusserungen vernahm, die ihr selbst so ganz ähnlich hätten entströmen mögen, und
sie, durch Ursula auf Meister Wohlgemut's hübschen Lehrling aufmerksam gemacht,
sich diesen gemerkt hatte, da er ja auf einer Strasse mit ihr wohnte und auch nie
verfehlte, im Vorübergehen an dem schönen Hause Herrn Scheurl's hinaufzugrüssen,
wenn er Jemand am Fenster gewahrte. Auch der zarte Willibald Pirkheimer war ihr
kein Fremder, denn seine Eltern gehörten mit zu den »Genannten« und waren den
Behaim und Scheurl's befreundet, so auch Willibald's zwei Schwestern, Charitas
und Clara. Während dem hatte sie nicht bemerkt, dass der schwarzgekleidete
Ritter, der auch diesen Morgen unter ihrem Fenster vorüber ritt, ohne von ihr
gesehen zu werden, ihr ganz nahe geschlichen war und jetzt ihren Arm erfassend
sagte:
    »Hoffentlich erkennt Ihr mich im Dunkeln, da es heute früh im Sonnenglanze
nicht geschah?«
    Sie fuhr entsetzt zusammen, als habe sie einen Geist gesehen, und wollte
sich sprachlos vor Schrecken von ihm losmachen. Er hielt sie fest und sagte:
    »Du sträubtest Dich ja sonst nicht, Elisabet? Ich kam mich mit Dir zu
versöhnen, die alten Zeiten zu erneuern, Dir zu gestehen, dass Du doch die Krone
aller Frauen bist!«
    »Lass't mich!« schrie sie, »Eure Keckheit duld' ich nicht!«
    »Ei, warum denn hier so allein? Erwartest Du einen anderen Anbeter? etwa den
Reimschmied Celtes - oder einen Boten des Königs?«
    Elisabet's Widerstand ward jetzt zum Ringen mit ihm, und in
herzzerreissenden Tönen rief sie: »Willibald! schützt mich!«
    »Himmel!« rief Willibald, »es ist die Scheurlin, der Jemand unziemlich
begegnet!«
    Er, Dürer und die Baubrüder stürzten im Nu auf die Beiden zu. Ulrich rief
den Ritter an; »Was erfrecht Ihr Euch?«
    »Sind das jetzt Eure Genossen?« höhnte der Ritter verächtlich, indem er sein
Schwert zog; aber auch die Baubrüder zogen die ihrigen, welche sie stets am
Gürtel trugen, und im Nu schlug Ulrich dem Ritter das nun eben erfasste Schwert
aus der Hand. Als er es wütend wieder erfassen wollte, riss sich Elisabet von
ihm los, nahm Willibald's Arm und sagte: »Kommt, kommt unter die Menschen, die
Zelte!«
    Hieronymus hatte das fallende Schwert aufgefangen, und der Ritter drang auf
ihn ein, es ihm wieder zu entreissen.
    Ulrich drängte ihn mit seinem eigenen Schwert zurück, aber ohne ihn zu
verwunden, und sagte: »Wir schlagen uns nicht mit Raufbolden und
Stegreifrittern, die ehrbare Frauen unziemlich behandeln; das Schwert behalten
wir, weil Ihr nur Frevel damit anrichten möchtet; hol't es Euch wieder beim
Könige oder bei dem hochedlen Rat dieser Stadt, wenn Euch danach verlanget.«
    Es kamen Leute, Stadtschützen, eine stattliche Anzahl der Russigen, und Alle
fragten, was es gebe? Der Ritter, da er wusste, dass die Bürger und Zünftigen
immer geneigt waren einander wider den Übermut des Adels zu helfen, und dass er
allein unter diesen Vielen nichts ausrichten, und wahrscheinlich als ein Brecher
des Landfriedens eingebracht werden möchte, brach sich durch die Menge Bahn und
sagte drohend:
    »Ich werde dem König vermelden, wessen er sich zu den Nürnbergern zu
versehen hat, die sich also gegen seine Begleiter betragen!«
    Man liess ihn gehen und die Meisten schalten ihn ein Grossmaul, und lachten
und höhnten hinten ihm her.
    Die kleine weibliche Gestalt, welche Elisabet vorhin hinter den Baubrüdern
bemerkt hatte, war auch noch da. Es war das Judenmädchen von diesem Morgen. Sie
drängte sich jetzt an Ulrich und sagte:
    »Der Ritter da ist ein Placker und Strassenräuber, nehm't Euch vor ihm in
Acht.«
    »Unser einem kann er nichts rauben!« lächelte er, »aber ich danke Dir,
liebes Kind! Weisst Du seinen Namen?«
    Wie glücklich lächelte die Kleine! Sie wollte antworten, aber Hieronymus zog
den Kameraden von ihr fort und sagte vorwerfend: »Sprich doch nicht mit der
Judendirne!«
    Ulrich hatte in der Dämmerung die gelben Streifen an ihren Aermeln nicht
bemerkt, er bemerkte auch weder vorhin noch jetzt, dass sie die weisse Rose, die
er diesen Morgen zur Seite geworfen, an ihrem Kleide trug - aber er kehrte sich
jetzt schnell von ihr ab und gewahrte darum auch nicht, wie sie ihre Arme wie
von einem plötzlichen Schlag getroffen herabsinken liess und die Hände ineinander
rang.
 
                                 Achtes Capitel
                                  Das Achtort
Fest an Fest reihete sich im lustigen Nürnberg aneinander, die Gegenwart des
Königs zu feiern. Die Ratsherren, die reichen Kaufleute, die gelehrten
Gesellschaften, die Zünfte - sie alle stritten sich miteinander, den König in
ihrer Mitte zu sehen, und vor allen anderweitigen Vorstellungen und
Lustbarkeiten hatte Markgraf Friedrich, der den König bei sich auf der Veste
beherbergte, noch nicht dazu kommen können, selbst ein Fest zu veranstalten, und
musste damit von einem Tage zum andern warten.
    Den Tag, zu welchem Max der freien Steinmetzzunft versprochen, in ihrer
Mitte als Baubruder zu erscheinen, musste er ihr allein widmen. Schon am Morgen
verliess er die Veste, nur von Kunz von der Rosen, ein paar Rittern und einigem
Gefolge aus der Dienerschaft des Markgrafen begleitet, und ging zu Fuss durch die
Stadt bis an die Bauhütte an der St. Lorenzkirche. Der König war ohne Rüstung
und einfacher als sonst in ein Wamms von dunkelbraunem Sammt gekleidet, am
breiten Ledergürtel ein kurzes Schwert, ein Sammtbaret mit weissen Federn auf den
blonden Locken, bezeichnete ihn nur der übergeworfene Purpurmantel als Majestät.
Seine Tracht ähnelte der der Baubrüder, nur dass sie von besserem Stoff war, aber
die Stiefel von ungeschwärztem Leder waren gewissenhaft beibehalten.
    Aus der Hütte heraus schalten die laut in den Stein hämmernden Klänge der
Steinmetzen. Die Tür war verschlossen. Dreimal schlug der König mit seinem
Schwert an dieselbe. Der Pallirer trat heraus, schloss sie wieder hinter sich und
sagte:
    »Wer Einlass begehret, gebe das Passwort.«
    Der König trat ganz nahe zu ihm und flüsterte ganz leise ein Wort in das Ohr
des Pallirers. Darauf reichte ihm dieser drei Finger seiner Hand, und der König
erwiderte den Händedruck in der gleichen Weise. Kunz war hinzugeschlichen und
hatte auf einem Beine stehend gelauscht, ob er nicht verstehe, was die beiden
Heimliches sprächen - ohne dass ihm dies jedoch möglich war. Max warf jetzt
seinen Purpurmantel ab, gab ihn dem Hofnarren und sagte zu ihm:
    »Hier, guter Freund; weil Du Dich heute von Max trennen musst, magst Du ihm
indessen die Königswürde bewahren.«
    Kunz zog den Mund schief und sagte: »So tauschen wir einmal die Rollen
vollständig: nun bin ich heute auch der König - denn dass Du eben der Narr bist,
ist eine ausgemachte Sache.«
    Obwohl einem Hofnarren Alles für Recht ausging, was bei Andern zum
Verbrechen ward, und obwohl der König selbst als Antwort nur lachte, machte der
Pallirer doch ein sehr finsteres Gesicht: nicht weil Kunz die Würde des Königs,
sondern weil er die der freien Maurer durch seine Bemerkung verletzte. Max
gewahrte dies nicht so bald, als er zum Pallirer sagte:
    »Lass' es gut sein, mein Bruder, der Kunz da ist bei jeder Gelegenheit
bereit mit mir zu tauschen, und trägt es mir immer noch nach, dass ich zu Brügge
auf der Kranenburg den Tausch verweigerte, der mir Freiheit und Leben, ihm aber
gewisses Verderben gebracht hätte -«
    Kunz liess den König nicht ausreden, hielt ihm seine Mütze vor den Mund und
sagte: »Wenn Du mich immer verspotten willst, so werd' ich mir einen andern
Herrn suchen, und Du kannst Dir einen von Deinen Brüdern da drinnen für meine
Stelle mitbringen.«
    Max schob ihn zurück, grüsste ihn und seine Begleiter und sagte: »Nun gehabt
Euch für heute wohl, Ihr Herren, und lasst Euch die Zeit nicht lang werden!«
    »O den Wunsch geben wir in Gnaden zurück!« sagte Kunz. »Indes Du mit Deinen
Gesellen mauerst, werden uns die hübschesten Kinder Nürnbergs über Deine
Abwesenheit trösten und wir werden diesen Trost wohl erwiedern!«
    Der König hörte nicht mehr auf ihn, sondern war mit dem Pallirer in die
Hütte getreten, die sich hinter ihm wieder schloss und aus der man nun laute
Willkommengrüsse tönen hörte.
    Kunz aber hatte, so wie Max verschwunden war, seine lustige Laune verloren,
denn es war ihm unheimlich zu Mute, wenn er von ihm getrennt war, seit diese
Trennung einmal so unglücklich gewesen, und er ward auch jedesmal verdriesslich,
wenn er an seine Aufopferungsfähigkeit von dem König vor andern Leuten erinnert
ward. Für eine Tat, die sich bei ihm so von selbst verstand, begehrte er nicht
noch Dank von seinem Herrn. Er hatte ihn darum auch nicht ausreden lassen,
obwohl man überall im Reiche die Geschichte aus Brügge kannte, auf welche der
König anspielte.
    Als König Max nämlich von der Stadt Brügge eine Einladung erhalten hatte,
daselbst Lichtmesse zu feiern, nahm er diese an, obwohl es ihm alle seine Räte
widerrieten, da die Stadt sein Regiment nicht wollte und ihre Bürger noch
besonders durch französischen Einfluss wider ihn gereizt waren. Am 31. Januar
1488 zog er von etwa fünfhundert Reitern begleitet gen Brügge. Hier am Tore
noch warnte ihn Kunz von der Rosen nicht hineinzugehen, weil er in sein
Verderben renne. Max verwies ihm die Warnung und blieb bei seinem Entschluss. Da
sagte Kunz zu ihm:
    »Lieber König, ich sehe, dass Du hier mit Gewalt gefangen werden willst; da
ich aber dazu keine Lust verspüre, so will ich Dir nur das Geleite bis an die
Burg geben und dann zum andern Tore wieder hinaus reiten. Deinen lieben Söhnen
in Brügge traue der Teufel.«
    Danach handelte er auch und verliess die Stadt und den König. Sobald er aber
erfuhr, dass dieser wirklich in Brügge gefangen gehalten werde, versuchte er mit
zwei Schwimmgürteln versehen durch den Schlossgraben zu kommen, um vermittelst
des einen derselben seinen Herrn zurück über den Graben nach einem Ort zu
bringen, wo er Pferde bereit hielt. Aber obwohl die Stille der Nacht ihn
begünstigte, weckte er doch die im Graben wohnenden Schwäne, deren wildes
Geschrei das unbemerkte Gelingen seines Beginnens unmöglich machte. Darauf
lernte er das Bart- und Haarscheeren, schlich sich in die Stadt und gewann einen
Franciskaner-Guardian, dass ihn derselbe als Begleiter eines andern Mönchs als
des Königs Beichtvater in dessen Gefängnis schickte. Als mit ihm Kunz allein
war, gab er sich zu erkennen und verlangte, der König soll sich eine Platte
scheeren lassen und in der Mönchskutte entrinnen, indes statt seiner er im
Gefängnis bleibe. Standhaft verweigerte Max die Annahme dieses Opfers, und wie
sehr Kunz auch flehete, weinte und zürnte, er musste wieder gehen, wie er
gekommen. Beim Abschied sagte er zu ihm: »Wenn Du mir auch nicht vergönnst statt
Deiner zu bleiben, und Dich weigerst, mit mir die Rolle zu tauschen, wenn Deine
Hüter kommen und den König suchen, so werden sie auch in Dir den Narren finden.«
Indes war sein Kommen doch nicht ganz vergeblich, denn Max erfuhr von ihm den
Stand seiner Sache, und ebenso kam durch ihn überall die Kunde umher, wie es um
den König stand. Aber erst am 16. Mai erlangte er die Freiheit. -
    Etwa eine Stunde mochte König Max in der Bauhütte gewesen sein, als er aus
derselben wieder heraus trat, begleitet von dem Propst Anton Kress, dem
Hüttenmeister, Werkmeister und Pallirer und gefolgt von allen Werkleuten,
Gesellen und Lehrlingen, und mit ihnen zur nahen Lorenzkirche zog. Heute hatte
die Arbeit noch geruht. Alle hatten drinnen in der Hütte beim Empfang des
königlichen Baubruders gegenwärtig sein und seine Begrüssungsrede hören wollen,
die nicht aussen gesprochen werden durfte, wo auch profane Ohren ihr hätten
lauschen können. Jetzt eilten alle Steinmetzen, die bei dem äussern Bau zu tun
hatten, an ihre Plätze. Max selbst hatte ein ledernes Schurzfell umgetan und
eine Kelle in der Hand, um zu zeigen, dass er die edle Steinmetzkunst wohl
verstehe und ihrer Ausübung in der Mitte der Baubrüder und vor allem Volk sich
nimmer schäme.
    Im Freien ward bei solchen heiligen Bauten nur eben der wirkliche Aufbau mit
Kalk und Mörtel vorgenommen. Die Steine selbst wurden erst in der Hütte behauen
und mit jener kunstreichen Ornamentik versehen, oder zu jenen bald plastisch
schönen, bald wunderlich komischen Gestalten vollendet, welche wir noch heute an
den Werken der Gotik bewundern.
    Albertus Magnus, der Gründer des gotischen Baustyls, hatte zu seiner
Bildung vieles aus den Schriften des Hermes Trismegistus und Plato benutzt und
den berühmten Lehrsatz des Pytagoras in Anwendung für den Kirchenbau gebracht.
Dieser Lehrsatz gründete sich auf die Einheit, welche er in das Achtort als den
Mysterienschlüssel seiner neu erfundenen Baukunst legte. Das Eine, welches die
Kraft, das Unerforschliche, den Anfang und das Ende aller Zahlen einschliesst,
und doch selbst keine ist, weder gerade noch ungerade, lässt sich durch keine
aritmetische Formel herstellen: Gott! und Gott ist Eins, ohne Anfang und Ende,
ewig, was durch den Zirkel und den Kreis symbolisch ausgedrückt wird. Der Zirkel
ist die Kraft, Festigkeit, das beharrliche Streben, wieder an den ersten
Ausgangspunkt zu gelangen. Daher stellte Albertus das Achtort, in welches er den
Zirkel stellte, das Dreieck, das den Kreis bildete, als Grundprinzip und System
des Styls und der Constructionen fest.
    Um den Maurern den langen und schwierigen Weg des Lernens abzukürzen und zu
erleichtern, und das Erlernte praktisch durchzuführen, ward der Tempelbau als
Gottesdienst gelehrt, und rief Albertus diese symbolische Sprache der Alten
wieder in's Leben, und passte sie den Formen der cabbalistischen, matematischen
und geometrischen Baukunst an, wo sie in angenommenen Figuren und Zahlen als
Abkürzungen weitläufiger Anordnungen im Baugeschäfte sehr gute Dienste
leisteten, um so mehr, als es den Bauvereinen nicht erlaubt war, die Grundsätze
der Albertini'schen Baukunst schriftlich abzufassen, denn sie mussten, um nicht
profanirt zu werden, stets das strengste Schweigen darüber beobachten. Um das
Geheimnis zu bewahren, bediente man sich der Symbole. Sie galten als Norm und
Richtschnur bei Ausübung der Kunst, und erleichterten dem, der sie verstand, die
Arbeit. Nach dieser einmal festgestellten Kunstsprache ward die Construction des
Baues gebildet.
    Der Geist dieser Geheimlehre wirkte segensreich, denn man nahm nur
diejenigen zu Lehrlingen auf, bei denen man die Fähigkeit für ihr Verständnis
voraussetzen konnte. Sie mussten sich einem ersten Examen unterwerfen, das nur
diejenigen bestanden, welche mit natürlichem Verstand und einigen nötigen
Vorkenntnissen z.B. in der Geometrie und Matematik ausgerüstet waren. Mehr noch
als die strenge Strafe und Entehrung, welche darauf stand, hielt das Ehrgefühl
und die Achtung, welche die Baubrüder überall genossen, selbst der Nimbus des
Geheimnisvollen, der sie umgab, davon zurück, die geweihte Sprache einem
Profanen mitzuteilen, und die Geschichte der Bauhütten hat kein Beispiel dafür,
dass dies je ein freier Maurer getan und seinen Schwur des Schweigens gebrochen
hätte. Diese geweihte Sprache war für die Bauleute unter sich Mittel der
Mitteilung, besonders zu der Zeit, da die Schreibkunst noch zu den seltenen
Künsten gehörte, und auch später, wo die viel beschäftigten Steinmetzen selten
Zeit fanden sie zu üben. Auch die Lehrlinge wurden gleichsam spielend mit Sinn
und Bedeutung der Symbole vertraut, da sie dieselben täglich vor Augen hatten
und bei der Arbeit den Unterricht der älteren Kameraden benutzten. Natürlich gab
es auch hier wieder verschiedene Grade, und dem Lehrling entüllte sich nicht
gleich das Ganze der Albertinischen Baulehre. Ein Symbol war oft erst wieder das
Symbol eines Symbols für einen höheren Begriff, der nur den Gesellen deutlich
war, und Manches war wieder noch diesen, oder doch manchen unter ihnen
verschlossen, was der Werkmeister im höheren Sinne aufzufassen verstand. Diese
Meister machten die Projecte, Aufrisse und Grundpläne nach dem Grundsatz des
Acht- und Sechsortes. Danach mussten die Gesellen in der Hütte die Profile auf
dem winkelrecht behauenen Stein aufreissen und rein ausarbeiten. Man bediente
sich dazu der Massbretter, schablonenartig geschnittene Bretter, welche auf den
Stein gelegt wurden und diese danach behauen. Besonders war dies eine Arbeit der
Lehrlinge, indes die Gesellen mehr nach selbständigen Entwürfen aus dem Freien
arbeiteten.
    König Max, der in seiner Jugend eben Alles zu lernen suchte, und der in der
Matematik und Geometrie genug Kenntnisse besass, um bei seinen Fähigkeiten
schnell die ersten Grade der freien Steinmetzkunst durchlaufen zu können, hatte
sich in der Bauhütte zu Wien als Mitglied aufnehmen lassen, denn Niemand, selbst
fürstliche und geistliche Personen nicht, durften die Bauhütte betreten, noch
einer Zeche oder einem Hüttentage beiwohnen, wenn sie nicht selbst Mitglieder
waren: nur solchen, welche das Passwort zu geben vermochten, öffnete sich die
Bauhütte, darum musste der König heute auch alle seine Begleiter von sich lassen,
weil sie sämmtlich zu den Profanen gehörten. Der Propst Anton Kress und der
Hüttenmeister hatten die Ehre seine nächsten Begleiter zu sein. Niemand nannte
ihn hier König oder Majestät, sondern Alle redeten ihn nicht anders an, denn mit
Du und Bruder Max.
    Der König besichtigte den neuen Bau an der Lorenzkirche mit Kennerblick, und
da alle Baubrüder an ihre Arbeit gingen, legte er selbst mit Hand an's Werk, um
zu zeigen, dass er die Baukunst noch in jedem Stück verstehe. Bald stand er auf
der höchsten Gerüstspitze des neuen Turmes mit einem Fuss, indes er mit dem
anderen nach seiner waghalsigen Gewohnheit andertalb Schuh weit in die Luft
mass. Mit seiner Rechten schwang er die Kelle, und fügte den nächsten Stein ein,
weil er, wie er sagte, nicht dagewesen sei, um den Grundstein zu legen.
    Unten auf dem Platz um die Kirche stand vieles Volk und jauchzte dem kühnen
Fürsten zu, der so, fast dreihundert Fuss hoch, in schwindelnder Höhe über der
Menge schwebte, als sei er es nicht anders gewohnt. Und die Steinmetzen lobten
auch den Bruder Max, der es den kühnsten und geschicktesten unter ihnen gleich
zu tun verstehe.
    Und wieder stieg er herab, stand vor der prächtigen Brauttür, über deren
Portal die herrlichste, kunstvoll gearbeitete Fensterrose prangte, und welche
die fünf klugen und törichten Jungfrauen schön in Stein gemeisselt umstehen, und
trat durch das erhabene Portal in den noch erhabeneren Raum. Der Propst, der ihn
begleitete und sich nicht recht getrauen mochte, manche etwas zu tiefgehende
Frage des Königs zu beantworten, hatte Ulrich neben sich gewinkt. Es bedurfte
hier keiner Vorstellung. »Das ist das Monogramm des Bruders Ulrich,« sagte Kress,
auf ein Kreuz mit dem Winkelmass durchschnitten deutend, das sich an einem
Kapital befand, welches eine zierlich gearbeitete Krone von Eichenlaub
schmückte. Das war der Vorstellung genug, denn Maxens Blicke, die mit
Befriedigung auf den Werken ruhten, wandten sich in gleicher Weise zu dem
Steinmetzen, dem es nun vergönnt war, an seiner Seite zu wandeln.
    Und so gingen sie durch den erhabenen Bau, der im reinsten gotischen
Baustyl die Wunderwerke desselben verkündete. Wie war hier alles Starre an
Pfeilern und Gewölben verschwunden, wie hatte sich hier Alles gelös't in ein
durchaus gegliedertes und bewegtes Leben. Zu prachtvollen Säulen waren die
Pfeiler emporgewachsen, und ringsum aus der Aussenfläche ihres Kernes schwangen
sich leichte Halbsäulchen und Röhrenbündel empor, dass die Masse des Pfeilers
gleich der Garbe eines lebendig bewegten Springquells aus dem Boden aufgestiegen
schien. In den Bögen, welche die Pfeiler verbanden, neigte sich diese
Springflut im rytmischen Spiele und doch in sicherer Geschlossenheit
gegeneinander, an den Oberwänden des Mittelschiffs stieg sie in ungehemmter
Kraft empor, an allen Linien des Gewölbes strahlte sie herüber und hinüber. Was
noch an lastender Form die Seiten- und Oberwände hätte bilden mögen, verschwand
dadurch, dass sie zu weiten und hohen Fenstern sich auseinander dehnten, während
doch ein elastisch gespanntes Sprossenwerk in ähnlichen flüssigen Formen
gebildet, allen Eindruck eines leeren Raumes aufhob. Die gesammte innere
Architektur war zum Ausdruck von Kraft und Bewegung geworden; sie zog die Sinne
und das Gemüt des Beschauers unwillkürlich aufwärts, und doch war Alles von
jenem klaren Ebenmasse erfüllt, welches mit der Bewegung zugleich die erhabenste
Ruhe, mit der Kraft die edelste Majestät verband. Durch die prachtvoll in
schönstem Farbenglanze strahlenden Bogenfenster quoll ein Meer von Glanz und
Glut - es war gleichsam die Inbrunst eines glühenden Gefühls, bei dem
tausendstimmigen Hymnus des Gebetes, der von den Steinen, welche zu sprechen
schienen, widerhallte, getragen von den tausend Armen und gefalteten Händen,
welche die Pfeiler zur Feier des Höchsten emporstreckten.
    Auch über Max kam diese weihevolle Stimmung. Er wandte sich von dem Propst,
der ihm weitläufig auseinander setzen wollte, dass diese köstlich gemalten
Fenster erst kürzlich von Veit Hirschvogel wären vollendet worden, dessen drei
Söhne zugleich die Kunst des Vaters übten und es wohl auch zur Meisterschaft
bringen würden. Obwohl Max, sonst ein Freund aller Künstler, gern von allen
erzählen hörte, und sie auch selbst aufzusuchen oder zu sich zu bescheiden
pflegte, so mochte er doch im Augenblick, wo ein grosser Gesammteindruck ihn
erfasst hatte, Nichts vom Einzelnen hören, und sagte kurz abweisend: »Wir
sprechen nachher davon,« indes er zu Ulrich sagte: »Hier ist Leben und Bewegung,
und doch ein Bau, der von Ewigkeiten spricht, der Stand halten wird im Sturm der
Zeiten. Tausende haben daran gebaut, und ist doch ein Geist in dem Ganzen, und
hat doch jeder einzelne Stein seine Stimme, aber alle klingen zusammen in einer
grossen Harmonie. Ich wollte, ich könnte das deutsche Reich erbauen wie einen
Dom.«
    »Erbau es nach einem solchen!« sagte Ulrich feierlich. »Du bist der erste
deutsche König, der einen Einblick gewonnen in die Mysterien eines solchen
Baues; zeige es den Geweihten, dass Du ein echter Schüler bist des Albertus
Magnus und so durchdrungen von seiner erhabenen Lehre, dass Du gar nicht anders
kannst, als sie auf alle Verhältnisse anwenden. Sieh', kein Profaner hat den
Schlüssel zu dem geheimen Grundprinzip unseres Tempelbaues; aber im Tempel
selbst beten alle Profanen an, von der göttlichen Macht bezwungen; sie verstehen
nicht die heiligen Symbole, aber die gewaltige Harmonie, die aus den Steinen
redet, klingt in allen Herzen wieder, alle beten an und fühlen: so muss es sein,
so lobt das Werk die Meister, die sich selbst verbergen und nur still sich
freuen, dass sie Ewiges geschaffen im Endlichen, geschaffen in einem Geist und
doch mit tausend Händen.«
    »Bruder Ulrich,« versetzte Max, indem er dem begeisterten Sprecher tief in
die Augen sah, »ich fürchte, wenn ich auch den Grundriss mache gleich dem besten
Baumeister: die tausend Hände werden fehlen, die willig sind und geschickt, die
Steine nach dem Plan zusammenzufügen zur Harmonie eines ewigen Baues.«
    »Sie werden nur fehlen, wenn der Aufschwung fehlt, der Glaube an die Macht
des Ganzen!« fiel ihm Ulrich in's Wort; »aber Beides wird kommen, wenn die
Stimme des Meisters ruft und sie den Grundstein gelegt sehen zu einem neuen Bau.
Du hast die erhabene Sendung empfangen, das Haupt des deutschen Reichs zu sein:
so stelle Dich hin mit Zuversicht in seine Mitte; sei nicht nur der Baumeister,
der den Plan entwirft, sei selbst der Mittelpunkt des Sechsortes, sei die
Grundlinie in dem Achtort, sei der Zirkel, der darinnen steht und den heiligen
Kreis um sich zieht, und das erste Quadrat trage Wahrheit, Freiheit, Recht und
Kraft an seinen Spitzen, denn darin ruhet die Signatur Gottes, und das zweite
Quadrat sei die Einheit, die das Achtort bildet, und darauf allein baue weiter:
dann wird das ganze Volk in Deinen Tempel strömen, preisen und danken und sich
neigen vor der göttlichen Macht.«
    »Fürwahr,« sagte Max, »ich möchte wissen, ob je Albertus Magnus sich hätte
träumen lassen, dass seine Lehre vom Kirchenbau einmal solche Anwendung finden
würde auf das Reich.«
    »Warum nicht diese?« fragte Ulrich. »Er hat den Tempelbau als Gottesdienst
selbst gelehrt, und solcher ist es auch den Tempel einer Nation zu erbauen; das
Höchste wird vollbracht, wenn es den höchsten Massstab an sich legt. Hier ist
Leben und Bewegung, sagtest Du vorhin selbst, und doch ein Bau, der Stand halten
wird im Sturm der Zeiten! Siehe, so ist es! gerade nur ein solcher vermag zu
dauern, den das Leben sich frei entfalten lässt und keine Bewegung verhindert.
Denke Du auch so auf dem Tron des deutschen Reichs. Hindere keine Bewegung im
Volke, die nicht das Ganze bedroht, hindere keine Bewegung im Reich der Geister,
gieb nicht zu, dass die Pfaffen sie jemals hindern! Was wir als Geweihte erkannt
und um unsere Erkenntnis wenigstens anderen Geweihten durch Symbole
mitzuteilen, und da und dort auch den Profanen, wenigstens solchen, die in den
Steinen lesen können, in unsern Wahrzeichen kund tun, dass wir, die wir zum
Kirchenbau berufen, doch die Gebrechen der Kirchendiener und Verfassung
erkennen: das vergiss nicht draussen im Reich: herrsche mit der Krone und dem
Scepter Karl's des Grossen, aber lass den Kaisertron mehr sein als einen
Fussschemmel unter dem päpstlichen Stuhl.«
    Max antwortete nichts mehr, weil er nichts mehr hören mochte. Nur der freie
Maurer durfte eine solche Sprache reden, nur als freier Maurer durfte er sie
anhören. Noch war er ja nur König, noch nicht Kaiser. Er wandte sich von Ulrich
zu Anton Kress, der als stiller, staunender Zuhörer neben ihm geblieben war. Ihn
schienen Maxens Blicke zu fragen: Was dünket Euch von solcher kühnen Rede?
    Als Antwort flog ein väterliches Lächeln über das wohlgenährte Gesicht des
Propstes und er sagte nur: »Ein begeisterter Schwärmer, der Entwürfe zu
Riesenbauten in seinem Kopfe trägt, für die ein Dom von Stein noch eine zu
kleine Aufgabe, so dass sie darüber hinaus sich in fremde Regionen wagen. Das
legt sich mit den Jahren. Ich habe auch schon Steinmetzen gekannt, die Pläne zu
himmelhohen Türmen entworfen, und dann froh waren, wenn ein Sakramentshäuslein
daraus zu Stande kam.«
    Als der König mit der Besichtigung der Lorenzkirche fertig war, begab sich
der Zug der Baubrüder in die St. Sebastianskirche, denn auch dies herrliche
Bauwerk hatte Max noch nicht gesehen, da er ja zum ersten Male in Nürnberg war.
In der grossen steinernen Bauhütte, die seit dem Kirchenbau dem Rathaus
gegenüber erbaut worden und stehen geblieben, sollte das Festmahl, die Zeche
gehalten werden, da diese Bauhütte grösser war als jene und jetzt auch nicht
darin gearbeitet ward, der Raum darin also vollkommen frei war. Man hatte sie
neu mit schönem Ultramarin ausmalen lassen, und überall glänzten auf dem
himmelblauen Grunde Zirkel, Winkelmass und Dreieck. Das Bild des heiligen
Johannes befand sich in der Mitte auf Goldgrund gemalt, und in einiger
Entfernung glänzte auf der himmelblauen Wand ein Kranz goldener Sterne darum.
Das Sechs- und das Achtort waren zu beiden Seiten an die Wand gezeichnet. Unter
jenem stand:
»Des Steinwerks Kunst und all' die Ding'
Zu forschen, macht das Lernen g'ring.
Ein Punkt, der in den Zirkel geht,
Der im Quadrat und Triangel steht.
Trefft Ihr den Punkt, so seht Ihr's klar,
Und kommt aus Not, Angst und Gefahr.
Hiermit hab't Ihr die ganze Kunst.
Versteht Ihr's nicht, so ist's umsunst.
Alles, was ihr gelernt hab',
Das klagt Euch bald, damit fahrt ab!«
Die Acht war den Teosophen von jeher die wichtigste Zahl als doppelte Vier die
Signatur Gottes in der sichtbaren Welt. Die Zahlen des Achtortes umgaben hier
dasselbe: 1. 3. 4. 5. 7. 9. 10. 12 als solche, die alle in dem Zirkel liegen und
deren Grundlage die Wurzel 1 ist. Aus Eins entspringt Drei, aus Drei: Vier, die
Zahl der Buchstaben im Namen Gott, der fast in allen Sprachen deren vier hat.
Unter dem Achtort stand:
»Was in Steinkunst zu sehen ist,
Das kein Irr- noch Abweg ist:
Sondern schnurrecht ein Lineal
Durchzogen vom Zirkel überall.
So findest Du Drei in Vieren steh'n
Und also durch Eins in's Centrum geh'n.
Auch wieder aus dem Centrum in Drei
Durch die Vier im Zirkel ganz frei.«
In der Mitte befand sich eine grosse Tafel mit blauen Bechern besetzt und hohen
Armleuchtern, auf denen dicke Wachskerzen brannten, denn die Fenster der Hütte
waren mit schweren Läden aus eichenem Holz mit Eisen beschlagen verschlossen,
damit kein profanes Auge von aussen einen Blick in die Hütte zu werfen wage.
    Drinnen wurden Bundeslieder gesungen und einander zugetrunken auf das Wohl
der Baubrüderschaften und auf das des Bruders Max.
    Nachdem dieser schon manches schöne Wort gesprochen, das günstig für deren
ferneres Gedeihen mochte gedeutet werden, und der Stoff der Reden erschöpft
schien, stand er nochmals auf und sagte:
    »Ich habe noch Etwas auf dem Herzen. Es ist einem meiner Ritter unter Spott
und Schimpf auf dem Feste der Bürgerschützen sein Schwert entrungen worden, und
seiner Beschreibung nach ist es ein Trupp Baubrüder gewesen, der sich dessen
unterfangen hatte. Ich will hier nicht Gericht als König hegen, aber ich will
meine Brüder bei ihrem Eid befragen, wer das gewesen und wie sich die Sache
verhält?«
    Ulrich und Hieronymus standen auf und traten vor. Ersterer sagte: »Ich hiess
den Ritter sein Schwert vom König fordern, wenn er es wieder haben wolle, da er
allein entscheiden könne, ob er würdig sei es wieder zu empfangen. Bis dahin
nahm ich es an mich. Ich dachte weder, dass der Ritter seine Schuld bekennen,
noch dass er seinen Herrn so frech belügen würde.« Und er erzählte
wahrheitsgetreu, was auf der Hallerwiese sich zugetragen, und Hieronymus
bestätigte es.
    »Gehörte das Frauenzimmer zu den Familien der Genannten?« fragte der König.
    Hieronymus antwortete: »Es war die Gemahlin des Herrn Christoph Scheurl,
Elisabet, aus dem hochangesehenen Geschlecht der Behaim.«
    Maxens Augen blitzten. Er sagte zu den Beiden: »Nicht wahr, es steht
schlimm, wenn Ihr, die Ihr das friedliche Gewerbe heiliger Baukunst treibt und
Euch fern halten müsst von allen holden weiblichen Wesen, genötigt seid die
Ritter eines solchen gegen einen Ritter meines Gefolges zu werden? Ich werde ihm
sagen, dass er sein Schwert wieder haben solle, aber erst wenn er die Ringmauer
dieser guten Stadt hinter sich habe, die ich ihm befehlen werde schleunig zu
meiden, da seine Gegenwart nur mir und meinen Begleitern zu Schimpf und Schande
gereichen könne!«
 
                                Neuntes Capitel
                                  Frohe Feste
Bei den Gastmählern, welche der Rat von Nürnberg auf dem Rathause bei
festlichen Gelegenheiten zu geben pflegte, war auch die Beteiligung der Frauen
und Töchter der Ratsmitglieder Sitte, allein sie fanden ihren Platz an einer
gesonderten Tafel. Die aufgetragenen Speisen wurden zuerst an der Tafel der
Ratsherren herumgegeben, und die Frauen erhielten nur von denjenigen Schüsseln,
deren Inhalt bis zu ihnen reichte.
    Demgemäss waren auch die Tafeln bei einem Mahl geordnet, das der Rat zu
Ehren des Königs Max veranstaltet und ihn sammt dem Markgrafen Friedrich und
allen andern Rittern und Herren geladen hatte.
    Als der König mit seinem Gefolge eintrat, waren die Nürnberger bereits alle
versammelt und harrten in einem Halbkreis aufgestellt, die Herren auf der einen,
die Damen auf der andern Seite, seiner Ankunft, die schmetternde Trompetenklänge
verkündeten. Die beiden Loosunger Tucher und Holzschuher wiesen ihm seinen Platz
oben an der Tafel an, den unvermeidlichen Kunz von der Rosen an seiner linken
Seite und an seiner Rechten den Markgrafen von Brandenburg, daran reihten sich
die beiden Loosunger, und nun wechselte je ein Ratsherr mit einem Ritter ab
nach strengster Rangordnung.
    Kunz machte ein so erstauntes, auffallend dummes Gesicht und sass so
regungslos wie vom Schreck gelähmt, dass der Markgraf zu ihm sagte: »Nun Kunz,
Ihr seh't aus, als sei Euch die Butter vom Brode gefallen, und habt doch zur
Zeit weder das Eine noch das Andere erhalten.«
    »Aber es sieht mir ganz danach aus,« sagte Kunz, »als wolle uns dieser
hochedle Rat mit trockenem Brode abspeisen, denn die Unterhaltung mit diesen
Herren wird sich mir bald wie trockene Krumme im Munde wälzen, wenn nicht das
Lächeln der Frauen die Butter dazu sein darf.«
    Der Markgraf lachte: »Ja das ist so Nürnberger Art. Der Rat hat im Kampf
wider den Putz der Frauen erliegen müssen, aber bei seinen Gastmahlen weiss er
noch sich in Respect und sie im Zaum zu halten.«
    »Ei, das wollen wir doch sehen!« sagte Kunz und schielte fragend nach dem
König.
    Der aber antwortete: »Du bist mein Rat und ich nicht der Deine. Ich will
hoffen, dass Dich Dein Witz nicht im Stiche lässt, uns vom trockenen Brode zu
helfen!«
    Kunz sprang auf, kehrte aber, da er schon einige Schritte getan hatte,
wieder um, nahm den bereits gefüllten Humpen in die Hand, der an seinem Platze
stand, und sagte: »Beinah' hätte ich vergessen mich gegen eine trockene Kehle zu
verwahren!«
    Mit einem Satze war er an der Frauentafel und stand vor Elisabet.
    »Erlaubt, edle Frau,« sagte er, »dass ich Euren Platz für mich in Anspruch
nehme, um Euch dafür den meinigen zu bieten. Sollte Euch der Tausch nicht genehm
sein, so bleibt mir Nichts als meine Schalksfreiheit zu brauchen und den Sitz
mit Euch zu teilen; Ihr braucht nur ein wenig zuzurücken, so haben wir Beide
Platz!«
    Dieser Nachsatz genügte, dass sich Elisabet eilig erhob, erglühend dem
Hofnarren in's Gesicht sah und nicht wusste, was sie tun oder antworten sollte,
indes die neben ihr sitzende Katarina Haller schadenfroh lächelte und mit
zärtlichem Neigen auf Kunz blickte, denn sie nahm sein Kommen und dass er gerade
an ihrer Seite Platz nahm, für eine ihr dargebrachte Huldigung, und indes ein
Teil der Frauen laut lachte, verliess Markgraf Friedrich seinen Platz, ging auf
Elisabet zu, und indem er sich vor ihr verneigend ihre Hand fasste, sagte er zu
den Herren an der Tafel gewendet: »Die anderen Ritter werden dem Beispiel
folgen, das der lustige Rat gegeben,« und zu Elisabet: »Erlaubt, dass ich Euch
zur Tafel führe, wie es Ritterbrauch.«
    Und Kunz flüsterte ihr zu: »Nehm't es nicht übel, wenn Euch der Platz des
Narren werden soll; nur wenn Ihr es mir nicht Dank wüsstet, wäret Ihr eine
Närrin. Ihr hörtet eben, dass mich der Herr Markgraf einen lustigen Rat genannt,
und da könnt Ihr wohl meine Stelle besser ersetzen. Ich sah, wie die Adleraugen
meines Königs zu Euch flogen, und obwohl er Falkenblicke hat und auch in solcher
Entfernung keiner Eurer Reize ihm entgeht, so wird er sich Eures Anblickes doch
lieber in der Nähe erfreuen.«
    Erglühend, aber mit stolzem Anstand schritt Elisabet, von Friedrich geführt
den Ehrenplatz an der Seite des Königs einzunehmen auf diesen zu, indes die
Ritter und einige jüngere Nürnberger aufstanden, um zwischen den Damen Platz zu
nehmen oder sie mit sich zur königlichen Tafel zu führen. Es entstand ein buntes
Gewirre, dass auch die ehrwürdigsten Ratsmitglieder, die mit Schrecken diesen
Umsturz alles wohllöblichen Herkommens durch den Narren sahen, Mühe hatten
durchzudringen und nur einen leidlichgeordneten Zustand herbeizuführen, wo eine
völlige Anarchie einzureissen drohte. Endlich hatten wieder alle Platz genommen,
und mit Elisabet sassen noch elf Damen unter den Herren, während eben so viele
Herren an der kleineren Damentafel Platz genommen, darunter auch Stephan, der
den Platz neben Ursula erobert.
    Max versäumte zwar nicht die Pflicht des königlichen Gastes, sich Allen zu
widmen und für Jeden, den sein Wort erreichen konnte, freundliche Rede und ein
gefälliges Ohr für die eines Andern zu haben, aber er hatte daneben doch immer
bewundernde Blicke für Elisabet, und eben so oft, wie er ihr eine süsse
Schmeichelei zuflüsterte, sprach er auch laut mit ihr über dieselben
Gegenstände, welche mit den Männern zur Sprache kamen, wobei sie oft klügere und
geistvollere Antworten zu geben vermochte als manche von ihnen.
    Einmal fragte er sie leise: »Vermisst Ihr nicht Einen unter meinen Rittern?«
    Sie liess ihre Augen umherschweifen und verneinte die Frage.
    »Das nimmt mich Wunder!« sagte er, »denn um Euretwillen habe ich Eberhard
von Streitberg geboten die Stadt zu verlassen.«
    Elisabet ward todtenblass, und man sah, wie kalte Schauer ihre zarte, weisse
Haut überrieselten; sie blickte vor sich nieder und vermochte nicht zu
antworten.
    »Habe ich das nicht recht gemacht?« fragte Max mit dem Ausdruck der
Verwunderung und suchte in ihren Augen zu forschen. »Ihr hab't nur zu befehlen,
so ruft ihn ein Eilbote wieder zurück, und wenn ihm Eure Vergebung wird, soll
ihm auch die meinige werden.«
    
    »Nie, nie!« rief Elisabet, und dann fügte sie hinzu: »Ich danke Eurer
Majestät, die mich von einer grossen Angst und Qual befreit hat.«
    Es war hier nicht der Platz zu einem weitern Gespräch, das nicht von andern
Ohren gehört werden sollte, und so ward es durch andere Unterhaltungen beendet,
bei denen Elisabet lange die stumme Zuhörerin machte, denn die Nennung des
Ritters von Streitberg hatte sie in eine kaum geringere Aufregung versetzt, als
neulich seine Gegenwart. Um ihretwillen hatte ihn der König fortgeschickt? Was
wusste er von ihr und ihm? hatte Eberhard unziemlich oder drohend von ihr
gesprochen? hatte er erfahren, wie sich jener auf der Hallerwiese gegen sie
betragen? durch wen denn, wenn nicht durch ihn selbst; denn mit jenen Jünglingen
oder den Steinmetzgesellen, die sie beschützten, konnte der König doch unmöglich
selbst gesprochen haben? Auch jene Äusserung des Markgrafs, dass sie ihn so wenig
wie den schwarzen Ritter habe bemerken wollen, fiel ihr jetzt schwer auf's Herz.
Was hatte Eberhard von ihr gesprochen? hatte er Lüge oder Wahrheit geredet - es
dünkte ihr Beides gleich entsetzlich! - Und doch war ihr, als könne sie jetzt
erst freier atmen, seit sie von der Furcht befreit war, ihn wieder zu treffen,
und es mischte sich ein Gefühl stolzen Triumphes bei, weil sie diese Befreiung
der Gnade des Königs dankte - der Teilnahme, die sie in ihm erregt; so war die
ritterliche Höflichkeit, mit der er sie vor allen andern Frauen Nürnbergs
auszeichnete, mehr als ein momentaner Sieg ihrer Schönheit, so dachte er ihrer
auch, wenn er sie nicht erblickte, und handelte für sie.
    Inzwischen sagte an der andern Tafel Katarina Haller zu Kunz von der Rosen:
»Ihr hab't wohl die Scheurlin schon früher gekannt, weil Ihr so vertraut mit ihr
seid?«
    »Ei, das ist mein Vorrecht wie bei dem König so bei den schönen Frauen,«
antwortete Kunz, »sie machen die vernünftigsten Männer zu Narren, und da wüsste
ich nicht, warum ihnen gegenüber ein Narr aufhören sollte einer zu sein.
Uebrigens wisst Ihr ja, dass mein Herr und ich selbst zum ersten Male in Nürnberg
sind.«
    »Deshalb hättet Ihr die Scheurlin doch schon gesehen haben können, denn sie
ist einmal über ein Jahr fort gewesen, um sich in Venedig und Gott weiss wo Alles
abenteuerlich umher zu treiben,« berichtete Katarina, und fügte hinzu, indem
sie den Mund höhnisch spitzte: »Freilich, es ist wahr, wenn Ihr sie früher
gekannt hättet, würdet Ihr sie schwerlich der erwiesenen Ehre würdigen; in der
Fremde hat sie sich, wie man hört, nicht viel besser betragen denn andere
fahrende Frauen, und welch' anstössiges Verhältnis sie mit dem hergelaufenen
Poeten, dem Celtes gehabt, weiss ganz Nürnberg.«
    Ursula, die auf der andern Seite des Narren sass und zwar nur Aug' und Ohr
für Stephan hatte, vernahm doch diese Schmähung Elisabet's, die ihr das Blut
in's Gesicht trieb, und sagte:
    »Glaubt das nicht, Herr von der Rosen! Frag't andere ehrsame Frauen und
Männer in Nürnberg nach der edlen Frau Scheurlin, und alle werden mit Achtung
und Anerkennung von ihr sprechen.«
    »Solche ausgenommen,« fiel ihr Stephan in's Wort, um ihre Rede zu vollenden,
»die ihre geistigen und körperlichen Vorzüge ihr missgönnen, weil sie sich
dadurch in den Schatten gestellt fühlen.«
    »Ereifert Euch nicht, werte Damen und Herren,« antwortete Kunz mit um so
grösserer Ruhe; ich müsste kein Narr sein, wenn ich nicht wüsste, dass die Menschen
sich überall gleich sind, was Neid und Verleumdung reden, spaziert bei mir zu
dem einen Ohr herein, um zu dem andern wieder hinaus zu gehen, und sagt mir nur,
wie wenig von den Leuten zu halten, die also sich bemühen Andere herabzusetzen;
vor denen aber, welche Andere verteidigen, nehm ich meine Kappe ab!« Damit
verneigte er sich ehrerbietig vor Ursula und schüttelte Stephan die Hand.
    Die gedemütigte Katarina sass sprachlos vor Wut da und wendete sich zu
ihrer stumm gebliebenen Nachbarin Beatrix Immhof, einer hübschen, stillen
Jungfrau, und sagte zu ihr:
    »Nun sieht man doch, dass die alte Sitte gut ist, wenn wir Frauen für uns
allein speisen; die Gegenwart der Männer verbittert die Unterhaltung.«
    Beatrix fühlte sich gerade nicht veranlasst dem beizustimmen, denn neben ihr
sass der Ritter Apel von Weispriach und erzählte ihr Wunderdinge von seiner Reise
aus dem heiligen Lande. Dieser wandte sich jetzt zu Frau Katarina und sagte
leise:
    »Ihr hab't nur einen misslichen Platz neben dem Narren; sobald er uns einmal
von seiner Gegenwart befreit, möcht' ich gern von Euch Näheres über Celtes und
die Scheurlin hören, und wie die gefeierte Schönheit noch dazu gekommen, einen
zwanzig Jahre ältern Mann zu heiraten, der ihr freilich das Leben nicht schwer
zu machen scheint?«
    Katarina nickte ihm hocherfreut und beifällig zu, aber sie hielt ihre Zunge
im Zaume, so lange Kunz neben ihr sass, von dem sie noch mehr als eine derbe
Anspielung über neidische und klatschsüchtige Frauen hören musste.
    Die Mahlzeit währte bis zur Dämmerung, wo sich die Frauen entfernten, um zum
darauf folgenden Ball sich umzukleiden; indes zechten die Männer noch weiter,
und es gehörte viel Mut und Tanzlust der Frauen dazu, zu dieser wüsten
Geschellschaft wieder zurückzukehren und von den angetrunkenen Männern im Tanz
sich schwenken zu lassen. Indes war es so Sitte, selbst im ehrbaren Nürnberg,
über dessen Zucht und Ordnung die Ratsherren sorgfältiger wachten, als in einer
anderen Stadt geschah, und das von allen zeitgenössischen Schriftstellern als
ein Muster von würdigem Anstand und feinen Sitten hingestellt wird. Aber auch
von dieser Stadt schreibt Konrad Celtes selbst, der sich in ihr so wohl fühlte,
wie sonst nirgends: »Bei den meisten deutschen Völkerschaften gibt es Anlass zu
blutigen Zänkereien und zu vielen andern Uebeln und Ausschweifungen, dass sie
einander nach gewissen Gesetzen und Gebräuchen aus grossen Bechern zutrinken,
wobei sie sich wie über einen grossen Sieg rühmen, wenn sie einen sinnlos und
gleichsam todt zu Boden gebracht haben. Hier in Nürnberg sind die Tischgespräche
gar artig und gegen die Weise der Deutschen gesetzt, ohne Händel und ohne
freches Gelächter, sondern durch bescheidenes Stillschweigen niedergehalten. Das
Schimpfen und Fluchen ist hier weniger an der Tagesordnung als anderswo.«
    Die Nürnbergerinnen kehrten also wieder zurück, nachdem sie die schweren
Woll- und Sammetstoffe mit leichteren Kleidern von dünner Seide und jenem zarten
Stoff vertauscht hatten, welchen die alten Dichter seiner Durchsichtigkeit wegen
»gewebte Luft« nannten, Haar und Gewänder mit lebendigen Blumen geschmückt.
    König Max selbst eröffnete den Tanz mit Eleonore Tucher, indes Markgraf
Friedrich mit Elisabet tanzte. Dafür widmete der König dieser später mehr als
einen Tanz und erwies ihr jede ritterliche Huldigung.
    In welchen Rausch von Stolz und Glück sie auch dadurch versetzt ward, so
gehörte sie doch auch jetzt nicht zu den selbstsüchtigen Naturen, die alles
Andere über sich selbst vergessen. Darum sagte sie zu dem König:
    »Darf ich mir eine Gnade von Euch erbitten?«
    »Ihr wisst, es wird mich glücklich machen, Euch Alles zu erfüllen, was ein
König erfüllen darf.«
    »Nun so tanzet den nächsten Tanz mit der blonden sanften Jungfrau im weissen
Kleid mit Rosen geschmückt, die eben mit Stephan Tucher an uns vorüberschwebt,«
sagte Elisabet.
    Der König lächelte: »Da hätte ich jede andere Bitte erwartet als eine
solche! Wer ist das hübsche Kind?«
    »Die Tochter Gabriel Muffel's, der unter den Ratsherren Euch vorgestellt
ward. Es gibt Leute, die es der Enkelin wollen entgelten lassen, dass ihr
Grossvater vor zwanzig Jahren hier als Loosunger gerichtet ward. Sie ist das
edelste und sittsamste Mädchen von Nürnberg, erhebt sie durch Eure Gnade vor
diesen ungerechten Menschen.«
    »Es soll geschehen,« sagte der König; »aber hab't Ihr nichts Anderes zu
wünschen?«
    »Stephan Tucher,« fuhr Elisabet fort, »wird Euch begleiten, wie ich höre,
lasst ihn Eurer Gnade empfohlen sein.«
    Max lächelte: »Darf Euer Gemahl diese Fürbitte hören?«
    »Er würde sie wiederholen, wenn Ihr ihm dieselbe Gnade erwieset wie mir,«
versetzte Elisabet ruhig; »dieser Tucher liebt die Jungfrau Muffel, aber der
Eigensinn der Väter widersetzt sich dieser Verbindung - nehm't Ihr das liebende
Paar in Euren gnädigen Schutz.«
    Max liess seine Blicke auf Elisabet mit reiner Bewunderung gleiten, die
jetzt nicht ihren Körperreizen, auch nicht ihren Kenntnissen, sondern den
Eigenschaften ihres echtweiblichen Herzens galten, die sich jetzt ihm
offenbarten, und sagte bewegt: »Keine andere Bitte?«
    »Doch!« versetzte Elisabet, »wenn Eure Majestät mich noch länger anhört.
Heute bei der Tafel erzählte man Euch von Konrad Celtes, und wie Euer erlauchter
Vater, unser gnädigster Kaiser und Herr mich ausersehen, ihm den Dichterkranz
auf's Haupt zu setzen; vor all' den anderen Herren wagte ich nicht weiter von
ihm zu sprechen, jetzt aber möcht' ich Euch bitten: leset seine Schriften und
wollet bedenken, dass der nächste Platz neben dem Fürsten dem Dichter gebühren
sollte. Ich wollte, er wäre jetzt noch hier: er würde Euch verstehen wie kein
Anderer, und Ihr würdet seine Verdienste erkennen und zu würdigen wissen wie
kein Anderer!«
    »Ihr seid ein wunderliches Weib!« rief der König; »was kümmern Euch Andere?
warum denkt Ihr nicht an Euch selbst?«
    »Nur wenn ich an Andere denken kann, leb' ich mir selbst!« antwortete sie,
und fügte bei sich selbst hinzu: wenn ich für Andere nicht leben kann, so will
ich doch an sie denken! Dann fuhr sie fort: »Mich kümmerte es wohl, die beiden
einzigen Männer, die ich als die edelsten ihres Geschlechtes verehre, berufen
dem gesunkenen deutschen Reiche wieder aufzuhelfen, Hand in Hand wirken zu sehen
und die neue Zeit heraufzuführen, der Alle, welche denken können, sich
entgegensehnen.«
    Max hatte über dieses Gespräch des Tanzen vergessen - so hatte noch keine
Frau zu ihm geredet. »Eine neue Zeit!« wiederholte er sinnend. »Ihr werdet mit
mir die Tage der vergangenen Herrlichkeit und Kraft des Kaiserreiches
wiederkehren sehen, der Tron Karl's des Grossen wird seinen alten Glanz
entfalten und die Ritterlichkeit jener alten Zeit sich durch mich erneuern!«
    Elisabet seufzte. Seit ihr Bruder ausgezogen war, um neue Welten zu
entdecken, seitdem Celtes das Studium schöner Menschlichkeit den vertrockneten
Lehren der Kirchenväter siegreich entgegen gestellt, seit der Bruder wie der
Dichter ihre Lehren ihr verdeutlicht, war sie gleich ihnen mit der ganzen
Inbrunst einer sehnenden und ahnungsvollen Frauenseele zu einem schönen
Zukunftsglauben begeistert worden, und der König, der ihr als das Ideal eines
Helden und Volksbeglückers erschien, wenn jemals einer auf einem Tron gesessen
- der sprach nun von der Rückkehr zu der Herrlichkeit der alten Zeit!
    Aber er deutete ihr Seufzen anders und sagte: »Ihr hab't noch etwas auf dem
Herzen - sprech't es aus; hab't Ihr denn keinen eigenen Wunsch, den Euer König
erfüllen könnte?«
    Er sah sie dabei so zärtlichglühend an, dass sie nach einigem Bedenken
errötend sagte: »Nun denn: wenn Ihr wieder einmal nach Nürnberg kommt und die
Veste vielleicht nicht würdig bereitet ist Euch aufzunehmen, so betrachtet das
Haus Christoph Scheurl's als das Eurige.«
    »Seid versichert, ich werde Eure Einladung annehmen!« rief Max, reichte ihr
zum Versprechen die Hand und küsste die ihrige. Damit verabschiedete er sich
zugleich von ihr, denn der Tanz war zu Ende, und mit dem nächsten erfüllte der
König Elisabet's erste Bitte: er winkte den Narren herbei, damit er ihm Ursula
zuführe. Die bescheidene Jungfrau war nicht wenig erstaunt über die ihr
erwiesene Ehre, und wagte vor sittiger Verschämteit und Bescheidenheit kaum die
Augen aufzuschlagen zu dem ritterlichen König. In immer grössere Verwirrung
geriet sie, als dieser sie mit Stephan Tucher neckte und an ihrer Verlegenheit
sich weidete. Zuletzt aber sagte er zu ihr:
    »Verlasst Euch auf Euren König! Ein wenig Prüfung müssen alle liebenden Paare
bestehen, denket Ihr nur unter den Eurer an mein Wort: dass ich nicht anders denn
zu Eurer Hochzeit mit Stephan Tucher nach Nürnberg zurückkehren will, wenn Ihr
in rechter Treue für einander beharrt! Das möge Euch trösten!«
    »O Majestät!« rief sie und suchte doch vergebens nach weitern Worten ihren
Dank zu schildern. Aber da der Tanz beendigt war, eilte sie zu Elisabet, denn
sie ahnte, dass sie es war, der sie dies Glück verdankte. In ihren strahlenden
Augen glänzte für Elisabet der reichste Lohn eines Dienstes, den uneigennützige
Freundschaft geleistet. Ihr Zweck war doppelt erreicht, denn ausserdem, dass
Ursula das königliche Wort als besten Trost empfangen, waren auch die
Nürnberger, die ihr die Schande ihres Grossvaters nachtragen wollten, durch die
Auszeichnung beschämt, welche der König selbst ihr zu Teil werden liess.
    Unter mancherlei Festen ähnlicher Art war der dritte September
herangekommen, den der König zu seiner Abreise bestimmt hatte.
    Das Abschiedsmahl hatte Markgraf Friedrich auf der Veste veranstaltet und
dazu nur eine ausgewählte Gesellschaft eingeladen, die, das Gefolge des Königs
ausgenommen, aus zwanzig Frauen und fünfzehn Männern bestand, sämmtlich den
vornehmsten Nürnberger Geschlechtern angehörend. Gleich nach dem Mahl wollte der
König zu Herzog Otto von Baiern nach Neuenmarkt reiten, der ihn dahin zu sich
eingeladen, und von da nach Linz gehen zu seinem Vater, um die habsburgischen
Erblande wieder zu erobern.
    Noch einmal hatte Elisabet das Glück, an der Seite des Königs ihren Platz
angewiesen zu erhalten. Mit Staunen sah sie auf ihrem Teller eine kunstvoll
gearbeitete Rose von in Gold gefassten Rubinen mit Blättern von grünen Smaragden
an eine goldene Nadel befestigt. Sie warf einen fragenden Blick auf den König,
und dieser sagte:
    »Die Rosen, die Ihr mir bei meinem Einzug zuwarfet, habe ich Euch zu Ehren
getragen, bis sie verwelkten; aber ich werde sie immer als Angedenken an
Nürnbergs edelste Frau bewahren - verschmähet dafür nicht diese Rose mir zu
Ehren an Eurem schönen Busen zu tragen, sie ist von ewiger Dauer.«
    Sie nahm das kostbare Geschenk errötend und mit tiefem Verneigen und sagte:
»Nicht Euch - mir selbst zu Ehren gereicht solch' bleibend Zeichen Eurer
königlichen Gnade. Eines Angedenkens daran, wie sie mir jetzt zu Teil geworden
bedarf es nicht!«
    »Sag't Verehrung!« flüsterte er ihr mit süssem Lächeln zu; »und wenn Ihr
einmal etwas zu bitten hab't, am liebsten für Euch selbst oder auch für Andere:
so lasst mich die Rose wieder sehen; sie wird mich an glückliche Tage mahnen, und
ich werde jeden Wunsch erfüllen, den Ihr an die Rose knüpf't.«
    Im Anfang fehlte diesmal die fröhliche Stimmung, die in den vergangenen
Tagen geherrscht. Der König war stiller als sonst. Ward es ihm wirklich schwer,
von der anmutsvollen Nürnbergerin zu scheiden, oder dachte er nur daran, dass er
nach dieser Ruhezeit voll harmloser Unterhaltung nun wieder in's Gewühl des
Kampfes müsse, oder was ihm noch schlimmer dünkte, vergeblich dem Vater anliegen
werde, sich zu Energie und Tat zu ermannen, um die angestammten Lande sich
wieder zu erringen und König Matias von dem angemassten Tron zu stürzen? Hallte
in ihm etwas von den Worten wieder, die der Baubruder Ulrich und die schwärmende
Elisabet zu ihm gesprochen, die noch mehr von ihm zu fordern schienen als den
Siegeskranz des Helden und die Herrscherwürde Karl's des Grossen? Wer lies't in
den Seelen Derer, die das Schicksal auf den höchsten Platz gestellt, dass sie von
Allen gesehen werden und doch von den Wenigsten erkannt?
    Auch Stephan Tucher, der nun schon dem Gefolge des Königs beigezählt war und
dann mit ihm aufbrechen sollte, sass still neben Ursula, nicht minder beklommen
von der nahen Abschiedsstunde wie von der Gegenwart seines Vaters und Bruders,
die zwar jetzt in der gewissen Zuversicht, das Stephan, wenn er nur einmal von
Ursula getrennt sei, ihr auch nicht treu bleiben werde, jetzt seine Huldigungen
für sie weniger missfällig bemerkten, aber ihn doch immer beobachteten, was ihn
noch mehr in der Seele der Jungfrau beengte denn in der eigenen. Ebenso schien
der Ritter von Weispriach zu beklagen, dass er von Beatrix Immhof scheiden musste,
für die er an seine Erzählungen aus dem Morgenlande manche Galanterie geknüpft;
und so gab es noch manchen fremden Herrn und manche für ritterliche Artigkeit
empfängliche Nürnbergerin, die alle das Ende dieser harmlos fröhlichen Festtage
bedauerten, und darum schon im voraus die gute Laune verloren hatten, so dass die
ersten Gänge der auserlesenen Mahlzeit ziemlich still eingenommen worden waren,
bis endlich Kunz von der Rosen sich in's Mittel schlug und in langer mit vielen
Spässen und Seitenhieben »auf Männlein wie Weiblein«, wie er sich ausdrückte,
gewürzten Rede sich für den einzigen Vernünftigen und Alle für Narren und
Närrinnen erklärte, die mit dem Gedanken an die künftigen Entbehrungen sich
schon die gegenwärtigen Genüsse verdarben und durch eigene Schuld in Gift
verwandelten.
    Das half endlich und ebenso der massenhaft genossene Wein, der die Zungen
löste zu freier Rede und fröhlichem Lachen, so dass die Unterhaltung bald die
lebhafteste ward, die man je in diesen Tagen geführt.
    Da hob der König die Tafel auf. Es war das Zeichen zum baldigen Aufbruch.
    Kunz trat zu Elisabet und Ursula und flüsterte ihnen zu: »Ich wollte Euch
wohl einen guten Rat geben, wenn Ihr mir mit ein paar anderen Frauen
hinausfolgtet in die anderen Gemächer.«
    Elisabet hatte bis jetzt immer die Einfälle des Narren zu ihren Gunsten
gefunden, warum sollte sie ihm jetzt nicht vertrauen? Sie folgte ihm also mit
Ursula, Beatrix, Eleonora Tucher und ein paar anderen Frauen.
    Er führte sie durch verschiedene Corridore und Säle bis in das Gemach des
Königs. »Seht,« sagte er, »da liegt die Rüstung, die er zu dem Ritt anlegen wird
- da liegen seine Stiefel und Sporen. Ich weiss aber, er gebe etwas darum, wenn
er einen Grund fände, heute noch hier zu bleiben. Wer weiss, gibt es nicht ein
Unglück wenn wir reiten, denn ich glaube, es wird Mancher von uns schief im
Sattel sitzen. Nun aber nimmt der König nie einen einmal gegebenen Befehl
zurück, es sei denn, er würde durch einen Scherz oder von den Fürbitten schöner
Frauen dazu gebracht; wäret Ihr nicht alle froh, wenn wir noch heute hier
blieben und noch einmal zusammen tanzten, statt allein auf den schlechten Wegen
zu Pferd die Balanze zu verlieren?«
    Alle riefen: »O wenn das möglich wäre!«
    Kunz hob Maxens Stiefel empor, legte den einen der gewaltigen Ritterstiefel
von unbeschreiblicher Last auf Elisabet's weisse Arme, den andern gab er Frau
Tucher und sagte:
    »Nun wohl, hier habt Ihr seine Stiefel, versteckt sie, so kann er nicht
fort; aber eilt, damit er uns nicht bei der Tat erwische.«
    Wirklich hörte man draussen Tritte, und Kunz entfloh mit den Frauen durch
eine kleine Tapetentüre eine düstere Treppe hinab. Hier wurden die Stiefel in
den finstersten Winkel gestellt, und auf einem anderen Weg kehrten die
Nürnbergerinnen wieder in den Speisesaal zurück.
    Der König mit den Rittern hatte sich entfernt, sich zum Fortritt zu rüsten.
Markgraf Friedrich, der nicht mit nach Neuenmarkt wollte, war noch da bei seinen
anderen Gästen. Da meldete ihm ein Diener: es sei unbegreiflich, aber die
Stiefel Sr. Majestät wären verschwunden und hätten doch vorhin bei der Rüstung
gestanden.
    Der Markgraf wollte aufschäumen über die Fahrlässigkeit des Gesindes, da
trat Elisabet vor und sagte:
    »Wir wollen es nur gestehen: wir haben Sr. Majestät Stiefel und Sporen
verborgen, damit er noch heute bei uns in Nürnberg bleibe.«
    »Und mit uns tanze!« fügte Eleonora hinzu; »da kann er der Reiterstiefel und
Sporen entbehren.«
    Der Markgraf lachte und ging zum König. Es dauerte nicht lange, so brachte
er ihn wieder; fröhliches Jauchzen empfing ihn und die Trompeten schmetterten.
    »Sehet!« sagte Elisabet, als der König zu ihr trat: »schon habe ich nun bei
Euer Majestät etwas für mich selbst erbeten - und ich hätte auf die Rose, nun
mein höchstes Kleinod gedeutet, wenn Ihr's verweigert.«
    Max nahm den Scherz gnädig auf und war gern bereit noch zu bleiben. In die
Stadt sandte man Boten, noch andere Herren und Damen zum Tanz zu holen, der noch
die ganze Nacht durch währte.
    Noch einmal durfte Elisabet die Huldigungen des Königs empfangen, noch
einmal Ursula mit Stephan in trauter Nähe die Schwüre ewiger Treue tauschen -
aber auch die plötzlich noch geschenkten Stunden verflogen und verrauschten, und
endlich kam doch die letzte, die den Abschied brachte. - -
    Am folgenden Tage war es sehr still in Nürnberg. Der König war in aller
Frühe und Stille mit seinem Gefolge zur Stadt hinausgeritten, als könne er sonst
noch einmal zurückgehalten werden.
    »Die Gefangenschaft war weder so lang noch so langweilig wie die zu Brügge!«
flüsterte Kunz ihm zu.
    Die Nürnberger aber hatten Mühe, sich wieder in das alte Geleise ihres
tätigen Lebens zurückzufinden.
 
                                Zehntes Capitel
                                   Elisabet
Die frühe Dämmerung des Septemberabends brach schon herein, als eine vermummte
Frau an dem »schönen Brunnen« vorüber schlich in die Winklerstrasse, um von hier
in das Hinterhaus des Pirkheimer'schen Hauses zu gelangen, in dem sich des
Goldschmieds Albrecht Dürer Wohnung und Werkstatt befand. Die Gesellen waren aus
derselben entlassen, aber der Meister arbeitete noch allein in dem dumpfen
Gewölbe bei einer kleinen Flamme, die ihm zugleich Licht und für seine Arbeit
die nötige Hitze gab.
    Eben hatte er ein Silberstäbchen an die Flamme gehalten, die sein ehrliches,
von Sorgen und Arbeit gefurchtes Gesicht beleuchtete, als es draussen pochte Die
Störung kam ihm ungelegen und sein Herein klang nicht etwa freundlich.
    Darauf trat eine weibliche Gestalt ein, von einem brauen Mantel umhüllt und
über den Kopf ein grosses schwarzes Tuch, das auf dem Kinn zusammengeknüpft, auch
über die Stirn so weit vorstehend herunterhing, dass von dem darunter
befindlichen Gesicht nicht viel mehr zu sehen war als eine spitzige Nase und ein
grosser Mund mit schadhaften Zähnen.
    »Guten Abend, Meister Dürer,« sagte die Eintretende; »es ist wohl ein wenig
spät, dass ich komme, aber ich hab' versprechen müssen, meinen Auftrag nur an
Euch allein auszurichten, darum wählt' ich die jetzige Zeit. Aber ehe ich meine
Bestellung mache, müsst Ihr mir versprechen auch keiner Seele weder jetzt noch
künftig ein Wort davon zu sagen.«
    Der Goldschmied dachte: das wird auch eine rechte Bestellung sein, welche
diese Frau für mich hat - vielleicht aus Silberhellern einen Ring zu machen,
oder wer weiss, ist es nicht Schlimmeres? ist es nicht vielleicht gestohlenes
Gut, das sie bei mir verwerten will oder umschmelzen lassen? Er hatte oft
solche Versuchungen zu bestehen, und hatte sie immer mit der ganzen Kraft einer
redlichen Seele tapfer bestanden, wenn auch der verheissene Gewinn noch so gross
und die Sorge noch grösser war, wie er sein Weib und seine achtzehn Kinder vor
Mangel und Not behüten möchte. Darum sagte er auch jetzt:
    »Das Versprechen zu schweigen gebe ich nur dann, wenn ich es mit gutem
Gewissen halten kann. Ist das bei Euch der Fall, so ist ein Wort so gut wie
tausend, ich verspreche zu schweigen und schweige. Ist's aber keine ehrliche
Sache, so sag' ich Euch voraus, dass weder Furcht noch Gewinn, weder Bitten noch
Drohungen mich abhalten werden, sie an's Tageslicht zu bringen. Ueberlegt es
Euch also vorher, ob ich der rechte Mann für Euch bin oder nicht.«
    »Der seid Ihr ganz gewiss, Meister Dürer,« antwortete das Weib; »ganz
Nürnberg weiss, dass es keinen ehrlicheren Gold- und Silberschmied hier gibt denn
Euch, Ihr werdet also schweigen?«
    »Bei jedem ehrlichen Handel, ich bin keine Plaudertasche,« antwortete der
Meister.
    »Nun denn,« begann die Frau, »nicht wahr, die schöne Rose von Rubinen und
Smaragden in lauterm Golde gefasst, die unser allergnädigster König Max der
Scheurlin zum Geschenk gemacht, ist von Eurer Arbeit?«
    »Allerdings,« antwortete der Goldschmied, »ich darf mich dessen rühmen.«
    »Hab't Ihr sie noch treu im Gedächtnis?« fragte die Frau.
    »Gewiss,« antwortete Dürer; »ich habe sie ganz allein selbst gefertigt, und
vergesse nie, was meine Hände mit so viel Mühe gearbeitet. Mein Sohn Albrecht
hatte mir die Zeichnung dazu gemacht und die habe ich auch noch.«
    »Desto besser,« antwortete die Fremde; »nun denk't Euch das Unglück: die
Scheurlin hat die Rose verloren -«
    Dürer ward blass vor Schrecken und Aerger. »Wie kann man ein solches Kleinod
verlieren!« rief er entrüstet; »diese leichtsinnigen Weiber! Diese kostbaren
Steine! dieses Kunstwerk, an dem ich so viel Tage und Nächte mit Fleiss und Mühe
gearbeitet, vielleicht im Staube zertreten!«
    »Ich glaube, es ist noch schlimmer!« sagte die Frau mit Achselzucken. »Sie
hat sie in die Pegnitz fallen lassen, und darum keine Hoffnung sie jemals wieder
zu bekommen. Darum verschweigt sie auch den Verlust, um sich nicht lächerlicher
vor den Leuten zu machen, die ihr des Kaisers Gunst beneideten; am ängstlichsten
verbirgt sie ihn aber vor ihrem Mann, und damit er denselben nie entdecke,
wünscht sie, Ihr möchtet ihr eine ganz gleiche Nadel machen.«
    Dürer schüttelte den Kopf. Er konnte sich lange nicht zufrieden geben weder
über den Untergang seines Kunstwerkes, noch über den Leichtsinn einer Frau, die
einen Gegenstand, dessen hoher Wert durch den Geber ihr noch verdoppelt sein
musste, nicht vorsichtiger zu bewahren verstand. Endlich sagte er: »Und was denkt
denn die Frau Scheurlin, dass die Nadel gekostet?«
    »Sie ist reich, sie zahlt denselben Preis wie der König,« antwortete die
Frau. »Nennt den Preis.«
    »Zweihundert Reichsgulden.«
    »Und bis wann kann die Nadel fertig sein?«
    »Unter drei bis vier Wochen ist's gar unmöglich; ich muss erst sehen, dass ich
die passenden Rubine bekomme.«
    »Gut, in drei Wochen werde ich wieder kommen.«
    »Ich kann sie ja der Frau Scheurlin schicken, so bald sie fertig ist, weil
ich die Zeit nicht genau bestimmen kann.«
    »Um's Himmels Willen nicht!« rief die Frau, »damit es nicht etwa Jemand von
der Dienerschaft erfährt, und es mit Absicht oder aus Versehen dem Herrn Scheurl
verraten könnte, hat sie mich zu Euch gesandt, darum darf es keine
Menschenseele weiter wissen, und darum nahm ich Euch ja das Versprechen des
Schweigens ab, wie auch Ihr darauf rechnen könnt', dass ich schweigen werde.«
    »Aber wenn nun inzwischen Herr Scheurl die Nadel vermisst?«
    »So wird seine Gattin sagen, dass sie Euch dieselbe zur Reparatur gegeben,
weil sie ein Steinlein daraus verloren,« antwortete scheu die Frau.
    »Nun, dann könnte ja auch dasselbe gesagt werden, wenn ich ihr die neue
Nadel schickte, und sie käme ja nicht gleich in die rechten Hände.«
    Die Frau war offenbar über diese Bemerkung bestürzt und suchte vergeblich
nach einer Gegenrede. Endlich sagte sie: »Die Frau Scheurl hat es aber einmal so
befohlen, wie ich sagte, dass die Nadel wieder bei Euch abgeholt werden soll. Ihr
könnt' ruhig sein, Ihr brauch't sie nur gegen baare Bezahlung abliefern. - Und
was die erwähnte Lüge betrifft, so war sie ja nur für den äussersten Notfall
ausgesonnen, und Frau Scheurl hofft, dass sie derselben nicht bedürfen werde,
infern Ihr nur keine Unklugheit begeht.«
    »Nun, so komm't in drei Wochen wieder, ich will mein Möglichstes tun, das
Werk noch einmal zu vollenden.« So war Dürer's letzter Bescheid und die Frau
entfernte sich endlich.
    Ein paar Tage darauf, am Sonntag Nachmittag, hatte sein Sohn, der
Malerlehrling Albrecht, seine Freistunden, die er stets am liebsten im
Elternhause zubrachte und auch da sich nicht immer Ruhe von der Arbeit gönnte,
da es in diesen Mussestunden oft noch eine Zeichnung für den Vater zu fertigen
gab. Eben sass er über einer solchen, aber nicht in der heute verschlossenen
Werkstatt, sondern in der Wohnstube, in der die Mutter Barbara die Spindel
drehte, dabei immer wohlgefällig nach dem Lieblingssohne blickend. Er war ihr
drittgeborener; der älteste, der das Handwerk des Vaters lernte, war schon fort
auf die Wanderschaft nach den Niederlanden, wo auch der Vater, der aus einem
ungarischen Dorfe stammte, sich seine grösste Geschicklichkeit erworben hatte.
Das zweite Kind war gestorben, und so noch mehrere, aber dennoch war es noch ein
ganzes Häuflein braungelockter Buben und Mädchen, das die enge Stube bevölkerte.
Alle waren sehr einfach, aber reinlich gekleidet, das kleinste Kind lag noch in
einer hölzernen Wiege, deren abgenutztem Zustand man es ansah, wie viele
Insassen sie schon gehabt; und indem sie Frau Barbara mit dem Fuss in Bewegung
setzte, indes sie mit den Händen glatte Fäden zu neuen Gewändern spann, da
begriff man unter dieser Umgebung wohl, dass auch am Sonntag die Hände und Füsse
dieser Mutter sich keine Ruhe gönnen durften, die für so Viele zu sorgen hatten.
    Mitten in dies Gewirr trat noch ein schlank- und zartgebauter Jüngling, der
durch seine Kleidung und Manieren ausgezeichnet, wenig in diese fast ärmliche
Handwerkerfamilie zu passen schien, Willibald Pirkheimer. Im Vorderhaus, das er
mit seinen Eltern und Schwestern bewohnte, sah es freilich anders aus als hier;
da herrschte der ganze Luxus des Reichtums mit feiner Sitte und dem Sinn für
das Schöne wie für die Wissenschaft gepaart, da hatte der eifrig studierende
Sohn des Hauses ein Gemach ganz für sich allein, in dem reiche Bücherschätze ihn
umgaben und Niemand ihn stören durfte; aber die Freundschaft für Albrecht, mit
dem er aufgewachsen, den er sich einst vor allen Knaben und jetzt vor allen
Jünglingen zum vertrautesten Genossen ausersehen, zog ihn hierher und liess ihn
jede der Schranken überspringen, die hier die Besitzenden und hochangesehenen
Geschlechter von den eigentlichen Bürgern, zumal den ärmeren Handwerkern
trennten. Albrecht und Willibald hatten sich mit der ganzen Schwärmerei
jugendlich begeisterter Gemüter aneinander geschlossen, und waren nicht nur
zusammen aufgewachsen, sondern oft mit einander verwachsen, dass sie auch von
ihren übrigens sich fernbleibenden Familien als zusammengehörig betrachtet
wurden. Die Frau Pirkheimer erwiederte den bescheiden ehrerbietigen Gruss der
Frau Dürer stets nur mit vornehmem Kopfnicken und vermied jeden Umgang mit der
armen, vielbekinderten Frau; aber so oft der Albrecht kam, ward er in
Pirkheimer's Familie wie das Kind vom Hause angesehen, denn er war einmal
Willibald's Kamerad, und trat wieder dieser aus seinen prächtigen Räumen in die
engen der schlichten Handwerkerfamilie, so wurden auch auf ihn weiter keine
Rücksichten genommen, denn er war einmal Albrecht's Kamerad.
    So war es auch jetzt. »Ei, es ist schön, dass Ihr kommt,« sagte Frau Barbara
ihm traulich zunickend; »Albrecht hat schon immer nach Euch ausgeschaut, und
würde uns bald davon gelaufen sein Euch aufzusuchen, wenn er da nicht erst noch
Etwas für den Vater zu zeichnen hätte.«
    »Ich wäre auch schon früher gekommen,« sagte Willibald, »aber die Frau
Scheurlin kam zur Mutter und hielt mich noch ein wenig auf.« Er lächelte dabei
Albrecht zu, ihn durch seinen Blick an das kleine Abenteuer auf der Hallerwiese
zu erinnern, und sich über seine Zeichnung beugend fragte er: »Was zeichnest Du
denn da?«
    Albrecht antwortete: »Mein Herr Pate, Anton Koberger, hat bei meinem Vater
ein Bibelbeschläge bestellt, und da es gerade für ihn ist, wollt' ich gern die
Zeichnung machen; ich bin gleich fertig.«
    »Das ist hübsch!« sagte Willibald; »ein paar gefaltete Hände und ein Schwert
und eine Palme, die sich kreuzen.«
    »In Silber ausgeführt wird es gut aussehen,« bemerkte der Vater. »Albrecht
wird mir fehlen, wenn er in einem halben Jahre fortgeht. Die Zeichnung zu der
Nadel, die Se. Majestät der Scheurlin verehrt, ist auch von ihm.«
    »Danach wollt' ich schon fragen,« sagte Willibald; »ich habe das Kunstwerk
eben in der Nähe an ihr gesehen und bewundert.«
    »Jetzt eben?« fragte Meister Dürer.
    »Sie zeigte es meiner Mutter.«
    »Das ist sonderbar!« sagte der Goldschmied und versank in Nachdenken. Dann
ging er hinaus in die einsame Werkstatt, wie um zu überlegen, was nun zu tun
sei. Hatte die Scheurlin die Nadel verloren und wiedergefunden, so würde sie
doch die neue abbestellen lassen; die Sache kam ihm erst sonderbar, dann
verdächtig vor, die fremde Frau war es ihm gleich gewesen. Er hatte auch dem
königlichen Diener, der die Nadel hatte anfertigen lassen, versprechen müssen,
für Niemanden eine gleiche zu machen. Wie er auch geglaubt hatte, nach seinem
Gewissen zu handeln, jetzt schien es ihm mit diesem Gewissen nicht verträglich,
die Doublette zu verfertigen.
    Nach einer Weile reiflicher Ueberlegung rief er Albrecht und Willibald
heraus, fragte diesen noch einmal, ob die Scheurlin die Nadel wirklich jetzt
getragen, und da er entschieden bejahte, sagt er zu den Beiden:
    »Eilt hinüber und seh't, ob die Scheurlin noch da ist, und wenn sie es ist,
so sag' ihr, Albrecht, dass vor drei Tagen Jemand bei mir auf ihren Namen eine
grosse Bestellung gemacht hätte, ich wisse aber nicht, ob es eine Betrügerei sei
oder nicht, und liesse sie bitten, mir einen Augenblick Gehör zu schenken, damit
ich mich mit ihr verständigen könne. Sie mag Dir sagen, wo und wann, wenn sie
sich nicht in meine Werkstatt herüber bemühen will.«
    Die Freunde eilten den Auftrag auszuführen.
    Es war die höchste Zeit, denn Elisabet schlüpfte schon in zierlichen
Schnabelschuhen die teppichbelegte Marmortreppe hinab.
    »Ei, sieh da, meine beiden kleinen Ritter!« rief sie den Jünglingen zu.
    »Noch verdienen wir diese Namen nicht,« sagte Willibald, »wenn wir sie auch
noch einmal zu bewähren hoffen. Ich will dereinst versuchen, mir unter Kaiser
Maxens Fahnen ein Ritterschwert zu erwerben.«
    »Und während Pirkheimer ihm dienen will mit Schwert und Feder, werde ich's
nur mit dem Pinsel versuchen,« sagte Albrecht.
    »Ei, ich hörte schon neulich Aehnliches von Euch,« sagte Elisabet, »und
freute mich, wie Ihr wünschtet des Königs Bild zu malen.«
    »Wer weiss, tut er's nicht einmal, und auch für Euch, hohe Frau,« sagte
Willibald; »Ihr tragt da schon ein Werk von seiner Hand - die Rose, die aus
seines Vaters Werkstatt hervorgegangen, hat er gezeichnet.«
    Albrecht errötete verlegen, und Elisabet sagte: »Das ist gewiss ein gutes
Zeichen, wenn Ihr schon etwas für die edelste deutsche Majestät arbeiten
durftet; ich wusste bis jetzt nicht, dass Euer Vater der Künstler war, dessen Werk
ich trage.«
    »Er hat mich eben an Euch abgeschickt,« sagte Albrecht und richtete nun den
Auftrag des Vaters aus.
    Elisabet war höchlich erstaunt und sogleich bereit, dem Sohn zu dem Vater
zu folgen. Dies Erstaunen steigerte sich zur Entrüstung, als sie mit dem
Goldschmied allein war und von ihm das Zwiegespräch mit jener fremden Frau
erfuhr, während er nicht mehr an einem Betrug zweifelte, da er sein Werk, die
Nadel, wiedersah. Aber was konnte der Zweck dieses Betruges sein?
    »Wenn ich die Frau wieder zu Gesicht bekomme, so lass ich sie festnehmen,«
sagte Meister Dürer.
    »Lasst uns einstweilen gegen Jedermann schweigen,« sagte Elisabet, »und wenn
die Frau in drei Wochen wiederkommt, so wird es Euch leicht sein, sich ihrer zu
bemächtigen und vielleicht gesteht sie Euch gleich, wer sie zu dem Betrug
gebraucht - dann lasst Ihr sie laufen; ausserdem hat aber die Justiz ja genug
Mittel, Verstockte zum Geständnis zu bringen. Uebrigens danke ich Euch für Euer
Verhalten, und da ich einmal hier bin, so möcht ich mir ein silbernes Kästchen
mitnehmen - wie dies hier.« Sie deutete auf ein solches als den ersten passenden
Gegenstand, den sie unter dem kleinen Vorrat fertiger Geräte erspähen konnte,
um durch dessen Ankauf wenigstens in Etwas den Meister für seine Ehrlichkeit zu
belohnen. Der Handel war schnell geschlossen und sie fügte hinzu: »Euer Sohn
gibt mir wohl das Geleit und nimmt das Geld dafür in meiner Wohnung in
Empfang?«
    »Es hat ja Zeit,« sagte der Meister. Da sie aber erklärte, dass sie das
Kästchen, wie klein es auch war, nicht selbst tragen werde, so ward doch
Albrecht zu ihrer Begleitung gerufen.
    Er wollte bescheiden hinter ihr gehen, aber sie unterhielt sich mit ihm von
seiner Kunst und blieb an seiner Seite.
    »Euer Freund Willibald Pirkheimer,« sagte sie, »hat mir vorhin Euer
Konterfei gezeigt, das Ihr schon vor fünf Jahren mit dem Stift auf Pergament
gezeichnet hab't. Ich hätte es nicht geglaubt, dass Jemand dies von sich selbst
im Stande wäre, wenn ich nicht die Unterschrift gelesen: Das hab' ich aus einem
Spiegel nach mir selbst konterfeiet im Jahr 1484, da ich noch ein Kind war.
Lautet es nicht so?«
    »Ja,« versetzte Albrecht errötend: »Willibald hätte es Euch nicht zeigen
sollen, jetzt geriete es schon besser. Ich habe das Bildnis meines Vaters zu
malen angefangen, und ich hoffe, das soll ähnlich werden.«
    »Wie lange werdet Ihr noch hier bleiben?«
    »Bis Ostern, dann ist meine Lehrzeit beendet, dann will ich mich in
Deutschland umsehen. Ich wollte erst gern nach Colmar zu Martin Schongauer, aber
der Meister starb zu früh für die Kunst und für mich!«
    »Möchtet Ihr nicht nach Italien? Ich könnte Euch Empfehlungen nach Venedig
mitgeben.«
    »O wie gütig seid Ihr, edle Frau! Ich werde Euch später daran erinnern -
vielleicht wenn ich einer Empfehlung würdig bin. Erst will ich im deutschen
Reiche mich umsehen, fest werden in deutscher Art und Kunst, ehe ich das wälsche
Wesen auf mich wirken lasse. Der deutschen Kunst und dem deutschen Vaterlande
will ich dienen: ich habe keinen höhern Wunsch, und wenn ich es je dahin bringe
ein Meister zu werden, so soll man mich als deutschen Meister kennen.«
    So und ähnlich weiter sprechend war Elisabet bis an ihr Haus gelangt und
mit Albrecht in ihr Wohnzimmer getreten. Sie schellte nach Wein und Confekt für
ihn, und bat ihn zuzulangen, bis sie aus einem andern Gemach ihre Goldchatulle
geholt, absichtlich blieb sie lange, damit Albrecht ohne Verlegenheit dem
seltenen Genuss sich widmen könne. Dieser aber nippte nur bescheiden von dem
edlen portugiesischen Rebensaft und ohne zu essen schob er ein paar kleine
Stücke Backwerk in seine Tasche, um die kleinen Geschwister damit zu erfreuen.
    Als Elisabet wieder zurückkehrte, überreichte sie ihm das Geld in einer
kleinen Ledertasche zum Umhängen und sagte: »Der Inhalt ist meine Schuld für
Euren Vater. Die Tasche wird Euch auf der Wanderschaft vielleicht nützlich
sein.«
    Albrecht stand unschlüssig und verlegen, was er tun und antworten sollte;
Elisabet kam ihm zuvor, indem sie sagte: »Ich habe mich nicht geweigert, das
Geschenk des Königs anzunehmen als ein Andenken; Ihr werdet dies wertlose
Andenken von einer Frauenhand nicht zurückweisen, und Euch dabei derer erinnern,
die in den Besitz Eurer Rose gekommen. - Aber nun noch ein Wort. Ich habe von
allen Seiten nur Euer Lob gehört, von Eurem Meister, Euren Hausgenossen, Eurem
Freund, auch von meiner Freundin Ursula Muffel, die Eurer Verschwiegenheit
dankbar eingedenk ist; ich glaube, Ihr hab't mir schon denselben Dienst
geleistet, ohne dass ich Euch darum bat, wenigstens hat Euer Freund Pirkheimer
mich dessen versichert - ich meine den Vorfall auf der Hallerwiese.«
    »Ueber meine Lippen ist kein Wort davon gekommen!« beteuerte Albrecht.
    »Es ist jeder Frau unangenehm, wenn von dergleichen gesprochen wird,« warf
Elisabet hin. »Ihr scheint jene beiden Baubrüder zu kennen?«
    »Nur den Einen von ihnen, mir scheint er ein ausserordentlicher Mensch!«
    »Sein Name?«
    »Ich kenn' ihn nur als Ulrich von Strassburg.«
    »Und warum erscheint er Euch als ausserordentlich?«
    Albrecht zuckte die Achseln. »Er ist so begeistert für die Kunst, er ist so
aufgeklärt und voll grosser Anschauungen, dabei so freundlich und mild, zum
Beispiel gegen Lernbegierige wie ich, trotzdem dass ich, wie uns die Baubrüder
nennen, ein Profaner bin und er mir gewiss nicht mehr von seinem Wissen
mitteilen wird, als seine Gesetze erlauben.«
    »Hab't Ihr ihn seit jenem Tage wiedergesehen?«
    »Ja, aber wir haben wenig zusammen gesprochen; sein Gönner, Herr Anton Kress,
der Propst von St. Lorenz war bei ihm.«
    Elisabet hatte ihr Examen beendet. Albrecht hatte erwartet, da sie einmal
nach seiner Bekanntschaft mit den Baubrüdern fragte, sie werde ihm ihren Dank
für Ulrich auftragen, denn eigentlich war es doch nur dieser, der sie aus den
Händen des Ritters befreit. Allein Elisabet brach das Gespräch ab. Sie drang
nur noch in Albrecht, alles noch dastehende Confekt seinen kleinen Geschwistern
mitzunehmen, und damit war er entlassen.
    Elisabet warf sich wie erschöpft auf einen Polsterstuhl und lehnte das
stolze Haupt müde zurück.
    Wie war ihr denn? So lange der König hier war, hatte sie in einem
glücklichen Rausch gelebt. Er erschien ihr als das Ideal eines Mannes, eines
Helden auf dem Tron. Und sie war es vor allen Frauen, der dieser auserlesenste
aller Ritter auch die auserlesensten Huldigungen weihte. Sie hatte sie annehmen
dürfen ohne Furcht, sie durfte daran zurückdenken ohne Scham und Reue, denn es
knüpfte sich nichts Unwürdiges oder Erniedrigendes daran. Vor aller Augen hatte
er sie ausgezeichnet vor allen Nürnbergerinnen, und vielleicht noch stolzer und
glücklicher als sie selbst war ihr Gemahl über die ihr zu Teil gewordene Gunst.
Das Versprechen des Königs, das nächste Mal in seinem Hause seine Wohnung
aufzuschlagen, machte ihn zum glücklichsten Sterblichen; er knüpfte daran
sogleich die Hoffnung, dass er dann wohl an das Ziel seiner Wünsche gelangen und
den Adelstand, nach dem er lange trachtete, erlangen werde, ja wenn er in etwas
mit seiner Gemahlin nicht ganz zufrieden war, so war es eben nur, dass sie nicht
schon jetzt die Adelswürde vom Könige erbeten, da ihr dieser gewiss keine Bitte
abgeschlagen hätte. Wohl gab es Leute genug, welche durch boshafte Bemerkungen
und heimliche Zuträgereien oder verstohlene Winke Scheurl auf den König hatten
eifersüchtig machen und die Treue und Tugend seiner Gattin verdächtigen wollen;
allein er wies alle solche Angriffe als erbärmliche Waffen des Neides und der
Missgunst zurück, und war und blieb stolz darauf, dass es gerade seine Gattin war,
welche den Sieg in der Gunst des Königs über alle andere Frauen davon getragen.
Vielleicht hätten so auffallende Huldigungen, wenn ein anderer Mann sie gewagt,
ihn sowohl gegen denselben wie gegen seine Gemahlin, die sie nicht zurückwies,
sondern mit sichtlichem Wohlgefallen annahm, aufgebracht; allein von dem Könige
dargebracht, hatte er einen andern Massstab dafür. Nicht etwa den einer gemeinen
Bedientenseele, die sich geehrt fühlt, wenn sein Herr sich zu ihm herablässt, und
die sich als Ehre anrechnet, was sie von anderer Seite als Schimpf empfinden
würde: sondern weil er wusste, dass seine Gemahlin zu stolz war, sich jemals zu
einer Buhlerin wegzuwerfen, und weil er weiter schloss, dass dieser königliche
Nebenbuhler ihn ja nur auf kurze Zeit verdunkelte, und weil er Elisabet genug
kannte, um zu begreifen, dass sie von dem ersten Ritter und königlichen Helden
ihres Zeitalters ausgezeichnet, nun um so ruhiger auf die Huldigungen anderer
Männer verzichten werde - und beinahe kaufmännisch berechnete der
reichsstädtische Handelsherr, dass der eine durch seine Entfernung auf den Tron,
wie durch den Raum ungefährliche Nebenbuhler ihm die Furcht vor jedem andern
erspare; denn aus den gewöhnlichen Alltagsmenschen ihrer Umgebung konnte ihm
keiner erwachsen, der mit dem Einen sich hätte messen können.
    In dieser Beziehung war Elisabet wirklich von ihrem Gatten verstanden, wie
wenig er sonst auch der Mann war, die Höhen und Tiefen eines weiblichen
Charakters zu ermessen, wie dieser Elisabet's. Sie hatte den Triumph ihres
Geistes und ihrer Schönheit mit vollen Zügen genossen, wie der König hier war,
von Begeisterung war sie durchzuckt worden bei dem Gedanken, dass dieselbe
Männerhand, welche ihre kleine Hand zärtlich drückte, die Geschicke einer Welt
und das Scepter über viele Lande zu halten berufen war. Herrlich war es ihr
erschienen, die Gedanken des Mannes zu erforschen, auf den viele Millionen Augen
voll Hoffnung und Erwartung blickten: von ihm die Rettung aus verwilderten
Zuständen hofften, eine neue Aera, eine neue Form für ausgelebte Verhältnisse,
und göttlich die eigenen Gefühle neben ihm auszusprechen, aus den Flammen des
eigenen Geistes Funken in das Licht des seinen zu werfen, mit einem kühnen Wort
vielleicht die Anregung zu geben zu einer kühnen Tat, oder wieder durch eine
weiblich sanfte Fürbitte Befreundeten zu nützen - das gewährte ihrem ganzen
Wesen eine vollere Befriedigung und gab ihr einen höheren Schwung als die
leidenschaftlichen Erregungen, an denen Gemüt und Sinnlichkeit den grösseren
Anteil haben.
    Aber jetzt war dieses Glück vorüber. Es schien, als wolle ihr Geschick ihr
nur zeigen, wozu sie Beruf und Macht habe, was ihr Genüge und Beseligung geben
könne, um es dann nach kurzem Besitz wieder von ihr zu nehmen! -
    Die Muse eines Dichters und die Freundin eines Königs! Das Schicksal hatte
sie dieser seltenen Gunst gewürdigt; aber jetzt war Beides vorüber! Max war nur
wie ein leuchtendes Phänomen neben ihr aufgetaucht, und jetzt erglänzte es in
unerreichbarer Ferne. Sie sah wohl noch sein Leuchten - aber wie stolz und eitel
sie auch war, sie wagte doch nicht sich einzubilden, der König werde unter den
Sorgen der Krone und des Krieges noch ihrer gedenken. Sie sagte sich, dass er so
wie ihr wohl schon vielen Frauen gehuldigt und vielen andern noch huldigen werde
in seiner ritterlichen Weise, dass, wenn nicht andere Bürgerinnen, doch
Edelfräulein und Fürstinnen ihr Bild verlöschen würden. Und Konrad Celtes? Sie
zweifelte nicht, dass sie in seinem Herzen fortlebte wie in seinen Liedern; sie
war sich ihrer geistigen Gaben genug bewusst, um zu wissen, dass er für das
Verständnis seines geistigen Wesens keinen Ersatz für sie bei andern Frauen
finden werde - aber sie konnte nicht ohne Schmerz und Bitterkeit an ihn denken.
Er hatte sie doch nicht geliebt, so wie sie ihn liebte, sonst hätte er ihr nicht
entsagt, da sie noch frei war - ach, warum gab es keinen Mann, der zu lieben
verstand wie sie selbst, mit solcher Kraft und Hingebung und Treue?! Weil sie an
Celtes zu der Erkenntnis gekommen war, nach einem Ideal zu jagen, für welches
das Leben keine Verwirklichung habe, hatte sie dem ungeliebten Mann ihre Hand
gegeben, um sich vor neuen Kämpfen zu bewahren.
    Und nun musste gerade jetzt wieder eine Gestalt aus der goldenen Morgenzeit
ihrer Jugend, die sie für immer zu vergessen wünschte, gleich einem Gespenst vor
ihr auftauchen? Jener Augenblick auf der Hallerwiese, da sie Eberhard von
Streitberg wiedersah, gehörte zu den schrecklichsten ihres Lebens!
    Sie war erst siebzehn Jahre alt, da sie ihn in Venedig kennen lernte. Leicht
war es dem feurigen und damals auch äusserlich anmutigen Ritter, das
liebesehnsüchtige Herz der Jungfrau zu gewinnen, und im ganzen Sonnenglanz der
ersten Liebe, von Italiens Sonne doppelt verklärt, flossen ihnen Tage und Monde
dahin. Sie schworen sich ewige Liebe und Treue, und Elisabet zweifelte nicht,
dass ihre Eltern in Nürnberg ihren Bund segnen würden. Es kam schon vor, dass ein
Ritter, der nicht besonders mit Schätzen gesegnet war, und Streitberg schien das
auch nicht zu sein, sich's noch zur Ehre schätzen musste, wenn ein
reichsstädtischer Bürger ihm die Tochter mit der reichen Mitgift gab, die
Einwilligung ihrer Eltern erhalten werde. Da sie von Venedig scheiden musste, und
er das belagerte Wien zum Ziel hatte, gelobten sie einander Treue und Schweigen,
bis es ihm möglich sein werde nach Nürnberg zu kommen. Ueber ein Jahr verging so
getrennt, zuweilen durch ein zärtliches Brieflein unterbrochen.
    Endlich meldete ihr ein solches, dass er komme, dass er sie bitte ihn vor dem
Tiergärtnertor zu erwarten, damit ihr erstes Wiedersehen nach so langer
Trennung ohne Zeugen sei, dann wolle er sie zu ihren Eltern begleiten.
Liebeselig erfüllte sie seinen Wunsch noch vor der bestimmten Stunde. Die
angegebene Stelle pflegte sonst menschenleer zu sein. Sie erstaunte eine
verschleierte Dame dort zu finden.
    »Elisabet Behaim,« fragte diese, »Ihr wartet auf Eberhard von Streitberg?«
    Und da Elisabet schwieg, gab ihr die Fremde den von Elisabet selbst
geschriebenen Brief.
    Elisabet rief: »O er kann nicht kommen, und sendet mir seine Mutter oder
Schwester? oder wer seid Ihr, die er seines Vertrauens würdigt?«
    Die Fremde nahm Elisabet's Arm und sagte: »Wir wollen in die Stadt gehen,
hier ist es so einsam, ich erzähle Euch unterwegs; Eberhard schrieb Euch, dass er
Euch nach Hause begleiten und um Euch werben wolle, und Ihr glaubtet das?«
    »Ich habe nie an seinem Wort gezweifelt!« sagte Elisabet zuversichtlich.
    »Armes Kind!« rief die Fremde, »Eure Unschuld spricht aus Euren Mienen wie
aus Eurem Brief, darum kam ich, Euch und mich vor Schande zu bewahren, Ihr wisst
wirklich nicht, dass Eberhard seit zehn Jahren verheiratet ist?«
    »Ihr lügt!« rief Elisabet.
    »Ich bin seine Gattin, die er einst liebte wie Euch vielleicht auch; könnte
er ehrlich um Euch werben, käme er in Euer Haus; so bestellte er Euch vor das
Tor, um Euch zu entführen. Euer Brief fiel in meine Hände statt in seine, und
so kam ich statt seiner. Glaubt Ihr mir nicht, so schreibt ihm nur, was Ihr von
ihm gehört, und das Ihr ihn im Elternhaus erwartet, wie einer sittsamen Jungfrau
ziemt!«
    Was auch Elisabet noch fragen und zweifeln mochte: es blieb bei diesem
Resultat, und es blieb dabei, nachdem sie an Eberhard geschrieben und durch
Andere Erkundigungen über ihn einzog. Er war verheiratet; indes er in der Welt
herum abenteuerte, lebte seine Gattin einsam auf Streitberg, und jetzt, da sie
hörte, dass er zurückkehre, war sie ihm entgegengereist, um auf dem Schloss eines
seiner Freunde bei Nürnberg, des Herrn von Weispriach, mit ihm
zusammenzutreffen; sie kam ihm doppelt ungelegen, als sein Brief an Elisabet
eben fort war, dessen Antwort in die Hände der unglücklichen Gattin fiel.
    Da Eberhard seinen Plan vereitelt sah, so schied er wieder aus der Gegend,
und Elisabet hörte nur, dass er in's heilige Land mit Weispriach gereist.
Freilich nicht zu einer Buss- und Betfahrt, sondern zu neuen Abenteuern.
    Acht Jahre waren seitdem vergangen. Elisabet, so grässlich in ihrer
Jugendliebe betrogen, unschuldig eine Schuldige, den Mann ihrer Liebe als einen
Gegenstand der Verachtung erkennend, wollte wenigstens sich davor bewahren,
Anderen ein Gegenstand des Spottes zu werden, und trug die ganze Centnerlast
ihres Schmerzes allein als ihr Geheimnis, dass sie jetzt tausendmal ängstlicher
hütete als zur Zeit des Glückes. Sie suchte ihr Herz gegen die Liebe zu
verhärten und setzte jedem Manne kalten Stolz entgegen. So vergingen fünf Jahre.
Da schmolz die Eisrinde unter der Glut der Poesie, aber auch Celtes erkannte
ihr Herz nicht ganz, so zog es sich zusammen, und durch eine ewige Fessel wollte
sie es zwingen ruhig zu schlagen.
    Und jetzt, nach acht Jahren hatte der Verräter ihrer Jugendgefühle sich
wieder zu ihr zu drängen gewagt; hatte er mit dem Markgrafen, mit dem Könige von
ihr gesprochen - oder durch wen sonst - sollte jetzt verraten worden sein, was
sie als unauslöschlichen Schimpf empfand? Nimmer hatte sie seinen Namen wieder
über ihre Lippen gebracht, weder den Markgrafen noch den König nach ihm fragen
mögen, wie sehr sie diesem auch seine Verbannung dankte.
    Aber hatte sie nicht für sich zu fürchten, nun er ihr wieder einmal genaht?
Das quälte und ängstete sie, und sie versank in vergebliches Sinnen darüber, wie
über die Geschichte, die ihr der Goldschmied Dürer erzählt.
 
                                 Elftes Capitel
                             Hexen und Wegelagerer
Als die Baubrüder Ulrich und Hieronymus eines Abends in der Dunkelheit an ihre
Wohnung kamen, sahen sie in einem Winkel der Haustür irgend ein Wesen
zusammengekauert hocken. Da sie eintreten wollten, erhob es sich, zupfte Ulrich
leise, so dass dieser unwillkürlich an sein Schwert griff, indes eine leise
Stimme sagte:
    »Ich habe Eure Wohnung ausgekundschaftet und auf Euch gewartet; nicht war,
Ihr seid Ulrich von Strassburg und jener ist der blonde Hieronymus?«
    »Wir schämen uns unserer Namen nicht!« sagte Ulrich, der gewahr ward, dass es
ein weibliches Wesen mit langen Zöpfen war, das sich an ihn drängte; weiter
vermochte er in der Dunkelheit Nichts zu erkennen, und da er eine Weile
vergeblich auf einen Nachsatz zu der Anrede gewartet, sagte er unwillig das
Mädchen zurückschiebend: »Geh' fort, wir sind Baubrüder und mögen weder von
ehrbaren Frauen noch weniger von verlaufenen Dirnen etwas wissen, die zur
Nachtzeit in den Strassen lauern.«
    Das Mädchen stiess einen Schrei aus und sagte: »Ich kann Nichts wider die
innere Stimme, die mich antreibt ein Unglück zu verhüten, wo es möglich. Ihr
habt Eberhard von Streitberg erzürnt, und er wird sich rächen an Euch und an
Ihr!«
    »Es ist wohl gar das Judenmädchen?« rief Hieronymus, es jetzt erkennend;
»packe Dich in das Judenquartier, in das Du gehörst, und lass uns in Ruhe!«
    Das Mädchen fing an zu weinen.
    »Wenn Du es gut meinst,« sagte Ulrich besänftigend, »so gehe ruhig Deines
Weges; ich sagte Dir schon einmal, dass uns auch der gefährlichste Raubritter
Nichts rauben kann, denn wir haben Nichts, und mit seinem Schwert hat sich
unseres schon gemessen, falls er uns nach dem Leben trachten sollte.«
    »Ihr habt Nichts?« fragte das Mädchen ermutigt, aber doch wie mit
vorwurfsvollem Tone, und fügte wehmütig hinzu: »O Ihr habt unendlich viel, wenn
Ihr einen ehrlichen Namen habt, aber den trachtet Euch der Ritter zu rauben; er
will Euch beschimpfen und vernichten, indem er aussprengt: Eure Mütter wären -
Hexen!«
    »Unsinn!« rief Hieronymus; »es sollt' einer wagen mein Mütterlein zu
beschimpfen, das jedes Nürnberger Kind als die bravste Frau kennt von
Kindesbeinen an!«
    »Er wird einen Makel auf Euch werfen, um Euch zu schaden, zweifelt nicht
daran!« rief die Jüdin.
    »Er mag's versuchen!« lachte Hieronymus; »komm, Ulrich, lass' uns nicht
länger hören auf dies alberne Geschöpf!«
    »Verachtet Ihr für Euch meine Warnung,« sagte sie seufzend, »so hört doch
die für die Dame, der ihr damals beistandet. Lasst sie wissen, dass sie sich unter
keinem Vorwand soll aus der Stadt locken lassen, dass sie -«
    »Ach, lass uns in Ruh,« sagte Hieronymus; »geh' selbst zur Scheurlin und sag'
ihr was Du willst, uns geht sie Nichts an!«
    »Doch, doch!« rief das Mädchen, »ich kann nicht zu ihr! wir Ausgestossenen
dürfen ja weder bei Tag noch bei Nacht die Schwellen dieser stolzen Geschlechter
überschreiten! Und doch möcht' ich das Unheil verhüten, da ich es einmal weiss! O
wollt denn auch Ihr mich nicht hören?« wendete sie sich an Ulrich; »Ihr dürft
mich nicht verraten und werdet es schon nicht - es sagt ja Niemand, der nicht
zu unserm Volk gehört, dass er mit der armen Rachel geredet - aber ich sage die
Wahrheit. Vor dem Tor draussen vor der Veste in dem kleinen Häuslein am
Waldessaume wohnt die Amme der Scheurlin; übermorgen im Dunkeln wird man sie
dahin locken, und derselbe Ritter von neulich wird sie überfallen und mit sich
schleppen.«
    »Aber woher weisst Du das?« fragte Ulrich.
    »Darauf darf und kann ich nicht antworten!« rief Rachel; »aber einen Eid
kann ich ablegen, dass ich die Wahrheit rede und dass es so geschehen wird.«
    »Gut,« sagte Ulrich, »wenn Dich Dein Gewissen treibt, eine schlechte Tat zu
verhindern, und Du uns gerade dazu berufen hältst, so wollen wir versuchen
dasselbe zu tun. Wehe Dir aber, wenn Du nur einen frechen Scherz mit uns
getrieben!«
    Rachel schüttelte sich: »Ihr braucht mir nicht mit den Strafen zu drohen,
die mein warten könnten, den Staubbesen oder die Henkershände die Zunge
auszureissen, die falsch geredet, und allen Marterwerkzeugen - es ist noch keine
Lüge aus meinem Munde gekommen! Ihr werdet es erfahren und mir künftig glauben.
Warnt die Scheurlin - ich täte es, könnt' ich schreiben.«
    »Es soll geschehen,« sagten die Baubrüder zugleich, »und nun geh' in Deine
Gasse und gieb Dich zufrieden.« Sie traten durch die Haustür, die sie hinter
sich verschlossen, denn sie sahen einen andern Baubruder die Strasse herauf
kommen, und wollten nicht, am wenigsten an ihrer Haustür, mit einem weiblichen
Wesen betroffen werden, noch dazu mit einer verachteten Jüdin, denn den
Baubrüdern war durch ihre Gesetze aller Umgang mit dem weiblichen Geschlecht
verboten und es hiess in ihren Statuten: »Welcher Geselle mit ehrbaren Frauen
geht, soll Urlaub bekommen und den Wochenlohn in die Büchse legen; wer aber mit
berüchtigten und bösen Frauen sich führt, den soll man ganz aus dem Handwerk
verweisen.« Zu den letztern würde man Rachel gerechnet haben, schon weil sie
Jüdin, war sie dabei auch unschuldig wie ein Kind.
    Als die Beiden allein in ihrem Gemache waren, sagte Hieronymus: »Es ist eine
wunderliche Geschichte. Etwas tun müssen wir! aber was?«
    »Das Mädchen redete aufrichtig aus einem geängsteten Herzen,« sagte Ulrich;
»aber warnen können wir die Scheurlin nicht, um so weniger, als wir die Quelle
auch nennen dürfen, und es auch, ohne dass man uns belogen, Alles nur
Hirngespinst oder Pläne sein können, die nicht zur Ausführung kommen. Lass uns
übermorgen mit einigen Steinmetzen einen Spaziergang nach dem Feierabend vor
jenes Tor machen, aber Keinem etwas weiter sagen; da findet es sich dann, ob
Jemand unserer Hülfe bedarf.«
    »Es ist der beste Rat,« stimmte Hieronymus bei; »obgleich das Mädchen uns
selbst ja vor dem Raubritter warnte, dem wir nun entgegen gehen. Wie, wollte er
nicht aussprengen, unsere Mütter wären Hexen?«
    Ulrich nickte sinnend mit dem Kopfe. »Deine Mutter kennt hier Jedermann,«
sagte er, »und zum Glück ist man hier noch vernünftig und glaubt nicht an den
neuen Unsinn, der von herrschsüchtigen Priestern ersonnen worden, um nicht nur
über den Glauben, sondern auch über Ehre und Leben des deutschen Volkes die
Herrschaft zu erhalten. Aber in meiner Heimat hat der Hexenglaube schon lange
Zeit manches Opfer geheischt - dort waren wir ja Frankreich, seiner Wiege näher.
Dir allein kann ich sagen, was noch nie und gegen Niemand über meine Lippen
gekommen: Da mir die Benediktiner die nötigen Zeugnisse gaben, sagte Pater
Anselm, mein Gönner, vertraulich zu mir: Forsche und frage draussen im Reich
nicht mehr nach Deiner Mutter. Wir haben Dir das Zeugnis ehrlichen Herkommens
gegeben, ohne das Du nicht freier Maurer werden kannst, und es ist auch wohl
verdient; aber später hat man Deiner Mutter üble Dinge nachgesagt, forsche und
frage nicht weiter! Vergeblich beschwor ich ihn mir mehr zu sagen, wenn er mehr
von ihr wisse; aber er behauptete, dass ein Schwur seine Zunge binde und dass ich
nicht weiter forschen und fragen dürfe. Darum traf mich jene Drohung doch
sonderbar.«
    »So geh' übermorgen lieber nicht mit,« sagte Hieronymus bedenklich, »wenn es
auf eine Begegnung mit demselben Ritter abgesehen -«
    »Nein!« rief Ulrich entschieden, »das wäre Furcht und Feigheit; mich
gelüstet dem Mann gegenüber zu stehen, der es vergeblich wagen soll, meine
Mutter oder mich zu beschimpfen.«
    »Es ist auch dummes Zeug!« tröstete Hieronymus; »es wäre zum ersten Mal, dass
in Nürnberg und nun gar in der Bauhütte von Hexen die Rede wäre. Dazu ist es zu
hell in den Köpfen; und wenn auch der Rat und die ganze Verfassung erstarrt ist
in den alten Formen, so hat das auch sein Gutes: das widersteht auch der neuen
Finsternis und der gewaltsam heraufgeführten Nacht. Hier kümmert sich Niemand um
die Bulle Pabst Innocenz' VIII. und selbst die Geistlichen scheuen sich davon
Notiz zu nehmen. Die freidenkenden Gebildeten lächeln höchstens darüber, und in
unserer Gemeinschaft würde Jeder sich selbst brandmarken, der an den Teufel
anders dächte, als um ihn als darstellbares und allgemeinfassliches Symbol zu
benützen, die Sittenverderbniss der Zeit in wie ausser der Kirche zu geisseln.«
    »Ja,« sagte Ulrich, »es tat mir wohl, diesen Geist in Nürnberg zu finden!
Aber eben so hat es alle meine Hoffnungen auf König Max verringert, weil er
schon vor fast drei Jahren in einem römisch-königlichen Brief vom 6. November
1486 aus Brüssel die päpstliche Bulle in allen Stücken genehmigt, die
Inquisitoren in seinen Schutz nimmt und allen und jeden Untertanen des Reichs
befiehlt, ihnen bei Vollziehung ihrer Geschäfte alle Gunst und Hülfe zu leihen.
Und das ist geschehen trotz dem Widerspruch der Gebildeten und vieler würdigen
Geistlichen, die in ihre Predigten dem Volke die Versicherung gaben, dass es
keine Hexen gebe, oder dass es wenigstens Nichts sei mit ihren angeblichen
Künsten, durch welche sie den Menschen und andern Geschöpfen schaden sollten.
Das ist geschehen trotz dem Buche De Lamiis pytonicis mulieribus von Ulrich
Molitor (Müller) aus Kostnitz, eines Doctors der päpstlichen Rechte zu Padua,
worin er den Glauben an die Macht des Teufels zur Bewerkstelligung der
angeblichen Zaubereien bestreitet und alles davon Erzählte für Erdichtungen oder
für Werke der Einbildungskraft erklärt, obwohl er zugibt, dass diejenigen Strafe
verdienen, die durch Armut und Unglücksfälle zum Bösen versucht, sich
wenigstens der Absicht nach dem Dienst des Teufels ergeben. Aber anstatt diesem
Urteil der Vernünftigen sind die Fürsten und Universitäten dem Boten der
Unvernunft beigetreten. Die Universität zu Cöln hat auf Begehr der Inquisitoren
Heinrich Krämer und Jacob Sprenger ein beifälliges Gutachten über den
Hexenhammer ausgestellt, und gerade König Max musste es sein, der ihm die vollste
Bestätigung gab; ich glaube, der alte Kaiser Friedrich hätte es nimmer getan -
da tut es der Sohn; was bei dem Vater die Entschuldigung für sich gehabt, dass
es von einem schwachsinnig gewordenen Greise stamme, das gereicht dem Sohn im
blühendsten Mannesalter zu ewiger Schmach.«
    »Ich habe mich bisher wenig um diese Dinge gekümmert,« sagte Hieronymus;
»ich habe sie für zu einfältig gehalten, als dass man grosses Gewicht darauf legen
sollte, und wenn man aus Frankreich oder auch vom Rhein und Westfalen
Hexengeschichten und Processe hörte, so habe ich gemeint, solch' dummes Zeug
könne sich doch nicht auf die Dauer erhalten, man könne die Torheit ruhig mit
ansehen, sie werde bald in sich selbst zerfallen.«
    »Ja,« sagte Ulrich, »verachte man nur die Unvernunft, dem gewissen Sieg der
Vernunft durch sich selbst vertrauend, und setze sich jener nicht mit aller
Kraft entgegen, so wächst sie zur riesenhaften Macht empor. Das ist das Unkraut,
das man unter dem Weizen nachsichtig duldet und das ihn dann erstickt. So
scheint es hier zu gehen! Vor einem halben Jahrhundert verbrannte man die
heldenmütige Retterin Frankreichs Jeanne d'Arc, weil dem einfachen Mädchen aus
dem Volke gelungen war, was Helden umsonst versuchten, und der politische
Parteienhass verdammte sie als Zauberin. Vor dreissig Jahren wurden zu Arras in
Artois eine Menge von Menschen durch die Habgier schändlicher Ankläger und noch
schändlicherer Richter der Gemeinschaft mit dem Teufel verdächtigt und schuldig
befunden. Der Chronikenschreiber Monstrelet erklärt, dass diese ganze Anklage nur
erfunden worden, um einige angesehene Personen in Schaden und Unglück zu
bringen. Man liess erst nur schlechte Leute gefangen nehmen, welche nun durch
Marter und Pein gezwungen wurden die Namen der Personen, die man ihnen vorsagte,
als solche zu nennen, welche mit ihnen dem Teufel gehuldigt und Hexensabbat
gefeiert. Die Angegebenen wurden dann wieder so grausam gefoltert und gemartert,
bis sie endlich auch gestanden - und dann wurden sie auf unmenschliche Weise
hingerichtet oder verbrannt. Aber trotzdem, dass so ein Gelehrter versuchte diese
Schändlichkeit zu entüllen und zu erklären, wollte man nun an andern Orten auch
von Zauberei und Teufelsspuk hören, und die Finsterlinge, denen stets die
Dummheit des grossen Haufens und der Glaubenseifer edlerer Naturen willkommen ist
ihr Reich zu kräftigen, fanden hier ein treffliches Netz, es immer weiter
auszuwerfen und mehr darin zu fangen.«
    »Wenn ich nicht irre,« sagte Hieronymus, »sind es etwa fünf Jahre, dass Papst
Innocenz die Bulle erliess, durch welche der Hexenglaube und das damit verbundene
Rechtsverfahren die kirchliche Weihe erhielt; aber Du überschätzest wohl die
Schädlichkeit ihres Einflusses.«
    »Gewiss nicht!« eiferte Ulrich; »die Dominikaner und Professoren der
Teologie Heinrich Krämer in Oberdeutschland - und Jakob Sprenger am Rhein waren
schon zu Inquisitoren ernannt, als sich noch viele der besseren und
aufgeklärteren Geistlichen ihrem Verfahren widersetzten; aber seit der
päpstlichen Bulle und noch mehr seit der päpstlichen Bestätigung wagt das
Niemand mehr, die Geistlichen wie die Laien haben sich gefügt, denn diejenigen,
welche es nicht taten, wurden ihrer Stellen verlustig. Der Hexenhammer, der
erst kürzlich erschienen, entält eine förmliche Hexengerichtsordnung, die nun
überall gelten soll. Unsinn, Dummheit und Unfläterei wetteifern darin mit der
schauderhaftesten Grausamkeit, und unzählige Frauen sind bereits als ihre Opfer
gefallen. Das Schlimmste ist nur, dass die weltlichen Gerichte ihr Ansehen allein
dadurch zu behaupten wähnen, dass sie den geistlichen Gerichten nicht die Spitze
zu bieten, sondern ihnen zuvorzukommen suchen; so kommt es endlich zu einem
förmlichen Wetteifer, wer mehr Teufels- und Hexenspuk aufspüren und wer seine
Opfer grässlicher foltern und bestrafen kann.«
    Die Beiden sprachen noch lange so über ein einmal angeregtes schreckliches
Tema und über eine, durch ein einziges Wort heraufbeschworene Gefahr, die nun
wie ein Damoklesschwert über Ulrich's Haupte hing; denn kam der Verdacht eines
unehrlichen Herkommens auf einen Baubruder; war seine Mutter der Schande
verfallen, so verfiel er derselben mit und ward für immer aus der Gemeinde der
freien Maurer ausgestossen und dadurch zugleich gewissermassen für vogelfrei
erklärt.
    Als der zweite Abend nach diesem herankam, zogen die Baubrüder, ohngefähr
zehn an der Zahl, vor das Tor an der Veste sich im Walde zu ergehen. Keiner,
ausser Hieronymus und Ulrich, ahnte dabei eine andere als die von diesen
angedeutete Absicht, die schöne Waldluft zu geniessen und an der Natur selbst
Muster der Ornamentik zu studieren. Denn wie überhaupt die himmelanstrebenden
Säulen der gotischen Dome, die oben in Zweigen und Aesten sich auseinander
teilten, in den deutschen Hainen majestätischer Buchen und schlank
aufstrebender Tannen ihre Vorbilder hatten, so bildete man jetzt mit immer
wachsenderer Vorliebe für das Vegetabilische die Verzierungen an Säulen und
Türen, Piedestalen und Kapitälern dem lebendigen Laube in durchbrochener
Steinarbeit nach, und die strebsamsten Steinmetzen, immer bemüht nach eigenen
Anschauungen Neues und Eigenes zu schaffen, statt nach alten Massbrettern zu
arbeiten, suchten und zeichneten sich selbst ihre Muster in der Natur.
    Jeder der Baubrüder hatte seine Ledertasche umhängen, und an die Stelle des
Abendbrodes, das darin steckte, bis es unterwegs verzehrt ward, sammelte man
schön geformte Blätter hinein, sie gelegentlich als Modelle zu benutzen. Das
kurze Schwert trug Jeder umgegürtet, nur bei der Arbeit trennten sie sich davon.
    Als sie an der von der Jüdin bezeichneten Hütte vorüber kamen, sagte Ulrich:
»Mich dürstet, und hier sehe ich nirgends eine Quelle oder einen Brunnen; ich
denke, man wird mir hier einen Trunk Wasser nicht versagen.« Er schlug mit
seinem Schwert an die verschlossene Tür, nur der eine Steinmetz Erwin, der auch
Durst verspürte, wartete mit ihm.
    Endlich öffnete man, und eine alte Frau fragte unwirsch, was es gäbe. Als
Ulrich sein Begehr sagte, entfernte sie sich in ein inneres Gemach, um ein
Trinkgefäss zu holen. Auf einem Schemel in der unsauberen Hausflur sass ein Mann
in städtischer Dienertracht, der Ulrich zunickend zu ihm sagte, wahrscheinlich
um seine Anwesenheit in diesem üblen Lokal zu rechtfertigen:
    »Wenn Ihr nicht ganz verdurstet seid, möcht' ich Euch nicht raten hier zu
trinken! drinnen liegt eine alte Frau im Sterben - wer weiss, was ihr fehlt. Wir
sind herausgegangen, weil sie die Amme meiner Herrin gewesen.«
    »Ja,« sagte Ulrich, »es ist auch ein schlechter Dunst hier: wenn Eure Herrin
noch drinnen ist, möcht' ich Euch raten bald mit ihr zu gehen, damit ihr kein
Leid geschieht! ohnehin wird es bald dunkel, und da treibt sich hier oft
schlechtes Gesindel herum; das ist kein Weg für Damen.«
    »Das hab' ich auch gesagt,« bestätigte der Diener.
    Die Frau kam mit dem Wasser, drinnen hörte man ächzen und stöhnen; Erwin
schüttelte sich jetzt vor dem Wasser, und Ulrich goss es draussen weg statt zu
trinken und winkte dem Diener heraus.
    »Warum wartet Ihr nicht lieber aussen?« fragte er ihn.
    »Weil es ein verrufenes Haus ist; man schämt sich, wenn einen Jemand sieht;
die Frau, die heraus kam, gibt sich mit Zaubereien ab, und ich kann nicht
Jedermann erzählen, dass die Frau Scheurlin aus lauter christlicher
Barmherzigkeit drinnen bei ihrer Amme sitzt, deren Sterben man ihr vorhin
vermeldete und sie beschwören liess herauszukommen, weil sie sonst nicht sterben
könne.«
    »Eben weil es ein verrufenes Haus ist,« sagte Ulrich, »solltet Ihr aussen
Wache stehen, um zu beobachten, dass sich nichts Verdächtiges zeigt. Wir sind
hier in der Nähe, ruft nach uns, wenn Ihr eines Beistandes bedürfet.«
    Damit ging er mit Erwin, der zu ihm sagte: »War es nicht die Scheurlin, die
Ihr gegen einen Ritter verteidigt, wie der König hier war, und die er selbst
vor allen Frauen ausgezeichnet?«
    »Ja,« antwortete Ulrich; »wer weiss, droht ihr nicht wieder eine Gefahr,
diese frechen Raubritter sind zu allen Schändlichkeiten fähig. Erst vor wenig
Tagen ist bei Niclashausen ein Waarentransport überfallen worden, ein Trupp
ritterliches Raubgesindel hat die Kaufleute und ihr Geleit in die Flucht
geschlagen und ihre Waaren auf ihre Burgen geschleppt. Der Nürnberger Rat denkt
immer sich allein helfen zu können, wenn die Reichsstadt aber nicht bald zum
schwäbischen Bunde tritt, so wird das Uebel immer ärger werden.«
    Als die Beiden wieder zu den Andern kamen, teilten sie ihnen das eben
Erfahrene mit, und Hieronymus sagte: »Es kann ja Einer von uns nahe bei der
Hütte bleiben, dem furchtsamen Diener und der barmherzigen Frau zum Schutz, und
die andern rufen, wenn es nötig.«
    Ulrich war dazu bereit, aber er blieb so unter den Bäumen versteckt, dass er
auch von der Hütte aus nicht gesehen werden konnte.
    Plötzlich sprengte ein geharnischter Ritter an ihm vorüber, er sprang vom
Pferd und band es an einen Baum; in der Ferne hörte man noch mehr
Pferdegetrappel. Zu Fuss ging er an die Hütte und lauschte am Fenster. Ein mattes
Licht schimmerte daraus. Aussen war es dunkel geworden. Ulrich schlich ihm leise
so weit nach, als er es wagen konnte, um nicht gesehen zu werden.
    Es dauerte noch eine Weile, da trat Elisabet aus der Hütte von dem Diener
gefolgt. Der Ritter näherte sich ihr und bot ihr sein Geleit, wie es schien -
Ulrich verstand keine Worte - er hörte einen schrillenden Hülferuf Elisabet's,
dann des Dieners, dann einen gellenden Pfiff des Ritters. Auch Ulrich liess einen
lauten Ruf ertönen und stürzte auf den Ritter zu: die Schwerter blitzten im
Dunkeln, der Diener floh, der Ritter hielt Elisabet; an seinem Panzer prallte
Ulrich's Schwert machtlos ab, aber ihn traf das des Ritters in die Seite, er
wankte - noch knieend hielt er Stand; da kamen die andern Baubrüder, kamen auch
die Knappen; Erwin hatte sich des ledigen Pferdes des Ritters bemächtigt und war
nach Nürnberg gejagt um Hülfe zu holen; sie kam schnell, da das Häuschen nur
eine Viertelstunde von der Stadt. Indes währte das Getümmel und Gewirre fort -
vergeblich hatte der Ritter versucht Elisabet mitzuschleppen; der knieende
Ulrich hatte ihn in die Hand gehauen, dass er sie lassen musste. Da die
Bewaffneten aus der Stadt kamen, schwang sich der Ritter auf das Pferd eines im
Kampf gestürzten Knappen, und es gelang ihm mit den andern zu entfliehen. Der
Knappe, ein Steinmetzgeselle und Ulrich lagen für todt am Boden; Elisabet war
zurück in die Hütte geeilt, nicht um sich zu retten, sondern um Wasser und
Linnen und die Frau, welche sie bewohnte, zu holen den Verwundeten beizustehen.
Die Frau folgte ihr mit Jammergeschrei; Elisabet sagte verweisend: »Das nützt
nichts - helft!« und neigte sich über den regungslosen Ulrich. Jetzt erst
erkannte sie ihn, da ein Kienspan, den die Alte mitgebracht, ihn beleuchtete.
Jetzt erst überrieselten sie kalte Schauer, jetzt erst war es mit ihrer Kraft
vorbei. »Todt! für mich!« hauchte sie verzweiflungsvoll. Er schlug die Augen
auf, und es war, als entströme ihnen ein verklärender Strahl, dann schloss er sie
wieder, um seine Lippen zuckte der Schmerz - vielleicht war es zum letzten Male.
    Indes hatten die Baubrüder und die herbeigeholten Stadtmilizen aus Stangen,
die sie an der Hütte fanden, und Aesten, die sie im Walde brachen, Tragbahren
bereitet und die drei Verwundeten darauf gelegt. Jetzt kam auch Herr Scheurl,
von dem Diener benachrichtigt, mit zahlreicher Begleitung und einer Sänfte für
seine Gemahlin.
    Als sie im Hause angekommen und er eine Erklärung von ihr forderte, konnte
sie ihm keine andere geben, als dass gegen Abend ein Knabe zu ihr gekommen, den
ihre ehemalige Amme, die jene Hütte mit einer ihr verwandten Holzhauerfamilie
teile, schon oft als Boten zu ihr geschickt, um ihr zu sagen, dass die kranke
Amme nicht ersterben könne, wenn sie nicht noch einmal sie gesehen. Sie sei
darum mit dem Diener dahin gegangen, indes ihr Gemahl nicht dagewesen. Die Amme
war noch am Leben, aber nicht bei Bewusstsein, in der Hütte Niemand zu Hause als
die alte Frau. Vergeblich habe sie lange gewartet, ob der Amme nicht ein lichter
Augenblick komme, und dann sei sie endlich gegangen, da sie die Nacht
gefürchtet. Der Ritter, der sich zu ihr gedrängt, habe das Visir geschlossen
gehabt, sie könne nicht wissen, wer es gewesen.
    Dass sie in ihm Eberhard von Streitberg erkannt, verschwieg sie ebenso, wie
sie den Vorfall auf der Hallerwiese verschwiegen, und bat ihren Gemahl um ihres
Rufes willen die Geschichte nicht erst vor den Rat zu bringen und zu einer
Untersuchung, die doch zu Nichts führe, da die Nürnberger ja keinen hängen, den
sie nicht hätten; zu den Verwundeten aber solle er den besten Bader schicken und
ihnen auf seine Kosten die beste Pflege angedeihen lassen, oder wenn sie stürben
- sie schauderte bei dem Gedanken - das beste Begräbnis.
    Für sich allein sann sie weiter nach, welch' ein Netz von Verräterei sie
umspinne. Dies Ereignis hatte etwa vier Wochen später stattgefunden als ihr
Besuch bei dem Goldschmied Dürer. Drei Wochen nach diesem war der Meister
bestürzt zu ihr gekommen und hatte ihr erzählt, wie Tags vorher nicht jene alte
Frau, sondern ein Knappe mit geschlossenem Visir zu ihm gekommen und die Nadel
verlangt habe. Er sei wohl vorbereitet gewesen eine alte Frau festzunehmen, aber
nicht einen geharnischten Mann. Dennoch habe er ihm kurz und rund erklärt, dass
er die Nadel niemals machen werde, da man ihn belogen und die Besitzerin sie nie
verloren habe. Da der Knappe sein Schwert gezogen, habe er nach Hülfe
geschrieen, aber ehe sie gekommen, sei Jener fort gewesen, nachdem er Vieles in
seiner Werkstatt zertrümmert. Meister Dürer kannte den Knappen so wenig wie jene
Frau; mit der Beschreibung derselben stellte aber Elisabet jetzt Vergleichungen
an, und der Gedanke gewann Wahrscheinlichkeit, dass jene alte Frau in der
Goldschmiedswerkstatt und in der Hütte dieselbe gewesen. Dennoch suchte sie
vergebens in diesen Ränken, welche offenbar nur gegen sie geschmiedet waren,
einen Zusammenhang zu erblicken.
    Kaum grübelte sie auch mehr darüber, als sie sich mit den Gedanken quälte,
dass ihretwegen Blut geflossen, dass man sich um ihretwillen geschlagen, wohl gar
gemordet!
    Bald erfuhr sie, dass der Knappe wirklich todt sei. Das ertrug sie noch am
leichtesten, denn er war einmal in die Hand der Nürnberger gefallen, und als ein
Angreifer und Friedensbrecher wäre er entschieden gehangen worden, ja man würde
ihm schon aus Rache, um dem verhassten Raubadel wenigstens in seinen Dienern und
Helfershelfern ein drohendes Beispiel zu geben, den höchsten Platz am Galgen
angewiesen haben. Und wenn er nicht gleich gestanden, wer sein Herr gewesen und
Alles was er wusste, so würde man ihn in den Marterkammern unterm Rathaus »in
der Güte befragt haben«, wie die Redensart hiess, hinter der sich die Anwendung
der gräulichsten Marterwerkzeuge von den Händen der Folterknechte versteckte. So
war es ein Glück für den Knappen, dass er nur todt in die Hände der Sieger
gefallen war.
    Aber die Baubrüder, die nur die Beschützer einer wehrlosen Frau gewesen? Für
sie sandte Elisabet heisse Gebete zum Himmel empor, da sie hörte, dass sie noch
lebten, aber schwer an ihren Wunden darniederlagen. War es doch derselbe
Steinmetzgeselle, der sie schon einmal verteidigt - derselbe, der schon einmal
ihre Aufmerksamkeit erregte und doch ihre Rose verschmähte. Zum zweiten Male war
er ihr Retter geworden, hatte sie zum zweiten Male mit Gefahr seines Lebens
beschützt. Wie eine Beschämung lastete das auf ihr, doppelt, da er das erste Mal
vielleicht den Ritter gekannt, und sie überhaupt es seiner Verschwiegenheit
dankte, dass von diesem Vorfall Nichts in der Stadt herum gekommen. Sie ahnte
nicht, wie viel sie ihm zu danken hatte - aber schon das, was sie erkannte,
drückte sie wie eine Last! -
 
                                Zwölftes Capitel
                                   Eine Jüdin
Es war ein wüstes Durcheinander in dem Gemach, in dem Rachel, das Judenmädchen,
einige Ordnung herzustellen suchte. Grosse Kisten und Laden waren übereinander
gehäuft, einige von ihnen geöffnet und halb ausgepackt; kostbare Stoffe und
Pelze quollen daraus hervor. Rachel stäubte sie aus, um sie vor Insekten zu
sichern oder auch davon zu befreien, je nachdem es sich nötig zeigte. Zuweilen
hielt sie bei dem Geschäft inne und lauschte durch die angelehnte Tür in ein
zweites, ziemlich leeres und armselig eingerichtetes Gemach, das mit den hier
aufgehäuften Schätzen auffallend contrastirte. Aus diesem führte eine zweite,
jetzt verschlossene Tür hinaus auf die Treppe, und Rachel wollte nur nicht
verhören, wenn Jemand komme und klopfe.
    Jetzt hörte sie draussen schlärfende Schritte die Stiege heran - es waren die
ihres Vaters; da brauchte sie nicht zu öffnen, denn er wusste draussen den
verborgenen Winkel, wo die abgeschraubte Klinke zu dem Türschloss lag, das ohne
dieselbe nur von innen geöffnet werden konnte. Sie hörte ihn danach suchen,
dabei gewohnte Flüche murmelnd, endlich öffnete sich die Tür.
    Der Jude Ezechiel war ein Mann von mittlerer Grösse, dabei hager und von
geschmeidigem Wesen. Der Typus seiner Gesichtszüge war entschieden orientalisch,
eine grosse hervorragende Nase über einem vorstehenden Mund, den ein
grauschwarzer Bart umwallte. Dürftiger war das Hauptaar, aber die Augenbrauen
buschig, ein listig lauerndes Augenpaar beschattend. Er trug einen
schwarzbraunen, bis auf die Füsse reichenden Talar, eine buntstreifige Schärpe um
den Leib und an dem linken Aermel die von dem Nürnberger Rat für Männer wie
Frauen israelitischer Abkunft gleicherweise vorgeschriebenen drei gelben
Streifen.
    Die Furchen seiner Stirn erschienen heute noch einmal so tief als gewöhnlich
und prophezeiten nichts Gutes. Da er eintrat, herrschte er Rachel zu: »Geh'
hinein und bleib drinnen bei Deiner Arbeit, aber mache dabei kein Geräusch,
damit nicht merkt die alte Jacobea, dass Jemand drinnen. Sie kann Dich einmal
nicht leiden. Geh' hinein, denn sie folgt mir auf dem Fusse und wird gleich da
sein.«
    »Nun,« sagte Rachel, »ich kann sie auch nicht leiden, und es hat uns auch
noch kein Glück gebracht, dass Ihr Euch mit ihr eingelassen.«
    »Still, rede nicht von Dingen, die Du nicht verstehst; Geh' hinein, sag'
ich!« rief der Jude leise aber drohend, und Rachel gehorchte. Sie ging wieder in
das zweite grosse Gemach und schloss die Tür hinter sich, aber sie dachte nicht
daran, wieder an die vorige Arbeit zu gehen, sondern lehnte sich lauschend an
die Tür, um kein Wort von dem zu verlieren, was die alte Jacobea drinnen mit
ihrem Vater sprechen würde.
    Als diese eintrat, rief sie: »Es ist Alles verunglückt, und war Alles so
schön gegangen! Alle waren abwesend, mein Sohn wie seine Frau und der grosse
Bube, um vor heute nicht wieder zu kommen. Die alte Marte, die Amme der Frau
Scheurlin, kam durch das Pulver, das ich ihr in den Brei gerührt, in einen
Zustand, dass sie Nichts von sich wusste und irre redete; da konnt' ich getrost
den kleinen Buben gegen Abend zur Stadt schicken, der Scheurlin melden zu
lassen, dass die Amme in Todesnöten nach ihr verlange. Wie klug sich auch die
Scheurlin dünken mag, sie ging glücklich in die Falle, und brachte nur einen
einzigen Diener mit. Wohl eine Stunde sass sie da bei der Irreredenden, bis es
dunkel war; ich sagte erst, sie solle warten, bis mein Sohn käme, der sie mit
heimgeleiten könne. Aber sie wollte nicht, und wie sie hinausging, lauerte
draussen schon der Ritter und ich hatte die Widerspänstige glücklich in seine
Arme geliefert. Da hör' ich draussen noch andere Stimmen als die ihrige schreien
- ein ganzer Trupp Baubrüder kämpfte mit dem Ritter und den Knappen, dann kamen
gar Bewaffnete aus der Stadt; es hat Leichen und Verwundete auf dem Platz
gegeben - der Ritter ist nur verwundet, aber ohne Beute entkommen. Den
Nürnberger Rat fürcht' ich nicht, noch weniger das Gericht des Burggrafen, denn
ich habe meine Sache zu klug angefangen, kein Verdacht kann mich treffen - aber
den Ritter und seine Kumpane werd' ich nun auf dem Halse haben.«
    »Misslungen!« rief der Jude, »zum zweiten Male misslungen - und durch Euch!«
    »Hoho!« rief die Alte; »durch Euch oder Eure Sippe! Verraten worden ist's!
Was haben die Steinmetzen da draussen zu suchen? im Leben habe ich nicht so viele
beisammen dort im Walde gesehen! Sind doch dieselben Beiden mit dabei gewesen,
die den Streitberg schon auf der Hallerwiese angefallen und denen er's dankt,
dass der König selbst ihn aus Nürnberg verwiesen. Der Ritter hat geschworen sich
dafür zu rächen, und nun hat er hoffentlich wenigstens dem Einen den Garaus
gemacht!«
    Mit verhaltenem Odem hörte Rachel dies Alles! Trotz ihrer Jugend war sie
doch durch den Druck, unter welchem sie lebte, der sowohl auf ihr durch ihre
nächste Umgebung als durch den Fluch lastete, der auf allen Juden ruhete, so
daran gewöhnt sich selbst zu beherrschen, dass sich ihrer bis zum Ersticken
geängsteten Brust kein Laut entrang, noch dass sie der Versuchung unterlag, die
Tür zu öffnen und selbst zu fragen: »Welcher ist der Todte?«
    Und sie war seine Mörderin! sagte sie sich verzweiflungsvoll. Das hatte sie
nicht gedacht. Warnen hatte sie Ulrich wollen vor seinem mächtigen tückischen
Feind und vor dem bösen Leumund, der ihm drohte - und weil er ihrer Warnung
nicht achtete, sowohl um dieser Nachdruck zu geben als auch aus Mitleid mit der
schönen Frau, der ein so schmähliges Schicksal drohte, hatte sie ihm davon
gesagt. Sie meinte nicht anders, als dass Ulrich sie vorher warnen werde, der
drohenden Gefahr sich auszusetzen, und konnte weder beurteilen, dass er dies
unterlassen werde, besonders weil er es noch bezweifelte, noch dass er erst
bereit sein würde der wirklichen Gefahr gegenüber sie mit seinem eigenen Leben
zu beschützen. War er oder Hieronymus todt, so kam sein Blut über sie; aber sie
konnte es nicht ändern, dass zu den Vorwürfen ihres Gewissens auch der Jammer des
Herzens kam, wenn Ulrich das Opfer war. Und schon leuchtete die Anklage des
Verrates gegen sie durch die Worte der Alten hindurch; aber was sonst Rachel
schon in namenlose Angst versetzt hätte vor den Vorwürfen und Strafen der
Ihrigen, versank jetzt vor den Schrecken und der Qual, die ihr die
Todesnachricht verursachte.
    »Nun, so ist er ihn ja los,« sagte der Jude gleichgültig; »aber wenn Ihr
versteht zu schweigen, so ist ja auch weiter Nichts dabei, als dass wir sind
betrogen um den Lohn und haben gemacht ein schlechtes Geschäft, statt dass wir
gemeint haben zu machen ein gutes. Wird wohl dem Ritter vergehen sich hier noch
länger umherzutreiben, wenn er sieht, dass die feinen Nürnbergerinnen nicht
gleich für Jeden sind zu haben.«
    »Der lässt keinen Schimpf auf sich sitzen!« rief die Alte. »Wird ihm kaum
Recht sein, dass der Ulrich von Strassburg ehrlich auf der Landstrasse gestorben!
Dem, der ihm beim Könige den Schimpf bereitet, dem schwor er einen noch grössern
anzutun; nun ist er gestorben, ehe er ihn gebrandmarkt hat, denn das wär' uns
gelungen und wenn auch alles sonst misslänge.«
    »Sollt' ich nicht meinen,« begann der Jude, »müsste Euch nicht sonderlich
lieb sein, wenn man hier in Nürnberg auch anfinge von Hexen zu reden; hat mir
neulich Einer aus Costnitz erzählt, dass daselbst sind viele Frauen verbrannt
worden, die vielleicht auch nicht mehr getan, denn« - er verschluckte das:
»Ihr«, welches folgen sollte, und sagte statt dessen: »denn Trunke gebraut und
Zaubersprüchlein im Munde geführt.«
    Die Alte wollte auf's Neue auffahren, als es draussen klopfte. »Ihr tut wohl
besser jetzt zu gehen,« sagte er; »geschehene Dinge sind nicht zu ändern, und
man muss sie nur betrachten, wenn man noch Nutzen aus ihnen ziehen kann.«
    »Wir werden wohl noch von einander hören!« sagte Jacobea, und zog ihr
dunkles Kopftuch fester zusammen, so dass nur ein schmaler Streifen von ihrem
Gesicht zu sehen war. So drückte sie sich zur Tür hinaus, durch welche ein
anderer Jude trat, einen grossen Kasten auf dem Rücken, den er mit Waaren aus dem
Lager Ezechiel's zu füllen gedachte. Er gehörte zu den vertrauten
Geschäftsfreunden, welche auch Eintritt in das zweite Gemach hatten und die
darin aufgehäuften Schätze besichtigen konnten.
    Unter den Juden Nürnbergs, obwohl sie nur auf einen besondern Stadtteil
beschränkt und durch strenge Verordnungen von der übrigen Bevölkerung geschieden
waren, gab es doch auch besitzende, reiche Leute, welche dennoch in
unermüdlicher Tätigkeit beflissen waren, das schon Erworbene immerfort zu
mehren, ohne doch jemals einen wirklichen Genuss von dem Gewinn zu haben, denn
derselbe musste, um gesichert zu sein vor fremden, besonders christlichen Augen,
durch Verborgenheit gehütet werden. Denn immer ward den Juden, »des Reichs
Kammerknechten«, Alles missgönnt; sie mussten grössere Abgaben geben als alle
Andern, ja es war schon da und dort vorgekommen, dass sie eine Auflage ganz
allein hatten bezahlen und bei manchem Unglück Schadenersatz hatten leisten
müssen, wenn dabei auch ein Zusammenhang mit ihrer Schuld noch so gesucht
erschien.
    Ezechiel gehörte zu diesen reichen Juden, und wie tiefe Verachtung man ihm
auch öffentlich zeigte, es gab doch Christen genug, die in der Stille ihre
Zuflucht zu ihm nahmen und seine Verschwiegenheit mit hohen Procenten erkauften.
Vielen war er eine unentbehrliche Person. Er lieh Geld gegen Zinsen und verlieh
ebenso auf Kleidungsstücke und Kostbarkeiten. Viele derselben blieben als
ungelöste Pfänder in seinem Besitz und lieferten ihm zugleich ein Waarenlager
für einen ansehnlichen Trödlerkram. Eine bedeutende Verstärkung erhielt dieser
jedoch oft durch ein zwar einträgliches, aber ziemlich anstössiges Geschäft. Er
zog nämlich meist in Begleitung seiner Tochter oder seines Sohnes Benjamin
trödelnd in der Umgegend umher; aber gewöhnlich kam er mit gefüllterem Sack
zurück, als mit dem er ausgezogen, und war doch gar wohl mit seinem Handel
zufrieden. Während die grossen Kaufleute von Nürnberg ihre Waaren meist nur mit
grosser Bedeckung von Reisigen weiter in's Land zu führen wagten, da die
Raubritter und Wegelagerer jetzt ihr Wesen ungescheuter denn jemals trieben,
besonders in den nahen Reichsforsten und oft bis unter die Mauern der Burg,
wandelte der Jude mit seinen Kindern einsam, aber sicher, trotz den oft reichen
Schätzen, die sie bei sich trugen. Das doppelte Rätsel lös't sich leicht: Wo
jene die Stehler machten, war er der Hehler. Oder wenn man das nicht sagen kann,
da die Raubritter ihr Wesen so ungescheut trieben, dass sie gar keines Hehlers
bedurften, sondern mit frecher Hand nur nach dem rohen Recht des Stärkeren
räuberisch an sich rissen, was den schwächer bewahrten Handelsleuten abzunehmen
war, ihrer Beute oft noch sich rühmend: so war diese doch oft der Art, dass sie
für ihre Verhältnisse selbst nicht immer brauchbar erschien - da war denn in
diesen Räuberhöhlen, welche den stolzen Namen Schlösser führten, der Jude
Ezechiel eine sehr willkommene Erscheinung. Von ihm erhielt man für diese
unnützen Waaren nützlichere und dem augenblicklichen Bedürfnis entsprechende
nach freier Auswahl, oder baares Geld, und der Jude wusste dabei den Handel immer
zu seinem Vorteil zu lenken, wenn er dabei auch immer jammerte und klagte, als
habe er nichts als Verlust davon. Aber damit allein waren die Geschäfte des
Juden noch nicht erschöpft. Da eben Leute aus allerlei Volk zu ihm ihre Zuflucht
nahmen, so war er auch von tausend Dingen unterrichtet, die in den stolzesten
Patrizierhäusern wie in den verdächtigsten Schlupfwinkeln der niedrigsten Klasse
vor sich gingen und andern Blicken sich verhüllten, und darum wusste er in
tausend Stücken Rat, den er sich so gut wie seinen Trödlerkram bezahlen liess.
    So, als er auf das Schloss des Ritters von Weispriach kurz nach der Abreise
des Königs Max gekommen, auf dem der aus Nürnberg verwiesene Eberhard von
Streitberg einstweilen ein Asyl gesucht, um von da aus seine Ziele zu erreichen,
erhielt der Jude von den Rittern den Auftrag auszukundschaften, welcher
Goldschmied Nürnbergs die Rose gearbeitet, welche der König der Scheurlin
geschenkt. Er sollte eine ganz gleiche danach anfertigen lassen. Da der Jude
erfuhr, dass Meister Albrecht Dürer der Verfertiger war, ein Mann, der sich weder
durch Bestechung noch Drohung zu einer unredlichen Handlung verleiten liess, und
der sich um keinen Preis in ein Geschäft mit einem Juden würde eingelassen
haben, so kam er darauf, durch die alte Jacobea, welche er zu ihm sandte, zu
seinem Ziel zu gelangen.
    An dem Gastmahl in Nürnberg, an welchem der Ritter von Weispriach die
gehässigen Gesinnungen kennen lernte, welche die Hallerin gegen die Scheurlin
hegte, hatte er von dieser im Interesse seines Freundes Streitberg mehr zu
erfahren und sie mit zu seiner Bundesgenossin zu machen gesucht. Bei ihrem
späteren Wiedersehen war zwischen ihnen ein Plan verabredet worden, eine von
Streitberg mit der Scheurlin gewünschte Zusammenkunft zu veranstalten. Wie sehr
auch die Hallerin wünschte, die beneidete und darum verhasste Feindin zu
demütigen, so wollte sie sich doch erst lange nicht zu einer Vermittlerin
hergeben, obwohl Weispriach nichts von ihr verlangte, als dass sie Elisabet mit
andern Gästen zu sich lade und sie dann in ein abgelegenes Gemach locke, in dem
ein von ihr verschmähter Liebhaber - der Ritter nannte absichtlich keinen Namen
- sie ungestört treffen könne. Nur um einen Preis war sie bereit das zu tun:
wenn sie eine, derjenigen Elisabet's ganz gleiche Nadel erhalte, die sie nun,
wo der König fort war, auch als ein Geschenk seiner Huld ausgeben, dadurch
Elisabet demütigen und sich an ihr rächen könne - ja die Hallerin bestand
entschieden darauf, nicht früher ihre hülfreiche Hand zu bieten, bis sie in den
Besitz der Nadel gesetzt worden.
    Doppelt ungelegen war es darum den Rittern, durch die Antwort des
Goldschmieds sich so hingehalten zu sehen. Als endlich die drei Wochen vorüber
waren, sandten sie nächtlicher Weile ein paar ihrer Knappen mit der für die
Nadel geforderten Summe zu Meister Dürer, und der Knappe musste froh sein mit
einer abschlägigen Antwort davon zu kommen.
    Nun war die Hülfe der Hallerin verwirkt - ja man musste noch froh sein, wenn
sie in ihrem Aerger nicht plauderte und den Ritter, der ihr durch ein
Versprechen Hoffnungen erregt, die er nicht erfüllen konnte, in seinem Vorhaben
zu stören suchte. Doch erhielt sie die Furcht, durch eine Mitteilung zum
Nachteil des Ritters zugleich sich selbst zu schaden, bei dem Vorsatz des
Schweigens; aber sie hoffte, dass sich eine Gelegenheit finden werde dem Ritter
zu zeigen, dass man eine Nürnberger Patrizierin nicht ungestraft hintergehe, und
wartete auf dieselbe. Vergessen würde sie die Täuschung nie.
    Indes hatte Weispriach wenig Neigung, für Eberhard von Streitberg noch
fernere Schritte zu tun, und verwies diesen allein auf die Hülfe des Juden, als
dieser wieder mit seiner Tochter auf seinem Hausirergange in das Schloss kam. Er
schlug die alte Jacobea als Bundesgenossin vor, die mit Elisabet's Amme in
einem Hause wohnte; aber man wollte dem Juden nicht allein trauen und behielt
ihn so lange bei sich, bis Rachel nach Jacobea gesandt mit dieser zurückkam. So
verhandelte man in der Gegenwart des Mädchens, das man seiner stillen Weise nach
beinah' nicht anders wie ein einfältiges, dem Vater blind gehorsames Kind
betrachtete. Ja noch mehr! Streitberg, der schon in Nürnberg doch so viel über
die beiden Baubrüder erkundet hatte, um ihre Namen zu wissen, forderte sowohl
von dem Juden als von Jacobea Rat und Mittel sich an ihnen zu rächen. Wie hätte
ein Eberhard von Streitberg je den Schimpf mögen auf sich sitzen lassen, sich
sein Schwert von den Händen eines Steinmetzen entwinden zu sehen - eines
Menschen also, der von Früh bis Abends mit diesen Händen arbeitete und unter
strengen Regeln sein Leben verbrachte, indes er, der stolze Ritter, der jede
Arbeit, auch wenn sie dem Dienste der erhabensten Kunst galt, tief gering
achtete, und mit roher Willkür auf den Landstrassen raubte was er brauchte, wenn
einmal ein beutereiches Kriegerleben sich ihm nicht gleich nach Wunsche bot -
er, der in unzähligen Turnieren den ebenbürtigen Gegner aus dem Sattel gehoben
und mit verwegenem Mute bei kecken Abenteuern so gut wie in wilder Schlacht
Heldentaten verrichtet!
    Mit der kecken Zuversicht, die ihm immer eigen, hatte er danach von König
Max sein Schwert zurückgefordert und wider die Baubrüder geklagt, die ihn in der
Mehrzahl auf der Hallerwiese überfallen und ihm unter frechen Scherz- und
Schimpfworten sein Schwert entrissen. Aber er hatte dabei nicht gedacht, dass der
König selbst ein Baubruder war und den Worten freier Steinmetzen mehr Vertrauen
schenkte als einem Ritterwort; noch weniger wusste er, dass Elisabet schon vor
allen Frauen Nürnbergs vor den Augen des Königs Gnade gefunden. So hatte er erst
nur die königliche Antwort erhalten, dass die Sache untersucht werden solle, um
darauf den noch grössern Schimpf zu erleben, dass ihm der König sein Schwert zwar
wieder sandte, aber mit der Bemerkung, dass er es nur ausserhalb der Stadt tragen
dürfe, und mit der Verweisung aus derselben und der Drohung, dass er, falls er
nicht gehorche, als ein Friedensbrecher dem Gefängnis und Gericht der Stadt
werde überantwortet werden. Wie sehr Streitberg auch wüten mochte: es blieb ihm
nichts übrig als zu gehorchen, und er musste noch froh sein, dass er doch keinen
öffentlichen Schimpf erleben, sondern sich den Anschein geben durfte, als riefe
ein Geschäft ihn fort.
    Er zog sich indes auf Weispriach's Veste zurück, und ward immer mehr von
Zorn erfüllt, als er vernahm, wie der König Elisabet auszeichnete, bei deren
Anblick seine ganze alte Leidenschaft für sie wieder erwacht war.
    Eberhard von Streitberg war eine jener ungebändigten Naturen voll roher
Kraft und starker Gefühle, ohne den Willen dieselben jemals zu zügeln, da er
ohne sittliche Grundsätze war. Seine feurige Leidenschaftlichkeit und die
augenblickliche Wahrheit seiner Empfindungen machte sein Glück bei
liebebedürftigen und gefühlvollen Frauen, die von seiner äussern ritterlichen
Erscheinung und einzelnen heroischen Eigenschaften seines Charakters bestochen,
ohne denselben näher prüfen zu können, in ihm das Ideal eines Helden fanden. So
hatte er früh das Herz des Edelfräuleins Helene von Heideck gewonnen und sie als
seine Gattin heimgeführt. Aber bald ward er ihrer überdrüssig, und nur um wieder
frei leben zu können, nahm er Kriegsdienste und abenteuerte in allen Ländern
umher. So kam er nach Venedig, wo er Elisabet Behaim kennen lernte und mit
leidenschaftlicher Glut sich an sie hing. Er erkannte ihren sittlichen Wert
hinlänglich, um zu wissen, dass sie allen Verführungskünsten eines Mannes
widerstehen werde, auf dessen Herz ein anderes Wesen frühere Rechte habe, und so
verleugnete er dieses. Ja, als er sich mit Elisabet verlobte, leitete ihn
vielleicht auch die Hoffnung, seine verlassen hinsiechende Gattin könne sterben,
oder der einmal begonnene Betrug sich weiter fortsetzen lassen. So verbrachte er
ein Jahr fern von Elisabet und der Heimat, bis ihn seine Leidenschaft in die
Nähe Nürnbergs trieb und er nur daran dachte, Elisabet an sich zu reissen, zu
entführen, gleichviel was daraus entstehe. Da ward sein Plan vernichtet, ohne
dass er sie wiedergesehen. So verliess er auf's Neue die unglückliche Gattin und
zog weit fort in's heilige Land, um sich bei minder zurückhaltenden Schönen für
Elisabet's Verlust zu trösten. Dennoch konnte er sie nie ganz vergessen, eben
weil er sie nie besass. Als er darum mit Weispriach aus Palästina zurückgekehrt
erfuhr, dass König Max nach Nürnberg komme, schloss er sich dem Gefolge des
Markgrafen Friedrich von Brandenburg an. Er durfte Elisabet nun wiedersehen in
ihrer ganzen Schönheit, die, wenn er sie mit ihrer jugendlicheren Erscheinung
von einst verglich, nur die Veränderung erfahren, dass sie eine üppig blühendere
geworden war, und dass an die Stelle einer schwärmerischen Sinnigkeit in ihrem
Angesicht der Stempel stolzen Selbstbewusstseins und geistiger Hoheit getreten,
um an sich zu erfahren, dass sie den ganzen alten Zauberbann auf ihn übe. Um so
mehr verdross es ihn, dass sie sein Vorbeireiten unter ihrem Chörlein gar nicht
bemerkte, und da er auch inzwischen nicht erfahren, was aus ihr geworden, so
wendete er sich mit der Frage danach an Markgraf Friedrich, und war frech genug,
wie er von ihrer Verheiratung hörte, sich zu rühmen, dass er einst ihre Gunst
besessen.
    Auf der Hallerwiese wollte er die frühern Rechte auf sie geltend machen,
dachte er durch die Sprache seiner Leidenschaft Versöhnung und Erhörung zu
finden; denn er meinte, Elisabet habe indes wohl genug das Leben kennen
gelernt, um überspannten Begriffen von Liebe, Pflicht und Treue entsagt zu
haben, um so mehr, als er erfuhr, dass sie dem ältern Gatten wohl nur aus
kindlichem Gehorsam oder seines Reichtums und Ansehens wegen ihre Hand gegeben
- ja sein Egoismus zog daraus den für sich günstigen Schluss, dass sie wie ihn
wohl nie wieder geliebt, und er sich darum nur zu zeigen brauche, um die alten
Gefühle wieder zu erwecken. Da nahm dies erste Wiedersehen für ihn einen so
schimpflichen Ausgang.
    Nun lechzte die entflammte Leidenschaft nach einer Gewalttat und nach Rache
an den Baubrüdern.
    Unbeachtet von Allen war Rachel, mit gegenwärtig in einem Winkel an der Tür
kauernd, scheinbar vor Müdigkeit eingeschlafen, als ihr Vater, Jacobea und der
Ritter von Streitberg den Plan zur Entführung Elisabet's entwarfen. Daran
knüpfte sich die andere Frage, wie die Baubrüder zu bestrafen, wie sie es
empfinden sollten, dass ein Ritter nicht ungerächt sich beleidigen lasse.
    Der Adel, der durchaus keinen Kunstsinn besass und überhaupt keiner
Begeisterung für das Ideal fähig war und jedes höheren Aufschwunges baar, der
über die einseitigen Begriffe von Ritterehre und Standeswürde hinausreichte, mit
der es sich ganz wohl vertrug, fleissige Bürger zu berauben und ehrsame Frauen zu
entführen, wenn es nur mit der nötigen Frechheit, welche man Kühnheit nannte,
geschah - dieser Adel hasste die Baubrüderschaften oder verachtete sie doch, wie
er Alles verachtete, was nicht vor der feudalen Herrlichkeit sich beugte. Dieser
Adel war bei seinen Bauten mehr auf sicheres und festes Wohnen als auf Schönheit
bedacht. Vorüber war auch bei ihm jener fromme und gläubige Sinn, der in
früheren Zeiten wohl Fürsten und Herren vermocht hatte, bei einer gelungenen
Unternehmung Kirchen oder Kapellen oder Klöster zu stiften, vorüber die ganze
religiöse Begeisterung, die in den Kreuzzügen und unzähligen Gelübden zu
kirchlichen Zwecken sich offenbarte: das alte, zu seiner Zeit edle und
begeisterte Rittertum war im Absterben und hatte nur einer Art von Raufboldtum
und beispielloser Verwilderung der Sitten Platz gemacht. Im Gegensatz dazu war
das Bürgertum in würdiger Haltung, besonders in den freien Reichsstädten
emporgeblüht, und man setzte in ihm, besonders in Nürnberg eine Ehre darein, die
Kunst zu pflegen und zu beschützen. Es war vielmehr Begeisterung für die Kunst
an sich, wenn man will, auch Ehren- und Modesache, dass die Nürnberger Patrizier
förmlich mit einander wetteiferten, Stiftungen, wenn nicht zu neuen Kirchen
selbst, doch zu den Verschönerungen der alten zu machen. Der Adel blickte
verächtlich auf dies schöne Kunststreben, und wenn König Max in vielen
Beziehungen als ritterlicher Held ihren Hoffnungen gerecht war, so war ihnen
doch sein Sinn für Kunst und Wissenschaft eine sehr überflüssige Beigabe. Dass er
selbst freier Maurer geworden und mit den Baubrüdern als mit Seinesgleichen
verkehrte, konnten sie ihm vollends nicht vergeben. Wäre dies nicht der Fall
gewesen, so hätten sie wohl versuchen mögen, die Genossenschaft freier Maurer,
die sich nach eigenen Gesetzen regieren durfte, als eine gemeinschädliche
Verbindung zu verdächtigen; aber so wie die Sachen standen, konnten sie nur
versuchen, sich an dem Einzelnen zu rächen. -
    »Lasst uns nur machen,« sagte Jacobea und nickte dem Juden zu, da diese Frage
aufgeworfen ward. »Ich weiss, dass die Steinmetzen sehr streng auf ehrliches
Herkommen und auf sittenreinen Wandel halten, strenger als Mönche und
Geistliche, die es damit nicht gar zu genau nehmen - können wir dem blonden
Hieronymus und dem Ulrich von Strassburg nachsagen, dass sie mit Frauenzimmern
zusammen zu kommen pflegen und dass sie von zweifelhafter Herkunft sind, so
werden sie mit Schimpf und Schande aus der Genossenschaft verwiesen.«
    »Das ist ein guter Rat!« sagte Streitberg; »in Strassburg hat es ja Hexen
gegeben - wer weiss, gelingt es nicht ihn zu einem Hexensohn zu stempeln!« -
    Das war die Unterredung, welche Rachel mit angehört und welche sie vermocht
hatte, die Baubrüder aufzusuchen und zu warnen.
    Rachel war trotz der Umgebung, in der sie aufgewachsen und die sich wahrlich
weniger durch eigene Schuld als durch die barbarischer Christen in einem
ununterbrochenen heimlichen Krieg gegen dieselbe befand, dem kein Hülfsmittel zu
schlecht war, mit einem weichen Gefühl und zartem Gewissen begabt, das offenbare
Schlechtigkeiten als solche empfand und vor ihrer Vollziehung schauderte.
Gleichwohl war sie eine zu gehorsame Tochter und erkannte in ihrem Vater das
würdige Oberhaupt der Familie, dem sie blinden Gehorsam schuldig war. So kam sie
in fortwährende Conflikte, in denen sie sich oft nur durch etwas wie Instinkt
einer unverdorbenen weiblichen Natur für das Eine oder Andere entschied. So war
es hier gewesen. Der Baubruder Ulrich, der ihr die Rose zugeworfen, der dann sie
freundlich »liebes Kind« genannt, war zum Abgott ihres Herzens geworden; es
mochte geschehen was da wolle - ihn musste sie warnen. Und warum nicht durch ihn
auch die schöne Frau, der er hülfreich beigestanden? Rachel's ganzes
mädchenhafte Gefühl sträubte sich dagegen, ein Weib in die Gewalt eines rohen
Mannes fallen zu lassen! Wenn sie diese Bubenstücke zu hintertreiben suchte, so
konnte sie dies auf keine andere Weise als die geschehene versuchen - durfte
weder ihren Vater noch andere Beteiligte angeben, wenn sie nicht selbst sich
verraten und dadurch die Möglichkeit abschneiden wollte, künftig noch
Aehnliches zu verhüten.
    Und nun hörte sie, dass Ulrich erschlagen, nun war sie es selbst, die ihn dem
Tod entgegengesandt!
    Sie durfte auch jetzt sich durch kein Wort verraten - aber selbst wenn der
Fluch des Vaters sie träfe, welcher Fluch konnte denn sie mehr entsetzen als das
Blut des Baubruders, das über sie kam? -
 
                                  Zweiter Band
                                  Erstes Capitel
                                    Gobelins
Die kalten Strahlen einer halbverschleierten Wintersonne brachen sich auf den
Eisflächen der Pegnitz. Frisch gefallener Schnee lag auf den Dächern von
Nürnberg, schmückte die zierlichen Giebelkanten mit glänzendweissem Besatz und
wölbte über jedes Chörlein noch einen zweiten Baldachin, so weich und
anschmiegend, als sei er aus sammetener Decke gewoben. Aus den Essen wirbelte
grauer Rauch empor, am dichtesten aus den hohen Schornsteinen der Giesshütten.
    In dem mit Marmor und Eisengittern von durchbrochener Giessarbeit verziertem
Kamin in Elisabet Scheurl's Wohnzimmer brannten grosse Eichenknorren, um den
weiten Raum mit behaglicher Wärme zu erfüllen.
    Die Tür des Nebenzimmers stand offen und auch darin loderte ein prasselndes
Feuer. Dies Gemach erschien zu einem Arbeitszimmer umgeschaffen. An der Wand
befand sich eine grosse Holztafel, auf deren himmelblauem Grund eine Auferstehung
Christi gemalt war. Der Engel des Herrn sass im leuchtenden Gewand im Grabe, die
Jünger und Frauen standen bestürzt davor, zur rechten Seite zeigte sich der
Auferstandene, die ganze Gestalt vom goldenen Heiligenschein umflossen. Die
Farben waren sehr bunt und lebhaft, die Gestalten lang gezogen und eckig, aber
einzelne Gesichter von sprechendem Ausdruck. In der im Vordergrund stehenden
Maria Magdalena erkannte man ohne Mühe Elisabet's Conterfei. Daneben lehnten
noch kleinere Holztafeln mit schwebenden oder betenden Engeln, umgeben von
Palmen oder Sternen, aus denen meist Ecken in verschiedenen Zusammensetzungen
gebildet waren.
    An den beiden hohen Bogenfenstern, von denen die schweren Damastvorhänge
zurückgeschoben waren, um ungehindert alles Licht einzulassen, das die kurzen
Wintertage spendeten, standen zwei ungeheure Stickrahmen, noch nicht gross genug,
um den Stoff zu fassen, der darin verarbeitet werden sollte, und darum noch an
den Seiten aufgerollt war. Hier sah man ein mühevolles Werk weiblicher
kunstgeübter Hände begonnen. Das grosse aufgestellte Gemälde von der Hand des
Malers Hans Beuerlein diente als Muster, und sollte sich hier in damals üblichem
Gobelinsstich noch einmal wiederholen. Ganze Körbe, von Wolle und Seide in
strahlenden Farben, und mit Gold und Silberfaden angefüllt, standen bereit, das
reichste Material zur Verarbeitung zu bieten.
    Etwa seit Jahresfrist war Elisabet auf den Gedanken gekommen, die Töchter
der edlen Geschlechter Nürnbergs aufzufordern, mit ihr vereint einen Teppich vor
das Hochaltar der Kirche von St. Lorenz zu sticken, an deren Verschönerung
gerade jetzt so begeistert gearbeitet ward. War doch damals alle Kunst zu einem
Ganzen vereint in der Kirche und strebte alle Kunstbegeisterung diesem erhabenen
Mittelpunkt zu - so auch die der Frauen. Elisabet aber ging immer Allen gern
mit einem leuchtenden Beispiel voraus, stand immer gern an der Spitze und
ordnete Alles nach ihrem Sinn und Geschmack, der denn auch durch seine Veredlung
und Reinheit berufen war, vor dem Anderer zur Geltung zu kommen. Ihr geachteter
Name wie ihr Reichtum fielen dabei nicht minder in die Wagschaale, und auch
ihre Feindinnen und Neiderinnen mussten sich damit begnügen, sie im Stillen zu
verspotten und zu verleumden, öffentlich aber ihr den Vorrang zu lassen und
persönlich ihr höflich zu begegnen. Bei einem so regen Geiste, wie dem
Elisabet's, und einem so glühenden Herzen, wie in ihrer Brust schlug, dem sie
doch nicht mehr die einstige laute Sprache gestatten durfte und wollte, war das
Bedürfnis um so dringender, immer für ein Grosses oder Allgemeines zu wirken,
durch ein edles Streben und eine anregende Tätigkeit sich selbst im
Gleichgewicht zu erhalten. Ihr klarer Verstand erkannte das selbst, und halb
berechnend, halb nur ahnungsvoll gestaltete sie darnach ihr Leben.
    Ziemlich zwei Jahre war sie nun verheiratet. Christoph Scheurl war nach wie
vor befriedigt und stolz durch ihren Besitz, liess sie ungehindert über seinen
Reichtum verfügen und freute sich, wenn sie denselben anwendete, den Glanz und
die Ehre seines Namens zu erhöhen, wie es sowohl durch Unternehmungen wie die
obige geschah, als auch dadurch, dass sie die Bevorzugten des Handwerkes und der
Kunst teils für sich arbeiten liess, teils mit einem Kreise von Gelehrten um
sich versammelte, und so bestrebt war, so viel als möglich nicht nur mit den
andern Nürnberger Geschlechtern zu wetteifern, sondern auch den Medicäern und
anderen italienischen Grossen es nachzutun, so viel es in ihren Kräften war.
Daneben erfüllte Elisabet treulich jede Pflicht der deutschen Hausfrau, war
gegen ihren Gemahl so aufmerksam wie er gegen sie, und wie er sie, liess auch sie
ihn gern in allen Stücken gewähren. Bei ihr war die Begeisterung für die Kunst
und alle höheren allgemeinen Angelegenheiten aus innerster Empfindung
hervorgegangen, zum wahren Lebensbedürfniss geworden; bei ihm war nur Eitelkeit
und Ehrgeiz dabei das leitende Motiv, im Uebrigen lebte er seinen Geschäften als
Kaufmann und Ratsmitglied, und fand mehr Gefallen an Zechgelagen und
Schmausereien als an gelehrten Gesellschaften und Kunstbestrebungen. Gern
überliess er diese seiner Gemahlin, und diese grollte ihm ebenso wenig darüber,
wenn er Tage und Nächte ausser dem Hause in wüsten Gesellschaften zubrachte, die
trotz der Beteiligung vornehmer und hochangesehener Ratsmitglieder keineswegs
zu den mässigen und sittenreinen gehörten. So lebte dies Paar glücklich und
zufrieden vor den Augen der Welt; der Gatte war es wirklich, denn ihm genügte
dieser äussere ungestörte Lebensgenuss, und sein Herz, das wohl einst auch
Leidenschaften gekannt und wärmere Empfindungen, war jetzt doch längst alt und
kalt geworden, nicht mehr gemacht für zartere Regungen, die in seinem männlichen
Alltagsleben, dessen Freuden im wechselnden Besuch der Trinkstuben und grösserer
Gastereien bestanden, gänzlich untergegangen. Elisabet gehörte zu den edlen
Frauenseelen, welche von sittlichen Grundsätzen erfüllt still dulden und
entsagen, und den Schein des Glückes bewahren, auch wo sie dieses selbst als
verloren erkennen, um sich so wenigstens vor dem Mitleid zu sichern, das sie wie
eine Schande empfinden, wenn die Lebensschicksale, welche es hervorrufen, nicht,
wie z.B. schmerzliche Verluste durch den Tod, Sendungen einer höheren Macht
sind, sondern Folgen eigener und fremder menschlicher Handlungen.
    Ueber ein Jahr war vergangen, seit sie auf's Neue das Opfer eines Complots
hatte werden sollen, das Eberhard von Streitberg gegen sie eingeleitet. Die
Erschütterungen, welche damit verbunden waren, das plötzliche Wiedersehen, der
Schrecken, die ganze nächtliche Scene eines blutigen und ungewissen Kampfes,
wohl auch der lange Aufentalt nach solcher Erregung im feuchten Walde und der
nächtlichkalten Luft - dazu der Entschluss, vor wie nach über Eberhard von
Streitberg zu schweigen und das, was er ihr einst gewesen war, und dabei doch
die Furcht, Alles, was ihr Stolz jahrelang verschwiegen, verraten zu sehen; die
Anstrengung, um das demütigende und schmerzende Geheimnis zu bewahren, alle
verfänglichen Fragen zurückzuweisen, auch der Kummer und die Sorge um die doch
nur um ihretwillen im Gefecht Verwundeten oder Erschlagenen - obwohl damals ein
nach dem Recht des Stärkeren gemordetes Menschenleben selbst auf ein zartes
weibliches Gewissen nicht mit so zermalmender Qual fiel, wie in späteren
menschlicheren, zu höheren Anschauungen und reinerer Sittlichkeit geläuterten
Jahrhunderten: so war dies Alles vereint doch genug, mit Elisabet's Seele auch
ihren Körper zu ergreifen und sie auf das Krankenbett zu werfen.
    Herr Scheurl hatte sich beeilt, alle gelehrten Aerzte und Wunderdoctoren
Nürnbergs um ihr Lager zu versammeln, so dass sie der eine mit seinen Mixturen
und Salben immer mehr quälte als der andere, der eine ihr am Fuss, der andere am
Arm zur Ader liess, so dass sie - Dank ihrer guten Natur, aber wahrscheinlich
trotz der Kunst der Aerzte - zwar mit dem Leben davon kam, aber doch erst, als
es draussen wieder Lenz ward, sich nach Monden voll Fieber und Qualen wieder zu
erholen begann. So war ihre Krankheit auch die natürliche Ursache, dass sie, in
der ersten Zeit völlig bewusstlos und dann nur mit ihren Angehörigen und der
Dienerschaft in Berührung kommend, weder irgend eine Aufklärung über das gegen
sie geschmiedete Complot erhielt, noch einem ähnlichen zum Gegenstand dienen
konnte - und später wollte sie selbst lieber Alles vergessen wissen, als noch
durch Fragen daran erinnern. Noch ehe sie selbst erlag, hatte sie den
berühmtesten Bader zu den verwundeten Baubrüdern gesandt, und er hatte ihr die
Nachricht gebracht, dass der eine leichter verwundet sei, der andere aber, Ulrich
von Strassburg, sehr gefährliche Wunden habe, ohne Bewusstsein sei und
wahrscheinlich sterben werde. Die Mutter des blonden Hieronymus, bei dem er
wohne, pflege ihn, wenn der Baubruder in der Hütte arbeite. »Für mich
gestorben!« hauchte Elisabet - und von da an verlor sie die Besinnung. Anfangs,
in ihren Fieberphantasien war sie immer mit Ulrich beschäftigt, sah ihn
verwundet vor sich liegen, betete bald für ihn als ihren Retter, und schalt ihn
bald, dass er sich überall in ihren Weg dränge, nur um sie zu demütigen, sie
wieder an die Schmach zu erinnern, die er ihr bereitet, als er die Rose aus
ihrer Hand auf das Judenmädchen warf. Allmälig jedoch, wie das Fieber nachliess,
schienen diese Bilder und Erinnerungen zu schwinden, ja sie es sorgfältig zu
vermeiden, durch irgend etwas wieder an die Ereignisse jener Nacht gemahnt zu
werden. Es schien ihr am Angemessensten, ihre Umgebung glauben zu machen, als
habe sie dieselben wirklich ganz und gar vergessen.
    Jetzt, im Januar 1491 ist jede Spur der langen Krankheit von ihr
verschwunden. Hat ihr edles Antlitz noch nicht ganz die frühere Frische und ihre
majestätische Gestalt die frühere Fülle wieder erlangt, so erscheint ihre
Schönheit dadurch nicht beeinträchtigt, dass der Eindruck, welchen sie jetzt
macht, mehr ein geistig erhebender als ein sinnlich verlockender ist.
    Vielmehr als sie selbst schien ihre Freundin Ursula Muffel in dieser Zeit
gelitten zu haben, welche jetzt zu ihr in das Zimmer trat. Ihre sanften Züge
drückten Leid und Sehnsucht aus, und ihren Augen sah man es an, dass sie manche
kummervolle Nacht durchwacht und manche Träne vergossen.
    Die neue Glocke auf dem Turm der Sebaldskirche hatte nicht lange zwölf Uhr
geschlagen, als Ursula zu Elisabet kam. Die übliche Zeit des Mittagessens war
bei den Vornehmen wie bei den Handwerkern gleicherweise elf Uhr, und da man sich
für gewöhnlich auch in den reichsten Häusern auf wenige Gänge beschränkte, dafür
nur wenn Gäste zugegen waren oder bei ausserordentlichen festlichen Gelegenheiten
die Gänge in's Unzählige steigerte und oft gleich von Abend bis zu Mittag bei
Tische sass, so war eine gewöhnliche bürgerliche Mahlzeit in einer Stunde
beendet. Um Ein Uhr pflegten sich an den bestimmten Tage die Stickerinnen bei
Elisabet zu versammeln.
    Ursula sagte Elisabet begrüssend: »Ich komme früher als die Andern, weil ich
von Dir hören wollte, ob es wahr ist, dass für den nächsten Monat ein Reichstag
hierher ausgeschrieben ist und ob König Max auch mitkommen wird?«
    Elisabet's Augen leuchteten bei dieser Nachricht. »Ich habe noch Nichts
davon gehört,« antwortete sie; »aber mein Gemahl ist unwohl und heute nicht zu
Rat gegangen. Hat Dein Vater diese Nachricht von dem Rathaus mitgebracht?«
    »Ja,« versetzte Ursula; »er kam entrüstet heim, und da ich ihn nach der
Ursache seines Aergers fragte, sagte er, dass der Kaiser einen Tag nach Nürnberg
ausgeschrieben, aber nur die Fürsten und nicht die Städte dazu geladen. Näheres
erfuhr ich nicht und setzte meine Hoffnung wie immer auf Dich.«
    Elisabet seufzte und legte liebend ihren Arm um die ihr vertraute Freundin,
der sie schon lange keinen freudigen Trost mehr zu geben vermochte und auch
jetzt deren Hoffnung nicht rechtfertigen konnte.
    Seit Stephan Tucher den Fahnen des Königs Max gefolgt war, hatte er Anfangs
an Ursula so oft geschrieben, als es im Felde und in der damaligen Zeit, wo die
Briefe immer nur einer zufälligen und unsichern Gelegenheit anvertraut werden
konnten, eben möglich war. -
    Nachdem König Matias von Ungarn Anfang April 1490 plötzlich in Wien
gestorben war, hatte König Max den Krieg um seine östreichischen Erbländer
begonnen. Am neunzehnten August hatte er seinen feierlichen Einzug unter dem
Jubel des Volks in Wien gehalten, unter Lobgesängen in der St. Stephanskirche
dem Herrn der Heerschaaren gedankt und auf offenem Markt die Huldigungen des
Rats und der Gemeinde empfangen. Diesen glorreichen Tag hatte Stephan an Ursula
geschildert - aber seitdem hatte sie keine Nachricht wieder von ihm erhalten.
War er in der Schlacht gefallen? war er ihr untreu? hatte er sie vergessen?
    Das Erstere war wohl möglich, denn König Max war mit bairischen Hülfsvölkern
in Ungarn selbst eingebrochen, um auch dieses zu erobern, und hatte am ersten
November selbst Stuhlweissenburg, die Krönungs- und Begräbnissstadt der
ungarischen Könige genommen - da konnte wohl Stephan mit bei dem Sturme gefallen
sein. Aber von zurückkehrenden Nürnbergern, die auch mit unter den bairischen
Hülfsvölkern gewesen, hörte sie, dass er noch am Leben sei. Aber Keiner brachte
ihr einen Gruss von ihm. Freilich waren diese Rückkehrenden eigentlich Ausreisser
aus dem bairischen Heere; denn in diesem war zwischen Reiterei und Fussvolk
Streit über die Teilung der gemachten Beute entstanden, so dass das Fussvolk, als
es weder von dieser den gewünschten grössern Anteil, noch den rückständigen Sold
ausgezahlt erhielt, rottenweise davon zog, wodurch der König sich genötigt sah,
sein Vordringen nach Ofen aufzugeben und sich nach Oestreich zurückzuziehen.
Schwerlich würde der ritterliche, dem König ergebene Stephan mit denen, die den
König verliessen, gemeinschaftliche Sache gemacht haben. Allein jetzt war dieser
nach Wien und dann nach Linz zurückgekehrt zum alten Kaiser Friedrich, der im
October die Reichsacht über Regensburg ausgesprochen, das sich an den Herzog
Albrecht von Baiern angeschlossen, der gegen des Kaisers Willen sich mit dessen
Tochter Kunigunde vermählt, die der Vater deshalb verstossen. Indes sich Max
jetzt bemühte hier ein Friedenswerk zwischen dem Vater und dem Schwager zu
stiften, während Friedrich die Hülfe des Schwäbisschen Bundes und des
Löwlerbundes für sich wünschte, hörte Ursula, und zwar von Stephan's eigener
Schwägerin Eleonore Tucher, die bei einer festlichen Gelegenheit mit ihr
zusammenkam, dass es Stephan in dem lustigen Wien sehr wohl gefiele, dass er ihrem
Gatten geschrieben, wie es nirgend schönere Frauen und freiere Sitten gebe, wie
dort, und dass es sich da gar angenehm von den Strapazen eines gefahrvollen
Feldzuges ausruhen lasse.
    Anfangs suchte Ursula für diese Nachricht Trost in der Hoffnung, dass
dieselbe gefälscht sei, und bat Elisabet um ihren Beistand, ihr den Brief oder
doch Gewissheit über seinen Inhalt zu verschaffen. Wirklich erhielt ihn Elisabet
durch ihren Gemahl von Anton Tucher. Eleonore hatte Nichts hinzugesetzt oder
erlogen: im Gegenteil, der aus Wien datirte Brief entielt, was sie gesagt,
noch begleitet von den rohen Ausdrücken und schmutzigen Spässen, welche damals,
besonders unter der Männerwelt üblich waren. Das war der Brief eines
lebenslustigen Mannes, der an jeden Genuss sich hingibt, welchen der Augenblick
bietet, unbekümmert, ob derselbe mit den Grundsätzen der Sittlichkeit sich
vereinen lasse, unbekümmert, ob daheim eine treue sehnsüchtige Geliebte seinen
Schwüren vertraut und kummervoll die Stunden zählt, bis sie einen Gruss von ihm
empfängt.
    Elisabet wollte Ursula gern die bitterste Kränkung ersparen, und sagte ihr
nicht, dass sie selbst diesen Brief gelesen, aber doch dass ihr Gemahl das von
Eleonore Gesagte bestätigt. Indes fügte sie hinzu, es könne ja sein, dass Stephan
seinem Bruder nur darum in einem solchen Ton geschrieben, um ihn und seinen
Vater glauben zu machen, dass er Ursula aufgegeben und vergessen habe, da sie
sich ja immer diesem Verhältnis widersetzt. Wie gern auch Ursula diesem
Trostgrund Eingang in ihr banges Herz vergönnte: es blieb doch immer die Frage,
warum er ihr nicht geschrieben, da doch sonst seine Briefe sie immer erreicht
und sich noch stets gefällige Liebesboten gefunden hatten. Nur einmal war ein
Brief von ihm verloren gegangen, aber das immer erwartend, hatte er
wiedergeschrieben; so war dies auch ein Trost wohl für einige Wochen, auch
Monate - aber nicht für ein halbes Jahr, wo er nicht mehr im Kampfe, sondern
näher war und andere Briefe von ihm nach Nürnberg gelangten.
    Und Elisabet war auch eine Trösterin, welche selbst nicht glaubte, obwohl
sie den Grundsatz hatte, jeden schönen Traum in anderen Herzen so lange als
möglich fortzunähren, da die Enttäuschung und das Leid immer zu früh genug
komme; sie wusste, dass für ein liebendes weibliches Gemüt der peinlichste
Zustand des Schwankens zwischen Furcht und Hoffen immer noch besser sei, als die
entscheidende Gewissheit von der Unwürdigkeit und Untreue des geliebten
Gegenstandes - sie konnte so aus Erfahrung empfinden! aber ihr eigenes Herz war
ja selbst zu sehr verletzt worden in seinen heiligsten Empfindungen durch den
Verrat eines Mannes, als dass sie nicht auch für andere Mädchen und von andern
Männern die gleichen Erfahrungen erwarten sollte. Einem schönen, eitlen und
heissblütigen Manne wie Stephan traute sie nur so lange Ausdauer in seiner
Neigung zu, als das Weib, das seine Leidenschaft erregte, ihm nahe war und nicht
andere verführerischere Frauen ihn lockten. Aber nimmer hätte sie Ursula's Herz
in ähnlichen Besorgnissen bestärken mögen, sie trachtete darnach ihr so lange
als möglich das Schreckliche zu ersparen, woran gerade stille und tiefe, reine
Frauengemüter zu Grunde gehen. Bei solchen Betrachtungen musste sich Elisabet
selbst gestehen, dass sie trotz ihrer geistigen Kraft und ihrer erheuchelten
stolzen Ruhe auch zu den Zugrundegegangenen gehörte, weil sie nicht mehr an das
Ideal zu glauben vermochte, weil sie in zweifelhaften Fällen eher das Schlechte
und Schlimme voraussetzte, als das Gute und Angenehme.
    Kam nun wirklich König Max zu einem Reichstag in nächster Zeit nach
Nürnberg, so war weit eher zu erwarten, dass bei dieser Gelegenheit Ursula's
Geschick entschieden werde, als das von Krieg oder Frieden im deutschen Reich,
oder was immer der Kaiser von den zähen Reichsfürsten und dem schleppenden Gang
der Verhandlungen fordern mochte.
    War Stephan treu, so würde er nicht verfehlen, im Gefolge des Königs sich
wieder in sein Vaterland zu begeben, sei es auch nur für die Dauer des
Reichstages. Blieb er aber ohne genügenden Grund aus, den man wohl von irgend
einem seiner Gefährten erfahren konnte, so bestätigte dies seine Treulosigkeit;
denn für so schlecht hielt ihn keine der Frauen, dass er kommen werde, um noch
durch seine Gegenwart sein unschuldiges Opfer zu verhöhnen.
    Wie natürlich, dass diese erste Nachricht von der baldigen Anherkunft des
Königs einen ganzen Sturm von Empfindungen in Ursula erregte. Hatte sie doch auf
die Huld dieses gütigen und ritterlichen Königs ihre ganze Hoffnung von da an
gesetzt gehabt, wo er im Tanze sie ausgezeichnet und ihr sein Wort gegeben,
nicht anders denn zu ihrer Hochzeit mit Stephan Tucher wieder zu kommen, infern
sie einander nur Treue bewahrten, und wenn sie sich auch immer sagte, dass ein so
viel bewegter Monarch mehr zu denken und zu tun habe, als um das Geschick eines
Liebespaares sich zu bekümmern, so hoffte sie doch sonst, dass, wenn Stephan in
des Königs Geleit zurück nach Nürnberg käme und dieser, wie er versprochen, in
Scheurl's Hause wohne, so werde Elisabet wohl Gelegenheit finden, ihre
Schützlinge seiner Gnade zu empfehlen. Wie würde sich Stephan beeilen ihr seine
Rückkehr, seine Hoffnungen zu melden! - hatte Ursula vorher gedacht - und jetzt
schwieg er, wie er seit einem halben Jahre geschwiegen! -
    Ausser den Regungen teilnehmender Freundschaft waren es noch Gefühle ganz
anderer Art, welche bei dieser Nachricht Elisabet ergriffen.
    Wenn König Max wiederkam - würde er auch derselbe sein wie vor ziemlich zwei
Jahren? Damals kam er eben aus den Niederlanden, ein sieggekrönter Fürst, der
einen ehrenvollen Frieden geschlossen. Er kam nur nach Nürnberg, die alte freie
Reichsstadt zum ersten Male zu begrüssen, er lebte unter ihren Bürgern harmlose
festliche Tage, gefeiert und geehrt von Allen, und sie wieder ehrend durch sein
leutseliges Wesen und die frohe Art, wie er sich unter sie mischte, mit ihnen
gemeinschaftlich freute.
    Wie anders jetzt, wenn er Reichstag hielt! Da würden alle Fürsten und
Herren, alle Grossen des Reichs ihn umgeben und von den Nürnberger Bürgern
trennen - schien doch der Senat ihn schon zu grollen, weil er nur die Fürsten
und nicht die Abgesandten der Städte geladen: - es war eine Zurücksetzung, die
gerade den Bürgerstolz am tiefsten verwundete. Auch in Elisabet lebte der
gleiche Stolz, der sich dagegen empörte. Wie oft sie auch die angenehmen Tage
zurückgewünscht hatte, an denen König Max in Nürnberg weilte und ihr die
ritterlichsten Aufmerksamkeiten widmete - tausendmal lieber wollte sie ihn nie
wiedersehen, als wiedersehen und von ihm übersehen werden. Sie war immer stärker
ein Unglück zu ertragen als eine Demütigung, welche sie dem spöttischen Lächeln
ihrer Feindinnen und Neiderinnen preisgab.
    Die Sorgen des Reichstages mussten jetzt auf dem König lasten und noch
schlimmere. Zwar hatte er seine Erblande wieder, aber er hatte doch den weiteren
Eroberungszug nach Ungarn aufgeben müssen. Schlimmere Sorgen aber waren in
seinen eigenen Familienangelegenheiten erwachsen. Nicht nur der Zwist zwischen
dem Vater und dem Schwager - Härteres hatte Max persönlich betroffen. Er hatte
sich inzwischen um die Hand der Herzogin Anna von Bretagne beworben, und während
er in Ungarn beschäftigt war, hatte er sich mit ihr durch Procuration - der
Prinz von Oranien war sein Stellvertreter - zu Rennes trauen lassen. Aber am
französischen Hofe liess man sich durch diesen Schein der Ehevollziehung nicht
abhalten, an Verhinderung des Unglücks zu denken, das durch Gründung eines
fremden Fürstenhauses im Herzen der Monarchie herbeigeführt werden musste, und
fasste deshalb den Plan, Anna mit König Karl von Frankreich selbst zu
verheiraten, obwohl dieser schon seit seiner Kindheit mit Maximilian's Tochter,
Margareta von Burgund, verlobt war. Karl wusste Anna endlich zu vermögen, um ihr
Land und ihr kleines deutsches Hülfsheer zu retten, sich ihm zu ergeben und am
6. November 1491 den Heiratsvertrag mit ihm zu unterzeichnen. Im December
erfolgte die päpstliche Lösung ihrer Verbindung mit Max. So erscholl eben jetzt
durch ganz Europa das Volksgeschrei, der König von Frankreich habe dem römischen
Könige seine Gemahlin entführt und seine Tochter verstossen. Maximilian's
Aufbrausen bei der Nachricht von der ihm zugefügten Beschimpfung kannte keine
Grenzen, und da seitdem erst nur kurze Zeit verflossen war, so konnte man wohl
denken, wie er nicht empfänglich sein würde für harmlose heitere Festlichkeit
wie in früherer Zeit, und vielleicht noch weniger für Gründung des Liebesglückes
Anderer, da es ihm eben selbst auf so schmähliche Weise versagt war.
    Und wenn er wiederkam - würde er sein Wort halten und in Scheurl's Hause
Wohnung machen? Geschah es nicht, so fand Elisabet schon darin eine
Zurücksetzung - und geschah es, so erwachten jetzt schon die Sorgen der Hausfrau
in ihr, den hohen Gast auch würdig und glänzend genug zu empfangen.
    Die beiden Freundinnen wurden im Gespräch über diese Angelegenheiten
unterbrochen, als ihre stickenden Genossinnen erschienen: Elisabet's Schwester
Margareta, Beatrix Imhof, Crescentia Rieter, Charitas und Clara Pirkheimer und
andere Jungfrauen aus den ratsfähigen Geschlechtern, denn nur solche hatte
Elisabet zu der Arbeit berufen.
    Alle eilten die unterbrochene Arbeit neu zu beginnen.
    Mit den Schwestern Pirkheimer pflegte Elisabet den Umgang am liebsten,
Ursula ausgenommen. Sie waren beide von dem regsten Eifer für wissenschaftliche
Studien sowohl als frommes Wirken beseelt, so dass man sie bald die gelehrten,
bald die frommen Schwestern nannte. Zu jeder Arbeit waren sie bereit und tüchtig
und für jedes Streben begeistert, das sich über die gewöhnlichen Lebenssphären
erhob. Ihre Bildung war eine ausserordentliche und besonders durch das früher
gemeinschaftliche Lernen mit ihrem Bruder Willibald geförderte. Jetzt, wo er
fern war und inzwischen auch ihre Mutter gestorben, hatte ihr Sinn sich dadurch
immer mehr von den lauten Freuden der Welt abgewendet, ihren stillen Studien und
einem beschaulichen Leben zu.
    Jetzt waren sie auch die Eifrigsten bei der Stickerei der Gobelins, ja sie
hatten es sich nicht nehmen lassen, beide allein die Figur des Auferstandenen zu
sticken, darin eine besondere Befriedigung findend. War nun auch die schöne
Elisabet weltlicheren Sinnes als die beiden, von der Natur gerade nicht mit
körperlichen Vorzügen ausgestatteten Schwestern, so erkannte sie doch ganz deren
innern Wert und ehrte ihre frommen Lebensanschauungen, wenn sie auch selbst
sich zu freieren emporgeschwungen. Es war immer ein klarer Friede um diese
Beiden, der ihr wohl tat und den sie ihnen um so mehr beneiden konnte, als ihre
unruhig bewegte Seele nur den Schein desselben zu behaupten suchte.
    Sie fragte jetzt die Schwestern nach ihrem Bruder Willibald, von dem sie
wusste, dass er Ritterdienste bei dem Bischof von Eichstädt, eines der Häupter des
schwäbischen Bundes, genommen.
    »Zu unserer Freude,« sagte Charitas, »wird er bald das Schwert mit der Feder
vertauschen, um in Italien die unterbrochenen Studien fortzusetzen. Im rohen
Kriegerhandwerk können es wohl Andere ihm gleich tun, aber mit seinem freien
Geiste und seiner umfassenden Bildung passt er besser in die stille Werkstatt der
Gelehrten und wird seiner Vaterstadt und dem Reiche bessere Dienste leisten
können, als mit dem Schwert. Kommt der Bischof von Eichstädt zum Reichstage her,
so wird er ihn begleiten und kurz bei uns verweilen, ehe er auf lange Zeit nach
Italien geht.«
    »Ihr wisst es also auch schon von dem Reichstag?« fragte Ursula gespannt.
    »Mein Vater sagte es diesen Mittag,« antwortete Clara.
    Auch Crescentia Rieter mit Margareta Behaim, die jüngste in diesem Verein,
stimmte dieser Nachricht bescheiden bei.
    Draussen liessen sich eben Männerschritte vernehmen - Elisabet hoffte, es
werde ihr Gemahl sein, der nun auch die aufregende Kunde empfangen, und komme
sie mitzuteilen - aber sie hatte sich getäuscht; statt seiner trat der Maler
Hans Beuerlein ein, um zu sehen, welche Fortschritte der Gobelin mache, zu dem
er das Gemälde geliefert.
    Er war ein mittelgrosser Mann in den Fünfzigen, seine Gestalt hatte er in
einem grossen Zipfelpelz von dunkler Farbe gehüllt und auf dem Kopfe trug er eine
Art Mütze von roter Farbe, ein Schläplein, wie diese wunderliche Kopfbedeckung
hiess.
    Freundlich gab er sein Lob über die vorgeschrittene Frauenarbeit zu
erkennen, aber als er sich über Ursula's Schulter bog, ihr Werk zu betrachten,
sagte er: »Aber was ist denn das: Ihr stickt der armen Maria Magdalena graue
Haare statt der blonden - würde es Euch doch selbst sehr kränken, wenn man Euch
plötzlich mit grauen Haaren sehe!
    Errötend erkannte Ursula das Unheil, das sie angerichtet, indes ihre
Gedanken ganz anders beschäftigt gewesen als mit ihrer Arbeit. Durch langes
Sehnen und Harren, Fürchten und Hoffen schon zum Äussersten erschöpft, brach sie
in Tränen aus und rief: »Ach, das ist gewiss eine schreckliche Vorbedeutung!«
    Der Maler lächelte: »Trennt es herzhaft wieder heraus und macht den Fehler
gut, den ihr begangen, so macht Ihr auch die Vorbedeutung zu Schanden. So ist's
Männerart; aber die Frauenzimmer sehen immer Alles gleich mit weinerlichen Augen
an, bis sie gar nichts mehr erkennen können.«
    »Ei freilich!« entgegnete Elisabet, »das ist bequeme Männerweisheit, die
sich immer ihr Schicksal leicht macht: Wenn Ihr dies Haar mit einer falschen
Farbe gemalt hättet, so bedürfte es nur einiger Pinselstriche von Eurer Hand aus
einem andern Farbentopf, um dies Grau wieder in das schönste Blond zu
verwandeln; das Frauenloos ist aber: hundert Stiche mühevoll aufzutrennen und
wieder hineinzunähen - ein Geschäft, das vieler Geduld und Zeit bedarf; nimmer
unterzieht sich jetzt ein Mann einem solchen, um seine Fehler gut zu machen.«
    »Ei, was höre ich, Frau Elisabet?« rief der Maler: »aber so geht es immer,
wenn sich einmal ein Mann allein unter die Frauenzimmer wagt, da muss er immer
sich Allerlei gefallen lassen - statt Hahn im Korbe zu sein, ist man der Hirsch,
den die Windspiele umzingeln und ankläffen.«
 
                                Zweites Capitel
                                Propst und Mönch
Auf dem Steig bei den zwölf Brüdern standen mehrere niedere Gebäude durch einen
grossen Hof verbunden. Vor dem Eingang am grossen Hoftor, über dem sich ein
zierlicher Spitzbogen mit durchbrochener Arbeit erhob, befand sich ein
steinerner Lindwurm, der aus seinem weiten Rachen Wasser spie, das auch jetzt im
Winter lustig daraus hervorquoll, nur dass es da und dort am Rande des
Wasserbeckens, wenn es über dasselbe plätscherte, zu seiner kunstreichen
Steinmetzenarbeit noch spitze Zapfen von Eis ansetzte und auch den Rachen des
Ungeheuers mit einem Bart von silberhellglänzenden Eisfasern umgab, dass es
dadurch eine noch einmal so drohende Miene erhielt.
    Drinnen im Hof, ein langes Gebäude rechts war die Werkstatt des Meisters
Adam Kraft. Hier arbeitete er umgeben von seinen Gesellen und Knechten. Eine
grosse, glatte Steintafel lehnte vor ihm, an der er fleissig feilte, um Figuren in
Lebensgrösse als Hochbilder daran herauszumeisseln.
    Neben ihm standen Herr Martin Ketzel und der Propst Anton Kress. Ersterer,
der bei ihm die sieben Fälle Christi in ebenso vielen einzelnen Steintafeln und
zwei Kapellein bestellt hatte - eine so grosse Arbeit, dass sie leicht mehrere
Jahre bis zu ihrer Vollendung erfordern konnte, war gekommen, um einmal
nachzusehen, wie weit sie vorgeschritten, und hatte auch den als Kunstförderer
bekannten Propst dazu mitgebracht. Adam Kraft hatte ihnen die beiden fertigen
Hochbilder gezeigt, lächelnd ihr Lob vernommen, ohne selbst viel dazu zu sagen,
und jetzt fuhr er in seiner Arbeit fort, um den Besuch seiner Gönner sich weiter
nicht kümmernd.
    Neben ihm stand sein neuester Handlanger, ein Bauernknecht aus dem nächsten
Dorfe, den man nicht anders als den Riesen-Jacob nannte, so gross und stark war
sein Gliederbau. Meister Kraft hatte ihn kürzlich bei seiner Werkstatt
vorübergehen sehen und ihn gefragt, ob er sich von ihm wolle zum Handlanger
dingen lassen? Da es im Winter für den Knecht keine Arbeit und schlechte Zeit
gab, so nahm er das Anerbieten für diese Zeit an. Er hatte gemeint, er sei
gewählt worden, weil er wohl fünf für andere starke Männer Körperkraft besass und
mit Leichtigkeit grosse Steinblöcke da und dortin tragen konnte, die Andere nur
mühsam fortzuwälzen vermochten; indes erstaunte er nicht wenig, als der Meister
nur selten solche Leistungen von ihm verlangte, dafür ihn aber oft an seine
Seite nahm, und indes er selbst die kunstreichsten Formen in den Stein trieb,
dem Riesen-Jacob mit der grössten Genauigkeit zeigte und erklärte, wie man selbst
das mache und wie er versuchen müsse, ihm das nachzutun. Der rohe
Bauernbursche, der nur mit Ochsen und Pferden umzugehen verstand, Bäume zu
fällen, und in Zeiten, wo die Ritter ihren Untertanen und Hörigen die Ochsen
geschlachtet und die Pferde entführt hatten, um sie bei ihren Raubzügen oder im
Kriegsdienst zu verwenden, wohl auch selbst am Pfluge ziehen musste - der
verstand kein Wort von dem, was ihm der Meister sagte, lachte nur und wagte kaum
einen rohen Versuch, den Meissel in den Stein zu treiben.
    Die ihm nahe stehenden Steinmetzgesellen aber lächelten einander zu und
merkten hoch auf, denn sie wussten: so war einmal ihres Meisters Art. Nie war er
dahin zu bringen, Einem von ihnen, der bei ihm lernte, etwas ordentlich zu
zeigen und mit seinen Gesellen über seine Arbeit zu sprechen; aber von Zeit zu
Zeit mietete er sich einen unwissenden Bauernknecht als Handlanger, und dem
zeigte er alle Dinge, als ob er den kunstbegierigsten Steinmetzen vor sich hätte
- so ward es auch jetzt.
    Meister Kraft hatte eben zur Abwechslung und um seine rechte Hand ruhen zu
lassen, den Meissel einmal in die linke Hand genommen, mit der er in gleicher
Weise geschickt zum Arbeiten war, als sich die Tür öffnete und die Frau
Meisterin, mit vielen Knixen vor dem Propst, und Herrn Ketzel, einen
Benediktiner-Mönch in die Werkstatt geleitete.
    »Der fromme Vater da,« sagte sie zu dem Propst, »hat Euer Hochwürden schon
überall gesucht, bis man ihn hierher gewiesen, indem man ihm gesagt: er würde
Euch bei dem Drachen finden!«
    »Ei, ei,« sagte der Propst, der immer zu einem Spässchen aufgelegt war und
die Worte dabei nicht wog, oder auch seinen Witz dann für den gelungensten
hielt, wenn er damit andere Personen in Verlegenheit bringen konnte, man hat dem
frommen Bruder gesagt, dass er mich bei einem Drachen fände, und da ist er gleich
auf den Einfall gekommen, mich bei der Frau Meisterin zu suchen? - Was meint Ihr
dazu, Meister Kraft? wie ist es mit dem Hausdrachen?«
    Der Riesen-Jacob lachte unmässig, und auch die Gesellen hatten Mühe sich das
Lachen zu verbeissen, die Lehrlinge konnten ein leises Kichern nicht
unterdrücken; alle wussten wohl, dass der Meister seit zwei Jahren erst mit dieser
seiner zweiten Frau verheiratet in der glücklichsten Ehe lebte, aber auch dass,
seitdem sie in das Haus gekommen, ein schärferes Regiment darin eingeführt
worden. Die Lehrlinge mussten manche Hausarbeit verrichten helfen, kehren,
schwemmen und räumen, denn im ganzen Gehöfe wie im Haus und überall duldete sie
keine Unsauberkeit und verbannte sie auch aus den verborgensten Winkeln; den
Gesellen rechnete sie auch die Freistunden pünktlich nach, und hielt es ihnen
vor, wenn einmal einer über den Durst getrunken oder sonst einen Unfug verübt.
Ihr Mann grollte meist nur still oder schickte fort, mit wem er unzufrieden war;
sie aber suchte den Leuten in's Gewissen zu reden, sie durch moralische
Vorstellungen und Kernsprüche zu bessern. So war ihr von den Leuten, die zwar
Respekt vor ihr hatten, aber denen das frühere lose Regiment doch besser
behagte, als dies strengere durch sie geführte, bald der Beiname des Hausdrachen
gekommen, und sie hatten keine geringe Freude, als jetzt selbst der geistliche
Herr sie damit neckte.
    Meister Kraft aber, obwohl er das ernste Gesicht auch zu einem Lächeln
verzog, fühlte doch, dass er seiner Hausfrau sich annehmen müsse, und sagte kurz
und gut: »Wir leben ja als Adam und Eva im Paradies und da kann wohl Einer
leichtlich denken, Drache oder Schlange müsse sich einschleichen, und wie es
immer gewesen, zur Frau zuerst; draussen aber sitzt er im Stein gezaubert vor dem
Tor und weiset wohl den Weg zu uns, aber nicht uns hinaus.«
    »Das ist brav,« sagte Herr Martin Ketzel, »dass Ihr Eure Hausehre in Schutz
nehmet.«
    Der Meister schien schon nicht mehr auf das zu hören, was weiter um ihn
vorging, sondern trieb den spitzen Stahl immer tiefer in den sich gestaltenden
Stein, dass es lustig klang und Funken und Sand um ihn sprühten und stäubten.
    Ketzel wendete sich darum zu Frau Kraft und sagte: »Es ist wirklich
wundersam, dass Meister Adam auch eine Eva gefunden.«
    Diese errötete und fuhr sich mit der Schürze über's Gesicht, der Meister
lächelte schlau und der Propst sagte:
    »Das Wunder ist nun eben nicht so gross; wisst Ihr denn nicht, dass die Frau
Kraft eigentlich Magdalena heisst, so steht sie im Kirchenbuch, und nur dem
Meister da zu Gunst hat sie sich selber umgetauft, weil er sich's einmal in den
Kopf gesetzt, keine Andere als eine Eva zu freien.«
    »Ei was!« rief die Meisterin sich entschuldigend, »der Kraft ist auch nicht
Adam getauft, sondern Ulrich, und hat sich selbst den Namen gegeben; warum soll
eine Frau nicht das gleiche Recht haben?«
    »Wenigstens wenn es ihr Mann ihr gibt!« sagte Meister Kraft, der doch seine
Frau nicht wollte übermütig werden lassen und sich die Oberherrschaft sichern.
    Während dieses Gespräches war der Mönch an einem Seitenfenster stehen
geblieben, das dem geöffneten Hoftor schräg gegenüber war, so zwar, dass man
durch dasselbe auf die Strasse und die bei dem Lindwurm Vorübergehenden sehen
konnte. Anfangs blickte der Mönch nur mürrisch da hinaus, ungeduldig, dass der
Propst, den er schon allentalben gesucht, nun statt sich mit ihm zu entfernen,
kurzweilige Spässe trieb, die seiner Würde sehr wenig gemäss waren. Jetzt aber
blickte der Mönch schärfer hin, wie gefesselt durch eine ausserordentliche
Erscheinung; ein sonderbares Zucken flog über sein erdfahles Gesicht und seine
dunklen Augen blitzten unter den grauen Augenbrauen.
    Jetzt wendete sich der Propst zu dem schweigenden Mönch und sagte: »Aber Ihr
werdet Eile haben, ich bin bereit Euch zu begleiten. Gehabt Euch wohl, Meister
Kraft. Gottes Segen mit Euch Beiden: Adam und Eva! Herr Ketzel, guten Fortgang
zu Euer frommen Stiftung in so wackeren Meisters Händen. Besucht mich bald
einmal in der Propstei zu einem Becher edlen Rheinweins, wie er in meinem Keller
lagert.« Er lächelte und schmunzelte dabei schlau, denn sein immer voller
Weinkeller, obwohl täglich aus ihm geschöpft ward, machte ihm mehr Freude, als
eine volle Kirche.
    Martin Ketzel verstand den Wink, dass der Propst jetzt seine Begleitung nicht
wünsche, er blieb daher zurück, als sich dieser mit dem Mönch entfernte, und
sagte zur Meisterin:
    »Ich muss schon noch ein Weilchen bei Euch verziehen, denn die geistlichen
Herren da scheinen unter vier Augen zu verhandeln zu haben, wobei sie weltliche
Ohren nicht gebrauchen können.«
    Frau Eva war auf den Propst noch ärgerlich wegen des Drachen und sagte: »Es
ist auch besser, man hört es nicht; der Herr Propst hat immer andere Dinge im
Kopfe, als man bei einem Kirchenhaupt erwarten möchte, und der Mönch sah auch
nicht aus wie Einer, der Frieden im Kloster gefunden und sich wohl fühle in
seinem Berufe.«
    Meister Adam runzelte die Stirn und winkte seiner Frau schelmischstrafend
zu, als wolle er sagen, dass sie wohl Recht habe, dass man aber vor den Leuten in
der Werkstatt nicht so reden dürfe.
    Gleichzeitig aber sagte der Riesen-Jacob: »O den Mönch da, den Bruder
Amadeus, den kenne ich. Ich habe vorletzten Sommer als Handlanger einmal im
Kloster mitgearbeitet - da hab' ich ihn in seiner Zelle heulen und toben hören,
und weil ich darnach fragte, hat mir der Pförtner gesagt, da sei der Bruder
Amadeus seit einem Jahre zum ersten Male mit einem Auftrag in Nürnberg gewesen
und ganz verstört wiedergekommen; er wäre seitdem nicht mehr zu bändigen - von
Busse und Besserung wollt' er gleich gar nichts hören.«
    »Lasst doch das unnütze Reden!« sagte der Meister; »wir loben den Herrgott in
unserer Kunst und in den Werken, die wir ihm zur Ehre mit allem Fleiss bereiten -
mögen sie in den Klöstern tun und treiben, was sie wollen!« -
    Herr Martin Ketzel verabschiedete sich und die Meisterin gab ihm das Geleite
bis zu dem Brunnen vor dem Haustor. Es begann zu schneien, und der Lindwurm,
dem grosse Flocken um den geöffneten Rachen spielten und an seinen Eiszapfen zu
weichem Flaumenbart sich ansetzten, sah grimmiger aus als je vorher. Bei diesem
Anblick schien die Erbitterung Frau Eva's auf den Propst auf's Neue erregt zu
werden, und indem sie, nachdem Herr Ketzel sich entfernt, das Hoftor donnernd
zuwarf, murmelte sie leise zwischen den weissen Zähnen: »Der Propst soll auch
noch einmal an mich denken! will er mich einmal einen Drachen schimpfen, so mag
er auch noch erfahren, dass ich's ihm gegenüber sein kann!« -
    Indessen ging der Propst Kress mit dem Benediktinermönch durch das
Schneegestöber seiner Wohnung zu. Das Wetter war eben nicht darnach, Leute auf
die Strasse zu locken, welche nicht gerade die Notwendigkeit heraustrieb. Auch
die unverdrossenen Nürnberger suchten bei solchem Wetter lieber in ihren Häusern
ihre Geschäfte abzumachen, als wie sonst auf Gassen und Märkten sich
umherzutreiben. Darum begegneten die Beiden nur Wenige und der Propst sagte zu
seinem Begleiter:
    »Ich bin neugierig zu wissen, wie es kommt, dass Ihr Urlaub erhalten und was
Ihr für einen Auftrag habt?«
    Der Mönch sagte mit einem fast verächtlichen bittern Lächeln: »Durch strenge
Busse erhielt ich den Urlaub - und mein Auftrag ist allerdings so einfach, dass
ich ihn Euch auf offener Strasse sagen kann, auch wenn ganz Nürnberg uns zuhörte:
am Sakramentshäuslein in unserer Kirche ist über Nacht der Aufsatz eingefallen
und zertrümmert worden; wir brauchen kunstfertige Hände, das nicht nur zu
repariren, sondern ganz neu wieder herzustellen - aber es soll bald geschehen,
damit das Werk zur nächsten Feier wieder würdig vollendet ist. Das ist mein
Auftrag an Euch, Herr Propst.«
    »Hättet Ihr ihn doch gleich in der Werkstatt des Meister Adam Kraft gesagt,«
antwortete der Propst, »das ist der kunsterfahrenste Mann in solchen Sachen -«
    »Nicht doch!« fiel ihm der Mönch ein, »wir wollen in unserer Kirche kein
Werk von profanen Händen, wenn es auch jetzt Sitte wird, zuweilen solche
Steinmetzen in die Klöster zu berufen; der Auftrag ging an Euch und den
Hüttenmeister der St. Lorenzkirche, uns zwei der geschicktesten Baubrüder zu
senden - den, dessen Zeichen ein Kreis ist mit einem Winkelmass durchschnitten -«
    Es war, als hemme eine plötzlich fallende Schneelavine die eilenden Schritte
des Propstes - so blieb er einen Augenblick erschrocken und regungslos stehen!
aber es fiel nicht ein Flöckchen mehr vom weissgewölbten Himmel herab, als vorher
gefallen, und Nichts liess sich sehen und hören, sein erschrockenes Stillstehen
zu veranlassen. Aber er griff jetzt den Mönch heftig unter den Arm, entweder um
sich zu stützen oder ihn eilend mit sich weiter zu reissen, und sagte:
    »Amadeus! kein Wort weiter davon hier auf der Strasse - das besprechen wir
drinnen in der Propstei.«
    »Ich gehorche,« sagte Amadeus; »aber jetzt seht Ihr es: nicht ich bin der
Erregte, sondern Ihr seid es.«
    So gingen sie schweigend und eilend noch die kurze Strecke nebeneinander,
bis sie in die Propstei zu St. Lorenz kamen. Der Propst schlug mit dem eisernen
Klöppel, der eine kolossale Eichel an einem Zweig von Eichenblättern darstellte,
auf ein aus der Tür vorspringendes Eichenblatt gleichfalls von eiserner Arbeit,
dreimal rasch nacheinander, und gleich darauf ward die Tür von unsichtbaren
Händen geöffnet und sprang eben so schnell hinter den Eingetretenen wieder zu.
    In einem hochgewölbten Zimmer des Erdgeschosses loderte ein mächtiges Feuer,
hohe Polsterlehnstühle, mit verschossenem braunen Sammet bezogen, standen am
Kamin. Herr Anton Kress deutete darauf und sagte:
    »Ihr werdet müde sein und habt noch einen weiten Weg zu machen, wenn Ihr vor
Nacht zurück müsst.«
    »Die zwei Stunden bis zum Kloster,« sagte Amadeus, »werden mich nicht
erschöpfen, wenn ich den Weg hierher nicht vergeblich gemacht habe.«
    Eine Frau in mittleren Jahren, die Wirtschafterin des Propstes, trat ein,
nahm dem Propst seinen Pelzmantel ab und brachte ihm einen Hausrock, blies mit
dem Blasebalg in den Kamin, legte neue Scheite auf, warf dabei neugierige Blicke
auf den Mönch und schien Lust zu haben, sich allerlei im Zimmer zu tun zu
machen, um gegenwärtig bleiben zu können.
    Der Propst aber sagte zu ihr: »Bringt uns schnell einen Krug Wein, etwas
Brod und Schinken, und dann sehet auf den Boden; mich dünkt, die Fenster standen
offen und der Schnee wird sich drinnen häufen.«
    Ehe nicht die Wirtschafterin wiedergekommen war, das Verlangte gebracht und
auf einen kleinen Eichentisch am Kamin zwischen den Lehnstühlen zurechtgestellt,
auf denen die Beiden Platz genommen, sprachen sie kein Wort zusammen. Erst da
sie sich entfernt, sagte der Propst:
    »Nun, Amadeus, Euren Auftrag?«
    »Ich habe ihn schon gesagt,« versetzte dieser; »der hochwürdige Abt lässt
Euch sagen, uns zwei der geschicktesten Baubrüder aus der Lorenzer Bauhütte zu
senden, noch besser, sie mir gleich mitzugeben. Da im Winter ja doch nur in der
Hütte und nicht aussen an der Kirche gearbeitet werden kann, so meinen wir, Ihr
könnet sie jetzt entbehren.«
    »Gleich heute geht das nicht,« antwortete Kress unruhig; »ich muss es erst mit
dem Hüttenmeister besprechen - - aber jetzt sind wir allein, hier hört uns
Niemand, darum jetzt keine unnützen Redensarten mehr: wie hab't Ihr es
angefangen, dass man gerade Euch und gerade mit diesem Auftrag zu mir gesendet?«
    »Ich rede die Wahrheit,« antwortete Amadeus; »ich bin still und fromm
geworden, habe Busse getan und verstanden mich selbst zu zähmen, so ist mir der
Abt wieder geneigt worden wie vordem. Heute um Mitternacht hatte mich die
Pflicht der Busse allein in die Kirche geführt - da sah ich das
Sakramentshäuslein zertrümmert, und meldete es dem Abt noch zur selben Stunde
zuerst und schlug ihm auch vor, dass wir es eilend wollten durch Nürnberger
Baubrüder wieder herstellen lassen, und da er weiss, dass Ihr mir gewogen, und da
ich der Erste war, der das Unglück gesehen, so gab er mir Urlaub und sandte mich
hierher. Und soll ich weiter die Wahrheit reden: der Abt kümmert sich nicht um
die Monogramme Euerer Steinmetzgesellen, ich aber kenne das des Einen und bitte
Euch: sendet uns den mit dem Zeichen des Kreises, den das Winkelmass
durchschneidet.«
    »Amadeus! was soll daraus werden?« sagte Kress unruhevoll, lehnte sich
bekümmert in seinen Stuhl zurück und drehte hastig einen Daumen um den andern an
seinen über den wohlgenährten Leib gefaltenen Händen.
    »Da Ihr mir keine Gewissheit geb't, will ich sie mir selbst suchen!«
antwortete Amadeus.
    »Und wenn Ihr sie hab't, so wird sie Euch in's Verderben stürzen!« warnte
der Propst.
    Der Mönch lächelte: »Dem bin ich so oder so verfallen, daran liegt nicht das
Geringste.«
    »Da habt Ihr recht,« antwortete der Propst, »aber mit oder ohne Gewissheit;
schon durch Euer Forschen, eine einzige Unvorsichtigkeit, ein verdächtigendes
Wort werdet Ihr den edlen Jüngling in's Verderben stürzen, sei er, wer er sei -
das bedenkt!«
    »Ich werde ihn nicht verraten,« antwortete Amadeus, »und schon am wenigsten
dann, wenn er mein -«
    »Halt!« fiel ihm der Propst in's Wort; »Ihr hab't es gezeigt, wie wenig Ihr
Eurer mächtig seid! Ich hab' ihm meine Gunst erwiesen, aber nur als wackerem
Künstler, und sonst bin ich ihm immer fern geblieben; aber ich habe im
Verborgenen über ihn gewacht und ihn geschützt, wo es Not tat. Schon wollte
sich der böse Leumund an ihn wagen, schon munkelte man über sein Herkommen und
wollte seine Mutter verunglimpfen - noch haben ihn die Zeugnisse geschützt, die
er mitgebracht, noch glaubt er denselben fest. Er ist stolz und edel und sein
Lebenswandel frei von jedem Makel; er ist hochbegeistert für seine Kunst und
kennt kein anderes Streben und kein anderes Glück, als ihr zu dienen: nun drängt
Euch an ihn, forscht und spähet und macht ihn selber irre an sich selbst und
seinem Herkommen, nehm't ihm die Ruhe des Gemütes, den freudigen Stolz auf
niedere, aber brave Eltern, auf die Zeugnisse der Benediktiner - und Ihr
vernichtet in ihm die frohe Kraft des Schaffens, die Zuversicht, die ihn jetzt
beseelt; aber noch mehr: findet und bringt Beweise, lähmt seine Hand, seinen
Mut, macht ihn zum Lügner und Heuchler - noch mehr: nehmt ihm die ehelichen
Eltern, verratet Alles, was ihr jetzt denkt, im halben Wahnsinn vielleicht
hofft - kaum Tage werden vergehen, und er wird ein Ausgestossener sein aus der
Zunft der freien Steinmetzen; Schimpf und Schande wird über ihn kommen, die
seine stolze Seele nicht erträgt; mit Fingern wird man auf ihn zeigen, und es
wird ihm nirgends eine Freistatt werden für sich und seine Kunst und sein ganzes
verfehltes und verunehrtes Leben!«
    Anton Kress hatte lange nicht so viel und im Eifer gesprochen; kalter Schweiss
stand auf seiner Stirn, und wer ihn jetzt gesehen, der konnte ihm manches
vergeben und denken, dass in diesem Manne doch ein guter Kern war, an den man nur
einmal zu pochen brauchte, so klang er hell und rein, trotz der dichten Hülle
alltäglicher Erscheinung, die ihn umgab. In seinen Augen standen Tränen, und
während der Ausdruck seines Gesichtes sich drohend auf den Mönch richten sollte,
ward er vielmehr angstvoll und flehend.
    Dieser starrte vor sich nieder und sagte dann: »Wenn man fünfzehn Jahre im
Benediktinerkloster ist, so lernt man sich selbst beherrschen.«
    »Das ist nicht wahr, Bruder Amadeus, das ist von Euch nicht war!« antwortete
rasch der Propst; »denkt, in welchen Zustand Ihr vor andertalb Jahren kamet, da
Ihr zuerst ihn wiedergesehen, nur seinen Namen und sein Alter erfahren hattet -
und als Ihr darauf hörtet: er sei todt!«
    »Eben weil ich das nicht vergessen kann!« sagte Amadeus; »es kam zu
plötzlich - und ich erlag. Seitdem hab' ich gebüsst und mich geprüft, und bin
vorbereitet. Aber wie könnt Ihr denken, dass ich etwas tun oder sagen würde, das
Ulrich's Dasein vergiften könnte? Ihr habt Ulrika vor mir verborgen, dass ich
weder weiss, ob sie noch unter den Lebenden wandelt oder nicht - und wenn ein
Wunder selbst mir Ulrich zugeführt, so habt Ihr kein Recht, Euch dem entgegen zu
stemmen.«
    Der Propst sah zwar noch kummervoll aus, aber um seinen Mund spielte ein
schlaues Lächeln, mit dem er sagte: »Glaubt Ihr wirklich an die Wunder der
Heiligen? Die haben wohl auch um Euretwillen das Weihbrodgehäuse umgeworfen? Was
bildet Ihr Euch ein, dass sie noch weiter tun werden? - Antwortet mir lieber
kurz und bündig: Was gedenkt Ihr zu tun, wenn ich nun wirklich Ulrich von
Strassburg und seinen treuen Gefährten, den blonden Hieronymus auf Arbeit in das
Kloster sende?«
    »Ihr kennt die strengen Regeln des Ordens,« sagte der Mönch: »ich werde ihn
nur beim Gebete sehen, und wenn ich mit ihm zu sprechen komme, so wird das nicht
allein sein.«
    »Ich kenne die gelockerten Ordensregeln,« versetzte der Propst, »und dass es
jetzt in den Klöstern nicht so streng hergeht wie ehedem und wie die Welt noch
glauben soll, aber doch nicht glaubt: Ihr werdet es schon schlau anfangen, dass
ihr mit Ulrich allein zu sprechen kommt - Ihr werdet darum doch keine Ruhe
finden und die seine werdet Ihr ihm rauben.«
    »Nun denn,« antwortete der Mönch aufstehend, »was hinderte mich denn gleich
selbst in die Bauhütte zu gehen, ehe ich zu Euch ging, und dort meinen Auftrag
zu sagen?«
    »Ihr habt das Passwort nicht und hättet keinen Einlass gefunden,« entgegnete
der Propst.
    »Aber der Hüttenmeister wäre herausgekommen,« versetzte Amadeus, »und ich
hätte mein Gesuch vorgebracht; ich hätte auch draussen warten können, bis Ulrich
herauskam, und ihn begleiten; noch mehr: als Ihr vorhin beim Meister Kraft mit
seiner Ehefrau scherztet, da sah ich Ulrich draussen beim Lindwurm vorübergehen -
ich hätte auf ihn zueilen können, mit ihm reden, was ich gewollt, ohne dass ich
erst meine Bitten bei Euch erschöpfe. Urteilt, ob ich mich bezwingen kann und
gehorsam sein, dass ich das nicht tat? Ich weiss auch, dass er beim Rädleinmacher
Sebald beim Sonnenbad wohnt, und könnte jetzt zu ihm gehen, statt mit Euch
nutzlose Worte zu wechseln - wenn ich nicht ein Gelübde und noch mehr: wenn ich
nicht seine Ruhe berücksichtigen wollte. Was also habt Ihr noch zu fürchten?
Kann ich aufrichtiger gegen Euch sein, als ich es gewesen bin? Verdiente ich
nicht dafür, dass Ihr es auch wäret? Geb't mir Gewissheit, und Ihr ersparet mir
weiter zu forschen!«
    »Ich habe selbst keine Gewissheit!« sagte der Propst nach langem Sinnen und
mit sich selbst Ringen; »wie oft soll ich es Euch sagen! Er ist nicht der
einzige Oblate, der in jenem Kloster erzogen worden, und ich mag keine
Nachforschungen anstellen, die ihm schaden könnten. Ich liebe und achte diesen
wackern Gesellen und erweise ihm meine Gunst, mag er mir nahe stehen oder nicht;
es bringt durchaus keinen Nutzen, Geheimnissen nachzuspüren, bei denen wir Gott
danken müssen, dass sie es vor der Welt sind - mögen sie es auch vor uns sein und
bleiben.«
    »Wohlan!« sagte Amadeus, »so lasst mich Eurem Beispiel folgen - ich will nur
tun wie Ihr und Nichts verraten, was dies alte Herz dabei empfindet.«
    Er reichte dem Propst seine Hand; dieser nahm sie, stand auch auf und sagte:
»Euch selber träfe der grösste Fluch, wenn Ihr Fluch und Schande auf Ulrich
brächtet.«
    »Ich will Nichts als meine alte Hand segnend auf seinen Scheitel legen -
vielleicht find' ich dann die Ruhe, die mir bis jetzt noch niemals geworden.«
    »Ich will Euch vertrauen,« sagte Kress; »vertraut mir auch. Wie Ihr alles
Auffallende vermeiden wollt und müsst, will und muss ich es auch. Morgen in der
Hütte werd' ich mit dem Hüttenmeister sprechen, ihm sagen, dass Ihr die
geschicktesten Steinmetzen verlangt, und dass es eine Ehre für die sein wird,
welche wir senden. Ulrich und Hieronymus sind die besten; wählt der Werkmeister
sie selbst und schlägt sie vor, so werde ich freudig beistimmen - einen
Vorschlag selbst kann und mag ich nicht machen; ich habe Ulrich schon mehr als
einmal gegen seine Neider und Feinde geschützt - ich werde Nichts tun, was sie
vermehren könnte. - Und nun eilt Euch, damit Ihr zur rechten Zeit heim kommt,
ehe sie zur Hora läuten. Dem Abt vermeldet meinen Gruss und dass übermorgen die
Steinmetzen kommen würden; die Bedingungen wird ihnen der Werkmeister
schriftlich mitgeben. - Da, leert noch einen Becher, ehe Ihr in die Winterkälte
hinauswandert.«
    »Auf Ulrich's Wohl - und Euch zum Dank!« sagte Amadeus, mit seinem
frischgefüllten Humpen an den des Propstes stossend. Dann zog er die Kaputze über
sein Haupt, nahm seinen Wanderstecken und verliess das Haus.
    Der Propst sah ihn bekümmert nach und überliess sich eine Weile bangen und
traurigen Gedanken. Aber es war seine Gewohnheit, denselben nie zu lange
nachzuhängen; er schellte der Wirtschafterin und sagte ihr, dass er noch einmal
ausgehen werde - er hatte das Bedürfnis sich in heiterer Gesellschaft zu
zerstreuen, und die Collegen und Ratsherren, in deren Mitte er sich bald
gesprächig und frohgelaunt wie immer bewegte, merkten ihm nicht an, dass er eben
eine so ernste und ihn quälende Unterredung gehabt.
 
                                Drittes Capitel
                              Die beiden Baubrüder
An demselben Abend, an welchem die Baubrüder Ulrich von Strassburg und der blonde
Hieronymus Gegenstand des Gespräches zwischen dem Propst und dem Mönch gewesen
waren, sassen die ersten Beiden wie gewöhnlich allabendlich zusammen in ihrer
schlichten Wohnung. Die Mutter des Hieronymus hatte ihnen einen grossen Topf
Suppe im Zimmer gekocht und nickte fröhlich lächelnd mit dem wankenden Kopfe,
selbst die grösste Freude darin findend, dass sie es ihren Söhnen so behaglich
gemacht, denn auch Ulrich war ihr im Laufe der Zeit wie ein zweiter Sohn
geworden - nannte doch ihr Hieronymus ihn auch Bruder.
    Ist es doch auch immer von jeher Frauen- und Mutterart gewesen, an das Wesen
sich am innigsten zu schliessen, das die meisten Sorgen, Mühen und Aengsten
verursacht, und hatte nun doch auch Mutter Marta dies Alles um Ulrich
empfunden, seit man ihn länger als einem Jahr in einer Septembernacht für todt
in das Haus getragen, aus mehr als einer Wunde blutend. Wochenlang hatte er
damals bewusst- und regungslos zwischen Tod und Leben gerungen, und wenn auch der
berühmteste Bader Nürnbergs im Auftrag Herrn Christoph Scheurl's alltäglich
mehrmals kam, seine Wunden neu zu verbinden, und Hieronymus alle Nächte an
seinem Lager wachte, am Tage musste er doch zur Arbeit in die Bauhütte, und da
war es immer seine Mutter, die den Kranken mit sorgsamer Hand pflegte und jede
Liebeswohltat ihm erwies. Zum Glück war wenigstens dabei kein Mangel, wie wenig
Ulrich auch selbst besass; denn wenn ein Baubruder krank war und nicht zur Arbeit
kommen konnte, so erhielt er dennoch aus der Hütte den vollen Wochenlohn
ausbezahlt, damit er davon verpflegt würde. Nun nahm auch der Bader durchaus
keine Bezahlung und brachte alle Medicamente unentgeltlich mit. Auch der Propst
Kress sprach öfter vor und sandte immer von seinen Vorräten aus Küche und
Keller, besonders wie der Kranke einmal so weit war, dass er sich deren bedienen
konnte. Ein paarmal kam in der Dämmerung auch ein fremder Knabe, der Grösse nach
etwa fünfzehn Jahre alt, brachte Wäsche, Geld und Erfrischungen für den
Verwundeten, fragte immer sehr angelegentlich und ängstlich nach ihm, und suchte
sich wenigstens zwischen die Tür zu drängen, um einen Blick auf den bewusstlosen
Ulrich zu werfen. Wenn die alte Frau ihn fragte: woher das komme? antwortete der
Knabe stets: er habe schwören müssen, es nicht zu sagen und sie solle auch mit
Niemanden davon reden. Anfangs nahm es die Frau und auch Hieronymus hatte Nichts
dagegen; als aber nach etwa sechs Wochen Ulrich's Fieber nachliess, er wieder zur
Besinnung kam und man ihn allmälig Alles erzählte, was indes für ihn geschehen,
widersetzte sich sein Stolz solchen Gaben, und er verpflichtete seine treuen
Pfleger, dergleichen nicht mehr anzunehmen, nur von seinem Vorgesetzten und
Gönner, dem Herrn Propst, meinte er sich nicht weigern zu dürfen. Aber von
fremden Leuten erklärte er Nichts zu nehmen, und auch dem Bader sagte er, dass er
seine Wunden im Dienste christlicher Pflicht, aber nicht in dem des Herrn oder
der Frau Scheurl sich geholt, dass weder sie ihm verpflichtet wären, noch er sich
ihnen verpflichten wolle. Der Bader erzählte ihm, dass Frau Scheurl seit
derselben Zeit am hitzigen Fieber darniederliege und dass sie schwerlich mit dem
Leben davonkommen werde. Uebrigens aber bemühte er sich, so wie bei Elisabet,
auch bei Ulrich und Hieronymus vergeblich, nähere Aufklärungen über einen
Vorfall zu erhalten, über den die widersprechendsten Gerüchte umliefen.
    Als der fremde Knabe mit seinen Gaben wieder kam, liess ihn Ulrich selbst an
sein Lager kommen, um zu erforschen, wer ihn sende. Der Knabe ward glühendrot
vor Verlegenheit, brachte fast kein Wort hervor, und da Ulrich jede Annahme aus
fremder Hand verweigerte, auch Hieronymus und seine Mutter hinzukamen, mit
Fragen und sogar Drohungen in den Knaben drangen, die Wahrheit zu gestehen,
sprang er weinend auf, eilte fort und kam niemals wieder.
    Ulrich aber sagte zu Hieronymus: »Mir klang die Stimme bekannt, und solche
braune flehende Augen hab' ich auch schon gesehen; meinst Du nicht, es könne der
Bruder des Judenmädchens gewesen sein, das uns warnte und zu Elisabet's Schutz
sandte, oder dieses selbst?«
    Hieronymus hatte nicht daran gedacht, er hatte den Knaben jetzt zum ersten
Male gesehen; die Vergleiche, die er nun anstellte, schienen allerdings Ulrich's
Vermuten zu bestätigen, aber er wollte nicht daran glauben, auch dem Kameraden
es ausreden, was ihm als Schmach erschien: wenn dies Judenpack, wie er sich
ausdrückte, solchen Anteil an einem freien Maurer nehme, in seine Wohnung sich
schleiche und sie doppelt verunehre durch Gaben, die nun Anfangs doch angenommen
und verbraucht worden - das dünkte ihm ein unauslöschlicher Schimpf! Und um
nicht wirklich die Gewissheit zu erlangen, vermied er danach zu forschen - und
seitdem sahen die Baubrüder wirklich weder von dem Judenmädchen noch dem fremden
Knaben etwas wieder.
    Während Ulrich noch in Gefahr schwebte und bewusstlos war, diente es
Hieronymus zu einiger Beruhigung, dass noch eine grössere Anzahl der Baubrüder bei
jenem nächtlichen Vorfall beteiligt gewesen. Wenn auch der Rat, da Herr
Scheurl selbst keine Untersuchung wünschte, die Sache dahin gestellt sein liess,
so waren doch die Gesetze der Baubrüder strenger als die des Rates und liessen
sich nicht beugen und umgehen wie jene. In Gegenwart aller freien Steinmetzen,
des Propstes, Hüttenmeisters, Werkmeisters und Pallirers wurden sämmtliche
Baubrüder über den Vorfall abgehört, denn es war ihnen streng verboten, Händel
und Raufereien anzufangen und ihre Schwerter, die sie an der Seite trugen,
anders zu brauchen als im Fall der äussersten Notwehr oder zum Schutze
Hülfsbedürftiger, unschuldig Bedrängter, zur Ehre Gottes. Da nun aus allen
Aussagen nichts anderes hervorging, als dass sie auf den Hülferuf einer von einem
vermummten Ritter und seinen Genossen wehrlos überfallenen Dame herbeigeeilt
waren, und man erfuhr, dass dies die Gattin des hochangesehenen Herrn Christoph
Scheurl gewesen und dieser sich den Baubrüdern nicht nur dadurch dankbar erwies,
dass er den Verwundeten seinen Bader sandte, sondern auch dass er eine grosse Summe
Geldes an die Lorenzbauhütte selbst sandte, aus Dankbarkeit gegen die Baubrüder,
die ihm beigestanden, damit sie davon eine Zeche feierten und gleicherweise auch
Fürbitte in ihrer Kirche täten für die Genesung seiner Gemahlin - - so ward das
Betragen der Baubrüder als unschuldig und rechtlich befunden, und jeder Verdacht
beseitigt, der von einigen war auf Ulrich geworfen worden: weil er schon zum
zweiten Male Händel mit einem Ritter um einer Dame Willen gehabt. Denn gleich
den Tempelherren mussten sich die Baubrüder von allen zärtlichen Regungen und
Beziehungen frei erhalten, und wenn sie auch noch in stärkere Strafen verfielen,
wenn sie mit bösen oder berüchtigten Frauen umgingen, als mit ehrbaren, so
durften sie sich doch auch nur diesen nähern, wenn es die Notwendigkeit gebot.
    Weil Ulrich hierbei unschuldig befunden, und was man wider ihn vorgebracht,
sich als böser Leumund erwies, so fussten sowohl Hieronymus als sein Gönner, der
Propst darauf, wenn es galt, andere böse Gerüchte niederzuwerfen, die über ihn
umliefen. So wollte Einer wissen, dass er ein paar Abende vor seiner Verwundung
im Abenddunkel ein Judenmädchen mit zu sich in das Haus genommen; ein Anderer,
dass er nicht nur nicht wisse, was aus seinen Eltern geworden, sondern auch
nicht, wer sie gewesen, ja dass seiner Mutter als Zauberin der Prozess gemacht
worden. Aber die Zeugnisse des Maurerhofes zu Strassburg und der Benediktiner
wurden dem doch entgegen gehalten, der Propst und der Hüttenmeister bedrohten
Diejenigen mit Strafen, die solchen entgegen einfältigen Gerüchten Glauben
schenken wollten - und so waren diese zum Schweigen gebracht, lange bevor Ulrich
wieder in der Bauhütte erschienen, und da auch Hieronymus ihn nicht damit
aufregen wollte, so erfuhr er gar nichts von der Gefahr, die über ihm geschwebt
zugleich, als der Todesengel seine Fittiche um ihn schwang.
    Erst als das Frühjahr kam, vermochte er wieder sein Schmerzenslager zu
verlassen, aber dann dauerte es noch lange, ehe er wieder in der Hütte arbeiten
und den Meissel kräftig schwingen konnte wie vordem. Die Wunde, die er an der
Brust empfangen, schmerzte ihn dann immer auf's Neue, und er musste sich erst
allmälig wieder an die Arbeit gewöhnen. Inzwischen war doch die Zeit für ihn
daheim nicht ganz verloren gewesen. Der Propst hatte ihm alle neuen Bücher
geschickt, die aus Anton Koberger's Druckerei hervorgegangen und auch sonst noch
erschienen waren, darunter die Schedel'sche Chronik von Nürnberg, Conrad Celtes'
Beschreibung derselben Stadt, Regiomontan's Kalender, Tucher's Reise in das
gelobte Land und die ganze heilige Schrift. Ulrich studirte eifrig alle diese
Bücher und so nebenbei übte er sich, sobald es ging, im Zeichnen, machte Risse
zu grossen Münstern nach dem System des Sechs- und Achtortes, wie zu kleinen
Weihbrodgehäusen, zu Säulen, Portalen und Ornamenten - wagte sich an die grössten
Aufgaben der Kunst und zeichnete dabei das Kleinste mit demselben Fleisse.
    Etwa ein paar Wochen mochte er wieder regelmässig gleich den andern
Steinmetzgesellen in die Bauhütte zur Arbeit gehen, als er an einem schönen
Herbsttage mit andern Baubrüdern aussen am Kirchturm auf schwindelnder Höhe
selbst zu arbeiten hatte. Da rief ihn ein Handlanger im Auftrag des Werkmeisters
von der Arbeit fort, hinunter in's Schiff der Kirche zu kommen, wo man ihn
bedürfe.
    Unten fand er den Werkmeister und Pallirer mit einigen Steinmetzen in der
Nähe des Hochaltars, und bei ihnen stand der Propst, der Maler Hans Beuerlein,
Frau Elisabet Scheurl mit Ursula Muffel und Charitas Pirkheimer. Zeichnungen,
Gemälde und Teppichstoffe lagen vor dem Hochaltar ausgebreitet.
    Es war zum ersten Male, dass die Genesenen sich wiedersahen nach jener
verhängnisvollen Nacht. - Ulrich war inzwischen bei Herrn Scheurl gewesen und
hatte ihm für seine Güte gedankt - seiner Gemahlin hatte er nichts zu sagen. War
es nicht an ihr, ein dankendes oder doch erkenntliches, teilnehmendes Wort an
ihn zu richten? - Sie tat es nicht - aber sie errötete und zitterte
unwillkürlich bei seinem Anblick und stützte sich auf Ursula.
    Der Propst erklärte ihm, dass diese edlen Frauen die Kirche mit einem Teppich
beschenken wollten, dass Meister Beuerlein das Gemälde als Muster zu dem
Mittelstück gefertigt, dass sie aber über die Ornamentik in den Kanten noch nicht
einig wären, da sie mit der der umstehenden Säulen harmoniren sollten - und dass
er ja wohl allerlei Zeichnungen, die dem entsprächen, von Laub und Schnörkeln in
seiner Krankheit angefertigt, die er eilends aus seiner Wohnung holen möge.
    Ulrich bejahte, aber der blonde Hieronymus, der auch mit zur Beratung
gezogen war, liess es sich nicht nehmen, statt seiner die Zeichenrollen aus der
gemeinschaftlichen Wohnung zu holen, da Ulrich noch nicht zum schnellen Laufen
tauge und indes auch lieber hier seinen Rat mit erteilen möge. Darüber fand
zwar erst ein edler Wettstreit Statt, aber der Propst und Charitas Pirkheimer
billigten Hieronymus Vorschlag und liessen ihn gehen und Ulrich bleiben. Anfangs
schien es, als fühle sich Elisabet durch Ulrich's Nähe - die sie zugleich
wünschte und floh - peinlich berührt und von einer Verlegenheit ergriffen, die
ihrem sonstigen selbstbewussten und stolzen Hervortreten gänzlich fremd war;
nachdem er aber auch, ohne weiter seine Worte an sie zu richten, mit dem Propst
und dem Maler sich über den vorliegenden Gegenstand in ein kunstverständiges
Gespräch vertieft, aus dem man deutlich erkennen mochte, dass jene eigentlich die
Schüler waren und der einfache Steinmetzgeselle der Meister: da war es, als ob
auch Elisabet plötzlich sich zusammenraffe - mit kühner Sicherheit mischte sie
sich in die Unterhaltung, liess das Licht ihres Geistes glänzen und die Strahlen
ihrer Kunstbegeisterung in blühender Bilderpracht sich entfalten. Als Hieronymus
mit Ulrich's Zeichnungen zurückkam, und als er selbst mit einem Fuss auf den
Altarstufen knieend sie vor den Beschauenden entrollte, sprach Elisabet zu ihm,
als Beuerlein mit Andern in einiger Entfernung Anderes betrachtete: »Warum seid
Ihr nicht Maler geworden? Ihr wäret ein grosser Künstler!«
    Da schüttelte er stolz das lange Haar aus dem edlen, von der Krankheit noch
bleichem Gesicht, und stolz und gross in Elisabet's flammende Augen blickend,
sagte er: »Die Kunst ist doch nur eine, ob wir ihr dienen mit Meissel und
Richtscheit oder mit Malerstab und Pinsel - sie hat nur einen Zweck: Gott zu
dienen und damit zugleich Andere zu demselben Gottesdienst zu entflammen. Mir
gilt es mehr in unserer freien Brüderschaft, namenlos, nicht als ein eitler
Einzelner, sondern als das Glied eines Ganzen, eines Leibes, wie es der Herr
Jesus Christus gesagt hat, zu streben, zu schaffen, nicht für profanen Ruhm,
sondern für die Ewigkeit des Kunstwerkes.«
    Elisabet antwortete darauf nur: »Stolzer Maurer!« aber Charitas Pirkheimer,
die seine Worte auch vernommen, rief in einer Art von Verzückung: »Ja! so ist
der rechte christliche Sinn: selbst Nichts sein wollen und ganz aufgehen im
gemeinschaftlichen Streben, dem Höchsten zu dienen.«
    Ulrich's Zeichnungen waren zur Einfassung des Bildes auf dem Teppich gewählt
worden. Seitdem arbeiteten die Nürnbergerinnen bei Elisabet daran und die
Baubrüder verrichteten die gewohnte Arbeit in ihrer Hütte, so dass sie nichts
wieder von einander sahen und hörten.
    So war der Winter zur Hälfte vergangen.
    Als Ulrich und Hieronymus jetzt zusammen sassen, sagte der Erstere: »Als ich
vorhin zur Vesperstunde bei Meister Kraft's Wohnung vorüberging, betrachtete ich
mir die schön gefrorenen Wasserstrahlen an dem Lindwurm vor seinem Hoftor, und
wie so mein Blick hinüber nach dem Fenster der Werkstatt streifte, war es mir,
als sähe ich dort denselben Benediktinermönch am Fenster stehen, der mir gleich
an dem ersten Tage meines Hierseins begegnete, wo mein Schwert seinen Rosenkranz
zerriss. Du weisst, diese zünftigen profanen Nürnberger Steinmetzen lieben es
nicht, wenn Einer von uns in ihre Werkstatt tritt, sonst wär' ich
hineingegangen, mir Gewissheit zu holen und ihm zu seinem Eigentum zu verhelfen,
das ich freilich nicht bei mir hatte und das ich auch inzwischen schier
vergessen. Mir schien, der Propst stand bei ihm - sobald ich ihn sehe, werde ich
nach dem Mönche fragen.« Er suchte das Kreuz, das wohl verwahrt in einer kleinen
Lade lag, und Hieronymus sagte:
    »Hättest Du Dir wirklich von diesem einmaligen Sehen die Züge des Mönches,
der uns schnell entschwand, so genau gemerkt, dass Du über Jahr und Tag ihn
wieder erkanntest?«
    »Er hatte etwas Eigentümliches in seinem Gesicht, das man nicht vergisst,«
sagte Ulrich, »und merkwürdig: entweder in meinen Fieberphantasien oder in
meinen Träumen ist mir dieselbe Gestalt mehrmals wieder erschienen, nur in der
letzten Zeit hatte ich sie vergessen.«
    Jetzt unterbrach das Mütterchen die Beiden und sagte: »Wisst Ihr es denn, dass
übernächste Woche die Potentaten und grossen Herren zum Reichstag kommen, und dass
zwar der alte Kaiser Friedrich auf der Veste mit dem Burggrafen, König
Maximilian aber beim Herrn Scheurl wohnen wird? Da wird seine Hausfrau nicht
wissen, wo sie hin soll vor Hoffahrt und Hochmut.«
    Ulrich sagte? »Gönnt ihr doch den unschuldigen Stolz, wenn er sie nun einmal
glücklich macht!«
    »Unschuldig?« sagte die Mutter; »nun, ich will dem König Max, für den einmal
Alle eingenommen sind, da er noch etwas Neues ist, nichts Böses nachsagen - -
aber man weiss, wie die grossen Herren sind, und von dem heissblütigen König laufen
genug Geschichten um von verliebten Abenteuern - das heisst dann nichts, als ein
ritterlicher Scherz! ja, die Art, die zu wählerisch ist, um mit gemeinen
Frauenspersonen sich einzulassen, die für jeden zu haben sind, die macht die
meisten Frauen unglücklich und ist allen eitlen und hoffärtigen Frauen
gefährlich, die sich selbst auf ein gnädiges Lächeln was zu Gute tun. Ich bin
alt geworden in Nürnberg, ich weiss, wie weit her es ist mit den guten Sitten bei
diesen bevorzugten Geschlechtern und mit der Unschuld ihrer Frauen.«
    »Ihr mögt Recht haben,« sagte Ulrich; »aber der Stolz der Frau Scheurl ist
doch anderer Art; die will herrschen mit ihrem Geist und einem Streben über das
Gewöhnliche hinaus.«
    »Mir macht Ihr nichts weiss,« eiferte die alte Frau; »stolzirt sie doch wie
eine Königin einher, und scheint doch keine andern Gedanken zu haben, als ihren
Putz und ihre Schönheit zu zeigen; auch die lange Krankheit hat sie nicht
gebeugt und bekehrt.«
    »Ihr seid nun einmal wider sie,« sagte Ulrich.
    Hieronymus trat jetzt auf die Seite seiner Mutter. »Verdrossen hat mich's
auch,« sagte er, »dass sie ihr eigenes Bild als Maria Magdalena auf den Teppich
sticken lässt, und Du selbst hieltest es ihr ja damals vor: dass man im Dienste
der Kunst und des Heiligsten sich selbst vergessen und aufgeben müsse - seine
Person und seinen Namen; ich sah es wohl, wie sie blass ward bei Deinen Worten.«
    »Mochte sie eine Lehre daraus ziehen, wenn sie wollte,« sagte Ulrich; »doch
sollte es kein Vorwurf sein. Für das Gemälde ist sie auch nicht verantwortlich,
das ist so Meister Beuerlein's Art; er kann fast gar nicht anders malen, als
conterfeien; die Personen zu den anderen Figuren kennen wir nur nicht, und dass
er die schönste Nürnbergerin in den Vordergrund gestellt, wird ihm Niemand
verargen.«
    Mutter Marta schüttelte mit dem Kopf. »Wenn Ihr einmal streiten wollt, so
ist mit Euch nicht durchzukommen!«
    Ulrich reichte ihr versöhnlich die Hand und sagte: »Ihr solltet froh sein,
wenn wir die Frauen in Ehren halten - und doch selbst ihnen fern bleiben.«
    Die alte Frau ward jedesmal gerührt, wenn sie daran dachte, welches schwere
Gelübde die jungen Männer hatten leisten müssen. Zwar war es ihr ganz recht,
wenn sie dachte, dass ihr Hieronymus so immer bei ihr bleibe und dass sie sein
Herz nie mit einem andern Weibe zu teilen brauche, auf das sie doch
eifersüchtig geworden, selbst wenn sie mit aller Uneigennützigkeit einer Mutter
ihrem Sohne sein Glück gegönnt hätte. Ihre Sucht, das weibliche Geschlecht vor
ihnen zu verdächtigen und herabzuwürdigen, entsprang mit aus ihrem Bedauern und
der gutmütigen Absicht, den jungen Männern dadurch ihr Fernhalten von allen
Frauen und allen Regungen des Herzens zu erleichtern; indes war sie aber auf
Elisabet gerade darum erbittert, weil sie doch die Ursache war von Ulrich's
schweren Wunden, wenn die Mutter auch nicht wusste, dass es nicht blosser Zufall
war, dass die Baubrüder sie beschützt und verteidigt hatten. Wie unschuldig auch
Elisabet selbst daran sein mochte: der alten Frau ward sie dadurch immer ein
hassenswerter Gegenstand, dass ihre Söhne um ihretwillen gelitten - und zwar
doppelt, als sie aus späteren Gesprächen derselben entnommen, dass die Gerettete
auch beim Wiedersehen mit Ulrich kein Wort des Wiedererkennens und Dankes für
ihn gehabt.
    Jetzt scholl plötzlich von der Strasse, auf der es vorhin ganz winterlich
still gewesen, ein wüster Lärm empor, und Frau Marta öffnete gleich neugierig
das Fenster, um zu sehen, was es gebe, oder vielleicht zu hören, denn es war
dunkler Abend draussen, nur von den Dächern leuchtete der Schnee, indes der auf
der Strasse nur hie und da noch seinen weissen Glanz behalten hatte.
    Man hörte rohe, lallende und höhnende Männerstimmen, dazwischen jammerten
unverständliche Reden eines alten Mannes und eine helle weibliche Stimme rief
laut und immer lauter nach Hülfe. Von oben konnte man nur unterscheiden, dass von
einem Trupp Männer zwei Personen umringt waren und bedroht, gemisshandelt zu
werden.
    Ulrich und Hieronymus nahmen ihre Schwerter und eilten auf den Ruf hinab,
obwohl Mutter Marta warnte und bat, sich doch nicht in Gefahr zu begeben und in
Händel zu mischen, wo man ja nicht einmal wissen könne, wem das Unrecht
geschehe; solchen Strassenunfug zu verhindern, sei das Amt der Büttel und
Stadtknechte, aber nicht der freien Steinmetzen.
    Aber Ulrich entgegnete: »So müssen wir wenigstens aushelfen, bis die
Stadtknechte kommen und ihre Schuldigkeit tun. Wo Zwei von Zehnen umzingelt
nach Hülfe schreien, da kann man doch nicht ausbleiben.«
    »Um so weniger,« sagte Hieronymus, »wenn die Zwei, wie es scheint, ein
wehrloser Greis und ein zitterndes Weib sind.« -
    Gleichzeitig mit den Baubrüdern trat auch der Rädleinmacher Sebald aus
seinem Hause, und mehr als eine Haustür öffnete sich; Männer, in ihrer
Abendruhe gestört, traten heraus und aus den Fenstern der obern Geschosse
blickten da und dort weibliche Köpfe; die Lampen, die hinter ihnen brannten,
warfen einzelne hellere Lichtstrahlen auf die Strasse.
    Ulrich und Hieronymus fragten gleich andern Herzueilenden, was es gäbe?
    »Ein Judenhund bellt und heult und seine Kleine winselt! hört Ihr es nicht?«
antwortete eine rauhe Stimme.
    »Mit Juden braucht sich Niemand einzulassen!« rief Hieronymus. »Ihr solltet
Euch schämen, wenn Ihr es getan?«
    »Die Dirne ist trotzdem nicht so übel!« rief eine andere Stimme; »Schade,
dass sie eine Jüdin ist - im Sonnenbad könnte sie sonst gute Geschäfte machen -
meint Ihr nicht so, Herr Badmeister?«
    Der Angerufene war vor die Tür des Gebäudes getreten, welches das
»Sonnenbad« hiess und ein öffentliches Badehaus war. Es war aber allgemein
bekannt, dass in diesem wie in den meisten Badehäusern schöne Mädchen gehalten
wurden, die Männerwelt anzulocken. Der Bademeister rief zornig: »Solcher Schimpf
sollte meinem Hause nimmer widerfahren, dass ich eine Judendirne darin duldete!«
    »Hau't den alten Kerl vollends zusammen, damit der Spektakel ein Ende hat!«
rief ein Anderer aus dem Trupp.
    Solche und ähnliche beschimpfende und drohende Reden wurden von einer Anzahl
Handwerksgesellen gesprochen, die von einem Zechgelage meist betrunken
zurückkamen und zugleich ihren Witz wie ihren Zorn an einem Judenpaare
auszulassen suchten, die so unglücklich gewesen waren, ihnen in den Weg zu
kommen. Andere Leute, welche der Lärm herbeigelockt, hörten nur neugierig zu,
manche sogar sich dabei belustigend, und die meisten zogen sich teilnahmlos
zurück, als sie hörten, dass es Juden waren, welche hier gemisshandelt wurden.
    Ulrich aber drängte sich mitten durch die Gesellen, welche ihre Knittel über
dem Rücken des seine Unschuld beteuernden und um Erbarmen flehenden alten Juden
schwangen, hieb zwei dieser aufgehobenen Stöcke mit seinem Schwert zurück und
herrschte den Gesellen zu: »Hat der Mann da ein Unrecht getan, so ruft die
Stadtknechte, dass sie ihn in Gewahrsam nehmen, oder wir wollen ihn selbst auf
die Büttelei führen; aber ihn hier zu beschimpfen und zu zerbläuen habt Ihr kein
Recht, und wenn Ihr es tut, so verdient Ihr zehnmal grössere Strafe als er
selbst!«
    Wie er so sprach, durch seine gebietende Haltung und Rede, die Allen ganz
unerwartet kam, die Aufgeregten im ersten Augenblick verblüffte, warf sich
Rachel zu seinen Füssen, die neben ihrem Vater stehend, von Angst und Scham über
die Reden der Gesellen, ihre Berührungen und allen angetanen Schimpf fast
vernichtet, regungslos und gebückt die Hände vor ihr Gesicht haltend, und rief:
    »Wir haben nichts getan, als dass wir uns verspätet und nun noch auf der
Gasse sind! Ihr seid ein Christ und ein Mensch, aber diese da sind keine
Menschen.«
    
    »Ich glaube, das Mädchen hat Recht,« sagte Ulrich, der sie wiedererkannte.
»Sage, was geschehen; ich glaube Dir mehr als diesen, denn sie sind betrunken
und haben sich unter das Vieh erniedrigt!«
    Rachel stiess einen hellen Ton wie ein freudiges Triumphgeschrei aus und
sagte: »Wir hatten uns im Schneefall verspätet, diese da kamen dort um die Ecke
aus der Trinkstube und wollten Kurzweil mit mir treiben; der Vater stiess sie zur
Seite, und weil ich mich ihrer nicht anders erwehren konnte, sagte ich, dass ich
ein Judenmädchen sei, damit sie mich ziehen liessen; da rissen sie mir und dem
Vater da die Bündel ab - seh't, es waren Sachen darin, sie haben sie an sich
genommen oder im Schnee verstreut!«
    Ulrich vernahm diese Rede, obwohl die Gesellen sie zuweilen mit höhnischem
Ruf überschrieen, auf Ulrich losschlagen wollten, und doch wieder vor seinem und
Hieronymus geschwungenem Schwerte zurückwichen, auch weil jetzt die früheren
müssigen Zuschauer hinzutraten und den Gesellen selbst den Rat gaben, das
Judenpack laufen zu lassen.
    Gleichzeitig jammerte der Jude Ezechiel: »Sie haben uns überfallen, aus
unsern Bündeln gerissen die schönen Sachen, die ich erst gekauft für mein
teures Geld! Seh't Ihr nicht die Reiherfedern und den Sammetmantel da« - er
deutete auf einzelne Gesellen, die solche Gegenstände noch in den Händen oder
auf den Schultern trugen.
    »Nun!« rief Ulrich, »gegen Spitzbuben und nächtliche Strassenräuber wird es
doch Schutz in Nürnberg geben und Strafe für sie.«
    Jetzt rückten, von dem Lärm herbeigelockt, einige Mann der Stadtwache an,
indes es bereits einige ernüchterte Gesellen für gut fanden leise zu entweichen;
ein paar warfen die den Juden abgenommenen Gegenstände weg, ein paar andere aber
nahmen sie mit sich.
    Bei dem Anrücken der Wache und noch anderer herzueilender Personen bekam die
Scene ein anderes Ansehen: nur drei Gesellen waren noch auf dem Platz; Andere
waren müssige Zuschauer, und es war nun Streit darum, wer hier Streit angefangen
oder im grösseren Rechte sei - die Gesellen oder die Baubrüder, und Ulrich konnte
Rachel zuflüstern: »Flieh' doch, damit Du nicht wenigstens mit auf die Büttelei
musst« - und sie war wie im Nu in demselben Augenblick entschwunden, indes ihr
Vater, mehr als auf Leben und Freiheit und auf sein Kind, auf die Waaren, die er
bei sich getragen, bedacht, davon zu erhaschen suchte, was von den Gesellen im
Schnee verstreut war.
    Da die herzugekommene Stadtwache nur aus fünf Mann bestand, wusste ihr Führer
nicht recht, wie er hier von seiner gesetzlichen Autorität Gebrauch machen
sollte. Die Baubrüder stellten sich selbst auf seine Seite, erklärten sich ihm
in allen Stücken gehorsam zu zeigen und beteuerten friedlich, dass sie nur bis
zu ihrem Kommen einen mit seiner Tochter misshandelten Mann vor einem Trupp
betrunkener Gesellen beschützt hätten, was die Zuschauer bezeugten, indes die
Gesellen riefen: es war Judenpack! und dem stimmten auch die Anwesenden bei.
    Das änderte die Sache sehr. Die Juden durften nur bis zur Dämmerung durch
die Stadt gehen. Wurden sie im Dunkeln dabei betroffen, so waren sie strafbar
und mussten dafür entweder sitzen oder Geldbusse zahlen. So waren auch diese hier
auf unrechten Wegen gegangen, und überhaupt war es eine sehr herkömmliche Sache,
wenn Juden verspottet und gemisshandelt wurden - freilich sie zu berauben und
todtzuschlagen, in welcher Gefahr diese beiden gewesen, das gehörte sich nicht.
    Die Stadtwache ergriff den alten Juden, der noch nach seinen Sachen suchte,
und nahm ihn mit, damit er diese Nacht in Haft und morgen zur Bestrafung für die
Uebertretung des gesetzlichen Verbotes, im Dunkeln die Stadt nicht zu betreten,
an die Schöppen abgeliefert werden könne. Vergeblich jammerte er um seine
Tochter, vergeblich suchte man nach ihr: sie war verschwunden. Den Andern ward
nur gesagt ruhig nach Hause zu gehen, um nicht auch als Ruhestörer verhaftet zu
werden.
    Alles verlief so zuletzt ziemlich ruhig; denn solche Vorfälle gehörten eben
nicht zu den Seltenheiten, und ein Tumult endete oft so schnell, wie er
begonnen.
    Ulrich und Hieronymus waren die ersten, die wieder in ihr Haus zurückgingen.
    Von oben kam ihnen Mutter Marta bis an die Treppe mit einem brennenden
Kienspan entgegen. In schrecklicher Angst hatte sie oben vom Fenster herab
zugesehen, und jetzt konnte sie den Augenblick nicht erwarten, zu sehen, ob
nicht wieder einer ihrer Lieblinge eine Wunde davon getragen.
    Wie das plötzliche Licht kam, fuhr von der untersten Stufe der kleinen
Windeltreppe eine Gestalt erschrocken empor und sagte: »Verzeiht! - Ihr hiesset
mich fliehen, und ich konnte mich nicht anders sichern. O, Ihr waret mein
Beschützer und werdet mich auch jetzt nicht verraten. Ach, wenn ich Euch danken
könnte!«
    Ulrich stand etwas bestürzt vor Rachel, denn er war allerdings nicht darauf
vorbereitet sie hier zu finden; Hieronymus aber herrschte ihr zu: »Hier kannst
Du nicht bleiben; wir haben Dich vor Misshandlung geschützt, aber wir mögen keine
Gemeinschaft mit Dir!«
    Von oben rief Marta, die nur Rachel's Stimme hörte und ihr Gesicht sah, auf
das gerade der Schein ihrer Holzflamme fiel: »Ach, da ist ja der Knabe, der
immer kam, wie Ihr krank waret, und die geheimnisvollen Gaben brachte.«
    Rachel wandte ihr Gesicht der Dunkelheit zu, um seine glühende Röte zu
verbergen, und schlich nach der Haustür; aber da sie dieselbe öffnen wollte,
sprang Ulrich ihr nach, hielt sie zurück und sagte! »Jetzt darfst Du nicht
hinaus - es sind noch zu viel Leute draussen.«
    Sie sah mit seligem Dankesblick zu ihm auf.
    Hieronymus zog die Stirn in Falten und sagte rauh: »Ja, das fehlte noch, dass
sie Jemand aus dem Hause kommen sähe, das wir bewohnen - es wäre denn, wir
würfen sie hinaus, um uns selbst vor Schande und übler Nachrede zu sichern!«
    »Um Jesus Christus Willen!« rief Mutter Marta, »es ist ein Mädchen und wohl
ein verrufenes Frauenzimmer - oder gar eine Jüdin?« denn vom Fenster aus hatte
die Spähende natürlich gehört, dass es sich unten mit um eine solche gehandelt.
    Ulrich aber sagte: »Komm' mit hinauf, hier unten möchte Dich Meister Sebald
finden, oder noch andere Leute.«
    Sie folgte ihm ohne ein Wort zu erwiedern, oben öffnete er die Kammer der
Mutter Marta, schob Rachel dahinein und sagte: »Hier warte und ruhe aus - wenn
es draussen still geworden und Niemand mehr in den Nebenhäusern wacht oder auf
der Strasse geht, werde ich Dich hinauslassen.«
    Er wollte schnell durch die Tür zurück und sie allein lassen. - »Sagt mir
nur noch,« rief sie angstvoll, »nach welcher Seite mein Vater entkam, oder was
aus ihm geworden?«
    Ulrich zögerte mit der Antwort, endlich sagte er doch: »Die Stadtwache hat
ihn mitgenommen, aber es wird ihm nichts geschehen, als dass er Strafe zahlt für
sein nächtliches Umherschweifen.«
    Rachel brach in Tränen aus - Ulrich ging und verschloss die Tür hinter
sich.
    Als er zu Marta und Hieronymus zurückkehrte, rief Jene: »In meine Kammer
sperrt Ihr die Jüdin?«
    »Das hättest Du der Mutter ersparen können!« sagte Hieronymus vorwurfsvoll,
»sie hat es nicht um Dich verdient.«
    Ulrich sah betrübt auf die Beiden. »Ich konnte sie doch nicht zu uns
nehmen,« sagte er, »und mögen wir auch sonst keine Gemeinschaft mit den Juden -
wer des Schutzes bedarf, den schütze ich - er mag gehören, zu wem er will, und
sein, wer er will - ja ich schütze ihn, es sei auch gegen wen es wolle!«
    Seine Augen flammten dabei bedeutsam, fast drohend. Er ging an's Fenster und
schaute auf die Strasse.
    Die alte Frau sass händeringend in einer Ecke und jammerte bald über die
Entdeckung, dass ein Judenkind, gleichviel ob Knabe oder Mädchen, in Ulrich's
Krankheit ihn mit seinen Gaben bedacht, dass sie selbst sie angenommen - bald
darüber, dass eine Jüdin in ihrer christlichen Kammer sei - dass ihre Söhne sie
versteckt. Nein - nicht Söhne! ihr eigener Sohn zürnte ja selbst darüber und
hätte das nimmer getan; jetzt zeigte es sich recht deutlich, das Ulrich ein
fremder Mensch war, der sie gar nichts anginge.
    Die Baubrüder liessen sie reden und sagten beide nichts dazu - Hieronymus
nicht, weil er im Grunde der Mutter beistimmte, und Ulrich nicht, weil er sich
verletzt fühlte und weil er nicht wollte, dass es im Zimmer noch lauter werde und
Rachel in der Kammer nicht höre, was es ihn koste, auch jetzt sie zu sichern. -
    So war es etwa elf Uhr geworden - in allen Fenstern waren die Lichter
verlöscht und es war ganz still auf den Strassen. Ulrich sagte: »Ich werde jetzt
Rachel hinauslassen,« und ging zu ihr. »Du kannst jetzt gehen,« sagte er; »Ich
will Dir den Riegel an der Haustür öffnen, es ist ganz still draussen - aber
sprich kein Wort!«
    »Könnt Ihr mir vergeben?« sagte sie; »könnt ich's vergelten -«
    »Es ist nichts zu vergeben!« antwortete er.
    »Doch, doch!« rief sie, »es ist eine alte Rechnung!«
    »Still!« sagte er, »ich bat Dich nicht zu sprechen.«
    Sie gehorchte mit einem Seufzer und folgte ihm schweigend die Treppe hinab -
ebenso öffnete er die Tür, und ohne Lebewohl und Gutenacht schieden sie von
einander.
    Als Ulrich wieder in sein Zimmer kam, legte er sich auch schweigend nieder.
Mutter Marta aber öffnete in ihrer Kammer Tür und Fenster und räucherte unter
dem von Holz geschnitzten Christus, der darin hing, um ihn wieder zu versöhnen
für den Frevel, dass ein Judenkind in seiner Nähe geweilt.
 
                                Viertes Capitel
                                Geheimnisvolles
Am Morgen nach dem nächtlichen Abenteuer, welches Ulrich und Hieronymus zum
ersten Male in ihrem Leben in eine Art von Zwiespalt gebracht hatte, waren sie
stumm aufgestanden und hatten auch so ihr Morgenbrod genossen. Es war noch
dunkel, als sie die Stiege hinabgingen, da hörte Ulrich von seinem Tritt berührt
die Stufen etwas wie eine kleine Kugel hinabrollen. Er tappte unten danach, wo
der Laut verhallt war, und fühlte einen Ring mit einem grossen Stein in seinen
Händen.
    Draussen vor der Haustür besah er seinen Fund und zeigte ihn auch
Hieronymus. Es waren die ersten Worte, welche sie zusammen redeten.
    »Es scheint ein wertvolles Kleinod zu sein,« sagte Ulrich; »ein goldener
Ring, einen grossen Stein in der Mitte, der noch mit einem Kranz von gleichen
Steinen eingefasst ist - wer kann ihn verloren haben?«
    »Wer anders als das Judenkind?« sagte Hieronymus, »es ist ja Niemand in das
Haus gekommen.«
    Ulrich schüttelte den Kopf. »Wie käme die zu solchem Kleinod?«
    »O dies Judenpack sammelt immer Schätze, um die es die Christen betrügt,«
rief Hieronymus, »und wer weiss, auf welche unlautere Weise noch die Dirne dazu
gekommen, die sich seit Jahr und Tag so unerträglich an uns hängt, und wenn man
einmal sie lange losgeworden zu sein scheint und sie fast vergessen hat, so ist
sie wieder da in einer andern Gestalt uns zu belästigen gleich einem bösen
Kobolt, mit dem jede Bewegung unheilvolle Folgen hat.«
    »Hieronymus!« mahnte Ulrich, »wir haben es mehr als einmal gesagt, dass wir
ohne Grund andern Menschen nicht eher das Schlechte zutrauen wollten als das
Gute, nach dem Grundsatz der heiligen Schrift: Was du nicht willst, dass dir die
Leute tun sollen, das tu' du ihnen auch nicht! Warum ihn einmal verleugnen?
Warum dies Judenmädchen, das mir ein unschuldiges, aber gepeinigtes Kind zu sein
scheint, zu einer Verbrecherin stempeln?«
    »Die Juden sind einmal die Ausgestossenen, auf denen der Fluch des Herrn
ruht, den sie sich selbst täglich neu verdienen!« rief Hieronymus. »Hast Du Dein
Glaubensbekenntnis geändert, so brauchst Du doch nicht mir dasselbe zuzumuten -
und ausserdem hätte ich wenigstens erwartet, dass Du meine Mutter schonen und ihr
nicht so ihre Liebe vergelten würdest!«
    »Hieronymus!« sagte Ulrich ernst, »Du sahest selbst, dass ich nicht anders
handeln konnte. Du eiltest selbst mit mir den Unglücklichen zu Hülfe, Du
gewährtest sie ihnen, wie ich auch, nachdem wir erfuhren, dass sie zu den
Ausgestossenen gehörten -«
    »Ja,« fiel ihm der unzufriedene Kamerad in's Wort, »ich gewährte sie ihnen,
wie ich sie auch einem Hunde würde gewährt haben, der von einer tollen Meute
angefallen. Die Hülferufenden vor Misshandlung zu schützen und dann der Wache zu
übergeben, war unser würdig; aber das Mädchen bei uns zu verstecken - dieser
Schimpf macht meine Mutter unglücklich und wird uns Beide in Schimpf und Schande
bringen, wenn, was sehr wahrscheinlich ist, der Vorfall in der Hütte zur Sprache
kommt.«
    »Dann,« sagte Ulrich, »werde ich den Schimpf und die Strafe auf mich allein
nehmen und sagen, dass ich das nicht nur getan, weil ich gar nicht anders
konnte, sondern auch gegen Deinen Willen; und damit man dies glaubt, will ich
mir noch heute eine andere Wohnung suchen und Deiner Mutter nicht mehr zur Last
fallen.«
    Während er so sprach, drehte er den Ring noch in der Hand. Hieronymus sah
darauf und sagte:
    »Wirf den Ring in den Schnee, mag ihn finden, wer will.«
    »Dadurch, dass ich ihn fand, ist er mir anvertraut worden,« antwortete
Ulrich; »ich hoffe den rechtmässigen Eigentümer dazu noch finden zu können.«
    »Wohl, er wird eine neue Berührung mit Rachel herbeiführen!« sagte
Hieronymus mit spöttischem Lächeln.
    Ulrich zuckte die Achsel als Antwort.
    Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander und betraten so aufgeregt und
verstimmt die Hütte. Es war die höchste Zeit, dass sie kamen, denn schon begann
das Morgengebet - wer später erschien, musste Strafe geben und seinen halben
Tagelohn »in die Büchse legen.«
    Schweigend gingen dann Beide an ihre Arbeit. Nach ein paar Stunden kam der
Propst Kress und redete leise und eifrig in einer entfernten Ecke heimlich mit
dem Werkmeister, wobei er seine Augen immer auf Ulrich und Hieronymus richtete.
    Dieser bemerkte es zuerst und flüsterte Jenem zu: »Jetzt kommt es schon zur
Sprache.«
    Ulrich antwortete stolz: »Du brauchst Dich nicht zu fürchten, ich werde
Alles auf mich allein nehmen« - und er meisselte ruhig an der kleinen Statue
eines Johannes weiter, die unter seinen Händen aus dem Stein hervorzuspringen
schien.
    Nach einer Weile wurden die Beiden von dem Hüttenmeister aufgerufen. Ulrich
näherte sich mit gewohntem stolzen Gange, Hieronymus finsterblickend mit
niedergeschlagenem Auge.
    Der Werkmeister teilte ihnen mit, dass sie sich Beide morgen in das ein paar
Stunden entfernte Benediktinerkloster zum heiligen Kreuz begeben sollten, um ein
halb zertrümmertes Weihbrodgehäuse wieder herzustellen. Er nannte ihnen den
Lohn, den sie bekommen sollten, und fügte hinzu, dass sie diese Gunst teils
ihrem Fleiss und ihrer Geschicklichkeit, teils der Empfehlung des Herrn Propstes
dankten.
    Mit Erstaunen empfingen die Baubrüder diesen ehrenvollen Auftrag, da sie
eben eine ganz andere Rede erwartet hatten, und besonders Hieronymus richtete
sich noch einmal so gross auf und blickte, die vorige Angst von sich werfend, mit
leuchtenden Augen um sich, indes Ulrich seine dankenden Blicke auf den Propst
richtete. Aber zu seiner Verwunderung begegnete er in dessen sonst immer
freundlichen Gesicht einen Ausdruck von Besorgnis und Kummer, der demselben
sonst ganz fremd war. Wie segnend legte der Propst seine Hände auf die Häupter
der beiden Gesellen und sagte: »Ziehet mit Gott! und möge er Euch gnädig sein
bei dem neuen Werke zu seiner Ehre.« Dann flüsterte er Ulrich zu: »Kommt heute
nach dem Feierabend noch zu mir, ich will Euch noch ein Schreiben mitgeben an
den Herrn Abt.« Dann verliess er eilends die Hütte.
    Als die Baubrüder zum Mittagessen nach Hause gingen, sagte Ulrich: »Nicht
wahr? das war eine vergebliche Angst?«
    »Wer kann es wissen?« antwortete Hieronymus; »möglich, dass dies
Zusammentreffen blosser Zufall; möglich auch, dass der Propst, der Dich einmal in
seinen besonderen Schutz genommen, diese Entfernung für Dich wohltätig findet
und selbst veranstaltet; möglich auch, dass, was eine Gunst erscheint, eine
Verbannung ist, und indes unsere Feinde Zeit haben uns bis zu unserer Rückkehr
Schimpf und Schande zu bereiten!«
    »Dummes Zeug!« antwortete Ulrich, und konnte doch die trüben, mitleidigen
Blicke des Propstes nicht los werden, der sonst bei ähnlichen Gelegenheiten nur
freundliche und heitere für ihn gehabt hatte.
    Aber beide teilten die Kunde doch fröhlich als Glück und Ehre der Mutter
Marta mit. Sonst wäre sie in lauter stolze Glückwünsche ausgebrochen - heute,
wo sie auf Ulrich zürnte und um ihren Sohn sich ängstete, sagte sie in
kummervollem Tone:
    »Nun werde ich allein sein, wenn der Büttel kommt Euch vor den Schulteissen
zu citiren, oder wenn das Judenmädchen sich untersteht mir wieder über den Hals
zu kommen.«
    »Das ist bald fortgejagt,« tröstete Hieronymus, »und was der Büttel bei uns
zu suchen hätte, wüsst' ich wahrhaftig nicht.«
    »Und meinetwegen habt Ihr in Eurer Wohnung auch nichts mehr zu fürchten,«
sagte Ulrich; »ich werde mir eine andere suchen, sobald wir wieder aus dem
Kloster zurück sind, so könnt Ihr morgen schon sagen, dass ich nicht mehr bei
Euch wohne.«
    Mutter Marta entfärbte sich und hätte bald vor Schreck die Suppenschüssel
hingeworfen - dass Ulrich sich von ihr und ihrem Sohne trennen könne, das schien
ihr gar nicht mehr möglich; doch sass ihr Groll zu tief, als dass sie schon heute
ein versöhnliches Wort zu ihm hätte reden können. -
    Als Ulrich am Abend zu dem Propst kam, führte ihn die öffnende
Wirtschafterin nicht in dessen gewöhnliches Wohnzimmer, sondern in ein kleines
Seitengemach, das einen besondern Eingang hatte, und bedeutete ihn zu warten.
Durch die hohe eichene Flügeltür schallte das Gelächter überlauter Zecher.
    Da der Propst so viel auf seine geistliche Würde hielt, um nicht öffentliche
Trinkstuben zu besuchen, so suchte er sich dafür in den Häusern guter Freunde
oder noch öfter in seinem eigenen Hause zu entschädigen. Es war bekannt, dass der
Keller des Propstes am besten in der ganzen Stadt gefüllt war, dass er die
feinsten wie die schwersten Weine entielt und dass er mit keinem derselben
geizte - ja, er trank seinen Gästen immer eifrig zu, und rechnete es sich als
ein Verdienst und das Zeichen eines guten Wirtes an, wenn seine Gäste betrunken
wurden, im besten Falle taumelnd heimgingen, oder auch noch in seinem Zimmer
bewusstlos zu Boden sanken und halbe Stunden brauchten ihren Rausch
auszuschlafen. Solche Niedergetrunkene wurden dann in das Cabinet gewälzt, in
dem jetzt Ulrich wartete und dem man deshalb den Namen der Todtenkammer gegeben.
Zum Glück hatte sie jetzt noch keinen Insassen.
    Heute würde sich der Propst keine Gäste geladen haben, da er sich
vorgenommen, ernstaft mit Ulrich zu sprechen; allein auswärtige Amtsbrüder und
Genossen waren unerwartet und gehörig ausgefroren angekommen, sie sassen nun
jetzt schon ein paar Stunden mit ihm beim Mahl und vertilgten immer mehr von der
edlen Gottesgabe, die sie missbrauchten, bis sie dadurch sich selbst und
gewaltsam unter das Tier erniedrigten. Für einen Helden galt, wer am meisten
saufen konnte - so nannten sie auch selbst ihr unmässiges Trinken, das auch auf
keinen andern Namen mehr Anspruch zu machen hatte und wenn bei Einigen in
allerlei kaum glaublichen und nicht zu schildernden Rohheiten die viehische Lust
ausbrach, oder Andere wie Todte da lagen, so galt dies meist als das fröhlichste
Ende eines fröhlichen Gelages - bei Fürsten und Geistlichen ebenso gut, ohne dass
diese darum in der öffentlichen Meinung verloren, wie bei Bürgern und Gesellen.
    Mit rotglühendem Gesicht trat der Propst vor Ulrich - er hatte ganz
vergessen, dass er ihn herbestellt; jetzt fiel es ihm ein und auch welche
Warnungen er ihm hatte mitgeben wollen; aber er war seiner Sinne zu wenig
mächtig, um selbst zu wissen, was er sprach. Er gehörte zu den gutmütigen und
gemütlichen Naturen, die in der Trunkenheit sich durch Geschwätzigkeit und
Zärtlichkeit offenbaren, gleich sehr zum Lachen wie zum Weinen geneigt, je
nachdem die Veranlassung dazu reizt.
    »Ach, Du bist es, mein guter Junge!« sagte er zu Ulrich; »Du kommst, ehe Du
in das Kloster gehst - nun, möge der Gang Dir nicht zum Unglück werden - Du
weisst, ich meine es gut mit Dir - ich wusste mir nicht zu helfen, ich musste
nachgeben, Dich hinschicken, da der Werkmeister gleich darauf einging.«
    »Ein Unglück?« sagte Ulrich und dachte an Hieronymus' Argwohn: »ich meinte,
man habe uns eine Gunst erwiesen, und kam, sowohl Euch dafür zu danken als Euren
Auftrag zu empfangen.«
    »Ach ja!« sagte der Propst und rieb sich die erhitzte Stirn, »es ist gewiss
eine Gunst. Ich wollte nur sagen, dass Ihr im Kloster vorsichtig sein sollt -
nicht mit den Mönchen reden - es darf bei Strafe nicht sein - auch nie ein Wort
laut werden lassen von dem, was Ihr drinnen sehet und höret - es geht die Laien
nichts an - und Euch könnte es nur schaden.«
    »Ich werde mich gewiss der erwiesenen Gunst nicht unwert erweisen,«
versetzte Ulrich; »indes erlaubt mir eine Frage: Ich sah Euch ehegestern beim
Meister Kraft mit einem Benediktinermönch am Fenster stehen, der mir derselbe zu
sein schien, welcher mir vor -«
    Entsetzt sprang der Propst auf Ulrich zu und drückte seine Hand auf dessen
Mund, ihm die Rede abzuschneiden: »Um aller Heiligen Willen, vollendet nicht!
Wisst Ihr - ahnt Ihr es denn wirklich schon? - Nein! denkt lieber gar nicht daran
- denkt lieber, es sei nicht - es wäre ja schrecklich, wenn es wäre, und noch
schrecklicher, wenn es an den Tag käme!«
    Jetzt war die Reihe zu erschrecken an Ulrich. Er sah wohl, dass der Wein in
diesen unzusammenhängenden Reden schäumte, aber irgend einen Hintergrund mussten
sie doch in des Propstes Seele haben.
    »Ich verstehe Euch nicht,« sagte er; »was ich fragen wollte, ist etwas
Ungefährliches und Geringes. Ich hatte bald nach meiner Ankunft in Nürnberg das
Unglück, im Gedränge mit meinem Schwert den Rosenkranz eines Benediktinermönchs
zu zerreissen; das kostbare Kreuz, das daran hing, ist mir zurückgeblieben, und
ich möchte es gern seinem Eigentümer zurückgeben: nun schien es mir, als hätte
ich denselben Klosterbruder neben Euch gesehen; wenn er vielleicht es war, der
die Sendung des Abtes vom heiligen Kreuz Euch überbrachte, so wollte ich nur
fragen, ob ich das Verlorene dem Abt oder dem Mönch übergeben sollte? Was ist
dabei das Unglück?«
    Der Propst hatte mit äusserster Anspannung seiner Sinne und Kräfte zugehört,
er wischte sich den Schweiss von der Stirn und fragte: »Weiter weisst Du gewiss
nichts von dem Mönch?«
    »Nichts!«
    »Nun, dann danke Gott, dass Du es nicht weisst!«
    »Aber ich irrte mich nicht, es war derselbe?«
    »Derselbe! ach, es ist schrecklich, dass es immer derselbe!«
    »Soll ich ihm das Kreuz geben?«
    »Tue es, aber höre nicht auf seine Reden - er ist halb wahnsinnig - sprecht
nicht mit ihm, wenn es Jemand sieht und hört - aber dem Abt gebt das Kreuz auch
nicht - da gebt es lieber noch dem Bruder Amadeus selbst - aber hört nicht auf
ihn; er hat wunderliche Einfälle und fixe Ideen.«
    »Amadeus heisst er?«
    »Amadeus; aber lass Dich nicht irre von ihm machen, ich beschwöre Dich. Er
ist schon lange im Kloster, aber er war früher ein vornehmer Ritter und büsst um
seine Sünden, die er damals begangen; er hat viel Unglück angerichtet, er könnte
Dich auch unglücklich machen - wie er Deine Mutter unglücklich gemacht hat -«
    »Meine Mutter? sagt Ihr?« rief Ulrich aufhorchend in äusserster Bestürzung.
    »Mutter sagt' ich?« rief der Propst; »nein, das sagt' ich nicht; ich meinte
meine Schwester, wenn ich's sagte - bedenke, dass er wahnsinnig - und mit mir -
was meinst Du, mit mir ist es wohl auch nicht richtig? Hörst Du, wie drinnen die
Pokale klingen! - Warte, Du sollst auch nicht dursten, der Wein erfreut des
Menschen Herz!«
    Mit diesen Worten ging er zu seinen Gästen zurück und sandte ihm durch die
Dienerin einen grossen gefüllten Humpen heraus, liess ihm sagen, er möge nur
austrinken, dann käme er wieder. Ulrich trank mit Mass, er war in der
peinlichsten Stimmung. Bisher hatte er den Propst nie anders gesehen als in der
Bauhütte oder Kirche, oder wenn er ihn in der Krankheit besuchte, da war er
immer nüchtern gewesen - jetzt sah er wohl, dass er betrunken war und nicht
wusste, was er sprach; aber es schien ihm doch, dass er spreche, was er denke und
fühle, und gerade nicht sprechen wollte. Welch' ein Zusammenhang konnte zwischen
diesem Amadeus und seiner Mutter und ihm selbst sein? Es fiel ihm ein, dass in
seiner Kindheit, als flüchtige Söldnerschaaren im Elsass sein Heimatsdorf
verwüstet, indes er selbst Obdach im Kloster gefunden, Einige gesagt hatten, dass
seine Mutter ein Lanzenknecht auf seinem Pferde fortgeschleppt! Konnte dies
nicht auf den Befehl eines Anführers geschehen sein, oder doch ein solcher -
vielleicht dieser Amadeus sie als seine Beute an sich gerissen haben? Aber was
wusste der Propst davon? was wusste denn er von seiner Mutter, da er doch nach dem
Schicksal seiner Eltern wie seinem ganzen Herkommen gleich bei seinem Eintritt
in die Bauhütte gefragt hatte. Aber gerade seitdem hatte er ihm auch jene
ungewöhnliche Teilnahme bewiesen, die Ulrich anfangs befremdet und fast
bedrückt hatte, an die er aber im Laufe der Zeit sich selbst gewöhnt, so dass es
ihm endlich zu Etwas geworden, das gar nicht anders sein könne, und das er nur
etwaigen besondern Empfehlungen seiner Kunstleistungen an den Kunstfreund
zuschrieb. Ausser jenem ersten Gespräch in der Bauhütte hatte der Propst nie
wieder mit ihm von seinen Eltern gesprochen. Wenn er etwas von seiner Mutter
wusste, warum hatte er es ihm nicht gesagt? - Und wenn es nur Unglückliches und
Unwürdiges war? Wenn nun jener elsässische Benediktinermönch, Bruder Anselm, der
es ihm auf die Seele gebunden, nie nach seiner Mutter zu forschen, weil man ihr
üble Dinge nachgesagt, damit Recht hatte? Und wenn es dieser Amadeus war, der
sie in üblen Ruf gebracht? - Ulrich fühlte ein Gefühl von Hass, das er bisher
kaum gekannt, gegen den Mann in sich aufsteigen, der seine Mutter unglücklich
gemacht; er fühlte, dass er strenge Rechenschaft von ihm fordern müsse, Rache und
Sühne verlangen für seine Mutter. Aber er sollte ja nicht nach ihr forschen und
fragen! Und mitten durch alle diese Gefühle und Gedanken klang auch als Echo die
Warnung des Judenmädchens: »Sie wollten aussprengen, Eure Mutter sei eine Hexe
gewesen!« und dass ihm Hieronymus später einmal gesagt, man habe während seiner
Krankheit wirklich einmal ein derartiges Gerücht in die Hütte gebracht, aber
durch seine Zeugnisse von Strassburg und die Bürgschaft des Propstes sei es
vernichtet worden. Seitdem war auch nichts wieder davon verlautet.
    Ulrich leerte den Becher fast ohne es zu wissen unter diesen von allen
Seiten auf ihn eindringenden Gedanken. Des Weines gänzlich ungewohnt, fühlte er
ihn bald glühend durch seine Adern rollen, indes ein Anderer vielleicht vieler
dieser Pokale hätte leeren können, ohne in gleicher Weise erregt zu werden.
    Umgekehrt hatte indes der Propst versucht, sich durch ein niederschlagendes
Pulver zu ernüchtern, oder wenigstens in eine ruhigere Umfassung zu bringen. Er
kam jetzt zurück mit dem Brief an den Abt in der Hand. Ulrich schob denselben in
seine Ledertasche und fragte:
    »Ist's ein Uriasbrief?«
    Der Abt sah den Steinmetzgesellen verwundert an, legte seine Hand auf seine
Schulter und sagte: »Ich dächte, Ihr hättet von mir Beweise genug, dass Ihr mir
vertrauen könntet und wissen, ich fördere Euer Wohl in allen Stücken!«
    »Ja gewiss,« sagte Ulrich und drückte dankbar des Propstes Hand; »darum darf
ich Euch auch ganz vertrauen und um eine neue Gunst Euch bitten: sag't mir, was
Ihr von meiner Mutter wisst?«
    Der Propst stand bestürzt. Auf eine solche directe Frage war er nicht
vorbereitet; er war sich so weit klar, zu wissen, dass ihm vorhin wohl
unvorsichtige Äusserungen entschlüpft waren, aber er konnte sich nicht besinnen,
was und wie viel er verraten. Um jeden Preis musste er das wieder zurücknehmen,
aus Ulrich's Seele zu verdrängen suchen. Nach einer Pause antwortete er:
    »Hab't Ihr nicht selbst erzählt, dass ein feindlicher Kriegshaufe Eure Mutter
fortgeschleppt und dass Ihr seitdem nichts von Ihr gehört? Meine Schwester hatte
ein ähnliches Schicksal - sie ward auch eine Kriegsbeute im Elsass, und erzählte
von einer Genossin ihrer Leiden, die vielleicht Eure Mutter gewesen sein konnte,
denn sie hiess Ulrike und stammte aus Eurem Dorfe.«
    »Und was ist aus Ihr geworden?« rief Ulrich.
    »Darauf kann ich Euch keine Antwort geben,« versetzte der Propst.
    »Aber Eure Schwester kann es, weiss wenigstens ihr damaliges Schicksal - o
sag't mir, wo sie weilt, damit ich mir von ihr die langersehnte Kunde hole.«
    »Das ist unmöglich,« antwortete der Propst. »Meine Schwester ist Nonne im
Kloster der heiligen Klara hier in Nürnberg, Du wirst sie niemals sehen und
sprechen. Ich selbst darf sie nur einmal im Jahr besuchen. - Gebt es auf, nach
Dingen zu forschen, die unerforschlich sind und deren Entüllung Euch keinen
Gewinn bringen würde. Lasst das Vergangene und die Todten ruhen, es tut nicht
gut, in die Gräber zu blicken und die Särge wieder zu öffnen - es könnte ein
Pestauch von ihnen in's Leben strömen und es vergiften. Leb't Eurer Kunst und
geh't in Gottes Namen dahin, wo Ihr immer ihr dienen könnt. Forschet nichts
Unnützes, am wenigsten bei dem Bruder Amadeus - er hat nur zuweilen klare
Augenblicke, auf seine irren Reden könnt Ihr nimmer etwas geben. Meidet ihn
lieber ganz. Wenn Ihr aber zurückkommt und mir beichtet, was er mit Euch
gesprochen, so will ich Euch seine unglückliche Lebensgeschichte erzählen, durch
die er in diesen wüsten Zustand gekommen - jetzt ist dazu keine Zeit. Und nun
gehab't Euch wohl, meine Gäste harren auf mich. Die Ordensregel verlangt, dass
Ihr nicht mit den Mönchen sprecht; wenn Ihr Euch dawider vergeht, wird man Euch
im Kloster bestrafen und es in Eure Zeugnisse schreiben, dass sich die Strafe in
der Hütte wiederhole. Aber nicht mit einer Drohung will ich scheiden: der Herr
segne Euch und gebe Euch Frieden!«
    Damit war Ulrich entlassen.
    Als er in die kalte Winternacht hinaustrat, war es ihm, als ob sich das
ganze Firmament mit ihm drehe. Sie flimmerten und glitzerten auch gar so hell
diese Millionen von Sternen, und es war, als suchten sie einander an Schimmer
und Glanz zu überbieten. Ulrich blickte hinauf und wünschte in den Sternen zu
lesen. Gleich den Meisten seiner Zeitgenossen war er erfüllt von dem Gedanken,
dass sie eine Sprache redeten, welche die Wissenschaft erlernen könne und daraus
das Geschick des Menschen deuten.
    Indem er so fragende Blicke zu dem funkelnden Firmament emporrichtete,
mahnten ihn die sechszackigen Sternlein an das doppeltgenommene Dreieck und das
heilige Sechsort seiner Kunst - da ward plötzlich seine aufgeregte Seele gross
und stille und er fühlte wieder begeistert, dass es für ihn keine höhere Aufgabe
geben könne, als dieser Kunst zu leben, die auch berufen war, erhabene Werke zu
schaffen auf der Erde, welche würdige Abbilder waren jener Wunderwerke des
Himmels und gleich ihnen die Augen der Menschen tröstend und freudig zu ihm
emporführten.
 
                                Fünftes Capitel
                                   Reichstag
Anfang Februar war der Reichstag zu Nürnberg anberaumt worden, der erste, auf
dem König Max daselbst erschien, obwohl noch von seinem greisen Vater begleitet.
Kaiser Friedrich nahm wie gewöhnlich seine Wohnung auf der Veste, und der
Burggraf Friedrich von Zollern war schon einige Tage vor ihm erschienen, um ihm
das Quartier würdig zu bereiten. König Max hielt Wort und sandte seine Boten an
Herrn Christoph Scheurl, ihm zu melden, dass er in seinem Hause um ein Stübchen
bitte. Herr Hans von Tucher, der diese Ehre gern für sich in Anspruch genommen,
wählte nun den edlen Kurfürsten Friedrich von Sachsen, der sich bereits von
seinen Zeitgenossen den wohlverdienten Beinamen des Weisen erworben, zu seinem
Gaste. Die geistlichen Herren von Mainz, Worms und Trier sollten in der Propstei
bei Anton Kress wohnen, der Bischof von Eichstädt bei dem Rat Pirkheimer
einkehren, dem er den Sohn Willibald mitbrachte - und so hatte der Rat von
Nürnberg lange Sitzungen zu halten, bis er glücklich für alle Kurfürsten,
Pfalzgrafen, Bischöfe, Fürsten und Herren, ihre Gesandten wie ihre Begleiter die
passenden Wohnungen aufgesucht und bestimmt hatte. Es war dies keine
Kleinigkeit, sondern eine Verhandlung, die zu vielen Reibungen der Patrizier wie
der Geschlechter führte. Den allgemein geachteten Kurfürsten von Sachsen wollte
Jeder gern bei sich haben, ebenso den Herzog Georg von Baiern mit dem Beinamen:
der Reiche; denn die Nürnberger achteten nach Kaufmannsweise den gar hoch, der
Schätze zu erwerben oder die schon überkommenen zu wahren verstand. Auch den
Grafen Eberhard von Würtenberg, der von sich sagen konnte, dass er, wenn er ganz
allein durch sein Land gehe und ermüdet sei, getrost sein Haupt in den Schoss
jedes Würtenbergers könne schlafen legen; so wie den Kurfürsten Johann von
Brandenburg, den man auch als bürgerfreundlich und für das Wohl seines Landes im
Innern sorgend kannte, wünschte man als Gast - aber der meisten andern Fürsten
und Herren, die teils als Wüstlinge, teils als rohe Tyrannen oder nur auf
Kriegsruhm und Ländervergrösserung, oder als Schützer des Adels und seiner Rauf-
und Raublust dem fleissigen Bürgerstand gegenüber bedacht waren, hätte sich Jeder
gern in seiner Wohnung verwehrt. Da es darüber in der Ratsstube selbst zu
keiner Einigung kommen wollte, sondern die sonst so ruhigen Herren in diesem
Streite sich immer mehr erhitzen bis er endlich sogar in das Gebiet der
Schimpfworte, Grobheiten und Tätlichkeiten geriet: so kam Hans von Tucher, um
die Würde der Versammlung zu retten, auf den Einfall, das Loos entscheiden zu
lassen, da auf eine andere Weise keine Einigung zu erzielen war. Als Belohnung
für seinen Rat und weil er und Herr Holzschuher als oberste Loosunger sich doch
als Häupter der Stadt betrachteten, behielt er sich aber vor, dass der Kurfürst
von Sachsen bei ihm und bei jenem Herzog Georg der Reiche wohnen solle, ihre
Namen also nicht mit auf die Zettel kamen, die in der Loosurne gemischt wurden.
Wie verständig dieser Rat auch war und von Allen, wenn auch von Einigen mit
Murren angenommen ward, so bereute Hans Tucher doch gar bald, ihn gegeben zu
haben, als der ihm verhasste Gabriel Muffel gerade den Grafen Eberhard im Bart
wie ein grosses Loos ziehen musste! Ihm würde er nur den allerwiderwärtigsten und
verhasstesten Potentaten oder nur den geringsten Abgesandten gegönnt haben - und
nun musste er gerade den allerbeliebtesten erhalten. Tucher ging in seinem Aerger
so weit einzuwenden, dass Muffel's Haus wohl nicht geräumig und würdig genug
geziert sei, einen solchen Fürsten zu empfangen; aber Muffel entgegnete seines
unerwarteten Glückes sich freuend:
    »Gross genug ist mein Haus, und ist es nicht mit orientalischer Pracht
gleissend von Gold und Marmor gleich dem Euren geschmückt und überladen, so ist
es dafür echt deutsch einfach und fest, und eignet sich gerade für einen so
biedern deutschen Herrn, der schon manchmal mit der Hütte eines Landmanns
vorlieb genommen. Gebt Acht, er wird sich wohler fühlen in dem Haus von
deutscher Art erbaut und von deutscher Sitte bewohnt, und nicht lüstern sein
nach der türkischen Herrlichkeit, die Ihr ihm zu bieten hättet.«
    In welchen neuen Zorn auch der alte Tucher über diese Worte ausbrach, es
blieb ihm doch unmöglich eine Aenderung des einmal durch seinen eigenen
Vorschlag Entschiedenen herbeizuführen, und er hoffte sich nun nur dafür an
Gabriel Muffel zu rächen, dass er seinen Sohn Stephan im Geleit des Kaisers
wiederkehren sehen werde, vollkommen geheilt von seiner Leidenschaft für Ursula
Muffel durch schönere Frauen Wiens, Italiens und Ungarns, und dass er die einst
blühende Mädchenrose, die jetzt der Gram gebleicht hatte, dass sie indes um ein
Jahrzehent gealtert erschien, gewiss nicht mehr begehren werde.
    Einzeln hielten die Fürsten und Herren ihren Einzug. Aber keiner kam ohne
einen ganzen Schweif von Rittern und Reisigen mitzubringen, ja im Gefolge
mancher waren mehr denn hundert Pferde. Kaum begreiflich schien es, wie eine so
ungeheuere Menge von Menschen und Tieren noch Platz finden solle in Nürnberg,
das zwar mit zu den grossen, aber auch zu den bevölkertsten Städten gehörte, denn
es zählte damals über hunderttausend Einwohner. Denn nicht allein die kamen, die
zum Reichstag berufen waren, und das waren eben diesmal weniger als sonst, da in
der Eile, mit welcher Max den Reichstag ausgeschrieben, er die Abgesandten der
Städte nicht auffordern lassen und auch sonst, sowohl der kurzen Zeit wegen als
überhaupt aus Lauheit gegen die Angelegenheiten des immer mehr in sich
zerfallenden deutschen Reiches, viele Fürsten es nicht der Mühe wert hielten
sich einzustellen. Aber dafür strömten zahllose Volksmassen herbei, welche die
Neugier lockte oder der Erwerb. Aus Nah' und Fern kamen Ritter und Bürger sammt
ihren Frauen, die hohen Herrschaften zu sehen und den Festlichkeiten
beizuwohnen, die immer an die Reichstage sich knüpften; kamen Gelehrte, Dichter
und Künstler, um hier ihre hohen Gönner zu begrüssen oder neue zu finden, oder
doch sich gegenseitig zu treffen, wohl auch Bestellungen zu erhalten, oder sich
selbst doch Stoff und Anregung zu neuen Werken zu suchen. Aber es kam auch
niederes Gesindel ohne Zahl: Gaukler und Possenreisser, Bettler und Diebe,
Wucherer und Betrüger, Wahrsagerinnen und fahrende Frauen - Tausende strömten
herzu trotz der Winterszeit, vielleicht dass sie sich bei der langen Dunkelheit
um so besseren Gewinn für alle diese Gewerbe versprachen, welche das Licht zu
scheuen hatten. Die Nürnberger aber sangen ihre Verslein auf die einen wie die
Andern. Von dem niedern Volke hiess es:
»Da kommen die Gaukler und fahrenden Frauen,
Die haben zum Reichstag ein gutes Vertrauen;
Und ob auch gleich sonst es Niemand hätt' -
Die mästen gewiss dabei sich fett.«
Und beim Einzuge der Reichstagmitglieder klang es gerade nicht feiner:
»Hier kommen hochgeborene Fürsten und Herren,
Die sehen, essen und trinken gern;
Sie geben Dirnen und Buben genug,
Das ist aller Freiheiten Fug.«
So urteilte damals das deutsche Volk über seine Vertreter, und zwar ungescheut
wie ungestraft; aber zu mehr brachte es auch der mittelalterliche Volkswitz
nicht, als wie dazu, sich über das deutsche Reich und seine Gesunkenheit lustig
zu machen und sich damit doch selbst in's Gesicht zu schlagen.
    Endlich kam auch der deutsche Kaiser und der römische König. Ein
unabsehbarer Zug von Hofleuten, Rittern und Reisigen war in ihrem Gefolge.
    Der alte Friedrich, obwohl schon an den Siebzigen, sass dennoch noch immer
stattlich zu Ross und schaute mit dem Gleichmut, den er sich durch sein ganzes
Leben zu bewahren wusste, vor sich aus. »Unwiederbringlicher Dinge Vergessenheit
ist die grösste Glückseligkeit auf Erden«, war sein Wahlspruch, den er sogar
damals, als er von Wien nach Neustadt, aus seinen Erblanden vertrieben,
unaufhaltsam flüchten musste, in jedem Gastofe, in dem er eingekehrt, bis er an
den Rhein kam, auf den Tisch schrieb oder in die Fensterscheiben grub -
vielleicht weniger zur Mahnung für Andere als zum Beweis, das Kaiser Friedrich
sich über Alles zu trösten wisse und dem Stern des Hauses Habsburg vertrauend
fast untätig zuwartete, bis die Dinge sich wieder zu seinem Gunsten
gestalteten. Uebrigens wendete er diesen Wahlspruch doch auch nicht auf Alles
an: denn eben jetzt konnte er es noch immer nicht vergessen, dass Herzog Albrecht
von Baiern ihm die eigene Tochter Kunigunde sammt Regensburg schon vor langer
Zeit geraubt, und hatte dem eigenen Sohne Max gezürnt, der eine Vermittelung
ersuchte. Ja Friedrich kam hauptsächlich mit hierher, um, wenn nicht die Hülfe
des Reichs, doch die der einzelnen Fürsten und Städte wie des Adels zu gewinnen,
die zu dem schwäbischen Bund und dem Löwlerbund gehörten, welche beide gestiftet
waren, die willkürlichen Fehden im Reiche niederzuhalten und sich untereinander
gegen übermütige Lehensherren oder ungehorsame eigenmütige Reichsvasallen
beizustehen, gleicherweise wie die Städte und ihre Bürger gegen die Bedrückungen
und Raubanfälle des Adels zu schützen. Jetzt war es Friedrich, der nicht
nachgeben mochte und auch Vergangenes nicht vergessen konnte und gegen
Regensburg drohte, das Albrecht befestigte:
    »Ob man die Stadt auch ganz zumauere, will ich doch hinein, und sollt ich
durch ein Spältlein schlüpfen.« -
    Neben ihm ritt der goldlockige König Max. Noch ebenso heldenhaft und schön
war seine Erscheinung, wie vor zwei Jahren, wenn auch vielleicht die Sorgen, die
ihn jetzt bedrückten, vornehmlich die Sorgen um die immer noch nicht beendeten
Flandrischen Händel, die der heldenhafte Herzog Albrecht von Sachsen, seit Jahr
und Tag fast ohne alle Reichshülfe gelassen, mit einem kleinen Heer in den immer
wieder aufständigen Provinzen allein zu schlichten suchen musste, und dann um die
neue Ungebühr, die ihm der König von Frankreich erwiesen - wenn auch diese
Sorgen vielleicht ein paar Furchen auf seiner Stirn gezogen, welche die Krone
mehr drückte als der Helm des Ritters, den er mit grösserem und froherem Stolze
trug, als jene. Er grüsste noch ebenso leutselig wie bei seinem ersten Einzug,
und gewann sich noch ebenso alle Herzen, wie damals, die durch eine edle
ritterliche und huldvoll um sich blickende Erscheinung zu gewinnen waren.
    Unter seinem Gefolge erblickte man auch einige Nürnberger, die mit ihm
gezogen waren, ihm ihr Schwert zu weihen und im Kampfe für ihn sich ihre Sporen
zu verdienen. Darunter befand sich Stephan Tucher in strahlender Rüstung, deren
stählerne Schilder durch goldene Einfassungen miteinander verbunden waren; ein
weisser Federbusch wehte von dem glänzenden Helm. Sein Schwert hing an einer
rosenfarbenen Schärpe mit silbernen Fransen - war es blinder Zufall oder
bewährte Treue, dass er doch so Ursula's Farben trug? Sein Antlitz glänzte von
Heiterkeit und Gesundheit - etwas wettergebräunter war es geworden - aber sonst
lächelte es gerade so stolz und selbstgefällig wie vordem.
    Gleich hinter dem König ritt sein treuer Bruder und lustiger Rat Kunz von
der Rosen, der ihn, seit ihn einmal Kerkermauern von seinem Herrn getrennt, nie
wieder verlassen hatte. Er war es auch, der, da der Zug sich dem Stadttor
näherte, plötzlich voraussprengte und durch ein Seitengässlein reitend sagte:
sein Pferd sehne sich nach dem Stall und er nach der Herberge, so wollten sie
sich beides ohne Ceremonienmeister suchen.
    So durch enge Gässchen trabend, die eigentlich den Reitern verboten waren,
gelangte er vor Scheurl's Haus unter der Veste, als der Herr desselben mit
andern Ratsherren und Edlen nach der andern Seite hin dem König entgegen zog,
um ihn feierlich in sein Haus zu führen. Kunz konnte recht wohl berechnen, dass
er auf diese Weise, indem er sich nicht nur einen Umweg, sondern auch alle
aufhaltenden Empfangsfeierlichkeiten ersparte, um eine halbe Stunde früher als
der König selbst in die für ihn bereitete Wohnung kam. Er wollte sich den Spass
machen, vor ihm einzutreffen, die Hausfrau vielleicht durch verfrühtes Kommen
noch in den letzten Vorbereitungen zu stören, oder sich dann gleich selbst als
Hauswirt zu geberden und Herrn Scheurl in seiner eigenen Wohnung gleich einem
fremden Herrn zu empfangen. Dergleichen Spässe waren nun einmal seine Weise und
gehörten in der damaligen Zeit mit zu den Hauptbelustigungen.
    Der Torweg, welcher, an einer andern Seite als die Haustür befindlich, in
den Hof des Scheurl'schen Hauses führte, stand weit geöffnet, eben so die Türen
der Ställe, und Alles war bereitet, darin mindestens ein paar Dutzend Pferde
aufzunehmen. Aber kein Stallknecht liess sich sehen, alle Leute waren davon
gelaufen dem kaiserlichen Zuge entgegen.
    Kunz sprang vom Pferde, führte es am Zügel an eine gefüllte Krippe,
streichelte es. und sagte zu ihm, indem er es anband: »Nun sieh, für Dich ist
der Tisch gleich gedeckt; Du wirst eher und besser bedient als Kaiser und König,
und auch als sein lustiger Rat; ich muss sehen, ob ich auch ein so gutes
Quartier finde wie Du.«
    Er ging über den Hof in die weite Hausflur, schüttelte den Schnee von seinen
Füssen und dachte, indem er mit seinen nassen gewaltigen Reiterstiefeln auf die
schönen weichen Teppiche von venetianischer Weberei trat, die sich die marmornen
Treppen herunterschlängelten und an den Stufenfugen mit blitzenden Metallhaltern
befestigt waren: »Nun, das lass ich mir gefallen! Am Ende hat Aeneas Sylvius doch
recht, wenn er behauptet, dass kein Potentat so schön wohne wie die Bürger von
Nürnberg und Augsburg, und wenn mein Herr an seine Worte denkt, die er einmal
als Jüngling sprach, da ihm der geizige Vater einige Münzen geschenkt und
darüber schalt, dass Max keine bessere Anwendung davon mache, als sie an andere
Knaben zu verteilen: »Ich will kein König des Geldes werden, sondern eines
Volkes und derer, die Geld haben - so erfüllt es sich wenigstens einmal bei den
Nürnbergern: die haben Geld, was sonst ein rarer Artikel im lieben deutschen
Reich, besonders am kaiserlichen und königlichen Hofe und auch anderwärts - den
reichen Jörge ausgenommen, der in der Schatzkammer zu Burghausen mehr Gold und
Silber birgt, denn jemals eine Kaiserkrone eingebracht.«
    Auch auf der Treppe und im Corridore begegnete ihm Niemand, doch wehte hier
schon eine behagliche Wärme, aus unzähligen Kaminen hörte man Feuer knistern und
lodern.
    Jetzt steckte er leise seinen Kopf durch die eine Flügeltür, da es ihm war,
als ob er hinter derselben sprechen höre, und der Narr machte eines seiner
eigentümlichsten halb schlauen und halb verblüfften Gesichter bei dem Gewahren
einer Gruppe, die er gerade jetzt nicht erwartet hatte.
    Auf dem gelbplüschenen, mit Gold gestickten Divan sass Elisabet - Kunz
erkannte sie noch sehr wohl, auch wenn er sie nicht hier als die Herrin des
Hauses erwartet hätte. Er hatte sich auch die Schönheit von Nürnberg recht gut
gemerkt, die seinen königlichen Herrn wie mit Zauberschlingen an sich gezogen
und doch verstanden hatte ihn in Schranken zu halten, dass es bei einer ehrbaren
Huldigung verblieben war, und jetzt, da der Schalk sie wiedersah, fand er sie
nicht minder reizend und meinte, dass man lange suchen könne unter den deutschen
Fürstinnen, bis man eine fände, die sie an angeborener Majestät übertreffe.
Freilich, fügte er hinzu, scheut sie sich auch nicht sich gleich einer Königin
zu schmücken.
    Sie trug ein Kleid von kornblumenblauem Brokat mit einem breiten Besatz von
weissem Pelz um seinen Saum, die eng anliegenden Aermel waren gleichfalls mit
Pelz besetzt, so dass die kleine weisse Hand sich fast darin zu verlieren schien.
Ein gleicher Pelzbesatz lief um den Ausschnitt des Kleides, in der Mitte der
Brust von der funkelnden Demantrose des Königs gehalten. Eine dicke goldene
Schnur mit grossen Quasten schlang sich um die Taille des Schneppenleibchens. Ein
Kopfputz von blauem Sammet und weissen Federn schmückte ihr Haupt, dessen
glänzend kastanienbraunes Haar in üppigen Locken zum spielenden Schleier des
blendend weissen Nackens ward.
    Vor ihr kniete ein Mann von mittlerer Grösse, in ein Wamms von kirschbrauner
Farbe gekleidet, aus dessen Aermelschlitzen weisse Puffen hervorsahn, ebenso
waren die Beinkleider, die Stiefel von gelbem Leder mit kleinen Sporen. Ein
Degen hing an seinem Gürtel und ein kleiner schwarzer Sammetmantel um seine
Schultern. Ein hohes Baret von schwarzem Sammet lag neben ihm auf dem hohen
Lehnstuhl. Kunz vermochte sein Gesicht nicht zu sehen, das küssend auf
Elisabet's Hand ruhte, indes ihre andere auf seinem kurzgeschnittenen dunklen
Hauptaar lag. Sie hatte sich vorwärts über ihn gebeugt, ihr Gesicht glühte und
verriet gleich dem unruhig wallenden Busen die innere Bewegung. Sie hatten
beide geschwiegen, ehe Kunz geöffnet hatte, und bemerkten ihn dennoch nicht,
Eines im Andern verloren, so dass er Elisabet sagen hörte:
    »Celtes! steh't auf! Wohl ist es oft mein stilles Verlangen gewesen Euch
wiederzusehen, wie es mein grösstes Glück war, wenn ich von Euch las und Euren
Namen preisen hörte; aber ich durfte es nur dann wünschen, wenn diese Begegnung
geschehen konnte, ohne die alten Schmerzen und Kämpfe aufzuwühlen! - Seh't, ich
trage ein Joch, das mir Pflichten auferlegt, und da es denn einmal mein Loos, so
ringe ich Tag und Nacht danach, dass ich es mit Würde trage und mir selbst nicht
noch mehr Unheil bereite, als das Schicksal schon über mich verhängt. Ihr seid
ein Mann! seid frei von kleinlichen Rücksichten und Pflichten, seid immerdar der
Herr Eurer eigenen Handlungen und Niemanden davon Rechenschaft schuldig denn
Euch selbst. Ein leichteres Loos ist Euch zu Teil geworden und ein erhabenes
dazu. Die edle Poesie hab't Ihr zur göttlichen Lebensgefährtin empfangen, und
Euer herrlicher Beruf ist's, die deutsche Jugend zu vaterländischem Sinn zu
entflammen und vom Zwange inhaltloser Formen zu den lebensvollen Ideen des
Humanismus zu führen - geb't Euch an dies Streben mit ganzer freier Kraft dahin,
und nach Jahrhunderten noch wird man Euer Andenken feiern. Wer berufen ist zu
leben für Jahrhunderte und für die Menschheit, der muss darauf verzichten können,
dem Glück des Augenblicks und seinem eigenen Herzen zu leben!«
    Konrad Celtes, der erst vor wenigen Augenblicken bei Elisabet eingetreten,
und auch nur erst an diesem Morgen mit seinem Gönner, dem Bischof von Worms,
angekommen war, hatte zwar gemeint, er könne ihr nun ruhig und als Freund
begegnen. Aber vor ihrer lebenswarmen Gegenwart waren alle früheren Empfindungen
wieder in ihm aufgewacht und er hatte sie in seine Arme schliessen wollen.
    Elisabet, mit dem feinen Ahnungsvermögen eines liebenden Frauengemütes,
oder wenn man will, mit dem klugen Abwägen aller kleinen Möglichkeiten, das
Künftige aus dem Gegenwärtigen berechnend, hatte zuweilen daran gedacht, dass
Celtes wohl einmal in sein liebes Nürnberg zurückkehren werde, ja sie hatte es
jetzt gewünscht - aber viel weniger aus persönlichem Interesse, sondern weil sie
es für Celtes als ein Glück betrachtete, wenn König Max mit ihm zusammenkam und
ihm seine Aufmerksamkeit schenkte, und wie hätte das besser geschehen können,
als jetzt, wo der König in ihrem Hause wohnte und der Kaiser, der ihm zum
Dichter krönen liess, selbst in Nürnberg weilte. Ja, sie hatte lange mit sich
gekämpft, ob sie nicht Celtes um dieses Glückes Willen eine Botschaft senden
solle, herzukommen; aber sie hatte doch eine Missdeutung derselben gefürchtet, ja
sich selbst nicht recht getraut, ob nicht persönliche und unrechte Empfindungen
dabei im Spiele wären, und darum Alles dem Schicksal überlassen. Immerhin aber
hatte sie sich auf diese Möglichkeit vorbereitet und sich mit der ganzen
weiblichen Würde ihres Wesens gewaffnet, um sich für ein Wiedersehen mit Celtes
gerüstet finden zu lassen, damit es ihr gelinge, nicht nur sich selbst zu
bezwingen, sondern auch, wenn es nötig sein sollte, jeden Ausbruch seiner
früheren Empfindungen verhüten, oder doch vor leidenschaftlichem Unheil sichern
zu können. Vielleicht hätte auch sie sonst nicht die Kraft gefunden, sich seinen
Armen zu entziehen und die obigen Worte zu ihm zu sprechen.
    Da sie ihn zurückwies, war er vor ihr auf die Knie gesunken und lauschte
ihren Worten wie einem Liede, das nicht minder schön erscheint, wenn es auch auf
das schmerzlichste ergreift.
    »O es ist ein Fluch, der auf allen Poeten ruht!« rief er; »wir müssen
unglücklich, elend und verlassen sein, damit wir in das Reich der Poesie uns
flüchten und unter tausend Schmerzen eine erträumte Welt der wirklichen
entgegenstellen - den frischen Kranz des Lebens müssen wir opfern, damit ein
dürrer Lorbeerkranz auf unsern Grabhügeln anschelle. Elisabet! Ihr seid so kalt
und grausam wie die Welt - ich hoffte Euch anders zu finden!«
    Sie erhob sich zürnend: »Dann wehe mir und Euch, wenn Ihr das hofftet, wenn
Ihr während dieser Trennung den Glauben an mich und an Frauentugend verloret!«
    
    Bestürzt fasste er den Saum ihres Gewandes und rief: Elisabet! tut, was Ihr
wollt, aber vergebt mir und zürnt nur nicht!«
    »So seid ein Mann!« antwortete sie; »versündigt Euch nicht an Frauenwert -
versündigt Euch nicht an der Gottesgabe der Poesie, die Euch geworden! - Ihr
wisst nicht, wie es ist: alle diese Schmerzen empfinden und keine Sprache dafür
haben - das Entsagen ist schwer: aber das Schwerere ist, ein einmal auferlegtes
Joch noch edel zu ertragen! - Steht auf - mich dünkt, ich höre Jemand - wenn es
schon der König wäre!«
    Celtes erhob sich und Elisabet blickte nach der Tür, mit welcher Kunz von
der Rosen vor einem Weilchen unwillkürlich geknarret hatte, da ihn diese Scene,
deren Zuschauer er geworden, selbst bewegte. Erst hatte er gemeint, hier einen
begünstigten Liebhaber bei einer ungetreuen Gattin zu finden, und eine solche
Gelegenheit liess er selten, wie oft und bei welchen hohen Personen sie ihm auch
ward, vorübergehen, ohne die Beteiligten durch seinen Spott und seinen oft sehr
derben Spass zu züchtigen. Aber durch Elisabet's würdevolles Betragen wendete
sich schnell seine Meinung zu ihren Gunsten - ja er zerdrückte eine Träne im
Auge, weil er gar wohl begriff, dass eine Frau von solchen Herzens- und
Geistesgaben, wie Elisabet, neben einem so hohlen Menschen wie Scheurl nur
unglücklich sein könne. Und zugleich nahm er sich vor, seinem königlichen Bruder
zu warnen oder zu beaufsichtigen, dass er die Tugend und Treue dieser edlen Frau
nicht etwa auch versuche auf die Probe zu stellen.
    Als er jetzt bemerkte, dass sich das Paar nicht mehr allein fühlte, warf er
seine Narrenkappe zur Tür herein, gerade vor Elisabet's Füsse und sagte:
    »Es ist nicht Sitte, edle Frau, dass der Narr seine Kappe abnimmt weder vor
König und Kaiser, denn er hat eben nicht nötig Jemanden Respect zu erweisen -
vor Euch aber hab' ich ihn - und wenn ich hundert Hüte aufhätte, ich zöge sie
alle vor Euch und würfe sie Euch demütig wie die Kappe zu Füssen.«
    Elisabet erschrak sowohl vor der plötzlichen Erscheinung wie vor diesen
Worten, welche sie ungewiss liessen, ob der Narr etwas von diesem Gespräch gehört
oder nicht; aber immer ihrer selbst Meisterin hob sie die Mütze auf, ob auch
Rosen sich mit einem lustigen Katzenpuckel danach beugte, überreichte sie ihm
und sagte:
    »Willkommen in Nürnberg - wenn Ihr Euch auch auf sonderbaren Wegen müsst
eingeschlichen haben, dass Niemand von der Dienerschaft Euch zuvorkam. Wo ist
Euer königlicher Herr?«
    »Bruder! wolltet Ihr sagen,« fiel er ihr in die Rede. »Was den betrifft, so
wird er bald kommen, als ihn die guten Nürnberger, die sich überall
herzudrängen, dazu kommen lassen - und was mich betrifft, so wisst Ihr, dass
unsereins die Wege sich immer nach Belieben sucht und gelegentlich durch ein
Spältlein schlüpft, wenn's ihm auf dem breitgetretenen Wege zu eng wird.«
    »Ich freue mich,« sagte Elisabet, »dass ich gleich jetzt Gelegenheit habe,
Euch Herrn Doctor Konrad Celtes vorzustellen, von dem Ihr sicher so viel Gutes
und Grosses gehört hab't, als er von Euch, Herr Kunz von der Rosen.«
    Die Männer schüttelten zwar einander die Hand, aber es geschah nicht mit der
rechten Herzlichkeit. In Celtes kochte es ingrimmig, wenn er sich dachte, dass
Kunz ihn jetzt belauscht, und es sogar durch seine Worte an Elisabet zu
verstehen gab, ohne es zu gestehen - und Kunz hatte ein Vorurteil gegen den
Gelehrten, nach der Scene, welcher er beigewohnt. Er sagte zu sich: den Frauen
gegenüber taugen doch diese Herren von der Feder so wenig wie die vom Schwerte -
und fügte hinzu: ich möchte eigentlich wissen, welche Zunft da etwas taugte.
    Indes war Kunz doch harmlos und Celtes redegewandt genug, eine Unterhaltung
zu Stande zu bringen, deren Anknüpfungspunkt natürlich die hohen Ankommenden
waren. Elisabet entfernte sich einen Augenblick, um nachzusehen, dass die
Dienerschaft besser auf dem Platze sei, als sie bei Rosen's Ankunft gewesen. Wie
sie zurückkam, wollte sich Celtes beurlauben, aber Elisabet selbst duldete es
nicht und sagte:
    »Ihr werdet mich nicht um die Gelegenheit betrügen, Euch selbst seiner
Majestät vorzustellen, die ich immer gewünscht, gleich Euch selbst.«
    Mit feinem Takte fühlte sie, dass gerade so Celtes' Besuch bei ihr alles
Anstössige vor Anderen verlor, wenn sie sagen konnte, dass er gekommen sei, um mit
unter den Ersten zu sein, welche die Ehre hätten dem König vorgestellt zu
werden.
    Jetzt klang es unten von Rosseshufen und Freudengeschrei; Elisabet ging dem
König Max bis an die Treppe entgegen, Kunz stand an ihrer Seite und lachte die
Ankommenden aus, dass er schon eine halbe Stunde vor ihnen im warmen Nest geruht.
    Herr Scheurl wollte dem König seine Hausfrau vorstellen, er aber sagte: »Ei
so wenig ich meines Wortes vergessen, so wenig vergass ich der schönen Frau
Elisabet,« und küsste ihr die Hand, indem er seine feurigen Blicke mit Entzücken
über ihre herrliche Erscheinung streifen liess. Denn in der Tat konnte er sie
vielleicht in keinem günstigeren Augenblicke sehen, als da sie noch Mitten in
der Erregung war, die ihr das Wiedersehen mit Celtes und sein Ungestüm, darauf
das Erschrecken durch den Narren bereiteten - und nun kam noch dieser stolze
Triumph dazu, den ritterlichen König bei sich zu empfangen, von ihm unvergessen
zu sein und dieselben Schmeichelworte aus seinem Munde zu vernehmen, auf die
verzichten zu müssen sie zuweilen gefürchtet hatte.
    Nun war ja der ersehnte Augenblick da, wo sie den Dichter und den König
einander zuführen konnte - sie tat es mit der ganzen ruhigen Würde ihres
eigensten Wesens.
 
                                Sechstes Capitel
                                   Im Kloster
Seit Ulrich von Strassburg erkannt hatte, dass sein Freund Hieronymus in seinem
Vorurteil gegen die Juden verrottet und unverbesserlich sei, hielt er ihn auch
in andern Stücken einer gleichen Engherzigkeit für fähig und während er ihm
sonst fast seine geheimsten Gedanken mitgeteilt hatte, fühlte er sich jetzt
veranlasst, gegen ihn über sein Gespräch mit dem Propst zu schweigen, welches so
viele bange Zweifel und unheimliche Fragen in ihm aufgeregt hatte.
    Die Baubrüderschaften im Allgemeinen waren nicht nur in ihren speciellen
Kunstleistungen, sondern auch in der Freiheit ihrer Lebensanschauungen und ihrer
religiösen Ansichten ihrer Zeit voraus. Aber wie, besonders in grossen
Uebergangsperioden, wie der Ausgang des Mittelalters in seinem Schoss trug,
sich immer Altes und Ausgelebtes mit Neuem und Weitausgreifendem oft in einem
Individuum und noch öfter in gesellschaftlichen Gliederungen beieinander findet,
so war es auch bei den Baubrüderschaften selbst und ebenso bei ihren einzelnen
Mitgliedern. Der Geist des Albertus Magnus und seiner Geheimlehre der
christlichgotischen Baukunst wirkte noch mächtig fort, und wie die Säulen der
erhabenen Dome in immer kühneren Schwingungen aufstiegen, wie der ganze Bau und
in ihm wieder jeder einzelne Stein zu leben schien und dabei aus der
Begeisterung, damit Gott und dem Christentum zu dienen, eine Begeisterung für
die Kunst an sich und ihren eigensten Cultus neben, oder auch über dem
christlichen geworden war: so lebte wohl auch in den Brubrüderschaften ein höher
und weiterstrebender Geist, als er sonst in ihrer Umgebung sich kund tat - aber
ebenso war auch etwas Versteinertes und unwandelbar Feststehendes in ihren
Gesetzen und Statuten, das keine Reform derselben zuliess und Jahrhunderte lang
dieselben äussern Formen und Bestimmungen bewahrte, als wären gerade sie das
Wesentlichste der Sache.
    Dieselben Steinmetzen, welche sich ungestraft erlauben durften Tiara und
Inful zu verspotten und in ihren auf ewige Dauer berechnenden Steingebilden zur
Hölle fahrende Mönche und Nonnen, Könige und Bischöfe, ja Kaiser und Päpste dem
Hohne der Zeitgenossen wie der Nachkommen preiszugeben - dieselben Steinmetzen
mussten gewissenhaft zur Beichte gehen, und verfielen den schwersten Strafen der
eigenen Hüttengesetze, wenn sie irgend eine kirchliche Handlung verabsäumten.
Dieselben Freidenker, welche sich über das gesunkene Kirchentum erhaben
fühlten, waren doch die Feinde derer, welche sich nicht dazu bekannten - die
allgemeine Verachtung, welche damals die Juden traf, wie der Hass gegen die
Türken als den Erbfeind der Christenheit, war auch im Bekenntnis der Baubrüder
eine Hauptstelle, und auch die Aufgeklärtesten unter ihnen waren ganz und gar
von diesem Vorurteil erfüllt. Wir haben gesehen, wie Hieronymus auf das
Mächtigste von ihm beherrscht ward - ebenso wenig war Ulrich ganz frei davon,
aber er hatte doch an die Worte des Meisters denken lernen: »Unter allerlei
Volk, wer Gott fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm« - und hielt es
nicht für unmöglich, dass Rachel zu diesen Rechttuenden gehören könne - wenn
schon sie so unglücklich war eine Jüdin zu sein!
    Aber Hieronymus wollte nichts von einer solchen Anschauung wissen und
fürchtete zumal auch, dass Ulrich sich und ihn in Schimpf und Schande in der
Hütte bringen werde, wenn ein Zufall oder vielleicht Rachel selbst verriete,
dass er mit ihr gesprochen und sie in seiner Wohnung verborgen gehabt hatte, in
die sie früher schon mehr als einmal sich gedrängt. Wie den Baubrüdern jeder
Verkehr, auch mit ehrbaren Frauen, als Vergehen angerechnet ward, galt der mit
einer Jüdin als doppeltes Verbrechen, denn man achtete eine solche gleich der
verworfensten Dirne, mochte sie auch unschuldig sein wie ein Kind.
    Zu den andern Vorurteilen sowohl der Zeit als der Baubrüderschaften, die
darauf ihre Gesetze gründeten, gehörte die Notwendigkeit ehelicher Geburt zu
sein. Alle unehelichen Kinder galten als rechtlos, und der Makel, den sie so mit
auf die Welt brachten, heftete sich an ihr ganzes Leben. Bei ihnen erwiesen sich
allein die Klöster als eine rettende Zufluchtsstätte, in der sie vor dem Fluch
gesichert waren, der sich draussen an ihr ganzes Leben knüpfte. Fast von allen
Handwerken und Aemtern waren sie ausgeschlossen, und die Fürsten verfügten über
sie ganz wie über Leibeigene. Das »Wildfangsrecht« z.B., ein Recht deutscher
Fürsten, alle Unehelichgeborenen ohne Weiteres in ihre Kriegsdienste zu zwingen,
erhielt sich viele Jahrhunderte. Dieser Fluch der bürgerlichen Unehrlichkeit
musste diese Unglücklichen, die ihm verfallen waren, von Haus aus gleich selbst
in die Bahn unehrlicher und verbrecherischer Gewerbe treiben und prägte sich
tief als das Bewusstsein einer unschuldigen Schuld in alle empfindungsfähigen
Gemüter. Darum waren auch Eltern noch ausser der Angst vor der persönlichen
Schande und Strafe, die ihnen selbst widerfuhr, eifrig bedacht ihren Kindern
ehrliche Namen zu verschaffen, sei es auch auf die betrügerischste Weise. Oft
genug entdeckte sich später der Betrug, und dann verfielen die unschuldigen
Kinder doppelter Schande. Daher war es auch eine sehr gebräuchliche Drohung oder
ein Mittel der Rache, andern Personen nachzusagen, dass sie nicht von ehelichem
Herkommen seien; denn oft liess sich eines so wenig als das andere erweisen, und
schon der Zweifel ward doch in manchen Augen zum Makel.
    Am strengsten aber unter allen Genossenschaften hielten die Bauhütten
darauf, keinen Lehrling aufzunehmen, der nicht genügende Zeugnisse über sein
Herkommen hatte. Die ganze Brüderschaft ward als profanirt betrachtet, wenn sie
einen solchen unter sich geduldet hätte, Ulrich selbst hatte sich schon bei
Rachel's erster Warnung vor der Möglichkeit entsetzt, dass man nur versuchen
könne, seinen Eltern Unwürdiges nachzusagen, und jetzt entsetzte er sich doppelt
vor den Bedenklichkeiten, welche durch die Worte des Propstes in ihm aufstiegen.
Es gab für ihn kein grösseres Unheil, als wenn wirklich ein Flecken auf sein
Herkommen kam. Während er sich sonst darüber niemals Gedanken gemacht, waren sie
nun plötzlich gewaltsam in ihm aufgeregt - und da er selbst kaum wusste, was er
selbst glauben, fürchten oder hoffen sollte, so hütete er sich jetzt wohl
Hieronymus ferner in diesem Stück zu seinem Vertrauten zu machen, ja er war
zugleich fest entschlossen, seine Wohnung nicht mehr mit ihm zu teilen, damit,
wenn ja der fürchterlichste Schlag über Ulrich hereinbräche, der Kamerad nicht
durch ihn noch mehr sich mit beschimpft fühlen könne, als alle die andern freien
Steinmetzen.
    Obwohl er sich im Äußern mit Hieronymus ausgesöhnt, so vermied er doch mit
ihm ferner über den Gegenstand ihres Zwistes zu sprechen, sowohl wie über das
tiefverworrene Bangen, mit dem er dem Kloster und dem Bruder Amadeus
entgegenging. Da er aber doch mit Hieronymus früher von diesem Mönch gesprochen,
als er den Verlust des Kreuzes wieder erwähnt, so sagte er ihm nur, auf Befragen
nach demselben darauf aufmerksam gemacht, dass dieser Mönch, welcher Amadeus
heisst, an zeitweiligen Geistesstörungen litte.
    So hatten sie an einem hellen Wintertag ziemlich die Hälfte des Weges nach
dem Kloster zurückgelegt, als sie es in der Ferne von Rüstungen und Schwertern
im Sonnenschein funkeln sahen und Rosseshufe den frischgefallenen Schnee
emporwirbeln. Als der reisige Zug näher kam, gewahrten sie an seiner Spitze
einen geistlichen Herrn zu Pferde, und erkannten an seiner Tracht, an seinen
Insignien und Farben den Bischof von Eichstädt, umgeben von vielen Rittern und
einem ganzen Tross von Knappen und Dienern. Hinter ihm ritt ein nach Studentenart
gekleideter Jüngling, der einige Worte an den Bischof richtend, dann seitab zu
den Baubrüdern sprengte, die ehrfurchtsvoll grüssend am Wege standen.
    »Mit Vergunst,« sagte er zu den Beiden, die durch ihre Kleidung Allen als
Baubrüder kenntlich waren; »wackere Brüder der freien Steinmetzzunft, mich
dünkt, wir sind uns schon vor Jahr und Tag im lieben Nürnberg begegnet, und da
ich nach langer Entfernung mich der teuren Vaterstadt wieder nähere, und Ihr
die ersten Nürnberger Gesichter seid, die mir in den Weg kommen, so möcht ich
Euch fragen, ob Ihr mir vielleicht eine Kunde geben könnt, wie es in meinem
Elternhause ergeht - es ist das der Pirkheimer?«
    »Ihr seid es, Junker Willibald!« antwortete Ulrich; »bald hätte ich Euch
nicht erkannt, denn Ihr seid grösser und stärker geworden im bischöflichen
Kriegsdienst, als bei den heimischen Studien. Ich denke, Ihr werdet die Euren im
erwünschten Wohlsein treffen. Eurem Herrn Vater bin ich erst gestern begegnet,
und Eure edlen Jungfrauen Schwestern flicken fleissig mit an einem Teppich für
dieselbe Lorenzkirche, an der wir bauen.«
    »Ei, das ist eine gute Kunde,« antwortete Willibald, »sogar von meinen
Schwestern wisst Ihr! Ja, sie sind gern bei einem frommen Werke - daran erkenne
ich, dass sie noch unverändert sind! Der kunstliebende Propst, Herr Anton Kress,
hat das wohl angeordnet.«
    »O nein,« versetzte Hieronymus; »nicht nur die Ehre der Ausführung, auch die
des ganzen Plans gebührt den Frauen.«
    Und Ulrich fügte hinzu: »Die edle Frau Scheurl war kaum von ihrer
langwierigen Krankheit genesen, da sie es beginnen liess.« Er sprach diesen Namen
absichtlich laut und fasste dabei einen Ritter in dunkler Tracht und von bleichem
Ansehen scharf in's Auge, der eben jetzt sein Visir niederschlug, das er vorhin
offen getragen.
    »Gott sei Dank,« sagte Willibald Pirkheimer, »der die edle Frau erhalten -«
    »Und sie auch ferner beschützen wird,« rief Ulrich ungewöhnlich laut; »König
Max hat seine Wohnung in Scheurl's Haus genommen - das wird ihr auch wohl Schutz
gewähren.«
    Jener Ritter war den Andern, die während dem schon einen ziemlichen
Vorsprung erreicht, nur langsam und zögernd nachgeritten, und nachdem Ulrich
Willibald noch auf seine Frage Antwort gegeben, wohin und in welcher Absicht sie
auf dem Wege seien, sagte der erstere auf jenen Ritter deutend: »Kennt Ihr
diesen da?«
    »Das eben nicht; ich weiss nur, dass er Eberhard von Streitberg heisst und dort
mit dem Ritter von Weispriach erst unterwegs mit seiner Begleitung zu uns
gestossen.«
    Ulrich sann eine Weile nach. Dann sagte er leise: »Ich kenne jenen Herrn als
einen gefährlichen Wegelagerer, der auf den Landstrassen den harmlosen Kaufleuten
auflauert und ehrbare Frauen überall verfolgt; warnt die Nürnbergerinnen vor
ihm, wenn Ihr den Nürnberger Rat nicht warnen wollt!«
    »Das ist eine starke Anklage!« sagte Willibald.
    »Ich kann sie aufrecht erhalten, wenn es sein muss!« sagte Ulrich; »aber Ihr
wisst, wir freien Steinmetzen mengen uns nicht gern in profane Händel, und jetzt
gebietet mir mein Beruf wohl eine Woche fern zu sein von Nürnberg. Kommt Ihr
aber mit Frau Elisabet Scheurl zu reden, so nennt Ihr nur im leichten
Erzählerton die Namen der Ritter, die mit Euch kamen - dies tut als Gegendienst
für die guten Nachrichten, die Ihr von mir empfinget. Und nun Glück auf den Weg
und zur Heimkehr! Ich denke, wir sehen uns in Nürnberg wieder!«
    Als auch Willibald sich verabschiedet hatte und der ganze Zug verschwunden
war, sagte Hieronymus: »Ich erkannte den Ritter auch, mit dem Du auf Tod und
Leben gerungen, aber ich hatte wenig Lust mich noch einmal in einen solchen
Händel zu mengen und verdenke Dir, dass Du es getan. Frau Elisabet mag sich von
ihrem königlichen Anbeter vor einem zudringlichen Entführer beschützen lassen -
das wird ihr lieber sein, als von den armen Baubrüdern, denen sie es doch keinen
Dank weiss. Du aber hast einen kecken und hinterlistigen Feind, dem kein Mittel
zu schlecht ist, zu seinem Ziele zu kommen, auf's Neue herausgefordert - denn er
erkannte uns so gut, wie wir ihn erkannten.«
    Ulrich versetzte: »Hoffentlich erkannte er nur mich, und Du hast nichts für
Dich zu befürchten.«
    »Das bliebe sich gleich,« antwortete Hieronymus; »man kennt uns als
unzertrennliche Gefährten.«
    »Wir müssen aufhören es zu sein,« antwortete Ulrich, »wenn Dir meine
Handlungen Sorgen oder Verdriesslichkeiten bereiten.«
    »Zu diesem Vorschlag ist es zu spät!« antwortete Hieronymus doppelsinnig.
    Beide gingen eine Weile schweigend nebeneinander. Da hob sich auf einem
Hügel am Waldessaum das einsamstehende Kloster der Benediktiner vor ihnen empor.
Das goldene Kreuz darauf flimmerte hell im Sonnenlicht, das auf den beschneiten
Dächern spielte und mit seiner erwärmenden Kraft ihm einzelne Tropfen erpresste,
die sich zu funkelnden Eiszapfen gestalteten.
    Sie hatten nicht gar weit mehr zu gehen, da standen sie vor den
Oeconomiegebäuden des Klosters, welche sich auch den Laien erschlossen - ja, als
sie durch den Hof schreitend in ein hallenartiges Zimmer des Erdgeschosses
kamen, sassen mehrere Wanderer darin, die hier nur eingekehrt waren, um
auszuruhen und sich durch einen Trunk Met oder Wein zu stärken. Es gehörte
damals mit zu den Missbräuchen, die am häufigsten eingerissen waren, dass, wenn
auch nicht in den Klöstern selbst, doch in den ihnen zugehörigen Oeconomien Wein
geschenkt ward - aus dem, was früher eine freie Gabe mildtätiger
Gastfreundschaft, war eine gute Einnahmsquelle für die Klosterkasse geworden.
    Hier waren die Baubrüder nur eingetreten, als ein junger Novize, als solcher
an seiner braunen Kleidung und dem kurz geschnittenen, aber doch nicht
geschorenen Haar kenntlich, auf sie zukam und beiden nach einander die Hand
drückte; an der Art, wie es geschah, erkannten sie in ihm einen Bruder, einen
freien Steinmetzen.
    »Gott grüsse Euch und Gott leite Euch!« rief er; »Ich hoffte, dass Ihr diesen
Morgen kommen würdet, und begab mich darum hierher Euch zu erwarten. Nun darf
ich auch Euer Führer sein. Kommt mit hinüber in's Kloster und stärkt Euch dort
erst mit Speise und Trank von der Wanderschaft - unter diesen Profanen und Laien
hier ist nicht gut sein.«
    Eben so herzlich erwiederten die Ankömmlinge den Gruss und Ulrich sagte: »Das
hätten wir nicht gedacht, hier plötzlich einen Bruder zu finden; aber wie ist
denn Dein Name?«
    Und Hieronymus fragte: »Und was hat Dich vermocht, Dich aus der tätigen
Mitte freier Steinmetzen hierher zurückzuziehen? Willst Du wirklich unser
lebensvolles Wirken mit der todten Ruhe hier vertauschen?«
    
    »Mein Name ist Konrad,« antwortete der Novize, »Eure andern Fragen
beantworte ich einmal später in einer ruhigen Stunde. Es ist eine traurige
Geschichte - und mir blieb keine Wahl! Einstweilen denkt daran, dass ich nicht
Verachtung, sondern nur Mitleid verdiene.«
    Ulrich seufzte leise und betrachtete voll innigster Teilnahme den jungen
Mann. Er sah blass und abgehärmt aus. Seine dunklen Augen waren mit bläulichen
Ringen umgeben, die ihren Glanz noch erhöhten. Seine ganze Haltung und sein
fahles Ansehen, so wie seine heisere Stimme weckten die Befürchtung, dass er an
einer verzehrenden Krankheit litt. Ulrich fühlte sich voll innigsten Mitgefühls
zu ihm gezogen, indes Hieronymus den Bruder mit einigem Misstrauen betrachtete,
der, sei es freiwillig oder gezwungen aus der Brüderschaft geschieden war, um
aus einem fleissigen freien Steinmetzen ein fauler, eingesperrter Mönch zu werden
- wie es Hieronymus nannte. Denn obwohl diese ganzen Brüderschaften einst aus
den Klöstern und zumal aus denen der Benediktiner hervorgegangen waren, so sahen
sie jetzt doch mit derselben Geringschätzung auf sie herab, wie auf weltliche
Profane.
    Drinnen im innern Kloster, als der Pförtner sie eingelassen und Konrad sie
durch einen schön gewölbten düstern Kreuzgang geführt, empfing sie ein anderer
Mönch in einem kleinen wohl durchheizten Seitengemach und bewirtete sie auf's
Beste. Ein anderer Bruder ging, den Abt von ihrer Ankunft zu benachrichtigen.
    Nach einer Ruhestunde wurden sie zu diesem beschieden, dem Ulrich das
Schreiben des Propstes Kress überreichte.
    Der Abt empfing sie mit Wohlwollen, und besonders nachdem er das
Ueberbrachte gelesen, drückte er ihnen warm die Hand, und nachdem er sich mit
ihnen von dem Propst, von dem zu erwartenden Reichstag und andern weltlichen
Dingen unterhalten, forderte er sie auf, ihn in die Kirche zu begleiten, um
daselbst das Werk, das ihrer harrte, in Augenschein zu nehmen. Der Novize Konrad
und noch ein paar andere Mönche und Novizen schlossen sich ihnen an.
    So traten sie in die alte, im romantischen Styl erbaute Klosterkirche, die
später noch manchen An-und Ausbau erfahren hatte, da die Baukunst schon dem
gotischen Styl sich zugewendet und, nebenbei mit italienischer Pracht
geschmückt, jenen ruhigen und erhabenen Eindruck vermissen liess, welchen nur die
tadellose Reinheit eines bestimmten Styls hervorzubringen vermag. Es war ein
Missklang zwischen dieser weiten romantisch gewölbten Eingangspforte, den
leichten Spitzbogen, welche die bunt gemalten Fenster umschlossen, und den
schlanken Säulen kühner Gotik, aus denen der hohe Chor sich bildete. Es war
Ulrich gleich bei seinem Eintritt, als ob ein Geist der Unruhe und Zerfahrenheit
ihn in dieser Kirche packe, die an den Seitenaltären besonders mit
Reliquienschreinen, in denen die heiligen Gebeine in Gold und Juwelen gefasst von
Reichtum strotzten und von frommen Spenden und Prachtgeräten hierin
Ueberladung zeigte, indes das reine Künstlerauge vergeblich nach schön
gemeisselten Ornamenten und nach dem Ausdruck genialer Schöpfungen suchte, wie
sein eigener Kunsteifer sie versuchte: das Geistige zur Erscheinung zu bringen
im Stein, das Ewige darzustellen im Endlichen.
    Ein einziges reines Kunstwerk dieser Art hatte die Kirche besessen, und das
war eben jetzt zerstört. Es war das Weihbrodgehäuse neben dem Hochaltar, darin
das Allerheiligste aufbewahrt war. Es war dies ein kleines gotisches Kunstwerk
von kundiger Hand nach dem Albertinischen System des Achtortes säulenartig
aufgeführt. An der einen Seite stand eine Statue der Madonna, an der andern
Seite die des Johannes. Gotische, mit zierlichem Laubwerk umrankte Spitzbogen
stiegen darüber empor, auf dessen höchster Spitze ein Engel schwebte. Dieses
durchbrochene Türmlein, das sich über dem Hostienschrein selbst befunden hatte,
war herabgefallen und lag sammt dem Engel halbzerschmettert daneben. Es sollte
die Aufgabe der herzugerufenen Baubrüder sein, diese Stücke wieder
zusammenzufügen, wo es tunlich, oder durch neue zu ergänzen. Der feine
Sandstein, dessen man dazu bedurfte, lag bereit.
    Als sie in die Kirche eingetreten waren, lagen einzelne Mönche vor den
verschiedenen Altären betend auf den Knieen. Sie liessen sich durch die Kommenden
nicht in ihren frommen Uebungen stören und sahen sich nicht nach ihnen um.
Ulrich warf auf jeden von ihnen einen Blick, so gut es im Vorüberbergehen und
von Weitem gehen wollte, ob er vielleicht Amadeus unter ihnen gewahre. Doch sah
er ihn nicht. Nur über Einen blieb er im Zweifel, der in einer Seitennische
nicht weit vom Hochaltar in einer dunklen Ecke knieete und den Kopf so tief
geneigt hatte und in die gefaltenen Hände gedrückt, dass keine Spur von seinem
Gesicht zu sehen war. Die grosse Gestalt und der Kranz von grauschwarzem Haar um
sein Haupt gemahnte an ihn - aber unter den mehr als hundert Mönchen, welche das
Kloster einschloss, konnten viele dergleichen haben.
    Hieronymus und Ulrich bewunderten und prüften das Kunstwerk, seine
Zerstörung bedauernd, und letzterer sagte nach genauer Untersuchung desselben
sowohl als der Wölbung der Kirche und allen, das Tabernakel nah' und fern
umgebenden Gegenständen zornig aufflammend und mit grosser Bestimmteit:
    »Herr Abt! hier ist ein unerhörter Frevel geschehen. Dies Türmlein ist
nicht von selbst herabgefallen, das hat die vandalische Hand eines
Niederträchtigen herabgeworfen. Hier ist noch schlimmeres und Schändlicheres
geschehen denn Kirchenraub - hier ist blosser Mutwillen geübt worden am
Allerheiligsten - am Allerheiligsten, das die Kirche bewahrt und besitzt, am
Allerheiligsten auch der Kunst. Das ist das Werk einer gewaltsamen,
absichtlichen Zerstörung von menschlicher Hand. Habt Ihr keine Untersuchung
angestellt, den Schuldigen zu finden? Ich denke, ich darf mich rühmen, beseelt
zu sein vom Geiste christlicher Milde und Vergebung - aber gegen solch'
ungeheuren Frevel, den nur ein Mensch verübt haben kann, der allen Sinnes für
das Heilige baar zu einer Bestie herabgesunken, die aus Bosheit sich an einem
Tabernakel vergreifen kann, dem jeder fromme Christ nur mit einer Kniebeugung
sich nähert, und die so ihre Rohheit und Scheusslichkeit an einem erhabenen
Meisterwerk der Kunst auslassen kann, das ein Heiligtum an sich ist, auch wenn
es an einer andern Stelle stünde und eine profane Bestimmung hätte - für eine
solche Bestie kenne ich kein Erbarmen!«
    Er hatte laut und vom heiligen Feuer entflammt gesprochen; der tiefgebückte
Mönch war noch tiefer zusammengesunken und hatte einen jammernden Ton von sich
gegeben; der Abt und die Mönche sahen einander erstaunt an und Konrad sagte:
    »Ich habe dasselbe gleich gesagt, aber Niemand hat mir glauben wollen - so
musste ich schweigen.«
    »Das ist wahr,« sagte der Abt; »aber es ist doch auch ganz unmöglich, dass
hier ein solcher schauderhafter Frevel geschehen konnte.«
    »Aber immerhin möglicher, als dass dies wohlgefügte Werk von allein
herabstürzen konnte!« sagte Hieronymus kaltblütig, der nun auch seinerseits
dasselbe untersucht; »ohnehin hat der Frevler seine Sache nicht einmal täuschend
und geschickt gemacht, sondern nur mit einiger Scheu vor dem Allerheiligsten,
die doch noch in seiner verworfenen Seele gewesen sein muss; er hat dies selbst
verschont, und diese Statuen, die notwendig mit hätten zertrümmert werden
müssen, wenn etwa dies Werk, morsch und schwankend geworden, wie es aber
durchaus nicht gewesen sein kann, bei einer geringen Veranlassung
zusammengestürzt wäre. Der Frevler hat sich mit dieser gotischen Spitzsäule
begnügt, oder er ist verscheucht worden und hat sein Zerstörungswerk in einem
Zustand zurücklassen müssen, der jedem scharfblickenden Auge die willkürliche
Menschenhand verraten musste.«
    »Aber es kann ja Niemand in diese Mauern,« rief der Abt, »denn wer herein
gehört; Fenster und Türen zeigten keine Verletzung, durch die ein Bösewicht
hätte eindringen können.«
    Hieronymus zuckte die Achseln und sagte: »Wenn er nicht von aussen kam, ist
er von innen gekommen.«
    »Das ist eine Beschimpfung unser Aller!« rief ein Mönch und blickte zornig
um sich.
    Ulrich sagte gelassener: »Und wie meint  Ihr denn, dass die Sache zugegangen?
Von einem Erdbeben hat man nichts gehört, und Gewitter gibt es im Winter ebenso
wenig, oder sie sind doch so selten, dass Ihr es Euch gemerkt haben würdet - war
ein solches und meintet Ihr, ein Blitz oder Donnerschlag habe das Werk
getroffen?«
    Alle verneinten.
    »Wann geschah es denn? und war Niemand in der Kirche? Ich denke, sie wird
auch Nachts nicht leer?« sagte Hieronymus.
    »Es scheint, Ihr geberdet Euch, als wäret Ihr als Inquisitoren in unser
Kloster gekommen!« sagte der Abt übel gelaunt, dass man es für möglich halte, in
seinem Kloster, das sich immer eines guten Rufs erfreut, an solche Rohheiten zu
glauben, wie sie kaum ausserhalb desselben vorfielen; denn selbst der gemeine
sittenlose Haufe hatte Achtung vor der Kunst, besonders an den heiligen Stätten
und auch vor diesen selbst; das Verbrechen des Kirchenraubes gehörte mit zu den
seltensten und darum auch mit der Kirchenschändung zu denen, welche am härtesten
und fast immer mit dem Tode bestraft wurden.
    »Ihr seid es, der Ehre des Klosters und unser aller Ehre schuldig, dass die
Sache auf's Strengste untersucht werde, und dann auch zur Kenntnis dieser
Steinmetzen gebracht, die ausserdem in ihre Hütte ein schlechtes Vorurteil gegen
uns mit hinausnehmen möchten!« sagte einer der Mönche.
    »Es wird geschehen!« antwortete der Abt. »Amadeus soll uns im Conclave noch
einmal darüber berichten.« Zu Konrad gewendet sagte er: »Führe die Steinmetzen
in die Seitenhalle, in der sie das Material zu ihrer Arbeit finden werden, und
versammle die andern Bauleute um sie, damit sie nach ihrer Vorschrift arbeiten.«
    Es geschah, wie er gesagt hatte. Ungefähr acht Mönche und Novizen, die nicht
ganz unkundig der Kunst waren das Winkelmass zu führen und mit dem Meissel zu
arbeiten, waren zur Verfügung der Baubrüder und halfen diesen vorerst das
Material ordnen u.s.w. Nach den Vorschriften der freien Maurer sowohl als der
Klosterbrüder durfte bei der Arbeit weiter nichts gesprochen werden, als was
unmittelbar zu ihr gehörte, und daran banden sich denn auch Alle.
    Nicht lange Zeit war vergangen, als Ulrich noch einmal in die nebenan
liegende Kirche ging, um ein Massbrett an die darin befindlichen Trümmer des
Tabernakels zu halten. Ein Mönch knieete dabei - es war derselbe, der vorhin an
dem dunklen Seitenaltar geknieet. Jetzt fuhr er empor. Ulrich erkannte in ihm
den Bruder Amadeus. Der Augenblick war günstig; es war Niemand weiter in der
Kirche, als am Eingang ein Novize, welcher denselben kehrte.
    »Wir sind uns schon einmal begegnet,« sagte Ulrich leise, da der Mönch
zusammenfuhr; »mein Ungeschick riss das Kreuz von Eurem Rosenkranz - hier habe
ich es Euch mitgebracht.«
    »Ihr erkennt mich wieder?« sagte Amadeus.
    »Ja - und ich weiss auch Euren Namen: Amadeus.«
    »Nun wohl,« sagte dieser mit sonderbaren Blicken auf Ulrich schauend, »so
behaltet das Kreuz als Andenken - an einen Mönch, der schon lange zu sterben
wünschte und nun Euch sein Todesurteil dankt.«
    Ulrich dachte: der Propst hat Recht - Amadeus scheint wahnsinnig zu sein.
Amadeus mochte diesen Gedanken des Schweigenden erraten und fuhr fort:
    »Ich rede Wahrheit, wie Ihr sie geredet, Ulrich! Du warst der Einzige, der
kein Recht hatte mein Urteil zu sprechen. Aus Liebe zu Dir beging ich den
Frevel - ich wollte meine Hand segnend auf Deinen Scheitel legen - es ist meine
Sühne, dass ich durch meinen Sohn sterbe! Gott vergebe Dir, wenn es ein Vatermord
ist, den Du auf Deine Seele ludest!«
    Ein Mönch an einer Seitenpforte näherte sich und rief: »Bruder Amadeus!«
    »Sie holen mich in's Gericht!« flüsterte er noch Ulrich zu; »lebe wohl und
schweige. Lebt Deine Mutter noch und siehst Du sie wieder, so sage Ihr, dass Du
sie an mir gerächt hast - und dass ich mit dem Namen Ulrike auf den Lippen
sterben werde!«
    Heftig eilte er davon.
    Ulrich sah ihm nach und fühlte sich von eigentümlichem Grauen erfasst. Was
war das? was hatte er gehört? waren das die Worte eines Wahnsinnigen? Fast
schien es so. Und doch! wenn sie mehr waren als Wahnsinn? oder dieser Wahnsinn
doch nur der Nachhall einer Wahrheit? Wenn ein Zusammenhang war zwischen ihnen
und denen, welche die Trunkenheit des Propstes schwatzte?
    Ulrich hielt den zertrümmerten Engel in der Hand, der von dem Tabernakel
herabgefallen - er hatte keine Flügel mehr. So erschien er sich selbst in diesem
Augenblicke - so herabgestürzt und aller Schwingen der Kunstbegeisterung beraubt
- er musste sich gewaltsam zusammenraffen, um wieder zur Arbeit zurück zu seinen
Genossen zu kehren.
 
                               Siebentes Capitel
                              Das Schönbartlaufen
Ursula Muffel befand sich in einem Zustande des peinlichsten Harrens, schon seit
sie gehört, dass der Reichstag in Nürnberg gehalten werde und dass Hans Tucher
auch seinen Sohn Stephan in der Begleitung des Kaisers mit zurückerwarte. Aber
dies Harren ward zur schrecklichsten Aufregung, als sie erfuhr, dass Stephan
wirklich in den Schoss seiner Familie zurückgekehrt sei, dass er wie einst unter
den Söhnen der Patrizier und Kaufleute Nürnbergs für den blühendsten und durch
Ansehen und Haltung hervorstechendsten geltend, jetzt auch unter den königlichen
Begleitern zu den stattlichsten und zu denjenigen zählte, die sich durch Pracht
und Schmuck ihrer Kleidung von Andern auszeichneten und ebenso sorgfältig ihre
Körpergaben pflegten. Ursula hörte, dass Stephan's Angesicht von Frohsinn,
Gesundheit und Schönheit glänze - und ein Blick in ihren Spiegel warf ihr dafür
nur ein angstvoll betrübtes Gesicht zurück.
    Er war da und kam nicht - das passte nicht zu seiner sonst so feurigen Natur,
der gegenüber sie ihre ganze Sittsamkeit hatte zusammennehmen müssen, um nicht
dem Ungestüm der männlichen Leidenschaft zu erliegen. Und nun konnte er nach
einer so langen Trennung zurückkehren, ohne Alles daran zu setzen, sie
wiederzusehen? - War er ihr untreu geworden? hatten andere, verführerischere
Frauen ihn verlockt - oder hatte er eine würdigere Gefährtin gefunden? - Oder
hatte er ihr entsagt aus Gehorsam gegen seinen Vater - oder vielleicht selbst
aus Bürgerstolz, der es doch verschmähet, sich mit der Enkelin des Gerichteten
zu verbinden? - Oder hielt eine feindliche Macht sie getrennt? hatte man ihm
falsche Nachrichten von ihr gebracht - etwa dass sie ihm untreu sei? oder
entsagen wolle und müsse, oder wie sonst sich seiner unwürdig gemacht?
    Alle diese Fragen erneuerten sich in Ursula mit fieberhaftem Ungestüm - und
den grössten Kampf kostete ihr gerade die letzte. Gewann diese die
Wahrscheinlichkeit der Bejahung, dann war es ja an ihr zu dem Geliebten zu
eilen, ihn von ihrer Treue, ihren unveränderten Empfindungen zu überzeugen. Aber
sie hatte doch keine Bürgschaft für diese Ursache seines Zurückbleibens von ihr,
und so hielt sie sich gewaltsam von einem solchen entscheidenden Schritt zurück,
der ihren jungfräulichen Stolz und ihre keusche Mädchenzarteit dem Spotte und
der Verachtung preisgeben konnte, wenn ihre Voraussetzung und mit ihr Stephan
sie getäuscht.
    Die Anwesenheit des Grafen von Würtemberg und seines Gefolges in ihrem sonst
so stillen Hauswesen, dessen Aufsicht sie führte, gab ihr wohl nebenher zu tun
und zu denken in Menge, um so mehr, als Herr Gabriel Muffel mit seiner
Bewirtung des hohen Gastes alle Ehre einlegen wollte, damit nicht die andern
Genannten Ursache fänden, sich über ihn lustig zu machen, und das Hans von
Tucher seinen Hochmut nicht an ihm üben könne. Ursula musste es sich auch darum
um so angelegener sein lassen, sich selbst die Zufriedenheit ihres Vaters zu
erwerben, als sie diese in andern Dingen verscherzt hatte: erst überhaupt durch
ihr Liebesverhältniss mit Stephan und dann auch, als durch dessen Entfernung
dieses dem Vater gelöst erschien, durch ihre Weigerung jedem andern Bewerber
ihre Hand zu reichen. Zwar war der Vater auch tief bekümmert, dass er die einzige
Tochter von Tag zu Tag trauriger und leidender werden sah - doch da er eben
meinte, dass ihr Eigensinn dies selbst verschuldete, so ward er dadurch nicht
milder gegen sie gestimmt.
    Jetzt, wo er hörte, dass Stephan mit dem König zurückgekommen und in seinem
Gefolge den Ritter spielte, wo die Tucher und Holzschuher dafür sorgten, zu
Muffel's Ohren gelangen zu lassen: wie viele schöne Edelfräulein ihr Herz an
Stephan verloren, und wie er mit einem derselben bald Hochzeit halten werde -
jetzt forderte er doppelt von der Tochter, dass sie vor den Leuten in gleich
stolzer Haltung erscheine, und zürnte ihr doppelt, dass er sie ihnen nicht auch
als Braut vorstellen konnte. Während er sonst an ihr mehr auf bürgerliche
Einfachheit gehalten, verlangte er jetzt, dass sie auch in ihrer Kleidung mit den
stolzesten Nürnbergerinnen wetteifere und bei keiner öffentlichen Lustbarkeit
fehle. So, da die Fastnacht kam, sollte in wenig Tagen das »Schönbartlaufen«
stattfinden, und zwar in der glänzendsten Weise, da der Reichstag versammelt
war. Ursula wollte sich weder bei der Schlittenfahrt noch bei dem Ball, der ihr
folgen sollte, beteiligen, aber ihr Vater bestand darauf, und da beides in
Maskenanzügen vorgeschrieben war, liess er ihr selbst dazu die schönsten
bestellen. Es waren noch einige Tage bis dahin, und Ursula dachte darüber nach,
wie sie dem entgehen könne; denn wenn Stephan sie verlassen hatte, für den
allein sie gelebt, so war sie fremd im Leben und es dünkte ihr nicht mehr hinein
zu gehören: wenn er sie verstossen und verachten konnte, so meinte sie die
Verachtung der ganzen Welt auf sich geladen zu sehen, und ihren Hohn nicht nur
zu finden, sondern auch zu verdienen.
    So sass sie an einem früh hereingebrochenen Winterabend allein in ihrem
Gemach. Der Burggraf von Zollern hatte an diesem Tag eine Jagd im nahen Forst
veranstaltet, welcher die meisten Fürsten und Herren beiwohnten. Auch der Graf
von Würtemberg war mit den meisten seines Gefolges dabei, ebenso ein Teil der
Nürnberger Ratsherren, darunter auch Herr Muffel. Unter ein paar Stunden war
wohl noch Niemand zurück zu erwarten.
    Ursula konnte sich einmal ihrem Schmerze überlassen. Von innerem Frost
geschüttelt sass sie am Kamin, dessen nicht mehr hell lodernde Glut einen milden
Schimmer auf ihr bleiches Antlitz warf. Wehmütig blickte sie auf das helle Grün
ihres Kleides, dessen Farbe der Hoffnung sie zu höhnen schien. Ihre kleinen
Hände, zart und durchsichtig wie Milchglas, ruhten gefaltet in ihrem Schoss. Es
war immer dasselbe Gebet, das sie betete zur Mutter Gottes und zu allen
Heiligen: ihr Stephan wiederzugeben oder sie abzurufen von der verödeten Erde!
Und wie sie schon hundertmal getan, zog sie die goldene Kapsel hervor, die
Stephan's von Meister Wohlgemut in Miniatur gemaltes Conterfei verschloss, das
er ihr beim Abschied geschenkt. Sie küsste das Bild und flehte, ihn nur noch
einmal wiedersehen, noch einmal so küssen zu können - und dabei lächelte sie
unter Tränen - -
    Da klangen draussen hastige Männertritte - sie näherten sich ihrem Gemach -
vielleicht Einer von des Grafen Leuten, der im Dunkeln fehl gegangen, denn
diesem abgelegenen Zimmer kam Niemand nahe, der nicht ausdrücklich zu ihr
gesandt war - schon ruckte die Türklinke - oder war es ihr Vater, der früher
zurückkam? - vor ihm hatte sie Stephan's Bild, das Tag und Nacht tief verborgen
an ihrer Brust ruhte, immer sorgsam verhehlt - sie wollte es schnell verstecken,
aber das Kettlein verwickelte sich in die steifen Zacken des Spitzenkragens, der
ihren Busen umgab - die Tür sprang auf und ein Mann in einem schwarzen Mantel
gehüllt stand vor ihr.
    Sie fuhr empor und rief: »Was dringt Ihr hier ein - Niemanden geziemt hier
der Zutritt!«
    Aber ungestüm fasste er sie in seine Arme und rief: »Auch mir nicht?« Der
Mantel sank von seinem Haupt wie von seiner Schulter und zeigte Stephan's
ritterliche Gestalt.
    »Stephan!« rief Ursula mit dem Jubellaute des Entzückens mitten im
Schrecken; aber jener war noch mächtiger bei der durch Gemütskämpfe körperlich
leidend gewordenen zarten Jungfrau - ohnmächtig lag sie in seinen Armen.
    Er trug sie auf das Sopha und lehnte sie an sich. Er sah sein Bild offen vor
sich, das Zeichen ihrer Treue - einen Augenblick sah er voll Mitleid und
aufsteigender Selbstvorwürfe auf die bleiche Geliebte, die der Gram um ihn
vielleicht bald ganz zu Grunde gerichtet; aber schnell schützte er sich vor
jedem Gewissensskrupel mit der eitlen Meinung, dass er wieder gut machen könne,
was er verbrach, und mit dem würdigen Vorsatz, es wirklich zu tun.
    Er rief Ursula mit den zärtlichsten Namen und bedeckte sie mit seinen
Küssen. Da schlug sie die Augen auf und rief:
    »Stephan - Du bist es wirklich - Du bist noch wie einst!«
    Er antwortete ihr mit Liebkosungen und rief: »O wohl mir, wenn Du auch bist
wie einst! - Ich konnte es nicht länger ertragen, ich musste Dich sehen, geschah
es auch, indem ich ein gegebenes Wort gebrochen.«
    »Du hast Dein Wort gegeben, mich nicht zu sehen?« rief sie und machte sich
von ihm los. »Du hast mir nicht geschrieben - Du bist schon einige Tage hier -
Andere sagten es mir - ich sah Dich nicht - ich hoffte umsonst auf ein Zeichen
ach! ich weiss es wohl, die Väter nähren noch den alten Groll - aber Du selbst,
Du hast mich gelehrt, dass Liebe stärker sein soll als väterliche Gewalt -«
    »Und darum bin ich hier!« rief er; »nur einen kurzen Augenblick. Ich
benutzte die Dunkelheit und die Abwesenheit Deines Vaters wie der Andern, um zu
Dir zu dringen. Niemand darf es wissen - nur Elisabet Scheurl.«
    »Ach, ich habe auch vergeblich auf sie gezählt!« rief Ursula; »seit der
König hier ist, habe ich auch kein Wort von ihr gehört, und sie hatte mir doch
gleich Nachricht geben wollen - über Dich.«
    »Erst gestern habe ich mit ihr vertraulich sprechen können,« sagte Stephan,
»und sie ist wohl auch viel mit sich selbst beschäftigt - Alles erklärt sich
später. Nur wenige Minuten kann ich bei Dir weilen, ich konnte es nur nicht
länger ertragen Dich nicht zu sehen - ich musste die Gewissheit Deiner Liebe von
Deinen Lippen holen!«
    »Hast Du je an mir zweifeln können?« fragte sie unter seinen Küssen.
    »Man sagte mir, dass Du eine Braut des Himmels geworden,« antwortete Stephan;
»Du hattest mir mit diesem Entschluss schon früher gedroht, ich musste daran
glauben, da ich kein Lebenszeichen von Dir empfing.«
    »Aber wie war es möglich, dass Du -«
    Er liess Ursula nicht ausreden. »Wir haben jetzt keine Zeit zu Fragen und
Erklärungen; lesen wir nicht Eines in den Augen des Andern, fühlen wir nicht am
Schlagen unserer Herzen, dass wir einander angehören wie einst? In drei Tagen
sehen wir uns beim Schönbartlausen, und dann wird sich Alles erklären und
entscheiden. Du wärest doch dazu gekommen?«
    »Nur wenn mich mein Vater gezwungen,« antwortete sie: »ich habe mich bis
jetzt geweigert!«
    »Nun, so lass Dich zwingen!« antwortete er heiter, »und zu dem Maskenfest am
Abend erlaube mir, dass ich Dir selbst den Maskenanzug schicke, damit ich Dich
aus Tausenden sogleich erkenne. Ich erscheine in der prächtigen Tracht eines
Sarazenen und werde mich Dir schon bemerklich machen. Bis dahin glaube und liebe
und hoffe! Ein neues Leben wird uns seine goldenen Tore öffnen!«
    »O ich fühle es schon in mir, seit Du bei mir bist!« rief sie mit seligem
Lächeln.
    »Aber verrate mich nicht!« bat er wiederholt; »indem ich zu Dir mich
schlich, tat ich, was ich nicht lassen konnte; aber Niemand darf es erfahren -
am wenigsten der König.«
    »König Max?« fragte Ursula; »was geht es ihn an?«
    »Frage mich nicht - ich muss scheiden!« und obwohl er so sprach und schon
beide aufgestanden waren, verrann doch Minute nach Minute, ehe der letzte Kuss
gegeben und das letzte zärtliche Lebewohl gesprochen war. -
    Da er fort war, sank Ursula auf ihre Kniee und weinte wie ein Kind. Jetzt
erst, mitten in diesem plötzlichen Glück, kamen alle verhaltenen Tränen ihres
Unglücks zum Ausbruch. Jetzt erst, wo alles, was sie indes bei dem Gedanken
gelitten, dass ihr Stephan könne genommen sein, genommen durch das
Schrecklichste, was einem liebenden Wesen begegnen kann: durch Untreue, wie eine
Last, unter der sie Tag und Nacht nur seufzend zu atmen vermochte, von ihr
abgesunken - jetzt erst wagte sie einen vollen Blick auf die Grösse derselben und
in den Abgrund von Leid und Lebensöde, der neben ihr immer offen gegähnt hatte.
Jetzt, wo die Gefahr überstanden war, wo nach einer furchtbaren Nacht eine
leuchtende Sonne ihr aufgegangen, schaute sie noch einmal bebend zurück in die
Nacht - und dankte inbrünstig dann dem Herrn, der sie nun in demselben
Augenblick verscheucht, in dem Ursula noch unter den bängsten Zweifeln und
Schmerzen gerungen hatte.
    Zwar wusste sie weder, was indes geschehen war, noch was geschehen sollte -
was sie indes zu fürchten gehabt, noch was sie zu hoffen hatte - indes, sie
fragte nicht darnach. Sie hatte Stephan wiedergesehen, er war zu ihr mit der
alten Liebe und Zärtlichkeit zurückgekehrt - noch fühlte sie seine heissen Küsse
im Nachhall der Empfindung, das genügte ja, ihr Herz mit Jubel zu erfüllen und
ihre Seele mit Freudigkeit neuer Hoffnung und dem Mut gegen alle Hemmnisse
ihres Liebesglückes zu kämpfen.
    Vielleicht war es gut, dass ihr bald heimkehrender Vater etwas berauscht war
und sich darum sofort niederlegte, sonst wäre ihm vielleicht die Veränderung
aufgefallen, die indes mit seiner Tochter vorgegangen; denn das erneute
Liebesglück hatte ihre erst gebleichten Wangen gerötet, und der Wiederschein
einer Seligkeit, die sie plötzlich überkommen, strahlte aus ihren Augen und von
ihrer Stirn. Am andern Tage, wo sich die hochgehenden Wogen des Entzückens ein
wenig gelagert hatten, zeigte sie dem Vater ein ruhig heiteres Wesen, und er war
seit langer Zeit einmal zufrieden mit ihr, als sie sich als gehorsame Tochter
bereit zeigte, dem Schönbartlaufen beizuwohnen und nur sagte, er müsse ihr auch
den Scherz gestatten, am Abend in einer Maske zu erscheinen, die er selbst zuvor
nicht sehen dürfe - sie möge gern wissen, ob der eigene Vater sie wiedererkennen
werde.
    Gabriel Muffel war wohl damit zufrieden, und machte ihr nur zur Bedingung,
dass die Maske recht schön und reich sein müsse, damit sie nicht einfacher,
sondern wo möglich prächtiger erscheine als andere Ratsherrentöchter.
    Das in Nürnberg als Fastnachtsfest eingeführte »Schönbartlaufen« stammte vom
Jahre 1349. Damals hatte die Fleischerzunft von Nürnberg bei einem Aufstand der
andern Zechen dem Rate ihre Treue erwiesen und dafür von Kaiser Karl IV. einen
Freibrief auf einen öffentlichen Aufzug in Larven erhalten, welcher das
»Schönbartlaufen« genannt ward. Als der dazu gehörige Aufwand anfing der
Fleischerzunft beschwerlich zu werden, trat aus den höheren Ständen eine
Gesellschaft zusammen, welche ihr zur Aufrechterhaltung und Vervollkommnung
dieses Festzuges behülflich war, und am Ende denselben unter dem Namen der
Fleischer ganz an sich brachte. Es waren meist junge Patrizier, und der Rat
ordnete ihnen förmliche Hauptleute bei, welche zugleich die Züge anführen und
auf Ordnung sehen mussten.
    Wie an jenem Sommertage, an welchem König Max einzog, so war auch an dem
sonnigen, aber kalten Wintertage, an welchem das Schönbartlaufen stattfand,
Ursula Muffel bei Elisabet Scheurl, um aus deren Chörlein den Zug mit
anzusehen. Die Reichstagsmitglieder waren auf dem Rathaus versammelt, vor
welchem jener begann und wieder endete. Die Beteiligung der Frauen dabei war
keine andere, als dass sie an den offenen Fenstern standen, die Vorüberziehenden
mit Backwerk warfen und dafür von ihnen mit Tannenzweiglein statt Blumen
beworfen oder mit Rosenwasser bespritzt wurden. Elisabet und Ursula erschienen
in kostbare Pelze gehüllt und die Gesichter nur so weit verschleiert, dass sie
selbst bequem um sich sehen konnten, an dem geöffneten Fenster des Chörlein.
    Sie hatten seit der Reichstag begonnen einander heute zum ersten Male
wiedergesehen, und Ursula hätte von Elisabet gern mehr über Stephan erfahren;
aber Elisabet wich ihren Fragen aus, beschwor sie nicht zu verraten, dass sie
ihn gesehen, und nur bis zum Festabend in fröhlicher Hoffnung zu warten, an dem
sich ihr ja Alles erklären werde. Und da Ursula weiter fragte: ob es Elisabet
nicht möglich gewesen, Stephan und sie dem Schutze des Königs Max zu empfehlen
und an sein Versprechen zu mahnen, antwortete sie nur, dass der König jetzt nicht
als ein harmloser Gast in Nürnberg sei, welcher der Stadt die Ehre seines
Besuches erwiese, sondern dass er zu einem eilig berufenen Reichstag gekommen,
von dem er Hülfe und Steuern verlange, ihm Ungarn zu retten und ihn an
Frankreich zu rächen - und dass er, ohnehin schon übelgelaunt angekommen, hier es
noch mehr geworden, als die Stände sich schwierig zeigten seine Forderungen zu
bewilligen - da wage man nicht ihn um eine Gnade zu bitten, die hohe Häupter wie
er nur in frohen Ruhestunden gewährten, wo die Krone sie nicht drücke und ihnen
nicht die Fähigkeit raube, an anders denn an die Sorgen darum zu denken.
»Uebrigens aber,« schloss sie, »werden die Majestäten heut' Abend mit beim Tanz
erscheinen, vielleicht fügt es sich da, wie damals auf der Veste, dass ein gutes
Wort eine gute Statt findet.«
    Durch die mit Menschen erfüllten Strassen machten sich jetzt Vermummte in
Narrenkleidern mit Kolben und Peitschen in der Hand Platz. Die Menge wich zur
Seite um noch eine Stufe oder Erhöhung zu erobern, von welcher aus der Zug
gesehen werden könnte, der nun folgte. Voran kam ein Reiter mit bunten Bändern
und Schellen behangen und sein Schimmel nicht minder. Er hatte vor sich einen
grossen Sack, aus welchem er Nüsse auf die Strasse warf, welche die Jugend
begierig aufzulesen war und unter Geschrei und Balgen darum rang. Dann folgten
vier andere Reiter, ebenfalls phantastisch bunt gekleidet mit Körben vor sich
auf dem Sattel, worin sich Eier befanden. Sie warfen damit nach den Frauen an
den Fenstern wie auf den Strassen; aber die Eier waren mit Rosenwasser gefüllt
und richteten da, wo sie trafen, keinen Schaden an, als dass die duftende
Flüssigkeit versprjetzte.
    Dann kamen die Schönbartleute selbst mit ihren Schutzhaltern, Hauptleuten
und Spielleuten in mannigfaltigen Vermummungen, unter denen es nicht an derben
Anspielungen auf die Hauptangelegenheiten des Tages und die Gebrechen der Zeit
fehlte. Dann folgte auf einer von vielen Pferden gezogenen grossen Schleife eine
Maschine, Hölle genannt, die ein künstliches Feuerwerk in sich fasste und zuletzt
am Rathaus angezündet ward. In dieser Hölle gewahrte man ausser ergötzlichen
Bildern aus der Natur und dem Menschenleben auch satyrische Darstellungen, wie
der Nürnberger Witz sie liebte: einen Venusberg mit schönen Frauen; einen
Backofen, worin Narren gebacken wurden; eine grosse Büchse, welche böse Weiber
schoss; einen Vogelherd, worauf man Narren und Närrinnen fing; ein Glücksrad,
welches Narren und Närrinnen herumdrehte, die sich einander jagten; eine
Galeere, auf welcher Mönche und Nonnen aneinander gekettet ruderten, und noch
mehr dergleichen. Darauf folgten vielspännige Schlitten mit maskirten Personen
in prächtigen Pelzen, dahinter sassen Spielleute auch in bunte Trachten
gekleidet, die lustig aufspielten. Daran schlossen sich etwas entfernter kleine
Rennschlitten mit Geharnischten besetzt, die sich mit Turnierstangen einander
auszustechen und herunterzuwerfen versuchten - ein Spiel, welches das
Gallenstechen hiess und das auch zu andern Zeiten in Nürnberg angestellt ward.
    Unter diesen Geharnischten befand sich Stephan Tucher. Ursula's Augen hatten
ihn erkannt, auch wenn er nicht zu den Frauen hinaufgeschielt hätte; aber er
wollte ihnen auch eine Probe seiner Geschicklichkeit geben, und mit seiner
Turnierstange gewandt ausholend, gelang es ihm, einen andern Geharnischten von
seinem Schlitten zu werfen, dass er unter dem Gelächter des Volkes im Schnee sich
wälzte. Diesem wollte sich der Herabgeworfene am schnellsten entziehen indem er
aufstehend sich in Scheurl's Haustür drängen wollte.
    »Dort gehört Ihr nicht hin! Lauft nur Eurem Schlitten nach!« rief Stephan
eifersüchtig und drohte ihm mit seiner Lanze.
    Jener aber warf seinen Helm ab, und Stephan erkannte mit Missbehagen Georg
Behaim in ihm. Den Bruder Elisabet's hatte er nicht dem allgemeinen Spotte
preisgeben wollen; indes blieb ihm nichts anderes übrig als weiter zu fahren und
sein Turnierheil auch an Andern zu versuchen, damit Behaim nicht in dem, was er
ihm getan, eine besondere Absichtlichkeit suche. Es gelang ihm auch noch
Manchem herabzuwerfen, indes er selbst vor jedem Angriff fest sass - so aber
errang er sich den Preis des Gallenstechens.
    Als es vollständig dunkel geworden, ward auf dem Markt das Feuerwerk
abgebrannt, und das war zugleich das Zeichen zur Versammlung der Masken im
Tanzsaal des Rathauses.
    Da wimmelte es von allerlei schönen und wunderlichen Masken. Männer und
Frauen wetteiferten miteinander an Pracht und Absonderlichkeit der Kleidung, und
manche Freiheit herrschte dabei, die zu anderen Zeiten die bedenklichen und
sittenstrengen Nürnberger nicht dulden mochten.
    Verschiedenartige Aufzüge fanden dabei statt und possenhafte Darstellungen
ergaben sich aus ihnen von selbst. Sie wurden von der Tribune aufgeführt, die
für den Kaiser und den König wie die anderen zum Reichstag gekommenen Fürsten
erbaut war und auf welcher diese Platz genommen. Denn sie waren nur als
Zuschauer und ohne Masken erschienen, und auch König Max beobachtete diesmal
eine strengere Zurückhaltung und Etiquette als bei seinem ersten Aufentalt in
Nürnberg. Vielleicht war er überhaupt nicht wohl gelaunt durch die geringe
Willfährigkeit, welche der Reichstag zeigte, auf seine Forderungen einzugehen;
vielleicht wollte er auch sich den stolzen Nürnbergern, damit sie nicht etwa
übermütig würden, mehr in der Würde seiner Majestät zeigen, als sie ihn früher
gesehen, damit sie nicht vergessen, dass sie doch seine Untertanen wären, wenn
sie auch sonst sich ihrer reichsbürgerlichen Freiheit rühmen mochten. Er sah
ernst, fast finster in das Maskenspiel, und nur der unverwüstliche Kunz von der
Rosen vermochte durch irgend eine ihm in's Ohr gezischelte Bemerkung zuweilen
ein Lächeln um seinen Mund zu zaubern.
    Mit den bängsten Empfindungen warf Ursula Muffel zuweilen einen scheuen
Blick auf den König Max. Seit dem Wiedersehen mit Stephan Tucher plötzlich in
ihren Hoffnungen so kühn gemacht, als sie noch vorher verzagt und verzweifelnd
gewesen war, hatte sie, von Stephan und Elisabet auf diesen Abend vertröstet,
an die Möglichkeit gedacht, dass es ihm oder ihr selbst gelingen werde sich heute
dem König zu nähern und um seine Fürsprache bei den erbitterten Vätern
nachzusuchen. Und wie in dieser schien sie sich in jeder Hoffnung getäuscht zu
haben, denn auch Stephan hatte sich noch nicht zu ihr gefunden, und so oft sie
auch eine Sarazenenmaske sah oder zu sehen glaubte - wenn sie selbst sich ihr
näherte, erkannte sie immer, dass es nicht Stephen war.
    Da trug sie nun selbst den prachtvollen Anzug einer Sultanin, den er ihr
gesendet, und je mehr der Glanz desselben die Blicke Anderer auf sich zog, und
je länger Stephan säumte sich ihr bemerkbar zu machen, die er doch auf den
ersten Blick hätte kennen müssen, je bänger ward ihr in dem sie umdrängenden
Gewühl. Aber noch grösser ward ihre Bestürzung, als sie einen riesengrossen Bären,
der bald auf allen Vieren lief, bald auf den Hinterpfoten ging und allerlei
Purzelbäume machte, immer hinter sich herkommen sah. Sie mochte sich wenden, wie
sie wollte, sie konnte dem Ungetüm nicht entgehen - es drängte sie immer näher
an die Schranken der fürstlichen Zuschauer. Wusste Ursula auch recht gut, dass im
Bären auch nur ein Mensch steckte, so ward ihr diese Zudringlichkeit dadurch
beinah' um so lästiger - in diesem Augenblick hätte sie nichts dagegen gehabt,
wenn ein wirkliches Ungeheuer sie zerrissen hätte, so entmutigt und trostlos
fühlte sie sich; dass sie aber ein Mensch so absichtlich, wie es schien, zur
Zielscheibe seiner widerwärtigen Grimassen und damit des allgemeinen Gelächters
machen konnte - das empörte sie noch vielmehr. Und nun kam auch von der andern
Seite ein Löwe und bedrängte sie nicht minder. Da stand sie jetzt gerade mitten
zwischen den beiden Bestien, ganz nahe vor der kaiserlichen Tribune. Ausser der
Maske verhüllte noch ein mit Silber durchwebter Schleier, der an einen Turban
von weisser Seide und silbernen Verzierungen befestigt war, ihr Gesicht und Hals.
Sie trug ein weisses mit Silber gesticktes Seidenkleid, das weite weisse
Atlasbeinkleider und gelbe Stiefelchen sehen liess, darüber eine Tunika von rosa
Sammet mit silbernen Fransen und Tressen, ringsum mit Perlen gestickt, die auch
in dichten Schnüren um Arme, Hals und Taille sich wandten. So stand sie zwischen
den Ungeheuern, die den Raum um sie fast freigemacht und so auch längst von
Elisabet verdrängt hatten, an deren Seite sie vorher immer versucht hatte zu
bleiben.
    Aber obwohl nicht inmitten des Saales wie Ursula und minder beobachtet, war
doch Elisabet in keiner besseren Situation.
    Durch Konrad Celtes und ihre eigenen Studien mit der Liebhaberei für das
Klassische und Antike erfüllt, dem eben damals die Humanisten die Bahn brachen
und das sich auch bereits in die deutsche Kunst einzuschleichen begann, hatte
sie ein griechisches Kostüm gewählt. Ein in der Taille durch einen goldenen
Gürtel und an den Achseln auch von Juwelen und Gold blitzende Agraffen
zusammengehaltenes weisses Atlasgewand umfloss sie bis auf die in purpurne
Sandalen gekleideten Füsse in malerisch nach ihren schönen Körperformen sich
schmiegenden Falten. Darüber ein zweites Purpurgewand mit Gold besetzt, das über
die rechte Schulter getragen die linke frei liess und dafür unter dem Arm um die
Hüfte sich breitete. Ein goldenes Diadem wand sich durch ihre Locken und im Arm
hielt sie eine mit Blumen umwundene Lyra. Eine als Sterndeuter in einen
schwarzen Talar mit in Silber darauf gestickten Sternen und Himmelszeichen
gekleidete männliche Maske hatte sie zum Tanz aufgefordert und eine Zeitlang
stumm im Reigen geführt, dann aber sie einmal so heftig an sich gedrückt, dass
sie nur mit Mühe einen Aufschrei zurückhielt.
    Anfangs sprach der Unbekannte nicht; jetzt flüsterte er ihr leise zu:
»Elisabet, erkennt Ihr mich wirklich nicht? Ich muss es schliessen, weil Ihr
nicht gleich wieder um Hülfe riefet und mich überfallen und wegweisen liesset,
weil es Euch jetzt besser gefällt, statt die Huldigungen eines tapfern Ritters
anzunehmen, Euer Herz zwischen einen König, einen fahrenden Poeten und einen
rohen Steinmetzgesellen zu teilen und das eheliche Treue gegen Euren ehrsamen
Herrn Gemahl zu nennen.«
    Elisabet erkannte Eberhard von Streitberg - sie strebte sich von ihm
loszumachen, und sah sich nach allen Seiten um, wie ihr das gelingen könne, ohne
Aufsehen zu erregen, und ob sie nicht eine bekannte Maske sehe. Wohl gewahrte
sie nicht gar weit von sich Konrad Celtes, der auch ein griechisches Kostüm trug
und mit dem sie vorhin schon getanzt, aber nur wenig Worte gewechselt hatte, da
sie seit seiner Rückkehr eine ernste Zurückhaltung gegen ihn beobachtet! aber
ihn wollte sie am wenigsten zu ihrem Schutz herbeirufen - er sollte am wenigsten
die Beschimpfung erfahren, die Streitberg einst der vertrauenden stolzen
Jungfrau angetan, noch wollte sie diesem dadurch eine Bestätigung seiner eben
ausgesprochenen Anklage geben, die ihr Blut fast erstarren machte. Sie wusste
bereits, dass Streitberg wieder in Nürnberg war - Willibald Pirkheimer hatte
Ulrich's Auftrag erfüllt und mit welch' feiner Gewandteit er es auch tat, die
schon den künftigen Staatsmann zeigte - er hatte dabei doch auch erzählt, dass er
die Baubrüder auf dem Weg zum Kloster gesprochen, und die sinnige Elisabet
hatte den Zusammenhang geahnt. Sie war auf ihrer Hut, und darum auch heute zum
ersten Mal zu einer öffentlichen Lustbarkeit gegangen, und zwar mit dem festen
Entschluss, sich durch nichts dem Maskengewühl entlocken zu lassen, um jede ihr
Gefahr bringende Annäherung Streitberg's zu verhindern. Auch wechselte sie ihren
Anzug mehrmals, um nicht von ihm erkannt zu werden - und nun war es doch
geschehen.
    Als sie um sich sah, fielen ihre Augen auf die giftigen Blicke der Hallerin,
die sie in ihrer Nähe in einer aufgeputzten, aber geschmacklosen Maske einer
jüdischen Königin erkannte - und Elisabet ahnete richtig, dass diese es war,
welche Streitberg dazu verholfen sie zu erkennen.
    Elisabet fühlte sich unfähig ein Wort zu erwiedern - doppelt, da sie von
ihrer Feindin sich beobachtet und belauscht sah; wenn sie nicht antwortete,
konnte Streitberg doch vielleicht nachdenken, er habe sich getäuscht - sie
ergriff den Arm eines Spielmannes, der eine Harfe im Arm eben an ihr vorüberkam,
und sagte ihre Stimme verändernd:
    »Die Spielleute gehören zusammen!« und zog ihn mit sich in den Kreis der
Tanzenden.
    Streitberg aber gab seinen Arm einem zierlichen Blumenmädchen und rief
Elisabet nach: »Seid ohne Furcht - mich gelüstet nicht mehr nach Eurer
Schönheit, die vor zehn Jahren sich mir bot; aus den Sternen kann ich's Euch
weissagen, dass Ihr von der Liebe nichts mehr zu fürchten habt, sondern nur noch
von dem Hass.«
    In diesem Augenblick erklang lärmende Janitscharenmusik und ein grosser
Aufzug kam in den Saal. An seiner Spitze ein prächtig gekleideter Pascha, ihm
nach eine ganze Schaar von Sarazenen. Einige, die den Zug als türkische
Leibwache geleiteten, machten ihm durch das Maskengewühl Platz, so dass er gerade
der Tribüne zuschritt, vor welcher eben Ursula zwischen dem Bären und Löwen
stand. Der Pascha schlug den beiden Ungeheuern die Köpfe ab - und da es
geschehen, sprangen ein paar Narren aus den Tierhüllen und suchten die
Zuschauer durch allerlei Purzelbäume zu belustigen. Die Türken mit den
musicirenden Janitscharen schlossen einen Halbkreis um ihren Pascha, der vor
Ursula knieete und in sprechenden Pantomimen zur Belohnung für seine Heldentat
um ihre Hand flehte.
    Ursula erkannte Stephan in dem vor ihr Knieenden, und war dadurch nur um so
mehr bestürzt über diese ganze Scene, in der sie so öffentlich und ahnungslos
zur Heldin einer halb ernsten, halb komischen Aufführung gemacht worden war, wie
sie dem Geschmack der damaligen Zeit entsprach. Diese öffentliche Schaustellung
verletzte nicht nur die schüchterne Jungfrau, sondern erschreckte und quälte sie
auch: denn was würden die Väter - was würde ganz Nürnberg dazu sagen? Nun war
gewiss für sie und Stephan Alles verloren! -
    In diesem Augenblick schlug es Mitternacht, und der Ceremonienmeister
verkündete nach einem Tusch der Spielleute, dass alle Masken, Vermummungen und
Bärte verschwinden müssten. Alle leisteten Folge - auch Ursula - aber ohne den
Schleier zu heben; Stephan hielt die Zitternde an seiner Hand, und indem auch er
die Maske abnahm, führte er sie vor den König Max, der sich von seinem
tronartigen Sitz erhoben hatte und das Paar zu sich winkte.
    »Der Maskenscherz ist vorbei!« begann der König; »weil mir aber die letzte
Vorstellung gar absonderliches Vergnügen gewährt, so möchte ich, dass ihr
Verfasser und Hauptdarsteller, unser getreuer Kriegshauptmann Ritter Stephan von
Tucher sich eine Gunst erbäte, die wir ihm gewähren könnten, und richten
dasselbe Verlangen an die Heldin des Stückes, Jungfrau Ursula Muffel.«
    Das Paar knieete vor den König nieder und Stephan sprach:
    »So flehe ich die königliche Majestät mein Brautwerber zu sein bei dieser
edlen Jungfrau und bei ihrem Vater!«
    »Und was meint Ihr dazu?« fragte der König die erglühende Braut.
    Sie wagte kein Auge aufzuschlagen und lispelte: »So möge Euer Majestät die
Väter uns und einander versöhnen.«
    Von gleichem Ingrimm ergriffen waren Hans Tucher und Gabriel Muffel
herbeigeeilt, da sie die Namen ihrer Kinder nennen hörten, und beide ihren Ohren
nicht trauten - sich zu verkleiden hatten die Ratsherren unter ihrer Würde
gefunden, sie waren in ihrer besten Amtstracht und hatten nur vorher Larven
getragen.
    Der König winkte sie zu sich und sagte: »Wie diese Beiden den deutschen
König nicht vergebens gebeten haben, so werdet auch Ihr, gestrenge Ratsherren,
uns und sie nicht vergebens bitten lassen, und nicht im Eigensinn gegen Euer
eigen Fleisch und Blut wüten, sondern das liebende Paar einander verloben, wie
ich es selbst verlobe.«
    Wie widerstrebend auch und mit welchen mürrischen Blicken, die Nürnberger
Ratsherren hatten doch so viel Respect vor König Max und noch mehr vor dem
öffentlichen Auftritt, dass sie gute Miene zum bösen Spiele machten.
    Muffel sagte: »Ich habe nichts dagegen, wenn nicht Herr Tucher widerstrebt.«
    Und dieser erwiederte: »Wenn seine Majestät die Wahl meines Sohnes billigen
kann, so hebt das mein Bedenken auf« - und er warf doch dabei einen vielsagenden
und verächtlichen Blick auf Muffel.
    Stephan umarmte den künftigen Schwiegervater, und als der alte Tucher
Ursula's weisse Stirn küsste und ihr so nahe in die tränennassen Augen sah,
dachte er: Ich glaube wirklich, ich könnte keine sanftere Schwiegertochter
bekommen - und das ist auch etwas wert, da er sie mir mit in das Haus bringt.
    Alle Anwesenden brachten dem neuen Paar ein donnerndes Hoch - der König
erklärte, dass die Hochzeit noch stattfinden müsse, so lange er hier sei, und
Kurfürst Friedrich von Sachsen erbot sich den Bräutigam in die Kirche zu führen,
indes Graf Ulrich von Würtemberg der Braut das gleiche Anerbieten machte.
    Elisabet und ihr Gemahl waren auch herzugekommen. Ursula lehnte sich an die
Freundin und flüsterte: »Das ist Dein Werk!«
    Elisabet lächelte und warf einen Blick auf König Max, der ihn mit einem
Anflug von Wehmut erwiederte. Es war, als sagten sich diese Beiden: Ein Glück,
das uns selbst versagt ist, haben wir Andern bereitet. Max hatte es doch einst
besessen an der Seite Maria's von Burgund - aber Elisabet sah es sich seit
aller Zeit und für alle Zeit versagt.
    Gleich darauf brachen die Fürsten auf, auch Elisabet mochte nicht länger
bleiben, indes das Fest selbst bis zum Morgen währte.
 
                                 Achtes Capitel
                                 Eine Hochzeit
Nur wenig Wochen währte der in Eile berufene Reichstag.
    Der Kaiser hatte schon vorher das bei Gelegenheit des Flandrischen Feldzugs
so gut erprobte Aufgebot an die Reichsstände ergehen lassen, bei Verlust ihrer
Lehen dem römischen Könige zu Hülfe zu ziehen. Aber die Berechnung, solche
Aufgebote zur Gewohnheit zu machen, täuschte. Die Kurfürsten und Fürsten
bewilligten zwar eine Halbjährige Hülfe von 8600 Mann, protestirten aber gegen
die kaiserlichen mit Gebot und Zwang ausgerüsteten Mandate, erklärten diese
Hülfe aus freiem Willen, nicht Kraft dieser Mandate zu leisten, und behielten
sich das Recht vor, nach Gutdünken Geld zu zahlen oder Mannschaft zu stellen.
Desgleichen erklärten sie sich gegen diese eilig berufenen Reichstage und
bemerkten, dass sie unfruchtbar ausfallen müssten, wenn nicht alle Stände des
Reichs dazu aufgefordert würden. Daher wurden ausser dem obigen alle andere
Gegenstände der Verhandlung bis auf einen nächsten grössern Reichstag vertagt,
der auch zu besserer Jahreszeit gehalten werden sollte.
    Stephan und Ursula mussten also mit der Hochzeit eilen, was auch Beiden ganz
recht war, da der König selbst ihr beiwohnen wollte. In Muffel's Hause fehlte
nun die mütterliche Frauenhand, die Vorbereitungen zu einem solchen Fest zu
leiten, und es fehlte auch der Raum dazu, da der Würtemberger Fürst das Haus mit
seinem Gefolge füllte. Darum bot Elisabet Scheurl das ihrige dazu an und
übernahm es die Hochzeit darin auszurichten.
    War es doch fast allein ihr Werk, dass Ursula das Ziel ihrer Wünsche
erreichte.
    Wohl war Stephen Tucher von leidenschaftlicher Liebe für Ursula entflammt
gewesen, und in der Trennung von ihr, im neuen Element des selbstgewählten
Kriegerlebens hatte sich diese Flamme eine Zeitlang an süssen Erinnerungen und
verlockenden Zukunftsträumen wie durch die Briefe der Geliebten genährt. Allein
Stephan war eine vorwaltend sinnliche Natur und sein feuriges Temperament, durch
keine sittlichen Grundsätze oder wenigstens nicht durch eine vorwaltende Stärke
derselben genugsam gezügelt, war nicht dazu geeignet, die Treue seiner Liebe in
den Prüfungen der Trennung auf die Dauer zu bewähren. Ein Brief von ihm an
Ursula, in dem er ihr geschrieben, dass sie ihren nächsten Brief nach Wien
adressiren möge, war verloren gegangen; von einem Nürnberger Freund seines
Vaters erhielt er die Nachricht, dass Ursula, um ihrem Vater zu gehorchen, ihm
entsagen und in ein Kloster gehen wolle: da sie ihm nicht antwortete, erschien
ihm dieser Umstand glaubwürdig - ja er glaubte ihm gern, weil eben eine
verlockende Wienerin, in allen Stücken das Gegenteil seiner frommen und
keuschen Ursula, ihn reizte. Der verführerischen Leidenschaftlichkeit einer
üppigen Frau gegenüber erschien ihm Ursula's sittsame Jungfräulichkeit als Kälte
und unnatürliche Tugendschwärmerei. Um seine wankende Treue zu rechtfertigen,
sagte er sich, dass Ursula keiner wahren Liebe fähig sei, sonst habe sie ihm
nicht widerstanden, da er sie entführen wollte, ihn nicht selbst fortgetrieben -
jetzt führte sie dieselbe Ueberspannung in ein Kloster; er habe längst
vorausgesehen, dass es mit ihr so kommen werde - wer hiess ihn auch eine solche
Heilige zu lieben? Da war seine Wienerin ein ganz anderes lustiges Weltkind! In
ihren Armen vergass er die stille Ursula und konnte bald darauf jenen Brief an
seinen Bruder Anton schreiben, durch den er seiner Familie so viel Freude und
seiner Ursula so viel Kummer bereitete - das letztere ebenso wenig ohne Absicht,
als das erste; denn er dachte, wenn sie als künftige Nonne höre, wie leicht er
sich über sie getröstet, werde dies eine verdiente Strafe für ihre übertriebene
eiskalte Strenge sein. Denn mit dem ganzen Egoismus des gewöhnlichen Mannes fand
er nun sein Betragen nicht nur ganz gerechtfertigt, sondern bemühte sich auch
noch Ursula verdächtigen und verdammen und alle Schuld von sich auf sie wälzen
zu können. Sie wandelte auf einem Irrpfad, und er ging allein den richtigen Weg
durch's Leben.
    Da kam ihm plötzlich die Kunde von dem Reichstag, der nach Nürnberg
ausgeschrieben, und dass er mit Andern den König begleiten könne; er freute sich
seiner Vaterstadt sich im Glanz der Ritterschaft zu zeigen und von seinen
Heldentaten erzählen zu können, denn er hatte sich in der Tat in mehr als
einem Gefecht und Sturm durch persönliche Tapferkeit ausgezeichnet. Da er
Abschied von seiner schönen Wienerin nehmen wollte, fand er sie in den Armen
eines Andern - und jetzt erst erkannte er ganz den Wert einer
leidenschaftlichen Frau, die, weil sie dem Einen nicht widersteht, sich Jedem
leicht ergibt - indes Stephan nur seiner Persönlichkeit und einem wahren
Liebesfeuer diese Macht über sie zugetraut. Er schied mit Bitterkeit und Zorn im
Herzen, die beide um so grösser waren, da er eigentlich auf Niemanden weiter
hätte zürnen sollen als auf sich selbst, und doch seinem Gewissen nicht
vergönnen wollte, ihm dies mit deutlicher Stimme zu sagen.
    So kam er nach Nürnberg. Ob er daselbst verbleiben oder dem König Max zu
neuen kriegerischen Unternehmungen folgen wollte, war er noch unentschieden.
Halb sehnte er sich nach der friedlichen Ruhe daselbst, nach dem weichlicheren
Leben und dessen verfeinerten Genüssen, die er in der Vaterstadt zu finden
gewohnt war; aber halb verknüpfte sich ihm auch mit diesem Wohnen bei seiner
Familie und in der arbeitsamen Reichsstadt ein Gedanke von Langeweile, der ihn
abschreckte. Das Kriegerleben hatte seine grossen Gefahren und Strapazen - aber
es liess sie in immer wechselnden Bildern vergessen, es gab nicht nur Tage,
sondern auch Wochen der Ruhe dazwischen, die in wechselnden Städten
Abwechslungen und Genüsse aller Art boten; er wusste, dass er als Krieger sich
ungestraft Manches erlauben durfte, was man dem Bürger der Reichsstadt als
Vergehen anrechnete - und so wollte er seinen Entschluss noch dem Zufall zur
Entscheidung überlassen.
    Von seiner Familie ward er ehrenvoll und herzlich empfangen, Niemand sprach
mit ihm von Ursula, und er selbst mochte Niemanden nach ihr fragen - er wollte
nicht den Unglücklichen spielen um eines Mädchens Willen, das, statt mit ihm zu
fliehen, es vorgezogen hatte, die Braut des Himmels zu werden.
    Nach einigen Tagen traf ihn Herr Christoph Scheurl, der, wie er damals der
Vertraute seines Liebesverhältnisses gewesen und es begünstigt hatte, um dem
stolzen Loosunger Tucher eine Demütigung zu bereiten, jetzt sein Haupt immer
höher hob, da der König bei ihm seine Wohnung genommen, dennoch jenen Plan immer
noch mehr zu vervollständigen strebte.
    »Nun, Herr Stephan,« sagte er, »meine Gemahlin hat täglich nach Euch gefragt
und erwartet Euch in unserm Hause zu sehen, um den König für Euch und Ursula an
sein gegebenes Wort zu mahnen.«
    Da erst klärte es sich für Stephan auf, dass Ursula weder Novize noch Nonne
geworden, sondern nur ganz zurückgezogen von dem Weltleben in Treue und Bangen
seiner Rückkehr geharrt hatte. Stephan war bestürzt und beschämt - er eilte zu
Elisabet. Er beichtete ihr nicht, er schob alle Schuld auf Ursula, die ihm
nicht mehr geschrieben, an deren Standhaftigkeit er schon da habe zweifeln
müssen, als sie sich geweigert mit ihm zu fliehen; er habe es glauben müssen,
dass sie in ein Kloster gegangen, und gestrebt sie zu vergessen, da sie ihm nicht
gehören könne.
    Elisabet wusste genug von Stephan und war genug Kennerin eines solchen
Männerherzens, um zu verstehen, dass es ihm leicht geworden war, sich über
Ursula's Verlust zu trösten - und dass er eigentlich weder die treue Liebe der
reinsten Jungfrau, noch alle die Tränen verdiene, die sie um ihn geweint, noch
alle die Schmerzen und Kämpfe, die sie um seinetwillen ausgehalten, und die ihr
doch so schwer geworden, weil sie der eigene Vater ihr bereitet und ihr zartes
Gewissen ihr immer vorwarf, dass sie ihm nicht so gehorsam war und ihn nicht so
erfreute, wie er es von ihr forderte. Aber Elisabet kannte ebenso wohl Ursula
und das liebende Frauenherz. Sie wusste, dass diese nur in Stephan lebte, dass er
ihr Ein und Alles war, dass sie selbst ihn niemals lassen werde, ausser wenn er
selbst sie von sich stiesse, und dass es kein entsetzlicheres Geschick für sie
gab. In dem Gedanken, dass Stephan ihrer Liebe nicht wert sei, würde Ursula am
wenigsten Trost gefunden haben - viel näher lag ihr der, dass sie nicht seiner
wert war, sich selbst würde sie allein alle Schuld beimessen und mit peinvollen
Selbstvorwürfen sich zu Grunde richten. War doch schon jetzt ihre sonst
ungestörte Gesundheit dahin und ihr sonst blühendes Ansehen in ein bleiches
gewandelt, das deutlich von geknicktem Lebensmute sprach. Darum ward Elisabet
Ursula's warme Fürsprecherin. Sie schilderte, was sie gelitten und noch leiden
müsse in ihrer unwandelbar treuen Liebe - und in Stephan's Herzen wurden die
alten Empfindungen wach. Noch mehr! er begriff, welch' andern Wert ein
weibliches Gemüt habe, das so immer sich selbst getreu bleibe in seiner
stillen, schönen Weise, als jenes leidenschaftliche Erglühen sinnlicher Frauen,
das nur den Sinnen gilt und die Gegenstände wechselt. Ja auch der männlich
ritterliche Geist wachte in ihm auf, der ihn anspornte, die schon feige
aufgegebene Geliebte, die er nicht besitzen sollte, sich nun und plötzlich zu
erobern. Schnell und kühn wollte er handeln, und ein Augenblick sollte Alles
sühnen, um Ursula und den widerstrebenden Vätern zu zeigen, was er vermöge.
    Da kam wie gerufen Kunz von der Rosen zu dieser Unterredung. Er hatte
Anfangs seine schöne Wirtin da er sie mit Stephan, dessen Glück bei den Frauen
ihm bekannt war, abermals in Verdacht, dass sie wieder eine Prüfung ihrer Treue
gegen den ungeliebten alten Gatten zu bestehen habe und Stephan vielleicht
minder entschieden zurückweise wie Konrad Celtes. Aber schnell musste er wieder
anderer Meinung werden, als sie ihm zurief, er komme zur guten Stunde, um seinen
klugen Rat zu erteilen und einem langgeprüften Liebespaar zur schönen
Vereinigung zu verhelfen. Nun erzählte sie ihm Alles - und wie König Max einst
ihr und Ursula versprochen, ihnen beizustehen, wenn sie nach Stephan's Rückkehr
dessen bedürfen würden.
    Kunz war immer gern bereit mit seinem trefflichen Herzen und klugen Kopfe,
Anderen zu ihrem Glück zu verhelfen - er sann ein Weilchen nach, und da man ihm
die Frage bejahet, ob nicht in wenig Tagen ein Maskenfest stattfände, war er
schnell mit seinem Plane zu Stande. Stephan sollte am Ende eines
Fastnachtsspieles mit der Geliebten vor den König treten und von diesem
öffentlich ohne Weiteres verlobt werden. Er selbst wollte vorher Max dafür
stimmen - und Elisabet, meinte er, brauche ihn nur um seinen Beistand zu bitten
oder im Notfall ihm die Nadel zu zeigen, so werde er gern ihren Wunsch
erfüllen.
    Es war ganz im Geiste dieser Zeit, die sich um zartere Frauenempfindungen
wenig kümmerte, dass somit Ursula ohne ihr Wissen zur Teilnehmerin einer
öffentlichen Darstellung gemacht ward, als auch, dass es eine Ueberraschung für
sie sein sollte, ihr ersehntes Glück so plötzlich und ungeahnt zu empfangen - ja
Kunz verlangte, sie solle auch bis dahin Stephan gar nicht sehen und im
Ungewissen über seine Treue gelassen werden, um dann in ihm mit einem um so
glänzenderen Lohn der ihrigen überrascht zu werden.
    Allein die feiner fühlende Elisabet drang in Stephan, Ursula wenigstens aus
dem qualvollen Zustand zu reissen, in dem sie sich befand, seit sie von seiner
Rückkehr wusste, ohne ihn gesehen zu haben, und in dem sie an ihn verzweifeln
musste. Und so eilte er heimlich zu ihr, sobald es geschehen konnte, gab ihr
neues Leben und neue Hoffnung, ohne die ihr zugedachte Ueberraschung ihr zu
verraten.
    Lag in dieser plötzlichen Entscheidung auf dem Maskenfest immerhin etwas
Gewaltsames, so hatte sie doch gerade für Ursula das Gute, dadurch, dass sie ihr
selbst ganz unvorbereitet kam, sie aller Bedenklichkeit überhoben zu haben und
auch ihrem Vater gegenüber vor allen Vorwürfen geschützt zu sein, die sie etwa
verdient hätte, wenn sie ihm gegenüber in ein solch' heimliches Complot sich
eingelassen. Im Grunde war auch Gabriel Muffel mit der Entscheidung ganz
zufrieden, da sie der König herbeigeführt hatte, und dem Vater nichts übrig
blieb, als zu gehorchen. Durch diese persönliche Teilnahme des Fürsten am
Geschick Ursula's war ja auch ihr Vater geehrt, und keiner der Ratsherren
konnte sich rühmen, eine grössere Ehre erfahren zu haben. Er war dadurch
gewissermassen an Allen gerächt, die ihm noch immer durch schnöde Zurücksetzungen
die Tat und das Geschick seines Vaters wollten entgelten lassen. Der reiche und
stolzangesehene Stephan Tucher war ihm ein ganz erwünschter Eidam - nur mochte
er ihn nicht durch eine Demütigung vor seinem hochfahrenden Geschlechte
erringen noch die Geringschätzung seines Vaters ertragen und sich nachsagen
lassen, dass er ihm selbst die Tochter verkuppelt gegen den Willen seiner
Familie. Nun waren mit Eins alle diese Bedenken weggefallen, der alte Loosunger
musste auch gute Miene zum bösen Spiele machen, und Gabriel Muffel durfte sich
freuen, seine einzige Tochter glücklich zu sehen, um die er jetzt immer
bekümmert gewesen, wenn er ihr selbst auch oft gezürnt hatte, dass sie -
unglücklich war.
    So war es Ursula nun, als sei sie aus einem bösen Traum erwacht, als sei
eine lange finstere Nacht vergangen und umspiele sie nur ein rosiger Sonnentag.
In ihrem Herzen, im Hause überall sah sie nur Friede und Freude, wo vorher
nichts als Kampf und Schmerz gewesen. Stephan bekannte ihr, dass er die Nachricht
von ihrem Entschluss in's Kloster zu gehen, geglaubt und dass er versucht habe,
sie in den Armen einer verbuhlten Wienerin zu vergessen - und über diese, wie
über andere seiner Verirrungen leicht hinweggehend, machte er nicht nur Ursula
sondern auch sich selbst glauben, dass er im Grunde seines Herzens ihr doch so
treu gewesen, wie sie ihm - die keinen Augenblick aufgehört hatte an ihn zu
denken und für ihn zu beten.
    Ursula glaubte und vergab, und war selig in ihrer Liebe - sie hatte ja den
Teuern wieder und war am Ziel ihrer kühnsten Wünsche.
    So kam der Hochzeitstag heran.
    Es war ein milder Februartag. Schon einige Tage vorher war der Schnee
geschmolzen, und wenn es auch über Nacht wieder fror, so schien doch die Sonne
schon warm und hell herab, als freue sie sich selbst über den glänzenden
Hochzeitstag, dem sie zur herrlichen Sebaldskirche leuchtete. Dergleichen war
auch in Nürnberg noch nicht gesehen, wenn schon es immer viel von prächtigen und
absonderlichen Aufzügen voraus hatte.
    Voran schritten die glänzend geputzten Ceremonienmeister und Stadtmilizen,
die dann ausserhalb der Kirche ein Spalier bildeten, dem Zuge Platz zu machen.
Dann kamen zwölf Jungfrauen aus den edelsten Geschlechtern Nürnbergs, die beiden
Schwestern Pirkheimer, Beatrix Imhof und Andere - sie waren die Brautjungfern
der Braut und trugen ihr brennende schön bemalte Wachskerzen vor. Ihnen folgte
die Braut im reichsten Schmucke, den Stephan's Prachtliebe ihr gesendet; sittsam
und bescheiden schritt sie einher, nur wissend, wie glücklich und geehrt, aber
nicht wie schön und bewundert sie war. Ihren langen Schleppenmantel von schwerer
weisser Seide mit Silber gestickt trugen Edelknaben, die ihr der Kaiser selbst
gesendet, und ihre Hand ruhte in der des erlauchten Grafen Eberhard von
Würtemberg. Mit warmer Leutseligkeit blickte der hohe Herr zu der zarten
Jungfrau herab, und ein befriedigtes Lächeln ward trotz seines grossen dunklen
Bartes, der ihm den Beinamen gab, bemerkbar. Viel wohler war ihm so bei einem
bürgerlichen Familienfeste, das wirklich wenigstens zwei glückliche Herzen selig
begingen und das seine Teilnahme ehrte, als bei prunkenden Hof-und
Siegesfesten, die oft dem Volke nur Tränen kosteten oder mit seinem Blute
erkauft waren.
    Dann kam der stattliche Bräutigam Stephan in flimmernder Rüstung, den König
Max noch vor wenig Tagen gleich seinem Wirt Herrn Christoph Scheurl öffentlich
zum Ritter geschlagen und ihnen so die Adelswürde verliehen, die Stephan's Vater
zwar schon für seine gedruckte Reisebeschreibung über den Orient erhalten hatte,
aber doch nur für sich allein, während sie jetzt Stephan und Scheurl auch für
ihre Nachkommen erhielten. Ihn geleitete Kurfürst Friedrich der Weise von
Sachsen, der immer bereit Frieden und Freude zu stiften und das Gute zu fördern,
wo er es konnte, auch Stephan mit dem anfänglich grollenden Vater versöhnt hatte
und nun durch seine persönliche Teilnahme, als wahrer Freund des Hauses sich
zeigte, das er bewohnte.
    Ihnen folgte der lange Zug der Verwandten und Gäste. Hans von Tucher führte
Elisabet von Scheurl, die als neue Edelfrau zwar weder stolzer noch prächtiger
gekleidet einherschritt, als sie schon immer getan, aber heute vielleicht noch
schöner war als sonst, weil der Strahl einer milden Rührung auf ihrer Stirn
ruhte, mit der sie sich sagte, dass es ihr Werk war, dass die geliebte Ursula dies
schöne Fest des menschlichen Lebens begehen konnte. Gabriel Muffel führte Frau
Eleonore Tucher, Stephan's Schwägerin, und so folgten noch viele Paare, bis die
Spielleute kamen, die lustige Weisen aufspielten, indes vom Sebaldsturme alle
Glocken feierlich läuteten, bis der Zug durch die herrliche Brauttür die
Weihrauch durchduftete, festlich geschmückte erhabene Kirche betreten hatte und
Braut und Bräutigam am Hochaltar vor den trauenden Priester knieeten.
    Eine grosse Menschenmenge war in der Kirche versammelt, und als Elisabet um
sich blickte, gewahrte sie Eberhard von Streitberg mit dem Propste Anton Kress im
Gespräch. Sie hatte jenen seit dem Maskenfest nicht wiedergesehen, denn wie
schon vor diesem, seit sie nur wusste, dass er hier war, hatte sie jeden Ausgang
vermieden, um ihm nicht zu begegnen, und ihn darum auch nicht wiedergesehen,
noch von ihm gehört. Was wollte er immer wieder hier, wenn er nicht ihretwillen
kam? was musste sie von ihm fürchten? was hatte er mit dem Propst so
angelegentlich zu reden und dabei auf sie herabzublicken, als sei sie der
Gegenstand des Gespräches? - Ihr grauete, und doppeltes Weh erfasste sie an
dieser heiligen Stelle, an der sie selbst ein frevelhaftes Ja zu dem ungeliebten
Mann gesprochen, weil jener Einst-Geliebte sie um den Glauben an die Liebe und
an die Männer betrogen hatte. Sie war froh, als die Trauung vorüber war und sie
sich diesen Basiliskenblicken wieder entziehen konnte.
    In ihrem Hause ward das glänzende Hochzeitsfest gefeiert, dem auch der König
mit Kunz von der Rosen und andern seinen Rittern selbst beiwohnte. Auch der
Markgraf von Brandenburg war erschienen und noch viele hohe Gäste, sammt Allen,
die am Hochzeitszug sich beteiligt.
    Auch Konrad Celtes war zugegen. König Max selbst hatte seine Gegenwart
gewünscht und beschlossen, den Dichter ganz an sich zu fesseln, Elisabet sah
ihren Wunsch erreicht, ihr eigenes Streben dazu war mit einem glücklichen Erfolg
gekrönt: in ihrem eigenen Hause sah sie den König und den Dichter vereint und
sich nahe gebracht, wie sie schon vor zwei Jahren zu König Max gesprochen: »Mich
kümmert es wohl, die beiden einzigen Männer, die ich als die edelsten ihres
Geschlechtes verehre, berufen, dem gesunkenen deutschen Reiche wieder
aufzuhelfen, Hand in Hand wirken zu sehen und die neue Zeit heraufzuführen, der
Alle, welche denken können, sich entgegensehnen.«
    Elisabet beobachtete gegen Celtes wie gegen den König eine gleich strenge
Zurückhaltung - eine strengere als vordem. Weder dem Einen noch dem Andern hatte
sie ein Alleinsein mit ihr gestattet, obwohl der königliche Gast in einer
aufgeregten Stunde einen Versuch gemacht hatte. Sie hatte sich Kunz von der
Rosen zu ihrem Schützer und vertrauten Freund gewählt und ihm darauf gesagt, dass
sie von ihm fordere, dafür einzustehen, als des Königs kluger Rat, dass jener
das Recht der Gastfreiheit nicht verletze, noch dass sie selbst genötigt werde
es zu tun. Kunz nahm dabei noch einmal vor der ernsten Frau die Narrenmütze ab
und sagte, dass er sich freue, unter allen feinen Kunststücklein Nürnbergs das
feinste bei ihr zu finden: das schöne Weib eines alten Gatten, das ihm, selbst
dem schönsten und mächtigsten Herrscher gegenüber, die Treue bewahre - und er
werde Alles aufbieten, dass solch' heilig Kunstwerk selbst unverletzt bleibe, ja
unbedroht von jedem Vandalismus.
    Seitdem war ihr der König mit erneuerter Achtung begegnet, und als sie an
dem Hochzeitsfest, da er im Gespräch mit Celtes war, in seine Nähe kam, rief er
sie zu sich und sagte:
    »Nun, edle Frau - seid Ihr nun mit mir zufrieden? Mir fiel eben ein, wie ich
einst mit Euch tanzte und Euch versprach, jede Bitte zu erfüllen, die Ihr an
mich richten möchtet: Ihr batet für das Brautpaar und für Konrad Celtes - für
Euch selbst wusstet Ihr nichts, und endlich besannt Ihr Euch darauf, dass ich
einmal in Eurem Hause wohnen möchte. Das ist geschehen und auch das Andere ist
erfüllt: das Brautpaar ist heute vermählt und Konrad Celtes wird mich begleiten
und im Dienste des römischen Königs Grösseres noch wirken können, als in dem des
Bischofs von Worms.«
    »Majestät,« sagte Elisabet, »verzeiht, wenn ich noch nicht die rechten
Worte fand für meinen Dank!«
    »Nicht Dank!« antwortete er. »Als ich Euch die Rose gab, sagte ich Euch, dass
ich, wenn Ihr sie mich wiedersehen liesset, Euch jeden Wunsch erfüllen würde, den
Ihr daran knüpft. Die Rose habt Ihr wohl mir immer zu Ehren getragen, aber einen
Wunsch habt Ihr nicht daran geknüpft.«
    »Ihr sagt es selbst,« antwortete sie, »dass Ihr heute alle meine Wünsche
erfüllt habt - für mich selbst ist nichts mehr übrig zu wünschen -« und zu
hoffen! dachte sie dabei und lächelte befriedigt, weil sie vor uneingestandenen
Schmerzen hätte weinen mögen. »Die Rose bleibt mir als Talisman,« fuhr sie fort,
»wer weiss, welche Gnade ich noch einst damit von Euch erbitte - heute kann ich
Euch nur danken für die schon erwiesene.«
    Der König schüttelte mit dem Kopf und meinte, sie wolle nicht nur darum
nichts von ihm erbitten, damit er nicht dafür zum Danke Unziemliches von ihr
verlange - er wendete sich darum fast unwillig, weil er beschämt war von ihrer
klaren Frauenhoheit, schweigend von ihr ab.
    Konrad Celtes blickte sie wohl traurig an, aber er verstand sie doch nicht
ganz - nur das weiche Gemüt in Kunz fühlte, welch' eine Tiefe von Schmerz und
Entsagung sich hinter diesem stolzen Lächeln verbarg - er konnte sich nicht
helfen: er musste ihr die Hand drücken und dann einen Augenblick sich abwenden,
damit Niemand die Träne sähe, die in seinem Auge stand.
                                Neuntes Capitel
                                 Verurteilung
Im Benediktinerkloster hatte man den beiden Baubrüdern zu ihrem Nachtquartier
eine gemeinschaftliche Zelle angewiesen, welche sich etwas gesondert von den
eigentlichen Mönchzellen nahe am Tor bei der Wohnung des Pförtners befand.
    Ermüdet von dem ziemlich weiten Weg, den sie zurückgelegt, und von der
Arbeit die sie nach kurzer Ruhe vorgenommen, warfen sie sich bald auf das ihnen
bereitete Lager.
    »Neugierig bin ich,« sagte Hieronymus, »wie sich die Geschichte mit dem
Sakramentshäuslein aufklären wird. Wer weiss, welche rohe Hand sich daran mag
vergriffen haben.«
    »Kaum kann es anders als in einem Anfall von Wahnsinn, einen Wut-Paroxismus
geschehen sein,« sagte Ulrich.
    »Wer weiss, ob nicht ein widerwilliger Novize oder ein Mönch, der vielleicht
ein vorschnell abgelegtes Gelübde bereut, diese Empfindungen im tollen Frevel an
dem Allerheiligsten ausgelassen; wer weiss, ob nicht der Abt schon etwas davon
ahnte oder wusste und sehr ungelegen durch Dich an seine Pflicht erinnert ward,«
bemerkte Hieronymus.
    »Vielleicht erfahren wir es von dem Bruder Konrad,« antwortete Ulrich, »der
schon unsere Ansicht ausgesprochen und doch damit zurückgewiesen worden war.«
    »Hast Du ihn schon nach dem Bruder Amadeus gefragt?« begann Hieronymus nach
einer Pause; »der Abt sagte ja, dass dieser noch einmal Bericht über das
zerstörte Tabernakel ablegen sollte - und sagtest Du nicht, dass er an
Geistesstörungen leiden solle?«
    Ulrich antwortete: »Ich sprach nichts mit Konrad, was Du nicht gehört.« Nach
einigem Besinnen fügte er hinzu: »Ich traf Amadeus in der Kirche und wollte ihm
das Kreuz geben; da rief man ihn ab - ich konnte nicht wagen weiter mit ihm zu
sprechen - er schien mir allerdings nicht recht bei Sinnen zu sein.«
    Hieronymus sagte nur noch unter Gähnen: »Die Rätsel werden sich wohl lösen,
es kommt ja immer Alles an den Tag - ich bin zu müde, um mir jetzt noch lange
den Kopf darüber zu zerbrechen.« Bald darauf liess er ein lautes Schnarchen hören
und bewies, dass der ermüdete Körper den Schlaf gefunden, den er bedurfte.
    Ulrich bedurfte ihn wohl nicht minder, aber ihm blieb er fern. Er setzte
sich in seinem Lager auf, stützte den wirren Kopf in die Hand, den Ellenbogen
auf eine Strohschicht gestemmt, ob so vielleicht das emporgehobene Haupt ihm
leichter werde und der Alp weiche, der auf seiner Brust zu ruhen schien. Das
Bild seiner Mutter Ulrike, die er über Alles geliebt, stand vor ihm. Er rief es
sich zurück in all' der zarten Sorge, mit der sie über seine Kindheit gewacht;
er hatte den sanften schmerzlichen Zug der Entsagung nicht vergessen, der ihrem
edlen Antlitz seinen eigentümlichen Ausdruck gab, noch die ganze stille Würde
ihres Wesens, mit der sie sich vor den andern Bäuerinnen seines Heimatdorfes
auszeichnete, trotzdem sie die niedrigsten Arbeiten verrichtete gleich ihnen, ja
oft das Schwerste vollbrachte, indes der Vater ein faules Leben führte, ihr
keine Arbeit erleichterte und nur tat, was er musste. Dieser war ein
gewöhnlicher roher Bauer, der die Mutter mit Härte und den Sohn mit
Gleichgültigkeit behandelte, oder sich gar nicht um ihn kümmerte. Es war darum
doppelt natürlich, dass dieser nur an der Mutter hing, es herausfühlte, dass sie
unglücklich war, und darum, als ihm beide Eltern verschwunden, den Verlust des
Vaters leicht verschmerzte, über den der Mutter aber lange Zeit untröstlich war.
Sie war es auch gewesen, die ihn als Hirtenknaben dem Kloster zugeführt und
immer gewünscht hatte, dass er von den weisen Benediktinermönchen mehr lernen
möge, als ausserhalb des Klosters dem Kinde eines Dorfes möglich war, in dem es
keine Schule gab, noch sonst Jemanden, ein Kind zu unterrichten. Ihr eigenes
sinniges Gemüt nur, das aus allen Werken und Walten der Natur das Schöne mit
offenem Auge herausfand, hatte auch schon früh die Augen des bildsamen Knaben
dafür geöffnet und damit den ersten Grund schon unbewusst gelegt zu seiner Liebe
für die Kunst. Sechszehn Jahre waren nun seit der Trennung von dieser teuren
Mutter vergangen. Man hatte ihn erst lange mit der Hoffnung hingehalten, dass sie
wohl wiederkehren werde, und er hatte es sich selbst für unmöglich gedacht, dass
sie ihn verlassen und nie wieder nach ihm fragen könne - und da es nicht
geschah, nahm er an, sie sei todt, und wenn er dann betete, richtete er seine
Gebete, statt an die Mutter Gottes, an seine eigene verschwundene Mutter, die
sich ihm zur Heiligen verklärt hatte.
    Da musste ihm, als er aus dem Kloster in die Bauhütte zu Strassburg ging, der
Benediktinermönch Anselm den doppelten Glauben an seine Mutter durch das Gelübde
zu rauben versuchen, das er ihm abnahm: nie nach seiner Mutter zu forschen, weil
man Unwürdiges von ihr gesagt. Er hatte diesen Schwur gehalten, die Kunst selbst
war ihm sein Alles; Mutter, Heilige, Geliebte, war seine Religion geworden; er
hatte sich losgerissen von allen irdischen Banden, von allen Wünschen, Plänen
und Hoffnungen, die nicht Hand in Hand gingen mit seinem kunstgeweihten Streben
- und nun, seit er hier in Nürnberg war, kamen diese Mahnungen an seine
Vergangenheit, an seine Mutter.
    Der Propst Kress und Amadeus sprachen von ihr wie von einer Unglücklichen,
Verirrten, noch Lebenden - Amadeus nannte ihren Namen Ulrike. So gab es zwei
Wesen auf der Welt, die dem Sohn von der Mutter Auskunft geben konnten - und
vielleicht hatte er diese Auskunft zu scheuen, vielleicht weihete sie ihn der
Schande, ward ihm zum Fluch! Was war denn Amadeus seiner Mutter, was war er denn
ihm? Was redete er denn zu ihm von Liebe zu ihm, die ihn zu einem Frevel
getrieben - von Vatermord und Gericht? War es Wahnsinn? und war nicht etwas
Ansteckendes in diesem Wahnsinn?
    Als strecke der Wahnsinn in einer grausen Gestalt seine Krallen nach Ulrich,
als setze er sich auf sein Lager, rückte ihm näher und näher und schaue
unverwandt auf ihn mit hohlen Augen, aus denen rotglühende Blitze schossen -
und als wandele er sich dann in die Gestalt des Mönches Amadeus - so war es
Ulrich! Dann wieder sah er seine Mutter vor sich, die frommen Augen auf ihn
gerichtet, segnend und betend, aber dann war er in der Bauhütte, die schwarz
ausgeschlagen war; die Baubrüder umstanden ihn und spieen ihn an, und der
Hüttenmeister zerbrach das Richtscheit über ihm, indes der Pallirer sein
Monogramm aus den Steinen kratzte - und dann hing sich Rachel, das Judenmädchen,
an ihn - plötzlich erschien die stolze Elisabet Scheurl und neigte sich über
ihn - da war es, als wichen alle Dämonen und alle Qualen - sein Herz ward gross
und ruhig.
    Er wusste nicht, ob das Bilder waren einer wachen, zum Fieber erhitzen
Phantasie, eines von mannigfachen Eindrücken geängsteten Gemütes, oder eines
Traumes, der seinen Schlaf beunruhigt - er ward sich nur bewusst, dass von alledem
Elisabet's Bild der letzte und bleibende Eindruck gewesen - der Gedanke an sie
war ihm durch die Begegnung mit Streitberg gekommen - und er hing ihm noch nach,
um eine Weile Amadeus und seine Worte zu vergessen.
    Am folgenden Morgen wohnten die Baubrüder der gemeinschaftlichen Messe mit
bei, dann gingen sie still an ihre Arbeit. So verging eine Woche eintönig und
ohne Unterbrechung. Amadeus sahen sie nicht, mit Niemand sprachen sie, nur mit
Konrad wechselten sie zuweilen einige Worte.
    Eines Tages gegen Mittag berief man sie in's Conclave.
    Sie fanden alle Klosterbrüder versammelt. Der Abt sass in der Mitte vor einem
schwarzbeschlagenen Eichentisch, auf dem sich Schreibgerät und Aktenstücke
befanden. Zwei Mönche sassen daran ihm zur Seite, die andern standen.
    Als Alle versammelt waren, erhob sich der Abt und sagte: »Ich habe Euch Alle
in einer traurigen Angelegenheit berufen müssen. Ein schweres Verbrechen ist in
unsern Mauern, in unserer Kirche verübt worden; einer unserer Brüder hat es im
Wahnsinn begangen. Höret die Mitteilung.« Er winkte dem beisitzenden Mönch, und
dieser las nach einer salbungsreichen Einleitung.
    »Am ersten Tage des Hornung hatte der Bruder Amadeus die Nachtwache in der
Kirche. Nach Mitternacht läutete er im Kloster, wo man läutet, wenn ein Feind in
der Nähe ist, oder Feuer, oder dem Kloster irgend eine Gefahr droht. Bleich und
zitternd vor Schrecken meldete er, dass während er sich in der Kirche an einem
Seitenaltar befunden, plötzlich ein Krachen durch die Wölbung gegangen, alle
Türen zusammengeschlagen seien, wie eine Wolke von Staub neben dem Hochaltar
aufgestiegen, und er dann hinzueilend gesehen, dass derselbe durch das
Herabfallen des oberen Teils des Sakramentshäusleins entstanden. Wir eilten
Alle in die Kirche und sahen das Werk der Zerstörung, sonst war nichts darin
geschehen und Alles unverändert. Der Novize Konrad stellte auf, dass das Werk nur
gewaltsam und von Menschenhand könne abgebrochen sein, aber Niemand konnte dem
Glauben schenken. Es ward beschlossen, das Weihbrodgehäuse so schnell und schön
als möglich wieder herstellen zu lassen und Einen aus unserer Mitte gen Nürnberg
zu senden zu seiner Hochwürden dem Herrn Propst Anton Kress, uns zwei Baubrüder
zu senden. Bruder Amadeus bat um diese Sendung als Gunst, und weil er der Erste
gewesen, der die Zerstörung gesehen und den heftigsten Schrecken gehabt, so
erhielt er den Auftrag, und da er am Abend zurückkehrte, schien er ihn auf's
Beste ausgerichtet zu haben. Da behaupteten die herbeigerufenen Baubrüder, dass
die Zerstörung nur von Menschenhand geschehen sein könne; wir beriefen Bruder
Amadeus noch einmal genauen Bericht von ihm zu hören. Kein Verdacht hatte sich
gegen ihn geregt. Er aber fiel auf seine Kniee und bekannte freiwillig, wie er
sagte, durch die Worte Ulrichs von Strassburg im Gewissen getroffen, wie durch
die Angst, dass man statt seiner einen Unschuldigen verdächtigen könne, dass er
selbst mit eigenen frevelhaften Händen in jener Mitternacht das Kunstwerk
herabgerissen und zerschlagen. Nichts hat er angegeben, was ihn zu der
ungeheuren, himmelschreienden Tat verleitet haben könne - er hat die Grösse
seines Verbrechens eingesehen und ist darauf gefasst, es mit dem Tode zu büssen.
Da er aber schon früher, besonders vor andertalb Jahren, Spuren und Ausbrüche
von Wahnsinn gezeigt, und er sonst nichts begangen, wodurch man ihn einer
solchen Versündigung an dem Allerheiligsten für fähig halten könnte, so ist
nicht anders anzunehmen, denn dass ihn wieder der Wahnsinn ergriffen hat. Er ist
darum in seiner Zelle an die Kette gelegt worden und wird als Wahnsinniger
behandelt werden. Alle Tage werden wir für seine Seele beten, damit der böse
Geist von ihm weiche.«
    Wohl Keiner hatte diesen Bericht ohne Schauer vernommen - aber am meisten
war Ulrich davon ergriffen. War Amadeus ein Wahnsinniger? war er es nicht?
    Gerade jetzt hielt ihn Ulrich am wenigsten dafür. Die Worte, die ihm so
erschienen: »Sie holen mich in's Gericht« - und: »ein Mönch, der Euch sein
Todesurteil dankt« - die waren nun sehr klar und wahr. Denn war auch hier kein
Todesurteil ausgesprochen, so hatte Amadeus doch nach seinem Bekenntnis ein
solches erwarten können, und das Schicksal, das ihm nun bereitet war, erschien
ihm selbst jedenfalls härter als der Tod. Und waren nun die andern Worte auch
klar und wahr: »Aus Liebe zu Dir beging ich den Frevel; ich wollte meine Hand
segnend auf Deinen Scheitel legen - es ist meine Sühne, dass ich durch meinen
Sohn sterbe!«
    Kalte Schauer durchrieselten Ulrich - eine furchtbare Angst kam über ihn,
eine grässliche Empfindung, die er noch nie gekannt: vielleicht ein Verbrechen
wider die Natur begangen zu haben, da er nur meinte, dass er Worte der
Gerechtigkeit geredet.
    Konnte es denn sein? war denn Amadeus wirklich in einer Beziehung zu seiner
Mutter gewesen? war er ihr Entführer vielleicht in jenem Kampfe, der die Mutter
dem Sohn geraubt? oder hatten sie noch früher, ehe er denken konnte, ehe er war,
einander nahe gestanden - war nicht jener Bauer, den er nie geliebt, sein Vater
- war es dieser Mönch? Musste er ihn dann hassen oder lieben? War er nicht der
Urheber seiner und seiner Mutter Schande - und doch seines Lebens?
    Wie sich kreuzende Dolche durchzuckten ihn diese Gedanken, schnitten in
seine Seele, wühlten in seinem Herzen.
    Draussen im Kreuzgang kam er in Konrad's Nähe. Wie im Vorübergehen drängte er
sich dicht an ihn und sagte: »Ich muss Dich allein sprechen, wann kann es
geschehen?«
    »Ich komme zu Nacht in Deine Zelle,« antwortete Konrad.
    »Nein - da ist Hieronymus mit.«
    Konrad sah Ulrich verwundert an: wie mochte ein Baubruder dem andern nicht
trauen? »Ich will darüber nachdenken und es Dir bei der Arbeit sagen.«
    »Aber verschieb' es nicht lange!« drängte Ulrich.
    Mehr durften sie nicht wagen zusammen zu sprechen.
    Ulrich's sonst so kräftige und geschickte Hände zitterten bei der Arbeit. Er
vermochte kaum das Richtscheit gerade zu halten, noch den Meissel da
hineinzusetzen, wo er ihn hin haben wollte. Hieronymus sah ihm verwundert zu.
Aber Keiner sprach. Wie gestern arbeiteten die Mönche und Novizen mit ihnen.
    Da sie von der Arbeit gingen, sagte Konrad zu Ulrich: »Komm um Mitternacht
in die Kirche an das Tabernakel. Der Bruder Martin hat die Nachtwache, der stört
uns nicht.«
    »Ich komme gewiss!« antwortete Ulrich.
    Als er mit Hieronymus wieder in der Schlafzelle allein war, sagte dieser:
»Es ist doch eine sonderbare Geschichte mit dem Sakramentshäuslein - glaubst Du,
dass der Mönch wirklich verrückt ist, oder dass man uns nur etwas damit weiss
machen will?«
    »Meinst Du?« gegenfragte Ulrich; »ich weiss nicht, was ich dazu denken soll.
Nur ein Wahnsinniger scheint mir so etwas tun zu können, das gar keinen Zweck
hat - oder könntest Du Dir hierbei einen denken?«
    »Wenn es nun doch ein verzweiflungsvoller Mönch wäre, der das Leben nicht
mehr ertragen könnte und vielleicht unfähig zum Selbstmord etwas tun wollte,
danach man ihn zum Tode verurteilte?« sagte Hieronymus.
    »Dann hätte er ja seinen Zweck nicht erreicht,« bemerkte Ulrich.
    Sein Kamerad lächelte: Denkst Du, man wird sich begnügen ihn in Ketten zu
legen, bis er etwa wieder zur Vernunft käme? Man wird ihn darin verhungern und
umkommen lassen.«
    »Meinst Du?« fragte Ulrich entsetzt.
    »Ich müsste diese Mönchsjustiz nicht kennen!« sagte Hieronymus gähnend und
legte sich ruhig schlafen.
    Ja, er kann schlafen! dachte Ulrich; er ist ja unschuldig an dem, was dem
Unglücklichen geschieht - er hätte vielleicht geschwiegen - nur ich entüllte
den Frevel und forderte Rechenschaft dafür - - Hieronymus kann schlafen - ihm
sagt sein Gewissen nicht, dass er vielleicht einen Vater ermordet - ihn klagt das
Wimmern dieses Verschmachtenden nicht an als seinen Mörder - und ihm ist nicht
die Wahl geboten: nach einer entsetzlichen Entüllung zu verlangen, oder ihr zu
entfliehen und sich die Möglichkeit zu rauben, je Gewissheit über sich selbst zu
erhalten. O du glücklicher Hieronymus!
    Zum ersten Mal stieg in Ulrich's edler Seele etwas auf wie Neid gegen ein
anderes Wesen, und aus seiner Brust rang sich ein dumpfer Seufzer, indes sein
Kamerad friedlich und tief Atem holte im ruhigen Schlaf.
    Leise erhob sich Ulrich, da es schon lange elfmal an der Klosteruhr
geschlagen, und schlich durch den finsteren Kreuzgang in die Kirche. Der Mond,
der sich zum letzten Viertel neigte, war eben aufgegangen und leuchtete durch
die gotischen Fenstern herein, an denen Eisblumen aufblüten, indes silberner
Schnee in den steinernen Bogen und Zacken hing.
    Er trat in die Kirche. Konrad erwartete ihn schon an der bestimmten Stelle.
    »Der Bruder Martin ist dort in der Ecke eingeschlafen,« sagte er, »wir
können ungestört zusammen reden. Er ist ein guter Alter, der mir manchen Trost
zugesprochen und manche Freundlichkeit gewährt. Dafür such' ich ihm wieder
andere zu erweisen. Da er den Schlaf, ungern entbehrt, so habe ich schon ein
paar Mal hier für ihn gewacht: aber da dies eigentlich kein Novizenamt ist, so
muss er mit in der Kirche sein für den Notfall; doch erfreut er sich auch in
einem Kirchenstuhl eines gesegneten Schlafes. Es passte gerade, dass er heute die
Wache hat - sollte er wirklich erwachen und Dich hier finden, so drückt er mir
zu Liebe auch ein Auge zu; wir haben also in keinem Fall etwas zu fürchten. - Es
freut mich, ungestört mit Dir plaudern zu können - aber mir schien auch, Du
habest etwas Wichtiges auf dem Herzen. So rede!«
    »Gewiss!« antwortete Ulrich, »und ich vertraue Dir - kein Baubruder wird den
andern verraten!«
    »Meine Hand darauf!« sagte Konrad; »könntest Du in mein Herz sehen!« und er
reichte ihm die Hand mit dem Drucke der freien Steinmetzen.
    »Sage mir, was Du von Amadeus weisst!« bat Ulrich; »verhält sich Alles so,
wie wir heute vernommen?«
    »Alles,« antwortete Konrad.
    »Ist Amadeus wirklich wahnsinnig?«
    Der Novize zuckte die Achseln: »Ich kann es mir selbst nicht anders denken -
doch möcht' ich auch keinen Eid darauf ablegen; ich habe ihn ausserdem sehr
vernünftig sprechen hören, doch bin ich noch kein Jahr im Kloster, und die
Andern sagen, dass er früher schon solche Anfälle gehabt.«
    »Und was wird nun sein Geschick sein?«
    »Auf jeden Fall ein schreckliches; in dem finstern Loch an der Kette bei
Wasser und Brod wird man ihn verschmachten lassen - vielleicht auch einmauern -«
    »O Gott! und ich habe ihm dies Loos bereitet!« rief Ulrich ausser sich; »Du
sagtest, dass Du schon auf die willkürliche Zertrümmerung aufmerksam gemacht und
dass man Dir nicht glaubte; man wollte vielleicht diese schreckliche Strafe
vermeiden - und nur durch mich ist der Schuldige gefunden und zum Opfer
geworden!«
    »Du sagtest ja selbst, dass ein solcher Frevel Strafe verdiene!« entgegnete
Konrad verwundert.
    »Im Eifer für die Kunst vergass ich den Menschen!« seufzte Ulrich. »Kannst Du
mir nicht helfen, diesen Amadeus zu sprechen.«
    »Wozu sollte das führen? - es wird auch gar nicht möglich sein.«
    »Konrad - ich beschwöre Dich - verrate mich nicht! Hilf mir! Ich muss ihn
sprechen - ich glaube, er ist ein Verwandter von mir. - Hast Du nie etwas von
seinem frühern Geschick - seiner Herkunft gehört?«
    »Dass er einst ein stolzer Ritter gewesen und vor ungefähr dreizehn Jahren in
das Kloster gekommen, hat er mir selbst erzählt. Er habe schwere Sünde auf sich
geladen gehabt und sich in diesem Walde das Leben nehmen wollen - da er aber das
Schwert gegen sich selbst erhoben, habe ihm ein Mönch dasselbe entreissen wollen,
so dass er sich nur verwundet; der Mönch, eben der Bruder Martin, der dort
schläft, hatte den Bewusstlosen mit in das Kloster genommen und hier den an der
Wunde und einem hitzigen Fieber schwer Darniederliegenden verpflegt. Als er
wieder zu genesen begann, blieb er im Kloster, um wenigstens für die Welt
draussen todt zu sein, und ward Mönch, um seine Sünden zu büssen. Das hat er mir
selbst erzählt, da er mich fragte, warum ich so jung schon Zuflucht in diesen
Mauern suchte.«
    »Du wolltest uns Deine Geschichte erzählen!« sagte Ulrich.
    »Ich glaubte, Du habest mich darum hierher bestellt,« antwortete Konrad,
»aber Du scheinst jetzt nicht aufgelegt, sie zu hören?«
    »Doch« - versetzte Ulrich; »vielleicht gleicht sie der meinen.«
    »Da sei Gott vor!« rief Konrad im schmerzlich abwehrenden Tone. »Aber ich
kann Dir Alles mit wenig Worten sagen. Meine Mutter war eine Wittib in
Regensburg, und da mich meine Liebe frühe zur Kunst zog, so lernte ich dort in
der Bauhütte und ward in die Zunft der freien Steinmetzen aufgenommen. In dem
Hause, in dem wir wohnten, hatte die Tochter unserer Hausfrau ein Auge auf mich
geworfen, aber ich wollte meinem Gelübde treu bleiben und folgte nicht ihren
Lockungen, obwohl ich das Mädchen selbst lieb hatte und es mir manchen schweren
Kampf kostete, in meinem Vorsatz fest zu bleiben. Das Mädchen war unglücklich
und liebeskrank; ihre Mutter machte mir Vorwürfe und fragte, ob ich ihr die
Tochter ermorden wolle oder nicht? Ich hatte keine andere Antwort, als meinen
Schwur als Baubruder, der mich zum Cölibat verdammte - da sagte sie: dann wisse
sie einen Rat. Ich blieb dennoch von ihr zurückgezogen. Nicht lange darauf
erhielt meine Mutter eine gerichtliche Vorladung, deren Inhalt ich nicht erfuhr,
und wieder nicht lange darauf ward mir in der Bauhütte angekündigt, dass man mich
aus derselben stossen müsse, denn meine Zeugnisse seien falsch gewesen: ich sei
nicht von ehrlicher Geburt. Meine Mutter habe mich zwar für das Kind ihres
Gatten ausgegeben - aber jetzt habe sie selbst auf Befragen gestanden, dass ich
der Sohn des reichsten Nürnberger Patriziers Christoph Scheurl sei. Ich sei
dadurch unwürdig bei der Genossenschaft freier Maurer zu bleiben. Um meiner
Jugend Willen aber und weil ich noch in den untersten Graden sei, wolle man mich
nicht mit Schimpf und Schande ausstossen, dafern ich selbst meinen Austritt
erkläre, um mich in ein Kloster zurückzuziehen. So musste ich diese
Zufluchtsstätte wählen, um nicht als Geächteter einen ewigen Schimpf auf mich zu
laden. So kam ich hierher. Das ganze Unheil hatte unsere Hausfrau angestiftet,
der es bekannt war, dass kein unehrlich Geborener Baubruder sein durfte. Sie
wollte dadurch ihrer Tochter und vielleicht mir selbst zum Glück verhelfen und
dachte, ich könne als profaner Steinmetz mit ihr verbunden überall Arbeit finden
- so hatte sie verraten, was ihr meine Mutter schon einst vor vielen Jahren in
einem Moment unbedachter Eitelkeit offenbart: dass ich eigentlich ein vornehmer
Herr sein sollte, da ein Ratsherr von Nürnberg mein Vater. Ich aber flüchtete
vor der Schande in's Kloster, deren Bestrafung auch nur dadurch meiner Mutter
erspart blieb. Das unglücklich liebende Mädchen ist gestorben - und ihre Mutter
hat durch dies gewaltsame Eingreifen so den Tod des eigenen Kindes und unser
Aller Unglück verschuldet!«
    Ulrich fühlte sich bei dieser Erzählung von kaltem Schauer geschüttelt - er
war keines Wortes fähig, da der Jüngling geendet - umarmte ihn und sagte nur:
»Bruder!«
    »Du verachtest mich deshalb nicht?« fragte Konrad.
    »Nein!« rief Ulrich; »denn ich glaube mehr an den Gott der Liebe, denn an
den der Strenge, der die Sünden der Väter an den Kindern heimsucht bis in's
dritte und vierte Glied!«
    »Dank Dir dafür!« antwortete Konrad. Nach einer Pause, in der jeder seinen
Gedanken nachhängen mochte, sagte er: »Und warum willst Du zu Amadeus?«
    »Ich muss ihn um Vergebung bitten« - sagte Ulrich; »er wollte mir etwas sagen
vorgestern Morgen, als man ihn abrief - ich muss es wissen.«
    »Vielleicht kann es morgen Nacht geschehen - verlass Deine Zelle um
Mitternacht, ich will Dich an Deiner Tür abholen, wenn es mir möglich wird,
Dich in das unterirdische Gefängnis zu führen.«
    So trennten sie sich, noch aufgeregter als wie sie gekommen.
 
                                Zehntes Capitel
                                   Die Juden
Der Jude Ezechiel, der an dem Abend, wo eine Schaar von einer Zeche
heimkehrender Handwerksgesellen ihn überfallen und gehänselt und die Baubrüder
ihn beschützt hatten, von der Stadtwache mitgenommen und eingesperrt worden war,
musste mehrere Tage zur Strafe für seinen Gang durch die Stadt zu einer den Juden
nicht vergönnten Stunde in einem düstern Loche zubringen, ohne dass sich weiter
Jemand um ihn kümmerte.
    Es war nicht das erste Mal in seinem Leben, und was ihn dabei jammerte, war
nicht sowohl die Haft und der grässliche Aufentalt, als die Zeit, die er dabei
für sein Geschäft verlor, und die Voraussicht auf die Schuldbusse, die er für
sein Betreten des verbotenen Stadtteils zahlen musste, ganz abgesehen davon, dass
er schon auf der Gasse von den Gesellen so gut wie ausgeplündert worden war, und
was er von seinen Waaren noch selbst zusammengerafft, das hatte er dennoch nicht
gerettet: denn was die Stadtsoldaten und Gefängnisswachen davon für sich
verlangten, das musste er ihnen geben, damit sie nur nicht gar zu unglimpflich
gegen ihn verfuhren. Ein Trost war es ihm, dass Rachel entkommen und nicht mit
ihm eingefangen war; das hübsche Mädchen wäre in diesen Händen wahrscheinlich
einer rohen und schimpflichen Behandlung ausgesetzt gewesen. Aber worin dabei
die Hauptfreude des Juden bestand, war, dass auf diese Weise doch der kostbarste
Gegenstand, den der letzte Handelsgang in seinen Besitz gebracht, gerettet war:
ein Ring von Gold mit einem ganzen Kranz herrlicher Edelsteine besetzt, den er
seiner Tochter anstecken liess, um ihn so unter deren wollenen Faustandschuhen
am sichersten zu wahren. Von dem Ritter von Streitberg, der wieder auf
Weispriach's Schloss eingekehrt war, ehe er nach Nürnberg kam, hatte er diesen
Ring zum Pfand gegen Darleihung einer ziemlich grossen Geldsumme erhalten, die
der Ritter bedurfte, um standesgemäss zur Zeit des Reichstags in Nürnberg zu
erscheinen. Aber es sollte nur ein Pfand sein, das der Ritter versprochen in
vier Wochen wieder einzulösen; bis dahin hoffte er das Geld zu erhalten - wenn
nicht durch seine rechtmässigen Einkünfte: durch Strassenraub oder Glücksspiel,
denn in dem damals noch nicht lange aufgekommenen Kartenspiel, das, ursprünglich
als ein Kriegsspiel, eine beispiellos schnelle Verbreitung fand, wie denn in
Nürnberg es bald eine ganze Zunft von Kartenmachern und Malern gab. Der Jude
aber hatte schon oft erfahren, dass die Verfallzeit solcher Pfänder kam, ehe sie
eingelös't waren, und dass auf diese Weise sich die besten Geschäfte machen
liessen. Er hatte dieselbe Hoffnung auch in diesem Falle.
    Indes war Rachel in derselben Nacht, in der Ulrich sie beschützt hatte,
durch die finstersten Gässlein sich schleichend, wohlbehalten in ihre Wohnung
gekommen, in der ihr Bruder Benjamin zurückgeblieben. Nicht ohne Mühe hatte sie
den Schlafenden erweckt, der nun in dieser Winternacht die Seinen nicht mehr
erwartet hatte.
    Sie erzählte ihm, was vorgefallen. Der Bruder wunderte sich höchlich, dass
sie christliche Beschützer gefunden und noch dazu hochmütige Baubrüder, die da
vollends meinten, wie er sich ausdrückte, aus ganz anderem besonderen Teige
geschaffen zu sein, denn andere Menschenkinder. Rachel sagte ihm aber nicht die
Namen derselben, noch dass sie schon seit früher sie kenne - alles, was sie
hierauf bezog, war und blieb ihr Geheimnis. - So wenig wie sie, so wenig wusste
Benjamin einen Rat für den Vater; da er weiter nichts verbrochen, so hofften
sie, dass man ihn nach einigen Tagen wieder entlassen werde, und dass ihnen nichts
übrig bliebe, als ruhig auf ihn zu warten.
    Erst am Morgen, da sich Rachel auf die Ereignisse der Nacht wieder besann,
entdeckte sie mit Schrecken den Verlust des köstlichen Ringes, dessen
sorgfältige Bewahrung ihr der Vater auf die Seele gebunden. Vergeblich suchte
sie in ihrer Wohnung überall danach, wo sie ihre Sachen abgelegt. Hier war er
nicht. Unterwegs konnte sie ihn nicht verloren haben, da sie die Handschuhe
darüber getragen. Sie besann sich, dass sie diese in der Behausung der Baubrüder
ausgezogen und erst an der Haustür wieder an. Dort nur konnte er sein. Was
blieb ihr anders übrig, als dort danach zu suchen, zu fragen?
    Aber sie durfte sich nicht am Tage dahin wagen, auch hatte sie nicht den
Mut, Jemand anders als Ulrich danach zu fragen, und darum musste sie die Stunde
des Feierabends abwarten. Indes war es ihr unmöglich den ersten Tag auszugehen,
sie fürchtete ihrem Bruder von dem Verlust zu sagen, und ohne genügenden Grund
zum Ausgang liess er sie nicht fort; es kamen auch immer Leute, die es
verhinderten, Judennachbaren und die ganze Sippe, die sich teilnehmend und
wehklagend nach Ezechiel erkundigten. Endlich am zweiten Abend, wo Benjamin auch
ausgegangen, konnte Rachel sich fortschleichen.
    Aber als sie glücklich das Haus des Rädleinmachers Sebald erreicht und sich
im Finstern die Treppe hinaufgeschlichen hatte, nun an der Tür lauschte, die zu
den Baubrüdern führte, ob sie dieselben darin sprechen höre und ob sie allein
seien - kam Frau Marta aus der entgegengesetzten Tür, einen brennenden
Kienspan in der Hand. Als sie das Judenmädchen erkannte, stiess sie einen Schrei
des Abscheues aus, dem bald die schrecklichsten Schimpfreden folgten.
    »Verzeiht!« entgegnete Rachel zitternd; »ich wollte nur nach einem Ring
fragen, den ich vorgestern hier verloren.«
    »Das ist eine elende Finte!« rief Marta; »Du gemeine, freche Dirne! ich
müsste nicht wissen, warum Du kommst! Aber Du kamst auf alle Fälle umsonst, denn
beide Baubrüder sind weder hier, noch in Nürnberg, sondern heute in's Kloster
zum heiligen Kreuz gegangen; dort wird Ulrich von Strassburg dafür Busse tun, dass
er sich mit Dir eingelassen und Schimpf und Schande über dies Haus gebracht -
nie wird er wieder hierher zurückkehren. Nun weisst Du wohl genug - mache, dass Du
fortkommst, Du schändlicher Balg!«
    »O Gott!« rief Rachel; »Euer Schimpf trifft mich unverdient - ich kam um den
kostbaren Ring -«
    »Spare Deine Lügen, mir machst Du nichts weiss!« eiferte die Alte, »und wenn
es wahr wäre, so lass Dir gesagt sein, dass Niemand von uns einen Ring aufheben
wird, den Du verloren - wir haben weder Verlangen nach Hexengold, noch nach
Sündenlohn. Unterstehst Du Dich wieder zu kommen, so lass' ich Dich vom Meister
hinauswerfen und auf die Büttelei schaffen - heute will ich's noch selber tun!«
Sie riss das Mädchen am Arme, gab ihr von hinten einen Fusstritt. der sie einige
Stufen der Stiege hinabschleuderte, und spie nach ihr.
    So ward Rachel vertrieben.
    Das war das Resultat einer Stunde, die sie mit grossen Schwierigkeiten
erkauft und auf die sie ganz andere Hoffnungen gesetzt hatte. Die Behandlung,
die sie erfahren, erregte ihren ganzen Zorn und alle Bitterkeit und
Verzweiflung, über das Loos voll Schimpf und Qual, dem sie durch ihr ganzes Volk
verfallen war, drohte ihr Herz zu zersprengen: dazu kam der Schmerz, dass sie
Ulrich nicht wiedergesehen, ihn nie wiedersehen werde, wenn er wirklich in's
Kloster gegangen, um ein Mönch zu werden, wie sie denken musste - und dazu kam
noch ein anderer unklarer Gedanke, indem hinter einem tiefen Weh doch eine
heimliche Freude lauerte: war er in's Kloster gegangen - um ihretwillen? um zu
büssen - oder um sich zu bewahren? - Und diese Fragen verscheuchte wieder die
Angst: was der Vater sagen werde, wenn sie gestehen musste, dass der Ring
verloren.
    So waren die verschiedensten Empfindungen in ihr aufgeregt und alle waren
sie quälender Art. Da hörte sie, nachdem Benjamin Erkundigungen nach dem Vater
eingezogen, dass er zu zwei Wochen Gefängnis bei Wasser und Brod im finstern
Keller und zu einer grossen Geldbusse verurteilt sei wegen nächtlicher Betretung
eines um diese Stunde den Juden verbotenen Stadtteils und Beteiligung am
nächtlichen Unfug. Natürlich war das nur bittere Nachricht für die Kinder, die
an dem Vater hingen, und doppelt, weil sie wussten, wie viel er schon unter dem
nächtlichen Unfug gelitten und wie wenig er ihn selbst verschuldet. Aber sie
waren es schon gewohnt, dass da, wo Juden und Christen zusammen gekommen waren,
allemal gegen die Juden entschieden ward, auch wenn das Recht auf ihrer Seite
sonnenklar gewesen.
    Inzwischen kam die alte Jacobea mehrmals und fragte nach Ezechiel. Rachel
hasste die Alte, von der sie wusste, dass sie sich immer nur zu bösen Anschlägen
gebrauchen liess, und suchte sie immer kurz mit dem Bemerken abzuweisen, dass ihr
Vater wohl noch lange im Gefängnisse schmachten müsse; wenn er frei sei, möge er
selbst zu ihr kommen, wenn sie Nötiges mit ihm zu reden habe.
    Die Alte, welche dem Mädchen misstraute, ging trotzig fort, und kam dennoch
wieder gleich am Tage nach Ezechiel's Freilassung. Rachel hatte nichts von ihr
gesagt. Jacobea sagte ihm dies als neuen Beweis, dass seiner Tochter nicht zu
trauen sei - und drang darum in ihn, mit ihr unter vier Augen zu sprechen und
Rachel nicht erfahren zu lassen, was sie jetzt verhandelten.
    Dann sagte sie ihm, dass der Ritter von Streitberg bei seinem jetzigen
Herritt nach Nürnberg demselben Baubruder, Ulrich von Strassburg, begegnet sei,
den er gehofft habe im Kampf um die Frau Scheurl ermordet zu haben. Oder
vielmehr, er nannte uns Lügner, die wir ihm die Nachricht von seinem Tode
gebracht hatten, den wir damals doch wirklich glaubten, oder dann doch
wenigstens hofften, dass er an den Wunden auf dem langen Krankenlager sterben,
oder doch wenigstens zeitlebens ein Krüppel bleiben werde. Zweimal also hatte er
ihn als seinen Beleidiger und als den Beschützer der Scheurl getroffen - und
jetzt war dieser kaum seiner ansichtig geworden, als er auch schon dem Junker
Pirkheimer einen Auftrag an sie gegeben, der es deutlich verraten habe, dass sie
in genauen Beziehungen zu einander ständen. Und da ich eingestehen musste, dass es
uns voriges Jahr noch nicht gelungen, einen Makel auf seine Geburt und seine
Mutter zu werfen, so hat er nun einen neuen Racheplan ausgedacht, Beide zusammen
zu verderben: dem Paare Gelegenheit zu heimlichen und verbrecherischen
Zusammenkünften zu geben, und sie da Beide der Rache des Gatten und der
öffentlichen Schande preiszugeben, die für sie doppelt gross ist, mit einem
Steinmetzgesellen sich eingelassen zu haben - ihn aber träfe harte Strafe und
wahrscheinlich Ausstossung aus der Bauhütte.
    Ezechiel schüttelte den Kopf und meinte, dass dies eine Sache sei, die gar
nicht in sein Geschäft schlage, mit der er sich darum nicht einlassen könne und
sie allein der klugen Jacobea überlassen müsse.
    »O was Ihr kurzsichtig seid!« rief diese; »hätte das in meinem Leben nicht
von dem weisen Ezechiel gedacht! Aber freilich, das Eine könnt Ihr nicht wissen,
wenn Ihr nicht selbst darauf gekommen seid, weil in dem Ring, den Euch
Streitberg gegeben, ein E B steht.«
    »So genau hab' ich mir noch gar nicht angeschaut den Ring,« versetzte der
Jude.
    »E B,« wiederholte Jacobea: »das heisst Elisabet Behaim - den hat sie als
Mädchen dem Ritter von Streitberg gegeben. Da sie nun nichts mehr von ihm wissen
will, so wird ihr sehr viel daran liegen, wenn sie ihn wieder in ihre Hände
bekommt. Gehet darum damit zu ihr - sag't ihr, dass ihn Euch Streitberg zum
Pfande gegeben, und dass Ihr ihr ihn für dasselbe Geld lassen wollt - wenn ihr
damit gedient sei.«
    »Lassen für dasselbe Geld?« rief der Jude; »oho! ich glaube, da ist zu
machen ein gutes Geschäftchen!«
    »Das mein' ich wohl auch!« rief Jacobea; »es ist, als hättet Ihr in einen
Glückshafen gegriffen, dass der Ring in Euren Händen. Dadurch, dass ihr ihn
ausliefert, erwerbt Ihr Euch das Vertrauen der stolzen Frau - und dadurch, dass
sie sieht, Ihr wisst ihr Geheimnis, hab't Ihr sie schon ganz in den Händen. Wer
einmal eins von einer solchen Frau weiss, dem vertraut sie auch noch ein zweites
an. O müsst' ich nur nicht fürchten, von ihr erkannt zu werden, ich wollte diese
Sache vortrefflich anfangen! Ihr redet dann von Ulrich von Strassburg, sag't, wie
Euch sein Schwert beschützt, und dass Ihr ihm zu lebenslänglichem Dank
verpflichtet seid -«
    »Meint Ihr das nicht im Ernst?« fragte Ezechiel.
    »Ei ja doch! dafür, dass er Euch der Wache übergab und ihr so schwere Strafe
bekommen hab't!« lachte Jacobea höhnisch.
    In dieser Weise ging die Unterredung noch eine Weile fort und in's Genauere
ein im Hin- und Herberaten.
    Als Jacobea fort war, verlangte Ezechiel von Rachel den Ring: es war ihm gar
nicht eingefallen, dass er nicht da sein könnte, er hielt ihn für gut aufgehoben
bei den andern Kleinodien.
    Da musste Rachel das Geständnis machen, dass sie ihn verloren.
    Ezechiel brach in Jammer und Wut darüber aus; erst hielt er es für
unglaublich - ja er glaubte, Rachel könne irgend wodurch geahnt oder gehört
haben, dass Jacobea irgend einen Plan mit dem Ringe verbinde, und ihn deshalb
verstecken, weil sie immer nichts von der Alten wissen wollte und es schon eben
jetzt auf's Neue durch ihr Betragen bewiesen; aber die Tochter schwor hoch und
teuer, dass sie nicht wisse, wo der Ring hingekommen, und gestand endlich, dass
sie ihn im Hause des Meisters Sebald verloren, in das sie sich geflüchtet, weil
aus diesem die Baubrüder gekommen, die ihnen geholfen hätten und die sie dann
auch ein paar Stunden in einer finsteren Kammer versteckt, bis es draussen ruhig
geworden und sie sicher habe nach Hause gehen können. Und dort und nirgend
anders könne sie den Ring mit dem Handschuh abgestreift haben. Dass ihr die
beiden Baubrüder und ihre Wohnung schon von früher gar wohl bekannt, verschwieg
sie, wie es auch immer ihr alleiniges Geheimnis geblieben war, dass sie in
Männerkleidern während Ulrich's Krankheit häufig dahin gegangen war und ihm
allerlei Unterstützungen gebracht hatte - Gegenstände, die sie freilich ihrem
Vater veruntreut: aber doch nur so, dass sie vorgab, dieselben in seinem
Trödlerkram verkauft zu haben und das Geld dafür behalten zu dürfen bat, um es
zu irgend einem Bedürfnis, Kleidungsstück oder dergleichen für sich verwenden zu
dürfen; denn eine solche Bitte schlug ihr der Vater niemals ab, der sie gern
geputzt sah, um den Reichtum des Vaters zu bezeigen - natürlich nicht auf der
Strasse, wo dergleichen den Juden verboten war und Ezechiel sich auch immer den
Christen und besonders der christlichen Obrigkeit gegenüber arm zu stellen
suchte, damit er nicht noch mehr von ihr gebrandschatzt würde, sondern bei den
jüdischen Festen, die sie nur in ihren Häusern und in der Synagoge, allein unter
ihren Glaubensgenossen feierten.
    Wohl aber erzählte sie, dass sie die Baubrüder Ulrich und Hieronymus nach dem
Ringe habe fragen wollen, dass sie aber von deren Mutter Marta mit Schimpf
empfangen und zur Treppe hinabgeworfen worden sei - zugleich auch die Nachricht
erhalten habe, dass die beiden Baubrüder in's Kloster zum heiligen Kreuz gegangen
seien.
    »Gewiss hat die Alte den Ring und verhehlt ihn nur, um selbst damit zu machen
ein gutes Geschäft; diese Christen denken ja noch obendrein, dass es
verdienstlich ist, den Juden abzujagen so sauer erworbenes Gut. Du hättest
laufen sollen zu allen Goldschmieden Nürnbergs und beschreiben den Ring, damit
keiner ihn etwa kaufe, sondern der Frau abnehmen, wozu sie auf unrechte Weise
gekommen.«
    »Ich wusste ja nicht, ob Jemand wissen durfte, dass der Ring uns anvertraut
worden sei,« sagte Rachel.
    »Ach, wenn es sich handelt um einen so grossen Verlust, darf man sich von
keinem Bedenken abhalten lassen, wiederzukommen zu seinem Kleinod oder dem
Geld,« belehrte der Vater.
    »Die Baubrüder sind ehrlich,« sagte Rachel, »und wenigstens Ulrich von
Strassburg kennt kein Ansehen der Person; wenn der den Ring hat gefunden, so
gibt er ihn uns ganz gewiss wieder heraus.«
    »Hast ein gutes Zutrauen zu diesen christlichen Bauleuten!« höhnte der Alte;
»das sind die Rechten.«
    »Sie haben uns ja geholfen -«
    »Nur um mit den andern Gesellen Streit anzufangen und mich in's Loch zu
bringen - schöne Hülfe!«
    »Nein, daran sind sie unschuldig; ich danke meine Rettung ganz allein diesem
Ulrich; er hat mich nicht nur auf der Strasse, er hat mich auch im Hause vor der
rohen Frau beschützt. Wenn er weiss, wo der Ring hingekommen, so hilft er uns zu
unserem Eigentum - darauf schwör' ich!«
    »Du redest, wie Du es verstehst! Wenn ihn hat der Ulrich, so ist das gerade
das allergrösste Unglück. Der gibt ihn der Scheurlin - und dann sind wir Alle
geprellt.«
    Rachel starrte den Vater fragend an.
    »Hast Du nicht gesehen, dass in dem Ring ein E B steht? Er hat einst
Elisabet Behaim gehört. Daran wird der Ulrich gleich denken, mit dem sie sich
eingelassen, und wird ihr ihn geben« - - Aber Ezechiel besann sich, dass er eben
Jacobea versprochen, seine Tochter von ihrem Plan nichts ahnen zu lassen, und so
schwieg er. Er hatte sich niedergesetzt, die Ellenbogen auf den Schoss gestemmt
und den Oberkörper vorgebeugt hatte er sein runzliches Gesicht in die Hände
gedrückt, dass nur der lange Bart darunter hervorwallte, und so sass er da und
sann nach, wie er diese Sachen noch leiten könne. Nach langem Schweigen sich
wieder aufrichtend sagte er:
    »Vor allen Dingen musst Du doch zu den Goldschmieden gehen und fragen, ob
ihnen Jemand hat zu verkaufen gebracht den Ring oder wirklich verkauft.«
    Rachel schickte sich an zu gehorchen, ohne weiter ein Wort zu erwiedern.
Aber auch sie hatte dabei ihre stillen Gedanken. Was redete da der Vater von
Ulrich und der Scheurl? Was wusste er weiter, was konnte er wissen, als dass
damals der Baubruder sein Leben gewagt, und war das doch auf ihre, Rachel's
Veranlassung geschehen, hatte doch damals erst Ulrich noch erklärt, dass ihm die
Scheurl nichts anginge, und dass lieber Rachel selbst sie warnen möge - nur auf
ihre Bitten hatte er Jener sich angenommen. Dann, wusste sie, waren Beide,
Elisabet wie Ulrich, gleichzeitig über ein halbes Jahr in Todesgefahr gewesen
und hatten so in keiner Weise einander sich nähern können. War es nachher
geschehen - oder dachte es nur ihr Vater, hatte nur Streitberg diesen Verdacht?
Rachel war wohl selbst noch unschuldig und rein geblieben; aber in der gemeinen
Sphäre, in der sie lebte, in der sie nicht nur selbst die gemeinsten und
unsittlichsten Dinge geschehen sah, sondern es oft mit anhören musste, wie gerade
die christlichen Vornehmen der Stadt niedere Buhlschaft trieben und zur
Ausführung dahin führender Bubenstücke sich ihres Vaters oder der alten Jacobea
bedient: da hatte sie gerade keinen grossen Respect vor der Unschuld und Tugend
der honetten Nürnberger. Elisabet's hohe Schönheit und die Art von Stolz und
Freiheit, mit der sie sich über manche hergebrachte Form hinwegsetzte, hatten
schon zu manchem nachteiligen Gerücht über sie Veranlassung gegeben - und seit
jetzt König Max, der sie bei seinem ersten Hiersein so öffentlich ausgezeichnet,
gar in ihrem eigenen Hause eingekehrt war, nannte sie der gemeine Volkshaufe
seine heimliche Buhlerin, und fand eine neue Bestätigung dafür darin, dass ihrem
Gatten der König den Adel verliehen. Freilich war es nun ein weiter Abstand von
dem höchsten Haupte in Deutschland, das die römische Königskrone trug und dazu
bald auch die deutsche Kaiserkrone fügen würde, bis zu dem armen
Steinmetzgesellen herab, der nichts sein nannte - nicht einmal einen Namen. Aber
für Rachel erschien dieser Abstand ausgeglichen - in ihren Augen gab es keinen
edleren, herrlicheren Mann als diesen Baubruder - sie fand es ganz in der
Ordnung, wenn das Weib, für das er sein Leben gewagt, ihn in ihr Herz
geschlossen hatte; aber eben so überzeugt war sie von Ulrich's hohem sittlichen
Wert, dass er weder sein Gelübde der Keuschheit verletzen, noch gar ein
ehebrecherisches Verhältnis eingehen werde. Was sie jetzt von ihrem Vater
gehört, hielt sie für Lüge, und nur das für möglich, dass zwischen Elisabet und
Ulrich ein Band der Dankbarkeit sich geknüpft haben könne - wie ja auch zwischen
ihm und ihr selbst, und dass es jetzt mehr als je ihre Pflicht sei, Alles daran
zu setzen, Ulrich vor den finstern Plänen zu behüten, die jedenfalls gegen ihn
im Werke waren, und wieder unter der eigenen Beteiligung ihres Vaters - wenn
nicht Ulrich dagegen schon Schutz im Kloster gefunden. Aber bei der Vorstellung,
er könne für immer dahinein gegangen sein, empfand Rachel doch einen heissen
Schmerz, der ihr bittere Tränen erpresste: denn dann sah sie ihn ja niemals
wieder und konnte die Schuld der Dankbarkeit nicht abzahlen, die sie gegen ihn
empfand.
    Dies Alles überlegend war sie in die Stadt und in die Goldschmiedsstrasse
gekommen, wo die meisten Gold- und Silberarbeiter wohnten. Die meisten von ihnen
machten mit den Juden heimliche Geschäfte, und so war bei ihnen die Jüdin weder
eine fremde, noch gar zu missliebige Erscheinung. Aber bei Allen erhielt sie auf
ihre Frage nach dem Ringe dieselbe Antwort. Es hatte keiner einen solchen zu
sehen bekommen, und so beschrieb sie ihn nur für den Fall, dass ihn etwa später
noch Jemand zum Verkauf böte.
    Dann ging sie auch in die Winklerstrasse zum Goldschmied Albrecht Dürer. Er
war nicht allein. Sein alter Freund, der Harfenschläger und Mechaniker Hans
Frei, war bei ihm, so wie der Junker Willibald Pirkheimer. Vater Dürer hatte
gestern einen Brief von seinem Sohn Albrecht erhalten, der nun seit länger als
einem Jahre in Calmar lebte, wo er den berühmten Maler Martin Schöngauer zwar
nicht mehr am Leben gefunden hatte, aber von dessen Brüdern Schön (Schöngauer
war nur der angenommene Künstlername des Malers) herzlich aufgenommen worden
war. Jetzt wollte er seinen Wanderstab weiter setzen und in deutschen Landen
lernen, um in ein paar Jahren wieder nach Nürnberg zurückzukehren. Ein Brief des
Lieblingssohnes war immer ein Ereignis in dem Leben des Vaters Dürer von grösster
Wichtigkeit und Freude, und um diese mit Andern zu teilen, von denen er wusste,
dass sie den Jüngling eben so herzlich liebten, hatte er Frei und Willibald zu
sich rufen lassen, damit sie auch mit von Albrecht hörten. Willibald war der
geeignetste Vorleser für die Worte der ihm wohlbekannten Freundeshand.
    Die Drei sahen nicht eben freundlich auf, als durch den Eintritt des
Judenmädchens eine Störung in ihre Vorlesung kam. Kurz beantwortete Meister
Dürer ihre Frage nach dem Ringe mit Nein.
    Dennoch zögerte Rachel zu gehen; sie hatte vorhin Willibald von dem alten
Frei Junker Pirkheimer nennen hören, und besann sich, dass sie ihn früher in
Ulrich's Gesellschaft gesehen - wer weiss, wusste nicht dieser, was ihn in's
Kloster getrieben, denn sie selbst wusste nicht, dass Willibald inzwischen von
Nürnberg entfernt gewesen. Sie fasste sich darum ein Herz und sagte sich an ihn
wendend:
    »Verzeiht, Junker Pirkheimer, aber mich dünkt, dass Ihr mit dem Baubruder
Ulrich von Strassburg bekannt seid; er hat uns in grosser Gefahr beigestanden, und
mein Vater möchte ihm gern einen Teil seiner Dankesschuld bezahlen; er ist
jetzt nicht in Nürnberg, und wir wüssten gern, ob und wann er wieder hierher
zurückkehrt.«
    Willibald mass das Mädchen mit verwunderten Blicken - einmal, dass die Jüdin
es überhaupt wagte, ihn anzureden, und dann, dass sie nach einem Baubruder
fragte. Er antwortete kurz: »Wann er wieder zurückkommt, weiss ich nicht. Jetzt
ist er wohl noch auf Arbeit im Benediktinerkloster zum heiligen Kreuz, in das er
mit seinem Kameraden berufen ward.«
    Rachel wusste genug, dankte und ging. Mit dieser Nachricht kam sie heim. Ihr
Herz war leicht, denn Ulrich war nicht in's Kloster gegangen, um Mönch zu
werden! Ihrem Vater brachte sie die gewisse Kunde, wo er war und dass er später,
aber wohl noch nicht gleich zurückkehren werde.
    »Wir haben keine Zeit zu verlieren,« sagte er, »wir müssen in's Kloster -
die Baubrüder müssen uns Rede stehen, ob sie nicht gefunden den Ring; wenn sie
nicht gutwillig Rede stehen, muss es versucht werden mit List und Drohung.
    Rachel's Augen strahlten von der Hoffnung Ulrich wiederzusehen.
Zuversichtlich sagte sie: »Mit Drohung richtet Ihr bei dem nichts aus - lasst
mich ihn bitten, und er wird uns den Ring geben, wenn er ihn gefunden, oder wenn
ihn Jemand sonst im Hause hat, versuchen, uns dazu zu verhelfen.«
 
                                 Elftes Capitel
                                 Vater und Sohn
Wieder waren mehrere Tage nach jener nächtlichen Unterredung zwischen Ulrich und
Konrad vergangen, und die Wiederherstellung des Tabernakels beinahe vollendet,
als der Novize zu dem Baubruder sagte:
    »Diese Nacht wird es möglich sein. Warte um Mitternacht vor Deiner Tür -
ich hole Dich ab sobald ich kann.«
    Schon lange vor dieser Zeit, sobald Ulrich merkte, dass Hieronymus fest
schlief, der einen gesunden festen Schlaf hatte und nicht eher aufwachte, bis
zur gewohnten Stunde zum Aufstehen, wenn er nicht mit Gewalt geweckt ward, stand
er vor seiner Zellentür. Heute schien der Mond nicht mehr, es war ganz still
und finster im Kloster.
    Todtenstille - Finsternis und Kälte - es war eine schaurige Nacht!
    In Ulrich nur pochte es laut und heiss von den Schlägen seines Herzens, wenn
auch kalte Schauer ihn überrieselten - und die Finsternis, die über seinem Leben
lag, drohte ein schreckliches Licht zu erhellen, das vielleicht zur Brandfackel
werden konnte, all' seine Zukunftspläne und Hoffnungen zu verzehren! War es kein
Frevel, dass er selbst die Hand danach ausstreckte und nach den Funken dieses
schrecklichen Lichtes begehrte?
    Er fühlte, er konnte und durfte nicht anders handeln.
    Endlich kamen ganz leise Tritte; er rührte sich nicht, bis eine leise Stimme
rief: »Ulrich, komm! Wo ist Deine Hand?«
    »Konrad, hier!« antwortete Ulrich eben so leise und reichte ihm die Hand.
    »Ich muss Dich führen,« flüsterte jener; »wir haben einen weiten Weg, aber
sprich nicht und halte Dich nur an mich. Tappe nicht an den Wänden, Du könntest
Türen streifen, hinter denen man nicht fest schliefe; es wäre schlimm für uns
Beide, wenn man uns entdeckte.«
    »Du wagst so viel um meinetwillen!« seufzte Ulrich.
    »Wir sind Baubrüder!« antwortete Konrad; »ich halte fest an dem Gelübde von
einst! - Aber nun still, keinen Laut mehr!«
    So wandelten sie schweigend weiter durch die finstern Gewölbe. Bald schienen
es, dem Hall der Fusstritte nach, obwohl Beide mit blossen Füssen wandelten, weite
Hallen zu sein, bald waren es enge Gänge und Biegungen, wo sie an den Seiten die
Wände streiften. Konrad hatte recht: es war ein weiter, endlos scheinender Weg.
Dann stiegen sie eine Treppe hinab, und daran schloss sich wieder ein enger Gang,
noch schmaler als jeder frühere - eine kellerartige Luft voll Dumpfheit und
Moder herrschte hier.
    »Jetzt können wir Licht machen!« sagte Konrad, nachdem er eine Eisentür
aufgeschlossen und wieder hinter sich zugemacht hatte; »wenn nur der Zunder
fängt in der feuchten Luft.«
    »Sind wir am Ziel?« fragte Ulrich.
    »Wir haben nicht mehr weit - hier können wir auch sprechen, da hört uns
Niemand. Hast Du die Uhr im Kopfe? Länger als eine Stunde können wir uns nicht
verweilen,« sagte Konrad, indem er den Stahl an den Feuerstein schlug.
    »Wie hast Du es heute möglich gemacht mich hierher zu führen?« sagte Ulrich;
»oder warum nicht schon früher - kein Mensch ist uns begegnet.«
    »Sieh,« sagte Konrad, »das hab' ich ausgekundschaftet: dort hinter jener
Türe führt ein unterirdischer Gang bis in eine Kapelle, die am Waldessaume
steht; der Weg ist gegraben worden, um für den Fall einer Belagerung oder eines
Ueberfalles hier einen Ausgangspunkt zu haben; aber freilich wird er oft auch
benutzt, wenn Einer der Obern sich einmal ohne Erlaubnis auf ein paar Stunden
aus dem Kloster entfernen will. Da ich heraus bekam, dass dies Einer heute
beabsichtigte, und weiss, dass die Tür nur von innen geöffnet werden kann und
dann offen bleiben muss, so wusste ich, dass der Weg uns frei sein würde; aber wir
dürfen nicht lange säumen - Jener ist schon ein paar Stunden fort und man weiss
nicht, wann er zurückkommt - ich konnte nicht eher unbemerkt aus meiner Zelle.«
    »Aber wo hast Du den Schlüssel her zu Amadeus Gefängnis?« fragte Ulrich.
    »Schlüssel?« sagte Konrad verwundert; »den gibt es nicht - er ist
eingemauert.«
    »Eingemauert?« rief Ulrich; »wir können nicht zu ihm?«
    Konrad's Zunder hatte endlich gefangen, indes lange alle Funken aus dem
Stahl vergeblich hervorgesprungen waren. Jetzt zündete er damit ein kleines
Lämpchen an, das er in einer Art Blechlaterne unter seiner Kutte verborgen bei
sich getragen. Während er noch den Zunder anblies, konnte er nicht antworten;
der glimmende Docht warf einen blendenden Schein auf Ulrich's todtbleich
gewordenes Gesicht.
    »Ich meinte, ich hätte Dir das gesagt,« antwortete Konrad jetzt dem
Entsetzten. »Es ist hier eine Reihe solcher Katakomben. Wenn eine spätere Zeit
diese Löcher öffnet und Menschengebeine darin findet, wird sie meinen, es seien
hier Todtengrüfte gewesen - nun, es sind auch welche, aber für die lebendig
Begrabenen. - Weil Amadeus sein Verbrechen als Wahnsinniger büsst, so hat man ihn
nicht zum Tode verurteilt. Man hat ihn nur hier eingemauert, aber ein Loch in
der Mauer gelassen, durch das man ihm täglich Wasser und Brod hereinschiebt und
Gebete vorspricht.«
    »Das ist grässlich!« rief Ulrich; »da wäre ja der Tod eine mildere Strafe!«
    »Ich glaube, er wird bei ihm nicht lange auf sich warten lassen - indes so
lang' er noch lebt, wird er nach einer Labe schmachten; ich konnte es nicht
über's Herz bringen, hierher zu gehen, ohne sie ihm zu bieten - warte, lass mich
erst allein zu ihm - ich glaube, hier ist das Loch.«
    Er leuchtete an der Wand hin, wo man frischgemauerte Steine sah; ungefähr
eine Elle vom Erdboden entfernt war zwischen den Steinen ein Raum von etwa einer
halben Elle ein Quadrat gelassen. Konrad brachte die Lampe dahin und rief:
»Amadeus!«
    »Licht - wer kommt?« rief von innen eine heisere Stimme; »ist denn schon
wieder ein Tag vorbei?«
    »Nein,« antwortete Konrad; »sieh her - ich bin Konrad, den Mitleid zu Dir
treibt - hier ist einmal Wein statt Wasser!« Er schob eine tönerne Flasche
durch die Öffnung und sagte: »Da nimm und trink'!«
    »Dank!« rief es von innen und man hörte gierig schlucken. Dann rief Amadeus:
»Gott, was hast Du getan! wozu hab' ich mich verführen lassen! - Verhungern
will ich, damit dies grässliche Leben ende! und nun wird es noch länger währen -
das vergass ich über das tierische Bedürfnis. Aber habe Dank, dass Du kamst - mit
Dir kann ich reden - sind die Baubrüder noch im Kloster?«
    »Ja,« antwortete Konrad, »und Ulrich von Strassburg ist in Verzweiflung über
Dein Loos, weil er meint Deine Tat an das Licht gebracht zu haben.«
    »In Verzweiflung?« fragte Amadeus. »Sage ihm, dass ich ihm vergeben - aber
dass ich nicht wahnsinnig bin. Nicht wahr, Du bist auch ein Baubruder gewesen?«
    »Ja darum bin ich sein Bruder,« antwortete Konrad.
    »Nun, dann sage ihm allein - aber Niemanden Andern, dass ich den Frevel mit
Wohlbedacht beging; ich wünschte Ulrich einmal zu sehen und zu sprechen - und
damit er in's Kloster selbst beschieden würde, schien es mir zweckmässig, eine
Arbeit für den geschicktesten Baubruder nötig zu machen - darum zertrümmerte
ich das zierlichste Werk in der Kirche! aber das sage ich nur Dir für ihn - die
Andern mögen immerhin glauben, dass, was ich klug berechnet, eine Tat des
Wahnsinnes und blinder Wut gewesen! Bring' ihm meinen Gruss und meinen Segen.«
    »Geb't ihn ihm selbst - hier ist er!« antwortete Konrad, und indem er sich
von der Öffnung zurückzog, neigte sich Ulrich an diese Stelle.
    »Amadeus!« sagte er in tiefster Seele bewegt, »ich habe Euere Worte
vernommen - die eigene Unruhe und Angst trieben mich hierher - ich wäre längst
gekommen, wenn es möglich gewesen wäre!« Er neigte sein Haupt durch die
Öffnung, der Schein der Lampe fiel voll auf sein edles Antlitz.
    Amadeus presste dieses Haupt zwischen seine beiden Hände und starrte auf
Ulrich. »Habe Dank, dass Du kommst - ich wollte Dich nur einmal sehen und meine
Hand segnend auf Deinen Scheitel legen. Beim ersten Sehen, da Du meinen
Rosenkranz zerrissest, floh ich vor Dir, weil Du Ulriken glichest - mir war, als
habe ich ihr Gespenst gesehen. Seitdem konnt' ich keine Ruhe finden - alle
Schmerzen und Wünsche, die ich seit länger als einem Jahrzehent mit mir selbst
in diesen Mauern begraben wähnte, wachten in mir auf; damals war ich allerdings
wie wahnsinnig - ich wütete gegen mich selbst und das Kleid, das ich trug -
dann geisselte ich mich selbst und liess mich geisseln, bis ich ein hitziges Fieber
bekam und still ward - und dann hiess es, ich habe Busse getan und sei genesen
und wieder begnadigt!«
    »Ihr kanntet meine Mutter?« unterbrach ihn Ulrich.
    »Ob ich sie kannte?« rief Amadeus; »so Zug für Zug lebt ihr Bild in meinem
Herzen, dass ich an ihm Dich erkannte! Wenn sie noch lebt, so sage ihr -«
    »O Gott!« rief Ulrich, »ich weiss nichts von ihr, von dem Augenblick an, wo
unser Heimatdorf im Elsass verwüstet ward, indes ich im Kloster eine Zuflucht
gefunden - sag't mir, was Ihr von ihr wisst!«
    »Es ist doch besser, ich nehme das Geheimnis mit in das Grab,« sagte Amadeus
nach einigem Besinnen; »oder vielmehr ich behalte es darin - ich bin schon im
Grabe! - Ulrich, wenn es sich Dir jemals entschleiert, so mache Dir dennoch
keinen Vorwurf, dass Du mich in dies Grab gebracht; es ist eine Sühne für meine
Schuld und Rache für Deine Mutter; Du warst berufen dies Amt zu vollstrecken -
ich will meine Hand segnend auf Dein Haupt legen. Du hast es nun schon gehört,
dass es nicht gemeine Bestialität meiner Natur war, die mich den Frevel an dem
Heiligtum begehen hiess, für den Du so entsetzlich strafende Worte hattest, dass
ich erst in diesem Augenblick, da Du sie sprachst, fühlte, ich habe wirklich
eine Schandtat begangen. Es war ein Frevel und eine Verirrung - aber in dem
Augenblick einer ungezügelten Sehnsucht überlegt man weiter nichts, als dass man
das Mittel wählt, was sie am sichersten zu befriedigen verspricht. Ich erreichte
meinen Zweck, ich durfte gen Nürnberg zum Propst Anton Kress gehen und Dich von
ihm zur Arbeit erbitten - es ahnte mir nicht, dass ich damit einen doppelten
erreichen würde: dass Du das langersehnte Ende meines Lebens herbeiführen
werdest!«
    Ulrich antwortete: »Amadeus! hier hört uns Niemand, Konrad's
Verschwiegenheit bin ich sicher; wahrscheinlich versteht er uns nicht einmal -
er steht dort fern, um zu wachen, dass uns Niemand entdeckt - ich weiss von dem,
was Ihr mir nun verschweigen wollt, zu viel, um die Ruhe finden zu können, die
Ihr vielleicht denkt mir durch Euer Schweigen zu bewahren, und wieder zu wenig,
um in irgend einer Gewissheit gegen das Quälende meiner Ahnungen einen Trost zu
finden - was wisst Ihr von meiner Mutter? warum nehm't Ihr Anteil an mir?«
    »Weil ich glaube, dass Du mein Sohn bist!« rief Amadeus; »nun weisst Du es!«
fügte er erschöpft hinzu.
    Ulrich zuckte zusammen und unterdrückte mühsam einen Schrei. Nun müsst Ihr
Alles sagen,« sagte er tonlos.
    »Vor achtundzwanzig Jahren,« sagte Amadeus, »war Amadeus von Wildenfels ein
stolzer feuriger Ritter, als er bei einem Reichstag in Kostnitz die liebreizende
Ulrike Kress kennen lernte, die dort als eine alleinstehende Verwandte in der
Familie lebte, in deren Haus er wohnte. Ein Vierteljahr hatten sie sich täglich
gesehen und mehr und mehr geliebt; obwohl der Ritter wusste, dass die Seinigen
einer Verbindung mit einer Bürgerlichen entgegen sein würden, so verlobte er
sich doch mit ihr und versprach, sobald er aus dem Kampf, in den er eben
mitziehen musste, heimkehren werde, sie zum Altar zu führen. Aber in der
Aufregung der Trennungsstunde nahmen sie das dann verheissene Glück voraus. - Ein
Jahr verging, ehe der Ritter zurückkehren konnte. Er fand Ulrike, die eine Waise
war, nicht mehr in Kostnitz; von der Familie, bei welcher sie gewohnt, erfuhr er
nur, dass sie vor einem halben Jahr dieselbe verlassen habe, und dass man ihr auch
nie wieder die Aufnahme in sie gestatten werde, weil sie sich derselben unwert
gemacht. - Ueberall forschte ich vergeblich nach ihr; von einem
gemeinschaftlichen Bekannten hörte ich einmal, dass man etwa vor einem halben
Jahre eine weibliche Leiche im Rhein gefunden habe, und dass man glaube, es sei
Ulrike gewesen, die sich, um der Schande zu entgehen, den Tod gegeben.
Verzweiflungsvoll irrt' ich noch immer umher nach ihr fragend und suchend, aber
nirgend erhielt ich eine andere Antwort. Ich entsann mich, dass sie einen Bruder
Anton gehabt hatte, der Geistlicher war - ihn fand ich endlich in Worms, aber es
ging ihm wie mir: er wusste auch nichts von seiner Schwester.«
    Ulrich hörte mit äusserster Spannung zu und sagte: »Meine Mutter war eine
geborene Waise -«
    »Höre weiter!« sagte Amadeus. »Jahre vergingen, und man sagt ja, dass die
Zeit jeden Schmerz heilt. Ich heiratete ein ebenbürtiges Edelfräulein, das mich
zärtlich liebte und das ich glücklich machte. Ich selbst war es wohl auch einige
Zeit - aber das Umhertreiben in Kampf und Gefahr in allen Landen war mir lieber,
als daheim auf meinem Schloss zu sitzen bei Weib und Kind. So kam ich auch
einst an der Spitze einer Schaar in das Elsass, und dort gab es bei einem Dorfe
ein Gefecht, welches dasselbe ganz verwüstete. Wer kampffähig war, musste
mitziehen, und die Frauen, die unsern Leuten gefielen, wurden auch nicht
geschont. Da hört' ich den Namen Ulrike - in der dürftigen Tracht einer Bäuerin
erkannt' ich die Geliebte meiner Jugend nach zehn Jahren der Trennung wieder und
sie erkannte mich. Die Zeit und Alles, was inzwischen geschehen, versank vor uns
- wir hatten Beide einander für todt beweint - wir lebten und hatten uns wieder!
So wunderbar zusammengeführt, gehörten wir einander an. Ich erfuhr von ihr, dass
ihr ein halbes Jahr nach der Trennung von mir die Kunde gekommen, dass ich im
Kampf geblieben sei, und dass sie verzweiflungsvoll von ihren gegen sie wütenden
Verwandten in die weite Welt geflohen sei - um den Tod zu finden. Wohl war ihr
oft die Versuchung gekommen, Hand an sich selbst zu legen, aber gerade um ihrer
Mutterschaft Willen hatte sie ihr widerstanden. So war sie immer rheinab
gepilgert, arbeitend oder bettelnd, je nachdem es gekommen. In einem Stall, auf
einem Meierhof im Elsass, wo man sie mitleidig aufgenommen, hatte sie einen
Knaben geboren. Dort durfte sie eine Zeitlang bleiben, und so viel es ihre
Kräfte erlaubten, mitarbeiten. Ein Bauernbursche, der auch hier arbeitete, fand
Wohlgefallen an ihr; in seiner Heimat hatte er eben ein kleines Grundstück
geerbt, und da er es ohne Frau nicht bewirtschaften konnte, so fragte er die
fleissige Ulrike, ob sie mit ihm ziehen wolle, sie wollten sich hier trauen
lassen und er ihr Kind als das seine anerkennen - in seinem Dorfe wisse man
viel, ob sie schon ein Jahr verheiratet wären oder nicht. Musste sie es nicht
als ein Glück betrachten, so sich vor Schande bewahrt und die Zukunft ihres
Knaben gesichert zu sehen? Freilich war es ein grosser Schritt abwärts aus dem
höheren Bürgerstande, dem sie angehört, zu der niedern Frau des rohen Bauers,
die sie nun ward. Aber sie fühlte sich ausgestossen aus der menschlichen
Gesellschaft - sie musste froh sein, wenn sie in dieser untersten Stufe ihr
wieder angehören konnte. Sie wollte auch todt und vergessen sein für Alle, die
sie sonst gekannt - so war sie dessen am gewissesten, und alles Leid, das ihr
nun das Leben noch zu bieten wagte, das betrachtete sie als Strafe und Busse für
ihren Fehltritt. Glücklich war sie keinen Augenblick gewesen, ausser durch ihr
Kind, das ihr einziges blieb. Ihr Mann hatte sie später viel misshandelt und
gepeinigt. So bekannte sie mir - so fanden wir uns in der alten Liebe. Es war
leicht, sie von ihrem Peiniger zu befreien; gegen hohen Sold ging er mit uns -
er willigte darein, sich von Ulriken zu scheiden und nie wieder in das Elsass
zurückzukehren.«
    Amadeus holte tief Atmen, Ulrich fasste seine Hand und sagte: »So seid Ihr
mein Vater!«
    »Wenn das die Geschichte Deiner Mutter ist,« sagte Amadeus, »nur das wusst'
ich nicht gewiss -«
    »O es trifft Alles,« sagte Ulrich, »bis auf jenen Namen.«
    »Sie hatte ihren Geschlechtsnamen verändert, auch ihr Mann hat nie ihren
wahren erfahren, und den meinigen nicht eher, als bei meiner Rückkehr, da ich
sie von ihm forderte - kaufte.«
    »Weiter - was ward weiter?« bat Ulrich.
    Jetzt kam Konrad, blies die Lampe aus und sagte: »Man kommt, wir müssen
fort.«
    Ulrich warf seinen Meissel durch die Öffnung und sagte: »Der Sohn muss den
Vater befreien! Hier - meissele von innen die Steine locker - in ein paar Nächten
komme ich zurück und befreie Dich.«
    »Fort, fort!« drängte Konrad.
    So schnell es in der Dunkelheit und bei den verwickelten Wegen ging, eilten
die Beiden zurück.
    »Nun weisst Du es, dass Dein Geschick das meinige ist!« sagte Ulrich leise zu
ihm.
    »O hättest Du es doch nie erfahren!« jammerte Konrad, »hätte ich Dich doch
nicht hierher geführt und Amadeus wäre damit gestorben.«
    »Nein, er darf hier nicht sterben und verderben!« rief Ulrich, »und wenn es
dadurch gleich die ganze Welt erführe und alle Schmach mich träfe: ich kann
nicht hierher gekommen sein, um der Mörder meines Vaters zu werden - ich muss
sein Retter sein!«
    »Still jetzt!« gebot Konrad.
    So erreichten sie wieder Ulrich's Tür. »Sinn' auf Mittel, wie wir ihn
retten - und habe Dank!« sagte er zu Konrad; »ich habe viel gehört - aber das
Ende noch nicht!«
    »Ich will sehen, was ich tun kann - armer Bruder!« sagte Konrad.
    So schieden sie.
    Der folgende Tag verging für Ulrich peinlich wie die Nächte. Konrad
flüsterte ihm zu, dass es ihm erst am dritten Tage möglich sein werde ihm
beizustehen.
    Ulrich war wie im Fieber. Wenn sein Vater indes stürbe? - und wenn auch
nicht, wie sollte der Plan der Rettung gelingen? Immer machte er einen neuen,
und verwarf ihn wieder, weil irgend ein unüberwindliches Hindernis oder ein
Mangel dabei war. Gern wagte er sein Leben selbst - was war es ihm jetzt?
vielleicht war es in Kurzem dem Schimpf und der Schande geweiht - seine Tat
selbst, ein Wort von Amadeus konnte verraten werden und ihn verraten! - Konrad
hatte Recht: wenn Amadeus hier starb, so war mit ihm sein Geheimnis vermauert -
draussen, ein flüchtiger, von Kerker und Alter geschwächter Mann, konnte es mit
ihm selbst leicht an den Tag kommen. Und war ihm denn dieser Mann, der seine
Mutter unglücklich gemacht und den er nie gekannt hatte? Und war es denn
wirklich seine, Ulrich's, Schuld, dass er hier für den Frevel litt, den er ja in
der Tat begangen? Hatten nicht Hieronymus und Konrad gleich ihm die
Untersuchung gefordert?
    Der Versucher rief diese Frage in Ulrich auf; aber sein Gewissen und der Ruf
der Natur sprachen gleichzeitig: Hebe Dich weg! Lieber unschuldig leiden für
eine fremde Schuld, als sich selbst vor äusserm Unglück schützen durch das
Aufsichladen einer eigenen Schuld.
    Eines Morgens meldete ihm der Pförtner, dass drüben im Oeconomiegebäude Leute
wären, die nach Ulrich von Strassburg fragten. Mitten in der Nacht wären sie ganz
erfroren angekommen und hätten um Obdach gebeten, das man ihnen auch nicht
verweigert - obwohl sie Juden wären, Vater und Sohn. Da sie gehört, dass er hier
sei, hätten sie nach ihm verlangt.
    Ulrich war zwar wenig erbaut von dieser Nachricht, die ihn in ein
zweideutiges Licht setzte; aber er ging, denn er gedachte des Ringes, den er
gefunden und an einer Schnur sich umgehangen - ja er erzählte gleich dem
Pförtner ohne Weiteres, dass sie wahrscheinlich wüssten, dass er einen Ring
gefunden, den die Juden vor seinem Haus verloren, und den er noch nicht
abgegeben, weil auch er seiner Sache nicht gewiss sei.
    Man hatte den Juden nicht in der allgemeinen Herbergsstube Quartier
verstattet, sondern nur auf einem Heuboden.
    Dort fand Ulrich den Vater Ezechiel und seinen - Sohn; aber in der
Männertracht erkannte er Rachel.
    Die Unterhaltung kam schnell zu Stande. Nach Rachel's erster Frage nach dem
Ringe liess er sich denselben von ihr beschreiben, und da die Beschreibung passte,
lieferte er ihn sogleich aus.
    Ezechiel war überglücklich und redete etwas von Finderlohn.
    Ulrich wies das stolz zurück und wollte sich entfernen - da fiel sein Blick
auf ein Bündel, das der Jude neben sich liegen hatte, dachte daran, wie derselbe
immer einen Trödlerkram mit sich zu führen pflegte - ein Gedanke schoss plötzlich
in ihm auf; aber ehe er ihn noch ausgesprochen, begann Ezechiel:
    »Wir sind Euch verpflichtet zu gar so viel Dank - Ihr solltet uns nicht
halten für zu schlecht, ihn Euch abzutragen. Hab't Ihr nicht erraten, wen das E
B bedeutet in dem Ring?«
    »Darüber habe ich nicht nachgedacht,« antwortete Ulrich.
    »Ei, was hiesse es denn anders, als Elisabet Behaim?« schmunzelte der Jude.
»Ich will ihr ihn wieder ausliefern und will sagen, dass Ihr ihn gefunden.«
    »Das ist nicht nötig,« sagte Ulrich, und im Augenblick mit ganz andern
Dingen beschäftigt, fuhr er fort: »Hab't Ihr da nicht einen Mantel und ein
Sammetbaret in Eurem Bündel? Wolltet Ihr es mir verkaufen, ohne Jemanden davon
zu sagen - so würde ich daran Euren Dank erkennen.«
    »O, Schweigen gehört zum Geschäft!« rief Ezechiel.
    Und Rachel fiel ihm in's Wort: »Von verkaufen ist nicht die Rede: wählt Euch
aus, was Ihr von den Sachen wünschet - es ist Alles zu Eurem Dienst; aber Geld
nehmen wir nimmer von Euch!«
    »Nein, gewiss nicht!« murmelte der Vater.
    Ulrich wählte ein Baret und einen langen schwarzen Mantel aus, und bat
Rachel, es ihm recht fest in ein weisses Leinentuch zusammen zu wickeln. Er liess
sie ungewiss, ob er sie in der Verkleidung erkannte oder nicht. Sie willfahrte
dienstfertig seinem Wunsch. Er gab ihr zum Danke die Hand - sie drückte sie
erglühend und demütig an ihre Lippen; dann ging er.
    Er eilte mit dem Päckchen in seine Zelle und verbarg es unter das Stroh
seines Lagers. Dann ging er an die Arbeit.
    Konrad flüsterte ihm zu: »Heute Nacht!«
    Er wusste genug; es war auch die höchste Zeit - denn morgen hatten die
Baubrüder ihr Werk vollendet und sollten wieder zurückkehren.
    Wie das erste Mal gingen Konrad und Ulrich stumm durch die Klosterhallen bis
zu den unterirdischen Gewölben. Ulrich trug ausser dem Kleiderpäckchen auch die
Maurerkelle und Kalk bei sich, den er sich gleichfalls heimlich verschafft.
    Konrad zündete am Ziele die Lampe an und rief: »Amadeus!«
    Niemand antwortete.
    »Amadeus!« rief Ulrich lauter.
    Alles blieb stumm.
    »O Gott, wenn wir zu spät kommen - wenn er todt ist!« wehklagte Ulrich. Mit
starker Hand griff er in die Öffnung und riss die nächsten Steine heraus. Es
ging leicht - Amadeus musste sie von innen mit dem Meissel gelockert haben.
    Bald war das Loch so gross, dass ein Mensch hindurch konnte. Ulrich griff mit
der Hand hinein - und fuhr zurück; etwas Nasskaltes hatte sie berührt - eine
Ratte war darüber gesprungen.
    War es der Schrei, den er dabei ausstiess, oder das Geräusch der fallende
Steine, oder die Berührung seiner Hand - jetzt begann Amadeus sich zu regen und
zu röcheln. Ulrich beugte sich zu ihm hinein und flösste ihm Wein ein. Nach einer
Weile kehrten die halbentschwundenen Lebensgeister zurück.
    »Amadeus!« rief Ulrich, »wir kommen Dich zu befreien. Flüchte aus diesem
Loch, aus dem Kloster - komm!«
    Konrad und Ulrich reichten ihm die Hände - sie zerrten ihn heraus.
    Der Sohn hielt den Vater in den Armen.
    »Ulrich!« rief dieser jetzt, »ich soll wieder leben?«
    »Ja, Dein Ulrich ist nicht Dein Mörder, sondern Dein Befreier - aber eile!
wir haben keine Zeit zu verlieren. Konrad geleitet Dich und beredet das Uebrige
mit Dir - ich mauere indes Dein Gefängnis wieder zu.«
    Konrad zog den halbbewusstlosen Amadeus zur Eile treibend mit sich fort.
Indes mauerte Ulrich die aufgerissenen Steine wieder ein und harrte bei der
Arbeit Konrad's Rückkehr.
 
                                Zwölftes Capitel
                                    Rückkehr
Es war wieder still geworden in Nürnberg. Der Reichstag hatte diesmal nicht viel
über einen Monat gedauert. Da man das voraus sah, da nicht alle Stände berufen
und auch die berufenen nur höchst unvollzählig erschienen waren, so war diesmal
überhaupt das Zuströmen der Fremden geringer gewesen als sonst, und darum war so
schnell wie der Schnee auch die Fremdenmenge geschmolzen und dann verschwunden,
die sich eine Zeitlang durch Nürnbergs Strassen bewegt hatte.
    Gerade an dem Tage, an welchem Kaiser Friedrich und König Max aus Nürnberg
zogen, kehrten die Baubrüder zurück aus dem Kloster und begegneten noch dem Zug.
    »Beinah' ist es,« sagte Hieronymus, »als wären wir, gerade so lange der
Reichstag währte, aus Nürnberg verbannt gewesen - vielleicht hätte sonst unser
königlicher Baubruder von Dir noch einmal die Wahrheit zu hören bekommen!«
    Ulrich schüttelte traurig den Kopf. So lange der alte Kaiser Friedrich noch
lebt und des Reiches Haupt ist, der an nichts denkt als an die Vergrösserung der
Hausmacht der Habsburger durch eine kleinliche und eigensüchtige Politik, die
immer nur rechnet und speculirt, aber niemals offen handelt und entscheidet mit
selbstbewusster Tat, noch weniger aber daran denkt, dass er das deutsche Reich zu
einer Macht erheben sollte, sondern nur zusieht, wie Deutschland seiner
Familienmacht zu Ansehen verhelfen könne: so lange sind auch Maximilian's Hände
gebunden. Seit fünf Jahren ist er nun römischer König und sieht sich die
deutsche Kaiserwürde gesichert; er hat nicht nötig sich erst auszuzeichnen, um
ihr Bewerber zu werden. Hätte er sie aber damals gleich mit empfangen, wo er zum
römischen König gekrönt ward, und wäre damals gleich das Reich den alten
energielosen Kaiser los geworden; so hätte Max wohl mit frischer ritterlicher
Jugendkraft den Scepter ergriffen und eine neue Aera für Deutschland
heraufgeführt. Aber er konnte nicht, wie er wollte - daran schon hat sich die
feurige Jugendkraft gebrochen und in auswärtigen Händeln abgenutzt. Fast ist er
fremd geworden im Reich, und es liegt ihm weniger am Herzen als das flandrische
Erbe seiner Kinder. Nun hat er schon in die Politik des Vaters sich finden und
fügen lernen, und Habsburgs Hausmacht ist auch seine Loosung. Ich fürchte, nun
wird es zu spät, dass er die Hoffnungen rechtfertige, die man auf ihn setzen
durfte.«
    Hieronymus stimmte bei, aber fügte doch hinzu: »So lang' er wenigstens die
Kunst beschützt und ein rechtes Mitglied der freien Maurer bleibt, dürfen wir
noch nicht an ihm verzweifeln. Vielleicht,« lächelte er etwas hämisch, »hat auch
die Scheurlin ihn wieder mehr für deutsche Art begeistert.«
    »Du scheinst jetzt immer mehr die Ansicht Deiner Mutter über die edle Frau
zu teilen,« sagte Ulrich, »obwohl Du einst der Erste warst, der sie mir als die
schönste und gelehrteste Nürnbergerin zeigte. Doch, da wir einmal auf Deine
Mutter kommen - grüsse sie von mir und sage ihr, wie ich ihr danke für alle Güte
und Liebe, die sie mir erzeigt, so lange ich bei ihr wohnte, aber -«
    »Du denkst doch nicht mehr daran, von mir zu ziehen?« sagte Hieronymus
bestürzt, da inzwischen dieser Punkt gar nicht berührt worden war. »Die
Judengeschichte hat sich indes ja auch erledigt.«
    Ulrich hatte nämlich im Kloster die Begegnung mit Ezechiel ihm erzählt, der
gekommen sei, den Ring wieder zu fordern, den er auf diese Weise los geworden,
ohne darum Rachel oder Elisabet mit in diese Erzählung zu verflechten, wie er
auch Hieronymus nichts von Amadeus und seinen Beziehungen zu ihm vertraut.
Hieronymus hatte nur etwas eifersüchtig gesehen, dass Ulrich und Konrad in einem
vertraulichen Verkehr zusammen gekommen waren, aber er hatte keine Ahnung von
der Grundlage desselben und auch weiter kein Interesse danach zu forschen. Seit
aber Ulrich bei ihm auf hartnäckig bewahrte Vorurteile gestossen war, wollte er
ihn um keinen Preis zum Vertrauten des Geheimnisses seiner Geburt machen, noch
überhaupt dieses dadurch, dass er es noch einem Menschen mehr wissen liess, um so
eher dem Verrat eines Zufalls, wenn nicht einer Absicht aussetzen. Aber beides
war auch um so eher möglich, wenn er mit Hieronymus und seiner Mutter wohnen
blieb - einmal sträubte sich sein Stolz dagegen, dann die Furcht vor Entdeckung
und vor allem der Vorsatz, in die Gefahren und die Beschimpfungen, die ihm
drohen konnten, auf keinen Fall seinen vertrautesten Freund mit zu verwickeln.
Er blieb daher jetzt fest bei seiner Erklärung, sich eine Wohnung für sich
allein zu suchen, wie sehr auch Hieronymus in ihn drang bei ihm zu bleiben. Er
musste sich endlich darein ergeben und mit Ulrich's Versicherung begnügen: dass
diese äussere Trennung ja keine innere sei, dass sie auch ausser der Bauhütte sich
täglich sehen und ihre Sonntage und Freistunden nach wie vor zusammen zubringen
würden. -
    In jener Nacht, wo Ulrich Amadeus aus seiner Gruft befreit und dann dieselbe
wieder zugemauert hatte, war er dabei bis zu Konrad's Rückkehr aus dem
unterirdischen Gange beschäftigt gewesen. Dieser meldete ihm dann, dass er
Amadeus glücklich bis in die Kapelle gebracht, hinter deren Altar die Falltür
sich öffnete. Dort aber hatte er nicht bleiben dürfen, weil so schon die
äusserste Gefahr war, dass ein rückkehrender Mönch da ihn fände. Er hatte ihn
heissen in den Wald fliehen und dann weiter in der Flucht sein Heil versuchen, so
erschöpft und elend er auch war. Die andern Sachen schützten ihn wenigstens von
Weitem vor Entdeckung; Lebensmittel auf ein paar Tage hatte er mit bekommen -
weiter etwas für ihn zu tun, lag für seine Retter ausserhalb der Grenzen der
Möglichkeit.
    Im Kloster verlautete nichts über ihn. Ein paar Tage später sagte Konrad,
man spreche davon, dass Amadeus in seinem Kerker verschieden, und habe das Loch,
darin er sich befunden, einfach zugemauert.
    Die Baubrüder hatten nach Vollendung ihres Werkes ihren ausbedungenen Lohn
bekommen, und Ulrich erhielt von dem Abt einen Brief zur Uebergabe an den Propst
Kress.
    Er hätte auch fragen mögen, wie bei jenem Brief, welchen der Propst ihm mit
in das Kloster gab: »Ist's ein Uriasbrief?« - aber er widerstand der Versuchung,
das Wachssiegel, das sich ohne sichtbare Beschädigung hätte lösen und wieder
befestigen lassen, zu heben und einen Blick in die Schrift zu tun. Wie
verhängnisvoll sie auch sein mochte - er beeilte sich, sie abzugeben gleich am
Tage seiner Ankunft.
    Der Propst ward bleich vor Schrecken, da er das gelesen, und warf
verzweiflungsvolle Blicke tiefsten Mitleids auf Ulrich.
    Der Abt meldete ihm, dass es ihm leid tue, den einst von dem Propst in's
Kloster als frühern Freund aufgefundenen Amadeus, der sein Schützling geblieben
sei, nicht vor einer verdienten Strafe schützen zu können. Er sei verdächtigt
worden, das Tabernakel zertrümmert zu haben - der Abt habe die Sache
unterdrücken wollen, da jedoch die fremden Baubrüder, besonders Ulrich von
Strassburg, auf strenge Untersuchung gedrungen, sei die Sache durch Amadeus
eigenes Geständnis offenkundig geworden, und er habe ihn verurteilen müssen,
als wahnsinnig eingemauert zu werden; seit ein paar Tagen sei er todt.
    Der Propst gab Ulrich den Brief zum Lesen und sagte: »Gestehe mir Alles.«
    Ulrich kniete nieder und neigte demütig sein Haupt. »Ihr werdet mich eines
Verbrechens zeihen,« sagte er, »und mich beschuldigen, dass der Sohn den Vater
in's Verderben gebracht; ich beging noch ein zweites Verbrechen: der Baubruder
entzog der geistlichen Gerechtigkeit ein Opfer und dem Kloster einen Mönch - ich
habe Amadeus zur Flucht geholfen!«
    »Weh' Dir und ihm!« rief der Propst und verhüllte sein Gesicht.
    »Ich bin bereit selbst das Opfer zu sein!« sagte Ulrich; »überliefert mich
als einen Verbrecher dem geistlichen Gericht - lasst mich auch so still einmauern
und von der Welt verschwinden; es erspart mir dann ein Leben der Schande, das
vielleicht auf mich wartet.«
    Der Propst rang die Hände, hatte Tränen in den Augen und seufzte: »Ach,
warum musste ich so schwach sein, seiner Bitte nachzugeben und Dich hinsenden!
Warum seinen Worten trauen - er versprach zu schweigen gegen Dich und gegen
Alle.
    »Klaget ihn nicht an!« sagte Ulrich; »ich will Euch Alles beichten, wie es
kam, was ich gehört und was ich getan.« Und er beichtete getreulich Alles, nur
Konrad verriet er nicht, sondern sagte nur, dass ihm ein geistlicher Bruder
beigestanden, den er nicht nennen werde und dem seine eigene Sicherheit gebiete
für immer zu schweigen. »Und nun,« schloss er, »richte ich an Euch die Frage:
»ist meine Mutter Euere Schwester und lebt sie noch?
    Der Propst schloss den jungen Mann in seine Arme. »Ich bin Dein Ohm,« sagte
er, »und liebe Dich vielleicht mehr als Dein Vater! aber ich wollte nie, dass Du
ein Geheimnis erfuhrest, dessen Entdeckung für Dich gefährlich werden kann. Aber
ich hoffe, dass es dennoch bewahrt werde - Du wirst Dich nicht selbst verraten
und unglücklich machen.«
    »Lebt meine Mutter noch?« wiederholte Ulrich.
    »Sie lebt,« antwortete der Propst nach einigem Bedenken, »und ganz in Deiner
Nähe, aber für immer von Dir getrennt - sie ist hier und Nonne im Kloster der
heiligen Clara!«
    »O darum zog es mich so hierher nach Nürnberg!« rief Ulrich.
    »Sie weiss nicht, dass Du hier bist; sie weiss nur, dass Du ein tüchtiger und
braver Baubruder geworden, und freut sich, dass Du der Kunst und Gott getreulich
dienest, und dass so mehr aus Dir geworden, als wenn sie bei Dir und mit Dir in
dem Dorfe geblieben wäre, das für Deine Heimat galt,« antwortete der Propst.
    »Und wie kam sie hierher?« forschte Ulrich weiter, »und hat mir Amadeus in
Allem die Wahrheit erzählt?«
    »Die volle Wahrheit!« bestätigte der Propst, »und damit Du nicht am
unrechten Orte forschest, so will ich seine Geschichte vollenden. - Als er mit
Deiner Mutter floh, hatte er nicht den Mut ihr zu gestehen, dass er daheim ein
liebendes Weib und Kinder besitze. Ulrike folgte ihm vertrauend nach Frankfurt,
wohin er damals im Kriegsdienst musste, und nur das schmerzte sie und ihn, dass
sie Dich nicht bei sich hatten; allein es tröstete sie, dass sie Dich im Kloster
sicher und in guten Händen wussten, bis sie Dich würden können zu sich kommen
lassen. Amadeus versprach ihr, sich mit ihr trauen zu lassen, sobald die
kirchliche Scheidung von ihrem Mann erfolgt sei - indes hoffte er auch die seine
zu bewerkstelligen. So vergingen Monate. Ein Kriegsbefehl rief ihn nach
Würzburg, er nahm sie auch dahin mit; aber während er sie dort, um im Felde zu
dienen, allein zurücklassen musste, erschien plötzlich seine Gemahlin bei ihr.
Ein Gefährte ihres Gatten hatte ihr hinterbracht, dass dieser um eines gemeinen
Weibes Willen, das er auf der Landstrasse aufgelesen, die Scheidung von ihr
fordere, und die liebende Frau wollte jenes selbst sehen und durch
Geldanerbietungen von ihm trennen. Für Deine edle Mutter war es genug, den
Beweis zu erhalten, dass Amadeus durch andere heilige Pflichten gebunden sei, um
zu wissen, was sie zu tun hatte. Mit Stolz wies sie alle Anerbietungen zurück
und erklärte, dass sie Amadeus fliehen und für ihn todt sein wolle, ehe er um
ihretwillen die Seinen unglücklich mache. Sie hatte inzwischen gehört, dass ich
Geistlicher in Nürnberg sei - in der Verzweiflung erschien es ihr als Trost,
sich dem Bruder zu vertrauen, bei ihm eine Zuflucht und Schutz zu suchen. So kam
sie zu mir. Ich hatte sie als todt beweint, und mit der wiedererstandenen
Unglücklichen, die schon so viel gebüsst, rechtete ich nicht über ihre
Verirrungen - ich empfing sie als liebender Bruder. Aber bei mir konnte sie
nicht bleiben, ich brachte sie in's Kloster der heiligen Clara, eine
Zufluchtsstätte, die sie selbst ersehnte. Dort ist ihr Leben ein dem Himmel
geweihtes und ein stillglückliches gegen das, welches sie einst bei dem rohen
Gatten führte. Todt zu sein für die Welt und für Alle, erschien ihr als der
beste Trost. In dem Kloster, das Dich aufgenommen, nannte sie mir den Bruder
Anselm als den, welchem ich vertrauen könne. Mit ihm setzte ich mich in
Verbindung, er allein erfuhr ihr Geschick und berichtete uns über Dich, so lange
Du im Kloster warst. Du galtest dort als ehrlicher Sohn des dörflichen Paares,
und so hielt man Dich auch nicht ab, als Du in die Bauhütte von Strassburg
wolltest, und gab Dir für den Maurerhof mit anderen Zeugnissen auch das Deiner
ehrlichen Geburt. Amadeus, als er die Geliebte nicht mehr fand, wo er sie
zurückgelassen, suchte sie zum zweiten Male überall vergebens - endlich leitete
ihn ihre Spur zu mir. Ich verhehlte ihm die Wahrheit nicht und dass Ulrike eine
Braut des Himmels geworden. Ich rechtete nicht mit ihm, ich sprach nicht
strafende Worte, ich suchte ihn nur zur Rückkehr zu seiner Gattin zu bewegen,
und selbst wenn er das nur als Busse für seine Leidenschaft betrachten sollte.
Aber er wollte nichts davon wissen - nur das sagte ich ihm nicht, in welches
Kloster Ulrike gegangen. Er schied von mir wie ein Wahnsinniger. Im Walde hatte
er einen Versuch gemacht, sich das Leben zu nehmen. Benediktinermönche fanden
ihn dort - und das Uebrige weisst Du.«
    Ulrich weinte an der Brust des teilnehmenden Mannes, der das beste Herz und
weichste Gemüt besass, wenn auch manche Schwachheit sich daran knüpfte.
    »Halte Du Dich frei von der Leidenschaft,« sagte der Propst teilnehmend,
»hüte Dein Herz und Deine Sinne! Alle, die das nicht tun, die richten nur
Unglück an für sich selbst und für Andere.« Und weiter fuhr er fort: »Sage
Niemanden ein Geheimnis, das treu bewahrt bleiben soll - auch nicht Deinem
besten Freund - Du hast es dann nicht mehr in Deiner Gewalt - verrate Dich auch
Deinem Kameraden Hieronymus nicht.«
    Ulrich schüttelte das Haupt und sammelte sich endlich so weit, um zu
erzählen, dass er eben darum auch nicht dessen Wohnung mehr teilen möge.
    Der Propst billigte dies und hiess Ulrich diese Nacht mit in der Propstei
bleiben, da er noch keine andere Wohnung hatte. So sprachen sie noch lange mit
einander von der Vergangenheit und von der möglichen Zukunft. War Amadeus
glücklich entkommen? wer konnte es wissen? Er war so schwach und hinfällig
gewesen von dem martervollen Kerker - wohin konnte er geflohen sein? War er
umgekommen im Walde und fand man ihn lebend oder todt, so konnte eine
Untersuchung seiner Flucht vielleicht die verraten, die ihm dazu geholfen, und
dann hatten sie die härteste Strafe zu fürchten. Und war er glücklich weiter
entkommen: was würde er nun beginnen? Mussten sie nicht jeden Tag denken, die
Sehnsucht nach dem Sohn und der Wunsch von Ulrike zu hören, werde ihn eines
Tages wieder zurückführen nach Nürnberg zu dem Propst oder Ulrich, und er sich
selbst und diesen der schrecklichsten Gefahr aussetzen und vielleicht auch
Andern in seiner zuweilen doch halbwahnsinnigen Art Alles verraten?
    Aber was halfen diese bangen Fragen, auf die Keiner eine Antwort geben
konnte! -
    An demselben Tage hatte der Jude Ezechiel bei der Frau von Scheurl, wie sie
jetzt hiess, noch einmal Eintritt verlangt, der ihm schon mehrmals verweigert
worden. Die Dienerschaft hatte auch jetzt wieder gedroht, ihn hinauszuwerfen. Da
entschloss er sich zum Äussersten. Er gab den Ring einem Diener und liess sagen:
er liesse nur fragen, ob die Herrin den Ring behalten wolle, oder ob er ihn dem
Eigentümer wieder zurückgeben solle.
    Das wirkte. Sogleich ward er vorgelassen.
    Elisabet war ohnehin in schmerzlicher Aufregung. Mit kurzem Abschied war
König Max geschieden, und nur Kunz von der Rosen hatte ihr zugeflüstert, dass,
wenn es sich einmal treffen solle, dass ein Kaiser oder König einer stolzen
Nürnberger Patrizierin doch einen Dienst erweisen könnte, so möge sie sich
gleich lieber an den Narren wenden, der habe ein besseres Gedächtnis und wisse
närrisch genug, oft sicherer das Ziel zu erreichen.
    Konrad Celtes war mit dem König gegangen, um wieder ein unstetes Reiseleben
zu führen und im Wirken für die humanistischen Studien und dem Streben im
deutschen Volke den Sinn für das Vaterland und seine Geschichte zu beleben, sein
unruhiges Herz zum Schweigen zu bringen. Er hatte Elisabet's Gebot geehrt und
war ihr nicht wieder allein genaht. Aber was half es ihr, dass sie so als
tugendhaftes Weib weder dem König noch dem Poeten eine Freiheit verstattet, die
sich nicht mit den Pflichten gegen ihren Gemahl vertragen hätte: Ursula selbst,
die einzig durch sie Hochbeglückte, fühlte sich verpflichtet ihr zu
hinterbringen, wie viel Angriffe auf Elisabet's guten Ruf sie zurückweisen
müsse, wie man sie beschuldige, den Poeten, ihren frühern Geliebten wieder
rücksichtslos bei sich empfangen zu haben und dem königlichen Gast in jeder
Beziehung eine gefällige Wirtin gewesen zu sein. Sie ahnte, dass Streitberg und
die Hallerin dies Gift gegen sie verstreut - und sie hatte keine Waffe dagegen,
als ihr reines Gewissen und das Zeugnis ihres Gemahls. Das fiel freilich bei den
Nürnbergern leicht genug in die Wagschaale; der hoffärtige Ratsherr war geadelt
worden - und damit hiess es, sei er schadlos gehalten, wenn ihm auch ein Schimpf
durch sein Weib geschehen.
    Elisabet konnte diesen Gerüchten nur erneuten Stolz entgegensetzen, aber
sie hätte kein zartfühlendes Weib sein müssen, wäre sie nicht doch davon
verwundet worden.
    Und nun, wo sie hoffte, dass Streitberg, um dessentwillen sie fast nie ihr
Haus verlassen, sich wieder aus der Stadt entfernt, sah sie den Ring vor sich,
durch den sie sich ihm einst verlobt hatte.
    Sandte er ihr ihn, oder wie kam er in die Hände des Juden? Wie auch
Vorurteil und Stolz sich dagegen sträubten, sie musste selbst und allein mit
diesem sprechen.
    Ezechiel erzählte, dass Ritter Streitberg den Ring bei ihm versetzt, um ihn
später wieder einzulösen, dass aber der Steinmetz Ulrich von Strassburg, der den
Ring bei ihm gesehen, gesagt habe, er müsse der Frau von Scheurl gehören, der
gewiss sehr viel daran gelegen sei, ihn wieder zu erhalten, und dass er somit
eigentlich in dessen Auftrag zu ihr komme.
    Elisabet erschrak und errötete nacheinander. Was hatte dieser Ulrich, der
christliche Baubruder, mit dem verstossenen Juden zu tun? was ging es Ulrich an,
ob sie ein Interesse an dem Ringe habe oder nicht? Sie mochte sich in kein
Gespräch mit dem Juden einlassen - sie fragte ihn nur, wie viel er für den Ring
fordere?
    Ezechiel nannte eine hohe Summe, und Elisabet ging in ein Nebengemach, um
aus einer Schatulle das gewünschte Geld zu holen.
    Der Jude ward dreister, schilderte, welche Unannehmlichkeiten er haben
werde, wenn Streitberg sein Pfand nicht wieder erhalten könne, und wie er nur
Ulrich's Vorstellungen nachgegeben, und ob die edle Frau nicht dafür an diesen
einen Dank zu bestellen habe.
    Elisabet sah zürnend auf, dann wandte sie dem Juden den Rücken, hiess ihn
sich augenblicklich entfernen, und verschwand in das Nebengemach.
    Einen Augenblick stand Ezechiel bestürzt - dann sah er sich überall um, und
schnell seinen Vorteil wahrnehmend, nahm er ein gedrucktes Buch und riss aus
demselben die Titelseite, auf welcher Elisabet's Name stand, und sagte bei
sich: Das bring' ich ihm als von ihr - er wird schon in die Falle gehen, wenn er
nicht schon darin sein sollte, und vielleicht wählt er mich zu seinem
Liebesboten. Halb und halb hab' ich ihn ja schon in der Hand, denn die Sachen,
die er mir im Kloster abverlangte, hat er zu keinem rechtlichen Zweck gebraucht.
Das ist ein Geheimnis, dass ich mich stellen werde zu wissen und auszuplaudern
drohen, wenn ich ihn einmal wohin haben will, wo er nicht mag. So bekommt man
die Leute an's Fädchen.
 
                                  Dritter Band
                                  Erstes Capitel
                                 Ein Seefahrer
Von herrlichem Frühlingswetter begleitet war das Osterfest herangekommen. Die
Lerchen wirbelten im Sonnenschein triumphirende Auferstehungslieder, die
Zugvögel kehrten zurück und suchten die alten Nester, oder bauten sich neue. Sie
fanden an den Giebeln von Nürnberg, wie in den Bäumen seiner Gärten, manch' ein
trauliches Plätzchen, darin sie nisten konnten, wo sie sich zwitschernd als gern
gesehene Gäste niederliessen. Sie flatterten um die hohen Zinnen der Burg und
wiegten sich auf den Zweigen der Linde, welche die Kaiserin Kunigunde im
Schlosshof gepflanzt.
    Auf einem Spaziergange mit ihrem Gemahl hatte Elisabet diesem Spiele
zugesehen, und obwohl dabei heiter lächelnd, doch im Innern schmerzlich bewegt
sich gefragt: ob und wann je einmal die Zugvögel wiederkehren würden, die im
Winter nur kurze Zeit unter ihrem Dache geweilt: König Max und Kunz von der
Rosen, oder Konrad Celtes? Sie suchte jede heftige Regung in sich zu
unterdrücken; aber sie fühlte sich seitdem wieder so allein und unverstanden an
der Seite des ungeliebten und ungebildeten Gatten, der für alle höheren
Interessen des Lebens kein Verständnis hatte, und nur aus Eitelkeit den Schein
um sich zu verbreiten suchte, als ob Kunst und Wissenschaft in ihm einen
Verehrer hätten, während er innerlich ihnen doch ganz fremd blieb.
    Aber indem Elisabet so auch wieder heimgekehrt an die Zugvögel unter den
Menschen dachte und selbst Leid empfand, nicht zu ihnen zu gehören - kam
plötzlich einer von denselben zurück, den sie am wenigsten erwartet hatte.
    Ihr Bruder Georg trat bei ihr ein, und mit ihm ein älterer Mann in
portugiesischer Tracht von schwarzem Sammet, mit gelben Puffen von Atlas in den
Aermeln seines Wammses, einen runden Hut mit langer schwarzer Feder, auf seiner
Brust ein schimmerndes Ritterkreuz. Er mochte etwa sechzig Jahre zählen und war
von mittlerer Grösse, aber die Straffheit seiner Haltung war die eines Jünglings.
Sein braunes Haar, das die breitgewölbte vorspringende Stirn umspielte, war nur
mit wenigen Silberfäden untermischt, ebenso der Bart, der Oberlippe und Kinn
bedeckte. Die Stirn zeigte einige Runzeln, aber vorherrschend in der Mitte über
der Nase die tiefe Furche des rastlosen Denkens. Seine Gesichtsfarbe schien von
einer tropischen Sonne gefärbt zu sein und erhöhte den blitzenden Glanz seiner
Augen, die feingebildeten Hände zeigten sich wettergebräunt und hart.
    Georg begrüsste die Schwester und sagte: »Ich bringe Dir einen Gast,
Elisabet.«
    Sie verneigte sich mit edlem Anstand, aber einem fragenden Blick auf den
Bruder, von dem sie zu erwarten schien, dass er den Fremden ihr vorstelle, und
sagte: »Waret Ihr schon bei meinem Gemahl, oder hab't Ihr ihn nicht daheim
gefunden?«
    »Dieser Besuch gilt vor allem Dir und dann erst ihm,« sagte Georg.
    »So ist es!« sagte der Fremde, und liess seine Augen so durchdringend und
prüfend auf Elisabet's Antlitz und Gestalt ruhen, dass sie, unwillig diesen
Blicken ausweichend, fragend zu Georg sah, als fordere sie von ihm eine
Erklärung oder Schutz gegen einen Fremden.
    Dieser aber ergriff ihre Hand und rief: »Erkennt mich Elisabet wirklich
nicht?«
    Da stiess sie einen Schrei aus und mit dem Jubelrufe: »Martin, Du bist's!«
sank sie in seine Arme.
    Er drückte sie fest an seine Brust und sagte: »Ich hätte Dich gleich wieder
erkannt, wärest Du mir auch noch so unerwartet begegnet, und bist Du auch in den
zwölf Jahren meiner Abwesenheit aus einer zarten Jungfrau ein blühendes Weib
geworden; Deine Augen und Dein Mund sind geblieben, wie sie waren - und die
gibt es nicht weiter so auf der Welt.«
    »Aber wie konnte ich Dich auch hier erwarten?« rief Elisabet; »eher glaubt'
ich Dich am Capo di Tormentos oder weiter auf fernen Meeren schiffend, auf denen
Du an wundersamen Inseln landetest, die zuvor Dein Prophetengeist aufsteigen sah
aus dem dunklen Ocean!«
    Martin Behaim lächelte: »O mehr als eine wundersame Insel, das ganze
indische Königreich Congo haben wir entdeckt, als unter Diego Can unsere Schiffe
immer weiter segelten in's Unbekannte hinein. Und der Herrscher von Congo, wie
die meisten seiner Bewohner empfingen uns mit ungewöhnlicher Freundlichkeit; sie
traten in Verbindung mit dem mächtigen König von Portugal, in dessen Namen wir
landeten, ja sie liessen sich taufen, und wo vorher missgestaltete heidnische
Götzenbilder standen, ist das christliche Kreuz aufgerichtet worden. Das ist
eine neue Art von Kreuzzügen: neue Welten gilt es aufzusuchen und zu entdecken -
nicht mehr rückwärts nach Osten wie der blinde schwärmerische Glaube - vorwärts
nach Westen geht das Streben der hellsehenden Wissenschaft! - Und sprich nicht
mehr von Capo di Tormentos! Diesen Namen schrieb ich Dir wohl damals, als ich
mit Bartolomeo de Diaz das Vorgebirge von Afrika erreichte; er hatte es so wohl
genannt zur Erinnerung an die hier ausgestandenen Drangsale, aber der Monarch
Joiro, voll froher Erwartung nach glänzenderen Entdeckungen, gab ihm den
bedeutungsvollen Namen Kap der guten Hoffnung - und den wird es nun wohl für
immer behalten. Jetzt hab' ich von der letzten Seereise in Lisboa bei meinem
lieben Weibe ausgeruht, und nun bin ich einmal hierher gekommen, Euch wieder zu
begrüssen, und weil ich mein liebes altes Nürnberg nicht vergessen habe, dessen
kunstfertige Hände mir weiter dienen sollen, was die Wissenschaft mich gelehrt
und die Erfahrung mir bestätigt, in einem neuen Instrumente fasslich darzustellen
- wie ja auch mein edler Lehrer Johannes Regiomontanus von Königsberg gen
Nürnberg zog, weil er hier für seine Studien die besten matematischen
Instrumente gefertigt erhalten konnte.«
    »Komm,« sagte Elisabet und zog ihn zu sich auf das Sopha, »und erzähle so
weiter. Wie freu' ich mich Deiner Rückkehr! Wie tausendmal haben wir in der
letzten Zeit Deiner gedacht und uns gefragt, ob Du wohl noch am Leben - ob Du
nicht zu Kühnes gewagt und gesonnen, ob Du nicht einer der Märtyrer geworden
seist, welche, wie sie ihrer Zeit voraus sind, von dieser nicht verstanden,
darum von den Anhängern des Alten verklagt und verurteilt werden, beschuldigt,
Irrlehren zu verbreiten und Unheil zu stiften, wo sie der Wahrheit und damit dem
Wohle der Menschheit dienen?«
    Martin Behaim versetzte mit klugem Lächeln: »Die Pfaffen sind mir allerdings
nicht besonders hold und alle Freunde der Volksverdummung sind meine Feinde.
Indes können sie doch nichts wider mich aufbringen. Solche Gegner werden durch
den Erfolg überwältigt - und da ich nicht eher etwas behaupte, bis ich es mit
matematischer Genauigkeit berechnet und klar beweisen konnte, so waren sie bald
zum Schweigen gebracht. Was mich aber vielleicht am meisten schützt, ist, dass
ich niemals meine Person in den Vordergrund schiebe. Unter den stolzen,
ruhmsüchtigen, aufgeblasenen Portugiesen mag man sich immerhin über die stille
bescheidene Art des deutschen Mannes verwundern, der sein Wissen darbietet, ohne
Anspruch auf Ruhm und Ehre zu machen, reich belohnt, wenn es nur wirklich der
Menschheit nützt und zum Ziele führt; mag die Mit- und Nachwelt immerhin die
Namen Bartolomeo Diaz und Diego Can als die Helden der Seeunternehmungen dieses
Jahrhunderts nennen, die neue Welten finden und erschliessen: mir genügt das
Bewusstsein, dass ich die Seele dieser Unternehmungen war und dass ich die
Schlüssel lieferte zu den sonst vielleicht noch unverschlossenen Pforten zu den
neuen Wegen und Reichen.«
    Elisabet drückte ihm die Hand und sagte: »Wie lange Du auch schon unter den
heissblütigen Nationen bist - Du bist ein ganzer Deutscher geblieben: Du lässt
andern Nationen den Ruhm, den Deutschland haben könnte und der ihm vor allen
gebührt!«
    »Du bist auch noch immer die Schwärmerin für die deutsche Grösse, die nun
einmal nicht ein grosses Deutschland werden kann!« sagte der weitgereiste Bruder;
uns Matematikern ist es gleichgültiger, wir reden eine Zahlensprache, die für
alle Nationen verständlich. Aber einen Ruhm wenigstens will ich dem Vaterlande
und der Vaterstadt retten: wenn man sich einst von Portugals Seetriumphen
erzählt und, wie ich vorhin sagte, dabei auch meinen Namen vergisst, so wird man
doch Nürnberg nennen, in dem der erste Globus gefertigt ward. Ich bin hierher
gekommen, um nach meiner Angabe die Erdkugel, auf die ich alle Länder und auch
die neuentdeckten zeichnen will, von den geschicktesten Landsleuten darstellen
zu lassen. Was man mit Augen sehen und mit Händen greifen kann, bezweifelt man
nicht mehr, und dann wird Niemand mehr glauben, dass die Erde eine Scheibe,
sondern begreifen, dass sie kugelförmig sein muss.«
    »Rüstet nicht jetzt auch Spanien zu ähnlichen Entdeckungen?« fragte Georg.
    Martin Behaim zuckte die Achseln. König Ferdinand und Isabella scheinen noch
immer zu zögern, auf die Pläne und Vorschläge eines strebsamen Genuesen
einzugehen, der auch in Portugal vergeblich der Regierung dieselben machte. Ich
hörte leider erst von ihm, als der König Joiro schon seine Anerbietungen
verworfen hatte, und war damals selbst noch in der Lage, ihm nützen oder mit ihm
vereint wirken zu können. Ich war noch nicht lange in Lissabon, in den
Handelsgeschäften unseres Hauses mich Anfangs nicht um die Seeprojekte kümmernd,
als (es war im Jahre 1481) unter dem Oberbefehle Don Diego's von Azambuja eine
ansehnliche Flotte nach Guinea segelte und durch die Anlegung eines Fortes an
der Küste den dortigen Goldhandel sicherte. Mit grosser Eifersucht verbarg man
jedoch die Resultate der bisherigen Entdeckungen und verbreitete die
abschreckendsten Gerüchte und abenteuerlichsten Sagen über die Gefahren der
Schifffahrt in jenen Meergegenden. Selbst grausame Massregeln vernichteten die
Mühe verwegener Fremdlinge, welche, gegen das System des Hofes, zu ähnlichen
Zwecken sich anschickten, mit ihren Personen zugleich. Da wies man auch jenen
Genuesen Christoforo Colombo ab, wie es ihm schon in seiner Vaterstadt Genua
geschehen war. In Lissabon kannte ich ihn wie seinen Schwiegervater Bartolomeo
Perestrello, ein tüchtiger Seefahrer, der als Schiffscapitän unter dem Infanten
Don Heinrich nach der Westküste Afrikas gesegelt war und an der Entdeckung von
Madeira Teil genommen hatte. Colombo behauptet, dass die andere Halbkugel
unseres Erdbodens festes Land entalten müsse, das man auf kürzerem Wege
erreichen könne, indem man durch eine Fahrt nach Westen gerade aus in's offene
Meer steuerte. Mir scheint das in der Tat auch nicht unwahrscheinlich und ich
glaube, dass ihm sehr Unrecht geschieht, wenn er für einen tollkühnen Träumer
erklärt wird. In Lissabon abgewiesen, versucht er jetzt in Spanien sein Heil,
zuweilen heisst es, dass man ihm Schiffe ausrüsten wolle - aber bis jetzt ist er
immer noch mit leeren Versprechungen hingehalten worden. Vor der gelehrten Junta
von Salamanka hat er seine Ansichten vorgetragen, aber auch hier belächelte sie
die Mehrzahl als Hirngespinnste eines müssigen Kopfes.«
    »O ich wollte, ich wäre an Isabella's Stelle!« rief Elisabet; »ich gäbe
diesem Manne Schiffe und Alles, was er wünscht, und wenn ihn die ganze Welt
einen Abenteurer hiesse! noch lieber wagt' ich mit ihm selbst die Fahrt. Wer
Riesenpläne in seinem Kopfe wälzen kann, der verdient auch die Mittel zur
Ausführung. Es muss herrlich sein, so mitten hinein zu schiffen in's grüne,
wogende Meer, und zu spähen, bis irgendwo eine goldene Küste emportaucht, die
noch kein menschlicher Fuss betreten, oder auf der man doch ganz neue Menschen
findet und Alles neu und anders, als das bisher Bekannte.«
    Martin lachte: »Ja, Du passtest gerade dazu! Du denkst es Dir wohl wie in
einer venetianischen Gondel, oder auch wie im Schiffe des Dogen in das
adriatische Meer hinaus. Die Lustbarkeit ist nicht gar so gross, tage- und
wochenlang nichts zu sehen als Himmel und Wasser, und nicht zu wissen, wo man
ist, trotz dem Compass, und wär's der beste aus unserer besten Nürnberger
Werkstätte. Du passtest unter die rauhen Seeleute mit Deinen feinen Sitten, der
hier die Reichsstädter noch zu roh sind, und Deiner feinen Haut, die von
kostbaren Salben duftet. Und die neuen Menschen! Nun wir haben welche gesehen,
die wir erst für eine grosse Art Affen hielten, und dann wieder welche, die zwar
weniger wie wilde Tiere aussahen, aber sich doch so geberdeten und grosse Lust
hatten uns zu schlachten und zu fressen.«
    In diesem Augenblick trat plötzlich Christoph Scheurl ein mit sehr
verstörtem Gesicht, warf einen verwunderten Blick auf den ihm unbekannten Martin
und sagte zu Georg Behaim:
    »Schlechte Nachricht, Herr Schwager! Eben wird mir gemeldet, dass ein grosser
Waarentransport, der für Euch angekommen, einige Stunden von hier, aber noch auf
Nürnberger Gebiet, überfallen und geplündert worden ist. Es sollen ganz
absonderliche Sachen dabei gewesen sein, die der Bote gar nicht zu nennen und zu
beschreiben wusste.«
    »Um's Himmels Willen!« rief Martin, »es wird doch nicht mein Reisegut sein,
dem ich vorangeeilt und dessen Führer ich an Dich wies?«
    Elisabet sagte: »Mein Bruder Martin - mein Gemahl« - - die beiden Männer
einander vorstellend.
    »Das ist Dein Gatte!« fuhr Martin Behaim heraus, der, obwohl er wusste, dass
derselbe zwanzig Jahre älter war als Elisabet, und schon darum ein unpassender
Lebensgefährte für sie, doch wenigstens die Würde des älteren Mannes, wie er
selbst sie besass, aber nicht diese Geckenhaftigkeit, die sich seinem ganzen
Äußern aufprägte, und diese Ausdruckslosigkeit des Gesichtes, die auf den
alltäglichsten Weltmenschen schliessen liess, von ihm erwartet hatte. Er begriff
mit einem Blick, dass seine Schwester, die sonst seine Schülerin gewesen, die er
mit Teil hatte nehmen lassen an seinen Studien und an seinem Wissen, so weit
dies einem jungen Mädchen möglich gewesen, neben diesem Flachkopf unglücklich
sein musste. Er reichte dem Schwager die Hand und sagte:
    »Seid mir als werter Verwandter begrüsst, wenn Ihr mir auch der Ueberbringer
einer Unglücksbotschaft sein solltet!«
    »Willkommen, Herr Bruder und wackerer Seefahrer!« antwortete Scheurl; »aber
ich fürchte in der Tat, wenn an die Behaim eine Sendung von Euch in diesen
Tagen unterwegs gewesen, dass die ausgeraubte die Eure ist, da es kein
gewöhnlicher Waarentransport, sondern Reisegepäck gewesen sein soll, das von
Augsburg kam.«
    »Lasst mich den Boten sprechen!« rief Martin aufgeregt.
    
    Elisabet zog die Klingel und gab der erscheinenden Dienerin den Befehl, den
Boten hinaufzuführen.
    »Es wäre weniger umständlich gewesen, selbst hinabzugehen!« sagte Martin,
als man noch auf den Boten wartete.
    Da dieser endlich erschien erstattete er Bericht, dass er in Begleitung von
einem Trupp Berittener, welche im Solde der Herren Fugger von Augsburg ständen,
von diesem beauftragt sei, ein vierspänniges Waarenfuder an die Herren Behaim
nach Nürnberg zu führen und dass er ein Verzeichnis der Waaren mit erhalten; in
einem besondern Kasten wären auch Affen und in einem andern einige wunderbare
ganz bunte grosse Vögel mit krausen Köpfen und langen Schwänzen gewesen.
    »Meine indianischen Raben!« rief Martin. »Elisabet, ich hatte Dir sie
mitgebracht, da ich weiss, wie Du über solche Dinge Dich freust! - Wo sind sie? -
es sind meine Sachen! es braucht keiner weiteren Beschreibung - wo sind sie
hingekommen?«
    Der Bote zuckte die Achseln. »Wegen dem Viehzeug mussten wir öfter einkehren,
ihm frisches Wasser zum Saufen zu geben, wie uns geboten war. Ueberall, wo es
geschah, liefen die Leute zusammen, die gerade in der Nähe waren, die
absonderlichen Tiere zu sehen, Land- oder Stadtvolk, Ritter oder Knappen, was
gerade auf den Beinen war. So auch gestern Mittag in Altdorf ein paar Ritter.
Ich suchte gerade etwas in meiner Tasche, und da hatte ich das Waarenverzeichniss
mit herausgenommen. Der eine Ritter fragte uns, ob wir noch mehr solche
närrische Dinge mit uns führten? Ich meinte, das möchte wohl sein, aber wir
wüssten es nicht, da wir nicht lesen könnten - und da er das Verzeichnis sah,
sagte er, er wollte es uns vorlesen, und las zuerst darauf, dass die Sendung an
die Herren Behaim ginge. Bei manchen Worten und Namen stutzten sie und
verstanden sie nicht und wir noch weniger. Wir setzten dann unsern Weg weiter
fort; aber der Regen hatte die Strasse, die noch vom Winter her nicht
ausgetrocknet war, so schlecht gemacht, dass wir Mühe hatten fortzukommen, und
darum kam uns die Dunkelheit über den Hals, als wir noch im Reichsforst waren,
indes wir gemeint hatten, wir könnten vor Nacht in Nürnberg sein. Nun ging es
immer langsamer mit uns vorwärts. Da brach plötzlich ein bewaffneter Haufe durch
den Wald und überfiel uns. Meint nicht, dass wir uns nicht tapfer gewehrt - es
gab Todte und Verwundete auf beiden Seiten. Aber sie überwältigten uns - wir
mussten fliehen - sie waren uns weit überlegen - der Wagen sammt den Pferden und
Waaren fiel in die Hände dieser Strassenräuber und Ritter. Ich meine die Beiden
in ihnen erkannt zu haben, die am Mittag mit uns sprachen, obwohl sie jetzt die
Visire geschlossen hatten; denn sie wussten auch, an wen unsere Sendung ging, und
Einer sagte: Wenn die Affen für Elisabet Behaim gewesen, so sag't ihr, sie
brauche keinen, da sie sich schon seit zwei Jahren einen angeschafft.«
    Elisabet errötete und trat zurück; sie verstand nur zu gut die dreiste
Anspielung auf ihren Gatten, die der Bote in seiner Dummheit getreulich wieder
berichtete, und die also doch auf Raubritter ihrer Bekanntschaft schliessen liess
- und sie nahm sich vor, sobald sie den Boten allein sprechen könne, sich eine
genaue Beschreibung der Ritter geben zu lassen, indes Martin, mit den Füssen
stampfend, zornig fragte:
    »Also ist wirklich Alles in ihre Hände gefallen?«
    »Alles,« antwortete der Bote.
    »Nun das muss ich sagen!« rief Martin Behaim, »ich denke, der von Kaiser
Friedrich auf acht Jahre gestiftete Landfriede ist erneuert worden, der
schwäbische Bund wie die Löwler und die Reichsstädte wachen sorgfältig, dass er
gehalten werde, und indes ich mein Gut von den neuentdeckten Inseln, dem Kap der
guten Hoffnung über die weite See, dann durch die ganze pyrenäische Halbinsel
und Frankreich glücklich hereingebracht in's deutsche Reich und in ihm bis vor
die Tore der friedlichsten Reichsstadt - wird es auf ihrem Gebiete mir noch
geraubt! Das freilich liess ich mir nicht träumen, dass es noch also zugehe im
heiligen römischen Reich; indem man von dem neuen römischen Könige grosse Dinge
und Wundertaten erwartet, geht es im Innern des Reichs schlimmer zu, als bei
den Nationen des Südens, die sich nicht solcher Bildung und Gesittung rühmen und
sich noch mit dem heissblütigen Charakter des Südländers entschuldigen können.
Wie hab' ich mich oft in die Heimat gesehnt, nach biederer deutscher Art - und
nun empfängt sie mich so! Mir scheint, als sei hier eine bodenlose Verwilderung
unter die Menschen gekommen. Das Gute hat es, dass ich nun wohl das Vaterland
nicht überschätzen und auch in der Ferne von Heimweh geheilt sein werde.«
    »Wir müssen diese Sachen wieder haben!« rief Herr Scheurl, und auch Georg
stimmte bei, dass der Rat von Nürnberg den Schimpf nicht könne auf sich sitzen
lassen, dass ein Behaim, der nach zwölf Jahren zurückkehre, mit dem Ritterkreuz
des portugiesischen Königs geschmückt, der seiner Vaterstadt und seinen
Landsleuten so viel Ehre gemacht, so um sein Reisegut betrogen werden dürfe.
    »Gott sei Dank,« sagte Martin, »dass ich wenigstens meine Instrumente, Karten
und Pläne bei mir behielt; ihr Verlust wäre mir unersetzlich gewesen. Was ich da
mitgebracht und was man geraubt, das habe nicht ich sowohl verloren, als Ihr und
der Rat von Nürnberg; denn es waren meist Gegenstände seltsamer Art von meinen
Entdeckungsreisen, dergleichen man hier noch nicht gesehen, und ich darum Euch
und dem Rat, der ganzen Stadt zu Nutz und Letze mitgebracht und geschenkt
hätte.«
    »Eben das,« sagte Georg, »dass es noch nie gesehene Gegenstände sind, muss zur
Entdeckung der Täter und Wiederhabhaftwerdung jener führen.«
    »Wir wollen sogleich das Nötige anordnen bei dem Rat,« sagte Scheurl, sich
wichtig und geschäftig zeigend.
    »Zum Glück,« sagte Martin, »habe ich eine Abschrift des Verzeichnisses zur
Vergleichung, die mögt Ihr einreichen. Ich klage wider Friedensbruch, auf
Strassenraub und Ueberfall, auf Todtschlag des Geleites für friedliche
Handelsleute. - Bis Augsburg war ich bei den Gütern geblieben, weil ich aber
unterwegs in Eichstädt einen alten Freund aufsuchen wollte, trennte ich mich von
ihnen, allein schneller reisend, und blieb dort zwei Tage, wonach ich
berechnete, dass ich wohl ziemlich zugleich mit den Gütern ankommen werde, denn
um Euch zu überraschen, wünschte ich nicht, dass sie mir zuvorkommen.«
    »Nun kommt und lasst uns gleich alle drei auf dem Rathause die nötigen
Schritte tun,« sagte Georg.
    »Gehab' Dich indessen wohl, Elisabet,« sagte Martin; ich bin Dein Gast,
wenn ich zurückkehre. Du siehst, ich habe nicht die Schuld, wenn ich Dir nicht
einige Affen und indianische Raben zur Gesellschaft lassen kann, damit sie Dir
von ihrer mährchenhaften Heimat erzählten.«
    »Ich erwarte Euch wieder zum Nachtmahl,« antwortete sie; und wen Du etwa von
alten Freunden wiederfindest, den bringe mit, oder nenne mir ihn, damit ich nach
ihm sende.«
    »Wir können ja auch unter uns bleiben,« versetzte Martin; »Du hast mir ja
selbst noch gar nichts erzählt!«
    Damit gingen sie, und Elisabet seufzte bei den letzten Worten; was sie am
meisten bewegte, mochte sie doch nicht erzählen! -
    Als sie allein war, liess sie sich von dem Boten die Ritter, die den
Ueberfall gemacht und ihn erst gesprochen, genau beschreiben. Sie konnte nicht
zweifeln, dass der eine Eberhard von Streitberg war. Er hatte auch die Bemerkung
mit dem Affen gemacht.
 
                                Zweites Capitel
                                Warnende Stimmen
Ulrich von Strassburg war in's Clara-Gässchen gezogen, das sich in der Nähe des
Clara-Klosters befand und auf der Lorenzer Seite auch nur durch eine Strasse von
der Lorenzkirche, der Propstei und der Bauhütte von St. Lorenz getrennt war. Die
dort beschäftigten Baubrüder suchten meist auf der Lorenzer Seite zu wohnen, und
insofern war für alle diese Wahl der Wohnung gerechtfertigt - nur der Propst
Kress hatte ein bedenkliches Gesicht gemacht und Ulrich abgeraten dahin zu
ziehen, weil er den geheimen Beweggrund erraten konnte: Ulrich suchte die Nähe
seiner Mutter, von der er nun wusste, dass sie im Kloster zur heiligen Clara lebe.
    »Ich will ja nichts, als nur eine Luft mit ihr atmen, dasselbe Geläut der
Glocken hören, das mich zur Arbeit und sie zum Gebete ruft!« antwortete Ulrich.
»Lasst mich gewähren! Wohnte ich nicht dort, so würde ich vielleicht jeden Tag in
der Nähe des Klosters auf- und abgehen, und wenn Ihr fürchtet, ich möchte mich
selbst verraten, so würde dies viel eher dadurch geschehen, als jetzt, wo ich
nur ein Unterkommen gesucht und ein solches zufällig für die bescheidenen
Wünsche eines Baubruders passend im Claragässlein fand, aus dem ich so nah' zu
unserer Bauhütte habe. Ich verspreche Euch, keinen Schritt zu tun, wenn Ihr
meint, dass dadurch der fromme Frieden ihres Gemütes gestört werden könnte!«
    »Um Ihretwillen, wie um Deinetwillen,« sagte der Propst, »muss Alles bleiben,
wie es jetzt war. Es ist auch darum, dass ich Dich nicht selbst bei mir wohnen
lasse, wie ich am liebsten täte. Ja weil Du Deiner Mutter ähnlich siehst, woran
Dich Amadeus erkannte, oder wenigstens so von Deinem Anblick ergriffen ward, dass
er Dir nachforschte, hast Du auch einen Zug von mir - und man hat es schon
gewagt, Dich meinen Sohn zu nennen, weil ich Dich vor Andern begünstigt; müsste
ich nicht den Schein vermeiden, so würde ich Dich gar nicht von mir lassen. Ich
beschwöre sonst wieder ein Gerücht herauf, das meiner geistlichen Würde schadete
und Dir ebenso gefährlich wäre, als das an den Tag Kommen der Wahrheit.«
    Ulrich versicherte noch einmal, dass er keine Vorsicht und Rücksicht aus den
Augen setzen werde, die ja selbst seine eigene Zukunft am allermeisten
erfordere.
    »Wenn nur Amadeus nicht selbst zum Verräter wird!« seufzte der Propst. Von
dem Augenblicke an, wo Konrad ihn aus der Kapelle waldeinwärts gesendet, wussten
sie nichts von ihm. Nachforschungen irgend welcher Art konnten sie nicht
anstellen, um sich nicht selbst zu verraten. Ob er lebend oder todt, sie wussten
es nicht. Im Stillen wünschte der Propst das Letztere. Was sollte auch der
verirrte Mönch im fremdgewordenen Leben? und dem Sohne konnte sein Leben
gefährlich werden! - Der Oheim wünschte nur nicht, dass Ulrich eine Schuld fühle
am Tode des Vaters, und darum war er froh, dass dieser jenem seine Befreiung
verdankte.
    »Noch Eines muss ich Dir sagen,« begann der Propst; »eine Warnung ganz
anderer Art. Als Herr Stephan Tucher mit Jungfrau Ursula Muffel getraut ward,
zwei Fürsten sie zur Kirche führten und ein stattlicher Brautzug folgte: da war
auch die schöne Scheurlin mit darunter und ragte wie immer auffallend unter
Allen hervor, als sei sie selbst eine Königin. Die Kirche war von Zuschauern
dicht gedrängt, und auch auf dem erhöhten Platze, den ich mit andern Geistlichen
und Patriziern einnahm, hatten sich Fremde eingefunden. Darunter auch ein
Ritter, der sein Augenmerk besonders auf die Scheurlin geworfen, und der da
meinte, er kenne sie gar wohl, seit ihren schönsten Jugendtagen, und nach dem,
was er jetzt von ihr höre, müsse er glauben, dass sie immer noch so leichtfertig
sei, wie damals, und für Jeden zu haben. Ich meinte, das Letztere sei nun gar
nicht wahr und als leichtfertig kenne sie Niemand; sie sei immer eine spröde
Jungfrau gewesen und lebe auch jetzt ganz ehrbar mit ihrem Gemahl. Aber er
lachte und sagte: Das müsse er besser wissen; da sie noch Mädchen gewesen, habe
er selbst ihre Gunst besessen, aber sie aufgegeben, weil er keine Lust gehabt,
dieselbe mit Andern zu teilen - und wie ich selbst ja wohl, gleich der ganzen
Stadt, wissen müsse, dass sie es darauf anlege, wenigstens so lange der römische
König in Nürnberg sei, seine Buhlerin zu sein - wie sie daneben aber auch es
nicht verschmähe, seit Jahr und Tag eine Liebschaft mit einem armen
Steinmetzgesellen zu haben.«
    Der Propst hielt inne, wie um zu beobachten, welchen Eindruck diese Worte
wohl auf Ulrich machen würden. Dieser war allerdings überrascht, auch den Propst
ihm gegenüber von Elisabet sprechen zu hören, und noch mehr über diesen Schluss;
seine Wangen glühten vor Zorn und Scham bei den letzten Worten, aber ruhig, fest
und stolz blickte er in die Augen des Propstes und sagte nur: »Vollendet!«
    »Ich schüttelte zu solch' unsinnigem Mährlein den Kopf,« fuhr der Propst
fort; »aber der Ritter meinte, er wisse es ganz gewiss, und fügte hinzu, dass es
noch dazu ein Baubruder sei, den ich kennen müsse, da er in der Lorenzhütte
arbeite, und nannte ihn: Ulrich von Strassburg -«
    »Das hat der Bube nur gewagt, weil er wusste, dass ich von Nürnberg fern war
im Benediktinerkloster!« rief Ulrich, jetzt Alles erratend. »Nicht wahr, der
saubere Ritter von Streitberg hat's Euch zugeflüstert? Der hasst mich freilich
auf Leben und Tod. Und Ihr könntet wirklich mehr auf das Wort eines so frechen
Ritters geben, der nichts ist als ein Placker, Strassenräuber und
Frauenentführer, als auf das meine? König Max glaubte mir mehr, als ihm, und
verwies ihn damals aus Nürnberg, wo ich zum ersten Male mit ihm und der
Scheurlin zusammen getroffen und er wider mich und Hieronymus klagbar geworden -
aber Ihr glaubtet ihm!«
    »Das war damals derselbe Ritter von Streitberg?« fragte Kress erstaunt, denn
damals war weder in der Bauhütte noch ausserhalb der Name des Ritters, dem Ulrich
das Schwert abgerungen, genannt worden.
    »Derselbe,« wiederholte Ulrich; »und damit ich es nun gestehe: es war auch
derselbe, den ich und der mich zu Tod verwundete, da ich zum zweiten Male die
Scheurlin vor ihm rettete - derselbe, der mir jetzt auf dem Wege nach dem
Kloster begegnete, wo Junker Pirkheimer mit mir sprach, und ich durch ihn die
wahrscheinlich auch jetzt noch von ihm Verfolgte vor ihm warnen liess. Er hatte
sie nicht in seine Gewalt bekommen können, und nun versucht er es durch
Verleumdungen, durch schnöde Angriffe auf ihre und meine Ehre. Um ihrer
Frauenehre Willen habe ich gegen Alle und gegen Euch geschwiegen, wo sie es
schon verletzen könnte, dass solch' ein wüster Geselle sie verfolgt und ihr
selbst Alles an diesem Schweigen gelegen zu sein schien, denn sie hat für mich
nie ein Wort des Dankes oder des Vertrauens gehabt - es schien ihr eben Alles
darauf anzukommen, dass ihr Begegniss mit diesem Menschen ein Geheimnis bleibe, ja
dass es auch von mir selbst vergessen würde. Da müsst Ihr nun freilich der
verleumderischen Beredtsamkeit mehr glauben, als meinem rücksichtsvollen
Schweigen.«
    Gerade dieser Eifer, mit dem Ulrich jetzt sprach, erschien dem Propst
bedenklich, obwohl er Ulrich's Worten vollkommen glaubte und von dem ihm
übrigens unbekannten Streitberg gleich durch dessen Betragen nicht die beste
Meinug hatte, die sich nun leicht zu einer schlechten wandelte. Aber waren diese
Beiden nicht eben darum Feinde, weil sie Nebenbuhler? War denn etwas
natürlicher, als dies? Der Propst hatte viel gelebt in der Welt und kannte seine
Zeitgenossen, die Geistlichen wie die Laien, den Adel und die Patrizier, wie das
niedere Volk, die Männer wie die Frauen - und er kannte sie nicht von der besten
Seite. Die grossen Verbrechen und heimlichen Sünden, die man ihm im Beichtstuhle
bekannt, waren noch nicht die schlimmsten; es gab dunkle Taten, die selbst dies
Bekenntnis scheuten, und Gedankensünden, die es nicht einmal bis zur Erkenntnis
brachten, um wie viel weniger, dass sie hätten laut werden mögen. Er war selbst
nicht frei von Fehltritten, deren er sich bewusst war, und die er doch mit der
Schwachheit der menschlichen Natur entschuldigte, und über die er sich, weil sie
eben nur aus dieser hervorgegangen, keine grossen Gewissensskrupel machte; er
hatte weder je an seine eigene, noch an die Tugend Anderer schwärmerische
Ansprüche erhoben, und so auch sich selbst mehr auf der Mittelbahn des Lebens
erhalten; aber er wusste, dass, wer titanenhaft nach den Höhen strebe, oft am
leichtesten in einen Abgrund falle; dass, wer seiner Zeit in vielen Dingen voraus
sei und über blinde Vorurteile sich erhoben, sich auch an manche Vorschriften
der herrschenden Moral oder des Glaubens minder gebunden achte, als Andere und
so Gefahr laufe, mit dem falschen Vorurteil selbst das richtige Urteil zu
opfern über gut und böse, recht und schlecht. Gerade darum war ihm bange für
Ulrich, weil er dessen hochfliegende Seele kannte; sie konnte sich auch
verfliegen und gleich der Motte, weil das Licht ihn anzog, im Lichte fangen und
verbrennen. Weil er keine gemeine sinnliche Natur war, konnte es ihm um so eher
geschehen, nicht auf gemeine leichtsinnige Weise, sondern durchdrungen von einer
poetischen Schwärmerei sein Gelübde, das ihn alle Frauen meiden hiess, zu brechen
- so dass doch immer das Resultat, der gebrochene Schwur, dasselbe blieb - ob nun
die Verführung von einer realistischen oder idealistischen Anschauung und Seite
kam, die Sache blieb sich gleich.
    Der Propst nahm Ulrich bei der Hand und sagte gutmütig: »Vergieb dem
älteren, erfahrenen Manne, der es recht gut weiss, dass Keiner so fest steht, dass
er nicht falle. Mag es nun Zufall oder Absicht gewesen sein, was den Ritter und
Dich um die Scheurlin zusammenführte - sei gegen sie auf Deiner Hut.«
    »Aber ich bitt' Euch, unterbrach ihn Ulrich ärgerlich, »eine so stolze
Patrizierin - und ein armer Steinmetzgeselle; wozu hier noch eine Warnung, und
sei sie noch so wohlgemeint.«
    Der Propst zuckte die Achseln. »So wie ich diese Frau kenne, ist es möglich,
dass sie aus Stolz vor der Welt die Huldigung des römischen Königs und künftigen
deutschen Kaisers annimmt und im Stillen ihn von sich weist, nicht mehr
gestattet, als die Welt eben sehen darf - aber auch, dass sie im niedern
Steinmetzgesellen den Kunstgenius herausfindet und ihm gegenüber keinen Stolz
mehr kennt - wenn nur die Welt nichts davon erfährt.«
    Ulrich schüttelte den Kopf zu diesen Warnungen. Freilich war es ihm, seit er
Elisabet's Retter gewesen und seit sie, da er im Kampfe für sie in ihre Augen
geschaut und sie über ihn gebeugt verzweiflungsvoll gehaucht hatte: »todt - und
für mich« - als sei er dadurch nicht nur belohnt für das, was er für sie getan,
sondern auch geweiht, als sei er berufen, für sie noch mehr zu tun. Aber das
lebte als ein so heiliges Gefühl in ihm, dass er es sich selbst und Andern
verbarg, und weil ihm war, als habe er damals einen Blick in Elisabet's Inneres
getan, nicht duldete, dass man sie verunglimpfe - ja, nach dem, was Kress jetzt
sagte, erschien sie ihm seiner Verehrung um so würdiger, weil sie von einem
Buben gelästert ward sowohl, als auch dadurch, dass sie gerade im Gegenteil zu
dem, was man ihr hier nachsagte, die stolzeste Zurückhaltung gegen ihn
beobachtete.
    Wenig Tage nach diesem Zwiegespräch schlich der Jude Ezechiel im Abenddunkel
in Ulrich's Wohnung, die er nach langen Nachforschungen ausfindig gemacht.
Ulrich meinte, er komme, um sich doch noch für die im Kloster ihm übergebenen
Kleider die Bezahlung zu holen, die er damals verweigert hatte. War Ulrich auch
in manchen Beziehungen über die ärgsten Vorurteile hinaus - er fühlte sich doch
sehr gedrückt und erniedrigt durch den Gedanken, dass ein Geheimnis von ihm in
den Händen dieses Juden sei; denn wenn er auch nicht wusste, zu welchem Zweck er,
Ulrich, im Kloster die Kleider bedurfte, so gab es doch, wie bei jedem
Geheimnis, das nicht mehr unser alleiniges Eigentum, Möglichkeiten und
Zufälligkeiten genug, es teilweise wenigstens zu verraten, oder doch diese
Mitwissenschaft des Israeliten gefährlich werden zu lassen, um so mehr, da die
Verschlagenheit dieser Leute und ihr Streben, keinen Christen zu schonen
bekannt, und in der Tat mehr als Vorurteil war. Deshalb galt auch allerdings
vor Gericht ihr Zeugnis nicht, und darum war wieder ein Jude eine
ungefährlichere Person in diesem Falle, als jede andere; aber da eben dieser
durch seinen Trödlerkram und sein grosses »Geschäft« sich schon manchem Christen
unentbehrlich gemacht und ihn sich verpflichtet, so hatte er überall Einfluss und
Leute, die in seiner Hand waren und nach seinem Willen handeln mussten. Ulrich
fühlte sich gedemütigt, dass Ezechiel ihn diesen wohl gar schon beizählen könne.
Kam er auch jetzt nur im Dunkeln und hatte er einen verhüllenden Mantel um sich,
so lag doch die Möglichkeit nahe, dass Jemand ihn oder doch den Juden in ihm
erkenne - und da der Umgang mit einem Juden, besonders für einen christlichen
Baubruder, schimpflich war, so wollte er sich des unwillkommenen Besuchs so
schnell als möglich entledigen, indem er sogleich fragte; wie viel er ihm
schulde?
    Aber Ezechiel wies noch einmal standhaft jede Bezahlung zurück, und
erzählte, dass er der Frau Scheurl den Ring gebracht, und wie diese ihm, dem
Finder, selbst dafür danken wolle - denn es sei ihr gar viel an dem Ringe
gelegen. Sie lasse ihn daher bitten, ihr eine Abendstunde zu bestimmen, in
welcher er bei ihr selbst diesen Dank empfangen könne; sie werde dann auch Alles
einrichten, dass sein Kommen ganz unbemerkt bleibe, da ihm das wohl erwünscht
wäre.
    Ulrich trat einen Schritt zurück. Im ersten Augenblick dachte er wohl an des
Propstes Warnung, wie an dessen Urteil über Elisabet; im nächsten aber, wo er
einen Blick auf das cynischlächelnde Gesicht des Juden warf und dessen ganze
widerwärtige Erscheinung - da begriff er, dass Elisabet nicht einen solchen zu
ihren vertrauten Aufträgen wählte, selbst wenn ein Zufall ihn wie durch die
Uebergabe des Ringes in einer Angelegenheit vielleicht zu ihrem Vertrauten
gemacht. Er fühlte sich versucht, den Juden zu packen und die Treppe
hinabzuwerfen; aber - er musste ihn ja schonen, weil ein Geheimnis und mit ihm
vielleicht er selbst und seine Ehre, vielleicht das Leben seines Vaters in den
Händen des Juden war; er musste vermeiden ihn zu beleidigen, ihm seine Verachtung
zu zeigen - er antwortete nur stolz:
    »Ein christlicher Baubruder bedarf nie eines Dankes dafür, dass er seine
Pflicht tut - er nimmt ihn nicht an, selbst wo er ein Opfer gebracht hätte.
Aber hier kann von gar keinem Dank die Rede sein - das ist die einzige Antwort,
die ich für Frau von Scheurl haben kann.«
    »Die wird ihr sehr wenig gefallen,« sagte Ezechiel; »eine schöne Frau, die
einen jungen Mann auffordert zu kommen im Dunkeln in ihr Haus, die ist nicht
zufrieden mit solcher Antwort.«
    »Kein Wort weiter!« fuhr Ulrich auf, »und seid froh, wenn Ihr weiter keines
von mir hört!«
    »O ich merke wohl,« begann Ezechiel dessen ohngeachtet von Neuem, »ich merke
wohl, dass Ihr nicht trauet dem armen Juden, und für diesen Fall hat mir die Frau
Scheurl in der Eile auch ein Blatt gerissen aus einem schönen Buche und mir
mitgegeben, darauf geschrieben steht ihr eigener Name von ihrer eigenen
zierlichen Handschrift.«
    Ulrich griff nach dem Blatte: es war ein Titelblatt aus der Beschreibung
Nürnbergs von Konrad Celtes; unten am Rande stand mit blauen Buchstaben:
»Elisabet Behaim.«
    Ulrich schwankte einen Augenblick, ob er das Blatt zurückgeben sollte oder
behalten. - »Darauf sollet Ihr schreiben die Antwort, wenn Ihr sie nicht wollt
geben mündlich,« sagte der Jude. »Das Blatt muss ich wieder bringen.«
    »So bring es ihr, wie es ist,« sagte Ulrich nach einigem Besinnen: »das ist
auch eine Antwort.«
    Vergeblich war alles weitere Reden des Israeliten. Ulrich musste mit aller
Gewalt an sich arbeiten, dass er ihn noch glimpflich statt schimpflich
behandelte.
    Endlich musste er doch unverrichteter Sache gehen. Das Titelblatt des Buches
nahm er wieder mit.
    Ulrich glaubte nicht, dass Elisabet den Juden zu ihm gesendet - und doch
konnte er auch wieder nicht begreifen, zu welchem Ende derselbe irgend ein
freches Spiel mit ihm treiben sollte; er hatte ihm ja nur Gutes erwiesen, und
Ezechiel selbst hatte sich in Lobreden und Dankesworten für ihn erschöpft. Aber
um ein Geschäft zu machen, meinte Ulrich, sei solch' einer Judenseele Alles
möglich. War er nicht mit Streitberg in Verbindung, da er dessen Ring besass? -
oder wieder, da er ihn an Elisabet ausgeliefert, hatte er nicht diesem damit
einen schlechten Dienst erwiesen, oder auch hiermit »ein gutes Geschäft
gemacht«? Und war es nicht einst Rachel gewesen, die Streitberg's Anschläge
wider Elisabet gekannt und ihm, Ulrich, zu ihrem Schutze zum Teil verraten
hatte? Woher wusste sie das, wenn nicht ihre Umgebung wenigstens mit Streitberg
in Verbindung war? Hatte nicht dieser gegen Kress ihm und Elisabet versucht
durch bösen Leumund zu schaden - hatte er nicht auch hier die Hand im Spiele?
Ulrich kam mit all' diesen Fragen zu keinem klaren Resultat - und doch fühlte
er, dass ihn und Elisabet eine dunkle Macht bedrohe, und dass jetzt mehr als je
etwas geschehen müsse sie zu schützen und selbst auf seiner Hut zu sein - aber
es vergingen wieder Wochen, und es war Alles geblieben, wie es war.
    Da scholl die Kunde durch Nürnberg, dass der berühmte Reisende Martin Behaim
zurückgekommen sei, und dass ihm wenige Meilen von der Reichsstadt entfernt und
noch auf deren Gebiet der Wagen, der sein Reisegut geführt, überfallen und
ausgeraubt worden von frechen Raubrittern und Strassenräubern. Den Seinigen und
seiner Vaterstadt und deren Gemeinwesen habe er die herrlichsten Dinge
mitgebracht, die nun in die Hände der Verbrecher gefallen, die nur den
allerunwürdigsten Gebrauch davon machen oder sie gar vernichten würden. Und wie
die Fama die Erzählung weiter trug von Ohr zu Ohr und von Mund zu Mund, so
wurden die mitgebrachten kleinen Affen zu fürchterlichen Waldmenschen mit
Schwänzen und die indianischen Raben zu fabelhaften Vögeln, die mit menschlichen
Zungen redeten und goldene Eier legten, und die wundersamsten Schilderungen
liefen um von Martin Behaim's indischen Schätzen.
    Nicht nur der Rat bot all' seinen Scharfsinn und all' seine Macht auf, die
Täter zu entdecken, sondern jeder einzelne Nürnberger schien es sich zur
Ehrensache zu machen, so viel an ihm war auch mit zu forschen und zu spähen, ob
nicht irgendwo etwas zu sehen und zu erhalten sei von dem absonderlichen
Eigentum ihres berühmten Landsmannes.
    Und diesmal - um ihres Bruders und um ihrer Vaterstadt Willen - schwieg auch
Elisabet nicht. Nach der Beschreibung des Boten nannte sie zwar nicht
Streitberg, aber den Ritter von Weispriach und einen Gefährten als die
mutmasslichen Täter.
    Indes das Wort gilt immer noch: die Nürnberger hängen Keinen, den sie nicht
haben. Und wie konnte man der Ritter habhaft werden? Die sassen sicher auf
Weispriach's alter Burg - und wer konnte sicher beweisen, dass dieser mit dabei
gewesen? Wie konnte man ihn zur Rechenschaft ziehen? oder wie konnte man allein
auf diesen Verdacht hin etwa mit reichsstädtischer Mannschaft ihm vor die Burg
rücken und entweder Einlass begehren, nach den geraubten Schätzen zu suchen, oder
jene zu belagern? Dann hätte Nürnberg zuerst den Landfrieden gebrochen, das so
streng auf dessen Wahrung hielt, und nicht jener Ritter, der vielleicht ja doch
unschuldig war, vielleicht auch das verräterische Gut längst in einer sichern
Räuberhöhle geborgen. So blieb es immer nur bei öffentlichen Erlassen und
Preisaussetzen für Diejenigen, die irgend etwas von dem Gute gewahren, oder eine
Auskunft darüber geben würden.
    Wie aber immer, bald mit Recht, bald mit Unrecht, Alles, was Schlechtes oder
Unerklärtes geschah, auf die Juden geschoben ward, so geschah es diesmal wieder,
nachdem einige Tage unter andern vergeblichen Bemühungen hingegangen waren. Das
Volk grollte den Juden, hiess sie, wenn nicht die Stehler so doch die Hehler, und
schon zeigte sich im dumpfen Grollen die Lust, das Judenviertel zu stürmen - bis
jetzt aber war es noch bei einzelnen Excessen geblieben.
    Als Ulrich zu dieser Zeit einmal im Dunkeln nach Hause kam, kauerte eine
weibliche Gestalt auf der Treppe.
    »Ulrich!« flüsterte es leise.
    Unwillig erkannte er Rachel's Stimme. »Was willst Du wieder?« fragte er
rauh.
    »Euch bitten, mir zu helfen, tausende Unschuldige zu retten!« flehte sie.
»Ihr wisst's, ich habe nie gelogen - hört mich auch jetzt! glaubt mir auch dieses
Mal!«
    »So rede wenigstens schnell, und sag' es kurz, was Du willst?« unterbrach
sie Ulrich ungeduldig.
    »Hier hört uns doch Niemand?« fragte sie ängstlich.
    »In der Tat,« antwortete er, »das hab' ich wohl mehr zu fürchten wie Du!«
    »So lasst mich mit in Euer Zimmer!« bat sie, »und macht Licht, ich hab' Euch
etwas zu zeigen!«
    Ulrich öffnete das Zimmer und schob sie mit hinein; während er Feuer
anschlug, sagte er: »Rede und fasse Dich kurz, denn lange dulde ich Dich hier
nicht!«
    Es war noch finster und er sah nicht wie sie erglühte und zitterte. »Ach,
Ihr wisst es gewiss selbst!« begann sie; »unser Volk soll wieder die Schuld tragen
von der Ungebühr, die einem christlichen Bürger geschehen, indes die Uebeltäter
doch Christen waren! Ein wütender Haufe zog durch unsere Gassen und verkündete,
dass man uns die Häuser über den Köpfen anzünden werde, wenn wir nicht
herausgeben, was dem Martin Behaim geraubt ist - wenn nicht bis morgen Alles zur
Stelle - so lange lasse man uns Zeit -«
    »Aber was kann ich dabei tun?« unterbrach sie Ulrich, der jetzt einen
Kienspan in Brand gesetzt hatte, wieder ungeduldig.
    Sie hatte einen alten grauen Sack neben sich gelegt, in welchem sich etwas
unruhig raschelnd zu bewegen schien; jetzt hob sie ihn auf, streifte ihn zurück,
und hervor kam ein wunderschöner Vogel mit purpurrotem Gefieder, das wie Atlas
glänzte, und blau und grün, hell und dunkel schattirten Flügeln und langem
Schwanz. »Seh't,« sagte sie, »da ist das Schönste von Behaim's Schätzen; dies
Tierchen hab ich heimlich gerettet, wie sie es mit den andern würgen wollten,
und bring' es Euch.«
    Ulrich betrachtete den Vogel, dergleichen er noch nie gesehen, mit
unwillkürlicher Bewunderung, und dann rief er drängend: »Aber wo hast Du den
Vogel her? Also weisst Du doch um das geraubte Gut und Deine Glaubensgenossen
sind schuld an dem Frevel?«
    »Nein und tausendmal nein!« rief sie; »aber weil sie unschuldig sind, müsst
Ihr die Schuldigen verkünden. Aber mich hört ja Niemand, mir glaubt ja Niemand -
oder vielmehr, die Männer würden mich steinigen, wenn sie wüssten, dass ich
verriete, was verschwiegen bleiben soll. Da nehm't den Vogel - dem sichtbaren
Zeichen wird man glauben, wenn nicht Euch; geht damit zum Rat oder zu dem
Behaim, oder Scheurl, oder zu wem Ihr wollt, und sagt, dass der Vogel Euch
zugeflogen und es Euch gesagt habe: Die Ritter Weispriach und Streitberg sind
die Räuber und haben das Gut zum Teil auf ihrer Veste - ein anderer Teil davon
aber ist in grossen eisernen Kästen im Walde in einer Grube verscharrt. Führt nur
die Leute hin rechts von der Heerstrasse; es stehen zwei hohe Tannen da, die sich
einander zuneigen, dahinter liegen runde bemooste Steine, gleich Wellen
übereinander geschichtet. Ihr könnt nicht fehlen, Ihr müsst die Stelle finden.«
    »Aber Kind,« sagte Ulrich staunend, »auch wenn ich Dir glauben will - ich
kann doch nicht selbst die Stelle angeben und aufsuchen, ohne den zu nennen der
sie mir gezeigt.«
    »Nein! nein! rief sie, »das werdet Ihr nicht tun! - Nennt den Vogel da, Ihr
könnt sicher sein, den Beweis zu liefern, dass er die Wahrheit geredet.«
    »Ich lüge niemals!« fiel ihr Ulrich in's Wort; »ich werde vor Gericht nicht
lügen und alberne Mährchen werden nie über meine Lippen kommen.«
    »Hab't Ihr nicht auch Geheimnisse,« sagte sie plötzlich, ihn fest ansehend,
»von deren Verrat vielleicht das Glück oder das Leben einer Person abhängt, die
Euch teuer ist? Ist da nicht auch selber Schweigen Pflicht - fordert Ihr es
nicht von Andern?«
    Er sah unwillkürlich beschämt zu Boden. Das war der Fluch, der über ihn
gekommen, seitdem er die Eltern verloren, und noch mehr, seitdem er den Vater
gefunden: er durfte nicht mehr in allen Fällen wahr und offen sein. - »Warum
wählst Du immer mich zu Deinem Werkzeug in Dingen, die mich gar nicht berühren?«
sagte er.
    Sie sah ihn verwundert mit ihren dunklen Augen an, als begriffe sie diese
Frage gar nicht. »Weil ich Euch allein traue von allen Christen!« sagte sie
einfach, und nach einer Pause fügte sie hinzu: »Ihr wisst, ich kann nicht
schreiben. Könnte ich's, so hätte ich, was ich da vorhin Euch gesagt, auf einen
Zettel geschrieben und den Vogel um den Hals gehangen, dann hätt ich ihn im Sack
vor Eure Tür gelegt, ohne Euch selbst zu erwarten - und Ihr redet keine
Unwahrheit, wenn Ihr sagt, dass Ihr so die Kunde von dem Vogel erhalten. Hab't
Barmherzigkeit und tut also - wenn solch' ein kleines Geheimnis meinem ganzen
Volke Leben und Eigentum retten kann, das es unschuldig verliere -«
    »Unschuldig?« unterbrach sie Ulrich; »wie kommst denn dann Du dazu, von dem
Verbrechen und den Verbrechern genaue Kenntnis zu haben?«
    »Frag't mich nicht weiter!« rief Rachel sich gross aufrichtend. »Dass ich die
Not abwenden will von meinem Volke, unter dem nur Einer weiss, was ich weiss -
das sollte Euch meinem Flehen geneigt machen und Euch genug sein, mich nicht mit
Misstrauen zu quälen - nicht mich zwingen zu wollen, noch durch ein weiteres
Geständnis ein Verbrechen zu begehen, wo ich immer nur sinne, eines um das
andere zu verhüten.«
    »Es ist gut,« sagte er milder; »ich tue Deinen Willen - so bleibe auch das
unser Geheimnis.«
    Er schrieb den Zettel so, wie sie gesagt hatte. Sie war damit zufrieden und
schlich sich leise fort, wie sie gekommen.
 
                                Drittes Capitel
                                  Begegnungen
Noch an demselben Abend, wo Ulrich den indianischen Raben erhalten hatte, machte
er sich mit diesem auf den Weg und ging zu Behaim's Haus, um hier denselben
abzugeben. Aber er fand die Haustür verschlossen und kein einziges Fenster des
Hauses erleuchtet. Erst nachdem er lange geschellt, schaute ein Kopf aus einem
Fenster im obern Stockwerk heraus und rief hinab:
    »Es ist gar Niemand zu Hause.«
    »Ich habe eine wichtige Meldung zu machen für Herrn Martin Behaim,« rief
Ulrich hinauf.
    »Der wohnt gar nicht hier, sondern bei dem Herrn von Scheurl,« antwortete
die Stimme, »da müsst Ihr dortin gehen; Alle sind da, denn man feiert den
Geburtstag der Hausfrau. Hab't Ihr aber nichts Gutes, zu melden, so werdet Ihr
nicht sehr willkommen sein.« - Damit war das Fenster wieder zugeworfen.
    Es blieb Ulrich nichts übrig, als dahin zu gehen. Der Weg war ziemlich weit,
und es schlug eben zehn Uhr, als er »unter der Veste« ankam.
    In Scheurl's Hause standen alle Türen offen. Aus den Fenstern fiel helles
Licht auf die Strasse. Muntere Weisen von Spielleuten klangen daraus hervor.
    Im Hausflur und auf der Treppe traf Ulrich Niemanden; in den hell
erleuchteten Corridor, aus dem offen stehende Flügeltüren in den
Gesellschaftssaal führten, woraus das Gewirr lauter Stimmen, neben der Melodie
auch das Geklirr von Speise- und Trinkgefässen klang, mochte er sich nicht
sogleich wagen. Es kam ihm plötzlich der Gedanke ein, da ihn bisher noch Niemand
gesehen, den Vogel vielleicht unbemerkt in ein Nebenkabinet setzen und sich
selbst wieder fortschleichen zu können, damit seine Einmischung in diese
Angelegenheit ganz unbemerkt bleibe. Er öffnete darum eine der nächsten
Seitentüren und stand in einem kleinen Zimmer, über das eine von der Decke
herabhängende Ampel ein zauberhaftes Rosenlicht goss. Darunter stand ein weisses
Marmorbecken mit einem zierlichen Blätterkranz umgeben, aus dem Strahlen
wohlriechenden Wassers emporsprangen. Eine seitwärts befindliche Nische umgaben
Draperien von gelber Seide und purpurnem Sammet mit goldenen Fransen, Quasten
und Schnüren, welche diese Vorhänge von einem gleichfarbigen Sammetpolster an
der einen Seite zurückhielten. An dem einzigen hohen Bogenfenster zwischen den
dicken Mauern standen hohe grünende und blühende Topfgewächse, eine Art Laube
bildend. Hier dachte Ulrich den Vogel vielleicht passend anbringen zu können.
Leise auftretend näherte er sich diesem künstlichen Garten, nahm den Vogel aus
dem Sack, in dem er ihn bisher getragen hatte, und wollte ihn auf die Zweige
setzen; aber Ulrich hatte das Kettchen losgelassen, das an dem Hals des Raben
befestigt war, und dieser flog, ein eigentümliches Geschrei ausstossend, auf das
Marmorbecken.
    Da antwortete der erschrockene Ruf einer weiblichen Stimme aus der Nische -
Elisabet war auf dem Polster emporgefahren, auf dem sie eine Weile Ruhe gesucht
hatte vor dem Lärm des rauschenden Festmahls, indes ihre Gäste denken mochten,
irgend eine Pflicht der wirtlichen Hausfrau habe sie abgerufen. Dort hätte sie
Ulrich um so weniger bemerken können, als ihr rotes Schleppenkleid sich in die
Farbe des Sammetpolsters verloren hatte und ihr Oberkörper von den Vorhängen
verborgen gewesen war. Jetzt hatte sie sich aufgerichtet, hielt mit dem weissen
Arm den einen Vorhang zurück und strich mit dem andern die goldnen Locken aus
der edlen Stirn, als wolle sie sich besinnen, ob sie träume oder wache.
Regungslos sass sie da, starrte bald auf den Vogel und bald auf Ulrich,
leuchtender ward der Ausdruck ihrer Augen; es war, als wage sie dieselben nicht
zu wenden, sich nicht zu rühren, ja kaum zu atmen, dass sie sich nicht selbst
ein wunderbares Traumbild zerstöre.
    Und so war es auch Ulrich. Zum ersten Male fühlte er die Macht der Schönheit
des Weibes - eines solchen, das zugleich den Stempel geistigen Adels auf der
reinen Stirne trug, noch mehr, die Siegeszeichen geistiger Kämpfe um den feinen
Mund; er dachte jetzt weder an eine Warnung, noch an all' diese Zufälligkeiten
oder Berechnungen Anderer, die sie und ihn zusammengeführt - er dachte wieder
nur an den Augenblick, wo sie über ihn gebeugt seine Wunde untersucht hatte, die
er für sie empfangen; aber er fasste sich und griff nach dem Vogel, der auf dem
Wasserbecken still sass, um zu saufen, und sagte:
    »Verzeiht, edle Frau, wenn ich hier eingedrungen. Ich meinte ungesehen
kommen und mich wieder entfernen zu können - nur der Vogel sollte hier bleiben.
Ihr solltet nicht wissen, dass ich ihn gebracht; er sollte nur noch zur Feier
Eures Geburtsfestes kommen und das Uebrige selbst Euch verkünden.« Er näherte
sich ihr nicht, sondern schritt der Türe zu.
    Sie sprang auf und rief: »Ulrich von Strassburg, diesmal dürft Ihr so nicht
von mir gehen!«
    Er stand still und sah sie fragend an.
    Sie fasste sich und sagte mit edler Würde: »Ihr seid der einzige Mensch, dem
ich Dank schuldig bin, der einzige, der ein Recht hat, mich als undankbar zu
verachten - das ertrag' ich nicht!«
    »Ich verdiene keinen Dank,« antwortete er; »der Vogel, den Euer Herr Bruder
Euch mitgebracht hat von den fernen, wunderreichen Inseln, hat sich nur zufällig
zu mir verflogen, und ich konnte nur ihn bringen - er aber bringt die Kunde, wo
die andern Schätze sind.«
    Erst jetzt begriff sie, dass Ulrich eben einen neuen Dienst ihr geleistet,
einen grösseren noch ihrem Bruder, obwohl sie seine Rede sonst noch nicht
verstehen konnte, da sie den Zettel nicht gelesen. »Wie? Ihr häufet neue
Dankesschuld auf mich?« rief sie, »und noch ist die alte nicht abgetragen! Ihr
dürft sagen, dass ich das noch nicht versucht, nicht einmal mit einem Wort; aber
da Ihr mit dem Tode ranget, rang ich auch damit, und dann hab' ich Euch nur in
Gegenwart Anderer gesehen. Dienste, wie Ihr sie mir geleistet, die bezahlt man
nicht; ich konnte deren Wert nicht durch Anerbietungen verringern, wie mein
Gemahl sie Euch getan; mehr als dafür, dass Ihr Euer Leben für mich wagtet, muss
ich Euch dafür danken, dass Ihr mein Geheimnis wahrtet, mich nicht zum Gegenstand
einer abenteuerlichen Geschichte machtet. Was Ihr von mir erfahren, wollte ich
selbst vergessen, wollte ich, dass Ihr es vergässet und mich selbst dazu: und nun
kommt mir immer wieder die neue Pein, dass Ihr mich trotzdem nicht vergessen
habt, dass ich Euch keine Fremde geblieben - und dass Ihr mich doch - verachtet -
verachten müsst.«
    Die Glut höherer Erregung war in ihr Antlitz getreten, als sie so sprach;
aber jetzt erbleichte sie plötzlich, weil sie so gesprochen hatte. Sie lehnte
sich an das Marmorbecken, um nicht umzusinken, alle ihre Pulse waren in
fieberhafter Unruhe und die blauen Adern schimmerten dunkler durch das zarte
Weiss der Haut.
    Ulrich beugte ein Knie vor ihr und sagte: »Ich knieete bisher nur in Kirchen
und vor Altären - noch niemals vor einem Menschen! Wenn Ihr nicht diesem Zeichen
meines Glaubens an das edelste und tugendhafteste Weib vertraut - so habe ich
kein anderes.«
    Sie fasste seine Hand, neigte sich über ihn, und ein Strom von Tränen
stürzte aus ihren glänzenden Augen, die seit Jahren Niemand weinen gesehen. »Ihr
seid ein geweihter Hohenpriester der Kunst,« sagte sie, »schaffet, was der Geist
Euch eingibt, und wenn Ihr es nicht verschmähet, so möcht' ich in Euere Hände
den Auftrag legen, das Grabmal meines Vaters Martin Behaim mit einem Kunstwerk
zu zieren, wie Euer Genius es in sich trägt.«
    »Dann,« sagte er, »werdet Ihr im Stein verewigt daran stehen als der
weinende Genius der Liebe.«
    Aber da er dieses Wort gesprochen und mit seinen glühenden Lippen zum ersten
Male die weiche Sammetand eines Weibes berührt hatte, zum ersten Male seine
lebenswarme Nähe gefühlt, den Hauch seines Mundes und die warme Träne seines
Auges auf seiner Stirn - da sprang er auf und sagte so gefasst als möglich:
»Vergebt meinem Eindringen, und wenn Ihr mir mit etwas danken wollt, so sei es
damit, dass Ihr verschweiget, wer Euch den Vogel gebracht, sobald ich mich so
unbeachtet entfernen kann, wie ich kam,« und um seine Bewegung zu bemeistern und
zu verbergen, fing er den Vogel, der sich lustig auf den Zweigen einer kleinen
Ceder wiegte.
    Elisabet nahm ihn selbst auf ihren Arm und küsste sein schimmerndes
Gefieder. Das schien ihm zu gefallen, er blieb ruhig sitzen, krauste seine
Kopffedern auf und zupfte mit dem rundgebogenen Schnabel an den Falten ihres
Leibchens. Sie wollte sich selbst zur Sammlung und Ruhe verhelfen und las den
Zettel, den er an seinem Halse trug, worauf Ulrich in kurzen, aber deutlichen
Worten niedergeschrieben, was ihm Rachel vertraut hatte.
    Gefasster, als vorhin, sagte sie jetzt: »Vielleicht kann mein Bruder Martin
Euch besser danken, als ich vermag. Ihr seid ja wohl bewandert in der Geometrie
und Matematik, deren ewigen Gesetzen er seine grossen Entdeckungen verdankt.«
    »Ihr vergesst,« fiel ihr Ulrich in's Wort, »dass ich gern ungenannt bleiben
möchte.«
    Sie entgegnete nichts auf diese Einrede, und da er noch einmal sich
verbeugend Miene machte sich zu entfernen, sagte sie die Augen niederschlagend:
»Nur noch eine einzige Frage: wie kam't Ihr zu dem Ringe, der meine
Namensbuchstaben trug?«
    »So hat ihn Euch doch der Jude Ezechiel gebracht, der ihn von mir forderte,«
antwortete Ulrich, »da ich ihn nur gefunden, wo er ihn verloren.«
    Elisabet versank in Nachdenken und fragte dann: »Ihr waret nicht wieder mit
jenem Ritter zusammen? - Wenn nicht er - sandtet Ihr den Juden zu mir?«
    »Nie würde ich mich dessen unterfangen haben!« beteuerte Ulrich; »ich mag
keine Gemeinschaft mit diesem Menschen, der wahrscheinlich auch nur an Euch sich
drängte, um niedern Eigennutzes und irgend eines unsaubern Planes Willen. Nur
nicht einen Solchen zum Vertrauten.«
    »Er hat sich nicht wieder zu mir gewagt,« sagte Elisabet.
    Er sah sie forschend an. Hatte sie ihm den Juden gesandt oder nicht? Er
hatte es erst nicht geglaubt, weil er sie zu stolz dafür hielt, weil sie ihn
selbst bisher nur wie einen Fremden behandelt - und jetzt war dieser Stolz ja
plötzlich gewichen, jetzt redete sie zu ihm wie zu einem vertrauten Freund;
jetzt verriet sie, dass sie wohl von ihm einen Aufschluss über den Ring hätte
erwarten mögen und darum wohl eine Unterredung mit ihm begehren können - und
dann erschien es ihm wieder unglaublich, dass sie ihn, wenn sie damals ohne
Antwort von ihm geblieben, heute freundlich würde empfangen haben. Jetzt war der
einzige Augenblick, wo er darüber, über sie selbst und den Juden zu einer
Gewissheit kommen konnte - er musste sie haben.
    »Ezechiel,« sagte er, »wollte mich selbst zu Euch führen - ihr zürnt mich
nicht, dass ich seine Vermittlung zurückgewiesen?«
    »Was sagt Ihr?« rief sie, wessen hat der Jude sich unterfangen?«
    »Ihr wusstet nichts davon?« fuhr er fort; darum hatte ich doppelt Recht, ihn
zum Vertrauten zu verschmähen.«
    Elisabet stand starr und forderte: »Jetzt müsst Ihr mir Alles sagen!«
    »Ihr hab't Recht!« sagte Ulrich; »die Wahrheit über Alles - nur sie allein
ist grosser Seelen würdig und kann ihnen zum Sieg verhelfen wider alle Feinde,
wider alle Fallstricke, die sie uns legen wollen, oder in die wir selbst uns
verwickeln« - und er erzählte, dass der Jude noch einmal zu ihm gekommen und zum
Beweis, dass es in ihrem Auftrag sei, jenes Titelblatt mit ihrer Unterschrift
gebracht habe.
    »Ich vermisste das erst gestern!« rief sie von Scham und Zorn gleich
leidenschaftlich erregt. »Der schändliche Jude soll seine Frechheit büssen - ich
werde wohl noch so viel Macht haben, einen Juden bestrafen zu lassen; der Rat
von Nürnberg sucht längst um die Erlaubnis nach, dies Gesindel aus der Stadt
verjagen zu dürfen; es sei meine erste Bitte an den König Max, er wird und darf
sie mir nicht abschlagen.«
    Ulrich hatte wohl einen Zornausbruch Elisabet's erwartet, um so mehr, als
er von ihrer Unschuld überzeugt war; aber er hatte nicht gedacht, dass er zuerst
in Rachegedanken sich äussern würde - das hatte er nicht berechnet! Er war
hierher gekommen, weil er der Jüdin versprochen hatte, durch diesen Schritt ihr
Volk vor der blinden Wut des Pöbels zu schützen, und er überlieferte es der um
so sicherer treffenden kalten Rache der Patrizier. Und er selbst war in dieses
Ezechiel's Händen - aber Elisabet war es auch. Er musste sie daran erinnern.
»Ich vermute nach Allem,« sagte er, »dass dieser Ezechiel und der Ritter von
Streitberg Genossen sind, und dass es wohl geratener wäre für den Rat von
Nürnberg, sich jener frechen Strassenräuber zu bemächtigen, als wie das ohnedies
ohnmächtige Judengesindel zu verjagen.«
    »Auch das wird geschehen;« sagte Elisabet das Haupt stolz zurückwerfend;
ich habe lange still geduldet und gelitten und gehofft, ich würde dadurch die
Geduld jenes Räubers erschöpfen und seine Anschläge vereiteln; ich habe im
stillen christlichen Dulden ausgeharrt und einer höhern Hand die Rache
überlassen - mich nicht an die Seite der Chriemhilden und Brunhilden stellen
wollen, welche der Dichter der Nibelungen verherrlicht hat: aber immer auf's
Neue gereizt, fühle ich, dass etwas von ihnen in jedem Weibe lebt, und dass der
Himmel dem Weibe nicht nur die Bestimmung gab, zitternd zu dulden, sondern ihm
auch das Amt der Rächerin vertraute!«
    War das dieselbe Elisabet, die vorhin, ein schönes, sanftes, vom Gefühl
überwältigtes Weib sich über ihn geneigt und mit heissen Tränen seine Stirn
benetzt hatte - sie, die er hingerissen den weinenden Genius der Liebe genannt?
Jetzt stand sie stolz aufgerichtet vor ihm, in der Tat eine zürnende
Chriemhilde, die den Racheeid schwört und sich Streiter wirbt, ihn zu
vollführen; aus ihren Augen zuckten dunkle Blitze, die aufgezogenen Augenbrauen
darüber erhöhten ihren drohenden Ausdruck, die eine Hand auf das Herz gelegt,
die andere emporgehoben, glich sie einer beleidigten Göttin, die entschlossen
ist, die Entweiher ihres Altars zu strafen und zu opfern. -
    In diesem Augenblick öffnete sich die Tür: Ursula und Charitas Pirkheimer
traten ein, denen nun doch Elisabet's Entfernung zu lange währte, die sie
überall gesucht, vermutend, dass ihr unwohl geworden, und es da wohl besser sei
das lärmende Fest zu beenden - und die sie nun hier fanden - allein mit einem
Manne, der kein Gast war und in dem sie den Baubruder erkannten.
    Charitas erbleichte, wie sie ihn gewahrte, und Ursula warf auf Elisabet
mitleidig erschrockene Blicke.
    Diese holte nun einmal tief Atem, dann deutete sie auf den ihr wieder
entflohenen Vogel und sagte mit ihrer gewohnten ruhigen Geistesgegenwart:
»Diesen brachte mir eben der freie Steinmetz und damit die wichtigste Kunde für
meinen Bruder Martin; da Ihr aber wisst, dass die Baubrüder allen Umgang und Dank
von uns Profanen verschmähen, so hab' ich auch an diesem vergeblich meine
Beredtsamkeit erschöpft, mich zur Gesellschaft oder doch zu meinem Bruder zu
begleiten, und kann ihm für den grössten geleisteten Dienst keinen andern Dank
gewähren, als den, ihn wieder still zu entlassen, wie er gekommen, und auch Euch
zu bitten, seiner nicht zu erwähnen, damit ich ihm nicht vergeblich versprochen
habe, dass er in dieser Angelegenheit mit allen weiteren Fragen, gerichtlichen
und aussergerichtlichen Verhandlungen verschont werden soll. Geb't ihm dasselbe
Versprechen des Schweigens, und ich gehe mit Euch in den Festsaal zurück.«
    Charitas sagte sanft: »O ich beneide Jeden, dem es vergönnt ist, von der
profanen Welt sich zurückzuziehen, und werde Euch gewiss dies glückliche Vorrecht
nicht verkümmern.«
    Ursula, heiter strahlend von der ganzen Wonne eines jungen Eheglücks und
dadurch wieder in Anmut und Fülle neu erblüht, versprach Alles gern, was die
minder glückliche Freundin verlangen mochte, und Ulrich verabschiedete sich mit
kurzem Dankeswort von den Damen.
    Auf der Treppe begegnete ihm nur ein Diener; da Ulrich aber einen langen
schwarzen Mantel übergeworfen und so durch seine Tracht sich nicht verriet,
konnte ihn jener wohl für einen der Gäste halten, von denen sich bereits einige
entfernt. Als er auf die Strasse kam, schwankte ein Mann vor ihm her, dem seine
Füsse den gewohnten Dienst zu versagen schienen. Jetzt schien dieser seinen
Austritt aus dem Hause bemerkt zu haben und rief ihm zu:
    »Seid Ihr es, Herr Anton Tucher? Ihr hab't mir einen schlechten Dienst
erwiesen. - Ihr habt mir diesmal doch zu viel zugetrunken - aber nein, Ihr
soll't nicht sagen, dass Ihr mich wirklich zu Boden getrunken - aber hier - jetzt
hab' ich wirklich keinen Boden!«
    Ulrich erkannte die Stimme des Propstes Anton Kress, der ihn für Anton Tucher
halten mochte, mit dem Ulrich ungefähr die gleiche Grösse und Stärke hatte, und
mehr war in der Dunkelheit nicht zu erkennen. Offenbar hatte der Propst im
Trinken des Guten zu viel getan und nun sich fortgeschlichen, da er seinen
Zustand gefühlt, und wenn er auch sonst im vertrauten Männerkreise sich keinen
Zwang antat, wollte er doch vor der grössern Gesellschaft und den Damen
gegenüber seine Würde wahren. Was sollte Ulrich tun? Wenn ihn Kress, der ihn aus
dem Hause Scheurl's hatte treten sehen, erkannte, so konnte er keine Erklärung
geben, die nicht ihn und Elisabet einem unwürdigen Verdacht ausgesetzt hätte;
da er ihm auch nicht von Rachel sagen mochte und konnte - er war einmal in
diesem Netz von Heimlichkeiten gefangen; aber jedes Bedenken wies er von sich,
da er den Propst an dem Eckstein taumeln sah, nahe daran zu fallen oder sich zu
stossen. Ulrich sprang ihm bei und bot sich ihm als Stütze.
    Anfänglich erkannte der Propst ihn nicht, hielt ihn noch für Anton Tucher
und sagte: »Ei, das ist wacker, dass ihr mit mir geht - indes ist's nicht so arg
- ich fände den Weg schon noch. Ein capitaler Wein! in jedem Humpen eine andere
Sorte! dazu die schönen Frauen gegenüber - man kann doch die Augen nicht
zublinzen, da sie selbst ihre Reize zeigen! Da erhitzt man sich mehr, als wenn
die Männer allein! Die schönste freilich bleibt immer Frau Elisabet, ist sie
auch nicht die Jüngste mehr! Ihr müsst es zugesteh'n, wenn Ihr auch sonst nicht
für sie eingenommen! Bald eine antike Venus, bald eine christliche
Himmelskönigin. Sie kann das viele Trinken nicht leiden und läuft immer fort,
wenn die Zungen schwer werden, und man ihr die Artigkeiten lieber handgreiflich
als mit zierlichen Worten sagte. Wer weiss aber - der junge Immhof war auch
verschwunden - wer weiss, ob sie nicht mit ihm in einem ihrer feenhaften Gemächer
ein Schäferstündlein gefeiert! - Aber warum redet Ihr gar nicht? Denkt Ihr, ich
sei nicht genug bei Verstande, Euch anzuhören?«
    Von Allem, was der Propst so und weiter schwatzte, und schilderte, erglühte
Ulrich selbst viel mehr, als der Trunkene, der noch in Gedanken an Wein und
Weiber schwelgte. Jetzt wollte er nicht von ihm erkannt sein - nicht um sich
einen Verdacht und Fragen, sondern um dem Propst, seinem Oheim und geistlichen
Vorgesetzten, eine Beschämung zu ersparen. Er verharrte darum hartnäckig in
seinem Schweigen und wollte sich an der Haustür der Propstei entfernen, ehe
etwa Beleuchtung käme, ob auch der Propst ihn mit Gewalt zurückhalten wollte und
immer rief:
    »Ich lasse Euch nicht fort - bis ich weiss, wer mein stummer Begleiter
gewesen!«
    Da stürzte plötzlich eine Gestalt hervor, die indes unbemerkt unter einem
der nächsten Schwiebbögen gehockt hatte und rief:
    »Herr Propst, geb't einem verirrten Pilger ein Obdach für die Nacht!«
    Ulrich kannte diese Stimme, und jetzt rief er, vor dieser plötzlichen
Erscheinung alles Andere vergessend: »Um Gotteswillen öffnet und nehm't ihn mit
hinein!«
    »Ulrich!« rief der Propst erschrocken und ernüchtert.
    »Ulrich!« rief auch der Andere mit freudigem Erschrecken.
    »Still! nur auf offenem Platz keine Fragen und Erklärungen!« rief Ulrich;
»nehm't uns mit in das Haus, Herr Propst, aber in aller Stille, und steckt uns
in die nächste dunkle Ecke Eures Hauses, wo uns Niemand vermutet und findet!«
    Der Propst hatte schon den gewichtigen Klöppel an der Haustür dreimal
geschwungen und sagte: »Hoffentlich macht sich's die Haushälterin bequem und
öffnet von oben, dann könnt Ihr mit eintreten, und ehe sie mit Licht herabkommt,
kann dieser da links in die Tür schlüpfen. Du gehst rechts mit mir, Dich kann
sie sehen - aber ihn nicht, denn sie kennt ihn auch.«
    Es geschah so, wie er gesagt. Die Tür sprang auf, die Drei traten ein, die
Haushälterin kam erst mit Licht die Treppe herab, als der Propst schon den
zuletzt hinzugekommenen Begleiter in ein dunkles Seitengemach geschoben hatte.
Das Gesicht des Propstes glühte noch von Wein und seine Augen funkelten; aber
Schreck und Angst hatten ihm die Besinnung wiedergegeben. Er nickte indes
lächelnd der Haushälterin zu und sagte auf Ulrich deutend:
    »Der da dachte, ich bedürfe seiner als eines notwendigen Stockes - da hab'
ich ihn denn gleich mitgenommen, und er mag die Nacht hier bleiben, da ihm indes
sein Haus verriegelt worden und ein Baubruder keinen nächtlichen Lärm macht.
Geht wieder hinauf und zur Ruhe, er mag in meiner Nähe in der Todtenkammer
schlafen.«
    Die schläfrige Dienerin gehorchte gern und war bald die Treppe hinauf und
verschwunden, indes Kress und Ulrich in das Wohnzimmer traten.
    Als sie allein waren, sank der Propst erschöpft auf seinen Lehnsessel, brach
in Tränen aus und jammerte: »Was soll nun werden? O ich habe es mir doch
gedacht, dass er wiederkommen wird, zu mir - gerade zu mir! Ich sollte sein
Todfeind sein, und er jammert mich doch! Von rechtswegen müsst' ich ihn
festalten und an das Kloster ausliefern. Er ist aus dessen Mauern geflohen -
zum Tode schon verurteilt, hat er noch ein todeswürdiges Verbrechen begangen!
Er hat sich auch an mir versündigt und an Dir, er hat mir sein feierlich
gegebenes Wort nicht gehalten. Hier an dieser Stelle war es, wo er schwor, Dir
nichts zu verraten - nun hat er Dich unglücklich gemacht und wird uns Alle in's
Verderben stürzen! -«
    »Um's Himmels Willen!« rief Ulrich, »Ihr seid jetzt nicht in der Stimmung,
kalt und ruhig zu überlegen, was zu tun ist! Schlaf't in Ruhe und lasst mich zu
ihm, damit ich von ihm höre, wie's ihm indes ergangen und was ihn hierher
getrieben!«
    »Schlafen? den Rausch ausschlafen, meinst Du wohl?« sagte der Propst
empfindlich; »ich bin schon schrecklich genug erweckt und munter geworden durch
diese Begegnung, und Du - wo kamst Du denn her - Du tratest hinter mir aus
Scheurl's Haus -«
    »O jetzt nicht von mir!« rief Ulrich; »sein Schicksal lasst uns bedenken! Wie
lange ist er sicher in dem ihm angewiesenen Versteck?«
    »Er kann dort nicht bleiben!« sagte der Propst. »Sobald meine Haushälterin
wirklich zur Ruhe, wollen wir ihn hinaufführen in die Bibliotek; zu ihr trage
ich den Schlüssel immer bei mir, damit nichts darin verrückt oder verräumt
werde, das fällt nicht auf, aber an den andern Gemächern pflegen die Schlüssel
zu stecken. Bis zur nächsten Nacht kann er dort bleiben - warum ist er nur
überhaupt hierher gekommen?«
    »Kommt mit hinüber, oder lasst mich gehen!« drängte Ulrich; »darnach wollen
wir ihn selbst fragen!«
    Das der Hausflur zunächst liegende Gemach, in welchem jetzt der flüchtige
Amadeus von Wildenfels verborgen war, hatte zunächst die Bestimmung, darin Leute
untergeordneten Ranges warten zu lassen, welche den Propst zu sprechen begehrten
und nicht gleich vorgelassen werden konnten, entweder weil er nicht zu Hause
war, oder schon andere bei sich sah, oder auch sein Mittagsschläfchen hielt,
worin ihn Niemand unterbrechen durfte. Dies Gemach hatte nur ein tiefes Fenster
mit einem auf die Strasse vorspringenden, kunstreich gearbeiteten Eisengitter.
Die Wände waren kahl und weiss, rundum liefen hölzerne Bänke an ihnen hin, ein
schwerer Eichentisch stand in der Mitte, ausserdem war alles leer, nur ein
grosses, ziemlich gut in Holz geschnjetztes Krucifix hing dem Fenster gegenüber.
    Ulrich und Kress traten schweigend ein.
    Amadeus sass auf der Bank dem Tische zunächst, und hatte sein Haupt auf
diesen gelegt. So schien er zu schlafen. Sein Gesicht war bleich, Haar und Bart
verwildert, aber die geschorene Platte noch sichtbar. Sonst erinnerte nichts
mehr an ihm an den Mönch. Er trug grosse Reiterstiefeln mit Sporen, lederne
Beinkleider und darüber ein Oberkleid von grüner Wolle, um den Leib einen
Gürtel, an dem ein Schwert hing. Neben ihm lag ein schwarzer Hut mit grosser
Blende und ein schwarzer Tuchmantel.
    Ulrich betrachtete ihn mitleidig und sagte: »Wer weiss, welchen weiten Weg er
gemacht, wie lange er sich ohne sicheres Obdach herumgetrieben - nun liegt er
ermattet hier und schläft.«
    Amadeus atmete tief auf und richtete sein Haupt empor. »Ulrich!« rief er,
»Du bist auch hier - und rettest mich auf's Neue?«
    Ulrich reichte ihm die Hand. »Wie ist Euch?« sagte er, »und von wannen kommt
Ihr? Ich habe dem Herrn Propst Alles gebeichtet, und er hat kein Geheimnis mehr
von mir!«
    »Bist Du mein Sohn? und hast Du mir vergeben?« fragte Amadeus.
    »Ich bin es, und habe Euch vergeben, wie ich hoffe, dass Gott mir vergeben
werde!« versetzte Ulrich.
    Der Propst sagte ernst: »Amadeus, unter welcher Bedingung erfüllte ich Eure
Bitte? Ihr hab't nicht Wort gehalten - Ihr hab't mit dem Verrat Eures unseligen
Geheimnisses den stolzen Mut dieses freien Maurers vernichtet, die fromme
Freudigkeit, mit der er an den Tempeldienst der Kunst sich hingab, ihm
geschmälert - sehet zu, dass Ihr ihn nicht noch mehr in's Verderben bringt! Ihr
könnt nicht über ihn wachen, wachet wenigstens über Euch und Eure Zunge!«
    »Eine harte Anklage!« sagte Amadeus; »aber ich habe mich selber schon härter
angeklagt, und oft gewünscht, ich wäre in den Klostermauern umgekommen!«
    »Lasst das jetzt!« unterbrach ihn Ulrich, »und erzählt lieber, wie Ihr
entkamt.«
    »Ich irrte im Walde Tage und Nächte lang umher,« begann Amadeus; »endlich
kam ich an eine einsam stehende Wohnung und musste sie betreten, um zu betteln,
weil mir längst die Lebensmittel ausgegangen. Eine mitleidige Frau nahm mich auf
und verpflegte mich einige Tage, da ich wunde und geschwollene Füsse hatte, die
mich nicht mehr weiter tragen wollten. Die Gegend, in der ich mich befand, war
mir unbekannt, und auf mein Befragen erfuhr ich, dass ich nicht weit sei vom
Schloss des Herrn Weispriach. Ich hatte einen solchen einst zum Waffengefährten
gehabt, und tat weitere Fragen nach Namen und Verhältnissen. Aber sie stimmten
nicht, und der jetzige Schlossherr war nur ein Neffe meines alten Freundes. Aber
dabei erfuhr ich, dass ein anderer meiner einstigen Kameraden seit dem letzten
Reichstag bei ihm sei, auch dass die Burg und ihre Herren weit und breit
gefürchtet wären als fehde- und beutelustig, und sich Niemand an sie wage, noch
an die Mauern ihrer Veste. Da beschloss ich dortin zu ziehen!«
    »Dortin gingt Ihr?« fragte Ulrich tonlos.
    »Zu diesen Raufbolden!« rief Kress.
    »Nun, sie haben mich sehr wohl aufgenommen und beherbergt,« sagte Amadeus
ruhig; »freilich erst erkannten sie mich nicht, bis ich ihnen teilweise mein
Geschick erzählt -«
    »Unglücklicher! Eidbrüchiger!« rief Kress; »Du sprachst von Ulrich?«
    »Nein,« antwortete Amadeus; »dies Geheimnis konnte nur ihm selbst gegenüber
über meine Lippen kommen; nur was mich allein betraf, habe ich Streitberg
erzählt.«
    »Eberhard von Streitberg war Dein Genosse?« fragte Ulrich.
    »Nun?« fragte Amadeus, der sich die entsetzte Miene des Steinmetzen nicht zu
deuten wusste.
    »Und wenn es Euch so wohl ging bei den Raubrittern und Wegelagerern, warum
seid Ihr nicht in dem alten Raubnest geblieben?« fragte höhnend der Propst.
    »Gestern kam ein Jude in die Burg,« erzählte Amadeus, »mit dem die Ritter
ein weitläufiges Geschäft zu haben schienen. Mit andern Sachen wollte ich ihm
Hut und Mantel verkaufen, die Du mir zu der Flucht gegeben, damit sie mich nicht
einmal verrieten - der Jude aber erklärte: die wären sein, er habe sie im
Benediktinerkloster vor einigen Wochen einem Baubruder geliehen, der
versprochen, sie wieder zurückzugeben. Er schilderte Dich und nannte Deinen
Namen, so wie den Tag meiner Flucht - ich zögerte nicht, ihm die Sachen zu
geben.«
    »Der Jude hiess Ezechiel?« fragte Ulrich.
    »Ganz recht, so hiess er.«
    »Nun sind wir ganz in seinen Händen!« rief Ulrich.
    »Aber warum kamet Ihr nach Nürnberg?« wiederholte der Propst noch einmal
eindringlich.
    »Weil es mir nun allerdings möglich schien, dass der Jude mich verraten
werde -«
    Aber Kress unterbrach Amadeus heftig: »Ach, wohl um die saubern Raubritter
nicht in Verlegenheit zu bringen, verliesst Ihr ihr verstecktes Nest und kommt in
die St. Lorenz-Propstei.«
    »Nein, sondern weil ich ganz aus dieser Gegend gehen will, zuvor aber Ulrich
sehen, ihn warnen und ihn mit mir nehmen - es sei denn: er wisse, dass der Jude,
der ihm zu den Sachen und damit zu meiner Flucht behülflich war, eine ganz
zuverlässige Person sei.«
    »Das ist kein Jude, und dieser Ezechiel vielleicht am allerwenigsten,«
entgegnete Ulrich. »Muss ein Schimpf über mich kommen, so komme er - aber ich
will ihn nicht selbst über mich bringen - das geschähe durch meine Flucht.
Niemand wird mich verleiten Unwürdiges zu tun! - Aber es ist gut,« fügte er
ruhiger hinzu, »es ist gut, dass Ihr Weispriach's Burg gemieden; vielleicht wird
sie von den Nürnbergern schon morgen belagert - und das möchte auch für Euch
nicht gut sein.«
    »Was sagst Du?« fragten Kress und Amadeus zugleich.
    »Lasst uns jetzt nur bedenken, wie Ihr unerkannt von hier fort kommt und
wohin? Wisst Ihr nicht ein sicheres Versteck, Herr Propst?«
    »Wir wollen das morgen überlegen!« sagte dieser. »Sein Rausch war zwar
vorüber durch dies geistige Uebergewicht der Ueberraschung und Aufregung, aber
jetzt folgte eine schlummerbedürftige Abspannung darauf. »Vor morgen Abend kann
er doch nicht fort: ich will ihn in die Bibliotek zur Ruhe geleiten - es steht
eine Polsterbank drinnen. Lasst es uns beschlafen; gute Gedanken kommen über
Nacht, und nicht, wenn man sie so im Augenblick herbeirufen will. Dort könnt Ihr
bis zur nächsten Nacht bleiben - und Ihr, Ulrich, schlaf't hier drüben; wer
weiss, ist die Haushälterin nicht munter, ehe Ihr in die Hütte müsst; sie darf
nichts verändert und Euch nicht wo anders finden, als Euch diesen Abend
angewiesen worden.«
    Was Amadeus und Ulrich jetzt noch gegenreden mochten, es half nichts - sie
mussten ihrem Wirt gehorchen, der Jeden in sein Gemach führte.
 
                                Viertes Capitel
                                    Gelübde
Im Hofe am Steig bei den zwölf Brüdern ging der Riesen-Jacob vor der Werkstatt
Meister Adam Kraft's müssig auf und nieder. Wie das Frühjahr gekommen war,
sehnte er sich von der städtischen Maurerarbeit wieder hinaus auf die freien
Felder des Benediktinerklosters, wo er, wenn auch nicht lohnendere, ja nicht
einmal leichtere, aber ihm doch besser zusagende Arbeit fand, als in der
Werkstatt des wunderlichen Künstlers, der ihn eigentlich zum Gespött seiner
Gesellen machte.
    Von dem Meister war er schon in aller Form entlassen worden und hatte seinen
Lohn erhalten, aber er begehrte noch die Meisterin zu sprechen und wartete, bis
sie zur gewohnten Stunde über den Hof kommen würde, wo sie ihrem Manne das
Vesperbrod zu bringen pflegte.
    Jetzt erschien sie auch, aber nicht allein, die Frau Vischerin war bei ihr,
die eilig herbeigelaufen war, um zu verkünden, dass ihr Ehemann, Peter Vischer,
gestern wieder aus Italien heimgekehrt sei, und dass sie ihm eine Ueberraschung
bereiten und seine besten Freunde die Meister Adam Kraft und Sebastian Lindenast
ihm zum Nachtmahl laden wolle, denn er selbst sei dermassen ermüdet von der
weiten, meist zu Fuss zurückgelegten Reise, dass er nicht aus dem Hause könne und
daheim nur seine Freude an den Buben habe, die indes gar gross und verständig
geworden, und dazu noch einer gekommen, den er zuvor noch gar nicht gesehen.
    Der Riesen-Jacob musste warten, bis dies Gespräch beendet war; die Zeit war
ihm dabei etwas lang und er selbst immer ärgerlicher darin in seinem Vorsatz
bestärkt, die Meisterin noch bei seinem Weggange zu ärgern, und sich selbst
nicht nur über sie, sondern auch durch sie einen Triumph zu bereiten.
    Als sich die Vischerin von Frau Eva Kraft verabschiedet hatte, trat Jacob
auf diese zu und sagte: »Nun, Meisterin, ich wollte nicht weggehen, ohne Euch
auch zum Abschied gesehen zu haben.«
    »Nun Gott geleite Euch!« sagte sie kurz und gab ihm die Hand.
    »Seht,« begann er, »ich habe immer, wenn ich den steinernen Drachen da
draussen vor der Tür sah, an Euch denken müssen.«
    »Unverschämter Mensch!« fiel ihm die Meisterin in's Wort, »mach' Er, dass Er
fort kommt!«
    »Nun, nun, lasst mich nur erst ausreden,« sagte Jacob und hielt sie zurück;
»ich habe das nicht zuerst gesagt, der hochwürdige Herr Propst Anton Kress hat
das aufgebracht! Ich mein' es mit Euch besser, als der, und will Euch nur noch
einen Rat geben, wie Ihr Euer Mütchen an ihm kühlen könnt!«
    »Ach, lasst mich in Ruhe!« sagte die Meisterin, und blieb doch stehen, um
neugierig zu hören, was eigentlich kommen sollte.
    »Ihr wisst,« begann dieser, »damals kam ein Benediktinermönch hierher, den
Propst abzurufen; ich kannte ihn wohl und meinte, dass es nicht recht richtig mit
ihm sein möge - nun, gestern hab' ich denselben Mönch, den Bruder Amadeus in
Laienkleidung bei Nachtzeit sich in das Haus des Propstes schleichen sehen - das
ist doch ganz wider die Ordnung. Nun will ich im Kloster nachfragen, was das
eigentlich ist mit diesem Amadeus; ich kann mir doch gar nicht anders denken,
als dass er aus dem Kloster entwischt ist, der Propst und die Baubrüder mit ihm
unter einer Decke stecken.«
    »Auch die Baubrüder?« sagte Frau Kraft besonders gespannt, denn zwischen den
profanen Bauleuten und den freien Steinmetzen bestand immer eine stille
Feindschaft; die Letztern sahen hochmütig in ihrer Abgeschlossenheit auf jene
herab, und die Erstern waren eifersüchtig auf den Nimbus, der die Letztern umgab
- sie ergriffen gern jede Gelegenheit, denselben vor dem Volke zu zerstören und
sich ihnen mindestens gleich zu stellen. Ein echter Künstler, wie Meister Kraft,
war wohl frei von diesem kleinlichen Neid und liess auch den freien Steinmetzen
Gerechtigkeit widerfahren, und sein grösster Triumph war, nur durch die eigenen
Leistungen seiner Kunst ihnen beweisen zu können, dass auch ohne Mystik und
Abgeschiedenheit von allen weltlichen Freuden Kunstwerke hervorgebracht werden
könnten von profanen Händen - aber seine Gesellen und Umgebung, auch seine Frau
vermochte er nicht auf diesen höheren und friedfertigen Standpunkt zu erheben;
sie kannte keine grössere Freude, als wenn Jemand einem Baubruder Uebels
nachsagen oder die ganze Genossenschaft lächerrlich oder verdächtig machen
konnte, mochte es von dieser oder jener Seite geschehen, mochte man ihnen
nachsagen, dass sie Kopfhänger wären, überspannte Phantasten und Schwärmer, die
allein meinten den rechten Weg in's Himmelreich zu kennen, alle irdischen
Freuden verachteten und mitten in der Welt lebend die Erde doch nur als ein
Jammertal betrachteten, das ihnen vergeblich seine Genüsse bot - oder mochte
man sie Spötter nennen, die bei ihren geheimen Gebräuchen und Lehren dem
Christentum und der Kirche Hohn sprächen, oder heimliche Jünger, die nur
öffentlich sich der grössten Sittenstrenge unterwürfen, bei ihren Zechen aber
oder auch allein im Verborgenen mehr sündigten als Andere. Darum spitzte Frau
Eva jetzt die Ohren, als sie hoffen konnte, etwas Verdächtiges von einem
Baubruder zu hören, und der Riesen-Jacob fuhr fort:
    »Am Tage, nachdem jener Mönch hier gewesen war, hat der Propst ein paar
Baubrüder hinaus in's Kloster geschickt, daselbst ein Sakramentshäuslein
auszubessern - nun, das hätten wir auch gekonnt, und wer weiss, haben sich der
Propst und der Mönch nicht erst die Modelle dazu bei uns abgeguckt.«
    »O ganz gewiss haben sie das getan!« rief die Meisterin entrüstet; »wenn
ihnen nur mein Mann nicht die herrliche Zeichnung hat sehen lassen, die er
selbst zu einem solchen Gehäuse gemacht!«
    »Der blonde Hieronymus und der Ulrich von Strassburg sind damals wochenlang
draussen im Kloster gewesen,« berichtete Jacob weiter, »und Einer von ihnen - ich
weiss nicht welcher, denn ich habe sie Beide stets nur miteinander gesehen - kam
diese Nacht mit dem Propst heim, und sie nahmen den Amadeus mit in die Propstei,
der schon so lange um sie herum geschlichen, dass ich ihn scharf in's Auge gefasst
hatte, weil ich dachte, er könne dort unmöglich auf guten Wegen wandeln.«
    »Was Ihr nicht sag't!« rief Frau Eva; »Ihr werdet wohl tun, das im Kloster
zu beichten - und ich werd' es hier auch nicht daran fehlen lassen.«
    Viel freundlicher als vorhin ward nun der rohe Handlanger von der Meisterin
entlassen, die sich innig freute, es endlich dem Propst entgelten lassen zu
können, dass er das Spässchen mit dem Drachen auf ihre Kosten gemacht hatte.
    Indes lief am selben Tage ein anderes wunderliches Gerücht durch die
Reichsstadt und beschäftigte in immer absonderlicheren Varianten die guten
Nürnberger. Da hiess es zuletzt gar: Zur Frau von Scheurl sei ein goldener Vogel
geflogen gekommen, der zwar nicht singen, aber reden könne, und der habe ihr
erzählt, wer das indische Reisegut Herrn Martin Behaim's geraubt, und sei dann
zu der Stelle geflogen, an der es vergraben liege. Wer etwa dazu ungläubig
lächeln wollte, wie zu einem einfältigen Mährlein, der musste doch verstummen,
als er einen stattlichen Zug, voran Herrn Christoph von Scheurl und die Gebrüder
Behaim, im Gefolge ihre Leute und Diener, und eine grosse Abteilung Stadtmilizen
vor das Tor ausrücken sah und dem Reichsforst sich zu bewegen. Oder wer diesen
nicht begegnete, der gewahrte vielleicht Frau Elisabet am Fenster ihres
Chörleins, wie ein herrlicher Vogel auf ihrer Achsel sass. War er auch nicht
golden, so glänzten die Farben seines Gefieders doch so wunderbar schön und
prächtig, dass er dadurch nicht minder fabelhaft erschien, als wär' er aus eitel
Gold gewesen. Wer den Vogel sah, der glaubte dann auch gern die andern
abenteuerlichen Erzählungen. Und für diese gewann die Nürnberger Phantasie bald
einen unendlich weiten Spielraum, als es am Abend hiess: man habe wirklich an der
Stelle im Walde, welche der Vogel angegeben, einen grossen Teil der Schätze
gefunden, die Martin Behaim mitgebracht und deren Beschreibung nun wieder nur
die staunenswertesten Dinge zu verkünden hatte. Im Triumph wurden die wieder
gewonnenen Kisten Behaim's in die Stadt geführt - und war nun einmal nur ein
Teil wieder da von den entschwundenen Herrlichkeiten, so hoffte man, der andere
werde sich nun auch schon finden - ja, man war entschlossen, ihn, wenn es sein
musste, mit Sturm und Waffengewalt zu erobern.
    Die Ritter von Weispriach und Streitberg erhielten von dem Rat von Nürnberg
eine Vorladung, vor Gericht zu erscheinen und sich gegen die wider sie erhobene
Anklage auf Friedensbruch und Strassenraub zu rechtfertigen oder darauf gefasst zu
sein, dass gegen sie erkannt und verfahren würde wie Rechtens. Diese Anklage
stützte sich natürlich nicht nur auf die Angabe des indianischen Raben - mochte
sie dieser nun schriftlich mitgebracht, oder wie im Volke die Sage ging, selbst
redend gemacht habe - sondern auf die übereinstimmende Schilderung des Boten,
der die erste Nachricht von dem Ueberfall an Scheurl gebracht hatte, mit den
Aussagen der Verwundeten und Geflohenen, die von Augsburg her dem Transport zum
Geleite gedient hatten. Keiner von ihnen kannte zwar die beiden Ritter
persönlich, aber ihr Signalement der Räuber passte doch auf diese, und da sie
schon mehr als einmal im Verdacht solcher Heldentaten gewesen waren, so war es
mehr als wahrscheinlich, dass sie auch dieses Verbrechen verübt.
    Nun hatten aber freilich die Ritter guten Grund der Vorladung zu spotten und
den Spruch des Rates von Nürnberg zu missachten; denn sie meinten, dass nicht
dieser, sondern allein der Markgraf Friedrich von Zollern das Recht habe,
Gericht auf Nürnbergischem Gebiet zu hegen, und sie nur dem Spruche dieses im
Namen des Kaisers burggräflich gehegten Landgerichtes sich zu fügen hätten, da
ihre Burg sowohl als der Ort der Tat nicht die Stadt Nürnberg selbst sei, und
diese selbst auf dem ihr gehörenden Grund und Boden, der ausser der Stadt
gelegen, keine Macht habe zu richten. Aber eben über diesen Punkt war der
Nürnberger Rat mit dem burggräflichen Gerichtsamte niemals einig, es fanden
stets Reibungen und Streitigkeiten statt, und wie es bei unsichern
Rechtsverhältnissen immer geht, wo jede Behörde die andere der Uebergriffe
verklagt und das Recht der Entscheidung meint allein auf ihrer Seite zu haben,
so ging es auch hier: die Angeklagten selbst hatten davon den grössten Nutzen,
sie brauchten nur zu erklären, dass sie die Competenz der Behörde, die sie zur
Verantwortung ziehen wollte, nicht anerkannten - so verging immer Zeit und die
Sache verschleppte sich.
    Diesmal aber trat doch das burggräfliche Landgericht auf die Seite des
Nürnberger Stadtgerichtes und beschloss die Handlungen desselben zu unterstützen.
    Markgraf Friedrich von Zollern war zwar gerade abwesend und bei dem Kaiser
Friedrich in Linz, aber der stellvertretende Richter hatte es in guter
Erinnerung, dass Frau von Scheurl die Pate seines Herrn und von ihm in Ehren
gehalten war; ebenso wenig vergass er, dass sie Gnade vor dem römischen König und
künftigen deutschen Kaiser gefunden, wie ihr Gemahl die Adelswürde: dass es darum
wohl nicht klug gehandelt sei, ihre Wünsche nicht zu berücksichtigen; dass es
also geraten sei, einmal einer Klage des Nürnberger Rates über Gewalttat und
Friedensbruch von Seiten adeliger Strassenräuber Gehör zu geben.
    Darum sandte wenig Tage nach der höhnenden Antwort der Ritter auch das
burggräfliche Landgericht eine gleiche Vorladung zur Verantwortung über die
wider sie erhobenen Anklagen an die beiden Ritter, die allerdings einer solchen
sich wenig versehen hatten. Indes verweigerten sie auch jetzt zu erscheinen mit
der Ausrede: dass doch nur die Nürnberger Krämer den burggräflichen Landrichter
bestochen hätten, und dass jene sich nicht rühmen sollten, dass Edelleute, die nur
den Kaiser als ihren Herrn anerkannten, über ihr Tun und Schalten ihnen
spiessbürgerlich Rechenschaft abgelegt.
    So kam es denn wirklich zu einer Belagerung von Weispriach's Burg. Unter
denen, die dazu mit ausgezogen waren, befanden sich auch Georg Behaim und
Stephan von Tucher. Der Letztere wollte sich dadurch den Ersteren versöhnen, der
ihn immer seit dem Schlittenstechen beim Schönbartlaufen scheel angesehen hatte,
und noch mehr Frau Elisabet dadurch seinen Dank beweisen, die ihm ganz allein
zu dem Besitz Ursula's verholfen, an deren Seite er jetzt ein heiter glückliches
Leben führte.
    Ursula selbst, vielleicht noch mehr von Glück und Dankbarkeit durchdrungen
als er, hatte ihn am wenigsten zurückhalten mögen, und doch war ihr bange, da er
von ihr ging, an einer Fehde Teil zu nehmen, die ihn gerade in die drohendsten
Gefahren bringen konnte, wie eine solche Belagerung; denn auf die Helmbüsche der
Ritter pflegten die Belagerten immer am ehesten und schärfsten zu zielen.
    In der Angst während seiner Abwesenheit suchte sie am öftersten Trost und
Ruhe bei Elisabet.
    Schon seit der Reichstag beendet und in Nürnberg wieder Alles in's gewohnte
Geleis gekommen war, hatten die Gobelinsstickerinnen für die Lorenzkirche ihr
Geschäft wieder begonnen und pflegten wenigstens wöchentlich einige Mal dazu bei
Frau Elisabet zusammen zu kommen. Jetzt waren sie so weit gediehen, dass sie, um
die einzelnen Teile des Teppichs zusammen zu passen, sich an Ort und Stelle
selbst begeben mussten.
    Elisabet hatte dieses Vorhaben dem Propste Kress melden lassen, den sie seit
ihrer Geburtstagfeier nicht gesehen, was sie um so mehr befremdete, als er sonst
ein öfterer Gast in ihrem Hause war und sie seine guten Eigenschaften sehr wohl
zu schätzen wusste, wenn sie auch seine Spässe manchmal zum Erröten zwangen.
    Da erfuhr sie, dass er seit jenem Tage krank gewesen und nicht ausgegangen,
aber er liess ihr sagen, dass er um ihretwillen hinüber in die Kirche kommen
werde.
    Elisabet und die Schwestern Pirkheimer waren die Ersten, die sich darin
einfanden. Das hochgewölbte Schiff der Kirche war ganz leer und still, nur von
drüben aus der Bauhütte und von oben vom Turm herab schallte das Hämmern und
Meisseln der fleissigen Steinmetzen.
    »Wie schön wäre es,« sagte Charitas, »wenn es auch eine Schwesterschaft
gäbe, dieser Baubrüderschaft nachgebildet! Wenn auch wir Frauen uns vereinen
dürften, in heiligen Gelübden unser ganzes Leben einer frommen und erhabenen
Arbeit zu weihen und so einen grossen und schönen Lebenszweck gemeinschaftlich zu
verfolgen. So bleibt uns, um diesen Wunsch zu erfüllen, nur das Kloster.«
    »Freilich müssen wir Frauen uns beinahe mit Gewalt, oder wenigstens doch im
steten Kampfe mit der rohen Gewalt - jede Möglichkeit eines edlen Wirkens für
unser eigenes Heil wie für das Allgemeine erobern,« sagte Elisabet; »aber
besser so, als im engen Kloster einschlafen oder mit versteinern.«
    »Nein! so ist es nicht!« rief Charitas Pirkheimer; auch unter den Klöstern
gleicht nicht eines dem andern. So herrscht im hiesigen Clara-Kloster unter den
Nonnen ein reger Eifer für Wissenschaft und Kunst, gleichsam ein treugepflegter,
kräftig wachsender Baum, der seine Zweige auch über die Klostermauern
hinausbreitet, aufwärts strebt in den Himmel und hinaus zu den Menschen, sie mit
seinen Schatten zur Ruhe zu leiten und mit seinen Früchten zu erquicken. Dort
weilt eine alte Verwandte von uns, die wir erst kürzlich besuchten, an deren
tiefer Gelehrsamkeit sich Alle laben und die den regsten Eifer für die
Wissenschaften unter den Nonnen weckt und wach erhält. Und was sie für die
Wissenschaft, das ist Schwester Ulrike für die Kunst. Eine edle Frau, die gewiss
sehr tiefes Weh im Leben erfahren hat, die aber hindurch gedrungen ist zum
Frieden der Seele, den die Welt nicht gibt. Ihr Orgelspiel und Gesang sind
vollkommen Alles, was zur Kunst gehört, hat sie das vollste Verständnis. Ihr
solltet hören, wie begeistert sie von der Baukunst spricht und wie sie die
geheime Symbolik derselben zu ihrem Studium gemacht hat; vielleicht knüpft sie
auch oft für sich selbst eine eigene Symbolik daran und schmückt sie mit ihrer
poetischen Phantasie. Ich glaube, wenn man sie früher das Mechanische der
Steinmetzarbeit gelehrt, sie hätte eine zweite Jungfrau Sabina sein können, die
den Strassburger Münster mit verherrlicht hat. Ich wollte, Ihr kenntet diese
Frau.«
    Clara fügte die Rede der Schwester ergänzend hinzu: »Mir fiel diese Nonne
durch eine wunderbare Aehnlichkeit auf; es war mir, als habe ich dies Gesicht
schon gesehen, gleichwohl konnte ich mich lange nicht besinnen, wann und wo,
aber da ich den Steinmetzgesellen Ulrich wiedersah, brauchte ich mein Nachdenken
nicht mehr anzustrengen: ihm glich sie auf ein Haar.«
    »Und darum,« sagte Elisabet mit feinem Lächeln, und doch selbst dabei
errötend, »darum zog Euch die Nonne an?«
    Charitas errötete auch und blickte die Augen niederschlagend zur Seite,
indes Clara sagte: »In Beiden zieht uns derselbe Ausdruck der Begeisterung für
das Heilige an, und Euch, Elisabet, nicht minder als uns; ich wenigstens werde
keiner Verläumdung glauben, die es anders von Euch zu behaupten wagt.«
    »Clara!« rief Elisabet und blickte sie drohend und zornig an. Aber konnte
sie nach der Verläumdung fragen? sollte sie von einer Beschuldigung sich
rechtfertigen, die ja noch gar nicht ausgesprochen war? Sie konnte nicht
zweifeln, dass Charitas, trotz des gelobten Schweigens, da sie Ulrich in
Elisabet's Gemach fand, dies doch gegen die Schwester nicht gehalten hatte. Kam
die Verläumdung gar von dieser Seite, oder hatte Streitberg sie ausgesprengt,
wie sie nach seinen Worten auf dem Maskenfest wohl glauben konnte? - Im Gefühl
ihrer strengbewahrten Tugend und ihrer weiblichen Würde hatte Elisabet
verächtlich lächeln können, wenn man da und dort sie die Buhlerin des römischen
Königs genannt - warum ward sie denn jetzt so aufgeregt von diesem einzigen
Worte?
    Aber plötzlich war es, als bebe der ganze gotische Bau und wolle über den
Frauen zusammenstürzen. Hoch aus den Lüften erscholl ein donnerähnliches Getöse,
die erhabenen Säulen und Strebepfeiler schienen zu schwanken, und ein hallendes
Echo tönte donnernd von ihren Wölbungen wieder, die hohen Bogenfenster klirrten
und das Farbenspiel der buntgemalten Fenster zitterte auf dem Fussboden und an
den Wänden. Die Seitenflügel am Altargemälde klapperten aneinander, die Pfeifen
der Orgel gaben wundersame Töne von sich, und der kaum vollendete hohe Chor
bebte, als sei er schon wieder dem Untergange geweiht; von draussen erschollen
rufende und schreiende Stimmen, und Elisabet war es, als habe sie Ulrich rufen
hören: »Halte Dich nur, bis ich komme!«
    Andere Stimmen aber schrieen durcheinander: »Tut's nicht! Ihr verderbt Euch
mit ihm! Ihr wagt zu viel!«
    Die Frauen standen auf den Stufen des Portals und öffneten die
Kirchenpforte, um hinaus zu flüchten oder zu sehen, was es gäbe, denn innen
zeigte sich keine Veränderung.
    »Zurück!« tönten ihnen befehlende Stimmen entgegen! »drinnen seid Ihr
sicher, hier können Euch die Trümmer erschlagen!«
    Elisabet wollte jedoch der Warnung nicht achten; aber der Propst selbst,
der eben schon unter dem Portale gestanden, drängte sie zurück, zog sie mit sich
in die Kirche und sagte: »Bleibt hier und betet für die Baubrüder, für Ulrich
von Strassburg und Hieronymus!«
    Die Schwester Pirkheimer sanken am nächsten Altar auf ihre Knie.
    »Beten? Herr Propst - und nichts als beten?« sagte Elisabet; »gibt es für
die Frauen niemals eine helfende Tat? Sag't, was geschehen, ich bleibe sonst
keinen Augenblick länger hier!«
    »Ihr müsst!« sagte er und hielt sie gewaltsam zurück; »stürzende Balken oder
Steine könnten Euch tödten, und bei einer gefährlichen Unternehmung zuzusehen,
ist auch nicht für Euch! Ein paar Gesellen arbeiteten an der höchsten
Turmspitze, da das Gerüst durch einen herabfallenden Stein auf einen morschen
Balken in's Wanken kam; sie retteten sich noch herunter, nur einer ist
beschädigt, aber nicht gefährlich; Hieronymus aber stand gerade auf dem
Turmgemäuer selbst, als das Gerüst zu stürzen begann, und ist da stehen
geblieben - kein Mensch weiss, wie er von da herabkommen soll, weder innen noch
aussen.«
    »Hieronymus ist also in Gefahr?« sagte Elisabet ruhiger; »aber Ulrich?«
fügte sie angstvoll hinzu.
    »Der war glücklich hinabgesprungen,« antwortete der Propst; »er entdeckte
zuerst den morschgewordenen Balken und warnte die Andern, aber Hieronymus hatte
nicht auf ihn gehört, und jetzt ist Ulrich eine Leiter tragend wieder das Gerüst
hinaufgeklettert. Er tat es Allen zuvor, und Jeder widerriet das Wagnis,
dessen Gelingen Keiner für möglich hält, gleichwohl war er nicht zurückzuhalten;
und es ist wahr, dass bei jedem andern Rettungsversuch für Hieronymus Stunden,
viele Stunden vergehen müssten, und er steht nur auf den höchsten noch nicht
festgekitteten Steinen des Turmes, der selbst mit zu beben schien. Ehe jene
Hülfe kommt, kann er verloren sein, kann aber auch nun zugleich mit Ulrich
hinabstürzen, anstatt von ihm gerettet zu werden.«
    Elisabet mochte nicht weiter hören, sie wollte selbst sehen, und riss die
Kirchentür auf, ehe es der Propst verhindern konnte. In wenig Augenblicken
stand sie selbst dem Gerüste gegenüber, von dem die Baubrüder das Volk
zurückdrängten, das indes sich daselbst zusammengefunden, von dem Getöse
herbeigelockt, das weitin geschallt war.
    Die Steinmetzen waren alle herbeigeeilt, um Hülfe zu leisten, unzählige
Hände waren beschäftigt, das Gerüst zu stützen, und unzählige Augen blickten
ängstlich zu dem Turme hinauf, auf dessen oberstem Gemäuer Hieronymus gleich
einer Bildsäule stand und keine Möglichkeit sah, herabzukommen. Der Aufblick zu
ihm schon machte Viele schwindeln - wie mochte dem zu Mute sein, der da oben
stand? - Und weiter unten ging Ulrich ebenso einsam über die schwankenden
Balken, die mit der vorhin brechenden Stütze ihren sichersten Halt verloren
hatten. Eine grosse Leiter vor sich her balancirend ging er die gefährliche Bahn.
Am obersten Ende der Leiter hatte er einen Strick befestigt. Jetzt hatte er sich
dem Turm genähert, hielt die Leiter hoch empor und rief Hieronymus zu, den
Strick zu fassen und ihn an das Gemäuer irgendwie zu befestigen. Hieronymus
neigte sich herab - er schien in der Luft zu schweben, man meinte schon ihn
stürzen zu sehen - ein jammervoller Schrei klang jetzt unten aus der schauenden
Menge, eine alte Frau drängte sich hindurch und rief verzweifelnd:
    »Mein Sohn, mein einziger Sohn!« Es war Mutter Marta, die auch das Gekrach
und die ahnende Sorge des Mutterherzens herbeigelockt.
    »Welcher ist Euer Sohn?« fragte Elisabet; »ach, ich kann mir denken, was
Ihr empfindet - ich empfinde es mit Euch!«
    »Ihr?!« sagte Mutter Marta mit dem Tone des höchstens Erstaunens, da es ihr
überhaupt sehr unerwartet war, so plötzlich mitten unter dem Volkshaufen neben
der stolzen Frau von Scheurl zu stehen, die sonst immer so streng jede Berührung
mit dem Volke vermied und es jetzt nicht achtete, wie ein Tagelöhner mit
schmutzigem Stiefel auf ihrer seidenen Schleppe stand und ein zerlumpter
Betteljunge mit den Quasten ihres Aermels spielte - »Ihr?« wiederholte Mutter
Marta, »Ihr fühlet das, die Ihr für keinen von diesen Beiden, nachdem sie ihr
Leben für Euch gewagt, ein Dankeswort hattet? Pfui, schämt Euch; viel eher
glaub' ich, Ihr freut Euch, wenn die wackern Burschen hier verunglücken, dann
könnt Ihr vollends vergessen, was sie für Euch getan - das wollt Ihr wohl mit
abwarten.«
    Maler Beierlein, der auch des Weges gekommen war, um bei der
Teppichberatung der Frauen in der Kirche mit gegenwärtig zu sein und sich jetzt
bis zu Elisabet durchgedrängt hatte, klopfte die alte Frau auf die Schulter und
sagte:
    »Gute Frau, Ihr wisst gewisslich nicht, mit wem Ihr sprecht, dass Ihr Euch
solcher frechen Rede unterfangt - das ist die edle Frau von Scheurl.«
    Marta schien nicht zu hören, all' ihre Sinne waren wieder in ihren Augen,
mit denen sie an dem Turme und an ihrem Sohne hing. Er hatte jetzt die Leiter
oben befestigt, unten hielt sie Ulrich; aber es war nur ein schmales Brett, auf
dem er stand - nur einen Schritt fehl, und er stürzte hinab, oder die Leiter
entglitt ihm und riss ihn mit, wenn der kräftige Hieronymus auf ihr stand. Jetzt
hatte er sie betreten - die Volksmenge hielt den Odem an - da klang ein
Betglöckchen aus dem Clara-Kloster herüber. Einzelne knieeten nieder,
unwillkürlich folgte die Menge diesem Beispiel, und mit einem Male lagen Alle
auf den Knieen, wortlos für die Baubrüder zu beten, die in solcher Todesgefahr
schwebten; Elisabet knieete dicht neben Marta und der Maler hinter Beiden, um
seine edle Gönnerin vor der alten Frau zu beschützen, die ihm nicht recht bei
Sinnen zu sein schien.
    Jetzt hatte Hieronymus die letzte Sprosse betreten - entweder musste er nun
über Ulrich, der knieend die Leiter hielt, hinwegsteigen, oder dieser sie
loslassen und vor ihm her gehen. Wie es schien, unterhandelten die Beiden
darüber. Das war der entscheidende Moment: liess Ulrich los, so konnte Hieronymus
mit der Leiter herabstürzen; liess jener nicht los, bis dieser über ihn hinweg
das schwanke Brett betreten, so konnte Ulrich um so sicherer hinabfallen - und
ausserdem war noch für beide Fälle eigentlich das Wahrscheinlichere, dass beide
fielen.
    Ulrich's Beharrlichkeit hatte gesiegt - Hieronymus war über ihn
hinweggeschritten! Jetzt - ein Aufschrei der Menge - ein Wegwenden und Verhüllen
der bleichen Gesichter, und dann doch wieder Hinaufwenden und Schauen - ein
krachender Ton - ein jählinger Fall - ist's Ulrich? - ist's Hieronymus? - -
»Gott sei Dank!« »Gelobt sei Jesus Christus!« murmelt und schreit es durch die
Menge - es ist nur die Leiter, die Ulrich sich selbst aufrichtend losgelassen,
die nun erst an den Turm zurückschlägt und von da den Strick zerreissend, mit
dem sie befestigt, herunterfällt und unten zersplittert - so kann auch der
Mensch zerschellen, der hier abgleitet! -
    Einige Minuten noch schwebten die Baubrüder in Todesgefahr - dann haben sie
das noch feste Gebälk erreicht. Ein donnernder Jubelschrei begrüsst die
Geretteten - bald darauf stehen sie wohlbehalten unten vor der Kirche und
Hieronymus umarmt Ulrich als seinen Retter! Die andern Baubrüder, der
Werkmeister und Pallirer mitten inne, begrüssen die beiden Helden des
Augenblickes; Mutter Marta will zu dem Sohne eilen, aber ihre Kraft hat nur
gerade so weit gereicht, als sie in ängstlicher Spannung des Ausgangs harrte,
der den Sohn ihr rauben, zerschmettern konnte - jetzt dachte sie erst: »wenn es
nun doch geschehen wäre?« und vor so grässlicher Vorstellung versagten ihr die
alten Füsse den Dienst - sie stürzte auf das Strassenpflaster nieder.
    Niemand kümmerte sich um die alte Frau; aber jetzt eilte Elisabet ihr nach,
hob sie auf, stützte sie an sich und sagte zu dem Maler: »Sag't es dort dem
Baubruder, dass seine Mutter hier ist.«
    Der Maler stand unschlüssig. Dass die edle Elisabet diesem Weibe beistand,
das sie erst frech geschmäht, erschien ihm zugleich unbegreiflich und
gefährlich, und als Elisabet ihn drängte, ihr Geheiss zu befolgen, sagte er:
»Wahrlich, ich male Euch noch einmal als Heilige der Barmherzigkeit gerade so,
wie Ihr jetzt dasteht - eine echte Christin, die, wenn man sie auf den einen
Backen schlägt, den andern noch darreicht.«
    Frau Marta war nicht etwa ohnmächtig oder bewusstlos geworden, sondern sie
hatte nur ebenso an allen Gliedern gezittert, dass sie gefallen war, und auf dem
Steinpflaster hatte sie sich nun die Füsse verstaucht und das eine Bein
aufgeschlagen, dass sie nicht zu gehen vermochte - sie musste sich also den
Beistand der Frau Scheurl gefallen lassen, und traute in der Tat kaum ihren
eigenen Augen, dass diese ihn ihr leistete. Sie war zu beschämt, um ein Wort des
Dankes zu sagen, und Elisabet zu stolz ein Wort zu sprechen, wo sie jetzt mit
einer Tat sprach - so stand das sonderbar zusammen passende Paar bei einander.
    Jetzt eilte Hieronymus auf seine Mutter zu - Elisabet legte sie in seine
Arme. Ulrich stand etwas von fern, seine Blicke begegneten denen Elisabet's -
dann kam der Propst und begrüsste auch die Geretteten.
    Gleichzeitig erscholl feierliches Geläute - es rief die Baubrüder in die
Lorenzkirche, darinnen ihr Kaplan ein Te Deum angeordnet hatte, zum Danke für
die Rettung aller Gefährdeten und der Verhütung weiteren Unglückes.
    Schnell waren die Baubrüder alle, von den Meistern bis herab zu den
Lehrlingen zum Zuge geordnet und gingen in die Kirche; aber obwohl sie sonst
ihren Gottesdienst allein abzuhalten pflegten, so konnten weder, noch wollten
sie es diesmal hindern, dass auch die profane Menge ihnen nachdrängte und
andächtig froh bewegt, wie sie erst angstvoll gebetet hatte, mit einstimmte in
den ambrosianischen Lobgesang.
    Inzwischen hatten sich auch die andern Stickerinnen zu den Gobelins mit
eingefunden, und sie alle knieeten vereint an einem Seitenaltar und dankten - am
innigsten Elisabet Scheurl und Charitas Pirkheimer.
    Als sie sich vom Gebet erhoben, sagte diese leise zu Elisabet: »Nun ist
mein Geschick entschieden; ich konnte noch schwanken - aber vorhin, als die
Sense des Todes über - über den Baubrüdern schwebte« (sie wiederholte sich, weil
sie keinen Namen nennen wollte) - »gelobte ich, wenn sie die Heiligen
beschützten, mich dem Kloster zu weihen. Von diesem Augenblicke an betrachte ich
mich als eine Braut des Himmels!«
    Elisabet umarmte die Freundin. Sie billigte im Innern ihren Entschluss nicht
- aber sie ahnte ihn: Charitas wusste seit diesem Augenblick, dass sie liebte, wo
sie nicht lieben durfte - und ging in das Kloster! Hier konnte sie im Geiste
einen Tempel bauen zu Ehre Gottes, wie der, zu dem ihre Gefühle schweiften in
der Wirklichkeit - sie wählte eine Gemeinschaft der Heiligen, weil die irdische
ihr versagt war.
 
                                Fünftes Capitel
                                 Befürchtungen
Die Hoffnungen König Maximilian's, seinen Vater mit seinem Eidam Herzog Albrecht
zu versöhnen, scheiterten an Kaiser Friedrich's unbeugsamen Sinn, der nicht eher
von einem Vergleiche hören wollte, bis Albrecht Regensburg wieder herausgegeben,
dessen Rückgabe dieser ebenso hartnäckig verweigerte, als sie gefordert ward.
Unter Androhung der Reichsacht lud der Kaiser die Regensburger vor seinen Stuhl
sich wegen ihres Abfalles zu rechtfertigen. Da ihm Jeder willkommen war, der
wider Albrecht Klagen anzubringen hatte, fanden zuerst dessen unzufriedene
Brüder Christoph und Wolfgang, von denen der erste die ehemals aufgegebene
Herrschaft jetzt zu besitzen wünschte, der andere durch Misshandlung eines
Dieners gekränkt war, williges Gehör; dazu kam der Löwlerbund, der gleich in
seinem Ursprung und Fortschritte gegen die anwachsende Macht des Baiernherzogs
gerichtet war.
    Da statt einer weitern Antwort derselbe Regensburg befestigte, so tat der
alte Kaiser zu Linz, unter freiem Himmel auf dem Richterstuhle sitzend, wie es
Brauch war, den Achtspruch über Regensburg und bot das Reich auf zu dessen
Vollstreckung. Die Löwler waren gerüstet zum Losbrechen unter ihrem Führer und
Urheber des Löwlerbundes Bernhardin von Stauff. Wer jetzt zu ihrem Heere stiess,
der war ihnen willkommen.
    Wie immer strömten da auch jetzt kriegslustige oder müssige Gesellen zu
einem solchen deutschen Heere, das sich gern durch neue Werbungen verstärkte und
dabei nicht ängstlich fragte und wägte, wer sich ihnen bot.
    Für Amadeus gab es daher keinen bessern Rat, als auch in dies Heerlager zu
flüchten, als ein kampfbereiter Krieger, der einst das Schwert wohl zu führen
verstanden und auch jetzt in seinen vorgerückten Jahren dazu noch wohl befähigt
war. Das war sein eigener Wille und war auch der Rat des Propstes, aber Amadeus
wiederholte noch einmal, dass er nicht scheiden wolle, ohne Ulrich mit sich zu
nehmen, der so auch die beste Gelegenheit habe, jeder drohenden Gefahr zu
entgehen.
    Zwar bangte dem Propst nicht minder um diesen - aber selbst von den heiligen
Banden der Baubrüderschaft umschlungen und bestrebt ihren schönsten und höchsten
Pflichten treu zu bleiben, konnte er selbst den Gedanken nicht fassen, dass
Ulrich so ohne Weiteres die heilige Stätte verlassen sollte und statt zu den
ewigen Werken der Kunst, statt zu dem schönen Beruf, Bauten des Friedens
aufzuführen, die Jahrhunderte hindurch Tausende von Menschen erheben und
veredeln mussten - zu dem rohen Handwerk des Krieges zu greifen, das nur ein
Leben der Zügellosigkeit und des Zerstörens war, eine Jagd nach Beute oder Ehre,
oder nur ein Mittel sein Leben zu fristen. Denn im Mittelalter ward - die
Glaubenskriege ausgenommen, mochten sie nun gegen Heiden oder Sarazenen, gegen
Hussiten oder die allein seligmachende katolische Kirche geführt werden - der
Krieger eben nur um des Soldes Willen Krieger, um eine Beschäftigung, ein
Unterkommen zu haben. Von Vasallen- und Heerestreue, noch ohne an ein höher
begeisterndes Motiv zu denken, hat die damalige Geschichte nur vereinzelte
Beispiele aufzuweisen. Es galt nicht für ehrlos und unwürdig, wenn ein Ritter
oder Söldnerhauptmann mit seinen Leuten morgen auf einer andern Seite focht als
heute: sie verkauften sich für den bessern Sold oder dahin, wo am ehesten auf
Triumphe des Sieges oder reiche Beute zu rechnen war. Und wie die Führer und
Ritter, so die Söldlinge, die Knappen und Trossbuben - fast niemals gab es ein
höheres Band sie zu halten.
    Ulrich war am Morgen nach der Nacht, die er in der Propstei zugebracht, aus
derselben zeitig in die Bauhütte gegangen, da der Pallirer sie nur eben geöffnet
hatte. Mit dem grössten Eifer meisselte er an einer Eichenkrone an einem Kapitäl,
denn er wollte gern noch so viel als möglich vollenden, und wusste nicht, wie
lange ihm noch das Glück der Arbeit gegönnt war!
    Als es am Abend dunkel geworden, ging er wieder in die Propstei. Noch einmal
überhäufte ihn Amadeus mit Bitten, mit ihm zu gehen, ja er drohete in seiner
heftigen Art auch nicht zu fliehen, sondern sich selbst dem geistlichen Gericht
oder dem Kloster zu überliefern, wenn man ihn allein ziehen lasse; aber Ulrich
blieb standhaft bei seiner Weigerung, oder er erklärte vielmehr noch einmal
einfach, dass ihn nichts zu einem Eidbruch verleiten werde, und dass er bleibe,
möge sein warten, was da wolle.
    Amadeus musste von ihm Abschied nehmen in dem Bewusstsein, dass er selbst das
ersehnte Glück, den Sohn wiedergefunden zu haben, mit dem Unglück desselben
erkaufe! -
    Kress, der den Tag über nur eine Stunde bei Amadeus in der verschlossenen
Bibliotek gewesen, und jetzt am Abend Ulrich mit hineingenommen hatte, duldete
nicht, dass derselbe sich lange verweile, um ja keinen Verdacht bei der
Haushälterin zu erregen. Ulrich musste also nach einer kurzen Zusammenkunft
wieder gehen, ja er musste auch dem Propst feierlich versprechen, nicht etwa wie
er erst sich anheischig gemacht, Amadeus bei der nächtlichen Flucht zu helfen,
oder durch das Tor oder in welcher Art zu begleiten. Amadeus musste allein und
wieder in andern Kleidern, als in denen, welche er jetzt getragen, die Stadt
verlassen, und es war dabei auch keine grosse Schwierigkeit, da ihn Niemand
kannte und Niemand verfolgte. Man konnte ihn jetzt sehr wohl für einen
gewöhnlichen alten Söldner halten, und Niemand vermutete unter dem Helm das
glattgeschorene Haupt des flüchtigen Mönches.
    Wenige Tage nach seiner Entfernung musste der Propst von seiner Haushälterin
hören, dass sie auf dem Markt von mehreren Seiten gefragt worden sei: der Herr
Propst habe wohl wieder Gäste, die nur zur Nachtzeit kämen und gingen, und denen
es in der Propstei besser gefiele als im Kloster? und dass man auf ihre Antwort,
die Frage nicht einmal zu verstehen, weiter gesagt: sie solle sich nur nicht
unwissend stellen, ganz Nürnberg wisse es schon, dass der Propst wie immer mit
den Baubrüdern unter einer Decke stecke, und dass sie einem Benediktinermönch,
dem es nicht mehr im Kloster gefallen habe, zur Flucht verholfen hätten.
    Mit Entsetzen vernahm Kress diese Reden, ohne zu ahnen, dass es Frau Eva Kraft
war, die sie auf Veranlassung eines ihrer Handlanger in Umlauf gebracht hatte,
nur um sich an dem Propst für den Drachen zu rächen, mit dem er sie verglichen
hatte. Sie verfolgte damit nicht etwa einen mühsam angelegten Plan; sie dachte
nicht entfernt daran, wider Gericht gegen den Propst zu zeugen, noch ihn
überhaupt in Untersuchung und Strafe zu verwickeln, so boshaft war sie nicht:
sie gönnte ihm nur ein wenig Angst und üblen Leumund; zu etwas Ernstlichem,
meinte sie, werde es nicht kommen, da den Geistlichen, und besonders den
hochgestellten, damals so viel durch die Finger gesehen ward; nur in den Augen
der Leute wollte sie ihn und namentlich die freien Steinmetzen herabsetzen,
denen auch nicht leicht aus den Anklagen von Laien und Profanen ein Nachteil
entstehen konnte, wenn nicht ihre Vorgesetzten und Meister, die ihrer Hütte, wie
die der Hauptütte von Strassburg die Klage annahmen und Urteil sprachen: denn
die Baubrüder hatten ihre eigene Gerichtsbarkeit und konnten nur erst, wenn sie
aus der Hütte gestossen waren, von Profanen gerichtet werden. Diese Vorrechte
derselben waren es eben, welche die andern Zünfte auf sie eifersüchtig machten -
und wie gewöhnliche Frauen ihren Neid und Groll, der, wenn berechtigt, den
Institutionen gelten sollte, an den einzelnen Personen, zu deren Vorteil diese
sind, auslassen möchten, so war auch Frau Eva in diesem Falle.
    Amadeus war fort - aber was konnte der Propst tun, sich gegen diese
Gerüchte zu schützen, wenn sie zu einer Untersuchung führten, und wie konnte er
wissen, ob sie nicht schon das Ergebniss einer solchen waren, die vor der Hand
noch innerhalb der Klostermauern geführt ward?
    Ulrich glaubte in denselben Gerüchten, die zu ihm drangen, die Hinterlist
Ezechiel's zu erkennen. So viel war ihm klar geworden durch Alles, was er im
Lauf der Zeit an sich selbst erfahren hatte, dass der Jude ein Vertrauter
Streitberg's, und dass es nur dadurch Rachel möglich gewesen war, ihm alle die
Nachrichten und Warnungen zukommen zu lassen, die er, um Unglück oder Unrecht zu
verhüten, von ihr empfangen hatte. Wenn er so Alles überdachte, fiel es ihm
plötzlich schwer auf's Gewissen, dass er den Edelsinn in ihr, der sie immer
angetrieben hatte Unglück zu verhindern, durch nichts bestärkt oder belohnt, dass
er sie immer von sich fern gehalten hatte und fast nur rauhe Worte für sie
gehabt, weil sie eine Jüdin und weil sie ein Weib war. Hätte er nicht das Gefühl
in ihr, das sie immer wieder zu ihm trieb, als dem einzigen Menschen, zu dem sie
das Vertrauen fasste: er werde bereit sein die Unschuld und die Wehrlosen zu
beschützen wie und wo es auch sei - hätte er das nicht unterstützen und pflegen
müssen, ihr nicht sagen, dass es ihm scheine, als sei sie in der Tat und im
Herzen eine Christin; hätte er nicht Alles tun müssen, sie vom Fluch des
Judentums zu erlösen und sie für das Christentum zu gewinnen? Hatte er, indem
er sie mied, nicht nur sich im Auge gehabt, nicht sein Gelübde, sondern nur den
Schein es zu bewahren.
    Was war es denn weiter, wenn er auch einmal in das Judenviertel ging? War es
nicht auch klug, wenn er jetzt Ezechiel unter dem Vorwand aufsuchte, dass er ihm
die im Kloster geliehenen Kleider bezahlen wolle, da sie der Eigentümer nicht
zurückbringe, obwohl der Jude damals alle Bezahlung verweigert hatte. Konnte er
nicht durch dies Anerbieten selbst Ezechiel irre machen in seinen
Voraussetzungen, oder ihm doch zeigen, dass er ihn nicht fürchte?
    In der Judengasse war die Wohnung Ezechiel's leicht zu erfragen und auch im
Dunkeln zu finden, als der in einen langen Mantel gehüllte Baubruder durch
dieselbe schritt. Ein matter Lichtschimmer brach durch ein Fenster des obern
Stockes. Ulrich tappte die finstere Treppe hinauf und stand vor einer kleinen
Tür. Es schien sich nichts dahinter zu regen, er lauschte und pochte.
    Er rief: »Ezechiel!«
    Nichts antwortete, aber es war Ulrich, als ob er leise Schritte zur Tür
gehen hörte.
    »Ezechiel oder Rachel!« rief er noch einmal, »wer ist daheim?«
    »Gott meiner Väter!« rief drinnen Rachel's Stimme, »ich täusche mich nicht -
Ihr seid es, Ulrich von Strassburg.«
    »Ich bin es!« antwortete Ulrich, »und ich hoffe, dass Ihr mir öffnen werdet,
damit ich mit Euch sprechen kann.«
    »Das kann ich nicht!« antwortete sie; »der Vater hat mich eingeschlossen -
aber seid Ihr allein?«
    »Ganz allein!«
    »So hört uns Niemand. O, Euch sendet der Himmel! Mein Vater lässt mich nicht
mehr aus dem Hause - aber lasst Euch nicht von ihm hier treffen!« rief sie
angstvoll.
    »Warum?« versetzte er; »ich komme seinetwegen, meine Schuld ihm zu
bezahlen.«
    »O das ist längst abgemacht!« fiel sie ihm in's Wort; »es bleibt jetzt keine
Zeit davon zu reden, auch nicht von dem Dank, den ich Euch schulde und mein
ganzes Volk, dass Ihr auf mich gehört - aber der, dem Ihr damals fortgeholfen,
ist ein Undankbarer.«
    »Was sagst Du?«
    »Er hat Euch an Streitberg verraten, ich sah ihn selbst auf Weispriach's
Schloss; aber ich erfuhr den Zusammenhang erst, als ich fort war und nachdem ich
schon bei Euch gewesen.«
    »Diesmal kommt Deine Warnung zu spät!« antwortete Ulrich.
    »Zu spät - war mein Vater schon bei Euch?«
    »Kürzlich? - nein!«
    »Er schweigt noch - aber er will sein Schweigen von Euch damit erkaufen, dass
Ihr ihm den Ring von Frau Elisabet wieder verschafft. Ihr hab't ihr jetzt einen
grossen Dienst geleistet - sie wird und muss es tun!« sagte Rachel.
    »Nie werde ich etwas von ihr verlangen,« sagte Ulrich stolz, »am wenigsten
etwas Schmachvolles!«
    »Nicht um Euretwillen, wenn Ihr an Euch nicht denkt - den Propst,
Hieronymus, Konrad - Ihr werdet sie Alle mit Euch verderben sehen!«
    Ulrich fühlte ein Schwert in seiner Brust, aber es war kein Schwert des
Kampfes, sondern des Gerichts. »Ich weiss, was ich zu tun habe,« antwortete er;
»ein Christ weiss es immer - er nimmt die Schuld allein auf sich, wie es sein
erhabener Meister mit der Schuld der ganzen Menschheit tat. Sieh', ich kam zu
Dir, um mit Dir von dem Christentum zu sprechen.«
    Eine lange Pause folgte. Dann antwortete Rachel dumpf: »Geh't, ich habe
weiter nichts mehr mit Euch zu reden - wir sind fertig. Ihr seid hier auch nicht
sicher - geh't.«
    Ulrich wartete noch einige Minuten, rief noch einmal hinein, aber es
erfolgte keine Antwort mehr. Er ging.
    Was ihm Rachel gesagt, erfüllte sich am andern Tage. Ezechiel kam zu ihm,
aber er wusste nichts davon, wie es schien, dass Ulrich Tags zuvor in seiner
Wohnung gewesen, und da Rachel es also mochte gut befunden haben, darüber zu
schweigen, so tat Ulrich um ihretwillen das Gleiche.
    Der Jude zeigte zuerst die alte kriechende Höflichkeit, sagte, dass er in
Not und Angst wiederkäme, um von Ulrich einen grossen Dienst zu erbitten, durch
den er allein grosses Unglück von ihm abwenden könne.
    Ulrich entgegnete ruhig, dass er sich wundern müsse, wie Ezechiel noch zu ihm
kommen könne, nachdem er schon das vorige Mal sein Vertrauen zurückgewiesen -
inzwischen aber erkannt habe, wie recht er daran getan, da der Jude nur ein
lügenhaftes Spiel mit ihm getrieben, um durch ein unredliches Mittel irgend
einen unredlichen Zweck zu erreichen; es sei wohl besser, wenn sie einander aus
dem Wege gingen und vergässen, je einander darauf begegnet zu sein.
    Diese Worte drängten den Juden rasch zum Ziel, da er daraus sah, dass Ulrich
in keinem Falle ihm vertrauen würde, und dass es unmöglich sein werde, durch List
und Verstellung etwas von ihm zu erreichen, so griff er gleich zu seinem
letzten, und wie er meinte, unfehlbaren Mittel: der Drohung.
    »Muss ich mich doch verwundern,« begann er, »dass Ihr mir möget also schnöde
begegnen. Ist es nicht in meiner Macht, Euch ganz und gar zu verderben? Hab't
Ihr nicht aus dem Benediktinerkloster fortgeholfen einem Mönch, der verurteilt
gewesen zum Tode? Hab't Ihr nicht damit selbst verwirkt den Tod vor dem
geistlichen Gericht? Ihr und Euer Freund, der mit Euch gewesen ist, und der
Novize, der Euch geholfen hat? Denkt Ihr, ich weiss das Alles nicht haarklein?
Aber ich weiss auch noch mehr. Wird nicht ein Baubruder, der nicht keusch und
züchtig lebt, sondern mit Frauenzimmern sich abgibt und zur Nachtzeit in ihre
Wohnungen dringt, mit Schimpf und Schande verwiesen aus der Genossenschaft
freier Steinmetzen? Denkt Ihr, ich weiss nicht, dass Ihr Euch hab't eingelassen
mit der schönen Frau von Scheurl, und dass Ihr trotzdem seid nachgeschlichen dem
armen Judenmädchen - seid zur Nachtzeit in die verachtete Judengasse
geschlichen, weil Ihr hab't gewusst, ich sei auswärts, hab't Ihr mir wollen
verführen mein einziges Kind?«
    »Haltet ein, so frech zu lügen!« rief Ulrich erglühend.
    »Oho!« antwortete der Jude; »ich habe viele Zeugen, und Ihr vermöget weder
mich einer Lüge zu zeihen, noch eine dieser Anklagen abzuwälzen, wenn sie werden
angebracht wieder Euch. Wenn die Tat sich lässt so klar beweisen, gilt auch das
Zeugnis des Juden, wenn Ihr das etwa darum verachten solltet; es gibt genug
Christen, die mit mir das Alles bezeugen werden - und soll Euch bleiben nicht
die mindeste Ausflucht. Aber ich hab' ein dankbar Gemüt und nicht vergessen,
dass Ihr Euch einmal angenommen meiner und meines Kindes, und hab't mir
herausgegeben den gefundenen Ring darum will ich schweigen, wenn Ihr mir nur
tut einen einzigen kleinen Gefallen: verschaffet mir denselben Ring wieder von
der Frau von Scheurl - denn der Ritter von Streitberg wollte einlösen sein
Pfand, und will mir nun an Leib und Leben, weil ich es habe vorher gelassen aus
meinen Händen.«
    »Der Ritter von Streitberg wird Euch schwerlich viel schaden,« antwortete
Ulrich, »denn die Nürnberger werden nicht eher von Weispriach's Burg ziehen, bis
sie sich der beiden gefährlichen Strassenräuber bemächtigt - und mir scheint, Ihr
tätet besser, Euch als ein Feind dieser Herren zu zeigen, als zuzugeben, dass
Ihr allezeit gemeinschaftliche Sache mit ihnen gemacht. Im Uebrigen muss ich Euch
wiederholen: sag't über mich aus, wahr oder falsch, was Ihr woll't - ich kann
Euer Verstummen nicht durch etwas erkaufen, das mir ganz unmöglich ist zu tun
-«
    »Ist nicht unmöglich!« feil ihm der Jude in's Wort. »Trotzdem, dass Ihr mich
nimmer hab't haben wollen zum Liebesboten, hab't Ihr Euch doch gegen mich
verraten; ich weiss nun um so mehr, wie Ihr steht mit der Frau von Scheurl, und
dass sie Euch wird jeden Wunsch erfüllen, den Ihr von ihr fordern möget, schon
damit sie nicht -«
    »Still!« gebot Ulrich und stampfte unwillig mit dem Fusse. »Ich höre nicht
länger solch' unsinniges Gewäsch mit an. Ich kann nicht tun, was Ihr woll't;
tut selbst, was Euch gut dünkt, redet mir nach, was Ihr wollt und wo Ihr es
wollt; ich habe kein Mittel, Euer Schweigen zu erkaufen und Euch vom Lügen-und
falschem Zeugnissreden zurück zu halten, denn ich verschmäh' es, Euch wieder zu
drohen wie Ihr mir: dass es mich auch nur ein Wort kostet, und Ihr seid
überwiesen an Streitberg's und Weispriach's Schuld mit Teil zu haben - seid
versichert, man wird keine langen Umstände mit dem Juden machen!«
    »Gott meiner Väter!« rief der Jude, »Ihr redet das nur so in das Blaue
hinein; der Jude Ezechiel ist alt und erfahren genug, um zu wissen, wie es mit
ihm steht und was er hat zu tun oder zu lassen. So lange Weispriach's Burg noch
steht, gebe ich Euch Bedenkzeit, so lange werde ich schweigen. schafft Ihr mir
bis dahin den Ring, so seid Ihr für alle Zeiten meiner Dankbarkeit gewiss. Dann
wird Ezechiel nicht allein schweigen, dann wird er Euch weiter helfen - Euch und
Amadeus, wird Euch dienen und der Frau Scheurl. schafft Ihr mir aber den Ring
bis dahin nicht wieder, so wird das Verderben kommen über Euch und Alle, die ich
da habe genannt, so wahr ich selbst Ezechiel heisse. Das überlegt Euch, und die
Wohnung des armen Juden wisst Ihr ja nun zu finden!«
    Damit ging er, ohne von Ulrich noch eines Wortes gewürdigt zu werden. -
    So war Ulrich in der Tat durch den Juden von einem Netz umsponnen, dass er
gar nicht einmal sehen konnte, aus welchen Fäden es gewoben, noch wen es mit ihm
umgab. Und wie es ihm jetzt schien, war kein höheres Motiv dabei im Spiele, es
war die gemeinste jüdische Geldprellerei, der er zum Opfer fallen sollte! - Die
Zeit, die ihm der Jude schenken wollte, schien ihm überflüssig als Bedenkzeit;
aber er wollte sie nützen im Dienst der ewigen Kunst, der er sich geweiht - und
vielleicht konnte er sie auch so nützen, Alles so zu leiten, dass er allein als
Opfer fiel und alle Gefahr und Schuld auf sich allein nahm, die jetzt drohend
über den Häuptern aller andern Wesen schwebte, die ihm im Leben teuer geworden,
ja die sich überhaupt ihm nur genaht.
    Wenig Tage darauf vernahm er mit Schrecken, dass der Propst Kress erkrankt,
vernahm er auch, was man in der Stadt über denselben redete; aber da er selbst
zu ihm ging, um zu warnen oder zu beraten, so gut es gehen wollte, ohne durch
ganz vollständige Mitteilungen die Angst des Propstes zu erhöhen, erfuhr er von
diesem, dass der Abt des Benediktinerklosters als sein Freund und Gönner selbst
bei ihm gewesen, um mit ihm im Vertrauen zu verhandeln: wie man das
Bekanntwerden eines unangenehmen Vorfalls unterdrücken, dem Kloster und der
ganzen Geistlichkeit eine Untersuchung und einen öffentlichen Eclat ersparen
könne.
    Ein Knecht, der früher schon im Kloster und später in der Stadt Dienste
getan, habe dem Abt berichtet, dass er den Bruder Amadeus in fast ritterlicher
Kleidung durch die Strassen Nürnbergs habe schleichen sehen, und dass ihn der
Propst mit einem Baubruder bei nächtlicher Weile mit in das Haus genommen und
bei sich verborgen. Auf diese Anzeige hin hatte der Abt in der Stille die Zelle
öffnen lassen, welche vollends zugemauert worden war, als der Gefangene darin
kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben hatte; da man bei dieser Öffnung nach
einigen Wochen keinen Leichnam darin gefunden, so war es freilich klar, dass
Amadeus geflohen war und dass er dies nicht ohne Helfershelfer hatte
bewerkstelligen können. Indes schien es dem Abt ratsam, darüber kein grosses
Geschrei zu erheben, sondern lieber zu tun, als ob nichts geschehen sei, so
lange nicht durch Amadeus selbst die Sache ruchbar würde; denn eben damals waren
in Kirchen und Klöstern mancherlei Missbräuche eingerissen und das Ansehen Beider
im Volke gesunken. Nicht etwa nur in den Klöstern, sondern im ganzen Volke, war
eine beispiellose Verschlechterung der Sitten eingerissen und eine entsetzliche
Verwilderung unter die Menschen gekommen; so wenig wie den Laien, so wenig galt
selbst vielen Geistlichen der gute Schein, oder man suchte, wenn nicht ihn, doch
das Ansehen durch Ketzergerichte und andere Zeichen eines geistlichen
Schreckensregimentes zu erhalten. Die aber zu den Besseren und Edleren der
höhern Geistlichkeit gehörten, wie der Propst Kress und der Abt des Klosters, die
suchten wenigstens die eingerissenen Uebelstände und Ungehörigkeiten, die sie
nicht ausrotten konnten und noch weniger an den Tag bringen, ohne in den Augen
der Menge ihrem eigenen Stande zu schaden, zu vertuschen, so gut es gehen wolle.
    Danach handelte auch jetzt der Abt in der Hoffnung, dass Kress, wenn er
Amadeus bei sich habe, oder seinen Aufentalt wisse, sich mit diesem selbst
leicht verständigen könne, dass er weit fort fliehen und sich verborgen halten
möge, ohne je Jemanden zu vertrauen, woher er komme und dass er ein zum Tode
verurteilter und entlaufener Mönch sei. Lieber werde ihm der Abt selbst die
Mittel zu weiterer Flucht verschaffen, als ihn der Verfolgung aussetzen, die ihn
vor ein geistliches Gericht bringen werde, das ihn zum Tode verurteilen müsste -
ein Urteil, das nun nicht wie das erstgefällte in der Stille des Klosters
vollzogen werden konnte, sondern das der Welt offenbar werden musste, weil andere
weltliche Personen und Gerichte mit darein verwickelt sein würden.
    Dieser vertrauensvollen Mitteilung setzte der Propst die andere entgegen,
dass allerdings Amadeus, aber erst einige Wochen nach seiner Flucht aus dem
Kloster eine Nacht bei ihm gewesen, dass er sich nicht habe entschliessen können,
dem bei ihm eine Freistatt Suchenden, dieselbe zum Gefängnis werden zu lassen,
noch sie ihm auf länger als einen Tag zu gewähren, und dass er Amadeus zum
Reichsheer gesandt, in der Schlacht den Tod zu suchen, den er verdient habe und
dem er doch im Kloster entronnen sei. Er erklärte nicht zu wissen und nicht
wissen zu wollen, wie und wann und durch wen Amadeus befreit worden, und
forderte zum Lohn für sein unumwundenes Geständnis von dem Abt, nicht nur die
vorher versprochene Zusicherung, dass ihm dann selbst kein Schaden daraus
erwachsen solle, sondern auch dass der Abt die ganze Sache unterdrücken und weder
unter den Mönchen, noch den Baubrüdern, noch den Befreiern forschen möge.
    »Sa lange das in meiner Macht ist und ich nicht von Aussen dazu gedrängt
werde,« versprach der Abt. »Ist es für die Ehre unseres Standes besser, Alles
als ungeschehen zu betrachten, so soll es so gehalten werden; ist es jedoch
nicht möglich, reden Andere oder die Tatsachen vor der Welt, so soll mit
Strenge gerichtet werden, und ich werde das Schonen nicht kennen, weder für mich
selbst, noch für Feind und Freund.«
    So weit war der Propst beruhigt für den Augenblick und doch voll Unruhe für
die Zukunft; es war ein Damoklesschwert, das über seinem Haupte hing, und auch
über dem Haupte Ulrich's.
    Der mehr weiche und gutmütige als starke und energische Charakter des
Propstes Kress war nicht dazu gemacht, solche Zustände mit Mut oder auch nur
Gleichmut zu ertragen, die ungewohnte Angst und Unruhe hatten ihm eine
Krankheit zugezogen, die ihn lange an sein Haus gefesselt hielt. Als Ulrich zu
ihm kam, teilte Jeder von dem Geschehenen oder Gefürchteten dem Andern eben nur
so viel mit, als nötig war zu beruhigen oder zu warnen; aber da Keiner wissen
konnte, wie der Würfel fallen werde, ob überhaupt eine Anklage und welche zuerst
sich erheben werde, so war es nicht möglich irgend eine Verabredung zu treffen
oder einen Plan zu Schutz oder Trutz zu entwerfen - ja Ulrich stand nur das Eine
fest, was er aber nicht sagte, dass er, wenn es zu einer bedenklichen
Untersuchung kam, sich als den einzigen Schuldigen selbst darstellen und zum
Opfer bringen wollte.
    So war noch Alles geblieben, als der Propst als ein Halbgenesener in die
Lorenzkirche kam, die Darbringungen weiblichen Fleisses, die Elisabet mit
gestiftet, zu beschauen, und als Ulrich, um Hieronymus aus drohender Gefahr zu
retten, sich selbst in die grösste begab. Die Rettung war ihm gelungen, und
Elisabet, die er inzwischen nicht wiedergesehen, hatte ihm auf offenem Markt
ihre Teilnahme zu erkennen gegeben. Lag darin nicht eine neue Gefahr - und
empfand nicht Ulrich doch nebenbei einen süssen stillen Triumph in dem geheimsten
Winkel seines Herzens?
    Ihm war es, als sei es der schönste Tag seines Lebens. Er hatte an ihm eine
Spitzsäule mit zierlichem Eichenlaub umrankt, das mit stachlichem Dornenwerk
darum zu streiten schien, und doch in der Krone den Sieg davontrug, vollendet
und eben sein Zeichen, den Kreis mit dem Winkelmaass durchschnitten,
hineingegraben, als er Elisabet zur Kirche vorübergehen sah und nicht lange
darauf das Gebälk am Kirchenbau erbebte, stürzte - und er nun, selbst der nahen
Gefahr entronnen, Alles aufbot mit Anstrengung aller seiner Kräfte sie von den
andern Baubrüdern abzuwenden und Hieronymus zu retten.
    Und da es ihm gelang und Hieronymus ihn innig umschlang und nichts zu ihm
sagte als: »Mein Bruder!« da hätte er laut aufjauchzen mögen in dem Bewusstsein,
dass er dem Freund hatte beweisen können, dass er noch ganz der alte für ihn sei -
und dass nun auch aus dessen Seele alles Misstrauen schwand, das sich darin
festgesetzt seit ihrer verschiedenen Meinung über die Juden und seit ihm Ulrich
wirklich etwas zu verbergen hatte. Das, was Ulrich selbst empfand gleich einer
Versündigung an dem Freund, die er doch auch nur aus Rücksicht für diesen
selbst, um ihn nicht durch einen Mitwisser zu einem Mitschuldigen zu machen, auf
sich lud, das war nun auf einmal von ihm genommen: denn er hatte ihm jetzt
gezeigt, dass er ihn mehr liebte als sein Leben, das er mit Freuden wagte an die
Rettung des seinen, da alle Andere es verloren gaben und ihn zurückhalten
wollten. Auch Mutter Marta war ihm versöhnt, und mehr - sie nannte ihn wieder
ihren zweiten Sohn, denn er hatte ihr ja den einzigen gerettet. Sie gestand auch
beschämt, dass sie es der stolzen Frau von Scheurl nimmer zugetraut hätte, dass
sie einer alten Frau wie ihr auf offenem Markte einen Liebesdienst erweisen
werde, aber sie fügte doch hämisch hinzu:
    »Freilich, sie fragt eben nach gar keiner Sitte, oder nach den Leuten, und
so wie sie den Vorschriften des Rates und der Schicklichkeit zum Trotz sich
prächtig kleidet, so tut sie auch für eine arme alte Frau, was sonst keine von
diesen hochmütigen Geschlechtern tun würde; aber ich hab' es gesehen, wie sie
ausser sich war vor Angst, da Ihr in Gefahr schwebtet, und darum warn' ich Euch,
Ulrich: wenn sonst vor keinem Weibe, so seid vor ihr auf Eurer Hut.«
    Ulrich wies lächelnd die Warnung zurück, aber er errötete leise und seine
Pulse gingen schneller, da er jenes Augenblickes gedachte, wo er in Elisabet's
Gemach von ihrer bezaubernden Nähe wie berauscht gewesen.
 
                                Sechstes Capitel
                                      Gift
Die alte Jacobea sass in ihrer kleinen Hütte an einem Regenabend mürrisch und
sinnend an einem niedergebrannten Holzfeuer ihres Herdes und rührte in einer
darüber befindlichen Pfanne, aus der übelriechende Dämpfe emporstiegen. Sie
murmelte unverständliche Sprüche dabei und betete eine Art Hexensegen über ihr
Gebräu.
    Damals eben erzählte man sich viel von Zauberei und Hexenmacht, besonders in
den angrenzenden Ländern, wie kluge Frauen allerlei Künste erlernen und üben
könnten, durch welche sie über Menschen und Tiere Macht erhielten, die ihnen
entweder zum Guten oder Bösen dienten, je nachdem man es beabsichtige oder auch
die Kunst verstände. Man verkündete und glaubte davon die fabelhaftesten Dinge.
Zwar knüpften sich daran weitere schreckliche Geschichten und Erklärungen. Jene
geheimen Künste sollten nur durch einen Pakt mit dem Teufel erlangt werden
können, und dieser jetzt weit öfterer als je auf Erden erscheinen, entweder
Einzelnen zur Nachtzeit in ihren Kammern, oder an Kreuzwegen und unter alten
Bäumen, oder, was eine von ihm sehr beliebte Stätte zu sein schien, auf den
Düngerhaufen der Gehöfte, wo er die sich ihm Verschreibenden mit Jauche taufte -
oder auch auf hohen Bergen oder freien Feldern mit einer ganzen höllischen
Genossenschaft und allen Nahewohnenden, die sich ihm ergeben wollten, zur
Veranstaltung von Hexentänzen und scheusslichen Orgien. Bald zogen die
geistlichen Gerichte dieses Unwesen vor ihren Stuhl; aber anstatt durch
Aufklärung und Belehrung dem dämonischen Hange der menschlichen Natur entgegen
zu wirken, bestärkte man denselben durch Nähren des Aberglaubens, indem man
alles nicht gleich Erklärliche zu einem Uebernatürlichen stempelte. Daran
knüpfte sich eine schauderhafte Verfolgungssucht, welche nicht nur ganz
Unschuldige und nur böswillig von feindlich gesinnten Personen Angeklagte den
grässlichsten Martern und dem schrecklichsten Tode unterwarf, sondern auch
Schuldige machte. Denn da es bald als Leichtsinn, bald als Gotteslästerei galt,
die Möglichkeit solcher Zaubereien und Teufelspakte zu leugnen, wiewohl im
aufgeklärten Nürnberg die Sache wenig Anklang fand, so bemächtigte sich
besonders zuerst der unwissenden niedern Klasse der Glaube daran, und dazu kam
der Reiz der Neugier und der Verführung durch eigene Gelüste, die Sache doch
auch zu versuchen und zu sehen, was sich durch Zaubersprüche, Hexensalben und
Getränke erzielen lasse - wenn es auch nicht gleich so weit ging, die
persönliche Erscheinung und Hülfe des Teufels in Anspruch zu nehmen, oder sich
ihm mit Gut und Blut zu verschreiben.
    Zu Denen, welche am begierigsten waren dergleichen Dinge zu versuchen,
gehörte die alte Jacobea; und sie konnte es um so kühner versuchen, als man in
Nürnberg noch keinem Menschen den Prozess als Hexe gemacht hatte und sie hoffen
durfte, dass sie Dies oder Jenes durch ihre Zaubermittel werde bewerkstelligen
können, ohne deshalb in den Verdacht der Hexerei zu kommen.
    Jetzt eben braute sie aus allerlei Giftwurzeln und tierischen Eingeweiden
unter Absingung des Hexensegens ein Pulver, von dessen kleinsten Teilen sie
sich eine langsam, aber sicher tödtende Wirkung versprach.
    Von draussen schlug niederströmender Regen an das kleine trübe Fenster, und
da es schon ziemlich dunkel war, bemerkte Jacobea um so weniger, dass Jemand
wiederholt an das Fenster pochte.
    Die schwarze Katze, die an der verriegelten Türe Wache hielt, hatte ein
feines Gehör und sprang unwillig miauend wider das Fenster. Sei es durch diesen
Sprung oder durch das stärkere Pochen und Drücken von aussen; der lockere Wirbel
des einen Fensterflügels wich, dieser sprang auf, und eine dürre alte Hand schob
ihn noch weiter zurück und eine heisere Stimme rief:
    »Jacobea! lass mich ein!«
    Jacobea fuhr zusammen von kaltem Schauer überrieselt. Kam jetzt wirklich der
Gott-sei-bei-uns! selber, den sie in einem sinnverwirrten Spruche angerufen,
ohne sich viel dabei zu denken? Auf solch' eine Erscheinung war sie doch nicht
vorbereitet. Sie zitterte an allen Gliedern und fiel auf die Kniee.
    Aber lauter rief es draussen: »Jacobea! lass mich nicht länger im Regen
stehen! Nimm die Nestler-Kati auf, wie sie einstens Dich aufgenommen!«
    Die Alte sprang auf. Das war eine Frauenstimme! die Nestler Kati! Sie hatte
sie lange nicht gesehen, aber dieser Name und diese Stimme riefen Erinnerungen
aus ihren besten Tagen wach. Sie sprang auf und eilte die Haustür zu öffnen.
    Ein Frauenzimmer in ärmlich bürgerlicher Kleidung und vielleicht ein
Jahrzehent jünger als Jacobea trat ein, warf einen durchnässten Leinenmantel ab
und ein grosses Paket an die Erde.
    »Da komm' ich mit Sack und Pack!« sagte die Eintretende. »In Regensburg, das
der Herzog Albrecht so gut wie zumauern lässt, mocht' ich nicht bleiben und bin
mit Tausenden ausgewandert, die auch nicht viel mehr zu verlieren haben als das
Leben. Nun dacht' ich in Nürnberg ein Unterkommen zu finden, wollt' aber bei
Euch erst einkehren und mir Rat erholen. Und Ihr lasst mich unbarmherzig eine
Stunde im Regen stehen und vergeblich pochen und rufen.«
    »Konnt' ich denken, dass Ihr es waret?« sagte Jacobea; »hätt' ich doch eher
sonst wen erwartet denn Euch, Muhme, die ich so lange nicht gesehen! Lässt man
doch auch in nächtlicher Zeit nicht gleich Jedes ein!«
    »Hab't Ihr da etwas Warmes?« fragte die Angekommene auf den Kessel deutend:
»es würde mir gut tun.«
    »Das hier schwerlich!« antwortete Jacobea, »aber es ist fertig und der
Kessel kann einem andern Platz machen.«
    Indes sie sich anschickte eine Suppe zu bereiten, besprachen die beiden
Frauen, die sich lange nicht gesehen, ihr wechselndes Geschick, und Katarina
Nestler erzählte das ihres Sohnes Konrad, das wir schon aus dessen eigener
Mitteilung an Ulrich kennen, und damit ihr eigenes, dem sie nur hinzuzufügen
hatte, dass sie nun, wo sie um ihres Sohnes Willen keine Ursache mehr habe zu
verheimlichen, dass nicht ihr angetrauter Gatte, sondern der reiche Herr
Christoph von Scheurl der Vater ihres Sohnes sei, sie jetzt, da sie obdachlos
sei und mit ihrer ganzen geringen Habe aus dem bedrohten Regensburg geflüchtet,
von Scheurl, der, wie sie gehört, die schönste Nürnbergerin gefreit, an der
selbst König Max Gefallen gefunden, zu verlangen, dass er ihr auf ihre alten Tage
zu leben gebe, nachdem er sich ihrer Jugend gefreut, und sie des Sohnes, der ihr
eine Stütze hätte sein sollen, sich beraubt sah durch eben diese eigene Sünde,
wie die des Vaters, die erst so spät an den Tag kam und erst nach zwanzig Jahren
die Strafe mit sich brachte, die ihr sonst so oft auf dem Fusse folgt.
    Jacobea triumphirte bei dieser Mitteilung. Sie malte Scheurl's Bild in den
schwärzesten Farben und das seiner Gemahlin nicht minder. Sie versicherte
bestimmt zu wissen, dass diese von Kindesbeinen an ein verworfenes Geschöpf
gewesen; durch ihre Amme, die zuletzt mit in diesem Hause gewohnt, gab sie vor,
über sie die genauesten Mitteilungen zu haben - ja, sie bürdete Elisabet sogar
die Schuld an dem Tode der Amme auf, die Jacobea allein selbst trug durch ihren
langsam tödtenden Gifttrank. Jacobea erzählte, dass Elisabet zu der Kranken
gekommen und dieselbe wahrscheinlich mit für sie mitgebrachten Leckerbissen
vergiftet habe, damit sie nicht noch habe ein Verbrechen beichten können, das
sie gemeinschaftlich mit Elisabet begangen, und wie diese seit demselben Tage,
an dem sie noch bei einem nächtlichen Stelldichein mit einem Baubruder, der vor
einem gemeinen Steinmetzgesellen nur das voraus habe, dass er wie ein Mönch zu
leben gelobe und doch sein Wort nicht halte, sei ertappt worden, alles mögliche
Schlechte auf Jacobea zu bringen suche, so dass sie schon lange nach einem Mittel
strebe, sich dieser gefährlichen Feindin zu entledigen oder sie doch zu
demütigen, die scheinheilige Sünderin. Sie sei ihrem Mann auch nicht treu und
habe ihn doch nur um seines Reichtums Willen geheiratet, er aber müsse ganz
nach ihrer Pfeife tanzen.
    Dies war der Hauptinhalt von Jacobea's Schilderung, die sie in allen
möglichen grellen Farben immer wieder neu aufzutragen suchte und die ihre
Wirkung bei Katarina nicht verfehlte. »Zufällig weiss ich,« sagte Jacobea, »dass
Frau Elisabet eine ihrer Dienstmägde fortgejagt, an der Herr Scheurl Gefallen
gefunden, und noch keine neue Magd dafür hat; kein grösserer Possen könnte Ihr
geschehen, und Euch und mir kein grösserer Gefallen, als wenn sie Euch an deren
Statt in das Haus nehme, vielleicht Euch gerade trauend, weil Ihr schon bei
Jahren seid, und wenn Ihr dann ihr und ihm einmal fühlen liesset, dass Ihr gerade
viel ältere Rechte auf ihn hab't als die hochmütige Gemahlin.«
    Frau Katarina lächelte sehr wohlgefällig zu diesem Plan, und beschloss ihn
auszuführen und gleich morgen ihr Heil zu versuchen. Freilich durfte sie sich
nicht merken lassen, dass Jacobea sie sende, obwohl sich diese damit abgab,
Gesinde zu vermitteln, aber so, dass ihre Hülfe meist nur von Bademeistern,
Gastwirten und andern Leuten von zweifelhaftem Rufe angenommen ward, da nur
gemeine Dirnen ihre Vermittlung beanspruchten - eben so wenig, dass sie mit ihr
verwandt und bekannt war und jetzt ihre erste Nacht unter ihrem Dache
zugebracht.
    Katarina ging daher am andern Tage wie sie gekommen mit ihrem Bündel Sachen
als eine Hülfesuchende aus Regensburg, die dafür ihre Dienste anbot, zu Frau
Elisabet, und ward glücklich von derselben sogleich als Magd behalten, da
Elisabet Mitleid hatte mit der Lage der unglücklichen Flüchtigen und meinte:
man könne es ja mit ihr versuchen und sehen, zu welcher Art von Arbeit sie sich
am besten eigne.
    Katarina war noch rüstig und anstellig, aber freilich war sie nach zwanzig
Jahren voll Arbeit und Sorge keine verführerische Schönheit mehr, als welche
einst Herr Scheurl sie in Regensburg getroffen, noch war dieser überhaupt im
Stande in der neuen Dienstmagd, die er, weil sie nahe an den Fünfzigen war,
keines Blickes weiter würdigte, eines von den vielen Frauenzimmern wieder zu
erkennen, an denen er einst ein sinnliches Wohlgefallen gefunden. Und Katarina
hütete sich wohl ihn an sich zu erinnern, ehe ihr dazu eine passende Stunde
erschien.
    So waren ein paar Wochen vergangen, in denen sie zuweilen heimliche
Zusammenkünfte mit Jacobea gehabt und von ihr Ratschläge oder Aufträge
empfangen hatte.
    Dieser lag daran, den Ring Streitberg's wieder zu erhalten, den Ezechiel an
Elisabet verkauft und den Jacobea in ihrem Besitz haben wollte, weil sie wusste,
wie Streitberg zürnte, dass sein Pfand in diese Hände gekommen, und dringend
verlangte es wieder zu haben. Gelang dies Jacobea's List eher als der des Juden,
so war damit auch dieser, der jetzt mit ihr zerfallen war, wieder in ihren
Händen. Sie hatte darum Katarina den Ring geschildert und jetzt erfahren, dass
ihn diese auch gesehen, wie er mit andern Ringen an einem goldenen Kettlein
befestigt sei, dass Elisabet immer an sich trage, und zwar, weil sie zu viel
Ringe besass, um alle an ihre Finger zu bringen. Sie hatte ihren Schmuck,
wenigstens den, welchen sie täglich zu tragen pflegte, auf ihrem Nachttisch
neben ihrem Himmelbett liegen, und es war also nur möglich sich dessen zu
bemächtigen, während sie schlief oder doch ehe sie Toilette gemacht hatte.
    Jacobea gab Katarinen ein kleines Pulver, von dem sie versicherte, dass es
einen sehr langen Schlaf erzeuge, wenn es in einem Getränk genossen werde, und
dass sie während dessen sich gewiss werde in Elisabet's Schlafzimmer schleichen
können, in dem diese seit ihrer Krankheit und Genesung allein schlief. Dann
solle Katarina die Kette mit den Ringen auf den Boden werfen und die Ringe
darauf herumrollen lassen; Elisabet werde dann bei ihrem Erwachen gewiss meinen,
dass dies durch sie selbst oder einen Zufall geschehen, und wenn nur ein Ring
sich nicht gleich wiederfände, nicht anders vermuten können, denn dass er in
einer Ritze der Diele oder Mauer verschwunden sei. -
    Jetzt wartete Katarina nur auf die günstige Gelegenheit, sowohl Elisabet
diesen Streich zu spielen, als auch mit Scheurl allein zu sprechen, sich ihm zu
erkennen zu geben und ihn zu fragen: ob er zeitlebens sie gut versorgen wolle,
oder ob sie seiner Gemahlin und ganz Nürnberg erzählen solle, was sie bisher nur
um ihres Sohnes Willen verheimlicht.
    In einer späten Abendstunde hatte Elisabet noch nach einem Becher Met und
Wasser verlangt, und da die Magd, welche sie zunächst zu bedienen, an- und
auszukleiden pflegte, einmal hatte ausgehen dürfen und noch nicht zurück war, so
hatte Katarina sich beeilt deren Stelle zu versehen.
    Jetzt kam sie eben mit dem schöngeformten silbernen Becher, der innen
vergoldet und aussen von goldenen Blumen umrankt war, die Treppe herauf, in der
andern Hand eine brennende Lampe, als sie den Hausherrn hinter sich herkommen
hörte. Die Gelegenheit war günstig, jetzt konnte sie ihn allein sprechen, ihm in
sein Zimmer leuchten, und nicht eher von ihm weichen, bis er sie erkannt und ihr
Alles versprochen hatte, was sie wünschte. Elisabet konnte warten; sobald
Katarina mit Herrn Scheurl einig geworden, hatte sie ohnehin nicht mehr Lust,
sich länger von dessen Gemahlin befehlen zu lassen, und diese Demütigung galt
ihr mehr als der Verdruss, den sie durch den Verlust des Ringes empfinden werde,
und Katarina berechnete schnell, dass der Vorteil, den sie jetzt erringen
könne, doch dem vorgehe, den möglicher Weise ihr Jacobea gönnen werde, wenn sie
ihr zu dem Ringe verhelfe.
    Herr Christoph Scheurl kam wie gewöhnlich etwas taumelnd und mit
rotglühendem Gesichte heim.
    Katarina leuchtete ihm schweigend voraus in sein Zimmer und zündete die
darin befindliche Lampe an.
    »Wie kommst Du denn heute hier herein?« fragte Scheurl mit lallender Zunge.
    Katarina antwortete: »Nun, Ihr kam't ja hinter mir drein, und es schien
mir, als wenn Ihr den Weg nicht gut allein finden würdet -«
    »Was unterstehst Du Dich?« rief er aufbrausend, weil ihn nie etwas so sehr
in Wut bringen konnte, als wenn man ihn betrunken hielt, auch wenn er es
wirklich war, nur darum weil er eine Ehre darein setzte, Unmassen geistiger
Getränke vertilgen zu können, ohne davon angefochten zu werden.
    »Ei, so lasst einmal sehen,« begann Katarina, sich dicht neben ihn stellend;
»kennt Ihr mich oder kennt Ihr mich nicht?«
    Scheurl sagte: »Was soll das freche Betragen einer Magd, die eben so schnell
fortgejagt werden kann, als sie gemietet worden. Meine Frau hat Deine
Vorgängerin fortgejagt, weil sie jung und nett war und mir gefiel - Dich kann
ich fortjagen, weil Du das Gegenteil davon bist und mir nicht gefällst.«
    »Das lügt Ihr!« rief Katarina, »denn einst gefiel ich Euch!«
    Herr Scheurl ward immer aufgeregter und roher Katarina aber immer dreister,
legte ihrer Zunge keine, Fesseln mehr an, erinnerte Scheurl an seinen Aufentalt
in Regensburg bei der schönen Nestler-Kati, und sagte Alles, was sie sich
vorgenommen zu sagen. Es war ein Gespräch, das bei der innerlichen wie äussern
Rohheit der Beteiligten und bei der niedern Culturstufe ihres Zeitalters,
seiner Sitten und Ausdrucksweise sich nicht wiederholen lässt.
    Herr Christoph Scheurl zeigte dabei weder ein Interesse für den Mönch
gewordenen Sohn, noch für dessen Mutter, noch empfand er Reue über ein Vergehen,
das er sich längst gewöhnt hatte, sich selbst niemals als ein solches
anzurechnen; aber er wünschte doch nicht, dass ihn eine Person wie Katarina zum
Stadtgespräch machte, noch dass eine solche, die ihm so unbequem werden konnte,
in seinem Hause lebe. Er gab ihr einen Beutel mit Gold, den er bei sich hatte,
und versprach ihr eine ansehnliche Summe, die er ihr alljährlich senden wolle,
wenn sie noch diese Nacht sein Haus, so bald wie möglich auch Nürnberg verliesse
und über Alles schweige, nach wie vor - ausserdem aber, fügte er hinzu, finde ein
Ratsherr von Nürnberg noch Mittel und Wege, eine flüchtige Landläuferin
unschädlich zu machen.
    Indes Katarina noch überlegte, griff Herr Scheurl nach dem Becher, den sie
einstweilen aus der Hand gestellt. »Was ist das?« fragte er.
    »Es ist Met; ich wollte ihn Eurer Frau als Nachttrunk bringen.«
    »Sie mag sich ihn selber holen,« sagte er; »wenn sie durstig ist, ich bin es
auch wieder geworden.«
    Katarina dachte: mag er es trinken; während er einschläft, kann ich
überlegen, was ich tun will; ich habe noch das halbe Pulver für Elisabet.
    Aber Scheurl hatte kaum mit einem raschen Zuge den Becher zur Hälfte
geleert, als er ihn fluchend zur Erde warf und sagte: »Das schmeckt zu
schändlich!«
    Katarina erschrak unwillkürlich, und da Scheurl auf sein Bett taumelte,
dachte sie: mag er schlafen - indes versuche ich noch mein Heil bei Elisabet.
    Und sie ging hinab in die Küche, den Trank noch einmal zu mischen.
    Indes ahnte sie nicht, dass ihr Jacobea statt des Schlafpulvers ein Gift
gegeben, das, wie sie gehört, nicht auf der Stelle tödten, aber den blühendsten
Organismus in einen hässlichen, verwelkenden verwandeln sollte, und zwar
allerdings während einer Nacht voll Schlaf und Ohnmacht. Ein solches
Zaubermittel glaubte Jacobea gefunden zu haben und sich dadurch am wirksamsten
an Elisabet zu rächen; da sie aber wusste, dass Katarina zwar ein rohes, aber
doch zu solcher Tat ein zu weiches Gemüt hatte, so hatte sie ihr nur die
harmloseste Wirkung ihres Pulvers gesagt. Indes hatte es in der Tat nicht diese
zauberhafte, an welche sie selbst glaubte, sondern die eines schnell
zerstörenden Giftes; unter dessen Einwirkungen rang der reiche, mit allen Gütern
der Erde gesegnete Christoph Scheurl, der sich immer des heitersten
Lebensgenusses gerühmt, verlassen und allein in einer furchtbaren Nacht.
    Das Gift raubte ihm die Kraft, sich seiner Glieder zu bedienen - er konnte
weder einen Ruf noch ein Geräusch hervorbringen, laut genug, die entfernten
Hausbewohner zu wecken und herbeizulocken. -
    Indes kam Katarina mit dem zweiten Becher des verhängnisvollen Trankes an
Elisabet's Tür; sie war verschlossen, und da Katarina pochte, fragte
Elisabet ungeduldig, was man sie noch störe?
    Ich bringe den bestellten Nachttrunk,« antwortete Katarina.
    »Nun mag ich ihn nicht,« antwortete Elisabet, die sich schon schlafen
gelegt, durch die verschlossene Tür; »und ein andermal wünsche ich von Euch
schneller bedient zu sein, oder gar nicht.«
    Katarina ging brummend ab. Aber dies entschied bei ihr. Hätte sie heute
noch sich in den Besitz des Ringes setzen können, so würde sie Scheurl's Wunsch
erfüllt haben und verschwunden sein; so aber blieb sie, da sie überhaupt noch
unschlüssig gewesen, ob dies nicht das Bessere sei, damit sie erst noch einmal,
wenn Scheurl nüchtern sei, mit ihm sprechen und sich seiner fortdauernden
Unterstützung versichern könne. -
    Man war es gewohnt, das Herr Scheurl, wenn er vielleicht später oder mit
einem grössern Rausch als gewöhnlich heimgekommen, bis in den Tag hinein schlief,
und weder seiner Frau noch der Dienerschaft fiel es auf, dass er bis um acht Uhr
sich noch nicht gezeigt hatte. Als aber noch eine Stunde nach der andern
vergangen war, im Comptoir Leute auf ihn warteten, und auch Georg Behaim kam,
sich mit ihm über eine eilende Geschäftsangelegenheit zu besprechen, ging
Elisabet mit diesem selbst in sein Gemach, dessen Tür wie gewöhnlich nicht
verschlossen war.
    Da lag Scheurl halb aus dem Bette gesunken, regungslos mit gebrochenen Augen
und krampfhaft verzerrtem Gesicht, das blau und dunkel unterlaufen einen
entsetzlichen Anblick bot. Die zusammengeballten Hände zeugten ebenfalls von
vergeblichen Anstrengungen und Kämpfen; es schien, als habe er versucht
aufzuspringen, vielleicht nach Hülfe zu rufen, und sei von körperlichen
Schmerzen überwältigt und gelähmt zusammengesunken, unfähig sich von der Stelle
zu bewegen. Er war noch halb angekleidet, und so musste das Uebel oder der Tod
gleich bald nach seiner Heimkehr über ihn gekommen sein, denn er pflegte dann
immer augenblicklich sein Lager zu suchen. Denn der Tod war es doch, obwohl es
weder Elisabet noch Georg im ersten Schrecken als möglich erschien.
    Sie hoben Beide vereint den schweren Körper auf sein Lager, Elisabet suchte
vergeblich an ihm nach einem Puls- oder Herzschlag, und Georg rief die
Dienerschaft zusammen, zu Doktor und Bader zu laufen, sie eiligst herbeizuholen,
und fragte Alle, wann der Herr diese Nacht nach Hause gekommen und wer ihn
zuletzt gesehen? Aber darauf gab Niemand Antwort, wie gross auch die allgemeine
Bestürzung war; Niemand wollte ihn gesehen haben, auch Katarina nicht, die von
Elisabet speciell befragt ward, als sich diese besann, dass dieselbe noch gegen
Mitternacht an ihre Tür gekommen, um ein Getränk zu bringen, das eine Stunde
vorher von ihr verlangt worden war.
    Katarina behauptete, es könne nicht so lange Zeit gewesen sein - und sie
habe sich gleich gewundert, dass Frau Scheurl indes schlafen gegangen und sie
gescholten. Es sei möglich, dass sie der Schlaf in der Küche übermannt habe, ohne
dass sie es gewusst, denn es sei allerdings sehr spät und sie sei sehr ermüdet
gewesen; den Herrn habe sie nicht kommen hören. Bestürzung und Entsetzen zeigte
Katarina gleich den Andern.
    Elisabet verlor zwar weder ihre gewohnte Geistesgegenwart noch Kraft, aber
sie war todtenblass und zitternd vor Schreck, Tränen strömten aus ihren Augen
und ihre Worte klagten sich selbst an, dass sie in dem qualvollsten Todeskampf
des Gatten fern von ihm gewesen und die Pflichten eines treuen Weibes nicht
hatte an ihm in seinen letzten Stunden über können. Sie hatte den Gatten nicht
geliebt, und die Achtung, die sie damals vor ihm besass, als sie ihm ihre Hand
reichte, die hatte sich allerdings auch gegen ihn gemindert und verloren, seit
sie mit ihm vermählt war und sein ausschweifendes und zügelloses Leben kennen
gelernt hatte. Aber die eigene Selbstachtung hatte ihr geboten, seine Schwächen
und Fehler zu verschleiern, ihm Achtung vor der Welt zu zeigen und eine
pflichttreue Hausfrau zu sein, die alle Schwüre hielt, welche sie ihm am Altar
gelobt hatte. Darum fiel es gerade jetzt doppelt schwer auf ihr Gewissen, dass er
hatte sterben müssen ohne ihre zarte pflegende Hand, ohne ihren sorgsamen
Beistand, der ihn vielleicht hätte retten können. Zwar war sie auch daran
unschuldig, denn es war mit Bewilligung ihres Gemahls geschehen, dass sie seit
ihrer Krankheit in einem andern Flügel des Hauses schlief als er; denn seine
lärmenden Gewohnheiten hatten die Leidende gestört, und er fand es auch bald
bequemer, dass seine Gemahlin nicht immer wusste, wo und wie er seine Nächte
zubrachte, und hatte gern in ihren Vorschlag gewilligt. Aber dennoch empfand es
Elisabet jetzt wie eine Pflichtverletzung, dass sie nicht aufgemerkt, wann er
nach Hause gekommen, und einen möglichen Hülferuf von ihm nicht gehört hatte,
dass er vielleicht vergeblich nach ihr verlangt in seiner letzten Stunde; denn er
war ja auch immer gut und aufmerksam gegen sie gewesen, er hatte sie auf den
Händen getragen und ihr alle Wünsche mit stolzer Freude erfüllt - wenn er auch
daneben sich selbst so wenig als ihr jeden erlaubten, sich selbst auch keinen
unerlaubten Wunsch versagte. Sie hatten immer in Eintracht neben einander
gelebt, wenn auch weder mit- noch für einander. Und so gesellte sich zu
Elisabet's Selbstvorwürfen auch das tiefste Mitleid für den so ganz verlassen
und qualvoll Gestorbenen, dem sie gern die aufmerksamste Pflegerin gewesen wäre.
    Als sie dies Alles schon fühlte, noch ehe es klar zu denken oder
auszusprechen, war sie der Ueberzeugung, dass er bei irgend einem schwelgerischen
Nachtmahl sich übernommen, zu Hause und im Bette sich habe erholen wollen und
vom Schlag gerührt worden sei, wie gerade oft bei den kräftigsten Körpern ein
plötzlicher Tod erfolgen kann.
    Aber da der Doktor und Bader kamen und die Leiche untersuchten, da
schüttelten Beide bedenklich Achseln und Köpfe, murmelten erst heimlich
zusammen, und sprachen es dann laut aus vor dem ahnenden Schwager und der
schönen Wittwe, die selbst mit forschte nach dem Urteil der gelehrten Herren:
    »Es ist nicht anders möglich: Euer Eheherr ist an Gift gestorben! Der ganze
Zustand des Leichnams bezeugt es - und da, auch am Boden diese dunklen Flecke
von einer ätzenden Flüssigkeit. Waren diese schon früher?«
    Elisabet starrte auf die bezeichnete Stelle, nicht weit von dem Bette, auf
die sie vorher noch nicht gesehen. Sie wusste es genau, gestern waren diese
Flecke noch nicht: ein grosser schwarzer Fleck und dann nach den Seiten gesprjetzt
kleinere dunkle Punkte, wie wenn etwas von oben herab vergossen worden wäre.
    Gift!
    Aber wie war das möglich? Der lebenslustige, glückliche Scheurl war keines
Selbstmordes fähig! das sagten Alle, das behauptete auch Elisabet. Man
durchsuchte das ganze Zimmer; es hätte sich in diesem Falle vielleicht noch ein
Gegenstand finden müssen, der das Gift entalten, aber es war keiner
aufzufinden.
    Aber welche fremde Hand sollte es getan haben? Der ganzen Dienerschaft war
er ein gütiger, freigebiger Herr, ebenso erwies er sich fast der ganzen Stadt,
und man konnte wohl sagen, dass er keinen Feind hatte in ganz Nürnberg, dass kein
Hass ihn traf, der seiner Person gegolten hätte. Es gab Leute genug, die sich
über ihn lustig machten und ihn beneideten - aber man wusste keine, die an ihm
etwas zu rächen gehabt, oder denen er bei Erreichung irgend eines Zieles im Wege
gewesen wäre.
    Elisabet sprach das selbst aus und wollte an den Mord so wenig glauben wie
an den Selbstmord - aber Georg nahm sie leise bei der Hand, dass sie nicht weiter
so sprechen sollte, und der Bader sagte bedenklich:
    »Der Gemahl der schönsten Nürnbergerin konnte wohl Feinde haben, denen er im
Wege war.«
    Elisabet schauderte - aber im nächsten Augenblick sagte sie: »Sendet nach
den Schöppen; das Entsetzlichgeschehene muss auf das strengste untersucht werden
- man wird mir den Tod des Gatten rächen helfen, der zu den ersten Geschlechtern
und Ratsherren dieser Stadt gehört.«
    »Und dabei denkt auch, wie Ihr Euere eigene Ehre retten könnt,« flüsterte
der Bader ihr leise aber hämisch zu und ging.
    Elisabet war wie vom Blitz getroffen - jetzt erst entüllte sich ihr die
Gefahr, in der sie schwebte. Im Bewusstsein ihrer Unschuld an einem grossen
Verbrechen hatte sie sich das kleine Versehen: ihrem Gemahl nicht beigestanden
zu haben, da er sich übel befand, was sie doch nicht wusste, als ein Verbrechen
vorgeworfen - und jetzt konnten Andere sie als eine Schuldige betrachten, von
der man das Leben ihres Gatten fordern würde!
    Und mitten in diesem Augenblick eines neuen Entsetzens kamen Martin Behaim
und Stephan Tucher, die abwesend gewesen waren, mit der Kunde zurück: dass man
endlich Weispriach's Burg mit Sturm und Brand genommen, dass kein Stein des alten
Raubnestes auf dem andern geblieben, und das, was die Flammen nicht gefressen
und vernichtet, von den Stürmenden und der Rache der Hörigen der Erde gleich
gemacht worden sei. Der Ritter von Weispriach sei entkommen, aber Eberhard von
Streitberg gefangen genommen worden; im Triumph bringe man ihn in die Stadt,
sammt vielen den Bürgern und Kaufleuten geraubtem Gut, darunter noch einen Teil
der überseeischen Schätze Martin Behaim's.
    Jetzt war es mit Elisabet's Kraft zu Ende - mit einem Schrei fiel sie in
ihres Bruders Arme.
    Auch dieser Schrei musste wider sie zeugen; denn derselbe Augenblick, in dem
sie ihn ausstiess, war auch der, in welchem die herbeigerufenen Gerichtspersonen
eintraten, um den Tatbestand zu untersuchen und die ersten Zeugen zu vernehmen.
Mussten sie nicht diesen Schrei für den Schreckensruf nehmen, mit dem eine
Verbrecherin sich selbst verriet - als diejenigen kamen, welche vorerst nur
Rechenschaft von ihr fordern wollten und noch gar keine Anklage erhoben?
    Dieser Schrei war sehr verdächtig!
    Aber Elisabet hatte ihn ausgestossen vor der Nachricht, dass Streitberg
gefangen war und nach Nürnberg gebracht. Im ersten Augenblick dachte sie noch
gar nicht an sich, sondern an ihn; sein Loos war so gut als entschieden: er ward
dem Henker überantwortet und auf offenem Markt gerichtet. Elisabet liebte ihn
schon lange nicht mehr; sie floh jede Erinnerung an ihn wie ein Schreckgespenst
mit verzerrten Zügen; sie hatte nur Widerwillen, Scham und Entsetzen empfunden,
wenn sie ihn wiedersah; sie würde ruhig aufgeatmet haben, wenn sie erfahren
hätte, dass er todt sei, und jetzt hätte sie täglich gewünscht, dass sein
Schuldbewusstsein ihn zur Flucht treiben und dass diese gelingen möchte, damit er
wieder weit von ihr sich entfernte und nie nach Nürnberg zurückkehre: aber dass
man ihn hierher brachte, hier dem Henker überlieferte - das war zu viel für sie!
Sie hatte ihn doch einst geliebt, und die Schande, die ihm widerfuhr, empfand
sie wie ihre eigene! Er war das Ideal ihrer Jugend gewesen, und Alles, was sie
von heiterem Jugendmut, von gläubigem Vertrauen an Menschenadel, von froher
Hoffnung auf Lebensglück besass, das hatte nur da in ihr gelebt, da sie ihn
liebte, das war da für immer vernichtet worden, als sie von dem Mann ihrer Liebe
sich schmählich betrogen sah, einen Unwürdigen in ihm verachten musste. Sie
konnte nicht an ihn denken, ohne immer wieder die alte Pein zu empfinden - und
eine neue hatte sich hinzugestellt. Sie hatte es verborgen gehalten, dass sie
einst geliebt hatte und betrogen worden war: nun hatte Streitberg's Verfolgen
immer gedroht, dies noch offenbar werden zu lassen, und wie bei ihrem Widerstand
seine Leidenschaft mehr und mehr die Gestalt des Hasses und der Rachsucht
angenommen, so musste sie fürchten, dass er nun noch Angesichts des gewissen Todes
vielleicht auf ihre Fürsprache sich berief - hatte er sie doch auch die Buhlerin
des Königs genannt - ganz gewiss aber noch dafür sorgte, dass ihre
Jugendgeschichte in einer Auffassung, welche für sie die demütigendste war, zum
Nürnberger Stadtgeschwätze ward.
    Alle diese Gedanken, Erinnerungen und Befürchtungen, die sie jetzt immer
gehabt, summten mit Eins ihr durch das schon bis zum Übermass erregte Herz und
Hirn, als ihr auch diese entscheidende Nachricht von Streitberg's
Gefangennehmung so plötzlich gebracht ward und erpresste ihr den Schrei, der eine
so falsche Deutung fand.
    Aus dem an Ort und Stelle angestelltem Verhör kam nichts heraus, als dass
Elisabet und Katarina wach gewesen in der Nacht und dass sich Beide verdächtig
machten, weil ihre Stundenangaben differirten. Ein Commis behauptete, dass der
Herr kurz vor Mitternacht nach Hause gekommen, und dass er ihn im Corridor mit
einer Frauenstimme habe einige Worte wechseln hören, die er nicht verstanden. Er
habe auch Licht schimmern sehen, und da er später weiter nichts gehört, habe er
sich auch nichts dabei gedacht; ob die weibliche Stimme die der Frau Elisabet
oder einer Magd gewesen, wisse er nicht zu sagen. Weiter hatte Niemand nur das
Geringste bemerkt.
    Elisabet und Katarina leugneten Beide den Herrn zur Nacht gesprochen zu
haben, die Herrin mit ruhiger Würde, die Dienerin mit unruhiger Keckheit. Eine
behauptete vor der Andern, dass sie wach gewesen.
    Gegen Katarina sprach doch der stärkere Beweis von Elisabet's erster
Aussage, dass sie von ihr erst nach einer Stunde einen verlangten Trunk habe
erhalten sollen - und Katarina war ja auch nur eine fremde Dienstmagd. Man
beschloss, sie mit und in Gewahrsam zu nehmen, und wenn sie nicht gestehe, durch
die Tortur »in der Güte zu befragen«, wie man die Anwendung der entsetzlichsten
Marterinstrumente nannte.
    Gegen die Hausherrin verfuhr man glimpflicher. Man verbannte sie nur in ihre
eigenen Zimmer, und ordnete ihr unter der Bürgschaft ihrer Brüder, dass sie nicht
entweiche, eine Wache zu - nur der Form wegen, wie man sagte, bis sich Alles
aufgeklärt habe.
    Elisabet fügte sich mit stummen Stolz dieser ihr edles Gefühl empörenden
Handlung.
    In Nürnberg aber verbreite sich mit Blitzesschnelle das Gerücht von Herrn
Christoph Scheurl's plötzlichem Tode - und dass er durch Gift gestorben, das ihm
als Schlaftrunk beigebracht worden. Wer die Tat getan - darüber waren die
Stimmen geteilt.
    Die Einen meinten, eine Magd aus Regensburg, die erst seit ein paar Wochen
angekommen, habe die Tat getan und sei darum verhaftet; die Andern aber
sagten: Was hätte eine Magd für Vorteil von dem Tode ihres Herrn? oder was
könnte gerade diese an ihm zu rächen haben, die erst seit so kurzer Zeit im
Hause? Ist es doch ganz anders mit Frau Elisabet - die ist nun den alten Gatten
los, den sie doch nur des Reichtums oder um ihrer Familie Willen geheiratet,
und kann nun als die reichste und schönste Wittwe von Nürnberg nach ihrem Herzen
freien und leben. Oder hat sie nicht gar schon einen Buhlen? - Man redete schon
immer allerlei von ihr - aber freilich! wer hätte das gedacht, dass es so weit
mit ihr kommen werde! Da sieht man, wohin Hochmut und Eitelkeit führen, der
Eigendünkel und die Herrschsucht eines Weibes, das immer nur seinem eigenen
Willen folgen wollte, alles anders und besser wissen und tun als andere ehrbare
Frauen! -
 
                               Siebentes Capitel
                                Im Clara-Kloster
Mitten im lebenslustigen, geschäftig bewegten Nürnberg hatte doch der fromme
weibliche Sinn, der allem eitlen Welttreiben für immer entsagen und in ein
beschauliches, nur dem Dienst der Heiligen gewidmetes Stillleben sich
zurückziehen wollte, eine sichere Zufluchtsstätte gefunden. Das Kloster der
heiligen Clara, das auf der Lorenzer Seite recht im Herzen der Stadt sich erhob,
war ein stilles Asyl, das gerade von den Jungfrauen der edelsten Geschlechter
Nürnbergs gewählt ward, und darum auch nicht nur zu den reichdotirtesten,
sondern auch zu denjenigen Klöstern gehörte, die noch den alten Ruf edler
Sittenstrenge und wahrer Frömmigkeit bewahrten, wie auch den: Pflanzstätten der
Künste und Wissenschaften zu sein.
    Die Schwestern des Clara-Klosters waren wohl erfahren in allen weiblichen
Handarbeiten, die Geschicklichkeit und Ausdauer erforderten. Sie stickten und
webten herrliche Gobelins zum Schmuck ihrer Kirche, und sandten auch manche
dieser Arbeiten aus den Klostermauern hinaus. Viele Nonnen übten die Kunst der
Miniaturmalerei, deren Gegenstände kleine Heiligenbilder waren, mit einer
Kunstfertigkeit, die mit der der besten Nürnberger Meister wetteiferte. Andere
befleissigten sich des Schreibens und Lesens, und waren im Lateinischen und
Griechischen so zu Hause, als sei es ihre Muttersprache gewesen. Gehörte doch
auch die Bibliotek des Klosters ihre Studien zu begünstigen, sowohl durch die
Zahl alter Handschriften als neuer gedruckter Bücher, mit zu den
ausgezeichnetsten, welche die Stadt besass.
    Charitas Pirkheimer hatte geeilt ihr Gelübde auszuführen und weilte bereits
als Novize in diesem Kloster.
    In dem von hohen Mauern umgebenen Garten desselben, über welche nur wirr und
fern das Geräusch des Städtelebens herein schallte, ging Charitas einsam auf und
nieder in stilles Sinnen verloren. Der entsagende Ausdruck, welchen ihr Gesicht
immer gehabt, war nicht nur allein durch die graue Novizentracht erhöht, in
welcher sie erschien, sondern durch Tränen der Wehmut, die in ihren Augen
glänzten.
    Der Abend auch erschien wie zum Sinnen und Weinen. Es war so still im
Klostergarten, dass auch nicht das kleinste Lüftchen wagen konnte in den Zweigen
der Bäume und Gesträuche zu spielen, kein Blatt getraute sich mit dem andern zu
flüstern und zu säuseln und kaum ein Schmetterling zu einer Blume zu fliegen. Im
Süden hatten sich drohende Gewitterwolken aufgetürmt und hingen über die hohen
grauen Mauern herein, aber im Westen glühte ein sanftes Abendrot gleich einem
Vorhange, den die sinkende Sonne zwischen sich und dem dräuenden Wetter gezogen.
Ein einsames Vögelchen sass auf einer hohen blaugrauen Ulme, deren Wipfel die
Klostermauern überragte. Es schaute und flatterte nach hüben und drüben und
schien mit leise zwitschernden Stimmchen zu fragen: ob es sich besser wohne im
Frieden dieses Gartens oder draussen im freien Wald, wo es viele Genossen gab,
aber auch das tückische Feuerrohr beutelustiger Jäger, Netze und Stellhölzlein
böser Buben, gierige Raubvögel und allerlei Fährlichkeiten.
    Eine ältere Nonne hatte Charitas von fern mit teilnehmenden Blicken
beobachtet. Jetzt trat sie zu ihr, reichte ihr die weisse magere Hand und sagte:
    »Mein Kind, nützet die Tage wohl, die Euch zur Bedenkzeit gegeben sind! Ich
höre, dass weder Eltern-noch Verwandten-Wille, noch irgend eine äussere Not des
Lebens Euch hierher gebracht, sondern dass Ihr aus freier Wahl begehrt hab't in
unsere Gemeinschaft zu treten. Ehe Ihr es aber tut, prüfet Euch wohl, dass Ihr
Euch selbst nicht betrüget!«
    »Schwester Ulrike,« antwortete Charitas mit einem dankenden Händedruck, »Ihr
waret die erste, die mir ausser der Priorin in diesen Mauern mit milder
Teilnahme entgegenkam. In Euren Zügen las ich auch den Himmelsfrieden, den ich
hier zu finden hoffe, in Euch erblickte ich das Vorbild, dem ich nachzustreben
mich bemühen will.«
    »Ich danke Euch für Eure gute Meinung,« antwortete Ulrike mit sanfter
Innigkeit und einem etwas fremd- aber wohlklingenden Idiom, das Charitas schon
von einer andern Person gehört, und das weit entfernt gut nürnbergisch zu
lauten, ihr das wohlklingendste zu sein schien, das es geben konnte. »Ich
wünschte wohl,« fuhr Ulrike fort, »diese gute Meinung zu verdienen und ebenso,
dass Ihr mir sie für die Dauer bewahren möchtet. Aber ich kann keinen Anspruch
darauf machen; hinter mir liegt ein langes und reiches Leben voll Versuchung und
Sünde, voll Kampf und Busse - nicht nur als eine Entsagende, als eine Büssende kam
ich hierher. In zwölf Jahren voll Busse und Entsagung, die ich hier verbracht,
hat sich zwar mein Sinn geläutert und ist mein Vertrauen auf die Gnade unsers
Erlösers zu der festen Ueberzeugung geworden, dass er allen Fehlenden vergibt,
wenn sie unablässig streben ihre Fehler abzulegen und zu sühnen, und die Tage,
die mir hier unter Arbeit und Gebet verfliessen, ziehen nicht ungenützt für mein
Seelenteil an mir vorüber; aber so lange es für uns in der Welt noch ein
teures Wesen gibt - so lange, sage ich Euch, ist es nicht leicht sich in
diesen Mauern lebendig zu vergraben und für das ganze Erdendasein aus seinem
Lebenskreis gebannt zu bleiben.«
    
    Charitas errötete da sie diese Worte vernahm, und sah die Sprecherin
derselben schmerzlich befremdet an.
    Ulrike hatte vorhin die schwärmerischen blauen Augen niedergeschlagen, jetzt
begegnete sie mit einem Lächeln den fragenden Blicken und sagte; »Vergesset
nicht, dass eine alte Matrone zu Euch spricht. Mit fünfzig Jahren hat man andere
Gefühle als Ihr mit zwanzig oder dreissig, aber ich kann noch beurteilen, wie
man in jüngeren Jahren empfindet - und wenn es Bande auf der Welt gibt, die man
auch im Alter nicht schmerzlos zerreisst, so sehet zu, dass Ihr nicht vielleicht
nur weil ein kurzer Lebenstraum Euch zerstört ward, hier nur einen Zustand von
Schlaf und Ruhe sucht - Ihr werdet ihn nicht finden!«
    »Hört mich an! sagte Charitas, »ich will Euch Alles getreulich beichten -
Ihr werdet dann auch sagen, dass ich nicht anders kann!« Ruhiger fuhr sie fort:
»Mein Vater Pirkheimer war, wie Ihr vielleicht gehört habt, einer der
angesehensten und reichsten Rechtsgelehrten dieser Stadt. Nichts mangelte den
Seinen zum edelsten Genuss des Lebens, aber eben zu diesem befähigte er uns,
seine Kinder durch den Unterricht, den er uns angedeihen liess. Wir Schwestern
lernten mit unserem Bruder Willibald um die Wette, und kannten bald kein
grösseres Glück, als mit ihm den Wissenschaften obzuliegen, und da er von uns
schied, erst um zu dem Bischof von Eichstätt zu gehen, jetzt später um in
Italien zu studiren, da dacht' ich schon immer, um wie viel glücklicher er daran
war als wir Schwestern, da es genug Leute gab, welche uns aus unserer
Gelehrsamkeit noch einen Vorwurf machten und sie unverträglich nannten mit der
weiblichen Bestimmung. Dagegen lehnte ich mich frühe auf; ich fühlte weder
Neigung noch Verpflichtung mich zu verheiraten, und der höchste Wunsch für mein
Leben war eben nur der, in beschaulicher Stille mit meinen Büchern allein und
ungehindert in meinen Studien zu sein. Meine Schwester Clara teilte diesen
Hang, und da wir unsere Eltern verloren, Willibald aber in die Fremde zog, so
haben wir still für uns nur den Wissenschaften gelebt. Schon zuweilen tauchte
der Gedanke in uns auf: um das in der würdigsten Weise zu können, in dieses
Kloster einzutreten, aber wir zögerten noch vor dem entscheidenden Schritt für
das Leben, der dann nie wieder zurück zu nehmen ist. Vielleicht trug auch eine
unserer trefflichsten Freundinnen Frau Elisabet Scheurl mit Schuld, dass wir zu
keinem Entschluss kamen: denn sie meinte, dass nur ganz alte und gebrechliche
Leute, die der Welt weiter nichts nützen könnten, ein Recht hätten, sich vor der
Welt zu flüchten und in Klostermauern zu vergraben. Sie war immer bemüht neben
der Wissenschaft auch der Kunst zu huldigen, und so hatte sie auch uns mit
andern Nürnberger Jungfrauen um sich vereinigt, für die St. Lorenzkirche zu
sticken. Diese Arbeit führte uns öfter in die Kirche und mit den daran bauenden
Baubrüdern zu gemeinschaftlichen Beratungen zusammen. Von einem derselben hatte
mein Bruder schon mit warmer Anerkennung, als von einem echten Künstler
gesprochen, und als ich ihn selbst und seine Werke sah, fand ich Alles
bestätigt. Da geschah es vor nicht langer Zeit, dass ein Gerüst am Turme
zusammenbrach, und indes ein Baubruder in Todesgefahr auf dem Turme schwebte,
eben jener sich selbst, um ihn zu retten, in noch viel grössere Todesgefahr
begab. Da betete ich für sein Leben, und gelobte mich dem Kloster, wenn seine
Tat gelingen und er das schwere Wagestück bestehen werde - und in der
Verzweiflung, die ich bei der Gefahr dieses Einen mehr als bei der des Andern
empfand, erkannte ich, dass ich - die noch nie einen Mann geliebt, die das nie
für möglich gehalten - dass ich diesen Baubruder liebe! - Hoffentlich hat weder
ein Blick noch ein Wort mich ihm verraten, aber da seine Tat gelang, so bin
ich nun doppelt verpflichtet, mein Gelübde zu halten.« Sie neigte ihr Haupt an
Ulrikens Schulter und fühlte sich erschöpft von diesem Geständnis.
    »Unglückliches Mädchen!« rief Ulrike sanft; »ein Baubruder darf Eure
Empfindungen nicht erwiedern, und wehe ihm, wenn er es trotzdem tut oder getan
hat!«
    »Nein, nein!« rief Charitas; »er ahnt nichts davon, er soll es niemals
ahnen, nie erfahren! Aber was mich am meisten schmerzt, ist, dass Elisabet
Scheurl ihn auch liebt und dass auch ihr gegenüber Ulrich von Strassburg
vielleicht -«
    Ein Schrei der Nonne unterbrach die Geständnisse der Novize. »Ulrich von
Strassburg!« rief sie; »höre ich recht, Ulrich von Strassburg, sagtet Ihr wirklich
so?«
    »So nennt man ihn,« antwortete Charitas und sah mit Bestürzung die
plötzliche Aufregung der Matrone.
    Mit gepresster Stimme, der man die innere Bewegung anhörte, fragte diese
wieder: »Schildert mir, wie er aussieht.«
    Errötend willfahrte Charitas: »Er ist lang und schlank gewachsen und von
edler Haltung; seine blauen Augen strahlen von dem Feuer echter Begeisterung;
seine Stirn ist sanft gewölbt und hohe Gedanken scheinen auf ihr zu tronen;
sein Haar ist braun und üppig, er trägt es halblang und gescheitelt; seine Nase
ist schön geformt, weder gross noch klein, mit der Stirn eine gerade Linie
bildend - gerade so wie bei Euch -«
    Ulrike hatte mit Spannung zugehört. Die letzten Worte, die Charitas arglos
sagte, nur um sich die Beschreibung zu erleichtern, erinnerten Ulrike daran, dass
sie sich fassen müsse, wenn sie sich nicht selbst verraten wollte. Sie sagte
darum: »Ich habe einen Knab en Ulrich gekannt, von dem ich hörte, dass er sich
später als Baubruder nach seiner Heimat von Strassburg genannt - ich wusste
nicht, dass er hier sei.«
    »Er baut seit zwei Jahren mit an der Lorenzkirche - und jetzt wohnt er hier
ganz nahe im Claragässlein,« berichtete Charitas.
    »Ganz nahe?« wiederholte Ulrike, und es war ihr, als müsse ihr das Herz
zerspringen. »Wie hoch schätzt Ihr sein Alter?« fragte sie, um doch noch einen
neuen Beweis für ihre plötzliche Entdeckung zu haben.
    »Ich weiss es nicht genau,« antwortete die Novize, »zwischen Fünfundzwanzig
und Dreissig.«
    »Erzählt mir mehr von ihm,« sagte Ulrike vor sich niederblickend, und sich
besinnend fügte sie angstvoll die Frage hinzu: »Und Ihr sagtet, er sei seinem
Gelübde untreu geworden und liebe eine Frau von Scheurl? - Mir dünkt, ich habe
diesen Namen schon gehört.«
    »Da sei Gott vor, dass ich eine so schwere Anklage ausspreche,« entgegnete
Charitas - »ja vielleicht ist es Elisabet selbst gegangen wie mir, und sie hat
ihr eigenes Gefühl auch erst da erkannt, als Ulrich in Todesgefahr schwebte,
vielleicht noch nicht einmal - aber ich habe es in ihr früher erkannt als in mir
selbst.«
    »Ulrich in Todesgefahr - vor Kurzem - in meiner Nähe - und ich wusst' es
nicht!« wiederholte Ulrike. »Erzählt mir mehr davon, wie Alles kam und was er
tat!« bat sie mit eindringlich flehender Stimme und Geberde.
    Und Charitas gehorchte gern dieser Bitte. Sie gab eine beredte Schilderung
jenes Ereignisses von dem Einsturz des Turmgerüstes, von Hieronymus' hülfloser
Lage und Ulrich's Rettungswerk; sie schilderte ihn und seinen Heroismus im
glänzenden Licht und das feierliche Te Deum, das man nach ihrer Rettung
gehalten. Sie hatte auch des Propstes Kress mit dabei erwähnt als Ulrich's
Gönner.
    Ulrike verlor kein Wort von dem Allen. Mit atemloser Angst folgte sie der
Schilderung von Ulrich's Gefahr - an diesem Zug erkannte sie den Sohn, der schon
als Knabe bereit gewesen mit Gefahr seines Lebens Andern beizustehen. Welche
Empfindungen für eine Mutter, zu wissen, dass ihr einziger Sohn schon seit Jahren
so in ihrer unmittelbaren Nähe lebte, ohne dass sie eine Ahnung davon gehabt -
dass er in derselben Stunde, in der sie vielleicht ruhig betete hätte sterben
können! Und jetzt - wie war ihr denn bei dem Gedanken, dass vielleicht nur diese
Klostermauer Mutter und Sohn von einander trennte. Nur! - ach, das war ja genug,
das war ja eine Trennung für das ganze Leben! - Sie hatte ihren Sohn verlassen,
um dem wiedergefundenen Mann ihrer Liebe zu folgen - und da sie erkannte, dass
sie damit ein Verbrechen begangen, das sie der Verzweiflung nahe brachte, da
suchte sie für immer vor dem teuren Verführer, vor sich selbst und vor einem
ganzen Leben voll Schmach und Hohn im ersten Augenblick nur bei dem Bruder, aber
dann in diesem Kloster Schutz. Sie hatte den Tod gewünscht und darum gefleht in
tausend heissen Gebeten; aber da er nicht von selbst kam und sie noch leben
musste, so wollte sie doch todt sein für alles Leben ausser diesen geweihten
Mauern, und in ihnen nur still büssen in Entsagung und Gebet, und warten, bis der
Tod endlich komme sie zu erlösen. Dass auch ihr einziger Sohn in einem Kloster
eine Freistatt gefunden, dass er dort eine bessere Erziehung fand, als wenn er
bei ihr und dem rohen Manne geblieben wäre, den er für seinen Vater hielt, das
gereichte ihr zum Trost für sein und ihr Geschick. Wohl betete sie für ihn, als
sie erfuhr, dass er ein Baubruder geworden; denn sie wusste wohl, wie viel
schwerer es war, mitten im Leben allen Lockungen und Versuchungen desselben zu
widerstehen, wie es so gleicher Weise seine Pflicht war, als wie ausserhvlb
desselben in den bergenden Klostermauern; aber sie freute sich auch, dass ihn ein
höheres Streben beseelte und er tätig mitalf an den unsterblichen Bauwerken,
welche zur Ehre des Höchsten von geweihten Händen aufgeführt wurden. Ulrike
hatte ihren Bruder des Jahres ein- oder zwei Mal gesehen und er ihr wohl
erzählt, dass er Nachrichten von ihrem Sohn habe, wie er zum freien
Steinmetzgesellen sei gesprochen worden und wie er sich auszeichne durch
Geschicklichkeit seiner Hände und Erhabenheit seiner Darstellungen; aber nie war
davon ein Wort über seine Lippen gekommen, dass er ihn wiedergesehen, dass er hier
sei in Nürnberg und nun ihr so nahe. Um jeden Preis musste sie nun mehr von ihm
erfahren. Zwar, sie konnte es begreifen, aus welcher Absicht ihr Bruder das
Alles verheimlicht. Er hatte es wohl denken können, dass eine Mutter mehr bei dem
Gedanken leiden musste, ihren Sohn nicht wiedersehen zu dürfen, wenn sie wusste,
dass er nur wenige Schritte von ihr entfernt weilte, als wenn sie sich durch eine
Entfernung vieler Tagreisen von ihm getrennt sah, und dass aus guter Absicht
geschehen, was sie doch wie einen Betrug an ihrem Mutterherzen empfand. Eben
erst hatte sie es gegen die Novize ausgesprochen, wie schwer es sei, sich in ein
Kloster einzuschliessen, wenn das Leben draussen auch nur noch ein geliebtes Wesen
habe - und nun traf sie dieser Ausspruch wieder selbst mit seiner
schmerzlichsten Gewalt, und das rein menschliche Gefühl, das jetzt in ihr zum
Ausbruch kam, erfüllte sie doch mit dem Bewusstsein einer Sünde gegen ihr
Gelübde: alle Bande zu zerreissen, die an die Welt sie knüpften, und allein dem
Himmel und dem Dienst der Heiligen sich zuzuwenden.
    Indes sie jetzt neben Charitas in die schmerzlichsten Gedanken versank und
jetzt nicht mehr durch ihre Worte, sondern durch das krampfhafte Zucken ihrer
Gesichtszüge, das Zittern ihrer ganzen Gastalt und die Tränen, die in ihren
Augen glänzten, bestätigte, wie schwer auch im Kloster Seelenfrieden zu
erringen, und noch schwerer zu bewahren sei, schreckte sie das Läuten des
Glöckchens auf, das alle Klosterbewohnerinnen zum Abendgebet in die Kirche rief.
Mit klopfendem Herzen und nassen Augen gehorchten Beide diesem Ruf, und damit
war eine Unterredung ganz abgebrochen, die für die Eine wie die Andere eine so
unerwartete Wendung genommen.
    Am folgenden Tage sah sich Charitas vergeblich in der Kirche, im Garten und
im Speisesaal nach der Schwester Ulrike um - sie fehlte überall, und am Abend
erfuhr Charitas auf ihr Befragen, dass sich die Nonne gestern im Garten erkältet
habe und krank geworden, mitin in ihrer Zelle bleiben müsse. Als sie auch am
nächsten Tage nicht erschien, erbat sich die Novize bei der Priorin die
Erlaubnis, der kranken Nonne als Pflegerin dienen zu können; die Bitte ward ihr
bereitwillig gewährt.
    Ulrike lag im Fieber, als Charitas zu ihr kam. Sie neigte sich über das
Lager der Kranken, die ihre schmalen Hände ihr froh überrascht entgegen
streckte, noch freudiger gerührt, als die Novize erklärte, dass sie nicht nur für
eine kurze Stunde komme, sondern um während ihrer Krankheit als Pflegerin ihre
Zelle zu teilen.
    So vergingen Beiden die Tage in innigster Gemeinschaft. Nur wenn die Glocke
zur Kirche rief, folgte Charitas diesem Ruf aus der Krankenzelle, und zuweilen
ward sie auf eine Nacht oder andere Tagesstunden von einer Nonne abgelös't, um
selbst auch einige Ruhe zu haben, aber die meiste Zeit war sie doch an Ulrikens
Krankenlager. Charitas vermied von Ulrich zu sprechen, denn sie hatte gleich
erkannt, dass Ulrike durch ihre neulichen Mitteilungen in diesen Fieberzustand
versetzt worden war, und sie musste fürchten, ihn durch ein Gespräch, welches das
erste Mal eine so aufregende Wirkung gehabt, zu erhöhen. Aber er steigerte sich
auch ohnedies, und da sie bewusstlos in Fieberphantasien sprach, kam mehr als
einmal der Name Ulrich über ihre Lippen, und zwischen Seufzern und Gebeten, wenn
ihr helle Augenblicke kamen, erklärte sie, dass sie weder leben noch sterben
könne, wenn sie Ulrich nicht wiedergesehen! - -
    Einst, als sie auch diese heisse Sehnsucht in stöhnenden Jammerrufen hatte
laut werden lassen, ward Charitas von ihr abgerufen, da ihre Schwester Clara
gekommen sei, um sie zu sprechen. Solche Besuche ihrer weiblichen Angehörigen
waren den Novizen gestattet.
    Die Schwestern hatten nie ein Geheimnis vor einander. So erzählte auch
Charitas von Ulriken Alles, was sie selbst wusste, und eben auf das
schmerzlichste bewegt von deren Sehnsucht nach Ulrich, die gewiss keine sündhafte
war, denn sie hatte ihn ihren Sohn genannt - mochte er nun ihr eigener oder wie
sie erst gesagt, der Sohn ihrer Freundin sein - beriet Charitas mit Clara, ob
es nicht ein gottwohlgefälliges Werk sei, den inbrünstigen Wunsch einer
Sterbenden zu erfüllen und auf irgend eine Weise ihr ein Wiedersehen mit Ulrich
zu verschaffen. War dieser wirklich ihr Sohn, so war es gewiss, dass die Priorin
bei einer der frömmsten und gehorsamsten Nonnen keinen Anstand nehmen werde, auf
sein Gesuch ihm den Zutritt zu ihr gestatten, um den letzten Segen einer
sterbenden Mutter zu empfangen. Da aber Charitas doch nicht gewiss wusste, ob man
Ulrike diese Gunst erweisen wolle, so mochte sie in derselben nicht Hoffnungen
erregen, die sich vielleicht nicht erfüllen konnten, und auch nicht mit ihr
davon sprechen, da die pflichtgetreue Nonne in diesem natürlichen Wunsch selbst
so ein irdisches Verlangen sah, dass sie es sich selbst als Verbrechen anrechnete
- so konnte es ihr nicht als Bitte, sondern als eine gnädige Ueberraschung
gewährt werden.
    Die Schwestern kamen also dahin überein, dass Clara an Ulrich in wenig Zeilen
schrieb: wie eine Nonne des St. Clara-Klosters mit Namen Ulrike nach ihm, Ulrich
von Strassburg, wie nach ihrem Sohn auf ihrem Sterbebett sich sehne, und dass er,
wenn er der sei, dem an ihrem Segen gelegen sein müsse, von der milden Priorin
gewiss die Erlaubnis erhalten werde, sich jenen selbst in den Klostermauern zu
holen. -
    Am folgenden Tage ward es mit Ulrike schlimmer. Der von ihr Ersehnte und von
Charitas auch Erhoffte erschien nicht. Es war der Kranken, als ob ihr letztes
Stündlein nahen müsse; jetzt verlangte sie nach dem Propst Kress und nach dem
Beichtvater, der ihr die letzte Oelung reichen sollte. Ehe er kam, legte sie
selbst ihre Hände segnend auf Charitas' Haupt und sagte:
    »Vielleicht ist es Euch ein Lohn für alle Eure mir erwiesene Liebe, wenn Ihr
erfahret, dass Ihr sie der Mutter dessen erwiesen, den Ihr liebt und um den Ihr
leidet! Um seinetwillen liebe und segne ich Euch, tut auch mir um seinetwillen
also!«
    »O, ich habe es geahnet!« flüsterte Charitas und neigte sich demütigend wie
vor einer Heiligen vor der Mutter des still und entsagend geliebten Mannes.
    Nicht lange darauf, als die Abendglocke ausgetönt, läutete das
Klosterglöckchen wieder, das die Sterbestunde und die letzte Oelung einer Nonne
verkündete.
    Aber obwohl es Ulriken galt, so zögerte doch der Tod noch zu ihr zu kommen.
Ihr Beichtvater mit den knieenden Chorknaben, der Propst Kress, die Priorin,
Charitas und ein paar andere Nonnen umgaben ihr Lager. Mit gefalteten Händen sass
die Kranke aufrecht an das Kissen gelehnt, dass die hinter ihr knieende Charitas
stützte, und atmete langsam und tief. Ihre Augen suchten im Kreise umher, ihre
Lippen bewegten sich betend, aber Niemand verstand die leise geflüsterten Worte.
    Eine Nonne öffnete mit langsamen Drucke die Tür und winkte durch die Spalte
die Priorin hinaus. Es konnte nur etwas Wichtiges sein, das diese von dem
Sterbebett einer hochgeehrten und wie eine Freundin geliebten Nonne rief.
    Charitas atmete in banger Erwartung - Ahnung und Hoffnung röteten ihr
immer blasses Gesicht.
    Stille Minuten vergingen. Der Geistliche wiederholte seine Gebete, der
Propst neigte sich teilnehmend über das Lager der Schwester und gönnte ihr aus
einem so leidens- und entsagungsreichen Leben die Erlösung, auf die sie wartete;
aber er senkte seine Augenlider, um die anklagenden Blicke nicht zu sehen, die
aus ihren weitgeöffneten Augen kamen.
    Jetzt trat die Priorin wieder ein - aber nicht allein.
    In der Zelle war es schon ziemlich dunkel, doch draussen im Corridor glühte
eben die Abendsonne noch mit ihrem letzten strahlenden Schein am dort
gegenüberliegenden Bogenfenster. Der Strahl daraus fiel durch die geöffnete
Tür, und im Feuer dieser Sonnenflamme stand ein Baubruder, und seine edle
Gestalt hob sich davon wie von dem Goldgrund ab, welchen die damaligen Maler
meist noch ihren Heiligenbildern zu geben pflegten.
    Sehr verschieden war die Wirkung seines Erscheinens auf die Anwesenden.
Charitas errötete und faltete die Hände zum innigen Dankgebet; der Propst stand
versteinert vor Schrecken und machte eine abwehrende Bewegung, als könne er
jetzt noch dadurch verhindern, was er für sich selbst, peinvoll genug, allein um
Ulrich's Willen so lange verhindert hatte; die Nonnen neigten sich tiefer auf
die gefalteten Hände und schielten doch neugierig nach dem schönen Manne; Ulrike
aber breitete die Arme aus wie nach einer überirdischen Erscheinung und rief
lauter, als sie jetzt seit langer Zeit zu sprechen vermocht: »Mein Sohn! Ulrich!
mein Sohn!«
    Mit zwei Schritten war er an ihrem Lager, knieete davor, nahm ihre Hände in
die seinen und rief: »Meine Mutter! endlich seh' ich Dich wieder! darf ich
Deinen Segen empfangen!«
    Sie legte ihre Hände segnend auf seine Stirn und flüsterte: »Ulrich, welche
Heilige führt Dich mir zu?«
    »Sie steht hinter Dir!« sagte er noch leiser, da er Charitas erkannte; aber
sie hörte es doch, erglühte und zitterte, wie sich freilich für die künftige
Nonne nicht geziemen mochte.
    Mutter und Sohn sahen einander unverwandt an, forschten und erkannten die
geliebten Züge, und der Todesengel wich vor einer grossen Erschütterung und
Freude. -
    Ulrich hatte auf den Brief, den ihm die Schwester Pirkheimer sandte, noch
gezögert zu kommen. Wohl zog sein Herz ihn mächtig in das Kloster, aber er
gedachte des Gelübdes, das er dem Propst geleistet, und wollte erst mit ihm
sprechen, statt wider seinen Willen zu handeln. Kress würde es ja doch wohl auch
erfahren haben, wenn seine Schwester von einer tödtlichen Krankheit bedroht war.
An diesem Abend nun war er voll Unruhe zu ihm gegangen. Da hatte man ihm gesagt,
dass der Propst vor einer halben Stunde in das Clara-Kloster sei gerufen worden.
Er eilte dahin und stand zögernd an der Pforte. Da tönte das Sterbeglöcklein -
seinem Rufe konnte er nicht widerstehen; er schellte und fragte die Pförtnerin:
wem das Läuten gelte? und da sie geantwortet: »der frommen Schwester Ulrike, die
seit zwölf Jahren hier ist,« - da kannte er weder Zögerung noch Wahl, da wusste
er, dass er ein heilig Recht habe auf den letzten Augenblick seiner Mutter, da
bat er, ihn zur Priorin zu führen, und nannte sich Ulrikens Sohn, der von
Strassburg hierhergekommen. Da die Priorin wusste, dass Ulrike verheiratet gewesen
und einen Sohn gehabt, und da Ulrich sogar die Züge der Mutter trug, so zögerte
sie nicht lange, sondern gab seinem angstvollen Flehen nach und führte ihn mit
sich an das Sterbebett. -
    »Vergieb Deiner Mutter,« bat Ulrike, »vergieb ihr, dass sie Dich verlassen
konnte; dann erst können mir die Heiligen vergeben, dann erst kann ich in
Frieden sterben!«
    »Wie möget Ihr also sprechen! rief Ulrich; »als eine Heilige, die viel
geduldet, hab' ich Euch schon verehrt, und doppelt, seit ich Alles weiss, was Ihr
gelitten und geduldet -«
    Auf einmal stiess Ulrike einen entsetzlichen Schrei aus. Ward jetzt ihr Geist
vollends ganz klar und entsetzte sie gerade dieses Alles-wissen, von dem Ulrich
sprach? dachte sie daran, dass, wenn die Welt erfuhr, wie und wessen Sohn er sei,
die Sünde der Eltern über ihn kam? Der Propst fasste so die angstvoll flehenden
Blicke auf, die sie zu ihm herüber warf, der tief bekümmert auf die Gruppe
schaute, die er immer gefürchtet einmal so sehen zu müssen.
    Aber jetzt raffte sich Ulrike noch einmal kräftig auf und sagte mit lauter
Stimme: »Mein Sohn, ich weiss, dass die Leiden dieser Zeit nicht wert sind der
Herrlichkeit, die an uns soll offenbaret werden! Dass ich Dich auf meinem
Sterbebette segnen darf, ist ein Zeichen von der Vergebung des Himmels für uns
Beide. Vor Gottes Tron werde ich für Dich beten und Dich erwarten - vielleicht
kommst Du bald - -« Sie sank in die Kissen zurück, zog Ulrich's Hand mit einem
letzten krampfhaften Zucken der ihren an ihr Herz und flüsterte verhallend:
»Vielleicht kommst Du bald - bald!«
    »Bald!« flüsterte Ulrich; »ich ahne es, Du ziehst mich Dir nach!«
    Das Sterbeglöckchen läutete wieder - die Priorin öffnete leise das Fenster,
um eine entfliehende Seele frei in den Himmel zu lassen.
    Ulrich knieete betend an der teuren Leiche, bis er ihr die still und kalt
gewordenen Augen zudrücken konnte, dann ging er mit dem Propst.
 
                                 Achtes Capitel
                              Anklagen und Verhör
Mit sonderbaren Empfindungen vernahm Jacobea die Kunde von dem plötzlichen Tode
Christoph Scheurl's, von dem Verdacht, der auf seine Gemahlin fiel, und von der
Verhaftung Katarina's - jenes mit teuflischem Triumph, dieses mit ängstlichem
Erschrecken.
    Wohl war Jacobea auch an dem Besitz des Ringes gelegen gewesen, doch war er
ihr mehr Nebensache, die Hauptsache aber, dass ihr Pulver, welches sie für
Elisabet bereitet, irgend eine schädliche Wirkung auf dieselbe habe: entweder
sie entstellte oder tödte - wenn sie auch nur gewagt hatte es Katarinen, die
nicht so verdorben war als sie, unter dem milderen Namen eines Schlaftrunkes zu
reichen. Zu einem Diebstahl, zu einer hinterlistigen Rache, wusste sie, war
Katarina zu überreden; aber stets würde sie vermieden haben, einen Mord auf
ihre Seele zu laden. War sie nun die unschuldig Schuldige? hatte sie statt an
Elisabet, an Scheurl die Wirkung ihres Pulvers versucht, und war diese eine so
plötzlich tödtende gewesen? Was hätte Jacobea darum gegeben, mit Katarinen
reden zu können, die nun in den Händen der Gerichte war! Wenn nun die
Folterknechte Katarinen, die mehr schwach als schlecht war, zum ganzen
Geständnis der Wahrheit brachten - wenn sie sagte, wer ihr das Pulver gegeben,
und Jacobea selbst mit in Untersuchung kam? Wenn sie selbst gefangen würde in
der Schlinge, die sie für andere gelegt, wie es eigentlich Katarinen schon
ergangen war? Oder umgekehrt: wenn es gelinge, Elisabet als Giftmischerin und
Gattenmörderin zu verderben; wenn die schöne Patrizierin auch auf der Folter,
wenn auch nur aus Scham oder Schmerz gleich Andern, sich als schuldig bekennen
würde, auch wenn sie es nicht war? Wenn sie gerichtet würde zum Schauspiel für
ganz Nürnberg? - Konnte sich Jacobea doch noch des Tages erinnern, wo man den
Nikolaus Muffel nicht geschont, sondern öffentlich entauptet hatte, trotzdem
dass er Loosunger war und mitin aus den edelsten Geschlechtern stammte, und
trotzdem dass Kaiser Friedrich sich für ihn verwendet hatte - konnte nicht
Elisabet ein gleiches Schicksal haben? Gab es doch genug Feinde für sie in den
Mitgliedern des grossen Rates, und noch mehr Feindinnen unter deren Angehörigen.
Der alte Loosunger Tucher hatte es ihr gewiss noch nicht vergessen, dass sie ganz
allein durch den König Max ihm die für unebenbürtig gehaltene Schwiegertochter
in's Haus gebracht, noch weniger aber die Hallerin, die ihren Gatten ganz zu
lenken wusste, dass ihr Elisabet beim König und bei allen Festen den Rang
abgelaufen - und so gab es ausser jenen noch Ratsherren genug, die ihr grollten,
entweder weil sie einen Hass auf jedes Frauenzimmer warfen, das aus der
gewöhnlichen engen Sphäre einer Art von Hörigkeit heraustrat, oder die selbst
früher für sich selbst oder ihre Söhne vergeblich um Elisabet geworben - und
wieder gab es ausser der Hallerin noch genug Frauen, die auf Elisabet's geistige
und körperliche Vorzüge eifersüchtig waren, ihr eine Demütigung recht vom
Herzen gönnten und ihrer Hoffart immer ein unglückliches Ende prophezeit hatten.
Bei solchen Verhältnissen konnte es vielleicht gelingen, wenn man die
Gelegenheit zu benutzen verstand, Elisabet als schuldig erscheinen zu lassen,
auch wenn sie es nicht war, noch selbst gestand. Ja, selbst wenn Katarina so
schwach sein sollte, auf der Tortur über sich selbst die Wahrheit zu gestehen,
so würde sie doch gewiss nicht zugeben, dass sie den Mord vorsätzlich vollführt,
da sie ja in der Tat nicht die Wirkung des Pulvers gekannt hatte, und es war
sehr wahrscheinlich, dass sie ihre Geständnisse in der Art machen konnte, dass
Elisabet zum wenigsten als ihre Mitschuldige erschien, wie es gerade damals und
namentlich auch in den angrenzenden Ländern bei den Hexenprocessen häufig
vorkam, dass niedrigstehende Personen hochstehende als ihre Mitschuldigen
nannten, um vielleicht um diese Willen mit ihnen frei auszugehen. Freilich war
es auch wahrscheinlich, dass Katarina nicht verschwieg, wie sie zu dem Gift
gekommen, und die Schuld auf Jacobea zu wälzen suchte - und wenn diese nun auch
entschlossen war, standhaft zu leugnen und gewiss war, dass Katarina keine
Beweise für ihre Aussage finden konnte, so erschien ihr doch selbst die Aussicht
auf die Tortur, die im Hintergrund drohte, schrecklich genug.
    Aber fast gleichzeitig mit dieser Nachricht empfing sie auch die, dass
Weispriach's Burg gefallen und zerstört worden sei, und dass der Burgherr selbst
mit gefangen genommen. Martin Behaim war selbst in Irrtum gewesen, als er
Elisabet erzählt hatte, dass Weispriach entkommen sei und Streitberg gefangen
nach Nürnberg geführt; es war gerade umgekehrt - aber wie es leicht bei solchen
Ereignissen und Nachrichten und dem Erringen eines plötzlichen Sieges erging: im
Triumph, der ihm folgte, waren Namen und Personen verwechselt worden.
    Jacobea war mehr als einmal die Helfershelferin dieser Ritter gewesen, und
ihr Sturz war auch für sie ein Schlag. Wer weiss, ob nicht auch Weispriach
Geständnisse machte, die gefahrbringend für sie waren. Aber sie kannte
Streitberg. Wie schlecht er auch war und keine List oder Gewalttat scheute zur
Erreichung seiner Zwecke, Furcht oder Feigheit waren ihm fremd, und wo er jetzt
auch hingeflohen sein mochte, wie sehr er auch Ursache haben möge, Nürnberg und
die über ihn verhängte Reichsacht zu scheuen, so würde er nun nur um so
wütender Rache an Elisabet zu nehmen suchen, der er alles Ueble zuschrieb, was
ihm und damit auch seinem Freund widerfahren. Streitberg war noch niemals der
Herr seiner Leidenschaft gewesen, aber er war nicht so niederträchtig, einen
Freund und Waffenbruder in der Gefahr zu verlassen, in die er selbst ihn
mitgebracht, und wenn er jetzt sein Heil in der Flucht gesucht hatte, so war es
entweder in der Meinung geschehen, dass auch Weispriach dasselbe tun könne, oder
in der Absicht, ihn dann noch aus derselben helfen zu können.
    Jacobea erdachte und verwarf einen Plan nach dem andern, und endlich
beschloss sie, zu dem Juden Ezechiel zu gehen und mit ihm sich zu beratschlagen.
    Ezechiel hatte endlich zu der Ueberzeugung gelangen müssen, dass es seine
eigene Tochter gewesen war, welche ihm den indianischen Raben, den er in
Verwahrung genommen, entführt und mit ihm Elisabet oder die Behaim von dem Ort
in Kenntnis gesetzt hatte, wohin die geraubten indianischen Schätze gekommen
wären - ja er konnte ihr kaum darüber zürnen; denn dadurch allein war ja am
andern Tage das Volk abgehalten worden, die Judengasse zu stürmen, und er
dadurch noch einer grössern Gefahr entgangen, als die andern seiner
Glaubensgenossen, da er der specielle geheime Verbündete der Raubritter war und
man bei ihm leicht ihn verdächtigende Artikel hätte finden können.
    Rachel hatte eingestanden, dass sie diese Tat getan von Angst gepeinigt,
und getrieben von der Hoffnung, gleich den erhabenen Frauengestalten aus den
Geschichten des alten Testamentes ihr Volk aus einer grossen Bedrängnis zu retten
und im Notfall sich für dasselbe zu opfern; aber sie hatte ein hartnäckiges
Stillschweigen darüber beobachtet, wie sie das getan und zu wem sie die Kunde
zuerst gebracht.
    Zürnte ihr der Vater auch über ihr eigenmächtiges Handeln, so konnte er es
doch nicht ganz verdammen, nach den Motiven, welche sie angab. Aber er nannte
sie ein ungehorsames, ungeratenes Kind, das klüger sein wolle als sein Vater -
und um sich gegen diese Klugheit zu schützen, wie er selbst sagte, hielt er sie
von dieser Stunde an eingesperrt und gestattete ihr nicht anders als an seiner
Seite das Haus zu verlassen.
    Darum hatte sie auch Ulrich eingeschlossen gefunden.
    Ein Nachbar hatte ihn kommen sehen und das Ezechiel verraten. Ein neuer
Grund für diesen, Rachel sorgfältig bewacht zu halten, aber auch in Verbindung
mit den Gerüchten, die in der Stadt über Elisabet und dem Baubruder umliefen,
und die nun nicht allein von ihren Feinden verbreitet waren, zu ahnen, dass
gerade er es war, welchen Rachel zum Vermittler gewählt.
    Der Jude gehörte zu den Kreaturen, die aus allen Dingen, wie nachteilig sie
im Anfang auch scheinen mögen, am Ende doch einen Vorteil für sich selbst zu
ziehen wissen. Eigentlich hatte seine Tochter, der er, durch Jacobea aufgehetzt,
nicht mehr hatte trauen mögen, ja ganz in seinem Sinne gehandelt, ihm in die
Hände gearbeitet. Hatte so doch Rachel eine nächtliche Zusammenkunft Ulrich's
mit Elisabet in ihrem eigenen Hause veranlasst - wie es später durch andere
übereinstimmende Nachrichten vor Ezechiel sich aufklärte - hatte sie so doch
ganz einfach und schnell bewerkstelligt, was seine List vergeblich bei beiden
Teilen versucht hatte, erschien es nun nach dieser Tatsache doch leicht, eine
Schuld auf Beide zu werfen - zunächst auf den Baubruder, der alle Frauen meiden
sollte, und doch zu gleicher Zeit an das verachtete Judenmädchen, wie an die
hoffärtige Patrizierin sich drängte.
    Nun hörte er plötzlich, dass diese der Verdacht traf, ihren Gatten vergiftet
zu haben: wahr oder nicht, daraus musste sich ein Vorteil ziehen lassen - ja,
selbst wenn es kein specieller gewesen: für den schadenfrohen Juden lag ein
grosser Triumph darin, eine so vornehme Christin, die ihn und seine Dienste mit
Verachtung von sich gewiesen, so gedemütigt und in Gefahr zu sehen.
    Als er gleichzeitig hörte, dass Weispriach gefangen sei und Streitberg
entkommen, sank ihm freilich der Mut. Wenn Weispriach angab, dass, wo er den
Räuber und Stehler, der Jude oft genug den Hehler gemacht, so hatte er auch für
sich selbst zu fürchten. Indes vertraute er auch noch jetzt seiner Gewandteit
im Lügen und Heucheln und dem Umstand, dass er vielen Mitgliedern des grossen
Rates sich unentbehrlich zu machen verstanden und immer bei seinem Handel wie
bei seinen Handlungen die Politik verfolgt hatte, von Allen, mit denen er in
Berührung kam, etwas zu erfahren, das sie zu verschweigen wünschten, und sie
dadurch, wie er's nannte, »an's Fädchen« zu bekommen, daran er, wenn nicht sie,
doch sich selbst im Notfall halten konnte.
    Als Jacobea zu ihm kam, hütete sie sich wohl ihm zu verraten, dass die
eingesteckte Katarina ihre Muhme war, und noch mehr, dass es wahrscheinlich ihr
eigenes Gebräu, an dem der Herr von Scheurl gestorben.
    »meint Ihr nicht,« sagte sie zu dem Juden, »dass wir nun dem
Steinmetzgesellen Ulrich alle seine Feindschaft wider uns vergelten könnten,
wenn es hiesse, dass er mit Anteil an dieser Mordtat habe? Bei den freien
Maurern ist ja Alles geheim - die haben gewiss auch Geheimmittel, profane
Menschen aus der Welt zu schaffen, und machen sich gar kein Gewissen daraus,
wenn es nur nicht welche sind von ihrer Zunft Es geschieht ihnen ja nichts, wenn
sie nicht vorher aus dieser ausgestossen werden, da sie sich nach ihren eigenen
Gesetzen richten - und davon erfährt Niemand etwas, weil es immer heissen soll,
dass die Baubrüder besser sind als andere Leute.«
    »Oho!« rief der Jude, »habe gewartet nur bis heute, da ich habe gegeben
Bedenkzeit dem Ulrich von Strassburg mir zu sein zu Willen oder zu fürchten meine
Rache; habe ganz andere Dinge wider ihn zu bringen, als Ihr meint - wird bald
gekommen sein seine letzte Stunde. Ihn und den Hieronymus klag' ich an, dass sie
im Benediktinerkloster haben fortgeholfen einem Mönch, der verurteil gewesen
zum Tode; der ist dann lange verborgen gewesen in Weispriach's Burg, wo ich ihn
habe erkannt an Sachen, die mir die Baubrüder abgenommen, und habe selbst
erfahren die ganze Geschichte, die bisher nur die Leute still gemunkelt.«
    »Aber was wird man geben auf das Zeugnis des Juden?« warf Jacobea ein.
    Ezechiel lachte: »Giebt es doch genug Christen, die trotzdem, dass sie sich
für etwas Besseres halten und meinen, sie wären alle Brüder, und ihre Religion
zusammengesetzt aus lauter Liebe, eine rechte Schadenfreude daran haben, wenn
sie wider einen solchen christlichen Bruder können böses Zeugnis reden, es sei
wahres oder falsches. Und zumal nun eine christliche Schwester gegen christliche
Schwestern - diesmal bin ich ganz gewiss meiner Sache. Hab' ich Euch nicht einmal
gesagt, dass die Frau Katarina Hallerin, da der letzte Reichstag hier war, hat
bei mir gehabt versetzt silberne und goldene Armleuchter, damit ich ihr Geld
darauf leihe - könnt' ich der erweisen einen grössern Dienst als ihr Gelegenheit
zu geben, die Scheurlin zu verderben sammt dem Baubruder, der Gnade gefunden vor
ihren Augen, wie sie vor den des Königs?«
    Wohl musste Jacobea dem Juden zu einer solchen Verbündeten Glück wünschen,
deren Vertrauen sie freilich sich verscherzt, da es ihr misslungen war, den
Goldschmied Albrecht Dürer zur Anfertigung einer Nadel für sie, wie die war,
welche Frau Scheurl vom König geschenkt erhalten, zu veranlassen. Katarina
Haller, die Gattin des Bürgermeisters und die Tochter des Loosunger Holzschuher,
die hatte freilich Einfluss genug, einer Anklage, die sich auf Tatsachen
stützte, wenn sie auch aus dem Mund eines Juden kam, Gewicht zu verleihen und
Zeugen für sie zu schaffen, wenn auch ihr Gatte eher zu den Männern gehörte,
welche ihre Frauen kurz hielten und die Hausfrau gern zu einer Hausmagd
herabwürdigten, als zu denen, welche sich selbst ehrten durch die Ehre, die sie
ihren Frauen erwiesen.
    Eben diese Beschränkung und dieses Kurzhalten, welches Katarina Haller von
ihrem Gatten erfuhr, war die Ursache, welche sie in die Hände des Juden führte.
Haller setzte teils eine Ehre darein zu sparen und sein Gut zu mehren - teils
glaubte er sich für berechtigt, Alles an sich und nichts an seine Frau zu
wenden, teils hielt er auch streng darauf, dass diese nicht selbst die Luxus-
und Kleidergesetze überschritt, welche der Rat gegeben hatte, da sich dies für
die Frau eines Bürgermeisters am wenigsten gezieme. Aber Katarina, im
Bewusstsein, dass die Mitgift einer Holzschuher viel reicher gewesen, als die
einer Behaim, fand es unerträglich von Elisabet Scheurl wie in allen andern
Dingen, auch in Kleiderpracht und Putz übertroffen zu werden. Da ihr Gatte ihre
Wünsche hierin nicht erfüllte, so suchte sie dieselben auf allerlei
Schleichwegen zu befriedigen, und als der Reichstag kam, wusste sie für sich
keinen andern Rat, als von dem Trödlerjuden, der auf Pfänder lieh, sich Geld zu
verschaffen. Natürlich durfte ihr Mann nichts davon ahnen und darum war die
Verschwiegenheit des Juden die erste Bedingung. Er hatte sie treu erfüllt und
dadurch sich mehr und mehr in ihr Vertrauen geschlichen. Dass sie von Eifersucht
und Neid gegen Elisabet Scheurl erfüllt war, wusste der Jude wie fast die ganze
Stadt. Das war so gewesen von der Stunde an, wo Elisabet neben ihr vom Kaiser
war erwählt worden, als die schönste Nürnbergerin Konrad Celtes zu krönen, und
hatte sich mit jedem Triumph derselben gesteigert, wie viel mehr nicht da, als
König Max bei seiner zweiten Anwesenheit in Nürnberg in Scheurl's Hause Wohnung
nahm. Alle gehässigen Gerüchte, welche über Elisabet im Umlauf kamen, gingen
teils von der Hallerin aus, teils wurden sie doch von ihr begierig aufgefangen
und mit den abscheulichsten Zusätzen weiter verbreitet.
    Wie triumphirte sie jetzt, da Scheurl's plötzlicher, unerklärbarer Tod einen
schrecklichen Verdacht auf Elisabet warf. Wie bestrebte sich die Hallerin ihn
zu verstärken, so viel sie vermochte, und mit ihrer bösen Zunge die Feindin als
das strafbarste und verabscheuungswürdigste Geschöpf darzustellen, das es je in
Nürnberg gegeben. Hatte sie vorher doch schon tausendmal bereut, dass sie vor
zwei Jahren dem Ritter von Weispriach nur um einen Preis, den er sich vergeblich
bemüht hatte ihr zu gewähren, versprochen hatte, Elisabet zu sich und damit in
das Netz des Ritters von Streitberg zu locken, und dass sie es trotzdem nicht
getan; nun aber wollte sie gewiss keine Gelegenheit wieder vorübergehen lassen,
Elisabet zu demütigen, unglücklich zu machen, wo möglich ganz zu verderben.
    Schon war es ihr gelungen, ihrem Gemahl die moralische Ueberzeugung
beizubringen, dass Elisabet den Gatten vergiftet habe, indem sie sagte:
    »Diesen alten Geck hat das eitle Weib doch nur geheiratet, weil er reich
war und sie an seiner Seite übertriebenen Aufwand machen konnte. Mit andern
Männern, wie mit dem Ritter von Streitberg und dem Poeten Konrad Celtes hat sie
nur freche Buhlschaft getrieben, ohne an's Heiraten zu denken: jener hatte
schon eine Frau und dieser konnte keine ernähren; aber das hinderte sie nicht,
sich mit ihnen einzulassen und dann schnell den Scheurl zu heiraten, damit sie
nicht etwa noch in Schande käme. Der hat es nun geduldet, dass Künstler und
Gelehrte in seinem Haus ein- und ausflogen wie in einem Taubenschlag, um der
gefallsüchtigen Frau die Zeit zu vertreiben und ihm auf einmal den Ruf eines
kunstfreundlichen Mannes zu geben, und da der König ein Auge warf auf die üppige
Frau, bei der er gewiss war, in allen Stücken eine zuvorkommende Wirtin zu
finden, da drückte der Mann wieder ein Auge zu, weil seine Schande ihm die Ehre
des adeligen Wappens einbrachte, und so lange hat vielleicht das Paar im besten
Einvernehmen gelebt. Aber als Scheurl dahinter gekommen, dass ihr auch ein
Steinmetzgesell nicht zu schlecht ist und sie sich nicht scheut, ihn zur
Brechung seines Gelübdes zu verführen, da ist ihm doch die Geduld gerissen.
Elisabet aber, die nie einen Widerspruch dulden mag und die wieder nur so lange
den alten Herrn als Gemahl sich gefallen liess, als sie ihn ganz beherrschen und
nach ihren Lüsten leben konnte, mag nun das Loos einer reichen Wittwe besser
gefunden haben, als einer abhängigen Ehegattin, und hat den Gemahl auf die Seite
geschafft. Du hast selbst gesagt, dass er Nachts immer betrunken aus Euren
Zechgelagen heimgegangen, da mag es leicht gewesen sein, ihm einen Gifttrunk
beizubringen - und das Gift mag sie auch bei der Hand gehabt haben - sagt man
doch, dass ihr Bruder Martin ein neues Schlangengift mitgebracht hat.«
    Wusste Haller auch recht gut, dass ein gut Teil Neid und Eifersucht aus
diesen Darstellungen sprach, so gehörte er doch auch zu den Männern gemeinen
Schlages, die an keine Keuschheit und Tugend, am wenigsten bei schönen Frauen
glauben, eben weil sie teils selbst weit entfernt sind und in der
Verführungsmacht des andern Geschlechtes eine Entschuldigung für die eigene
Unmoralität suchen, teils auch weil sie die Frauen zu weiter nichts fähig oder
berechtigt halten, als den Männern zur Unterhaltung oder Pflege zu dienen. Es
schien ihm darum nicht ganz unwahrscheinlich, dass seine Frau über Elisabet
ziemlich richtig urteilte, und er säumte nicht, unter den Ratsherren und
Schöppen diese Ansichten zu verbreiten.
    Als nun Ezechiel mit seinen Anklagen und Mitteilungen über Ulrich zur
Hallerin kam, so fand er natürlich bei ihr nicht nur Gehör und Glauben, sondern
sie wusste auch einen ihrer Vettern Bernard Holzschuher, den sie schon immer in's
Vertrauen gezogen, der selbst Schöppe und einer der einst von Elisabet
abgewiesenen Freier war, zu bewegen, dass er die Anklage wider Ulrich von
Strassburg und Hieronymus erhob und zwar zuerst bei dem Hüttenmeister der St.
Lorenzhütte; waren die Baubrüder aus dieser ausgestossen, so konnte dann weiter
gegen sie verfahren werden.
    Für Katarina Haller war es auch beschämend und quälend, dass der Ritter Axel
von Weispriach, auf dessen Aufmerksamkeiten einst sie und Beatrix Immhof stolz
gewesen, jetzt als ein Placker, Strassenräuber und Reichsfriedenbrecher verhaftet
war, und dass man ihn, um ein Beispiel zu geben und die Macht der freien
Reichsbürger diesem herabgesunkenen Adel gegenüber zu zeigen, unfehlbar zum Tode
verurteilen und hinrichten werde. Beatrix hatte wohl persönliches weibliches
Mitleid für ihn - Katarina kannte solche bessere Empfindungen nicht, aber sie
schämte und ärgerte sich, mit einem Strassenräuber, der nun den Tod für seine
Verbrechen leiden sollte, getanzt zu haben, und hasste den Ritter doch doppelt,
weil er sie zu einem Bubenstück verleitet hatte, dessen Ausführung doch nur an
Meister Dürer's Ehrlichkeit und Vorsicht gescheitert war. Wenn diese Geschichte
vielleicht noch an den Tag kam, so war sie zugleich der Verachtung und
Lächerlichkeit Preis gegeben - sie, die sich immer so ihrer Tugend und
Unbescholtenheit rühmte, gewissenhaft auf die Befolgung der kleinlichsten Regeln
der hergebrachten Sitten hielt und unbarmherzig über Alle den Stab brach, welche
auch nur in den kleinsten Dingen davon abwichen, geschweige denn, wenn sie sich
ein wirkliches Vergehen dagegen zu Schulden kommen liessen. Katarina sagte sich,
dass, wenn es möglich sei, dass sie jetzt eine derartige Demütigung erfahre, sie
doch zuvor an Elisabet noch eine grössere erleben oder ihr bereiten müsse - es
koste was es wolle.
    So arbeiteten die sittenstolze Patrizierin, der schmutzige Jude und die
verrufene alte Kupplerin gleichzeitig an dem Untergange der edelsten Menschen,
die damals in Nürnberg lebten, und die eben darum nur in feindliche Conflikte
mit ihren Nebenmenschen gerieten, weil sie über die Vorurteile derselben
erhaben und ihrer Zeit vorausgeeilt waren. -
    Indessen hatte die Untersuchung über den Tod Christof von Scheurl's vor den
geschworenen Schöppen ihren Gang.
    Elisabet selbst hatte vermutet, dass ihr Gemahl am Abend vor seinem Tode
bei dem Propst Kress zum Nachtmahl gewesen sei. Auf Befragen bestätigte dies
derselbe, und weder für ihn noch die andern Gäste hatten die aufgetragenen
Speisen und Getränke eine schädliche Wirkung gehabt, so dass man etwa auf eine
zufällige Vergiftung oder ein sonst gewaltsam herbeigeführtes Unwohlsein hätte
schliessen können. Martin Ketzel war mit Scheurl bis an dessen Strassenecke nach
Hause gegangen und erklärte, dass derselbe zwar etwas angetrunken gewesen sei,
aber nicht mehr als gewöhnlich, und dass ihm sonst nichts an ihm aufgefallen;
übrigens gehörten beide Herren zu denen, welche versicherten, dass Elisabet
gewiss vollkommen unschuldig sei, dass Scheurl ihr in allen Stücken vertraut und
mit ihr einig gewesen sei - er habe ihr nie etwas in den Weg gelegt und sie ihm
nicht.
    Die gefangene Magd Katarina gab in der Angst ausweichende und
widersprechende Antworten. Sie schwor hoch und teuer, an dem Mord unschuldig zu
sein; die Frau Scheurl aber sei auf sie eifersüchtig gewesen und wolle nun
deshalb die Schuld auf sie wälzen. Die Inquisitoren mussten bei dieser Antwort
lachen, da das Alter und das wenig Anziehende, welches die Inquierentin noch
besass, einen solchen Fall sehr zweifelhaft erscheinen liessen - zumal im
Vergleich mit der schönen Frau Scheurl. Katarina antwortete zwar auf dieses
Gelächter, dadurch empört mit der Behauptung, dass sie beweisen und beschwören
könne, wie Herr Scheurl ihr zugetan gewesen - war aber dabei auch nicht so
schlecht, Elisabet der Tat zu beschuldigen, sondern beteuerte nur ihre eigene
Unschuld.
    Man hatte in ihrer Kammer den Beutel mit Gold gefunden, welchen sie von
Scheurl erhalten; Elisabet und andere Hausbewohner erkannten diesen als den
Scheurl's, und Katarina versicherte, dass er ihr eben diesen gegeben, weil er
Gefallen an ihr gefunden. Auf die Frage, wann dies geschehen sei, antwortete sie
ausweichend, dass sie das nicht genau mehr wisse.
    Der Beutel aber war das gefährlichste corpus delicti.
    Herr Martin Ketzel erklärte auf späteres Befragen, dass er diesen Beutel noch
am Abend des Nachtmahls in der Propstei bei Herrn Scheurl gesehen - die Herren
hatten gespielt, was freilich nicht mit zu Protokoll genommen ward, denn schon
hatte der immer auf Alles sorgfältig bedachte Rat gewisse Beschränkungen, das
Kartenspiel betreffend, erlassen, das, obwohl noch nicht lange erfunden, doch
bereits in bedenklicher Weise einzureissen drohte, aber die »Genannten« kehrten
sich selten selbst an die von ihnen erlassenen Verbote: - der Beutel konnte also
erst nach Scheurl's Heimgange in Katarina's Hände gekommen sein.
    Als man Katarina dies in einem spätern Verhör vorhielt, verwickelte sie
sich in neue Widersprüche.
    Diese zu beseitigen, hielt man damals die Tortur für das wirksamste
Hülfsmittel.
    Katarina hielt nur den ersten Grad der grässlichen Marter aus, dann errang
sie sich Erlösung von dem schrecklichen Instrument mit dem Jammerruf der
Verzweiflung:
    »Ich will bekennen!«
    Aber damit trachteten nur die unglücklichen Opfer unmenschlicher Grausamkeit
sich zu entziehen. Als Katarina sich wieder frei von den Eisenstangen und
Schrauben fühlte, die ihre Glieder zu zerreissen drohten, fürchtete sie
gleichwohl noch eben so sehr als vorher die Wahrheit zu bekennen, und um nur
etwas Neues zu sagen, sagte sie eine neue Unwahrheit.
    Sie erklärte, dass sie allerdings in jener verhängnisvollen Nacht den Herrn
Scheurl habe nach Hause kommen hören, und dass sie dann später noch in das
Schlafzimmer seiner Gemahlin gerufen worden. Hier habe ihr diese den Beutel mit
dem Gold gegeben und gesagt, sie solle morgen wieder abziehen und dafür dieses
Geld erhalten, wenn sie sich dem füge, ohne weiter etwas zu sagen, auch nicht
dass sie noch diese Nacht mit ihr gesprochen. Sie, Katarina, habe gemeint, dies
sei aus Eifersucht der Herrin geschehen, und habe sich gefügt. Am Morgen, eben
da sie ihr Bündel habe schnürren wollen, sei das Schreckliche geschehen, und man
habe sie um dieses falschen Scheines Willen verhaftet.
    Wenn etwas hiervon sich als wahr erwies, so bekam die Sache eine andere
Wendung und der Verdacht fiel auf Elisabet - jetzt gerade um so mehr, als
Katarina gar nicht versuchte ihn auf diese zu werfen, sondern sich auch dabei
ganz unschuldig und unbefangen stellte - in der Tat auch so suchte ihr eigenes
Gewissen zu beruhigen; denn Katarina gehörte eben noch nicht zu den
schlechtesten Kreaturen und dachte nur an Selbsterhaltung. So lange als möglich
wollte sie diese versuchen, ehe sie ein anderes Wesen für sich büssen liesse. Auch
hoffte sie, die angesehene Patrizierin werde vor dem Rat von Nürnberg einen
bessern Stand haben, als die fremde Regensburgerin.
    Jedenfalls machte diese Aussage doch ein Verhör Elisabet's nötig,
Katarina gewann Zeit, und was in solcher Lage Alles galt: sie hatte ein paar
Tage Ruhe vor der entsetzlichen Folter und ihre geschundenen Arme und Hände
konnten sich wieder ein wenig erholen.
 
                                Neuntes Capitel
                               Die freien Maurer
Am Tage, nach dem Ulrich am Sterbebett seiner Mutter gewesen, war er mit
Hieronymus der erste vor der Bauhütte; bald darauf kam der Pallirer dieselbe zu
öffnen, aber es fehlte fast noch eine halbe Stunde an der bestimmten Zeit.
    Ulrich sah aus wie nach einer durchwachten Nacht und seine Augen glänzten
doppelt schwärmerisch als gewöhnlich.
    »Fehlt Dir etwas?« sagte Hieronymus teilnehmend; »Du bist so früh
gekommen?«
    »Weil ich nicht weiss, wie lange ich noch kommen werde!« antwortete Ulrich
wehmütig. »Du gehörst hier immer mit zu den Ersten, es freut mich, dass Du es
auch heute bist - es drängt mich noch mit Dir zu reden.«
    »Du bist so feierlich!« sagte Hieronymus; »mir liess es auch keine Ruhe heute
Dich zu sehen - das Geschick der Scheurlin beunruhigt Dich doch wohl, auch wenn
es nur Mitleid ist.«
    »Nein,« sagte Ulrich fest, »das ist es nicht - sie ist nicht schuldig.«
    Hieronymus schüttelte vedriesslich den Kopf: »Wenn ich nicht Dein Freund wäre
und Dir mehr vertraute als den Reden der Leute, so könnte ich bei dieser
Behauptung Dich doch in demselben Verdacht haben wie meine Mutter -«
    »In welchem?« fragte Ulrich, da Hieronymus stockte, und sah ihn fest und
flammend an.
    »Dass es dieses Weib Dir angetan!« sagte Hieronymus, und schlug doch die
Augen nieder, weil er sich dieser Äusserung schämte.
    Ulrich lächelte: »Ihr könnt Recht haben im gewissen Sinne, nur nicht etwa in
dem, der jetzt die Gemüter verwirren will mit dem Glauben an Hexen und
Zauberspuk. Aber warst Du nicht der erste, der mir diese Elisabet zeigte, nicht
nur als das schönste, sondern als das aufgeklärteste Weib von Nürnberg? Und war
es nicht in demselben Augenblick, als ich die Rose wegwarf, die aus ihrer Hand
mich getroffen? Hab' ich sie nicht gemieden wie jedes Weib, hat sie nicht
dasselbe mir getan und hat nicht Deine Mutter gleich Dir sie gerade darum
gescholten, weil sie dadurch undankbar erschien? Ob eben durch dies Schelten,
durch diesen ungerechten Verdacht, ob durch ihre Schönheit oder durch Alles, was
ich von ihr sah und hörte, durch die Zeichen ihrer Geisteshoheit, die nur in
einzelnen Zügen und Worten sich mir offenbarten - ich weiss es nicht: aber ich
habe durch sie erst eine Ahnung bekommen von der Macht und Grösse des Weibes -
durch sie erst gefühlt, dass unser Gelübde, seine Gemeinschaft zu fliehen, ein
schweres ist, das, wenn wir in allen Versuchungen treu an ihm fest halten, uns
Kraft geben muss, auch jeden andern Kampf im Leben oder in uns selbst siegreich
zu bestehen. Die Bewunderung, die ein schönes Kunstwerk uns einflösst, die
Andachtsschauer der Verehrung, die ich zuweilen empfand, wenn ich zur
Himmelskönigin betete, das Mitleid mit dem Leiden und Dulden anderer heiligen
Frauen, denen wir Monumente und Altäre weihen - das hab' ich für diese Elisabet
empfunden, und rechne mir diese Gefühle nicht als Sünde an, um so weniger, als
ich an ihre Tugend glaube und sie meiner Verehrung würdig finde. Ich wäre nur
unglücklich, wenn ich an ihr irre werden müsste. Unser Gelübde der Entsagung
bereue ich darum nicht, es erscheint mir nur in einem andern Lichte: ein
Freibleiben und Losgerissensein von irdischen Banden und Pflichten, die dem
Genius Fesseln anlegen können, der nur frei und allein sich entfalten kann - ein
Aufschwung und Aufstreben zur höchsten Freiheit, die sich selbst bewusst an das
Ganze hingibt und nur im Ideal Ziel und Schranken findet! - Sage mir,
Hieronymus, wenn man mich auch beschuldigt, wirst Du an mich glauben?«
    »Ich habe es getan bis zur Stunde,« antwortete Hieronymus, »und begreife
Deine Frage nicht, noch was Dich sonst so bewegt?«
    »Eine Ahnung,« antwortete Ulrich, »vielleicht auch die feierliche
Beklommenheit, die immer über uns kommt, wenn wir die letzte Hand an ein Werk
legen, an dem wir lange gearbeitet. Sieh', diese Halbsäule mit ihrem Hochbild
vorn ist bald vollendet,« fuhr er fort, auf eine solche deutend, aus der
Eichenzweige hervortraten, auf welchen ein Eichhörnchen sass, zum Sprunge
ausholend, indes von unten eine Schlange emporzischte, die Eichenblätter wölbten
sich oben zu einer Krone empor; »das unschuldige Eichhörnchen braucht nicht im
Bann der Schlange zu bleiben,« fuhr er fort, »aber es wird doch immer so
erscheinen, es kann höher klettern, im freien Walde von Zweig zu Zweig sich
schwingen, die drohend vorgesteckte Schlangenzunge und ihr Gift verachten, kein
ekles Kriechtier vermag ihm etwas anzuhaben. So hab' ich in den Stein hinein
gedichtet, woran ich jetzt zumeist gedacht.«
    Die letzten Worte hörte der Pallirer, der jetzt näher zu den Beiden getreten
war, und sagte: »Seid Ihr das Eichhörnchen selbst oder hab't Ihr an eine andere
Person dabei gedacht?«
    »Nicht an eine bestimmte Person,« antwortete Ulrich; »es ist ja kein
Conterfei, sondern ein Symbol. Wer in Unschuld wandelt und doch vermag sich zu
den höchsten Höhen mit kühnem Sprunge empor zu heben, den mag die Schlange
irdischer Gemeinheit und Bosheit immer zu verderben drohen - ja ihn gar einmal
verschlingen, wo er sie am wenigsten vermutet: er war dennoch eines höhern
Looses wert!«
    Der Pallirer klopfte ihm auf die Schulter und sagte: »Grabet Euer Zeichen
ein, man wird bei diesem Symbole Eurer selbst gedenken!« Dann wandte er sich mit
einem mitleidigen Blicke ab, als habe er schon zu viel gesagt.
    Die andern Gesellen und Lehrlinge waren einstweilen auch gekommen und das
Morgengebet ward gehalten. -
    Es war ein schwüler Sommertag, eine drückende heisse Luft lag auf der
Bauhütte und verbreitete in ihr einen Dunst, der Alle lässig oder beklommen
machte. Nur Ulrich gönnte sich nie eine Minute Ruhe, um sein Werk zu vollenden.
    In dem kleinen Gemach in der Hütte, neben dem grossen Saal, in welchem die
Steinmetzen arbeiteten, pflegte sich der Hüttenmeister aufzuhalten, wenn es
Geschäfte zu ordnen, Contrakte abzuschliessen oder eine Untersuchung zu führen
gab. Es war eine Art von Comptoir. Als es um die zehnte Stunde war, liess er
Hieronymus und Ulrich hinein rufen. Neben dem Hüttenmeister befanden sich zwei
ältere Gesellen, die, wie es schien, als Zeugen dienen sollten.
    Der Hüttenmeister begann zu den Beiden: »Es sind schwere Anklagen wider Euch
erhoben worden. Ich frage Euch im Namen Gottes, des Sohnes und des heiligen
Geistes, der heiligen Dreieinigkeit, zu der sich die gesammte Christenheit
bekennt - ich frage Euch im Namen des heiligen Johannes, des erhabenen
Schutzpatrones und Vorbildes aller freien Maurer: wollet Ihr die Wahrheit
bekennen unerschrocken und ohne Menschenfurcht gleich ihm? wollet Ihr sie
bekennen, auch wenn sie Euch hinaus in die Wüste führte oder in's Gefängnis,
oder Euch den Tod brächte?«
    »Wir wollen sie bekennen!« riefen Beide zugleich, aber bei Ulrich klang es
wie der entschlossene Ruf eines Märtyrers, bei Hieronymus mischte sich etwas wie
Schreck und Furcht hinein.
    »Leistet den Schwur jetzt vor mir mit Wort und Hand; was Ihr ausgesagt
hab't, werdet Ihr dann vor der ganzen Baubrüderschaft noch einmal bekennen
müssen!«
    Nach diesen Worten des Hüttenmeisters leisteten Beide den üblichen Schwur.
    Ulrich ward einstweilen entlassen und Hieronymus zuerst verhört. »Du bist
sammt Ulrich von Strassburg angeklagt worden, dass Ihr mit ehrlosen Juden
gemeinschaftliche Sache gemacht hab't und eine Judendirne mehr als einmal
nächtlicher Weile in Eurer Wohnung gewesen ist; dass Ihr mit denselben wieder im
Benediktinerkloster seid zusammen gekommen und dann einen Mönch, der darin
wohlverdienter Maassen zum Tode verurteilt gewesen ist, befreit hab't und im
Kloster Andere dazu verführt, Euch bei diesem Werke zu helfen. Steh' Rede über
das Alles.«
    Hieronymus antwortete erstaunt: »Das kann ich nicht, denn ich weiss von dem
Allen nichts.«
    »Gedenke Deines Eides!« mahnte der Hüttenmeister.
    »Ich gedenke meines Eides und beteuere meine Unschuld!« antwortete
Hieronymus.«
    »Ueberlege was Du sprichst! gedenke Deines Eides!« wiederholte der
Hüttenmeister; »weisst Du auch nichts von Ulrich's Schuld?«
    Hieronymus schwieg und blickte zu Boden. Es herrschte eine lange Pause und
Stille - man hörte nur draussen das Feilen der Steinmetzen, das gerade jetzt wie
ein zur Andacht rufendes Geläute ineinander klang.
    Endlich sagte der Hüttenmeister wieder: »Du weisst, wir drohen mit keiner
Folter, um von den Unsern Geständnisse zu erpressen; wir brauchen keine profanen
Mittel und Hände, um die Wahrheit von Denen zu erforschen, die sie verbergen und
verleugnen wollen - wir kennen nur eine einzige Drohung: Wer nicht freudig die
Wahrheit redet und bekennt, auch wo sie ihm Schaden bringen kann, wer betroffen
wird auf einer Lüge, wer nur im Kleinsten sich versündigt hat an der Heiligkeit
des Bundeseides - der wird ausgestossen aus der Gemeinschaft freier Maurer, die
Profanen mögen ihn richten.«
    Hieronymus blickte empor und sagte flehend: »Ulrich ist mein Bruder und
Freund; er hat mir das Leben gerettet mit Gefahr seines eigenen, wie Ihr wisst -
ich kann nicht wider ihn zeugen.«
    »Damit hast Du schon seine Anklage ausgesprochen,« sagte der Hüttenmeister
ernst; »aber Du weisst auch, dass die Wahrheit bei uns herrschen muss über jedes
andere Gefühl, jede andere Rücksicht; der Eid, den Du geschworen, da Du Mitglied
unseres Bundes wurdest, band Dich früher als jeder andere; Du durftest gar keine
andere Verpflichtung eingehen ohne diesen Vorbehalt - Bundesbrüder sind wir
Alle; aber über uns Allen herrscht Einer und ein einziges Gesetz, dem zu dienen
mehr gilt, als unsern Gefühlen, ja dem zu Ehren wir diese bekämpfen müssen, wenn
sie einmal mit ihm in Widerspruch geraten wollen. Stehe Rede und Antwort -
vielleicht kann Dein redliches Bekenntnis Ulrich eher retten als verderben, denn
seine Sache steht schlimmer als die Deine, und ich verlange nicht, dass Du wider
ihn zeugest, sondern für ihn, wenn Du es kannst. Gedenke Deines Eides!«
    Hieronymus begann: »Ein Judenmädchen, Rachel, hat ein paar Mal versucht sich
an uns zu drängen, und da wir einmal bei einem Strassenlärm vor unserm Hause
ihrem Vater, dem alten Ezechiel, Hülfe leisteten, da er sonst wäre von
Betrunkenen erschlagen worden, hatte sich seine Tochter in unser Haus
geflüchtet, und Ulrich sperrte sie dort allein in eine dunkle Kammer, bis sie
ungefährdet heim gehen konnte. Wohl fand ich es unrecht, dass er das Mädchen so
lange duldete, da er uns dadurch in Schande bringen könne. Zwei Tage darauf
wurden wir in das Benediktinerkloster gesandt und dann hat Ulrich nicht mehr bei
mir gewohnt. Das Mädchen hatte damals einen Ring verloren, den Ulrich ihrem
Vater in der Wirtschaft des Klosters wieder zugestellt hat; aber weiter hat er
keine Gemeinschaft mit den Juden gehabt.«
    Der Hüttenmeister frug weiter: »Und was hab't Ihr im Benediktinerkloster
getan - ausser der Arbeit, die Euch zukam?«
    »Ich weiss von nichts,« antwortete Hieronymus.
    »Hast Du nicht den Mönch Amadeus schon vorher gekannt, der das
Weihbrodgehäuse zertrümmerte?«
    »Gekannt? - nein!«
    »Auch Ulrich nicht? auch nicht gesehen?«
    »Gesehen - ja,« antwortete Hieronymus nach einigem Zögern; »Ulrich's Schwert
war vor Jahren im Gedränge an dem Rosenkranz des Mönches hängen geblieben, er
hatte sein Kreuz verloren, das Ulrich bewahrte, um es ihm wieder zu erstatten.«
    Der Hüttenmeister lächelte ungläubig; »Ihr hattet Glück im Finden! - Wie
seid Ihr im Kloster mit Amadeus in Berührung gekommen?«
    »Wenn es eine Berührung war: als seine Ankläger. Wir sahen, dass das
Tabernakel gewaltsam zerstört war - da hat er sich selbst als schuldig bekannt;
als wahnsinnig ist er im Gefängnis an die Kette gelegt worden - weiter weiss ich
nichts von ihm.«
    »Kanntest Du den Novizen Konrad?«
    »Er begrüsste uns als Baubruder - ich misstraute ihm, weil er von unserer
freien Kunst der Möncherei sich zugewendet, gleichviel ob es aus freiem Willen
geschehen oder aus Strafe.«
    »Aber Ulrich traute ihm?«
    »Allerdings - es schien so.«
    »Ihr seid schon zwei Mal angeklagt gewesen, Euch in Händel mit Raufbolden
und Raubrittern eingelassen zu haben, die Frau von Scheurl zu beschützen,«
begann der Hüttenmeister ein anderes Tema; »das erste Mal hat unser königlicher
Bruder Max Euch selber freigesprochen, zum andern Male hat man es Euch um
deswillen nachgesehen und Ihr seid mit einem Verweis und einer Verwarnung, nicht
unnütz das Schwert zu ziehen, davon gekommen - weisst Du, ob Ulrich sich weiter
mit diesem Weibe eingelassen?«
    »Ich weiss es nicht,« antwortete Hieronymus; »Ihr wisst, wir haben seit
Monaten nicht mehr zusammen gewohnt.«
    »Geh' an Deine Arbeit! Wir werden weiter erfahren, ob Du die Wahrheit
geredet.«
    Nachdem Hieronymus mit diesen Worten entlassen war, ward Ulrich zu dem
Hüttenmeister berufen.
    Er wiederholte ihm die vorige Anklage und fügte hinzu: »ich hoffe, Du wirst
bekennen, wie Hieronymus auch bekannt hat.«
    »Hieronymus!« rief Ulrich, »er ist unschuldig; Alles, was Ihr mir da
vorhaltet, ist allein mein Verbrechen - wenn es eines ist.« Und Ulrich
schilderte wahrheitsgetreu, wie das Judenmädchen seinen Beistand für Andere
angerufen, wie er selbst in jener Nacht sie beschützt habe, weil er in ihr das
edle Streben erkannt, das Unrecht zu verhüten, dass ihr Vater oder andere Leute,
von denen sie es erfahren, an Andern, an Christen hatten begehen wollen, und wie
er, um Hieronymus vor jedem falschen Verdacht zu bewahren, von diesem gezogen
sei. »Ich meine, ich habe kein Gelübde gebrochen,« fügte er hinzu, »dass ich
dieses Judenkind anhörte; so oft es kam meine Hülfe zu fordern, war es für
Andere - und sonst habe ich keine Gemeinschaft mit ihm gehabt, mich fern und
frei gehalten von allen Dingen, die wider unsere Statuten verstossen.«
    »Aber Du und Hieronymus,« fragte der Hüttenmeister, »Ihr habt Amadeus
befreit; leugne nicht, denn ich weiss es, und Du wirst wohl ahnen, durch wen.«
    Ulrich blickte auf und sagte nach einer Pause: »Ich tat es, aber ich
allein, Niemand ausser mir hat daran eine Schuld; Hieronymus hat aus Freundschaft
gelogen, wenn er sich dazu bekannt - er kann nur durch Eure Fragen das erste
Wort davon erfahren haben.«
    »Und wie konntest Du Dich dessen erfrechen,« sagte der Hüttenmeister streng,
»wie Dich unterstehen, Dich so aufzulehnen wider die Entscheidung eines
geistlichen Gerichtes und der Gerechtigkeit des Klosters ein Opfer zu entziehen?
Wer eines solchen Verbrechens fähig, wie Du jetzt eingestanden, der wird keinen
Gehorsam, kein Gebot der Kirche oder unserer Brüderschaft mehr heilig halten,
der muss ausgestossen werden aus der Bauhütte, die von ihren Mitgliedern Reinheit,
Gehorsam und Treue fordert. Doppelt hast Du Dich versündigt, denn der, dem Du
aus dem Kloster halfst, war nicht allein ein Verbrecher an seinem Orden, sondern
auch an uns, den Dienern der geweihten Kunst, da er eines ihrer herrlichsten
Werke aus schändlichem Mutwillen zertrümmerte; solch' ein Scheusal von einem
Menschen -«
    »Das ist er nicht - haltet ein!« rief Ulrich ausser sich.
    »Er ist es!« donnerte der Hüttenmeister, »und Du bist es mit, weil Du es
wagen kannst, ihn zu verteidigen, es wagtest, um dieses Ungeheuers Willen nicht
nur den heiligen Klosterfrieden zu brechen, sondern auch Dein Gelübde und damit
den ganzen erhabenen Bund der Maurerei in Dir und durch Dich, als einem ihrer
Gesellen zu schänden. Du brauchst Dich nun nicht mehr zu scheuen, Alles zu
gestehen, denn Du kannst nichts mehr sagen, das Dich unseres Bundes unwürdiger
machte, als diese Tat! - Geh' hinaus und zertrümmere auch Dein letztes Werk,
und dann leugne noch, dass Du ein Verbrechen begangen, indem Du den Meissel
gebrauchtest, diesen Heiligtumschänder zu befreien - oder hast Du auch nur ein
einziges Wort zu Deiner Entschuldigung zu sagen?«
    »Nur ein einziges!« antwortete Ulrich tonlos.
    »Nun?«
    »Amadeus wäre frei ausgegangen, wenn ich nicht an dem Tabernakel die
Frevlerhand erkannt und auf Untersuchung gedrungen hätte. Ich war an seinem
Loose schuld.«
    »Das hatte Dich nicht zu kümmern, Du hattest recht daran gehandelt und die
Strafe war des Sünders würdig - das ist keine Entschuldigung für Dich.«
    »Nun denn, ich habe Wahrheit geschworen - Ihr sollt sie haben; besser, dass
ich so selbst ein unschuldig Schuldiger den Stab über mich breche, als dass Ihr
es tut. Mein Geständnis wird mich nicht retten - aber vielleicht rettet es das
Werk meiner Hände, und Ihr erlasst mir die Strafe, die Ihr drohtet. In demselben
Augenblick, da ich den Frevler am Tabernakel angeklagt, erfuhr ich, dass ich der
grössere war - ich entdeckte in ihm meinen Vater.«
    Der Hüttenmeister hörte dies voll Verwunderung und sagte: »Das ist eine
sonderbare Ausflucht; - sie ändert auch nichts an der Tatsache.«
    »Ich mag dieselbe Strafe verdienen nach den Gesetzen,« sagte Ulrich, »aber
vor menschlich fühlenden Herzen und christlichen Brüdern verdiene ich
Entschuldigung. Ich allein trage die Schuld und bin Verantwortung schuldig; wenn
man Andere angeklagt hat, als hätten sie Teil daran, so hat man sich vom
Scheine täuschen lassen - ich habe keine Genossen und Helfershelfer dabei
gehabt, ausser solchen, welche nicht wussten, um was es sich handelte.«
    »Hieronymus, der Novize Konrad und sogar - der Propst Kress sind mit Dir
angeklagt!« sagte der Hüttenmeister. »Jene haben Dir geholfen Amadeus aus dem
Kerker zu befreien, und dieser hat ihn hier bei sich versteckt. Ich sage Dir
dies, damit Du nicht durch unnützes Leugnen die Sache in die Länge ziehst.«
    Ulrich geriet in Feuer: »Ich will es beschwören mit jedem heiligen Eid:
Hieronymus ist unschuldig! Konrad hat nichts getan, als mir den Weg zu Amadeus'
Gefängnis gezeigt, ohne meine Absicht zu kennen, und der Propst - nun, Ihr wisst,
der ehrwürdige Herr hat eine einzige Schwäche - er war nicht nüchtern, da ich
und Amadeus ihn auflauerten und ihn zwangen, uns in der Propstei eine Nacht zu
behalten. Werdet Ihr nicht lieber mich, als den allein oder doppelt Schuldigen
bestrafen wollen, denn zugeben, dass über diese menschliche Schwachheit unsers
Gottesjunkers verhandelt werde? Möglich, dass er Euch lieber alles Andere
eingesteht, denn dass er trunken war und seiner Sinne nicht mächtig; aber ich
kann es beschwören; es war so.« Und nun bekannte Ulrich aufrichtig, aber alle
Mitschuld der Andern mit auf sich nehmend, Alles ohne Rückhalt, was er getan
hatte.
    »Du hast also selbst das Vergehen eingestanden,« sagte der Hüttenmeister.
»Du musst an das geistliche Gericht abgeliefert werden, wir haben nichts weiter
mit Dir in dieser Angelegenheit zu tun. Aber es gibt noch andere Anklagen
wider Dich. Man beschuldigt Dich nicht nur, dass Du das Judenmädchen habest
verführen wollen, sondern dass Du Dich an die Frau von Scheurl gedrängt, oder
Dich hast von ihr verführen lassen - vielleicht zum Ehebruch - vielleicht zum
Mord -«
    Einen Augenblick erbleichte Ulrich, denn diese Anklage kam ihm doch
unerwartet. Stolz sagte er: »Solch' ungerechter Anklage gegenüber habe ich keine
Antwort, als meine Unschuld zu beschwören.« Seine weiteren Aussagen über diesen
Punkt stimmten mit denen des Hieronymus, und dann fügte er hinzu, dass er nur
einmal in Scheurl's Hause gewesen sei und mit der Hausfrau allein gesprochen
habe, als er ihr den indianischen Raben gebracht, den das Judenmädchen ihm für
Jene übergeben.
    Der Hüttenmeister glaubte Ulrich gern, denn er hatte ihn, seit er in der
Lorenzkirche arbeitete, gleich sehr als Menschen wie als Künstler schätzen
lernen, und ihn oft den andern Steinmetzen als Muster vorgestellt; aber höher
als der Einzelne stand ihm das Ganze der Brüderschaft und die gewissenhafte
Aufrechterhaltung ihrer Statuten. Er sagte:
    »Ich habe dem geistlichen Inquisitor, der Dich vorladen liess, die Antwort
gegeben, dass Du ihm heute Abend ausgeliefert werdest - wenn wir Dich schuldig
befunden, als ein Ausgestossener aus unserm Bunde; wenn wir Beweise für Deine
Unschuld haben, aber als einen der Unsern, den wir vertreten werden vor Kaiser
und Reich, und dem kein Haar gekrümmt werden darf, es sei denn, dass unsere
oberste Behörde, der Maurerhof zu Strassburg, zuvor sein Urteil gefällt. Draussen
läutet jetzt die Mittagglocke - während die Andern gehen, bleibe hier und
erwarte Dein Urteil.«
    Darauf entfernte sich der Hüttenmeister mit dem einen Beisitzer, der andere
blieb als Wächter für Ulrich und Hieronymus zurück.
    Die Freunde umarmten sich schweigend, da man sie wieder zusammen liess.
    »Dir kann nichts geschehen!« sagte Ulrich freudig, »Du bist unschuldig.«
    »O hättest Du mir mehr vertraut,« klagte Hieronymus, »ich hätte Dich besser
verteidigen können!«
    Ulrich schüttelte mit dem Kopf: »Von dem Augenblick an, da ich fühlte, dass
der Schein gegen mich zeugen und mich verderben konnte, musste ich Dich meiden,
mich von Dir zurückziehen, damit ich Dich nicht mit in meinen Sturz verwickelte.
Nun begreifst Du wohl, warum es den Anschein hatte, als sei meine Freundschaft
für Dich erkaltet - aus Freundschaft musst' ich Dich meiden, und das Band
lockern, das uns umschlang.«
    Hieronymus konnte kaum sprechen und weinte an dem Halse seines Kameraden;
als er sich wieder von ihm losmachen wollte, hielt Ulrich seine Hand fest und
sagte: »Lass mir jetzt die Hand noch, die vielleicht in der nächsten Stunde sich
mir als einem Ausgestossenen und Beschimpften für immer entziehen muss.« -
    Als der Pallirer wieder kam und die Glocke zur Arbeit rief, durften auch die
beiden Baubrüder wieder mit an die ihrige gehen. Ulrich war es dabei wunderbar
zu Mute. Vielleicht war dies seine letzte Arbeitsstunde, vielleicht schwang er
zum letzten Male den Meissel und lenkte das Richtscheit, vielleicht war er zum
letzten Male in der Hütte, vielleicht war er in der nächsten Stunde kein
Baubruder mehr - mit Schimpf und Schande ausgestossen aus dem geweihten Bund! Und
seine ganze Seele hing an ihm - schlimmer als Tod war es, wenn man ihn ausstiess
- und doch sah er kein anderes Loos vor sich; aber war es ihm nur gelungen,
dadurch, dass er die Schuld auf sich allein nahm, die drei andern Mitangeklagten
als Unschuldige darzustellen, so fühlte er in sich einen freudigen Triumph, der
ihn wenigstens auf Augenblicke sich selbst vergessen machte.
    Dass in dem Verhör, als Ulrich Amadeus seinen Vater nannte, der Hüttenmeister
nicht weiter danach gefragt, das befremdete Ulrich. Seitdem er gestern am
Sterbebett seiner Mutter gewesen, um ihren letzten Wunsch zu erfüllen, dadurch
allen Zwang von sich werfend, den er bis jetzt sich angetan und seinem
kindlichen Gefühl - seitdem war er darauf gefasst gewesen, dass er über seine
Eltern verhört werden würde. Nun hatte man diese Frage gegen ihn gar nicht
berührt, da doch seine Erklärung, dass Amadeus sein Vater sei, schon eine Art von
Geständnis war. Strahlte nicht hierin ein Hoffnungsschimmer? Hatte nicht
vielleicht der Propst Kress einen Beweis gesucht und gefunden, dass Amadeus und
Ulrike durch Priestersegen verbunden waren? Gab es für ihn wirklich noch eine
Rettung? Der Ertrinkende in einer Flut von Unheil sieht in der schwimmenden
Strohähre einen Rettungsanker.
    Da es ein Samstag war, so ward an diesem Tage eine Stunde früher als sonst
zum Feierabend geläutet.
    Als alle ihre Werkzeuge weggelegt hatten, pflegten sie noch zusammen zu
bleiben, weil an diesem Tage jedem der Wochenlohn ausgezahlt ward. Da die
Strafen für kleinere Vergehen wie Betrinken, Sichverspäten, Schimpfen u.s.w.
meist in Lohnentziehungen bestanden, die dafür in die allgemeine Büchse flossen,
oder in Wachs, das von den Strafbaren abgeliefert werden musste, so wurden auch
diese bei derselben Gelegenheit mit den üblichen Ermahnungen zur Besserung mit
erteilt.
    Darauf erklärte der Hüttenmeister, dass das geistliche Gericht Anklage
erhoben habe wider Hieronymus und Ulrich von Strassburg - dass man aber keinen
Grund habe an der Unschuld des ersteren zu zweifeln, daher derselbe nach wie vor
daheim bleiben und ruhig zur Arbeit kommen solle. Ulrich von Strassburg aber, der
sich selbst als schuldig angegeben, solle den draussen harrenden Dienern des
Gerichts übergeben werden.
    »Wir und die Hauptütte zu Strassburg,« fuhr der Hüttenmeister fort, »sind
über ihn und seine Herkunft getäuscht worden durch falsche Zeugnisse; es bewährt
sich nicht nur an ihm, dass Gott die Sünden der Väter heimsucht an den Kindern,
sondern auch, dass kein Frevel an der Wahrheit ohne Entdeckung und ohne Rache
bleibt. Ulrich von Strassburg war von je ein Unehrlicher und Unreiner, der nicht
in unsern reinen Bund gehört: sein Vater war ein Mönch und seine Mutter eine
Nonne -«
    »Haltet ein!« rief Ulrich, als er auf allen Gesichtern Spuren des Abscheus,
der Verachtung oder des Spottes sah; »haltet ein, meine Eltern solchen Frevels
zu beschimpfen; ein grausames Geschick hatte sie getrennt, und sie wählten das
Kloster erst vor zwölf Jahren, um zu büssen und zu entsagen.«
    »Es mag so sein,« sagte der Hüttenmeister, »aber Dir geziemt zu schweigen;
Du bist ausgestossen aus unserem Bund! ein Unreiner, der niemals daran hätte
Teil nehmen sollen. Lege dein Werkzeug hin und kniee nieder.«
    Ulrich gehorchte schweigend, sein Antlitz ward todtenblass und er suchte es
in seinen Händen zu verbergen.
    Der Hüttenmeister stiess ihn mit dem Fusse noch tiefer nieder, schritt über
ihn hinweg, spie ihn an und sagte: »Du Unreiner! wir haben keinen Teil an Dir!
Unsere Hütte ist beschimpft und entweiht unsere heilige Kunst, wenn wir Dich
noch länger unter uns dulden. Mögen Dich die Profanen richten, wie Du es
verdienst, uns bist Du nichts mehr, denn Du bist uns zum Schandfleck geworden,
und Dein Steinmetzzeichen wird vertilgt werden, wo man es nur findet!«
    Bei den letzten Worten war es Ulrich, als zertrete der schwere Absatzstiefel
des Hüttenmeisters sein Haupt - einen solchen Schmerz fühlte er innerlich bei
diesem Spruch in dem Sitz seiner Gedanken, die hochaufstrebend schon
Unsterbliches geschaffen und noch mehr zu schaffen gehofft - aber schon
schritten der Werkmeister und der Pallirer auch über seine zu Boden geworfene
Gestalt und wiederholten denselben Spruch:
    »Wir haben keinen Teil an Dir!«
    Und so folgten alle Gesellen mit demselben Spruch, schritten über Ulrich und
spieen ihn an.
    Jetzt kam auch Hieronymus an die Reihe. Er zögerte; da traf ihn ein
prüfender Blick des Hüttenmeisters - Hieronymus musste; wenn er nicht tat wie
die Andern, so machte er sich zu dem Mitschuldigen und Genossen des
Ausgestossenen. Noch bleicher als dieser, der für den Freund errötete, ward
Hieronymus Antlitz, als er über ihn hinweg schritt und zitternd stammelte:
    »Ich habe keinen Teil an Dir!«
    Diesmal war es Ulrich, als habe der Fusstritt sein Herz getroffen und
zertreten. Mochten nun noch die Lehrlinge, die unmündigen Knaben, ihre Füsse über
ihn heben und ihn beschimpfen; mochte nun noch mit ihm geschehen was da wollte -
er hatte das Aergste erlebt: der Freund, für den er sein Leben hatte opfern
wollen, der jetzt nur, weil Ulrich alle Schuld auf sich allein nahm, ganz frei
ausging - der hatte auch sagen können: »Ich habe keinen Teil an Dir!« Wen gab
es denn nun noch, an dessen Teilnahme er glauben durfte? -
    Die traurige Ceromonie, die an diesen Akt der Ausstossung sich knüpfte,
währte zwar lange, aber endlich war sie doch vorüber.
    Zwei Steinmetzgesellen hoben Ulrich auf und begleiteten ihn zur Türe, ihm
diese öffnend. Dann stiessen sie ihn mit den Füssen hinaus auf den Platz, auf
welchem die Gerichtsdiener seiner mit Ketten harrten, und sagten: »Nehm't ihn
hin! er ist kein freier Maurer mehr - wir haben keinen Teil an ihm!« -
 
                                Zehntes Capitel
                                 Todesurteile
Elisabet war in ihrem eigenen Hause eine Gefangene - sie erklärte selbst es
sein zu wollen, bis auch jede Spur des entsetzlichen Verdachtes von ihr
genommen, den die Bosheit auf sie geworfen. Wie gross auch das Ansehen war, in
welchem das Geschlecht der Behaim stand, gerade jetzt, da Martin diesen Namen
auch im Ausland zu hohen Ehren gebracht hatte: so gewannen doch jetzt täglich
Elisabet's Feinde mehr und mehr Oberhand im Rat, und selbst die meisten Männer
und Frauen, die ihr früher gehuldigt und geschmeichelt, verläugneten sie jetzt
um so mehr, damit man im Fall, dass Elisabet wirklich verurteilt werde, es
vergesse, dass sie einst mit ihnen freundschaftlich verbunden gewesen.
    Nur Ursula und Clara Pirkheimer waren unter den Nürnbergerinnen ihr treu
geblieben und suchten ihr im Leide beizustehen, wenn nicht mit Rat und Trost -
da sie selbst oft weniger hatten, als die geistesklare Elisabet, doch mit den
Beweisen ihrer Treue und einer Anhänglichkeit, die eben erst jetzt die erste
Gelegenheit fand sich zu bewähren.
    An dem Tage, an welchem Elisabet in das Verhör beschieden ward, war Ursula
auch bei ihr und sagte:
    »König Max hat einen Tag nach Augsburg ausgeschrieben zum Vergleich zwischen
Herzog Albrecht den Baiern und dem Kaiser Friedrich. Mein Eheherr brachte mir
diese Kunde und er hofft, dass der König binnen Kurzem in Augsburg sein werde.
Dortin will er reiten und dem König sagen, wie die Nürnberger gegen Dich
verfahren, und er wird keinen Augenblick zögern ihnen bessere Sitten zu lehren
und Dich zu beschützen. Aber sollte Stephan vielleicht den König nicht treffen
oder nicht selbst bei ihm Gehör finden, so gieb ihm die Nadel mit, die er Dir
einst schenkte - jetzt ist es Deine Pflicht sie zu benutzen.«
    Elisabet blickte stolz und zürnend auf: »Welch' ein Vorschlag!« rief sie.
»Was kann mir an einem Schutz liegen, der nicht ein Schutz meiner Ehre ist? Und
wie möchte eine Bürgerin dieser freien Reichsstadt ein gekröntes Haupt anrufen,
dem Nürnberger Rat Vorschriften zu machen, die dieser nicht bedarf? Für Euch
gibt es keinen Schutz als meine Unschuld, und keine Rettung als durch sie.«
    Ursula sagte: »Gewiss wird sie einst an den Tag kommen, aber wer weiss, ob
sich die Sache bald aufklärt! Wenn ein Fürwort des Kaisers es nur dahin bringt,
dass man -«
    Elisabet schnitt die Rede vom Munde der Freundin ab und ergänzte sie in
ihrer Weise: »Dass man ein Recht habe zu sagen: Da ist es doch erwiesen, dass
Elisabet Scheurl des Königs Buhlerin gewesen - wie nähme er sonst die
Giftmischerin in seinen Schutz? Kein Wort mehr davon! Es ist wahrlich nicht
leicht fortzuleben unter der Wucht dieses entsetzlichen Verdachtes, jeden
Augenblick bereit vor rohen und hämischen Richtern zu stehen, die nur darauf
lauern, ein stolzes Weib zu demütigen: aber leichter ist es noch, als wie sich
ihnen nur durch fremde Fürsprache zu entziehen, welche der Bosheit neue Waffen
in die Hand drückt und uns vor uns selbst erniedrigt.«
    Elisabet blieb fest bei dieser Antwort, was auch Ursula noch dagegen reden
wollte. »Wenn man nun doch keine Schonung für Dich kennt!« rief sie angstvoll,
»wenn man es wagen sollte Deinen zarten Leib der Folter auszusetzen - neben all'
ihren Qualen den tausendmal entsetzlicheren durch die Blicke und Berührungen der
grässlichen Folterknechte! - Wenn wir nun gar nichts weiter vom König erflehen
wollten als seine Fürsprache, Dir das zu ersparen?«
    Wohl schauderte Elisabet, aber sie antwortete: »Gegen solche Entehrung wird
mich dieser Dolch beschützen!« - und sie zeigte einen solchen, den sie verborgen
in ihrem Trauerkleide trug; »aber ich hoffe noch, dass mich dagegen auch die
Fürsprache meiner Brüder, Deines Gatten und Vaters und ein paar anderer, mir
noch ergebener Ratsherren bei den Schöppen schützt! Nicht mit einer andern
Entehrung will ich vor der einen mich retten! - Ursula, ich beschwöre Dich! wenn
die Gefühle der Dankbarkeit, die Dich für mich beseelen, wie Du mir immer sagst,
Dich antreiben etwas für mich zu tun, so lass es das sein, dass Du Deinen Gemahl
abhältst, zum König zu eilen und ihm von meinem Unglück zu sagen. Es ist noch
ein Trost für mich, wenn er wenigstens es nicht kennt, nicht ahnt, was der Frau
geschehen, die er vielleicht gerade darum vor Andern auszeichnete, weil sie ihn
zwang an weibliche Tugend zu glauben!«
    So musste Ursula traurig auf ihren Vorschlag verzichten, in dem sie einen
Rettungsschimmer für die Freundin gesehen, der sie das ganze Glück ihres Lebens
dankte.
    Von ihrem Bruder Georg begleitet war Elisabet auf das Rathaus in's Verhör
gegangen. Wer die schöne Frau so gehen sah im kohlschwarzen dunklen Trauerkleid,
Hals und Arme von Krepp umschlossen, und vom Haupt herab fast die ganze Gestalt
mit einem wallenden Kreppschleier umhüllt - der musste immer gestehen, dass in
dieser majestätischen Haltung und dem festen Gange, den sie angenommen, kein
Schuldbewusstsein lag.
    Trotz aller Mühen ihrer Feinde war nichts aufgefunden worden, sie bestimmt
des Mordes ihres Gatten zu zeihen, aber eben so wenig sie von dem Verdacht
desselben zu entbinden.
    Sie beantwortete alle an sie gerichtete Fragen mit einfacher Kürze und
Würde, und da sie sich in nichts widersprach, so konnte auch der gegen sie
erhobene Verdacht keine Steigerung finden. Die Aussage Katarina's: die
Geldbörse Scheurl's von seiner Gattin erhalten zu haben, wies sie als freche
Lüge zurück. Sie war bereit, ihre Aussagen wie ihre Unschuld zu beschwören,
erklärte aber selbst, dass sie, bis die schauderhafte Tat an das Licht gekommen,
und ihr und dem Namen ihres Gatten vollkommen Gerechtigkeit geworden, ihr Haus
nicht verlassen werde.
    Der Eindruck, den ihre Erscheinung in ihrer ruhigen Sicherheit und
weiblichen Majestät machte, war doch ein solcher, dem keiner der Schöppen und
Ratsherren, die mit im Verhörzimmer waren, sich entziehen konnte; es wagte
keiner, ihr mit der Folter zu drohen, oder auch nur mit Ketten und Gefängnis;
sie lasen auf ihrer reinen Stirn die Reinheit ihres Gewissens, sie behandelten
sie mit Achtung, trotz allen Vorsätzen, welche Einige vorher daheim gefasst, ihre
Verachtung der stolzen Frau empfinden zu lassen und sie recht tief in den Staub
zu treten. Sie ging so stolz und frei fort, wie sie gekommen - und doch auch so
niedergedrückt und bange atmend: denn sie war ebenso wenig frei gesprochen
worden als schuldig erklärt.
    In diesem Zustand verging ein Tag nach dem andern. Denn nur in gewissen
Fällen übte der Rat von Nürnberg schnelle Justiz: wenn es nämlich seinen Ruf
und sein Recht nach Aussen zu wahren galt, namentlich dem Adel, Fürsten und
Herren und unruhigen Grenznachbarn gegenüber. Dann eilten die gestrengen Herren
von Nürnberg zu zeigen, dass Niemand sie ungestraft kränken und beleidigen dürfe,
und dass sie sehr wohl die Leute wären, auf Ordnung zu halten im Reich, sich
selbst Recht zu sprechen und zu schützen gegen die Uebergriffe Solcher, die sich
dünkten mehr zu sein als die ehrsamen Reichsbürger, und von diesen doch nur
Placker und Strassenräuber, Landfriedenbrecher und Ritter von Habenichts genannt
wurden, wenn sie auch noch so stolze Embleme in ihrem Wappen führten.
    Diese schnelle Justiz erfuhr der Ritter Axel von Weispriach an sich. Es war
erwiesen und er selbst hatte gar kein Hehl daraus gemacht, dass er lange Zeit in
seiner Veste nur von Strassenraub gelebt, und dass er den friedlichen
Handelsleuten, die aus oder nach Nürnberg ihre Wagen und Waaren an dem ihm
zugehörigen Wald vorüberführten, aufgelauert und einen Teil ihrer Waaren oft
als Lösegeld genommen hatte, dass er die Leute selbst ungefährdet ziehen liess
oder ihnen nicht Alles nahm. Oft jedoch waren seine Ausfälle minder gemütlicher
Art, und es kam dabei auf einige Todte nicht an, wenn durch solchen Raubmord nur
ein einträgliches Geschäft gemacht ward. Ja, die meisten Ritter rechneten sich
solche Taten nicht etwa als verbrecherisch und ehrlos an: im Gegenteil,
dergleichen war ihnen mehr ein Scherz, ein Recht des Stärkeren, ein Sieg ihres
ritterlichen, kühnen Unternehmungsgeistes, dem stillen Krämergeist der Städter
gegenüber; den Spiessbürgern geschah ganz recht, wenn sie um ihr Eigentum kamen
- warum wollten sie jetzt so hoch hinaus und es in Allem dem Adel gleich oder
zuvor tun! Ja, diese Raubanfälle steigerten sich um so mehr zum Heldentum, als
sie jetzt durch den von Kaiser Friedrich gegebenen und vor Kurzem auf neue acht
Jahre verlängerten Landfrieden, auch eine Auflehnung waren gegen Kaiser und
Reich. Die trotzigen Ritter, die sich durch die neue, zu Gunsten des Bürgertums
sich wendende Ordnung der Dinge in ihren Rechten sehr beeinträchtigt sahen,
setzten eine Ehre darein, zu beweisen, dass sie sich an kein neues Gesetz zu
binden brauchten und dass sie noch zeigen wollten, wer mehr Macht habe im Lande:
die Bürger oder der Adel - und die Gefahr reizte nur zu um so frecheren
Handlungen.
    Als Weispriach und Streitberg mit dem Führer jenes Waarentransportes von
Augsburg zusammengetroffen waren, der so wundersame Geschenke für die Behaim und
Scheurl entielt, so geschah es im doppelten Interesse, ihn aufzulauern: einmal
um dieser Gegenstände Willen, und dann um sich dadurch an Elisabet zu rächen.
Das ahnten sie freilich nicht, dass nun die Herren von Nürnberg einmal Ernst
machen würden, die Ritter als Täter entdecken, verklagen, belagern, in die
Reichsacht erklären - und schliesslich wirklich in ihre Gewalt bekommen.
    Als der Raub geschehen war und die Ritter nicht alle Kisten mit sich hatten
fortschleppen können, waren einige derselben im Walde vergraben worden, um sie
einmal bei gelegener Zeit mitzunehmen. Ezechiel und Rachel waren gerade auf
einer ihrer Wanderungen über Land vorüber gekommen, und man hatte den Juden, um
sich seiner zu versichern, zum Teilhaber an dem Verbrechen gemacht. Damit er
schweige, hatte man ihm einen Sack mit wertvollen Kleinigkeiten geschenkt, und
unbedacht auch den indianischen Raben, den Rachel aufgefangen. Nicht lange
darauf mochten ihn Leute, die bei Ezechiel Geschäfte hatten, dort bemerkt haben;
aber die Christen, welche dies taten, schämten sich einzugestehen oder selbst
zu verraten, dass sie mit dem Juden in irgend welcher Berührung waren, und so
verbreitete sich nur ganz im Allgemeinen und ohne bestimmte Angabe das Gerücht:
die Juden hätten die indischen Schätze. Ezechiel selbst war gerade über Land auf
ein paar Tage, als das Murren des Volkes wider die Juden drohend ward. Rachel's
Bruder Benjamin wollte den Vogel, der zum Verräter werden konnte, erwürgen und
vergraben; Rachel war aber mit ihm verschwunden, und wagte doch erst lange nicht
zu gestehen, wie und durch wen sie ihr Volk gerettet. -
    Da Weispriach gefangen in Nürnberg war und ihm in der Eile der Prozess
gemacht ward, suchte er sich wenigstens noch dadurch zu rächen, dass er Alles an
das Licht brachte, was vielleicht die Nürnberger Herren in einige Verlegenheit
setzen konnte. Er erklärte den Juden Ezechiel als seinen Verräter, nachdem er
den Helfershelfer gemacht, da Niemand als er in Nürnberg wissen konnte, wohin
man die Kisten gebracht - er habe es wohl der Frau Haller gesagt, deren
ergebener Diener und Freund er ja sei. Ebenso werde es wohl die alte Jacobea
gewusst haben, in deren Hause die Frau von Scheurl schon manches verliebte
Abenteuer mit dem Steinmetzgesellen gehabt, und von deren Hand sie
wahrscheinlich auch das Gift empfangen habe, mit dem sie ihren Gemahl beseitigt
- denn darauf verstehe sich die alte Hexe wie Niemand sonst.
    Die Folge dieser und anderer Aussagen von ihm war, dass man wenigstens den
Juden Ezechiel und die alte Jacobea einziehen musste. Indes konnte doch ihre
Schuld oder Mitschuld keinen Einfluss auf Weispriach's Geschick haben; er hatte
sein Leben verwirkt, man wollte einmal ein Exempel statuiren: er ward
verurteilt lebendig gerädert zu werden, welches Urteil dann durch besondere
Gnade in den Tod durch das Schwert verwandelt ward.
    Wohl waren damals Hinrichtungen an der Tagesordnung und das Volk war an
blutige Auftritte gewöhnt - aber lange war es nicht vorgekommen, dass ein Ritter,
ein Herr vom Adel war gerichtet worden. Der Bürger und Bauer hatte sein
besonderes Ergötzen daran, dass auch einmal Einer, der ein stolzes Wappen trug,
dem Henker verfiel. Der Tod durch dessen Schwert war überdies die ehrenvollste
Todesstrafe, und sie war darum mit um so grösserem Gepränge vollzogen und lockte
die meisten Schaulustigen herbei. Viel gebräuchlicher war es, gemeine Verbrecher
am Galgen aufzuknüpfen, zu rädern oder zu säcken, auch lebendig zu vergraben und
zu pfählen, wobei ein förmlicher Wetteifer der Grausamkeit bei Verordnung und
Vollziehung dieser und anderer grässlichen Strafen stattfand.
    Ganz Nürnberg war auf den Beinen, müssig und geputzt wie an einem Festtag,
um den gefährlichen Strassenräuber sterben zu sehen, den Viele kannten, weil er
sich bei König Maxens Anwesenheit mit unter dessen Gefolge gemischt und mit den
ehrsamen Nürnbergerinnen getanzt hatte. Gerade dadurch, dass sie nun seiner
Entauptung zusahn, meinten sie von sich selbst jeden Schimpf abzuwaschen und
den seinen zu erhöhen. Auch Beatrix Immhof und die Hallerin fehlten nicht unter
ihnen an den dicht besetzten Fenstern des Marktes; die Hallerin hatte zumeist
Ursache ihre Verachtung zu zeigen, denn Weispriach's Aussagen über ihre
feindlichen Pläne gegen die Scheurl und die Gunst, die sie ihm selbst erwiesen,
waren zu den Ohren des Ratsherrn Haller gekommen und machten ihm nun ihre
Bemühungen, Elisabet als schuldig erscheinen zu lassen, doppelt verdächtig, so
dass ihm nötig schien, zur äussersten Vorsicht und Rücksicht zu raten. -
    Das Läuten des Armensünderglöckchens, momentane Stille, dann Trommelwirbel
und ein Aufschreien aus tausend und abermals tausend Menschenkehlen verkündete,
dass der Henker sein Werk vollendet hatte. Ja, sie jubelten, die guten,
gesitteten Nürnberger: es war der Triumph des Bürgertums über das Raufboldtum
der Ritterschaft, die sich selbst um ihr einstiges Ansehen gebracht - aber noch
mehr war es das Aufheulen einer blutgierigen Bestie, die nach Blut dürstet und
sich freut wenn sie welches gesehen. So war das Volk in diesem Augenblick, so
jedes menschlichen Gefühls und höheren Gedankens baar - ein Ungeheuer, das sich
in seiner natürlichen Wildheit zeigte. -
    Auch Elisabet vernahm diese Trommelwirbel und dieses viehische Gebrüll, so
abgelegen auch ihr Haus von dem Platz des Blutgerüstes war und das Zimmer, in
dem sie weilte. Clara Pirkheimer war bei ihr und hatte ihr in derselben Stunde
erzählt, was ihre Schwester Charitas im Kloster der heiligen Clara erlebt, wie
sie in der Nonne Ulrike, Ulrich's von Strassburg Mutter entdeckt, und diese dann
nicht eher habe sterben können, bis sie den Sohn auf ihrem Sterbebette gesegnet.
    »Und jetzt höre ich,« fuhr Clara fort, »dass Ulrich aus der Bauhütte
ausgestossen ist und gefangen fortgeführt worden - ich weiss nicht, welches
Verbrechens man ihn zeiht!«
    Elisabet hatte mit steigender Teilnahme zugehört; sie erbleichte und
errötete während dieser Erzählung - und jetzt, da der Trommelwirbel tönte, der
das Ende eines Opfers der strafenden Gerechtigkeit verkündete, zuckte sie
zusammen - in demselben Augenblick erfasste sie die Vorstellung mit der
furchtbarsten Angst: wenn Ulrich auch ein solches Opfer wäre? - Aber nein! das
war unmöglich! Wenn Ulrich ein Schuldiger war, der ihr so rein und heilig
erschienen, wie der heilige Johannes selbst, dem er diente, dann gab es nur noch
lauter Verbrecher in der Welt! Wer konnte es wagen ihn anzuklagen? Wie konnten
die freien Maurer, deren Zierde und erster Künstler er gewesen war, ihn
ausstossen aus ihrer Genossenschaft, wenn sie nicht irgend eine Schuld an ihm
gefunden? Aber wieder: sie selbst war ja auch eine Unschuldige - und doch hatte
man den Verdacht eines Verbrechens auf sie geworfen, vor dem ihre reine Seele
schauderte!
    Zwei Mal hatte er sein Leben für sie gewagt - jetzt war es an ihr, jetzt
musste sie Alles versuchen ihn zu retten! Auf einmal blitzte ein Gedanke in ihr
auf. »Wisst Ihr, ob König Max schon in Augsburg ist?« fragte sie.
    Clara antwortete: »Ich glaube es« - aber sie begriff nicht, wie Elisabet in
demselben Augenblick eine müssige Frage nach dem König tun konnte, wo sie
gemeint hatte, sie sei ganz ergriffen von Ulrich's Geschick - und darum fügte
sie nichts weiter hinzu.
    Aber Elisabet sagte: »Ich muss ihn retten, es ist meine Pflicht und ich
hoffe, es ist in meiner Macht. Da mich der König mit der Nadel beschenkte,
knüpfte er das Versprechen daran, dass ich, wenn ich einmal etwas von ihm zu
bitten habe, ihm nur die Nadel zu zeigen brauche, um gewiss zu sein, dass er
meinen Wunsch erfüllt. Ist es nun nicht schon zu spät, so kann ich Ulrich
retten; denn in wessen Händen er auch ist: des Königs Fürwort muss ihn befreien -
muss ihm auch bei den Baubrüdern die verlorene Ehre wiedergeben; Max ist ja
selbst ein Baubruder und wird sich Ulrich's von Strassburg noch gar wohl
erinnern.«
    »Ihr wolltet diesen Schritt für Ulrich tun?« rief Clara staunend; »Ihr
könntet das wollen?«
    Elisabet fuhr zusammen - sie war ja selbst eine Gefangene! In diesem
Augenblick hatte sie das vergessen, sie hatte ja überhaupt sich selbst
vergessen, ihr eigenes trauriges Geschick über das eines andern teuren Wesens -
nach edler Frauenart. Was sie erst selbst zu Ursula gesagt, da diese um
ihretwillen zu König Max hatte senden wollen, das musste sie jetzt sich erst von
Clara sagen lassen - und mehr als das! sie fügte noch hinzu:
    »So wisst Ihr nicht, wie die Rede Eurer verruchter Feinde in Nürnberg geht?
dass diejenigen, die den schrecklichsten Verdacht auf Euch werfen, auch noch
hinzufügen: Ihr hättet die grässliche Tat vielleicht um dieses Baubruders Willen
getan?«
    »Herr des Himmels!« rief Elisabet und verhüllte ihr Gesicht.
    »Verzeiht mir!« sagte Clara; »ich würde Euch die Kränkung dieser Rede
erspart haben, wenn es nicht hätte geschehen müssen, Euch Schlimmeres zu
ersparen. Ihr dürft diesen Schritt nicht tun!«
    Elisabet richtete sich gross und feierlich nach einer langen Pause auf. Mit
Hoheit sagte sie: »Ich werde diesen Schritt tun und wenn man mir nicht selbst
gestattet mit sicherem Geleit gen Augsburg zu reisen, so werde ich Stephan
Tucher's Vermittlung annehmen. Wenn ich ein Mittel habe, einen Unschuldigen zu
retten, und nütze es nicht, dann bin ich vor Gott und mir selbst die verworfene
Mörderin, zu der dieser hochweise Rat vor der Welt mich machen möchte. Der
Schein hat mir stets weniger gegolten als das Sein, und wo ich ihn bewahren
wollte, da ist er mir und andern nur zum Fluch geworden! - Der Propst Kress,«
fragte sie später, »sagtet Ihr, sei sein Oheim? Ich muss ihn noch heute sprechen,
er wird mich näher über Ulrich unterrichten können - vielleicht mich zum Könige
begleiten.«
    Noch war Clara bei Elisabet, als Martin und Georg Behaim kamen, begleitet
von Stephan Tucher, seinem Vater und auch dem andern Loosunger Herrn
Holzschuher.
    Was wollten die beiden Loosunger bei ihr mit der freundlichen Amtsmiene? Sie
richtete sich stolz empor und trat ihnen mit imponirender Würde entgegen.
    Die beiden alten Herren verneigten sich, küssten Elisabet's Hand und Georg
sagte: »Heute ist ein Tag, an dem die Behaim endlich gerächt und gerechtfertigt
worden. Der Ritter, der uns so frech bestohlen, hat durch das Schwert geendet,
und durch ihn hat es sich sichtbar gezeigt, wie die Heiligen noch Macht haben,
das Werk der Teufel zu zerstören und an's Licht zu bringen und gut zu machen,
was die Gottlosen beschlossen hatten böse zu machen.«
    »Ihr werdet gerechtfertigt sein und Euer seliger Eheherr gerächt!« sagte der
alte Herr von Tucher. »Wir kommen selbst zu Euch, um die Ersten zu sein, Euch
dazu unsern Glückwunsch zu bringen und Euch unserer Ehrerbietung zu versichern.«
    Sie meinten Elisabet in einen Freudensturm ausbrechen zu sehen oder ein
Wort des Dankes von ihr zu erhalten - aber sie sagte ruhig, als habe sie diese
Ueberraschung längst erwartet: »Ich war auch nahe daran zu verzweifeln an diesem
hochedlen Rat von Nürnberg, der ohne Ursache und Recht es wagen konnte, die
Wittwe eines ihrer Mitglieder unglimpflich zu behandeln.«
    Herr Holzschuher biss sich in die Lippen; er meinte, dass sie doch
ausserordentlich glimpflich mit einer Verdächtigen verfahren seien - sie hatten
ihr Gefängnis und Tortur erspart! Und nun erzählte Herr Tucher in langer
förmlicher Rede, wie Katarina auf der Folter endlich Alles eingestanden, was
sich wirklich ereignet hatte - wie sie geglaubt, das Gift, das ihr die alte
Jacobea gegeben, sei nur ein Schlaftrunk. Man habe sich dieser bemächtigen
wollen, aber sie sei nicht aufzufinden gewesen. Der Ritter von Weispriach hatte
dieselbe Jacobea als Hehlerin, Kupplerin und Giftmischerin angegeben, wie auch,
dass sie in einer Waldhöhle, die er genau beschrieb, einen Schlupfwinkel habe für
sich und geraubtes Gut. Dort hatte man sie aufgegriffen. Zwar hatte es lange
gedauert, ehe sie gleich Katarinen bekannte, aber endlich hatte sie doch die
Folter nicht länger ertragen, die ganze Wahrheit war an den Tag gekommen und
dadurch Elisabet's Unschuld.
    Beide Frauen wurden zu einem schimpflichen Tode verurteilt: sie sollten
gesackt werden und von der Brücke in die Pegnitz geworfen - um auch durch diese
Todesart die venetianische Gesetzgebung nachzuahmen. Durch Elisabet's
Fürsprache für Katarina ward es erlangt, dass sie ihren Sohn Konrad vor ihrem
Tode noch sollte sehen dürfen.
 
                                 Elftes Capitel
                            Des Narren Gnadenspende
Das Schrecklichste war Ulrich geschehen: er war ausgestossen aus dem heiligen
Bruderbund der freien Steinmetzen, dem er seine ganze Seele und sein ganzes
Leben geweiht hatte - was nun noch geschehen mochte, kümmerte ihn nicht mehr. Ob
er lebendig begraben werden und verhungern sollte, vielleicht in demselben
grauenvollen Gewölbe, dem er seinen Vater entrissen; ob er bestimmt war, auf
einem Holzstoss zu enden, ein Opfer unseliger Vorurteile - welche Marter und
Qual man sonst für ihn ausgesonnen, das liess ihn gleichgültig. Die grässlichste
Marter hatte er erlebt - das war da gewesen, als man in der Bauhütte ihn
verurteilte und sich von ihm lossagte, als jeder Baubruder einzeln und auch
sein Freund Hieronymus zu ihm sagen konnte: »Ich habe keinen Teil an Dir!«
    Für ihn schien es kein Wesen mehr zu geben, das Teil an ihm hatte! Auch der
Propst Kress, sein Ohm, musste sich von ihm gewendet haben. Während seiner
Verurteilung war er wieder krank und nicht mit in der Hütte gewesen; aber wie
Ulrich erfuhr, hatte der Propst über Ulrich's Herkommen, das dieser allerdings
selbst verraten, die ausführlichste Aufklärung gegeben, in der Bestürzung, in
die er geraten, als er fand, dass die längst geführte Untersuchung nun nicht
mehr zu unterdrücken war. Sich selbst stützte er ausser auf seine geistliche
Würde auf das Recht des Stärkeren, das Amadeus und Ulrich gegen ihn geübt, und
dem er unterlegen sei. So war ihm der Propst ein freundlicher Gönner im Glück,
ein Beistand und Berater auch in der Not gewesen, so lange er sie glaubte von
Ulrich und sich abwenden zu können; aber da trotz seiner Warnungen und Versuche,
dem Unheil zu begegnen, es endlich doch über Ulrich kam: da nahm er es an, dass
dieser alle Schuld sich selbst auflud - und suchte sich selbst davon zu
befreien.
    Um Vater und Mutter litt Ulrich diese Qual. Ein Leben voll ungestillter
Sehnsucht nach dem Sohne hatten sie geführt; redlich mit sich gekämpft, um
seinetwillen auf ein Wiedersehen mit ihm zu verzichten, damit er nie das
unselige Geheimnis seiner Geburt erfahre - und nun, nach so langer Zeit hatten
sie es doch verraten! Nun hatten die segnenden Elternhände auf seinem Haupt
geruht - es waren nur Augenblicke gewesen voll Kampf und Qual und Wehmut - und
wie teuer waren sie erkauft! Wie hatte Ulrich nur allein seiner hohen Kunst
gelebt! wie war ihm jede Versuchung leicht gewesen zu überwinden, die ihn einmal
zum Niedern ziehen wollte, schon allein durch diesen heiligen Schwung seiner
Seele, die vom Gemeinen und Rohen sich abgestossen fühlte! Wie redlich hatte er
mit sich gekämpft, wenn die Versuchung kam in einem reizenderen Gewande, mit
einem Blick, der auch zum Himmel flog, in ihm den seinen zu begegnen - aber doch
in irdisch schöner Form, an die er nie sich hingeben durfte! Der Schwärmerei
widerstand er nicht, aber sie machte ihn nur begeisterter und wärmer und lockte
ihn zu keiner Sünde. Nur der Versuchung, die von Elternhand ihm kam, hatte er
nicht zu widerstehen vermögen. So wenig wie sein Dasein überhaupt ein Verbrechen
war vor Gott, da es die Welt und zumal die Satzungen des Bundes, dem er
angehörte, es doch dem Unschuldigen selbst dazu machten: so wenig war ein
Verbrechen vor Gott, wenn der Sohn den Vater vom entsetzlichsten Tode rettete,
als dessen Ursache er sich selbst anklagen musste; aber es war ein Verbrechen vor
der Welt und vor dem Gericht, dass er ihm ein Opfer entzog. Er war vor sich
selbst auf der Hut gewesen, nicht nach seiner Mutter zu forschen, und da er
erfuhr, wie nahe sie ihm war, und in's Claragässlein zog, um ihr noch näher zu
sein: da hatte er dennoch jeder Versuchung widerstanden, sich und sie zu
verraten; aber wie hätte er mögen die Mutter auf dem Sterbebette sich
vergeblich nach ihm sehnen lassen - wie hätte er mögen dem eigenen Sehnen
widerstehen, den letzten Segen seiner Mutter zu erhalten? Nun war es geschehen -
nun war es vorbei; er hatte keine Mutter mehr, und ihr Segen war ihm doch zum
Fluch geworden, der flüchtige Vater ahnungslos ihm selbst zum Verräter!
    Er hatte nichts gewonnen und Alles verloren.
    Als man ihn vor dem geistlichen Gericht verhörte, bekannte er wieder, was er
vor dem Hüttenmeister bekannte.
    Sein Urteil lautete in erster Instanz auf Tod durch das Feuer. Er vernahm
es mit ruhiger Resignation. Mochte mit ihm geschehen, was da wollte - er gehörte
ja nicht einmal in das Leben - seine blosse Existenz ward ihm ja schon zum
Verbrechen angerechnet. Er hatte von aufgeklärten, begeisterten Männern sprechen
hören, die in Kostnitz noch vor seiner Zeit den Flammentod für ihre Ueberzeugung
erlitten und auf dem Holzstoss noch fromme Triumphgesänge angestimmt hatten.
Hätte er doch auch so leiden dürfen für eine höhere Idee! Aber aus dem schönsten
und freiesten Bunde, der zu seiner Zeit bestand, aus einem kunstgeweihten Leben
war er ausgestossen worden, nur um eines blinden Vorurteils Willen - und sterben
sollte er für eine Tat, zu der sein Gewissen und natürliches Gefühl ihn
gedrängt. Das war es, warum er nur bitter lächelte und nicht freudig, da ihm das
Todesurteil verkündet ward.
    Aber es konnte noch nicht sogleich vollzogen werden, denn die Schöppen vom
Nürnberger Stadtgericht bedurften seiner als Zeugen im Prozesse wider die Juden.
-
    Der Rat von Nürnberg trachtete danach eine Gelegenheit zu ergreifen, sich
der Juden für immer zu entledigen. Konnte zu den vielen Anklagen, welche gegen
sie vorlagen, sich nun noch die gesellen, mit den Raubrittern geheime
Verbindungen unterhalten zu haben, so hoffte der Rat endlich vom Kaiser die
Erlaubnis zu erhalten, die Juden ganz und für immer aus der Stadt zu vertreiben.
Es durfte daher nicht versäumt werden, neue Schuldbeweise gegen sie
vorzubringen, und dazu sollte nun auch Ulrich mitelfen. Denn Martin Behaim, der
von Elisabet erfahren, dass sie Ulrich's Kunde die Rettung seiner Schätze
verdanke, wollte sich ihm dankbar erzeigen, und hatte ihn als den Ueberbringer
des Vogels genannt. Es war wichtig von ihm zu erfahren, wie er in den Besitz
desselben gekommen, und ob er wirklich, wie man munkelte, »diese Nachricht einer
hübschen Judendirne abgeschwatzt« und welche Beweise er für die Beteiligung der
Juden an jenem Raub etwa zu schaffen wisse.
    Indes hatte Elisabet Scheurl den Propst Kress gesprochen und von ihm
erfahren, wie es um Ulrich stand. Er jammerte ihn - aber da er nicht absah, was
er selbst tun konnte, das Geschick des ausgestossenen Baubruders zu mildern, war
er nun selbst auf der Hut das seinige nicht mit ihm zu verknüpfen; sah er aber
ohne Gefahr für sich selbst eine Möglichkeit Ulrich zu retten, so war sie ihm
tausendmal willkommen. Als ihn daher Elisabet für ihr Vorhaben in's Vertrauen
zog und dafür wieder Vertrauen von ihm verlangte, da gab er es ihr mit Freuden
und verheimlichte ihr nichts, was ihr bei ihrem Vorhaben förderlich sein konnte.
So ernst und heilig ihm die Sache war - es spielte doch ein schlaues Lächeln um
seinen Mund: er behielt doch recht, dass der Baubruder vor den Augen der stolzen
Elisabet Gnade gefunden; dass die Angst, welche sie um ihn empfand, der
Entschluss, auch das Äusserste zu seiner Rettung zu versuchen, mehr war als
Dankbarkeit - ja, er ging in seinem Misstrauen noch weiter: er begriff wohl, dass
Elisabet's unbegrenzter Stolz ihr nicht erlaubt hatte die Hülfe des Königs für
sich selbst anzurufen, da sie derselben bedurft hätte, dass sie nicht ertragen
mochte, sich ihm verdächtigt und erniedrigt zu zeigen - aber er dachte, dass sie
wohl gern eine Gelegenheit benutze, König Max wieder an sich zu erinnern.
    In der Tat war es eine günstige Zeit, in welcher sie nach Augsburg kam.
König Max hatte eben eine der schönsten Handlungen seines Lebens getan: einen
unheilvollen Krieg im Herzen Deutschlands und deutscher Heere wider einander
verhindert und damit gleichzeitig inmitten der eigenen Familie endlich Frieden
und Versöhnung gestiftet.
    Der schwäbische Bund hatte, dem Aufruf Kaisers Friedrich gehorsam, wider den
Baiernherzog Albrecht, seinem Schwiegersohn, der sich ohne sein Wissen und
Willen mit Friedrich's Tochter Kunigunde vermählt hatte, ein mächtiges Heer in's
Feld gestellt, in welchem 2150 Reiter, 18,000 Mann Fussvolk und 57 Kanonen, von
freien Rittern und Knechten aber 1600 gezählt wurden. Da erkannte Herzog
Albrecht die Bedenklichkeit des Streites. Er sprach die Hülfe seiner Vettern,
der Pfalzgrafen an, doch selbst Herzog Georg von Landshut schrieb ihm ab und gab
sogar die ihm verpfändete Markgrafschaft Burgau heraus, um nur den Frieden des
Kaisers zu behalten. Er schrieb an die Reichsstände und erbot sich vor dem
römischen Könige, vor den Kurfürsten von Mainz und Trier, dem Grafen Eberhard
von Würtemberg, ja selbst vor des Bundes Häuptern wegen Regensburg vor Recht zu
stehen: aber das Reichsheer achtete nur auf den Befehl seiner Führer, namentlich
des Markgrafen Friedrich von Brandenburg, und bewegte sich vorwärts. Bei Stadel,
wo die Herzöge Wolfgang und Christoph mit 200 Mann zu Pferde und einigen Hundert
Mann Fussvolk hinzustiessen, ward eine Brücke über den Lech geschlagen und das
Heer hinübergeführt. Es nahm ein Lager bei Kaufring, unweit der schlagfertigen
Baiern ein.
    In diesem Augenblicke, wo man eine blutige Schlacht zweier deutscher Heere
gewärtigte, erschien König Max im Lager und verkündigte, dass er einen Tag nach
Augsburg zum Vergleich dieser Sache angesetzt habe, und dass Herzog Albrecht
denselben mit der Absicht beschicken wolle, den Wünschen des Kaisers Genüge zu
leisten. Brüderlich und dringend hatte Max seinen Schwager ermahnt, dem Unglück
des deutschen Vaterlandes, auf dem ohnehin grosse Not und Teuerung lastete,
durch verständige Nachgiebigkeit Einhalt zu tun, es nicht geschehen zu lassen,
dass durch den Trotz der Fürsten Tausende ihrer Tapfern in den Tod gejagt würden,
ohne dem Vaterlande einen Gewinn zu bringen. Seine Schwester Kunigunde hatte
ihre Bitten mit den seinigen vereinigt, und so gab Albrecht endlich nach. Von
frohen Hoffnungen beseelt kam Max in das Lager des Reichsheers, und nachdem er
von dem Markgrafen Friedrich einen Waffenstillstand erlangt, nahm er die
Bundeshauptleute Hugo von Wartenberg und Wilhelm Besserer mit sich nach
Augsburg, wo Herzog Georg schon mit Vollmacht seines Vetters Albrecht wartete
und auf die an diesen gestellte Forderung solche Sicherheit gab, dass noch vor
Ende des Waffenstillstandes der kaiserliche Fiskal Johann Kessler dem Heere den
Austrag des Streites und die Einstellung der Feindseligkeiten verkünden konnte.
-
    Wie freute sich Max, dass es ihm endlich gelungen war die Seinen zu
versöhnen, woran er seit acht Jahren vergeblich gearbeitet hatte! Keine Stunde
länger als nötig mochte er im prächtigen Augsburg bleiben, sondern wollte zu
Herzog Albrecht eilen, um ihn und Kunigunden mit sich nach Linz zu führen zu dem
greisen Vater, damit er vor seinem Ende noch segnend die Hand auf das Haupt der
erst verstossenen Tochter lege und zum ersten Male ihren Gatten als Sohn
willkommen heisse! -
    In diesem Augenblicke war es, als Elisabet von ibrem Bruder Georg und
Stephan Tucher begleitet in Augsburg eintraf. Schon war der König zur Abreise
gerüstet und sass mit Kunz von der Rosen beim Frühstück, um noch einen kräftigen
Imbiss mit auf den weiten Weg zu nehmen. Noch einmal stiess dieser fröhlich mit
ihm an auf das gelungene Friedenswerk - da trat ein Edelknabe hastig ein, so dass
Max aufbrechend rief: »Nun, sind die Rosse gesattelt und gezäumt? Auf mich soll
Niemand zu warten haben!«
    »Verzeiht,« antwortete der Eintretende, »ich wollte wohl Eurem Befehl
folgen, Niemanden vorzulassen, da Ihr durchaus nicht aufgehalten sein wollt;
aber eine trauernde Dame verlangte von mir Euch gemeldet zu werden, und da ich
mich dessen weigern wollte, gab sie mir diese Nadel - ich müsse sie Euch geben,
dann werde sie nicht vergeblich bitten.«
    Max blickte sinnend auf die Nadel und fragte: »Hat sich die Dame nicht
genannt? - In Trauer sagst Du? - Nun, führe sie nur herein!«
    Aber Kunz hatte kaum die Nadel gesehen, als er rief: »Das ist Nürnberger
Hand: Wahrhaftig, Ihr Könige hab't doch das schlechteste Gedächtnis, der Narr
muss es immer für Euch haben - selbst für Eure Narrheiten! Die Nadel schenktet
Ihr einst der schönsten Nürnbergerin und ihrem Gatten zur Nadel den Adel! Wenn
Ihr Elisabet Scheurl vergessen hab't, weil sie tugendhafter blieb als Andere,
die Euch gefielen, so habe ich sie mir deshalb um so besser gemerkt - denn ein
Narr merkt sich die Ausnahmen immer besser, als die Regel.«
    Auch ohne diese Mahnung würde der König, als Elisabet selbst vor ihm stand,
sogleich seiner schönen Wirtin und seines königlichen Wortes eingedenk gewesen
sein, denn ihre Erscheinung übte denselben magischen Eindruck auf ihn wie einst,
umhüllte sie auch jetzt die dunkle Trauerkleidung statt dem gewählten Putz, in
dem er sie sonst gesehen.
    Auf den Lippen des lustigen Rates erstarb vor ihrem Blick auf diese
Trauerzeichen und der schmerzlichen Bewegung, die aus Elisabet's Mienen sprach,
wohl der Scherz, aber nicht die herzliche Anrede, mit welcher er sie begrüsste.
    So fand sie schnell ein williges Gehör. Der König überreichte ihr die Nadel
wieder und sagte: »Nehmt sie noch einmal aus meiner Hand als mein Versprechen
Euer Gesuch zu gewähren, dafern das in der Macht des römischen Königs ist. Ich
sehe Euch in Trauer wieder?«
    Sie erwähnte nur kurz, dass sie Wittwe geworden, und sagte dann: »Ich komme
nicht, um für mich selbst zu bitten, sondern für Einen, der, obwohl mir ein
Fremder, zwei Mal sein Leben einsetzte, das meine zu retten oder mir einen
Schimpf zu ersparen - ich komme, um von Euch das Leben und die Ehre eines
Baubruders zu erbitten, dem Ihr einst in Nürnberg auch Eure Huld erwieset - ich
bitte für Ulrich von Strassburg. Den königlichen Baubruder ruf' ich an, sich des
Baubruders zu erbarmen.«
    Max runzelte die Stirn. »Einen königlichen Baubruder,« sagte er, »gibt es
nicht. Als freier Maurer bin ich nur der Bruder Max und habe nicht mehr Macht
als die andern - als König hab' ich die Statuten der Bauhütten bestätigt, als
Baubruder muss ich ihre Entscheidungen ehren!«
    Elisabet erzählte so kurz als möglich Ulrich's Geschick: dass er aus der
Bauhütte ausgestossen worden, weil er nicht ehrlich geboren sei, und dass er nun
zum Feuertode verurteilt worden, weil er seinen Vater aus grässlichem Gefängnis
befreit. Sie hatte weder einen Namen, noch irgend eine Person in dieser
traurigen Geschichte vergessen; aber mit besonderer Begeisterung sagte sie
Alles, was zu Ulrich's Lob und Entschuldigung sich sagen liess: wie er selbst
erst vor Kurzem das Geheimnis seiner Geburt erfahren, und wie er nichts getan
habe, was nicht eher Bewunderung als Strafe verdiene.
    Wohl war Max gerührt - aber er wusste selbst keinen Ausweg.
    »Ei was,« sagte der Narr, der niemals ein Freund der Geistlichkeit war, auf
ihre Kosten immer am meisten spottete und sich freute, wenn er ihrer Macht ein
Schnippchen schlagen konnte, »wenn es nicht wahr sein soll, was ich Dir schon
gesagt, dass Du ein gut Teil Deiner Macht aus den Händen gegeben, als Du die
Bulle des Papstes Innocenz VIII. über den Hexenprozess in Deutschland bestätigt,
so zeige wenigstens, dass Du die Inquisition nicht duldest - oder lass Dir von den
Pfaffen helfen, statt dass Du ihnen hilfst. Hat der Maurerhof von Strassburg fast
dreissig Jahre lang ein Auge zugedrückt über Ulrich's Herkommen, so ist's wohl
auch kein Unglück, wenn es länger geschieht. Erkläre Du und lass es von einem
Bischof oder in Rom, wenn es sein muss, bestätigen, dass Ulrich als ehrlich
Geborner zu betrachten, weil seine Eltern Busse getan haben im Kloster, und weil
er selbst ein braver Kerl und rechter Baubruder geworden; so ist's gut, die
Hütte muss ihn wieder mit Ehren aufnehmen und die Pfaffen müssen ihn auf Dein
Fürwort herausgeben; er ist mit eingeschlossen in den grossen Gnadenakt, den Du
im Reich erlassen musst, weil Dir ein Friedenswerk gelungen, das mehr noch als
Deinem Lande Deinem Herzen und - dem Hause Habsburg zum Glück gereicht. Mir
scheint, so ist's nur christlich gehandelt: wenn der Sohn dadurch, dass er wohl
geraten und auch vom vierten Gebot nicht gelassen hat, die Schuld der Eltern
sühnen kann - das Umgekehrte, dass ihre Schuld an den Kindern heimgesucht werde,
das überlass den Juden.«
    Elisabet's Augen strahlten; sie fasste Kunzen's Hand und rief: »O wohl mir,
dass ich in Euch einen Fürsprecher gefunden, wo mir ohne denselben Rat und Hülfe
fehlen würden!«
    »Ihr würdet meiner nicht bedurft haben,« sagte Kunz, »wenn Ihr für Euch
selbst etwas erbeten hättet; Ihr wisst, dass es den ritterlichsten König immer
verdross, dass Ihr bei ihm - an Andere denkt!«
    Das traf. Max zog die Augenbraunen unwillig auf und sagte zu Elisabet: »Da
der Narr bessern Rat weiss als ich, so mag er die Papiere, die ich Euch als
Freibriefe für Euren Schützling oder Schützer mitgeben will, nach Gutdünken
ausfertigen. Ich habe Euch mein Wort gegeben, das die Erfüllung Eurer Bitte im
Voraus gewährleistete - es soll mir eine Warnung sein, schönen Frauen gegenüber
damit künftig vorsichtiger zu sein. Ich liebe diese willkürlichen Handlungen
nicht, zu denen Ihr mich drängt!«
    »Hoho!« sagte der Narr, indem er eifrig auf grosse Stempelbogen schrieb, »die
Willkür der Gnade ist mir immer lieber als die der Rache. Das deutsche Reich ist
ohnehin nicht in sonderlicher Ordnung, und der Wirwarr wird nicht grösser, wenn
Du einmal Gnade für Recht ergehen lässt. Bist Du erst Kaiser, hast Du aus den
jetzigen schwachen Versuchen den grossen und kleinen Raufereien und Zänkereien
einen Damm entgegenzusetzen, einen wahrhaften, dauernden, ewigen Landfrieden
gestiftet und ein Reichskammergericht eingesetzt, das auf Ordnung sieht im
Grossen und Kleinen, dann bin ich gewiss der Letzte, der Dich zum eigenmächtigen
Handeln drängt. Aber so lange Du Andere eigenmächtig das Böse tun siehst,
kannst Du auch eigenmächtig das Gute tun - dadurch wird weder das Reich zu
Grunde gehen, noch das Haus Habsburg!«
    Als Elisabet aus Kunzen's Händen die königlichen Schreiben mit der
Unterschrift und dem Siegel Maxens empfing, wies der Narr ihren tiefempfundenen
Dank zurück, indem er sagte: »Ihr kamet zur guten Stunde und hab't mir mehr
geholfen, denn dass ich Euch geholfen hätte. Ich hatte schon daran gedacht, dass
ein Friedens- und Freudenfest, wie die Versöhnung des Kaisers mit seinen
Kindern, überall einen Nachhall finden sollte und einige arme Teufel aus
Schöppen- und Pfaffenhänden befreien; aber die Majestät meinte erst, es sei
schon genug, dass die ganze Heeresmannschaft wieder heimgehen könne zu den
Ihrigen - wenn er gleich das schöne Heer lieber beisammen behielte, es an die
flandrischen und französischen Grenzen zu schicken - und da war es gut, dass Ihr
kamet und ich mein eigenes Wünschlein hinter die Bitte aus schönen Frauenlippen
verstecken konnte. Es schadet nichts, dass die Eva den Adam verführte, wenn auch
erst so viel Unheil damit in die Welt gekommen: das Gute hat es gehabt, dass ihre
Töchter ihre Macht über die Männer kennen und sie manchmal verführen - zu etwas
Gutem. - Nun kehrt glücklich heim nach Nürnberg: Ihr werdet wohl bald wie
Penelope von Freiern belagert sein - und wenn Ihr wieder Hochzeit haltet, so
bittet mich zu Gaste wie zu der Jungfrau Muffel.«
    Elisabet erwiederte ruhig: »Hoffentlich findet sich eine andere
Gelegenheit, Euch wiederzusehen; ich glaubte, Ihr dächtet besser von mir, als zu
denken, dass ich zum zweiten Male -«
    Sie stockte und er sagte: »Das ist die Redensart aller Wittwen, so lange sie
trauern; aber dann -«
    »Verzeiht,« unterbrach sie ihn, »Ihr liesst mich nicht ausreden - ich wollte
sagen: um zum zweiten Male eine Torheit zu begehen. Ihr seh't, ich habe
Offenheit von Euch gelernt - und auf Heuchelei mich niemals verstanden!«
    Er drückte ihr die Hand und sagte: »Es ist doch Schade, dass Ihr kein Mann
geworden seid; Ihr könntet vielleicht einmal als mein Nachfolger Euer Glück
machen. Ihr versteht Euch darauf, Scherz und Ernst so zu vermengen, dass die
Wahrheit herauskommen muss - und die hören gewisse Personen nur in solchem
Gewande. - Wenn wir durch Wien reisen, werden wir Konrad Celtes treffen, der
dort an der Universität auch die Wahrheit redet und dafür wirkt, dass sie mit der
Schönheit die Gesittung und das deutsche Bewusstsein fördere in deutscher Nation
- darf ich ihm einen Gruss von Euch vermelden und Alles sagen, was wir hier
verhandelt haben?«
    »Alles!« antwortete sie; »sagt ihm, dass Elisabet Scheurl stolz ist auf
seine Achtung, wie es einst Elisabet Behaim auf seine Liebe war, und dass sie
der hohen Bahn sich freue, die sein Genius wandle. Sag't ihm, dass gleich wie er
bemüht sei, vaterländischen Sinn zu wecken unter den Gelehrten wie unter der
Jugend, und dem deutschen Volk zu zeigen, dass es eine Geschichte habe: -
Elisabet seinem Streben zu folgen vermöge, und so viel sie es selbst könne,
deutsche Art und Kunst mit fördern helfe in ihrem Kreise; dass sie alle Schätze,
mit denen sie gesegnet sei, fortan nur dazu verwenden werde, und dass wir, wie
weit getrennt auch immer, uns in jenem höhern Menschheitsleben begegneten, das
durch ein segenbringendes Streben für Andere, und wenn auch erst für spätere
Geschlechter, wenigstens in einzelnen Weihestunden für alle Entbehrungen
irdischen Glückes entschädigen kann!«
    »Und ich werde hinzufügen,« sagte Kunz als letztes Abschiedswort, »dass Ihr
mir sonst nur wie eine edle Königin, heute aber wie der Genius der leidenden
Menschheit erschienet, und dass Ihr von hier schiedet mit so strahlenden Augen,
wie eben dieser Genius, wenn er die Tränen von Tausenden getrocknet.«
    Aber Elisabet seufzte und schlug beschämt die Augen nieder. »Vielleicht
werde ich noch, wie Ihr denkt, dass ich bin - Eurem Genius gegenüber fühle ich,
dass ich doch nur als ein Weib kam, das nicht an Tausende, sondern nur an Einen
dachte.«
    Sie zog den schwarzen Schleier über ihr Antlitz - er verbarg ihr Erröten
und ihre Tränen.
 
                                Zwölftes Capitel
                              Rache und Versöhnung
Ueberall im deutschen Reich und in den baierschen Landen zumal wie in den
angrenzenden Staaten, besonders auch im reichsunmittelbaren Nürnberg, herrschte
grosse Freude über die Friedenskunde, die Heimkehr der in's Feld gezogenen
Mannschaften und den Gnaden akt mit dem König Max das von ihm längst ersehnte
Versöhnungsfest seiner Familie begleitete, und der auf seinen Wunsch überall
ausgeführt ward. Begann auch damals schon in den fürstlichen wie in den
städtischen Kanzleien eine aufhaltende Vielschreiberei einzureissen, so gab es
doch noch genug besondere Fälle, wo davon gänzlich abgesehen ward und einzelne
fürstliche oder oberherrliche Machtsprüche vollständig genügten, einem gefassten
Beschluss Gültigkeit zu verleihen, dass er alsobald in's Werk gesetzt werden
musste.
    Dem Abt des Benediktinerklosters, der nicht allein auf die Aussagen des
Riesen-Jacob hin, sondern gedrängt von der höheren geistlichen Behörde, zu deren
Ohren das fast zum Nürnberger Stadtgespräch gewordene Ereignis gekommen war, die
Untersuchung nicht mehr hatte hemmen können, kam diese plötzliche
Niederschlagung und Beendigung derselben sehr gelegen. Um wie viel mehr nicht
dem Propst Kress, der selbst mit hinein verwickelt war, und es mehr noch Ulrich's
Edelmut als dem Ansehen, in dem er stand, so wie seiner Stellung vor der Welt,
in der man ihn gern schonen wollte, zu danken hatte, dass die Sache nicht
bedrohlicher für ihn war, die es aber jeden Tag noch werden konnte! Der Novize
Konrad hatte sich selbst als Ulrich's Mitschuldiger bekannt, obgleich dieser
Anfangs versucht hatte ihn als solchen zu verläugnen; der stille Jüngling wollte
um so weniger etwas von dieser Schonung wissen, als er nun in Ulrich einen
Leidensgefährten in jeder Beziehung erkannte: einen Ausgestossenen, gleich sich
selbst. Er war zwar nicht zum Tode, aber doch zu enger Kerkerhaft im Kloster
verurteilt, die härter erschien als der Tod. Dazu kam das schreckliche Geschick
seiner Mutter Katarina, die er nur noch einmal vor ihrem Tode sehen durfte, mit
dem sie ihre Missetat schrecklich zu büssen hatte. Auf Räuber und Mörder
erstreckte sich der Gnadenakt nicht mit, und so entgingen weder sie noch Jacobea
der gesetzlichen Todesstrafe, nur dass man sie bei Katarina in minder grausamer
Weise ausführte. Jetzt war auch Konrad der Strafe überhoben. Aber das war nicht
Alles - Elisabet liess ihn zu sich entbieten, sie wollte den Sohn nicht
verantwortlich machen für die Tat der Mutter, vielmehr die Schuld des Vaters an
ihm sühnen.
    Von dem Propst und Stephan Tucher hatte sie strenge Verschwiegenheit
verlangt über ihre Fahrt gen Augsburg und deren Resultat - ja sie, die man so
stolz und hochfahrend schalt, verheimlichte in edler Bescheidenheit, dass es ihr
Werk war, dass unzählige Unglückliche schrecklichen Strafen entgingen - womit es
ihr ja leicht gewesen zu prunken, sich Ansehen und Dankbarkeit zu verschaffen.
Wie gut hätte sie doch mit ihrem Einfluss bei König Max prahlen können und dem
huldreichen Empfang, der ihr geworden, wie die andern Nürnbergerinnen demütigen
können und doppelt, wenn sie erkennen liess, wie sie selbst, da sie in Gefahr
war, nur allein auf ihre Unschuld und ihr Recht sich verliess, die königliche
Hülfe verschmähend, da sie derselben doch so gewiss hätte sein mögen, wie jetzt,
da sie für Andere sie forderte. Aber sie wollte sich keinen eitlen Triumph
verschaffen, wo ihre Seele von dem schönsten in ihren heiligsten Tiefen erfüllt
war. Ja, sie wollte auch nicht den bösen Leumund von einer Hallerin preisgegeben
sehen, was sie mit dem reinsten Hochsinn des Herzens getan, dem ein edles Wesen
folgt, auch wenn es sich sagen muss, dass es sich damit dem Spott oder der
Verläumdung aussetze. Am meisten aber wünschte sie aus weiblichem Zartgefühl,
dass es Ulrich selbst verborgen bleibe, was sie für ihn getan: ihr schönster
Lohn war es, dass sie ihm Leben und Ehre wiedergegeben, ihr genügte dies
Bewusstsein, sie wollte keinen Dank, und sie wollte auch kein Begegnen, das ihren
und seinen Ruf auf's Neue gefährden könne.
    Aber freilich: bis jetzt war auch nur das eine Versprechen des Königs in
Erfüllung gegangen, dass die Verurteilten begnadigt und frei und die noch
schwebenden Untersuchungen niedergeschlagen waren - aber dass Ulrich für ehrlich
erklärt ward und in die Bauhütte wieder aufgenommen, das ging nicht so schnell,
das bedurfte erst noch anderer Schritte und Vorbereitungen und konnte ihm nur
als Hoffnung verkündet werden. Indes hatte Elisabet doch die königliche Schrift
in Händen, welche für Ulrich zum Freibrief werden sollte, aber da sie das
Dokument in die Hände des Propstes legte, geschah es nur unter der Bedingung:
Ulrich weder zu sagen, durch wen er es erhalten, noch wem er diese glückliche
Wendung seines traurigen Geschickes verdanke.
    Da der Propst mit zu den Ersten gehörte, welcher die glückliche Nachricht
von der Niederschlagung dieser Untersuchung erhielt, so war es ihm auch leicht
die Erlaubnis zu erhalten: Ulrich selbst die Freiheit zu verkündigen. Es drängte
ihn um so mehr dazu, als er sich jetzt, nun die Gefahr vorüber, seiner Feigheit
und seines Kleinmutes schämte, womit er selbst Ulrich preisgegeben, und nur
sich selbst aus der Schlinge zu ziehen gesucht hatte. Um sein eigenes Gewissen
zu beruhigen, redete er auch sich selbst glücklich ein, dass er, da Elisabet ihn
zu Rat gezogen, ehe sie gen Augsburg reiste, doch einigen Anteil an dem
glücklichen Resultat habe, das sie mit heimgebracht, und dass er sich wenigstens
mit einigen solchen Andeutungen bei Ulrich entschuldigen dürfe.
    Ulrich war wie ein Träumender - das Leben war ihm wieder geschenkt, und mehr
als das: die Ehre, und mehr als beides: die hohe Kunst, der er diente, der er
voll heiliger Begeisterung sich ganz geweiht, ein Tempelbauer, der mit reinen
Händen die reine Form zu bilden strebte, die das Schöne mit dem Erhabenen
vereinend über der betenden Menschheit einen Himmel zu wölben suchte, der es ihr
leicht machte, sich zu dem Ueberirdischen emporzuschwingen; er hatte sich
vergebens gelebt und gestrebt bis jetzt - er durfte weiter leben und streben zu
dem erhabensten Ziele! - aber dennoch - von Allem, was er erlebt und gelitten,
war in seinen Ohren das Wort, das ihn verdammte, am lebendigsten geblieben: »Ich
habe keinen Teil an Dir!« Die Baubrüder hatten es alle gesprochen - auch
Hieronymus! - Von der Erinnerung daran noch einmal gefoltert, rief Ulrich:
    »So hatte Keiner Teil an mir - und Niemand nahm ihn - kein einziges Wesen
unter Allen, für die ich selbst gern mein Leben eingesetzt hätte, hatte etwas
Anderes als Schmach für den Ausgestossenen!«
    Da dachte der Propst nicht mehr daran, das ihm anvertraute Geheimnis zu
bewahren; er gab es preis, um Ulrich's Glauben an die Menschen zu retten. »Eines
ausgenommen,« sagte er, »oder auch zwei, wenn Du willst - Elisabet Scheurl und
König Max.
    Ulrich fuhr empor und der Propst erzählte ihm Alles.
    Nach seiner Freilassung wohnte Ulrich bei dem Propst und wartete bei dem
Gottesjunker, bis man ihn wieder in die Hütte berufen würde; so lange wollte er
sich auch nicht in den Strassen von Nürnberg sehen lassen. Aber da er einmal
allein war, überwältigte ihn sein Gefühl - er konnte es nicht ertragen, zu
wissen, dass Elisabet seine Retterin, ohne ihr danken zu dürfen. Sie, das
einzige Wesen, das an ihn geglaubt und für ihn gehandelt, sie musste er
wiedersehen, ihr danken, und sei es nur mit einem einzigen Wort; das war nicht
wider sein Gelübde - umgekehrt hätte er sich eines Gelübdes geschämt, das ihm
Undankbarkeit zur Pflicht gemacht, es sei gegen wen immer es sei. Aber er wollte
nicht allein gehen; an dem Tage, an welchem sie selbst den Novizen Konrad zu
sich beschieden, beschloss er diesen zu begleiten.
    Konrad hatte im Kloster die Erlaubnis erhalten, zu Frau von Scheurl zu
gehen, die dem Abt hatte sagen lassen, dass sie nicht wolle, dass der Sohn büssen
solle für die Schuld seiner Eltern, sondern dass sie selbst ihm zu dem verhelfen
wolle, was ihm zukäme. Der Abt, der Elisabet's Grossmut und Freigebigkeit
kannte, erwartete, dass sie ihm einen Teil von dem ihr allein zugefallenen
Vermögen Scheurl's, dessen Sohn überweisen werde, und erwartete daher von dem
Gang desselben zu ihr einen Vorteil für das Kloster - mit Freuden liess er darum
den jungen Novizen gen Nürnberg ziehen.
    Dieser ging zuerst zu Ulrich und schüchtern, wie Konrad war, machte er Jenem
selbst den Vorschlag, ihn zur Frau Scheurl zu führen.
    Als sie in ihr Haus kamen, wurden sie sogleich zu ihr gelassen.
    Martin Behaim hatte gerade auf einem Marmortisch, der in dem Chörlein stand,
Karten und Zeichnungen ausgebreitet, weil hier das hellste Licht war, um sie
seiner Schwester zu zeigen. In der Mitte des Tisches stand ein Globus, der
Nürnberger Meister hatte ihn eben nach Martin Behaim's eigener Angabe vollendet
- er war der erste Globus, den es jemals gab - und Martin freute sich des neuen
wichtigen Werkes, das zugleich aus seinem Forschergeist und einer deutschen
Werkstatt hervorgegangen, das der Wissenschaft neue Pforten öffnete und ihre
Arbeit allen kommenden Geschlechtern erleichterte. Er hatte beschlossen, diesen
ersten Globus seiner Vaterstadt zum Geschenk zu machen und sich damit selbst,
ehe er sie für immer wieder verliess, ein Denkmal in ihr zu setzen, das sie und
sich in gleicher Weise ehrte; aber die Erste, die seine Freude an dem gelungenen
Werke teilen sollte, musste Elisabet sein, deren weitschauender Geist am ersten
die Tragweite dieser neuen Erfindung, wenn nicht ganz beurteilen, doch mit
jenen heiligen Schauern ahnen konnte, die bei jedem grossen Werke über sie kamen
- mochte es nun eine grosse Tat sein, oder ein Kunstwerk, oder ein
bahnbrechender Gedanke der Wissenschaft.
    So stand sie auch jetzt mit strahlenden Augen neben dem Bruder, seinen
Erklärungen lauschend, ihre kleine weisse Hand ruhte auf dem Südpol des Globus
und ihr ausgestreckter Finger suchte die Stelle, auf der wohl jetzt Christoph
Columbus schiffen mochte das ersehnte Land zu finden - ja vielleicht war dies
der Augenblick, in dem er es gefunden. Sie trug noch Trauerkleidung, aber den
Schleier hatte sie im Zimmer abgelegt, ihr glänzendes Haar war nur von einem
schwarzen Band ein wenig aufgehalten und wallte in malerischen Locken auf die
blendenden Schultern. Da hörte sie Tritte im Zimmer und trat hinein. Sie war
schon in einer gehobenen Stimmung durch das Gespräch mit ihrem Bruder - sie
blieb in ihr, da sie neben dem erwarteten Konrad auch den unerwarteten Ulrich
sah, und hiess sie Beide willkommen.
    
    Sie neigten Beide die Kniee vor ihr und wollten Worte des Dankes sprechen.
Aber Elisabet hiess sie aufstehen, wenn sie nicht zürnen solle, und sagte zu
Konrad:
    »Euch liess ich zu mir entbieten, oder vielmehr zu meinem Bruder Martin
Behaim, von dem Ihr vielleicht gehört. Ihr seid zu jung und hattet Euch zu innig
an die hohe Kunst gehangen, um Euch und Eure Kraft in ein Kloster zu vergraben -
unterbrecht mich nicht - ich weiss, dass nur der Zwang Euch dahin trieb und dass
die Bauhütten Europas sich Euch verschliessen. Aber mein Bruder sucht Bauleute
die ihn über das Meer zu begleiten, und auf jenen, nur von Heiden bewohnten
Inseln kümmert man sich nicht um die Statuten dieser alten Welt: bringt Ihr nur
Begeisterung mit für den christlichen Glauben und die christliche Kunst, so seid
Ihr würdig in der neuen Welt die erste christliche Kirche bauen zu helfen - an
Geld dazu aus dem Vermächtnis Eures Vaters, meines seligen Gemahls, soll es Euch
nicht fehlen.«
    Konrad drückte begeistert und Freudentränen weinend Elisabet's Hand an
seine Lippen und rief: »Ihr seid eine Heilige, die Todte zu erwecken vermag -
denn mir ist, als habe ich im Grabe gelegen und Ihr wecktet mich zu neuem
Leben!«
    »Geh't dort hinein zu meinem Bruder,« sagte sie auf das Chörlein deutend,
»er wird das Fernere mit Euch besprechen.«
    Konrad gehorchte, die Glastür des Chörleins zog er hinter sich zu.
    »Ihr wolltet meinen Dank verschmähen, hohe Frau,« sagte Ulrich erglühend,
»dennoch ertrug ich's nicht; ich musste Euch wenigstens sagen, dass ich täglich
für Euch bete, nicht nur mit den Lippen, noch nur mit meinem Herzen, sondern dass
ich für Euch beten will mit meiner ganzen Kunst und Euch danken in meinen
Werken!«
    Sie gab ihm die Hand und sagte mit sanfter Stimme: »Ich wollte, ich dürfte
sprechen wie Ihr! Wohl Euch, dass Ihr Eure Empfindungen im Stein verewigen könnt
und sie zu Kunstwerken verklären, an denen Ihr Euch selbst erheben und läutern
dürft und Tausende, die nach Euch kommen.«
    »Vielleicht ist dies das Schönere, vielleicht auch das Leichtere!« rief
Ulrich; »aber das Höhere ist's, das eigene Sein und Leben selbst zu einem
Kunstwerk verklären, das nur Segen spendet in dem Kreis, in den es tritt - so
für Andere wirken und handeln und Euch opfern, wie Ihr getan!«
    »Nein, Ulrich! keine Unwahrheit!« unterbrach sie ihn. »Mir gebührt kein Dank
von Euch, denn ich hatte Euch zu danken, und hab' es nicht getan. Zwei Mal
hab't Ihr mir Ehre und Leben gerettet, und ich floh Euch, um Euch nicht zu
danken - ich wollte es vergessen, dass dies meine Pflicht war. Als ich Euch zum
ersten Male sah, folgte ich rücksichtslos meinem augenblicklichen Gefühl, und
Ihr bereitetet mir dafür eine Demütigung, gegen die sich mein ganzes Wesen
empörte; von diesem Augenblicke an war mir, als müsse ich Euch entweder hassen
oder lieben, und ich fühlte dabei doch, dass ich entweder das Eine noch das
Andere - durfte. Ihr kamet immer wieder in meinen Weg, auch ohne dass Ihr es
wolltet; jetzt endlich kam der Augenblick, da ich Euch vergelten konnte, jetzt
endlich durft' ich Euch sagen: Ulrich, nun sind wir quitt! - und - o Gott - was
habe ich Euch denn gesagt!«
    »Nur Aehnliches, als was ich selbst empfunden!« rief Ulrich. »Mein Tun und
Fühlen glich dem Euern! Wohl uns, dass wir in diesem Kampfe nicht erlegen sind,
dass er uns nicht hinabgezogen hat in den Pfuhl der Sünde oder auch nur in den
Staub des Alltaglebens; er hat uns geläutert und erhoben zu jener einzig wahren
Gemeinschaft der Heiligen, die im reinen Streben nach dem Höchsten Ersatz finden
für die Schmerzen und das Entsagen, unter dem sie danach ringen. Eure Hand,
Elisabet! Kein Fliehen und kein Suchen mehr - ein freudiger Triumph, zu wissen,
was wir Ein's dem Andern danken - ein Sieg des Geistes, der die Welt überwunden,
indem er sie verklärt im Dienst der Kunst. Was ist der kurze Rausch des
Erdenglückes gegen die Seligkeit eines Streben und Ringens, das nach Aeonen
zählt und uns seine Wahrzeichen hinterlässt in ewigen Schöpfungen?«
    Gross und herrlich standen die Beiden einander gegenüber - als Priester und
Priesterin des Ideals, dem, so lange die Welt steht, alle strebenden Geister
nachringen, um es zu erreichen für sich selbst und die Menschheit, der sie
dienen; der letzte Sonnenstrahl der hinter Gewitterwolken purpurumsäumt
scheidenden Sonne fiel auf sie und umwob sie mit einem gemeinsamen
Heiligenschein - da donnerten Männertritte draussen durch den Corridor.
    Elisabet sagte zu Ulrich: »Ruft meinen Bruder!« und indes er die Tür des
Chörleins öffnete, stürmte durch die entgegensetzte Zimmertür ein Mann in
Bettlerkleidung herein, unter seinem Mantel zog er ein Schwert hervor, drang
damit auf Elisabet ein, die arglos auf die Tür zugegangen war, stiess es in
ihre weisse Brust und rief:
    »Du entgehst Deinem Schicksal nicht!«
    »Streitberg!« rief sie ausser sich und stürzte auf den Teppich nieder.
    Es war ein Augenblick, und wenn auch in demselben noch die drei Männer zu
Hülfe sprangen, die alle unbewaffnet waren - denn Ulrich wollte nicht das
Schwert wieder tragen, das man ihn in der Bauhütte abgenommen, - so war es doch
zu spät - zu spät sogar einen andern Eindringenden abzuhalten, der Streitberg
nachstürzte und diesen mit einem Wehgeschrei, ehe er sich dessen versah, mit
seinem Schwert durchbohrte.
    »Amadeus!« rief Konrad, den Mönch in der ritterlichen Tracht erkennend,
indes Martin und Ulrich sich über Elisabet neigten und sie auf das Sopha hoben.
Sie war ohnmächtig, aber sie lebte noch; Martin drückte ihr ein Tuch in die
tiefe Wunde, Ulrich rief nach den Leuten, die schon von dem Lärm gelockt herbei
kamen; sie liefen nach dem Bader und Doctor. Zwei Diener schafften Streitberg in
ein Nebengemach. Eine Dienerin sagte, dass sie den zudringlichen Bettler
vergeblich habe abweisen wollen, er habe sich durch die Tür gedrängt und sie
einen Treppenabsatz hinabgeworfen. -
    Amadeus erklärte, dass man ihm in Augsburg erzählt, dass eine Frau von Scheurl
bei König Max gewesen und für einen zum Tode verurteilten Baubruder, der seinen
Vater aus dem Kloster befreit, gebeten habe; Amadeus war zurückgeeilt nach
Nürnberg, um sich selbst auszuliefern und dadurch den Sohn zu retten. Durch
Nürnbergs Strassen gehend, war er einem Bettler begegnet, der ihm aufgefallen. Er
hatte Streitberg erkannt, und nichts Gutes ahnend, war er ihm nachgegangen, als
dieser in Scheurl's Hause verschwunden, Amadeus war zu spät gekommen die Untat
an Elisabet zu verhindern; vielleicht aber wäre Ulrich ein zweites Opfer
gewesen - und so hatte er doch den Sohn gerettet.
    Streitberg kämpfte nur einen kurzen Todeskampf. Als er auf der Flucht und
versteckt erfahren, dass Weispriach gefangen war und dann, dass die Nürnberger es
wagten den Ritter entaupten zu lassen, hatte er Rache geschworen und tollkühn
wie er war, sich selbst als Bettler verkleidet nach Nürnberg begeben. Er sah
Elisabet mit Martin am Fenster, da er ihr Haus umschlich; er sah auch Ulrich in
dasselbe gehen - da erwachte seine Leidenschaft, er folgte ihr in blinder Wut,
traf sein Opfer und fiel selbst von einer plötzlich eingreifenden Rächerhand.
    So erklärte es Amadeus Ulrich und Konrad, während Martin mit Elisabet's
Dienerin diese in ihr Schlafzimmer und zu Bett brachten und der herbeigerufene
Bader ihre Wunde untersuchte und verband - er konnte keine Hoffnung geben.
    »Ulrich!« flüsterte sie und Martin ging den Baubruder zu rufen.
    Er knieete an ihrem Lager. »Ulrich!« sagte sie, »mein Mörder gibt mir jetzt
einen schöneren Tod als das erste Mal - ich rede nicht irre - er war der
Geliebte meiner Jugend, und ich musste erkennen, dass er mich betrog - damals
zerriss er mein Herz ohne Schwertstreich - es schmerzte mehr als heute.«
    Nach einer Pause sagte sie: »Es ist schön, in dem Augenblicke zu sterben, in
dem die Seele ihren Flug schon zum Himmel nahm, sie kommt nun in kein fremdes
Reich. - Ihr verspracht mir schon die Begräbnisskapelle der Behaim mit dem Werk
Eurer Hand zu schmücken - versprecht nun es auch für die Kapelle der Scheurl -
ich habe keine Erben - meine Erbin sei die Kunst in meiner Vaterstadt - meine
Brüder werden das Testament vollstrecken.«
    »Elisabet!« rief Ulrich, »Ihr seh't Tränen in meinen Augen - sie
versprechen Euch Alles, was Ihr wünschet. Ich will nicht vor Schmerz weinen in
dieser Stunde - wir wollen uns freuen, dass es also kam; der höheren Weihestunde
von vorhin wird keine profane folgen - ich werde in meinen Werken nicht mehr für
Euch beten - sondern zu Euch!«
    Ihre Hand ruhte auf seinem Scheitel. »Lebt wohl!« hauchte sie noch einmal
und winkte ihm dann fort. Er küsste ihr die Hand und ging.
    Sein Vater und Konrad begleiteten ihn stumm. Auf der Strasse begegnete ihnen
Hieronymus - es war zum ersten Male, dass sich die Freunde wiedersahen.
    Hieronymus stand beschämt vor Ulrich. »Kannst Du mir vergeben?« fragte er
beklommen.
    Ulrich drückte ihm die Hand. »Ich komme von Elisabet's Sterbebette - nein,
ich komme von der Verklärungsstätte eines Genius - in meinem Herzen ist lauter
Gottesfriede - kannst Du noch mein Freund sein?«
    »Wenn Du mich nicht verstösst!« rief Hieronymus und blieb an seiner Seite. -
    Amadeus ging wieder in sein Kloster; sich freiwillig stellend, gehörte er
mit zu den Begnadigten, und büsste nun, wie er vorher gebüsst, ehe die Sehnsucht
nach Ulrich ihn halb wahnsinnig gemacht. Der Sohn hatte ihn gesegnet und Ulrike
auf ihrem Sterbebette vergeben - er hatte Frieden.
    Nicht lange währte es mehr, da ward Ulrich wieder feierlich in die Bauhütte
aufgenommen. In Behaim's und Scheurl's Begräbnisskapelle vollendete er hohe
Kunstwerke, darunter Elisabet's Statue selbst die vollendetste war. Dann
verliess er Nürnberg, um auch in andern Landen an der Erbauung hoher Dome sich
selbst und seine Kunst zu fördern. -
    Auf Ansuchen des Nürnberger Rates erteilte ihm Max die Erlaubnis, die
Juden für immer aus der Stadt zu weisen. Auch Ezechiel und Rachel waren unter
den Auswandernden.
 
    